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Der Plan der Weltbeherrscher

© 2017 Alexis Wenicker

Autor:

Wenicker, Alexis

Umschlaggestaltung:

www.effektvoll.eu

Bildnachweis:

123rf.com , Bildnr. 27453657, Urheber grechka

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN:

978-3-7439-2945-6 (Paperback)

978-3-7439-2946-3 (Hardcover)

978-3-7439-2947-0 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Motivlos

Kapitel 2 – Aus heiterem Himmel

Kapitel 3 – Kinderlein kommet

Kapitel 4 – Auferstehung

Kapitel 5 – Spurensuche

Kapitel 6 – Amnesie

Kapitel 7 – Mehr Sein als Schein

Kapitel 8 – Neuer Mitspieler

Kapitel 9 – Kleines Helferlein

Kapitel 10 – High Noon

Kapitel 11 – Der siebte Sinn

Kapitel 12 – Offenbarung

Prolog

In einem Wolkenkratzer, mitten im Bankenviertel im Frankfurt der siebziger Jahre, lief eine Nachrichtensendung auf einem hauchdünnen Flachbildschirm.

Der Ton war aus, aber man sah Bildreihenfolgen von einem bewohnbaren Areal auf einem anderen Planeten, wo es scheinbar einen terroristischen Anschlag gab.

Unter der bildhübschen dunkelhäutigen Moderatorin, mit smaragdgrünen Augen, in deren Hintergrund Sicherheitskräfte für Ordnung sorgten, lief im unteren Teil ein weißer Text auf rotem Untergrund ab.

Erster Anschlag auf erdferne Kolonie der westlichen Völker seit drei Jahren. Zerschlagen geglaubte M´Atalla Front bekennt sich per Inswitch zu Bluttat auf den Gazprom O2 Reaktor in Newer York auf dem Mars. 23 Tote und 11 Verletzte. Sauerstoffversorgung intakt.

Ein alter, mindestens achtzigjähriger rüstiger Mann, band sich vor einem schmalen, von der Decke in den Raum hängenden Spiegel seine weiße Krawatte über seinem dunklen Hemd und beglückwünschte sich selbst zu seinem doppelten Windsorknoten.

Als er fertig war und sich zur Seite drehte, blieb sein Blick am Flachbildschirm hängen und er murmelte vor sich hin.

„Inswitch ist eine verfluchte Pest. Früher war es wenigstens nur Facebook, Twitter, Instagram und der ganze Mist für sich alleine.“

Dann schüttelte er einen Augenblick lang den Kopf und murmelte weiter.

„Aber seit Inswitch landet ein einzelner Post sofort überall, wo man vernetzt ist. Kaum gepostet, sofort online … auf der ganzen Welt, auf jeder sozialen Plattform.“

Er kämmte sein weißes Haar und legte es zu einem leichten Seitenscheitel über die Stirnmitte.

Das steht mir zwar nicht besonders, aber besser, als wenn sie mich sofort erkennen.

In dem Moment ertönte ein Signal und eine angenehme Frauenstimme sprach:

„Ihr Uber-ND-Taxi hat sich soeben im Wartemodus angemeldet.“

Der alte Mann sagte daraufhin:

„Danke Siri.“

Anschließend sah er auf seine Uhr und lobte:

„Pünktlich auf die Minute, wie immer.“

Er griff zu seinem schwarzen Jackett, das über einen Stuhl gelegt war, schlüpfte hinein, stellte sich vor den Spiegel und knöpfte es zu, wobei er sich von oben bis unten betrachtete.

Ganz schön alt bist du geworden.

Er nahm eine moderne Waffe von einem gläsernen Stehtisch und steckte sie sich hinten unter das Jackett in den Gürtel, wonach er mit beiden Händen rechts und links unten am Jackett zupfte, um es stramm zu ziehen und dann laut sagte:

„OK Google.“

Kleine LEDs an einem eleganten Deckensender, in der Größe eines Rauchmelders, begannen abwechselnd in blau, rot, orange und grün dezent zu leuchteten.

„Spiegel aus.“

Wonach sich der Spiegel blitzschnell auflöste.

Es war kein physischer Spiegel, sondern eine Art Hologramm, welches den davor befindlichen Raum aufnahm und eins zu eins digital wiedergab.

Anschließend drehte sich der alte Mann zum Flachbildschirm und sagte erneut:

„OK Google“,

gefolgt von,

„TV aus.“

Doch der Flachbildschirm ging nicht aus, sondern die angenehme Frauenstimme erwiderte:

„TV wirklich aus? In circa zehn Sekunden wird über Fußball berichtet. Fußball gehört zu den von ihnen favorisierten Themengebieten.“

„Na gut, warten. Ton an“,

antwortete der alte Mann, wonach sofort der Ton in Zimmerlaustärke zu hören war.

Er sah gespannt auf den Fernseher.

„Meine Damen und Herren, nun zum Sport“,

sagte der Studiomoderator, wonach der Schriftzug Sport brennend von links unten nach rechts oben ablief und ein knisterndes Geräusch zu hören war, wie man es früher von Kaminen her kannte.

„Zuerst zum Fußball“,

sagte der Moderator, während neben ihm das Spielerbild eines chinesischen Fußballers auftauchte, der aussah, als wäre er gerade zwölf Jahre alt geworden, aber vermutlich doch schon zwischen sechszehn und achtzehn Jahren alt war.

Der Moderator fuhr fort:

„Djen Zhao, der Weltfußballer des Jahres 2068 bis 2070, wechselt für die neue Rekordsumme von zehn Milliarde US-Dollar vom FC Barcelona zurück in seine Heimat zum Guangzhou Evergrande. Ob der FC Barcelona es jemals schafft, seine längst an den Guangzhou Evergrande verlorene Vorherrschaft im Weltfußball zurück zu erlangen, bleibt nach diesem Transferhammer fraglicher denn je. Der chinesische Onlineriese Alibaba, der in den späten fünfziger Jahren den amerikanischen Onlinehändler Amazon übernommen hat und seitdem das Monopol im weltweiten Onlinehandel besitzt, wird sicherlich die nötigen Mittel für diesen Deal lockergemacht haben. Und der FC Barcelona hat nun wieder etwas Spielgeld für die Transferbörse.“

Verärgert spricht der alte Mann:

„OK Google. TV aus.“

Dann fluchte er erbost:

„Diese unglaublichen Summen machen doch keinen Spaß mehr. Sie hätten früher die Reißleine ziehen müssen.“

Anschließend verließ er wütend das Appartement.

Als er im Erdgeschoss aus dem Aufzug stieg und Richtung Ausgang ging, kam eine Art fahrender Inforoboter auf ihn zu und sprach:

„Ihr Uber-Non-Drive-Taxi steht an Parkposition vier, rechtsseitig des Ausgangs. Die Familie Hilton wünscht ihnen eine angenehme Fahrt.“

Er beachtete diesen Inforoboter gar nicht und ging zielgerichtet aus dem Hotel.

Was bin ich froh, wenn ich diesen Schnickschnack los bin.

Als er draußen war, sah er sich um und man erkannte, dass ihm die Welt, wie sie zu diesem Zeitpunkt war, mit ihren am Himmel umherschwirrenden Transport- und Überwachungsdrohnen, nicht mehr zu gefallen schien.

An Parkposition vier stand, wie in der Eingangshalle des Hotels angepriesen, das selbstfahrende Uber-Taxi.

Der alte Mann sagte laut:

„OK Uber“,

wodurch eine daumengroße Fläche am Türgriff der Fahrerseite grün leuchtete, auf die er im nächsten Augenblick seinen Daumen hielt und fortfuhr,

„Uber scannen.“

Nach einem bestätigenden digitalen Geräusch öffnete sich die Türe und der Innenraum war hell beleuchtet.

Der alte Mann setzte sich in das Taxi und wurde herzlich von einer männlichen Computerstimme willkommen geheißen.

„Fahrtziel Taunusstraße. Fahrtmodus Entspannung. Zahlungsweise Fingerprint-Kreditkonto“,

sagte der alte Mann daraufhin.

Die Computerstimme erwiderte:

„Uber bestätigt Fahrtziel Taunusstraße, Fahrtmodus Entspannung, Zahlungsweise Fingerprint-Kreditkonto. Uber OK?“

Er antwortete:

„Uber OK“,

und lehnte sich nach hinten.

Das Licht ging aus und der Wagen setzte sich in Bewegung.

Es schien ihm, als wäre er nur kurz weggenickt, da wurde er von der Computerstimme aufmerksam gemacht, dass das Ziel soeben erreicht wurde.

Er sah nach rechts und links durch die getönten Scheiben und die Leuchtkraft der Reklameschilder dieses Frankfurter Rotlichtviertels, das amerikanischen Metropolen in nichts mehr nachstand, verdeutlichte ihm sofort, dass er sein Ziel erreicht hatte.

Als er gerade zum Türöffner greifen wollte, sprach die Computerstimme:

„Bitte bewerten sie ihre Fahrt in unserem Uber-Taxi für die nächsten Interessenten über die Mittelkonsole per Klick auf den entsprechenden Stern. Der erste Stern von links sagt aus, dass sie …“

Der alte Mann drückte auf den letzten Stern rechts und sagte:

„Fünf Sterne, wie immer. Nerv nicht.“

Dann stieg er aus, während er im Hintergrund noch hörte, wie sich die Computerstimme bedankte und versuchte, einen Abholtermin zu vereinbaren.

Während er die Tür andeute und sie sich selbstständig zuzog, murmelte er:

„Das ist ein One-Way-Ticket.“

Dann ging er zielgerichtet in Richtung Eingang eines Tabledance-Lokals, wo ihm allerdings der Zugang durch zwei riesige Anabolikamaschinen blockiert wurde.

„Mitgliedskarte“,

sagte einer der beiden wortkarg.

Denken die zwei Erbsenhirne ich wäre ein Kunde? Als wenn ich eine Mitgliedskarte habe.

Der alte Mann lächelte die beiden Türsteher an und sagte mit verständnisvollem Ton:

„Jungs, das mit den Mitgliedsausweisen war eine gute Erfindung eurer Klans, um sich die Schmarotzer ohne das nötige Kleingeld aus den Läden zu halten, aber ich will zu Andrej.“

„Was willst du von Andrej?“,

fragte einer der beiden.

„Das geht euch nichts an. Sagt ihm, Opa Vladis Freund ist da“,

erwiderte der alte Mann genervt und drehte ihnen den Rücken zu.

Die zwei Kolosse sahen sich wortlos an und einer drehte sich nach hinten weg und ging in den Club.

Etwa zwei Minuten später kam er wieder und bat den alten Mann höflich hereinzukommen, wobei er ihm die Tür aufhielt.

„Bitte gehen sie hinter der Bar links bei Joris durch die Tür. Er weiß Bescheid.“

Der alte Mann war über die plötzliche Freundlichkeit nicht überrascht und machte sich auf den Weg.

Hinter der Bar kam er zu einer dritten Anabolikamaschine, die eine Tür bewachte.

„Hallo, man sagte mir …“,

begann er, Joris anzusprechen, doch dieser sagte sofort, dass er Bescheid weiß und er bat den alten Mann, die Treppe runter zu gehen, bis zum Ende des langen Gangs und an die Tür zu klopfen.

Der alte Mann ging herunter und nach ein paar Stufen knallte hinter ihm die massive Türe zu und die Musik des Clubs verstummte fast vollständig.

Aus dem unteren Gang leuchtete Neonlicht den Treppenaufgang hinauf.

Unten angekommen, wurde er fast von der Helligkeit geblendet.

Doch so überrascht und misstrauisch er einen Augenblick lang war, desto verblüffter war er, als er bemerkte, dass es einfach nur ein langer, hell leuchtender Gang war, an dem es rechts und links nichts gab, außer den massiven Wänden.

Am Ende war trotz des blendenden Lichts eine weitere Türe zu erkennen.

Als er ankam und klopfte, öffnete sich eine Luke, doch er erkannte nichts, weil sich seine alten Augen schwer an die Helligkeitsveränderungen vom Neonlicht zur Dunkelheit, die aus dem Spalt kam, gewöhnen konnten.

Die Klappe schloss sich und die Tür öffnete sich.

Er trat hinein und ging einige Meter, doch ihm fehlte die Orientierung, weil es schwer war, die Augen nun auf diesen dunklen Raum zu gewöhnen.

„Da ist ja mein alter Freund“,

hörte er aus einer Ecke des Raumes und die Stimme war ihm vertraut.

Er grinste und sagte:

„Mit Freund sein hat es nicht viel zu tun, wenn ich dir dafür eine Viertelmillionen Dollar zahlen muss.“

„Du immer mit deiner alten Schule. Jeder mit dem man Geschäfte macht, ist heutzutage ein Freund“,

antwortete Andrej, dann fügte er an,

„und dein Geld ist dankend auf meinem Konto angekommen.“

Allmählich haben sich die Augen des alten Mannes an den Helligkeitsunterschied gewöhnt und aus der anfänglichen Dunkelheit, aus der sich nach und nach eine Silhouette bildete, war nun eine Person zu erkennen, die hinter einem großen dunklen Schreibtisch saß.

Normale Leute hätten es als unpassend empfunden, sich als Kleinwüchsiger hinter einem so großen Schreibtisch zu präsentieren, an dem man aufgrund der Körpergröße nicht die gegenüberliegende Tischkante mit den Fingerspitzen berühren konnte und zusätzlich nicht mit den Fußspitzen den Fußboden berühren konnte.

Aber wenn man den Großteil des Frankfurter Rotlichtmilieus beherrschte und die restlichen Klans einem monatliche Umsatzbeteiligungen in beträchtlicher Höhe zahlten, dann ließ das eigene Selbstvertrauen das natürlich zu.

„Dass mein Geld angekommen ist, wusste ich zwar, aber dass du es auch schon wusstest, war mir in dem Moment klar, als dein Anabolikabomber zurück zur Eingangstür kam und mich freundlich hereingebeten hat“,

sagte der alte Mann und beendete den Satz mit einer auffordernden Frage.

„Andrej, es ist höchste Zeit für mich. Können wir bitte beginnen?“

“Natürlich!“,

antwortete Andrey und hüpfte von seinem Sessel.

Andrey war kauzig und dazu kleinwüchsig, doch er war ein absoluter Profi.

Es kam nicht von irgendwoher, dass er die Leitung des Klans übertragen bekommen hatte und seine beiden normalgewachsenen Brüder mit kleineren Aufgaben bedacht worden waren.

„Komm mit“,

sagte Andrej, während er in Richtung einer Tür in der Ecke hinter seinem Schreibtisch ging.

Der alte Mann lief stillschweigend hinter ihm her.

„Du weißt wie es funktioniert?“,

fragte Andrej und der alte Mann nickte.

„Du weißt auch, dass es laut und unangenehm wird?“,

fragte Andrej weiter.

Der alte Mann nickte wieder und sagte:

„Leider ja.“

Daraufhin sagte Andrej, dass er daran nichts ändern konnte, weil die Technik aus den frühen Zwanzigerjahren stammte.

Der alte Mann ging in den rundum gefliesten Raum und stellte sich vor einen auf dem Boden eingezeichneten Halbkreis.

„Ich weiß Andrej, ich habe mich lange auf diesen Tag vorbereitet.“

Seinen Rücken hatte er nun zu Andrej gewandt und atmete einmal tief ein und aus.

„Mein alter Freund“,

begann Andrej, als der alte Mann seinen Kopf zu ihm drehte und ihn ermahnend ansah.

„Na gut, mein alter Geschäftspartner“,

korrigierte Andrej sich,

„es war nett dich gekannt zu haben. Bitte bestell meinem Opa schöne Grüße und sag ihm, dass es richtig sein wird, sich für mich zu entscheiden.“

„Wenn ich endlich meinen MT von dir kriege, werde ich es ihm eventuell ausrichten“,

sagte der alte Mann mit forschem Ton.

„Ach ja, den habe ich fast vergessen, einen Moment“,

redete Andrej sich raus und eilte zurück in den dunklen Raum.

Doch er war schneller wieder da, als es dem alten Mann Zeit blieb, es sich doch noch anders zu überlegen.

Andrej überreichte ihm einen handgroßen Gegenstand, mit einer durchsichtigen, etwa golfballgroßen Kugel auf der Oberseite, in der eine neblige Substanz in verschiedenen Farben leuchtete.

„Den Materie-Transformator habe ich wirklich nur vergessen“,

redete Andrej sich raus.

Der alte Mann ignorierte seine Ausflüchte und fragte:

„Kann es endlich losgehen?“

Andrej war keineswegs beleidigt, denn er war ein Profi.

Er ging zum Ausgang und drehte sich noch einmal in den Raum, während er sich mit einer Hand schon an der Türe festhielt.

„Denk dran, sobald das Licht da ist, musst du den Schritt alleine machen.“

„Danke, ich weiß Bescheid“,

antwortete der alte Mann und fügte an,

„ich bin vollkommen informiert.“

Der alte Mann senkte den Kopf und schloss seine Hände vor sich zusammen, als würde er gedanklich ein Gebet sprechen.

Andrej schloss die Tür und drückte auf einen roten Knopf in Griffweite.

Ein brummendes Geräusch begann und plötzlich kam ein helles Pfeifgeräusch dazu.

Beides zusammen dauerte etwa zwanzig Sekunden und wurde immer lauter, bis es einen Knall gab, es einen kurzen Augenblick ganz hell wurde und plötzlich Totenstille herrschte.

Andrej öffnete die Tür und blickte in einen leeren Raum.

Er schloss wortlos die Tür und war nachdenklich.

Gereizt hat es mich ja immer schon. Aber für immer, das wäre nichts für mich.

Kapitel 1 – Motivlos

Es war 2018 im nordrheinwestfälischen Langenfeld, einer aufstrebenden Kleinstadt an den Autobahnen 3 und 59, zwischen Düsseldorf und Köln, mit kontinuierlichem Einwohnerzuwachs, die die Sechzigtausendermarke überwunden hatte.

Ein frisch gebackener Polizist, der sich seinen Job wahrlich anders vorgestellt hat, kam seinen täglichen Aufgaben nach. Die Friedfertigkeit der Langenfelder hatte er bei seinem Berufswechsel so nicht bedacht.

Zwar hegten die Bürger seit Ewigkeiten eine Art Hass zum Nachbarort Monheim, die sich vom Grundschulsport bis in die Kegelvereine zog, aber außer verbalen Beschimpfungen kam da nichts bei rum, was einen aufregenden Polizeieinsatz notwendig gemacht hätte.

Sogar im unter den Oldies angesagten Altenheim, das schlicht, aber vielversprechend, nur Die Residenz hieß und auf der Ortsgrenze lag, wollten Langenfelder nicht neben Monheimern am Esstisch sitzen.

Und wenn die Fußballvereine von Langenfeld und dem Erzrivalen Monheim gegeneinander antraten, ging es verbal und lautstark zur Sache.

Wüste Beschimpfungen mit Handgemengen waren an den Derbytagen Gang und Gebe, aber konnten ausnahmslos immer auch ohne das Einschreiten von Ordnungskräften wieder geschlichtet werden.

Langenfeld war einst eine stolze Fußballstadt, die es geschafft hatte, sich ein paar Jahre in der Oberliga Nordrhein zu halten.

Aber nun war die Kreisliga B das Maß aller Dinge – weit hinter den Monheimern, die auch gerne raushängen ließen, dass sie um einiges besser aufgestellt waren.

Geprägt durch günstige Gewerbesteuer, zeichnete sich Langenfeld durch Ansiedlungen großer nationaler und internationaler Unternehmen aus.

Von Pharmazie bis Produktion, schmückten einige moderne Firmenparks deutscher Eliten die Langenfelder Industriegebiete.

Aber trotz allem war die Stadtverwaltung zu geizig, die Sanierung der S-Bahn-Brücke zu finanzieren, die Langenfeld und Monheim miteinander verband.

Es wäre kein Budget für Baumaßnahmen vorhanden gewesen, sagten sie – die sogenannten Stadtplaner, abgesegnet vom auf politischen Erfolg fixierten Bürgermeister Wilfried Becker, dem das Wohl der Bürger nur in den Wahlperioden wirklich am Herzen lag.

Die Gewerbesteuer betreffend, haben die Monheimer zu allem Überdruss ebenfalls nachgelegt und Langenfeld unterboten.

So haben sie ihre Wirtschaft angekurbelt und ein über 100 Millionen großes Defizit binnen weniger Jahre in einen gleichhohen Überschuss umgewandelt.

Der Polizist, der erst kürzlich seine Prüfung ablegte und nun die glorreiche Aufgabe hatte, den Verkehrspolizisten zu mimen, war Chris Winter.

Durch den langweiligen Berufsalltag, den Polizisten jenseits der Großstädte als ihre tägliche Arbeit bezeichnen mussten, konnte man sagen, dass Chris wie ein stinknormaler Streifenbulle war.

Er war Anfang dreißig, hatte braune Haare und hellblaue Augen.

Na ja, ein so normaler Polizist war er dann doch nicht, denn er hatte sich erst spät dazu entschieden, Polizist zu werden.

Seit seinem Abitur und seiner anschließenden Ausbildung war er Bürokaufmann in einer kleinen Klitsche für Werbemittel, aber Akten schieben und Papiere abheften, war nicht das, was er gewollt hat er war nach über zehn Jahren im gleichen Job und in der gleichen Firma einfach nicht mehr mit Herzblut dabei.

Dazu kam, dass er einen seltsamen Kauz als seinen Chef betiteln durfte.

Neben dem Pflichtprogramm, jeden Morgen mit Handschlag und der Begrüßung schönen guten Morgen Herr Hinze im Büro des Chefs vorstellig zu werden, hatte Hinze noch einen feminin wirkenden Violett-Tick.

In der gesamten Firma lag violetter Teppichboden und in den Räumen, wo Fliesen lagen, haben violette Läufer Hinzes Tick zum Ausdruck gebracht.

An den Wänden hingen violette Bilder, die Firmenfarben waren violett und seine Krawatten waren mal hell, mal dunkel, aber immer violett.

Obendrein konnte man Hinzes grinsendem Gesicht nicht entkommen, denn er war als Ganzkörperfoto in fast jedem Raum, auf allen Werbebannern und auf der Firmenhomepage vertreten.

Doch das wurde Chris alles zu viel – zumal er sowieso im Job unglücklich war.

Somit hat er sich eines Tages von der Firma, vom Chef und der gesamten Branche mit einem adretten Knicks verabschiedet.

Anders als in seinem Privatleben, wo sich von ihm mit dem Spruch Wir können doch gute Freunde bleiben verabschiedet wurde.

Seitdem hasste er diesen Satz wie die Pest.

Acht Jahre Beziehung für die Tonne.

Klar, sie hatten eine schöne Zeit, an die sie sich erinnern konnten, aber sie konnten da keine gute Freundschaft draus machen.

Chris war auch noch nicht drüber hinweg, denn Sonja, seine Ex, bedeutete ihm immer noch sehr viel - ja, er liebte sie auch noch.

Jetzt, wo es vorbei war, konnte er auch eingestehen, dass es seine Schuld war.

Die berufliche Unzufriedenheit hat ihn fast in eine Depression gestürzt und das hat er sie täglich spüren lassen.

Sie lachten nicht mehr zusammen und er war täglich schlecht gelaunt und immer müde.

Dass das eigene Leben so trist verläuft, wie das unspektakuläre Dahinvegetieren der Anderen Eightto-Fiver, machte ihn regelrecht krank.

Er fühlte sich schon immer für höheres bestimmt, war aber gleichzeitig im Zwiespalt gefangen, ob die Vermutung seiner höheren Bestimmung Realität oder Spinnerei war.

Sein bisheriges Leben empfand er als Leben, das er selbst nie so leben wollte.

Im Nachhinein betrachtete er die Zeit mit Sonja allerdings als äußerst liebenswert und als sehr spektakulär.

Seine Vorstellung, mal die Welt zu verändern oder etwas Tolles zu erfinden, machte ihn stets mürbe, weil er es nicht geschafft hatte.

Aber er hatte es geschafft, sich von diesem Druck zu lösen. Als Kind sagte Chris einst zu seiner Mutter, dass er mit vierzig Millionär sein wollte und nun war er weiter davon entfernt, als je zuvor.

Doch es machte ihm nun nichts mehr aus.

Irgendwann ist er morgens aufgewacht und dachte sich, dass er das nicht bis zu seiner Rente machen will.

Ein Eight-to-Fiver zu sein, jeden Tag von acht bis fünf zu arbeiten und trotzdem niemals Reichtum, Freiheit und Unabhängigkeit zu erreichen, das war nichts mehr für ihn.

Denn fortan wollte er Abwechslung und seine ersehnte Action.

Dann hat er sich bei dem exekutiven Haufen beworben und hatte Glück, wegen der Altersgrenze, denn eine Woche später hätte er das Höchstalter für den gehobenen Dienst überschritten.

Was in südlichen Ländern mit einem Augenzwinkern geduldet worden wäre, hätte in unserem bürokratischen Rechtsstaat, ohne mit der Wimper zu zucken, zum Platzen seines Plans für die zweite Dekade der Experimentalphase geführt.

Genau in diese zweite Dekade ist er mit Vollendung des dreißigsten Lebensjahres eingetreten.

Er dachte sich,

wenn nicht jetzt, wann dann?

Also hat er es gewagt und erst nach diesem Schritt herausgefunden, dass es gar nicht so selten war, sich zwischen dreißig und vierzig beruflich noch mal neu zu orientieren.

Ein Polizist, der draußen auf der Straße ist, der hat doch jeden Tag Abwechslung.

Dachte er.

In einer kleinen öden Stadt, mit rechtsschaffenden Bürgern, sah das leider etwas anders aus.

Vor drei Monaten hatte er die Polizeiausbildung mit befriedigendem Ergebnis abgeschlossen, aber hätte ihn nicht eine Woche vor der Abschlussprüfung eine fiese Erkältung befallen, die pünktlich zum Prüfungstermin in eine Stirnhöhlenentzündung mit hohem Fieber mutierte, hätte er ohne die sinnesbetäubenden Medikamente, die ihn im Gegenzug aber wenigstens einigermaßen auf den Beinen hielten, garantiert ein sehr gutes Ergebnis erreicht.

Doch da musste er dann trotzdem durch, denn die Prüfungen sind nur alle sechs Monate und wegen der Altersgrenze konnte er sie nicht verschieben.

Er hat zwar versucht sechs Monate später teilnehmen zu dürfen, aber sein Eilantrag wurde trotz ärztlichem Attest ohne die Möglichkeit eines persönlichen Gesprächs sofort abgelehnt.

Chris hatte sich also durchgebissen.

Denn er wollte unbedingt Polizist werden, um die Straßen sicherer zu machen!

Und nun?

Es war 8 Uhr 28, an einem sonnigen Freitagmorgen und Chris stand in seiner passgenauen Uniform auf der Brücke zwischen Langenfeld und Monheim, während ihm schon zu so früher Stunde die morgendliche Hitze zu schaffen machte.

Ein tropisch-schwüler Sommertag sollte folgen.

Sein einziger Schutz an Ort und Stelle, war der schmale schwarze Schirm seiner dunkelblauen Polizeimütze.

Er musste den Straßenverkehr auf der baufälligen S-Bahn-Brücke regeln, die Langenfeld und Monheim verband und über die die Langenfelder die Autobahnauffahrten der A59 Richtung Köln und Düsseldorf erreichten.

Diese Art der Polizeiarbeit war für ihn alles andere als anspruchsvoll.

Dafür hätte, seiner Meinung nach, auch der mittlere Dienst gereicht.

Zwar war das, was er da tat, auch eine Ansichtsweise, die Straßen sicherer zu machen, aber es war eben auch das beste Beispiel für die falsche Verwendung von Steuergeldern.

Das machte Chris wütend.

So hat er sich seinen Arbeitsalltag auch nicht vorgestellt.

Dazu noch diese beknackten halbstarken Autofahrer.

Jedes Mal wunderte er sich, wie die das immer machten.

Sie waren gerade erst um die zwanzig Jahre alt und hatten schon dicke aufgemotzte Wagen, aber konnten nur für zehn Euro tanken.

Das hat er oft an der Tankstelle beobachtet.

Diese Machotypen nervten ihn.

Sie meinten, sie fuhren besser als Frauen, aber von rücksichtsvollem Fahren hatten die keine Ahnung -Hauptsache schnell und laut zum Ziel.

Laut, nicht nur auf den Auspuff und die Motordrehzahl bezogen, sondern auch auf die Musik, die aus ihren offenen Fenstern dröhnte.

Ob Techno oder dieser deutsche Gangster-Rap, das spielte für Chris keine Rolle, denn in seinen Ohren war das alles grausig.

Bob Marley mit Buffalo Soldier oder die Rolling Stones mit Paint it Black - das war gute Musik für ihn.

Chris liebte die Songs der Siebziger und Achtziger, obwohl sie ihre Höhepunkte im Radio und auf Partys teils vor seiner Geburt feierten.

Vor allem die Musik der Siebziger passte in seine verborgene Sehnsucht, in einer anderen Zeit geboren und aufgewachsen zu sein.

Nach außen hin war an ihm davon aber nichts zu erkennen, weder durch seine Kleidung, noch durch seine Frisur oder andere Merkmale.

Jedoch tief in ihm schlummerte der Wunsch, die wilden Siebziger mitgemacht zu haben.

Chris stand nun dort schon seit 7 Uhr und managte den Verkehr.

Fünf Autos fuhren, Haltezeichen gegeben, umgedreht und fünf Wagen aus dem Gegenverkehr fahren gelassen.

Anschließend das gleiche wieder von vorne, schon die letzten beiden Tage, und eine Straßenbaufirma war weit und breit nicht in Sicht.

Gleich war es 8 Uhr 30, da sollte die alte Dame wiederkommen und die Tauben füttern - das machte sie, so dachte Chris, jeden Tag.

Ihr Name war Mathilda.

Zumindest die letzten beiden Tage stand sie pünktlich drüben am metallischen Brückengeländer, in verwittertem Grün, bei einem Schwarm Tauben parat.

Eigentlich war das Füttern der Tauben verboten, damit die Vögel nicht die ganze Stadt vollkacken, aber Chris war es egal, denn irgendwie mochte er die alte Dame.

Sie lächelte ihn immer sehr freundlich an und erinnerte ihn an seine Oma, die leider schon verstorben war.

Seine Oma Anne hatte ihm immer viel bedeutet, denn sie hatte ihn quasi aufgezogen, da es von seinem Vater keine Spur gab und sich seine Mutter mit schlechtbezahlten Jobs durchschlagen musste, um die Familie durchzubringen.

Umso schlimmer war es für ihn, seine liebe Oma nach einem Schlaganfall zwei lange Jahre bewegungs- u. sprachunfähig im Altenheim sterben zu sehen.

Anfangs war er oft da und hatte Hoffnung, dass sie wieder die Alte wird – oder wenigstens annähernd so wie früher.

Aber die traurige Realität wurde nach den Wochen und Monaten ohne jegliche Verbesserung bittere Gewissheit.

Aus einem ihm unerklärlichen Grund wurden dann auch seine Besuche immer weniger, bis sie irgendwann sehr selten wurden.

Das hat ihn auch Jahre später noch verfolgt.

Es gab Nächte, an denen er davon geträumt hatte, dass sie plötzlich wieder sprechen konnte oder sich bewegte.

Manchmal wachte er auf und war traurig zu bemerken, dass es nur ein Traum war, in dem sie ihn lebend anblickte und ihn auch tatsächlich erkannte.

Er drehte sich wieder nach links, fünf Autos von rechts, Stoppzeichen gegeben, seinen besten bösen Blick aufgesetzt, wieder gedreht und fünf Wagen von links fahren gelassen ...

Ah, da kommt sie ja wieder.

Er sah schon ihren alten braunen Hut, der sich bei dem langsamen Tempo nach und nach am Ende der Brückenwölbung bildete.

Kurze Zeit später erkannte er zuerst ihren Kopf, dann ihren Mantel und einige Sekunden später ihren Gehstock und die schwarzen Oma-Schuhe, wie er sie in Gedanken liebevoll nannte und dabei immer an seine Oma Anne dachte.

Ihr rüstiger wackeliger Gang war unverkennbar.

Sie hielt immer genau gegenüber am Geländer und die Tauben wussten exakt, wann sie kam.

Man konnte quasi die Uhr nach ihr stellen.

Die Viecher warteten auch jetzt schon wieder gurrend auf sie.

Die Oma war immer nett und freundlich, obwohl sie selbst solch eine traurige Vergangenheit hatte.

Ihr Mann Ioannis hatte ein florierendes Kleinunternehmen, das Urlaubsreisen nach Rhodos zu privatvermieteten Wohnungen inklusive Sightseeing-Touren fernab des Massentourismus organisierte.

Durch die Eurokrise Griechenlands merkte auch er den Rückgang des Tourismus stark und deshalb entschied Ioannis sich, mit siebzig Jahren nun endlich in den Altersruhestand zu gehen.

Nachdem er sein Gewerbe abgemeldet hatte und die Schlüssel seines kleinen Büros in Köln an den Vermieter übergeben hatte, erlitt er auf dem Heimweg einen Herzinfarkt und verunglückte mit dem Wagen auf der A59 kurz hinter dem Zubringer der Leverkusener Brücke.

Mathilda wartete freudig auf ihren Ioannis, denn sie wollten diesen Tag zusammen bei einem angenehmen Abendessen ausklingen lassen und den Beginn des langersehnten gemeinsamen Lebensabends feiern.

Sie hatte sich regelrecht herausgeputzt, wie sie es schon lange nicht mehr getan hatte.

Den ganzen Tag hatte sie beim Shoppen eines neuen Ausgehkleides, bei ihrem Stammfriseur Gianni und bei ihrer Stammkosmetikerin Babette verbracht.

Doch die einzigen, die sie an diesem Tag an der Tür empfangen konnte, waren zwei Polizisten und ein Seelsorger.

Das zerbrach sie innerlich und sie zog sich vollkommen aus dem Leben zurück.

Als Chris zur Oma sah, vernahmen seine Ohren ein seltenes Geräusch, das ihn innerlich aufwühlte.

Er konnte es kaum glauben, aber er hörte leise Polizeisirenen aus Richtung Langenfeld, was in Langenfeld bekanntlich nicht so oft vor vorkam.

Natürlich erkannte er sofort den Unterscheid zum Martinshorn der Feuerwehr oder des Rettungsdienstes.

Um genau zu sein, kam es fast nie vor, dass ein Langenfelder Streifenwagen mit Martinshorn und Blaulicht unterwegs war.

Es ist bestimmt nur wieder ein langweiliger Rosenkrieg eines alten Ehepaars.

Die Sirenen wurden lauter und er sah die Streifenwagen am Ende der Straße einbiegen.

Sie fuhren an der großen Ampelkreuzung, zwischen den durch die Martinshörner alarmierten Autos, Motorrädern und Fahrrädern anderer Verkehrsteilnehmer, die glücklicherweise alle stehengeblieben waren, mit quietschenden Reifen über rot.

Wollen die etwa hier her, in meine Richtung, durch den stauenden Verkehr, über die baufällige Brücke?

Sein Blick wandte sich kurz zur Oma ab und was ihm da ins Blickfeld rückte, machte ihn stutzig.

Was fabriziert die denn da?

Die Oma schlug rücksichtslos eine Taube mit ihrem Gehstock.

Aber dafür hatte er jetzt keine Zeit.

Hektisch blickte er zwischen der Oma, dem Verkehr und den anrasenden Polizeiwagen hin und her.

Mist, das wird eng, die wollen tatsächlich hier her, über meine Brücke!

Immer mehr Blaulichter waren zu sehen, die in seine Richtung fuhren und der alarmierende Radau der Martinshörner erzeugte eine adrenalinfördernde Aufregung, wie Chris sie bis jetzt noch nicht erlebt hatte.

Was ist da los, verdammt?

Chris konnte es einfach nicht glauben.

Währenddessen schlug die Oma schon wieder mit dem Gehstock nach den Tauben.

Ob sie von den Viechern angegriffen wird?

Vielleicht brauchte sie seine Hilfe, aber er musste Platz schaffen, damit die Polizeiwagen durchkamen und kein anderer Verkehrsteilnehmer verletzt wurde.

Er konnte gerade noch die Autofahrer animieren, eine Gasse zu bilden, da kamen schon drei Polizeiwagen an ihm vorbeigerauscht, und im Hintergrund sah er die sonst so rüstige Oma noch immer wild nach den Tauben schlagen.

Sie schlug die Vögel vom Geländer und punktierte sie mit dem Gummistopfen der Gehstockspitze auf dem Gehsteig.

Dabei drückte sie den Stock mit beiden Händen runter, als würde sie mit einem Spaten ein Beet anstechen.

Nachdem ihn der letzte, voll besetzte Polizeiwagen passierte, wollte er zur Oma laufen und schauen, was sie dort mit den Tauben veranstaltete.

Es schien von ihm aus so, als wenn sie die Tauben wirklich umbrachte.

Gerade als er den ersten Schritt über die Fahrbahn tätigte, kam noch ein ziviler Polizeiwagen mit Blaulicht in der Frontscheibe angerast, den er im ganzen Trubel gar nicht bemerkt hatte.

Natürlich musste er den hupend auf sich zurasenden Wagen auch noch durchwinken, wobei er sich immer wieder fragte, was da wohl los war.

Im Wagen saß der Chef.

Das fand Chris komisch, denn der erteilte sonst nur Befehle aus seinem bequemen Bürosessel heraus.

Chris grübelte währenddessen.

Gibt es in Monheim etwa wirklich eine richtige Straftat, zu der sie die Langenfelder Polizei als Verstärkung gerufen haben? Vielleicht sogar mit flüchtigem Täter?

Das wäre aufregend für Chris gewesen und er entschloss sich, seine Augen und Ohren vorsichtshalber offenzuhalten, denn wie erwähnt, in Langenfeld kam so etwas ja leider nicht oft vor.

Vielleicht drei oder viermal im Jahr, gab es dort Einsätze, bei denen Gefahr in Verzug war, aber eigentlich sah man dann auch nie mehr als einen Wagen mit Blaulicht.

Im Groben und Ganzen lebten dort eigentlich recht anständige Leute, deren tägliche Hauptsorgen darin bestanden, ob am Stadtrand Windräder aufgestellt werden durften oder ob sich ein Milliarden-Unternehmer einen Hubschrauberlandeplatz bauen durfte.

Neidisch folgte sein Blick den Kollegen und dem Chef hinterher, die jedoch nicht weiter Richtung Monheim, sondern mit quietschenden Reifen links in die nächste Straße abbogen.

Moment Mal, die Straße gehört noch zu Langenfeld! Es ist tatsächlich hier im Ort mal was los!

Die würden jetzt Action haben, dachte Chris neidisch.

Plötzlich hörte er Aufschreie vom Gehweg, in etwa von der Höhe, wo die alte Dame Mathilda war und einige Passanten liefen aufgeregt den Bürgersteig entlang in ihre Richtung.

Die Oma hatte er in seinen verwunderten, sehnsüchtigen Gedanken fast vergessen.

Mensch, was war denn da nur los?

Ein schaulustiger Pulk hatte sich bereits gebildet und dutzende Smartphones wurden hochgehalten, um über die Köpfe hinweg zu filmen.

Chris konnte nicht mehr bis zur Oma durchsehen.

Deshalb rannte er auf die Straße und gab mit der Hand Stoppzeichen zu den gerade gestarteten Autos, die abrupt bremsten, aber zum Glück keinen Unfall verursachten.

Er lief weiter und kämpfe sich durch eine Traube von Passanten, die im Halbkreis standen und durcheinander nach vorne drängelten, um das beste Video aufzunehmen.

„Diese Gaffer!“,

fluchte er lautstark und rief wütend in die Menge,

„Polizei! Machen sie Platz! Polizei!“

Dabei drängte er sich grob durch die schaulustige Menge hindurch, was ohne den Einsatz seiner Ellbogen und Körperkraft nur schwer möglich war.

Er entschied sich entschlossen dazu, auf jegliche Höflichkeit zu verzichten und verschaffte sich durch Ellbogenhiebe und schimpfende Äußerungen die nötige Durschlagkraft.

Als er sich seinen Weg gebahnt hatte, konnte er seinen Augen kaum trauen.

Die Oma war auf das Metallgeländer geklettert und während sie sich nur noch mit den Armen und Beinen halb liegend daran festklammerte, war allen klar, dass sie beabsichtigte, sich fallen zu lassen.

Wenn nicht sie selbst ihren Sturz entschied, würde ihre fehlende Kraft und der gebrechliche Köper einen Fall wohl von alleine begünstigen.

Chris musste sofort handeln, das war ihm klar.

Ihre Augen waren weit aufgerissen und starr, und sie redete scheinbar wirr in die Menge.

„Was du lieben sollst, das du töten sollst. Wenn du bereuen sollst deine Tat, du dich töten sollst.“

Während sie diesen Satz sprach, hastete Chris zu ihr, packte ihren Arm und versuchte sofort sie festzuhalten und zurück auf die Brücke zu ziehen.

Doch die Oma riss ihren knöchernen gebrechlichen Arm mit einer Kraft los, die er ihr niemals hätte zugetraut.

Im gleichen Zuge ließ sie sich nach hinten wegfallen, wobei Chris, durch die physikalische Gesetzmäßigkeit, mit seinem Körpergewicht an etwas zu ziehen, dessen Gegengewicht abrupt nicht mehr vorhanden war, einen Meter zurück auf den Gehweg fiel.

Die Passanten liefen schreiend zum Geländer, beugten sich drüber und sahen, wie die Oma etwa zehn Meter in die Tiefe auf die Bahngleise prallte.

Sie schlug mit Ihrem Kopf auf ein Gleis und ihr lief umgehend eine Menge Blut aus dem grauen, leicht gelockten Haarschopf, aus den Ohren und aus dem Mund.

Ihre Gliedmaßen zuckten nochmal zaghaft, als wenn sie mit den letzten Impulsen versuchte, sich von dort wegbewegen zu wollen.

Chris´ Hände waren rot und er fragte sich, was das war.

Er blickte um sich herum auf den Boden und sah lauter totgeschlagene und zerquetschte Tauben und in Blut getränkte, zerrupfte Federn.

Seine Hose war voll mit dem Mist und er fluchte.

„So eine ekelhafte Scheiße!“

Im Hintergrund hörte er einen Zug heranfahren, der alarmierend hupte und dann laut quietschend, stark bremste, gefolgt von einem dumpfen knackenden Geräusch, als wenn man einen in ein Geschirrtuch gewickelten Ast zerbricht.

Die erschrockenen Aufschreie der Schaulustigen verdeutlichten ihm zusätzlich, dass der Zug nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte und die liebenswerte Oma Mathilda überrollt hat.

Etwa zur gleichen Zeit, in einer Drei-Zimmer-Wohnung, nahe dem Langenfelder S-Bahnhof, waren die Vorhänge vor die fußtiefen Fenster zugezogen und durch einen Schlitz schien das morgendliche Sonnenlicht.

Es war der siebte Stock eines Wohnkomplexes für die Besserverdienenden der Gesellschaft und der schwarze Automatikwecker auf dem Mahagoni-Nachttisch neben dem Bett, der die Form des Wall-Street Bullen hatte, und an dessen Hörnern man den Wecker einstellen konnte, zeigte in roten Ziffern 8 Uhr 31 an.

Man hörte leise Polizeisirenen in einiger Entfernung - es waren die gleichen Wagen, die über die Brücke gefahren waren.

Nach und nach kamen sie näher, bis sie ihren lautesten Punkt erreicht hatten und genau auf Höhe des Wohnkomplexes waren.

Es war am Ende der Straße, in die die Wagen hinter der S-Bahn-Brücke eingebogen sind.

Adam, ein dreiundzwanzigjähriger Student für Wirtschaftswissenschaften, wälzte sich schlafend im Bett, als hatte er einen Albtraum.

Er war ein Sonnyboy, ein Popstar-Typ - schlank und sportlich, sah gut aus, war durchtrainiert und oben drein war er ein Einserkandidat in der Uni.

Für den weiblichen Teil seiner Studiengänge ein Rundum-Sorglos-Paket, mit dem sie sich gerne auf dem Campus Hand in Hand oder gar knutschend gezeigt hätten.

Natürlich mag ein unbestimmter Prozentsatz seiner gleichgeschlechtigen Kommilitonen ähnlich gedacht haben.

Seine Eltern waren beide als Doktoren im ortsansässigen global-exportierenden Pharmakonzern beschäftigt.

Für Adam waren sie zwar nie da, aber sie hatten ihm die Wohnung gekauft, von der gleichaltrige nur träumen konnten, und ein nagelneuer Sportwagen zum achtzehnten Geburtstag war natürlich auch selbstverständlich.

Vom Lärm der Sirenen wurde Adam langsam wach, hielt sich die Hände an die Ohren und drehte sich im Bett hin und her.

„Oh man, was ist das für ein Krach?“

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