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Der Pferdeflüsterer

Inhaltsübersicht

EINS

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ZWEI

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DREI

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VIER

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FÜNF

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Leseprobe

|5|Entsage den weltlichen Verlockungen,

Verweile nicht bei der inneren Leere,

Sei heiter in der Einheit der Dinge,

Und die Zwiespältigkeit verliert sich

von selbst.

 

AUS: ÜBER DIE ZUVERSICHT

IM HERZEN SENG-T’SAN, 6./7. JH.

|7|EINS

1

Am Anfang war der Tod, und auch am Ende fand er sich wieder ein. Doch ob sein flüchtiger Schatten die Träume des Mädchens streifte und sie an jenem merkwürdigen Morgen weckte, sollte sie nie erfahren. Als sie die Augen öffnete, wusste sie nur, dass sich die Welt irgendwie verändert hatte.

Die rot schimmernden Zeiger des Weckers verrieten ihr, dass ihr noch eine halbe Stunde bis zur eingestellten Weckzeit blieb, und sie lag ganz still, bewegte den Kopf nicht und bemühte sich, der Veränderung auf den Grund zu gehen. Es war dunkel, doch nicht so dunkel, wie es hätte sein sollen. Deutlich war auf den vollgestopften Regalen des Schlafzimmers der fahle Schimmer der Reittrophäen zu erkennen; darüber schwebten die Gesichter von Rockstars, von denen sie einst geglaubt hatte, dass sie ihr etwas bedeuten würden. Das Mädchen lauschte. Auch die Stille im Haus war anders, erwartungsvoll, wie die Pause zwischen Atemholen und Sprechen. Bald würde der Heizofen im Keller mit gedämpftem Fauchen anspringen, und die Dielen im alten Bauernhaus würden wie jeden Tag ihre knarrende Klage anstimmen. Das Mädchen schlüpfte aus dem Bett und trat ans Fenster.

Es hatte geschneit. Der erste Schnee des Jahres. Und an den Zaunpfosten am Teich erkannte das Mädchen, dass der Schnee fast knietief den Boden bedeckte. Kein Lufthauch hatte sich geregt, und der Schnee lag unberührt, ohne Verwehungen, zu komischen Proportionen auf den Zweigen der sechs Kirschbäume gehäuft, die ihr Vater letztes Jahr gepflanzt hatte. Ein einsamer Stern glitzerte im tiefblauen Keil zwischen |8|den Wäldern. Das Mädchen ließ den Blick sinken und sah, dass sich am unteren Fensterrand eine Eisschicht gebildet hatte, und sie presste einen Finger dagegen, taute ein Loch hinein. Das Mädchen zitterte nicht vor Kälte, sondern vor Aufregung bei dem Gedanken, dass diese verwandelte Welt ihr im Augenblick ganz allein gehörte. Sie drehte sich um und beeilte sich mit dem Anziehen.

Grace Maclean war am Abend zuvor mit ihrem Vater aus New York City gekommen, sie beide allein. Wie immer hatte ihr die Fahrt gefallen. Auf dem Taconic State Parkway hatte sie, geborgen im großen Mercedes, zweieinhalb Stunden lang Kassetten gehört und mit ihrem Vater über die Schule oder über einen Fall geplaudert, an dem er gerade arbeitete. Sie hörte ihn gern reden, wenn er am Steuer saß, liebte es, wenn sie ihn für sich allein hatte und dabei zusehen konnte, wie er sich nach und nach in seinen alten Freizeitsachen entspannte. Ihre Mutter nahm mal wieder an einem offiziellen Dinner oder etwas dergleichen teil und würde erst heute Morgen mit dem Zug nach Hudson fahren, was sie sowieso viel lieber tat. Der zähe Verkehr am Freitagabend machte sie nervös und ungehalten, so dass sie wie zum Ausgleich stets das Kommando übernahm und Robert, Graces Vater, befahl, langsamer zu fahren, Gas zu geben oder eine Abkürzung zu nehmen, um Staus zu vermeiden. Er machte sich nicht die Mühe, ihr zu widersprechen, tat einfach, was sie ihm sagte, seufzte manchmal nur oder warf seiner auf den Rücksitz verbannten Tochter im Spiegel einen ironischen Blick zu. Die Beziehung ihrer Eltern war ihr seit langem ein Rätsel, eine komplizierte Welt, in der Macht und Unterwürfigkeit nie so ganz das waren, was sie zu sein schienen. Doch statt sich einzumischen, flüchtete sich Grace einfach in das Refugium ihres Walkmans.

Im Zug würde ihre Mutter pausenlos arbeiten, ungestört und ohne sich ablenken zu lassen. Grace hatte sie vor kurzem |9|einmal begleitet, sie beobachtet und dabei erstaunt festgestellt, dass ihre Mutter nicht ein einziges Mal aus dem Fenster sah, höchstens mit verhangenem, leerem Blick, wenn sich irgendein prominenter Autor oder einer ihrer eifrigen Assistenten über Funktelefon meldete.

Auf dem Treppenabsatz vor Graces Zimmer brannte noch Licht. Auf Zehenspitzen huschte das Mädchen an der halb geöffneten Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern vorbei und blieb stehen. Sie konnte die Wanduhr im Flur ticken hören, dann das vertraute, leise Schnarchen ihres Vaters. Sie lief die Treppe hinunter in den Flur, dessen azurblaue Wände und Decken durch die unverhängten Fenster vom Widerschein des Schnees erhellt wurden. In der Küche trank sie mit einem einzigen langen Schluck ein Glas Milch aus, aß einen Schokoladenkeks und schrieb dabei ihrem Vater eine Nachricht auf den Notizblock am Telefon. »Bin reiten. Gegen zehn zurück. Kuss, G.« Sie nahm sich noch ein Plätzchen und aß es auf dem Weg zum Flur am Hintereingang, wo sie ihre Mäntel aufhängten und die schmutzigen Stiefel abstellten. Sie griff nach ihrer Schaffelljacke und hüpfte, Keks im Mund, elegant auf einem Bein, während sie sich die Reitstiefel anzog. Sie schloss den Reißverschluss ihrer Jacke, zog sich die Handschuhe über, nahm den Reithelm vom Regal und fragte sich kurz, ob sie Judith anrufen sollte, um sie zu fragen, ob sie immer noch reiten wollte, obwohl es geschneit hatte. Aber eigentlich war das überflüssig. Judith war bestimmt genauso aufgeregt wie sie. Als Grace die Tür aufmachte und in die Kälte hinausging, hörte sie, wie unten im Keller der Heizofen ansprang.

 

Wayne P. Tanner starrte trübsinnig über den Rand seiner Kaffeetasse auf die Reihen schneebedeckter Trucks, die vor der Raststätte parkten. Er hasste Schnee, aber vor allem hasste er |10|Schwierigkeiten. Und im Verlauf weniger Stunden war er gleich zweimal in Schwierigkeiten geraten.

Diese New Yorker State Troopers hatten jede Sekunde genossen, diese aufgeblasenen Scheißyankees. Sie waren ihm erst aufgefallen, als sie hinter ihm einscherten, aus Spaß einige Meilen an ihm dranblieben und verdammt genau wussten, dass er sie gesehen hatte. Dann stellten sie das Blaulicht an, ließen ihn an den Straßenrand fahren, und dieser Klugscheißer, dieser Bubi mit seinem Stetson, kam daherstolziert wie ein dämlicher Kinocop. Er wollte den Fahrtenschreiber sehen, und Wayne bückte sich, griff danach, reichte ihn aus dem Fenster und sah zu, wie das Bürschchen die Eintragungen las.

»Atlanta, soso«, sagte er und besah sich die Diagrammscheibe.

»Richtig«, antwortete Wayne. »Und dort ist es verdammt warm, das können Sie mir glauben.« Dieser Ton schlug bei Polizisten fast immer an, respektvoll, aber brüderlich, ein Hinweis auf die alte, kumpelhafte Brüderschaft der Landstraße. Aber das Bübchen blickte nicht einmal auf.

»Soso. Ich nehme an, Sie wissen, dass der Radardetektor da verboten ist, oder nicht?«

Wayne warf einen Blick auf den kleinen schwarzen, ans Armaturenbrett geschraubten Kasten und überlegte kurz, ob er den Unwissenden spielen sollte. In New York waren diese »Radarspitzel« für Trucks ab neun Tonnen verboten. Er hatte ungefähr das Drei- bis Vierfache geladen. Aber wenn er den Unwissenden mimte, machte das den kleinen Scheißer vielleicht noch bösartiger. Also drehte er sich mit gespielt reumütigem Lächeln wieder um, aber die Mühe hätte er sich sparen können, denn das Bübchen sah ihn immer noch nicht an. »Oder nicht?«, fragte er noch einmal.

»Hm, ja, ich glaub schon.«

Das Bübchen reichte ihm den Fahrtenschreiber zurück und |11|schaute ihn endlich an. »Also schön«, sagte er. »Und jetzt zeigen Sie mal den anderen her.«

»Wie bitte?«

»Den anderen Fahrtenschreiber. Den richtigen. Nicht dieses Lügenmärchen.« Irgendetwas schien Wayne plötzlich auf den Magen zu schlagen.

Seit fünfzehn Jahren benutzte er wie Tausende anderer Truckfahrer zwei Fahrtenschreiber, der eine gab die tatsächlichen Fahrzeiten, Meilen, Ruhepausen und so weiter an, der andere dagegen war ausschließlich für Situationen wie diese hier bestimmt, um nachweisen zu können, dass man die gesetzlichen Vorschriften eingehalten hatte. Und in all den Jahren war er auf seinen Fahrten von Küste zu Küste weiß Gott wie oft angehalten worden, aber so was war ihm noch nie passiert. Verflucht, alle Trucker hatten seines Wissens einen falschen Fahrtenschreiber, nannten ihn Comicheft. Herrgott noch mal, wenn man allein war und keinen Partner zum Abwechseln hatte, wie sollte man da die Lieferzeiten einhalten? Und wie zum Teufel sollte er sich seinen verdammten Lebensunterhalt verdienen? Verflucht! Die Firmen wussten alle Bescheid, sie drückten einfach ein Auge zu.

Er hatte noch versucht, die Sache eine Zeitlang hinauszuzögern, hatte den Unschuldigen gespielt und war sogar ein bisschen wütend geworden, obwohl er wusste, dass ihm das auch nicht mehr helfen würde. Der Partner des Bübchens, ein Riesenkerl, wollte sich den Spaß nicht entgehen lassen und stieg aus dem Streifenwagen. Sie wollten das Führerhaus durchsuchen, sagten sie, und er solle so lange aussteigen. Da sie sich anscheinend vorgenommen hatten, ihm den ganzen Zug auseinanderzunehmen, beschloss er, lieber mit der Wahrheit rauszurücken, zog die Fahrtenscheibe aus dem Versteck unter der Koje und gab sie ihnen. Darin stand, dass er in vierundzwanzig Stunden über neunhundert Meilen gefahren war |12|und dabei nur eine einzige Pause eingelegt hatte, und die war außerdem nur halb so lang gewesen wie die acht Stunden, die gesetzlich vorgeschrieben waren.

Also konnte er mit tausend, vielleicht sogar mit dreizehnhundert Dollar Strafe rechnen, mehr noch, wenn sie ihm den dämlichen Radardetektor anhängten. Unter Umständen verlor er sogar seinen Lkw-Führerschein. Die Polizisten gaben ihm eine Handvoll Papiere, fuhren bis zum Truckstopp hinter ihm her und ermahnten ihn, vor morgen früh lieber nicht an eine Weiterfahrt zu denken.

Er wartete, bis sie verschwunden waren, dann ging er zur Tankstelle und kaufte sich ein trockenes Truthahnsandwich und einen Sechserpack Bier. Die Nacht verbrachte er in der Koje hinten im Fahrerhaus. Sie war geräumig und bequem, und nach ein paar Bier fühlte er sich gleich besser, aber vor lauter Sorgen schlief er ziemlich unruhig. Und als er aufwachte und den Schnee sah, da wusste er, dass er schon wieder in Schwierigkeiten steckte.

Vor zwei Tagen hatte Wayne in der milden Morgenluft Georgias nicht daran gedacht, nach den Schneeketten zu sehen. Und als er sie heute Morgen überprüfen wollte, waren die verdammten Dinger nicht mehr da. Es war einfach nicht zu fassen. Irgendein Vollidiot hatte sich offenbar die Ketten ausgeliehen oder sie gestohlen. Die Interstate würde kein Problem sein, das wusste Wayne, Schneepflüge und Streufahrzeuge waren bestimmt schon seit Stunden unterwegs. Aber er hatte zwei Riesenturbinen geladen, die zu einer Papierfabrik in einem kleinen Ort namens Chatham gebracht werden sollten, also musste er runter von der Autobahn und über Land fahren. Der Weg war bestimmt voller Kurven und die Straße schmal und noch nicht geräumt. Wayne verfluchte sich noch einmal selbst, trank seinen Kaffee aus und legte einen Fünfdollarschein auf den Tisch.

|13|Vor der Tür blieb er stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden und die Braves-Baseballmütze zum Schutz gegen die Kälte tiefer ins Gesicht zu ziehen. Er konnte das Brummen der Trucks hören, die bereits auf der Interstate unterwegs waren. Unter seinen Stiefeln knirschte der Schnee, als er über den Parkplatz zu seinem Laster ging.

Vierzig oder fünfzig Trucks standen auf dem Platz, einer neben dem anderen, alle Neunachser, so wie seiner, hauptsächlich Peterbilts, Freightliners und Kenworths. Waynes Zugmaschine war eine schwarz- und chromfarbene Kenworth Coventional, wegen der langen, abfallenden Schnauze auch »Ameisenbär« genannt. Vor einem normalen Kühlauflieger sah sie zwar besser aus als mit den beiden Turbinen auf dem Tieflader, aber trotzdem hielt Wayne sie im winterlichen Licht der Morgendämmerung immer noch für die schönste Maschine auf dem Platz. Einen Augenblick blieb er stehen, bewunderte sie und rauchte die Zigarette zu Ende. Anders als die jüngeren Fahrer, die heutzutage keinen Finger mehr krumm machten, sorgte er stets dafür, dass sein Schlepper vor Sauberkeit nur so glänzte. Er hatte vorm Frühstück sogar den Schnee abgewischt. Doch im Gegensatz zu ihm, musste er plötzlich denken, hatten sie bestimmt ihre gottverdammten Schneeketten nicht vergessen. Wayne Tanner trat die Zigarette im Schnee aus und schwang sich auf den Fahrersitz.

 

Ihre Spuren trafen sich vor der langgezogenen Auffahrt, die zu den Ställen führte. Mit untrüglichem Gefühl für den richtigen Zeitpunkt waren die beiden Mädchen fast gleichzeitig eingetroffen und zusammen den Hügel hinaufgegangen; ihr Lachen hallte nun hinab ins Tal. Die Sonne stand noch nicht am Himmel, doch der weiße Palisadenzaun, der ihre Spuren auf beiden Seiten säumte, wirkte vor dem Schnee bereits ein wenig schäbig, ebenso die Hindernisse auf dem Feld dahinter. |14|Die Spuren der Mädchen führten den Hügel hinauf und verschwanden in einer Ansammlung niedriger Gebäude, die sich um eine riesige rote Scheune zu drängen schienen, in der die Pferde untergebracht waren.

Als Grace und Judith in den Hof einbogen, huschte eine Katze über den unberührten, ein wenig rutschigen Schnee davon. Sie blieben stehen und sahen zum Haus hinüber. Nichts rührte sich. Mrs. Dyer, der das Gestüt gehörte und die ihnen das Reiten beigebracht hatte, war um diese Zeit gewöhnlich schon auf den Beinen.

»Meinst du, wir sollten ihr sagen, dass wir ausreiten?«, flüsterte Grace.

Die beiden Mädchen waren zusammen aufgewachsen und trafen sich, solange sie denken konnten, an den Wochenenden auf dem Land. Beide wohnten in der Upper Westside, gingen in der Eastside zur Schule und hatten beide einen Anwalt zum Vater. Trotzdem kamen sie nie auf den Gedanken, sich unter der Woche zu treffen. Ihre Freundschaft gehörte hierher und zu den Pferden. Judith war gerade vierzehn geworden, also fast ein Jahr älter als Grace, und in einer so schwerwiegenden Frage wie der, ob sie den Zorn der so leicht erregbaren Mrs. Dyer riskieren sollten, fügte sich Grace gern ihrem Urteil. Judith schniefte und zog die Nase kraus.

»Nee«, entschied sie. »Dann meckert sie uns doch nur an, weil wir sie geweckt haben. Komm schon.«

Die Luft in der Scheune war warm und schwer vom süßen Geruch nach Heu und Pferdedung. Als die Mädchen mit ihren Sätteln hereinkamen und die Tür schlossen, drehten sich ein Dutzend Pferde in ihren Boxen nach ihnen um, stellten die Ohren auf und spürten geradeso wie Grace, dass irgendetwas in der Dämmerung dort draußen anders war als sonst. Judiths Pferd, ein sanftäugiger, kastanienbrauner Wallach |15|namens Gulliver, wieherte, als sie an seine Box trat, und streckte seinen Kopf vor, damit sie ihn streicheln konnte.

»Na, Kleiner«, sagte sie. »Wie geht’s dir heute?« Das Pferd wich behutsam von der Tür zurück, um Judith mit Sattel- und Zaumzeug hereinzulassen.

Grace ging weiter. Ihr Pferd stand in der letzten Box am Ende der Scheune, und Grace redete im Vorbeigehen leise mit den anderen Pferden, grüßte sie mit Namen. Sie konnte Pilgrim sehen, der jeden ihrer Schritte reglos und mit hoch erhobenem Kopf verfolgte. Er war ein vierjähriger Morgan, ein Wallach von so dunklem Rotbraun, dass er unter bestimmtem Lichteinfall fast schwarz aussah. Ihre Eltern hatten ihr das Pferd letzten Sommer nach einigem Zögern zum Geburtstag geschenkt. Sie hatten gemeint, es sei zu groß und noch zu jung für Grace, viel zu feurig. Doch für Grace war es Liebe auf den ersten Blick gewesen.

Sie waren nach Kentucky geflogen, um sich den Wallach anzuschauen, und als sie auf die Weide fuhren, kam er gleich an den Zaun getrabt, um Grace genauer in Augenschein zu nehmen. Er ließ sich nicht anfassen, schnüffelte nur an ihrer Hand, strich sanft mit den Nüstern darüber. Dann warf er den Kopf in den Nacken wie ein hochmütiger Prinz und galoppierte mit gestrecktem Schweif davon; sein Fell schimmerte in der Sonne wie poliertes Ebenholz. Die Frau, die ihn verkaufte, ließ Grace auf ihm reiten, und erst als sie auf seinem Rücken saß, tauschten die Eltern einen vielsagenden Blick, und sie wusste, dass sie ihn haben durfte. Ihre Mutter war seit ihrer Kindheit nicht mehr geritten, aber sie konnte immer noch ein Rassepferd erkennen, wenn sie eines sah. Und Pilgrim war ein Rassepferd, daran bestand kein Zweifel. Er war außerdem ziemlich temperamentvoll und ganz anders als die Pferde, die Grace bisher geritten hatte. Doch als Grace auf ihm saß und dieses Leben pochen fühlte, da wusste sie, |16|dass er in tiefster Seele ein gutes Pferd und bestimmt nicht bösartig war und dass sie prima miteinander auskommen würden. Sie würden ein Team sein.

Sie wollte ihm einen stolzeren Namen geben, Cochise etwa oder Khan, aber ihre Mutter, stets die liberale Tyrannin, meinte, zwar sei dies natürlich allein Graces Entscheidung, aber es würde Unglück bringen, den Namen eines Pferdes zu ändern. Also blieb es bei Pilgrim.

»He da, Prachtkerl«, sagte sie, als sie vor seiner Box stand. »Wie geht’s uns heute?« Sie streckte die Hand aus, und er ließ sich das samtige Maul streicheln, wandte dann aber gleich wieder den Kopf ab und wich vor ihr zurück. »Du bist mir ja vielleicht ein Charmeur. Na komm, dann wollen wir dich mal fertig machen.«

Grace betrat die Box und nahm dem Pferd die Decke ab. Als sie ihm den Sattel überwarf, scheute Pilgrim ein wenig, wie er es immer tat, und sie befahl ihm mit fester Stimme, stillzuhalten. Sie erzählte ihm von der Überraschung, die draußen auf ihn wartete, schlang ihm den Gurt locker um und legte den Zaum an. Dann nahm sie einen Hufauskratzer aus der Tasche und entfernte sorgsam allen Dreck aus seinen Hufen. Als sie hörte, dass Gulliver bereits von Judith aus dem Stall gebracht wurde, zog sie rasch den Gurt an – und dann konnte es losgehen.

Sie führten die Pferde auf den Hof, und Judith schloss das Scheunentor. Sie ließen sich Zeit, damit die Pferde sich mit dem Schnee anfreunden konnten. Gulliver senkte den Kopf, schnupperte und kam rasch zu dem Schluss, dass dies dasselbe Zeug sein musste, dass er schon x-mal zuvor gesehen hatte. Aber Pilgrim war völlig verblüfft. Behutsam setzte er einen Huf in den Schnee und war erstaunt, als er nachgab. Dann wollte er daran schnuppern, wie er es bei dem älteren Pferd gesehen hatte, sog aber die Luft zu kräftig ein und |17|musste so heftig niesen, dass die Mädchen sich vor Lachen schüttelten.

»Vielleicht hat er noch nie Schnee gesehen«, sagte Judith.

»Sieht so aus. Gibt es denn keinen Schnee in Kentucky?«

»Weiß nicht. Glaub schon.« Sie warf einen Blick auf Mrs. Dyers Haus. »Komm, lass uns verschwinden, sonst wecken wir noch den alten Drachen auf.«

Sie führten die Pferde über den Hof zur oberen Weide, stiegen auf und trabten in einer weiten, langsam ansteigenden Linie auf den Wald zu. Ihre Spur schnitt in einer exakten Diagonalen über das makellos weiße Rechteck der Weide. Als sie schließlich den Waldrand erreichten, brach die Sonne hervor und füllte das Tal in ihrem Rücken mit langen, schrägen Schatten.

 

Zu den Dingen, die Graces Mutter an den Wochenenden am meisten hasste, zählten die Unmengen von Zeitungen, die sie zu lesen hatte. Wie drohende Lava häuften sie sich während der Woche an, und Annie stapelte rücksichtslos noch die Wochenzeitungen und jene Teile der New York Times dazu, die sie nicht fortzuwerfen wagte. Am Samstag wirkte der Haufen bereits viel zu beängstigend, um ihn noch länger ignorieren zu können, und da mit der New York Times vom Sonntag einige zusätzliche Tonnen Papier drohten, wusste sie, wenn sie jetzt nichts dagegen unternahm, käme sie nicht mehr gegen die Papierflut an und würde von ihr begraben werden. All diese Worte, die auf die Welt losgelassen wurden. All diese Mühe. Und das nur, damit man sich schuldig fühlte. Annie warf wieder einen Packen auf den Boden und machte sich lustlos über die New York Post her.

Die Wohnung der Macleans lag im achten Stock eines prachtvollen alten Gebäudes am Central Park West. Annie saß mit angezogenen Knien auf dem gelben Sofa am Fenster. |18|Sie trug schwarze Leggins und ein hellgraues Sweatshirt. Ihr kurzes, nach hinten zu einem kleinen Pferdeschwanz zusammengebundenes Haar leuchtete rostrot im Sonnenlicht, das ihren Schatten auf ein gleichfarbiges Sofa auf der anderen Wohnzimmerseite warf. Das Zimmer war langgezogen und blassgelb gestrichen. Eine Wand wurde von Büchern bedeckt, hier und da gab es ein wenig afrikanische Kunst, und dort stand ein Flügel, auf dessen schimmernder Oberfläche sich jetzt die schrägen Strahlen der Sonne brachen. Wenn Annie sich umdrehen würde, könnte sie Seemöwen über das zugefrorene Reservoir watscheln sehen. Trotz Schnee und früher Stunde waren an diesem Samstagmorgen bereits einige Jogger unterwegs und drehten ihre Runden, so wie Annie ihre Runden drehen würde, sobald sie die Zeitung gelesen hatte. Sie nippte an ihrem Becher Tee und wollte die Post schon wegwerfen, als sie ihn sah: einen kleinen, zwischen Klatschspalten versteckten Artikel.

»Ich fasse es nicht«, sagte sie laut. »Du miese Ratte!«

Sie knallte den Becher auf den Tisch und eilte wutentbrannt in den Flur, um das Telefon zu holen. Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, hieb sie bereits auf die Tasten, stellte sich ans Fenster und wartete auf Antwort. Hinter dem Reservoir lief ein alter Mann Ski. Er trug einen lächerlich unförmigen Kopfhörer und glitt mit schwungvollen Schritten zu den Bäumen hinüber. Eine Frau schimpfte auf eine Schar winziger angeleinter Hunde ein, die farblich aufeinander abgestimmte Strickpullover trugen und deren Beine so kurz waren, dass sie nur hüpfend und rutschend im Schnee vorankamen.

»Anthony? Hast du die Post gelesen?« Annie hatte ihren Assistenten offensichtlich aus dem Schlaf gerissen, dachte aber nicht daran, sich zu entschuldigen. »Da steht was über Fiske. Der kleine Scheißer behauptet, ich hätte ihn gefeuert und die neue Auflagenzahl frisiert.«

|19|Anthony sagte etwas Mitfühlendes, aber Annie wollte kein Mitgefühl. »Hast du Don Farlows Wochenendnummer?« Er ging, um sie zu holen. Draußen im Park hatte die Hundefrau aufgegeben und zerrte die Kleinen zurück zur Straße. Anthony kam mit der Nummer, und Annie kritzelte sie auf ein Blatt Papier.

»Gut«, sagte sie. »Leg dich wieder schlafen.« Sie unterbrach die Verbindung und wählte gleich danach Farlows Nummer.

Don Farlow war der Anwalt des Verlags und zuständig für knifflige Angelegenheiten. Er war ihr Verbündeter, wenn nicht gar ihr Freund geworden, seit man Annie Graves (beruflich hatte sie ihren Mädchennamen beibehalten) vor sechs Monaten zur Chefredakteurin ernannt hatte, um die Verlagszeitschrift, das Flaggschiff des Unternehmens, vor dem Untergang zu bewahren. Zusammen hatten sie sich darangemacht, die alte Garde auszubooten. Blut war geflossen – neues herein, altes hinaus –, und die Medien hatten sich keinen Tropfen entgehen lassen. Einige aus der alten Garde, denen Annie und Farlow den Stuhl vor die Tür gesetzt hatten, waren Schriftsteller mit guten Verbindungen und hatten sich in den Klatschspalten der Zeitungen an ihnen gerächt. Die entsprechende Kolumne wurde unter dem Namen Graves Yard, also »Graves Friedhof« bekannt.

Annie konnte die Verbitterung verstehen. Manche von ihnen waren schon so lange beim Verlag gewesen, dass sie bereits geglaubt hatten, er gehöre ihnen. Gefeuert zu werden war beschämend genug. Doch von einer dreiundvierzigjährigen Frau gefeuert zu werden, noch dazu von einer Engländerin, war einfach die Höhe. Inzwischen war die Säuberung fast abgeschlossen, und Annie und Farlow hatten in letzter Zeit einiges Geschick beim Aufsetzen von Abfindungsverträgen entwickelt, die ihnen das Schweigen der Entlassenen erkaufen sollten. Annie hatte geglaubt, eben dies auch mit Fenimore Fiske, |20|dem ältlichen und unerträglichen Filmkritiker der Zeitschrift, getan zu haben, der jetzt in der Post über sie herzog. Diese Ratte. Doch während Annie noch darauf wartete, dass Farlow ans Telefon ging, tröstete sie sich mit dem Gedanken, dass Fiske ein großer Fehler unterlaufen war, als er behauptet hatte, dass die erhöhte Auflagenzahl erlogen sei. Das war sie nicht, und Annie konnte es beweisen.

Farlow war nicht nur wach, er hatte sogar den Artikel schon gelesen. Sie vereinbarten, sich in zwei Stunden in Annies Büro zu treffen. Sie würden den alten Dreckskerl auf jeden Penny verklagen, mit dem sie ihn abgefunden hatten.

Annie rief ihren Mann in Chatham an, bekam aber nur ihre eigene Stimme auf dem Anrufbeantworter zu hören. Sie sagte Robert, dass es Zeit zum Aufstehen sei, dass sie einen Zug später kommen würde und dass er nicht ohne sie zum Supermarkt gehen solle. Dann fuhr sie mit dem Fahrstuhl nach unten und lief hinaus in den Schnee, um sich den Joggern anzuschließen. Natürlich joggte Annie Graves nicht. Sie rannte. Und obwohl man diesen Unterschied auf den ersten Blick weder an ihrem Tempo noch an ihrer Technik erkennen konnte, war er für Annie so klar und belebend wie die kalte Morgenluft, in die sie jetzt hinausstürmte.

 

Die Interstate war geräumt, genau wie Wayne Tanner es geahnt hatte. Allzu viel war nicht los an diesem Samstag, und er vermutete, dass er gut daran tat, auf der Siebenundachtziger zu bleiben, bis er die Neunziger kreuzte, und dann über den Hudson River zu fahren, um Chatham von Norden her anzusteuern. Er sah sich die Strecke auf der Karte an. Es war nicht gerade der direkteste Weg, aber so umfuhr er einige Landstraßen, die bestimmt noch nicht schneefrei waren. Ohne Ketten konnte er bloß hoffen, dass diese Zufahrt zur Fabrik, von der man ihm erzählt hatte, nicht nur so ein Sandweg war.

|21|Als die Neunziger ausgeschildert wurde und Wayne Tanner ostwärts abbog, fühlte er sich allmählich besser. Die Landschaft glich dem Bild auf einer Weihnachtskarte, und mit Garth Brooks auf Kassette und den Sonnenstrahlen, die sich in der mächtigen Schnauze seines Kenworths spiegelten, kam ihm seine Lage schon nicht mehr so schlimm vor wie gestern Abend. Verdammt, wenn es zum Schlimmsten kam und er seinen Führerschein verlor, konnte er jederzeit wieder als Automechaniker arbeiten, das hatte er schließlich gelernt. Sicher, er würde dann nicht mehr so viel verdienen. Es war schon ein gottverdammtes Elend, wie schlecht jemand bezahlt wurde, der eine jahrelange Ausbildung mitgemacht hatte und sich Werkzeug für zigtausend Dollar kaufen musste. Aber in letzter Zeit war es ihm manchmal auch leid geworden, ständig so viel unterwegs zu sein. Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, ein bisschen mehr Zeit daheim bei Frau und Kindern zu verbringen. Na ja, vielleicht. Wenigstens konnte er dann öfter Fischen gehen.

Auf einmal sah Wayne die Abfahrt nach Chatham vor sich auftauchen, und er machte sich an die Arbeit, hieb pumpend auf die Bremse und schaltete den Truck durch seine neun Gänge runter, so dass der vierhundertfünfundzwanzig PS-Cumminsmotor protestierend aufröhrte. Als Wayne von der Interstate abbog, drückte er auf den Schalter für Vierradantrieb und ließ die Vorderachse einrasten. Von hier aus waren es seiner Schätzung nach nur noch fünf oder sechs Meilen bis zur Fabrik.

 

Hoch oben im Wald war es an diesem Morgen so still, als würde das Leben selbst sich eine Pause gönnen. Weder ein Vogel noch sonst ein Tier regte sich, und der einzige Laut war hin und wieder ein dumpfes Geräusch, wenn der Schnee von überladenen Zweigen fiel. In diese erwartungsvolle Leere |22|drang durch Ahorn und Birke das ferne Lachen der Mädchen.

Sie ritten langsam den gewundenen Pfad zum Hügelrücken hinauf und überließen sich dem Tempo der Pferde. Judith führte. Sie drehte sich um, stützte sich mit einer Hand auf dem hinteren Sattelrand ab, schaute Pilgrim zu und lachte.

»Mit dem könntest du im Zirkus auftreten«, sagte sie. »Er ist wirklich der geborene Clown.«

Grace konnte vor lauter Lachen nicht antworten. Pilgrim hielt den Kopf gesenkt und schob seine Nase wie eine Schaufel durch den Schnee. Dann schleuderte er eine Handvoll in die Luft, nieste, trabte an und tat, als habe er Angst vor dem, was da auf ihn niederregnete.

»He da, jetzt reicht’s aber«, rief Grace, zog die Zügel an und brachte ihn wieder unter ihre Kontrolle. Pilgrim beruhigte sich, und die immer noch grinsende Judith schüttelte den Kopf und wandte sich wieder nach vorn. Gulliver hielt die Führung, gänzlich unbeeindruckt von dem Theater hinter ihm, und sein Kopf wippte auf und ab im Rhythmus seiner Schritte. Alle zehn Meter hingen leuchtend orangerote Plakate an den Bäumen und drohten jedem mit einer Strafanzeige, der beim Wildern, Fallenstellen oder unbefugten Betreten erwischt wurde.

Auf dem Hügelkamm, der die beiden Täler voneinander trennte, befand sich eine kleine, kreisrunde Lichtung, auf der man oft, wenn man sich ihr leise näherte, Hirsche oder wilde Truthähne sehen konnte. Doch als die Mädchen heute den Schutz der Bäume verließen und in die Sonne ritten, fanden sie nur einen blutigen Flügel. Er lag fast genau in der Mitte der Lichtung, beinahe wie eine Markierung auf einem grauenhaften Kompaß. Die Mädchen hielten an und betrachteten den Flügel.

»Was ist das? Ein Fasan?«, fragte Grace.

|23|»Glaub schon. Jedenfalls war es mal ein Fasan, ein Stück von einem Fasan.«

Grace runzelte die Stirn. »Und wie ist das hergekommen?«

»Weiß nicht. Vielleicht ein Fuchs.«

»Das kann nicht sein. Dann müsste man Spuren sehen können.« Es gab keine, auch keine Anzeichen von einem Kampf. Fast schien es, als wäre der Flügel aus eigener Kraft hergeflogen. Judith zuckte die Achseln.

»Vielleicht wurde er angeschossen.«

»Und der restliche Fasan ist mit einem Flügel weitergeflogen?«

Beide überlegten einen Augenblick. Dann nickte Judith weise. »Ein Falke. Ein Falke hat ihn fallenlassen.«

Grace dachte darüber nach. »Hm, könnte stimmen.« Sie trieben ihre Pferde an.

»Oder ein Flugzeug.«

Grace lachte. »Genau«, sagte sie. »Er sieht fast so aus wie ein Flügel von dem Hühnchen, das uns letztes Jahr auf dem Flug nach London serviert wurde. Nur irgendwie besser.«

Wenn sie zum Hügelkamm hinaufritten, ließen sie meist die Pferde über die Lichtung galoppieren und bogen dann in einen Pfad ein, der sie zurück zum Stall führte. Doch der Schnee, die Sonne und die klare Morgenluft hatten in den Mädchen die Lust auf einen längeren Ausritt geweckt. Sie beschlossen, etwas zu unternehmen, was sie bislang erst einmal getan hatten, vor ein paar Jahren, als Grace noch Gypsy ritt, das stämmige kleine Palomino-Pony. Sie würden ins nächste Tal reiten, quer durch den Wald, und zurück den weiten Weg nehmen, am Fluss entlang und um den Hügel herum. Dann mussten sie zwar ein oder zwei Straßen überqueren, aber Pilgrim schien sich beruhigt zu haben, und außerdem war an diesem verschneiten Samstagmorgen bestimmt noch kein Mensch unterwegs.

|24|Als sie die Lichtung verließen und wieder in den Wald ritten, verstummten Grace und Judith. Auf dieser Seite des Hügelkamms standen Hickorys und Pappeln, zwischen denen kein erkennbarer Pfad verlief, so dass die Mädchen oft ihre Köpfe einziehen mussten, um unter tief hängenden Zweigen durchreiten zu können, und der herabfallende Schneestaub bedeckte sie und die Pferde bald mit einer feinen Schicht. Gemächlich folgten sie auf ihrem Weg nach unten dem Lauf eines Flusses. Eiskrusten hingen mit gezackten Rändern über die Ufer und gaben nur gelegentlich einen kurzen Blick auf das darunter rauschende, dunkle Wasser preis. Der Abhang wurde immer steiler, und die Pferde tasteten sich behutsam vor, prüften sorgsam den Untergrund, bevor sie ihre Hufe aufsetzten. Einmal glitt Gulliver auf einem versteckten Fels aus, fing sich aber gleich wieder, ohne in Panik zu geraten. Sonnenlicht fiel in schrägen Strahlen durch die Bäume, malte bizarre Schatten auf den Schnee und beschien die Atemwolken, die aus den Nüstern der Pferde aufstiegen. Doch die Mädchen achteten nicht darauf. Sie brauchten ihre ganze Konzentration für den Abstieg und dachten an nichts anderes als an die Bewegungen der Tiere, auf deren Rücken sie saßen.

Erleichtert sahen sie schließlich den Kinderhook Creek durch die Bäume schimmern. Der Abstieg war schwerer als erwartet gewesen, und erst jetzt wagten es die Mädchen, sich anzusehen. Sie grinsten.

»Nicht schlecht, he?«, sagte Judith und zog sanft an Gullivers Zügeln.

Grace lachte. »Stimmt.« Sie beugte sich vor und rieb Pilgrims Hals. »Haben sich die beiden nicht prima gehalten?«

»Phantastisch.«

»Ich hatte ganz vergessen, wie steil der Abhang ist.«

»Er war damals auch nicht so steil. Wahrscheinlich sind wir einem anderen Bachlauf gefolgt. Ich schätze, wir sind ungefähr |25|eine Meile weiter südlich, als wir eigentlich sein sollten.«

Sie wischten sich den Schnee von Helmen und Kleidern und spähten zwischen den Bäumen hindurch ins Tal. Hinter dem Wald senkte sich eine jungfräulich weiße Weide hinab zum Fluss. Am diesseitigen Ufer ließen sich gerade noch die Zaunpfosten der alten Straße erkennen, die zur Papierfabrik führte. Die Straße war stillgelegt, seit man eine breitere und kürzere Zufahrt zur Autobahn gebaut hatte, die kaum eine halbe Meile weit hinter dem Fluss verlief. Die Mädchen würden der alten Fabrikstraße folgen müssen, wenn sie wieder auf den Weg stoßen wollten, der nach Hause führte.

 

Wie er befürchtet hatte, war die Straße nach Chatham noch nicht geräumt worden. Aber Wayne Tanner begriff bald, dass seine Sorgen unbegründet gewesen waren. Vor ihm hatten andere bereits die Straße befahren, und die achtzehn Allwetterreifen seines Kenworths griffen in ihren Spuren und fanden festen Halt. Letzten Endes hätte er die Ketten also gar nicht gebraucht. Ein Schneepflug fuhr auf der Gegenfahrbahn an ihm vorbei, und obwohl ihm das kaum etwas nutzte, war er so erleichtert, dass er dem Fahrer zuwinkte und fröhlich seine Fanfare ertönen ließ.

Wayne steckte sich eine Zigarette an und sah auf die Uhr. Er war früher dran als vereinbart. Nach seinem Stelldichein mit den Cops hatte er Atlanta angerufen und ihnen gesagt, sie sollten den Leuten von der Fabrik Bescheid geben, dass er die Turbinen erst am nächsten Morgen liefern könne. Keiner arbeitete gern an einem Samstag, also war er vermutlich nicht besonders beliebt, wenn er dort unten aufkreuzte. Aber das war nicht sein Problem. Er legte eine neue Garth-Brooks-Kassette auf und hielt Ausschau nach der Abzweigung zur Fabrik. |26|Nach dem Abstieg durch den Wald kamen sie auf der alten Fabrikstraße leicht voran, und die Mädchen ritten Seite an Seite im Sonnenschein und entspannten sich. Zu ihrer Linken spielten einige Elstern in den Bäumen am Flussufer. Trotz ihres heiseren Gekrächzes und dem Rauschen des über die Felsen dahinschießenden Wassers konnte Grace ein Brummen hören, das von einem Schneepflug auf der Autobahn zu kommen schien.

»Na also«, sagte Judith und wies mit einem Nicken nach vorn.

Es war die Stelle, die sie gesucht hatten. Eisenbahnschienen kreuzten hier erst die Fabrikstraße und dann den Fluss. Die Bahn war zwar schon vor vielen Jahren stillgelegt worden, aber die Brücke über den Fluss hatte man unbehelligt gelassen. Die Brücke über die Straße war allerdings abgerissen worden, nur die hohen Betonwände standen noch, ein Tunnel ohne Dach, durch den die Straße verlief, ehe sie hinter einer Kurve verschwand. Unmittelbar davor führte ein steiler Pfad die Böschung hinauf zu den Gleisen, und dort hinauf mussten die Mädchen, wenn sie über die Flussbrücke reiten wollten.

Judith ritt voran und lenkte Gulliver auf den Pfad. Er ging einige Schritte, dann blieb er stehen.

»Komm schon, Kleiner. Keine Angst.«

Das Pferd scharrte vorsichtig mit einem Vorderhuf über den Schnee, als wollte er ihn untersuchen. Judith gab Gulliver die Hacken und drängte ihn weiter.

»Los doch, Faulpelz, rauf mit dir.«

Gulliver gab nach und begann wieder, die Böschung hinaufzusteigen. Grace wartete unten auf der Straße und sah zu. Ihr war vage bewusst, dass das Brummen des Schneepflugs auf der Autobahn lauter geworden war. Pilgrim zuckte mit den Ohren. Sie tätschelte seinen schweißnassen Hals.

|27|»Geht’s?«, rief sie zu Judith hinauf.

»Kein Problem. Aber sei vorsichtig.«

Es passierte, als Gulliver schon fast oben auf der Böschung war. Grace hatte mit dem Aufstieg begonnen, folgte der Spur so genau wie möglich und ließ Pilgrim viel Zeit. Sie war auf halber Höhe, als sie hörte, wie Gullivers Hufe übers Eis ratschten und Judith einen ängstlichen Schrei ausstieß.

Wären die Mädchen in letzter Zeit einmal die Strecke abgeritten, hätten sie gewusst, dass seit dem Spätsommer Wasser aus einem defekten Abzugskanal über den Abhang geströmt war, den sie jetzt hinaufritten. Der Schnee verbarg eine geschlossene Eisdecke.

Gulliver taumelte, versuchte, mit den Hinterläufen Halt zu finden und trat einen Schauer von Schnee und Eissplittern los. Doch als seine Hufe keinen Widerstand fanden, glitt er, Hinterteil voran, über die vereiste Böschung. Ein Vorderfuß rutschte seitlich weg, und Gulliver ging in die Knie. Judith schrie auf, als sie nach vorn geschleudert wurde und einen Steigbügel verlor. Aber sie konnte sich in der Mähne festkrallen und blieb im Sattel.

»Aus dem Weg!«, gellte sie. »Grace!«

Grace war wie gelähmt. Das Blut dröhnte in ihrem Kopf und schien sie erstarren zu lassen, als hätte sie nichts mit dem zu tun, was vor ihr geschah. Doch als Judith zum zweiten Mal aufschrie, wachte sie auf und wollte Pilgrim die Böschung wieder hinunterlenken. Das Pferd riss verängstigt den Kopf hoch und kämpfte gegen sie an. Es trippelte zur Seite und reckte den Hals hangaufwärts, bis es auch ins Rutschen geriet und vor Schreck wieherte. Es stand jetzt direkt in Gullivers Bahn. Grace schrie und zerrte an den Zügeln.

»Pilgrim, beweg dich! Lauf!«

In der seltsamen Stille jener Sekunde vor dem Zusammenprall mit Gulliver wusste Grace, dass das Dröhnen nicht allein |28|vom Rauschen des Blutes in ihrem Kopf kam. Dieser Schneepflug fuhr nicht auf der Autobahn. Dafür war er zu laut. Er musste irgendwo in der Nähe sein. Der Gedanke zerstob, als Gulliver mit dem Hinterteil gegen Pilgrim prallte. Er rammte ihn mit voller Wucht, knallte gegen Pilgrims Schulter und riss ihn herum. Grace dachte, sie würde aus dem Sattel gerissen und wie von einem Katapult die Böschung hinaufgeschleudert. Und hätte sie nicht mit einer Hand Gullivers Hinterteil erwischt, wäre sie vom Pferd gefallen. Aber sie blieb oben und wickelte eine Faust um Pilgrims seidige Mähne, als er den Abhang hinunterschlitterte.

Gulliver und Judith waren an ihr vorbeigedonnert, und Grace musste mit ansehen, wie ihre Freundin hintenüber vom Pferd gefegt wurde wie eine leblose Puppe, dann zurückgerissen und hin und her geschleudert, da sie mit einem Fuß im Steigbügel hängengeblieben war. Judith schlug auf dem Boden auf, drehte sich um sich selbst, und als sie mit dem Hinterkopf aufs Eis krachte, verfing sich ihr Fuß mit einer weiteren Drehung im Steigbügel, verhakte sich unauflöslich, so dass Gulliver nun Judith hinter sich herschleifte. In einem einzigen wirren, sich überschlagenden Durcheinander rasten die beiden Pferde mit ihren Reiterinnen auf die Straße zu.

Wayne Tanner sah sie, als er um die Ecke bog. Da man in der Fabrik damit gerechnet hatte, dass er von Süden kam, hatte niemand daran gedacht, ihm von der alten Zufahrtsstraße weiter nördlich zu erzählen. Wayne hatte die Abzweigung gesehen, war abgebogen und hatte erleichtert registriert, dass die Reifen seines Kenworths auf dem unberührten Schnee offenbar ebenso gut griffen wie auf der Autobahn. Als er um die Kurve fuhr, sah er etwa hundert Schritt voraus die Betonmauern der Brücke und dahinter, von ihnen umrahmt, irgendein Tier, ein Pferd, das etwas hinter sich herzog. Wayne drehte sich der Magen um.

|29|»Was, zum Teufel …«

Er stieg auf die Bremse, aber nicht zu hart, denn wenn er zu rasch bremste, würden die Reifen blockieren, also zog er am Hydraulikventil am Steuer, um den Bremsschub auf den hinteren Reifen zu verringern. Keine Reaktion. Er würde mit dem Motor abbremsen müssen, also hieb er mit dem Handballen gegen den Schalthebel und ging zwei Gänge runter. Die sechs Zylinder des Cumminsmotors röhrten gequält. Verdammt, er war zu schnell. Jetzt waren zwei Pferde auf der Straße, auf einem saß ein Reiter. Was, zum Teufel, trieben die da? Warum machten sie nicht die Scheißstraße frei? Sein Herz raste, und er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach, als er Bremsen und Schaltknüppel seines Schleppers bearbeitete und einen Rhythmus im Mantra fand, das ihm durch den Kopf ging: auf die Bremse, runterschalten; auf die Bremse, runterschalten. Aber die Brücke kam viel zu rasch näher. Um Himmels willen, hörten die ihn denn nicht kommen? Konnten sie ihn nicht sehen?

Sie konnten. Sogar Judith in ihrer Qual bekam ihn kurz zu Gesicht, während sie sich schreiend im Schnee wälzte. Beim Sturz vom Pferd war ihr Oberschenkelknochen gebrochen, und als sie auf die Straße herunterrutschten, waren beide Pferde auf sie getreten, hatten ihr die Rippen angeknackst und einen Unterarm zertrümmert. Mit dem ersten Stolperschritt hatte Gulliver sich die Kniescheibe gebrochen und die Sehne gezerrt. Schmerz und Angst zeigten sich im Weiß seiner Augen, als er über die Straße taumelte und versuchte, sich von diesem Ding zu befreien, das da an seiner Seite hing.

Grace sah den Truck, als sie mit Pilgrim auf die Straße schlitterte. Ein Blick genügte. Irgendwie war es ihr gelungen, nicht vom Pferd zu fallen, also musste sie jetzt dafür sorgen, dass sie alle die Straße räumten. Wenn sie Gullivers Zügel zu fassen bekam, konnte sie ihn mit Judith im Schlepp in Sicherheit |30|bringen. Aber Pilgrim war genauso verschreckt wie das ältere Pferd, und die beiden drehten sich wie verrückt im Kreis und schürten gegenseitig ihre Panik. Mit aller Kraft zerrte Grace an Pilgrims Trense und gewann für einen Augenblick seine Aufmerksamkeit. Sie trieb ihn zu Gulliver hinüber, beugte sich gefährlich weit aus dem Sattel und griff nach seinem Zaumzeug. Er wich vor ihr zurück, aber Grace blieb hart an ihm dran und reckte ihren Arm, bis sie ihn sich beinahe verrenkte. Sie konnte die Zügel schon fast mit den Fingern berühren, als der Fahrer auf die Hupe drückte.

Wayne sah, wie sich beide Pferde bei dem Klang aufbäumten und erkannte jetzt erst, was hinter dem reiterlosen Pferd hing.

»Verdammter Mist.«

Er sagte es laut und merkte im gleichen Moment, dass sich der Motor nicht weiter runterschalten ließ. Er fuhr bereits im ersten Gang, aber die Brücke und die Pferde kamen so schnell auf ihn zu, dass ihm keine Wahl blieb, er musste es mit den Bremsen der Zugmaschine versuchen. Wayne murmelte ein Stoßgebet und trat fester aufs Bremspedal, als ratsam war. Einen Augenblick lang schien es zu klappen. Er spürte, wie die Hinterräder des Schleppers Halt fanden.

»Yeah! Braves Mädchen!«

Dann blockierten die Räder, und Wayne begriff, dass vierzig Tonnen Stahl haltlos ihrem Schicksal entgegensteuerten.

Gravitätisch donnerte der Kenworth mit zunehmendem Tempo zwischen den Brückenträgern durch, ohne auch nur im Geringsten auf Waynes Bemühungen am Steuer zu reagieren. Wayne war jetzt nur noch Zuschauer, und er sah, wie der Kotflügel auf der Fahrerseite in einem anfangs nur flüchtigen Funkenkuss die Betonmauer berührte. Als aber dann das Eigengewicht des Aufliegers nachdrückte, brachte ein schrilles Knirschen und Reißen die Luft zum Vibrieren.

|31|Wayne konnte jetzt sehen, dass sich das schwarze Pferd zu ihm umdrehte und dass die Augen der Reiterin, ein junges Mädchen, unter dem schwarzen Schirm des Reithelms schreckensweit aufgerissen waren.

»Nein, nein, nein!«, schrie er immer wieder.

Doch das Pferd bäumte sich trotzig vor ihm auf. Das Mädchen wurde zurückgeworfen und fiel auf die Straße. Nur kurz berührten die Hufe den Boden, denn noch ehe der Truck das Tier überrollen konnte, sah Wayne, wie das Pferd den Kopf hob und sich erneut aufbäumte. Doch diesmal schien es ihn anzuspringen. Mit der ganzen Kraft seiner Hinterbeine warf sich das Pferd über die Schlepperschnauze und sprang über die starre Front des Kühlergrills, als wäre es ein Parcourshindernis. Es landete mit den Hufeisen auf der Motorhaube und schlitterte in einem Funkenregen über das Metall. Als ein Huf gegen die Windschutzscheibe prallte, gab es einen lauten Knall, das Glas zersprang zu einem wirren Netz von Splittern, und Wayne sah überhaupt nichts mehr. Wo war das Mädchen? Mein Gott, es musste irgendwo unter ihm auf der Straße liegen.

Wayne hieb mit Faust und Unterarm gegen die Windschutzscheibe, und als sie zerbrach, sah er, dass das Pferd immer noch auf der Motorhaube hockte. Es hatte sich mit dem rechten Vorderbein in den V-förmigen Streben des Seitenspiegels verhakt und schrie ihn an. Es war mit Glassplittern übersät, Blut und Schaum standen ihm vor dem Maul. Das andere Pferd versuchte, vom Straßenrand fortzuhumpeln; seine Reiterin hing immer noch mit einem Bein im Steigbügel.

Und der Truck raste unaufhaltsam weiter. Der Auflieger war jetzt an der Brückenmauer vorbei, und da ihn seitlich nichts mehr aufhielt, stellte er sich langsam, aber unerbittlich quer, fegte mühelos den Zaun hinweg und schob eine Bugwelle Schnee vor sich her, als wäre er ein Ozeanriese.

|32|Als der Schwung vom Auflieger so groß wurde, dass er die Zugmaschine überrollte und ihre Geschwindigkeit abbremste, unternahm das Pferd auf der Motorhaube eine letzte verzweifelte Anstrengung. Es zerbrach die Streben des Seitenspiegels, rollte sich von der Haube und verschwand aus Waynes Blickfeld. Einen Augenblick lang herrschte jene erwartungsvolle Stille wie im Auge eines Hurrikans, und Wayne sah, dass sich der Auflieger an Zaun und Feldrand vorbeischob und sich im weiten Bogen drehte, um ihm von vorn wieder entgegenzukommen. Eingepfercht im lautlos sich schließenden Winkel von Zugmaschine und Auflieger stand das zweite Pferd und schien zu überlegen, in welche Richtung es flüchten sollte. Wayne meinte, die Reiterin am Boden erkennen zu können, wie sie den Kopf hob, um ihn anzuschauen, ohne etwas von der Welle zu ahnen, die sich hinter ihr auftürmte. Dann war sie verschwunden. Der Auflieger pflügte über sie hinweg, schleuderte das Pferd vor die Zugmaschine, als wäre es leicht wie ein Schmetterling, und zermalmte es mit einem letzten, metallischen Knirschen.

 

»Hallo? Gracie?«

Robert Maclean blieb mit zwei großen Tüten Lebensmitteln im Flur am Hintereingang stehen. Als ihm niemand antwortete, ging er in die Küche und stellte die Tüten auf den Tisch.

Er kaufte gern fürs Wochenende ein, ehe Annie eintraf. Falls er es nämlich nicht tat, würden sie zusammen in den Supermarkt gehen müssen, und das dauerte ewig, da Annie sich stundenlang über die feinen Unterschiede zwischen den einzelnen Marken aufhalten konnte. Es erstaunte ihn jedes Mal aufs Neue, wie jemand, der in seinem Arbeitsleben blitzschnell Entscheidungen treffen musste, in denen es um Tausende, gar Millionen Dollar ging, am Wochenende zehn Minuten |33|mit der Frage zubringen konnte, welche Art von Pesto vorzuziehen war. Außerdem lebten sie viel billiger, wenn er allein einkaufte, da Annie sich letztlich doch nicht entscheiden konnte, welche Marke die bessere war, und am Ende alle drei Gläser kaufte.

Der Nachteil war natürlich die unvermeidliche Kritik, die ihn daheim erwartete, da er angeblich mal wieder die falschen Sachen eingekauft hatte. Doch mit jener juristischen Sachlichkeit, die er auf alle Bereiche seines Lebens anwandte, hatte Robert beide Seiten der Angelegenheit erwogen und dem Einkauf ohne seine Frau eindeutig den Vorzug gegeben.

Graces Notiz lag beim Telefon. Robert sah auf seine Uhr. Es war erst kurz nach zehn, und er konnte verstehen, dass die beiden Mädchen an einem solchen Morgen länger ausbleiben wollten. Er drückte auf die Wiedergabetaste des Anrufbeantworters, zog seinen Parka aus und räumte die Einkäufe fort. Es waren zwei Nachrichten auf Band. Über die erste, die von Annie, musste er lächeln. Offenbar hatte sie angerufen, als er gerade zum Supermarkt gefahren war. Zeit zum Aufstehen, das war mal wieder typisch. Die zweite Nachricht kam von Mrs. Dyer, der Besitzerin des Gestüts. Sie sagte nur, dass er sie bitte zurückrufen möchte. Aber irgendetwas in ihrer Stimme jagte Robert einen Schauder über den Rücken.

 

Der Hubschrauber hing eine Weile über dem Fluss, als wollte er das Bild in sich aufnehmen, sackte ab, stieg über dem Wald wieder auf und füllte das Tal mit dem tiefen, vibrierenden Dröhnen seiner Rotoren. Der Pilot flog noch eine Kurve und sah dabei aus dem Fenster nach unten. Vor dem riesigen Schlepper mit quergestelltem Anhänger standen fächerförmig auf dem Feld verteilt Krankenwagen, Rettungsfahrzeuge und Streifenwagen der Polizei mit blinkendem Blaulicht. Man hatte einen Landeplatz für den Helikopter markiert, und ein |34|Polizist gab mit weit ausladenden Armen völlig überflüssige Anweisungen.

Sie hatten kaum zehn Minuten gebraucht, um von Albany herüberzufliegen. Die vier Sanitäter hatten während des ganzen Fluges ihre Instrumente routinemäßig überprüft. Jetzt waren sie fertig und schauten dem Piloten schweigend über die Schulter, als er eine letzte Runde flog und zur Landung ansetzte. Der Fluss blendete sie, als die Sonne sich in ihm spiegelte, dann folgte der Hubschrauber seinem eigenen Schatten über die Straßensperre und überholte einen roten Geländewagen, der sich ebenfalls auf dem Weg zum Unglücksort befand.

Durch das Fenster des Streifenwagens beobachtete Wayne Tanner den Hubschrauber über dem Landeplatz, sah, wie er langsam niederschwebte und einen Schneesturm um den einweisenden Polizisten aufwirbelte. Wayne saß auf dem Beifahrersitz, eingewickelt in eine Decke, in der Hand eine Tasse mit etwas Heißem, das er noch nicht probiert hatte. Das Treiben draußen ergab für ihn ebenso wenig Sinn wie das barsche Geschnatter, das in unregelmäßigen Abständen über Funk zu hören war. Seine Schulter tat ihm weh, und er hatte einen kleinen Schnitt an der Hand. Eine Krankenpflegerin hatte darauf bestanden, die Wunde aufwendig zu verbinden. Das wäre nicht nötig gewesen. Fast schien es, als wollte sie nicht, dass er sich von dem allgemeinen Gemetzel dort draußen ausgeschlossen fühlte.

Wayne sah, wie sich der junge Deputy Koopman, in dessen Wagen er saß, drüben beim Truck mit Leuten von der Rettungsmannschaft unterhielt. Der kleine Trapper mit Pelzmütze, der den Alarm ausgelöst hatte, lehnte ganz in der Nähe an der Motorhaube eines alten blauen Pick-ups und hörte das Gespräch mit an. Er war oben in den Wäldern gewesen, hatte gesehen, wie der Truck gegen die Brückenmauer knallte und war sofort zur Fabrik gelaufen, von wo aus man den Sheriff |35|angerufen hatte. Als Koopman eintraf, saß Wayne im Schnee auf dem Feld. Der Deputy war noch ziemlich jung und hatte noch nie zuvor einen derart schlimmen Unfall gesehen, bekam die Sache aber schnell in den Griff und wirkte fast ein wenig enttäuscht, als Wayne ihm sagte, dass er über Kanal neun auf seinem CB bereits einen Notruf ausgesandt hatte. Der Sender wurde von der Bundespolizei abgehört, die nur Minuten später eintraf. Inzwischen wimmelte es von Bundespolizisten, und Koopman schien ein wenig sauer, dass man ihm die Show gestohlen hatte.

Im Schnee unter dem Truck spiegelte sich das gleißende Licht der Schweißbrenner, mit denen sich die Männer vom Rettungsdienst durch das verkeilte Wrack von Sattelschlepper und Turbinen schnitten. Wayne senkte den Blick und kämpfte gegen die Erinnerung an jene langen Minuten, die anbrachen, nachdem der Schlepper zum Stehen gekommen war.

Erst hatte er nichts gehört. Garth Brooks sang unverzagt, und Wayne war so verblüfft, noch am Leben zu sein, dass er sich fragte, ob er selbst oder sein Geist es war, der da aus dem Fahrerhaus kletterte. Elstern zankten sich in den Bäumen, und zuerst dachte er, dieses Geräusch käme auch von hinten. Aber es klang zu verzweifelt, zu flehentlich, ein anhaltender, gequälter Schrei, und Wayne begriff, dass das Pferd unter dem Anhänger im Sterben lag, und er presste seine Hände auf die Ohren und rannte hinaus aufs Feld.

Man hatte ihm bereits gesagt, dass ein Mädchen noch am Leben war, und er konnte sehen, wie die Sanitäter sich an der Trage zu schaffen machten, um die Kleine für den Flug im Hubschrauber vorzubereiten. Einer presste ihr eine Maske über das Gesicht, ein anderer hielt zwei Plastikflaschen hoch, die durch Schläuche mit ihren Armen verbunden waren. Der Leichnam des anderen Mädchens war schon abtransportiert worden.

|36|Ein roter Geländewagen fuhr soeben vor, und Wayne sah einen großen, bärtigen Mann aussteigen und hinten aus dem Wagen eine schwarze Tasche holen. Er warf sie sich über die Schulter und ging zu Koopman, der sich zu ihm umdrehte und ihn begrüßte. Sie sprachen kurz miteinander, dann führte ihn Koopman aus seinem Blickfeld, auf die andere Seite des Trucks, dorthin, wo die Schweißbrenner bei der Arbeit waren. Als sie wieder auftauchten, sah der Bärtige ziemlich grimmig drein. Sie gingen zu dem kleinen Trapper, der ihnen zuhörte, nickte und etwas aus dem Pick-up holte, das wie eine Gewehrtasche aussah. Dann kamen alle drei auf ihn zu. Koopman öffnete die Wagentür.

»Alles in Ordnung?«

»Klar, alles okay.«

Koopman wies mit einem Nicken auf den Bärtigen.

»Mr. Logan hier ist Tierarzt. Wir müssen das andere Pferd finden.«

Durch die offene Tür konnte Wayne jetzt das Fauchen der Schweißbrenner hören. Bei dem Geräusch wurde ihm schlecht.

»Irgendeine Ahnung, wo es hingelaufen sein könnte?«

»Nein. Aber weit ist es bestimmt nicht gekommen.«

»In Ordnung.« Koopman legte Wayne eine Hand auf die Schulter. »Wir lassen Sie hier bald rausholen, okay?«

Wayne nickte. Koopman schloss die Tür. Sie blieben vor dem Wagen stehen und unterhielten sich, aber Wayne konnte kein Wort verstehen. Hinter ihnen hob der Hubschrauber vom Boden ab und brachte das Mädchen fort. Irgendjemand verlor in dem plötzlichen Schneesturm seinen Hut. Aber Wayne nahm von alldem nichts wahr. Er sah nur den blutigen Schaum vor dem Maul des Pferdes und die Augen, die ihn über die zackigen Splitter der Windschutzscheibe hinweg anstarrten, geradeso, wie sie ihn noch lange Zeit in seinen Träumen anstarren würden.

 

|37|»Wir haben ihn, stimmt’s?«

Annie stand an ihrem Schreibtisch und sah Don Farlow über die Schulter, als er den Vertrag las. Er antwortete nicht, hob nur eine sandfarbene Augenbraue und las die Seite zu Ende.

»Es stimmt«, sagte Annie. »Ich weiß es.«

Farlow ließ den Vertrag sinken.

»Tja, ich glaube, wir haben ihn wirklich.«

»Ha!« Annie stieß eine geballte Faust in die Luft, durchquerte das Büro und goß sich noch eine Tasse Kaffee ein.

Vor einer halben Stunde hatten sie sich getroffen. Annie war mit einem Taxi bis zur Dreiundvierzigsten, Ecke Sechste gefahren, im Verkehr steckengeblieben und die letzten zwei Häuserblocks zu Fuß gegangen. Die New Yorker Autofahrer reagierten auf den Schnee wie seit eh und je: Sie hupten und schrien sich an. Farlow wartete bereits in Annies Büro und hatte die Kaffeemaschine angestellt. Es gefiel ihr, dass er sich benahm, als wäre er hier zu Hause.

»Er wird natürlich abstreiten, jemals mit dir gesprochen zu haben«, sagte er.

»Das ist ein direktes Zitat, Don. Sieh dir doch die Details an. Er kann einfach nicht leugnen, dass er das gesagt hat.«

Annie nahm die Tasse und ging zurück an ihren Tisch, ein riesiges, asymmetrisches Ungeheuer aus Ulme und Walnuss, das ein Freund in England für sie vor vier Jahren angefertigt hatte, als sie – zur allgemeinen Überraschung – das Schreiben aufgegeben hatte, um eine Stelle als Chefredakteurin anzunehmen. Der Tisch war ihr aus dem ersten Büro zu dieser weit bedeutenderen Zeitschrift gefolgt und hatte ihr augenblicklich die Missbilligung des Innenarchitekten eingetragen, der für viel Geld engagiert worden war, damit er das Büro des einstigen Chefredakteurs nach Annies Geschmack umgestaltete. Er hatte sich auf geschickte Art gerächt und behauptet, |38|da der Tisch nicht ins Zimmer passe, dürfe auch alles andere im Zimmer nicht zueinander passen. Das Resultat war ein Chaos aus Farbe und Form, das der Designer ohne allen Sinn für Ironie »eklektischen Dekonstruktivismus« nannte.

Stimmig waren höchstens einige abstrakte Farbtupfbilder, die Grace im Alter von drei Jahren ausgeführt hatte und die Annie (zum anfänglichen Stolz und zur späteren Verlegenheit ihrer Tochter) einrahmen ließ. Sie hingen an den Wänden zwischen Annies Auszeichnungen und all den Fotografien, die sie Seite an Seite mit irgendwelchen erlesenen Berühmtheiten zeigten. Auf dem Schreibtisch, ein wenig versteckt, so dass nur Annie sie sehen konnte, standen die Bilder von denen, die ihr wirklich wichtig waren – Grace, Robert und ihr Vater.

Über diese Photos hinweg betrachtete Annie Don Farlow. Es war eigenartig, ihn ohne Anzug zu sehen; die alte Jeansjacke und die Turnschuhe hatten sie überrascht. Eigentlich hatte sie ihn eher der Sorte Brooks Brothers zugerechnet – Halbschuhe, Hose mit Bügelfalte und gelber Kaschmirpullover. Er lächelte.

»Also willst du ihn verklagen?«

Annie lachte. »Natürlich will ich ihn verklagen. Er hat eine Abmachung unterschrieben, laut der er kein Wort mit der Presse reden darf, außerdem erfüllt seine Behauptung, dass ich die Auflagenzahl frisiert hätte, den Tatbestand der Verleumdung.«

»Eine Verleumdung, die man hundertfach wiederholt, wenn wir ihn verklagen, und die zu einer viel größeren Geschichte aufgeblasen wird.«

Annie runzelte die Stirn.

»Willst du jetzt etwa kneifen, Don? Fenimore Fiske ist ein verbitterter, talentloser, gehässiger alter Molch.« Farlow hob grinsend die Hände.

|39|»Lass es raus, Annie, sag mir, was du tatsächlich von ihm hältst.«

»Als er hier war, hat er nichts als Ärger gemacht, und jetzt ist er nicht mehr da und macht immer noch Ärger. Ich will ihm Feuer unter seinen runzligen Arsch machen.«

»Ist das eine englische Redewendung?«

»Nein, ›seine ältlichen vier Buchstaben erwärmen‹ würden wir sagen.«

»Na ja, du bist der Boss.«

»Ganz genau.«

Ein Telefon auf dem Schreibtisch klingelte, und Annie nahm den Hörer ab. Es war Robert. Er berichtete ihr mit tonloser Stimme, dass Grace einen Unfall gehabt hatte. Sie sei ins Krankenhaus von Albany geflogen und auf die Intensivstation gebracht worden; sie war immer noch bewusstlos. Annie solle den Zug bis Albany nehmen. Er würde sie am Bahnhof abholen.

2

Annie war erst achtzehn, als sie Robert kennenlernte. Es war der Sommer des Jahres 1968, und statt direkt von der Schule nach Oxford zu gehen, wo ihr ein Studienplatz angeboten worden war, zog Annie es vor, ein Jahr auszusetzen. Sie trat einer Organisation namens Voluntary Services Overseas bei und absolvierte einen zweiwöchigen Intensivkurs über das Unterrichten der englischen Sprache und darüber, wie man Malaria vermied und den Annäherungsversuchen der Einheimischen widerstand (sag laut und deutlich »nein« und lass dich nicht beirren).

Derart vorbereitet, flog sie in den Senegal und stieg nach kurzem Aufenthalt in der Hauptstadt Dakar in einen offenen, mit Menschen, Hühnern und Ziegen vollgestopften Bus, um |40|zu einer staubigen, fünfhundert Meilen langen Fahrt in den Süden aufzubrechen, wo sie in einer kleinen Stadt die nächsten zwölf Monate verbringen sollte. Als der Abend des zweiten Tages anbrach, erreichten sie die Ufer eines großen Flusses. Die Nacht war heiß und feucht, der Lärm der Insekten erfüllte die Luft, und Annie konnte die Lichter der Stadt auf der anderen Wasserseite schimmern sehen. Doch die Fähre fuhr erst wieder am nächsten Morgen, und der Fahrer und die Passagiere, mit denen sie sich inzwischen angefreundet hatte, fragten sich besorgt, wo Annie die Nacht verbringen sollte. Es gab kein Hotel. Sie selbst würden gewiss mühelos ein Plätzchen für die Nacht finden, aber die junge Engländerin brauchte eine wohnlichere Unterkunft.

Sie sagten ihr, dass ein »Tubab« in der Nähe wohne, der sie bestimmt beherbergen könne. Ohne auch nur zu ahnen, was ein Tubab sein könnte, wurde Annie von einem großen Aufgebot, das ihre Taschen trug, über einen gewundenen Dschungelpfad zu einem kleinen Lehmhaus unter Affenbrot- und Papayabäumen geführt. Der Tubab, der ihr die Tür öffnete – später sollte sie erfahren, dass »Tubab« weißer Mann bedeutet –, war Robert.

Er hatte sich freiwillig zum Friedenskorps gemeldet und wohnte hier seit einem Jahr, unterrichtete Englisch und legte Brunnen an. Er war vierundzwanzig, ein Harvard-Absolvent und der klügste Mensch, den Annie je kennengelernt hatte. An diesem Abend kochte er ihr ein wundervolles Essen, gewürzten Fisch und Reis, dazu gab es kaltes Bier zum Nachspülen, und bei Kerzenschein redeten sie bis um drei Uhr in der Früh. Robert kam aus Connecticut und wollte Anwalt werden. Es sei angeboren, entschuldigte er sich, und seine Augen funkelten hinter der goldrandigen Brille. Solange man sich erinnern könne, habe es in seiner Familie nur Anwälte gegeben. Es sei der »Fluch der Macleans«.

|41|Und wie ein Anwalt nahm er Annie ins Kreuzverhör, fragte sie über ihr Leben aus, drängte sie, es zu beschreiben und auf eine Weise zu analysieren, die es ihr selbst in neuem Licht darstellte. Sie erzählte ihm, dass ihr Vater Diplomat gewesen war und dass sie die ersten zehn Jahre ihres Lebens von einem Land ins andere gereist sei. Sie und ihr jüngerer Bruder waren in Ägypten geboren, lebten in Malaysia, später in Jamaika. Dann starb ihr Vater überraschend an einem schweren Herzanfall. Annie konnte erst seit kurzem so darüber reden, dass die Unterhaltung nicht stockte und ihr Gegenüber plötzlich auf die Schuhe starrte. Ihre Mutter war nach England zurückgekehrt, hatte bald wieder geheiratet und sie und ihren Bruder in einem Internat untergebracht. Obwohl Annie diesen Teil ihrer Geschichte mit wenigen Worten abtat, erriet sie, dass Robert den tiefen, ungelinderten Schmerz dahinter spürte.

Am nächsten Morgen brachte Robert sie in seinem Jeep zur Fähre und lieferte sie anschließend wohlbehalten im katholischen Kloster ab, in dem sie ein Jahr unter dem nur gelegentlich missbilligenden Blick der Oberin, einer freundlichen und zum Glück recht kurzsichtigen Frankokanadierin, wohnen und unterrichten sollte.

Im Verlauf der nächsten drei Monate traf Annie sich jeden Mittwoch mit Robert, wenn er in die Stadt kam, um Vorräte einzukaufen. Er sprach fließend Jola – die Sprache der Einheimischen – und gab ihr jede Woche eine Stunde Unterricht. Sie wurden Freunde, aber kein Liebespaar. Stattdessen verlor Annie ihre Jungfräulichkeit an einen schönen Senegalesen namens Xavier, zu dessen Annäherungsversuchen sie laut und ehrlich »ja« sagte.

Dann wurde Robert nach Dakar versetzt, und am Abend vor seiner Abreise fuhr Annie zu einem Abschiedsessen auf die andere Flussseite. Amerika wählte einen neuen Präsidenten, und mit wachsender Niedergeschlagenheit hörten sie aus |42|dem knisternden Radio, dass Nixon einen Staat nach dem anderen gewann. Fast schien es, als wäre ein naher Verwandter von Robert gestorben, und Annie war sehr gerührt, als er ihr mit gequälter Stimme erzählte, was diese Wahl für sein Land und für den Krieg bedeutete, in dem viele seiner Freunde in Asien kämpften. Sie umarmte ihn, drückte ihn an sich und fühlte sich zum ersten Mal nicht länger als Mädchen, sondern als Frau.

Erst als er fort war und sie andere Freiwillige vom Friedenskorps kennenlernte, begriff sie, was für ein ungewöhnlicher Mann er war. Seine Nachfolger waren zumeist Junkies oder Langweiler oder beides. Einer von ihnen hatte glasige, rot unterlaufene Augen, trug ein Stirnband und behauptete, seit einem Jahr high zu sein.

Sie traf Robert noch einmal im nächsten Juli, als sie über Dakar nach Hause flog. Hier sprachen die Einheimischen Wolof, und auch diese Sprache beherrschte er fließend. Er wohnte so nahe beim Flughafen, dass man nicht weiterreden konnte, wenn ein Flugzeug über das Haus flog. Um aus einer Not eine Tugend zu machen, hatte er sich ein riesiges Verzeichnis aller Flüge von und nach Dakar besorgt und es zwei Nächte lang studiert. Dann kannte er es auswendig. Sooft er danach ein Flugzeug hörte, sagte er den Namen der Fluggesellschaft, den Heimatflughafen, die Reiseroute und den Bestimmungsort auf. Annie lachte, und er schien ein wenig beleidigt. Sie flog in jener Nacht nach Hause, in der der erste Mensch den Mond betrat.

Sieben Jahre lang sahen sie sich nicht wieder. Annie schaffte ihr Studium in Oxford mit links, gründete eine radikale und unverschämt freche Studentenzeitung und schloss zum Entsetzen ihrer Freunde das Studium in Anglistik mit Auszeichnung ab, scheinbar ohne jemals einen Handschlag getan zu haben. Sie wurde Journalistin, weil sie sich das noch am besten |43|vorstellen konnte, und arbeitete für eine Abendzeitung im Nordosten Englands. Ihre Mutter kam sie dort ein einziges Mal besuchen und fand die Landschaft und die mit einer Rußschicht bedeckte Bruchbude, in der ihre Tochter hauste, derart deprimierend, dass sie auf dem Rückweg nach London nicht aufhören konnte zu weinen. Annie selber hielt es ein Jahr aus, dann packte sie ihre Siebensachen, flog nach New York und staunte über sich selbst, wie sie sich mit einigen Bluffs einen Job bei Rolling Stone verschaffte.

Sie spezialisierte sich auf schräge, knallharte Porträts von Berühmtheiten, die eher Bewunderung gewohnt waren. Ihre Kritiker – und davon gab es viele – prophezeiten, dass ihr bald die Opfer ausgehen würden, aber sie sollten sich irren. Der Strom der Interviewpartner riss nicht ab. Es wurde zu einer Art Statusfrage, einmal von Annie Graves erledigt und hingerichtet worden zu sein.

Eines Tages rief Robert sie in ihrem Büro an, und einen Moment lang wusste sie mit seinem Namen nichts anzufangen. »Der Tubab, der dir für eine Nacht im Dschungel ein Bett besorgt hat?«, half er ihrem Gedächtnis nach.

Sie trafen sich auf einen Drink, und er sah viel besser aus, als Annie ihn in Erinnerung hatte. Zu ihrem Erstaunen stellte sie fest, dass er jeden ihrer Artikel besser zu kennen schien als sie selbst. Inzwischen war er stellvertretender Staatsanwalt und unterstützte, soweit seine Arbeit dies zuließ, die Wahlkampagnen für Jimmy Carter. Er war Idealist und platzte vor Enthusiasmus, doch vor allem brachte er sie immer wieder zum Lachen. Außerdem war er sehr offen zu ihr und trug sein Haar kürzer als irgendein Mann, mit dem sie in den letzten fünf Jahren ausgegangen war.

Während Annies Garderobe vor schwarzen Ledersachen und Sicherheitsnadeln überquoll, fanden sich bei ihm ausschließlich dezente Hemden und Kordhosen. Wenn sie zusammen |44|ausgingen, konnte man glauben, L. L. Bean hätte die Sex Pistols getroffen. Und ohne dass sie ein Wort darüber verloren, genossen sie beide den Nervenkitzel dieser unkonventionellen Mischung.

Im Bett, diesem so lang ausgeklammerten Bereich ihrer Beziehung, vor dem Annie, ehrlich gesagt, ein wenig zurückschreckte, erwies sich Robert erstaunlich frei von jenen Hemmungen, die Annie bei ihm erwartet hatte. Eigentlich war er sogar weit einfallsreicher als die meisten drogenschlaffen, coolen Typen, mit denen sie seit ihrer Ankunft in New York hin und wieder das Bett geteilt hatte. Als sie Wochen später eine entsprechende Bemerkung machte, überlegte Robert einen Augenblick, so wie er es früher stets getan hatte, ehe er eine Eintragung aus dem Flugverzeichnis von Dakar zum besten gab, und antwortete mit vollem Ernst, dass er schon immer der Ansicht gewesen sei, dass man den Sex ebenso wie das Gesetz mit angemessener Sorgfalt zu pflegen habe.

Sie heirateten im nächsten Frühjahr, und Grace, ihr einziges Kind, wurde drei Jahre später geboren.

 

Annie hatte sich nicht bloß aus Gewohnheit Arbeit für die Zugfahrt mitgenommen, sondern auch gehofft, sich damit ablenken zu können. Sie legte die Papiere hin, Fahnen eines längeren Artikels, von dem sie erwartete, dass er sich als wichtiger Bericht über die Befindlichkeit der Nation entpuppte und den sie gegen eine nicht gerade gering zu nennende Summe bei einem berühmten Schriftsteller in Auftrag gegeben hatte. Einer ihrer Starschreiber, wie Grace sagen würde: Annie hatte den ersten Abschnitt bereits dreimal gelesen.

Robert rief sie über ihr Funktelefon an. Er war im Krankenhaus. Graces Zustand war unverändert; noch immer war sie bewusstlos.

»Das heißt, sie liegt im Koma?«, fragte Annie, und ihr Ton |45|forderte ihn auf, offen und ohne Umschweife mit ihr zu reden.

»Das sagt hier zwar keiner, aber ich denke, ja, das ist es.«

»Und sonst?« Robert schwieg. »Jetzt red doch um Himmels willen!«

»Ihr Bein sieht ziemlich schlimm aus. Offenbar ist der Truck darübergefahren.« Annie zuckte zusammen und schnappte nach Luft.

»Sie sehen es sich jetzt an. Hör zu, Annie, ich gehe lieber zurück. Ich hol dich am Zug ab.«

»Nein, tu das nicht. Bleib bei ihr. Ich nehme mir ein Taxi.«

»In Ordnung. Ich ruf dich wieder an, sobald ich etwas Neues weiß.« Er schwieg. »Sie wird’s schon schaffen.«

»Ja, ich weiß.« Sie drückte einen Knopf am Telefon und legte es hin. Draußen huschten sonnenbeschienene Felder von makellosem Weiß vorüber. Annie durchwühlte ihre Tasche nach der Sonnenbrille, setzte sie auf und lehnte sich zurück.

Gleich mit Roberts erstem Anruf war ein Gefühl der Schuld in ihr aufgekommen. Sie hätte bei ihr sein sollen. Das hatte sie auch zu Don Farlow gesagt, sobald sie aufgelegt hatte. Er war sehr lieb gewesen, hatte einen Arm um sie gelegt und all die richtigen Dinge gesagt.

»Damit wäre niemandem geholfen gewesen, Annie. Du hättest es nicht verhindern können.«

»Doch, hätte ich wohl. Ich hätte ihr den Ausritt verbieten können. Was hat sich Robert nur dabei gedacht, sie an einem solchen Tag reiten gehen zu lassen?«

»Es ist ein wunderschöner Tag. Du hättest sie auch nicht zurückgehalten.«

Farlow hatte natürlich recht, aber das Schuldgefühl blieb, und sie wusste, dass es nicht darum ging, ob sie gestern Abend besser mitgefahren wäre oder nicht. Sie sah die Spitze eines |46|großen Eisberges der Schuld vor sich aufragen, der in den dreizehn Jahren seit der Geburt ihrer Tochter stetig angewachsen war.

Als Grace geboren wurde, hatte Annie sich sechs Wochen Urlaub genommen und jeden Augenblick dieser Tage genossen. Stimmt, eine Reihe der weniger liebenswerten Augenblicke hatte sie Elsa überlassen, ihrem jamaikanischen Kindermädchen, das bis auf den heutigen Tag die Stütze ihres häuslichen Lebens geblieben war.

Wie so viele ehrgeizige Frauen ihrer Generation hatte Annie sich fest vorgenommen, den Beweis für die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Karriere zu führen. Doch während andere Medienfrauen diese Einstellung gerne publik machten, hatte Annie nie damit angegeben und so viele Anfragen nach einem Foto mit ihr und Grace abschlägig beschieden, dass die Frauenzeitschriften sie bald nicht länger danach fragten. Erst vor kurzem hatte Annie Grace dabei überrascht, wie sie sich in einer Zeitschrift einen Artikel über eine Topmoderatorin ansah, die stolz ihr Neugeborenes präsentierte.

»Warum haben wir das nie gemacht?«, hatte Grace, ohne aufzublicken, gefragt. Annie hatte ein bisschen schroff geantwortet, dass sie so etwas unmoralisch finde, fast wie Reklame für ein neues Produkt. Und Grace hatte nachdenklich genickt, immer noch ohne sie anzuschauen. »Hm«, hatte sie nüchtern gesagt und weitergeblättert. »Wahrscheinlich hält man dich für jünger, wenn du so tust, als hättest du noch gar kein Kind.«

Diese Bemerkung und die Tatsache, dass sie ohne alle Böswilligkeit geäußert worden war, versetzten Annie einen derartigen Schock, dass sie einige Wochen lang kaum an etwas anderes als an ihre Beziehung – oder an ihre mangelnde Beziehung, wie sie jetzt fand – zu Grace denken konnte.

Das war nicht immer so gewesen. Bis vor vier Jahren, als |47|Annie die erste Redakteursstelle angenommen hatte, war sie eigentlich sogar stolz darauf gewesen, dass sie und Grace sich näherstanden als die meisten Mütter und Töchter in ihrem Bekanntenkreis. Als gefeierte Journalistin, die berühmter war als viele der Leute, über die sie schrieb, hatte sie bis dahin über ihre Zeit völlig frei verfügen können. Wenn ihr danach war, konnte sie daheim arbeiten oder sich einen Tag freinehmen. Wenn sie Reisen unternehmen musste, nahm sie Grace meistens mit. Einmal hatten sie beide fast eine Woche lang in einem berühmten Pariser Nobelhotel darauf gewartet, dass eine primadonnenhafte Modeschöpferin Annie ein versprochenes Interview gewährte. Jeden Tag waren sie meilenweit herumspaziert, hatten einen Einkaufsbummel nach dem anderen gemacht, sich die Stadt angesehen und die Abende vor dem Fernseher verbracht, aneinandergekuschelt im vergoldeten Himmelbett wie zwei unartige Schwestern.

Das Leben als Chefredakteurin war völlig anders. Und bei all der Anstrengung und Begeisterung, ein spießiges, kaum gelesenes Blatt in die gefragteste Lektüre der Stadt zu verwandeln, wollte Annie sich anfangs einfach nicht eingestehen, welch hohen Preis sie dafür zu zahlen hatte. Sie und Grace verfügten nun über »Vorzugszeit«, wie Annie sich stolz ausdrückte. Doch schien ihr das Hauptmerkmal dieser Stunden nun vor allem in Zwängen zu bestehen.

Am Morgen verbrachten sie eine Stunde zusammen, in der sie Grace zwang, ihre Übungen am Klavier zu machen, und zwei Stunden am Abend, in denen sie Grace drängte, die Hausarbeiten zu erledigen. Bemerkungen, die von ihr als mütterliche Ratschläge gemeint waren, wurden unweigerlich als Kritik aufgefasst.

Am Wochenende sah es etwas besser aus, und das Reiten half, ein dünnes Band der Zuneigung zwischen ihnen zu knüpfen. Annie ritt zwar selbst nicht mehr, hatte aber im Gegensatz |48|zu Robert Verständnis für die seltsame Welt der Pferdenarren und Springreiter. Es machte ihr Spaß, Grace und das Pferd zu den Veranstaltungen zu fahren. Doch selbst zu ihren besten Zeiten stellte sich zwischen ihnen nie jenes Vertrauen ein, das Grace mit Robert verband.

In abertausend Kleinigkeiten wandte sich das Mädchen immer zuerst an den Vater. Und Annie hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass sich die Geschichte in diesem Fall unerbittlich zu wiederholen schien. Sie war selbst der Liebling ihres Vaters gewesen, da ihre Mutter über die goldene Gloriole nicht hinaussehen konnte oder wollte, die ihrer Ansicht nach Annies Bruder umgab. Und Annie sah sich von mitleidlosen Genen getrieben, die gleiche Beziehungskonstellation mit Grace zu wiederholen.

In einer langen Kurve wurde der Zug langsamer und hielt in Hudson. Annie blieb reglos sitzen und sah hinaus auf den Bahnsteig mit seinen gusseisernen Säulen. Ein Mann stand genau dort, wo Robert gewöhnlich auf sie wartete. Er breitete die Arme aus und ging einer Frau mit zwei kleinen Kindern entgegen, die gerade aus dem Zug stiegen. Annie sah, wie er sie der Reihe nach umarmte und dann zum Parkplatz führte. Der Junge wollte unbedingt die schwerste Tasche selbst tragen, und der Mann lachte und ließ ihn gewähren. Annie wandte den Blick ab und war froh, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte. In fünfundzwanzig Minuten würde sie in Albany sein.

 

In einiger Entfernung von der Straße nahmen sie Pilgrims Spuren auf. Zwischen den Hufabdrücken waren im Schnee Blutflecken zu sehen. Der Trapper hatte sie zuerst entdeckt, und er ging ihnen nach und führte Logan und Koopman zwischen den Bäumen hindurch zum Fluss.

Harry Logan kannte das Pferd, nach dem sie suchten, allerdings |49|nicht so gut wie das, dessen zermalmter Kadaver gerade aus dem Wrack des Lastwagens befreit worden war. Gulliver gehörte zu jenen Pferden in Mrs. Dyers Gestüt, die von ihm betreut wurden; die Macleans waren jedoch mit einer anderen Tierärztin befreundet und hatten sich immer an sie gewandt. Logan hatte einige Male den auffällig schönen Morgan vor dem Stall gesehen. Nach dem Blutverlust zu urteilen, musste das Pferd ziemlich schwer verletzt sein. Logan war immer noch ziemlich mitgenommen von dem Anblick, der sich ihm geboten hatte, und er wünschte sich, er hätte früher an Ort und Stelle sein können, um Gulliver von seiner Qual zu erlösen. Aber dann hätte er vielleicht auch den Abtransport von Judiths Leichnam mit ansehen müssen, und das wäre ziemlich schlimm geworden. Sie war so ein nettes Mädchen. Es machte ihm schon zu schaffen, dass er das Mädchen der Macleans gesehen hatte, dabei kannte er die Kleine kaum.

Das Rauschen wurde lauter, und dann konnte er den Fluss zwischen den Bäumen sehen. Der Trapper blieb stehen und wartete auf sie. Logan stolperte über einen trockenen Ast und wäre beinahe hingefallen; der Trapper betrachtete ihn mit kaum verhohlener Verachtung. Kleiner Machoarsch, dachte Logan. Wie alle Trapper hatte ihm auch dieser Kerl schon auf den ersten Blick nicht gefallen. Hätte er ihm doch bloß geraten, das verdammte Gewehr im Wagen liegenzulassen.

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