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Der Pakt – Schwur der Agenten

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Die Rekruten
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Teil 1 – Der Auftrag
  8. Teil 2 – Enthüllung
  9. Teil 3 – Intrige
  10. Teil 4 – Versuchung
  11. Teil 5 – Täuschung
  12. Teil 6 – Widerstand
  13. Teil 7 – Flucht
  14. Teil 8 – Verrat

Über dieses Buch

Um zu überleben, schließen sie einen Pakt …

Auf einem Linienflug über den Atlantik: Sechs ahnungslose Passagiere werden von einem geheimen Nachrichtendienst rekrutiert. Sie alle haben besondere Eigenschaften, und sie sollen zu einem einzigen Zweck zu Agenten ausgebildet werden: um das Syndikat zu Fall zu bringen, eine internationale Terror-Organisation.

Doch kurz vor ihrer ersten Mission passiert etwas Schreckliches. Die Rekruten schwören sich, gegenseitig dafür zu sorgen, dass sie alle am Leben bleiben. Bald stecken sie tief in einem Netz aus Intrigen, Verbrechen und tödlicher Gefahr … und keiner von ihnen weiß, wem er noch trauen kann.

Ein spannender Spionage-Thriller, eine weltumspannende Verschwörung – das ist »Der Pakt«!

Über den Autor

Christian Liberty Marshall ist Schriftsteller und Musiker mit Abschlüssen an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, sowie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz. Neben dem Schreiben lehrt er an der Popakademie Baden-Württemberg und übersetzt deutsche Literatur.

Die Rekruten

Eliska Novak war bettelarm, jetzt ist sie stinkreich. Jedenfalls für ihre Verhältnisse. Als Luxus-Escortgirl in Manhattan genießt sie jede Menge Annehmlichkeiten, von denen sie als Kind auf den Straßen Prags nur träumen konnte. Doch sind die Verlockungen der Freiheit stark genug, dass sie eine Karriere als NBS-Agentin machen kann?

Paul Leclerc liebt das Leben auf Schiffen. Scotch liebt er aber auch. Deswegen hat er sich entschieden, sein Seefahrerleben aufzugeben, um eine Bar in seiner Heimatstadt Marseille zu eröffnen. Allerdings bleibt er selten lange am selben Ort, sondern reist um die Welt, um aufregende, neue Spirituosen nach Hause zu bringen. Und gibt es vielleicht noch einen anderen Grund, warum der Franzose ständig verschwindet?

Jian Zhang hat kaum Erinnerungen an Guangzhou, die chinesische Heimat seiner Familie. Als seine Eltern nach China zurückkehren, bleibt er in New York, um deren Restaurant zu leiten. Und da ist noch seine Frau, Agnieszka, mit der er gern eine Familie gründen würde. Wird ihre gemeinsame Liebe für die Kunst – und füreinander – Jians moralischer Kompass sein? Oder werden ihn schockierende Entdeckungen dazu zwingen, gegen seine Natur zu handeln?

Leah Carlsson hasst es, Leuten zu nahe zu kommen – sei es als Teammitglied oder auch nur bei einem Handschlag. Die introvertierte Programmiererin für Sicherheitssysteme hat hart für ihre Professur an der Universität für Stockholm gearbeitet. Als sie erfährt, dass ihr Lebenswerk in Gefahr ist, muss sie sich entscheiden, ob sie ihre Reputation aufs Spiel setzen will, um die gewonnene Sicherheit zu riskieren – sowohl ihre persönliche als auch die ihrer Computersysteme.

Nicholas Clark kommt eigentlich aus New York City, ist aber Polizist in Kapstadt, Südafrika. Nach dem tragischen Tod seiner Verlobten stürzte Nick sich in die Polizeiarbeit. Doch korrupte Bullen zu enttarnen und Kriminelle hinter Gitter zu bringen kann den Schmerz nicht für ewig betäuben. Wird ihm die Möglichkeit, in einer geheimen Agentur mitzuwirken, den neuen Lebenssinn geben, nach dem er gesucht hat?

Felicity Wilson fühlt sich zwar in Los Angeles zu Hause, kommt aber aus dem ländlichen mittleren Westen der USA. Sie hat gerade die Uni abgeschlossen und ihre Freunde und die Familie davon überzeugt, dass sie Karriere in der Politik machen will. Doch was sie eigentlich sucht, ist die Antwort auf eine Frage, die sie seit der Kindheit verfolgt. Die schockierende Entdeckung, die sie bald macht, wird sie dazu verleiten, ihr Leben für die Wahrheit aufs Spiel zu setzen.

Christian Liberty
MARSHALL

DER
PAKT

SCHWUR DER AGENTEN

Aus dem amerikanischen Englisch von
Dr. Arno Hoven

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Teil 1

Der Auftrag

 

Eliska Novak drückte ihre Zigarette aus und richtete sich im Bett auf; leise setzte sie ihre Füße auf den Boden. Sie schob ihre Hand unter das Bettlaken, holte ihren BH darunter hervor und zog ihn rasch an. Der Mann direkt neben ihr schlief immer noch, und sie hoffte auf einen schmerzlosen Abgang. Eliska hatte sich durch die gesellschaftlichen Schichten emporgearbeitet, und obwohl die meisten ihrer Kunden einen gewissen Sinn für Anstand besaßen, gab es gelegentlich einen Mistkerl, der es nicht ertragen konnte, einen Korb zu kriegen. Die schönen Dinge, dachte sie. Die schönen Dinge machen es lohnenswert. Fünfsternehotels, Privatjets, Cocktails mit Berühmtheiten, sogar Dinner mit Außenministern. Und alles, was sie tun musste, war, ein hübsches Gesicht zu sein – schön genug, um bemerkt zu werden, doch auch schlicht genug, um vergessen zu werden. Niemanden schien es zu interessieren, als sie von zu Hause verschwand; warum also sollte es sie kümmern?

Sie ging durch das Zimmer, nahm das schwarze Kleid, das über die Rückenlehne des Stuhls gehängt war, und streifte es sich über. Dann zog sie ihr langes dunkelbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz nach hinten, bevor sie es zu einem dichten Knoten zusammenwickelte. Bis zu ihrem Flug blieben ihr noch zwölf Stunden. Genügend Zeit, um sich zurechtzumachen, etwas zu essen, das eine oder andere einzukaufen und noch ein paar Dinge zu erledigen. Sie hatte vor, für eine Weile zu verschwinden. Als sie ihre Handtasche ergriff, fiel ein kleiner brauner Umschlag vom Tisch.

Der Mann im Bett drehte sich herum. »Eliza, mein Liebes …«, murmelte er undeutlich.

Eliska rührte sich nicht, bis sie am Rhythmus seiner Atemzüge erkennen konnte, dass er wieder tief und fest schlief. Dann hob sie das Kuvert auf und überprüfte den Inhalt: zehntausend US-Dollar, wie vereinbart. Sie steckte den Umschlag in ihre Handtasche und schlüpfte leise aus dem Zimmer.

***

»Scotch mit Soda, bitte.«

»Kommt sofort.«

Paul Leclerc legte seinen Rucksack auf den Barhocker neben sich und holte eine Postkarte sowie einen Stift heraus. Als er sechzehn war, hatte er seiner Schwester Claire das Versprechen gegeben, ihr aus jeder Stadt, in die er kam, eine Postkarte zu schicken. Er war stolz darauf, dieses Versprechen seit nunmehr zehn Jahren gehalten zu haben.

»Bitte schön!«, sagte der Barkeeper. »Darf ich Ihnen sonst noch was bringen?«

»Nein, das genügt. Danke.«

Paul trank den Scotch mit Soda, seinen Lieblingsdrink, in kleinen Schlucken und dachte an Claire. Er freute sich darauf, sie wiederzusehen. Er war in Marseille geboren und dort aufgewachsen, bis er alt genug war, um auf einigen der einheimischen Schiffe im Hafen zu arbeiten. Sein freundliches Naturell und sein brillantes Erinnerungsvermögen – speziell sein Personengedächtnis – machten ihn bei allen beliebt und brachten ihm den Spitznamen »Namen und Gesichter« ein. Wenn er an Glücksspielen auf den Schiffen teilnahm, erwies sich sein Gedächtnis ebenfalls als nützlich, und er hatte bei mehr als nur einer Gelegenheit daraus Vorteile gezogen. Er wusste, wie oft er gewinnen und verlieren musste, damit er es schaffte, nicht weiter aufzufallen, bis er genug Geld gespart hätte, um daheim in Marseille seine eigene Bar eröffnen zu können. In der Zwischenzeit reiste er ein paarmal im Jahr in verschiedene Städte rund um den Globus, in denen er nach Brennereien Ausschau hielt, die Spirituosen mit einzigartigem Geschmack herstellten, um diese nach Hause zu seiner Bar zu bringen. Jetzt war er bereit, in Kürze dorthin zurückzukehren. Er unterschrieb die Karte, leerte sein Glas und stand auf.

»Was bin ich Ihnen schuldig?«, fragte er und zog mehrere Geldscheine aus seiner Tasche.

»Sechs fünfzig«, erwiderte der Barkeeper.

Paul legte das Geld auf die Theke. »Gibt es ein Postamt in der Nähe?«

»Um die Ecke ist ein Briefkasten.«

»Prima. Danke.« Paul schenkte dem Barkeeper ein freundliches Lächeln und ging zur Tür hinaus.

***

Jian Zhang hatte von dem Bild vor ihm so viele Male geträumt, dass er kaum glauben konnte, nun direkt vor dem echten Gemälde zu stehen. Aber das war wirklich der Fall. Und er stand voller Ehrfurcht davor.

»Es ist etwas ganz Besonderes, nicht wahr?«, fragte Agnieszka, deren Gesicht vor Freude strahlte.

Etwas ganz Besonderes – das war eine Untertreibung. Er hatte selten gesehen, dass Licht auf eine so herrliche Weise dargestellt wurde. Das Gemälde schien ihn vollständig aufzusaugen.

»Wie hast du es geschafft, das in die Finger zu bekommen?«, wollte Jian wissen, der immer noch verblüfft war. Er wusste natürlich, dass seine Frau eine sehr angesehene Kunsthändlerin war. Doch selbst er glaubte, dass diese Erwerbung ein klein wenig außerhalb ihrer Liga war.

»Es ist auf dem Weg nach London«, antwortete sie. »Wir sind auf dem Weg nach London!«

Jians Stimme blieb gelassen. »Was meinst du mit ›wir‹?«

»Es soll auf einer zeitlich begrenzten Ausstellung präsentiert werden; und ich habe heute Morgen einen Anruf bekommen und bin gefragt worden, ob ich es begleiten könnte. Augenscheinlich ist die Person abgesprungen, die für den Klienten die erste Wahl gewesen ist, und man brauchte sofort jemand anders. Ich habe Hai angerufen; er kann sich um das Büro kümmern, während du weg bist.«

Von dieser Neuigkeit wurde Jian schlecht. Er hatte den Restaurantbetrieb seiner Eltern übernommen, als sie sich entschlossen hatten, wieder zurück nach Kanton zu ziehen. Und das hatte dazu geführt, dass sein Cousin Hai sich beleidigt fühlte, was die Rivalität zwischen ihnen sogar noch verschlimmert hatte.

»Dies ist eine großartige Gelegenheit, und ich weiß, du würdest sie nicht verpassen wollen. Und außerdem haben sie angeboten, die Ausgaben von uns beiden zu übernehmen. Ich kann es nicht ablehnen. Wir können es nicht ablehnen.«

Jian wusste, dass sie recht hatte. Er liebte die Kunst ebenso sehr, wie sie es tat, wenn nicht sogar noch mehr. Und so war es nicht überraschend gewesen, dass er seine Frau in einer Kunstgalerie kennengelernt hatte, wo sie ihrer Arbeit nachging. Sie hatte kurz zuvor die Schule beendet und ihren ersten ernsthaften Job bekommen. Als sie Jian dabei ertappte, zu nahe vor einem Vermeer zu stehen, und ihn aufforderte zurückzutreten, schaute er ihr in die Augen und erläuterte ihr, wie das Licht die Vergänglichkeit repräsentierte. Dabei führte er aus, so nahe wie möglich vor dem Gemälde zu sein, würde ihn daran erinnern, jede Situation so zu betrachten, als ob sie flüchtig wäre. Agnieszka blieb stumm, doch ihr Lächeln teilte ihm mit, dass sie nichts dagegen hatte, den Mann vor ihr häufiger zu sehen.

»Wie lange dauert die Ausstellung?«, fragte Jian.

»Nur zwei Wochen«, antwortete sie.

Jian merkte, dass er es ihr nicht ausreden konnte.

»Wir können den nächsten Flieger in fünf Stunden nehmen«, fügte sie hinzu. »Sie haben bereits unsere Flugreisen gebucht.«

»Okay«, stimmte er zu und fühlte sich dabei nur ein bisschen erleichtert. »Gehen wir.«

***

»Herzlichen Dank für Ihren Besuch. Es war wundervoll, Sie hier zu haben«, sagte Dr. Willis und streckte seine Hand aus.

Leah Carlsson war kein Fan vom Händeschütteln und versuchte stets, Abschiede so kurz wie möglich zu halten. »War mir ein Vergnügen«, entgegnete sie und umklammerte ihren Koffer sowie ihre Heftmappe, sodass sie mehr in ihren Händen zu halten schien, als es eigentlich der Fall war.

»Ihre Vorlesungen, Dr. Carlsson, sind bekanntlich immer gut besucht. Wenn Sie an irgendeiner Lehrtätigkeit als Gastdozentin Interesse haben, bin ich sicher, dass ich als Leiter der Fakultät dafür sorgen könnte -«

»Danke schön«, schnitt Leah ihm das Wort ab, »doch im Augenblick bin ich ziemlich beschäftigt mit mehreren eigenen Projekten.«

»Sie entwickeln einen weiteren Software-Code?«, erkundigte er sich.

»Etwas in der Art.« Großer Gott, dachte sie, kann dieser Kerl denn keinen Wink verstehen?

»Er muss brillant sein, wenn er einem Verstand wie Ihrem entspringt.«

Leah musste sich bewusst anstrengen, um zu verhindern, dass sich ihre Oberlippe vor Empörung nach oben kräuselte. Warum schrieb jeder ihren Erfolg der Begabung und nicht der harten Arbeit zu? Und außerdem – wenn irgendjemand einen Blick auf ihren Lebenslauf werfen würde, könnte er eine beeindruckende Liste von Stipendien und Auszeichnungen sehen. Sie nahm an, es musste damit zusammenhängen, dass nicht viele Mathematiker im Alter von achtundzwanzig Jahren eine ordentliche Professur erhielten – und ganz besonders nicht viele Frauen. Einige ihrer Kollegen an der Universität von Stockholm vermuteten, ihr Erfolg wäre einer elitären Seilschaft zu verdanken: Dass sie aus einer reichen Familie stammte, in der alle eine gute Ausbildung erhielten, und es immer jemanden gab, der ihr die richtige Tür zur richtigen Zeit öffnete. Sie war besser darin geworden, diese Vorstellungen an sich abperlen zu lassen, doch manchmal gingen sie ihr immer noch auf die Nerven.

»Der Check-in hat bereits begonnen«, sagte sie zu dem Mann in dem Bemühen, ihn endlich loszuwerden. »Ich möchte meinen Flug nicht verpassen.«

»Natürlich«, antwortete Dr. Willis und rief ein Taxi für Leah.

Leah lächelte höflich, als er zum Abschied winkte. Sie freute sich darauf, bald heimzukehren, in ihren gemütlichen vier Wänden zu sein und daran zu arbeiten, sich ihre eigene Umgebung zu errichten. Denn genau dort fühlte sie sich am wohlsten: in einem Haus aus Codes. Sie holte ihr Handy heraus, um nach der Uhrzeit zu sehen, und erblickte eine SMS von ihrem Bruder.

Alsooo, wie ist es gewesen? Haben sie Dir einen Job UND eine Wohnung angeboten? Lass Dich in keiner Bleibe nieder, die kleiner als ein Penthouse ist. ;-)

Sie musste unwillkürlich lächeln. Sie liebte ihren Bruder und wusste, dass er ihre harte Arbeit und ihren Erfolg sowohl verstand als auch würdigte und es zudem sehr schätzte, dass ihre Beziehung dadurch unverändert geblieben war.

Ich hab ihnen gesagt, ich werde darüber nachdenken. Immerhin IST es Amerika … ;-) Bis bald!

Sie steckte ihr Handy in die Tasche zurück und schaute zum Fenster hinaus.

***

»Es erfüllt mich mit Stolz, zu sehen, wie du dich aufrecht hältst, Sohn. Ich weiß ja, es ist ein hartes Jahr gewesen.«

Nicholas Clark ergriff seinen Vater ein wenig fester und zeigte so seine Dankbarkeit. Er war viel besser darin, seine Gefühle durch Gesten auszudrücken. Worte waren nicht sein Ding. Waren es niemals gewesen.

»Gibst du mir Bescheid, wenn du zu Hause angekommen bist?«

»Na klar«, antwortete Nicholas.

Dieser Wortwechsel war zu einer Gewohnheit geworden, seit Nicholas damals seinen Vater in New York City das erste Mal besucht hatte. Als er fünfzehn gewesen war, hatten sich seine Eltern scheiden lassen. Und obwohl die Gerichte seiner Mutter das Sorgerecht erteilt und ihnen erlaubt hatten, nach Kapstadt zu ziehen, war es dennoch vorgeschrieben, dass er Ferien mit seinem Vater verbrachte. Es machte ihm nichts aus, in den Sommern in die Stadt zurückzukehren und mit seinen alten Freunden herumzuhängen. Die Besuche waren zwar kürzer geworden, als er das gesetzliche Erwachsenenalter erreicht hatte und in den Polizeidienst eingetreten war, doch er schaffte es immer noch, seinen Vater wenigstens einmal im Jahr zu besuchen.

Nick schnappte sich seinen Koffer, hob ihn aus dem Gepäckraum des Wagens und stellte ihn auf den Bordstein. Zum Abschied salutierte er vor seinem Vater, dann drehte er sich um und machte sich auf den Weg zum Abfertigungsschalter.

***

Felicity Wilson saß bequem auf dem Sitzplatz 11B und schaute zu, wie die restlichen Passagiere an ihr vorbeigingen, während sie ihre Plätze im Flugzeug suchten. Sie war nicht gerade der größte Fan von Flugreisen, aber es gab keine andere Möglichkeit, um nach London zu kommen. Man hatte sie zu einer internationalen Konferenz über gesundheitspolitische Strategien eingeladen, und als frischgebackene Hochschulabsolventin wusste sie, dass sie dort unbedingt anwesend sein musste, um einige neue Kontakte aufzubauen. Ihr Stiefvater war bis jetzt behilflich gewesen, doch nun war sie bereit, auf eigenen Füßen zu stehen und sich selbst Türen zu öffnen.

Als immer weniger Passagiere an ihr vorbeigingen, erregte jemand ihre Aufmerksamkeit. Drei Reihen vor ihr stand ein großer Mann mit zerzaustem dunkelbraunem Haar und einem Dreitagebart; seinen Rucksack stopfte er gerade in das Gepäckfach über den Sitzen. Sie betrachtete ihn von oben bis unten und bewunderte seine wohlgeformte Statur, die sich unter seiner braunen Lederjacke abzeichnete. Letztere hatte offensichtlich eine ganze Reihe von Kneipenschlägereien miterlebt. Er ist wahrscheinlich ein Europäer, dachte sie, während sie sich vorzustellen versuchte, wie er wohl roch. Sie mochte Männer mit einer rauen Anziehungskraft. Und noch mehr als das mochte sie die Aufmerksamkeit, die sie von solchen Männern erhielt. Zu deren Unglück war sie allerdings nicht sonderlich darauf erpicht, ihnen eine gleich große Beachtung zu schenken. Sie beobachtete, wie der Mann sich in der Kabine umschaute, es jedoch unterließ, Augenkontakt mit ihr herzustellen. Verdammt! Sie schaute zu, wie er seinen Sitzplatz einnahm und dann nach der Stewardess rief.

»Ja, Sir?«, fragte die Stewardess.

»Scotch mit Soda, bitte«, sagte er.

»Tut mir leid«, erwiderte sie, bevor sie die Hand nach oben streckte, um das Ruflicht auszuschalten. »Keine Getränke vor dem Start! Doch ich bringe Ihnen einen, sobald wir oben in der Luft sind.«

***

Nick nahm seine Geräusche unterdrückenden Kopfhörer heraus und steckte seine Ledertasche unter den Sitz vor ihm. Die Kopfhörer waren ein Geburtstagsgeschenk von Myra. Nick hatte sich nur ein einziges Mal während ihrer Beziehung beklagt; und dabei ging es um ihr Schnarchen. Sie hatte ihm die Kopfhörer als eine Art Entschuldigung geschenkt, jedoch auch, um ihm ihr Verständnis dafür zu zeigen, dass Ruhe für ihn wichtig war. Stille war das Einzige, was ihn geistig so weit entspannte, dass Antworten an die Oberfläche seines Bewusstseins aufsteigen konnten. Immer versuchte er einzuschlafen, bevor ein Flugzeug abhob, und für gewöhnlich half es, Musik zu hören oder auf seinem Laptop einen seiner Lieblingsfilme anzuschauen. Er tippte auf den Bildschirm vor ihm, der allerdings nicht darauf reagierte. Na ja, dachte er, ich kann auch darauf verzichten. Er schnallte sich an und lehnte sich in seinem Sitz zurück. Kaum aber hatte er seine Augen geschlossen, spürte er, wie jemand auf seine Schulter tippte.

Nick öffnete seine Lider und sah eine Stewardess, die zu seiner Linken stand. »Entschuldigen Sie, Sir. Mehrere der Flugzeugmonitore funktionieren nicht. Sie können jederzeit das hier benutzen.« Bei diesen Worten reichte sie ihm ein dünnes Tablet. »Genießen Sie Ihren Flug.«

»Danke«, antwortete Nick, als er das Tablet entgegennahm. Er legte es sich auf den Schoß und schaute sich um. Auch mehreren anderen Passagieren in der Kabine überreichte die Stewardess Tablet-PCs. Er nahm sein Gerät wieder in die Hand, stöpselte seine Kopfhörer ein und schaltete es an. Ein einfaches Bildschirmmenü listete seine Wahlmöglichkeiten auf: Filme, Musik, Bücher, Zeitschriften, Duty-free-Shopping. Das Übliche, dachte er. Er scrollte durch die Filme, die zur Wahl standen, stieß auf einen seiner Lieblingsstreifen – Indiana Jones und der letzte Kreuzzug – und tippte zweimal darauf. Dann setzte er seine Kopfhörer auf und lauschte der Titelmusik, als plötzlich der Bildschirm schwarz wurde. Großartig! Nick wartete ein paar Sekunden, bevor er ein weiteres Mal auf den Monitor tippte. Ein kleiner Kasten, der die Wörter »GEDRÜCKT HALTEN« enthielt, tauchte auf dem Bildschirm auf. Nick presste seinen Daumen auf das Kästchen, bis es verschwand.

»Identität bestätigt – Nicholas Clark.«

Der Bildschirm blieb weiterhin schwarz, und Nick war sich nicht sicher, woher die Stimme gekommen war. Er wusste, dass sie nicht zum Film gehörte, und er hatte Zweifel, ob sie überhaupt aus seinen Kopfhörern erklungen war. Er schaute sich um; doch der Nachbarsitz war nicht besetzt, und auch im Gang stand niemand neben ihm. Auf einmal wurde der Bildschirm weiß, und er hörte seinen Namen erneut; nur dieses Mal tauchte sein Name ebenfalls auf dem Monitor auf, und zwar zusammen mit all seinen persönlichen Daten: Alter, Größe, Gewicht, Ausbildung, Hobbys, Beruf – ein kompletter Steckbrief. Was zum Teufel?, fuhr es ihm durch den Kopf. Woher ist das gekommen? Er versuchte, das Tablet auszuschalten, doch der Bildschirm war eingefroren.

»Hallo, Nicholas. Seien sie unbesorgt«, sagte eine weibliche Stimme. »Wir haben ein Angebot für Sie.«

Während Nick das Tablet immer noch mit beiden Händen gepackt hielt, wurde ihm bewusst, dass er die Luft anhielt. Er bemühte sich, sie lautlos ausströmen zu lassen. Dann blickte er sich in der Kabine um, doch nichts schien ungewöhnlich zu sein. Er wusste nicht, wer die Frau war – oder wer »sie« waren, und ihm gefiel mit Sicherheit nicht, dass sie so viel über ihn wussten und ihn irgendwie auf einem Flug lokalisiert hatten. Er dachte darüber nach, was er als Nächstes tun sollte, als die Frauenstimme erneut sprach.

»Wir haben Sie schon eine Zeit lang im Auge; sowohl Ihre Fertigkeiten als auch Ihre Lebenslage sind ziemlich einzigartig. Für einen Mann Ihres Alters haben Sie es recht schnell geschafft, die Dienstgrade als Detective zu durchlaufen. Doch wir wissen ebenso, dass es nicht genug für Sie ist, Kleinkriminelle hinter Gitter zu bringen. Wir können Ihnen die Herausforderung bieten, nach der Sie Ausschau halten. Wir wollen, dass Sie sich uns anschließen und uns dabei unterstützen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.«

***

»Wir wollen, dass Sie sich uns anschließen und uns dabei unterstützen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.«

Leahs Magen zog sich zusammen. Sie wollte nicht die Welt retten – zumindest nicht mehr, seitdem sie älter als sechs war. Und der Gedanke, für irgendjemand anders eine Bereicherung zu sein, gefiel ihr ebenfalls überhaupt nicht. Wie war es ihnen bloß gelungen, so viele Informationen über sie zu sammeln? Ihr war klar, dass ein Spionageprogramm, das sie während eines Fluges in einer Passagiermaschine lokalisieren und in Echtzeit mit ihr Kontakt aufnehmen konnte, ernst zu nehmen war; und ganz sicher wollte sie nicht in eine solche Sache hineingezogen werden. Sie spürte, wie ihr Herz heftig in der Brust schlug. Sie holte tief Luft, atmete langsam aus und lauschte der Stimme.

»NBS ist eine internationale Geheimdienstorganisation – das Kürzel steht für Nations’ Bureau of Security. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, eine internationale Terrororganisation zu Fall zu bringen, die als das SYNDIKAT bekannt ist. Leah, Ihre Fertigkeiten sind von unschätzbarem Wert für uns, insbesondere im Licht der jüngsten Ereignisse. Das SYNDIKAT hat irgendwie Ihre Arbeit in die Finger bekommen und sie ein Stück weit aufgegriffen. Nehmen Sie ein Taxi zum Baskerville Café, sobald unser Flugzeug Heathrow erreicht. Um elf Uhr vormittags werden Sie abgeholt.«

Die Gedanken in ihrem Kopf lärmten immer mehr, als sie versuchte, sich einen Reim auf ihre gegenwärtige Situation zu machen. Sie kniff ihre Augen zusammen und konzentrierte sich auf die Schwärze, bis sich ihre Herzschlagfrequenz normalisierte.

***

»Wir wollen, dass Sie sich uns anschließen und uns dabei unterstützen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.«

Eliska verließ rasch das Terminal, den Kopf noch immer in Aufruhr. Sie war sich nicht sicher, was sie mit all den neuen Informationen anfangen sollte, die man ihr gegeben hatte, und ihr Verstand konnte sie nicht rasch genug verarbeiten. Die Stimme hatte ihr erzählt, dass einige ihrer Kunden in organisiertes Verbrechen verwickelt waren. Sie wollte an so etwas nicht denken; sie brauchte die Sache für sich selbst nicht noch schlimmer zu machen.

Nachdem sie etwas von ihrem Bargeld in Pfundscheine gewechselt hatte, machte sie sich auf den Weg zur Toilette. Dort suchte sie die erste leere Kabine auf und schloss sie hinter sich zu. Aus ihrer Tasche zog sie eine Sonnenbrille, eine blonde Perücke und eine Jacke heraus. Sie war immer noch fest entschlossen zu verschwinden und wollte neutral bleiben. Dann vernahm sie, wie die Tür zur Toilette geöffnet wurde; gleich darauf folgte das Geräusch von laufendem Wasser. Nachdem sie die Toilettenspülung betätigt hatte, verließ sie die Kabine, ging zum Waschbecken hinüber und drehte den Hahn auf. Während sie sich neben der anderen Frau die Hände wusch, vermied sie jeglichen Augenkontakt mit ihr. Sie konnte jedoch erkennen, dass die Fremde ihr Spiegelbild anstarrte.

»Nicht alles lässt sich durch eine Verkleidung mühelos verbergen, Miss Fawn.«

Eliskas Herzschlag setzte einmal aus.

»Oder wäre es Ihnen lieber, wenn ich Sie ›Novak‹ nennen würde?«

Erst als sie die Worte ganz erfassen konnte, wurde ihr bewusst, dass die Frau Tschechisch gesprochen hatte. Seit Jahren hatte keiner mehr in dieser Sprache das Wort an sie gerichtet.

»Wie bitte?« Eliska schnürte es die Kehle zu, und sie vermochte kaum noch ein Wort über ihre Lippen zu bringen.

Die Frau wechselte problemlos wieder zu Englisch. »Ich kann sehen, dass Sie vorhaben wegzurennen – aber bedauerlicherweise in die falsche Richtung.« Ihre Augen waren auf Eliska geheftet. »Ich hoffe, dass Sie nicht zu dem Entschluss gekommen sind, unser Jobangebot unverzüglich abzulehnen. Sie würden nämlich eine gute Rekrutin abgeben«, fügte sie hinzu und warf ihr einen erwartungsvollen Blick zu.

Eliska konnte die Kaltblütigkeit im Tonfall der Frau nicht überhören, aber das ängstigte sie nicht. Sie wusste, dass diese Person es ernst meinte. Doch sie konnte die Situation noch immer nicht in ihren ganzen Ausmaßen begreifen. Deshalb blieb sie stumm.

»Draußen wartet ein Auto auf uns. Ich schlage vor, dass Sie mit mir kommen. Wenn Sie es nicht tun, können wir Ihnen unseren Schutz nicht länger gewähren.«

Nicht länger?, dachte sie. Seit wann hatten sie ihr denn Schutz gewährt – und vor wem? Eliska hatte seit ihrem siebten Lebensjahr in den Straßen von New York überlebt, und dort war ihr gewiss ein Mangel an Schutz widerfahren. Sie drehte den Wasserhahn zu und blickte der Frau direkt ins Gesicht. »Würden Sie mir erzählen, was genau eigentlich los ist?«

»Sie werden schon bald Antworten auf Ihre Fragen erhalten. Kommen Sie! Das Auto wartet«, erwiderte die Frau.

***

»Wir wollen, dass Sie sich uns anschließen und uns dabei unterstützen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.«

Jian saß still auf dem Rücksitz eines Taxis und fragte sich, warum sie gerade ihn haben wollten – und weshalb er so problemlos ihren Anforderungen entsprochen hatte. Was war mit Agnieszka? Sie hatten ziemlich nachdrücklich darauf bestanden, dass er die ganze Sache vor seiner Frau geheim halten sollte. Er hatte zwar noch nie Probleme damit gehabt, Geheimnisse vor ihr zu bewahren, aber es gefiel ihm nicht, sie offen anlügen zu müssen. Er lauschte dem Regen, der auf die Windschutzscheibe herunterprasselte.

Agnieszka hatte seinen Namen mehrmals wiederholt, bevor er bemerkte, dass sie zu ihm sprach. »Jian? Jian?«

»Entschuldigung, ich war ein bisschen abgelenkt.«

»Komm schon, Jian. Beruhige dich. Wir sind jetzt in London. Du kannst dich im Hotel ein wenig ausruhen, während ich zur Galerie rübergehe. Sie erwarten mich dort unverzüglich.«

»Und du möchtest nicht, dass ich mit dir komme – bist du dir da sicher?«, fragte Jian, obwohl er bereits die Antwort wusste.

»Nein, das geht in Ordnung; du kannst dich jetzt ein wenig erholen. Ich konnte im Flugzeug ziemlich lange schlafen.«

Jian war dafür dankbar. Er hatte der Stimme aufmerksam zugehört und sich ihre Anweisungen eingeprägt. Er sollte um elf Uhr vormittags draußen vor dem Darlington House abgeholt und zum Hauptquartier des NBS gebracht werden.

»Okay«, sagte er. »Dann werde ich dich am Abend sehen?«

»Ich bin sicher, du wirst kein Problem haben, dich selbst zu beschäftigen, während ich in der Galerie bin.«

Jian lächelte und küsste seine Frau auf die Wange, als sie vor ihrem Hotel anhielten.

»Wir sind da«, verkündete der Fahrer und legte im Automatikgetriebe die Parkposition ein. »Das macht dann zweiundvierzig Pfund, bitte.«

»Vielen Dank!«, sagte Jian. Er gab dem Mann eine Fünfzigpfundnote und ließ ihn das Wechselgeld behalten.

»Genießen Sie Ihren Aufenthalt, und versuchen Sie, sich vom Regen fernzuhalten«, riet der Taxifahrer und grinste Jian freundlich an.

»Wird gemacht, wird gemacht.« Jian öffnete seinen Regenschirm und hielt ihn über Agnieszkas Kopf, während sie in das Hotel gingen.

***

Warum zum Teufel geht er nicht ans Telefon ran?, dachte Leah, während sie ihrem Bruder eine weitere SMS schrieb.

Ruf mich so schnell wie möglich an. Es ist etwas dazwischengekommen. Ich bin mir nicht sicher, wann ich es schaffen werde, nach Hause zu kommen.

Leahs Bruder war auch ihr bester Freund. Er war vier Jahre älter als sie, doch sie waren stets als Zwillinge durchgegangen. Leah erzählte ihm alles. Fast alles. Doch genau darauf kam es an: Sie brauchte ihm nicht alles zu erzählen, damit er sie verstand. Er wusste immer, wie er sie trösten musste, wenn sie zu streng mit sich selbst war; und er ließ sie niemals zu lange aus seinem Leben verschwinden. Wenn ein paar Wochen vorübergegangen waren, ohne dass sie Kontakt miteinander hatten, gelang es ihm stets, nach ihr zu sehen. Jetzt allerdings war sie diejenige, die ausflippte, denn sie war nicht imstande, mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Sie wählte erneut, bekam aber nur seine Mailbox.

»Dies ist der Anschluss von Erik Carlsson. Bitte hinterlassen Sie Ihren Namen …« Sie brach den Anruf ab, bevor sie den Piepton hörte. Sie hatte ihm bereits drei Nachrichten hinterlassen.

Leah sah auf ihre Uhr; es war zwei Minuten vor elf. Sie steckte ihr Telefon in die Handtasche und blickte zum Fenster hinaus; dann beobachtete sie, wie sich ein Fahrzeug dem Bordstein näherte. Genau wie die Stimme gesagt hat, dachte sie. Sie hatte die Anweisung erhalten, den Flughafen zu verlassen und ein Café in der Londoner Innenstadt aufzusuchen, wo man sie pünktlich um elf Uhr vormittags abholen würde. Sie stand nun von ihrem Stuhl auf und zog ihren Regenmantel an. Als sie sich der schwarzen Limousine näherte, öffnete sich deren Hintertür. Heraus trat ein Mann in einem maßgeschneiderten Anzug. Seine körperliche Erscheinung war stattlich für sein Alter, aber der strenge Ausdruck von Stirn und Wangen wies darauf hin, dass er seit Jahren unter starker Belastung stand.

»Dr. Carlsson, bitte«, sagte der Mann und forderte sie mit einer Geste auf, im Fahrzeug Platz zu nehmen. Er schloss die Tür hinter ihr und stieg auf der anderen Seite ein.

»Wohin bringen Sie mich?«, wollte Leah wissen. Sie hasste das Gefühl, keine Kontrolle zu haben; und dass sie so wenig über das wusste, was gerade vor sich ging, machte die Sache nur noch schlimmer.

»Sicherlich muss dies ziemlich überraschend für Sie kommen«, erwiderte er. »Doch ich kann Ihnen versichern, dass wir nur Ihr Bestes im Sinn haben.«

»Wohin bringen Sie mich?«, wiederholte Leah.

»Wir fahren zu unserem Hauptquartier. Sie werden eine vollständige Einweisung erhalten und die anderen Mitglieder Ihres Teams treffen.«

»Mein Team? Was meinen Sie mit – mein Team?«

»Alle Agents sind hoch qualifizierte Individuen, die rund um die Welt undercover im Einsatz sind. Bei vielen Missionen arbeiten sie jedoch in Teams zusammen. Sie, Dr. Carlsson, werden gerade zusammen mit fünf weiteren Personen angeworben. Sie werden die anderen schon bald treffen.«

»Was ich immer noch nicht verstehe, ist – was springt für mich dabei raus? Ich habe in Stockholm einen gut bezahlten, überaus lohnenswerten Job, mit dem eine akademische Karriere einhergeht. Ich liebe mein Leben genau so, wie es ist – ganz zu schweigen von der ungestörten Privatsphäre, die es mir bietet. Welche Vorzüge hat Ihr Angebot für mich?«

»Ihr Leben ist nicht so privat, wie Sie glauben mögen. Sie haben Security-Netzwerke für bedeutende Unternehmen rund um den Globus entwickelt. Ihre Verschlüsselungsarbeit ist eine der besten, die wir kennen. Doch das war nur bis vor Kurzem so: Dann begannen ein paar Cyber-Terroristen, die mit der Organisation verbunden sind, von der wir Ihnen erzählt haben – dem SYNDIKAT –, Ihre Arbeit zu kopieren, sie aufzugreifen und ein Stück weiterzuentwickeln. Somit sind diese Leute inzwischen dem Gesetz und dem Recht weit voraus, was das Thema Sicherheit anbelangt.«

Leah spürte, wie in ihrem Innern Zorn und Abscheu immer mehr zunahmen. Sie wusste, dass die geheime Welt der Hacker voller brillanter Köpfe und voller Ideen weit jenseits ihrer eigenen Fähigkeiten war. Sie wusste ebenfalls, wie gefährlich diese Welt war. Daher hatte sie schon früh in ihrem Leben die Entscheidung getroffen, sich aus den düsteren Ecken der Cyberwelt herauszuhalten. Deshalb gefiel es ihr nicht, welche Richtung dieses Gespräch einschlug.

»Was lässt Sie glauben, dass ich etwas dagegen unternehmen kann?«

»Nun ja, es ist Ihr geistiges Kind. Sie kennen es besser als jeder andere.«

»Also knacke ich den Code, verschaffe Ihnen Zugang zu deren System und darf anschließend nach Hause? Und das ist’s gewesen? Ist es so einfach?«

Er zog es vor, ihr mit Schweigen zu antworten. Schließlich sagte er: »Wir sind jetzt fast da. Agent Sullivan wird Sie über die restlichen Einzelheiten ins Bild setzen können.«

Leah blickte auf ihr Handy: immer noch kein Wort von ihrem Bruder. Das sieht ihm überhaupt nicht ähnlich, dachte sie. Er reagierte sonst immer auf ihre Anrufe oder ihre SMS-Nachrichten. In Gedanken ging sie ihr letztes Gespräch mit ihm noch mal durch, als ihr auffiel, dass der Wagen in ein Parkhaus fuhr. Der Fahrer lenkte das Auto zur untersten Ebene und hielt vor einer großen Metalltür. Er ließ das Fenster auf seiner Seite herunter, scannte seinen Ausweis und tippte in die Eingabeaufforderung einen Code ein, damit die Tür sich öffnete. Sobald sie drinnen waren, parkte er das Auto. Die Tür auf Leahs Seite öffnete sich. Sie blickte hoch und sah eine Frau, die ihre Hand ausstreckte. Nicht noch ein weiterer Händedruck, dachte Leah.

»Dr. Carlsson«, begrüßte die Frau sie. »Willkommen beim NBS.«

***

Paul bekam vom grellen Neonlicht, das von den fahlen Wänden reflektiert wurde, eine Gänsehaut. Er zog es vor, draußen im Freien zu sein, und hasste die Vorstellung, sich mehrere Stockwerke unter dem Bodenniveau zu befinden. Der Korridor war lang und niedrig und wurde von dicken Metalltüren gesäumt. Paul folgte dem Agent vor ihm, bis sie das Ende des Ganges erreichten. Sie blieben vor einer mächtigen Metalltür stehen, während der Agent eine Karte scannte und mehrere Ziffern eingab. Daraufhin glitt die Tür auf und brachte eine Operationszentrale zum Vorschein, die voller Bildschirme, Computer und anderer Hightech-Vorrichtungen war. Um einen großen Konferenztisch herum hatten fünf junge Leute Platz genommen, und am Kopfende stand ein Mann, der vielleicht doppelt so alt wie Paul war und einen Anzug trug. Als er den Raum betrat, konnte Paul augenblicklich die Spannung fühlen. Ich schätze, ich bin nicht der Einzige, dachte er. Der Mann im Anzug streckte die Hand vor und gab Paul ein Zeichen, sich ebenfalls an den Tisch zu setzen.

Pauls Augen überflogen die die anderen. Ihm fiel sogleich der dunkelhäutige Mann mit dem muskulösen Oberkörper auf, der sich mit den Ellbogen auf dem Tisch abstützte. Er warf Paul einen flüchtigen Blick zu und richtete dann seine Augen wieder auf den Mann im Anzug. Neben ihm saß eine große, schlanke Frau, die vielleicht zwei, drei Zentimeter kleiner als Paul war. Er schenkte ihr ein Lächeln, doch sie blieb kühl. Paul nahm zur Rechten einer Frau Platz, die ihr langes blondes Haar zu einem einfachen Zopf geflochten hatte. Er drehte sich zur Seite und sah ihr umwerfendes Profil; der Ausdruck von Niedergeschlagenheit in ihrem Gesicht verriet ihm freilich, dass sie nicht allzu kommunikativ sein würde. Der Mann im Anzug räusperte sich nun und begann zu sprechen.

»Ich bin Agent Sullivan, Chef der hiesigen Dienststelle. Willkommen beim NBS London!« Agent Sullivan ließ seine Augen für einen kurzen Moment auf jedem der am Tisch Sitzenden ruhen. »Sie sind alle heute hierhergebracht worden«, fuhr er fort, »wegen dem, was Sie tun und wer Sie sind. Sie alle sind in der Tat recht interessante Menschen.« Er ergriff die oberste Mappe eines kleinen Stapels.

»Nicholas Clark. Siebenundzwanzig Jahre alt. Kriminalbeamter, ansässig in Kapstadt, Südafrika. Bekannt als der ›menschliche Lügendetektor‹.«

Seitdem Nick am Tisch Platz genommen hatte, hatte er nervös darauf gewartet zu erfahren, wer genau ihn anzuwerben suchte. Agent Sullivans Einführung war jedoch nicht das, was er hören wollte.

»Hören Sie zu! Ich bin nicht an irgendwelchen Spielchen interessiert, mit denen hier das Eis gebrochen werden soll. Sie wissen bereits über mich Bescheid. Jetzt will ich über Sie Bescheid wissen.« Nick versuchte sachlich und ernst zu klingen, denn er wusste, dass ihn ein drohender Ton nirgendwohin bringen würde.

Agent Sullivan warf Nick einen strengen Blick zu. »Ich habe Ihnen schon meinen Namen gesagt. Alles, was Sie wissen müssen, werden Sie zu gegebener Zeit erfahren. Bewahren Sie einfach Geduld.«

Als Detective hatte Nick einen sechsten Sinn für Leute entwickelt, die gewohnheitsmäßig Fragen auswichen oder ignorierten. Dieser Agent Sullivan war, was das anbelangte, ein ganz harter Brocken.

»Nachdem Sie, Nicholas, einige beeindruckende Verhöre geführt hatten, gelang es Ihnen, mehrere kleine Verbrecherorganisationen in Kapstadt auszuschalten. Sie haben auch dafür gesorgt, dass ein paar korrupte Cops aus ihren Positionen entfernt wurden, aber das war Ihrer Beliebtheit nicht gerade zuträglich, nicht wahr? Nichtsdestotrotz wurden Sie zum Detective befördert und sind weiterhin erfolgreich gewesen. Letzten Winter haben Sie Ihre Verlobte verloren, aber es ist Ihnen gelungen, nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten.«

Das war für Nick ein Schlag unter die Gürtellinie. Dieser Mistkerl, dachte er und wurde plötzlich wütend. Myra war sein Lebensinhalt gewesen. Als sie starb, hatte Nick sich gefühlt, als wäre die ganze Welt unter ihm weggebrochen. Was wusste dieser Kerl von seinem »Gleichgewicht«?

Agent Sullivan schien Nicks Reaktion auf seine Worte nicht zu bemerken und fuhr mit seinen einleitenden Ausführungen fort.

»Das SYNDIKAT – die Terrororganisation, von der wir Ihnen erzählt haben – hat eine Filiale in Kapstadt gegründet. Es benutzt diese Niederlassung als Waffenlager, aber ebenso als Einrichtung, wo eigene Agents für eine Weile untertauchen können. Mit Ihren Kontakten, Nicholas, ist Ihre Position dort ideal. Doch möglicherweise ist das SYNDIKAT sogar schon bis zu einigen Ihrer Kollegen vorgedrungen und hat sie auf seine Seite gezogen.«

Nicks Gedanken überschlugen sich. Er hatte sich tatsächlich in dem Bemühen, die Erinnerungen an Myras Tod zu verdrängen, mit Haut und Haaren der Polizeiarbeit verschrieben. Die Karriereleiter hinaufzusteigen vermittelte ihm das Gefühl, leistungsstark zu sein; und dafür zu sorgen, dass Verbrecher ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden, gab ihm das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Doch seine Arbeit diente lediglich dazu, seinen Kummer zu betäuben, und die Wirkung dieses Schmerzmittels begann bereits nachzulassen. Selbst die Reisen, um seinen Vater zu besuchen, und die obligatorischen Trauertherapie-Sitzungen halfen nicht mehr viel. Sich dem NBS anzuschließen klang nach einer starken Dosis von einer wirkungsvollen Medizin. Bei einer mächtigen Organisation engagiert zu sein und weltweit Kriminelle zu fangen würde ihm gestatten, sich regelmäßig aus Kapstadt herauszuschleichen und wieder hineinzuschlüpfen: Es würde ihm eine ganz neue Gelegenheit bieten, den Schatten der Vergangenheit zu entkommen. Während Nick versuchte, sich dieses neue Leben vorzustellen, fuhr Agent Sullivan fort.

»Eliza Fawn. Oder vielmehr Eliska Novak. Achtundzwanzig Jahre alt. Ursprünglich aus Prag. Wurde im Alter von sieben in die USA gebracht. Wuchs in den Straßen von New York City auf. Arbeitet als Begleitperson für eine Klientel, die den oberen Zehntausend angehört. Die meisten ihrer Kunden sind Milliardäre.«

»Ist das alles, was Ihre Akte über mich sagt?«, fragte Eliska. Sie hatte von ihrem Steckbrief auf dem Tablet genug gelesen, um zu wissen, dass man eine beeindruckende Menge an Informationen über sie gesammelt hatte – insbesondere ihre Kundenliste.

»Wenn Sie auf die genauen Dienstleistungen anspielen, die Sie anbieten … Ja, die sind ebenfalls aufgeführt. Aber wir müssen jetzt nicht darauf eingehen, oder?«

Eliska presste ihre Lippen zusammen. Mit einem geradezu wahnsinnigen Ausdruck starrte sie Agent Sullivan mit voller Konzentration an, während er fortfuhr.

»Vor zwei Jahren veränderte sich Ihre Kundschaft dramatisch – dank Ihrem Chef, einem gewissen Mr Lennox. Fast alle Ihre Stammkunden sind seine Freunde. Er hat Sie sogar gebeten, sie bei besonderen Gelegenheiten ins Ausland zu begleiten, was Ihnen ermöglicht hat, in ziemlich kurzer Zeit eine beeindruckende Anzahl von Städten zu besuchen. Sie sollten außerdem froh sein, dass Sie wieder zurückgekehrt sind. Mr Lennox scheint der Kopf des Schwarzhandelsnetzwerks des SYNDIKATS zu sein. Wir sind sicher, dass er von jemandem Befehle empfängt, doch wir sind bislang nicht in der Lage gewesen, herauszufinden, von wem er sie bekommt. Das ist eine unglaublich wichtige Information, die Sie für uns beschaffen könnten, Miss Novak. Ich weiß, dass Sie auf der Flucht vor ihm sind. Aber Ihnen ist doch klar, dass er Sie früher oder später finden wird.«

Während Eliskas gesamter Kindheit hatte es immer wieder Situationen gegeben, in denen es auf Leben und Tod ging. Warum sollte das Erwachsenendasein irgendwie anders sein?, fragte sie sich.

»Wenn ich mich in einer so lebensgefährlichen Lage befinde, warum bin ich dann bislang noch nicht getötet worden?«, wollte sie wissen. »Und was bieten Sie mir im Austausch für meine Kooperation an?«

»Einen Ausstieg aus diesem Lebenswandel und eine neue Existenz mit viel mehr Freiheit. Das ist ein Anfang.«

»Ich war auf meinem Weg in die Freiheit«, entgegnete sie. »Zumindest ein klein wenig.«

»Diese Leute hätten Sie in Prag aufgespürt. Wenn wir wissen, dass Sie sich ein Ticket besorgt haben, dann weiß das im SYNDIKAT ebenfalls jemand. Und gleichgültig, welche Freiheit Sie bis jetzt gehabt haben – sie war eine Illusion. Die Augen des SYNDIKATS durchstreifen unentwegt die Stadt, und sobald sie etwas von Ihnen in Erfahrung bringen, wird es auch Lennox wissen.«

Eliska hielt sich nicht damit auf, eine Antwort zu geben. Sie wusste, es entsprach der Wahrheit, was Agent Sullivan sagte. »Was soll ich jetzt tun?«

»Sie kehren nach New York zurück. Diese Leute wissen, dass Sie ein bisschen Geld haben, doch sie wissen auch, es wird nicht für immer reichen. Sie werden zurückgehen und sagen, Sie hätten sich einen Kurzurlaub genommen, einfach nur, um Ihre Batterien wieder aufzuladen.«

Eliska zögerte, darauf zu antworten. Ihre Gedanken wurden durch einen Gefühlsausbruch von Felicity unterbrochen.

»Und was ist mit mir?«, fragte diese laut. »Ich bin nicht in das organisierte Verbrechen verwickelt. Bin es niemals gewesen.« Sie hatte gerade ihren Masterabschluss gemacht, und war auf dem Weg zu einer Konferenz über Gesundheitspolitik gewesen. Ihr Leben war eindeutig vollkommen anders als das von Nick – und erst recht als das von Eliska.

»Sie, Miss Wilson, stehen dem SYNDIKAT näher, als Ihnen klar ist. Sie sind praktisch in seinem Schatten aufgewachsen.«

Ein Gefühl der Übelkeit machte sich in Felicitys Magen breit. Was Agent Sullivan im Begriff war zu sagen, würde es nur noch schlimmer machen.

»Ihr Vater ließ Ihre Mutter im Stich, als Sie zwei Jahre alt waren. Sie haben keinerlei Erinnerungen an ihn. Ihre Mutter ließ alles hinter sich, als sie Sie mitnahm und nach Los Angeles zog.«

Felicity hatte ihre Mutter oft um Informationen über ihren Vater gebeten. Um irgendetwas, und wenn es nur ein Bild gewesen wäre – doch es gab nichts. Ihre Mutter hatte alles in Kansas zurückgelassen.

»Kurz nach der Ankunft in L.A. begann Ihre Mutter für einen sehr bedeutenden Geschäftsmann als Sekretärin zu arbeiten. Sie fiel ihm ins Auge, und er versprach ihr, er könnte mithelfen, für Sie zu sorgen, auf eine Weise, die ihr niemals möglich wäre; er bot zahllose Möglichkeiten an, von denen Ihre Mutter nur träumen könnte. Die beiden heirateten kurze Zeit danach, und er adoptierte Sie. Die letzten zweiundzwanzig Jahre ist es aufwärts für Sie gegangen – dank Ihrer Intelligenz und Ihres Ehrgeizes, doch auch sein Geld hat Ihnen sehr viele Türen geöffnet.«

»Weiß meine Mutter davon?«, fragte Felicity. Sie hoffte, dass zumindest etwas von der schweren Last, die auf ihrer Brust lag, fortgenommen werden konnte.

»Nein, sie hat keine Ahnung. Alle Spuren seiner Arbeit für das SYNDIKAT werden von den anderen weggeräumt; daher ist sie niemals auf irgendwas gestoßen. Bis auf Weiteres ist sie sicher.«

»Was meinen Sie damit – bis auf Weiteres?« Felicity dachte über ihre Mutter nach. Sie war eine unschuldige Frau: jemand, der in diese Angelegenheit nicht hineingezogen werden musste.

»Niemand ist sicher, der mit dem SYNDIKAT verbunden ist. Jeder, der mit diesen Leuten in Kontakt kommt, ist irgendwie gekennzeichnet. Sie nehmen keine Rücksicht auf Menschenleben, auch nicht innerhalb ihrer Organisation.«

»Und was soll ich tun? Sie haben selbst gesagt, es gibt keinerlei Beweise oder Belege, die anzeigen, worin genau er involviert ist.«

»Lassen Sie sich von ihm anwerben. Sie betreten gerade die Welt der internationalen Politik: Das SYNDIKAT würde nichts dagegen haben, Sie als seine Schachfigur zu besitzen. Es erfordert eine beträchtliche Menge an Mut, aber wir glauben an Sie.«

Felicity war darauf bedacht gewesen, in Erfahrung zu bringen, worin sie hineingezogen wurde. Sie fragte sich, wie viel Agent Sullivan ihr noch enthüllen würde.

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich genug Selbstvertrauen habe. Ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll. Und außerdem hat mein Stiefvater stets dafür gesorgt, dass ich so gut wie nichts von seiner Arbeit mitbekomme. Sicherlich wird er mich jetzt nicht plötzlich ganz nah an sich heranlassen – besonders nicht nach all dieser Zeit.«

»Das ist richtig«, erwiderte Agent Sullivan. »Doch das SYNDIKAT hat Schwierigkeiten gehabt, bestimmte politische Kreise zu infiltrieren. Sie könnten ein verlockender Aktivposten für diese Leute sein. Es tut mir leid, Felicity. Ich weiß, es muss ein ziemlicher Schock für Sie sein; doch mit Ihnen Kontakt aufzunehmen, bevor die andere Seite es tun würde, ist äußerst wichtig für das NBS gewesen. Wir haben uns um Ihre Abwesenheit auf der Konferenz gekümmert; es wird sich nicht negativ für Sie auswirken.«

Felicity versuchte, sich einen Reim auf diese neuen Informationen zu machen, und bemühte sich, das unter einen Hut zu bringen, was sie gerade über den Mann erfahren hatte, den sie zu kennen glaubte. Sie wollte eben fragen, welche Rolle sie spielen würde, als der Mann in der ramponierten Lederjacke, den sie vom gemeinsamen Flug wiedererkannte, sich in das Gespräch einschaltete.

»Nun ja, ich schätze, ich weiß jetzt, weshalb ich hier bin«, sagte er. »Ich kenne eine Menge Verbrecher; meine Bar ist voll von ihnen. Allerdings sind es zumeist kleine Trickbetrüger.«

»Paul Leclerc«, verkündete Agent Sullivan. »Kommen wir zu Ihnen. Siebenundzwanzig Jahre alt. Ehemaliger Seemann. Besitzt jetzt eine Bar in Marseille. Ist aufgrund seines exzellenten Gedächtnisses ziemlich erfolgreich gewesen. Vergisst niemals einen Namen, ein Gesicht oder ein Gespräch.«

»Sie haben den Part über das Glücksspiel ausgelassen.« Paul lächelte. »Einmal ein Gauner, immer ein Gauner.«

»Ja, das stimmt«, sagte Agent Sullivan. »Sie haben es geschafft, während jener Jahre, die Sie auf Schiffen verbracht haben, durch Kartenzählen ziemlich viel Geld zu verdienen. Und das legten Sie auf die Seite für die Zeit danach, bis Sie das Seemannsleben aufgeben und Ihre eigene Bar eröffnen konnten. Einen Teil des Geldes haben Sie auch für Ihre Schwester gespart und den Rest in Alkohol investiert wie ein echter Seemann.«

Paul hatte gewusst, dass ein Leben an Bord von Schiffen auf Dauer nichts für ihn war, doch er hatte es als eine Möglichkeit betrachtet, rund um die Uhr Geld zu verdienen. Außerdem hatte er viele verschiedene Städte zu sehen bekommen und eine Menge unterschiedlicher Leute kennengelernt, von denen jeder seine eigene einzigartige Geschichte zu erzählen hatte. Jetzt wusste er, wie man anderen Menschen zuhörte, was es zu einem Kinderspiel machte, hinter einer Bartheke zu stehen und die Leute nach ein paar Whiskys ihre Geheimnisse ausschütten zu lassen. Sein gutes Aussehen und sein einfacher Charme führten dazu, dass trotz seines rauen Auftretens niemand seine Arglosigkeit in Zweifel stellte.

»Das SYNDIKAT benutzt Marseille ebenfalls als Hafen. Einige seiner Männer besuchen häufig Ihre Bar. Ich bin sicher, dass Sie keinerlei Schwierigkeiten haben werden, herauszufinden, was sie importieren.«

»Oder exportieren«, fügte Paul hinzu. Er zuckte mit den Achseln. »Solange etwas für mich rausspringt, bin ich bereit mitzumachen.«

Agent Sullivan lächelte. Er mochte es, wie Paul sich verhielt. Da er Pauls Hintergrund persönlich überprüft hatte, wusste Agent Sullivan, dass er ein guter Kandidat war. Paul stellte ein Komplettpaket dar. Er besaß die entsprechende körperliche Belastbarkeit ebenso wie die notwendige gefühlsbetonte Intelligenz. Paul könnte zu einem sehr nützlichen Agent geformt werden.

»Und welche Verbindung habe ich zu diesem SYNDIKAT, von dem Sie sprechen?«, wollte Jian wissen. »Weshalb haben Sie mit mir Kontakt aufgenommen?«

Agent Sullivan konnte erkennen, dass Jians Frage aufrichtig gemeint war. »Wir haben Sie, Jian Zhang, wegen Ihres Cousins Hai kontaktiert. Das SYNDIKAT hat eine On-Off-Beziehung zu den Triaden, der von Chinesen gestützten Verbrecherorganisation, die sich rund um den Globus spannt. Während der letzten paar Jahre hat sich Ihr Cousin die Leiter hochgearbeitet und ist so etwas wie der Mittelsmann zwischen den Triaden und dem SYNDIKAT geworden. Er hat dem SYNDIKAT in jüngster Zeit mehrere Gefälligkeiten erwiesen und dabei jeweils einen ziemlich großen Batzen Geld kassieren können.«

»Hai hasst mich, seitdem ich den Betrieb meiner Eltern übernommen habe«, erklärte Jian. »Er wollte ihn haben. Er glaubte, der Restaurantbetrieb sollte seine Bestimmung sein.«

»Offensichtlich geht er nun über zu größeren und einträglicheren Unternehmungen.«

»Vor sechs Monaten ist er mit dem Anliegen an mich herangetreten, dass wir beide Geschäftspartner werden könnten. Er sagte, er würde darüber nachdenken, mich bei einem neuen Deal zu beteiligen.«

»Wir müssen so viele Informationen wie möglich aus ihm herausbekommen, bevor er eliminiert wird.«

»Er ist mein Cousin. Er gehört zur Familie. Ich will nicht in seinen Tod verwickelt sein.«

»Sie kennen ihn nicht so gut, wie Sie glauben.«

Jians Lippen wurden schmal, während sich seine Stirn in Falten legte. »Ich werde nicht das Geschäft meiner Familie in Gefahr bringen und ihre Sicherheit aufs Spiel setzen, nur weil mein Cousin auf Ihrer Liste steht. Wenn Sie so viel über ihn herausgefunden haben, dann können das Sie alles sicherlich auch ohne mich durchziehen.«

»In Ihrem Fall ist es das Gleiche wie bei allen anderen. Das SYNDIKAT mag keine Außenstehenden. Sie machen den ersten Schritt. Immer. Hai übernimmt für Sie die Geschäftsführung, während Sie mit Ihrer Frau hier sind. Wenn Sie zurückkehren, können Sie das Angebot wieder erwähnen, und er wird nicht Nein sagen.«

»Woher wissen Sie das?«, fragte Jian.

»Hai will so viel Geld wie möglich in die Hände bekommen. Auf diese Weise hat ihn das SYNDIKAT überhaupt erst geködert. Er wird überall hingehen, wo er Dollarzeichen sieht.«

Jian wusste, dass dies der Wahrheit entsprach. Seine wahre Liebe galt der Kunst, und er wollte in diesem Metier einen Beruf ausüben. Doch als er gesehen hatte, wie erpicht Hai darauf gewesen war, die auf Teigtaschen spezialisierte Restaurantkette seiner Familie zu übernehmen, hatte ihm der Gedanke, nicht in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, Unbehagen bereitet. Seine Familie hatte so hart dafür gearbeitet, um ihr Franchise-Unternehmen in Amerika aufzubauen. Ein Traum war dadurch für sie wahr geworden. Jian war schockiert gewesen, als die Eltern ihren Plan verkündeten, nach China zurückzukehren. Er hatte sich bereits in Agnieszka verliebt und wollte mit ihr in den Vereinigten Staaten bleiben.

»Wie wird er wissen, dass er mir vertrauen kann?«

»Das wird er nicht. Er wird Ihren Spuren nachgehen. Doch Sie werden lernen, Ihre Spuren zu verdecken und ihn zu überlisten. Sie werden eine vollständige Ausbildung als Agent erhalten.«

Jian blieb stumm. Er stellte sich vor, wie sich sein Leben verändern und wie dies Agnieszka betreffen würde. Er dachte über ein Leben nach, in dem er vorgeben musste, ein Geschäftsmann zu sein, aber insgeheim ein Agent war, der mit seinem Cousin abrechnete und die Welt vor Leuten wie ihm rettete.

Agent Sullivan richtete unterdessen sein Augenmerk auf Leah. »Damit bleiben nur noch Sie übrig, Dr. Carlsson.«

»Ich Glückliche«, sagte sie und machte sich noch nicht mal die Mühe, zu ihm aufzublicken.

»Dr. Leah Carlsson, achtundzwanzig Jahre alt. Tagsüber Mathematikprofessorin an der Universität von Stockholm, nachts eine geniale Entwicklerin von Software-Codes. Ihre Sicherheitssysteme sind rund um die Welt im Einsatz, und das SYNDIKAT hat ihre Arbeit als Ausgangspunkt für seine jüngsten Programme benutzt. Wir hoffen, dass Sie, Leah, einen Blick darauf werfen, was diese Leute getan haben, und uns helfen, ihnen auf die Spur zu kommen. Die Universitätsverwaltung ist darüber informiert worden, dass Sie im Augenblick bei drängenderen Angelegenheiten behilflich sind.«

»Wie nett von Ihnen«, erwiderte sie kühl. Sie hatte sich bereits eine feste Meinung darüber gebildet, was vom NBS zu halten war. Man konnte keiner Organisation trauen, die im Grunde genommen bereit war, ihre Rekruten im Namen der Gerechtigkeit zu kidnappen. Und jetzt hatte Leah auch noch erfahren, dass diese Leute Kontakt zu ihren Vorgesetzten aufgenommen und sich eine Tarngeschichte für ihre Abwesenheit ausgedacht hatten, was ebenfalls nicht gerade beruhigend war. Dennoch sie war gewillt mitzuspielen, um den Schaden in Grenzen zu halten, der ihrer Arbeit zugefügt wurde.

»Im Augenblick sind Sie im Hauptquartier des NBS in London«, erzählte Agent Sullivan. »Das ist der Ort, wohin wir all unsere neuen Rekruten bringen. Wir haben Niederlassungen rund um die Welt, und zwar in jedem Land, das uns dabei unterstützt, das SYNDIKAT zu Fall zu bringen: eine verbrecherische Organisation, die Länder untereinander in einem ständigen Kriegszustand hält und zugleich Schutz anbietet, indem sie ihnen virtuelle wie reale Waffen verkauft– alles nur für den Profit. Diese Organisation hat überall auf der Welt ihre eigenen Agents vor Ort, und es wird zunehmend schwieriger, diese zu finden. Die nächsten zwei Wochen werden Sie mit Ihrer Ausbildung beschäftigt sein. Wir bitten Sie ausdrücklich, sich außerhalb dieses Gebäudes eine gewisse Zurückhaltung aufzuerlegen und keinerlei Verdacht zu erregen. Denjenigen unter Ihnen, die in Kürze irgendwo anders erwartet werden, bieten wir eine plausible Tarngeschichte an. Was innerhalb dieses Gebäudes stattfindet, ist natürlich eine ganz andere Sache. Sie widmen sich dem NBS und beschäftigen sich eingehend mit unserem großen Anliegen: das SYNDIKAT und seine Mitarbeiter zu Fall zu bringen – überall, wo sie sind, wo immer das auch sein mag. Während Ihrer Ausbildung werden Sie lernen, die Menschen um Sie herum zu täuschen, Ihre gegenwärtige Identität weiterhin beizubehalten und sie zur äußeren Hülle für Ihr Leben als Agent zu machen. Ihnen wird gezeigt, wie man Leute beschattet, wie man spioniert und wie man einer Überwachung durch andere entgeht. Ihnen werden die neuesten technischen Entwicklungen präsentiert – und auch, wie man sie einsetzt, um an Geheimnisse heranzukommen. Auch werden Sie lernen …« – einen Augenblick lang hielt er inne –, »wie man sich selbst verteidigt, sowohl mit als auch ohne Waffen. Wir verfügen über eine komplette Einrichtung für das Waffentraining. Dort wird Ihnen beigebracht, alles zu handhaben – vom einfachen Sichern und Laden einer Schusswaffe bis hin zur Benutzung eines Granatwerfers, obwohl die meisten von Ihnen diese Fertigkeiten hoffentlich niemals benötigen werden. Agent Campbell wird Ihnen die verschiedenen Schulungsräume zeigen. Sie wird auch Ihre Ausbildung beaufsichtigen. Einige von Ihnen werden mehr Zeit in bestimmten Räumen verbringen als in anderen, doch achten Sie darauf, keine Ihrer Schulungen zu vernachlässigen.«

Nick setzte sich aufrecht hin; bei der Erwähnung von Schusswaffen war er neugierig geworden. Er war vertraut mit den gängigen Pistolen, die er im Laufe der Jahre beim Dezernat besessen hatte, doch er wusste, dass es da draußen Waffen gab, die sehr viel ausgefeilter waren. Nun war er bereit dafür, etwas Besonderes in die Finger zu bekommen. Er drehte sich um und sah eine aparte Frau den Raum betreten. In dem Moment, als sie zu sprechen begann, erkannte er ihre Stimme wieder: Es war die von seinem Tablet.

»Haben Sie irgendwelche Präferenzen, Sir?«, fragte sie Agent Sullivan, als er die Akten vom Tisch hochhob und sie in ihre ausgestreckten Arme legte.

»Beginnen Sie im Waffen- und Gefechtstrakt.« Er wandte sich um und nickte mit dem Kopf in Richtung der Rekruten. »Morgen werde ich jeden einzelnen von Ihnen sehen«, sagte er, bevor er den Raum verließ.

Agent Campbell näherte sich dem Tisch. »Also gut. Folgen Sie mir.«

***

Die Londoner NBS-Dienststelle hielt sich etwas darauf zugute, das Zuhause neuer Rekruten zu sein. Es gab drei Trakte – komplett mit voll ausgestatteten Räumlichkeiten, die einzig dem Zweck dienten, die Fertigkeiten von Agents zu optimieren. Agent Sullivan legte besondere Sorgfalt an den Tag, wenn er Teams bildete und Agents auf Missionen nach draußen schickte. Manchmal vergingen Monate oder Jahre, bis ein Agent wieder von ihm hörte. Sie mussten sich jedes Jahr bei Außenstellen für weiterführende Ausbildungsmaßnahmen melden, in deren Verlauf Agent Sullivan aus der Ferne auf Überwachungskameras zugreifen konnte, um erforderlichenfalls ihre Fortschritte zu überprüfen. Diese anderen Dienststellen hatten jedoch keinen Zugriff auf das Londoner Hauptquartier.

Agent Campbell führte die neuen Rekruten durch einen Betonkorridor. Während sie sich einer großen Tür näherten, wurden die Geräusche von gedämpften Schüssen lauter, die aus dem Raum dahinter kamen. Agent Campbell öffnete die Tür und geleitete sie zum Schießstand im Inneren. In einer Hälfte des Raums war eine wirklichkeitsnahe Szenerie nachgebildet. Zwischen mehreren Fahrzeugen und vor der Fassade eines Hauses hoben sich strategisch platzierte Figuren hervor. Die gegenüberliegende Wand war von metallenen Silhouetten gesäumt, die bei Schießübungen als Ziele dienten.

»Kann ich mal probieren?«, fragte Nick, der ganz versessen darauf war, sich mit seinen Fähigkeiten hervorzutun.

»Auf jeden Fall«, erwiderte Agent Campbell. Ihr gefiel seine Begeisterung.

Nick trat vor zum Schützenstand, und Agent Campbell signalisierte, dass ihm jemand eine Pistole in einem Halfter bringen sollte. Als das geschehen war, schnallte sich Nick beides um und brachte die Abdeckung über seinen Augen an. Auf Agent Campbells Kommando zog er die Pistole aus dem Holster und hielt sie vor sich. Als er anschließend das Magazin leerte, blieb sein Arm unerschütterlich auf das Ziel gerichtet. »Holster!«, schrie Agent Campbell, um ihn aufzufordern, die Pistole wieder in die Ledertasche an seiner Seite zu stecken. Die Schießscheibe sauste auf ihrem Gleis nach vorne, und es zeigte sich, dass jedes Einschussloch mitten im Ziel saß.

»Nicht übel«, bemerkte Agent Campbell. »Wo haben Sie so zu schießen gelernt?«

»In Kapstadt. Ich bin der Beste meiner Ausbildungseinheit gewesen. Hat Agent Sullivan das nicht erwähnt?«

»Ich glaube nicht.« Agent Campbell hatte noch nicht die Zeit gefunden, die Akten über ihre neuen Trainees eingehend zu studieren. Abgesehen davon gab es sicherlich Fakten über Nick, die Agent Sullivan an sie nicht weitergeben würde. Obgleich sie eine NBS-Agentin war, wurde sie nicht in alle Informationen eingeweiht, die ihren Weg in das Gebäude fanden. Das NBS hatte eine klare Hierarchie, und sie war sich der Tatsache bewusst, dass es einige Dinge gab, die sie niemals erfahren würde. Abgesehen davon hatte sie ihre Arbeit zu machen, und diesmal musste sie sich dabei beeilen; daher verschwendete sie keine weiteren Gedanken an dieses Thema. »Erlauben Sie mir, Ihnen die restlichen Räumlichkeiten zu zeigen, bevor es an der Zeit ist, dass Sie alle aufbrechen. Die anderen werden morgen die Gelegenheit zum Schießen bekommen.«

Direkt neben dem Waffenraum befand sich ein großer Saal, der mit dicken blauen Matten ausgekleidet war. Mehrere Sandsäcke hingen von der Decke, und an einer Seite waren Polsterreihen, Helme und kleine Handwaffen abgestellt.

»Hier werden Sie im Nahkampf und in Kampftechniken ausgebildet: Grundlagen der Selbstverteidigung – den Angreifer entwaffnen und auf dem Boden niederhalten, einen Widersacher bewusstlos schlagen sowie einen Gegner aktiv kampfunfähig machen.«

»Sie meinen, ihm die Scheiße aus dem Leib zu prügeln?«, fragte Paul.

Leah gab ein leises Grunzen von sich, mit dem sie ihre Missbilligung kundtat. »Alles, was über Selbstverteidigung hinausgeht, ist nicht mehr Selbstverteidigung. Hat dir deine Mom überhaupt nichts beigebracht?«

Pauls Augen leuchteten vor Zorn auf. Er war sicher, dass sie für diese Worte nicht geradestehen wollte. »Willst du’s mal versuchen, Blondchen?«

»Nein danke, ich passe.«

»Ich mach’s.« Das war Eliska. »Zeig mir, was du draufhast«, sagte sie und schenkte Paul ein schmallippiges Lächeln.

Agent Campbell zog eine Gummipistole aus dem Bord und überreichte sie Eliska. »Seien Sie nett zu ihm.«

»Machen Sie sich um mich keine Sorgen – sondern um sie«, scherzte Paul.

Eliska hielt die Schusswaffe an Pauls Brust und drückte damit leicht gegen sein Hemd. Blitzschnell schwang sein rechter Arm nach vorn und versetzte ihr einen Schlag; dann packte er ihren Unterarm und bog ihr Handgelenk mit seiner Linken gegen ihren Oberkörper. Sein kraftvoller Griff lähmte sie. Während sie nach hinten sank, ließ sie die Waffe auf die Matte fallen.

»Wo hast du diesen Griff gelernt?«, fragte sie keuchend, als sie wieder aufstand.

»Gefällt er dir? Ich habe noch einige mehr drauf.«

»Zeig sie mir.« Eliska hob die Schusswaffe wieder auf und ging einen Schritt auf Paul zu.

»Das richtige Training beginnt morgen«, unterbrach Agent Campbell die beiden. »Gehen wir.«

»Nein, nein. Noch einen.« Eliska war dafür bereit. Seit sie als Kind nach Amerika gezogen war, hatte sie zahllose Kämpfe miterlebt – die meisten während ihrer Teenagerzeit. Doch dabei waren ihr Lektionen erteilt worden, die sich als wertvoll erwiesen hatten, als es darauf ankam, in den Straßen zu überleben.

Bevor Paul seinen Arm ganz ausgestreckt hatte, duckte sich Eliska und wich der Faust aus, die sich auf ihr Gesicht zubewegte. Sie warf sich mit der rechten Schulter voran gegen seinen Unterleib und schlug ihm dann den linken Ellbogen ins Gesicht. Er wurde genau zwischen Oberlippe und Nase getroffen. Paul fiel auf die Knie.

»Er ist okay. Machen Sie sich keine Sorgen. Er wird wieder hochkommen.« Eliska machte sich nicht die Mühe, auf ihn zu schauen.

»Schon in Ordnung«, sagte Paul und erhob sich. Er prüfte, ob seine Nase blutete. Er hatte Glück.

»Reicht’s?«, fragte Agent Campbell, die alles andere als amüsiert war. »Dann lassen Sie uns zu einem anderen Trakt gehen.«

***

»Ist das hier etwa der Bereich, in dem die Frauen ihre meiste Zeit verbringen?«, fragte Felicity, während sie sich umschaute. Der Korridor wurde gesäumt von offenen Türen. Sie gaben den Blick frei auf Räume, die in der Mitte durch Reihen von Spiegeln unterteilt waren.

»Nicht ganz«, entgegnete Agent Campbell. »Hier findet unsere Ausbildung für verdeckte Missionen statt. Sie bekleiden nicht nur eine Rolle, sondern Sie werden zu dieser Rolle. In jeder Dienststelle können Sie sich die zum Land und zur Kultur des Schauplatzes Ihrer jeweiligen Mission passende Ausstattung aussuchen. Von Perücken und Bekleidung bis hin zu Karten und Sprachtraining – all das steht Ihnen in diesem Trakt zur Verfügung. Als Agent ist es letzten Endes Ihr Ziel, sich nahtlos zu integrieren und jede Rolle selbstsicher auszufüllen. Wir werden Sie so ausbilden, dass Sie sich mit Leichtigkeit verwandeln können.«

Die Rekruten folgten Agent Campbell in einen leeren Raum und beobachteten sie aufmerksam, als sie sich vor einem Spiegel hinsetzte. Sie tippte auf dessen Oberfläche, die daraufhin schwarz wurde. Eine Landkarte erschien, und Agent Campbell zoomte Deutschland heran. »Berlin«, sagte sie, »weiblich, dreißig Jahre alt.« Dann scannte sie ihren Agentenausweis. »Sobald Sie ein Agent werden, führen wir einen vollständigen dreidimensionalen Körper-Scan durch, sodass jede Verkleidung komplett maßgeschneidert werden kann.« Die Karte verblasste, und abermals erschien eine schwarze Fläche, bevor ein Foto von Agent Campbell in Verkleidung zum Vorschein kam. »Dies war meine Identität in Berlin: Jana Fink. Jede Einzelheit ist in der Datei festgehalten: Name, Berufstätigkeit, Familienstand. Sämtliche sozialen Gepflogenheiten. Alles, was man wissen muss, während man sich vor Ort aufhält. Wir haben Ohrhörer mit eingebauter Simultanübersetzungsfunktion, doch ein grundlegendes passives und aktives Sprachtraining muss ebenfalls absolviert werden. Die meisten Missionen machen es nicht erforderlich, dass man eine Identität über einen ziemlich langen Zeitraum hinweg annehmen muss. Aber gleichgültig, wie lange Sie eine bestimmte Identität annehmen – Sie müssen fehlerlos in dieser Rolle sein. Sogar, wenn Sie sich selbst spielen.« In den letzten Jahren hatte Agent Campbell mehr Zeit im Innendienst verbracht als bei Missionen vor Ort. Daher fing sie an zu vergessen, wie es sich anfühlte, jemand anders zu sein. Sie wusste es zu schätzen, dass Agent Sullivan ihr bei neuen Rekruten so viel Vertrauen schenkte; doch sie war begierig darauf, erneut eine Mission zu erhalten. Sie spürte, dass ihre Fertigkeiten Rost anzusetzen begannen.

»Was befindet sich hinter dem Eingang Nummer drei?«, wollte Leah wissen. »Wir sind fast durch, nehme ich an?«

»Da ist, genau genommen, Ihr ureigenes Territorium. Der letzte Trakt enthält unseren Nachrichtendienst. Dort versuchen wir, mithilfe neuester Computer- und Internet-Technologien die Aktivitäten des SYNDIKATS zu orten, sodass wir sie nachverfolgen können. Wir tun dies in der Hoffnung, dass wir die nächsten Schritte seiner Agents vorhersagen können.«

»So was höre ich gerne.« Es war das erste Mal, dass Leah irgendeine positive Reaktion im Zusammenhang mit dem NBS gezeigt hatte. Sogar sie selbst war über ihre Worte erstaunt.

In dem Raum schienen blaue Lichter an den Wänden, die von hochauflösenden Bildschirmen gesäumt waren, auf denen sowohl Nachrichten und Überwachungsvideos in Echtzeit als auch Live-Updates von NBS-Dienststellen rund um den Globus wiedergegeben wurden. Mehr als ein Dutzend Männer und Frauen saß an Computern, um Informationen zu sammeln und Daten abzufragen. In der Mitte des Raums stand ein großer Tisch, in dessen Oberfläche ein Bildschirm eingebettet war. Agent Campbell glitt mit ihrer Handfläche über die Glasplatte, und der Zentralmonitor schaltete sich ein und zeigte ein Satellitenbild von London. »Dieses Gerät ist in der Lage, den Aufbau jedes Gebäudes in einer jeder beliebigen Stadt darzustellen«, erklärte sie. Dann strich sie mit der Hand über die Landkarte, und ein dreidimensionales Raster von einem Wolkenkratzer erschien. Sie vergrößerte und verkleinerte die Darstellung, zoomte durch die Wände und enthüllte so die komplette Struktur des Bauwerks. »Das ist die beste Möglichkeit, um Strategien zu entwickeln, wie man in ein bestimmtes Gebäude hineingeht und wieder herauskommt.« Als sie erneut mit der Hand über die Platte strich, zoomte die Landkarte heraus und zeigte nun den gesamten Kontinent. Sie tippte auf Frankreich, und es begannen Daten über den Bildschirm zu scrollen.

»Erkennen Sie das wieder?«, fragte sie, während sie sich Leah zuwandte.

»RATs«, antwortete Leah. »Remote-Access-Trojaner. Man kann sie auf eine endlose Suche nach allem – von einem Namen bis hin zu einer Ziffernfolge – durchs Internet schicken.«

»Stimmt«, bestätigte Agent Campbell. »Kreditkarten, Mietwagen, Flugtickets: All diese Dinge machen Menschen im digitalen Dickicht auffindbar. Unglücklicherweise wird das SYNDIKAT besser darin, seine Agents so auszubilden, dass sie ihre Spuren hinter sich verwischen.«

Paul ergriff das Wort. »Zeigen Sie mir, wie das funktioniert. Tippen Sie meinen Namen ein.«

Agent Campbell gab die Information auf dem Bildschirm ein. Sekunden später erschien ein Bild. Es handelte sich um einen Zeitungsartikel über die große Eröffnung von Pauls Bar.

»Können Sie noch ein wenig tiefer graben?«, fragte Felicity.

»Warum geben wir dann nicht deinen Namen ein?«, blaffte Paul.

Agent Campbell schenkte Felicity ein entwaffnendes Lächeln. »Jede Suche kann durch Fragen oder Ortseingaben eingegrenzt werden, aber dann gehen Sie das Risiko ein, sich etwas entgehen zu lassen, das sich direkt außerhalb Ihres jeweiligen Suchradius befindet.«

»Beeindruckendes Setup. Das sind sehr hoch entwickelte Programme, die auf dem allerneuesten Stand sind. Extrem innovativ.« Leah war neugierig zu erfahren, wozu das System sonst noch imstande war.

»Sie werden in null Komma nichts damit zurechtkommen. Und wie alle können Sie morgen damit anfangen.«

»Also dürfen wir jetzt gehen?«, fragte Jian. Er wusste, dass Agnieszka bald ins Hotel zurückkehren würde, und er wollte sie anrufen.

»Sie alle haben Zimmer im Darlington House. Ihr Gepäck ist bereits dorthin geliefert worden. Darin finden Sie einen Brief mit der Adresse, wo Sie morgen früh abgeholt werden. Ich schlage vor, dass Sie etwas trinken und sich ein wenig ausruhen: Sie hatten heute einen langen Tag, und der morgige wird genauso intensiv sein.«

»Hört sich gut an für mich. Ich bin jetzt weg«, sagte Paul und drehte sich um, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, dass Leah schon zur Tür hinausging.

»Ich schätze, da muss jemand irgendwohin, wo was von großer Wichtigkeit ist«, fügte Paul hinzu.

»Und offensichtlich nicht mit uns«, ergänzte Eliska und rollte mit den Augen.

Agent Campbell bemerkte, dass Felicitys Blick immer noch auf die Monitore geheftet war, während die anderen Rekruten den Raum verließen.

»Miss Wilson, Sie dürfen jetzt gehen.«

»Ja, entschuldigen Sie. Ich habe nur gerade …« Felicity zögerte. »Ich habe versucht, aus der Technik und den Programmen schlau zu werden. Ich vermute, dass Sie eine Suche starten könnten –«

»Die Technik hilft NBS-Agents, die Operationen des SYNDIKATS zu verfolgen«, fiel Agent Campbell ihr ins Wort.

»Richtig.« Felicity war nachhaltig verunsichert durch den Tonfall von Agent Campbell. »In Ordnung, ich werde dann jetzt gehen. Bis morgen«, sagte sie, als sie den Raum verließ.

»Gute Nacht, Miss Wilson«, erwiderte Agent Campbell.

***

Zurück in seinem Büro sah Agent Sullivan noch einmal die Akten seiner neuen Rekruten durch. Er wusste von den Gefahren, ein Team zusammenzustellen, dessen Mitglieder schlecht zueinanderpassten; er selbst war Teil einer solchen Truppe gewesen, als er sich dem NBS angeschlossen hatte. Aber er war zuversichtlich, was die neuen Rekruten anbelangte, die er ausgewählt hatte. Immerhin hatte er nicht allzuviel Aufwand betreiben müssen, um jeglichen Zweifel auszuräumen, sondern die meisten Kandidaten hatten positiv auf den Anreiz reagiert, ihre Fähigkeiten für eine ehrenwerte Sache einzusetzen. Er verfügte über präventive Maßnahmen für den Fall, dass irgendeiner der Rekruten sich weigerte, dem NBS beizutreten, aber ein solches Szenario trat selten ein.

Er hörte ein Klopfen am Fenster, schaute auf und sah Agent Campbell auf der anderen Seite der Glasscheibe stehen.

»Kommen Sie herein«, sagte Sullivan.

»Sie sind für die Nacht nach Darlington House zurückgekehrt. Sie wissen, dass sie am Morgen wieder abgeholt werden.«

»Gut. Irgendwelche besonderen Gedanken zu den neuen Rekruten?«

Agent Campbell hatte diese Frage zu hassen gelernt. Nicht ein einziges Mal schien Agent Sullivan bei irgendetwas, das sie zu sagen hatte, tatsächlich zugehört zu haben. Sie wusste nicht, weshalb er sich überhaupt die Mühe machte, sie irgendetwas zu fragen. Für ihn war sie bloß eine Sekretärin. »Dr. Carlsson scheint nicht allzu sehr daran interessiert zu sein, ein Teamplayer zu werden. Nick mag Schusswaffen, und Eliska kann kämpfen. Bei Felicity bin ich mir nicht sicher. Was glauben Sie, was sie anzubieten hat? Die Informationen in ihrer Akte waren recht dürftig.«

»Im Augenblick nichts. Aber das wird sich ändern. Ich bin sicher, dass sie sich als hervorragender Agent erweisen wird.«

Dies war seine übliche Antwort, wie Agent Campbell nur zu gut wusste. »Alle NBS-Agents spielen eine Rolle dabei, das SYNDIKAT zu Fall zu bringen«, erwiderte sie. Sie wusste, er hörte es gern, wenn sie ihr Bekenntnis zum NBS bekräftigte.

»Ganz recht, Agent Campbell.« Er lächelte sie an, und sie vermochte nicht zu erkennen, ob sein Tonfall nur rücksichtsvoll war oder ob er sie wirklich respektierte.

»Jawohl, Sir. Brauchen Sie sonst noch was?«

»Nein, alles in Ordnung. Ich werde hierbleiben und ein paar Sachen zu Ende bringen. Sie können nach Hause gehen und ein gutes Gläschen Wein genießen.«

»Gute Nacht, Sir.« Agent Campbell lächelte höflich, drehte sich um und ging zur Tür hinaus.

***

Leah trat in ihr Zimmer und schaltete das Licht ein. Sie sah ihren Koffer auf dem Bett liegen. Genau wie Agent Campbell gesagt hat, dachte sie. Nachdem sie ihr Handy aus der Tasche gezogen hatte, warf sie ihren Mantel auf das Bett und wählte sogleich die Nummer ihres Bruders.

Verdammt, nimm den Hörer ab! Doch ihr Anruf wurde zur Mailbox weitergeleitet, woraufhin sie sich auf das Bett warf. Sie brauchte ihren Bruder. Sie brauchte ihn jetzt. Es hatte in ihrem Leben nur einen einzigen anderen Fall gegeben, in dem sie sich wegen der Abwesenheit ihres Bruders Sorgen gemacht hatte.

Jedes Frühjahr besuchte ihre Familie den Karnevalsumzug, und einmal verlor ihr Bruder sie unglücklicherweise dabei. Sie beide hatten sich an den Händen festgehalten, als Leah ein Karussell erblickte. Sie war von den Pferden gefesselt gewesen – von der Art und Weise, wie sie sich in langsamen Bewegungen auf und ab durch die Luft bewegten. Sie musste die Hand ihres Bruders losgelassen haben. Ein Polizist entdeckte sie weinend und brachte sie zum nächstgelegenen Revier. Sie wurde von einem kleinen Geduldspiel abgelenkt, das er ihr gab, und verbrachte die nächste Stunde damit, dass sie versuchte, die winzigen Silberkugeln durch das Labyrinth zu steuern und in die Löcher zu bekommen.

Jetzt aber war alles anders. Sie hatte kein Spielzeug – und auch nicht ihre Arbeit –, um sich abzulenken. Sie setzte sich auf. Sie brauchte etwas zu essen. Sie legte ihren Mantel wieder an und ging hinaus.

***

Unten an der Bar probierte Paul bereits die Auswahl an Spirituosen aus.

»Scotch mit Soda, bitte«, sagte er. »Wissen Sie was – machen Sie einen Doppelten.«

»Ist das nicht ein bisschen zu früh, um schon damit anzufangen?« Felicity lächelte scherzhaft und nahm auf dem Hocker neben ihm Platz.

»So etwas wie ›zu früh‹ gibt es nicht, wenn man auf einem Schiff ist«, entgegnete Paul und dachte zurück an seine Tage, die er draußen auf dem Meer verbracht hatte.

»Geee-nau.« Felicity zog das Wort in die Länge und überlegte, ob an Pauls Behauptung irgendetwas dran war. »Also, was hat dich dazu gebracht, so früh die Seefahrt aufzugeben? Ich wette, du hättest da viel mehr Geld verdienen können.«

»Die Seefahrt ist nicht so glanzvoll, wie es sich anhört. Und außerdem wollte ich wieder in Marseille sein. Mir gefällt es dort.«

»Ich bin früher mal in Paris gewesen, aber niemals in Südfrankreich. Ist es dort so schön, wie jeder sagt?«

»Oh ja«, antwortete Paul in neutralem Ton, während er über ihre Schulter starrte.

Felicity drehte sich um und sah, wie Eliska und Nick durch die gläserne Doppeltür gingen und auf die Bar zusteuerten.

»Sieht so aus, als ob wir den Rat von jemand Bestimmtem ernst nehmen«, sagte Eliska, als sie und Nick näherkamen.

Paul sah sie an und zeigte kurz ein sarkastisches Grinsen. »Ich weiß zwar nicht, wie es bei dir so ist, aber ich fühle mich hier wie zu Hause.«

»Ich habe den Eindruck, dass mein Zuhause sich niemals wieder so anfühlen wird wie zuvor«, sagte Felicity. Jetzt, wo sie wusste, dass ihr Leben daheim nicht wie aus dem Bilderbuch war, hatte sich alle Geborgenheit verflüchtigt, die es ihr einst gegeben hatte.

»Klingt, als ob du im Begriff wärst, zu lernen, wie man vortäuscht, dass es dennoch so ist«, meinte Paul.

»Klingt, als ob wir alle im Begriff wären, eine Menge zu lernen«, stellte Felicity ausdruckslos fest.

»Nun, ein Prost darauf, die Besten der Besten zu werden«, sagte Nick und erhob sein Glas.

Paul hob ebenfalls sein Glas hoch und blickte Nick in die Augen. »Prost – darauf trinke ich auch.«

»Ich würde sagen, was das Schießen anbelangt, bist du bereits in Bestform«, erklärte Eliska sachlich.

Nick lächelte sie kurz an. »Du hast auch so einige Tricks auf Lager. Weiß dein Zuhälter von deinen Fähigkeiten? Ich bin sicher, es gibt ein paar Kerle, die es ein wenig grob mögen.«

Eliska entschied, ihn zu ignorieren. »New York City kann einen bei lebendigem Leib auffressen, wenn man nicht auf sich aufpassen kann.«

»Und irgendwann hat dieser mysteriöse Mr Lennox angefangen, auf dich aufzupassen?«, fragte Paul.

»Ich war gerade achtzehn geworden, und es war mein erstes Mal mit einem wichtigen Kunden. Die Sache lief ein wenig aus dem Ruder, und ich verteidigte mich selbst. Seine Partner hatten es dann auf mich abgesehen, doch Mr Lennox fand mich und versprach, sich um sie zu kümmern und mich zu beschützen, wenn ich für ihn arbeiten würde. Seit damals lebe ich in Saus und Braus.«

»Aber dann hattest du die Nase davon voll und brauchtest eine Pause?« Nick war neugierig zu erfahren, was sie vom guten Leben wegtrieb.

Eliska dachte über das Leben nach, das sie sich von Mr Lennox hatte einrichten lassen, und wie gefangen sie sich darin gefühlt hatte. All die Dinge, nach denen sie sich einst gesehnt hatte, waren nun bei der Hand oder zum Greifen nah. »Der Spaß hört für gewöhnlich auf, wenn man die Party verlässt. Das ist eine universelle Wahrheit.«

»Aber auch eine unbeliebte«, sagte Paul, der sein leeres Glas mit einem dumpfen Schlag abstellte. »Genau deshalb solltest du niemals die Party verlassen.«

Eliska starrte ihn mit ausdrucksloser Miene an. Sie fragte sich, ob bei ihm der Alkohol die Höflichkeit abschaltete. »Und was hat dich dazu gebracht, deine Party zu verlassen? Bist du seekrank geworden?«

»Ich habe viel Zeit in der freien Natur verbracht. Und vieles, was man da draußen sehen kann, ist beeindruckend. Aber manchmal reißt das Leben dich aus dem Himmel heraus und bringt dich wieder zurück auf die Erde.« Paul saß regungslos auf dem Barhocker, während ihm ganz schwer ums Herz wurde, denn die Erinnerungen an den Tod seiner Mutter überschwemmten förmlich sein Bewusstsein. Er war damals erst vierzehn Jahre alt gewesen. Nachdem er seine Mutter verloren hatte, wurden er und seine Schwester in Pflege gegeben. Doch keine der Pflegeeltern hatten gut zu ihnen gepasst. Als er sechzehn wurde, traf er den Entschluss, sich auf Schiffen zu verdingen. Er wollte Geld verdienen, um auf lange Sicht seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten sowie für seine kleine Schwester sorgen zu können. Sie war halb so alt wie er. Als er zu seiner ersten Reise aufbrach, hatte er ihr dieses Versprechen gegeben.

»Wow, du weißt wirklich, wie man Leute aufheitert.« Nick versuchte, die Stimmung aufzuhellen, doch er konnte spüren, dass Pauls Gefühle von irgendwoher außerhalb des Einflussbereichs der Gruppe kamen. Es war offensichtlich, dass Paul sehr gut darin geworden war, diese Empfindungen unter Kontrolle zu halten.

»Es wird Zeit für mich, etwas Schlaf zu bekommen«, sagte Felicity. Nachdem sie an diesem Tag ihre eigene Achterbahn der Gefühle erlebt hatte, brauchte sie ein wenig Abstand von den anderen.

»Das ist keine so schlechte Idee«, pflichtete Eliska ihr bei.

»Ich hasse es, dich allein zu lassen, doch die Mädels haben recht«, sagte Nick zu Paul und stand von seinem Barhocker auf.

»Kein Problem«, erwiderte Paul. »Ich werde auch bald das Bett ansteuern – ich nehme bloß noch einen.«

Anschließend saß Paul alleine da und sah zu, wie an der Seite seines Glases das Kondenswasser hinabglitt und über die raue Haut seiner Finger sickerte. Er war durchs Leben marschiert und sich dabei stets bewusst gewesen, was es zu bieten hatte – aber er hatte sich eine so dicke Haut zugelegt, dass er es nie voll und ganz hatte erfahren können. Jedes Mal, wenn die Dinge auf ihn einstürzten, fand er einen Weg, um seine Gefühle herauszuhalten. Doch nun erkannte er, dass das Leben als NBS-Agent seine Art, mit der Welt zu interagieren, verändern würde. Er begriff außerdem, dass es die Art, wie er sich selbst betrachtete, verändern würde. Und das erschreckte ihn mehr. Nachdem er sich die Hände an seiner Hose abgewischt hatte, ließ er seinen Drink auf dem Bartresen stehen und ging wieder auf sein Zimmer.

***

»Was gibt’s, Jian?«, fragte Agnieszka.

In dieser Nacht lag Jian im Bett, ohne einschlafen zu können. Zu viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf, und das Letzte, was er wollte, war, sie Agnieszka mitzuteilen. Er durfte nicht riskieren, sie in Gefahr zu bringen. Sie hatte nichts mit dem NBS zu schaffen.

»Ich kann nicht schlafen. Es muss am Jetlag liegen.« Jian warf das Bettlaken von seinem Leib, da ihm warm war, und überließ es der kühlen Luft aus der Ventilation, seine Körpertemperatur zu senken.

»Jian, du bist unruhig, seit wir aus dem Flugzeug gekommen sind. Was ist los?«

Er spürte die Besorgnis in Agnieszkas Stimme. Sie konnte mühelos die Gefühlslage ihres Ehemannes erkennen, selbst wenn er zu ihr auf Abstand ging. Ganz besonders, wenn er zu ihr auf Abstand ging.

»Es ist nichts … wirklich.« Jian war zwar nicht gut darin, seine Körpersprache zu verbergen, doch er vermochte stets seine Stimme unter Kontrolle zu halten.

»Geht es um das Geschäft? Um Hai? Ich bin sicher, er macht einen guten Job.«

»Nein, das ist es nicht.«

»Ist es die Galerie? Warum kommst du nicht morgen mit?«

»Das ist es auch nicht, wirklich. Ich kann einfach nicht schlafen.« Er küsste seine Frau auf die Stirn und ermunterte sie, ein wenig zu schlafen.

»Willst du wirklich nicht morgen mitkommen?«, fragte sie und zeigte Jian das traurige Gesicht, das sie sich üblicherweise für Momente aufbewahrte, in denen sie ihren Kopf durchzusetzen versuchte.

Jian stieß einen kleinen Seufzer aus. »Nicht morgen. Ich warte, bis die Ausstellung eröffnet wird.« Er strich ihr das Haar aus den Augen, dann küsste er sie zärtlich. »Und jetzt schlaf bitte.« Er drehte sich ihr zu und hielt sie mit seinem rechten Arm umschlungen.

Während er einschlief, spielten sich die Geschehnisse des Tages vor seinem inneren Auge noch einmal ab.

***

Das körperliche Training in der Londoner NBS-Dienststelle war keine leichte Aufgabe, selbst für die härtesten Agents nicht. Und keiner der neuen Rekruten war eine Ausnahme von dieser Regel. Jian hockte allein im Kampfausbildungsraum und dachte noch immer über Agnieszka nach, als Felicity ihm auf die Schulter tippte.

»Gestern Abend haben wir dich nicht in der Bar gesehen. Wie kommst du mit allem klar?«

Jian gab einen Laut von sich, der irgendwo zwischen einem Lachen und einem Grunzen einzuordnen war.

»Okay, Entschuldigung, Entschuldigung«, sagte Felicity. »Ich weiß ja selbst nicht, wie ich damit klarkomme. In der einen Minute sitze ich im Flieger nach London und will mir einen Film zum Anschauen aussuchen, und in der nächsten Minute erzählt man mir, dass man mich benötigt, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.«

»Und jetzt bist du hier.«

»Genau.«

Sie hörten, wie sich hinter ihnen die Tür öffnete, drehten sich um und sahen Nick und Eliska. Die beiden wurden von einem Agent begleitet, der offensichtlich für das Kampftraining verantwortlich war. Felicitys Augen verweilten auf der gut definierten Muskulatur, die unter dem straff anliegenden T-Shirt des Mannes deutlich zu erkennen war. Seine Hose saß zwar locker, doch seine Körperhaltung und sein Gang ließen keinen anderen Rückschluss zu, als dass seine Oberschenkel massiv wie Baumstämme waren. Das hier könnte am Ende doch nicht so übel sein, dachte Felicity.

»Ich bin Agent Baxter. Heute Morgen werden wir grundlegende Techniken zur Verteidigung und Entwaffnung trainieren.«

Felicity merkte, dass Agent Baxter diesen Satz nicht zum ersten Mal vor einer neuen Klasse von Rekruten gesagt hatte, aber sie spürte dennoch die Leidenschaft in seiner Stimme.

»Gleichgültig, wie groß oder wie stark Sie oder Ihre Feinde sind, Sie werden die Kraft Ihres Gegners gegen ihn einsetzen wollen. Es macht nichts, wenn Sie glauben, Sie hätten keine Chance. Miss Novak, Agent Campbell hat mir mitgeteilt, dass Sie über eine ziemlich beeindruckende Reihe von Fertigkeiten zur Selbstverteidigung verfügen. Bitte greifen Sie mich an!«

»Wie bitte?«, entfuhr es Eliska, die ein wenig verwirrt klang, als ob sie ihn falsch verstanden hätte.

»Ich sagte: Greifen Sie mich an. Diese erste Übung zielt darauf ab, dass Sie bereit sind, von jedem gegebenen Standpunkt aus sich selbst zu verteidigen.«

Eliska trat nach vorne auf die Matte. Niemand ging gerne zu Boden. Sie hoffte einfach, es würde nicht zu sehr wehtun. Zunächst stellte sie sich Agent Baxter gegenüber und bedachte ihre Optionen. Sie streckte die Hände nach seinen Schultern aus und versuchte dabei, ihre Größe zu ihrem Vorteil zu nutzen. Rasch packte er ihre Hände, trat nach hinten und kniete sich mit einem Bein hin. Dieser Bewegung folgte ihr Körper mit seinem ganzen Gewicht, und sogleich fiel sie auf ihre Knie, wobei ein Arm immer noch vollständig ausgestreckt im festen Griff des Agents war. Er stieß sein Knie in Richtung ihres Gesichts, hielt jedoch inne, kurz bevor er mit seiner Kniescheibe ihren Wangenknochen berührt hätte.

»Ein perfektes Beispiel. Danke schön, Miss Novak.«

Eliska wollte von der Matte heruntergehen, doch Agent Baxter griff nach ihrer Schulter. »Miss Wilson, treten sie bitte vor.«

Felicity zögerte beim Klang ihres Namens. Sie sah dem körperlichen Training im Zuge der NBS-Ausbildung nicht gerade mit Freuden entgegen, insbesondere wenn es bedeutete, Schmerzen ausgesetzt zu sein. Sie hatte gesehen, was Eliska jemandem von Pauls Größe antun konnte, und sie wollte nicht, dass so etwas mit ihr geschah.

»Miss Wilson«, wiederholte Agent Baxter.

Felicity atmete tief ein und trat auf die Matte.

»Mister Zhang«, sagte Agent Baxter.

Felicity fühlte sich augenblicklich erleichtert. Sie war froh, dass sie nicht jetzt schon Eliska gegenübertreten musste. Agent Baxter zeigte ihnen, wie sie stehen und einfache Angriffe abblocken sollten, und zugleich demonstrierte er Eliska und Nick, wie man diesem Abblocken mit weiteren Attacken begegnete. Die Rekruten wurden alle mehrere Male auf die Matte geworfen, bevor sie eine der Techniken erlernt hatten und imstande waren, sie erfolgreich anzuwenden. Auch wenn Felicity versuchte, es nicht zu zeigen, so war sie doch überrascht über ihre eigenen Fortschritte im Verlauf der Trainingsstunden.

»Gut gemacht, Rekruten. Sie können sich jetzt frisch machen und etwas essen«, sagte Agent Baxter zu guter Letzt, bevor er den Raum verließ.

»Das war beeindruckend von dir«, lobte Nick Felicity, während er sich mit einem kleinen Handtuch den Schweiß vom Gesicht wischte.

»Danke«, antwortete sie, vermied es jedoch, ihm in die Augen zu blicken.

»Heute Nachmittag komme ich zurück, aber jetzt möchte ich erst einmal etwas essen«, sagte Jian.

»Ich bin dabei«, erklärte Nick. »Gehen wir.«

Felicity folgte den anderen zum Mittagessen. Nick bemerkte allerdings, dass sie ein Stück weit zurückblieb.

»Kommst du?«, fragte er.

»Ich werde noch ein wenig in diesem Trakt bleiben und mich umschauen«, antwortete Felicity. »Ich seh euch dann später.«

»Bist du sicher?«

»Klar, geht ohne mich weiter.«

»Okay, bis dann«, sagte er.

***

Felicity ging langsam den Korridor hinunter und hielt vor jedem Raum an, um die besonderen Taktiken zu sehen, die dort trainiert wurden. Sie wollte gerade den Speisesaal ansteuern, als sie im letzten Raum Paul entdeckte: Mit verbundenen Augen stand er vor einer Leiter oben auf einem Hochseilgarten, der sich etwa fünf Meter über dem Boden befand.

Paul wusste, dass sein Gedächtnis zuverlässig funktionierte, doch ihm zu vertrauen, während einem Instruktionen gegeben wurden, erwies sich als schwierig. Er war sich sicher, dass er den Hochseilgarten ungefähr zur Hälfte geschafft hatte. Aufmerksam lauschte er der Stimme, die durch das Gerät in seinem Ohr übermittelt wurde. Dann streckte er die Hand aus und packte die Leitersprosse, die sich vor seinem Gesicht befand. Es ist nicht nötig, sich zu beeilen, dachte er. Bewahr einfach kühles Blut bei all deinen Bewegungen. Er begann die Leiter hochzuklettern und wartete darauf, dass die Stimme ihm sagte, dass er beinahe ganz oben sei.

»Oben an der Leiter ist eine kleine Plattform. Sobald Sie darauf stehen, strecken Sie Ihre Hände hoch über den Kopf, und ergreifen Sie die dünne Stange«, übermittelte ihm die Stimme. »Sie ist an einem Seil befestigt. Sie müssen sich von der Plattform wegschwingen und die Schwungkraft nutzen, um die andere Seite zu erreichen. Auf meinen Befehl hin lassen Sie die Stange los und springen. Sie werden gegen ein Netz mit großen Maschen prallen. Packen Sie zu, und halten Sie sich daran fest.«

Paul stellte sich den großen Balken gegenüber vom Netz oben auf dem Hochseilgarten vor und spürte, wie seine Beine zu zittern begannen. Hör damit auf!, ermahnte er sich. Wenig später erreichte er das obere Ende der Leiter und streckte seinen Arm zur anderen Seite der Plattform aus, um die Größe der Oberfläche abzuschätzen. Er kam zu dem Schluss, dass sie ungefähr so groß wie seine Brust war, und zog seinen Oberkörper in Richtung seiner Hände. Sobald seine Taille parallel zu seinen Schultern war, brachte er seine Füße nacheinander zu seinen Ellbogen hoch. Er holte ein paarmal tief Luft und setzte seine Füße fest auf, bevor er aufzustehen versuchte.

Er streckte sich nach oben und tastete nach der Stange. Seine Hände griffen in der Luft umher, doch er war nicht imstande, sie zu finden. Ein weiteres Mal holte er tief Luft und verharrte vollkommen regungslos; seine Arme blieben ausgestreckt über seinem Kopf. Dann hob er seine Fersen von der Plattform ab und spürte, wie seine Fingerspitzen das untere Ende der Stange berührten. Er würde hochspringen müssen. Er ließ sich gar nicht erst die Zeit, um abzuschätzen, ob er dazu wirklich in der Lage war, sondern sprang einfach hoch und streckte sich nach der Stange aus. Sobald er sie fest gepackt hatte, fing er an, seine Beine vor und zurück zu schwingen, so wie er es jedes Mal, wenn ein Zirkus nach Marseille gekommen war, bei den Trapezartisten gesehen hatte.

»Machen Sie sich bereit«, sagte die Stimme.

Paul fühlte, wie sein Griff um die Stange fester wurde, während sein Körper sich auf den Sprung einstellte. Er wartete auf den Befehl, und als der kam, ließ Paul augenblicklich die Stange los, riss seine Füße nach vorne und streckte die Hände nach dem Netz aus. Sein Körper knallte dagegen, und er fühlte, wie sein Arm durch ein Loch glitt, was es ihm ermöglichte, sich mit der Achselhöhle und dem Ellbogen festzuhalten. Er stellte seine Füße in zwei Löcher hinein und wartete, bis er seine Orientierung wiedergewonnen hatte; dann stieg er hoch. Als er den oberen Rand des Netzes erreichte, spürte er eine raue steinerne Fläche. Er erinnerte sich, das Netz gesehen zu haben, bevor ihm die Augen verbunden worden waren; doch er hatte sich die Wand nicht genau angeschaut, mit der es verbunden war. Nach dem, was er sich ins Gedächtnis rufen konnte, war sie aus unterschiedlichen Fassadenteilen zusammengefügt worden, die jeweils ein anspruchsvolles Kletterszenario boten. Aber er konnte sich die Wand nicht deutlich genug vor seinem inneren Auge vorstellen, um den besten Weg zu finden – und noch viel weniger sich anschaulich vergegenwärtigen, wo genau sich die jeweiligen Haltepunkte befanden. Er arbeitete sich nach rechts über den Netzrand vor, bis er auf den ersten Griff stieß. Die Stimme wies ihn an, wo er jede Hand platzieren und jeden Fuß hinsetzen musste, und half ihm so, quer über die Steinwand zu klettern. Er wusste, dass es irgendwo unter ihm ein Sicherheitsnetz gab, doch er zog es vor, sich nicht darauf zu verlassen. Obwohl er es geschafft hatte, seine Adrenalinstöße zu kanalisieren, spürte er, wie seine Arme allmählich schwach wurden, und hoffte, dass es bald vorbei sein würde.

Nachdem die Stimme ihn angewiesen hatte, seinen rechten Arm auszustrecken, bemerkte er, dass die Oberfläche der Wand sich drastisch veränderte. Als ihm bewusstwurde, was er da ertastete, brach ihm der Schweiß aus. Er legte seinen Handteller auf die gläserne Oberfläche und ließ ihn nach unten gleiten, bis er auf einen schmalen Spalt stieß, in den er seine Finger hineinstecken konnte. Langsam verlagerte er sein Gewicht auf den rechten Fuß und platzierte seine linke Hand direkt neben der anderen. Während er sich mit seinen Unterarmen an der Wand abstützte, hob er seine Füße von den Haltepunkten und ließ sie unterhalb seiner Taille herabhängen. Zentimeter für Zentimeter bewegte er sich entlang des Wandvorsprungs, doch das Gewicht seines Körpers war zu viel für seine ausgelaugten Arme und verschwitzten Hände. Seine rechte Hand glitt aus der Spalte heraus, und ein stechender Schmerz schoss durch Pauls linke Schulter, als er mehrere Zentimeter von der Wandkante entfernt herabhing. Er erinnerte sich, dass die Oberfläche aus großen Glasplatten bestand und dass es direkt an ihrer rechten Seite ein herabhängendes Seil gab. Dann hörte er, wie die Stimme sein Erinnerungsbild bestätigte.

»Sie haben es fast geschafft«, sagte die Stimme. »Strecken Sie jetzt den Arm aus, und ergreifen Sie das Seil.«

Paul streckte seinen Arm aus und zwängte das Seil in die Mitte seines Handtellers. Dann klammerte er sich fest daran und warf sich dagegen, wobei er hoffte, seine Beine um den Rest des Seils wickeln zu können. Doch im nächsten Moment zappelten sie in der Luft, und ihm wurde klar, dass das Seil viel kürzer war, als er gedacht hatte. Sein Herz setzte für einen Schlag aus, als er fühlte, wie er mit zunehmender Geschwindigkeit durch die Luft segelte.

»Springen Sie!«, erscholl die Stimme deutlich vernehmbar in seinem Ohr.

Pauls Füße prallten mit einem dumpfen Aufschlag auf den Boden, während sein Körper sich instinktiv darauf einstellte, eine Rolle zu vollführen. Sobald er auf den Knien war, nahm er die Augenbinde ab und erblickte mehrere Agents, die auf ihn zuliefen.

»Gut gemacht, Mr Leclerc«, lobte einer von ihnen.

»Danke«, erwiderte Paul keuchend und rieb sich die Schulter.

»Sind Sie die Nächste, Miss Wilson?«

Felicity wirbelte herum und sah Agent Sullivan, der direkt hinter ihr stand. Sie versuchte zu sprechen, bemerkte aber, dass sie kurzatmig war.

»Ich wollte bloß …«, stotterte sie. »Ich war bloß –«

»Unser Training ist dazu bestimmt«, fiel Agent Sullivan ihr ins Wort, »alle Sinne unserer Agents zu verbessern, Miss Wilson. Um ihnen zu helfen, schnell zu reagieren – insbesondere wenn die Situation gefährlich ist, was häufig vorkommt. Aber unser Training ist auch dazu gedacht, Vertrauen auszubilden. Es soll unseren Agents beibringen, wie sie ihre Sinne und die nur von ihnen hörbaren kleinen Stimmen in ihren Köpfen abschalten können, um stattdessen den Anweisungen zu vertrauen, die sie erhalten. Kein Agent wird es jemals im Alleingang schaffen, das SYNDIKAT zu Fall zu bringen.«

»Dann darf ich wohl annehmen, dass es keine Option ist, bei einer Mission zum Einzelgänger zu werden?«, fragte Felicity.

Agent Sullivan zögerte, bevor er darauf antwortete. »Sicherlich ist das möglich, doch es würde Ihre Agentenkollegen in Gefahr bringen.«

»Ist so etwas schon einmal passiert?« Felicity wollte herausfinden, welche Erinnerung in Agent Sullivans Bewusstsein durch ihre Frage wiederaufgewühlt worden war.

Bevor Agent Sullivan ihr eine Antwort geben konnte, trat Paul heran und hielt Felicity die Augenbinde entgegen.

»Willst du es mal versuchen?«, fragte er. »Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht.« Sein Lächeln war ein Versuch, seinen eigenen Worten zu glauben.

»Nein, danke. Ich schaue jetzt, dass ich etwas zwischen die Kiemen bekomme. Vielleicht kehre ich später hierher zurück.«

»Das hört sich nach einer guten Idee an. Ich komme mit dir«, sagte Paul.

Felicity drehte sich um und ging hinaus, wobei sie jeglichen Augenkontakt mit Agent Sullivan mied. Es war offensichtlich, dass es eine Menge gab, was sie noch nicht über das NBS wusste. Eigentlich wusste sie fast nichts. Aber sie wusste, dass Agent Sullivan die Absicht hatte, gewisse Dinge niemals irgendeinem von ihnen zu erzählen. Und genau das waren die Dinge, die sie herausfinden wollte.

***

Später am Nachmittag blickte Leah vom Computermonitor hoch, auf den sie eine ganze Weile gestarrt hatte, und sah, wie Felicity den Spionagetrakt betrat.

»Ich nehme an, das hier ist der Raum, in dem du die meiste Zeit in diesem Gebäude verbringen wirst, nicht?«, fragte Felicity.

»Höchstwahrscheinlich. Ich kann jede ihrer früheren Recherchen zu all meinen Klienten aufrufen und so hoffentlich herausfinden, wo das SYNDIKAT begonnen hat, meine Arbeit zu kopieren.« Sie hatte die ganze Nacht damit zugebracht, über die mögliche Verbindung zwischen den Hackern und ihren verschlüsselten Programmen nachzudenken. Sie besaß keinerlei Beweise, dass diese Leute irgendetwas von ihrer Arbeit gestohlen hatten, und bis jetzt hatte es keinen Grund für Leah gegeben, misstrauisch zu sein. Sie wusste, dass ihre Programmierungen undurchlässig waren, und somit wusste sie auch, dass etwas anderes im Spiel war. Etwas, das sie bislang noch nicht zu erkennen vermochte. »Sie müssen irgendwo eine Brotkrümelspur hinterlassen haben«, murmelte sie.

»Man braucht also einfach nur das einzugeben, wonach man sucht?«

»Nein. Auf sich allein gestellt, sind die Maschinen nutzlos. Sie ziehen alle Arten von Informationen heran«, erklärte Leah. »Man muss dabei clever vorgehen und die richtigen Fragen stellen. Lass nicht zu, dass die Maschine für dich das Denken übernimmt.«

Felicity setzte sich an den Schreibtisch neben ihr. »Würdest du mir bitte zeigen, wie es funktioniert?«

»Klar doch. Wir sollten jedoch mit was Einfachem beginnen. Ich werde dir zeigen, wie man mit einem Gesichtserkennungsprogramm arbeitet.« Leah öffnete ein neues Browserfenster. »Das NBS hat in fast jeder Stadt Verbindungen zu mehreren Überwachungssystemen eingerichtet – von den eigenen ganz zu schweigen. Lass uns mal nachschauen: Ich bin sicher, das Überwachungssystem des Los Angeles International Airport ist in Betrieb.« Leah scrollte durch eine Liste, bis sie das System für den Flughafen von Los Angeles fand. »Sobald wir drin sind, können wir eine Ansicht hochladen und altes Bildmaterial nach Gesichtern absuchen lassen, die deinem ähneln. Das Programm misst den Abstand zwischen deinen Pupillen sowie die Größe deiner Nase und erfasst grundlegende Gesichtszüge. Ob jemand also blond geworden ist oder sich einen Bart hat wachsen lassen – es kann einen trotzdem wiedererkennen. Die Anonymität in der Öffentlichkeit geht auf diese Weise natürlich den Bach runter. Nicht jeder mag mit solchen Überwachungsmethoden einverstanden sein, aber die Resultate lassen sich nicht von der Hand weisen.«

»Doch du brauchst ein Bild.«

»Oh, das NBS hat bereits jeden von uns in seiner Datenbank«, antwortete Leah, in deren Tonfall ein Hauch von Missbilligung lag.

»Hast du den gesamten Morgen damit zugebracht, das System des NBS zu durchforsten?«

»Nur dort, wo man mich gelassen hat. Bingo, jetzt geht’s los!« Leah hatte nun das Überwachungsvideo auf dem Bildschirm. »Lass mich ein paar Tage zurückgehen.«

Sie begann die Suche auf den Zeitraum einzugrenzen, in dem Felicitys Flug nach New York gestartet war. »Terminal drei, British Wings«, teilte Felicity mit.

»Danke. Das wird helfen, dass es ein wenig schneller geht.« Leah ermittelte die richtigen Kameras und stellte das Bildmaterial ein. Anschließend lud sie Felicitys Bild aus der Datenbank herauf und fügte es dem Tracking-Programm hinzu.

Leah drehte sich zur Seite und sah, wie Felicity den Bildschirm betrachtete, während sich um die Gesichter der Leute, die an der Kamera vorbeigingen, weiße Kästen bildeten. Das Programm hielt das Video bei mehreren jungen Frauen an, die Felicity ähnelten, doch es waren lückenhafte Übereinstimmungen. Einige Sekunden später tauchte sie auf. Das Programm erkannte sie augenblicklich wieder und veranlasste, dass auf dem Monitor sowohl ein Alarmzeichen als auch ein kleines Fenster erschien, das Felicitys Steckbrief enthielt – genau wie die Profile, die ihnen allen im Flugzeug gezeigt worden waren.

»Also auf diese Weise sind sie in der Lage, uns zu verfolgen«, murmelte sie.

»Das ist eine der Methoden«, antwortete Leah. »In einer von Kameras überwachten Umgebung können sie ein durchgängiges Monitoring einsetzen, um unbekannte Einzelpersonen aufzuspüren. Ihre Bilder werden erfasst und durch mehrere Datenbanken geschickt. Wenn Leute an einem Ort sind, wo sie nicht sein sollten, kann wegen einer Person, die eine potenzielle Bedrohung darstellt, ein Alarm verschickt werden.«

»Woher weißt du das alles?« Felicitys Tonfall verriet, dass sie von Leahs Fachkenntnissen beeindruckt war.

»Wenn du zahllose Stunden pro Woche damit zubringst, auf einen Bildschirm zu starren, brennt das die Informationen irgendwie in deinen Kopf hinein«, antwortete sie mit einem leichten Glucksen. Leah hielt sich nicht damit auf, zu erwähnen, dass sie sich im Verlauf der letzten paar Jahre in sehr viele Datenbanken eingehackt hatte, um Informationen zu löschen, die sie als privat erachtete. Was aus ihrer Sichtweise beinahe alles war.

»Vermutlich«, sagte Felicity.

Leah ließ Felicity ein paar Suchläufe auf eigene Faust durchführen, damit sie ein Gefühl für das Programm bekam. Sie erhielt Zugriff auf einige ihrer Einkäufe mit der Kreditkarte aus jüngster Zeit sowie auf einen Vorfall mit der Polizei, als sie Mitglied einer Studentinnenverbindung gewesen war. Felicity behauptete, es sei eine friedliche Demonstration gewesen. Sie scrollten durch weitere Daten, als die anderen hereinkamen.

»Seid ihr bald fertig?«, fragte Nick die beiden. »Agent Campbell sagt, dass wir unser Tagespensum erledigt haben und zum Darlington House zurückkehren können. Wir sind am Verhungern. Übrigens, Jian hat sich heute tapfer geschlagen.« Er lächelte Jian an und gab ihm einen freundlichen Klaps auf die Schulter.

»Ich wollte sowieso gerade aufhören«, sagte Leah. »All das Hacken macht mich hungrig.«

»Ich komme gleich nach«, erklärte Felicity. »Ich werde einen weiteren Suchlauf probieren. Ich möchte lernen, damit umzugehen.«

»Bist du dir sicher?«, fragte Leah.

»Ja, mach dir keine Gedanken über mich.«

»Treffen wir dich dann in der Bar?«, wollte Paul wissen.

»Ja, ich werde bald kommen«, antwortete sie ihnen.

***

Sobald die anderen den Raum verlassen hatten, zog Felicity einen Stuhl zum Terminal, an dem Leah gearbeitet hatte. Sie hoffte, dass Leah das RAT-Programm in Betrieb gelassen hatte. Und in der Tat lief es noch. Felicity startete eine einfache Suche nach Morden in Los Angeles – bloß um einen Probelauf durchzuführen – und schaute sich die Angaben an, die den Bildschirm füllten. Sie rief ein neues Fenster auf und gab »Daniels« ein, den Mädchennamen ihrer Mutter. Sogleich tauchten mehrere Pings auf, und sie grenzte den Suchbereich auf »Kansas, 1985-1995« ein. Konzentriert blickte sie auf den Monitor, während die Angaben vorüberscrollten, und hoffte, irgendetwas zu sehen, das ihre Mom früher einmal erwähnt haben könnte. Sie war so in den Datenstrom vertieft, dass sie gar nicht hörte, wie Agent Campbell den Raum betrat.

»Miss Wilson? Ihre Ausbildung ist für den heutigen Tag beendet. Sie können zum Darlington House zurückkehren.«

»Entschuldigung, ich habe bloß einen weiteren RAT ausprobiert. Leah hat mir ein paar Vorgehensweisen gezeigt, um meine Suche einzugrenzen, und -«

Agent Campbell unterbrach sie mitten im Satz und fragte: »Haben Sie irgendetwas Interessantes gefunden?«

»Nein, ich war gerade im Begriff, das Programm abzuschalten.« Felicity drehte sich wieder zum Computer um und schloss das Programm, bevor Agent Campbell etwas sehen konnte.

»Es gibt eine Menge Informationen da draußen; und manchmal müssen RATs ein wenig tiefer graben, bevor sie etwas Nützliches finden.« Der Tonfall von Agent Campbell gab Felicity zu verstehen, dass es keine gute Idee wäre, sich bei etwas erwischen zu lassen.

»Genau. Leah wird mir sicherlich noch ein paar weitere Tipps geben. Ihre Kenntnisse sind wirklich verblüffend.« Felicity stand vom Stuhl auf und schob ihn unter den Schreibtisch.

»Ja, das stimmt. Achten Sie aber darauf, dass Sie auch einige Zeit in den anderen Trakten verbringen. Es gibt eine Menge zu lernen.« Agent Campbells Tonfall blieb kühl, und Felicity war sich nicht sicher, ob es eine Warnung oder ein Rat war.

»Sie haben recht. Morgen werde ich mit Überwachung anfangen«, sagte sie und hoffte, dass Agent Campbells Worte als Ratschlag gemeint waren, als sie zur Tür hinausging.

***

»Ich schätze, wir werden langsam Stammgäste, nicht?«, fragte Felicity, als sie eintrat und sah, dass die anderen bereits an der Bartheke saßen. »Und Jian ist ebenfalls hier.« Sie schenkte ihm ein freundliches Lächeln.

»Meine Frau isst mit dem Besitzer der Galerie zu Abend, und ich habe gesagt, ich würde sie dort treffen. Also nehme ich an, dass ich noch Zeit für einen Drink habe.«

»Darf ich einen Scotch mit Soda vorschlagen?«, fragte Paul ihn.

»Danke, aber ich werde einen Manhattan nehmen«, erwiderte Jian.

»Oh«, schaltete sich Felicity mit einem Lächeln ein, »der Standarddrink von Frank Sinatra – wie stilvoll.«

»Komm schon, mein Drink ist mindestens genauso stilvoll«, mischte sich Paul ein und klappte den Kragen seiner Jacke hoch. Die Arm- und Handbewegungen, die er dabei machte, erinnerten Felicity an ein Hollywood-Idol, das sie liebte – James Dean.

»Entspann dich«, neckte sie ihn. »Ich habe schließlich nicht deine Männlichkeit ins Visier genommen.«

»Ich bin sicher, unsere Felicity würde nie so was tun«, scherzte Nick.

»Richtig«, stimmte Eliska ihm zu. »Das kannst du mir überlassen.«

Mit Ausnahme von Paul lachten alle. Er hatte Eliska mit Nachsicht behandelt, denn er war nicht davon ausgegangen, dass sie eine Bedrohung darstellte. In jeder sonstigen Situation wäre es anders gewesen. Doch genau das hatte er jetzt als neuer Rekrut bereits zu lernen begonnen: nicht dem mutmaßlichen Kontext einer Situation vertrauen, sondern auf jede mögliche Drehung und Wendung, auf jede Gefahr und Drohung vorbereitet sein. Er würde seine Mitmenschen nicht länger als Menschen betrachten. Das wenige Vertrauen, das er zu anderen hatte, war dabei, vollständig zu verschwinden.

»Was ist mit dir, Leah?«, fragte Jian. »Wie war dein Kampftraining heute?«

»Welches Kampftraining?«, entgegnete sie. »Ich habe die meiste Zeit des Tages im Spionagetrakt zugebracht.«

»Sie konnte mich im Bildmaterial der Überwachungskameras des Flughafens von Los Angeles finden«, berichtete Felicity. »Und anschließend erschien auf dem Monitor der vollständige Steckbrief von mir, den das NBS in den Akten hat.«

»Habt ihr die anderen von uns auch gefunden?«, erkundigte sich Eliska.

»Ich habe keine Recherchen danach durchgeführt, aber ich bin sicher, dass ich es könnte«, antwortete Leah. »Nicht einmal die Hacker-Elite hat Zugang zu einigen der Technologien, die man hier einsetzt.«

»Ich frage mich, was das System sonst noch alles kann«, sagte Felicity.

»Ich bin sicher, wir werden das noch herausfinden«, meinte Jian. »Okay, ich muss jetzt gehen, um mich mit Agnieszka zu treffen. Ich schätze, ich sehe euch alle morgen früh wieder.«

»Schätze ich auch«, antwortete Leah ohne Begeisterung. Sie schaute nach unten auf ihr Handy in der Hoffnung, eine Nachricht von ihrem Bruder zu sehen.

»Leah?«, sagte Felicity. Sie hatte früher schon bemerkt, dass Leah in Gedanken ständig irgendwo anders zu sein schien.

»Wir sind nach London gebracht worden, um für eine Organisation zu arbeiten, von der wir nichts wissen«, erklärte Leah. »Vielleicht bin ich ja einfach anders als der Rest von euch, aber es ist nicht leicht für mich.«

»Kommt, lasst uns hier verschwinden«, schlug Nick vor. »Wir alle wollen in jedem Fall etwas zwischen die Kiemen bekommen.«

»Gute Idee«, sagte Leah.

***

Als Leah am nächsten Morgen wach wurde, schaute sie sofort nach ihrem Telefon. Immer noch keine Nachricht von ihrem Bruder.

Als sie in der NBS-Dienststelle eintraf, entschied sie, eine Recherche nach ihrem Bruder durchzuführen, um herauszufinden, was dazwischengekommen war. Sie wartete gerade auf die Ergebnisse, als ein NBS-Mitarbeiter, den sie zuvor noch nie gesehen hatte, an Agent Sullivan herantrat und ihm ein Tablet überreichte.

»Sir, ich glaube, Sie sollten sich das hier mal anschauen. Es geht um Abacus, ein Patentzentrum in Washington, D.C. Es hat vor mehreren Wochen einen versuchten Sicherheitsverstoß gemeldet, doch es gab kein direkt erkennbares Beweismaterial dafür. Wir waren schließlich in der Lage, ein paar der inkorrekten Daten zu decodieren, die dabei benutzt wurden, und haben einen RAT auf sie angesetzt. Wir haben gerade einen Alarm erhalten: Sie sind zu Wyncent Tech zurückverfolgt worden.«

Mit einem Kopfschütteln betrachtete Agent Sullivan die Angaben auf dem Tablet. »Wyncent Tech. Das ist eines der Babys des SYNDIKATS.«

Leah erkannte den Namen Abacus augenblicklich wieder. Schnell wie der Blitz bewegten sich ihre Finger über das Keyboard. Sie sprangen zwischen den Tasten hin und her, und ein neues Fenster erschien, in dem die Bezeichnung von jedem Sicherheitsprogramm aufgeführt war, das Leah jemals entwickelt hatte. Als sie die Liste überflog, stach ihr ein Programm ins Auge, das mehrere Jahre zurücklag: Abacus war der Name des Unternehmens, für das sie es entworfen hatte. Sie rief Agent Sullivan zu sich an den Computer.

»Hier ist etwas, wonach Sie möglicherweise suchen. Abacus schloss einen Vertrag mit mir, damit ich ein spezielles System für ein ganzes Gebäude entwickelte, eine Art Nachrichtenzentrum. Alles sollte ferngesteuert sein, falls nötig sogar von einem Standort außerhalb des Firmengeländes«, erläuterte Leah. »Abacus war einer meiner bedeutenden Kunden in jenem Jahr. Meine Arbeit sprach sich herum, und anschließend fragten mehrere Unternehmen an, ob sie das gleiche System erhalten könnten.«

»Listen Sie ihre Namen auf!«, befahl Agent Sullivan.

Leahs Finger sprangen erneut zwischen den Tasten hin und her, und eine weitere Liste tauchte auf.

»Da ist Wyncent Tech.«

»Aber die Verantwortlichen dort haben das System nie installieren lassen«, sagte Leah. »Sie haben das Projekt schon zu einem frühen Zeitpunkt gestrichen.«

»Das macht nichts. Ihre Programmierer haben sich die verwendete Codierung sicherlich genau angeschaut und zweifellos kopiert. Sie sind bekannt dafür, Prototypen zu stehlen. Also auf diese Art und Weise haben sie den Einbruch bewerkstelligt.«

»Versuchten Einbruch«, korrigierte Leah süffisant.

»Es sei denn, sie wollten nicht wirklich eindringen«, fügte Agent Campbell hinzu. »Wer sonst auf dieser Liste hat etwas, das sie haben wollen könnten?«

Als Agent Sullivan den Rest der Liste überflog, war es offenkundig für ihn. Der Name sprang ihm förmlich ins Auge. Wie hatte er nicht schon früher einen Zusammenhang herstellen können? Insbesondere im Licht der jüngsten Geschehnisse?

TriMark, dachte er. Das Eindringen bei Abacus ist bloß ein Probelauf für TriMark gewesen. Diese Einrichtung war ein Laboratorium im Hinterland des Bundesstaates New York und dafür bekannt, Proben ausgerotteter Krankheiten zu beherbergen.

»TriMark«, teilte er den anderen mit. »Das ist eines der führenden Biologielabore für pharmazeutische Forschung. Dort ist unter anderem eine Vielzahl von Pockenviren-Kulturen untergebracht. Die Pocken wurden vor einigen Jahren ausgerottet.« Er hielt kurz inne, bevor er fortfuhr: »Bislang wissen wir nicht, was das SYNDIKAT geplant hat. Doch wir dürfen nicht das Risiko eingehen, dass sie irgendetwas davon in die Finger bekommen. Die Konsequenzen wären viel zu gravierend.«

»Was sollen wir tun?«, fragte Agent Campbell.

»Schicken Sie mir die Dateien von jeder dieser Gesellschaften«, wies Agent Sullivan Leah an. »Es sieht ganz so aus, als ob einige Planungen anstehen. Bis dahin sagen Sie zu keinem anderen auch nur ein Wort über diese Sache!«

Agent Sullivan verließ den Raum und ging zu seinem Büro. Sobald er drinnen war, tätigte er mit seinem Handy einen Anruf.

»Die Dinge entwickeln sich schneller als erwartet. Es sieht so aus, als ob das SYNDIKAT den Plan hätte, in ein medizinisches Laboratorium im Hinterland von New York einzubrechen.«

»Machen Sie sich Sorgen?«, fragte die Stimme am anderen Ende der Verbindung.

»Nicht, wenn das die Chance ist, die es uns ermöglicht, ihnen einen Schritt voraus zu sein.«

»Wir gehen also hinein?«

»Genau! Morgen werde ich über mehr Informationen verfügen. In der Zwischenzeit möchte ich, dass Sie ein Team bilden.«

»Mache ich auf der Stelle. Und Carlsson?«

»Sie ist das fehlende Bindeglied. Sie wird nicht abspringen, sobald sie es herausgefunden hat«, erwiderte Agent Sullivan zuversichtlich.

»Und der andere?«, fragte die Stimme. »Er steht immer noch unter dem Einfluss starker Beruhigungsmittel.«

Agent Sullivan hielt kurz inne, bevor er antwortete: »Sie können ihn aufwachen lassen.« Dann vernahm er ein Klicken am anderen Ende der Verbindung. Anschließend steckte er das Telefon wieder in seine Tasche.

***

Nach dem Mittagessen machte sich Jian auf den Weg zum ersten Raum des Profilingtrakts, wo er sich vor einen Computerbildschirm setzte und eine Landkarte anschaute. Er dachte an all die Orte, wo er gewesen war. An all die Museen, die er besucht hatte: In ihnen waren einige der schönsten Kunstobjekte der Welt beheimatet. Er erinnerte sich an Meisterwerke in Paris, Madrid, Sankt Petersburg und Florenz. Er erinnerte sich daran, viele von ihnen zusammen mit seiner Frau betrachtet zu haben. Er erinnerte sich auch daran, wie sie den Louvre besucht hatten und wie aufgeregt Agnieszka gewesen war, die Mona Lisa zum ersten Mal zu sehen.

Sie hatte vorher extra von ihrem Hotel aus angerufen, um sicherzustellen, dass keine großen Reisegruppen für eine Besichtigung angesetzt waren, und dann im Flüsterton geflucht, als sie beide nach ihrem Eintreffen feststellen mussten, dass es im Laufgang des Museums nur so von Schulkindern wimmelte. In französischer Sprache hatte Jian ihr gesagt, dass sie sich beruhigen solle. Der kurzzeitige Schock, Jian in einer fremden Sprache reden zu hören, hatte bei Agnieszka bewirkt, dass sie ganz vergaß, wie aufgeregt sie war. Wie Jian gewusst hatte, war ihr klar, dass er zumindest zwei Sprachen beherrschte. Sie hatte jedoch keine Ahnung gehabt, wie vielsprachig er war. Es war keine Sache, mit der Jian sich brüstete. Vielmehr zog er es vor, sein Hobby, Sprachen zu erlernen, geheim zu halten. Aber von da an waren ihre gemeinsamen Ausflüge für ihn zu einer Möglichkeit geworden, sie zu überraschen.

Er hatte soeben den abschließenden Ausführungen eines Agents gelauscht, von dem er in der Benutzung des Simulatorprogramms unterwiesen worden war. Jetzt überlegte er, welche Sprache er wieder auffrischen und welches Land er als Heimat für seinen ersten Decknamen nehmen sollte, als Eliska hereinspazierte.

»Lass mich raten«, begann sie. »Ende zwanzig, Single, Geschäftsmann, vielleicht Einkäufer von Lederwaren, ansässig in Mailand?«

Jian lachte kurz auf. »Ich bin noch nicht so weit. Ich bin gerade dabei gewesen, mir zu überlegen, welche Sprachen ich üben soll.«

»Wie ist dein Tschechisch?«, erkundigte sie sich. Ihre Worte klangen mehr wie eine Kampfansage denn wie eine Frage.

»Nicht so gut wie mein Polnisch«, antwortete er.

»Wie wär’s mit einem kleinen Simulationsspiel?«, fragte Eliska. »Es soll darum gehen, wie viele Sprachen du wiedererkennst und verstehst. Natürlich zur gleichen Zeit.«

Jian fand Gefallen an einem kleinen Wettstreit und war überzeugt von seinen Fähigkeiten. »Klar doch. Lass uns mit insgesamt drei Sprachen anfangen.«

»Mach vier draus«, entgegnete Eliska. »Schauen wir mal, auf wessen Seite das Glück ist.«

»Willst du ein Szenario auswählen?«, fragte Jian.

»Los, nehmen wir ein Klischee: Restaurant oder Spielbank.«

Jetzt musste Jian wirklich lachen. »Okay, ich hab nichts dagegen.«

Eliska setzte sich neben Jian vor den Bildschirm und wartete darauf, dass er die zufällige Auswahl von Sprachen einstellte. Der Bildschirm forderte sie auf, die Headsets aufzusetzen, zu denen jeweils eine breite Spezialbrille und zwei Ohrhörer gehörten. Die Brille ersetzte bei jedem von ihnen das normale Blickfeld, erlaubte es jedoch noch, den Bildschirm zu sehen. Dieser wurde allmählich schwarz, und sobald sie hörten, wie Karten gemischt wurden, wussten sie, dass sie sich in einem Casino befanden. Es war nicht das erste Mal, dass Jian mit dieser Art von Technologie experimentierte. Hai war schon immer an Elektronik interessiert gewesen und hatte Jian stets seine neuesten Spielzeuge gezeigt, aber das hier ging weit über alles hinaus, was sein Cousin jemals besessen hatte. Das digitale Bild vom Casino war die authentischste virtuelle Realität, die Jian jemals erlebt hatte. Es nahm ungefähr hundert Grad von seinem Gesichtsfeld ein. Er musste sich selbst in Erinnerung bringen, dass es bloß eine Simulation war. Doch als er seinen Kopf drehte und sich die Stimmen und Geräusche in der Nähe dementsprechend veränderten, begann er sich immer mehr so zu fühlen, als ob er sich tatsächlich in diesem Casino befände.

Jian schaute sich gerade im Casino um, als auf dem Bildschirm ein Text abrollte, der ihnen ihre Aufgabe mitteilte. Sie sollten zwei Runden Blackjack spielen und dabei gleichzeitig den Gesprächen um sie herum Aufmerksamkeit schenken. Nach Beendigung der Aufgabe würden sie einem kurzen Test unterzogen, um festzustellen, an was sie sich alles erinnerten.

Jian sichtete einen Tisch in der Nähe, und der Simulator führte seinen Avatar dort hinüber. Der Croupier begrüßte ihn auf Italienisch und fragte, ob er an dem Spiel teilnehmen wolle. Jian blieb stumm, nickte jedoch dem Croupier leicht zu, und setzte sich an den Tisch. Der Mann fragte anschließend nach Jians Namen und ob er das erste Mal in Italien sei.

Jian erinnerte sich an Eliskas Scherz und antwortete dem Croupier, er sei in Hongkong ansässig, jedoch oft geschäftlich in Mailand. Augenblicklich wechselte der Croupier ins Kantonesische, was Jian überraschte. Er brachte sich in Erinnerung, dass es sein Ziel war, in jeder Sprache so gut wie möglich zu interagieren. Und so führte er sein Gespräch mit dem Croupier fort, während er zwei Paare zu seiner Linken und eine einzelne Frau beobachtete, die ihm direkt gegenübersaß. Er fragte sich, ob dies Eliskas Avatar sei. Eine Kellnerin trat an den Tisch, und Jian bestellte einen Manhattan. Die Frau neben ihm entschied sich für einen Rotwein, und er bemerkte an ihrem Akzent, dass Italienisch nicht ihre Muttersprache war.

Der Croupier mischte die Karten, und Jian erhielt seine ersten beiden, eine Kreuz-Sieben und eine Herz-Fünf. Jian war versucht, seine Chancen beim Kartenspiel auszuloten, doch er musste sich weiterhin darauf konzentrieren, der Frau zu lauschen, die zu ihrem Ehemann sprach. Er war erleichtert zu hören, dass sie auf Französisch redete, eine Sprache, die er fließend beherrschte. Sie redete gerade auf ihren Begleiter ein, er solle aufhören, bevor seine Karten den Wert von Einundzwanzig überschritten. Jian bat um eine weitere Karte, doch als er den Kreuz-König vor sich liegen sah, bedauerte er augenblicklich die Entscheidung. Die Frau ihm gegenüber überschritt die Einundzwanzig ebenso wie das Paar neben ihr. Sie unterhielten sich auf Italienisch miteinander, doch ihre Äußerungen handelten von ihren Plänen fürs Abendessen. Die Französin legte die Arme um den Hals ihres Ehemannes und sagte ihm, er solle dankbar sein für ihren Ratschlag.

Der Croupier gab erneut Karten aus, und Jian war zuversichtlich, was sein Blatt anbelangte: ein Herz-Ass und eine Pik-Acht. Jian nutzte die Zeit, um der Französin zu lauschen, die ihrem Ehemann sagte, er solle nicht solch ein Hasardeur sein; unterdessen entschied sich das andere Paar letztendlich für Meeresfrüchte. Die Frau ihm gegenüber erregte seine Aufmerksamkeit, als er bemerkte, dass sie ihn direkt anstarrte.

Jian war viel zu sehr damit beschäftigt, sie zu beobachten, um zu hören, wie der Croupier fragte, ob er eine weitere Karte wolle. Sein Ohrhörer sagte ihm eine englische Übersetzung vor, die ihn aufschreckte, und er antwortete auf Englisch – eine Reaktion aus dem Bauch heraus. Jian blickte erneut die Frau an und erkannte plötzlich, dass sie an ihm vorbeischaute. Er wandte den Kopf, um zu sehen, worauf sie blickte, als die Französin laut aufschrie. Ihr Ehemann hatte einundzwanzig Punkte erhalten; sein riskanter Einsatz hatte sich ausgezahlt. Jian drehte sich wieder um und sah zu, wie die Französin Champagner bestellte, als sein Avatar sich von seinem Sitzplatz erhob und auf den Ausgang zuschritt. Das Bild wurde dunkel, und in seinem Ohrhörer erklang die Aufforderung, das Headset abzunehmen.

Es folgte eine Reihe von Fragen auf dem Bildschirm. Wie viele Menschen waren an Ihrem Tisch? Wie viele Männer? Wie viele Frauen? Wo saßen sie? Welche Kleidung trugen sie? Welche Drinks wurden bestellt? In welchen Sprachen redeten sie? Sagten sie irgendwelche Zahlen? Erwähnten sie die Namen irgendwelcher Städte? Die Fragen wurden immer schwieriger und zwangen Jian, sich bewusst zu machen, dass er bestimmte Aspekte der Simulation gar nicht bemerkt hatte. Seine Antwort verschwand jedes Mal, wenn er eine falsche eingegeben hatte. Allmählich fühlte er sich frustriert. Die letzte Frage lautete: Wer redete in welcher Sprache? Obwohl es vier Sprachen hatte geben sollen, konnte er sich nicht erinnern, was er außer Französisch, Italienisch und Kantonesisch gehört hatte. Nachdem er zum dritten Mal eine falsche Antwort eingegeben hatte, verschwanden die Fragen, und sein Ergebnis – eine Punktzahl von zweiundachtzig – erschien auf dem Bildschirm.

»Wie war deine Leistung?«, erkundigte sich Eliska. Ihrem Tonfall konnte er entnehmen, dass sie mit ihrem Punktestand zufrieden war.

»Zweiundachtzig. Es war viel schwieriger, als ich erwartet hatte. Wie ist es bei dir gelaufen?«, fragte Jian und hielt den Atem an. Er hoffte, dass ihre Punktzahl nicht höher war.

»Zweiundneunzig«, antwortete Eliska. Sie hatte die Anforderungen bei diesem Wettkampf gegen ihn gesteigert – und gewonnen.

»Multitasking ist eine deiner Stärken, vermute ich?« Jians Sarkasmus kam für gewöhnlich zum Vorschein, wenn er über sich selbst sehr verärgert war – und nicht wegen der Situation oder über jemand anders.

»Nicht ganz«, gestand sie ein. »Ich war gestern Nachmittag hier, als du wieder im Waffen- und Gefechtstrakt warst.«

»Also hast du geschummelt? Du hattest die Simulation zuvor schon gemacht und wusstest, welche Fragen zu erwarten waren?« Jian war immer noch stinksauer auf sich selbst, doch Eliskas Enthüllung zu hören half, dass sich seine Verärgerung abmilderte.

»Nein, sie ändert sich jedes Mal«, antwortete Eliska. »Die Menge an Details, die in jede Simulation gesteckt wird, ist unendlich groß. Je mehr es gibt, was du bemerken und worauf du reagieren musst, desto härter werden die Fragen.«

»Ich sollte vier Sprachen finden; oder zumindest war es das, was ich eingegeben habe«, sagte Jian. »Ich habe jedoch nur drei gehört.«

»Nein, es gab vier«, entgegnete Eliska. »Ein Mann am Tisch hinter dir hat auf Deutsch telefoniert. Du warst so sehr damit beschäftigt, dich auf die Leute an deinem Tisch zu konzentrieren, dass du das ausgeblendet haben musst. Das ist mir beim ersten Mal auch passiert.«

»Also warst du die Frau, die mir direkt gegenübersaß?«, fragte Jian. »Ich dachte mir das schon.«

Eliska nickte. »Und ich vermutete, dass du das warst, als der Croupier zu dir auf Kantonesisch sprach, und der Manhattan bestätigte es. Ich wollte dich bloß beobachten und sehen, wie du reagieren würdest.«

»Du hast unser Gespräch verstanden?«

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