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Der Ostdeutsche, das unbekannte Wesen

Neuruppin im November 1989: Menschenschlange vor der Pass‐ und Meldestelle des Volkspolizei‐Kreisamtes

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1.1 Der „Ostdeutsche“ – Versuch einer Begriffsbestimmung

1.2 Warum die Westdeutschen so wenig über die ehemaligen DDR-Bürger wissen

1.3 Wie heute offiziell die DDR gesehen wird und eine kleine Richtigstellung

ERSTER TEIL: Besatzungszeit und DDR-weite Gesprächsthemen

Die sowjetische Besatzung

2.1 Die Potsdamer Konferenz

2.2 Die Organisation des sowjetischen Besatzungsapparates in Deutschland zwischen 1945 und 1949

2.3 Die Organisation des sowjetischen Besatzungsapparates in der DDR zwischen 1949 und 1990

2.4 Die sowjetischen Truppen in Deutschland zwischen 1945 und 1994

2.5 Die Sowjetische Besatzungszone, die DDR und die Reparationskosten

2.5.1 Das Ringen der Alliierten um eine gemeinsame Haltung gegenüber Nachkriegsdeutschland

2.5.2 Was zu den Reparationsleistungen zählt und die Diskrepanz bei der Wertstellung

2.5.3 Die Demontage in der West- und in der Ostzone

2.5.4 Sowjetische Aktiengesellschaften in der SBZ/DDR

2.5.5 Der Aderlass an Wissen und Fachleuten in der SBZ

2.5.6 Reparationen der Westzonen/BRD und der SBZ/DDR

2.6 Repressionen durch die sowjetische Besatzung

2.6.1 Erst vergewaltigt, dann vergessen – eine gern verschwiegene Nachkriegsgeschichte

2.6.2 Speziallager und Sowjetisches Militärtribunal in der SBZ/DDR

2.7 Meine Erlebnisse mit der Sowjetunion und der sowjetischen Besatzungsmacht

Wie die Menschen in der Zeit zwischen 1945 und 1961 in der SBZ/DDR lebten

3.1 Geschichtsrelevante Erlebnisse meines Vaters

3.2 Die Erlebnisse meiner Mutter

3.3 Die SBZ/die DDR und die Vertriebenen/‌‌ Spätaussiedler

3.4 Lebte in der DDR wirklich nur „der dumme Rest“?

Worüber die Menschen in der ganzen DDR redeten

4.1 Der Winter 1978/79 in der DDR

4.1.1 Allgemeine meteorologische Situation

4.1.2 Geschichten zum Winter 1978/79

4.2 Der Kreuzworträtsel-Mord

ZWEITER TEIL: Die DDR in ihren verschiedenen Facetten

Das Macht-, Parteien- und Sicherheitssystem

Das Wirtschaftssystem

6.1 Die Verstaatlichung der Landwirtschaft und der mittelständischen Betriebe

6.2 Wie funktionierte die DDR-Wirtschaft?

6.3 Warum war die DDR-Wirtschaft in der Summe ineffektiver als die westdeutsche?

6.4 Die Wirtschaftsreformen in der DDR

6.5 Der Niedergang der Wirtschaft der DDR

6.6 Die DDR und die Devisenbeschaffung

Die Außenpolitik der DDR

7.1 Militärpolitik

7.2 Wirtschaftspolitik und die Frage: War die DDR 1989 pleite?

7.2.1 Die finanzielle und wirtschaftliche Lage in der DDR im Jahre 1982/1983

7.7.2 Die finanzielle und wirtschaftliche Lage in der DDR im Jahre 1989

7.2.3 Ausländerpolitik und Entwicklungshilfe

Innenpolitik

8.1 Sozialpolitik

8.1.1 Gesundheitswesen

8.1.2 Die Preispolitik

8.1.3 Das Rentensystem der DDR und damit zusammenhängende Probleme nach dem Beitritt der DDR zur BRD

8.1.4 Das Familienförderungsprogramm

8.1.5 Das Wohnungsbauprogramm der DDR

8.2 Kultur

8.2.1 Literatur

8.2.2 Theater

8.2.3 Rundfunk und Fernsehen

8.2.4 Musik/Musiker der DDR

8.3 Der Umgang mit der Überlieferung

8.3.1 Die Zerstörung von Schlössern

8.3.2 Die Zerstörung der Kirchen

8.3.3 Gute und schlechte Nachrichten aus der Zeit nach dem Beitritt der DDR zur BRD

8.3.4 Die Versöhnungskirche und die Heilandskirche – zwei Kirchen im Berliner Grenzgebiet mit gegensätzlichen Schicksalen

8.3.5 Zusammenfassung

8.4 Die Kirchenpolitik der DDR

8.4.1 Die Situation der Kirchen in der SBZ/DDR zwischen 1945 und 1950

8.4.2 Die Zuspitzung der Auseinandersetzung mit der Kirche

8.5 War die DDR ein Unrechtsstaat?

DRITTER TEIL: Transformationsprozesse zwischen Teilung und der unvollendeten Einheit

Die Ostdeutschen und die Teilung Deutschlands einschließlich Berlins

9.1 Warum der Bau der Berliner Mauer besonders schmerzlich war

9.2 Der Weg zum Bau der Berliner Mauer

9.2.1 Der Berliner Außenring

9.2.2 Die zweite Berlin-Krise

9.2.3 Die Fluchtbewegung

9.2.4 Die Entsendung sowjetischer Militärverbände in Richtung Berlin

9.2.5 Was hinter den politischen Kulissen wirklich geschah

9.3 Wie meine Verwandten und ich den Tag des Baus der Berliner Mauer erlebten

9.4 Die Situation der Westberliner seit 1945, insbesondere nach dem Mauerbau

9.5 Wie der Personenverkehr der Westberliner und der Westdeutschen in die DDR geregelt wurde

9.6 Wie der Personenverkehr der DDR-Bürger nach Westberlin und in die BRD geregelt wurde

9.7 Plötzlich gab es eine Grenze mitten in der DDR …

9.8 Der Tag, an dem die Berliner Mauer fiel

9.9 Im Zusammenhang mit dem Fall der Mauer denke ich an …

10 Von „Schwerter zu Pflugscharen“ bis zur friedlichen Revolution

10.1 Die Entstehung einer antimilitaristischen Bewegung

10.2 Die Formierung der Umweltbewegung in der DDR

10.3 Auf den Spuren der ältesten Bürgerrechtsorganisation in der DDR

10.4 Meine Ehrenbezeugung gegenüber den Vorkämpfern der friedlichen Revolution in der DDR

10.5 Wo sind die Ideale der friedlichen Revolution in der DDR in der heutigen Politik geblieben?

10.6 Chronik wichtiger politischer Ereignisse ab 1989 bis zur ersten freien Volkskammerwahl

11 Die Treuhandanstalt, das große Trauma der Ostdeutschen

11.1 Die Entstehungsgeschichte der Treuhand

11.2 Warum viele ostdeutsche Betriebe in Schwierigkeiten gerieten

11.3 Eklatante Verfehlungen bei der Privatisierung volkseigener Betriebe

11.4 Auswirkungen der Privatisierung von Betrieben und Verkehrsunternehmen auf meine Heimatstadt

11.5 Demografische Auswirkung der Arbeit der Treuhand

11.6 Die Privatisierung der volkseigenen Betriebe, die Treuhand und die Kriminalität

11.6.1 Die Arbeit der Stabsstelle „Besondere Aufgaben“

11.6.2 Die Arbeit der ZERV

11.7 Resümee der Arbeit der Treuhandgesellschaft

11.8 Ist die betriebene Arbeitsweise der Treuhand wirklich alternativlos?

11.9 Wie die Arbeit der Treuhand von den nicht Betroffenen gerechtfertigt wird

12 Die falsch bewertete Indoktrination in der DDR, der Crashkurs in Sachen „Kapitalismus“ und die mentale Auswirkung

13 Das deutsche Rentensystem nach dem Beitritt der DDR zur BRD und die Situation der Rentner in den neuen Bundesländern

14 Das Schicksal der Mitarbeiter der Deutschen Reichsbahn nach 1990

14.1 Zur Geschichte der Deutschen Reichsbahn zwischen 1990 und 1994

14.2 Warum der Unmut der Reichsbahner so groß ist

14.2.1 Unterschiedliche Bezahlung bei gleicher Arbeit

14.2.2 Unterschiedliche Renten

14.3 Fonds für Ausgleichsleistungen an die Reichsbahner

15 Gibt es eine ostdeutsche Identität?

15.1 Fremd im eigenen Land?

15.2 Der schmerzhafte Selbstfindungsprozess der Ostdeutschen

15.3 Der Wegfall von DDR-Regelungen und seine Konsequenzen

15.4 Warum die Wut so groß ist

15.5 Wo ist meine Heimat geblieben?

15.6 Die größten Fehler bei der Bewertung der Geschichte der DDR

15.7 Warum die Ostdeutschen patriotisch(er) sind

15.8 Worüber sich der ehemalige DDR-Bürger in der jetzigen BRD wundert

16 Schlusswort

Literaturverzeichnis

Personenverzeichnis

Anhang

Anhang 1: DISEGNO DI LEGGE COSTITUZIONALE N. 592 d’iniziativa del senatore COSSIGA COMUNICATO ALLA PRESIDENZA L’8 GIUGNO 2006: Riconoscimento del diritto di autodeterminazione al Land Südtyrol – Provincia Autonoma di Bolzano

Anhang 2: Nichtamtliche deutsche Übersetzung des Gesetzentwurfs

Anhang 3: Tabelle: Der Weg von der Demokratie zur Diktatur

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Indizes des industriellen Bruttokapitalbestands (Vorkriegsgebiet, 1936  100)

Tabelle 2: Indizes der industriellen Beschäftigung (Vorkriegsgebiet, 1936  100)

Tabelle 3: Indizes der industriellen Nettoproduktion (Vorkriegsgebiet, 1936  100)

Tabelle 4: Indizes der industriellen Arbeitsproduktivität (Vorkriegsgebiet, 1936  100)

Tabelle 5: Indizes der industriellen totalen Faktorproduktivität (Vorkriegsgebiet, 1936  100)

Tabelle 6: Parteitage der SED in der DDR

Tabelle 7: Gegenüberstellung der Staatsverschuldung der DDR und der BRD im Jahre 1990

Tabelle 8: Ausländische Vertragsarbeiter in der DDR 1966–1989

Tabelle 9: Ausländer in der DDR 1989 nach Nationalitäten

Tabelle 10: Preise einiger Produkte in der DDR

Tabelle 11: Übersicht über die in der DDR gültigen Fahrpreise

Tabelle 12: Übersicht durchschnittliches monatliches Bruttoeinkommen

Tabelle 13: Brutto-/Nettolohnnachweis, Wolfgang Schimank, 09.03.1983

Tabelle 14: Durchschnittliche Rente aller Berufsgruppen in der DDR

Tabelle 15: Durchschnittliche monatliche Geldausgaben in Haushalten von Arbeitern und Angestellten nach Ausgabenpositionen 1989

Tabelle 16: Sparguthaben der Bevölkerung bei den Geld- und Kreditinstituten

Tabelle 17: Durchschnittliche Rente für Arbeiter und Angestellte (Rente 1) und für Bauern, Handwerker, selbstständige Erwerbstätige, Unternehmer (Rente 2), Angaben in Mark.

Tabelle 18: Übersicht über das Verhältnis der Rente zum Bruttoeinkommen. Angaben in Mark.

Tabelle 19: Die Entwicklung der Geburtenrate von 1950 bis einschließlich 1989 in der DDR

Tabelle 20: Die wichtigsten Musikgruppen und Solisten der DDR

Tabelle 21: In der DDR zerstörte Schlösser

Tabelle 22: Auflistung aller seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Ostberlin und einiger der in der SBZ/DDR zerstörten Kirchen

Tabelle 23: Transferleistungen westdeutscher Landeskirchen zu den Kirchen der DDR im Rahmen des „Kirchlichen Hilfsplanes“

Tabelle 24: Fluchtbewegung aus der DDR nach Westberlin/ in die BRD von 1949 bis 1961

Tabelle 25: Bevölkerungsrückgang im Osten Brandenburgs zwischen 1988 und 2016

Tabelle 26: Schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters

Tabelle 27: Rentenanpassung

Tabelle 28: Übersicht über die Renten in den deutschen Bundesländern, getrennt nach „Ost“ und „West“ per 01.07.2016

Tabelle 29: Übersicht über die Diskriminierung der Ostdeutschen

Tabelle 30: Der Weg von der Demokratie zur Diktatur

Vorwort

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursachen derselben nicht an Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“1

Immanuel Kant, 1784

Die Berliner Mauer war zweifellos das Symbol der schmerzhaften Teilung Deutschlands. Im Gegensatz zur Grenze zu Westdeutschland konnte sie aufgrund der räumlichen Enge nicht versteckt werden und erinnerte somit insbesondere die Berliner täglich an die deutsche Tragödie. Wenn sie beispielsweise mit der S-Bahn zwischen Berlin-Pankow und Berlin-Schönhauser Allee fuhren, passierten sie Grenzgebiet. Dort war auch für einen kurzen Augenblick in der Ferne der Geisterbahnhof Bornholmer Straße zu sehen. Auch wenn sich die Mehrheit aller Deutschen mehr oder weniger mit der Existenz der Mauer abgefunden hatte, so wurde sie stets als ein Fremdkörper empfunden. Udo Lindenberg brachte es mit dem Titel „Mädchen aus Ostberlin“ musikalisch auf den Punkt … Der Fall der Mauer im November 1989 wurde von den Menschen im Westen wie im Osten des geteilten Deutschlands gleichermaßen frenetisch bejubelt. Menschen lagen sich in den Armen, die sich nicht kannten. Die Deutschen waren wohl in diesem Moment das glücklichste Volk der Welt. Da ich Großeltern in Westberlin hatte, war dieses Ereignis auch für mich sehr emotional.

Wenn ich heutzutage Freunden und Bekannten meinen in der Wendezeit erworbenen Berliner Stadtplan „Mit den neu eingerichteten Übergängen; Stand: 46. Woche 1989“ zu ihren Berlin-Exkursionen mitgebe, dann sind sie sehr erstaunt, wie wenig von der Berliner Mauer übrig geblieben ist, sodass wenig an die Teilung Berlins und indirekt auch Deutschlands erinnert. Am baulichen Zustand der Gebäude lässt sich ebenfalls nicht mehr erkennen, ob man sich gerade im Ostteil oder Westteil Berlins befindet. Die Jugendlichen können immer weniger mit den Begriffen „Ossi“ und „Wessi“ etwas anfangen, was ich sehr begrüße. Nun wächst zusammen, was zusammengehört, könnte man meinen. Oder doch nicht?

Der 3. Oktober 2020, der 30. Jahrestag der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, wäre ein geeigneter Anlass gewesen, sich kritisch mit dieser Frage auseinanderzusetzen, eine Bestandsaufnahme vorzunehmen. Bedauerlicherweise hatte die Coronakrise verhindert, dass die Menschen diesen wichtigen Feiertag gemeinsam würdig begehen konnten. Meine Befürchtung ist eingetreten, dass sich die Politiker und die Vertreter der Leitmedien gegenseitig auf die Schulter klopfen und die Vereinigung ohne Wenn und Aber als eine einzigartige Erfolgsgeschichte darstellen. Die Frage, ob die Vereinigung auch im Sinne der ehemaligen DDR-Bürger oder gar im Sinne der DDR-Bürgerrechtler erfolgt ist, stellten sie sich überhaupt nicht. Vielmehr verwiesen sie darauf, dass es den Bürgern der neuen Bundesländer dank des Wohlstands und der Freiheit so gut wie nie zuvor gehe. Daran ist zweifellos etwas Wahres. Allerdings sind mir die Betrachtungen zu sehr auf das Materielle abgestellt. Und was die Aussagen der Politiker zur gewonnenen Freiheit betrifft: In Anbetracht der Tatsache, dass die dem einfachen Bürger zugestandenen Freiheiten auf dem Rückzug sind, ist es mir etwas zu billig, darauf hinzuweisen, dass die Situation in der DDR noch viel schlechter war. Aber war da nicht noch etwas? Gibt es nicht bis heute gewisse Ungerechtigkeiten zwischen den ehemaligen DDR-Bürgern und ihren Kindern und den Westdeutschen, was deren Behandlung betrifft? Existieren nicht noch aus den 1990er-Jahren Verletzungen, die bis heute unsichtbar wirken? Gibt es nicht bis heute Dinge, über die sich der ehemalige DDR-Bürger immer wieder wundert? Haben die Menschen im vereinigten Deutschland wirklich Demokratie und Meinungsfreiheit, oder erinnert nicht schon wieder vieles an die DDR? Wenn man sich nicht nur auf die Aussagen der Politiker und der Leitmedien, einschließlich ARD und ZDF, verlässt, dann dürfte jedem klar sein, dass es doch noch einiges zu besprechen gibt.

Viele Landes- und Bundespolitiker der etablierten Parteien werden auf die von mir genannten Fragen keine befriedigende Antwort geben können, denn die Revolution hat ihre Kinder gefressen. Kaum ein Bürgerrechtler, der vor Dezember 1989 in der DDR-Bürgerrechtsbewegung aktiv tätig war, wird noch in der Politik dabei sein. Ich vermute, dass zudem ein Teil der wenigen übrig gebliebenen Bürgerrechtler durch Geld und Macht korrumpiert sein dürfte und die Befindlichkeiten der ehemaligen DDR-Bürger längst nicht mehr kennt oder ignoriert, denn ansonsten wäre ein öffentlicher Aufschrei zu hören. Bei Angela Merkel ist der Fall klar: Sie hatte mit der DDR-Bürgerrechtsbewegung nur sehr wenig zu tun. Außerdem hat sie stets ihre ostdeutsche Sozialisierung verleugnet.

Gewiss, es gibt eine Reihe von Büchern, die sich mit dem Leben in der DDR auseinandersetzen, teils wissenschaftlich, teils sachlich in Form von Erzählungen und teils reißerisch abgefasst. Bei den von staatlicher Seite erstellten Beschreibungen der DDR, zum Beispiel von der „Bundeszentrale für politische Bildung“ (bpb), habe ich den Eindruck, dass das Geschriebene nicht immer mit der Realität in der DDR übereinstimmt. Zuweilen werden DDR-Gesetze und Aussagen von SED-Funktionären (Wunschdenken) als einzige DDR-Realität angenommen, dabei wären Befragungen vieler ehemaliger DDR-Bürger ratsamer gewesen. Man sollte sich aber beeilen, da sich die Reihe der Personen lichtet, die einen großen Teil ihres Lebens in der DDR bewusst verbracht hatten.

Was hat mich veranlasst, ein Buch über die DDR und ihre Bürger zu schreiben? Hierfür gibt es drei Gründe:

Ich war in der DDR von Anfang an aktives Mitglied in der „Sozialdemokratischen Partei in der DDR“ (SDP) in der Ortsgruppe Neuruppin. Diese war in den ersten Oktobertagen 1989 gegründet worden. Dort kamen Menschen zusammen, die für die Verwirklichung von Rechtsstaatlichkeit, Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit in der DDR nach westlichem Vorbild eintraten. Zu diesem Zweck wurden auch zwischen Oktober und Dezember 1989 Demonstrationen organisiert. Dass die SPD-Führung in der BRD anfangs etwas irritiert war, gern die privilegierte Rolle bei der DDR-Staatsführung weiterhin behalten hätte und daher nicht immer für die SDP eine große Hilfe war, sei nur am Rande erwähnt. Nahezu alle SDP-Mitglieder votierten für die Vereinigung der DDR mit der BRD. Öffentlich thematisiert wurde das aber erst Ende November/Anfang Dezember 1989. Als dann am 3. Oktober 1990 die nationale Einheit vollzogen wurde, sahen meine Mitstreiter und ich uns am Ziel angekommen.

Dass es eine Weile dauern würde, die Lebensverhältnisse im Osten und Westen Deutschlands anzugleichen, war uns schon damals bewusst. Dass die Angleichung aber so lange dauern und die Transformation so viel Leid und Verbitterung mit sich bringen würde, konnte keiner von uns voraussehen. Am allerwenigsten hatten wir uns vorstellen können, dass sich im vereinigten Deutschland bei der Meinungs- und Pressefreiheit langsam, aber sicher Verhältnisse einstellen würden, die immer mehr denen in der DDR ähneln. Dafür sind nicht Tausende Menschen in der DDR auf die Straße gegangen und haben riskiert, eventuell verhaftet oder anderen Schikanen ausgesetzt zu werden!

Ein zweiter Punkt, warum ich beschloss, etwas über die Ostdeutschen zu schreiben, entstand beim Lesen vieler Passagen im Buch „Wer wir sind – die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ von Jana Hensel und Wolfgang Engler, denen ich einfach nicht zustimmen kann, weder was die Beschreibung der Verhältnisse in der DDR noch was die in der heutigen BRD betrifft. Das wollte und konnte ich nicht so stehen lassen. Im zweiten Teil meines Buches werde ich darauf ausführlich eingehen.

Ein dritter Punkt für meine Motivation, als Autor tätig zu werden, ist die Tatsache, dass die Westdeutschen zu wenig über ihre Mitbürger in den neuen Bundesländern wissen. Unter anderem, um sie dafür zu interessieren und eine Brücke zu ihnen zu bauen, habe ich mein Buch mit der gemeinsamen deutschen Geschichte in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges begonnen und Szenen während der Schließung der Berliner Mauer beschrieben. Meine Familie war davon auch stark betroffen. Mein Anliegen ist es, mit diesem Buch, nicht, wie es so manche Medien vorexerzieren, die Deutschen in Ost und West gegeneinander auszuspielen, sondern sie zusammenzubringen, Verständnis dafür zu schaffen, warum die Ostdeutschen sind, wie sie sind.

***

Was ist das Besondere an diesem Buch?

Ich beginne die Betrachtungen über die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und stelle anhand neuer wissenschaftlicher Forschungsergebnisse dar, ab wann sich die Schere in der Produktivität der Wirtschaft der auseinanderstrebenden beiden Landesteile zu öffnen begann.

Ich schildere das Leben der einfachen Menschen in der Nachkriegszeit und in den ersten Jahren nach der Gründung der DDR. Dabei komme ich auch auf die Speziallager und auf das Sowjetische Militärtribunal (SMT) zu sprechen und habe ermittelt, wie viele Todesopfer diese Willkürherrschaft kostete. Dieses Thema anzusprechen und dafür zu sorgen, dass es nicht in Vergessenheit gerät, halte ich für überaus wichtig, da momentan von vielen Vertretern der etablierten Parteien und der Leitmedien das Treiben der Antifa verharmlost und sogar staatlich durch das SPD-geführte Familienministerium finanziert wird. Am 12. März 2020 beklagte sich Renate Künast in einer Bundestagsrede, dass „NGOs und Antifagruppen“ immer nur jahresweise, nicht aber in Form einer Dauerüberweisung bezahlt werden würden.2 Damit wurden Vermutungen über eine staatlich finanzierte Unterstützung der Antifa zur Gewissheit …

Besorgniserregend ist auch, dass das Wort „Linksterrorismus“ aus dem Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz 2019 gestrichen wurde.3 Es zeigt, in welche Richtung der Meinungskorridor von staatlicher Seite aus eingeengt wird … Ich möchte daran erinnern: Anfang der 1950er-Jahre waren in der DDR die Liberalen noch die einzige politische Kraft, die regierungskritisch blieb. Von den Christdemokraten war zu dieser Zeit schon nichts mehr zu hören. Viele Liberale waren zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt worden, weil sie Flugblätter verteilt hatten. In meinem Buch habe ich konkrete Beispiele für die Willkür genannt und gehe auch auf die Zerstörung von Kirchen und Schlössern und auf die Unterdrückung der Kirche ein. Das sind alles Erscheinungen eines linksgerichteten totalitären Staates!

Den Unterstützern, vor allem den Grünen, der SPD, dem DGB, müsste klar sein, dass die Antifa solche Verhältnisse anstrebt. Wo ist ihr Langzeitgedächtnis geblieben? Ich jedenfalls möchte nicht, dass sich diese Zustände wiederholen! Ich bin weder für den Linksextremismus, Rechtsextremismus, Islamismus noch für andere menschenverachtende Ideologien. Wenn diese Protagonisten jährlich der Opfer des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 1953 gedenken, dann habe ich angesichts der Unterstützung der Antifa den Eindruck, dass ihre Reden zu Worthülsen verkommen sind und dass sie hieran nur teilnehmen, um den Termin abzuhaken.

In meinem Buch bin ich sehr ausführlich auf die Reparationen, auf die Sozialpolitik und auf die Frage, ob 1989/1990 die DDR pleite gewesen sei, eingegangen. Mich interessierte, wie hoch die Rente in der DDR war. Die Rentner waren zu stolz, darüber zu reden. „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel!“, lautete häufig der Spruch. Trotzdem hatten sie für ihre Enkelkinder zum Geburtstag und zu anderen Anlässen Geld von ihrem Munde abgespart … Interessanterweise fand ich in der Literatur zur Höhe der Rente keine durchgängige Zahlenreihe, sondern hier und dort ein paar versprengte Zahlen. Daher machte ich mir die Mühe, in den Statistischen Jahrbüchern der DDR von Anfang der 1950er-Jahre an zu recherchieren und eine Zahlenreihe aufzustellen. Ich stellte dieser das durchschnittliche Einkommen eines Werktätigen gegenüber. Darüber hinaus interessierte mich, wie sich die Renten im vereinigten Deutschland entwickelt haben, und ich stellte die Renten der Ost-denjenigen der Westdeutschen gegenüber. Hier kam ich zu erstaunlichen Ergebnissen.

Die Leserschaft erfährt auch einiges über die Kultur in der DDR, die trotz der staatlichen Gängelung vielfältig war. Bei der Gesellschaftskritik waren die Künstler sehr erfinderisch. Sie bewegten sich auf einem schmalen Grat. Wenn ein Künstler illegal die DDR verließ, im SED-Jargon „Republikflucht“ beging, dann wurde er in den staatlichen Medien totgeschwiegen, als hätte es ihn nie gegeben. Durch meine Recherchen habe ich mich intensiv mit den DDR-Künstlern und ihren Werken beschäftigt und so beispielsweise die musikalischen Werke Holger Bieges erst jetzt richtig schätzen gelernt. Vielleicht begeistert sich jemand aus der westdeutschen Leserschaft für diese oder jene Musik eines DDR-Künstlers, nachdem ich ihn auf dieses Genre aufmerksam gemacht habe.

Weitere interessante Themen sind das Schicksal der Reichsbahner im vereinten Deutschland und das Agieren der Treuhandgesellschaft im Rahmen der Privatisierung der ehemaligen DDR-Wirtschaft. Unter der Rubrik „Fremd im eigenen Land“ habe ich eine tabellarische Übersicht erstellt, wo die Ostdeutschen nach mehr als 25 Jahren der deutschen Vereinigung noch immer ungleich behandelt werden. Das dürfte mitunter eine Erklärung dafür sein, warum es bei den Ostdeutschen in unterschiedlichem Grad eine gewisse Frustration gibt.

***

Den Menschen in den neuen Bundesländern wird von bestimmten Politikern und Medien vorgeworfen, patriotisch zu sein, jedenfalls wesentlich patriotischer als die Westdeutschen. Der Frage, warum das so ist, bin ich in einem separaten Kapitel nachgegangen.

Die Verächtlichmachung des Patriotismus hat auch etwas damit zu tun, dass der Nationalstaat im Zangengriff von linksgrünen, transatlantischen und von „neoliberalen“ Kräften steht und dass ein zentralistisch regierter europäischer Superstaat aufgebaut werden soll. So behauptete Angela Merkel allen Ernstes, dass Nationalstolz/Nationalismus die Ursache aller Kriege gewesen sei und deshalb die Abgabe von Souveränität an die EU vorangetrieben werden müsse.

Wegen Merkels Geschichtsdefiziten und wegen der in der Argumentation lückenhaften und einseitigen (alliiertenfreundlichen) Geschichtsdarstellung in den deutschen Leitmedien hatte ich 2019 im „The European“ einen Artikel anlässlich des 100. Jubiläums des Vertrages von Versailles und des 100. Jubiläums des Vertrages von Saint-Germain-en-Laye geschrieben.4 Das hat mich sehr viel Zeit gekostet, wodurch ich dieses Buch nicht rechtzeitig zum 30. Jahrestag der Vereinigung beider deutscher Staaten fertigstellen konnte. Ein weiterer Grund für die Verzögerung ist, dass ich bei der Werbung für mein Buch an Verlage geraten bin, deren Geschäftspolitik darin besteht, Bücher mit unliebsamen Inhalten nicht zu veröffentlichen, um damit die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu steuern. Die Veröffentlichung beider Artikel war mir aber wichtig, weil den Deutschen, insbesondere den Ostdeutschen, ständig ein schlechtes Gewissen eingeredet werden soll. Ohne den Ersten Weltkrieg hätte es keinen Hitler, keinen Zweiten Weltkrieg und keine Teilung Rumpfdeutschlands gegeben! Dabei sollen keineswegs die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg beschönigt werden.

***

Mit diesem Buch ist die Absicht verbunden, die gesellschaftspolitische Situation in der verblichenen DDR und in der neuen BRD näher zu beleuchten. Ich halte beides für wichtig, denn: Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann keine Zukunft gestalten!

Die DDR soll auf keinen Fall verherrlicht werden. Vielmehr möchte ich an die Menschen erinnern, die versucht haben, aus den teilweise widrigen Bedingungen das Beste zu machen. Nach der Vereinigung beider deutscher Staaten fragte sich die jüngere Generation zu Recht, wie es zu solchen diktatorischen Verhältnissen kommen konnte. Die DDR konnte unter anderem so lange existieren, weil in der DDR der totale Rückzug in die Privatsphäre, Anpassung, Begeisterung durch Manipulation und/oder Denunziation die Begleiter im Alltag waren. Jeder ehemalige DDR-Bürger, der damals erwachsen war, muss sich selbst die Frage stellen, inwiefern er mitschuldig an den Verhältnissen in der DDR war. Die friedliche Revolution im Jahre 1989 war zweifellos eine große emanzipatorische Leistung der Ostdeutschen, bei denen die Freiheit im Mittelpunkt stand. Sie geschah auch im Sinne des eingangs erwähnten Zitats von Immanuel Kant. Und die Vereinigung beider deutscher Staaten ist ein hohes Gut, das man sich bei aller Kritik an nachfolgenden Ereignissen und Ungerechtigkeiten nicht schlechtreden lassen sollte.

Auch wenn die Leserschaft womöglich nicht jedem meiner Gedankengänge folgen möchte, würde ich mich freuen, wenn sie anhand der von mir vorgelegten Fakten überlegen könnte, wie das künftige Deutschland, ihre Heimat, aussehen sollte. Zum anderen hoffe ich, zu einem besseren Verständnis zwischen den Deutschen in West und Ost beigetragen zu haben.

Neuruppin, im August 2021

Wolfgang Schimank

 

Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift 4 (1784), S. 481-494, hier: 481.

Bündnis 90/Die Grünen (Hrsg.) (2020): Rede von Renate Künast. Rechtsextremismus und Hasskriminalität. (Rede vom 12.03.2020.) Online abrufbar unter https://www.gruene-bundestag.de/parlament/bundestagsreden/‌rechts‌extremismus-und-hasskriminalitaet (zuletzt abgerufen am 19.09. 2020).

Uwe G. Kranz, Gründer und ehemaliger LKA-Chef Thüringens und langjähriger nationaler Experte bei Europol, über die Themen Antifa und Verfassungsschutzbericht 2019, weist im Interview mit HALLO MEINUNG – Gesellschaft für freies Denken und politische Einflussnahme mbH, Sitz: Nürnberg, darauf hin: https://www.youtube.com/‌watch‌?v=n‌5Xio‌c9H3‌V0 (ab Minute 4:12).

Schimank, Wolfgang (2019b): Die Auswirkungen des Versailler Vertrages bis in die Gegenwart. In: The European vom 22.06.2019. Online abrufbar unter https://www.theeuropean.‌de/wolfgang-schimank/100-jahre-versail‌ler-vertrag/ (zuletzt abgerufen am 19.09.2020); ders. (2019a): Der Weg bis zur Unterzeichnung des Vertrages von St. Germain. In: The European vom 12.08.2019. Online abrufbar unter https://www.theeuropean.‌de/‌wolf‌gang-schimank/der-vertrag-von-saint-germain-en-laye/ (zuletzt abgerufen am 19.09.2020).

Einleitung

Als ich im Sommer 2017 in Südtirol am Kalterer See meinen Urlaub verbrachte, fand anfangs im Hotel eine Begrüßungsveranstaltung statt. Dort kam ich mit einem netten westdeutschen Ehepaar ins Gespräch, das einen gepflegten und gebildeten Eindruck machte. Wir sprachen über Gott und die Welt, und die Zeit verging wie im Flug. Als dann politische Themen angesprochen wurden, war die Stimmung zusehends nicht mehr so gut. Zuerst schimpften sie über die in ihren Augen widerspenstigen Ungarn und Polen, die nicht so wollten, wie es sich Angela Merkel und die EU vorgestellt haben. Mir schien das Ehepaar von mir Zustimmung zu erwarten. Sie waren daher überrascht, dass ich die Polen und Ungarn zwar nicht in allen, aber in vielen Punkten in Schutz nahm und darauf hinwies, dass jedes Volk das Recht hat, selbst über sein Schicksal zu bestimmen. Ich drückte auch meine Zufriedenheit aus, weil die osteuropäischen Regierungen im Gegensatz zu Angela Merkel und zur EU zumindest noch einen Restanstand haben und sich dem Willen des Volkes beugen. Irgendwann fielen dann die Sätze: „Ihr habt doch alle die SED gewählt! Ihr wolltet sie doch!“ Ich muss gestehen, ich war in diesem Moment nicht schlagfertig genug. Denn sonst hätte ich ihnen gesagt, dass sie sich gerade in einem Widerspruch verfangen haben, hörte und las man doch in den westdeutschen Medien hinauf und hinunter, die Wahlen in der DDR seien nicht demokratisch. Ich versuchte, in ruhiger Weise zu erklären, dass die SED ihre Vormachtstellung über die Nationale Front gesichert hatte. Ich glaube, sie haben es nicht verstanden. Nein, der Abend endete nicht mit einem Eklat. Irgendwie schafften wir es, ganz seicht auf andere Themen umzuschwenken. Der Abend endete harmonisch bei einem „Glaserl“ Gewürztraminer, einem speziellen Südtiroler Wein, bei einem sternklaren Himmel und einer erfrischend kühlen Brise am Ufer des Sees. Über Politik haben wir in den nächsten Tagen nicht mehr geredet …

Hier zeigt sich, dass selbst nach 27 Jahren der deutschen Wiedervereinigung – oder, besser gesagt, nach dem Beitritt der DDR zur BRD – die Verständigung zwischen Westdeutschen und ehemaligen DDR-Bürgern immer noch sehr schwierig ist und wie wenig viele Westdeutsche über die Geschichte ihrer „Brüder und Schwester im Osten“, wie Dr. Helmut Kohl die DDR-Bürger einst nannte, wissen.

Die „Ostdeutschen“ unterscheiden sich von den Westdeutschen nicht nur, wie von bestimmten gesellschaftlichen Kreisen gern kolportiert, im Wahlverhalten zur Alternative für Deutschland (AfD), sondern in ihrer kritischeren Haltung gegenüber Politikern und Medien, in ihrer Gefühlswelt und darin, wie sie sich im Ausland verhalten.

Es gibt zweifelsohne schon eine Handvoll Bücher über die „Ostdeutschen“. Wenn aber ARD und ZDF für einige dieser Bücher kräftig die Werbetrommel schlagen, dann ist zumindest bei mir Misstrauen angesagt. Und in der Tat erwiesen sich diese für mich als oberflächlich und mehr oder weniger im Sinne der Leitmedien, der Politiker und einer kleinen wohlhabenden und einflussreichen Schicht geschrieben …

Um zu begreifen, warum die „Ostdeutschen“ nun so sind, wie sie sind, was sie geformt hat, muss in die Geschichte bis 1945 zurückgegangen werden. Zunächst möchte ich den Begriff „Ostdeutscher“ bestimmen. Diese Definition kommt aber erst im letzten Teil dieses Buches und im zweiten Band voll zum Tragen.

1.1 Der „Ostdeutsche“ – Versuch einer Begriffsbestimmung

Nachdem die sowjetische Armee in den Schlachten um die Seelower Höhen und in der Kesselschlacht bei Halbe im April 1945 die restlichen deutschen Armeeverbände vernichtend geschlagen und nach einer blutigen Straßenschlacht im Mai 1945 Berlin eingenommen hatte, brach das Hitler-Regime endgültig zusammen. Am 7. Mai 1945 in Reims und am 8. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst unterschrieb die deutsche Militärführung die bedingungslose Kapitulation.

Die preußischen Provinzen Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Schlesien und Brandenburg sowie die Länder Mecklenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen wurden von den Russen besetzt. Auf der Potsdamer Konferenz (17. Juli bis 2. August 1945) teilten die Siegermächte das Deutsche Reich in Besatzungszonen auf. Entgegen vorheriger Vereinbarungen schlug Stalin vor, sämtliche Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie Polen zu schenken. Seine erstaunliche Begründung war, dass dort ohnehin wenige Deutsche lebten. Um nicht der Lüge überführt zu werden, ließ er den Termin für die erste anberaumte Sitzung der Potsdamer Konferenz platzen und in der Zwischenzeit in einem Streifen von ungefähr 200 km östlich der Oder-Neiße-Linie alle Deutschen vertreiben. Auch wenn es diesbezüglich in Großbritannien und in den USA heftigen Widerstand gab, so wurden letzten Endes auf dieser Konferenz die Oder-Neiße-Grenze als die Ostgrenze Nachkriegsdeutschlands und die Aussiedlung/Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten beschlossen. Mein Eindruck ist, dass die Siegermächte zum Zeitpunkt dieses verhängnisvollen Beschlusses nicht wussten, wie viele Ostdeutsche davon betroffen waren … Die Zahl der Menschen, die dadurch ihre Heimat verloren, wird in der Literatur mit zwischen 11 und 15 Millionen angegeben, wobei ich die letztgenannte Zahl für wahrscheinlicher halte. Viele von ihnen fanden ihre zweite Heimat in der von den Westalliierten regierten Zonen bzw. später in der BRD, aber auch viele in der sowjetisch besetzten Zone bzw. später in der DDR. Ich habe selbst erlebt, wie noch Ende der 1960er-Jahre Spätaussiedler aus Schlesien in die DDR kamen …

Das Gebiet zwischen Elbe/Werra und Oder/Neiße sowie zwischen Rügen und dem Vogtland galt bis 1945, geografisch gesehen, als die Mitte Deutschlands. Fälschlicherweise wurde und wird dieses Gebiet immer wieder als Mitteldeutschland bezeichnet. Die Verunsicherung bei der Begriffsbestimmung hat meines Erachtens drei Gründe: Zum einen liegt es daran, dass die Brandenburger und Berliner sich nicht als Norddeutsche fühlen, zum anderen daran, dass der Begriff Mitteldeutschland in den letzten 220 Jahren der deutschen Geschichte eine große Veränderung seiner Bedeutung erfahren hat. So galt in der Zeit des Heiligen Römischen Kaiserreiches Deutscher Nation der Gebietsstreifen zwischen (einschließlich) dem Großherzogtum Luxemburg und dem Königreich Sachsen als Mitteldeutschland. Seit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Jahre 1871 zählten zu Mitteldeutschland Hessen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen und nach dem Ersten Weltkrieg nur noch die drei letztgenannten Gebiete. Es ist wohlgemerkt nur eine grobe Zeiteinteilung. Der dritte Grund ist, dass von 1949 bis zur staatlichen Anerkennung der DDR im Jahre 1972 mit dem Abschluss des Grundlagenvertrages aus ideologischen Gründen die Menschen, die in der DDR lebten, von der Bundesregierung und von den bundesdeutschen Leitmedien als „Mitteldeutsche“ oder als „Bürger in der SBZ“ bezeichnet wurden.5 Zwischen 1972 und 1989 kam es in der BRD in den Medien vermehrt zu der Bezeichnung „Ostdeutschland“ bzw. „Ostdeutsche“. Spätestens nachdem die DDR und die BRD 1990 im Zwei-plus-vier-Vertrag auf die Ostgebiete verzichtet hatten, setzte sich für die ehemaligen DDR-Bürger endgültig der Begriff „Ostdeutsche“, oder auch mit negativer Konnotation der Begriff „Ossi“, durch.

Ich habe mit dieser Bezeichnung etwas Bauchschmerzen, denn was ist mit den Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten? Was ist mit den 2,8 Millionen Russlanddeutschen, die nach dem Scheitern der Gründung einer neuen Wolgadeutschen Republik zwischen 1989 und 1995 nach Deutschland, mehrheitlich in die neuen Bundesländer, zogen? Was ist mit den Westdeutschen, die Aufbauhilfe betrieben und schon 30 Jahre auf dem Gebiet der ehemaligen DDR leben? Richard Schröder, ehemaliger Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei der DDR (SDP), fragte in einem Beitrag in der FAZ nicht zu Unrecht, ob ein Westdeutscher, der bereits 30 Jahre im östlichen Teil der BRD lebe, immer noch ein Westdeutscher sei.6 Allerdings stimme ich nicht seiner Aussage zu, dass der „Ostdeutsche“ nur eine Erfindung sei. Ich werde es auch in meinem Buch begründen.

Wenn ich von den „Ostdeutschen“ schreibe, dann möchte ich den Personenkreis einschränken auf die Bürger, die bis 1990 in der ehemaligen DDR lebten, ihre Kinder. Die Vertriebenen aus den Ostgebieten sind in meine Betrachtungen also mit einschlossen, weil sie in der DDR sozialisiert wurden. Die Russlanddeutschen haben neben ihren Erlebnissen in der Sowjetunion als eine unterdrückte nationale Minderheit zumindest teilweise die gleiche Erfahrung mit der sozialistischen Gesellschaft und ihren politischen Vertretern gesammelt wie die DDR-Bürger. Sie kamen auf Betreiben des Bundeskanzlers Dr. Helmut Kohl nach der Wende in die neue BRD, hatten also keine einschlägigen Erfahrungen mit dem Alltag in der DDR. Die Bürger der alten BRD, die nach 1990 in die neuen Bundesländer kamen, wurden lediglich mit den Folgen der Diktatur des Proletariats konfrontiert, konnten sich viele Erscheinungen nur durch Hörensagen und eine nicht immer korrekte westdeutsche Geschichtsschreibung erklären. Wenn sie aus beruflichen Gründen in die neuen Bundesländer kamen, so waren oftmals die westdeutschen Netzwerke ihr Bezugspunkt.

Auch wenn es etwas hart klingen mag, so ist es meiner Meinung nach für die Betrachtung, warum der „Ostdeutsche“ so ist, wie er ist, sinnvoller, den Betrachtungskreis auf die ehemaligen DDR-Bürger, ihre Kinder und Kindeskinder zu beschränken. Denn die heutigen Widersprüche zwischen „Ost“ und „West“ resultieren aus den Erfahrungen aus der DDR und während der gesellschaftlichen Transformation in den 1990er-Jahren und Anfang der 2000er-Jahre, aus den in der DDR gehegten Wünschen nach einem besseren (vereinigten) Deutschland, die teils erfüllt, größtenteils aber nicht erfüllt wurden. Der von mir eingegrenzte Personenkreis bildet in „Ostdeutschland“ die Mehrheitsgesellschaft.

1.2 Warum die Westdeutschen so wenig über die ehemaligen DDR-Bürger wissen

Die Erklärung für dieses Phänomen darin zu suchen, dass der Sieger die Geschichte schreibt, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Trotzdem ist sie mir zu einfach. Tatsache ist, dass bis heute Westdeutsche führende Positionen bei den Leitmedien innehaben. Einige von ihnen schreiben über die DDR mit einer gewissen politischen Verblendung und mit Hochmut, andere mit der Absicht, Westdeutsche und Ostdeutsche gegeneinander auszuspielen, und eine dritte Gruppe von Journalisten lässt aus Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit jegliche notwendige Sorgfalt beim Verfassen von Artikeln fehlen.

Spätestens seit der Flüchtlingskrise im Jahre 2015, als es in den neuen Bundesländern zu Demonstrationen gegen die Flüchtlingspolitik Merkels kam, trat eine vierte Gruppe von Journalisten, aber auch von Politikern, in Erscheinung, die die neuen Bundesbürger beschimpften und die Hass und Zwietracht schüren wollten zwischen den Menschen im Westen und im Osten Deutschlands. Es sind die Transatlantiker und Befürworter einer zentralistisch regierten EU und einer in weiterer Zukunft anvisierten Weltregierung. Besonders hervorgetan hat sich die Wochenzeitung „Die Zeit“. Pikanterweise sind deren Journalisten fast schon Dauergäste bei der Bilderberg-Konferenz und somit transatlantisch eingenordet. Bei dieser Zeitschrift konnte ich die meisten Artikel finden, die sehr einseitig über die neuen Bundesländer berichteten. Hier wird der Eindruck erweckt, als wäre die Grenze zwischen West und Ost einzig und allein daran zu erkennen, wo die Menschen nach der Vorstellung dieser Journalisten „fremdenfeindlich“ sind und AfD wählen und wo nicht. Die Beschimpfung dieses Teils Deutschlands als „Dunkeldeutschland“ durch den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck7 geht in die gleiche Richtung. Auf die lange Zeit verschwiegenen Demütigungen und Benachteiligungen der Ostdeutschen komme ich noch zu sprechen. Das Auseinanderdividieren von West und Ost hat den Vorteil, Schlagzeilen zu produzieren, um die Zeitungsauflage zu erhöhen, aber auch bestimmte Entwicklungen zu befördern oder zu verhindern. Für Angela Merkel wäre es äußerst peinlich, wenn sie von den aufmüpfigen ehemaligen DDR-Bürgern wie einst Erich Honecker mit Schimpf und Schande aus ihrem Amt verjagt werden würde. Sie, die wahrlich keine Bürgerrechtlerin ist, ist erst Anfang Dezember 1989, als die größte Gefahr vorbei war, rechtzeitig aus der Deckung gekommen und auf den (politischen) Zug Richtung „Wiedervereinigung“ aufgestiegen. Sie ist, wenn man ihren Worten glauben darf, eine glühende Verfechterin einer neuen Weltordnung, einer Weltregierung, wo letztendlich die USA, die Finanzelite, die Konzerne und andere Protagonisten den Ton angeben.8 Die „Vereinigten Staaten von Europa“ sind nur ein Zwischenschritt auf dem Weg dahin. Mit ihrer Flüchtlingspolitik und der damit einhergehenden Islamisierung Deutschlands/Europas sollen die Entnationalisierung vorangetrieben und der Widerstand der autochthonen Bevölkerung gebrochen werden. Der Politologe Yascha Mounk von der Universität Harvard in Cambridge (Großbritannien) sprach am 20. Februar 2018 bei der ARD-Fernsehsendung „Tagesthemen“ ganz unumwunden von einem „historisch einzigartigem Experiment“ …9 Der Sturz Merkels wäre natürlich ein schwerer Verlust für die Protagonisten einer New World Order (NWO). Die ehemaligen DDR-Bürger werden daher als gefährliche Antagonisten dieses Vorhabens gesehen.

Es kommen noch zwei weitere Gesichtspunkte hinzu, warum sie von den Mainstream-Medien angefeindet werden: Die DDR-Bürger haben es notgedrungen gelernt, zwischen den Zeilen von Nachrichten zu lesen. Sie haben sich sowohl beim Ost- als auch beim Westfernsehen informiert und sich ein eigenes Urteil gebildet. Bei ihnen haben heutzutage die Medien und die Politiker einen wesentlich schwereren Stand als bei den Westdeutschen. An den zweiten Gesichtspunkt denkt kaum jemand: In den letzten 20 Jahren sind in den Leitmedien (neben den Transatlantikern) immer mehr Journalisten nachgerückt, die eine linksgrüne Weltanschauung vertreten.10 Diese sind bereits in der Mehrheit und auf die ehemaligen DDR-Bürger sauer, weil sie schuld daran sind, dass das sozialistische Gesellschaftsmodell, dem die Journalisten anscheinend nachtrauern, gescheitert ist. Etwas zugespitzt formuliert: Es gibt eine linksgrüne/transatlantische Querfront gegen die ehemaligen DDR-Bürger.

Auch wenn der Westdeutsche täglich schon beim Frühstück eine nicht korrekte Darstellung der DDR durch die Leitmedien präsentiert bekommt, so liegt es auch an ihm, sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen. Aus vielen Gesprächen/Telefonaten habe ich von ihnen immer wieder gehört, dass sie selbst nach mehr als 20 Jahren der Vereinigung nicht die ehemalige DDR besucht haben. Mein Eindruck ist es, dass zwar 90 Prozent der Ostdeutschen Westdeutschland mindestens einmal besucht haben, aber umgekehrt nur vielleicht 60 bis 70 Prozent der Westdeutschen die neuen Bundesländer. Anscheinend sind billige Auslandsurlaube wichtiger, als das eigene Vaterland näher kennenzulernen.

1.3 Wie heute offiziell die DDR gesehen wird und eine kleine Richtigstellung

Wenn es bei offiziellen Stellen um die Charakterisierung der DDR geht, so müssen folgende Punkte immer enthalten sein:

• Tote an der Unrechtsgrenze,

• Diktatur der SED,

• die umfassende Überwachung der Bevölkerung durch die Staatssicherheit,

• Zwangseinweisung von Kindern bei politischen Häftlingen,

• Meinungsdiktatur,

• Unterdrückung der Kirche,

• akuter Wohnungsmangel,

• Enteignung und Verstaatlichung privater Betriebe,

• Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft,

• Gleichmacherei,

• Mangelwirtschaft usw.

Das ist zweifellos richtig. Etwas Positives über die DDR zu sagen, erscheint manchem schon als etwas anrüchig. Ohne gleich dieses System reinzuwaschen, möchte ich einige positive Dinge aufzählen. Nach meinem Geschichtsverständnis müssen alle Facetten des Diskussionsgegenstandes betrachtet werden. Es mag zwar sein, dass einige positive Erscheinungen systembedingt sind, sie haben aber real existiert und das Denken, das Selbstbewusstsein der ehemaligen DDR-Bürger, mehr oder weniger beeinflusst.

Ich sehe eine Richtigstellung auch deshalb als notwendig an, weil viele ältere Westdeutsche beklagen, dass sich für sie seit dem Anschluss der DDR an die BRD vieles verändert habe. Außerdem gelten für sie die Ostdeutschen, was wohl ganz bewusst von den Mainstream-Medien befördert worden ist, als „Jammerossis“. Hier möchte ich darauf hinweisen, dass sich für die ehemaligen DDR-Bürger außerhalb der eigenen Familie, Verwandtschaft und Bekanntschaft komplett alles verändert hat! Insofern ist auch die Bezeichnung „Wiedervereinigung“ irreführend, weil diese suggeriert, als hätten 1990 bei den Verhandlungen zwei gleichberechtigte Partner einander gegenübergesessen. In Wahrheit hat die ehemalige DDR alle Gesetze von der BRD übernommen. Es gab einige befristete Ausnahmeregelungen. Darauf komme ich noch zu sprechen.

Folgende positive Dinge fallen mir im Zusammenhang mit der DDR ein:

• Arbeitsplatzsicherheit,

• wohnungsnahe Arbeitsplätze,

• erschwingliche Mieten für Wohnungen für jedermann,

• abgesicherte Grundversorgung in der ländlichen Gegend (Dorfkonsum, Landarzt, Briefkästen, zuweilen Postaußenstelle, Dorfkneipe),

• sehr gute Grundlagenausbildung in den Schulen (ähnlich wie in Finnland),

• ein einheitliches Bildungssystem,

• Lehrstellenangebote für alle Jugendliche,

• großes Freizeitangebot für Jugendliche (Sport- und Kulturorganisationen, Jugendklubs),

• Polikliniken (mehrere Arztpraxen unter einem Dach),

• konsequente Durchsetzung der Gleichberechtigung von Mann und Frau,

• große Hilfsbereitschaft der Menschen untereinander,

• relativ geringe Kriminalität,

• pünktliche Eisenbahnzüge,

• Transport des überwiegend größten Teils der Güter auf der Schiene,

• weniger chemiebelastete Lebensmittel,

• viel weniger Menschen mit Allergien als in Westdeutschland,

• zentrale Erfassung von Krankheitsbildern in der Bevölkerung,

• größere Parteienvielfalt (rein auf dem Papier; allerdings nützte diese effektiv nichts) als in der BRD und

• keine Rundfunkzwangsgebühren.

 

Anmerkung: In meinen späteren Betrachtungen der wirtschaftlichen Entwicklung der SBZ/DDR habe ich, wenn es zum Vergleich auf die Zeit der 1930er- und 1940er-Jahre zurückgeht, das oben umrissene Gebiet in Abgrenzung zu "Mitteldeutschland" als "mittleres Deutschland" bezeichnet.

Schröder, Richard (2018): Die Erfindung der Ostdeutschen. FAZ vom 03.10.2018. Online verfügbar unter https://www.faz.net/aktuell/politik/‌inland/pegida-und-chemnitz-was-ist-mit‌-dem-osten-los-15814890.html (zuletzt abgerufen am 30.09.2020).

Ondreka, Lukas (26.08.2015): Joachim Gauck, die Ossis und Dunkeldeutschland. In: Süddeutsche Zeitung vom 26.08.2015. Online verfügbar unter https://www.sueddeutsche.de/‌politik/bundespraesident-joachim-gauck‌-die-ossis-und-dunkeldeutschland-1.2622780 (zuletzt abgerufen am 05.10.2020).

So äußerte Angela Merkel am 4. Juni 2011 auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden: "Wenn man eine wirkliche Weltordnung will, eine globale politische Weltordnung haben möchte, dann wird man nicht umhinkommen, an einigen Stellen auf Souveränität zu verzichten und Rechte an andere abzugeben." Siehe PHOENIX (04.06.2014): "Evangelischer Kirchentag. Angela Merkel fordert öffentlich neue Weltordnung." In: PHOENIX vor Ort vom 04.06.2011. Online noch verfügbar unter https://bewusstsein-online.de/index.‌php?mact=News,cntnt01,detail,0&cntnt01articleid=100&cntnt01returnid=15 (zuletzt abgerufen am 05.10.2020).

Tagesschau.de (Hrsg.) (20.02.2018): "Yascha Mounk, Politikwissenschaftler Harvard University, sorgt sich um den Fortbestand der Demokratie". Online verfügbar unter https:‌//‌www.tagesschau.de/multimedia/video/video-378713.html (zuletzt abgerufen am 05.10.2020).

10 Rasch, Michael (08.11.2018): "Das Herz des deutschen Journalisten schlägt links." In: Neue Zürcher Zeitung vom 08.11.2018. Online abrufbar unter https://www.nzz.ch/international/das-herz-des-deutschen-journalisten-schlaegt-links-ld.1434890 (zuletzt abgerufen am 05.10.2018).

ERSTER TEIL: Besatzungszeit und DDR-weite Gesprächsthemen

Die sowjetische Besatzung

2.1 Die Potsdamer Konferenz

Vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 hielten die Vertreter der Siegermächte auf dem Schloss Cecilienhof in Potsdam eine Konferenz ab. An dieser nahmen Josef Stalin für die Sowjetunion, Harry Truman für die USA und Winston Churchill für Großbritannien teil. Da Churchills Partei die Unterhauswahlen verloren hatte, kam ab dem 28. Juli 1945 für Churchill als neuer Premierminister Clement Attlee, zu diesem Treffen. Frankreich blieb außen vor. Es erhielt aber die Möglichkeit, den Beschlüssen dieser Konferenz zuzustimmen oder sie abzulehnen …

Mit der nach außen gezeigten Geschlossenheit bekräftigten die Konferenzteilnehmer, dass sie gewillt waren, als Besatzungsmacht Verantwortung für „Berlin und Deutschland als Ganzes“ in den Grenzen von 1937 zu übernehmen.

Auf diesem Treffen wurde das nördliche Ostpreußen der UdSSR zugeschlagen, die Ostgrenze Polens endgültig und die Oder-Neiße-Grenze als vorläufig festgelegt. Ein künftiger Friedensvertrag sollte Deutschlands Ostgrenze bzw. Polens Westgrenze endgültig regeln. Im Kommuniqué vom 1. August 1945 umrissen die Vertreter der UdSSR, der USA und Großbritanniens (sowie unter Vorbehalt Frankreich) die Aufgaben des Alliierten Kontrollrates. Hierzu gehörten in groben Zügen die Entmilitarisierung, die Demokratisierung, die Entnazifizierung und die Dezentralisierung der Machtbefugnisse.

Im Londoner Abkommen vom 14. November 1944 wurde beschlossen, zur Verwaltung Nachkriegsdeutschlands einen Alliierten Kontrollrat einzurichten. Dieser trat am 30. Juli 1945, also während der Potsdamer Konferenz, das erste Mal zusammen.

Im Gegensatz zum Versailler Vertrag wurde den Deutschen, die seit 1945 plötzlich unter der Staatshoheit anderer Staaten lebten, das Recht aberkannt, eine andere Staatsbürgerschaft anzunehmen. Sie mussten ihre angestammte Heimat verlassen. Damit legalisierten die drei Staatsvertreter eine millionenfache gewaltsame Vertreibung/Zwangsaussiedlung und missachteten damit die Atlantik-Charta! Laut Artikel XIII sollte die „Überführung“ der Deutschen aus der russischen Enklave Kaliningrad, aus Polen, aus der Tschechoslowakei und aus Ungarn „in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen“. Diese Wortwahl ist in Anbetracht dessen, was die deutschen Vertriebenen erlebt haben und noch erleben werden, blanker Euphemismus! Die Realität sah ganz anders aus! Im Bericht des Bundesarchivs vom 28. Mai 1974 ging man von schätzungsweise 600 000 Deutschen bzw. Deutschstämmigen aus, die zwischen Ende 1944 und Ende 1947 durch Flucht und Vertreibung ums Leben kamen. Es mutet schon etwas befremdlich an, wenn Staatsführer, an deren Händen Blut klebt, über das Schicksal eines anderen Volkes entscheiden wollen. Damit soll keineswegs die Schuld, die die Deutschen im Zweiten Weltkrieg auf sich geladen haben, klein geredet werden. 1985 schrieb der deutsche Journalist und Verleger des „Spiegels“, Rudolf Augstein, in einem Beitrag dazu:

„Das Gespenstische an der Potsdamer Konferenz lag darin, daß hier ein Kriegsverbrechergericht von Siegern beschlossen wurde, die nach den Maßstäben des späteren Nürnberger Prozesses allesamt hätten hängen müssen. Stalin zumindest für Katyn, wenn nicht überhaupt, Truman für die überflüssige Bombardierung von Nagasaki, wenn nicht schon von Hiroschima, und Churchill zumindest als Ober-Bomber von Dresden, zu einem Zeitpunkt, als Deutschland schon erledigt war.

Alle drei hatten ‚Bevölkerungsumsiedlungen‘ verrückten Ausmaßes beschlossen, alle drei wußten, wie verbrecherisch diese vor sich gingen.“11

Dieses Zitat ist nicht nur in seiner Klarheit, sondern auch dahin gehend bemerkenswert, dass in den heutigen Leitmedien angesichts der fortgeschrittenen transatlantischen Indoktrination der (west-)deutschen „Elite“ solch ein Satz nicht mehr zu lesen wäre, nicht einmal im heutigen „Spiegel“!

Auf der Potsdamer Konferenz wurde auch die Frage nach der Reparation angesprochen. Die Russen und eigentlich auch die Franzosen wollten dabei einen radikaleren Kurs fahren als die US-Amerikaner und die Briten. Und als die Konferenz an dieser Meinungsdifferenz zu scheitern drohte, hieß die Kompromissformel, dass jede Besatzungsmacht in ihrer Besatzungszone nach Belieben die Reparationen eintreiben dürfe. Das war eine folgenreiche Entscheidung für die Menschen, die in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. später in der DDR lebten! Sehenden Auges hatten die Westalliierten die Bevölkerung in der SBZ bzw. in der DDR einer wesentlich brutaleren russischen Ausplünderungspolitik überantwortet.

Ich möchte hier noch mit einem Irrtum aufräumen: Fälschlicherweise wird das Kommuniqué der Potsdamer Konferenz als „Potsdamer Abkommen“ bezeichnet. Das ist insofern verkehrt, als es sich hier um eine Willenserklärung dreier Staatsmänner handelt. Aus staatsrechtlicher Sicht hatte es nie Gesetzeskraft erlangt, weil es nicht von den Parlamenten verabschiedet worden ist. Einige Textteile wurden sogar bis 1947 geheim gehalten. Allerdings erfolgte eine Umsetzung der Vorgaben aus der Potsdamer Konferenz trotzdem, weil es alle Alliierten so wollten.

2.2 Die Organisation des sowjetischen Besatzungsapparates in Deutschland zwischen 1945 und 1949

Die Alliierten richteten sich nach 1945 in den ihren zugewiesenen Besatzungszonen in Deutschland häuslich ein. Für die grundsätzlichen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen war der Alliierte Kontrollrat verantwortlich. Ansonsten schalteten und walteten die Alliierten in ihren Zonen, wie sie wollten. Der Alliierte Kontrollrat arbeitete auf der rechtlichen Grundlage des Londoner Abkommens von 14. November 1944 und auf der Grundlage der Berliner Vier-Mächte-Erklärung vom 5. Juni 1945. Im Kontrollrat waren die vier von den Alliierten als Oberbefehlshaber in Deutschland eingesetzten Personen vertreten: Marschall Schukow (UdSSR), General Dwight D. Eisenhower (USA), Feldmarschall Bernard Law Montgomery (Großbritannien) und General de Lattre de Tassigny (Frankreich). Der Wirkungskreis war auf die deutschen Gebiete westlich der von nun an als vorläufig bezeichneten Oder-Neiße-Grenze beschränkt. Der Alliierte Kontrollrat erließ Kontrollgesetze und Direktiven. Inwieweit diese dann umgesetzt wurden, lag in der Verantwortung der Militärgouverneure. Waren die Meinungen zu einem Sachverhalt zu gegensätzlich, so konnten sie nach den Anweisungen ihrer Regierungen handeln. In der sowjetisch besetzten Zone hatte seit Juni 1945 die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) die Verwaltungshoheit inne.

Sehr schnell zeichneten sich die gegensätzlichen Meinungen in Wirtschaft, Politik und in der Umsetzung der Entnazifizierung ab, waren die Gemeinsamkeiten so gut wie aufgebraucht. Im Gegensatz zu den anderen Besatzungszonen fand in der SBZ 1946 eine Bodenreform statt, bei der der Landadel vollkommen und die Großbauern teilweise enteignet wurden. Alle Großbetriebe wurden in Volkseigentum überführt. Personen, die bezichtigt wurden, Kriegsverbrechen begangen zu haben, verloren ihr gesamtes Hab und Gut und wurden, wenn sie sich nicht rechtzeitig in die westlichen Zonen absetzten, eingesperrt. Wie ich noch zeigen werde, verlief die Entnazifizierung in der SBZ weitaus härter als in den Westzonen und schoss teilweise auch über das Ziel hinaus. Die sowjetische Militärverwaltung förderte mehr oder weniger die Machtergreifung der deutschen Kommunisten und die Verdrängung der Sozialdemokraten, die mit der Gründung der SED am 21./22. April 1946 ihren Anfang nahm. Die SED wurde Stück für Stück zur Kader- und Staatspartei aufgebaut. Die demokratischen Parteien und Organisationen, die die sowjetische Militäradministration zuließ, waren für die SED eher schmückendes Beiwerk, aber keine starke konkurrierende politische Kraft. In der SBZ stellten die Russen in Wirtschaft und Politik alle Hebel in Richtung Sozialismus.

Die von mir geschilderte sowjetische Politik in Deutschland und die Schaffung von Satellitenstaaten führten zunehmend zu Spannungen mit den Westalliierten. Wirtschaftlich und politisch entwickelten sich die West- und die Ostzone auseinander. Im November/Dezember 1947 kamen in London die Außenminister der Siegermächte zusammen, um ihre wirtschaftspolitischen Vorstellungen über Deutschland auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Sowjetunion sah es als eine Einmischung an und verließ am 20. März 1948 den Alliierten Kontrollrat und am 16. Juni 1948 die Alliierte Kommandantur (für Groß-Berlin). Den kleinsten gemeinsamen Nenner sehe ich darin, dass die Besatzungsmächte hüben wie drüben nach relativ kurzer Zeit (nach ungefähr einem Jahr) zur Erkenntnis gekommen sind, dass es nicht funktioniert, das Maximale aus Deutschland herauszuholen, wenn sie die deutsche Industrie weiter demontieren und ihren Machtanspruch auf Deutschland für möglichst lange Zeit zu zementieren.

Zur endgültigen Spaltung kam es, als in der Westzone am 20./21. Juni 1948 die Deutsche Mark eingeführt wurde, die Ostzone vom 24. bis zum 28. Juni 1948 mit einer Währungsreform nachziehen musste und am 8. April 1949 durch den Beitritt der französischen Besatzungszone zur angloamerikanischen Wirtschaftszone in Deutschland die Trizone entstand.

Die Gründung der BRD und dann der DDR im Jahre 1949 war nur noch eine offizielle Bestätigung der Spaltung Deutschlands. Das änderte aber nichts am Zustand, keine staatliche Souveränität zu haben. Die Besatzungsmächte hüben wie drüben behielten alle Macht fest in ihren Händen.

Die Mehrheit der Bevölkerung, die eher unpolitisch war, sah die Staatsgründungen eher gelassen. Das lag daran, dass die Menschen zu dieser Zeit mit großen existenziellen Problemen zu kämpfen hatten. Deutschland lag noch in Trümmern. Zudem gab es noch keine befestigte Staatsgrenze, sodass man ohne Hindernisse von Ost nach West oder von West nach Ost gehen konnte. Über die Situation der Menschen werde ich an anderer Stelle ausführlich eingehen.

Zwischen 1945 und 1949 ließ die SMAD zur Entlastung ihrer Arbeit Zentralverwaltungen einrichten, die alle Lebensbereiche abdeckten. Es gab bis zu 15 Zentralverwaltungen. Die Posten in diesen Verwaltungen wurden im Laufe der Zeit immer mehr mit systemtreuen Deutschen, insbesondere Kommunisten, besetzt. Die Sowjetunion leistete somit sozialistische Aufbauarbeit. Als die DDR dann gegründet wurde, gingen einige Zentralverwaltungen nahtlos in Ministerien der DDR über.

2.3 Die Organisation des sowjetischen Besatzungsapparates in der DDR zwischen 1949 und 1990

Am 7. Oktober 1949 wurde die DDR gegründet. Mit der Gründung der DDR erhielt die DDR-Regierung zwar offiziell die Verwaltungshoheit. Diese war allerdings eher formell, weil die sowjetische Militäradministration immer das letzte Wort hatte.

Drei Tage nach der Gründung der DDR, also am 10. Oktober 1949, wurde die SMAD aufgelöst. An ihre Stelle trat dann die Sowjetische Kontrollkommission (SKK). Diese trat dezent in den Hintergrund. Sie ließ die DDR-Regierung schalten und walten und griff nur dann ein, wenn diese Politik den Interessen der Sowjetunion zuwiderlief. Die SKK konnte auch Gesetze vorgeben. Sie achtete auf die Durchsetzung der Beschlüsse der Potsdamer Konferenz.

Nach dem Tod Josef Stalins am 5. März 1953 setzte in der Sowjetunion eine gewisse Liberalisierung ein, die sich auch auf die Satellitenstaaten auswirkte. Am 28. Mai 1953 wurde die Sowjetische Kontrollkommission in die Hohe Kommission der UdSSR in Deutschland umgewandelt. Auf der Grundlage eines Ministerratsbeschlusses vom 20. September 1955 erlangte die DDR die „volle Souveränität“. Diese politische Entscheidung kam nicht rein zufällig. Denn kurz zuvor, am 5. Mai 1955, hatte die BRD von den Westalliierten mit dem Deutschlandvertrag die „volle Souveränität“ zuerkannt bekommen. Im Gegensatz zur Zusage an die DDR gab es im Grundgesetz der BRD Textpassagen, die ganz offen die Vorherrschaft der Besatzungsmächte zementierten. Das soll aber nicht das exklusive Thema dieses Buches sein. Jedenfalls ist es ein offenes Geheimnis, dass beide deutsche Staaten nur eine beschränkte Souveränität genossen.

Diese Lockerung der Zügel der Macht war von allen Besatzungsmächten keineswegs uneigennützig. Sie brauchten schlichtweg hochmotivierte militärische Bündnispartner für den Kalten Krieg. So wurde am 12. November 1955 in Westdeutschland die Bundeswehr und am 1. März 1956 in der DDR die Nationale Volksarmee (NVA) gegründet. Beide Staaten wurden 1955 Mitglied sich feindlich gegenüberstehender Militärbündnisse. Die BRD wurde Mitglied der NATO und die DDR Mitglied des Warschauer Vertrages. Es ist schon eine gewisse Tragik, dass sich von nun an Deutsche militärisch gegenüberstanden …

Zurück zur Organisation des sowjetischen Unterdrückungsapparates: Nachdem die UdSSR per Ministerratsbeschluss 1955 der DDR die „volle Souveränität“ zugesichert hatte, wurde das Amt des Hohen Kommissars durch einen Rechtsakt aufgehoben und durch einen Beistandspakt ersetzt. Fortan fand die dezente Kontrolle der DDR-Staats- und der Bezirksregierungen durch die sowjetische Botschaft in Berlin statt. Interessant ist, dass, wie schon angedeutet, es wohl bis heute keine eindeutigen schriftlichen Belege analog den alliierten Vorbehaltsrechten für eine De-facto-Machtausübung der Sowjetunion auf die DDR seit dem Jahr 1955 gibt. Die in der DDR stationierte sowjetische Armee dürfte allemal ein Druckmittel gewesen sein. Zudem stand seit 1968 die Breschnew-Doktrin im Raum, wonach alle Ostblockstaaten, die sich in der sowjetischen Einflusssphäre befanden, keine souveränen Staaten seien.

Der Alliierte Kontrollrat existierte seit 1948 lediglich auf dem Papier. Aufgrund der friedlichen Revolution in der DDR kam er im Dezember 1989 wieder zusammen. Durch den Zwei-plus-vier-Vertrag wurde der Alliierte Kontrollrat aufgelöst.

2.4 Die sowjetischen Truppen in Deutschland zwischen 1945 und 1994

Die sowjetischen Truppen, die ab dem 29. Mai 1945 im restlichen Deutschland ‒ genauer gesagt: in der SBZ ‒ blieben, setzten sich aus Truppenteilen der Ersten und Zweiten Weißrussischen Front sowie aus der Ersten Ukrainischen Front zusammen. Sie nannten sich Gruppe der Sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland (GSBTD). Das Oberkommando residierte bis 1951/1952 in Potsdam-Babelsberg und dann in Wünsdorf. Die anfängliche Truppenstärke wurde von ungefähr 1,5 Millionen Soldaten und Offizieren 1947 auf 350 000 reduziert und stieg während des Koreakrieges (1950‒1953) und der Berlin-Krise (1958‒1962) auf 500 000 bis 600 000 Militärangehörige an. Prinzipiell sank die Zahl der sowjetischen Soldaten in der DDR und im vereinigten Deutschland nie unter 350 000. Die sowjetischen Truppen hatten in der DDR 616 Standorte mit 1116 Liegenschaften, die insgesamt so groß wie das Saarland waren. Das damalige und jetzige Land Brandenburg trug mit 237 Standorten die Hauptlast der Besatzung.12 Das lag wohl auch daran, dass es territorial Berlin umschließt, und vielleicht auch daran, dass es Teil des Staates Preußens war.

Seit 1947 gab es für die sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland eine Richtlinie, wonach diese den Kontakt mit der deutschen Bevölkerung möglichst meiden sollten. Diese Regelung entsprang der Angst vor Spionage. Und so kamen sowjetische Soldaten und Offiziere eher über staatlich organisierte Veranstaltungen in Kontakt mit Deutschen, meistens aber höchstens mit DDR-Funktionären. Sollte es zu privaten Kontakten gekommen sein, so mussten sie abgebrochen werden oder es kam zu Versetzungen und anderem mehr.

Sowjetische Wehrpflichtige mussten in Deutschland für zwei Jahre bleiben. Sie blieben, wenn nicht militärische Übungen angesetzt waren oder wenn sie nicht von einem militärischen Standort zum anderen gehen mussten, fast immer in der Kaserne. Unterkunft und Essen würden viele deutsche Wehrpflichtige dort eher als eine Zumutung empfinden. Im Monat bekam der Soldat 30 DDR-Mark. Er wurde von den Offizieren oftmals nicht gut behandelt, erst recht nicht, wenn er gegen Regeln verstieß oder wenn er in der deutschen Öffentlichkeit Straftaten jeglicher Art beging. Der sowjetische Soldat war in den Augen vieler DDR-Bürger ein armer Schlucker … Den sowjetischen Offizieren ging es dagegen in der DDR sehr gut. Sie erhielten je nach Dienstgrad einen Sold zwischen 750 und 1.500 DDR-Mark. Sie durften ihre Familien mit zum Standort nehmen und wohnten oftmals in Villen und anderen Wohnhäusern, die 1945 enteignet worden waren. Für die Schulkinder der Offiziere gab es eine Schule. Die ganze Infrastruktur befand sich oftmals in abgegrenzten, vor neugierigen Blicken geschützten Arealen. Diese durfte kein Deutscher ohne ausdrückliche Genehmigung betreten. Seit den 1970er-Jahren waren von der sowjetischen Armee betriebene Lebensmittelgeschäfte, sogenannte Russenmagazine, auch für die deutsche Bevölkerung zugänglich. Dort konnte man russische Produkte kaufen.

Auf dem militärischen Gelände wurde es mit dem Umweltschutz nicht so genau genommen. Das ist noch eine nette Untertreibung …

Beim Aufstand vom 17. Juni 1953 reagierte die sowjetische Militäradministration mit drakonischen Maßnahmen. Für 167 der 217 (Land-)Kreise in der DDR wurde der Ausnahmezustand verhängt. An der Zerschlagung des Aufstandes beteiligten sich 16 Divisionen mit ungefähr 20 000 Soldaten. 34 Demonstranten wurden von der deutschen kasernierten Polizei und von sowjetischen Soldaten erschossen. Sowjetische und deutsche Gerichte sprachen insgesamt sieben Todesurteile aus. Diese wurden dann auch ausgeführt. Weitere Personen starben in der Haft.

Die Umbenennung der sowjetischen Truppen in der DDR im Jahre 1954 in Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) muss in dem Zusammenhang gesehen werden, da die Regierung der UdSSR am 25. März 1954 die Absicht erklärte, dass die DDR „voll souverän“ werden solle.

Am 12. März 1957 schlossen die Regierungen der DDR und der Sowjetunion ein Abkommen über den zeitweiligen Aufenthalt sowjetischer Streitkräfte auf dem Territorium der DDR ab. In diesem wurden die Truppenstärke der GSSD, ihre Stationierungsstandorte und die Übungsplätze mit den zuständigen Staatsorganen der DDR abgestimmt. Interessant ist, dass in diesem Abkommen festgelegt wurde, dass sich die sowjetischen Besatzungstruppen nicht in innere Angelegenheiten der DDR einzumischen hatten. Welchen Wert diese Zusicherung hatte, was der DDR bei Ausscheren aus der von Moskau vorgegebenen Marschrichtung blühen könnte, zeigten das Eingreifen der in Dresden stationierten sowjetischen Soldaten 1968 bei der Niederschlagung des Prager Frühlings und die Verkündung der Breschnew-Doktrin im selben Jahr.

1959 stationierte die sowjetische Armee in Fürstenberg an der Havel Mittelstreckenraketen vom Typ R-5M und ab 1968 nukleare Sprengköpfe in den Sonderwaffenlagern Himmelpfort und Stolzenhain.

Nach dem Tod des Generalsekretärs der KPdSU Konstantin Tschernenko wurde am 11. März 1985 Michail Sergejewitsch Gorbatschow zu seinem Nachfolger gewählt. Im Zuge der Reformierung der Armee wurde 1988 die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland in Westgruppe der Truppen (WGT) umbenannt. Gorbatschow hob die Breschnew-Doktrin auf, 1985 noch inoffiziell, 1988 ganz offiziell. Am 21. März 1989 erhielt Erich Honecker von Gorbatschow ein Schreiben, dass er sich von nun an nicht auf einen militärischen Beistand durch die sowjetischen Truppen verlassen könne. Auf der Basis des Erlasses über die Reduzierung der UdSSR-Truppen ließ Gorbatschow die Truppenstärke in den Staaten des Warschauer Vertrages um 500 000 Mann reduzieren. Davon war in der DDR insbesondere Jüterbog betroffen, wo die 32. Garde-Panzerdivision Poltawa stationiert war. Diese Maßnahme war nicht nur das Ergebnis seiner Vision eines gemeinsamen Hauses Europa, sondern auch den gähnend leeren Staatskasse geschuldet. Die sowjetischen Truppen griffen auch nicht ein, als im Herbst 1989 in der DDR immer mehr Menschen auf die Straße gingen und die Herrschaft der SED ins Wanken geriet. Dass diese Revolution friedlich vonstattenging und die Deutschen die Vereinigung der DDR mit der BRD erleben durften, hatte zweifellos mit der Rolle Gorbatschows und der Sowjetunion allgemein zu tun. Das sollten die Deutschen nie vergessen.

Im Zwei-plus-vier-Vertrag wurde auch der Abzug der sowjetischen Truppen bis Ende 1994 beschlossen.

Während die Führung der Sowjetunion 1994 unter die Besetzung Deutschlands einen Schlussstrich zog, dachte und denkt die US-Regierung bis heute nicht im Traum daran, Deutschland zu verlassen. Ein Teil der Besatzungsrechte lebt in deutschen Gesetzen und eventuell in Geheimverträgen fort. Ansonsten sorgt die geglückte Indoktrination weiter Teile der westdeutschen „Elite“ durch die angloamerikanischen Alliierten dafür, dass jedes Unabhängigkeitsstreben bei ihnen im Keim erstickt worden ist, sodass die US-Truppen auch weiterhin in Deutschland bleiben dürfen. Für die ehemaligen DDR-Bürger bot sich ein sehr entlarvendes Schauspiel: Westdeutsche Medienvertreter und Politiker bekamen Schnappatmung, als Anfang August 2019 der US-amerikanische Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, der Bundesregierung drohte, die US-Truppen aus Deutschland abzuziehen, falls diese ihre Militärausgaben nicht umgehend auf zwei Prozent des Bundeshaushalts erhöht.13

2.5 Die Sowjetische Besatzungszone, die DDR und die Reparationskosten

2.5.1 Das Ringen der Alliierten um eine gemeinsame Haltung gegenüber Nachkriegsdeutschland

Nachdem im Juli 1943 die deutschen Truppen die Schlacht am Kursker Bogen verloren hatten und Italien im September 1943 kapituliert hatte, war absehbar, dass Hitler den Krieg nicht mehr gewinnen würde. Auf der Konferenz von Teheran im Dezember 1943 und vielen darauffolgenden Treffen der Westalliierten mit der Sowjetunion wurden Vorstellungen ausgetauscht, wie das Nachkriegsdeutschland aussehen könnte und welche Maßnahmen man ergreifen müsse, um zu verhindern, dass Deutschland erneut einen Krieg anzettele, und wie man Deutschland nicht nur militärisch, sondern auch ökonomisch schwächen könne. Auch in den Administrationen der Regierungen in Moskau, London und Washington wurden Deutschlandpläne ausgearbeitet. Einige Entwürfe sahen eine äußerst harte Haltung gegenüber Deutschland vor. Es gab auch Vorstellungen, dass Deutschland nach der Erfüllung bestimmter Bedingungen die Möglichkeit bekommen solle, relativ schnell wieder auf die Beine zu kommen. Letztere Ideen wären aber bei der Bevölkerung in den USA und in Großbritannien und auch bei Stalin nicht auf Zustimmung gestoßen.

Eine der bekanntesten und umstrittensten Vorstellungen, wie das Nachkriegsdeutschland zu gestalten sei, ist zweifellos der Morgenthau-Plan. Diesen arbeitete der US-amerikanische Finanzminister Henry Morgenthau im August 1944 für den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt aus. Er beinhaltete unter anderem die Umwandlung Deutschlands von einem Industrie- in einen Agrarstaat. Er war einer von mehreren Entwürfen. Auf der Zweiten Québec-Konferenz, die vom 11. bis zum 19. September 1944 stattfand, trafen sich Churchill und Roosevelt. Der US-Präsident nahm anstatt seines Außenministers Cordell Hull seinen Gegenspieler Henry Morgenthau zur Konferenz mit. Bei der Québec-Konferenz ging es um die Verlängerung der US-amerikanischen Militär- und Wirtschaftshilfe, aber auch um die Abstimmung gemeinsamer Ziele für den Umgang mit Deutschland. Pikanterweise stand am Textende des Abkommens ein Satz, der aus dem Morgenthau-Plan entnommen wurde. Dieser lautete: „Dieses Programm zur Ausschaltung der Kriegsindustrie in Ruhr und Saar soll Deutschland in ein Land mit vorwiegend agrarischem und ländlichem Charakter verwandeln.“14 Anfangs lehnten Winston Churchill und sein Außenminister Anthony Eden den Morgenthau-Plan ab, akzeptierten ihn aber als weitere Diskussionsgrundlage. Morgenthau stellte den Briten einen 6,5-Milliarden-Kredit in Aussicht. Das stimmte Churchill um. Während die Außenminister der USA und Großbritanniens dagegen Einwände erhoben, hatten Churchill und Roosevelt dieses Abkommen unterschrieben. Als am 21. September 1944 aufgrund einer Indiskretion aus dem US-Finanzministerium diese Textpassage veröffentlicht wurde, war der Protest in der Bevölkerung der USA und Großbritanniens unerwarteterweise sehr groß. Auch die Reaktionen der US-Presse waren sechs Wochen vor den Präsidentschaftswahlen durchweg negativ. Daraufhin distanzierten sich Churchill und Roosevelt von dieser Aussage. Der Plan wurde deshalb nicht dem Senat zur Beratung zugeleitet, sondern ad acta gelegt. Am 20. Oktober 1944 lehnte Roosevelt jede konkrete Deutschlandplanung ab, setzte in der Folge die harsche Direktive JCS 1067 durch, wonach Deutschland als besiegtes und nicht als befreites Land behandelt werden sollte, und unterband alle Instruktionen für die European Advisory Commission EAC (zu Deutsch: Europäische Beratende Kommission) in London. Diese wurde Anfang 1944 von Russland, den USA und Großbritannien gebildet, um eine gemeinsame Haltung zu den Kapitulationsbedingungen und zum Besatzungsstatut für Deutschland auszuarbeiten. Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit dem neuen US-Präsidenten Harry S. Truman schied Henry Morgenthau aus dem Außenministerium und aus den wichtigsten Entscheidungsgremien aus. Formal ist die Aussage des US-amerikanischen Nachschlagewerkes Wikipedia richtig, dass der Morgenthau-Plan nicht die Grundlage angloamerikanischer Nachkriegspolitik für Deutschland war. Ein mündiger Bürger unterscheidet aber bei Politikern zwischen deren Worten und Taten. Und wie sich dann noch zeigte, kann man sich nicht des Eindruckes erwehren, dass beim Handeln vieler amerikanischer Politiker und Militärs der Morgenthau-Plan zumindest im Hinterkopf präsent gewesen sei: Zur unangenehmen Wahrheit gehörte die praktizierte Bestrafungsphilosophie der USA nach Kriegsende, der deutschen Bevölkerung keine Hilfe zu gewähren, weder eine wirtschaftliche noch eine humanitäre. Die US-Besatzungstruppen wurden angewiesen, keine Lebensmittel an die hungernden Deutschen zu verteilen. Bis zum 5. Juni 1946 durfte die US-amerikanische Hilfsorganisation CARE (Cooperative for American Remittance for Europe) nicht ihre europaweit bekannten CARE-Pakete nach Deutschland senden. Die Direktive JCS 1067 wurde erst im Juli 1947 durch die deutschlandfreundlichere Direktive JCS 1779/1 ersetzt. Es bleibt festzuhalten, dass weder auf der Konferenz von Teheran, auf der Québec-Konferenz, auf der Konferenz von Jalta, bei der Europäischen Beratenden Kommission noch auf der Potsdamer Konferenz sich Russland, die USA und Großbritannien darauf einigen konnten, wie und in welchem Ausmaß die Reparationen Deutschlands stattfinden sollten. Aufgrund der Erfahrungen mit den Reparationszahlungen wegen des Ersten Weltkrieges waren sich die Alliierten nur in einem einig: Die Reparationen sollten nicht mehr über Geldzahlungen erfolgen. Stalins Reparationsforderung an Nachkriegsdeutschland in Höhe von 10 Mrd. US-Dollar wurden von den USA und Großbritannien entschieden abgelehnt. Der verzweifelte Kompromiss auf der Potsdamer Konferenz, jeder könne sich in seiner Besatzungszone nach Belieben bedienen, war für die Bevölkerung in der Sowjetisch Besetzten Zone und der daraus entstandenen DDR äußerst tragisch.

2.5.2 Was zu den Reparationsleistungen zählt und die Diskrepanz bei der Wertstellung

Im Pariser Reparationsabkommen vom 14. Januar 1946 wurden die Forderungen der alliierten Verbündeten (außer diejenigen der Sowjetunion) an Deutschland aufgelistet. Die Sowjetunion bestand hingegen auf ihren Maximalforderungen.

Als Reparation galten die Konfiszierung des Auslandsvermögens, von Devisenbeständen, von Patenten, Warenzeichen, Sachlieferungen, die Demontage von Industrieanlagen und Ähnlichem sowie die Zwangsarbeit deutscher Kriegsgefangener und Zivilisten. Nicht nur in den Bombennächten der letzten Kriegsmonate, auch durch den Raub von Kunstschätzen durch die alliierten Streitkräfte ging viel kulturelles Erbe verloren. Selbst wenn ich kein Rechtsexperte bin, so glaube ich nicht, dass geraubte Kunst, egal, von wem sie gestohlen wurde, für die Verrechnung von Reparationskosten herangezogen werden darf, dass das also nicht mit internationalem Recht vereinbar ist. Ich denke da insbesondere an die Beutekunst aus Deutschland, die in Sankt Petersburg deponiert ist.15

Der erste Deutsche Bundestag beschäftigte sich 1949 mit der Ermittlung des Auslandsvermögens nach dem Zweiten Weltkrieg und kam zum Schluss, dass sich eine Ermittlung der Gesamtsumme als äußerst schwierig erweise, sodass ihre Schätzung um den Faktor 16 über derjenigen der Inter-Allied Reparations Agency (IARA) lag. Da die damalige Bundesregierung davon ausging, dass die Abtretung der ostdeutschen Gebiete an Russland und Polen bis zum Friedensvertrag nur eine vorübergehende Sache sei, wurde der Wert dieser Gebiete nicht in die Ermittlung des Auslandsvermögens einbezogen. Allerdings blieb der Bundesregierung auch nichts anderes übrig, die Kröte der starken Diskrepanz bei der Werteinschätzung der IARA zu schlucken, da sie sich in der schlechteren Position der Bittstellerin befand. Angesichts der damaligen Situation der BRD erschien es der Bundesregierung als ratsamer, das Angebot der Alliierten anzunehmen. Denn die Summe des Schuldenerlasses beim Londoner Schuldenabkommen vom 27. Februar 1953 lag weit über ihrer Schätzung der Höhe des deutschen Auslandsvermögens. Der Erlass bezog sich zwar nicht auf die Reparationsschulden des Zweiten Weltkrieges, für die junge Bundesrepublik ging es aber ums finanzielle Überleben. Hierzu später mehr.

2.5.3 Die Demontage in der West- und in der Ostzone

Die UdSSR erlitt im Zweiten Weltkrieg die größten Kriegsschäden. Daher wurde ihr von den Westalliierten zugestanden, sich bei Reparationen (bei der Demontage von Industrieanlagen) auch in der Westzone bedienen zu dürfen. Ihr standen 25 Prozent aller Demontagen zu, wobei sie für 15 Prozent einen Gegenwert aus der SBZ in Form von Nahrungsmitteln, Holz, Kali, Kohle und Zink u. a. m. liefern sollte. Zehn Viermächtekommissionen wählten die zu demontierenden Betriebe aus. Da die Sowjetunion eine Gegenleistung ablehnte, stoppte der US-amerikanische Militärgouverneur Lucius Clay am 25. Mai 1946 den Transfer von Sachleistungen auf das sowjetische Reparationskonto aus der von den USA besetzten Zone. Daraufhin stellten auch Frankreich und Großbritannien die Transferleistungen aus ihren Besatzungszonen an die Sowjetunion ein.16

Bis März 1947 wurden in der SBZ 11 800 km Eisenbahnschienen demontiert und in die UdSSR transportiert. Das entspricht einer Verringerung auf 48 Prozent des 1938 im mittleren Deutschland existierenden Schienennetzes. Zwischen 2000 und 2400 der größten und modernsten Betriebe wurden vollkommen demontiert. Die Demontage des Schienennetzes und der Industrieanlagen endete in der Ostzone in dem Moment, als die USA ab 1948 die Westzone mit dem European Recovery Program, eher bekannt unter dem Namen Marshallplan, unterstützte. Der Nutzen der Demontage wurde immer fraglicher, weil sich abzeichnete, dass nur circa 25 Prozent der abgebauten Anlagen in der Sowjetunion wirklich in Betrieb genommen werden konnten. Viele Maschinen und Maschinenteile wurden falsch gelagert und transportiert. Dann fehlten die richtigen Montagepläne, oder die Arbeiter in Deutschland hatten aus stillem Protest gegen die Zerstörung ihrer Arbeitsplätze bei der Demontage und Einlagerung „aus Versehen“ Teile mit in die Sendung hineinzulegen „vergessen“, sodass diese dann in der Sowjetunion fehlten. Der Abbau von Anlagen in der Energiewirtschaft führte zu Stromengpässen. Da für die sowjetische Militärverwaltung und für die Regierung der DDR die Produktion von Gütern oberste Prioritäten hatte, kam es zu Spitzenzeiten in den Wohnvierteln immer wieder zu Stromabschaltungen.

Die Gefahr, die SBZ durch Demontagen nicht mehr überlebensfähig zu machen und dieser dann seitens der UdSSR finanziell unter die Arme greifen zu müssen, stieg mit jeder Demontage. Zudem drohte die Stimmungslage in der Bevölkerung zu kippen. Das waren die Hauptgründe, den Abbau von Anlagen und ganzen Betrieben zu stoppen. Der Ministerrat der Sowjetunion erließ zwar die Verordnung Nr. 32-19s, die die „weitere Montage von Ausrüstungen deutscher Betriebe verbot“. Trotzdem forderten verschiedene sowjetische Ministerien die Fortsetzung der Demontage in der SBZ. In Wirklichkeit endete diese erst im April 1948, als sich die Führungsriege in der UdSSR sicher war, dass sich die SBZ auf dem besten Weg zum „demokratischen“ (Satelliten-)Staat befand.17

In der Westzone und in der jungen BRD ging die Demontage noch weiter bis Ende 1950. Erst mit dem Petersberger Abkommen vom 22. November 1949 wurde offiziell ihr Ende beschlossen. Viele westdeutsche Betriebe nutzten die Kredite des Marshall-Planes, um sich für die fehlenden Maschinen sofort neue und produktivere zu kaufen …

Der Wert aller demontierten Anlagen betrug in der SBZ/DDR 5 Mrd. DM und in der Westzone/BRD 5,4 Mrd. DM. Auch wenn die Demontage im Vergleich zwischen den beiden Zonen wertmäßig ausgeglichen zu sein schien, so war diese für den Osten weitaus schmerzlicher. Denn: Bis 1948 hatte der Substanzverlust an industrieller und infrastruktureller Kapazität in der Sowjetischen Besatzungszone ein Maß angenommen, das, alle Branchen zusammengerechnet, 70 Prozent der Wirtschaftskraft von 1944 auf dem gleichen Gebiet entspräche. Das Verhältnis des Kapazitätsverlustes durch Demontagen zwischen West und Ost beträgt nach wissenschaftlichen Ermittlungen des Wirtschaftshistorikers Dr. Rainer Karlsch immerhin 1:10!18

Die KPD, die SPD und seit April 1946 die SED glaubten, dass Betriebe, die in Volkseigentum überführt worden seien, einen gewissen Schutz vor der Demontage hätten. Die SMAD und die Führungsriege in der UdSSR ließen sich in ihrem einmal eingeschlagenen Deutschlandkurs nicht beirren. Selbst das Bitten, wenigstens Teile der Betriebe aus volkswirtschaftlichen Gründen in der SBZ zu belassen, hatte bis zu 99,9 Prozent keinen Erfolg. Es gab Fälle, wo der SMAD Kompromissbereitschaft zeigte, dann aber seine Zusage nicht mehr einhielt und wo SED-Funktionäre aus der unteren Ebene der Bevölkerung/der Belegschaft vortäuschten, sie hätten positive Signale von der SMAD bekommen, was aber nicht der Wahrheit entsprach. Von ganz wenigen Aktionen abgesehen, herrschte in der SED-Führung ein lähmendes Schweigen. Die Demontage von Betrieben und Anlagen durch die Sowjetunion sowie das Verhalten der SED führten zu einem bleibenden Imageschaden. Es war einer von vielen Gründen, die letztendlich zum Volksaufstand am 17. Juni 1953 führten …

2.5.4 Sowjetische Aktiengesellschaften in der SBZ/DDR

Relativ schnell gelangten die Besatzungsmächte in Ost und West zur Erkenntnis, dass die anvisierten Reparationsleistungen allein durch Demontage der Industrieanlagen u. Ä. nicht zu erreichen waren. Der, etwas zugespitzt formuliert, „Morgenthau-Plan light“ konnte zuerst aus finanziellen und später aus bündnispolitischen Gründen nicht durchgehalten werden. Deshalb sollte beispielsweise aus ökonomischer Sicht von nun an zweigleisig gefahren werden: Demontage und Entnahme aus einer stabilisierten Produktion. In der amerikanisch besetzten Zone sorgte die Direktive JCS 1779/1 für eine deutschlandfreundlichere Politik. Der Befehl Nr. 167 der SMAD vom 5. Juni 1946 mit dem Titel „Über den Übergang von Unternehmungen in Deutschland in das Eigentum der UdSSR auf Grund der Reparationsansprüche“ markierte einen Wendepunkt in der sowjetischen Besatzungspolitik. Um die 200 größere Betriebe in der SBZ sollten in Sowjetische Aktiengesellschaften (SAG) nach deutschem Recht überführt werden, wobei ungefähr 300 000 Beschäftigte in bis zu 35 Aktiengesellschaften zusammengefasst wurden. Die Hauptverwaltung sowjetischen Vermögens im Ausland beim Ministerrat der UdSSR war einhundertprozentiger Besitzer. 1947 betrug der Anteil an der Industrieproduktion in der SBZ ungefähr 20 Prozent. Zeitweise lag sie sogar bei 30 Prozent. Die SAG waren hauptsächlich in der chemischen, Elektro-, Gummi- und in der Mineralölindustrie angesiedelt. Ab Ende der 1940er-Jahre durften die Länder der SBZ bzw. die DDR die Sowjetischen Aktiengesellschaften zurückkaufen.

Die Kosten für die seit Beginn des Kalten Krieges heimlich betriebene Aufrüstung (Aufbau einer Kasernierten Volkspolizei), die Reparationen und die Unterhaltskosten für die Besatzungstruppen banden große Teile des Staatshaushalts. 1952 machten diese 22 Prozent und 1953 noch 18 Prozent aus.19 Hinzu kamen Kosten für den Rückkauf der SAG und für die Inhaftierung politischer Gefangener. 1953 waren die Ausgaben zeitweise nicht durch Einnahmen gedeckt. Deshalb ordnete die Regierung der DDR für die Volkseigenen Betriebe (VEB) drastische Normerhöhungen an. Das, aber auch noch andere Gründe führten zu einer Welle von Streiks durch Arbeiter und Angestellte. So bedauerlich die Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 war, war dieser jedoch nicht ganz umsonst. Die Führung in der Sowjetunion erkannte, dass sie ihre Besatzungspolitik in Bezug auf Reparationen nicht fortsetzen konnte. Sie stellte zum 1. Januar 1954 die Reparationsforderungen ein. Die letzten 33 SAG gingen zu diesem Zeitpunkt eigentumsrechtlich auf die DDR über.

Eine SAG spielte hier von Anfang an eine Sonderrolle und war von der vollkommenen Eigentumsübergabe ausgeschlossen: Es war die Wismut AG. Diese hatte für das sowjetische Atomwaffenprogramm eine enorme Bedeutung, weil sie Uran aus den Bergwerken in Thüringen und Sachsen lieferte. Ab dem 1. Januar 1954 wurde dieses Unternehmen in die Sowjetisch Deutsche Aktiengesellschaft SDAG Wismut mit 50-prozentiger deutscher Beteiligung umgewandelt. Am 20. Dezember 1991 wurden von der BRD die sowjetischen Aktienanteile übernommen.

2.5.5 Der Aderlass an Wissen und Fachleuten in der SBZ

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Deutschland einen Aderlass an Wissen, Wissenschaftlern und Fachleuten in einem bis dato nie bekannten Ausmaß. Ich möchte mich hierbei vornehmlich auf die Sowjetische Besatzungszone konzentrieren, aber auch ab und zu diesbezüglich einen Blick auf die Westzone/auf die Westalliierten werfen, weil es immer wieder Interaktionen zwischen der Sowjetunion und den Westalliierten gab.

Da die USA im Zweiten Weltkrieg von der Zerstörung verschont geblieben war, waren die Amerikaner weniger an Sachleistungen als an der Erlangung deutschen Wissens interessiert. Sofort, als die US-amerikanischen Truppen deutschen Boden betreten hatten, schwärmten eigens dafür ausgebildete Truppen aus, um Patente, eingetragene Warenzeichen, Experimentier- und hochmoderne Industrieanlagen, Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker aufzuspüren und in die USA zu bringen. Von besonderem Interesse waren die Raketen-, die Flugzeug-, die Antriebs-, die optische, die chemische, die Farbfilm- und die Maschinenbauindustrie.

Was viele ehemalige DDR-Bürger nicht wissen, weil es zwar noch regional besprochen, da nicht abstreitbar, aber in den offiziellen Geschichtsbüchern in der DDR verschwiegen wurde, ist die Tatsache, dass die US-Truppen Sachsen-Anhalt, Thüringen und das westliche Sachsen einschließlich Leipzig bis Ende Juni 1945 besetzt hielten.20 Allenfalls wurde vom „Handschlag in Torgau“, als am 25. April 1945 sowjetische Truppen auf die US-amerikanischen stießen, berichtet …

Bis 1945 war die Industrie des mittleren Deutschlands konzentriert im südlichen Teil: in Sachsen-Anhalt, in Thüringen und in Sachsen. Ich denke an Jenaer Glaswerke Schott & Gen. sowie Carl Zeiss in Jena, die Leunawerke in Leuna, die Buna-Werke in Schkopau, die Filmfabrik in Wolfen, Hentschel in Staßfurt, die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke in Dessau, die Siebel Flugzeugwerke KG in Halle usw. Seit 1944 wurden Berlin, das Berliner Umland und die Heeresversuchsanstalt Peenemünde, wo die Ernst Heinkel Flugzeugwerke an der Entwicklung von Einstrahlflugzeugen und Raketenantrieben beteiligt waren, immer stärker von den Alliierten bombardiert. Daher erfolgte eine Dezentralisierung. Betriebsteile und Berliner Forschungseinrichtungen wurden nach Thüringen, Sachsen-Anhalt und nach Sachsen umgesiedelt. Im Harz und im Gebirge um Jena trieben Zwangsarbeiter Stollen in die Berge, wo dann die Produktion von Munition, Flugzeug- und Raketenteilen sowie die Forschung relativ ungestört bis Kriegsende fortgesetzt werden konnte.

Das starke Interesse der Amerikaner am deutschen Wissen/an Patenten in der Chemie und in der Flugzeug- und Raketentechnik war nicht ganz unbegründet. Denn nach Aussage Adenauers hatte zum Beispiel die IG-Farben gegenüber der Chemieindustrie in den USA einen Wissensvorsprung von mindestens zehn Jahren.21 So ähnlich war es auch in der Flugzeug- und Raketentechnik.

Die USA nutzte die kurze Zeit ihrer Besatzung in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen intensiv aus, um an Patente, Industriegeheimnisse, wissenschaftliche Forschungsergebnisse, an Experimentieranlagen und an wichtige Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker zu kommen. Von 1945 bis 1947 eigneten sich die USA in ihrem Machtbereich deutsche Patente und Betriebsgeheimnisse im Wert von 10 Mrd. US-Dollar an.22 Im Vergleich dazu: Beim Marshall-Plan erhielt die Westzone einen Kredit von lediglich 1,4 Mrd. US-Dollar! Der Schaden für Deutschland war allein aus der Sicht immens.

Mit der Operation Overcast rekrutierten die USA 1945/1946 deutsche Wissenschaftler und Ingenieure, um mit ihrer Hilfe das militärische Rüstungsprogramm bezüglich der Flugzeug- und Raketentechnik deutlich voranzubringen. Die Operation Paperclip diente dazu, wichtige deutsche Fachleute vor der Flucht ins Ausland abzuhalten und sie stattdessen in die USA zu bringen und sie eventuell auch einzubürgern. Die bekannteste Person war zweifellos Wernher von Braun. Der Umgang mit ihm ist ein Beispiel dafür, dass die USA wenig Berührungsängste gegenüber Personen hatten, die mit einer nationalsozialistischen Vergangenheit behaftet waren, wenn es um ihre Vorteile ging.23

Deutsche Wissenschaftler und Ingenieure, die die USA nicht für ihr Rüstungsprogramm brauchte und die die anderen Siegermächte nicht für ihre Zwecke nutzen sollten, wurden im Rahmen des Projektes Safehaven gefangen genommen, aufs Land verfrachtet und zum Nichtstun verdammt. Es handelte sich hierbei um 1800 Wissenschaftler und Techniker aus allen Bereichen der Forschung und Entwicklung und 3700 Familienangehörige. Diese Personen durften, von der Umwelt abgeriegelt, höchstens artfremde Tätigkeiten durchführen. Sie befanden sich gewissermaßen in einem Abklingbecken des Wissens. Damit sollten sie ihre Spitzenposition in der Wissenschaft verlieren. Diese Wissenschaftler, Techniker und herausragenden Denker standen somit dem Aufbau Deutschlands nicht zur Verfügung.24

Das britische „Engagement“ zur Erlangung von Wissen und Wissenschaftlern aus Deutschland war etwas bescheidener und von weniger Erfolg gekrönt. Am ehesten bekannt ist die Operation Matchbox. Hierbei wurden 200 deutsche Wissenschaftler zusammen mit ihren Familienangehörigen gegen ihren Willen nach Australien gebracht. Schwerpunkt der Forschung war es, aus Braunkohle Treibstoff zu gewinnen. Diesbezüglich hatten sich Forscher in den Buna-Werken schon ein Verfahren ausgedacht.

Das VW-Werk in Wolfsburg wollten die Briten vollkommen demontieren. Bestimmte Kreise in der britischen Militäradministration, Politik und Wirtschaft konnten aus den technischen Unterlagen von VW keine besonderen Erkenntnisse ziehen und sahen beim Verkauf der bisher produzierten Modelle auf dem britisch beherrschten Markt keine Aussicht auf Verkaufserfolge. Dieser Fehleinschätzung ist es zu verdanken, dass der Betrieb erhalten blieb, die Produktion von Pkws in Wolfsburg wieder anlaufen durfte und heutzutage VW zu einem der größten und weltweit führenden Konzerne in seiner Branche geworden ist …

Auch die Sowjetunion zog schnell nach, als es um die Ergreifung von Maßnahmen zur Erlangung deutschen Wissens ging. Ab Mai 1945 konzentrierte sich in der Sowjetischen Besatzungszone die Suche der sowjetischen Militäradministration auf alle deutschen Wissenschaftler und Ingenieure, die sich mit Flugzeug- und Raketentechnik beschäftigten und sich nicht in die Westzone oder ins Ausland abgesetzt hatten. Sie wurden teils dienstverpflichtet, teils durch hohe Gehälter gelockt, in Experimental-Konstruktionsbüros, in sogenannten OKB, zu arbeiten. (OKB steht auf russisch für: опытно-конструкторское бюро). In der SBZ gab es sieben dieser Art.

Nachdem die US-amerikanischen Truppen mit Menschen und Material abgezogen waren, errichtete die SMAD in Bleicherode, bei Nordhausen und südlich des Harzes im Sommer 1945 das Institut RABE (Raketen-Bau und -Entwicklung) und die „Zentralwerke“, ein weiteres Zentrum, wo alle Wissenschaftler und Techniker zusammengefasst wurden. Bis zu 6000 Beschäftigte mussten die V2 (eine deutsche Großrakete) konstruieren und bauen. Diese wurde dann in die Sowjetunion geliefert und getestet. Die sowjetischen Spezialtruppen versuchten notgedrungen, viele Wissenschaftler aus der zweiten Reihe, die eng mit Wernher von Braun zusammenarbeiteten, für ihr Raketenprogramm zu gewinnen oder sie dazu zu zwingen. Es gelang ihnen sogar, Helmut Gröttrup, der Stellvertreter von Wernher von Braun gewesen war, aus der Westzone für diese Arbeit anzuwerben. Zu jenen bekannten deutschen Wissenschaftlern, die am gleichen Projekt arbeiteten, gehörten auch Heinrich Wilhelmi und Werner Albring.

Alle von mir genannten Zentren wurden dem sowjetischen Ministerium für Bewaffnung unterstellt und von einem sowjetischen Offizier geleitet. Die deutschen Wissenschaftler und Ingenieure hatten die Aufgabe, verloren gegangene oder zerstörte wissenschaftlich-technische Dokumente über die neuesten deutschen Waffensysteme zu rekonstruieren und fertigzustellen. Damit verstieß die Sowjetunion gegen Geist und Buchstabe der Abmachungen der Potsdamer Konferenz, auf deutschem Boden keine Waffensysteme zu entwickeln und herzustellen. Daher kam von den Westalliierten scharfer Protest. Die Sowjetunion sah sich genötigt, ihre Strategie bei der Aufrüstung mit deutscher Beteiligung zu ändern …

Am 22. Oktober 1946 ab 05:30 Uhr wurde in der SBZ eine lange, bis ins letzte Detail geplante Aktion, die von der SMAD geleitet wurde, durchgeführt. Mehr als 100 Güterzüge wurden hierzu bereitgestellt und das örtliche Telefonnetz außer Betrieb gesetzt. Diese Operation lief unter dem Namen Aktion Ossawakim. (In Wirklichkeit müsste sie „Operation Ossoawiachim“ heißen.) Im Rahmen dieser Aktion suchten Spezialkräfte der Sowjetarmee die Wohnungen ausgewählter Wissenschaftler und Techniker auf, die sich mit Flugzeug- und Raketentechnik beschäftigten. Sie umstellten die Wohnungen und forderten sie auf, alles auszuräumen, was sie mit in die Sowjetunion nehmen wollen. „Auf Befehl der sowjetischen Militäradministration müssen Sie fünf Jahre in Ihrem Fach in der Sowjetunion arbeiten. Die Arbeitsbedingungen sind dieselben wie für einen Russen in entsprechender Stellung. Sie werden Ihre Frau und Ihr Kind mitnehmen. Sie können von ihren Sachen so viel mitnehmen, wie sie wollen. Packen Sie!“ Diesen Spruch bekamen die vollkommen überraschten Personen von den bei der Aktion mitgenommenen Dolmetschern aus der Sowjetarmee zu hören.25 Innerhalb weniger Stunden wurden in Bleicherode 150 Personen zumeist gegen ihren Willen mit Familie und Mobiliar in Züge ins Ausland verfrachtet. So oder so ähnlich lief es zeitgleich in mehreren Orten in der SBZ ab. Insgesamt betraf es rund 2500 Wissenschaftler, Techniker und andere Spezialisten und ungefähr 4000 Familienangehörige.

Die im Rahmen der Aktion Ossawakim verschleppten Wissenschaftler und Techniker kamen aus den Spezialgebieten „Radar und Funk“, „Kreisel- und Navigationssysteme“, „Feststoffraketenantriebswerke“, „Flüssigkeitsraketen“, „Flugzeuge, Strahltriebwerke und Flugabwehrraketen“, aus der Erdölindustrie und aus der Foto- und Kinoindustrie. Die verschleppten Deutschen wurden auf verschiedene Forschungszentren in der Sowjetunion aufgeteilt. Einerseits bauten sie dort die deutschen Waffensysteme und Flugzeuge nach und verbesserten diese, andererseits wurden völlig neue Waffen und Flugzeugtypen entwickelt. Das Hauptziel war es, eine Trägerrakete zu entwickeln, die drei Tonnen Nutzlast 3000 km weit transportieren konnte. Als 1953 Stalin starb, durften viele Deutsche, nachdem sie die sowjetischen Militärs und Wissenschaftler eingearbeitet hatten, in die nun entstandene DDR zurückkehren.

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