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Der Orkling

 

»Na, das nenn ich mal einen Halbling!«, grollte Groxmox, während er das riesige Schwert mit beiden Händen und solcher Gewalt schwang, dass es den weißgerüsteten Elbenkrieger von der linken Schulter bis hinab zur rechten Hüfte spaltete, und das so schnell und sauber, dass die Klinge in der Aufwärtsbewegung bereits einen weiteren Gegner traf, noch bevor die beiden Körperhälften in unterschiedlichen Richtungen auseinanderrutschten und mit einem nassen Klatschen im Morast landeten. Dieser Hieb hatte nicht mehr genug Kraft, um den Schild zu zerschmettern, den das nächste Spitzohr im allerletzten Moment hochriss, aber immerhin schleuderte er den Elbenkrieger rücklings aus dem Sattel, womit sein Schicksal ebenfalls besiegelt war. Ein einzelner Elb inmitten einer Horde kampfberauschter Orks lebte im Allgemeinen nicht mehr lange genug, um sich auch nur zu erschrecken. Falls die käsegesichtigen Langohren nicht zu arrogant und stolz waren, um so etwas wie Schrecken überhaupt zu kennen.

Groxmox wusste es nicht, und es war ihm auch gleich. Alles, was ihn im Zusammenhang mit den Spitzohren interessierte war, wie man sie möglichst schnell und in möglichst großer Zahl umbringen konnte. Dennoch verspürte er einen flüchtigen Anflug von Ärger, als er sah, wie Muxlux das scheuende Pferd des Elben mit einer fast nachlässig wirkenden Bewegung zu Boden stieß, über das kreischende Tier hinwegsprang und mit dem Fuß auf das Gesicht des gestürzten Elben stampfte, was dessen verzweifeltem Strampeln zwar ein abruptes Ende bereitete, Groxmox aber auch einen weiteren und noch tieferen Stich versetzte. Das Langohr war ihm gleich, aber es wäre seiner gewesen. Soald das Töten heute vorbei war, würde er ein ernstes Wörtchen mit seinem Eiling reden. Ein sehr ernstes.

Muxlux griente ihn feist und fett an, trampelte nur zur Vorsicht noch einmal mit dem anderen Fuß auf das, was vom Gesicht des Elben noch übrig war und grunzte vor Schmerz, als der Helm des Kriegers unter der Gewalt des Trittes zerbarst und eine scharfe Metallkante einem Messer gleich in sein Fleisch schnitt. Jetzt war es an Groxmox, zufrieden zu feixen, und der Rest seines Ärgers verrauchte (wenigstens für den Moment), indem er der abgeschnittenen oberen Hälfte seines ersten Gegners einen wuchtigen Tritt verpasste, woraufhin der einarmige Torso nicht nur in hohem Bogen davonflog, sondern ein weiteres gepanzertes Elbenpferd traf, das daraufhin kreischend auf die Hinterläufe stieg und seinen Reiter abwarf.

»Der gilt nicht!«, grummelte Muxlux, als sie beide dabei zusahen, wie der Elbenkrieger in einer Woge grün und grau geschuppter Kolosse verschwand und augenblicklich in Stücke gerissen wurde. »Komm bloß nicht auf die Idee –«

Was immer er noch hatte sagen wollen, ging in einem abermaligen schmerzhaften Grunzen unter, als eine faustgroße und mit boshaften Dornen gespickte Eisenkugel von hinten gegen seinen Schädel krachte. Muxlux stolperte zwei ungelenke Schritte nach vorne und sank auf die Knie. Der Helm rutschte ihm über die Augen, und Ströme schwarzen Orkbluts ergossen sich über seinen Nacken und die Schultern. Stöhnend schüttelte er so heftig den Kopf, dass sein Helm wieder weit genug nach hinten rutschte, um seine Augen freizugeben, und stand nicht nur schwankend wieder auf, sondern drehte sich auch genau im richtigen Moment herum, um dem Morgenstern dieses Mal sein Gesicht anzubieten.

Wahrscheinlich hätte der auch getroffen und die Visage noch ein bisschen hässlicher gemacht, doch Groxmox fing die herabsausende Eisenkugel nicht nur im letzten Moment auf, sondern schloss auch die Hand darum und riss mit aller Macht an der Kette. Einer der spitzen Stacheln durchbohrte seine Hand und stach in einer Fontäne aus spritzendem schwarzem Blut auch noch auf der anderen Seite aus seinem Kettenhandschuh; der Elb hatte mit einer Gewalt zugeschlagen, die der Ork einem Langohr gar nicht zugetraut hätte. Die pure Kraft des Schlages raste bis in seine Schulter hinauf und explodierte dort zu so grausamem Schmerz, dass er aufheulte. Aber natürlich ließ er nicht los. Ganz wie es die Art seines Volkes war, hieß er den Schmerz im Gegenteil nicht nur willkommen, sondern nahm ihn und wandelte ihn in Zorn und vor allem unbändige Kraft um. Trotz des geschlossenen Visiers vor seinem Gesicht meinte Groxmox den verblüfften Blick des Elben regelrecht zu spüren, als der seine plötzlich leere Hand anstarrte.

Allerdings hielt diese Verblüffung nicht wirklich lange an. Sie wurde spätestens in dem Moment zu etwas anderem, in dem Muxlux ihm den Sattel samt Pferd unter dem Leib wegtrat.

Der Krieger schrie vor Überraschung und Furcht auf, kämpfte mit wild rudernden Armen um ein Gleichgewicht, das er schon lange nicht mehr hatte und fiel genau in Muxlux’ ausgestreckte Hände – oder wäre es, hätte Groxmox in diesem Moment nicht den Morgenstern losgelassen, der prompt auf Muxlux ohnehin lädiertem Fuß landete und seinen großen Zeh an den Boden nagelte. Sein Eiling kreischte vor Schmerz und riss den Fuß mit solchem Ungestüm zurück, dass sein Zeh blieb, wo er war. Dann begann er auf einem Bein herumzuhüpfen, und Groxmox konnte den stürzenden Elben mit beiden Armen auffangen, sein Knie in die Höhe reißen und ihm das Rückgrat brechen.

Der Elb heulte vor Schmerz und erschlaffte dann in seinen Armen, und Groxmox ließ ihn fallen. Er machte sich nicht die Mühe, ihn zu töten, sondern bückte sich stattdessen nach dem Morgenstern, hob ihn auf und nestelte mit ungeschickten Bewegungen Muxlux’ abgerissenen Zeh von der rostigen Eisenspitze. Etwas huschte in seinen Augenwinkeln entlang und war verschwunden, bevor er es richtig erkennen konnte, und ein dünner Schmerz biss in seine Wade, als hätte jemand eine Nadel hineingestoßen. Groxmox ignorierte sowohl das eine als auch das andere, fuhr auf dem Absatz herum und war mit einem einzigen großen Schritt bei seinem Eiling, der noch immer auf einem Bein herumhüpfte und dabei schrie, als würde ihm bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen.

»Hier!«, überbrüllte ihn Groxmox, indem er ihm den Zeh hinhielt. Erneut meinte er einen Schatten zu erahnen, der irgendwo zu seinen Füßen herumwuselte, und jetzt spürte er ein heftiges Brennen in der anderen Wade, und gleich darauf einen dritten und nun wirklich üblen Schmerz, der tief in seinen Knöchel biss. Ganz instinktiv trat er aus und meinte auch etwas getroffen zu haben, das mit wirbelnden Gliedmaßen und kreischend davonflog, doch in diesem Moment heulte Muxlux noch lauter auf und schlug mit beiden Fäusten nach ihm. Groxmox wich den ersten zwei oder drei ungestümen Hieben aus, doch als er sich einen üblen Nasenstüber einhandelte, trat er Muxlux das gesunde Bein weg und schubste ihn vorsichtshalber auch noch ganz um, als er auf dem Hinterteil landete.

»Ist das dein Dank?«, polterte er. »Ich bringe dir deinen Zeh zurück, und du schlägst mich?«

Sein Eiling heulte nur noch lauter vor Schmerz und Wut und trat nach ihm; unglückseligerweise tat er dies jedoch mit dem verletzten Fuß, sodass Groxmox zwar zurückstolperte, er selbst aber so schrill aufjaulte, dass man es nun bis zu den Schwarzen Klippen hören musste.

»War ja nur nett gemeint«, sagte Groxmox. »Und du willst ihn wirklich nicht zurück?«

Muxlux kreischte eine hysterische Antwort, die er nicht verstand, und Groxmox betrachtete den abgerissenen Zeh noch einen Herzschlag lang nachdenklich. Da er sich dabei erinnerte, wie sehr er Verschwendung hasste, verschlang er ihn kurzerhand.

»Halbling!«, murmelte Muxlux. »Verdammte Halblinge!«

»Wieso beleidigst du mich?«, beschwerte sich Groxmox. »Du wolltest ihn nicht, und es ist gutes Fleisch!«

»Halbling«, grummelte Muxlux nur noch einmal. Er knetete seinen verstümmelten Fuß, rollte sich auf die Seite und gestikulierte mit einer blutigen Hand auf einen Punkt irgendwo hinter Groxmox. Ihm war nicht sonderlich wohl bei der Vorstellung seinem dermaßen wütenden Eiling den ungeschützten Rücken zuzudrehen. Er blickte sich dennoch um und sah, was Muxlux gemeint hatte.

Es war keine Beschimpfung gewesen. Das Töten hielt mit unverminderter Wut an, doch etwas hatte sich geändert: Zwischen den kämpfenden Elben und Orks wuselten plötzlich zahlreiche kleine Gestalten herum. Kaum halb so groß wie die weißgerüsteten Krieger und geradezu lächerlich klein gegen seine eigenen Eilinge und Brüder, schwangen die in winzige Rüstungen und Helme gekleideten Neuankömmlinge drollige Spielzeugschwerter und -äxte.

Da war eine Erinnerung, die sich rühren wollte, aber prompt verschwand, als er danach griff, doch er sah auch so, wovon Muxlux sprach. Es waren tatsächlich Halblinge, Hunderte, wenn nicht gar Tausende der großfüßigen Zwerge, die sich mit dem Mut der Verzweiflung in das Töten warfen, obwohl sie rein gar nichts erreichen konnten, außer eben den eigenen sicheren Tod.

Groxmox machte einen Schritt und blieb mit einem überraschten Keuchen wieder stehen, als ein blendender Schmerz durch seinen Knöchel schoss, schlimm genug, um ihm fast die Tränen in die Augen zu treiben. Er fluchte nur aus dem Grund nicht, dass ihm partout keine Verwünschung einfallen wollte, die schlimm genug war, um auszudrücken, was er fühlte. Vor lauter Verblüffung vergaß er sogar den Schmerz, als er den Messergriff erblickte, der nur ein kleines Stück über seinem pochendem Knöchel aus dem Stiefel ragte. Mit spitzen Fingern zog er den geschliffenen Stahl aus seinem Fleisch und hätte beinahe laut aufgeschrien, so weh tat das. Und als wäre das nicht genug, hörte der Schmerz keineswegs auf, nachdem er den beißenden Stahl aus seinem Fleisch entfernt hatte, sondern veränderte lediglich seine Qualität.

Groxmox war ein bisschen verwirrt. Er wusste zwar selbst, dass er nicht unbedingt der Hellste war – nicht einmal für einen Ork – doch sogar ihm war klar, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging.

»Halblinge«, heulte Muxlux zum dritten Mal, und Groxmox tat seinem Eiling den Gefallen, noch einmal zu den selbstmörderischen Winzlingen hinzusehen, die sich in das Töten warfen, als wären sie es, die allen anderen um das Doppelte an Größe und mindestens das Dreifache an Kraft überlegen waren. Hier und da war es ihnen tatsächlich gelungen, die Reihen der Orks zu durchbrechen, und selbstverständlich nutzten die Spitzohren auf ihren gepanzerten Pferden diese vermeintliche Schwäche augenblicklich aus, um in die entstandenen Lücken zu stoßen.

Groxmox wollte das Schwert des Halblings – das in seinen Händen eigentlich nicht mehr als ein (kleines) Messer war – achtlos weg –, und sich selbst unverzüglich in den Kampf werfen, aber er stellte sich dabei so ungeschickt an, dass er sich abermals in den Finger schnitt. Es tat so höllisch weh, dass er nicht nur aufschrie, sondern die vermeintlich harmlose Waffe in hohem Bogen von sich schleuderte.

Erstaunt hob er seinen Daumen vor die Augen. Der Schnitt war viel tiefer als er erwartet hatte – um genau zu sein, reichte er bis auf den Knochen – und er tat nicht nur noch immer dermaßen weh, dass er gewimmert hätte, wären Orks im Stande gewesen zu wimmern, sondern pulsierte, pochte und blutete auch heftig, statt sich wieder zu schließen, wie er es eigentlich sollte.

»Was hastn da?«, fragte Muxlux. Er stand wieder auf beiden Beinen, wenn auch noch ein bisschen wackelig, und reckte den Hals, um den zerschnittenen Daumen seines Eilings begutachten zu können.

Groxmox steckte das kompromittierte Körperteil rasch in den Mund und nuckelte daran. Das Blut schmeckte so süß, dass er fast in Versuchung war, den Daumen abzubeißen und genüsslich darauf zu kauen. Sich eines Besseren besinnend sog er nur noch kräftiger an dem Schnitt, der sich nur quälend langsam zu schließen begann. Dabei hielt er nach dem Halbling-Schwert Ausschau, das er in seinem ersten Schrecken weggeworfen hatte. Unter all den Leichen, abgerissenen und -geschnittenen Körperteilen und zerbrochenen Waffen und Rüstungen brauchte er eine Weile, um es zu finden, und als er es schließlich aufhob, tat er dies mit allergrößter Vorsicht. Er achtete darauf, die Waffe nur mit spitzen Fingern und in respektvollem Abstand von sich zu halten, als wäre sie ein gefährliches Insekt, das ihn jederzeit beißen konnte.

Auch auf den zweiten Blick sah das Messerchen nicht besonders gefährlich aus, aber sein Daumen tat immer noch weh – auch wenn er endlich aufgehört hatte zu bluten – und als er zu den Kämpfenden hinsah, stellte er fest, dass es beim Töten nicht gut für seine Seite stand. Vor allem die frechen Halblinge schienen seinen Eilingen und Brüdern gehörig zu schaffen zu machen. Die dreisten Zwerge fielen zwar gleich zu Dutzenden unter den Schwertern und Krallen der Orks, aber Groxmox beobachtete auch fassungslos, wie etliche seiner Brüder zu Boden gingen und sich nicht mehr rührten, nachdem die Halblinge über sie hergefallen waren und damit begonnen hatten, mit ihren albernen Spielzeugwaffen auf sie einzustechen.

Groxmox starrte das kleine Schwert an, dann seine kämpfenden Eilinge, dann wieder das Schwert. Da war irgendetwas, das miteinander zu tun hatte, so viel war ihm klar, und nachdem er eine Weile angestrengt darüber gegrübelt hatte, kam ihm eine Idee. Er nahm das Messer in die andere Hand, fuhr sich mit der rasiermesserscharfen Schneide über den Unterarm und sah einigermaßen verstimmt zu, wie sich Haut und Fleisch zwar teilten, aber gar nicht daran dachten, sich unverzüglich wieder zusammenzufügen. Außerdem tat es ganz ekelhaft weh, und es war eine ihm vollkommen unbekannte Art von Schmerz, den er nicht nehmen und in etwas verwandeln konnte, das ihm zunutze war. Stattdessen tat es einfach nur weh.

Muxlux humpelte ihm nach und sah auf seinen blutenden Arm hinab. »Machstn da?«, wollte er wissen.

Groxmox starrte seinen Eiling an, dann den Schnitt in seinem Fleisch, schließlich das zweischneidige Schwert und dann noch einmal Muxlux. Dann drehte er sich ganz zu ihm herum und zog ihm die Klinge so tief durch die Wange, dass das Fleisch so weit aufklaffte, dass man die gelben Zähne in der dahinterliegenden Mundhöhle erkennen konnte. Muxlux kreischte, schlug mit der einen Hand das Schwert weg und die andere so wuchtig vor sein Gesicht, das seine Augen trüb wurden und er einen Moment lang benommen wankte. Groxmox hielt ihn rasch mit beiden Händen fest und sah ihm aufmerksam ins Gesicht. Muxlux’ Wange hing herunter wie ein Fetzen aus einem zerrissenen Hemd, und Zähne und Zunge dahinter begannen, sich vom Orkblut schwarz zu färben. Sein Eiling blinzelte, heulte noch immer vor Pein und versuchte, sowohl sich loszureißen als auch sein Gesicht zusammenzuhalten, doch Groxmox war schon immer viel stärker gewesen als er (wenn man es genau nahm, dann war er stärker als jeder andere Ork, den er kannte). Er hielt ihn mühelos in eisernem Griff und beobachtete staunend, dass sein Eiling noch viel größere Mühe zu haben schien, jener unbekannten Art von Schmerz Herr zu werden als er selbst.

Groxmox hielt Muxlux weiterhin fest und wartete, bis sich tatsächlich so etwas wie eine rudimentäre Sorge um seinen Eiling in ihm zu regen begann. Doch schließlich floss das Blut weniger stark, und er gestattete Muxlux, die Hand zu heben und sein Gesicht daran zu hindern, auseinanderzufallen. Da war noch etwas Wichtiges. Er hatte vergessen, was es war, aber es hatte mit dem Messer zu tun.

Der eigene Arm hatte inzwischen aufgehört zu bluten. Nur um auch ganz sicher zu sein, fügte sich Groxmox noch einen weiteren tiefen Schnitt in der Handfläche zu und beobachtete zufrieden (und mit zusammengebissenen Zähnen, um nicht vor Schmerz zu stöhnen), dass sich auch diese Wunde nur sehr langsam schloss, und sehr viel stärker blutete, als sie eigentlich sollte.

Dann erinnerte er sich. Dieses verzauberte Schwert war nicht von selbst in seinem Bein erschienen. Er musste den Leichnam des vorwitzigen Halblings finden, der ihn gestochen hatte. Möglicherweise half ihm das ja, das Geheimnis dieser verzauberten Klinge zu lösen. Auch wenn er nicht die mindeste Vorstellung hatte, wie.

Während er nach dem toten Winzling Ausschau hielt, wanderte sein Blick noch einmal über das Töten, das noch immer in vollem Gange war, und er erschrak. Es stand wirklich nicht zum Besten. Viele seiner Eilinge lagen reglos am Boden oder wurden Schritt für Schritt von den Langohren und ihren dreisten Verbündeten zurückgedrängt. Das war nicht nur erschreckend, sondern dürfte eigentlich auch keinesfalls geschehen.

Es wäre nicht das erste Töten, das Groxmox und die Seinen verloren, doch als sie an diesem Morgen aufgebrochen waren, da hatten sie praktisch schon als Sieger festgestanden. Die Festung der Spitzohren lag vor ihnen, gleich auf der anderen Seite des Flusses, und ihre Zahl war mehr als doppelt so groß wie die der Ritter in Weiß und Silber. Die stellten sich ihnen wohl auch nur noch aus reinem Stolz entgegen, oder um ihren Familien und Freunden mit diesem Opfer die Zeit zu erkaufen, die sie brauchten, um die bereits dem Untergang geweihte Festung zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen.

Jetzt hingegen sah es fast so aus, als befänden sich die Elben und ihre vorwitzigen Mitstreiter auf dem Vormarsch.

Was natürlich vollkommen unmöglich war, wie sogar Groxmox wusste. Spitzohren konnten Orks schlagen, und sie hatten es auch schon getan, aber dazu mussten sie ihnen zahlenmäßig mindestens so weit überlegen sein, wie er Finger an einer Hand hatte. Oder besser an beiden.

Etwas flackerte in seinen Augenwinkeln. Groxmox sah genauer hin, erkannte nichts, registrierte aber, gerade als er eigentlich hatte wegsehen wollen, ein neues Huschen in den Augenwinkeln.

Nach dem fünften oder sechsten Versuch, wurde ihm endgültig klar, dass er das, was er da sah, eigentlich nur sah, wenn er es nicht sah. Von diesem komplizierten Gedanken allein bekam er Kopfschmerzen; oder vielleicht auch von dem Zauber, der seine Sinne trübte, denn um nichts anderes konnte es sich handeln. Er meinte einen Hügel zu sehen, wo keiner war, den Umriss eines Zeltes und die Schattenrisse einer Anzahl Gestalten, die darauf und daneben standen und das Töten beobachteten. Doch das alles war auf eine schreckliche Weise verzerrt und falsch, die er unmöglich in Worte kleiden konnte, auch wenn der Effekt ihm schier den Magen umstülpen wollte.

Schon damit ihm nicht endgültig übel wurde, besann er sich wieder auf den Gedanken davor und schob das Halblings-Schwert behutsam unter den Gürtel, während er zugleich nach dessen ehemaligem Besitzer Ausschau hielt. Groxmox meinte sich zu erinnern, ihn mit einem Fußtritt erwischt zu haben. So musste das, was von ihm übrig war, vermutlich als blutiger Sack voller Knochensplitter irgendwo zwischen all den anderen Toten liegen. Er musste wohl härter zugetreten haben, als er gedacht hatte, denn er entdeckte den toten Halbling zwar, aber er war sehr viel weiter geflogen, als er erwartet hätte. Groxmox ging hin, stieß den Halbling behutsam mit dem Fuß an und ließ sich dann in die Hocke sinken, um ihn genauer zu begutachten.

Nicht dass es etwas wirklich Außergewöhnliches zu sehen gab, abgesehen davon eben, dass er ein Halbling und damit sehr klein und schon fast lächerlich zerbrechlich gebaut war. Groxmox konnte keine größeren Beschädigungen entdecken, als er ihn mit spitzen Fingern am Schlafittchen ergriff und hochhob, aber schließlich wusste er auch, wie leicht diese Knirpse kaputtgingen. Prüfend schüttelte er den reglosen Knirps – sehr vorsichtig, sodass seine Zähne zwar hart genug aufeinanderschlugen, um ein bisschen zu bluten, aber immerhin blieben, wo sie waren. Er drehte ihn hin und her und fragte sich vergebens, was an diesem Anblick nicht stimmte. Mit dem Halbling hatte es eine Besonderheit, so viel war klar, aber er konnte beim besten Willen nicht sagen was für eine.

Es spielte auch keine Rolle. Der Halbling war tot, und das war alles, was zählte.

Groxmox überlegte, ihn fallen zu lassen, besann sich dann aber eines Besseren und packte ihn bei den Fußknöcheln, um ihn mitzunehmen und als Wurfgeschoss zu benutzen, sobald ihm das erste Spitzohr zu nahe kam.

Was vielleicht eher der Fall sein würde, als er bisher angenommen hatte, denn als Groxmox aufstand und sich herumdrehte, stellte er fest, dass die Front der Kämpfenden erneut näher gekommen war. So unglaublich es ihm auch selbst vorkam: Die Orks befanden sich nahezu überall auf dem Rückzug (auch wenn er es in Gedanken etwas anders formulierte, schon weil es das Wort Rückzug in der Sprache seines Volkes gar nicht gab). Wohin er auch sah, drängten die Spitzohren und ihre zwergwüchsigen Verbündeten die Orks zurück, und allzu viele grün und grau geschuppte Gestalten lagen reglos am Boden und wurden von eisernen Pferdehufen zermalmt oder von unzähligen winzigen Füßchen zu Tode getrampelt.

Groxmox seufzte nicht nur sehr tief, sondern schüttelte auch in einer fast menschlich anmutenden Geste das Haupt.

Er hätte sich nicht durch diesen Halbling ablenken lassen und den anderen die Führung des Kampfes überlassen sollen. Er schätzte seine Brüder, und er liebte – soweit ein Ork dazu in der Lage war – seine Eilinge … aber Tatsache war auch, dass diese Dummköpfe allein so gut wie nichts auf die Reihe bekamen.

Statt mit ihm nach dem nächstbesten Elb zu werfen, stopfte er den toten Halbling in einen der zahlreichen, an seinem Gürtel hängenden Beutebeutel, nutzte die frei gewordene Hand, um sein Schwert wieder zu ziehen und tat das, was Orks am besten konnten (manche behaupteten auch, es wäre alles, was sie wirklich konnten): Er warf sich brüllend in den Kampf.

Wenn man es genau nahm, dann war das Lager der Orks nicht wirklich ein Lager, denn es gab weder eine Begrenzung noch Wachen noch Hütten, Zelte oder anders geartete Unterkünfte und schon gar keine Regeln oder irgendeine Art von Organisation (auch dafür existierte kein Wort in der Sprache der Orks). Stattdessen handelte es sich bei dem sogenannten Lager um einen willkürlich gewählten Platz, der einzig deshalb gerade ein Stück außer Pfeilschussweite des von den Spitzohren und ihren kleinwüchsigen Verbündeten beherrschten Flussufers lag, weil der Teil innerhalb ihrer Pfeilschussweite so dicht mit erschossenen Orks übersät war, dass es schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, dazwischen noch einen Lagerplatz zu finden, oder auch nur ein Feuer zu entzünden.

Groxmox und die Seinen hatten sich zurückgezogen, als das Kriegshorn erklang und das Ende des Tötens für diesen Tag verkündete. Kaum hatten sie gegessen, waren pünktlich mit dem letzten roten Licht des Sonnenuntergangs Krüge voller Bier, Schnaps und dem lächerlich dünnen Wein ausgegeben worden, den sie von den Spitzohren erbeutet hatten. Jetzt war die Nacht schon ein gutes Stück vorangeschritten, und das Lager hallte wider vom Gröhlen und Singen betrunkener Orks, das langsam aber sicher von dem kaum weniger lauten Schnarchen und anderen rülpsenden, schmatzenden und grunzenden Lauten abgelöst wurde, die die Schuppenkrieger im Schlaf von sich gaben.

Groxmox schmeckte es nicht. Das war ungewöhnlich.

Tatsächlich konnte er sich nicht erinnern, dass ihm so etwas überhaupt schon einmal passiert war, was aber nicht viel bedeutete. Wenn man es nämlich genau nahm, dann erinnerte er sich ohnehin nie an besonders viel; das letzte Töten vielleicht, und die erschrockenen Gesichter besonders tapferer Elben, die ihm einen ganz besonders harten Kampf geliefert hatten, nur um am Ende begreifen zu müssen, dass sie genauso sterben würden wie die weniger Tapferen. Auch erinnerte er sich manchmal an jene, die ihr Heil in der Flucht gesucht hatten und dabei starben; nur nicht ganz so schnell und in den meisten Fällen auch deutlich qualvoller, denn die Schande eines schnellen, unsauberen Todes taten Orks nur Feiglingen oder unwürdigen Gegnern an.

Dennoch erinnerte sich Groxmox, dass es ihm noch nie Mühe bereitet hatte, mit Muxlux mitzuhalten, weder beim Essen, noch beim Töten, und schon gar nicht beim Trinken. Heute jedoch hatte es ihm schon Mühe bereitet, seine Portion an faulem Fleisch herunterzuschlingen, und der Krug Bier, den er in den Händen hielt, war noch immer sein erster, während Muxlux schon beim dritten oder vierten angekommen war – und das, obwohl er seinen Eiling normalerweise beim Trinken schlug, ohne sich anstrengen zu müssen.

Was aber eigentlich auf alles zutraf. Oder zugetroffen hatte, bis heute.

Groxmox nippte an seinem Bier und musterte seinen letzten übriggebliebenen Eiling aus zu schmalen Schlitzen zusammengekniffenen Augen.

Auch Muxlux schien in dieser Nacht nicht besonders gut in Form zu sein. Wie alle Orks im Lager (außer Groxmox) war er sturzbetrunken, aber immerhin noch wach und sogar noch in der Lage, halbwegs aufrecht zu sitzen. Wenn er sich beim Zuhören entsprechende Mühe gab, war es ihm sogar möglich, noch einigermaßen zu verstehen, was Groxmox zu sagen versuchte.

»Heute habbich gwonn’n«, lallte er gerade zum wiederholten Mal. »Schabbein mehrere … mehr erschlang.«

»Hast du nicht«, antwortete Groxmox. »Es waren gleich viele. Es steht also unentschieden.«

»Unnenwasch?« Muxlux blinzelte.

»Unentschieden«, antwortete Groxmox. »Das heißt, dass wir beide gleich gut waren. Oder gleich schlecht, je nachdem, wie man es sieht. Keiner hat gewonnen. Und auch keiner verloren.«

Muxlux stierte ihn an, dachte einen Moment angestrengt über diese Worte nach und schüttelte schließlich so heftig den Kopf, dass er etwas von seinem Bier verschüttete. Es war gutes Orkbier, nicht diese dünne Plörre, wie sie die Spitzohren und ihre Verbündeten tranken, ...

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