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Der Nussknacker – Reise durch ein Jahrhundert

Inhaltsverzeichnis

  1. 1900 – 1908, Oberammergau, Bayern
  2. 1908 – 1911, Friedrichshafen, Echterdingen, Deutschland
  3. 1912 – 1914, Belfast, Southampton, Irland, Nordatlantik
  4. 1914 – 1916, Flandern, Belgien
  5. 1916 – 1919, Bonn, Deutschland
  6. 1918 – 1923, München, Deutschland
  7. 1924 – 1929, Berlin, Deutschland
  8. 1929, Hiddensee, Deutschland
  9. 1929 – 1932, Köln und Ruhrgebiet, Deutschland
  10. 1932 – 1938, Berlin, Deutschland
  11. 1938 – 1940, Paris und Marseille, Frankreich
  12. 1941 – 1942, Berlin
  13. 1943 – 1945, New York, Amerika
  14. 1946 – 1948, Westsektor Berlin
  15. 1949 – 1954, Berkum, Ruhrgebiet, Westdeutschland
  16. 1954, Bern, Schweiz
  17. 1954 – 1956, Budapest, ungarn
  18. 1956 – 1957, Wien, Österreich, Auffanglager Nürnberg, BRD
  19. 1958 – 1961, Suhl, Eisfeld, Thüringen, Ostberlin, DDR
  20. 1961 – 1963, Templin, Uckermark, DDR
  21. 1963 – 1965, Stuttgart, BRD
  22. 1966, Hanoi, Demokratische Republik Vietnam
  23. 1966, Ramstein, Rheinland-Pfalz, BRD
  24. 1966 – 1967, Plauen, Sachsen, DDR
  25. 1967, Hof, Frankenwald, Westberlin, BRD
  26. 1968 – 1969, Frankfurt am Main, BRD
  27. 1969, Mond, Milchstraße, Weltraum
  28. 1969 – 1976, München, BRD
  29. 1977 – 1979, Köln, Hamburg, Kopenhagen, Dänemark
  30. 1980 – 1983, Danzig, Polen, Finnland, Estland, Litauen, Norwegen, Sowjetunion
  31. 1983 – 1985, Kreis Steinburg, Schleswig-Holstein, BRD
  32. 1985, Norderney, BRD
  33. 1985 – 1987, Schwäbische Alb, BRD
  34. 1987, Hamburg, BRD
  35. 1988, Konstanz, Bodensee, BRD
  36. 1989, Leipzig, DDR
  37. 1989 – 1990, Ost- und Westberlin, DDR und BRD
  38. 1990 – 1991, Venedig und Duisburg, Italien und BRD
  39. 1992 – 1994, Sarajevo, Bosnien, Jugoslawien
  40. 1995 – 1996, Lübeck
  41. 1997, Frankfurt an der Oder, Gelsenkirchen
  42. 1997 – 1998, Herozero, cyberspace, Zürich, Schweiz
  43. 1999, Littleton, Columbine, Colorado, USA
  44. 1999 – 2000, Ulm und Ammertal, BRD
  45. 2000, Ammertal, BRD

Dieses Buch ist ein Roman und folglich ein Werk
der Fantasie und reine Erfindung, wenngleich
die Geschichte sich eng an tatsächlichen Begebenheiten
und historischen Ereignissen orientiert.

Dieser Roman wurde mit einem Autorenstipendium
der Stiftung Preußische Seehandlung unterstützt.

»Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben:
Entweder so, als wäre nichts ein Wunder,
oder so, als wäre alles eins.
Ich glaube an Letzteres.«

– Albert Einstein –

Kein Vorwort!

Erich Kästner, der große Schriftsteller – bestimmt kennen einige von euch seinen Namen –, mochte keine dicken Bücher, die so schwer waren wie Ziegelsteine, weil, wie er sagte: »Mein Schreibtisch ja keine Ziegelei ist«. Außerdem mochte er keine Bücher ohne Vorwort.

Ich mag zwar keine Vorworte, dafür aber dicke Bücher. Dick wie die dicksten Holzscheite, weil dicke Holzscheite viel länger Wärme spenden als dünne Späne. Außerdem gibt es Geschichten, die lassen sich einfach nicht in dünne Bücher pressen, ohne dass ihnen dabei die Luft ausgeht. Na ja, so ganz stimmt das nun auch wieder nicht, weil ja nicht die Geschichten, sondern die Leser einen langen Atem haben sollten. Zumindest bei dieser Geschichte. Und schlussendlich, um auf den großen Schriftsteller zurückzukommen, bin ich ja nicht Erich Kästner – der ist ja auch schon tot. Deshalb gibt es an dieser Stelle kein Vorwort. Dafür kommt jetzt ein dickes Buch!

1900 – 1908, Oberammergau, Bayern

»Fertig!«, sagte der Mann mit der blauen Schürze.

Vor ihm auf dem Boden lagen Holzspäne. Wie Gold schimmerten sie im Licht, das sich durch die Fensterscheiben und die staubige Luft zwängte. Auf der Werkbank neben dem Mann lagen unterschiedliche Messer. Große und kleine und seltsam gebogene, die aussahen wie der Sichelmond. Und in seiner zerfurchten Hand hielt der Mann mich, noch ganz nackt und glatt, mit feinstem Schmirgelpapier abgeschliffen.

»Wie ein Kinderpopo«, murmelte der Mann. Dann grinste er still vor sich hin, wie immer, wenn er mit seiner Arbeit zufrieden war.

Der Mann mit der blauen Schürze und dem langen gekräuselten Bart war ein Holzschnitzer, ein Meister seines Fachs, der Beste weit und breit. Er schnitzte alles, was man aus einem Stück Holz schnitzen konnte: Salatschüsseln, Kochlöffel, Kinderspielzeug, Toilettenpapierrollenhalter, Wäscheklammern, Kleiderbügel und was noch so alles im Haushalt gebraucht wurde und aus Holz war. Manchmal schnitzte er auch Gegenstände, die nicht nur zu gebrauchen, sondern obendrein schön anzusehen waren. Und manchmal schnitzte er Dinge wie mich, einen Nussknacker.

Ich war durch seine Kunst und unter seinen scharfen Messern in zwei Tagen und Nächten entstanden. Neunzehn Zentimeter hoch, mit Bart und dickem Bauch. Noch ohne Farbe im Gesicht und am Körper.

»Jetzt bist du an der Reihe!«, rief der Meister in den hinteren Teil seiner Werkstatt.

Sein Geselle, ein junger, schlaksiger Bursche mit einem dünnen Flaum auf der Oberlippe, ließ alles stehen und liegen und kam an die Werkbank des Meisters geeilt.

»Ein Prachtexemplar!«, sagte er bewundernd, als er mich in den Händen seines Meisters erblickte. »Jetzt fehlt nur noch ein bisschen Farbe, dann können wir stolz auf ihn sein.« Der Geselle wollte mit seinen langgliedrigen Fingern nach mir greifen.

»Stolz allein reicht nicht!«, brummte der Meister und gab dem Gesellen einen Klaps auf die Hand. So machte er es immer, wenn der ihm mal wieder zu ungeduldig erschien. »Stolz kann man sich nicht aufs Brot schmieren und essen. Wir müssen den Nussknacker verkaufen!«

Der Geselle nickte, senkte den Kopf und murmelte: »Ich weiß.«

Dann standen die beiden in ihren blauen Schürzen da, mit Blicken, die nichts Gutes verhießen, und dachten nach, bis der Meister schließlich mit brummiger Stimme sagte: »Und das ist in diesen Zeiten nicht einfach.«

Wieder nickte der Geselle schüchtern. Er wusste, was der Meister meinte. Überall sprach man von den schlechten Zeiten. Auch der Meister jammerte oft und redete davon, dass das Geld knapp sei, dass immer weniger verkauft werden könne und alles teurer werde.

Ganz in Gedanken packte er mich an den Beinen und sagte: »Da! An die Arbeit!«

So gelangte ich von den dicken Fingern des Meisters in die zarten Hände des Gesellen. Er trug mich zu sich in den hinteren Teil der Werkstatt und stellte mich auf der Werkbank ab, auf der zahlreiche Farbtuben und Pinselgläser standen.

»So, mein kleiner Nussknacker«, sagte der Geselle liebevoll. »Jetzt werde ich dir ein schönes Farbenkleid verpassen, so schön, dass jeder dich haben will!«

Er grinste, nahm Pinsel und Farbtuben und machte sich ans Werk. Er gab sich alle Mühe und malte mir ein blaues Gewand auf den Leib, schwarze Stiefel und rote Bäckchen. Ich glänzte am ganzen Körper und strahlte im Gesicht. Zuletzt malte er mir zwei schöne runde Augen, mit denen ich jetzt deutlich den Eiffelturm sehen konnte.

Den Eiffelturm?, schoss es mir durch den Kopf. Was macht der Eiffelturm in Oberbayern? Der stand doch in Frankreich. Allerdings noch nicht lange. Er war erst seit ein paar Jahren das Wahrzeichen von Paris, der französischen Hauptstadt. Ich aber war in Oberammergau, mindestens tausend Kilometer weit weg. Und doch konnte ich diesen seltsamen Turm erkennen, stand sogar mit beiden Beinen darauf. Natürlich nicht wirklich, sondern auf einer Zeitung, in der ein Foto vom Eiffelturm war. Darüber stand: »Weltausstellung in Paris«.

Der Geselle kümmerte sich weder um die Weltausstellung noch um den Eiffelturm. Er zerknüllte die Zeitung und warf sie in den Mülleimer. Auch ich riss mich von meinen französischen Gedanken los und schenkte meine Aufmerksamkeit mir selbst. Du bist gut gelungen, sagte ich mir, als ich mein Spiegelbild in der Fensterscheibe erblickte. Ohne überheblich klingen zu wollen, kann ich mit Fug und Recht behaupten: Ich sah richtig gut aus!

Auch der Meister nickte anerkennend. Seine Frau Hedwig, die einen so dicken Bauch hatte, dass es aussah, als trüge sie einen Ballon unter ihrem Rock spazieren, meinte: »Da ist euch mal wieder ein besonders schönes Stück geglückt!«

Auch alle Kunden, die mich im Laden sahen, blieben stehen. Sie betrachteten mich lange und sagten voller Bewunderung: »Schön, wirklich schön.« Manche schmunzelten auch und ergänzten: »Und lustig sieht er aus!«

Trotzdem wollte mich keiner haben. Nach drei Monaten stand ich noch immer im Regal und sah der Kundschaft zu, wie sie Garderobenhaken, Salatlöffel und Toilettenpapierrollenhalter kaufte. Niemand blieb noch vor mir stehen, und keiner sagte mehr, wie schön ich sei. Offenbar hatten die Leute andere Dinge im Kopf als Nussknacker. Außerdem hatte sich mein Aussehen verändert. Meine Schönheit verblasste. Staub legte sich auf mich, ließ die Farbe stumpf werden und nahm mir den Glanz.

Anfangs pries mich Hedwig, die immer dicker wurde, mit marktschreierischen Worten noch bei jenen Kunden an, die aussahen, als könnten sie sich einen Nussknacker leisten.

»Zu teuer«, sagten aber selbst die Wohlhabenden, schüttelten den Kopf oder zuckten mit den Schultern.

»Was soll ich mit ’nem Nussknacker?«, entgegneten andere, die weniger Geld in der Tasche hatten. »Ich kann mir nicht mal die Nüsse leisten.«

»Ja, ja«, meinte dann Hedwig, die jetzt so dick war, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte, bis sie platzte. »Kein Wunder in diesen Zeiten.«

Alle sprachen von »diesen Zeiten«, die angeblich so furchtbar schlecht waren. Aber die Leute hatten recht. Die Zeiten waren schlecht.

Doch dem Meister und Hedwig schien es auf einmal gut zu gehen, dass sie strahlten wie die Honigkuchenpferde, als hätten sie alle Ladenhüter auf einmal verkauft, und davon gab es mehr als genug. Jetzt erst fiel mir auf, dass Hedwig nicht mehr dick war. Dafür schrie nun mehrere Stunden am Tag ein kleines rotgesichtiges Baby ohne Haare und Zähne: Wilhelm, der Sohn vom Meister und seiner Frau, der im Winter geboren und gleich darauf getauft worden war.

»Wie soll er denn heißen?«, hatte der Pfarrer gefragt.

»Wilhelm!«, hatte Hedwig geantwortet.

»Wie unser Kaiser!«, hatte der Meister hinzugefügt.

Immer, wenn Wilhelm endlich schlief, statt zu krakeelen, machten der Meister, Hedwig und der Geselle drei Kreuze. Ich auch.

Wilhelm wurde größer, aber die Zeiten besserten sich nicht. Die Lebensmittel wurden immer teurer. Als in Wuppertal die erste Schwebebahn der Welt ihren Betrieb aufnahm, der Wissenschaftler conrad Röntgen mit den von ihm entdeckten Strahlen experimentierte, mit denen man Körper durchleuchten, Knochen sehen und Brüche erkennen konnte, und als in Amerika das erste Motorflugzeug in die Luft stieg, drohte der Holzschnitzladen pleitezugehen. Niemand wollte mehr die vom Meister und dem Gesellen so kunstvoll gefertigten Schnitzereien haben. Ich konnte es mit eigenen Augen sehen und am eigenen Leibe spüren. Das Holzschnitzgeschäft lief so schlecht, dass immer weniger Salatschüsseln, Garderobenhaken, Toilettenpapierrollenhalter und Kleiderbügel gekauft wurden.

»Wo soll das bloß enden? Alles geht zum Teufel«, sagte Hedwig und sah dabei so aus, als wäre sie auf direktem Wege dahin.

Der Meister schwieg, und Wilhelm brüllte mal wieder, als wäre das Ende bereits gekommen.

Wieder verging einige Zeit. In Ägypten wurde der größte Staudamm der Welt eingeweiht. In Deutschland schrieben die Schüler – auch der kleine Wilhelm, der inzwischen zur Schule ging – nach einheitlichen Regeln. Und immer mehr Warenhäuser entstanden, die alles Mögliche zum Kauf anboten, auch Salatschüsseln, Garderobenhaken, Toilettenpapierrollenhalter und Kleiderbügel, also all das, was es auch in dem kleinen Holzschnitzladen gab. Deshalb ging es für den Holzschnitzladen bald nicht mehr weiter. Zumindest nicht für den fleißigen Gesellen. Der Meister musste ihn schweren Herzens entlassen.

»Das Geld reicht nicht mehr für vier«, sagte er. »Das Geschäft ernährt höchstens noch mich, Wilhelm und meine Frau. Tut mir leid.«

Dem Gesellen tat es auch leid. Er war so traurig wie noch nie. Am traurigsten aber war Wilhelm, für den der Geselle in seinem kurzen Leben schon wie ein älterer Bruder war. Flehend sah er seinen Vater an und lag ihm bittend in den Ohren, den Gesellen zu behalten.

»Wenn die Zeiten wieder besser werden, hole ich ihn zurück«, sagte der Meister. »Mehr kann ich jetzt nicht für ihn tun.«

* * *

Die Zeiten wurden nicht besser. Sie wurden schlechter und schlechter. Es gab immer weniger Arbeit und immer mehr Menschen, die hungern mussten. Nicht einmal Brot und Wurst konnten sie sich kaufen. Geschweige denn Toilettenpapierrollenhalter und Salatschüsseln. Und Nussknacker am allerwenigsten. Wenn überhaupt, kauften sie meine billigeren Verwandten in den Warenhäusern.

Hedwig stellte mich ins Schaufenster neben die Tür, in der Hoffnung, dass ein zufällig vorbeikommender Passant mich sah und das nötige Geld hatte, mich zu kaufen. Die zufällig vorbeikommenden Passanten sahen mich auch, und ich sah sie, aber keiner kam in den Laden und wollte mich. Hin und wieder blieb ein Kind vor dem Schaufenster stehen, drückte sich die Nase an der Scheibe platt und blickte mich mit großen, traurigen Augen an, bevor es barfuß und in zerlumpten Hosen davonrannte.

* * *

Die Zeit verging wie im Fluge. Es kam mir vor, als fegte sie dahin wie eine Windböe, die alles mit sich reißt. Im Ruhrgebiet streikten Hunderttausende von Bergarbeitern gegen eine Verlängerung der Arbeitszeit. In Berlin fuhren jetzt Autobusse anstelle von Pferdefuhrwerken durch die Stadt. Und während Kaiser Wilhelm II . in München den Grundstein für das Deutsche Museum legte, war der kleine Wilhelm traurig. Nichts konnte ihn aufheitern, weil es dem Holzschnitzladen einfach nicht besser gehen wollte.

Ich stand neben einem Wäscheständer im Schaufenster, schaute durch die Glasscheibe dem Treiben auf der Straße zu und verstaubte und verblasste zusehends. Draußen liefen immer mehr Leute barfuß auf der Straße herum, weil sie sich keine Schuhe mehr leisten konnten. Die Kleidung wurde zerlumpter, die Körper abgemagerter. Alles wurde grauer, trostloser, verzweifelter. Je länger ich im Schaufenster stand, umso weniger Kunden kamen in den Laden. Manchmal hockte Hedwig den ganzen Tag hinter dem Verkaufstresen, ohne dass die Türglocke ein einziges Mal gebimmelt hätte. Der Meister vergrub sich in seiner Werkstatt, sprach kaum noch ein Wort und wurde immer eigenbrötlerischer. Wenn er alle paar Wochen in den Laden kam, war er ganz fahl im Gesicht. Und wenn seine Frau ihn dann fragte, was los sei, brummte er nur: »Es hat ja doch keinen Sinn.«

»Was hat keinen Sinn, Papa?«, wollte Wilhelm einmal wissen.

Der Meister schaute ihn verunsichert an, dachte nach und sagte dann wie zu sich selbst: »Die Schnitzerei. Das hier!« Er zeigte mit einer weit ausholenden Geste im Laden herum. »Alles!«

Dann verschwand der Meister wieder in seiner Werkstatt. Hedwig schüttelte den Kopf, und Wilhelm zuckte mit den Schultern.

Irgendwie, dachten beide, wird es schon weitergehen.

* * *

Es ging weiter. Aber es wurde nicht besser. Der Winter kam, und mit ihm der Frost. Das Thermometer fiel immer tiefer und erreichte zuletzt minus dreißig Grad celsius. Das Wasser gefror in den Rohren. An den Fenstern im Haus und am Schaufenster des Ladens prangten zentimeterdicke Eisblumen, die im Sonnenlicht wie geschliffene Diamanten funkelten. Den Leuten ging das Heizmaterial aus, und die Kohlen waren längst aufgebraucht. Die Menschen bibberten in ihren Wohnungen. Viele, die kein Dach über dem Kopf hatten, erfroren.

Der Meister verheizte zuerst seine Holzvorräte aus der Werkstatt. Als die aufgebraucht waren, warf er nach und nach seine Schnitzereien ins Feuer. Er lief mit einem Wäschekorb durch den Laden und sammelte alles ein, was gut brannte und nicht zu verkaufen war: Salatschüsseln, Wäscheständer, Kochlöffel, Toilettenpapierrollenhalter und Kleiderbügel verflüchtigten sich durch den Schornstein und spendeten vorübergehend ein bisschen Wärme.

Ich hatte Angst, auch so zu enden, wenn der Winter nicht bald vorbei war. Als hätte der Meister meine Gedanken gelesen, rief er durch den Laden: »Wo ist dieser Nussknacker? Der stand doch die ganze Zeit im Schaufenster!«, und suchte nach mir, fand mich aber nicht.

Seine Frau zuckte mit den Schultern, und Wilhelm tat so, als hätte er noch nie von einem Nussknacker gehört.

Jedenfalls, der Meister bekam mich nicht zu fassen. Ich kauerte in der Registrierkasse, wo früher die Geldscheine und Münzen gelegen hatten. Jetzt gab es keine Geldscheine und Münzen mehr; deshalb war genügend Platz für einen vom Meister steckbrieflich gesuchten Nussknacker.

Wie ich in die Kasse gekommen war, wusste nur Wilhelm. Es war sein Verdienst, denn er mochte mich und wollte nicht, dass ich als Rauch durch den Schornstein gejagt wurde.

* * *

Dann war der Winter endlich vorbei. Allen fiel ein Stein vom Herzen, so groß wie die Sonne, die mit jedem Tag wärmer wurde. Die Temperaturen stiegen, und ich konnte gefahrlos die Registrierkasse verlassen und mich zurück ins Schaufenster stellen. Neben mir stand eine Holzlokomotive, die es auch irgendwie geschafft hatte, dem Feuer zu entkommen. Rasch freundeten wir uns an und versuchten, die Langeweile mit einem Ratespiel zu vertreiben. Gewonnen hatte immer der, der erriet, wer als Nächstes am Schaufenster vorbeikommen würde – ob Mann oder Frau, Kind oder Tier, vielleicht ein Hund.

»Katze«, schnaufte die Holzlokomotive.

»Frau!«, sagte ich.

Es war Wilhelm. Er kam in einem Affenzahn um die Ecke geflitzt und stürmte in den Laden. Er ließ die Tür offen stehen, rannte zur Mutter an den Verkaufstresen und rief: »Mama, Mama! Nur Einser und Zweier!«

Stolz wedelte er mit seinem Zeugnis herum, bis es plötzlich knallte wie ein Böllerschuss. Hedwig und Wilhelm erschraken. Eine Windböe hatte die Ladentür zugeworfen. Die zufallende Tür wiederum hatte einen stürmischen Windstoß ins Schaufenster geweht. Dieser Windstoß ließ mich und die Holzlokomotive wackeln. Ich schwankte und kämpfte ums Gleichgewicht. Vergeblich: Ich kippelte, fiel von meinem kleinen Sockel, auf dem ich die ganze Zeit gestanden hatte, und flog durch die Luft. Ich kam mir vor wie ein Rotkehlchen, das ein schießwütiger Jäger abgeschossen hatte.

In freiem Fall stürzte ich nach unten. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis ich auf den Linoleumboden knallte. Anfangs dachte ich: Nichts passiert! Bis ich feststellte, dass mit meinem Gesicht etwas nicht mehr stimmte.

Wilhelm kam herbeigerannt, kniete sich vor mich hin, nahm mich liebevoll in die Hand und sagte: »Der Kiefer! Mama, der Kiefer ist gebrochen!«

»Macht nichts«, entgegnete Hedwig. »Der Nussknacker ist ohnehin nicht mehr zu verkaufen.«

Trotzdem war Wilhelm untröstlich. Er entschuldigte sich mehrmals bei mir, sagte mir, wie leid es ihm täte und dass er gar nicht wisse, wie er die Sache wiedergutmachen könne.

»Geschehen ist geschehen«, flüsterte ich. »Flick mich lieber wieder zusammen, als zu jammern.«

Als könnte Wilhelm mich verstehen, fragte er: »Wie krieg ich das bloß wieder hin?«

»Mit Leim«, sagte ich.

»Mit Holzleim«, ergänzte Hedwig.

Also nahm Wilhelm mich mit in die Werkstatt seines Vaters und leimte meinen gebrochenen Kiefer. Danach sah ich genauso aus wie vor dem Unfall, und doch war ich verändert, denn ich konnte den Kiefer nicht mehr bewegen. Der Mechanismus, der auch die härteste Nuss geknackt hätte, funktionierte nicht mehr, nicht mal bei der kleinsten Nuss der Welt. Als Nussknacker war ich unbrauchbar.

»Ein Nussknacker, der keine Nuss mehr knacken kann, ist wie ein Auto ohne Räder. Oder wie eine Trillerpfeife, die immerzu stumm bleibt«, sagte Hedwig.

Der Meister meldete sich nach langer Zeit mal wieder zu Wort und ergänzte brummend: »Und deshalb ist er nicht zu verkaufen!«

Wilhelm freute sich insgeheim, denn wenn ich nicht verkauft werden konnte, blieb ich umso länger.

Mir schien, dass es um meine Zukunftsaussichten im Holzschnitzladen von nun an besser bestellt war denn je.

Umso schlechter ging es dem Holzschnitzladen. Immer weniger wurde verkauft. Wochenlang hockte Hedwig hinter dem Verkaufstresen, ohne dass ein einziger Kunde erschienen wäre. Manchmal zog Wilhelm mit einem Korb voller Wäscheklammern los und versuchte, sie im Dorf und auf dem Markt zu verkaufen.

Dem Meister ging es immer schlechter, und schließlich wurde er krank. Ob es das Fieber war, die Gliederschmerzen oder der Kummer, der ihn ins Bett verbannte, konnte selbst der Arzt nicht sagen. Jetzt konnte Hedwig gar nicht mehr im Laden stehen, denn sie musste ihren bettlägerigen Mann pflegen. Von nun an saß Wilhelm, wenn er aus der Schule kam, hin und wieder auf dem kleinen Schemel hinter dem Tresen und wartete vergeblich auf Kundschaft. Und wenn auch Wilhelm nicht im Laden hockte, hing ein Schild an der Tür, auf dem stand: Wegen Krankheit geschlossen.

* * *

Eines Tages, als ich mich mal wieder mit der Holzlokomotive über die schlechten Zeiten unterhielt und wir uns dann mit einem Ratespiel die Langeweile vertrieben, blieb ein gut gekleideter Mann vor dem Schaufenster stehen. Er entdeckte das Schild an der Tür und klopfte. Wilhelm bog gerade mit dem Korb um die Ecke und kam die Straße entlang. Hinter dem Mann blieb er stehen und fragte: »Was wünschen Sie?«

Der Mann drehte sich erschrocken um, sodass ihm beinahe der Hut vom Kopf rutschte. Er schien überrascht zu sein, dass ein Kind den Laden aufschloss.

Als der Fremde neben Wilhelm im Laden stand, sagte er: »Ich möchte deinen Vater sprechen.« Als Wilhelm nicht reagierte, fügte er hinzu: »Oder deine Mutter. Sind sie nicht da?«

»Mama!«, rief Wilhelm die Treppe hinauf, so laut er konnte.

»Was ist denn?«, kam es zurück.

»Ein Mann will dich sprechen!«

»Ein Mann? Moment, ich komme.«

Ein paar Sekunden später stand Hedwig vor dem Fremden und erkundigte sich: »Was kann ich für Sie tun?«

»Sie für mich nichts. Ich für Sie.«

Hedwig blickte verwirrt. Wilhelm ebenso. Auch ich verstand nur Bahnhof.

»Sie haben gewonnen!«, sagte der Mann.

»Gewonnen?«, fragte Hedwig. »Ich?«

»Ja! Das heißt, eigentlich Ihr Mann. Ist er da?«

Hedwig brach in Tränen aus. Die Miene des Fremden verdüsterte sich, und er sagte mit belegter Stimme: »Tut mir leid, aber so sind nun mal die Bestimmungen. Nur Ihr Mann Wilhelm kann die Reise antreten.«

Was für eine Reise?, fragte ich mich.

»Wilhelm?«, fragte Wilhelm erstaunt.

»Wilhelm ist nicht mein Mann«, sagte Hedwig verdutzt. »Wilhelm …«

»… bin ich!«, sagte Wilhelm.

»Du?« Der Mann überlegte. Dabei zeichneten sich auf seiner Stirn tiefe Falten ab. »Na, wenn das so ist«, sagte er dann, »ist es dein Gewinn und deine Reise. Du weißt doch, was ein Zeppelin ist?«

1908 – 1911, Friedrichshafen, Echterdingen, Deutschland

Wilhelm und ich staunten. So etwas hatten wir noch nie gesehen.

»Sieht aus wie eine aufgeblasene Zigarre«, sagte Wilhelm beim Anblick des Luftschiffs. »Kann das Ding wirklich fliegen?«

»Keine Angst, das fliegt schon«, sagte ein Mann mit strubbligem Bart, der in einer verschlissenen Uniform vor der kleinen Reisegruppe stand.

»Das ist der verrückte Graf«, tuschelten ein paar Leute hinter dem Rücken des Mannes. »Der Erfinder des Luftschiffs.«

Der Graf grinste, wobei sein Bart sich seltsam verzog. »Jedenfalls ist es schon mal geflogen. Vor acht Jahren das erste Mal. Allerdings nur achtzehn Minuten. Aber jetzt wird es wieder fliegen. Einen ganzen Tag lang. Und Sie, meine Damen und Herren, haben die Ehre, mitzufliegen.«

Viele Leute waren es nicht. Vielleicht zwanzig Personen drängten sich jetzt in die Gondel des Luftschiffs, die unter einem Gerüst hing, das von einer Leinwand umspannt war.

Auch Wilhelm saß kurz darauf in diesem lenkbaren Koloss, mit schwitzenden Händen und Angst im Nacken. Es war das erste Mal, dass er von zu Hause weg war. Zwar nur für einen Tag, aber er war ganz alleine. Na ja, ganz alleine nun auch wieder nicht. Ich war bei ihm, wie immer. Ich spürte, wie seine Hände sich fest um meinen Bauch klammerten, als jemand plötzlich laut brüllte: »Luftschiff hoch!«

Und tatsächlich, das Luftschiff wurde von den Masten gelöst und stieg langsam vom Boden auf. Motoren wurden angeworfen. Die Propeller drehten sich. Das Luftschiff setzte sich in Bewegung, gewann immer mehr an Höhe und schwebte haushoch über dem Bodensee.

»Na, was habe ich gesagt!« Der verrückte Graf, der sich allen als Graf Ferdinand von Zeppelin vorstellte, schien zufrieden. »Fliegt es, oder fliegt es nicht?«

»Es fliegt!«, riefen alle Passagiere wie aus einem Munde.

Und wie lange fliegt es?, fragte ich mich, denn ich hatte meine Zweifel. Ob andere sich das auch fragten?

Auf jeden Fall starrten alle in die Tiefe und bewunderten den sagenhaften Blick, als wäre die Zeit hier oben knapp und müsste umso mehr ausgekostet werden. Manch »Oh!« und »Ah!« und »Wunderbar!« drang aus einem der vor Staunen offen stehenden Münder, so atemberaubend war der Ausblick. Eine Frau schien beinahe ohnmächtig zu werden. Sie taumelte und musste sich auf den Boden legen. Auch mir wurde ganz schummrig und ein bisschen schlecht.

»Von oben sieht die Welt viel schöner aus«, sagte Wilhelm. »Guck mal die Häuser. Wie winzig!«

Tatsächlich. Das waren keine Häuser, das waren Streichholzschachteln. Wie man darin nur wohnen kann!, ging es mir durch den Kopf.

»Und erst die Menschen! Wie Ameisen!«, sagte Wilhelm.

Er hatte recht: Ameisen in Streichholzschachteln. Nur wir im Zeppelin hatten noch immer dieselbe Größe wie zuvor. Der Graf, der jetzt neben uns stand, blies die Backen auf und strahlte, dass seine Wangen wie polierte Äpfel aussahen.

»Von hier oben sieht man die Menschen fast gar nicht mehr«, sagte Wilhelm. »Als ob sie nicht da wären.«

»Dafür sehen die uns von unten umso besser«, entgegnete der Graf und fügte grinsend hinzu: »Und wundern sich noch mehr.«

»Über die fliegende Zigarre!«, platzte es aus Wilhelm hervor, was ihm sofort peinlich war, sodass sein Gesicht rot anlief.

Das Luftschiff flog bald so hoch, dass die Streichholzschachteln wie Streichholzköpfe aussahen. Dafür konnte man nun große Flächen erkennen.

»Das sind Felder, Äcker und Wiesen!«, sagte Wilhelm.

Handtuchgroße Streifen aus Grün, Gelb und Braun. Alle miteinander verbunden, als wären sie zusammengenäht, wie ein Flickenteppich, in den man sich am liebsten kuscheln wollte, so weich sah er von hier oben aus.

»Da, ein Fußballspiel!«, rief plötzlich eine Frau, die selbst in der Gondel ihren großen Hut nicht abnahm. Sie zeigte auf einen der Flecken tief unten. Ich sah aber kein Fußballspiel. Wilhelm und die meisten anderen auch nicht.

»Wo denn?«, fragten einige Mitreisende, woraufhin die Frau es zu erklären versuchte.

»Fußball?«, unterbrach sie ein dicker Mann mit rotem Gesicht und einem Bart, der aussah wie zwei Rattenschwänze, die wie Antennen nach oben zeigten. »Die Deutschen und Fußball! Diese Versager haben sogar gegen die kleine Schweiz verloren.«

»Warum?«, fragte die Frau mit dem großen Hut.

»Weil sie nicht spielen können«, sagte der Mann mit dem Rattenschwanzbart verächtlich.

»Quatsch! Die haben noch nie gegen die Schweiz gespielt«, konterte ein anderer Mann, der ebenfalls ganz rot im Gesicht war und eine dicke Nase hatte mit Poren so groß, dass man Streichhölzer hätte hineinstecken können.

Der Rattenschwanzbart schaute bitterböse. »Aber sicher! Im April. Am fünften April war das erste Fußballländerspiel der Deutschen, und zwar gegen die Schweiz.«

»Stimmt!«, mischte sich der verrückte Graf ein. »Aber das haben wir nicht verloren, sondern gewonnen.« Er klopfte dem Mann mit Rattenschwanzbart munter auf den Rücken.

»Was heißt wir? Haben Sie auch mitgespielt?«

Der Graf schaute irritiert in die Runde. Die Leute betrachteten ihn aufmerksam, als zweifelten auch sie daran, dass er mit seinen siebzig Jahren überhaupt noch Fußball spielen konnte. Auch ich hatte Schwierigkeiten, mir den Grafen in kurzen Hosen vorzustellen. Wilhelm dachte wohl Ähnliches, denn er kicherte verschämt. Plötzlich schien auch der Graf zu verstehen und sagte mit einem Schmunzeln: »Nein, wir! Ich meine uns, die Deutschen, als Nation.«

»Ich bin kein Deutscher«, sagte der Mann mit dem Rattenschwanzbart. »Aber verloren haben sie trotzdem! Mit drei zu fünf!«

»Drei zu fünf stimmt«, erwiderte der Graf. »Aber gewonnen!«

Der Rattenschwanzbart lachte. »Aber nur, wenn Sie alle fünf Tore geschossen haben!«

Der Graf war eingeschnappt. »Das muss ich mir nicht bieten lassen! Verlassen Sie auf der Stelle mein Luftschiff!« Er zeigte zur Tür.

Alle schauten verwundert nach unten. Jetzt sahen sogar die Felder und Wiesen so klein wie Streichholzschachteln aus.

»Äh … Herr Graf, das mit dem Aussteigen ist im Moment ein bisschen ungünstig«, sagte die Frau mit dem Hut, die die Fußballspieler erkannt haben wollte.

Jetzt dämmerte auch dem Grafen, dass seine Forderung selbst mit dem allergrößten Willen und der nötigen Entschlossenheit kaum einzulösen war. Er warf einen kurzen Blick aus dem Fenster und sagte: »Dann eben nach der Landung.«

»Worauf Sie sich verlassen können!« Der Rattenschwanz verzog sich an das andere Ende der Gondel.

* * *

Bis zur Landung vergingen noch ein paar Stunden, in denen der Graf und der Mann mit dem Rattenschwanzbart kein Wort mehr wechselten. Auch die anderen sprachen immer weniger, je länger die Reise dauerte. Einmal sagte die Frau mit dem großen Hut noch: »Das glaubt einem doch niemand!«

Der dicke Mann mit der roten Nase nickte. »Sie haben recht, gnädige Frau. Für solche Zwecke bräuchte man einen Fotoapparat!«

»Einen Fotoapparat?«, rief ein Mann, der bisher geschwiegen hatte. »Den können Sie vergessen, der zeigt Ihnen alles nur schwarz-weiß!«

»Ich bitte Sie!«, sagte der dicke Mann mit der roten Nase. »Wo leben Sie denn? Letztes Jahr wurde die Farbfotografie erfunden.«

»Was denn?«, sagte die Frau mit Hut erstaunt. »Man kann jetzt auch bunte Fotos machen?«

»So ist es, gnä’ Frau. Dank Herrn Louis Jean Lumière, einem französischen chemiker, können Sie auf den Fotoabzügen jetzt dasselbe erblicken, was Sie auch mit Ihren bezaubernden Augen sehen.«

Die Frau mit dem großen Hut schien sich geschmeichelt zu fühlen. Der Mann, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, schwieg von nun an weiter. Der Dicke mit der roten Nase setzte sich sogleich zu der Frau mit dem großen Hut. Er tuschelte mit ihr, wobei die Frau immer wieder kicherte wie ein kleines Mädchen.

Ich staunte. Wilhelm ebenfalls. Ich über die Frau, Wilhelm wohl mehr über den Erfinder der Farbfotografie.

Danach wurde fast nichts mehr geredet. Die meisten, außer Wilhelm natürlich, schauten auch gar nicht mehr aus dem Fenster, sondern stierten dumpf und müde vor sich hin. Irgendwann sagte der Mann, der bis dahin wieder geschwiegen hatte, leise und aus heiterem Himmel: »Die Besten sterben zu früh.«

Die Fluggäste, die noch nicht eingeschlafen waren, schauten ihn verwundert an.

Der Mann rezitierte:

»Ritzeratze, voller Tücke,
In die Brücke eine Lücke.
Als nun diese Tat vorbei,
Hört man plötzlich ein Geschrei:
›He, heraus! Du Ziegen-Böck!
Schneider, Schneider, meck, meck, meck!‹
Alles konnte Böck ertragen,
Ohne nur ein Wort zu sagen;
Aber wenn er dies erfuhr,
Ging’s ihm wider die Natur.
Schnelle springt er mit der Elle
Über seines Hauses Schwelle,
Denn schon wieder ihm zum Schreck
Tönt ein lautes: ›Meck, meck, meck!‹
Und schon ist er auf der Brücke,
Kracks! Die Brücke bricht in Stücke;
Wieder tönt es: ›Meck, meck, meck!‹
Plumps! Da ist der Schneider weg!«

Alle Passagiere schauten andächtig.

»Max und Moritz«, sagte Wilhelm.

»Genau!«, erwiderte der Mann. »Und von wem ist das?«

Wilhelm hatte keine Ahnung. Ich auch nicht. Und die anderen sahen so aus, als würden sie nicht mal Max und Moritz kennen.

»Wilhelm Busch!«, rief der Mann nach einer Pause, während der alle so getan hatten, als würden sie angestrengt nachdenken.

»Natürlich! Er lebe hoch!«, riefen die anderen.

»Leider ist er tot.«

»Nein!« Die Erleichterung schlug in Entsetzen um.

»Doch. Wilhelm Busch ist vor Kurzem gestorben.«

Alle schauten jetzt traurig.

»VORSICHT! «, brüllte der Graf plötzlich aufgeregt. »IN DECKUNG! «

Das Luftschiff wackelte und fing an zu schaukeln. Alle warfen sich zu Boden.

»Dieser verdammte Wind!«, schimpfte der Graf.

Die Passagiere wurden hin und her geworfen. Ich und Wilhelm ebenfalls. Das Luftschiff wurde immer langsamer, dabei sank es ziemlich schnell. So schnell, dass mir übel wurde.

»Wir sinken!«, schrie die Frau mit dem großen Hut.

»Na klar sinken wir«, polterte der Graf. »Oder wollen Sie für immer hier oben in den Lüften hängen?«

Die Frau schüttelte den Kopf, dass der Hut wie eine fliegende Untertasse durch die Gondel schwebte und gegen die Scheibe prallte.

»Alle festhalten!«

»Da ist ein Baum!«

»Kann ich doch nichts dafür!«

»Ein ganzer Wald!«

»VORSICHT! «

Das Luftschiff prallte gegen die Bäume, blieb an den Ästen hängen und fing an zu qualmen.

»ALLES RAUS! SCHNELL! «

Die Luke ging auf. Alle kletterten aus der Gondel auf einen Baum und an den Ästen und am Stamm nach unten. Ich konnte von oben alles genau beobachten. Ich konnte sogar hören, wie der Mann mit dem Rattenschwanzbart »Komm schnell, mein Junge!«, sagte und Wilhelms Hand nahm. Zusammen verließen sie das Luftschiff, ohne dass Wilhelm mich mitnehmen konnte.

Ich wollte noch schreien: »Halt, nimm mich mit!«, aber mir blieb die Luft weg, denn es qualmte jetzt so stark, dass die Gondel voller Rauch war. Ich musste husten, keuchen, röcheln. Ich sah nichts mehr, hörte nichts mehr. Ein schwarzer Schleier zog an mir vorüber, und ich fiel in tiefen Schlaf.

* * *

»… aus Eichenholz, fein von Hand gearbeitet, um die Jahrhundertwende, neunzehn Zentimeter hoch, ein Einzelstück, sehr ansehnlich, meine Damen, meine Herren, ein Unikum, ein Original!«

Eine Stimme war zu hören, laut und fordernd wie ein Marktschreier.

Der redet über mich!, schoss es mir durch den Kopf. Ich riss die Augen auf. Zuerst konnte ich kaum etwas erkennen. Alles war verschwommen. Erst langsam bekam ich den Durchblick zurück. Wie lange ich das Bewusstsein verloren hatte, wusste ich nicht. Die Verschwommenheit löste sich langsam auf, und ich sah wieder klarer. Und war enttäuscht und traurig. Von Wilhelm keine Spur. Das Luftschiff war auch nicht mehr zu sehen. Dafür sah ich einen Mann, der auf einem Podest, das neben einem Tisch stand, auf und ab ging. Und auf dem Tisch stand ich – neben Vasen, Kronleuchtern, Wanduhren und Porzellantassen.

Wie ich aus dem qualmenden Zeppelin hierher gelangen konnte, war mir schleierhaft. Vor und um das Podest herum saßen Männer und Frauen auf Stühlen. Sie hoben hin und wieder den Arm, woraufhin der Mann auf dem Podest freudig weiterdröhnte.

»Sechsundzwanzig Reichsmark zum Ersten, zum Zweiten und  … siebenundzwanzig für die Dame! Wer bietet mehr?«

Alle Arme blieben unten.

»… und siebenundzwanzig zum Dritten!«

Der Mann am Podest schlug mit einem Hammer auf den Tisch, dass es nur so krachte.

Die Frau kam nach vorne, nahm mich in Empfang, zahlte und ging an ihren Platz zurück. Kaum hatte sie sich hingesetzt, schaute sie mich an und rief plötzlich so laut, dass alle es hören konnten: »Der Mund geht nicht auf!«

Die anderen drehten die Köpfe nach ihr um.

Klar geht der nicht auf, hätte ich sagen wollen, ist ja auch zugeleimt. Mit oberbayerischem Holzleim.

»Ein Nussknacker, der den Mund nicht aufmachen kann!«, rief die Frau, als käme das einem Weltuntergang gleich.

Die anderen schienen nicht zu begreifen. Sie blickten die Frau verständnislos an, bis diese schrie: »Der kann keine Nüsse knacken!«

Der Mann auf dem Podest unterbrach die Versteigerung, zuckte mit den Schultern und sagte: »Kann ich doch nichts dafür!«

Die Frau starrte mich fassungslos an. »Der ist ja zu nichts zu gebrauchen!«

»Höchstens als Talisman!«, rief jemand aus der Menge, und alle lachten, nur die Frau nicht. Sie stürmte mit mir aus dem Saal.

1912 – 1914, Belfast, Southampton, Irland, Nordatlantik

»Willst du, Dorothy Gibson, den hier anwesenden Hans Otto Lord von Breitenbach zu deinem Gemahl nehmen?«

»Ja!«

»Und du, Hans Otto Lord von Breitenbach, willst du die hier anwesende Dorothy Gibson zu deiner Gemahlin nehmen?«

»Ja!«

»Dann seid ihr von nun an Mann und Frau, bis dass der Tod euch scheidet.«

Ich lag noch immer in der Schachtel und hörte, wie Musik einsetzte. Eine Orgel spielte feierlich. Dann sangen Leute dazu. Das war eindeutig eine Feier, eine Hochzeitsfeier, eine Trauung. Daran bestand kein Zweifel. Die Hauptdarsteller: Dorothy Gibson und Lord von Breitenbach. Was ich dabei für eine Rolle spielte, war mir allerdings schleierhaft. Die Orgel verstummte, doch kurz darauf erklang schon wieder Musik – dieses Mal Streichinstrumente. Dann öffnete sich langsam der Deckel meiner Schachtel, und endlich begriff ich, was das alles zu bedeuten hatte.

Ich stand auf einem großen, festlich gedeckten Tisch, eine Art Tafel, umgeben von Blumen und unzähligen, in buntes Geschenkpapier eingewickelten Schachteln. Als der Deckel meiner nach Möbelpolitur riechenden Kiste offen war, erschien die Dame, die mich angeblich als Talisman erworben hatte, wieder in meinem Blickfeld. Aber nicht nur sie. Ihre Hand, die dieses Mal in einem weißen, langen Handschuh steckte, nahm mich aus der Kiste. Sie reichte mich der freudig strahlenden Braut, die in einem weißen Hochzeitskleid mit einer meterlangen Schleppe und einem durchsichtigen Schleier vor dem Gesicht am Tisch stand. Die Braut sah ziemlich hübsch aus und war noch blutjung. Fast noch ein Kind. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass in ihrem Alter schon geheiratet werden konnte.

»Meine liebe Dorothy«, sagte die Dame mit zittriger Stimme und ganz feierlich. »Dieser Nussknacker, ein Symbol meiner Anteilnahme an deinem bisherigen Leben, soll dich auf deinem weiteren Lebensweg begleiten, den du von nun an ohne mich, dafür gemeinsam mit deinem geliebten Gatten beschreiten wirst.«

»Bravo, Madame!«, rief ein älterer Herr, der jetzt neben die Braut trat und begeistert in die Hände klatschte. »Aber zuerst entführe ich Ihre Stieftochter und mit ihr diesen entzückenden Nussknacker nach New York!«

Der Mann trug einen schwarzen Anzug und war allem Anschein nach der Bräutigam, obwohl er vom Alter her eher wie der Brautvater aussah. Er hatte schütteres Haar und einen grauen Schnauzbart, war ziemlich dick und einen halben Kopf kleiner als Mrs Gibson.

»Nach New York?«, fragte Dorothy erstaunt. Sie blickte zuerst mich ungläubig an, als hätte sie noch nie im Leben einen Nussknacker gesehen, dann ihren Mann, als würde ihr erst jetzt der riesige Altersunterschied zwischen ihr und dem Lord auffallen.

»Ja, mein Schatz! New York! Wir fahren nach New York in die Flitterwochen!«

Lord von Breitenbach klatschte wieder in die Hände. Dann nahm er die kleine schmale Hand von Dorothy, die ebenfalls in Handschuhen steckte, die bis zu den Ellbogen reichten, und küsste sie. Auch die Braut küsste den Bräutigam. Nicht auf den Mund oder die Hand, sondern auf die Stirn, sodass von nun an ein kleiner roter Abdruck auf von Breitenbachs Glatze prangte. Anschließend strich Dorothy mir liebevoll über den Wanst, während sie immer wieder »New York, New York! Ich werd verrückt!«, hauchte.

* * *

Eine Woche nach der Hochzeitsfeier war es dann so weit. Die Koffer waren gepackt. Die frisch vermählte Dorothy von Breitenbach und ihr dicker Lord betraten im Hafen von Southampton das Schiff, das sie in einer einwöchigen Reise nach New York bringen sollte. Aber es war nicht irgendein Schiff. Es war ein Schnelldampfer, der größte, der je gebaut worden war, sogar der größte von Menschenhand gefertigte bewegliche Gegenstand aller Zeiten. So ein riesiges Schiff hatte die Welt noch nicht gesehen, geschweige denn ich. Es war ein Koloss, ein schwimmender Riese mit vier Schornsteinen und drei Decks. 269 Meter lang, 60 000 Tonnen schwer und funkelnagelneu. So neu, dass es überall noch nach Farbe roch.

Am Hafen standen Tausende von Menschen und ließen ihrer Neugier freien Lauf, während geschäftig Koffer- und Kistenberge verladen wurden. Sogar ganze Autos verschwanden im Schiffsbauch. Elegant gekleidete Damen mit großen Hüten, Männer in schwarzen Anzügen und mit Uhrenketten am Bauch und herausgeputzte Kinder, die wie Puppen aussahen, strömten über einen Laufsteg auf Deck A des Schiffes.

Auch der Lord, Dorothy und ich waren von nun an Passagiere der ersten Klasse. Die Leute in der dritten Klasse waren weniger vornehm gekleidet und wurden auf Deck E untergebracht.

Als alle an Bord waren, verließ am 10. April 1912 das gewaltige Schiff zu seiner Jungfernfahrt zusammen mit uns und weiteren 2205 Menschen an Bord den Hafen von Southampton, begleitet vom Jubel der Zurückbleibenden.

Zuerst fuhren wir an die Westküste Irlands und von da hinaus auf den Ozean.

Das Schiff war ein Traum. Ein Traumschiff! Zumindest was Deck A und die Erste Klasse anging. So hatte ich mir ein Schiff nicht einmal in meinen kühnsten Vorstellungen ausgemalt. Überall hingen schwere Kronleuchter aus geschliffenem Glas, die funkelten und leuchteten, um alles in ein helles, warmes Licht zu tauchen. Gigantische Holztreppen mit verschnörkelten Geländern führten von der einen in die andere Etage. Polierte Marmorböden und gestickte, flauschige Teppiche dämpften die Schritte. Fein gedrechselte Säulen aus Holz stützten die Decken. Eine riesige Glaskuppel öffnete den Blick zum Himmel und ließ die Weite des Universums über dem Dampfer erahnen. Es gab einen Speisesaal, der so groß war wie die Wiese, auf der Wilhelm immer Fußball gespielt hatte. Die Tische waren aus edlem, dunklem Tropenholz, die Stühle mit Polstern aus teuerstem Stoff überzogen. Überall wuselten Dienstmädchen in gestärkten weißen Schürzen und mit albernen Häubchen auf dem Kopf umher und fragten nach Wünschen, die sogleich erfüllt wurden. Während des Dinners spielte ein Orchester klassische Musik, und flinke junge Kellner servierten üppige und ausgefallene Speisen, deren Namen in meinen Ohren unaussprechlich klangen.

Aber auch in den Kajüten, die in der ersten Klasse prachtvolle Suiten waren, schien der Luxus keine Grenzen zu kennen. In den Schlafzimmern waren die Wände mit kostbaren Stofftapeten verziert, an denen große Ölgemälde mit dicken Goldrahmen hingen. Ein Tresor aus Stahl stand in der Ecke, in dem die Reisenden ihre Reichtümer sicher auf bewahren konnten. Die Einrichtung vermittelte maßlosen Luxus und gab den Reisenden das Gefühl von Sicherheit. So, als wären sie nicht auf einem schier grenzenlosen Ozean unterwegs, sondern stünden mit beiden Beinen sicher auf der Erde. Erst wenn man durch die Bullaugen in der Schiffswand schaute, konnte man erkennen, wie dünn die Trennwand zwischen diesem schwimmenden Ungetüm und dem alles verschlingenden Meer war. Wasser, so weit das Auge reichte.

Sogar einen Aufzug gab es auf dem Schiff, der die Stockwerke miteinander verband. Alles war vom Feinsten und Edelsten. Schwimmender Luxus.

Auch die Menschen in der ersten Klasse zeigten sich von ihrer besten Seite. Es waren Geschäftsleute, Industrielle und Adlige, die ihren Reichtum nicht nur bei sich trugen, sondern auch gerne herzeigten.

Die Frauen waren in lange, kostbare Kleider aus Seide und Satin gehüllt. Dazu trugen sie Hüte, die so groß waren, dass man sich wunderte, dass die Dinger ihnen nicht vom Kopf rutschten. Überall funkelte Schmuck: Broschen, Ohrringe, Kolliers, Ketten, Armbänder und Ringe. Die Männer waren eher schlicht gekleidet. Sie trugen schwarze Smokings mit hellen Krawatten.

Auch Dorothy schien von so viel Eleganz überrascht zu sein. Immer wieder flüsterte sie beeindruckt: »Das ist ja unglaublich!«

Ihr Gatte strahlte dabei so selbstsicher, als wäre er persönlich für all den Glanz verantwortlich. Er griff bei jeder Gelegenheit nach Dorothys Händen, um sie anschließend mit Küssen auf die langen Handschuhe zu bombardieren.

Kurz nachdem Dorothy und Lord von Breitenbach ihre Suiten bezogen hatten, spielte ich keine Rolle mehr in Dorothys Leben. Hier, wo Fülle, Wohlstand und Reichtum ein Zuhause hatten, schien sie weder Glück noch einen Talisman zu brauchen. Vielleicht wollte sie aber auch nicht mehr an ihre Stiefmutter erinnert werden. Auf jeden Fall stellte sie mich achtlos auf eine Kommode in ihrem Schlafzimmer, wo ich mich in einem großen Spiegel von nun an nur noch selbst betrachten konnte. Das war auf die Dauer ziemlich langweilig. Ab und an bekam ich Dorothy noch kurzzeitig zu Gesicht, wenn sie sich in der Nacht übermüdet und angetrunken aufs Bett fallen ließ, um kurz darauf schnarchend einzuschlafen.

* * *

Erst zwei Tage nach der Abfahrt und zwei langweilige, nicht enden wollende Tage und Nächte auf der Kommode im Schlafzimmer von Dorothy änderte sich alles. Dorothy kam eines Abends ganz aufgeregt in ihre Suite gestürzt und griff nach mir. Hastig, sodass ihr Kleid dabei knisterte, trug sie mich durch die langen Gänge des Schiffes hinauf in den Speisesaal. In diesem mit Passagieren der ersten Klasse voll besetzten Saal war aber nicht die wohlklingende Musik eines Orchesters zu hören, wie zu erwarten gewesen wäre; stattdessen war ein für diese Räumlichkeit untypisches Geräusch zu vernehmen, das Geschrei eines Kindes. Es klang hoch, fiepend und grässlich. Es war ein Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, mit blonden Zöpfen und einem zerknautschten Gesicht, das unter den Kronleuchtern so rot und unwirklich schimmerte wie ein Flusskrebs. Die Leute um es herum hielten sich die Ohren zu.

Dorothy stellte mich auf den Tisch, an dem das Mädchen saß. »Schenk ich dir!«, sagte sie und zeigte auf mich, der jetzt direkt vor dem schreienden Mädchen und inmitten von nicht angerührten Eisbechern, Früchteschalen und Tortenstücken stand.

Augenblicklich verstummte das Kind. Es schaute mich mit großen, verweinten Augen an, als wäre ich direkt durch die Glaskuppel vom Himmel gefallen. Das rote, verquollene Gesicht entspannte sich, der offene Mund schloss sich.

Alle am Tisch hielten den Atem an und nahmen ihre beringten Hände von den Ohren, langsam und abwartend, um sie jederzeit mit einer raschen Handbewegung wieder zu verschließen. Aber das war nicht nötig. Kein Laut drang mehr aus dem kleinen Schreihals.

Das Mädchen griff zaghaft nach mir, nahm mich in den Arm und ließ mich nicht mehr aus den Augen. Tosender Applaus setzte ein. Die Hände, die Minuten zuvor noch krampfhaft Ohren zugehalten hatten, spendeten jetzt Beifall, als wäre der Speisesaal ein Konzerthaus. Die Musiker, die ein wenig ratlos vor ihren Instrumenten standen, schauten neidisch drein. Die mürrischen Gesichter der Leute an den Tischen hellten sich schlagartig auf. Die nach unten gezogenen Schnauzbärte der Männer schnellten blitzartig nach oben. Ein Lächeln legte sich auf ihre zuvor noch skeptischen Gesichter.

Lord von Breitenbach, mit rot glänzenden Wangen, erhob sich schwerfällig, aber gut gelaunt von seinem Stuhl. Er nahm sein Weinglas und klopfte mit einem Silberlöffel zweimal dagegen, dass es wie eine hell tönende Glocke klang. Es wurde mucksmäuschenstill. Der dicke Lord blickte in die Runde, dann zu seiner Frau. Er räusperte sich kurz und sagte:

»Liebe Mitreisende, lasst uns die Gläser erheben und auf meine kluge, junge hübsche Frau trinken, sowie auf das zur Vernunft gekommene Mädchen Ros, auf ihre glücklichen Eltern und auf uns alle, die wir bei dieser legendären Jungfernfahrt das unbeschreibliche Vergnügen haben, dabei sein zu dürfen. Hebt das Glas und lasst uns trinken!«

Alle standen jetzt von ihren Stühlen auf, griffen nach ihren halb gefüllten Weingläsern und prosteten sich feierlich zu.

Nur das Kind blieb sitzen und hielt mich noch immer in den zitternden Händen. »Auf den Nussknacker!«, rief es plötzlich so laut und schrill, wie es zuvor gebrüllt hatte.

Alle drehten sich wieder nach dem Kind um, das jetzt vergnügt schmunzelte, und lachten. Sie erhoben abermals das Glas, riefen »Auf den Nussknacker!« und prosteten sich wieder zu.

Von da an stand ich nicht mehr auf der Kommode von Dorothy, sondern war bei Ros. In der Nacht stellte sie mich auf ihren Nachttisch neben das Bett, sodass sie mich auch beim Einschlafen sehen konnte. Wenn dann endlich ihre Augen zugefallen waren, konnte ich ihr beim Schlafen zuschauen. Aber meistens schlief Ros nicht. Wenn ihre Eltern im Speisesaal oder im Rauchersalon die ganze Nacht tranken und feierten, stand sie heimlich auf, nahm mich vom Nachttisch und schlich mit mir auf Deck A herum. Sie stellte sich an die Reling und sah den Sternen beim Leuchten zu. Oder sie beugte sich über das Geländer am Bug, sodass ich ein wenig Angst um sie bekam. Ros beobachtete das Schiff, wie es beinahe lautlos eine Fahrrinne in das Meer und die Nacht schnitt.

* * *

In der dritten Nacht – es war der 14. April, vier Tage nach Beginn der Reise – schlich Ros sich mit mir in die unteren Decks, die sich im Bauch des Schiffes befanden, wo die Passagiere der dritten Klasse untergebracht waren. Da war es ziemlich ruhig. Die Türen zu den Kajüten waren geschlossen. Die meisten Reisenden schliefen offenbar schon. Hin und wieder hörte man Schnarchen oder flüsternde Stimmen. Am Ende des Ganges, auf Deck E, drang leise Musik durch eine Tür. Es war aber keine Musik, wie sie in der ersten Klasse gespielt wurde. Sie klang lustiger, beschwingter, als ob man ausgelassen dazu tanzen sollte. Menschen sangen und lachten. Gerne hätte Ros die Tür geöffnet und hineingeschaut, traute sich aber nicht.

Wir standen noch ein paar Minuten davor und lauschten, ehe wir uns auf den Rückweg machten. Am Ende des Flurs kamen wir an einer Kajütentür vorbei, die nur angelehnt war. Ros blieb stehen und schob die Tür vorsichtig einen kleinen Spalt auf, sodass Licht vom Flur in einem dünnen Streifen in die Kajüte fiel. Wir konnten drei schmale Stockbetten auf engstem Raum erkennen. Hier war nichts von der Großzügigkeit und Weitläufigkeit der oberen Etagen zu sehen. Keine Stofftapeten hingen an der Wand, keine Ölgemälde und Kronleuchter. Es war eng, klein und schlicht. Die Betten waren primitiv, und der Boden war nicht aus Marmor und mit flauschigen Teppichen ausgelegt, sondern bestand aus groben Holzbrettern.

Ros staunte. Leiser Atem war zu hören. Dann eine flüsternde Stimme. »Kannst du auch nicht schlafen?«

Ros erschrak. Ich ebenfalls. Die Stimme kam aus dem Dunkeln von einem der Betten. Sie klang überhaupt nicht verschlafen, sondern hellwach. Es war die Stimme eines Mädchens. Die Bettdecke auf der oberen Etage eines der Stockbetten hob sich langsam, und zwei Beine schwangen sich heraus, hüpften aus dem Bett und landeten federnd auf dem Boden. In einem der anderen Betten murmelte jemand verschlafen vor sich hin.

Vor Ros und mir stand ein Mädchen, das ungefähr so alt wie Ros war, aber ganz anders aussah. Es trug ein löchriges Kleid aus grobem, dunklem Stoff. Die Strümpfe hatten ebenfalls Löcher und reichten bis zu den Knien. Die Haare waren verstrubbelt. Ros konnte nichts sagen, starrte nur benommen auf die verwegen aussehende Gestalt. Auch ich empfand eine Mischung aus Verwunderung und Faszination.

Das Mädchen hingegen schien gar nicht überrascht zu sein, dass mitten in der Nacht ein fremdes Kind in seiner Kajüte auftauchte. Es schlüpfte durch den Türspalt, zog die Tür hinter sich zu und sagte, noch ehe Ros etwas antworten konnte: »Komm mit!« Schon war das Mädchen ein paar Schritte vorausgeeilt. »Na los, komm schon!«

Ohne groß nachzudenken, setzte Ros sich in Bewegung. Das Mädchen rannte vorneweg, Ros hinterdrein. Die Gänge schienen nicht enden zu wollen. Sie waren nicht breit und hell wie in der ersten Klasse, sondern schmal und schummrig beleuchtet. Immer wieder zweigte ein weiterer Gang ab, der sogar noch enger war. Treppen – eher schmale Leitern aus Stahl – führten uns immer tiefer in ein Labyrinth im Bauch des Schiffes. Das Mädchen schien genau zu wissen, wohin es wollte. Ros und mir jedoch war der nächtliche Langstreckenlauf ein Rätsel. Ros schwitzte. Langsam aber sicher schien ihr die Puste auszugehen. Das Mädchen, offenbar viel besser geübt, in den schmalen Fluren voranzukommen, blieb hin und wieder stehen und wartete, bis Ros und ich zu ihr aufgeschlossen hatten. Als Ros schon aus dem letzten Loch pfiff, hielt das Mädchen plötzlich an.

»Pssst!«

Es legte den Zeigefinger auf die Lippen und öffnete mit der anderen Hand eine schwere Stahltür einen winzigen Spalt breit.

»Schau mal!«

Das Mädchen trat ein wenig zur Seite, sodass Ros und ich hindurchblicken konnten. Was wir sahen, verschlug uns den Atem. An den Anblick der ersten Klasse gewöhnt, konnten wir nur schwer begreifen, dass es auf so einem Luxusdampfer auch ganz andere Bilder zu sehen gab, die nicht in Goldrahmen gefasst an den Wänden hingen wie in den Suiten von Deck A. Diese Bilder hier waren echt. Wir erblickten Männer mit nackten, muskulösen Oberkörpern, die vom Schweiß golden glänzten. Sie liefen geschäftig umher. Manche schippten mit großen Schaufeln Kohle in riesige glühende Öfen. Ein Heer von dicken Pleuelstangen bewegte sich gleichmäßig auf und nieder. Es puffte, ratterte und rasselte. Ein Höllenlärm! Die Männer schrien hin und wieder und gestikulierten dabei mit ausholenden Bewegungen, als wollten sie das Gesagte in die stickige Luft schreiben. Weißer Rauch stieg auf, und Hitze drang durch den Spalt.

»He! Was macht ihr da?«

Eine tiefe Männerstimme dröhnte hinter uns über den Flur. Ros und ich erschraken. Ohne sich umzudrehen, zischte das Mädchen: »Mist!« Es stieß die Stahltür zu. »Los, nichts wie weg!«

Das Mädchen übernahm wieder die Führung und lief schneller als zuvor. Ros, die mich krampfhaft umklammerte, hielt wacker mit. Hinter uns polterten die schweren Schritte des Mannes, der die Verfolgung aufnahm und ebenfalls den Gang entlangrannte.

»Schneller, schneller!«, schrie das Mädchen.

Wieder kletterten wir auf schmalen Stahltreppen herum, nur ging es dieses Mal nach oben. Die Schritte des Mannes kamen näher. Ros wurde immer langsamer und verlor das Mädchen aus den Augen.

Als wir endlich wieder an Deck waren, war das Mädchen verschwunden. Dafür klangen die schweren Schritte jetzt so laut und nah, dass mir angst und bange wurde.

»Hierher«, hörten wir plötzlich die leise Stimme des Mädchens.

Nichts war zu sehen.

»Na los, komm schon!«

Die Stimme drang von irgendwo zwischen den Rettungsbooten hervor, die über- und nebeneinander an Deck standen. Ros folgte der Stimme, bis sie das Mädchen zusammengekauert in einem der Rettungsboote entdeckte.

»Spring rein!«

Ros kletterte in das Boot und warf sich neben das Mädchen auf den Boden, das daraufhin eine Plane über sich und Ros warf. Sofort wurde es schwarz über uns. Es roch unangenehm nach Kohlenstaub und altem Öl.

Die Schritte waren jetzt ganz nahe. Der Mann musste genau vor dem Boot stehen. Eine zornige Stimme fluchte in einer fremden Sprache. Dann trat ein Fuß mit Wucht gegen die Wand des Rettungsbootes, sodass Ros vor Schreck zusammenzuckte. Der Mann fluchte abermals so heftig, dass das Mädchen unter der Plane leise zu kichern anfing, bis Ros ihr den Mund zuhielt. Dann endlich entfernten sich die Schritte, bis sie nicht mehr zu hören waren.

»Das war knapp.« Das Mädchen hob langsam die Plane.

Ros war erleichtert, genauso wie ich. »Wer war das?«, fragte sie.

»Einer der Matrosen. Die haben es nicht gern, wenn man da unten herumschnüffelt«, sagte das Mädchen. »Wer bist du?«

»Ros.«

»Ich bin Doren«, sagte das Mädchen. »Und das da?«

Doren zeigte auf mich.

»Mein Nussknacker!«, sagte Ros.

Doren grinste. Ros grinste ebenfalls, und ich schloss mich ihnen an.

»Sag mal, was war das da hinter der Tür?«

»Der Maschinenraum, die Heizkessel und die Männer, die schuften müssen, damit das Schiff vorankommt.«

Ros blickte erstaunt.

»Na, von allein schwimmt der Kahn nicht«, sagte Doren.

»Ich dachte, ein Schiff schwimmt immer, und dieses auf jeden Fall.«

»Ja, aber höchstens auf der Stelle.«

»Mein Vater behauptet sogar, dass dieses Schiff unsinkbar ist«, sagte Ros und wurde im nächsten Moment ein bisschen verlegen. Es war nicht der Zeitpunkt, von Vater oder Mutter zu sprechen.

Doren lächelte. »Vielleicht. Aber damit es fährt, muss ordentlich eingeheizt werden, sonst wird das nichts mit New York.«

»Das wäre nicht weiter schlimm«, sagte Ros.

»Warum?«

»Ach, egal.«

»Du willst nicht nach New York, was?«

Ros schüttelte den Kopf. »Und du?«

»Nichts lieber als das!«

»Warum?«

»Ach, egal!«

Offenbar verstanden die beiden sich auf Anhieb gut.

Wir stiegen aus dem Rettungsboot. Es roch noch immer nach Öl, bis die Luft plötzlich klar und frostig wurde wie an einem Wintertag. Es roch sogar nach Winter. Aber wir hatten April. Es war Frühjahr.

Komisch, dachte ich, wie kann es im Frühling nach Winter riechen? Nach Schnee und Eis? Und wie kann es auf einmal so kalt sein?

Wir standen auf Deck C, genau an der Reling, und schauten aufs Wasser. Über uns zogen Wolken dahin.

»Du bist nicht von hier unten, stimmt’s?«, fragte Doren.

Ros schüttelte den Kopf.

»Aus der ersten Klasse, was?«

Ros nickte verlegen. Es schien ihr peinlich zu sein.

»Stimmt es, dass da oben die Wasserhähne aus Gold sind?«

»Sie sehen jedenfalls so aus.«

»Und da gibt’s riesige Badewannen aus Marmor?«

»Glaub schon.«

»Warum bleibst du dann nicht oben?«

»Es ist langweilig.«

»Und hier?«

»Hier nicht.«

Doren lachte. Ros lachte auch. Ich wusste nicht, ob ich lachen sollte.

»Verdammt kalt hier!«, sagte Ros.

»Ich geb dir meine Jacke.« Doren wollte gerade ihre Jacke ausziehen, als Ros plötzlich schrie: »Doren! Ich werd verrückt! Guck mal!«

Doren guckte, und ich guckte auch. Das, was vor uns auftauchte, sah aus wie ein riesiges schwarzes Nichts. Schwärzer als die Nacht.

Eine finstere Wand schob sich zwischen Sternenhimmel und Wasser. Ein gewaltiger schwarzer Schatten. Eine drohende Silhouette, die immer näher kam.

»Was ist das?«, fragte Doren.

»Ein Riese!«, rief Ros.

»Quatsch!«

Je näher die Wand kam, umso mehr hellte sie sich auf. Als sie ganz nah vor uns war, sah sie plötzlich weiß glänzend aus, wie schimmernder Schnee.

»Das ist ein Eisberg, Ros! Pass auf! Geh in Deckung! Weg von der Reling!«

Es rumste. Das ganze Schiff erzitterte. Doren und Ros fielen zu Boden und rutschten von der Reling weg. Ros konnte mich nicht mehr festhalten. Ich schlitterte über die Planken. Eisbrocken wurden wie Konfetti in die Luft geschleudert und prasselten auf das Deck.

Jetzt fuhr das Schiff nicht mehr. Es trieb fast lautlos im Wasser. Die Schornsteine dampften kaum noch.

»Wir fahren nicht mehr!« Ros versuchte sich aufzurichten.

»Haben die Heizer eben Pause«, sagte Doren, die schon wieder auf beiden Beinen stand und ein paar Eisbrocken über das Deck kickte.

Ich lag noch immer auf dem Boden und hoffte, dass die beiden Mädchen mich in der ganzen Aufregung nicht vergaßen.

»Mein Nussknacker! Wo ist mein Nussknacker?«, rief Ros plötzlich, als ob meine Befürchtung auch ihre wäre.

»Hier!«

Doren entdeckte mich inmitten der Eisbrocken. Während Ros mich wieder an sich nahm, tauchten Männer der Besatzung auf dem Deck auf. Es waren Matrosen, Stewards und Offiziere in blauen Uniformen. Auch sie schienen überrascht zu sein. Sie redeten aufgeregt durcheinander, beugten sich über die Reling und versuchten etwas zu erkennen. Dann kamen auch Passagiere. Manche hatten schon Schlafanzüge und Nachthemden an. Sie wollten besorgt wissen, warum geankert worden sei und was es mit diesem Halt auf sich habe. Manche fragten, ob das Ruckeln normal gewesen sei.

»Da stimmt doch was nicht!«, sagte einer.

Ein anderer fragte verschlafen: »Sind wir schon da?«

Ein Dritter tippte sich an die Stirn und entgegnete: »Klar, da vorne ist die Freiheitsstatue!«, worauf die meisten lachten.

»Kein Grund zur Beunruhigung«, versuchte ein Offizier für Ruhe zu sorgen. »Ein außerplanmäßiger Halt für ein paar kleinere Reparaturen. In ein paar Stunden geht es weiter. Gehen Sie zurück in Ihre Kajüten und schlafen Sie weiter.«

Irgendwie klang das gar nicht überzeugend. Zumindest nicht für Ros, Doren und mich.

»Da stimmt was nicht!«, flüsterte Doren. »Reparaturen? Dass ich nicht lache!«

»Was machen wir jetzt?«, fragte Ros besorgt.

»Herausfinden, was wirklich los ist!«

»Aber wie?«

»Komm mit!«

Wir schlichen uns unter den noch immer aufgeregt diskutierenden Passagieren hindurch nach oben zu Deck A. Da brannte überall noch Licht. Viele Menschen der ersten Klasse saßen noch in den Salons, rauchten, tranken und feierten wie jede Nacht. Ich sah auch Ros’ Eltern. Ros entdeckte sie ebenfalls.

»Nichts wie weg hier!«

Sie nahm Doren bei der Hand und rannte davon.

* * *

Nicht weit von der ersten Klasse entfernt war die Kommandoebene, wo sich der Kapitän und seine Offiziere aufhielten.

»Vielleicht kann man von denen was erfahren«, sagte Doren und huschte den Gang entlang. Ros folgte ihr.

An der Tür zur Kommandoebene blieben wir stehen. Die Tür war nur angelehnt. Stimmen waren zu hören. Männer sprachen aufgeregt durcheinander. Als wir die Köpfe in den Spalt schoben, sahen wir den Kapitän und ein paar Offiziere, die ähnlich verwirrt schienen wie die Passagiere. Der Kapitän griff sich immer wieder an den Kopf, hob seine Mütze, kratzte sich und stöhnte: »Das darf doch nicht wahr sein!«

»Ist es aber«, entgegnete einer der Offiziere. »Das Schiff läuft vom Bug her voll! Das Wasser ist bereits in die ersten sechs Abteilungen, in fünf Lagerräume und in den sechsten Boilerraum eingedrungen.«

»Verdammt! Was jetzt?«, fragte ein anderer Offizier. Er nahm ein großes Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich übers Gesicht.

»Machen Sie die Schotten dicht! Alle wasserdichten Türen verschließen!«

Der Kapitän sagte es ohne Panik, beinahe bedächtig. »Schießen Sie die Notraketen ab, und geben Sie einen SOS-Funkspruch durch.«

»Schon geschehen! Das nächste Schiff ist achtundfünfzig Meilen von hier entfernt. Es bräuchte ungefähr vier Stunden, bis es hier ist.«

»Vier Stunden? Wie lange können wir uns noch halten?«

»Wenn die sechste Kammer vollläuft, vielleicht zwei Stunden.«

»Verflixt!«, kam es so leise vom Kapitän, dass er kaum zu hören war. Er strich sich über den Bart und dachte nach. Dann sagte er ganz ernst und so, dass es alle versammelten Offiziere hören konnten: »Bereitmachen zur Evakuierung!«

»Aber …«

»Haben Sie nicht verstanden? Machen Sie die Rettungsboote klar«, sagte der Kapitän, diesmal lauter als zuvor. »Holen Sie die Leute aus den Kajüten.«

»Alle?«

»Alle!«

»Aber die Rettungsboote reichen nicht aus.«

»Was?«, hörte man ein paar Offiziere erstaunt sagen.

»Es sind zu wenige«, sagte der Offizier, der noch immer mit dem Taschentuch sein Gesicht trocken zu reiben versuchte.

»Wie viele haben wir denn?«

»Zwanzig.«

»Zwanzig?«

»Und zweitausendzweihundertsieben Menschen an Bord.«

»Das würde ja bedeuten, dass höchstens die Hälfte …«

»… gerettet werden kann.«

Wieder fluchte der Kapitän leise vor sich hin. Dann sagte er mit fester Stimme: »Kinder und Frauen zuerst. Und das Orchester soll spielen. Es darf keine Panik auf kommen. Beruhigen Sie die Passagiere. Sagen Sie, dass alles halb so schlimm ist, wie es aussieht.«

Die Offiziere setzten ihre Mützen auf, salutierten und gingen los.

»Nichts wie weg!«, zischte Doren.

Wir rannten zurück auf Deck A. Der Kapitän blieb allein auf der Kommandoebene zurück.

»Wir gehen unter!«, sagte Doren. »Wir saufen ab!«

»Das glaube ich nicht, Papa sagt …«

Wieder schien es Ros plötzlich peinlich zu sein, jetzt von ihren Eltern zu reden.

»Ich weiß, unsinkbar!«, kam von Doren. »Aber vergiss es! Das Schiff wird untergehen!«

Wie zur Bestätigung hatte sich der Bug bereits ein wenig geneigt. Das Schiff geriet in Schieflage.

* * *

Keine halbe Stunde später ging es auf allen Decks drunter und drüber. Die Leute liefen aufgeregt durcheinander. Vor allem die Passagiere der ersten Klasse wollten nicht glauben, was sich anzubahnen drohte. Sie hielten die Leuchtraketen nicht für Notsignale, sondern für ein Feuerwerk.

»Wie bitte?«, fragte eine Frau in teurer Abendgarderobe und mit einem halb gefüllten Champagnerglas in der Hand sichtlich erheitert. »Sie machen Scherze, junger Mann! Dieses Schiff soll sinken?« Sie klang belustigt. »Ich bitte Sie! So große Eisberge gibt es gar nicht, die diesem Schiff auch nur einen Kratzer zufügen könnten.«

Der Steward schaute sie irritiert an. »Ziehen Sie die Rettungsweste an, Madame!«

Bald trugen die meisten Passagiere die weißen Westen. Die ersten Rettungsboote waren mit Frauen und Kindern gefüllt und warteten darauf, zu Wasser gelassen zu werden. Viele weigerten sich, in die Rettungsboote zu steigen. Sie waren nicht bereit, eines der kleinen Boote gegen das vermeintlich unsinkbare Schiff einzutauschen. Manche Passagiere mussten sogar gezwungen werden, in die Rettungsboote zu klettern.

Ein Steward packte zuerst Ros, dann Doren, und setzte sie in eines der Boote, die an dicken Seilen hingen und mithilfe von Winden langsam an der Schiffswand entlang heruntergelassen wurden. Es schaukelte und ruckelte.

»Halt dich gut fest!«, rief Doren.

Ros nickte nur und krallte sich mit einer Hand am Bootsrand fest, mit der anderen hielt sie mich. Mir wurde übel. Ich merkte, wie Ros’ Hand trotz der Kälte schwitzte.

Das Boot stieß plötzlich gegen die Schiffswand. Alle schrien auf. Wir bekamen Schräglage, und Ros konnte mich nicht mehr festhalten. Ich glitt ihr aus der Hand und flog durch die Luft. Mit einem Kopfsprung tauchte ich in das eiskalte Wasser des Atlantik, kam aber Sekunden später schon wieder hoch. Ich hörte, wie Ros nach mir rief. Ich schwamm im Wasser, aber sie konnte mich nicht sehen.

Während die Rettungsboote sich langsam vom Schiff entfernten, neigte es sich immer mehr. Der Bug war jetzt fast ganz unter Wasser. Die Leute schrien verzweifelt um Hilfe. Aber wer hätte ihnen helfen können?

Alle Boote waren jetzt im Wasser. Weit und breit war kein anderes Schiff zu sehen. An Bord brach ein entsetzliches Chaos aus. So stellte ich mir immer den Weltuntergang vor. Wobei nicht die Welt, sondern das Schiff dabei war, unterzugehen. Holz knirschte und krachte. Das Wasser überschwemmte einige der oberen Decks und drang überall ein. Der erste Kamin knickte wie in Zeitlupe ein, stürzte auf das Schiff und zermalmte alles.

Der vordere Teil des Schiffes stand jetzt völlig unter Wasser. Dafür ragte der hintere Teil in die Höhe und stieg weiter, hob sich immer steiler. Plötzlich brach das Schiff mit einem ohrenbetäubenden Krachen entzwei. Der vordere Teil versank in den Tiefen des Meeres.

Ich sah, wie die Menschen hin und her kullerten wie Billardkugeln. Sie glitten wie auf einer Rutschbahn nach unten. Schließlich stand das Heck so weit aus dem Wasser, dass es kerzengerade in den Himmel ragte. Die riesigen Schiffsschrauben waren zu sehen. Sie sahen wie gigantische Insekten aus, die sich aus Angst und Schock nicht mehr bewegen wollten.

Langsam wurde jetzt auch das Heck vom Meer aufgesogen und schließlich verschluckt. Mit ihm wurde alles und jeder, der nichts Schwimmfähiges zu fassen bekam, auf den dunklen Grund des eisigen Ozeans gezerrt.

Die Menschen, die in den weißen Schwimmwesten dem Untergang entkamen, aber keinen Platz in einem der Boote ergattern konnten, trieben im eiskalten Wasser neben mir. Ich sah, wie ihre Bewegungen bald schwächer wurden, weil ihre Körpertemperatur immer mehr sank. In ihren Haaren bildete sich Eis. Ihre Schreie wurden leiser, bis sie verstummten. Die Leute, die nicht mit dem Schiff versunken waren, erfroren.

* * *

Ich trieb immer weiter, bis ich schließlich nichts mehr sah, obwohl der neue Tag anbrach. Vor, hinter, neben und unter mir war nichts als Wasser. Über mir spannte sich der Himmel, der langsam heller wurde.

Als endlich die Sonne aufgegangen war, plätscherte das Meer gespenstisch ruhig und ließ nichts von dem erahnen, was sich hier vor ein paar Stunden Grauenvolles abgespielt hatte. Alles war still und schien friedlich zu sein, als ob in Tausenden Metern Tiefe nicht das Wrack des Schiffes ruhen würde, das als unsinkbar gegolten hatte.

Die Titanic.

Die Sonne ging auf und wieder unter. Den Kopf fingerbreit über der Wasseroberfläche, blickte ich aus dem Ozean und ließ mich treiben. Was hätte ich auch anderes tun sollen? Dabei zählte ich die Sonnenaufgänge, manchmal auch die Sonnenuntergänge, bis ich ganz durcheinander war und mich heillos verzettelte, sodass ich irgendwo zwischen sechshundertzwanzig und sechshundertvierzig mit der Zählerei aufhörte.

Ziemlich schnell ging mir das Herumschwimmen auf die Nerven. Es war auf die Dauer nicht nur eintönig, sondern auch sterbenslangweilig. Wohin das Auge blickte war nur Wasser, Wasser, Wasser. Und dann auch noch Salzwasser! Ich kam mir vor wie in einem überdimensionalen Kochtopf, in dem ich langsam aber sicher weich gekocht werden sollte. Und das bei eiskaltem Wasser. Bloß gut, dass ich nicht kälteempfindlich bin.

Die ständige Planscherei hinterließ deutliche Spuren. Immer mehr Farbe blätterte von meinem Körper ab. Mein blauer Kittel verblasste zusehends. Große Placken schälten sich ab. Nur mein Gesicht, immer schön über dem Wasser, kam einigermaßen glimpflich davon.

Als von Mantel, Stiefeln und Hemd fast nichts mehr übrig war, bekam auch noch das Holz Risse. Mir wurde augenblicklich klar, dass spätestens während der nächsten sechshundertzwanzig bis sechshundertvierzig Sonnenaufgänge mein schöner Nussknackerleib sich auflösen und auseinanderbrechen würde.

Schöne Aussichten, dachte ich, legte mich auf den Rücken, starrte zum Himmel und ergab mich in mein Schicksal.

1914 – 1916, Flandern, Belgien

Land!

Das darf doch nicht wahr sein, dachte ich. Das gibt’s doch gar nicht!

Gab es doch. Zumindest kam es mir so vor. Vielleicht war es aber auch nur eine arglistige Täuschung. Eine raffinierte Spiegelung auf der Wasseroberfläche. Eine Fata Morgana auf hoher See.

Ich schloss die Augen – einundzwanzig, zweiundzwanzig – und schlug sie wieder auf.

Es war noch immer da: Land!

Nach mehr als sechshundert Sonnenaufgängen und -untergängen glaubte ich das erste Mal, weit am Horizont, tatsächlich Land zu sehen. Land, das immer näher kam.

Nach einem weiteren halben Tag war klar, ich schwamm tatsächlich auf Festland zu.

Plötzlich hatte ich Boden unter den Füßen. Eine Welle schwappte mich an Land.

Ich lag im Sand. Es war ein diesiger Morgen und sehr kalt, denn es war Winter, und es roch nach Schnee.

Da saß jemand auf dem Boden, ganz nahe am Wasser, ohne sich zu bewegen. Er trug eine Uniform und darüber einen Militärmantel, so viel konnte ich erkennen. Er saß im Schneidersitz im Sand und starrte auf das Wasser, den Blick in die Ferne gerichtet, ohne einen Mucks von sich zu geben.

Vielleicht ist er eingeschlafen, dachte ich, oder er meditiert. Oder ist vielleicht sogar tot? Doch plötzlich neigte sich sein Kopf ein wenig, als hätte der Mann meine Gedanken erahnt, obwohl er mich noch gar nicht entdeckt hatte. Er richtete den Blick auf seine Knie. Darauf lagen, wie ich erst jetzt erkannte, mehrere Blatt Papier, die sich leicht im Wind bewegten.

Der Mann schien irgendetwas auf das Papier zu kritzeln. Bis er seinen Blick wieder hob und hinaus aufs Meer schaute.

So ging es noch eine ganze Weile. Immer wieder senkte er den Blick, kritzelte aufs Papier und schaute dann wieder aufs Meer hinaus. So lange, bis er innehielt und in meine Richtung blickte, als wollte er »Hallo!« sagen, oder »Na, wie geht’s?«.

Dann erhob er sich. Langsam kam er auf mich zu, bis er direkt vor mir stand und auf mich hinunterblickte.

»Na, was haben wir denn da?«, sagte er in einem leicht spöttischen Tonfall, beugte sich zu mir nieder, fischte mich aus dem Sand und pustete mir mehrmals ins Gesicht und auf den Leib, dass es kitzelte.

»Du bist ja ein Prachtstück! Bisschen ramponiert, aber das sind wir ja alle, nicht wahr?«

Jetzt sah ich seine Uniform genauer. Er hatte recht. Auch er schien schon bessere Tage gesehen zu haben. Seine Hose und Jacke waren zerschlissen und verdreckt. An der Brust hingen Fetzen herab. An den Knien hatte die Hose Löcher. Nur der Mantel war ein bisschen besser in Schuss.

»Wo kommst du denn her?«

Das hätte ich ihm schon sagen können, obgleich es in seinen Ohren wahrscheinlich sehr unglaubwürdig geklungen hätte.

Er lachte. »Du siehst ganz schön mitgenommen aus!«

Das kann man wohl sagen, dachte ich. Mitgenommen im wahrsten Sinne des Wortes. Mitgenommen vermutlich über Tausende von Kilometern. Bis hierher. Wo war ich hier überhaupt?

»Wenn das kein gutes Omen in dieser verfluchten Situation ist!«

Der Mann lachte erneut, aber es konnte genauso gut ein Weinen gewesen sein. Irgendwie hörte es sich verblüffend ähnlich an. Er drückte mich kurz an sich. Ich hörte, wie sein Herz so schnell schlug, als wollte es davonlaufen.

Was meint er mit Omen?, fragte ich mich. Von was für einer verflixten Situation redet er?

Er ging zurück zu seinem Block und stellte mich neben eine Pickelhaube in den Sand. Ich konnte jetzt von der Seite einen Blick auf seinen Block werfen. Das Papier war vollgeschrieben. Dazwischen sah ich kleine Zeichnungen. Landschaften, das Meer und Sonnenaufgänge waren in bewegten Strichen auf die Seiten geworfen. Wild, manchmal chaotisch, aber immer ausdrucksvoll. Ganz anders als die Bilder, die ich an den Wänden der Salons und Suiten der Titanic gesehen hatte. Das war ein ganz anderer Stil. Aufregend und neu.

»Da schaust du, was?«

Kann man wohl sagen, dachte ich.

»So was hast du noch nicht gesehen, was?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Gibt es auch noch nicht lange«, sagte der Mann. »Und ich bin der Erfinder.«

Er schmunzelte, und seine Augen leuchteten.

»Na ja, nicht ganz alleine. Aber immerhin gehöre ich dazu. Nicht schlecht, was?«

Und wie nennt sich das?, wollte ich fragen.

Als hätte er meine stumme Frage gehört, sagte er: »Expressionismus. Das ist das Einzige, was von uns bleiben wird. Falls überhaupt etwas bleibt.«

Er legte den Block wieder auf seine Knie. Dann nahm er den Stift in die Hand, der die ganze Zeit hinter seinem rechten Ohr geklemmt hatte, und schaute wieder hinaus aufs Meer. Leise murmelte er vor sich hin. Ich musste schon gut zuhören, um seine Worte zu verstehen.

»Du bist mitten im Kriegsgebiet gestrandet, mein Lieber«, sagte er und meinte offenbar mich. »Wie ich. Im August habe ich mich freiwillig gemeldet. Ich Idiot! Freiwillig, stell dir vor! So dämlich muss man erst mal sein. Ein Abenteuer sollte es werden, und ein Albtraum ist es geworden. Ein, zwei Monate, dann ist alles vorbei, hieß es. Fürs Vaterland kämpfen. Lange kann es nicht dauern, hieß es, dann ist der Krieg zu Ende, und du bist um Erfahrungen reicher. Denkste! Jetzt ist bald Weihnachten, und ich bin noch immer nicht zu Hause bei Sophie. Sophie ist meine Verlobte, weißt du, und Paul ist mein Bruder. Wie ich die beiden vermisse! Ich sitze noch immer hier und warte darauf, mich totschießen zu lassen oder andere totzuschießen. Das ist doch verrückt. Dabei könnte ich zu Hause in meinem Atelier sein und die schönsten Bilder malen. Bilder, die die Welt noch nicht gesehen hat. Stattdessen sitze ich hier und sehe eine Welt, wie ich sie mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen konnte.«

Er kratzte sich zwischendurch immer wieder am Kopf.

»Läuse! In meinen Haaren wimmelt’s von den Biestern. Nachts werde ich fast wahnsinnig. Es fühlt sich an, als wäre der ganze Körper unterwegs, würde sich in Bewegung setzen, Millimeter für Millimeter. Ein Krabbeln und Wuseln, da kriegst du kein Auge zu. Am nächsten Morgen bist du dann so müde, dass du im Stehen einschläfst. Und das kann tödlich sein. Hans hat es vorgestern erwischt. Toni gestern. Und wen die Kugel nicht umbringt, der krepiert an der Kälte oder dem Dreck. So ein Wahnsinn!«

Wieder kratzte er sich, schaute dann auf seinen Block und kritzelte wieder drauflos. Irgendwie beschlich mich das Gefühl, dass dieser junge Soldat die Worte gar nicht wirklich an mich richtete, dass er das alles gar nicht mir erzählte. Aber wem dann? Sich selbst? Oder legte er sich die Worte zurecht, um sie seiner Sophie in einem Brief mitzuteilen? Oder Paul, seinem jüngeren Bruder?

Es wurde kälter. Ein eisiger Wind pfiff übers Wasser an Land. Der Mann knöpfte seinen Mantel zu. Er wollte wieder aufs Meer hinausschauen, als plötzlich aus der Ferne eine Stimme zu hören war.

»August!«, rief jemand. Es kam vom Festland her. »August!«

August steckte den Stift wieder hinter das Ohr, stand auf und blickte auf einen Mann, der schreiend und auffällig schnell näher kam. Er war fast noch ein Junge, ungefähr so alt wie August, vielleicht sechzehn Jahre. Auch er trug eine Uniform, ähnlich verdreckt und in ähnlich erbärmlichem Zustand.

»Was ist los, Franz?«, fragte August, als der Junge bei uns angekommen war, schon etwas außer Atem.

»Komm, es geht weiter!« Er spuckte in den Sand, mehr aus Erschöpfung als aus Verachtung, und stützte beide Arme auf die Knie. Leise und wie für sich sagte er: »Der Frontabschnitt wird wieder ein Stück nach vorne verlegt.«

»Verdammt!«

»Ja.«

August stopfte mich in die rechte Tasche seines Mantels. In die andere Tasche steckte er den Block und setzte die Pickelhaube auf. Dann gingen beide langsam in die Richtung, aus der Franz gekommen war.

* * *

Der Schützengraben war zwei Meter tief und kniehoch mit schmutzigem Wasser und Schlamm gefüllt. Hin und wieder kreuzten fette Ratten die Wege.

August und Franz standen seit Stunden mit durchnässten Schuhen, Frostbeulen an den Zehen und blauen Fingern im breiigen Morast. Ihre Gewehre lagen im Anschlag auf der Brustwehr. Beide warteten ungeduldig, was passieren würde. Die Feinde, die Barbaren – so lautete die Bezeichnung, wenn über die Soldaten auf der anderen Seite geredet wurde, die Briten, Franzosen und Belgier –, waren nicht weit von ihnen entfernt, ebenfalls in Schützengräben verbuddelt, und warteten auch. Meist bis es dunkel wurde. Dann ging die Schießerei los. Dann begann das Töten.

Bis dahin aber musste stundenlang gewartet und gefroren werden, während das Wasser von unten im Graben stieg und es von oben meistens regnete oder schneite.

Nach Stunden der Angst und Ungewissheit war die Sonne schließlich verschwunden. Bleierne Finsternis lag über den Gräben. Dazwischen kroch die Kälte in die Glieder der Männer und ließ die übermüdeten Körper zittern. Es roch ekelhaft nach Kloake und Urin, Verwesung und Verfaultem. Ein unerträglicher Gestank kroch durch die Luft. Ein Geruch nach Tod. Nach zurückliegendem und bevorstehendem.

Eine beklemmende Ruhe hangelte sich über die Wartenden hinweg, bis mit einem Mal Gewehrsalven vom Himmel prasselten wie Regen. Kugeln schwirrten zischend durch die Luft. Handgranaten flogen durch die Nacht und explodierten nicht weit von uns mit lautem Getöse.

»Feuer!«, brüllte der Kommandant.

Alle schossen wahllos in die Dunkelheit, aus Angst vor dem Tod und in der Hoffnung, durch eigenes Schießen selbst nicht getroffen zu werden. Es war ein Höllenlärm. Wir waren von Heulen und Jaulen, Krachen und Donnern, Fluchen und Geschrei umgeben. Die Erde schien zu beben. Die Schützengräben drohten einzustürzen und die Soldaten unter herabfallendem Dreck zu verschütten.

»Alle raus!«, befahl der Kommandant. »Angriff!«

Die Soldaten kletterten aus dem Schützengraben und über die Brustwehr. Sie sprangen über Drahtverhaue, Sandsäcke und Stacheldraht und stolperten mit dem Gewehr vor der Brust auf den Feind zu. Oder vielmehr auf die Kugeln und Granaten, die ihnen von der feindlichen Seite entgegenkamen.

Auch August und Franz stürmten voran. Ich war noch immer in Augusts Manteltasche und machte mir vor Angst beinahe in die Hose. Kugeln und Granaten flogen mir um den Kopf. Ich kam mir vor wie in einem Taubenschwarm auf einem Marktplatz, nachdem jemand in die Hände geklatscht hatte. Vor meinen Augen wurden Männer von Granaten zerrissen. Blut spritzte, Körper flogen durch die Luft. Ich schloss die Augen und hörte nur noch Detonationen und Schreie. Es war entsetzlich! Es war grauenvoll! Es war ein Albtraum! Die Hölle!

»In Deckung!«

August warf sich bäuchlings auf den Boden. Ich landete mit ihm zusammen kopfüber im Schlamm. Die Soldaten robbten durch den Dreck in Deckung, bis sie hinter Sandsäcken oder in tiefen Granatenkratern zeitweilig Schutz fanden. Da blieben sie dann liegen, bis die Schüsse weniger wurden und schließlich ganz verstummten.

Über dem Schlachtfeld, das eingehüllt war von Dampf und Rauch, schwebte eine gespenstische Stille. Totenstille.

Langsam ging die Sonne auf. Feuchter Nebel behinderte die Sicht. Franz lag nicht weit von August und mir entfernt. Immer wieder fragten sie sich gegenseitig: »Bist du noch da?«, und jedes Mal waren sie erleichtert, wenn der andere »Ja!« antwortete.

* * *

August und Franz hatten es überlebt. Auch ich kam glimpflich davon. Doch die halbe Kompanie hatte es erwischt. Die meisten Männer waren sofort tot gewesen, von Granaten zerfetzt oder von Kugeln tödlich getroffen. Sie lagen zwischen den Fronten in einem Streifen, der Niemandsland hieß. Die Verletzten starben unter Qualen. Über Stunden hinweg lagen sie mit dem Gesicht in Dreck und Schlamm, vor Schmerzen schreiend, ohne dass ihnen jemand helfen konnte.

»Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es auch uns erwischt«, sagte August und wischte sich den kalten Schweiß aus dem Gesicht, als wir zurück in einem der Reservegräben waren. August lag auf einem harten Lattenrost und versuchte zu schlafen. Es misslang.

August war verzweifelt. Wieder einmal erfasste ihn eine düstere Stimmung. Franz versuchte ihm dann jedes Mal Mut zu machen. Er sagte, dass alles bald vorbei sei, und dass sie das Schlimmste überstanden hätten.

Doch je länger der Krieg dauerte, desto unglaubwürdiger wurden Franz’ Aufmunterungen. Bis auch ihn schließlich die düstere Stimmung erfasste und beide meist nur noch schweigend, jeder mit den eigenen Albträumen beschäftigt, auf dem Lattenrost lagen und die alles durchdringende Feuchtigkeit am Körper spürten.

»Schläfst du, August?«

»Nein, du?«

»An was denkst du?«

»Immer an dasselbe. Und du?«

»Auch.«

Was das war, konnte selbst ich schnell erraten. Beide dachten daran, dass in ein paar Tagen Weihnachten war, und sie lagen hier im Schlamm und fraßen Dreck, während zu Hause die Lieben sehnsüchtig auf sie warteten und sich schreckliche Sorgen machten.

Mit diesen Gedanken dösten sie unruhig ein, bis die Läuse unter der Uniform und das steigende Wasser in den Gräben sie aus dem Schlummer rissen.

»Fröhliche Weihnachten!«, sagte Franz. Er hielt einen kleinen Tannenbaum in der Hand, an dem Kerzen festgemacht waren, und stellte ihn auf die Brustwehr am Schützengraben.

»Hässliche Weihnachten!«, entgegnete August. »Das sind die hässlichsten Weihnachten, die ich je erlebt habe.«

Weihnachten 1914 an der Westfront, im Schützengraben, in Flandern, hätte ich ergänzen können.

Franz zündete die Kerzen an. Andere Soldaten, die ebenfalls kleine Bäume und Zweige brachten, taten es ihm gleich. So versuchten sie sich wenigstens ein bisschen Heimat zu bescheren, ein ganz klein wenig von zu Hause, trotz der widrigen Umstände.

Es gab Zigaretten, Zigarren und Pakete, die ihnen die Familien geschickt hatten. Dicke Socken waren darin und Briefe, Süßigkeiten und Kekse. Für kurze Zeit roch es im Schützengraben nicht mehr ganz so stark nach Dreck und Fäulnis, sondern nach Lebkuchen und Nüssen, Äpfeln und Stollen, Tannennadeln und Weihnachten.

Es wurde ganz still. August, Franz und die anderen starrten in die brennenden Kerzenflammen und waren mit ihren Gedanken da, wo sie die Jahre zuvor immer gewesen waren. In dieser andächtigen Stimmung fing Franz zu singen an, wie er es früher wohl auch getan hatte, zuerst mit zittriger Stimme, dann immer kräftiger. Andere Soldaten fielen ein. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Lied im Schützengraben, bis aus Hunderten von Kehlen über das Schlachtfeld hinweg »Stille Nacht, heilige Nacht« erklang.

Selbst August sang mit. Mancher bekam feuchte Augen. Auch ich war gerührt. Ein so feierlicher Akt inmitten eines so bestialischen Krieges!

Es kam aber noch besser. Das unglaubliche wurde wahr! Kaum waren die letzten Töne verklungen, hörte man von der anderen Seite, wo der Feind, die Engländer, ebenfalls im Dreck vergraben waren und in Schützengräben liegen mussten, »Merry Christmas!«

Jetzt sangen die Engländer. Zuerst leise, dann immer lauter. Sie sangen ebenfalls ein Weihnachtslied. August, Franz und die anderen schauten sich verwundert an. Sie konnten es nicht glauben, aber von drüben, keine fünfzig Meter entfernt, wehte ihnen mit dem kalten Wind das warmherzige »Merry Christmas« entgegen.

Sie lachten, klatschten und riefen den Engländern »Fröhliche Weihnachten!« zu, so laut sie konnten. Schließlich stimmten sie in das Lied ein.

Das gibt’s doch nicht, dachte ich. Engländer und Deutsche, Soldaten, verhasste Feinde, die noch vor ein paar Stunden aufeinander geschossen hatten, sangen jetzt gemeinsam vereint »Merry Christmas«.

Eine Mundharmonika fiel in das Lied ein. Dann sah ich, wie auf der anderen Seite brennende Kerzen auf die Brustwehr gestellt wurden. Dann Christbäume, ebenfalls mit brennenden Kerzen. An den Schützengräben entlang loderte jetzt ein Kerzenmeer, hüben wie drüben.

»August! Schau mal! Das ist doch  …« Franz sagte es mit brüchiger Stimme. »Ein Engländer! Da drüben! Mit einer Taschenlampe!«

»Der leuchtet sich an!«

»Jetzt kann man sein Gesicht erkennen!«

»Der verlässt den Schützengraben!«

»Ist der wahnsinnig?«

Vor Staunen blieb ihnen der Mund offen stehen.

Der traut sich was!, dachte ich. Normalerweise wäre er jetzt schon lange tot, abgeschossen von den Scharfschützen. Das war nicht normal. Dieser englische Soldat lebte und ging ein paar Schritte vorwärts!

»Der kommt auf uns zu«, sagte Franz verwundert. »Mit erhobenen Händen.«

»Ja, und er ruft irgendwas!«, sagte August.

»Was denn?«, wollte Franz wissen.

»Merry Christmas«, sagte August. »We not shoot, you not shoot!«

»Heißt das nicht, dass sie nicht schießen, wenn wir nicht schießen?«, fragte Franz, als wäre ihm die ganze Situation noch immer nicht geheuer.

»Nicht schießen!«, rief August den Schützengraben entlang, so laut er konnte. Dann rief er dem Engländer entgegen: »I wish you the same!«

»Was hast du gesagt?«, fragte Franz.

»Dass ich ihm dasselbe wünsche!«

»Und was?«

»Fröhliche Weihnachten!«

»Der kommt näher!«, rief ein anderer Soldat, ebenso fasziniert wie August und Franz.

»Wo will der denn hin?«, fragte wieder ein anderer.

»Zu uns!«, sagte August.

»Aber wir sind doch der Feind«, erklangen mehrere Stimmen gleichzeitig.

»come over here!«, rief der Engländer auf halbem Weg.

»Was sagt er?«

»Wir sollen rüberkommen«, übersetzte August. »Jetzt bleibt er stehen, am Stacheldraht.«

»come over here!«, rief der Engländer noch einmal.

»Ich gehe«, sagte August.

»Bleib hier! Die knallen dich ab!«

»Quatsch.«

August legte sein Gewehr ab, füllte seine Pickelhaube mit Zigaretten und Tabak und kletterte über die Brustwehr. Er richtete sich auf, nahm den kleinen Tannenbaum mit den brennenden Kerzen in die Hand und stapfte los.

Alle im Schützengraben sahen gespannt zu, was passieren würde. Ich steckte in der Manteltasche und blickte ebenso gespannt heraus. Ich traute meinen Augen nicht. Aber ich schwör’s! August ging auf dem Streifen Niemandsland zwischen der Front geradewegs auf den Engländer zu. Und der Engländer kam auf August zu. Sie stiegen über Drahtverhaue und standen sich jetzt fast gegenüber.

»Merry Christmas!«, rief der Engländer, als sie nur noch ein paar Meter voneinander entfernt waren.

»Fröhliche Weihnachten!«, erwiderte August. »I wish you the same!«

Dann standen sie sich gegenüber und reichten sich die Hand. Der Engländer schien nicht viel älter als August zu sein. Er schmunzelte. August schmunzelte ebenfalls. Und ich wusste nicht, ob ich lachen oder vor Rührung weinen sollte.

»Und ein gutes neues Jahr!«, sagte August.

»Yes, a good year for you!«

Sie lachten und klopften sich auf die Schultern. August griff in seine Pickelhaube und gab dem Engländer Tabak und Zigaretten. Der Engländer griff in seine Manteltasche und steckte August ein paar Dosen Corned Beef zu. In den Schützengräben, hüben wie drüben, wurde plötzlich geklatscht und »Bravo!« gerufen. Überall erklang jetzt »Schöne Weihnachten!« und »Merry Christmas!« von der einen zur anderen Seite.

Die schießen nicht, dachte ich, die klatschen! Verrückt!

»Tom«, sagte der englische Soldat.

»August.«

Sie gaben sich die Hand.

»Stupid war!«

»Right! Blöder Krieg.«

Dann steckten sie sich eine Zigarette an, rauchten gemeinsam und unterhielten sich dabei. August sprach ein paar Brocken Englisch, und der Engländer konnte ein bisschen Deutsch. Plötzlich kamen auch andere Soldaten, Deutsche und Engländer, aus den Schützengräben gekrochen. Sie liefen einander entgegen und gesellten sich zu August und Tom. Auch sie tauschten Zigaretten gegen Dosenfleisch und Lebkuchen gegen Zigarren. Sie brachten Wein mit, stießen an, wünschten sich fröhliche Weihnachten und tranken aus den Flaschen.

Ein englischer Soldat zog eine Pocketkamera aus der Tasche. Alle stellten sich zu einem Foto auf, Arm in Arm, mit ernstem, aber gelöstem Blick.

»Das wird nichts!«, sagte Franz. »Zu dunkel.«

»Für so einen Moment ist es nie zu dunkel«, entgegnete August, und ich wusste genau, was er meinte.

Der englische Soldat knipste, während alle in die Kamera blickten. Es ging jetzt zu wie auf einem Schulhof während der großen Pause. Das muss man sich mal vorstellen. Verfeindete Soldaten standen im Niemandsland in Gruppen beieinander, rauchten und plauderten zwanglos. Unglaublich, aber wahr! Ich habe es mit eigenen Augen gesehen und gehört. Es war am 24. Dezember 1914 in Flandern an der Westfront. Und es blieb nicht bei diesem einen Mal, es wiederholte sich.

Am nächsten Tag erklangen wieder Weihnachtslieder aus Hunderten von Männerkehlen aus den Schützengräben.

»Oh, Come All You Faithful!«, sangen die einen.

»Herbei, oh ihr Gläubigen«, sangen die anderen. Gleichzeitig und mit derselben Melodie. Dann kletterten sie wieder über die Brustwehr, stiegen über Stacheldraht und Sandsäcke und trafen sich im Niemandsland. Erneut wurden Geschenke ausgetauscht. Hartwürste und Bully Beef, Tabak und Konserven. Schals gegen Handschuhe, Plumpudding gegen Dresdner Stollen. Anschließend wurden Adressen ausgetauscht, für die Zeit nach dem Krieg.

»Falls wir ihn überleben«, sagte August.

Sein Gegenüber nickte, als er auf einen kleinen Zettel seinen Namen und den Wohnort notierte. Anschließend kam jemand auf die Idee, die toten Soldaten zu begraben, die seit Wochen achtlos im Dreck zwischen der Front und den gegnerischen Schützengräben lagen. Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen.

Engländer und Deutsche gruben zusammen mit Spaten und Schaufeln Löcher in den gefrorenen Boden. Sie beerdigten die getöteten Kameraden.

Als die Toten unter der Erde waren, erbot sich ein englischer Soldat, den Deutschen die Haare und Bärte zu schneiden. Der Mann war vor dem Krieg Friseur gewesen. Er hatte Schere und Kamm an der Front mit dabei. Die deutschen Soldaten knieten sich vor dem Engländer hin und sahen zu, wie ihre verlausten Haare in kleinen Büscheln durch die Luft schwebten und im mittlerweile gefrorenen Schlamm landeten.

»Keep yer ’ead, or I’ll ’ave yer blinkin’ ear off!«, sagte der flink mit der Schere hantierende Friseur.

»Was meint er?«, fragte Franz.

»Du sollst stillhalten, sonst schneidet er dir das Ohr ab!«

August und der Friseur lachten, aber Franz bewegte sich keinen Millimeter mehr.

»Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich jemals bekommen habe«, sagte Franz, als er mit den Fingern die neue Frisur befühlte.

August lachte wieder. »Das sagst du nur, weil du dich selbst nicht sehen kannst.«

Jetzt lachte auch Franz.

* * *

Als der Tag sich langsam dem Ende zuneigte und alle Geschenke ausgetauscht waren, veranstalteten die Soldaten ein Fußballspiel. Pickelhauben wurden als Torpfosten aufgestellt. Dann ging’s los. Engländer gegen Deutsche. Irgendwie kam es mir aber so vor, als ob es nur eine Mannschaft gab, die hinter einer leeren Konservenbüchse herstürmte. Es war ein heilloses und lustiges Durcheinander. Wo vor ein paar Tagen noch Schüsse gepeitscht hatten, peitschten jetzt Worte durch den Wind.

»Spiel ab, du Trottel!« oder »Tooor!«

Wenn einer auf den Boden fiel, half der andere ihm wieder auf. Ob Engländer oder Deutscher, egal. Es ging nicht um ein Ergebnis. Es ging um ein gemeinschaftliches Spiel.

Am Ende waren alle erschöpft, aber auch gut aufgelegt. Es wurde verabredet, das Spiel am nächsten Tag fortzusetzen.

Dazu kam es leider nicht. Am nächsten Tag waren nämlich die Offiziere und Befehlshaber beider Parteien über die Geschehnisse informiert und unterbanden sogleich die Verbrüderungen. Sie zwangen ihre Männer unter Androhung schwerer Strafen, bis hin zur Todesstrafe, weiterzukämpfen. Keiner konnte den Schützengraben mehr verlassen.

Dann fiel auch schon ein Schuss. Dann ein weiterer. Die zuvor noch friedlich Fußball spielenden Soldaten ballerten wieder wie Verrückte aufeinander und bekämpften sich bedingungslos.

»Scheiß Krieg!«, zischte Franz.

»Stupid war!«, schimpfte August.

Der kurzzeitige Weihnachtsfriede war zu Ende. Die Hoffnung auf die Beendigung des Krieges war wie eine glitzernde, bunte Seifenblase zerplatzt. Das Töten ging so brutal weiter wie eh und je.

* * *

Bei einem der nächsten Angriffe, als Franz und August wieder den Schützengraben verlassen mussten, noch immer mit mir in der Manteltasche, wurde August von einer feindlichen Kugel getroffen. Er stürzte und schleppte sich in einen der Krater, in dem er erschöpft und schwer verletzt liegen blieb.

Franz robbte unter feindlichem Beschuss heran. Er suchte ebenfalls in dem ausgehöhlten Krater Schutz, in dem das Wasser bis zu den Knien stand.

»August, was ist?«

»Mich hat’s erwischt!«

»Verdammt! Hier, halt dich da fest, ich nehme dich auf die Schultern.«

»Lass mal, Franz! Ist gut.«

»Was ist denn?«

»Es ist zu spät. Es ist vorbei.«

»Nein, August!«

»Doch, für mich ist dieser verdammte Krieg zu Ende.« Augusts Worte klangen leise und schwach. »Endlich! Ich habe ihn gleich hinter mir. Gott sei Dank habe ich diesen verdammten Krieg gleich hinter mir.«

»Das darfst du nicht sagen, August!«

»Doch, weil es die Wahrheit ist, auch wenn sie wehtut.«

»August!«

»Pass auf dich auf, Franz, und geh jetzt. Bring dich in Sicherheit. Nicht, dass du auch noch abgeknallt wirst.«

»Ich lass dich hier nicht liegen!«

»Lauf weg, Franz, lauf! Weg von diesem Krieg.«

»Verflucht!«

»Franz?«

»Ja?«

»Kannst du mir einen letzten Gefallen tun?«

»Klar.«

»Hier, in meiner Manteltasche.« August tippte kraftlos auf den verdreckten Stoff. »Siehst du den Nussknacker? Hol ihn heraus.«

Franz griff in die Tasche und hielt mich in der Hand.

»Gib ihn Paul, meinem Bruder. Er ist für ihn. Auch der Brief, der um den Nussknacker gewickelt ist. Versprich es mir.«

»Klar.«

»Geh jetzt!«

»August!«

»Pass auf dich auf!«

»August! Nicht sterben.«

Zu spät. August starb. Unter Qualen und Schmerzen.

Ich verschwand in Franz’ Jackentasche, während ganz in der Nähe wieder Maschinengewehrsalven zu hören waren.

1916 – 1919, Bonn, Deutschland

»August ist tot!«

»NEIN!«

Nachdem eine junge Frau die Wohnungstür geöffnet hatte, schrie sie so laut, dass ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Sie rannte zurück in die Wohnung, die Hände vor den Mund gepresst.

Ich stand mit Franz unschlüssig an der Eingangstür. Als die Frau nicht zurückkam, schob Franz die Tür mit einer seiner Krücken ein Stück weiter auf und humpelte in die Wohnung.

In der Küche saß die junge Frau zusammengekauert auf einem Stuhl und starrte immer auf denselben Punkt an der Wand. Neben ihr stand ein Junge, vielleicht vierzehn, fünfzehn Jahre alt, und weinte leise vor sich hin.

Das muss Paul sein, der da mehr wimmert als weint, dachte ich, und die junge Frau ist bestimmt Sophie. Sie weinte nicht. Sie starrte einfach nur vor sich hin, mit weit aufgerissenen Augen und leerem Blick.

Franz stand eine Weile daneben, seinen Beinstumpf auf der Krücke aufgestützt, wobei er mich noch immer in der Hand hielt. Als weder Paul noch Sophie Anstalten machten, auch nur ein Wort von sich zu geben, sagte er: »Ich bin Franz, ein Freund von August.«

Paul und Sophie schauten ihn an, als hätten sie ihn erst jetzt bemerkt. Dann sahen beide zu mir.

»Für dich!«, sagte Franz und reichte mich Paul. Paul sah mich ungläubig an. Dann Franz, dann Sophie.

»Nimm schon. Den soll ich dir von August geben. Den Zettel um den Bauch des Nussknackers auch. Du sollst ihn alleine lesen.«

Paul betrachtete mich nachdenklich, als wollte er herausfinden, was er da in der Hand hielt. Mein Körper war vom Frost, der Nässe und dem Schlamm noch mehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Farbe an meinem Kopf und am Körper war fast abgeblättert. Es war kaum mehr etwas von mir zu erkennen. Ich schien tatsächlich durch diese scheußliche Zeit im Schützengraben zu einem gesichtslosen Stück Holz geworden zu sein.

»Ich geh dann mal wieder«, sagte Franz in die Stille hinein, die entstanden war, und verließ die Küche. Kaum war er im Flur angekommen, humpelte er noch einmal zurück und sagte: »Tut mir leid.«

Sophie starrte wieder teilnahmslos vor sich hin, und Paul weinte wieder leise.

Lieber Paul,

wenn du diese Zeilen liest, schau ich die Radieschen bereits von unten an. Obwohl es hier alles andere gibt als Radieschen, nämlich Dreck, Todesangst, Läuse, Ratten, Stacheldraht, Flöhe, Granaten, Minen, Schlamm, Blut, unendlich viele Leichen und keine Hoffnung. Das ist die Hölle hier, Paul, die reine Hölle, wenn es sie denn gibt. Ein Teufelswerk. Das ist der wahre Krieg! Ich weiß, dass auch du mit dem Gedanken spielst, dich freiwillig zu melden. Paul, lass es! Ich bitte dich, mach nicht den Fehler, den ich gemacht habe. Das war das Grauenvollste, was ich in meinem kurzen Leben durchstehen musste. Es gibt Erfahrungen, auf die kann man gut und gerne verzichten. Krieg ist so eine Erfahrung. Es ist die Hölle. ›Gegen den Feind, für das eigene Blut‹, wie es immer so schön heißt! Schwachsinn! ›Heldentod!‹ – Schwachsinn! ›Kämpfen fürs Vaterland‹ – Schwachsinn! Was ist das für ein Vaterland, das Millionen Menschen in den Krieg schickt und in den Schützengräben an der Front verrecken lässt?! Warum gibt es überhaupt Krieg? Ich weiß es nicht. Offenbar muss er irgendjemandem nützen. Ich habe aber keinen getroffen. Keinen Einzigen. Paul, glaub es mir: Es lohnt sich nicht. Es lohnt sich nicht, in den Krieg zu ziehen und sich abschlachten zu lassen für – ja, wofür eigentlich? Das Leben ist zu kostbar, um es in einem sinnlosen Krieg zu opfern, und jeder Krieg ist sinnlos. Das Leben ist viel zu schön, zu aufregend, um es in einem dreckigen Schützengraben zu beenden, elendiglich wie ein Tier zu krepieren. Das habe ich leider erst hier schmerzlich erfahren müssen. Zu spät, wie du jetzt siehst. Aber für dich, Paul, ist es nicht zu spät. Du hast dein Leben noch vor dir, und dieser Krieg will es dir rauben, wie man Verhungernden den letzten Brotkrumen raubt. Vergiss das nicht. Dieser Nussknacker, den mir der Himmel geschickt hat, schicke ich dir jetzt. Damit du immer daran denkst – nicht an mich, Paul, sondern an das, was ich dir hier schreibe. Das ist vielleicht der einzige absurde Sinn dieses verdammten Krieges – wenn man überhaupt von Sinn sprechen kann –, dass du daran denkst und nicht so unvernünftig und gedankenlos bist, wie ich es war. Wer etwas anderes behauptet, wer von Ehre, Stolz auf das Vaterland und Verteidigung bis zum letzten Blutstropfen schwadroniert, der lügt! Glaub mir, Paul!

Es ist saukalt hier, ich friere und zittre am ganzen Körper. Meine Kleider sind bis auf die Haut durchnässt. Ich liege im Schlamm, und Läuse feiern auf meinem Kopf jetzt schon meine bevorstehende Beerdigung. Ratten warten sehnsüchtig darauf, dass ich ins Gras beiße. Wenn du das liest, haben sie mich schon unter sich aufgeteilt. Ich vermute mal, selbst denen schmeckt ein so zugerichteter Körper nicht. Paul, es ist furchtbar hier. Ich bin erschöpft vom Töten, todesmüde und todmüde zugleich. Meine Finger können kaum mehr den Stift halten.

Grüß Sophie von mir, umarme sie und sag ihr nichts von dem, was hier steht. Das würde ihre Trauer nur schlimmer machen. Aber ihr müsst jetzt stark sein, auch wenn es schwerfällt. Das Leben geht weiter, für dich und für Sophie. Ich bitte dich, Paul, denk immer daran, was hier steht. Solltest du dennoch ins Wanken geraten, nimm den Nussknacker und schau ihn dir an. Er hat alles gesehen. Wenn du ihm zuhören kannst, kann er es dir immer wieder erzählen, bis du es nie mehr vergisst. Leb wohl, Paul, und pass auf dich auf. Und auf Sophie.

Dein dich über alles liebender August

In Pauls Zimmer hingen Papierbögen aus Augusts Block an der Wand. Es waren die Zeichnungen und die eng beschriebenen Seiten. Aber auch andere, großformatige bunte Bilder waren auf Holzrahmen gespannt und an die Wand gelehnt. Das also waren die Bilder, von denen August immer sprach. Er hatte recht. Das war einmalig. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Es sah aus wie eine mit kräftigen Farben und einfachen Formen ausgedrückte Gefühlswelt, der man sich nicht entziehen konnte. Oft stand Paul lange vor den Gemälden und blickte beeindruckt darauf.

»Ist das nicht faszinierend?«, fragte er. Da niemand außer mir im Zimmer war, konnte die Frage nur an mich gerichtet sein. Noch ehe ich antworten konnte, ergänzte er: »Das möchte ich auch können!«

Paul begann ebenfalls zu malen. Er stand Tag und Nacht im Atelier seines verstorbenen Bruders und bemalte in rasender Geschwindigkeit Leinwände und Papierbögen. Er malte so, wie August malte. Oder besser, er versuchte so zu malen. Er warf die Farbe mit breiten Pinseln geradezu auf die Leinwand. Er malte bunte Landschaften oder Leute, die in Gruppen unter Bäumen spazierten. Oder Selbstporträts mit roten Gesichtern, schlafend auf Liegestühlen ausgestreckt. Alles mit dicken Strichen und in kräftigen Farben – rot, blau, grün, gelb –, die oft aussahen wie offene Wunden und den Anschein erweckten, auslaufen zu wollen. Raus aus dem Bild und hinein ins Leben. Ich fand, dass die Bilder ganz gut aussahen. Vielleicht nicht ganz so großartig wie die von August, aber ähnlich interessant. Paul fand das nicht.

»Verflucht!«

Er schrie es immer öfter und warf die Leinwände um. Er zerbrach Pinsel und zerstörte bereits gemalte Bilder. Er überpinselte immer wieder die Leinwände, sodass auf einem Bild immer mehrere Landschaften und Selbstporträts waren.

»Schau nicht so blöd!«, fuhr er mich an. Auch ich wurde von seinem Zorn nicht verschont. »Du glaubst wohl auch, ich sei zu allem unfähig, was?«

Nein, dachte ich. Nein, ich glaube gar nichts.

»Ich bin noch zu ganz anderen Dingen imstande«, sagte Paul trotzig und machte sich daran, die Leinwände erneut zu übermalen. Er malte aber keine Landschaften mehr, wie August sie gemalt hatte. Jetzt malte er mich. In einem Stil, den ich noch nie gesehen hatte. Er malte mich hässlich. Noch hässlicher, als ich mich ohnehin schon fühlte. Ich sah völlig zersplittert aus. Zusammengesetzt aus unterschiedlichen Perspektiven, von oben, unten, links, rechts, in einem einzigen Bild verwoben. So hatte ich mich noch nie gesehen. Und ehrlich gesagt, wollte ich mich so auch nicht sehen. Ich wusste auch gar nicht, was Paul damit erreichen wollte. Vielleicht musste er mich so malen, wie er zuvor so malen musste wie August. Vielleicht war das die einzige Möglichkeit, die Trauer um seinen Bruder zu verarbeiten. Und vielleicht war ich, so wie er mich malte, die einzige Möglichkeit, seine Wut über sein Misslingen auszudrücken.

Na, dann mal schön weiter, dachte ich, wenn’s hilft.

* * *

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