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Der Nobelpreis

Andreas Eschbach

DER NOBELPREIS

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

VORBEMERKUNG

Es gehört zu den Besonderheiten der schwedischen Gesellschaft, dass jeder jeden duzt. Das förmliche »Sie« wird nur noch gegenüber Mitgliedern der königlichen Familie verwendet.

Ich war mir dessen bewusst, hielt es aber für falsch, in einem auf Deutsch geschriebenen Roman, der in Schweden spielt, dieses Detail der Umgangsformen eins zu eins zu übertragen. Würde man das tun, würde etwas, das ein Schwede als normal empfindet, auf den deutschen Leser irritierend wirken und auf diese Weise ein falscher Eindruck entstehen. Denn auch wenn es für einen Schweden üblich ist, fremde Leute mit Vornamen und »du« anzureden, gibt es natürlich trotzdem verschiedene Grade der Nähe zu anderen Personen – Grade, die sich im Schwedischen nicht in der Anrede ausdrücken, im Deutschen dagegen sehr wohl. Deshalb habe ich die bei uns gewohnten Anredeformen verwendet.

KAPITEL 1

Das bestgehütete Geheimnis Schwedens, sagt man, sei das Menü des Nobelbanketts.

Entwickelt wird es jedes Jahr in einer umständlichen, sich über Monate hinziehenden Prozedur von der Förening Årets Kock, jener Gesellschaft, die auch den schwedischen Koch des Jahres kürt. Nach zahlreichen Probeläufen und Konferenzen findet im Oktober schließlich ein mehrstündiges Testessen mit sechs Vertretern der Nobelstiftung statt, in dessen Verlauf vier Menüvorschläge getestet werden. Diese Kommission ist es, die die endgültige Entscheidung trifft – und schweigt. Das Einzige, was immer feststeht, ist, dass es zum Nachtisch Eis gibt. Doch bis zum Abend des 10. Dezember erfährt niemand außerhalb dieses kleinen Kreises Eingeweihter, welche Sorte.

Das Nobelmenü des vergangenen Jahres kann man, wenn man will, das ganze Jahr über im Rathauskeller bestellen, und es ist mit umgerechnet etwa hundertdreißig Euro pro Person für schwedische Verhältnisse nicht einmal übertrieben kostspielig. Für etwas mehr als das Fünffache dessen kann man ein Gedeck des eigens für das Nobelbankett entwickelten Service erstehen, bei dem – abgesehen vom Weiß des Porzellans – Gold und ein kräftiges Grün dominieren. Das sechsteilige Besteck ist teilweise vergoldet, das Fischmesser hat ein verspieltes grünes Auge, und vier Gläser mit vergoldetem Stiel gehören ebenfalls ins Set.

Doch kein Geld der Welt bringt einen näher an das Eigentliche heran: das wirkliche, wahrhaftige Nobelbankett, die exklusivste Tafel, die vorstellbar ist. Nur Genie oder Glück, am besten aber beides, können einem dazu verhelfen, zugegen zu sein, wenn geehrt wird, was nach Auffassung einer Institution, die in den über hundert Jahren ihrer Existenz zum Mythos geworden ist, die größten intellektuellen und wissenschaftlichen Leistungen der Menschheit sind.

Am Abend der Abende, nach Beendigung der Preisverleihung im Konzerthaus am Hötorget, ist die Zufahrt zum Stadshuset, dem 1923 erbauten gewaltigen Rathaus am Mälarsee, von Fackeln erleuchtet. Die Preisträger fahren in Limousinen vor, viele der anderen geladenen Gäste ebenfalls, aber nicht wenige kommen auch zu Fuß. Königlicher Glanz liegt über der Szenerie. Man wird mit Handkuss begrüßt, mit Verbeugungen und Knicksen, und selbst hartgesottene Republikaner fühlen sich durch das uralte höfische Zeremoniell gerührt. Während die Nobelpreisträger und andere Ehrengäste in der Prinzengalerie von den Mitgliedern der königlichen Familie, die das Stadthaus über einen eigenen Seiteneingang betreten haben, begrüßt werden, warten die übrigen Gäste im Foyer, bis sie um 18 Uhr 30 Platz nehmen dürfen an den gedeckten Tischen im Blauen Saal, der in Wirklichkeit überhaupt nicht blau ist. Seine hohen, von Zierglasfenstern durchbrochenen Wände aus Ziegelsteinen in verschiedenen warmen Rottönen, die scheinbar leicht auf den Pfeilern eines umlaufenden Säulengangs ruhen, verraten, dass der Architekt des Stadshuset von der venezianischen Architektur beeinflusst war; hätte der Raum kein Dach, er wäre eine wundervolle Piazza. Geplant war, die handgefertigten Backsteine mit polierten blauen Ziegeln abzudecken, doch der Architekt verwarf diese Idee während des Baus. Trotzdem hat sich der Name der Halle gehalten.

Um 19 Uhr öffnet sich die große dunkle Tür oben am Ende der Galerie aus Granit. Von hier aus geht es fünfzig Schritte auf der Balustrade über den Doppelsäulen bis zur marmornen Treppe, die in die Halle hinabführt. Fanfaren ertönen, die Orgel unter dem Dach erklingt, mit zehntausend Pfeifen und 138 Registern eine der größten Skandinaviens, und der schwedische König schreitet voran, eine Nobelpreisträgerin geleitend, falls eine Frau unter den Preisträgern ist, ansonsten traditionell die Gattin des Physiknobelpreisträgers an seiner Seite. Sie bilden die Spitze dieser Prozession der Erlauchten, die die Treppe hinabsteigen zu den gewöhnlichen Sterblichen, zu Verwandten und Freunden der Preisträger und zur Jugend, die jedes Jahr durch etwa 250 Studenten aller schwedischen Universitäten repräsentiert wird. Diese haben über ein Losverfahren das Anrecht erworben, umgerechnet hundert Euro für ihr Ticket zu bezahlen und mit den schlechtesten Plätzen, denen unterhalb der Arkaden, vorlieb zu nehmen. Sie tragen elegante Anzüge oder Kleider, weiße Kappen und Schärpen in gelb-blau, den Farben Schwedens.

Die königliche Familie, die Nobelpreisträger und die übrigen Ehrengäste nehmen am Ehrentisch Platz, der in der Mitte steht, quer zu den anderen, und etwas breiter und großzügiger gedeckt ist als diese. Rund 90 Gäste sitzen hier – neben den Mitgliedern der königlichen Familie die Preisträger, Vertreter der Regierung und der Nobelstiftung – und genießen eine Platzbreite von 70 Zentimetern, während an den anderen Tischen nur 60 Zentimeter vorgesehen sind, weil ansonsten die zwischen 1300 und 1400 Gäste nicht unterzubringen wären. Es mag das erlauchteste Bankett der Welt sein, das behaglichste ist es ganz sicher nicht.

Da der Blaue Saal nicht symmetrisch ist, sondern sich zu einer Seite hin verjüngt, können die Tische nicht so parallel zueinander stehen, wie sie sollten, und da auch die Prachttreppe nicht exakt in die Mitte des Raumes führt, ist das Aufstellen der Tische und Stühle ein kompliziertes Puzzle. Eine Mitarbeiterin der Nobelstiftung war in den vergangenen Wochen mit nichts anderem beschäftigt als damit, die Sitzordnung auszutüfteln, was sich bei weitem nicht darauf beschränkt, neben jeden Herrn eine Dame zu setzen. Jeder geladene Gast durfte auf einem eigens dafür vorgesehenen Formular Wünsche hinsichtlich seiner Platzierung äußern, etwa was die Nähe zu König und Königin oder zu Kollegen anbelangt, und all diesen Anliegen wurde im Rahmen des Machbaren Rechnung getragen.

Die Tische sind prachtvoll geschmückt. Tischschmuck hat eine jahrhundertelange Tradition in Schweden – die entsprechende Abteilung im zweiten Stock des Nordiska Museet gilt als eine der großen Sehenswürdigkeiten Stockholms –, und da das Schwedische Fernsehen ausführlich vom Bankett berichtet, wird die Dekoration in den kommenden Wochen öffentliches Gesprächsthema sein und in vielen Familien zu Weihnachten stilbildend wirken.

Nun ist auch das Geheimnis des Menüs enthüllt. In schlichten Buchstaben steht es auf den Karten gedruckt, die an allen Plätzen ausliegen, geziert von nichts anderem als dem Profil Alfred Nobels in Gold. Trotzdem können die wenigsten Teilnehmer des Banketts etwas mit dem anfangen, was sie da lesen, denn obgleich vornehm auf alle Akzente verzichtet wurde, ist es Französisch, und zwar jenes Französisch der gehobenen Küche, das zu einer eigenen Literaturform geworden ist, einer Literatur der Speisekarten, die versuchen, Gedichte zu sein, und bei deren Lektüre auch gebürtige Franzosen nicht selten Ratlosigkeit befällt.

Die meisten begnügen sich damit zu lesen, dass der Sekt, der ihnen in der ersten Amtshandlung der 210 Kellner kredenzt wurde, ein 1992er Dom Perignon Vintage war, und beschließen, sich im Übrigen einfach überraschen zu lassen. Andere, mit mehr Ehrgeiz, Weltläufigkeit und Französischkenntnissen ausgestattet, enträtseln, dass es als Vorspeise Ziegenkäsetörtchen mit einer Garnitur von roter Beete sowie Jakobsmuscheln und Langoustinen in Trüffelvinaigrette geben wird. Zum Hauptgang folgt Hirschfilet an Zimtsoße mit gegrilltem Herbstgemüse und einem Chutney von Preiselbeeren, dazu Kartoffeln. Das Dessert, Glace Nobel betitelt, als handle es sich um ein Markenzeichen, besteht dieses Jahr aus einem Birnendélice auf Schokoladen-Vanille-Creme nach bayerischer Art, begleitet von Champagner-Birnen-Sorbet.

Aus unerfindlichen Gründen befindet sich die Küche im sechsten Stock. Das Essen wird mit behäbigen Lastenaufzügen nach unten geschickt, im Goldenen Saal auf Teller aufgegeben und von der Schar Weißbejackter, die sich in den ungefähr vier Stunden, die das Bankett dauert, mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von zehn Stundenkilometern bewegen, in unablässigem Einsatz über die große Treppe hinab in den Blauen Saal gebracht. 140 Kellner sind für die Speisen zuständig, 50 für den Wein, 10 stellen die Reserve dar, sind aber dennoch ebenfalls unablässig beschäftigt, und 10 weitere kümmern sich um die Erfüllung besonderer Wünsche. Vegetarier und Allergiker bekommen abweichend vom offiziellen Menü ein eigens für sie zubereitetes Essen. Die Organisatoren haben alles Nötige vorab in Erfahrung gebracht, und egal ob fleischlos, glutenfrei oder koscher, es ist nichts unmöglich.

Vor dem Dessert gibt es eine etwa zwanzigminütige musikalische Darbietung, wobei die Treppe als Bühne fungiert, die zu diesem Zweck meist blau beleuchtet wird, wohl um der Namensgebung des Saals doch noch einen Sinn zu verleihen. Mit dem Verebben des anschließenden Applauses senkt sich Dunkelheit über den Saal. Jeder weiß, was nun folgt: Das Glace Nobel wird serviert.

Eine Prozession von Kellnern, die so schnell einherschreiten, wie es sich mit der Erfordernis, feierlich zu wirken, gerade noch vereinbaren lässt, kommt mit von Funken sprühenden Wunderkerzen illuminierte Eiscreme die Treppe herunter. In Windeseile werden die Teller verteilt, die Kellner verschwinden im Dunkel und sind kurz darauf auf geheimnisvolle Weise erneut Bestandteil der Prozession. Es ist eine Zeremonie, die lachhaft wirken würde, wenn sie nicht so herzergreifend schön wäre.

Gegen Ende des Nobelbanketts schlägt noch einmal die Stunde der Preisträger. Sie treten der Reihe nach an ein kleines dunkles Pult in einer Nische neben der Treppe, schlichte elf Stufen über dem Boden der Halle, und sprechen Worte des Dankes, manche mit bebender Stimme, die meisten bescheiden, immer aber der Forderung eingedenk, ein Zeitlimit von drei Minuten nicht zu überschreiten. Es ist eine der segensreichsten protokollarischen Begrenzungen, denn nach diesem Tag, nach diesem Abendessen mit Champagner und schwerem Wein wäre niemand mehr imstande, langen und womöglich tief schürfenden Reden in fremden Sprachen oder dialektgefärbtem Englisch zu folgen.

Schließlich endet das Bankett. Da ein ungeschriebenes Gesetz fordert, dass niemand vor dem König den Saal verlässt, ist es an ihm, das Signal dazu zu geben. Freilich erhebt sich König Carl XVI. Gustaf nicht nach Belieben von seinem Stuhl, sondern genau zu dem Zeitpunkt, den das sorgsam ausgearbeitete Protokoll dafür vorsieht. Im Goldenen Saal muss der letzte Anrichtetisch verschwunden sein und das Tanzorchester bereitstehen, wenn das Bankett endet. Sobald die königliche Familie, die Preisträger, die Professoren und Studenten und all die übrigen Gäste aufstehen und die Treppen hochsteigen, erklingt bereits Musik, auch diesmal, wie jedes Jahr, als Erstes ein Wiener Walzer.

Gegen ein Uhr endet auch der Tanz im Goldenen Saal. Die königliche Familie, die noch einmal in der Prinzengalerie Hof gehalten und ihre Gespräche mit den Preisträgern abgerundet hat, zieht sich zurück, und die Gäste entschwinden in die Winternacht. Doch die ist deswegen keineswegs schon zu Ende. Kein Preisträger, der nicht zu mindestens einer der vielen Feiern, die die Stockholmer Studentenverbindungen ausrichten, eingeladen wäre. Die Chauffeure der VOLVO-Pullman-Limousinen, die den Laureaten für die Zeit ihres Aufenthalts in Stockholm zur Verfügung stehen, kennen die Wege, und ohnehin wird jeder Laureat von einem ganzen Tross von Studenten begleitet und betreut, jungen Leuten mit leuchtenden Augen, für die sie Idole sind, so etwas wie die Popstars der wissenschaftlichen Welt.

Auch Mitglieder des Nobelkomitees findet man auf diesen Festen. Eine ganz eigentümliche Heiterkeit geht von ihnen aus. Wieder einmal ist es vollbracht, wieder einmal ist alles gut über die Bühne gegangen. Ihre Entspannung scheint tiefer zu reichen als die aller anderen. Vielleicht, weil sie sich bewusst sind, dass ihnen im Grunde nur diese eine Nacht Pause vergönnt ist. Bereits am nächsten Morgen geht die nie endende Arbeit weiter: Es gilt, die Preisträger des kommenden Jahres ausfindig zu machen.

Diesmal jedoch ging etwas schief.

KAPITEL 2

Der Nobelpreis kennt nur Sieger. Nicht einmal zweite und dritte Plätze werden vergeben, von weiteren Rängen ganz zu schweigen. Die Öffentlichkeit erfährt nie, wer nominiert war oder wie die Abstimmungen verlaufen sind – nur, wer gewonnen hat. Alle Entscheidungen sind unwiderruflich, und sie können nicht angefochten werden.

Die Aufgabe, die Preisträger zu küren, fällt den Nobelkomitees zu, von denen es für jede Preiskategorie eines gibt. Alfred Nobel hat die dafür zuständigen Einrichtungen in seinem Testament unmissverständlich benannt – interessanterweise, ohne sie vorher zu fragen. Nach Nobels Tod am 10. Dezember 1896 vergingen einige Jahre, ehe alle Institutionen bereit und imstande waren, die ihnen zugedachten Aufgaben zu übernehmen, sodass erst 1901 die Nobelpreise zum ersten Mal verliehen wurden: an den Deutschen Wilhelm Conrad Röntgen für die Entdeckung der von ihm noch so genannten »X-Strahlen«, an den Niederländer Jacobus van’t Hoff für die Bestimmung der Gesetzmäßigkeiten des osmotischen Drucks, an den Deutschen Emil Adolph von Behring für seine Arbeiten über Serumtherapie und an den französischen Dichter Sully Prudhomme. Der erste Friedensnobelpreis ging je zur Hälfte an den Franzosen Frédéric Passy und an den Schweizer Jean Henri Dunant, den Begründer des Roten Kreuzes.

Seither werden die Preise in Physik und Chemie von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften zuerkannt, für die Auswahl des Preisträgers in Medizin oder Physiologie ist das Karolinska-Institut in Stockholm zuständig, der Nobelpreis für Literatur ist Angelegenheit der Schwedischen Akademie, und der Friedensnobelpreis schließlich wird von einem vom Storting, dem norwegischen Parlament, gewählten Komitee vergeben. Im Jahre 1968 stiftete die Schwedische Reichsbank im Andenken an Alfred Nobel einen Preis für Wirtschaftswissenschaften, der seither umstritten ist und dessen Abschaffung immer wieder gefordert wird, weil er eben kein »richtiger« Nobelpreis sei.

Die Regeln, wer überhaupt Kandidaten nominieren darf, unterscheiden sich je nach Preis. Die beiden Grundregeln, die immer gelten, sind folgende: Erstens, niemand darf sich selbst vorschlagen. Zweitens, sowohl die Mitglieder der Komitees als auch ehemalige Nobelpreisträger dürfen Vorschläge machen. Darüber hinaus pflegt jedes Nobelkomitee ein weltumspannendes Netzwerk von Kontakten zu wichtigen Institutionen des Fachgebiets. Dieser Kreis umfasst jeweils mehrere tausend Personen, an die alljährlich ein Rundschreiben verschickt wird mit der Bitte, Kandidaten für den Nobelpreis zu benennen. Alle Nominierungen, die für die Preisvergabe des laufenden Jahres in Betracht gezogen werden sollen, müssen dabei zwingend vor dem ersten Februar bei dem betreffenden Nobel-Komitee eingegangen sein.

Vom ersten Februar an machen sich die Nobel-Komitees an die Bewertung der Nominierungen. Hierbei sind inzwischen jeweils eigens gegründete Nobel-Institute behilflich, da es heutzutage die Möglichkeiten eines fünfköpfigen Komitees bei weitem überstiege, auch nur die wichtigste Fachliteratur zu sichten, geschweige denn, die Arbeiten zu bewerten, die die Vorgeschlagenen geleistet haben.

Doch das Nobel-Komitee bereitet die Entscheidung nur vor, es trifft sie nicht. Es ist die Nobelversammlung, die letzten Endes den Preis vergibt, und Aufgabe des Komitees ist es, ihr bis zu ihrem Zusammentreten Anfang Oktober eine Liste von Vorschlägen vorzulegen, über die abgestimmt wird. In der Praxis sind diese Empfehlungen meist vorentscheidend, aber die Versammlung ist nicht gebunden, sondern kann theoretisch auch jemanden wählen, der nicht vom Komitee vorgeschlagen wurde. So verwarf die aus den etwa 50 Professoren des Karolinska-Instituts bestehende Nobelversammlung 1979 den damaligen Vorschlag des Komitees, von dem man nur weiß, dass er auf biomedizinische Grundlagenforschung ausgerichtet war, und erkannte den Nobelpreis stattdessen den Erfindern der Computertomographie zu.

Unmittelbar nach dieser Abstimmung erfolgt der berühmte Anruf bei dem oder den Betreffenden, und in einer Pressekonferenz im Anschluss daran wird der künftige Nobelpreisträger bekannt gegeben. Der Preis darf, so hat es Alfred Nobel verfügt, auf maximal drei Gewinner verteilt werden. Mit Ausnahme des Friedensnobelpreises, der auch an Institutionen und Gruppen gehen kann, kommen für Nobelpreise nur Einzelpersonen in Frage, die zudem zum Zeitpunkt der Wahl noch am Leben sein müssen. Einzig wer nach der Wahl und Bekanntgabe im Oktober, aber vor der Verleihung im Dezember stirbt, erhält den Nobelpreis posthum. Der letzte derartige Fall ereignete sich 1996, als William Spencer Vickrey kurz nach der Bekanntmachung, dass er mit dem Preis in Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet worden war, einem Herzleiden erlag.

Der Nobelpreis ist mit einem Preisgeld von heutzutage etwa einer Million Euro einer der am höchsten dotierten Preise der Welt. Und er ist es schon immer gewesen. Zwar war die Summe in den ersten Jahren des Nobelpreises, vor den großen Inflationen und Weltkriegen, nominell geringer, entsprach damals aber dem Gehalt eines Hochschulprofessors für fünfundzwanzig Jahre und stellte damit einen womöglich noch höheren Wert dar als heute. Nobels Vorstellung war es – deshalb auch seine für die damalige Zeit revolutionäre Ausrichtung des Preises auf Einzelpersonen –, junge, vielversprechende Forscher und Künstler zu fördern und unabhängig von materiellen Beschränkungen zu machen.

In der Praxis sind es aber in der Mehrzahl ältere Männer, die für lange zurückliegende Entdeckungen oder Werke ausgezeichnet werden. Seit Jahrzehnten liegt das Durchschnittsalter der Nobelpreisträger bei 62 Jahren, der Anteil der Frauen bei vier Prozent. Doch trotz aller Kritik und Anfeindungen ist der Nobelpreis nach wie vor – vielleicht sogar mehr denn je – die begehrteste Auszeichnung der Welt. Er ist eine Institution. Er muss sich nicht erklären, nicht rechtfertigen, ist niemandem Rechenschaft schuldig. Es gibt vielerlei Preise für vielerlei Leistungen, sogar einige besser dotierte, doch neben dem Nobelpreis verblassen sie alle.

Viele Entscheidungen der Nobelkomitees sind kritisiert worden, nicht wenige haben sich als Missgriffe herausgestellt, aber es sind immer unabhängige Entscheidungen gewesen. Soweit man weiß, haben weder offizieller noch diplomatischer Druck jemals Einfluss auf eine Preisentscheidung gehabt. Die Nobelinstitutionen legen Wert auf die Feststellung, auch von eventueller Lobbyarbeit interessierter Kreise unberührt zu bleiben.

Allen ist klar, dass es das Ende dieser Institution bedeuten würde, käme es jemals zu einem gekauften Nobelpreis.

Genauer gesagt: Wenn es dazu käme – und es bekannt würde.

In dem Jahr, in dem etwas schief ging, geschah es, dass Anfang Oktober eine McDonnell-Douglas 87 der SAS, die auf dem Mailänder Flughafen Linate gerade Anlauf für den Takeoff nahm, in einen Cessna-Business-Jet raste, der sich in dem an diesem Morgen herrschenden starken Nebel auf die Runway verirrt hatte. Das Passagierflugzeug rammte einen Gepäckhangar, zerbrach in zwei Teile und ging, voll betankt für einen Flug nach Kopenhagen, augenblicklich in Flammen auf. Keiner der 104 Passagiere, von denen 56 italienische Staatsangehörige waren, überlebte, ebenso wenig wie die sechs Mitglieder der Crew oder die vier Personen an Bord der Cessna.

Bei den Untersuchungen stellte sich heraus, dass das Bodenradarsystem des Flughafens seit Tagen wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb gewesen war. Die Kommunikation zwischen dem Tower und der Cessna war entgegen internationaler Standards, die den ausschließlichen Gebrauch der englischen Sprache vorschreiben, zum Teil auf Italienisch erfolgt, zudem hatte der Tower sich die Anweisungen vom Piloten der Cessna nicht rückbestätigen lassen. Eine Vielzahl von Fehlern, die allesamt vermeidbar gewesen wären, hatte zu einem tragischen Unglück geführt.

Über die Diskussion um die mangelhaften Sicherheitsmaßnahmen des Mailänder Flughafens und das ganze Zuständigkeitsdurcheinander der italienischen Flugaufsicht insgesamt wurde nie bekannt, dass unter den schwedischen Todesopfern drei Professoren des Stockholmer Karolinska-Instituts gewesen waren. Mit anderen Worten, drei Mitglieder des Komitees, das wenige Tage später über die Vergabe des Medizin-Nobelpreises zu entscheiden hatte.

KAPITEL 3

Die meisten Ärzte fühlen sich in Kirchen unwohl, insbesondere, wenn eine Trauerfeier der Anlass ihres Aufenthalts darin ist. Das Sinnen und Trachten der Medizin ist auf Verbesserung des Lebens gerichtet oder zumindest auf seine Verlängerung, und wer sich diesem Kampf einmal verschrieben hat, sieht sich ungern mit der Tatsache konfrontiert, dass trotz aller Anstrengungen, Siege und Errungenschaften am Ende des Lebens dennoch unweigerlich der Tod steht, wie eh und je und ohne Aussicht auf Änderung.

In diesem Fall war der Tod früh, unerwartet und mit grausamer Plötzlichkeit gekommen, und er hatte zudem drei herausragende medizinische Forscher getroffen – eine zusätzliche Gemeinheit. Weil die italienischen Behörden die Leichname der drei Professoren noch nicht herauszugeben gewillt waren – es wurde gemunkelt, sie seien noch nicht einmal vollständig aus den Wrackteilen geborgen –, standen nur Fotos vorne beim Altar, in dezentem Chrom gerahmt und mit schwarzem Flor versehen, großformatige Schwarzweißabzüge der offiziellen Porträts, die die Pressestelle des Karolinska-Instituts von allen führenden Mitarbeitern zum Zwecke der Veröffentlichung bereithielt. Würdig sahen sie aus, alle drei. Ihre Witwen saßen in der ersten Reihe, eine in Tränen aufgelöst, die beiden anderen noch im Schock.

Die Bänke dahinter waren für die übrigen Professoren des Instituts reserviert, hinter diesen wiederum drängten sich Assistenten, Doktoranden, Laborhelfer, Sekretärinnen, Verwaltungsangestellte und schließlich zahlreiche Studenten, soweit der Platz in der Kirche dafür ausreichte.

In der Mitte der vierten Bankreihe saß Professor Hans-Olof Andersson, ein Pharmakologe, der seit nunmehr neunzehn Jahren dem Institut angehörte. Er würde später gestehen, von der Ansprache des Pfarrers nicht das Geringste mitbekommen zu haben. Er hatte stattdessen immer wieder verstohlen auf seine Armbanduhr gesehen und sich gefragt, ob vielleicht etwas mit ihr nicht in Ordnung war; die Zeit konnte doch unmöglich so langsam vergehen.

Während der Pfarrer fortfuhr zu erzählen, was für wunderbare Menschen die drei Verstorbenen gewesen waren, und alle mit ernster Miene lauschten, waren die Gedanken von Hans-Olof Andersson schon bei dem, was danach kommen würde. Er würde den Witwen die Hände schütteln und sein Beileid aussprechen müssen, und ihm graute vor diesem Moment. Aber es führte kein Weg daran vorbei. Die drei Toten waren Kollegen gewesen, man kannte einander von Feiern, Empfängen und anderen Anlässen. Mehr noch, eine der Frauen hatte sich ebenso rührend wie unerwartet um seine Tochter Kristina gekümmert, als vor vier Jahren Hans-Olofs Frau Inga bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war.

Eine Schuld. Und er hatte keine Ahnung, wie er sie abtragen sollte, jetzt, wo es möglich und nötig gewesen wäre. Er wusste nicht einmal, was er sagen sollte. Es war alles so plötzlich gekommen. Alles kam immer so plötzlich.

Hans-Olof erklärte später, er habe sogar regelrecht so etwas wie Ärger auf die Verstorbenen verspürt. Was hatten die drei eigentlich in Italien zu suchen gehabt? Mitglieder der Nobelversammlung hatten Anfang Oktober in Stockholm wahrhaftig genug zu tun und auf alle Fälle Wichtigeres!

Er erzählte auch, er habe sich, wie einer inneren Stimme folgend, in genau dem Moment umgedreht, in dem ihn jemand direkt ansah. Bei diesem Jemand handelte es sich um Bosse Nordin, der drei Reihen weiter hinten auf einem Platz ganz außen unter den Glasfenstern saß und in eine flüsternde Unterhaltung mit einem Mann vertieft war, den Hans-Olof nicht kannte. Hans-Olof hatte den Eindruck, dass die beiden ihn angesehen, aber den Blick in genau dem Moment abgewendet hatten, als er zu ihnen hinüberschaute.

Bosse war so etwas wie Hans-Olofs bester Freund am Institut, falls in der in hohem Maß von Konkurrenzdenken geprägten Atmosphäre des Campus so ein Begriff überhaupt angebracht war. Hans-Olof hätte bereitwillig eingeräumt, dass das Gefühl der Nähe auch einfach daher rühren mochte, dass sich ihre Büros auf beiden Seiten des Von-Euler-Wegs genau gegenüberlagen und sie einander durchs Fenster sehen konnten, wenn sie miteinander telefonierten. Es ging bei diesen Gesprächen selten um Fachliches – Bosse war Zellphysiologe, Hans-Olof Pharmakologe; zwar gab es zwischen beiden Fachgebieten Berührungen, nicht jedoch, was ihre jeweiligen Forschungsrichtungen anbelangte. Sie unterhielten sich eher über Freizeitaktivitäten, Institutsklatsch und dergleichen. Die Stimme des anderen im Ohr, seine Gestalt umrahmt von Zimmerpflanzen und hinter halb spiegelndem Glas, so standen sie einander oft gegenüber, wenn sich einer von ihnen über die Beurteilung eines Studenten klar werden wollte, Bosse einen derben Witz oder einen Börsentipp loswerden musste oder Hans-Olof einen Erziehungsratschlag brauchte: Bosse hatte sage und schreibe vier Töchter, von denen zwei schon verheiratet waren, und alles erlebt, was ein Vater mit Töchtern erleben konnte.

Hans-Olof überlegte, wer der Mann sein mochte. In Bosses Büro hatte er ihn noch nie gesehen, seine seltsam fischartigen, weit auseinander stehenden Augen wären ihm aufgefallen. Bosse hörte ihm mit reglosem Gesicht aufmerksam zu, nickte nur ab und an oder stellte eine kurze Frage. Vielleicht ging es um eines von Bosses geheimnisvollen Geschäften. Hans-Olof wusste nichts Genaues, aber irgendwelche Nebengeschäfte musste Bosse machen, bei dem Lebensstil, den er führte. Ein Haus in der besten Gegend von Vaxholm, immer das neueste Modell, das VOLVO herausbrachte, Urlaube in Thailand oder Malaysia – dass das Gehalt eines Universitätsprofessors dafür nicht ausreichte, wusste Hans-Olof, und dass Bosse alles mit Börsenspekulationen finanzierte, glaubte er einfach nicht. Dazu hatten sich zu viele der Tipps, mit denen er hausieren ging, als Windeier entpuppt.

Hans-Olof bemerkte, dass eine ältere Frau, die, wie er sich vage erinnerte, in der Studentenverwaltung arbeitete, seine neugierigen Seitenblicke mit deutlicher Missbilligung beobachtete, und sah wieder nach vorn. Er sagte sich, dass es ihn im Grunde genommen nichts anging, was Bosse trieb. Der Pfarrer schien zum Ende gekommen zu sein, der Chor sang irgendetwas Getragenes. Als die Leute ringsum aufstanden, erhob sich auch Hans-Olof, warf im Aufstehen noch einmal einen Blick hinüber zu Bosse Nordin und bemerkte zu seinem Erstaunen, dass dieser gerade auf ihn zeigte und der hagere Mann mit den Fischaugen verstehend nickte.

Um nicht erneut den Zorn der Frau aus der Studentenverwaltung zu provozieren, schwenkte Hans-Olof den Blick sofort wieder nach vorn zum Altar, aber dann wendete er den Kopf doch noch einmal neugierig zur Seite. Die beiden standen da, sahen voller Ernst zum Kreuz hinauf und sangen so halbherzig mit, wie die meisten Leute es in Kirchen eben tun. Nichts deutete darauf hin, dass sie ihn auch nur bemerkt hatten.

Nachdem alles überstanden war, fuhr Hans-Olof auf dem Weg zurück absichtlich ein paar Umwege, erwog, irgendwo einen Kaffee zu trinken, ließ es dann aber bleiben, nahm schließlich die Zufahrt über den Tomtebodaweg und parkte vor dem Berzelius-Bau, hinreichend weit weg vom Nobelforum, um nicht Gefahr zu laufen, irgendwelchen Presseleuten vor die Mikrofone zu geraten. Es grenzte ohnehin an ein Wunder, dass die Medien sich so zurückhielten, anstatt den Tod dreier stimmberechtigter Mitglieder der Nobelversammlung wenige Tage vor der Abstimmung als Sensation auszuschlachten.

Auf dem Campus war wenig los. Studenten standen beisammen, hatten Aktentaschen oder Bücherstapel unter dem Arm, redeten, rauchten, lachten. Das Leben ging weiter.

Genau wie es damals weitergegangen war, als Hans-Olof aus dem Krankenhaus heimgekehrt war und Inga nicht.

Er nahm den Weg an den Gästehäusern vorbei, einen Schleichpfad zwischen Müllcontainern und einem Tank für flüssigen Stickstoff hindurch, der von hinten her zum Pharmakologischen Institut führte. Einst war das ein normaler Zugang gewesen, aber in den letzten Jahren hatte man begonnen, zwischen den Gebäuden Behelfsbauten aus Containern aufzustellen. Sie waren mit rotem Holz umschalt, ein Versuch, das Ziegelrot der altehrwürdigen Mauern ringsum zu imitieren, doch sie wirkten trotzdem nur wie wissenschaftliche Legebatterien. Auf den verbliebenen Wegen dazwischen kamen zwei Personen nur noch mit Mühe aneinander vorbei.

An dem Geländer am Südeingang war ein Fahrrad festgekettet, inzwischen seit über einer Woche. Jemand – der Hausmeister vermutlich – hatte einen Zettel daran befestigt, dass hier das Abstellen von Fahrrädern nicht erlaubt sei und dieses Rad in Kürze entfernt werden würde, wenn sein Besitzer dem nicht zuvorkäme. Es war ein neuwertiges Fahrrad; es fiel schwer, sich vorzustellen, dass es einfach vergessen worden war.

Hans-Olof nestelte seine Ausweiskarte aus der Tasche, die ihm in Verbindung mit dem aktuellen Zugangscode die Tür öffnen würde, und las dabei die übrigen Bekanntmachungen, die von innen an das Glas der Türe geklebt waren. Die Hälfte davon beschäftigte sich mit Verlegungen oder Absagen angekündigter Vorlesungen aus Anlass der drei Todesfälle.

»Professor Andersson?«, fragte in diesem Augenblick jemand hinter ihm. »Kann ich Sie bitte einen Moment sprechen?«

Hans-Olof fuhr herum. Wie aus dem Boden gewachsen stand da ein Mann in einem dunkelgrauen Wettermantel, mit einem Lederkoffer in der Hand.

»Wie bitte?« Er rückte seine Brille zurecht. Im nächsten Moment fiel ihm wieder ein, woher er das Gesicht kannte.

Es war der Mann, der in der Kirche mit Bosse Nordin gesprochen hatte. Der Mann mit den Fischaugen.

KAPITEL 4

Mich sprechen?«, wiederholte Hans-Olof, während er den Mann ansah, zu verstehen versuchte, was das alles bedeutete, und ihn ein zunehmend ungutes Gefühl beschlich. »Warum? Ich meine, worum geht es?«

Der Mann verzog keine Miene. »Das lässt sich nicht in zwei Sätzen sagen.« Er hob den Koffer leicht an. »Ich muss Ihnen dazu etwas zeigen.«

»Ich habe jetzt aber keine Zeit.« Seine Standardausflucht. Bei Studenten funktionierte sie immer. »Lassen Sie sich von meiner Sekretärin einen Termin geben.«

»Es dauert nur ein paar Minuten«, beharrte der Mann mit den weit auseinander stehenden Augen. »Und es ist äußerst dringend.«

Hans-Olof Andersson schnaubte entrüstet. »Ich kann doch nicht einfach … Bloß weil Sie daherkommen und behaupten …« Er hielt inne. Irgendwie war er sich plötzlich sicher, dass der Mann nicht weggehen würde, egal was er sagte. »Wer sind Sie überhaupt?«, fragte er.

»Mein Name ist Jon Johansson.« Später sollte Hans-Olof berichten, dass schon in der Art, wie der Fremde diesen Allerweltsnamen aussprach, verächtliche Gleichgültigkeit mitgeklungen hatte, so, als wolle er ausdrücken: Wenn Sie unbedingt darauf bestehen, dann lüge ich Ihnen eben etwas vor, na und?

»Und was wollen Sie?«

»Nur ein paar Minuten. Es wird nicht mehr Zeit in Anspruch nehmen, als wir hier draußen schon verplempert haben.«

»Warum? Wer schickt Sie? Professor Nordin?«

Die fischigen Augen des Mannes musterten ihn mit einem seltsam entrückt wirkenden Blick. Als seien es in Wirklichkeit kunstvoll bemalte Stahlkugeln. »Gehen wir doch einfach kurz in Ihr Büro, Professor Andersson«, sagte er dann mit einer Bestimmtheit, der Hans-Olof nichts mehr entgegenzusetzen hatte.

Resignierend drehte er sich also zur Tür um, zog seinen Ausweis durch den Schlitz des Lesers, tippte die Codeziffern ein und zog, als das Schloss klickte, die Tür auf. Er war von unbändigem Zorn gegen sich selbst erfüllt, als er den Flur entlang und die Treppe hoch stapfte und der Mann ihm mit seinem Koffer folgte, wortlos und mit der allergrößten Selbstverständlichkeit.

Sie gelangten schweigend oben an, ohne jemandem zu begegnen. Hans-Olof schloss die Tür seines Büros auf, und erst als er die Tür schon offen hatte, fiel ihm ein, dass er hätte vorgeben können, die Schlüssel im Auto vergessen zu haben; er hätte sich ohrfeigen können, dass ihm das nicht eher eingefallen war.

Nun war es zu spät. Mit einem stummen Kopfnicken auf den freien Stuhl deutend, ging Hans-Olof um seinen Schreibtisch herum, nahm wahllos Akten von den Stapeln auf dem Bücherregal und ließ sie vernehmlich auf die Schreibunterlage knallen, damit dem Mann klar wurde, dass Arbeit auf ihn wartete, wichtige Arbeit, und zwar jede Menge. Er sah aus dem Fenster, hinüber zum Bau des Nobelinstituts für Zellphysiologie, aber Bosse war nicht in seinem Büro.

Als er sich wieder umdrehte, hatte der Mann seinen Koffer geöffnet und ihn auf den Schreibtisch gelegt. Darin war etwas rötlichbraunes und blauweißes, und Hans-Olof musste erst einmal blinzeln und die Brille zurechtrücken, ehe er begriff, dass es Fünfhundert-Kronen-Scheine waren, ganze Bündel davon.

»Drei Millionen insgesamt«, sagte der Mann.

Hans-Olof war im ersten Augenblick sprachlos. Darum also ging es. Der Unbekannte war Journalist und versuchte auf diese Weise an Informationen zu kommen. Vermutlich wollte er wissen, was jetzt aus der Abstimmung wurde. Wer für die Toten nachrückte. Niemand, aber das würde Hans-Olof ihm nicht erzählen, wenn er zu dumm war, die Statuten zu lesen. Das Karolinska-Institut musste natürlich neue Leute für die nunmehr vakanten Stellen berufen. Und es würden wieder Wahlen für die Nobelversammlung stattfinden. Doch das war ein Vorgang, der Wochen dauerte.

Oder wollte der Mann etwas gänzlich anderes wissen? Womöglich vorab erfahren, wer dieses Jahr den Nobelpreis in Medizin erhalten würde? Das wäre natürlich ungeheuerlich. Ungeheuerlich auch, dass man in ihm jemanden vermutete, der derlei preiszugeben bereit sein könnte.

Er fand seine Stimme wieder. »Das ist zwecklos«, sagte er und schüttelte den Kopf, um zu unterstreichen, wie zwecklos.

»Ich bin nur der Bote«, sagte der Mann. Er streckte die Hand aus, berührte den Koffer, schob ihn eine Winzigkeit weiter auf Hans-Olof Andersson zu. »Die Leute, die mich schicken, haben mich beauftragt, Ihnen diese Summe – drei Millionen Schwedische Kronen in bar – anzubieten, wenn Sie bei der bevorstehenden Abstimmung über den Medizinnobelpreis für Frau Professor Sofía Hernández Cruz stimmen.«

Hans-Olof Andersson starrte den Mann mit einem ganz und gar irrealen Gefühl an. Schon die Vorstellung, jemand würde einfach mit einem Koffer voller Geld in das Büro eines Mitglieds der Nobelversammlung spazieren, in der ernsthaften Erwartung, derjenige ließe sich ohne weiteres bestechen, war lachhaft. Doch dass diese Bemühungen ausgerechnet Sofía Hernández Cruz gelten sollten, grenzte ans Absurde.

Sofía Hernández lebte und arbeitete in der Schweiz. Bekannt geworden war sie in ihrer Zeit an der Universität von Alicante, mit Experimenten zur Interaktion zwischen Hormonsystem und neuronaler Struktur, deren brillante Konzeption Hans-Olof faszinierte, seit er den ersten Artikel darüber gelesen hatte. Zugleich hatte sie damit einen Sturm moralischer Entrüstung ausgelöst, nicht nur, aber vor allem in Spanien. Selbst am Karolinska war Hans-Olof mit seiner positiven Einstellung alleine, intern galt die Spanierin als chancenlos. Dass jemand ihr den Nobelpreis mittels Bestechung zu verschaffen versuchte und sich mit seinem Ansinnen dann ausgerechnet an den vermutlich einzigen Stimmberechtigten wandte, der ohnehin längst beschlossen hatte, für Sofía Hernández zu stimmen – das war schon fast tragisch.

»Darf ich Ihr Schweigen als Einverständnis werten?«, erkundigte sich der Mann mit den weit auseinander stehenden Augen. Er machte eine entschuldigende Geste. »Ich muss meinen Auftraggebern Ihre Antwort übermitteln.«

Hans-Olof zog den Schreibtischstuhl zu sich heran, aus dem absurden Gefühl heraus, wie er später erzählte, er müsse einen Sicherheitsabstand zu dem Geld einhalten, und ließ sich erschüttert darauf nieder. »Sie sind verrückt. Packen Sie sofort Ihr Geld, und machen Sie, dass Sie hinauskommen.«

Der Mann stieß einen vernehmlichen Seufzer aus und sagte leise: »Sie machen einen Fehler, wenn Sie jetzt ablehnen. Glauben Sie mir.«

»Hinaus«, flüsterte Hans-Olof.

»Das ist ein gut gemeinter Ratschlag.« Der Mann schüttelte den Kopf, aber nicht tadelnd, eher besorgt. »Sie sollten das Geld nehmen und tun, was von Ihnen verlangt wird.«

»Hinaus.«

»Nehmen Sie es. Tun Sie sich einen Gefallen, und nehmen Sie es.«

»Hinaus!«, brüllte Hans-Olof. »Verlassen Sie augenblicklich mein Büro, oder ich rufe die Polizei!«

»Schon gut.« Der Mann hob die Hände und stand auf. »Schon gut. Wie Sie wollen. Kein Problem.« Er drehte den Koffer zu sich um, ließ den Deckel zuklappen und drückte die Verschlüsse herab, die nacheinander mit einem Geräusch wie zuschnappende Handschellen einrasteten. »Aber Sie werden sich noch wünschen, Sie hätten auf mich gehört.«

»Kein Wort mehr.«

Der Mann sagte tatsächlich kein Wort mehr. Er nahm seinen dunkelbraunen Koffer vom Tisch, als wäre nichts darin, höchstens Altpapier, wandte sich ab und verschwand, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Das Geräusch, mit dem die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, schien Ewigkeiten im Raum zu hängen, gar nicht mehr verklingen zu wollen. Oder hallte es nur in seinem Kopf wider? Hans-Olof stemmte sich hoch, ging zum Waschbecken, betrachtete sich in dem Spiegel darüber, schob fahrig ein paar seiner dünn werdenden weißen Strähnen zurecht. Rote Flecken im Gesicht, die Äderchen auf der Nase unübersehbar. Sein Blutdruck war jenseits von gut und böse, natürlich. Adrenalinüberschuss, und wie. Er brauchte einen Antagonisten, nein, etwas anderes … Er versuchte sich im Geist die biochemischen Regelsysteme zu vergegenwärtigen, die die Parameter des Blutkreislaufs regelten, die Punkte darin, an denen pharmakologische Wirkstoffe ansetzten. Aber er war zu aufgeregt, um sich konzentrieren zu können. Schließlich nahm er einfach ein halbes Dutzend Baldrianpillen aus einem unbeschrifteten braunen Fläschchen in seinem Schreibtisch und spülte sie mit etwas Wasser hinunter. Dann ließ er sich in seinen Schreibtischstuhl fallen und wandte das Gesicht zum Fenster, um darauf zu warten, dass Bosse Nordin in sein Büro kam oder die Wirkung der Tabletten einsetzte.

Bosse kam nicht. Hans-Olof saß lange da und starrte in das dunkle, leere Zimmer gegenüber. Schließlich drehte er sich zum Schreibtisch um, nahm den Hörer auf und wählte die Nummer des Nobelkomitees. Er nannte seinen Namen, als eine der beiden Sekretärinnen sich meldete, und sagte: »Ich brauche einen Termin beim Vorsitzenden. So schnell wie möglich.«

KAPITEL 5

Mit seinem vollen, weißen Haar und den dreiteiligen englischen Anzügen, die er zu tragen pflegte, hatte Ingmar Thunell, der Vorsitzende des Nobelkomitees, etwas von einem Grandseigneur an sich. Er war einer der ältesten Professoren des Instituts; nach Ende seiner dreijährigen Amtszeit als Chairman des Komitees würde er sich voraussichtlich emeritieren lassen – eine Perspektive, der nicht wenige im Kollegium sehnsuchtsvoll entgegensahen.

»Hmm«, sagte er bedächtig, als Hans-Olof mit seinem Bericht fertig war. Dann lehnte er sich im Sessel zurück, einem schweren braunen Ohrensessel mit goldenen Polsternägeln, stellte die gespreizten Finger seiner Hände gegeneinander und sah sein Gegenüber mit undurchdringlichem Blick an. »Und was soll ich jetzt Ihrer Meinung nach tun?«

Diese Frage erstaunte Hans-Olof. Thunell galt als unumstrittene Kapazität auf dem Gebiet der Zellmembran, aber selbst Gutwillige sagten über ihn, er lebe seit geraumer Zeit in seiner eigenen Welt. Die Übrigen meinten unverblümt, er sei ein hoffnungslos altmodischer Idealist mit einem gehörigen Sprung in der Schüssel. Trotzdem – oder gerade deswegen – hatte Hans-Olof erwartet, dass sein Bericht bei ihm höchste Empörung auslösen würde.

»Ich weiß nicht«, bekannte er. »Ich bin davon ausgegangen, dass es Regeln für solche Fälle gibt. Maßnahmen.«

»Sie meinen Disqualifizierung?«

»So ungefähr. Als letzte Konsequenz, natürlich.«

Thunell klopfte mit seinen Zeigefingern gegeneinander, während er nachdachte, kleine, nervöse Bewegungen, und hörte wenig später wieder damit auf, offenbar, weil er zu einem Entschluss gelangt war. »Wie lange sind Sie schon am Karolinska, Hans-Olof?«, fragte er.

Obwohl Hans-Olof Professor war und im normalen Leben alles andere als ein Wunder an Geistesgegenwart, diese Auskunft konnte er jederzeit leicht geben. Er brauchte nur zum Alter seiner Tochter fünf Jahre dazuzuzählen, das war der Trick. »Im August waren es neunzehn Jahre.«

»Aber Sie waren noch nie im Komitee, soweit ich mich entsinne, oder?«

»Nein.« In das Nobelkomitee, jenes fünfköpfige Gremium, das die eigentlichen Vorarbeiten für die Abstimmung leistete, musste man von den übrigen Mitgliedern der Versammlung gewählt werden. Dazu war es in seinem Fall aus irgendeinem Grund nie zuvor gekommen.

»Dann muss ich Ihnen jetzt zunächst einmal etwas über die Arbeit im Komitee erzählen.« Thunell faltete die Hände und richtete den Blick in eine der oberen Zimmerecken. »Wenn wir uns Anfang Februar die Liste der Nominierungen ansehen, ist die erste Frage, die wir uns stellen, nicht die, wer von denen, die darauf stehen, den Preis verdient hat. Den Preis verdient haben viele, das wissen Sie so gut wie ich. Nein, die erste Frage, die wir uns stellen, ist: Warum ist dieser Mann oder diese Frau nominiert worden? Von wem? Und warum? Was verspricht sich der Nominierende davon? Ist die Nominierung vielleicht eine Gefälligkeit? Gibt es Verbindungen, von denen wir nichts wissen? Kontakte zu den Gutachtern? Und so weiter und so weiter. Die Frage der Einflussnahme stellt sich von Anfang an. In gewisser Weise ist sie sogar in unser System eingebaut, dadurch, dass jeder ehemalige Nobelpreisträger Kandidaten nominieren darf. Eine Regel, die die Inzucht fördert, nicht wahr? Statistisch gesehen hat jemand, der mit einem Nobelpreisträger zusammenarbeitet, deutlich größere Chancen, den Nobelpreis einmal selber zu bekommen. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Zudem arbeiten heutzutage viele hervorragende Wissenschaftler nicht mehr in staatlichen Einrichtungen, sondern in der Industrie, in Laboratorien, die von multinationalen Konzernen betrieben werden. Es ist klar, dass Firmen ein Interesse daran haben, jemanden aus ihren Reihen auf dem Siegerpodest zu sehen, und natürlich versuchen sie jene Art von Lobbyarbeit, die ihnen gegenüber Parlamenten und Regierungen Vorteile verschafft, auch bei uns zu betreiben.« Er richtete den Blick wieder auf Hans-Olof und schenkte ihm ein kaltes Lächeln. »In der Regel ohne Erfolg.«

Hans-Olof sah sein Gegenüber nicht ohne Bestürzung an. Das klang alles, als führe der Vorsitzende des Nobelkomitees solche Gespräche jeden Tag. »Der Mann wird es bei jemand anderem versuchen«, sagte er. »Irgendjemand wird das Geld womöglich sogar nehmen.«

»Mag sein.« Thunell beugte sich vor, kniff dabei die Augen leicht zusammen, ein abschätziger, listiger Blick. »Nebenbei gefragt, warum haben Sie es eigentlich nicht genommen?«

»Ich?« Hans-Olof schnappte nach Luft.

»Wenn Sie, wie Sie sagen, ohnehin vorhatten, für Hernández zu stimmen, hätten Sie es doch ohne schlechtes Gewissen nehmen können. Schließlich wäre Ihre Entscheidung dadurch ja nicht beeinflusst worden. Und drei Millionen Kronen, zumal steuerfrei, sind ein schöner Batzen Geld, würde ich sagen.«

Hans-Olof merkte, dass seine Hände sich um die Lehnen des Stuhls gekrallt hatten, auf dem er saß. »Herr Kollege, ich versichere Ihnen, dass ich das nicht eine einzige Sekunde lang erwogen habe«, erklärte er mit gepresster Stimme. »Die Reputation und Integrität des Nobelpreises sind mir heilig.«

»Heilig, so so«, meinte Thunell. Er atmete scharf ein, lehnte sich zurück, das Kinn auf die wie zum Gebet zusammengeführten Hände stützend, und verharrte eine ganze Weile so, ohne etwas zu sagen.

»Ich hoffe, Sie glauben mir«, sagte Hans-Olof schließlich, als er die Stille nicht länger ertrug.

Thunell nickte nachdenklich. »Wissen Sie«, begann er in einem seltsam beiläufigen Erzählton, »es entgeht mir nicht, was so geredet wird. Es ist mir auch nicht entgangen, dass die meisten abfällig über Sofía Hernández Cruz sprechen. Weil sie eine Frau ist. Eine Spanierin zumal – unvorstellbar, dass so jemand bedeutende Arbeit auf dem Gebiet der Neurophysiologie leisten kann, nicht wahr? Ganz zu schweigen von dieser unsäglichen Moraldiskussion. So sind sie, die Vorurteile unserer geschätzten Kollegen.« Er blickte gedankenverloren vor sich hin, nickte ein paar Mal sinnend. »Nun ja, vielleicht wären meine Vorurteile kein Haar besser. Aber ich habe Sofía Hernández Cruz einmal kennen gelernt. Das war, als sie noch an der Universität von Alicante arbeitete, zwei Jahre, bevor der ganze Zirkus in der Presse losging und sie nach Basel wechselte. Lange Zeit her. Sie forschte damals über die Funktionsweise von Narkotika, und obwohl das aus heutiger Sicht eine völlig konsequente Etappe ihrer Arbeit war, erinnere ich mich, dass ich es ausgesprochen paradox fand. Denn sie ist eine der hellwachsten Personen, die ich je getroffen habe. Und eine der klügsten obendrein.«

Hans-Olof rutschte unbehaglich auf die vorderste Kante des Stuhls. »Ihre Qualifikation habe ich nie bezweifelt. Wie gesagt, ich wollte ohnehin für sie stimmen.«

»Würden Sie mir zustimmen, dass Professor Hernández Cruz unredlicher Einflussnahme überhaupt nicht bedarf?«

»Absolut.«

»Nicht wahr? Sie ist dieses Jahr zum ersten Mal nominiert. Im Schnitt wird ein Kandidat achtmal nominiert, ehe er den Preis bekommt. Und sie ist noch jung mit – wie alt? Fünfundfünfzig Jahren? Sechsundfünfzig? Sie wird den Preis vielleicht diesmal nicht bekommen, aber irgendwann bestimmt.« Thunell beugte sich leicht vor. »Zudem: Betrachten Sie das Thema ihrer Arbeit. Sie hat unser Verständnis für das Zusammenspiel von Hormonen und Nervensystem enorm weitergebracht. Sie hat gezeigt, wie Geist und Körper miteinander verschaltet sind. Das, was die Zeitungen so blumig das ›Experiment von Alicante‹ nennen, wird in zehn Jahren fraglos in den Lehrbüchern der Oberstufen stehen. Aber – es gibt keinerlei wirtschaftlichen Nutzen, den irgendjemand aus einer Preisvergabe an sie ableiten könnte. Kein Medikament, keine neue Behandlungsform, nichts.«

Hans-Olof nickte. »Richtig.«

Thunell sah ihn an und hob die buschigen weißen Augenbrauen. »Also frage ich Sie: Warum sollte jemand so eine törichte Aktion unternehmen?«

Hans-Olof erschrak über diese Wendung des Gesprächs, denn es schien darauf hinauszulaufen, dass Ingmar Thunell ihm seine Geschichte nicht glaubte. Beweisen konnte er sie in der Tat nicht. Die Erinnerung daran kam ihm, wie er später einräumen sollte, sogar selber unwirklich vor. »Ich weiß es nicht«, gab er zu. »Ich denke nur, dass wir darauf reagieren müssen. Notfalls, indem wir ein Exempel statuieren.«

»Indem wir Sofía Hernández Cruz disqualifizieren?«

»Zum Beispiel. So Leid es mir tut.«

Ingmar Thunell verschränkte die Arme und musterte ihn mit spöttischem Blick. »Ist Ihnen noch nicht der Gedanke gekommen, dass es genau das sein könnte, was der Unbekannte – oder seine Hintermänner, falls es die gibt – bezwecken will?«

So hatte Hans-Olof es in der Tat noch nicht betrachtet. Dabei lag es auf der Hand. Und wenn man in dieser Richtung anfing zu denken, eröffneten sich Perspektiven, die einem buchstäblich den Atem verschlugen. Perspektiven, die eher Abgründe waren.

Er musste an die so genannte Kortlist denken, die Liste der Kandidaten, die das Komitee in die engste Wahl gezogen hatte und der Nobelversammlung vor der Abstimmung vorstellen würde. Wie üblich standen auch dieses Jahr fünf Namen darauf. Die streng vertraulich zu behandelnden Dossiers dazu waren inzwischen an alle Stimmberechtigten ausgegeben worden. Das hieß nicht, dass es nicht vorkommen konnte, dass jemand in der Versammlung aufstand und sich für einen anderen Nominierten einsetzte – tatsächlich war das schon häufig geschehen –, aber in der Regel war die Empfehlung des Komitees eine Vorentscheidung.

Der erste Name auf der Kortlist und damit der Favorit dieses Jahres war der eines Biochemikers, der bedeutende Entdeckungen auf dem Gebiet der kleinen RNA-Moleküle gemacht hatte. Sein Name war Mario Gallo.

Ein Italiener.

Das Flugzeugunglück. Mailand. Das war auch Italien. Gab es am Ende einen Zusammenhang? Hans-Olof spürte ein beklemmendes Gefühl in der Brust und sagte sich, dass er besser daran tat, aufzuhören, über solche Dinge nachzudenken.

»Was werden Sie tun?«, fragte er.

Ingmar Thunell strich sich einen imaginären Kinnbart glatt. »Nichts«, sagte er kühl. »Wir werden den Vorfall ignorieren. Die Arbeit des Jahres ist getan, und übermorgen schreiten wir zur Abstimmung, um den Preis dem Verdienstvollsten zuzuerkennen, ohne Rücksicht darauf, ob Schwede oder Ausländer, ob Mann oder Frau, genau so, wie Alfred Nobel es verfügt hat.« Er legte in einer Geste, die etwas Abschließendes hatte, die Hände flach vor sich auf den Tisch. »Und ohne Rücksicht darauf, ob uns jemand zu beeinflussen versucht oder nicht.«

KAPITEL 6

Nach dem Gespräch mit dem Vorsitzenden des Nobelkomitees kehrte Hans-Olof in sein Büro zurück, doch er war außerstande, einen klaren Gedanken zu fassen oder womöglich mit seiner Arbeit fortzufahren, als sei nichts gewesen. Immer wieder wanderte sein Blick zum Fenster hinaus, und als er in Bosse Nordins Büro Licht angehen sah, sprang er sofort auf, riss seinen Mantel vom Haken und stürmte hinaus.

»Um Himmels willen«, entfuhr es Bosse, als Hans-Olof ohne anzuklopfen in sein Zimmer gestürmt kam. »Was ist denn mit dir los?«

»Wer war der Mann in der Kirche?«, fragte Hans–Olof, noch außer Atem von drei Treppen hinab und drei Treppen hinauf.

»Welcher Mann?«

»Der in der Kirche mit dir gesprochen hat.«

Bosse zuckte großäugig mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

»Ich habe gesehen, wie du auf mich gezeigt hast.«

»Ja. Er wollte wissen, wer du bist.«

»Wer ich bin? Wieso das denn?«

»Keine Ahnung. Er hat mich gefragt, ob ich Professor Hans-Olof Andersson kenne. Ich habe gesagt, ja, da drüben sitzt er. Und auf dich gezeigt.« Auf Bosses rosig-draller Stirn zeigten sich die ersten Unmutsfalten. »Würdest du jetzt bitte die Freundlichkeit haben, mir zu erklären, was das alles soll?«

»Der Mann hat versucht, mich zu bestechen«, sagte Hans-Olof und ließ sich in Bosses Besucherstuhl fallen.

»Dich zu bestechen?«

»Drei Millionen Kronen, wenn ich übermorgen für Sofía Hernández Cruz stimme.«

»Ist nicht wahr.«

»Er hatte das Geld gleich dabei. Einen ganzen Koffer voll.«

»Skit.« Bosse stand mit einer heftigen Bewegung auf, seinen Schreibtischstuhl mit den Kniekehlen davonstoßend, dass er gegen einen hüfthohen Hydrokulturbottich rappelte, trat ans Fenster und sah hinaus, als gäbe es drunten auf dem Fußweg heimtückisch lauernde Verfolger zu entdecken. »Und was hast du gemacht?«

Hans-Olof ächzte. »Was wohl? Ihm gesagt, dass er sich zum Teufel scheren soll.«

»Oh, natürlich. Der Ritter ohne Furcht und Tadel. Und dann?«

»Bin ich zu Thunell und habe ihm alles erzählt. Aber der sieht keinen Anlass, etwas zu unternehmen.«

»Zu Thunell?« Bosse seufzte und ließ den Kopf mit einem dumpfen Bums nach vorn gegen die Scheibe sinken. »Nein, ich meinte den Mann. Was hat er gemacht, nachdem du ihm das gesagt hast?«

»Der war ziemlich hartnäckig. Ich musste ihm mit der Polizei drohen, ehe er seinen Koffer gepackt hat und gegangen ist.«

Bosse sagte erst nichts, dann stieß er einen so derben Fluch aus, dass Hans-Olof fast zusammenzuckte. Er war es zwar gewohnt, dass Leute anders reagierten, als er es erwartete, aber heute schien er in dieser Hinsicht einen besonders schlechten Tag erwischt zu haben.

»Was soll ich denn jetzt machen?«, fragte er behutsam.

Bosse Nordin drehte sich unwillig um und sah ihn finster an. »Hoffen, dass es damit vorbei ist.«

»Was?«

»Ach, vergiss es.« Der untersetzte Zellphysiologe starrte über Hans-Olofs Schulter, als gäbe es auf der grau gestrichenen Wand neben der Tür seines Büros etwas sagenhaft Interessantes zu sehen. Dann riss er sich los, von welchem inneren oder äußeren Bild auch immer, schüttelte den Kopf, als müsse er unwillkommene Gedanken daraus vertreiben, und sagte: »Die Hernández Cruz. Die Dame mit dem tiefen Ausschnitt, ausgerechnet. Ich werde nie begreifen, wieso jemand den Nobelpreis kriegen soll, dafür, dass er mit Studenten Schweinkram veranstaltet. Schlag mich, aber ich begreif’s nicht.«

»Ihre Arbeiten sind wissenschaftliche Glanzleistungen«, widersprach Hans-Olof verwirrt. »Sie hat die Neurophysiologie vom Kopf auf die Füße gestellt.«

Bosse schnaubte unwillig. »Ach ja, ich vergaß. Du hast ja einen Narren an ihr gefressen.«

»Ich wundere mich bloß. Jemand versucht, ein Mitglied der Nobelversammlung zu bestechen, und niemand scheint sich groß darüber aufzuregen.«

»Ach was«, meinte Bosse leichthin. »Geld regiert die Welt.« Er winkte ab. »Vergessen wir’s. Übermorgen ist die Abstimmung, und danach sollten wir dringend mal wieder einen trinken gehen, was hältst du davon?« Er beugte sich über seinen Schreibtisch, angelte nach seinem Terminkalender und fing an, in den wild bekritzelten Seiten zu blättern. »Himmel, das letzte Mal muss Jahre her sein …!«

Hans-Olof musterte ihn, unsicher, was das alles zu bedeuten hatte. Das letzte Mal war Jahre her, richtig. Damals hatte Inga noch gelebt. »Ich trinke nicht mehr. Das weißt du doch.«

»Ach ja, hast du erzählt. Macht nichts, dann nimmst du eben was ohne Alkohol. Mach ich vielleicht auch.« Bosse strich einen Krakel durch, schrieb einen anderen daneben, der wohl, wie man aufgrund des Bindestrichs vermuten konnte, Hans-Olof heißen sollte. »Lass uns ins Cadier gehen wie letztes Mal. Das war lustig.«

Hans-Olof verzog das Gesicht. »Schon. Aber teuer.«

Bosse sah hoch und hatte plötzlich ein schreckliches, wildes Funkeln in den Augen, eine Wut, die er offenbar nur mühsam zu zügeln vermochte. »Himmel noch mal, Hans-Olof«, zischte er und pfefferte seinen Kugelschreiber quer über den Schreibtisch, »wenn du dir solche Sorgen ums Geld machst, warum hast du es dann nicht einfach genommen und den Mund gehalten?«

Einen Moment lang herrschte eine Stille, wie sie vielleicht nach der Explosion einer Bombe herrscht, wenn die einen tot sind und die anderen taub von dem überwältigenden Knall.

Schließlich sagte Hans-Olof: »Schon gut. Das Cadier wäre großartig.«

Dann machte er, dass er hinauskam.

Über Nacht wandelten sich Hans-Olofs Gefühle. Als er zu Bett ging, spät am Abend und nach einem Streit mit seiner Tochter Kristina, die ihm vorwarf, ihr nie richtig zuzuhören und sie nicht ernst zu nehmen und überhaupt, die anderen aus ihrer Klasse bekämen viel mehr Taschengeld und müssten auch nie so früh zu Hause sein, da war er erfüllt von Verzweiflung darüber, dass Werte wie Ehrlichkeit, Redlichkeit, Forscherdrang und Begeisterung für eine Sache nichts mehr zu zählen schienen, nur noch Geld und was man dafür kaufen konnte: Ansehen, Aussehen, Dinge. Und als er am nächsten Morgen erwachte, hatte sich seine Verzweiflung in kalt brennende Wut verwandelt.

Nein, beschloss er. Er würde sich dem entgegenstellen, und wenn er der Letzte und Einzige auf der ganzen Welt war, der so dachte. Es war nötig, eine Grenze zu ziehen und zu sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Und diese Grenze war der Nobelpreis.

Alfred Bernhard Nobels Vermächtnis war eine der großartigsten Verfügungen zum Wohle der Menschheit, die ein einzelner Mensch jemals getroffen hatte. Obwohl er sein Vermögen mit der Erfindung des Dynamits und anderer Sprengstoffe gemacht und an Kriegen verdient hatte, hatte er am Ende seines Lebens verfügt, dass dessen Ertrag den Wissenschaften zu Gute kommen sollte, der Literatur und vor allem: dem Frieden. Er hatte über die Grenzen von Nationen, Rassen und Geschlechtern hinausgedacht zu einer Zeit, als dies noch weitaus revolutionärere Gedanken gewesen waren als heutzutage. Mit den Nobelpreisen war aus seiner Vision ein Mythos geworden, ein Kraftquell für das Edelste und Höchste, dessen Menschen fähig waren.

Und jemand wagte es, die Axt an die Wurzeln dieser erhabenen Institution zu setzen? Jemand besaß die Niedertracht, mit plumper Bestechung die Integrität und Unabhängigkeit der Preisvergabe unterlaufen zu wollen?

Niemals. Morgen in der Nobelversammlung würde er, Hans-Olof Andersson, aufstehen und berichten, was vorgefallen war. Er würde eine Diskussion erzwingen. Er würde nicht rasten und nicht ruhen, ehe sichergestellt war, dass keiner der Stimmberechtigten auch nur im Mindesten beeinflusst war und dass der Entscheidung des Komitees keine anderen Kriterien zugrunde lagen als die der wissenschaftlichen Vortrefflichkeit. Kein Zweifel durfte bleiben, kein Schatten auf das Ansehen des Nobelpreises fallen. Dafür würde er sorgen.

Erleichtert, seinen Standpunkt in der Welt gefunden zu haben, beflügelt von der Entschlossenheit, die einem ein guter Entschluss verleihen kann, und versöhnt mit seinem verzweifelten Selbst vom Vortag verließ er das Haus, wie jeden Morgen, kurz nachdem seine Tochter zur Schule aufgebrochen war, und fuhr ins Institut.

Diesmal nahm er die Hauptzufahrt und sah, als er auf das Karolinska-Gelände einbog, linker Hand vor dem Nobelforum schon die weißen Lieferwagen des Partyservice stehen, der die Pressekonferenz anlässlich der Bekanntgabe der Preisentscheidung ausrichtete. Junge Männer luden Bistro-Tische aus, Frauen in hellen Overalls trugen Körbe mit Tischwäsche ins Innere der Empfangshalle oder waren damit beschäftigt, deren Glasfront auf Hochglanz zu polieren. Wie jedes Jahr war auch dieses Mal die Spannung wieder mit Händen zu greifen.

Gut vorstellbar, dass die Journalisten aus aller Welt, die sich hier morgen Mittag gegenseitig die besten Plätze streitig machen würden, diesmal mehr zu berichten haben würden als nur den Namen des Preisträgers.

Er stellte seinen Wagen auf einem der weiter hinten gelegenen Parkplätze entlang des Nobelwegs ab und verbot sich, auf dem Weg zu seinem Büro nach einem Mann mit weit auseinander stehenden Augen und Lederkoffer Ausschau zu halten. Nicht an ihn zu denken gelang ihm freilich erst, nachdem ihn seine tägliche Arbeit, wie meistens, völlig vereinnahmt hatte. Sein Fachgebiet waren die Übertragungsmechanismen in jenen neuronalen Systemen des Rückenmarks und des Gehirns, die Schmerz und die Reaktionen auf Stress regulierten. Mit der Laborarbeit hatte er natürlich nichts zu tun, die wurde von drei graduierten Studenten geleistet, die später als Mitautoren genannt werden würden. Einmal pro Woche kamen sie in sein Büro, um zu berichten, und dabei tauchten immer wieder faszinierende neue Zusammenhänge auf. In der heutigen Besprechung ging es um Hinweise, dass bestimmte schwache Stressstimuli zu Gewebsveränderungen und einer veränderten Ausschüttung von Cholezystokinin in der periaquaeductalen Region des Gehirns zu führen schienen, von der angenommen wurde, dass sie eine wichtige Komponente des Schmerzempfindens war. Das mochte ein Ansatz für die Entwicklung neuer Analgetika sein und war es wert, weiter verfolgt zu werden. Sie diskutierten mehrere Hypothesen und beschlossen schließlich, die Neuropeptidlevel in gleicher Weise zu untersuchen. Falls das signifikante Werte ergab, würde man weitersehen.

Nachdem die Studenten wieder weg waren, widmete sich Hans-Olof einem Artikel über aktuelle Entwicklungen in der Pharmakologie, den er dem Medicinsk Vetenskap versprochen hatte, dem alle drei Monate erscheinenden allgemeinwissenschaftlichen Magazin des Karolinska-Instituts. Er galt in der Redaktion als einer der wenigen Professoren, die verständlich und eingängig formulieren konnten, daher kamen solche Bitten häufig. Gerade als er über einigen Absätzen brütete, in denen noch zu viele Fachausdrücke vorkamen, klingelte das Telefon. Er nahm den Hörer ab, ohne aufzusehen. »Andersson.«

Keine Antwort. Nur ein fahles, fernes Rauschen.

»Hallo?« Er spürte den Impuls, sofort wieder aufzulegen, tat es aber nicht. »Ist da jemand?«

Ein Rascheln, dann war plötzlich eine Stimme da. Eine Stimme, die er noch nie gehört hatte. »Ihre Tochter Kristina ist vierzehn Jahre alt und geht auf die Bergströmschule«, sagte ein Mann in kehligem, schwerfälligem Englisch. »Sie hat lange blonde Haare und trägt gerne handbreite Stirnbänder, heute ein dunkelblaues mit zwei kleinen eingestickten Pferden in gelb. Im Klassenzimmer sitzt sie in der dritten Bank von vorn, auf der Fensterseite, neben einem Mädchen namens Sylvia Wiklund. Im Moment hat sie Englisch, was nicht ihr Lieblingsfach zu sein scheint, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen …«

Hans-Olof war, als umschlösse eine eiskalte Hand sein Herz.

»Was soll das?«, ächzte er. »Wer sind Sie? Wozu erzählen Sie mir das?«

»Unser Bote, Herr Johansson, wird Sie heute Abend noch einmal aufsuchen«, sagte die kehlige Stimme. »Sie sollten diesmal berücksichtigen, dass wir auch andere Möglichkeiten haben als die, Ihnen Geld anzubieten.«

KAPITEL 7

Er fühlte sich wie unter Drogen, als er den Hörer auflegte. Kristina. Sie drohten, Kristina etwas anzutun.

Was für ein Albtraum. Kristina, großer Himmel. Was waren das für Menschen? Was war das, verdammt noch mal, für eine Welt?

Wasser. Ein tiefer Schluck, ein ganzes Glas auf einmal, und dann noch eines. Als würde er innerlich brennen, so fühlte es sich an.

Freilich, er musste sich ihnen fügen. Gegen so viel Heimtücke war er machtlos. Wenn er vor der Wahl stand, entweder die Ideale des Nobelpreises zu bewahren oder das Leben und die Gesundheit seiner Tochter, dann würde, dann musste er sich für Kristina entscheiden. Kristina war sein Ein und Alles, der Sinn seines Daseins, alles, was ihm von seiner Frau und der Zeit mit ihr, den besten Jahren seines Lebens, geblieben war.

Hans-Olof fühlte ohnmächtiges Entsetzen, Verbrechern ausgeliefert zu sein, sich ihren Machenschaften wehrlos beugen zu müssen …

Halt mal. Was für ein Unsinn. Das mochte vielleicht auf Sizilien so sein oder in der Bronx von New York, aber dies hier war Schweden! Niemand durfte hierzulande andere Leute erpressen und hoffen, ungestraft davonzukommen.

Nein. Er war diesen Verbrechern nicht hilflos ausgeliefert. Die würden sich noch wundern. Alles, was er zu tun hatte, war, zur Polizei zu gehen und den Fall zur Anzeige zu bringen.

Und das würde er auch tun. Sofort. Er stürzte an seinen Schreibtisch, riss den Hörer vom Apparat und machte den, wie er später nicht müde werden sollte zu erklären, größten Fehler seines Lebens.

Er holte hastig das Telefonverzeichnis aus der Schublade und wählte die Nummer der Bergströmschule. Es klingelte lange, dann meldete sich eine Frauenstimme und nannte einen Namen, den er nicht verstand.

Hans-Olof rief: »Guten Tag, Andersson hier. Können Sie bitte meiner Tochter etwas ausrichten?«

»Moment«, sagte die Frau. Sie raschelte mit irgendwelchen Papieren. »Andersson? Welcher Andersson?«

»Professor Andersson. Meine Tochter heißt Kristina und geht in die Klasse 8 A.«

Rascheln. Es klang, als räume die Frau nebenher ihren Schreibtisch auf. »Tut mir Leid, ich kann sie jetzt nicht holen lassen. Nach meinem Plan hier schreibt sie gerade eine Englischarbeit.«

»Ich weiß«, nickte Hans-Olof, obwohl es nicht stimmte. Das hatte er nicht gewusst. Er war sich nicht sicher, ob sie es ihm vielleicht erzählt und er einfach nicht zugehört hatte. Auf der anderen Seite erzählte sie ihm schon lange nicht mehr alles. Töchter in Kristinas Alter waren schwierig, das hatten ihm alle bestätigt, die er gefragt hatte. Und natürlich liebte er sie trotz aller Auseinandersetzungen mehr als sein Leben. »Sie sollen sie auch nicht holen lassen. Ich will nur, dass Sie ihr etwas ausrichten.«

»Gut«, sagte die Frau. »Und was?«

Ja, was? Das war eine gute Frage.

Aus irgendeinem Grund kam er nicht auf die nahe liegende Idee, zuallererst seine Tochter von der Schule zu holen und in Sicherheit zu bringen, ehe er zur Polizei ging. War es, weil er das Ausmaß der drohenden Gefahr im Grunde nicht begriffen hatte? War es generelle professorale Lebensuntüchtigkeit? Oder war es ein trotziger Unwille, sich sein gewohntes Leben aufgrund von Drohungen moralisch fragwürdiger Menschen durcheinander bringen zu lassen? Er neigte später dazu, letzterer Auffassung den Vorzug zu geben.

Immerhin war ihm klar, dass er die Schulsekretärin unmöglich damit beauftragen konnte, Kristina auszurichten, draußen lauere jemand auf sie und sie solle sich im Schulkeller verstecken oder dergleichen. »Sagen Sie ihr bitte …«, begann er, während er fieberhaft überlegte. »Sagen Sie ihr, sie soll heute in der Schule auf mich warten. Sie soll nach dem Ende des Unterrichts nicht nach Hause gehen, sondern in der Schule bleiben, bis ich komme.«

»Mmmh«, meinte die Frau skeptisch. »Und wann wird das sein?«

Er rechnete rasch. Die Fahrt nach Kungsholmen zur Polizei, die Zeit dort, vielleicht musste er warten, oder es wurde ein Protokoll aufgesetzt, dann hinaus nach Sundbyberg … »Vielleicht in anderthalb Stunden. Ich weiß es nicht genau.«

»Verstehe.« Es klang nicht so, als ob sie wirklich verstünde.

»Kann sie vielleicht bei Ihnen im Sekretariat warten? Oder irgendwo, wo ein Erwachsener ein Auge auf sie hat?« Dass eine Schule keine Festung war und ein Lehrer oder eine Sekretärin Kristina im Ernstfall nicht beschützen konnte, wenigstens das war ihm klar. Aber obwohl der Anrufer gewusst hatte, welche Stunde Kristina gerade hatte, gelangte Hans-Olof nicht zu dem Schluss, dass diejenigen, die das Schulhaus beobachteten, wahrscheinlich ihren gesamten Stundenplan kannten. Im Gegenteil, er war allen Ernstes der Überzeugung, sie würden, wenn Kristina nicht herauskam, davon ausgehen, dass sie immer noch Schule hatte, und weiter warten.

»Von mir aus«, meinte die Frau. Im Hintergrund klingelte ein anderes Telefon.

»Sagen Sie ihr, sie soll das Gebäude nicht verlassen, ehe ich nicht da bin«, wiederholte er.

»Ja, das habe ich schon verstanden«, erwiderte die Frau kurz angebunden. »Entschuldigen Sie, ich muss jetzt ans andere Telefon.«

»Aber Sie richten es ihr aus?«

»Ja, natürlich. Auf Wiederhören.« Sie legte auf.

Hans-Olof hielt den stummen Hörer noch eine Weile in der Hand, ehe er auflegte und sich sagte, dass es keinen Zweck hatte, sich verrückt zu machen. Er schaltete seinen Computer aus, zog seinen Mantel an, packte seine Tasche und ging.

Der Gedanke, dass auch ihn jemand beobachten könnte, kam ihm überhaupt nicht.

Auf der Schnellstraße ins Zentrum herrschte zäher Verkehr. Es wurde besser, als er kurz vor dem Bahnhof endlich abbiegen konnte. Auf dem Besucherparkplatz vor dem Polizeihauptquartier in der Kungsholmsgatan waren sogar mehrere Parkplätze frei, als er ankam.

Er suchte und fand eine Eingangstür in das große Gebäude. Sein Blick huschte ungeduldig über Anschlagtafeln und Wegweiser, Namen, Abteilungsbezeichnungen und Zimmernummern, doch schienen alle Wege falsch und alle Türen verschlossen. Er begann, sich durchzufragen, aber jeder, den er fragte, wollte wissen, was für ein Anliegen er hatte. »Ich muss etwas melden«, erklärte er nur und weigerte sich, Nachfragen zu beantworten, weil er plötzlich Angst hatte, man könnte ihm nicht glauben. Doch, natürlich würde man ihm glauben! Man hatte keine Veranlassung, seine Worte zu bezweifeln. Er war Professor am Karolinska-Institut, Sektionsleiter im Department für Physiologie und Pharmakologie, stimmberechtigt in der Nobelversammlung, ein international angesehener Wissenschaftler, ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft.

Trotzdem brachte er es nicht über sich, jemanden an der Pforte oder auf den Gängen ins Vertrauen zu ziehen.

Man wies ihm Wege, sagte »geradeaus, dritte Tür links« und dergleichen. Er kam an Leuten vorbei, die auf Sitzbänken warteten und ihn düster anblickten. Seine Schritte hallten in den Fluren, bis sich endlich eine dicke Glastüre mit sattem Einrastgeräusch hinter ihm schloss und er vor einer Art Schaltertresen stand. Auf einmal war es angenehm leise.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte ein junger Mann in blauer Polizeiuniform.

»Ich möchte etwas melden«, sagte Hans-Olof.

Der junge Polizist holte ein Formular unter der Theke hervor und griff nach einem Kugelschreiber. »Ich verstehe. Und was möchten Sie melden?«

»Man versucht, mich zu erpressen.« Jetzt war es heraus. Gut. Die Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen. Hans-Olof atmete aus.

Die Hand des Polizisten mit dem Kugelschreiber verharrte schwebend über dem Formular, so, als sei er sich nicht schlüssig, ob es für diesen Fall überhaupt das richtige war. »Darf ich zunächst nach Ihrem Namen fragen?«

»Andersson. Hans-Olof Andersson«, erklärte Hans-Olof rasch und entschlossen. »Ich bin Professor am Karolinska-Institut.« Es konnte nicht schaden, das von Anfang an klarzustellen.

»Haben Sie Ihren Ausweis dabei?«

Sein Ausweis? Daran hatte er überhaupt nicht gedacht. Aber den musste er im Geldbeutel haben. »Moment«, sagte er und langte in die Tasche.

In diesem Augenblick kam im Hintergrund des Raumes ein anderer Polizist zur Tür herein. Er hatte mehrere grüne Aktenmappen in der einen Hand und einen Apfel in der anderen, in den er gerade kraftvoll hineinbiss. Ohne das Geschehen vorn an der Theke zu beachten, steuerte er auf eine andere Tür zu, die in einen Raum führte, den man durch eine große Glasscheibe einsehen konnte, einen Verhörraum, wie es aussah.

Hans-Olof erstarrte mitten in der Bewegung mit einem Gefühl, als schwände plötzlich alle Kraft aus seinem Körper und als müsse sich als Nächstes die Erde auftun und ihn verschlingen.

Diese weit auseinander stehenden, fischigen Augen! Der Polizist war niemand anders als der Mann, der versucht hatte, ihn zu bestechen.

KAPITEL 8

Er war es, ganz ohne Zweifel. Hans-Olof beobachtete fassungslos, wie der Mann die Tür öffnete, sie hinter sich schloss und in dem Raum dahinter seine Akten auf einen Tisch warf. Was hatte das zu bedeuten? Ein Polizist? Er redete mit jemandem, der vom Tresen aus nicht zu sehen war, und nagte weiter an seinem Apfel. Ein Polizist. Der Mann, der ihm Geld angeboten hatte, der behauptet hatte, nur ein Bote zu sein, war Polizist.

Er hatte Hans-Olof noch nicht entdeckt, aber das konnte nur eine Frage von Sekunden sein. Er brauchte nur den Kopf zu drehen, und nicht einmal weit.

Hans-Olof begriff, dass die Polizei ihm nicht würde helfen können. Wer immer hinter all dem steckte, sie hatten es sogar geschafft, die Polizei von Stockholm zu unterwandern. Hier gab es keine Hilfe. Er war auf sich allein gestellt.

»Hat sich erledigt«, murmelte er und nahm die Hand wieder aus der Tasche.

»Wie bitte?«, fragte der junge Polizist.

Hans-Olof trat langsam einen Schritt von der Theke weg. »Ich, ähm, habe es mir anders überlegt«, sagte er. »Entschuldigen Sie die Störung.« Er wandte sich ab, ging zur Tür und musste an sich halten, nicht zu rennen.

»Hallo, so einfach geht das aber nicht …«

Die Tür war zu! Versperrt. Hans-Olof begriff jäh, dass man aus diesem Raum nur herauskam, wenn jemand auf der anderen Seite des Tresens einen Schalter drückte, der die Tür freigab. Er war gefangen!

»Ich muss gehen«, rief er und rüttelte an dem massiven Türgriff. »Lassen Sie mich hinaus.«

»Hören Sie«, sagte der junge Polizist, »so geht das nicht. Erpressung ist ein Kapitalverbrechen. Wir sind verpflichtet, entsprechenden Hinweisen nachzugehen.«

Sah der Fischäugige schon herüber? Nein. Er hatte seinen Apfel fertig gegessen, drehte sich gerade weg und warf den Butzen irgendwohin, in einen Abfalleimer vermutlich. »Ich habe keine Hinweise«, sagte Hans-Olof. »Ich habe mich geirrt. Einfach geirrt. Machen Sie die Tür auf!«

Der junge Mann blieb ebenso freundlich wie hartnäckig. »Tut mir Leid, ich fürchte, das kann ich nicht –«

In diesem Moment öffnete jemand die Tür von außen, ein großer, unförmiger Polizist mit Walrossschnauzbart und begriffsstutzigem Blick. Hans-Olof reagierte sofort, riss die Tür auf und drängte sich an dem dicken Mann vorbei. »Na, wohin so eilig?«, stieß der überrascht hervor, die Codekarte noch in der erhobenen Hand, aber er gab den Weg frei, und Hans-Olof stürmte an ihm vorbei, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.

Geschrei brandete hinter ihm auf, ein Durcheinander von Stimmen. Nicht stehen bleiben, ermahnte er sich. Nicht umsehen. Und nicht rennen!

Schritte, Rufe, quietschende Absätze auf blankem Marmorboden. Da war eine Ecke, an der er abbiegen konnte. Eine Tür, wie gerufen. Eine Toilette. Hinein. Dunkel war es darin, schwarze Nacht, als er die Tür hastig schloss und sich gegen die Wand presste und darauf wartete und hoffte, dass die Schritte kommen und vorbeigehen würden.

Doch sie kamen nicht.

Hans-Olof lauschte, aber er hörte nichts. Konnte es sein, dass die Mauer so dick, die Tür so schalldicht war? Nichts. Nur Stille und Dunkelheit und sein eigener Atem.

Er tastete nach dem Lichtschalter, drückte drauf. Zwei Neonröhren flackerten auf, rissen zwei Waschbecken, weiße Kacheln und graue Trennwände aus der Schwärze. An der Innenseite der Tür war ein Zettel festgeklebt, auf dem in großen Buchstaben stand: Licht bitte nicht ausschalten! Und in kleinerer Schrift darunter war erklärt: Liebe Kollegen, das Ein- und Ausschalten der Leuchtstoffröhren verbraucht mehr Energie, als sie rund um die Uhr brennen zu lassen, und verkürzt zudem ihre Lebensdauer. Denkt an die Umwelt, und schont diesen Lichtschalter!

Hans-Olof betrachtete sich im Spiegel. Er erschrak über sein Aussehen. Himmel, er war einundfünfzig! Das war weiß Gott nicht mehr das Alter für solche Dinge.

Draußen war immer noch alles still. Was hatte das zu bedeuten? Standen sie schon vor der Tür? Warteten sie nur, dass er herauskam? Hatten sie womöglich Waffen schussbereit im Anschlag?

Er griff nach der Türklinke, zog die Tür auf, vorsichtig, um nichts zu provozieren.

Da war niemand.

Doch, da, eilige Schritte. Hans-Olof fuhr herum und sah eine Frau in hochhackigen Schuhen den Gang entlangkommen, den Blick konzentriert auf das Display ihres Mobiltelefons gerichtet. Sie schien eine SMS zu lesen, jedenfalls lächelte sie verhalten. Als sie an ihm vorbeikam, warf sie ihm nur einen flüchtigen, desinteressierten Blick zu und ging weiter.

Die Toilettentür drückte ihm sanft gegen den Rücken, als wolle sie ihn hinausschieben. Hans-Olof langte geistesabwesend nach dem Lichtschalter, dachte dann aber an die Umwelt und ließ das Licht brennen. Die plötzliche Stille irritierte ihn. Sie war beunruhigender, als es jede Verfolgungsjagd hätte sein können. Sie schien zu bedeuten, dass die schlimmen Dinge anderswo passierten.

Und er ahnte auf einmal, wo. Gütiger Himmel, und wie er es ahnte!

Nur weg von hier, rasch. Er eilte die Treppen hinab, zum Parkplatz, zum Auto. Ließ mit bebenden Händen den Motor an, und als er hinaus auf die Straße bog, hörte er Bremsgeräusche und wütendes Hupen hinter sich. Egal, er schaute sich nicht mal um, fuhr weiter, überfuhr dunkelgelbe Ampeln, wie er es noch nie im Leben getan hatte – außer einmal. Aber daran wollte er jetzt nicht denken, nur fahren, und schnell. Vielleicht hatte er noch eine Chance, seinen Fehler wieder gutzumachen.

Endlich die Schule. Das große gelbe Backsteingebäude lag schrecklich ruhig da, still und verlassen, die riesigen Fenster dunkel wie erloschene Augen, kein einziges Kind war zu sehen. Ein Blick auf die Uhr, ja, der Unterricht war schon zu Ende. Aber so leer war es hier sonst um diese Zeit trotzdem nie.

Hans-Olof parkte auf dem Behindertenparkplatz direkt neben dem Haupteingang, ließ den Wagen unverschlossen und hastete die breite, flache Treppe hinauf. In der Eingangshalle war es dunkel und ruhig wie in einem Mausoleum, und es roch auch so, nach Staub und Chemikalien. Er eilte auf das Sekretariat zu und riss die Tür auf, ohne anzuklopfen.

Eine Frau, die an ihrem Schreibtisch stand und dabei war, Sachen in eine Tasche zu packen, schrak zusammen. »Gott, haben Sie mich erschreckt!« Sie bedachte ihn mit einem entrüsteten Blick und hob ein Buch vom Boden auf, das ihr aus der Hand gefallen war.

Hans-Olof sah sich um. Aktenschränke, Regale, stapelweise Briefkörbe und zwei leere Stühle vor dem langen Schreibtisch, der den Raum teilte. »Wo ist meine Tochter?«

»Ihre Tochter?«, fragte die Frau mit finsterem Blick.

»Kristina. Kristina Andersson.«

»Und was soll mit ihr sein?« Sie sprach sehr undeutlich, so, als würde ihr für jedes klar verständliche Wort Geld vom Gehalt abgezogen.

»Sie sollte doch hier auf mich warten!«

»Hier wartet niemand.«

Ein Gefühl nahenden Unheils, das sich in den letzten Minuten irgendwo tief unten in seinem Bauch zusammengebraut hatte, überschwemmte ihn und wandelte sich in blanke Panik. »Wieso nicht?«, rief er und spürte, dass seine Stimme bebte. »Ich habe Sie doch angerufen und Sie gebeten, meiner Tochter auszurichten, dass –«

»Mich?«, versetzte sie. »Mich bestimmt nicht. Ich war bis eben beim Zahnarzt.« Sie betastete ihr Kinn. »Ich bin immer noch völlig betäubt. Alle fünf Minuten muss ich mich vergewissern, dass mein Unterkiefer noch da ist.«

Hans-Olof sah sie entgeistert an. »Und mit wem habe ich dann telefoniert?«

»Keine Ahnung.«

»Sie müssen doch wissen, wer Sie vertreten hat!«

Sie hatte endlich all ihre Habseligkeiten beisammen und schloss die Tasche. »Das hat die Rektorin organisiert. Aber die ist nicht mehr da. Die Lehrer sind heute Nachmittag alle auf einer Fortbildung.«

Hans-Olof fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach. »Das darf doch nicht wahr sein«, stieß er hervor. Das andere Telefon. Die Frau, mit der er telefoniert hatte, hatte das andere Telefon abgehoben und ihn völlig vergessen.

Er ließ die Sekretärin ohne ein weiteres Wort stehen und stampfte zurück zum Auto.

Kristina konnte zu Hause sein. Sie konnte, da man ihr seine Nachricht nicht überbracht hatte, einfach nach Hause gegangen sein und von nichts ahnen. Ja, bestimmt war es so. Vielleicht. Hoffentlich.

Er warf sich ins Auto, setzte zurück, gab Gas. Eine Frau, die hundert Meter weiter gerade mit ihrem Hund die Straße überqueren wollte, tat eilig einen Schritt rückwärts und zerrte heftig an der Leine, nicht ohne ihn mit einem wilden Blick zu strafen, als er vorbeifuhr.

Es war ihm völlig egal. Sollte sie ihn doch hassen.

Zu Hause angekommen, erschrak er darüber, wie leblos sein Haus wirkte. Oder bildete er sich das nur ein? Selbst die Hand voll Birken, die das Haus umstanden, sahen magerer aus als sonst.

Er stieg aus. Noch war alles möglich. Noch konnte alles Einbildung gewesen sein. Noch. Er zögerte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken, weil das Gewissheit bedeutete, aber dann tat er es doch.

Drehte ihn herum, ganz, und damit stand fest, dass Kristina nicht zu Hause war.

Mit einem jämmerlichen Gefühl schloss er vollends auf und ging hinein. Alles war totenstill – natürlich, wenn sie nicht da war. Normalerweise lief, wann immer er nach Hause kam, irgendein lärmerzeugendes Gerät – ihre Stereoanlage, der Fernseher, das Radio in der Küche –, und zwar auf vollen Touren, unüberhörbar. Trotzdem ging er in ihr Zimmer, um sich zu vergewissern, und natürlich lag es so still und unaufgeräumt da, wie sie es heute Morgen verlassen hatte.

Eine Möglichkeit gab es noch. Er kramte die Liste mit den Telefonnummern ihrer Klassenkameraden heraus, ging zum Telefon und rief Sylvia Wiklund an, das Mädchen, das neben ihr saß und ihre beste Freundin war. Ob Kristina bei ihr sei.

»Nein, wieso?«, fragte sie.

Hans-Olof bemühte sich, ruhig zu wirken, nicht wirklich besorgt, eher, als hätte sich in irgendwelchen Tagesplanungen eine unvorhergesehene Änderung ergeben, die es notwendig machte, dass Kristina möglichst bald nach Hause kam. »Nun, sie ist nicht zu Hause, und ich dachte, vielleicht ist sie bei dir. Ihr macht doch manchmal Hausaufgaben zusammen und so, soweit ich weiß?«

Das Mädchen kicherte, als habe er unbeabsichtigt ein Stichwort geliefert, irgendeine weitere gemeinsame Aktivität der beiden betreffend, von der er nichts wissen durfte. Jungs, vermutlich.

»Ja«, sagte sie dann, »aber heute nicht. Wir haben auch fast nichts auf heute.«

»Weißt du, wo sie sonst noch sein könnte?«

»Nein. Sie wollte eigentlich gleich heimgehen.«

Hans-Olof musste sich setzen. »Bist du sicher? Könnte sie nicht bei einer anderen Freundin sein?«

»Nej, glaub ich nicht«, meinte das Mädchen unbekümmert. »Höchstens bei Annika, aber mit der hat sie sich verkracht.«

Er rief Annikas Mutter trotzdem an und erfuhr, dass Kristina tatsächlich nicht dort war. Und dann saß er da, im erdrückend stillen Flur seines Hauses, und starrte vor sich hin, stundenlang, wie es ihm vorkam. Er fühlte sich wie betäubt. Er wusste nicht mehr weiter. Was um alles in der Welt sollte er denn jetzt machen?

Aber natürlich wusste er, was er jetzt machen musste. Er nahm das Telefon mit ins Wohnzimmer, stellte es vor sich auf den Couchtisch und sah hinaus auf das magere Gras und die dürren Bäume vor der Terrasse, während er wartete, dass der Anruf kam, der kommen musste.

Er musste sehr lange warten. Ein stiller, schweigsamer Nachmittag verging, die Schatten der Birken wanderten über die Büsche am Rand des Grundstücks, und der Himmel färbte sich schon orangerot, als das Telefon endlich klingelte.

»Andersson.«

»Guten Abend, Professor.« Es war wieder die Stimme, die klang, als litte ihr Besitzer an einer akuten Halsentzündung. Sie sprach immer noch ein ungeschlachtes Englisch. »Sie hätten heute beinahe etwas sehr Törichtes getan, deshalb mussten wir schneller handeln, als wir es eigentlich vorhatten. Wir bedauern das. Sehr sogar, aber Sie haben uns leider keine Wahl gelassen.« Eine winzige Pause. »Wie Sie sich sicher vorstellen können, ist unsere Verhandlungsbasis nun nicht mehr das Geld.«

»Wie geht es meiner Tochter?«, fragte Hans-Olof tonlos. Die ersten Stunden des Wartens hatte er in Vorstellungen darüber geschwelgt, was er den Entführern Kristinas alles an den Kopf werfen, mit welchen Worten er ihnen seine Verachtung zeigen würde, aber irgendwann hatten die Mühlen seines Geistes hohl gedreht, und nun war nichts mehr von all der Wut und Verzweiflung übrig, nur grenzenlose Müdigkeit.

Die Stimme bekam einen beinah fürsorglichen Unterton. »Keine Sorge, Kristina geht es gut.«

»Ich möchte sie sprechen.«

»Selbstverständlich. Ich muss Sie nur vorsorglich ermahnen, nicht zu versuchen, Ihrer Tochter Hinweise auf ihren Aufenthaltsort zu entlocken. Wir sind vernünftige Menschen, Professor Andersson. Wenn Sie auch vernünftig sind, wird es keine Probleme geben.«

»Ich werde vernünftig sein. Geben Sie sie mir.«

Der Hörer wurde ohne Kommentar weitergereicht, und im nächsten Moment vernahm er die zittrige, aber unverkennbare Stimme seiner Tochter. »Papa?«

»Kristina, ich bin es«, sagte er. Er musste ihr Zuversicht vermitteln, das Gefühl, dass alles ein gutes Ende nehmen würde. »Wie geht es dir? Geht es dir gut?«

»Ich weiß nicht …«, sagte sie. Auch sie riss sich zusammen, nicht zu heulen, das war zu hören. »Ich habe Angst.«

»Haben sie dir etwas getan?«

»Nein, aber sie tragen alle diese Masken und so … Und ich darf hier nicht raus, sagen sie.«

»Ich weiß. Sie wollen, dass ich etwas Bestimmtes mache, und sobald ich das gemacht habe, werden sie dich wieder freilassen. Ich werde natürlich tun, was sie verlangen, mach dir keine Sorgen. Sei tapfer. Es wird bestimmt alles gut.« Himmel, was redete er für einen Blödsinn! Aber was sollte man denn tun, wenn man nur diese dünne Telefonleitung zu seinem einzigen Kind hatte, nur reden konnte, anstatt es in die Arme zu nehmen, wie es jetzt nötig gewesen wäre?

Ein leiser Schluchzer. Tränen, die sie erst herunterschlucken musste. »Okay«, sagte sie.

Dann war sie wieder verschwunden und die halskranke Stimme zurück in seinem Ohr. »Also, Professor Andersson, die Spielregeln sind wie folgt. Sie verlieren kein Wort über diese Angelegenheit, gegenüber der Polizei nicht und auch gegenüber sonst niemandem. Morgen früh melden Sie Kristina in der Schule krank, damit dort keiner unnötig Verdacht schöpft. Und dann gehen Sie in die Nobelversammlung und stimmen dafür, dass Frau Professor Sofía Hernández Cruz der diesjährige Nobelpreis in Medizin und Physiologie zuerkannt wird, und zwar ungeteilt. Das ist schon alles. Wenn Sie sich an diese Regeln halten, werden Sie Ihre Tochter wohlbehalten wiedersehen. Wenn nicht, nicht. Ist das so weit klar?«

»Ja«, bestätigte Hans-Olof Andersson. »Völlig klar.«

»Es ist mir immer eine Freude, es mit Menschen von rascher Auffassungsgabe zu tun zu haben«, sagte der Unbekannte.

Im nächsten Moment war die Leitung stumm. Er hatte ohne ein weiteres Wort aufgelegt.

KAPITEL 9

Erst konnte er nicht einschlafen in dieser Nacht, dann schlief er wie betäubt und erwachte beim ersten Licht des Morgens in einem Haus, das viel zu still war. Er lag lange wach, unfähig, sich zu rühren, sah reglos zu, wie das Grau der Dämmerung den fahlen Farben eines Herbstmorgens wich, wälzte sich schließlich mit dem Gefühl aus dem Bett, völlig ausgebrannt zu sein. Seine eigenen Schritte dröhnten ihm in den Ohren, aber irgendwie schaffte er es, sich zu waschen und zu rasieren und zu funktionieren und zu frühstücken und seinen besten Anzug anzuziehen, den, den er immer getragen hatte an diesem stolzen Tag.

Heute war kein stolzer Tag. Heute war der Tag der Niederlage. Heute war der Tag, an dem das Böse triumphierte.

Ehe er aufbrach, rief er in Kristinas Schule an. Diesmal vergewisserte er sich, auch wirklich die Schulsekretärin am Apparat zu haben, und erklärte ihr dann, dass seine Tochter krank sei und für ein paar Tage das Haus hüten müsse.

»In Ordnung«, sagte sie, »ich trage es ein.« Sie wusste, dass er Mediziner war. Sie würde nicht auf die Idee kommen, seine Worte anzuzweifeln. Und falls sie sich noch Gedanken über sein gestriges Verhalten machte, ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken.

Wahrscheinlich hatte sie es längst vergessen. Oder überhaupt nicht bemerkt, dass er in Panik gewesen war.

Es regnete, als er am Nobelforum ankam. Das schlechte Wetter und die Präsenz der Sicherheitsleute veranlassten die bereits anwesenden Journalisten zu wohltuender Zurückhaltung, und Hans-Olof konnte das Gebäude betreten, ohne mit Fragen behelligt zu werden. Sie liefen sich erst warm, die Fernsehleute. Der Nobelpreis für Medizin und Physiologie war traditionell der erste, über den entschieden wurde. Er sah Männer in Ölzeug, die zwischen einem Fernsehwagen und einem Seiteneingang, durch den man das Wallenberg-Auditorium im hinteren Teil des Gebäudes erreichte, Kabel verlegten. In diesem Saal würde frühestens um elf Uhr dreißig die Pressekonferenz stattfinden, auf der das Nobelkomitee den oder die Gewinner bekannt gab.

Viele der anderen Professoren waren schon da, standen in kleinen Gruppen im Foyer verteilt, unterhielten sich, scherzten. Hans-Olof war nicht zum Scherzen zumute. Er ging schweigend in die Garderobe, hängte seinen Mantel an einen der Kleiderbügel, die dort in langen, hungrigen Reihen bereithingen, und empfand Unbehagen beim Anblick der feuchten Flecken, die seine Schuhe auf dem Boden aus poliertem Jämtlander Kalkstein hinterließen. Als folge ihm ein Schatten, der darauf wartete, ihn zu verraten.

Unbehelligt erreichte er die Treppe, die hinaufführte auf die von schlanken Säulen getragene Galerie. Das hohe, schmale Fenster aus Glasblöcken glomm Unheil verkündend über ihm, als er die Stufen hochstieg und sich schuldig fühlte. Bloß: Warum eigentlich? Er hatte doch schon lange bevor dieses ganze Unheil auf ihn hereingebrochen war vorgehabt, für Sofía Hernández Cruz zu stimmen. Dass ihm nun genau das befohlen worden war, änderte nichts daran, dass es seine ursprüngliche, freie Entscheidung gewesen war. Er tat nichts Unrechtes. Er hatte sich nicht bestechen lassen, und er musste nicht einmal den Geist Alfred Nobels verraten, um seine Tochter heil zurückzubekommen.

Denn darum ging es. Um Kristina. Seinetwegen war sie in Gefahr. Seinetwegen machte sie all das durch. Wie mochte sie die Nacht verbracht haben? Wie mochte es ihr gerade gehen? Wie würde sie dieses Ereignis verkraften?

Und: Hatten ihre Entführer ihr auch wirklich nichts angetan? Einem bildhübschen, vierzehnjährigen Mädchen?

Wenn er nur mit mehr Überlegung gehandelt, sie zuallererst von der Schule abgeholt hätte …!

Und dann?, sagte ein anderer, fatalistischer gestimmter Teil von ihm. Dann wären sie nachts gekommen, wären in dein Haus eingedrungen und hätten dich mit Waffengewalt gezwungen. Diese Leute, das hatten sie gezeigt, waren zu allem entschlossen und schreckten vor nichts zurück.

Er blieb an der Galerie stehen, sah hinab ins Foyer. Die erhebende Stimmung, die ihn in den vorangegangenen Jahren an diesem Tag und an diesem Ort immer erfüllt hatte, würde sich heute nicht einstellen. Heute kam ihm das alles absurd vor, wie ein belangloses Theaterstück, in dem er sich verpflichtet hatte, eine unbedeutende Nebenrolle zu spielen. Und war es nicht genau das? Eine im Grunde profane Prozedur, ein ausgeleiertes Ritual um den Vorgang, einen Betrag von rund sechzehn Millionen Schwedische Kronen an einen oder mehrere Leute zu verschenken.

Geld. War es nicht von Anfang an das Geld gewesen, das dem Nobelpreis seinen Nimbus verliehen hatte? Die Dotierungen der ersten Jahre hatten im Schnitt fünfundzwanzig Jahresgehältern eines Universitätsprofessors entsprochen – eine unfassbare Summe. So unfassbar, dass sie sich alle dem Willen des toten Nobels gebeugt hatten: die Schwedische Akademie, das Norwegische Parlament, das Karolinska-Institut. Sogar der schwedische König hatte sich für die Zeremonien vereinnahmen lassen, ohne dass heute noch jemand die Frage stellte, warum eigentlich.

Geld. Drei Kollegen aus der Gentechnik, mit denen Hans-Olof sonst nie zu tun hatte, gingen hinter ihm vorbei, ohne ihn zu beachten, und er schnappte ein paar Fetzen ihres Gesprächs auf, das sich um Aktienkurse und die Performance von Investmentfonds drehte. Es schien kein anderes Thema mehr zu geben auf dieser Welt.

Er ging in Richtung der Speiseräume, wo erfahrungsgemäß Kaffee bereitstand. Als er sich der Lounge näherte, hörte er ein paar Leute über die bevorstehende Abstimmung sprechen, in einem entsetzlich gelangweilten Ton, so, als sei sie nichts Erhabenes, Großartiges, Geschichtsträchtiges, sondern nur eine belanglose, höchst lästige Formalität. Er musste stehen bleiben. Nein. Er würde es nicht ertragen, diesen Kollegen zu begegnen.

Also ging er zurück. Plötzlich war ihm, als drängten von überall her Satzfetzen fremder Gespräche auf ihn ein, und in allen ging es um Geld, um Geschäfte, um das, was ein Boot kostete oder ein neues Auto oder ein Haus. Er sah hinab ins Foyer, in die Gesichter, und las nur Banalität darin, pure Stumpfsinnigkeit, bar jeden Empfindens für das Erbe, das ihnen anvertraut war.

Warum hatte es ihn treffen müssen? Warum nicht einen von den anderen? Jeder von denen, so kam es ihm vor, hätte das Geld einfach genommen, und niemand hätte leiden müssen.

Kristina, dachte er. Ich tue, was sie verlangen. Heute Abend bist du wieder zu Hause.

Es war noch zu früh, um in den Versammlungsraum zu gehen, aber er hielt es draußen nicht mehr aus. Es war nicht der Drang, pünktlich zu sein, nicht einmal Ungeduld, es war das Bedürfnis nach einem Rückzugsort, das ihn bewegte. Durch die offene Tür hindurch leuchtete der Raum, dessen Wände tiefrot waren, wie eine frisch geöffnete, hell ausgeleuchtete Operationswunde – kein Anblick, der einen Mediziner schrecken konnte. Hans-Olof trat an das Schreibpult neben dem Eingang und setzte seinen Namenszug an die dafür vorgesehene Stelle der Anwesenheitsliste. Mit einer zweiten Unterschrift auf einem anderen Formular bestätigte er, sich der Verpflichtung bewusst zu sein, über den Verlauf der Abstimmung und alle Ereignisse während der Versammlung fünfzig Jahre lang Stillschweigen zu bewahren. Dann trat er ein – und endlich kam es doch noch auf, jenes köstliche Gefühl, mit dem andere eine Kirche betreten mochten, das für ihn aber für immer mit den Naturwissenschaften verbunden sein würde. Hier betrat er ihren Olymp, und es tröstete ihn, dass er trotz allem imstande war, sich davon anrühren zu lassen.

Die Mitte des Raumes nahm ein gewaltiger runder Tisch aus geöltem Kirschholz ein, der eigens für die Versammlungshalle entworfen worden war, wie das gesamte Mobiliar des Nobelforums. Dennoch fand nicht einmal die Hälfte der Stimmberechtigten daran Platz. Am Tisch saßen in der Regel die fünf ständigen und die zehn beigeordneten Mitglieder des Komitees, außerdem einige der älteren oder berühmteren Kollegen sowie ein paar, die aus anderen Gründen gleicher als gleich waren. Die Stimmführer. Die Partylöwen. Leute mit einflussreichen Verbindungen in die Industrie. Die Alphatiere eben, die es in jeder Gruppe gab.

Hans-Olof hatte noch bei keiner Nobelversammlung am Tisch gesessen. Er ging die Polsterstühle ab, die entlang der Fenster und Wände standen, und las die Namen auf den Kärtchen, die darauf lagen. Auf drei der Stühle hatte jemand die gerahmten Fotos der toten Professoren gestellt, jedes mit bauschigem schwarzem Flor versehen. Seinen eigenen Platz fand er schließlich in der unattraktivsten Stuhlreihe, derjenigen unter den schwarz-weißen Wandteppichen, die in ihrer Gesamtheit ein Kunstwerk mit dem Titel Grenze zwischen Dunkel und Licht darstellten. Irgendwie passend.

Hans-Olof setzte sich und spürte wieder diesen Druck in der Brust, der ihm das Herz zusammenzupressen schien. Angina Pectoris? Alfred Nobel hatte in den letzten Jahren seines Lebens daran gelitten und hatte, ein Treppenwitz der Weltgeschichte, mit Nitroglycerin behandelt werden müssen, jenem Stoff, auf dessen Nutzbarmachung als Sprengstoff sein unternehmerisches Werk beruhte. Erst vor einigen Jahren waren die drei amerikanischen Wissenschaftler Furchgott, Ignarro und Murad mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden, weil sie entdeckt hatten, dass es sich bei dem Botenstoff EDRF , der dafür verantwortlich ist, dass das Gewebshormon Acetylcholin imstande ist, Blutgefäße zu weiten, um nichts anderes als simples Stickstoffmonoxid handelte, womit erstmals erklärt worden war, worauf die krampflindernde Wirkung von Nitroglycerin beruhte.

Hans-Olof schloss die Augen, spürte kalten Schweiß auf der Stirn und dem Rücken, wartete einfach, und schließlich vergingen die Schmerzen von selbst.

Nach und nach kamen die anderen herein, tröpfelnd zuerst, dann in einer regelrechten Flut, dann wieder tröpfelnd. Als Letzter betrat Ingmar Thunell den Raum. Ein Wachmann schloss hinter ihm die Tür.

Der Vorsitzende des Nobelkomitees setzte sich nicht.

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