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Der Nine-Eleven-Junge

BASTEI ENTERTAINMENT

Ein paar Dinge, die ihr wissen solltet

Bei den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York wurde mein Vater getötet. Ich war damals erst zwei, deshalb erinnere ich mich kaum an ihn, aber wenn mich jemand fragt, behaupte ich einfach, dass ich es täte. Ich werde oft nach meinem Dad gefragt. Normalerweise antworte ich mit einem Achselzucken oder gucke auf meine Schuhe. Aber das scheint niemanden zu stören: Anscheinend ist es okay, wenn ich manchmal unhöflich oder ein bisschen komisch bin, schließlich bin ich ja der Junge, dessen Dad beim 11. September getötet wurde.

Aber in dem Buch hier geht es gar nicht um den 11. September. Es handelt von dem Sommer, in dem meine Mutter wegging; von dem Sommer, in dem Jed, Priti und ich versucht haben, einen Selbstmordattentäter zu fangen und einen Ehrenmord zu verhindern; von dem Sommer, in dem Stevie Sanders verschwand und wir eine Rassenunruhe verursachten. Es geht darum, wie wir ein Baumhaus bauten und für das Bombenräumkommando arbeiteten; wie ich zu meinem Vater fand und Jed seinen Dad verlor; und wie wir beide unsere Mütter verloren und sie wiederfanden.

Also geht es eigentlich gar nicht um das sogenannte »Nine-Eleven«, aber andererseits wäre nichts davon passiert, wenn es jenen Tag nicht gegeben hätte. Und damit sind wir wieder am Anfang. Irgendwie jedenfalls …

13. Juli

Was ich über meinen Dad gern wüsste

  1. Wer war seine Lieblingsfigur in Star Wars? War er ein Fan der Dunklen Seite der Macht? Mochte er Darth Vader oder Darth Maul? War ihm der junge Obi-Wan lieber oder der alte?
  2. Wenn er sich hätte aussuchen können, ob England die Weltmeisterschaft gewinnt oder Aston Villa einen Triple schafft, wofür hätte er sich entschieden?
  3. Welchen Sportler des Jahres fand er von allen am besten?
  4. Konnte er Feuer machen, indem er Hölzchen gegeneinander rieb?
  5. Was war sein Rekord bei Kick-ups?
  6. War er eher ein Morgenmensch oder ein Nachtmensch?
  7. Wäre er der gute Bulle oder der böse Bulle gewesen? (Mum sagt, sie ist es leid zu versuchen, beides zugleich zu sein.)
  8. Wie hat er gerochen, und wie hat es sich angefühlt, ihn in die Arme zu nehmen?
  9. Was hat er von mir gehalten?
  10. Mehr Fragen fallen mir nicht ein, und das ist ziemlicher Mist. Man sollte ja meinen, ich hätte unzählige Fragen über meinen Vater, weil ich mich kaum an ihn erinnere und er unter so tragischen Umständen gestorben ist, aber ich kriege nicht mal zehn Stück zusammen. Was sagt das eigentlich über mich aus?

Das Zimmer hat früher Dad gehört. Als er noch ein Junge war, hat er es sich mit seinem Bruder Ian geteilt. Sie haben die Leuchtsterne an der Decke festgemacht und den ganzen Fensterrahmen mit Schlumpfbildern beklebt. Auf dem Bücherbord stehen ein paar Preise, die Dad gewonnen hat – Schachmeister, Bester Spieler unter zwölf Jahren und dergleichen. Und an der Wand hängt der Wimpel für den 2. Platz bei einer Ruderregatta. Er verdeckt eine Kritzelei auf der Tapete. Also hat er vielleicht gern gezeichnet, so wie ich.

Ich werde hier schlafen, genauso wie beim letzten Mal. Und wie beim letzten Mal weiß ich nicht, wie lange ich hierbleiben muss, und es hat keinen Sinn, Oma und Opa zu fragen, weil sie es auch nicht wissen.

Deshalb sitze ich jetzt auf der Fensterbank und zeichne. Das mache ich immer, wenn mir so etwas passiert wie jetzt: Ich zeichne. Vor allem einfache Skizzen und Cartoons – was mir eben so in den Sinn kommt. Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie hilft es mir.

Zuerst zeichne ich die Vögel auf den Telefondrähten. Ich zeichne sie mit Handys, die sie sich an die Schnäbel halten, dann lasse ich Telefonnummern um ihre Köpfe kreisen, die so schnell herumschwirren, dass sie Glupschaugen bekommen. Dann fange ich an, ein Mädchen zu zeichnen, das einen Telefonhörer in der Hand hat, aber plötzlich sieht sie aus wie Mum, und ich höre auf, weil ich nicht an Mum denken will.

Ich lege den Bleistift hin, fahre mit dem Finger über die verblassten Schlumpfaufkleber meines Vaters und starre aus dem Fenster.

Ich kann meine Großeltern unten reden hören.

»Wie ging es ihr?« Das ist meine Oma.

»Genauso wie letztes Mal«, antwortet Opa.

Also bin ich wieder nicht schlauer als vorher.

Ich nehme meinen Bleistift wieder in die Hand und gucke aus dem Fenster, ob ich etwas anderes sehe, das ich zeichnen könnte.

Die Sackgasse ist leer bis auf das kleine Prollmädchen (so nennt Opa sie, aber ich glaube, in Wirklichkeit heißt sie Stevie). Auf ihrem rosa Kinderfahrrad mit Troddeln an den Lenkergriffen fährt sie Kreise in der Einfahrt vor dem Haus ihrer Eltern. Sie ist schon ewig da und ganz allein. Ich zeichne ein Bild von ihr – ein Cartoonmädchen mit riesigen Bambiaugen und einem winzigen Körper in viel zu großen Schuhen. Ich lasse sie ihr Fahrrad durch einen Wirbelsturm am Himmel fahren – so wie die Hexe im Zauberer von Oz –, dann füge ich alles Mögliche hinzu, was um sie herumwirbelt: eine Waschmaschine, ein Paar Gummistiefel, aneinanderklappernde Stricknadeln, eine Kuh mit Hula-Hoop-Reifen, ein Goldfischglas auf einem Klavier.

Ich mustere das Haus gegenüber. Opa sagt, dass eine pakistanische Familie dort eingezogen ist. Die meisten Nachbarn in der Sackgasse sind so alt wie meine Großeltern, bis auf die Sanders (Stevies Familie) nebenan und jetzt die »Orientalen« im Haus auf der anderen Straßenseite.

Ich frage mich, ob sie Kinder in meinem Alter haben, als die Tür des Orientalenhauses (das hat auch Opa gesagt) sich öffnet und das merkwürdigste Mädchen herauskommt, das ich je gesehen habe.

Sie ist ungefähr zehn, schätze ich, vielleicht elf. Ihre Haut hat die Farbe von Karamell, und ihre dicken Haare sind links und rechts am Kopf von krausen pinken Dingern zusammengebunden, mit denen sie aussieht wie ein Pudel. Sie trägt ihre Schuluniform, daher nehme ich an, dass sie noch keine Ferien hat. Ich sollte wahrscheinlich froh sein, dass ich die letzte Woche des Schuljahres verpasse, aber ich bin es nicht – nicht so richtig jedenfalls. Über ihrer Schuluniform trägt das Mädchen eine Art rotes Tutu, und an den Füßen hat sie Heelys, diese Turnschuhe mit den eingebauten Rollen in den Fersen – das sehe ich an der Art, wie sie damit herumflitzt. Die Schuhe sind grellpink und sehen sehr neu aus.

Sie schaut hoch und sieht mich im Fenster, aber sie beachtet mich nicht. Dann fährt sie in der Einfahrt auf und ab. Sie fährt saubere Kreise und kommt schließlich mit einem Schlenker vor der Haustür zum Stehen – als wäre sie eine Olympiaturnerin oder eine Eiskunstläuferin oder so was. Stevie bleibt stehen und sieht zu, aber das Haarbüschelmädchen beachtet sie ebenso wenig wie mich und fährt weiter.

Ich zeichne eine Superheldin mit Rädern an den Schuhen – mit großen fliegenden Haarbüscheln, und die Räder in ihren Absätzen drehen sich mit Lichtgeschwindigkeit. Sie zischt an Stevie auf ihrem fliegenden Fahrrad vorbei, und an der Kuh mit dem Hula-Hoop-Reifen und dem auf dem Kopf stehenden Klavier mit dem Goldfischglas.

Und dann, plötzlich, hält das Heely-Mädchen an, stellt sich auf die Absätze, stützt die Hände in die Hüften und starrt zu dem Fenster hoch, in dem ich sitze. Starrt mich direkt an. Und winkt.

Fünf Minuten später steht sie vor der Tür. Sie lehnt sich auf die Radabsätze zurück, sodass sie leicht nach hinten geneigt ist. Sie will mich abchecken.

»Ich bin Priti Muhammed«, sagt sie. Sie schaut dabei meine Oma an; mich übersieht sie demonstrativ. »Aber meine große Schwester sagt, das bin ich gar nicht. Pretty, meine ich, hübsch. Sie findet, wir sollten die Namen tauschen, aber sie ist total eingebildet und egozentrisch, also kann man von ihr auch nichts anderes erwarten, oder? Jedenfalls, meine Mum sagt, ich soll Ihren Jungen fragen, ob er mit mir rumhängen will.«

Ich sage kein Wort.

Oma lächelt. »Na, ich finde, du bist sehr hübsch«, sagt sie. »Und es ist sehr lieb von dir, dass du mit Ben spielen möchtest. Was sagst du dazu, Ben?«

Ich sollte einfach behaupten, dass ich müde bin (das Heely-Mädchen ist nämlich ganz eindeutig jünger als ich – und ein Mädchen), aber anstatt das zu sagen, werde ich richtig rot und bekomme plötzlich kein Wort mehr heraus.

»Kann er nicht reden?«, fragt Priti und guckt mich seltsam an. Ganz klar, sie hält mich für komisch.

»Er hatte nur einen schweren Tag«, sagt Oma sanft. »Was meinst du, Ben? Möchtest du mit Priti ›rumhängen‹?«

Ich zucke mit den Schultern (und ich spüre, wie mein Gesicht die Farbe eingelegter Roter Bete annimmt).

»Na, das sieht doch nach einem Ja aus, Priti«, sagt Oma fröhlich.

Mir rutscht das Herz in die Hose. Ich weiß, sie will mir nur helfen, aber ich wollte etwas anderes sagen.

Priti grinst von einem Ohr zum anderen.

Ich stelle mir vor, wie ich eine Grinsekatze mit Pritis Gesicht zeichne. Statt Ohren hat sie riesige Haarbüschel. Und sie trägt pinkfarbene Heelys.

Priti schießt den Weg vor dem Haus entlang, und ich muss ihr nachlaufen.

»Also, was willst du machen?«, fragt sie, als ich sie schließlich einhole.

Ich zucke mit den Schultern.

Wir sehen uns in der Sackgasse um. Die kleine Stevie ist von ihrem Fahrrad gefallen und weint. Ich überlege, ob wir hinübergehen und ihr helfen sollen, aber ihre Mutter lehnt sich aus dem Fenster und brüllt sie an, sie solle mit dem Heulen aufhören und reinkommen. Stevie steht auf und humpelt ins Haus. Das rosa Fahrrad lässt sie liegen. Sie blutet am Knie, und ihr Gesicht ist tränenüberströmt. Als sie weg ist, gibt es nicht mehr viel zu sehen.

Priti dreht sich um, sieht mich mit gekrauster Nase an und fragt: »Du kannst aber schon reden, oder?«

»Ja!«, sage ich und werde wieder rot. »Ich bin nicht zurückgeblieben oder so was.«

»Gut, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Du redest aber komisch. Wo kommst du eigentlich her?«

»Aus Somerset«, sage ich.

»Nie davon gehört. Das ist auf dem Land, oder?«

Ich nicke.

»Das erklärt, wieso du so komisch redest.«

»Ich rede nicht komisch.«

»Tust du wohl. Du sprichst jedes I wie ein Oi aus.«

»Mache ich nicht!«

»Doch, hast du gerade gemacht. Du klingst wie ein Bauer.«

Ich will ihr entgegnen, dass sie durch die Nase spricht, aber sie lässt mir keine Gelegenheit.

»Warum bist du jetzt überhaupt hier?«, fragt sie.

»Ich besuche meine Großeltern.«

»Ja, das hab ich kapiert. Aber wieso?«

»Muss es dafür einen Grund geben?«

»Nein, aber es gibt einen, oder? Ich merke so was sofort.«

Ich zucke nur mit den Schultern, weil ich nicht darüber reden möchte, aber Priti lässt sich nicht beirren. »Was ist es also? Haben deine Mum und dein Dad sich scheiden lassen? Oder habt ihr Schweinepest? Oder Maul und Klauen oder wie das heißt, was man auf dem Land kriegen kann?«

»Nein, nichts in der Richtung.«

»Also gibt es wirklich was!«, ruft sie. »Ich hab’s gewusst. Man merkt das immer.«

»Woran merkt man das denn?«, frage ich.

In Gedanken zeichne ich ein riesiges Klavier, das vom Himmel fällt und auf ihrem Kopf landet.

Krach! Klimper! Klimper!

»Du siehst aus wie einer dieser traurigen Hunde auf den Plakaten, auf denen steht, dass du einen Hund nicht nur zu Weihnachten, sondern für sein ganzes Leben bekommst«, sagt sie.

»Wenigstens habe ich keine Pudelfrisur«, brumme ich, aber sie beachtet mich nicht.

»Deine Klamotten sind ja ganz okay«, sagt sie, dann fügt sie hinzu: »Aber so richtig passen die Sachen nicht zu dir.«

»Herzlichen Dank.« Ich versuche sarkastisch zu klingen, aber es gelingt mir nicht richtig.

Aber wahrscheinlich hat sie recht. Meine Klamotten sind hauptsächlich abgelegte Sachen von meinem ultracoolen Cousin Jed. Seine Mum, meine Tante Karen, gibt immer an meine Mum weiter, was ihm nicht mehr passt. Oder wenigstens hat sie das bis letztes Jahr gemacht. Jed trägt vor allem Markenkleidung, aber ich bin nicht gerade ein Markentyp. Was Priti offenbar sofort gemerkt hat.

»Kauft deine Mum dir deine Sachen?«, fragt sie.

»Nein!«, erwidere ich schnell.

»Meine versucht es, aber ich lasse sie nicht«, sagt sie. »Sie ist Akademikerin, deshalb hat sie kein Stilempfinden. Ist ja klar.«

»Was ist eine Akademikerin?«, frage ich und werfe einen Blick auf das Zeug, das Priti trägt.

»So was wie eine Professorin. Sie arbeitet an der Universität und hält Mode für ein feministisches Problem.«

»Klar«, sage ich, obwohl ich nicht die leiseste Ahnung habe, wovon sie redet.

»Es geht also um deine Mum«, sagt sie.

»Was?«

»Der ›schwere Tag‹, den du hattest. Der Grund, warum du hier bist. Stimmt’s, oder hab ich recht?«

»Meine Mum ist krank, okay? Sie musste ins Krankenhaus. Bist du jetzt glücklich?«

»Darüber glücklich zu sein wäre ziemlich seltsam«, erwidert Priti ernst. Dann grinst sie. »Aber es ist immer schön, wenn man recht hat!« Sie neigt sich auf ihren Heelys nach hinten. »Hast du Lust, mit mir Skateboard zu fahren? Wir könnten uns abwechseln.«

Als Priti sich bereit macht loszulegen, fische ich mein Skizzenbuch aus der Tasche und kritzle eine Superheldin mit Superhaarbüscheln, die auf riesigen Heelys einen Salto durch die Luft macht, umgeben von Ausrufezeichen und Sternchen.

Dann rast Priti los, und plötzlich fliegt sie wirklich durch die Luft. Mit dem Hintern landet sie auf dem Asphalt.

Einen Augenblick lang glaube ich, dass sie gleich weint, aber sie fängt an zu lachen. »Zu viele Räder«, sagt sie, schüttelt sich die Schuhe von den Füßen und fängt noch mal an, nur auf Socken. Diesmal schafft sie die Steigung der Einfahrt und landet mühelos.

»Ich bin elfeinviertel«, sagt sie dabei. »Wie alt bist du?«

»Zwölf«, antworte ich, »und acht Monate.«

»Für dein Alter bist du aber ziemlich klein«, sagt sie und stellt sich in ihren weißen Socken vor mich auf den warmen, schmutzigen Asphalt. »Ich wette, ich bin fast so groß wie du.«

»Nur weil du dich auf die Zehenspitzen stellst.«

Sie blickt auf ihre Füße – über den Zustand ihrer Socken macht sie sich anscheinend keine Gedanken – und zuckt mit den Schultern.

»Was malst du da?«, fragt sie und guckt auf meinen Block.

»Dich«, antworte ich.

»Oh.« Sie verdreht sich, damit sie besser sehen kann. »Cool! Ich sehe aus wie eine kleine Lara Croft.«

»Mit Tutu und Haarbüscheln«, sage ich.

»Du malst echt gut.«

»Danke.«

»Meine Mum würde sagen, das Zeichnen von Cartoons ist für dich eine Art Flucht aus deiner sorgenbeladenen Existenz.«

»Ich habe keine sorgenbeladene Existenz.«

»Wenn du meinst.« Sie zuckt wieder die Schultern. »Du bist dran«, sagt sie dann und gibt mir das Skateboard. »Du kannst das doch, oder?«

»Sicher«, sage ich und nehme das Board. Sie zieht eine Augenbraue hoch (aus eigenen Versuchen weiß ich, dass das schwieriger ist, als es aussieht) und verschränkt die Arme vor der Brust. Es ist offensichtlich, dass sie nur darauf wartet, dass ich es vermassele.

Zum Glück kann ich wirklich skateboarden, wenn auch nicht so gut wie Priti. Ich überspringe die Einfahrt und lande ein bisschen unbeholfen auf der anderen Seite.

»Nicht schlecht«, sagt sie, als ich ihr das Skateboard wiedergebe. »Und ich weiß jetzt auch, warum du hier bist.«

»Weil ich’s dir vorhin gesagt habe.«

»Jaja, aber dann hab ich gedacht: Wenn seine Mum so krank ist, warum ist er nicht bei seinem Dad? Ich hab überlegt, dass dein Dad ein Spion sein könnte oder ein Arktisforscher, oder er sitzt im Container einer Reality-TV-Sendung, oder er hat sich gerade scheiden lassen, oder er liegt im Koma oder so was Langweiliges. Aber dann fiel es mir wieder ein.«

Ich senke den Blick. Ich weiß, was jetzt kommt.

»Ich habe mich erinnert, was mein Bruder gesagt hat, als er hörte, wie meine Mum meinem Dad erzählte, dass die Mum von dem Mädchen mit dem pinken Fahrrad ihr gesagt hätte, dass der Sohn deiner Oma am 11. September getötet wurde«, sagt sie, ohne Luft zu holen. »Und das muss dein Dad gewesen sein, richtig?«

Ich nicke.

Sie hält ganz kurz inne. »Also, was heißt das eigentlich?«

Ich sehe auf. »Hast du noch nie vom 11. September gehört?«, frage ich.

»Nie!« Sie schüttelt den Kopf, und ihre Haarbüschel flattern hin und her wie riesige Hundeohren.

»Aber jeder weiß, was der 11. September war!«, rufe ich und überlege, ob sie lügt. »Wird das an deiner Schule nicht durchgenommen?«

»Ist das ein ›ethnisch heikles‹ Thema?«, fragt Priti und zupft sich klebrigen Asphalt von der Sohle ihrer Socke.

»Schon, denke ich«, sage ich.

»Weil unsere Lehrer diesen Themen normalerweise ausweichen.«

»Wieso?«

»Hohes Verhältnis muslimischer Schüler mit Migrationshintergrund zu weißen, noch unverbeamteten Lehrern«, sagt sie rasch, und es klingt, als würde sie aus der Zeitung vorlesen. »Meine Mum glaubt, alle unsere Lehrer sind ›weiß und grün‹ – das heißt, jung und unerfahren, nicht wirklich grün, so wie Außerirdische. Das wäre zwar auch cool, aber dann könnte man sich bei ihnen nicht so viel erlauben. Jedenfalls, Mum glaubt, sie haben alle Angst, etwas zu sagen, das ›ethnisch verfänglich‹ ist. Deshalb halten sie sich von allen heiklen und schwierigen Themen fern. Ich persönlich finde, das ist eine Schande, weil eine fundierte Diskussion eine wertvolle Grundlage in der Ausbildung darstellt, aber was soll man machen?«

»Ich verstehe«, sage ich.

»Also sagst du mir jetzt, was so Besonderes an dieser Elfter-September-Geschichte daran ist?«, fragt Priti. Sie zupft noch immer an ihren Socken.

Ich würde es lieber sein lassen, aber ich atme tief durch und tue es trotzdem. »Diese Männer lenkten Flugzeuge in zwei Hochhäuser in Amerika, und die stürzten ein. Dabei wurden haufenweise Menschen getötet.« Schließlich füge ich hinzu: »Darunter auch mein Dad.«

Ich stelle mir vor, wie ich mit meinem Bleistift Cartoonflugzeuge in Cartoonhochhäuser fliegen lasse. Cartoonflammen und Sprechblasen voller AAAAAAAAAAAHs.

»Ach so, du meinst Nine-Eleven«, sagt sie und sieht auf. »Das hättest du auch gleich sagen können.«

Ich starre sie an. »Na, das hab ich doch.«

»Klar, sicher, jeder hat von Nine-Eleven gehört«, sagt sie. Als wäre ich derjenige, der gesagt hat, er wisse es nicht.

»Das habe ich ja gesagt«, erwidere ich.

»Und du glaubst, dein Dad gehörte zu denen, die dabei gestorben sind?«

Im Kopf zeichne ich Cartoonflammen, die aus den Hochhäusern schießen. Strichmännchen springen hinaus und stürzen in die Tiefe.

»Das glaube ich nicht nur, es war so.«

Ich packe das Skateboard und fahre in Richtung der Einfahrt. Diesmal schaffe ich es nicht ganz und verdrehe mir beim Aufprall auf den Asphalt den Knöchel. Das tut weh, und ich möchte aufschreien, aber ich beherrsche mich.

»Das denkst du dir doch alles nur aus«, höre ich Priti sagen.

»Du hast doch selbst gesagt, dass dein Bruder es von deiner Mum gehört hat oder so ähnlich«, erwidere ich. Als ich aufstehe, versuche ich mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mein Knöchel schmerzt.

»Na, dann muss es sich eben deine Oma ausgedacht haben.«

»Warum sollte sie das tun?« Ich schubse das Skateboard zu ihr.

»Weiß ich nicht. Damit sie kostenlos Essen auf Rädern bekommt? Damit sie sich mit ihren Freundinnen beim Bingo über irgendwas unterhalten kann? Damit sie bei X Factor in die nächste Runde kommt? Woher soll ich das wissen?«

»Jedenfalls hat sie es sich nicht ausgedacht«, sage ich.

»Ich meine, du siehst nicht gerade aus wie jemand, dessen Vater von Terroristen umgebracht wurde, oder?«

»Wie sollte ich denn dann aussehen?«

»Keine Ahnung – irgendwie anders.«

Ich sehe auf meine Schuhe und stelle mir vor, wie ich auf jede Schuhspitze ein trauriges Gesicht male.

»Wäre es besser, wenn mir ein Bein fehlen würde oder ich ein dickes Schild am Kopf hätte, auf dem Nine-Eleven-Junge draufsteht oder so was?«

»Schon gut. Du musst dich ja nicht gleich aufregen, nur weil ich dir nicht glaube! Was ich übrigens wirklich nicht tue.«

»Ich rege mich nicht auf«, erwidere ich. »Ich kann nichts dafür, dass du zu klein bist, um dich daran erinnern zu können.«

»Das bin ich überhaupt nicht!«, ruft Priti. Eines ihrer Haarbüschel hat sich gelöst und hängt tiefer herunter als das andere, und sie wirkt dadurch insgesamt schief. »Mein Dad sagt, ich habe ein Gedächtnis wie ein Elefant, und das ist ganz schön groß.«

Ich weiß zwar nicht, ob Elefanten ein gutes Gedächtnis haben, aber ich streite nicht mit ihr, ich sage nur: »Ich gehe jetzt rein.«

Die meisten Leute sind supernett zu mir, wenn sie erfahren, was meinem Vater passiert ist, und zwar auf eine Weise, die richtig unheimlich ist. Sogar meine Freunde sind jeden September komisch zu mir, als hätte ich eine ansteckende Krankheit oder so was. Aber noch nie hat mich jemand beschuldigt, ich hätte alles nur erfunden. Das macht mich richtig wütend.

Priti springt auf. »Geh nicht«, sagt sie. »Wenn du reingehst, zwingt meine Mum mich, Hausaufgaben zu machen. Sie ist da total streng.«

Am liebsten möchte ich gleich reingehen, nur damit Priti etwas tun muss, was sie nicht tun will. Aber als ich zum Haus meiner Großeltern blicke, sehe ich meinen Opa vor mir, wie er in seinem Lieblingssessel sitzt und Ingwerkekse mampft, während er das Nachmittagsprogramm guckt. Meine Oma ist wahrscheinlich in der Küche, kocht Tee und macht sich Sorgen. Und mir wird klar, dass ich nicht wieder reinwill, jedenfalls noch nicht.

»Wenn du bleibst, frage ich dich auch nicht mehr über deine Mum aus, oder über deinen Dad … oder dein Hirngespinst von den Twin Towers«, sagt Priti mit ihrer supernetten Stimme.

Ich sehe sie an. Sie sieht mich an.

»Und ich erzähle dir ein Geheimnis! Ein großes Geheimnis!«

Ich blicke wieder zum Haus. Ich will nicht, dass sie mich für einen Schwächling hält.

»Na gut«, sage ich achselzuckend.

Und sie hält Wort.

Priti hockt sich hin und steckt den Kopf mit mir zusammen, als wäre sie meine Freundin oder so was. »Meine Brüder werden meine Schwester umbringen«, flüstert sie.

Ich sehe sie an. »Das ist das Geheimnis?«

»Genau«, sagt sie. »Gut, was?«

Ich starre sie weiter an. »Ja, ganz bestimmt!«, sage ich.

»Doch, das machen sie!«, beteuert sie. »Das wird ein Ehrenmord.«

»Was soll das denn sein?«

»Sie bringen sie um, weil sie einen Freund hat.«

»Meine Mum hat auch einen Freund«, sage ich. »Er heißt Gary.« Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie meine Mutter mit Gary lacht. Ich schiebe die Erinnerung beiseite. »Werden deine Brüder meine Mum auch umbringen?«

»Sei nicht blöd. Meine Schwester ist erst sechzehn. Und außerdem ist das eine Muslim-Sache.«

»Bist du denn eine Muslimin?«

Im Kopf zeichne ich Priti in einer dieser gigantischen Burkas. Unten gucken ihre Heelys heraus.

»Ja«, sagt sie. Sie zieht an ihren Haarbüscheln, bis das eine etwas höher sitzt als das andere. »Ich weiß, dass es ein wenig verwirrend ist, weil ich einen Hindu-Namen habe – offenbar gab es damals viel Geschrei deswegen, aber meiner Mutter gefiel er, und ihre Ururgroßmutter war halbe Hindu oder so ähnlich. Außerdem sind wir sowieso nicht strenggläubig, deshalb weiß ich gar nicht, warum das so problematisch war – aber du kannst dir sicher vorstellen, dass es nicht leicht ist, einem Namen wie Priti gerecht zu werden!«

Sie sieht mich an, als müsste ich jetzt etwas dazu sagen, aber ich schweige. Priti verdreht die Augen.

Ich schaue zu dem Haus der Sanders. Stevie winkt uns aus dem Fenster ihres Zimmers zu. Sie trägt einen Schlafanzug und hält eine Prinzessinnenpuppe in der Hand. Ich winke zurück. Priti nicht.

»Was bringt dich auf den Gedanken, dass sie deine Schwester umbringen werden?«, frage ich. »Haben sie es dir gesagt?«

»Nein, aber sie hat diesen völlig inakzeptablen Freund namens Tyreese. Das ist ja mal ein doofer Name! Außerdem bin ich die Einzige, die von ihm weiß, und ich muss es geheim halten, sonst stirbt sie!«

Priti versucht richtig ernst zu klingen, aber sie kann sich das Grinsen nicht verkneifen. »Zara lässt mich ihren Lippenstift benutzen und hat mir eine Schachtel Zigaretten versprochen, wenn ich schwöre, nichts zu verraten, weil es eine Frage von Leben und Tod ist.«

»Warum trennt sie sich denn nicht von ihm, wenn es so gefährlich ist?«, frage ich.

»Sie glaubt, sie ist in ihn verliebt.«

»Und, stimmt das?«

»Nein, auf keinen Fall! Dazu ist sie viel zu sehr in sich selbst verliebt.«

»Dann sehnt sie sich also irgendwie nach dem Tod?«

»Nein, sie hält sich nur für cool und rebellisch. Das kommt eben dabei heraus, wenn man eine Streberin als Mutter hat und zu viele Seifenopern guckt.«

»Und sie bringen sie wirklich um, wenn sie es herausfinden?« Ich bin noch immer nicht so richtig überzeugt.

»Vielleicht schicken sie sie auch nur nach Pakistan und zwingen sie, irgend so einen alten Knacker zu heiraten. Oder sie bringen sie um. Ich würde sagen, das kommt darauf an.«

»Worauf?«

Priti zuckt mit den Schultern. »Weiß ich nicht. Willst du einen Kaugummi?«

Sie gibt mir ein Stückchen, pink wie ihre Schuhe. Wir sitzen nebeneinander und kauen eine Weile, und sie pult sich noch mehr Asphaltbröckchen von den Socken.

»Wird deine Mum nicht schimpfen?«, frage ich und zeige auf die Strümpfe.

»Die kriegt einen Anfall. Mein Dad sagt, je früher sie mich nach Pakistan schaffen und an irgendeinen armen Trottel verheiraten, desto besser. Er tut so, als macht er nur Witze, aber ich weiß es besser. Väter!«, ruft sie.

Die Art, wie sie es sagt, erinnert mich daran, wie mein Opa vorhin »Orientalen!« gesagt hat, und ich muss lächeln – weil es wohl niemanden gibt, der meinem Opa weniger ähnelt als Priti.

Als ich ins Bett muss, frage ich Oma, wie lange ich hierbleiben werde, aber sie gibt mir darauf keine richtige Antwort. Ich weiß, dass es für eine ganze Weile sein wird, denn wenn es nur für einen oder zwei Tage wäre, wäre ich zu Omi geschickt worden (das ist Mums Mutter – sie wohnt nicht weit von uns, aber sie hat schwere Arthritis und braucht eine Hilfe fürs Kochen und Waschen und so), oder ich wäre bei einem Freund. Meine Mum »belästigt« Rita und Barry (das sind Oma und Opa) nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss. Sie sagt, es sei wegen der Entfernung, aber ich weiß, dass das nicht der wirkliche Grund ist.

»Machen wir uns erst mal keine Gedanken darüber, wie lange du hierbleibst«, sagt Oma. »Konzentrieren wir uns darauf, dass wir eine schöne Zeit haben, solange du bei uns bist.«

»Kann ich Mum noch anrufen?«, frage ich. Die Antwort kenne ich schon vorher.

»Vielleicht morgen«, sagt Oma.

»Gut.«

Als sie weg ist, zeichne ich Priti auf ihrem Skateboard, wie sie von zwei Meuchelmördern mit Wollmützen gejagt wird, die ebenfalls auf Skateboards fahren und riesige Krummschwerter schwingen. Dann zeichne ich mich, als Kommandosoldat angezogen, wie ich die Attentäter mit ein paar Karatetritten ausschalte.

Zack-wumm!

Was die Leute über den Tod meines Vaters an Nine-Eleven wissen möchten

  1. Was hat er in New York gemacht, dass er ausgerechnet an dem Tag dort war? (Er hatte im World Trade Center eine Besprechung.)
  2. Hat er noch angerufen, ehe er starb? Was hat er gesagt, und haben wir seine Nachrichten aufbewahrt? (Nein. Nichts. Nein.)
  3. Bin ich am Ground Zero gewesen (also da, wo einmal die Twin Towers standen) und habe mir angesehen, wo es geschehen ist? (Nein.)
  4. In welchem Turm war er, auf welchem Stockwerk, und konnte irgendjemand von dieser Etage entkommen? (Turm Eins. 102. Stock. Nein.)
  5. Warum habe ich mir keine Fernsehaufnahmen des Geschehens angesehen? (Habe ich ja. Mum sagt den Leuten nur, ich hätte es nicht gesehen, weil sie immer den Fernseher ausmacht, wenn es gezeigt wird, aber ich habe Videoclips davon gesehen, und ich hätte es mir schlimmer vorgestellt, das anzusehen.)
  6. Haben sie irgendwelche Teile von ihm gefunden, und was haben wir mit ihnen gemacht? (Nein, also nichts – offensichtlich.)
  7. Was denke ich über die Leute, die es getan haben? (Ich bin mir nicht sicher – aber ich glaube, das ist nicht die richtige Antwort.)
  8. Was würde ich tun, wenn ich den Leuten begegnen würde, die es getan haben? (Das ist eine dämliche Frage, weil sie sowieso schon tot sind.)
  9. Ist es schlimm für mich, keinen Vater zu haben? (Ich sage immer ja, aber ich kann mich gar nicht erinnern, wie es ist, einen zu haben, deshalb vermisse ich es eigentlich nicht.)
  10. Was machen meine Mum und ich jedes Jahr am 11. September? (Ich bekomme den Tag schulfrei, und wir tun so, als würden wir nichts Besonderes tun, als wäre es einfach ein Tag wie jeder andere. In Wirklichkeit gehen wir Brombeeren pflücken und bauen Vulkane aus Pappmaschee – was wir sonst niemals tun. Dann versucht Mum darüber zu reden und regt sich auf. Ich wechsle das Thema, und wir machen noch irgendwelchen normalen Kram. Das ist so ziemlich alles.)

14. Juli

Nachmittags schlafen alte Leute ein. Das habe ich dadurch entdeckt, dass ich bei Oma und Opa lebe. Heute nach dem Mittagessen mache ich den Abwasch, damit sie die Beine hochlegen können, und dann setze ich mich an den Tisch und zeichne: Oma hinter dem Steuer eines altmodischen Flugzeugs; sie trägt eine Lederkappe und eine Schutzbrille, und ihr Schal flattert im Flugwind. Dann Opa mit einem Cape und einem Raketentornister auf dem Rücken; er brüllt: »Bis zur Unendlichkeit – und noch viel weiter!« Dann Mum. Sie liegt auf einem Bett, und ringsherum wachsen Dornen.

An der Tür klingelt es, und ich überkritzele schnell das Bild von meiner Mum, ehe ich hinuntergehe. Man darf alte Menschen nicht aus dem Schlaf reißen – am Ende bekommen sie noch einen Herzanfall oder so was –, und ich kann es mir nicht leisten, noch mehr Angehörige zu verlieren.

Als ich die Tür aufmache, sehe ich Priti vor mir. Neben ihr steht ein älteres Mädchen in abgeschnittenen Jeans, einer weißen Bluse und kleinen schwarzen Ballerinas an den schlanken braunen Füßen. Sie ist vielleicht fünfzehn oder sechzehn, und sie kleidet sich so völlig anders als Priti, dass man genau hinschauen muss, um zu merken, dass sie sich eigentlich sehr ähnlich sehen.

Das muss die Schwester sein, die Opfer des Ehrenmordes wird.

»Zara sagt, sie nimmt uns mit in den Park, wenn du mitkommen willst«, sagt Priti. Sie trägt eine rosa Velourstrainingsjacke über einem hochgerollten Rock, der offenbar zu ihrer Schuluniform gehört, und darunter gemusterte Leggings. Sie hat wieder die Heelys an. Diesmal sind sie mit orange- und pinkfarbenen Leuchtschnürsenkeln gebunden.

»Da muss ich meinen Opa fragen«, sage ich.

»Na, dann beeil dich!«, sagt Zara Kaugummi kauend, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Ich lasse sie vor der Tür stehen und stecke den Kopf ins Wohnzimmer. Beide Großeltern schlafen fest und sehen aus wie große runzlige Babys.

»Opa«, flüstere ich und rüttle ihn sanft an der Schulter. Opa schnaubt leise und starrt mich erschrocken an.

»Pritis Schwester sagt, sie nimmt uns mit in den Park. Darf ich mitgehen?«

Ich rechne damit, dass er fragt, wie alt sie ist oder wann ich wieder zurück bin, oder nach irgendetwas anderem, das Mum normalerweise wissen will, aber er fragt mich nur: »Bist du sicher, dass du dich mit denen abgeben willst?«

Oma bewegt sich im Schlaf und murmelt etwas. Opa blickt sie an.

»Sie sind nett«, sage ich.

»Pfff !«, erwidert Opa. »So welche haben deinen Dad umgebracht!«

»Barry!«, sagt Oma. Plötzlich ist sie hellwach.

»Das wird man ja wohl noch sagen dürfen«, entgegnet Opa.

»Es bringt uns nicht weiter«, sagt Oma. »Hör ihm einfach nicht zu, Ben.«

Ich sehe sie nacheinander an und frage mich, ob es ihnen etwas ausmacht, mich den ganzen Sommer lang am Hals zu haben. Natürlich würden sie es niemals sagen, wenn es so wäre.

»Darf ich also gehen?«, frage ich.

»Aber sicher«, sagt Oma.

Ich sehe Opa an.

»Ja, ja. Geh schon.«

»Danke«, sage ich. »Bis später.«

Mein Opa brummt, dass ich die Tür zumachen soll, also tue ich es auch. Ich habe das Gefühl, dass sie sich über mich unterhalten werden, sobald ich weg bin.

»Gut, dann los. Ich bin spät dran«, sagt Zara. Sie ist schon die Auffahrt hinuntermarschiert, ehe ich mir die Schuhe angezogen habe. Priti schließt sich ihr an, und ich bleibe zurück und folge halb rennend, halb hopsend den beiden Schwestern, die schon die Straße überqueren und auf den gepflasterten Weg einbiegen, der neben dem Haus, in dem Priti wohnt, zum Park führt.

Als ich sie einhole, flüstert Priti mir zu: »Zara trifft ihren Freund. Wir sind ihr Vorwand.«

Zara wirft uns über die Schulter böse Blicke zu.

»Wie meinst du das?«, frage ich.

»Zara sagt Mum, dass sie mich in den Park mitnimmt, damit ich ihr aus den Füßen bin, dann schickt sie Tyreese eine SMS, und er trifft sich da mit ihr. Wir müssen aufpassen, dass keiner kommt.«

Zara bleibt stehen, dreht sich um und sieht mich an. »Ist das okay für dich?«, fragt sie sarkastisch.

Ich erwidere den Blick und spüre, wie ich erröte, während ich nicke. Priti kichert. Zara schnaubt verächtlich, kehrt uns wieder den Rücken zu und geht weiter.

Als wir in den Park kommen, erklärt Priti mir, dass wir uns oben auf das Klettergerüst oder die Rutsche setzen müssen. Vom Klettergerüst aus hat man die beste Sicht, und wir haben dort beide Platz – wenn wir irgendjemanden kommen sehen, müssen wir loslaufen und Zara warnen.

»Du musst die ganze Zeit da oben sitzen?«, frage ich.

»Ja. Es ist todlangweilig. Deshalb dachte ich, ich frage dich, ob du mitkommst.«

»Klar«, sage ich.

Ich hole mein Skizzenbuch raus, während sie sich vom Klettergerüst herunterhängen lässt.

»Übrigens«, sagt sie, der Schwerkraft trotzend, »mein Dad meint, dass es stimmt, was du über deinen Dad und die ganze Nine-Eleven-Geschichte erzählt hast.«

»Sag ich doch«, gebe ich zurück.

»Ja, sicher. Jedenfalls war ich echt beeindruckt. Wie im Film. Glaubst du, die Typen, die das gemacht haben, hatten die Idee aus dem Kino?«

»Nein«, antworte ich. Ich fange an, ein kleines Papierflugzeug zu zeichnen.

»Mein Dad wurde richtig wütend, als ich sagte, dass es eine coole Art zu sterben ist«, fährt Priti fort. Ihre langen Haarbüschel berühren fast den Boden. »Er sagte, die Leute, die das getan haben, haben Muslimen wie uns nur Schande bereitet.«

Ich gebe keine Antwort, aber Priti scheint es gar nicht zu bemerken. »Mik – das ist mein Bruder, der coole; er heißt eigentlich Mikaeel, aber jeder nennt ihn Mik. Jedenfalls, er hat gesagt, die Terroristen hätten die Welt auf jeden Fall aufhorchen lassen, und da wurde mein Dad richtig sauer auf ihn. Er sagte: ›Wenn ich noch einmal höre, wie eines meiner Kinder in diesem Haus so redet, verstoße ich es!‹ Das war ganz schön cool!« Sie schwingt sich plötzlich in eine aufrechte Haltung. Ihr Gesicht ist knallrot von dem Blut, das hineingelaufen ist, und sie grinst.

»Was hat Mik geantwortet?«, frage ich und zeichne noch ein Flugzeug, diesmal eine Boeing 767. Kleine Fenster mit lauter Gesichtern darin.

»Mik meinte, dass es noch eine Menge anderer Muslime gibt, die genauso denken wie er, und mein Dad sagte: ›Schande über sie und Schande über dich, wenn du auf Leute hörst, die solche Reden führen!‹«

»Und was ist dann passiert?«

»Ich dachte, jetzt geht es rund, aber da fing Shakeel, das ist mein ältester Bruder, von irgendwelchen langweiligen Ehesachen an – er heiratet nämlich bald –, deshalb kam es nicht mehr zur großen Prügelei.«

Priti lehnt sich zurück, sodass sie waagerecht liegt. Sie hebt die Beine und dreht die Füße, sodass ich ihre Schuhe aus allen Winkeln bewundern kann. Ich überkritzele meine Flugzeugbilder.

»Mein Opa sagt, Leute wie ihr hätten meinen Dad umgebracht«, sage ich, nachdem ich eine Weile geschwiegen habe.

»Warum sagt er denn so was?«

»Weiß ich nicht. Das hat er eben gesagt.«

»Na, das stimmt aber nicht«, sagt sie und hebt den Kopf. »Von meiner Familie wohnt keiner in Amerika.«

»Tja, mein Dad hat da auch nicht gewohnt«, sage ich. »Er hatte nur an dem Tag in New York eine Besprechung.«

»Und keiner aus meiner Familie kann ein Flugzeug steuern!«

»Wenn du es sagst.« Ich blicke auf meine Schuhe – abgelaufene alte Chucks, völlig ausgeblichen, überhaupt nicht mit Pritis knallbunter Fußbekleidung zu vergleichen.

»Also glaubst du, die Leute, die es getan haben, sind tot?«, fragt sie und schwingt sich plötzlich in eine aufrechte Haltung.

»Ja, sicher!«, entgegne ich.

»Vielleicht sind sie ja mit dem Fallschirm abgesprungen, kurz bevor die Flugzeuge einschlugen. Oder sie hatten Schleudersitze, die sie aus dem Cockpit katapultiert haben«, sagt sie. »He! Wenn sie entkommen sind, dann sind sie vielleicht immer noch irgendwo auf der Flucht. Wäre es nicht supercool, wenn wir sie fangen und der Polizei übergeben?«

Einmal habe ich ein Daumenkino von Flugzeugen gezeichnet, die in die Twin Towers fliegen. Ihr wisst schon, die Dinger, wo man in der Ecke jeder Seite ein kleines Bild hat, und wenn man die Seiten am Daumen entlangstreichen lässt, dann sieht es aus wie ein Film. Aber ich habe mein Daumenkino rückwärts gezeichnet – wie einen Manga –, und ich sah, wie die einstürzenden Hochhäuser sich wieder aufbauten und die Flugzeuge wegflogen, bis sie nur noch ein Punkt über dem Horizont waren. Ich wünschte, es wäre alles so einfach: das Buch umdrehen und die Geschichte auslöschen, die Twin Towers wieder aufbauen, den Krieg beenden.

Mir meinen Dad wiederbringen.

Priti redet ohne Unterbrechung, während ich in meine Gedanken versunken bin, und deshalb beobachtet keiner von uns den Weg, bis Priti plötzlich ruft: »Oh nein! Da kommt Shakeel!« Sie stemmt sich schnell hoch und springt in einer raschen Bewegung vom Klettergerüst auf den schwammigen grünen Bodenbelag darunter. Sie landet auf ihren Rollen und kann sich gerade noch an der Rutschstange festhalten, um nicht auf die Nase zu fallen.

»Lauf !«, ruft sie zu mir hoch. »Sag es Zara. Ich lenk ihn ab.«

»Wieso ich?«

»Weil Shakeel dich nicht kennt und du sowieso keine zwei Wörter zusammenkriegst. Wie willst du ihn in ein Gespräch verwickeln?«

Darauf weiß ich keine Antwort, deshalb springe ich vom Gerüst und renne in Richtung des Wäldchens, in dem sich Zara und Tyreese herumtreiben.

Hinter mir höre ich Priti mit lauter Stimme zählen. »Eins … zwei … drei … vier …« Anscheinend tut sie so, als würden wir Verstecken spielen.

Ich höre auf zu rennen, als ich den Waldrand erreiche. Die Erde zwischen den Bäumen ist staubig und kahl, bis auf ein paar weggeworfene Zigarettenschachteln und leere Bierflaschen.

Ich höre auf zu rennen, weil ich Tyreese sehe, der an einem Baum lehnt, während Zara sich gegen ihn drückt. In einer Hand hält er eine Dose mit Apfelwein, die andere hat er auf Zaras Po. Für mich sieht es so aus, als knutscht sie ihn ab und nicht umgekehrt.

Ich rechne damit, dass sie aufhören, als sie mich kommen hören, aber sie machen weiter. Hinter mir höre ich Priti: »Sechzehn … siebzehn … Hi, Shakeel … Wir spielen Verstecken. Achtzehn … neunzehn … Machst du mit?«

Ich versuche etwas zu sagen, aber ich bringe kein Wort heraus.

»Mum will, dass Zara und du kommt und eure Hausaufgaben macht«, höre ich Shakeel hinter mir auf dem Spielplatz sagen. »Wo ist Zara überhaupt, ich dachte, sie soll auf dich aufpassen?«

»Sie versteckt sich. Zwanzig … einundzwanzig … zweiundzwanzig.«

Ich öffne den Mund und stammle etwas, aber die Knutschenden bemerken mich nicht.

»Wir haben früher immer bei zwanzig aufgehört«, sagt Shakeel.

»Vielleicht bist du deshalb so schnell alt geworden!«, erwidert Priti. »Dreiundzwanzig … vierundzwanzig …«

Tyreese und Zara drehen sich noch immer nicht um.

»Komm schon, Priti. Ich habe keine Zeit dafür. Mum will, dass du sofort nach Hause kommst, und ich habe selbst noch zu tun.«

Ich huste so laut ich kann.

Sie hören mit dem Knutschen auf, drehen sich zu mir um und starren mich an. Von Zaras Mund ist der ganze Lippenstift abgewischt.

»Was geht ab, Kleiner?«, fragt Tyreese, der groß und schlaksig ist. Er hat den Kopf rasiert, und seine Jeans ist von seinem Hintern runtergerutscht, sodass ich fast seine ganze Unterhose sehen kann.

»Willst wohl zugucken, was?«, fragt Zara und schiebt sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Da schießt dir das Blut in den Kopf, was, kleiner Bruder?« Tyreese lacht. »Oder vielleicht auch woanders hin?« Grinsend nimmt er einen Schluck aus der Dose.

Ich werde noch röter.

Da ruft Shakeel: »Los jetzt, Priti! Ich habe wirklich keine Zeit!«

Zara zuckt zusammen, als sie seine Stimme hört. »Ach du Scheiße. Was macht der denn hier?«

»Siebenundzwanzig … achtundzwanzig …«, höre ich Priti zählen.

»Mach, dass du hier wegkommst«, zischt Zara Tyreese zu.

»Ich hab’s nicht eilig«, erwidert er mit dem gleichen lässigen Grinsen, das er mir zugeworfen hat.

»Neunundzwanzig.«

»Verstecken«, sage ich.

»Was ist los?«

Beide sehen mich an, als wäre ich ein Idiot.

»Wir sollen Verstecken spielen«, sage ich mit Mühe. »Priti sucht uns.«

»Dreißig. Ich komme!«

»Scheiße! Schnell!« Zara packt mich und zieht mich in den Busch links von ihr. Neben ihr festgeklemmt, weiß ich nicht, wo ich hinsehen oder was ich mit meinen Händen anstellen soll.

Wir hören, wie Priti mit sich selbst redet, während sie so tut, als würde sie uns suchen.

Tyreese rührt sich nicht vom Fleck. Er grinst und trinkt noch einen Schluck Apfelwein.

Zara atmet heftig neben mir. »Hau endlich ab, Tyreese«, faucht sie. Ihre Bluse ist noch offen, und ich sehe ganz kurz einen weißen BH auf brauner Haut aufblitzen.

Tyreese trinkt die Dose leer und wirft sie weg. Dann geht er. »Bis dann, Hübsche«, verabschiedet er sich.

Plötzlich dreht er sich noch mal um. »Und halt deine Hände bei dir, Kleiner!«

Ich spüre, wie meine Wangen noch röter werden, als ich es je für möglich gehalten hätte.

»Schick mir ’ne SMS «, flüstert Zara.

Tyreese antwortet nicht, er haucht ihr nur einen Kuss zu, ohne sich überhaupt umzudrehen. Dann sind Zara und ich alleine. Ich drehe den Kopf weg, als sie sich die Bluse zuknöpft.

»Danke«, sagt sie.

Im Kopf schreibe ich Kein Problem und War mir ein Vergnügen immer wieder in unterschiedlichen Schrifttypen hin, aber ich bringe kein Wort über die Lippen.

Priti kommt jetzt näher und macht eine große Schau, dass sie uns nicht finden kann. Sie stampft durch das Dickicht, sieht hinter jeden Busch, nur nicht unseren, und beschwert sich laut, dass die leeren Bierflaschen eine Gefahr für kleine Kinder darstellen. Ich konzentriere mich darauf, in meinem Kopf Wörter zu kritzeln, damit ich Zara nicht ansehen muss.

Endlich entdeckt Priti unser Versteck, und es ist vorbei.

Shakeel ist der ältere von Pritis beiden Brüdern. Ich glaube, sie hat gesagt, dass er dreiundzwanzig ist, aber er sieht älter aus, weil er eine Brille trägt und sein Haar schon schütter wird. Für mich sieht er nicht nach einem potenziellen Schwestermörder aus.

Ich bin darauf gefasst, dass er uns eine Standpauke hält, als wir zu den Schaukeln zurückkommen, aber er schüttelt nur den Kopf und betrachtet Priti lächelnd. »Sie landet eines Tages noch in Bollywood, meine Schwester!«, sagt er.

»Das wird aber auch Zeit!«, mault Zara, steht auf und klopft sich ab. »Weißt du eigentlich, wie lange ich hier schon den Babysitter für die beiden spiele?«

Priti murmelt etwas über Bollywood-Diven, und Zara schaut sie wütend an. Ich stehe langsam auf. Ich kann mich immer noch nicht überwinden, Zara anzusehen.

»Ich glaube mich zu erinnern, dass ich vor nicht allzu langer Zeit auf dich aufgepasst habe, kleine Schwester«, sagt Shakeel mit dem gleichen Lächeln, das er Priti geschenkt hat. Eigentlich macht er einen netten Eindruck.

»Na, im Gegensatz zu dir, großer Bruder, hab ich Besseres zu tun, als mich mit Babys abzugeben!« Und damit stolziert Zara Richtung Zuhause davon. Ich sehe ihr nach – sie ist rot angelaufen, und ihre Bluse sitzt schief. Ich möchte diesem Bild eine Überschrift geben, aber mir fällt nichts ein.

»Du hast ihr die Haut gerettet, würde ich sagen«, sagt Priti, als Shakeel weit genug weg ist, um uns nicht mehr zu hören. »Jetzt schuldet sie dir ihr Leben.«

»Sie würden sie doch nicht wirklich umbringen, deine Brüder, oder?«, frage ich.

»Du weißt offenbar gar nichts über Ehrenmorde!«, ruft Priti. »So was passiert dauernd überall. Ich meine, ich kenne zwar niemanden, dem das passiert ist, aber jeder weiß, dass es passiert, oder? Shakeel kommt dir vielleicht wie der nette große Bruder vor, aber er steht voll auf Tradition und das ganze Zeug. Wenn meine Schwester Schande über die Familie bringt, dann …« Sie fährt sich mit der Hand in einer Schneidebewegung über die Kehle und tut so, als bekäme sie keine Luft mehr. Dann sagt sie fröhlich: »Ich muss jetzt Hausaufgaben machen. Sollen wir morgen wieder was zusammen machen?«

Ich zucke mit den Schultern und antworte: »Klar, warum nicht.«

»Cool«, sagt sie. »Ich schick dir eine SMS .«

»Ich hab kein Handy.«

Priti starrt mich verblüfft an. »Gibt’s doch nicht!«

»Meine Mum findet, sie sind richtig schlecht für einen«, verteidige ich mich.

Priti schüttelt den Kopf. »Ich hab mir ja schon gedacht, dass mit deiner Mum irgendwas überhaupt nicht stimmt«, sagt sie. »Jetzt weiß ich, dass ich recht hatte!«

Mum hat nie erlaubt, dass ich ein Handy habe. Sie glaubt, die Funkwellen grillen mir das Hirn oder so etwas. Ich darf auch keinen iPod haben oder eine Spielkonsole. Und ich bin wahrscheinlich das einzige Kind in der ganzen 7. Klasse, das zu Hause keinen Computer hat. Einen Fernseher haben wir, aber eigentlich gucken wir nur Coronation Street und Wiederholungen von Friends und alte Zeichentrickfilme auf DVD. Wir haben ein Festnetztelefon, aber meine Mutter ruft nie jemanden an, und wenn es klingelt, muss ich rangehen.

Mum hasst alles, was elektronisch ist. Sie sagt, sie möchte nicht mit unerwünschten Geräuschen und Wörtern und Bildern bombardiert werden. Sie glaubt, es saugt uns die Kreativität aus und stellt Gott weiß was mit unseren Gehirnzellen an.

Ich glaube aber nicht, dass das der einzige Grund ist. Ich vermute, es hat ebenfalls mit dem 11. September zu tun – ich weiß noch, wie sie das Autoradio angestellt hat und sie Nachrichten abspielten, die die Opfer für ihre Familien auf den Anrufbeantworter gesprochen hatten. Danach hat sie nie wieder ein Radio eingeschaltet.

Wenn andere Kinder in der Schule mich danach fragen, sage ich nur, es kommt davon, dass sie Malerin ist. Künstler dürfen schließlich ein bisschen verschroben sein, oder? Das erklärt auch, warum meine Mum ständig Dinge vergisst, zum Beispiel zu Elternabenden zu gehen oder Einverständniserklärungen zu unterschreiben. Und warum sie so dünn ist.

Mein Freund Lukas hat mir sein altes Handy angeboten. Er glaubt zu wissen, wie man sein Guthaben aufladen kann, ohne zu bezahlen. Fast hätte ich Ja gesagt, aber ich wusste, dass es Mum nur aufgeregt hätte, also habe ich es abgelehnt. Jetzt wünschte ich allerdings, ich hätte sein Angebot angenommen. Denn wenn ich ein Handy hätte, dann hätte er mir vielleicht eine SMS geschickt, um zu erfahren, warum ich nicht mehr in die Schule komme, und wann ich wieder da bin. Und wenn Mum ein Handy hätte, könnte ich ihr eine SMS schicken. Aber sie hat kein Handy, und ich weiß, dass sie nicht anrufen wird. Deshalb weiß ich nicht einmal, wo sie ist.

Und das ist ganz schön blöd.

15. Juli

Als es an der Tür klingelt, weiß ich, dass es Priti ist, denn ich habe schon gemerkt, dass sonst nie jemand zu Besuch kommt. Und tatsächlich, als Oma aufmacht, steht Priti vor der Tür, nur hat sie diesmal den Ehrenmörder im Schlepptau. Er trägt ein langes weißes Gewand wie ein Kleid über seiner Hose und einen kleinen Hut auf dem Kopf.

»Guten Morgen, Mrs. Evans«, sagt er. »Mein Name ist Shakeel Muhammed. Ich bin der älteste Sohn Ihrer Nachbarn.«

»Hallo, Shakeel. Schön, Sie kennenzulernen«, sagt Oma.

»Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite«, erwidert Shakeel.

»Hallo, Mrs. Evans!«, sagt Priti mit einer Miene, die sie garantiert nur für Erwachsene aufsetzt.

»Hallo, Priti«, sagt Oma. »Ich muss schon sagen, du siehst heute wirklich sehr hübsch aus.«

Priti grinst mich an. Sie hat eine neue Frisur – einen einzelnen Pferdeschwanz hoch auf dem Kopf, zusammengehalten von schwammigen pinkfarbenen Dingern, die sie aussehen lassen, als könnte sie jeden Moment in die Luft steigen.

»Mrs. Evans, ich nehme Priti mit zum Kiosk, damit sie ihr Taschengeld ausgeben kann«, sagt Shakeel. »Sie hat sich gefragt, ob Ben vielleicht mitkommen möchte.«

Priti grinst Oma an.

»Das ist sehr freundlich«, sagt Oma und lächelt zurück.

Oma gibt mir ein Pfund dafür, dass mein Zimmer aufgeräumt ist – obwohl ich noch gar keine Zeit hatte, es unordentlich zu machen –, und zu dritt gehen wir zur Promenade.

Zur Pfauen-Promenade – so nennt Oma die kleine Zeile von Geschäften in der Nähe, weil sie auf der „Pfauenstraße“, der Peacock Street, stehen – sind es zu Fuß fünf Minuten. Dort mündet die letzte der stillen Sackgassen des Wohngebiets auf die belebte Hauptstraße. Hinter der Promenade sind Reihenhäuser (voller Orientalen, sagt Opa), und dahinter beginnt die Stadt mit ihren Wohnblöcken und Einkaufszentren und belebten Straßen. Meine Großeltern gehen heute nicht mehr so oft in die Stadt.

»Zu flott für uns, das alles«, sagt Oma.

»In jeder Hinsicht«, sagt Opa.

Wir sind kaum aus der Sackgasse raus, als Priti mich nach vorn zieht und flüstert: »Ich muss vorlaufen und Zara warnen. Kannst du hinfallen und dir das Knie wehtun oder so was? Damit ich ein bisschen Zeit gewinne?«

Das ist eigentlich gar keine Frage – oder gar eine Bitte –, denn ehe ich antworten kann, schießt sie schon die Straße hinunter und kommt dabei der Bordsteinkante gefährlich nahe.

»Langsam, Fräulein!«, ruft Shakeel ihr hinterher. Er wendet sich mir zu: »Warum hat sie es denn so eilig?«

»Ich glaube, sie hat jemanden gesehen, den sie kennt«, antworte ich, bücke mich und tue so, als müsste ich mir einen Schuh zubinden. Ich spüre, wie ich rot werde. Ich bin kein sehr guter Lügner.

»Mädchen, was?« Shakeel lacht. »Meine Schwester ist echt ein bisschen verrückt. Kein Mann wird so eine Verrückte wollen! Wie gut, dass sie wenigstens Verstand hat, sonst müssten wir jemanden bezahlen, damit er sie uns abnimmt.«

Ich bin mir nicht sicher, ob er einen Witz macht, deshalb lache ich nicht.

Auf der Promenade sitzt eine Gruppe älterer Jungs mit rasierten Köpfen auf Motorrädern. Sie lachen und lassen die Motoren aufheulen. Unter ihnen ist Zaras Freund Tyreese. Zara sitzt nur ein, zwei Meter entfernt auf einer Bank, blättert in einer Illustrierten und tut so, als bemerke sie die Jungs nicht. Priti sitzt neben ihr, wackelt mit den Beinen und mustert die Biker.

Als Shakeel und ich an den Motorradfahrern vorbeigehen, spüre ich, dass sie uns anstarren, aber keiner von ihnen sagt etwas.

Zara sieht auf und starrt anklagend in unsere Richtung. Ich merke, wie ich rot werde.

»Ich dachte, du solltest auf Ugli hier aufpassen?«, sagt sie zu Shakeel. Ugly heißt hässlich, damit dreht Zara den Namen ihrer Schwester um. Mich übersieht sie völlig. »Ihr blödes Outfit heute färbt bestimmt schon auf mich ab.«

Priti schneidet Zara eine Grimasse.

»Und sie soll nicht wegrennen und ohne mich die Straße überqueren«, sagt Shakeel und sieht Priti ernst an, die seinen Blick mit einem Lächeln erwidert, das wohl verrückt aussehen soll, ihr Gesicht aber nur ein bisschen schief wirken lässt. »Was machst du hier eigentlich?«

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