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Der Nachbar, der mich küsste

1. KAPITEL

Nicole Sawyer wusste genau, dass das Gespräch mit Brad nicht gut ausgehen würde. „Wir müssen uns mal ernsthaft unterhalten“, hatte er gleich zu Beginn gesagt. Und aus schmerzlicher Erfahrung kannte sie auch seinen nächsten Satz: „Es hat nichts mit dir zu tun, es liegt nur an mir.“

Mit ihren siebenundzwanzig Jahren war Nic klar, wie es normalerweise ablief, wenn ein Mann ihr den Laufpass geben wollte. Und genau das war auch passiert. Brad hatte sich bemüht, freundlich und sensibel zu sein. Doch das Gespräch war erwartungsgemäß verkrampft verlaufen. Kurze Zeit später stand Nic nun vor ihrem kleinen Haus und sah Brads grellrotem Transporter hinterher, der die ruhige Wohnstraße hinunterfuhr.

Den Wagen werde ich vermissen, dachte sie. Er hatte unheimlich bequeme Sitze und eine tolle Stereoanlage. Nic war sehr gern darin durch die Stadt gefahren – bei lauter Country- und Rockmusik. In Sachen Musik waren sie und Brad sich stets einig gewesen.

Aber leider war das mehr oder weniger alles gewesen, was die beiden miteinander verbunden hatte. Das hatte sich in den letzten acht Monaten herausgestellt, in denen sie es immer wieder miteinander versucht hatten. Als Nic ihm neulich zum x-ten Mal wegen ihrer Arbeit abgesagt hatte, war es Brad schließlich zu viel geworden. Er hatte aufgegeben.

„Du brauchst mich ja gar nicht“, hatte er etwas enttäuscht gesagt, und insgeheim hatte sie ihm zustimmen müssen. Trotz allem hatte er jedoch alle Schuld auf sich genommen und behauptet, dass es nur an ihm liegen würde. Das war zwar sehr taktvoll von ihm gewesen, aber nicht ganz richtig. Bisher hat es immer an mir gelegen, dass meine Beziehungen in die Brüche gegangen sind, dachte sie.

Auf dem Grundstück nebenan schlug gerade jemand eine Autotür zu. Nic fuhr herum und erblickte ihren Nachbarn. Dr. Joel Brannon stand neben seinem Kleinwagen und beobachtete sie interessiert. Wahrscheinlich will er nachher noch einmal los, schoss es ihr durch den Kopf. Sonst hätte er den Wagen in die Garage gefahren.

Ob er wohl verabredet war? Mit einer Frau? Aber eigentlich ging sie das ja nichts an.

„Hallo, Nic. Alles in Ordnung bei dir?“, rief er.

Äußerlich hatte Joel nicht viel mit ihrem Ex gemeinsam. Brad war hochgewachsen, hatte schwarzes Haar und wirkte wie ein Cowboy. Joel dagegen war nicht besonders groß und eher breit und kräftig gebaut. Der Farbton seines Haars lag irgendwo zwischen Hell- und Mittelbraun. Meist trug er es recht kurz, weil es sonst lockig wurde. Er hatte haselnussbraune Augen und eine leichte Stupsnase, dafür aber ein markantes Kinn, einen schönen Mund und kleine Grübchen.

Ihrer besten Freundin Aislinn Flaherty hatte Nic mal erzählt, Joel würde sie ein bisschen an den Schauspieler Matt Damon aus Die Bourne Identität erinnern. Das hatte Aislinn allerdings nicht so gesehen.

Noch immer schaute Joel sie erwartungsvoll an. Ach ja, sie hatte seine Frage gar nicht beantwortet! Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Danke, mir geht’s gut. Lieb, dass du fragst.“

Er blickte in die Richtung, in die Brads Lieferwagen gerade verschwunden war. „Und wie geht’s Cowboy Brad?“

Sie seufzte. „Cowboy Brad …“, wiederholte sie gedehnt, „… der war einmal.“

Joel zog die Brauen hoch. „Oh, das tut mir leid. Geht es dir wirklich gut damit? Oder möchtest du darüber reden?“

Nach einem tiefen Atemzug schüttelte sie den Kopf, sodass ihr der Pferdeschwanz über den Nacken strich. „Vielen Dank für das Angebot, aber ich muss gleich zum Dienst. Spätschicht. Und vorher wäre ich gern ein bisschen allein.“

„Alles klar. Sag mir einfach Bescheid, wenn ich dir irgendwie helfen kann, ja?“

„Okay, vielen Dank!“ Damit ging sie wieder ins Haus.

Joel hatte sein Angebot durchaus ernst gemeint, das war ihr klar. Seit etwa einem halben Jahr wohnte er neben ihrem ehemaligen Elternhaus, und in dieser Zeit war er ihr ein richtig guter Freund geworden.

Nic war es immer leichtgefallen, sich mit Männern anzufreunden. Freundschaften funktionierten – aber Liebesbeziehungen … Und genau darin bestand ihr Problem.

Joel zog sich die Krawatte zurecht und musterte sich im Schlafzimmerspiegel. Heute Abend musste er eine Rede vor einer Bürgerinitiative halten. Dort wollte er nicht einfach in Polohemd und Cargohose auftauchen – obwohl er sich darin am wohlsten fühlte. Also hatte er sich einen Schlips umgebunden und ein Jackett herausgesucht.

Nachdenklich betrachtete er das Foto auf der Kommode. Es zeigte eine sehr hübsche junge Frau, die freundlich in die Kamera lächelte. „Rote Krawatten haben dir am besten gefallen“, sagte er leise.

Es kam ihm nicht komisch vor, sich mit einem Foto zu unterhalten. Inzwischen machte er das schon so lange, dass es ihm gar nicht mehr auffiel.

Bevor er das Zimmer verließ, warf er einen Blick aus dem Fenster. Im Nachbarhaus brannte Licht, obwohl Nic wahrscheinlich längst auf dem Weg zur Arbeit war. Das kannte er bereits. Für gewöhnlich ließ sie das Licht brennen, wenn sie Spätdienst hatte – aus Sicherheitsgründen. Zum anderen fühlte sie sich wohler, wenn sie in ein hell erleuchtetes Haus kam.

Schade, dass das mit ihr und ihrem Freund nicht geklappt hat, dachte Joel. Allerdings hatte er seit Langem mit so etwas gerechnet. Es war ein einziges Hin und Her zwischen Nic und diesem Mann gewesen, dem er gleich den Spitznamen „Cowboy Brad“ verpasst hatte.

Nichts gegen Brad: Er hatte auf Joel ganz vernünftig gewirkt. Brad war ein dunkler, gut aussehender, sehr lässiger Typ, den wohl die meisten Frauen attraktiv fanden. Mit Nic hatte er aber wenig gemeinsam gehabt. Augenscheinlich hatte er sich von ihrer erfrischend-natürlichen Art und ihrer lebhaften Persönlichkeit angezogen gefühlt. Andererseits war er immer wieder daran verzweifelt, dass sie konsequent ihr eigenes Leben lebte und er darin so wenig Platz eingenommen hatte. Wahrscheinlich sehnte er sich insgeheim nach einer Frau, für die er den Helden spielen konnte.

So eine Frau war Nicole Sawyer ganz und gar nicht.

Im Wohnzimmer nahm Joel die Karteikarten mit den Stichworten für den Vortrag vom Couchtisch und steckte sie in die Innentasche seiner Jacke. Heute ging es wieder darum, wie man Kinder in einem gesunden und sicheren Umfeld großzog. Die Rede hatte er mittlerweile so oft vor Publikum gehalten, dass er sie kein weiteres Mal durchzugehen brauchte. Er schaute auf die Armbanduhr: In zehn Minuten musste er los. Da lohnte es sich nicht, noch irgendetwas zu erledigen. Also lief er durchs Haus und dachte über dieses und jenes nach.

Bald kam ihm auch wieder Nic in den Sinn. Wie sie wohl mit der frischen Trennung zurechtkam? So gut er sich auch in Brad hineinversetzen konnte, bei Nic fiel ihm das sehr viel schwerer.

Einerseits mochte er sie ausgesprochen gern. Sie war eine intelligente, humorvolle und hilfsbereite Nachbarin. Eine bessere hätte er sich kaum vorstellen können. Sie hatten oft bei einem Eistee auf der Veranda gesessen und sich locker über alles Mögliche unterhalten. Dabei hatte er sich immer sehr wohlgefühlt. Es war, als würden sie sich schon ewig kennen.

Sie hatten sich über Politik, Sport, das Neueste aus der Nachbarschaft und Berufliches ausgetauscht: Joel war Kinderarzt, Nic arbeitete bei der Polizei. Auch über ihre Kindheit hatten sie geredet, allzu persönliche Details jedoch aus dem Spiel gelassen.

Joel wusste nur, dass Nic in dem Haus aufgewachsen war, in dem sie wohnte. Vor anderthalb Jahren war sie dort wieder eingezogen, als ihre Mutter zu Nics älterem Bruder nach Europa gezogen war. Joel wiederum hatte Nic erzählt, dass er in North Carolina und Alabama aufgewachsen war. Und dass es ihn schließlich hierher nach Arkansas verschlagen hatte: Ein ehemaliger Studienkollege hatte ihm angeboten, hier mit ihm eine kleine Kinderarztpraxis zu eröffnen.

Das Haus, in dem er jetzt wohnte, hatte ihm spontan gefallen. Er war damals ein bisschen in der Gegend herumgefahren und hatte dabei das „Zu verkaufen“-Schild im Garten entdeckt. Also hatte er es sich gleich angesehen und den Vertrag unterschrieben. Nic hatte sich nicht über seinen impulsiven Entschluss gewundert. Im Gegensatz zu vielen anderen hatte sie ihn auch nicht gefragt, warum er nicht in eine „bessere“ Gegend gezogen war. Stattdessen hatte sie gleich verstanden, dass ihm die ruhige, familiäre Atmosphäre hier wichtiger war als eine Vorzeigevilla mit Seeblick und Golfplatz.

Joel hatte keine Ahnung, ob Nic ihren Cowboy Brad wirklich geliebt hatte oder ob der Mann für sie bloß ein angenehmer Zeitvertreib neben ihrem anspruchsvollen Beruf gewesen war. Wahrscheinlich eher Letzteres, aber das war nur so eine Vermutung. Schließlich hatten sie nie viel darüber gesprochen. Sie redete nicht offen über ihre Gefühle. Dafür war sie einfach nicht der Typ.

Deswegen konnte Joel nur hoffen, dass die Trennung ihr nicht zu naheging. Sie war so ein wunderbarer Mensch – ein gebrochenes Herz hatte sie nicht verdient. Und selbst als Arzt wusste er nicht, wie man so einen Schmerz schnell lindern konnte. Das hatte er nicht mal bei sich selbst geschafft.

„Und dann hat er mir glatt zwanzig Dollar angeboten. Dafür sollte ich ihm verraten, wer am Montag das Football-Spiel gewinnt“, empörte sich Aislinn Flaherty. „Was sagst du dazu?“

Amüsiert betrachtete Nic ihre beste Freundin, die aufgebracht im Wohnzimmer hin und her lief. Aus ihrer schicken Hochsteckfrisur hatten sich mehrere schwarze Locken gelöst. Und bei jedem energischen Schritt schmiegte sich der wadenlange Rock an ihre wohlgeformten Beine.

Aislinn bemühte sich zwar sehr, sich möglichst unauffällig zu kleiden. Trotzdem zog die wunderhübsche junge Frau ständig alle Blicke auf sich.

„Und?“, fragte Nic. „Wie hast du reagiert?“

„Ich habe gesagt, dass ich mich wohl kaum so billig verkaufen würde, wenn ich übersinnliche Fähigkeiten hätte – was selbstverständlich nicht der Fall ist. Und dass ich mich dann sicherlich nicht auf eine Verabredung mit ihm eingelassen hätte.“

„Okay, also unterm Strich war dein Blind Date nicht besonders erfolgreich“, fasste Nic lächelnd zusammen.

Vorwurfvoll schaute Aislinn sie an. „Das ist überhaupt nicht lustig! Der Kerl hat mir den ganzen Abend verdorben!“

„Tut mir leid, ich wollte das nicht ins Lächerliche ziehen. Aber falls es dich tröstet: Mir ist es in letzter Zeit nicht viel besser ergangen. Ich habe nur seltsame Typen kennengelernt.“

Seit der Trennung von Brad im Juli vor drei Monaten hatte sie sich genau genommen bloß mit zwei Männern verabredet. Und beide Male war ihr nicht nach einem zweiten Treffen gewesen. Leider gab es in der Kleinstadt Cabot in Arkansas nicht allzu viele Single-Männer in ihrem Alter. Bis auf Weiteres würde sie also allein bleiben müssen.

„Tja, damit sind wir wohl schon zu zweit.“ Aislinn ließ sich auf Nics braunes Ledersofa fallen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ach, ich bin ja selbst schuld. Warum habe ich mich bloß auf Pamelas Vorschlag eingelassen, mich mit ihrem Bekannten zu treffen? Und ich hatte wirklich geglaubt, sie würde den Leuten nicht mehr diesen Unsinn von meinem angeblichen hellseherischen Talent erzählen.“

„Ach, du kennst doch Pamela. Sie gibt ganz gern damit an, dass sie jemanden wie dich kennt.“

Aislinn seufzte. Die meisten ihrer achtundzwanzig Lebensjahre hatte sie damit verbracht, ihre Umwelt davon zu überzeugen, dass sie ein völlig normaler Mensch war. Ein normaler Mensch, der eben ein besonderes „Gespür“ für bestimmte Dinge hatte – so drückte sie es selbst aus. Und meistens lag sie mit ihrem Gespür genau richtig. So oft, dass es vielen Leuten unheimlich vorkam.

Nic kannte Aislinn seit dem Kindergarten, und für sie lag die Wahrheit irgendwo dazwischen. Auf jeden Fall nahm sie Aislinns sogenannte „Eingebungen“ inzwischen sehr ernst.

„Na ja, lass uns das Thema wechseln“, schlug Aislinn ungeduldig vor. „Oder noch besser: Wir organisieren uns erst mal etwas Essbares. Ich habe nämlich Hunger.“

„Gute Idee.“ Nic stand auf und streckte sich. „Bestellst du uns eine Pizza, während ich mich umziehe? Ich will endlich aus dieser Uniform raus.“

Zehn Minuten später stieg sie aus der Dusche und schlüpfte in eine lilafarbene Jogginghose und ein fliederfarbenes T-Shirt. Ihr naturblondes, schulterlanges Haar ließ sie einfach an der Luft trocknen. Nachdem sie ihre brombeerfarbenen Hausschuhe übergezogen hatte, ging sie in die Küche.

Dort saß Aislinn bereits mit einem Glas Weißwein am Tisch und blätterte in der Tageszeitung, in die Nic bisher noch keinen Blick werfen konnte. Aislinn hatte die Schlagzeilen außer Acht gelassen und gleich die Seite mit den Comics und Kreuzworträtseln aufgeschlagen. Das überraschte Nic nicht weiter: Aislinn las nicht gern Artikel über Verbrechen, Mord und Totschlag. Den Grund dafür kannte Nic nicht. Sie ging jedoch davon aus, dass Aislinn dabei zu viele düstere „Vorahnungen“ plagten.

Die Freundinnen unterhielten sich eine Weile über Aislinns kleinen Laden, in dem sie Torten für besondere Anlässe herstellte. Schließlich klingelte es an der Tür.

Sofort sprang Nic auf. „Das ist bestimmt unsere Pizza. Ich hole sie schnell, ja?“

Aislinn nickte und schlug die Seite mit den Rezepten auf.

Fünf Minuten später kam Nic mit zwei Kartons zurück und warf Aislinn einen fragenden Blick zu. „Sag mal, du hast heute wohl besonders großen Hunger, oder? Warum hast du uns denn gleich zwei Pizzen bestellt? Und warum ist eine mit Peperoni und Salami dabei? Sonst nehmen wir doch die mit Champignons, Oliven und extra Käse.“

Aislinn faltete die Zeitung zusammen. „Mir war so, als könnten wir heute etwas mehr gebrauchen. Falls etwas übrig bleibt, gibt es den Rest eben morgen zum Frühstück.“

„In Ordnung“, erwiderte Nic. Peperoni mochte sie zwar nicht sonderlich – Aislinn eigentlich auch nicht –, aber sie war nicht anspruchsvoll.

Gerade hatte sie zwei Teller aus dem Hängeschrank geholt, da klopfte es an der Hintertür. Dieses Klopfen erkannte sie sofort. Lächelnd öffnete sie ihrem unangekündigten Besucher.

Und tatsächlich: Draußen stand Joel Brannon. Er lächelte ebenfalls, wirkte jedoch etwas müde und abgespannt. Die dunklen Ringe unter seinen haselnussbraunen Augen deuteten darauf hin, dass er in letzter Zeit viele Überstunden gemacht hatte. Wie so oft.

„Hi, Joel.“

„Hey, Nic“, erwiderte er mit seiner angenehm tiefen Stimme. „Ich wollte dir deinen Autostaubsauger zurückbringen. Vielen Dank fürs Ausleihen! Meinen Kaputten habe ich entsorgt, und am Wochenende kaufe ich mir einen neuen.“

„Keine Ursache.“

Er blickte an ihr vorbei in die Küche. „Oh, hallo, Aislinn. Schön, dich zu sehen!“

„Hi, Joel. Hast du vielleicht Hunger? Nic und ich haben uns nämlich Pizza bestellt, und es ist genug für uns alle drei.“

Zuerst schien Joel die Einladung annehmen zu wollen. Schließlich sagte er aber: „Danke, ich möchte nicht stören.“

„Du störst nicht, und wir haben aus Versehen viel zu viel bestellt“, beruhigte Nic ihn und sah dabei kurz zu Aislinn. „Eigentlich tust du uns sogar einen Gefallen, wenn du uns hilfst, die Pizza aufzuessen.“

„Tja, wenn es so ist …“ Joel schloss die Tür hinter sich und atmete genüsslich ein. „Hm, das riecht ja nach Peperoni und Salami. Meine Lieblingspizza!“

Diesmal schaute Nic schon gar nicht mehr zu ihrer Freundin hinüber. Sie holte einfach einen dritten Teller aus dem Küchenschrank.

Joel hatte einen Zehnstundentag hinter sich gebracht und freute sich über die Gelegenheit, ihn bei einer leckeren Pizza mit zwei attraktiven Frauen ausklingen zu lassen. Obwohl eine davon ihn ziemlich nervös machte und die andere ihn hin und wieder in den Wahnsinn trieb.

Aislinn Flaherty war diejenige, die ihn so nervös machte. Und das lag nicht nur daran, dass sie umwerfend aussah. Sie hatte glänzendes schwarzes Haar, makellose Haut und eine tolle Figur, die sie erfolglos unter ihrem Schlabberlook zu verstecken versuchte.

Bisher war er ihr nur ein paar Mal begegnet – eben, wenn sie gerade Nic besuchte. Doch er spürte deutlich, dass es mit ihr etwas Besonderes auf sich hatte. Was das war, konnte er nicht genau sagen. Im Grunde war sie ihm äußerst sympathisch. Manchmal beschlich ihn allerdings das ungute Gefühl, dass sie ihn durchschaute, als wäre er aus Glas. Dass sie mehr über ihn wusste, als ihm lieb war.

Nic wiederum war ein völlig anderer Typ. Komisch, dass die beiden so gut befreundet sind, dachte er. Nic hatte mit Übersinnlichkeit nicht viel zu schaffen. Sie war durch und durch bodenständig, geradeheraus und eine hervorragende Polizistin. Zugleich war sie niemand, mit dem er sich gern anlegen würde.

Aislinn unterbrach ihn in seinen Gedanken. „Entschuldige bitte, Joel“, sagte sie lächelnd. „Nic und ich reden die ganze Zeit. Du hattest noch gar nicht die Gelegenheit, selbst zu Wort zu kommen.“

„Stimmt, aber ich war ganz gut mit meiner Pizza beschäftigt.“ Er schaute auf seinen fast leeren Teller. „Heute habe ich nämlich nichts zu Mittag gehabt und war deswegen völlig ausgehungert.“

„Na, so ein Glück, dass wir rein zufällig so viel bestellt haben“, bemerkte Nic mit einem vielsagenden Seitenblick zu Aislinn.

Aislinn zuckte mit den Schultern und ließ Joel dabei nicht aus den Augen. „Hattest du einen anstrengenden Tag?“, erkundigte sie sich.

„Anstrengend war es weniger, aber ich hatte ganz schön lange zu tun. Im Moment geht in den Kindertagesheimen ein Virus um, und mein Wartezimmer war voll bis oben hin.“

Nic seufzte. „Oje, das wäre ja genau das Richtige für mich! Da nehme ich lieber einem durchgeknallten Drogensüchtigen die Waffe ab, als mich mit quengelnden Kleinkindern und ihren hysterischen Müttern auseinanderzusetzen.“

„Komisch, bei mir ist es umgekehrt: Ich hätte eher Schwierigkeiten mit den bewaffneten Drogensüchtigen.“

Joel und Nic machten öfter Witze über ihre Berufe. Dabei gab Joel ganz offen zu, dass Nic ihn problemlos überwältigen könnte – obwohl sie ein ganzes Stück kleiner war als er.

Auch sonst ergänzten sie sich gegenseitig: Sein ruhiger, ausgeglichener Charakter stand im Gegensatz zu ihrem temperamentvoll-impulsiven Wesen. Er wusste, dass sich hinter ihrem entschlossenen Auftreten eine großzügige, warmherzige Persönlichkeit verbarg. Trotzdem legte er es nicht darauf an, sie zu provozieren.

Aislinn beobachtete ihn noch immer ganz aufmerksam. „Hm …“, meinte sie. „Vielleicht bist du einfach müde. Aber ich habe den Eindruck, dass dir irgendetwas auf der Seele liegt. Können wir dir irgendwie helfen?“

Wie macht sie das nur? fragte er sich im Stillen. Na ja, möglicherweise hatte sie wirklich bloß ein besonders gutes Gespür für ihre Umwelt, wie sie stets behauptete.

„Du hast recht. Es gibt tatsächlich etwas, das mich beschäftigt“, erwiderte er. „Aber ich komme damit klar.“

Aislinn runzelte die Stirn und musterte ihn weiterhin. „Du kannst uns gern davon erzählen“, schlug sie vor. „Könnte doch sein, dass Nic und mir etwas Hilfreiches dazu einfällt.“

„Stimmt“, schaltete Nic sich ein. „Aislinn und ich erzählen uns immer gegenseitig von unseren Problemen. Meistens kommen wir dabei auf die eine oder andere Idee. Also, wenn du magst … wir hören dir gern zu. Und wenn nicht, sag einfach, dass wir uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern sollen. Dann wechseln wir schnell das Thema.“

Joel fühlte sich in Nics Gegenwart immer sehr wohl. Sie behandelte ihn wie einen normalen Menschen. Viele Frauen dagegen sahen in ihm nur den erfolgreichen, ungebundenen jungen Arzt. Oder aber – und das fand er sogar noch schlimmer – eine Art tragischen Helden wie aus einem romantischen Roman.

Aber für Nic war er der nette Nachbar und ein guter Freund. Vielleicht war es ja gar keine so schlechte Idee, ihr von seinem kleinen Dilemma zu erzählen?

„Was ist denn passiert?“, hakte Nic vorsichtig nach. „Hat es mit deiner Praxis zu tun?“

„Nein, überhaupt nicht. Ich … Na ja, es ist mir etwas peinlich, euch das zu erzählen.“

„Lass es einfach darauf ankommen.“

Er bemerkte die interessierten Blicke der beiden Frauen und seufzte. „Also, in ein paar Wochen findet in meiner Heimatstadt in Alabama das große Wiedersehen von meinem Highschool-Jahrgang statt. Vor fünfzehn Jahren haben wir unseren Abschluss gemacht. Freitag gibt es ein Football-Spiel, Samstag eine Party, und für Sonntag ist ein gemeinsames Frühstück geplant. Tja, mir graut vor dem ganzen Spektakel.“

Aislinn wirkte nicht weiter überrascht. Im Gegensatz dazu schaute Nic ihn erstaunt an. Kein Wunder, dachte er. Mit so etwas Gewöhnlichem hatte sie bestimmt nicht gerechnet! Allerdings hatte sie ja keine Ahnung, was dahintersteckte.

„Dann … geht es um ein Jahrgangstreffen?“, fragte sie.

„Ganz genau. Heidi Pearl hat alles organisiert, inzwischen heißt sie Heidi Rosenbaum. Wenn es nach ihr ginge, würden wir uns jedes Jahr sehen. Zum Glück würden die anderen das allerdings auch nicht mitmachen. Deshalb finden diese Treffen alle fünf Jahre statt.“

„Und bei dem letzten bist du auch gewesen?“

„Ja“, antwortete er. Sicherlich konnte sie schon aus diesem einzigen Wort heraushören, wie schrecklich das für ihn gewesen war.

Nic machte eine wegwerfende Handbewegung. „Soweit ich weiß, ist dies immer noch ein freies Land. Kein Gesetz verpflichtet dich dazu, an diesen Veranstaltungen teilzunehmen. Ich weiß zum Beispiel auch noch nicht, ob ich nächsten Sommer zu meiner Zehn-Jahres-Feier gehe. Schließlich habe ich Besseres zu tun, als mich durch einen Abend mit lauter Leuten zu quälen, denen ich längst nichts mehr zu sagen habe.“

„Ich verstehe, was du meinst“, sagte er. „Aber bei mir ist das ein bisschen anders. Von mir erwarten die Leute, dass ich komme. Immerhin war ich Jahrgangssprecher.“

„Das war klar“, murmelte Nic.

Er sah sie kurz an. „Tja, und außerdem arbeitet Heidi für meinen Dad. Bei ihr brauche ich es mit Ausreden gar nicht erst zu versuchen.“

„Die Frau klingt ja beängstigend.“

„Sie kann einem auch richtig Angst einjagen.“

Nic lachte leise. „Trotzdem hast du immer noch die Möglichkeit, einfach abzusagen.“

„Wenn das so leicht wäre …“

„Und warum ist es das nicht?“

„Das kann ich dir schlecht erklären.“

„Versuch es doch mal“, forderte sie ihn auf.

„Ich glaube, dass Nic dich verstehen würde“, bemerkte Aislinn. Kannte sie sein Problem aufgrund ihres guten Gespürs etwa schon?

Komischerweise hatte Joel tatsächlich den Eindruck, dass Nic seine Unentschlossenheit nachvollziehen könnte. Als eine der wenigen weiblichen Polizisten im Ort wusste sie vermutlich, wie es war, den Erwartungen anderer entsprechen zu müssen.

„Na ja, wenn ich mir überlege, wie es bisher immer abgelaufen ist“, begann er vorsichtig, „wird es wohl so oder so schwierig. Ob ich nun hingehe oder nicht. Wenn ich dort auftauche, überschütten mich wahrscheinlich alle mit ihrem Mitleid. Und wenn ich zu Hause bleibe, überzeugt sie das umso mehr davon, dass ich ein Psychowrack bin.“

„Wie bitte? Du sollst ein Psychowrack sein?“ Fassungslos starrte Nic ihn an. „Für mich bist du der ausgeglichenste, normalste Mann, den ich kenne.“

„Als sich unser Abschlussjahrgang vor fünf Jahren zuletzt getroffen hat, sah das allerdings ganz anders aus. Da war meine Frau Heather nämlich gerade erst gestorben, und ich … Na ja, ich war damals wohl wirklich nicht in der richtigen Stimmung für ein Jahrgangstreffen.“

„Hat Heather zusammen mit euch den Abschluss gemacht?“, erkundigte sich Aislinn mitfühlend.

Er nickte. „Ja, sie ist meine Jugendliebe gewesen. Wir haben uns in der Highschool kennengelernt, sind zusammen zum Abschlussball gegangen und wurden dabei zum Paar des Abends gewählt. Danach haben wir zwar an unterschiedlichen Orten studiert. Aber unsere Beziehung hat das ausgehalten – trotz der Entfernung. Kurz vor dem Studienabschluss haben wir uns verlobt. Und sobald wir unsere ersten Jobs hatten, haben wir geheiratet.“

Er trank einen Schluck Mineralwasser, dann fuhr er tonlos fort: „Ein halbes Jahr später ist sie bei einem Autounfall ...

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