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Der Museumsmörder

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19

Über dieses Buch

Benni Harper fängt nach dem tragischen Unfalltod ihres Mannes noch einmal von vorne an: Sie verlässt ihre Ranch, und zieht ins kleine kalifornische Küstenstädtchen San Celina, wo sie die Leitung des Volkskundemuseums übernimmt. Doch kaum hat sie ihren neuen Job angefangen, gerät sie in Schwierigkeiten: Während der Vorbereitungen für eine Ausstellung stößt sie auf die Leiche von Marla Chenier, einer äußerst attraktiven jungen Töpferin, die im Museum auf brutale Weise niedergestochen wurde. Aber was noch schlimmer ist: Benni sieht, wie ihre eigene Kusine Rita fluchtartig das Museum in Marlas Wagen verlässt…

Über die Autorin

Earlene Fowler lebt mit ihrem Mann, einer Unmenge von Quilts und dreiundzwanzig Paar Cowboystiefeln im kalifornischen Fountain Valley. Der Museumsmörder ist das erste Buch aus ihrer Serie um Benni Harper, die mittlerweile vielfach preisgekrönt ist und eine große Fangemeinde hat.

Demnächst erhältlich:

Die geheime Botschaft

 

Sieben Schwestern

 

Die tödliche Braut

 

Tödliche Schatten

 

Dunkle Geheimnisse

 

Tod am Altar

Für meinen Ehemann Allen –

ich würde mich ohne zu zögern

wieder für dich entscheiden

und

Für Mary Edith, Schwester,

Freundin und »partner in crime«,

seit ich auf der Welt bin

1

Mein Tag begann zwar nicht mit Mord, doch der Gedanke daran schoss mir durch den Kopf.

»Rette mich«, flüsterte die Stimme am Telefon.

Ich schnappte mir den Apparat und zog ihn zu mir unter die Daunendecke. Meine gute Laune war dahin. »Lass mich in Ruhe«, fauchte ich meine Anruferin an.

»Du bist meine letzte Chance.« Es war eine raue, alte Stimme, die so schnarrte wie ein Glücksrad in Las Vegas.

Ich lachte höhnisch. »Pech gehabt.« Das war vielleicht grausam, aber keineswegs unberechtigt, denn ich war schon früher von dieser Stimme genervt worden.

»Dann kann ich aber für nichts garantieren!«

Erfreut bemerkte ich einen Anflug von Panik.

»Du weißt genau, dass du die Quittung dafür bekommst, wenn du etwas Unüberlegtes anstellst«, warnte ich. »Wenn ich du wäre, würde ich ihr lieber nichts antun.«

»Aber ich halte es nicht mehr aus.«

»Sie ist deine Schwester, Oma.«

Ich blinzelte zum Radiowecker auf dem Nachttisch neben meinem Bett – sieben Uhr morgens – und das an einem Tag, an dem ich nicht vor zehn im Volkskundemuseum sein musste. In der vergangenen Woche hatten wir offiziell geschlossen gehabt, da wir unsere neue Ausstellung vorbereiteten, eine Sammlung antiker Quilts von zahlreichen Einwohnern des San Celina County.

Eine heftige Regenböe rüttelte an den Fenstern meines kleinen Hauses im spanischen Stil. Der pazifische Sturm, der seit Tagen vor der Central Coast in Kalifornien lag, hatte über Nacht San Celina angegriffen. Während auf meinem Dach kleine Mäusesoldaten doppelt so schnell wie üblich herumtrappelten, versuchte ich mich zu erinnern, ob ich wohl die Fenster meines Trucks hochgekurbelt hatte.

»Sie macht mich noch wahnsinnig«, klagte Oma Dove. »Sie hat sämtliche Fußböden schon zweimal gebohnert. Folgt mir überallhin. Räumt ständig meine Pfannen und Töpfe um.« Jetzt nahm Doves Stimme ihre normale Lautstärke an. Tante Garnet schien das Zimmer verlassen zu haben. »Sie hat mit ihrer grässlichen kleinen Handarbeitsschere alle meine Pflanzen bis auf kleine Knubbel heruntergeschnitten. Sie hat meine Haare ganz merkwürdig angesehen!«

Doves langer, weißer, geflochtener Zopf reizte ihre jüngere Schwester seit Jahren.

»Sie hat dein Haus noch nicht gesehen, Benni. Sie liebt Kunsthandwerksausstellungen.«

»Auf gar keinen Fall. Ich hab diese Woche mit dem Folk-Art-Festival genug um die Ohren. Ich kann nicht noch den Babysitter für Tante Garnet spielen.« Ich wühlte mich im Bett nach oben, wickelte die Decke um mich und wappnete mich gegen den Angriff, der auch nicht lange auf sich warten ließ.

»Wer hat dir deinen ersten BH gekauft, junges Fräulein? Wer hat dir all deine Kenntnisse übers Pokern beigebracht? Wer hat deine schmutzigen Windeln gewechselt?«

Ein weiterer Windstoß drückte den Regen gegen mein Schlafzimmerfenster. Ich kroch wieder unter die Decke und betete, dass der Sturm nicht so schlimm sein möge, wie er sich anhörte.

Sie versuchte es mit Erpressung. »Ich habe deinem Vater nicht erzählt, wann du wirklich mit Jack vom Abschlussball nach Hause gekommen bist.« Sie legte eine bedeutungsvolle Pause ein. »Noch nicht.«

Ich lachte. »Dove, das war vor siebzehn Jahren. Meine Tugendhaftigkeit interessiert Daddy schon lange nicht mehr.«

Ihre nächste Attacke galt meinem weichen Herz. »Deine Mama, Gott hab sie selig, hätte gewollt, dass du deiner hilflosen alten Großmutter beistehst.« Ihre Stimme überschlug sich dramatisch.

»Mama hätte sich hier bei mir versteckt. Und du bist etwa so wehrlos wie ein Trampeltier.«

Ich wechselte den Hörer ans andere Ohr.

»Wer hätte gedacht, dass einer meiner Söhne eine derart kaltherzige Tochter großzieht?«

»Es kommt mir eher so vor, als ob ich den größten Teil meiner Kindheit hinter dir hergetrottet wäre.«

»Ein Dollar pro Chip am Donnerstag«, wechselte sie abrupt das Thema. Ihr war klar, dass sie so nicht weiterkommen würde.

»Ganz schön hoher Einsatz, dieses Jahr. Wer kommt denn so?«

»Alle bis auf Clarence. Ein paar seiner Bullen haben Fieber.«

Jedes Jahr zu Thanksgiving kamen Oma Doves Kinder, vier Söhne und zwei Töchter, sowie deren Familien aus dem ganzen Land herbei, um sich auf der Ranch meines Vaters außerhalb von San Celina zu treffen. Alle trugen dann ihre besten Stiefel und brachten hundert Dollar mit für unser »Keine-Gnade-macht-sie-fertig-wenn-sie-eh-schon-hinten-liegen-Poker-Turnier«.

»Wann wirst du denn hier sein?«, wollte sie wissen.

»Weiß ich noch nicht«, wich ich aus, während meine Gedanken neun Monate zurückschweiften, als meine Familie sich das letzte Mal versammelt hatte, zu Jacks Beerdigung. Eine Einladung meiner Schwiegereltern hatte ich auch schon ausgeschlagen; nachdem ich fünfzehn Jahre lang zwischen der Harper- und der Ramsey-Ranch hin- und hergependelt war, wurde mir bei dem Gedanken, zu einer von beiden zu fahren, melancholisch zu Mute und leicht schwach im Magen.

Doves Stimme wurde sanft. Eine Seltenheit bei ihr. »Komm doch zu uns, Zuckerschnecke. Es wird dir bestimmt guttun.«

»Bis Samstag hab ich noch so viel zu erledigen.«

Sie schnalzte leise mit der Zunge, hakte jedoch nicht weiter nach. »Hast du Rita in letzter Zeit gesehen?«

»Nicht mehr, seit sie hier vor ein paar Wochen wieder ausgezogen ist.«

»Garnet kaut sich schon die Nägel ab, weil sie immer noch nicht angerufen hat.«

Tante Garnets einundzwanzigjährige Enkelin, meine Kusine Rita, war vor zwei Monaten in Arkansas ausgezogen und hatte vage Pläne, ein College zu besuchen und ein neues Leben zu beginnen. Sie hatte ganz spontan und zu jedermanns Bestürzung eine zweijährige Verlobung mit einem Mann wieder aufgelöst, der doch wunderbar geeignet – das südliche Wort für wohlhabend – war. Mit einer gehörigen Portion Zweifel und Vorahnungen behaftet, war ich dazu überredet worden, sie bei mir wohnen zu lassen. Tante Garnet, Daddy und selbst Dove waren überzeugt davon gewesen, dass ihre Gesellschaft mir guttun würde.

Die Kekskrümel im ganzen Haus tolerierte ich ja noch, und selbst die endlosen Telefongespräche mit ihren Freundinnen in Pine Bluff hatten meinen Blutdruck nur unerheblich gesteigert, aber als ich eines Morgens äußerst spärlich bekleidet in einem rosafarbenen T-Shirt und alten Jagdsocken von Jack meine Küche betreten hatte und diesem dunkeläugigen Cowboy mit nacktem Oberkörper und einem dreckigen, weißen Stetson auf dem Kopf begegnete, der einen Becher von meinem Schokolade-Amaretto-Kaffee schlürfte, hatte ich endgültig genug.

»Rita ist gleich wieder da«, hatte er nur gemeint und mich von den ausgeleierten Socken bis zu meinen verstrubbelten Haaren gemustert, wobei seine linke Hand hinter einer silbernen Gürtelschnalle von der Größe einer Eierpfanne verschwunden war. »Sie holt gerade Doughnuts.«

Während Dove sich weiterhin beschwerte, spielte ich mit dem Telefonkabel.

»Ich wusste schon gleich bei ihrer Geburt, dass Rita Schwierigkeiten machen würde«, behauptete sie. »Schon damals hatte sie diesen unsteten Blick. Wo steckt sie bloß?«

»Soweit ich weiß, arbeitet sie noch im Trigger’s, draußen an der Interstate. Bei einer der Barfrauen dort hat sie ein Zimmer zur Untermiete. Eine Frau namens Marla, die ebenfalls Mitglied in der Künstlerkooperative ist. Ich glaube, die beiden verstehen sich ganz gut.«

»Zwei von einer Sorte«, verkündete Dove. »Wahrscheinlich bringt sie jede Nacht einen anderen Kerl mit nach Hause.«

Ich gab ein unverbindliches Geräusch von mir.

»Wenn du sie das nächste Mal siehst, sag ihr, dass sie Garnet anrufen soll. Und du kommst am Donnerstag besser hierher.«

»Ich überleg’s mir noch.«

»Dann überleg dir auch einen Weg, Garnet loszuwerden. Irgendwas, das keinen Verdacht auf mich wirft.«

Ich musste einfach kichern. Dove und ihre Hassliebe zu ihrer einzigen Schwester erheiterten mich immer. »Kopf hoch, altes Mädchen. Wann fliegt sie denn nach Arkansas zurück?«

»In drei Wochen, halleluja. Bist du sicher, dass du …«

»Arbeit, Arbeit, Arbeit.«

»Stures Gör.«

»Kurze Haare sind doch eh viel leichter zu pflegen!«

Sie rümpfte die Nase und legte – wie üblich – einfach auf, bevor ich ihr zuvorkommen konnte. Die Frau hatte Reflexe wie eine Achtzehnjährige.

Ich verkroch mich wieder unter meine Bettdecke und versuchte, nicht daran zu denken, was der Regen mit den dünnen Zelten anstellen würde, die wir für das Folk-Art-Festival organisiert hatten, das die Kooperative an diesem Wochenende veranstalten wollte. Als Kuratorin des Josiah-Sinclair-Folk-Art-Museums und dem damit verbundenen Posten als Vorsitzende der Künstlerkooperative lag die Entscheidung über die Vorgehensweise bei mir, doch in diesem Moment war ich lediglich dazu in der Lage, mich wieder umzudrehen und weiterzuschlafen.

Obwohl ich in der Vergangenheit eine Frühaufsteherin gewesen war, fürchtete ich mich, seit Jack gestorben war, vor dem Tagesanbruch. In der kurzen Zeitspanne zwischen Schlafen und Wachen hörte ich manchmal ganz deutlich, wie seine Stimme meinen Namen rief. Es war, als ob er sich über mich beugte. Ich schreckte dann immer hoch, mein Herz raste wie das eines Welpen, nur um anschließend in einen leeren Raum zu blicken. Doch in den vergangenen ein oder zwei Monaten hatte ich gelernt, dass mein Verstand mir lediglich einen Streich spielte, und obwohl ich seine Stimme auch weiterhin vernahm, vergrub ich jetzt den Kopf in meinem Kissen und weigerte mich, ihr auf den Leim zu gehen, doch mein Herz tat sich da schon schwerer.

Ich kroch aus dem Bett und trottete in die Küche. Ein Windstoß klatschte den Regen erneut gegen mein Fenster und gab mir das Gefühl, in einer riesigen Autowaschanlage festzusitzen. Nachdem ich den Kaffee aufgesetzt und zwei Scheiben Brot in den Toaster gesteckt hatte, zog ich die Jalousie über der Spüle hoch und studierte mein Spiegelbild in der dunklen Scheibe. Ich löste meinen Zopf und fuhr mir mit den Fingern durch die zerzausten Locken. Wäre es Dove gelungen, mir Tante Garnet aufs Auge zu drücken, wären es mein Haar und mein gesellschaftliches Leben gewesen, auf das sie sich gestürzt hätte. Im Gegensatz zu Dove und Daddy waren Rita und ich Frischfleisch für ihr selbst ernanntes Verkupplungstalent. Für einen kurzen Moment konnte ich meine jüngere Kusine gut verstehen. Rita war Tante Garnets Arche-Noah-Mentalität nicht gewachsen.

Ich schaltete den KCOW-Radiosender ein und lauschte mitfühlend, wie sich Patsy Cline in ihrem Lied ausheulte. Brahma Bob lieferte seinen wie üblich hoch professionellen und äußerst wissenschaftlichen Wetterbericht – »Regen, Regen, Regen, soweit dieser Cowboy hier sehen kann«.

Nachdem ich mir an meiner ersten Tasse Kaffee den Mund verbrannt hatte, nahm ich die zweite mit ins Schlafzimmer, um mir etwas zum Anziehen zu suchen. Die Jeans, die ich gestern getragen hatte, hing überm Pfosten meines Messingbetts und wirkte sauber genug für einen weiteren Tag. Ich schlüpfte in eines von Jacks ausgewaschenen Flanellhemden, steckte es in den Bund meiner Jeans und rollte die Ärmel hoch. Abgesehen von seiner alten 45er-Colt-Pistole waren es die einzigen Sachen von ihm, die ich nicht weggeräumt hatte. Ich war dem Rat meiner Freunde und Familie gefolgt und hatte ein neues Leben begonnen, aber als ich meine Wange an dem weichen, abgewetzten Kragen rieb, fragte ich mich, was ich wohl tun würde, wenn sie erst einmal alle völlig zerschlissen wären.

Ich zog einen braunen Stiefel an und suchte humpelnd nach dem zweiten. Es erstaunte mich noch immer, wie unorganisiert ich geworden war, seit ich alleine lebte. Obwohl ich zehn Jahre lang die Bücher der Harper-Ranch geführt hatte, hatte ich in den drei Monaten, seit ich in die Stadt gezogen war, bereits zwei Mahnungen von der Stromgesellschaft erhalten, unendlich viel Zeit mit der Suche nach meinen Wagenschlüsseln verbracht und mir einmal sogar Ben-Gay-Hämorrhoidensalbe auf die Zahnbürste gedrückt.

Nachdem ich einige Minuten lang halbherzig herumgesucht hatte, gab ich auf und begnügte mich mit einem weißen Paar knöchelhoher Reeboks und flocht mir rasch die Haare neu.

Der Regen peitschte mir mit eisigen Nadeln ins Gesicht, als ich zu dem roten Chevy Pick-up-Truck hinauseilte, den Jack und ich uns im ersten Jahr unserer Ehe zugelegt hatten. Während ich die University Avenue in südlicher Richtung zum Museum entlangfuhr, geriet ich in dichten Verkehr, der aus Lieferwagen von Ranchern, Studenten, die sich verspätet hatten, und aus älteren Mitbürgern bestand, die noch das letzte Frühstückssonderangebot nutzen wollten. Es war der erste Sturm der Saison, und San Celina war, wie sämtliche kalifornischen Städte südlich von San Francisco, auf dessen Intensität nicht vorbereitet. Eine ältere Dame mit rosafarbenen Haaren, die einen braunen Gremlin fuhr, zeigte mir einen Vogel, als ich unbeabsichtigt zu dicht vor ihr einscherte. Ich lachte, als sie mein entschuldigendes Handzeichen ignorierte und an mir vorbeibrauste. In einer Studentenstadt müssen ältere Mitbürger vermutlich entweder resolut werden oder einfach wegziehen.

Die alte Sinclair-Hazienda, die früher so abgelegen gewesen war, dass es einen ganzen Tagesritt brauchte, um zum nächsten Nachbarn zu gelangen, befand sich nun in Gesellschaft eines riesigen Großhandels für Farmerutensilien sowie der San Celina Futter- und Korngenossenschaft und etwa einem Dutzend kleinerer Geschäfte, die in Fertighäusern aus Metall untergebracht waren. Der Regen hatte die weißlichen Lehmsteinwände der zweistöckigen Hazienda von ihrem üblichen Staub rein gewaschen, und das normalerweise matte, rot gedeckte Dach des Gebäudes glänzte jetzt.

Ich stellte meinen Lieferwagen am hinteren Ende des Parkplatzes neben der mit Initialen verzierten Eiche ab und quetschte mich zwischen den kleineren Pick-ups und den japanischen Importfahrzeugen der Künstler hindurch, wobei es mir gelang, sämtliche Pfützen bis auf eine zu umgehen.

Während ich mich durch die Lobby schleppte und meine mittlerweile scheckigen Schuhe dabei wie Gummispielzeuge quietschten, inspizierte ich, was Eric, der so genannte Wartungsmonteur des Museums, bisher erreicht hatte.

Im Hauptsaal war der Boden ein einziges Minenfeld aus Werkzeugen; hölzerne Hängevorrichtungen für die Quilts lehnten an den Adobewänden, und stapelweise lagen Quilts herum, in Tücher und alte Laken eingewickelt, die ich von Freunden, meiner Familie und den Mitgliedern der Ko-Op abgestaubt hatte. Plastik wäre leichter aufzutreiben gewesen und hätte die Flickendecken wohl sauberer gehalten, doch in dem alten Buch über Quilts, das ich fast schon auswendig konnte, hatte gestanden, dass die zarten Baumwollfasern darin vermodern konnten.

Aus einer tragbaren Stereoanlage mit winzigen Lautsprechern dröhnte Van Halen, während Wassertropfen aus einem Loch in der Decke alle paar Sekunden ein rhythmisches »Ping« in einem Blechtopf dazu beisteuerten. Schweigen schlug mir entgegen, als ich Erics Namen rief.

Eric Griffin, Teilzeitgehilfe und Vollzeitidiot, war von Constance Sinclair eingestellt worden, der emsigen Schirmherrin der Central California Arts und obendrein reichsten Dame im gesamten County. Das nach ihrem Urgroßvater benannte Josiah-Sinclair-Folk-Art-Museum war momentan eins ihrer Lieblingsprojekte. Eric, der ungebundene Sohn eines ihrer Bekannten, war ein weiteres.

Sie vertrat die Meinung, dass er lediglich eine ältere, weisere Person und die Struktur einer geregelten Arbeit benötigte, um herauszufinden, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Ich dagegen war der Meinung, dass er sein Leben bereits vergeudete, aber vielleicht war ich auch nur eifersüchtig.

Bis vor drei Monaten war mein letzter offizieller Arbeitsplatz die Nachtschicht im Hogie’s Truckstop Café, draußen am Highway One gewesen – und das war etwa fünfzehn Jahre her. Für die Stelle als Kuratorin hatte ich mich gegen fünf Mitbewerber durchsetzen müssen, und wenn sie auch nur gering bezahlt war und abgesehen von der Freiheit flexibler Arbeitsstunden nur noch den Vorteil bot, dass ich anziehen konnte, was ich wollte, war ich dennoch stolz darauf. Obwohl mein uralter Abschluss in amerikanischer Geschichte eher eine zweifelhafte Qualifikation darstellte, war er immerhin besser als nichts.

Eric wiederum war einer jener Menschen, die durchs Leben stolperten und andere den Weg für sich freiräumen ließen, und mit seinem dunklen Aussehen, das an Lord Byron erinnerte, und dem Lächeln eines Schurken gab es auch immer jemand, gewöhnlich eine weibliche Person, die bereit war, ihm den roten Teppich auszurollen.

Ich stellte das Radio ab und ging über die roten Fliesen des hinteren Innenhofs zu den alten Ställen der Hazienda, in denen sich nun die Studios der Ko-Op und die Büros des Museums befanden. Im Hauptstudio reflektierten die Aktivitäten der Künstler das Wetter, düster und hektisch.

»Benni, wann wird denn endlich der andere Brennofen repariert?«, rief mir einer der Töpfer zu, ein dünner, nervöser Mann, dessen glitschige, tonbeschmierte Hände geschickt eine elegante Vase aus einer grünen Masse Porzellanerde gen Himmel formten. »Und die andere Drehscheibe? Da warten ’ne Menge Leute drauf. Und was wirst du tun, falls es nicht aufhört zu regnen?«

»Ich habe drei Handwerker in Santa Barbara angerufen«, erwiderte ich. »Der Billigste will hundert Dollar haben, bloß um hierher zu fahren und sie sich anzusehen. Das können wir uns momentan noch nicht leisten.«

Sein dunkles Gesicht mit dem Ziegenbärtchen verfinsterte sich. »Die Leute hängen davon ab. Kannst du denn nicht Constance überreden, was locker zu machen?«

»Du weißt doch, dass die Ko-Op sich selbst tragen soll. Ich kann nicht jedes Mal zu Constance rennen, wenn etwas kaputtgeht.«

Er grunzte, betrachtete die Vase mit zusammengekniffenen Augen und stellte dann die Drehscheibe ab.

»Ich werde es noch einmal versuchen«, sagte ich. »Und an der Regenfrage arbeite ich noch. Hat jemand Eric gesehen?«

»Zuletzt hab ich mitgekriegt, wie er in Richtung Holzshop oder zu deinem Büro ging«, bemerkte eine Frau, die bei einem der Quiltrahmen stand.

»Danke«, sagte ich und beugte mich hinüber, um den Quilt zu begutachten, an dem einige Künstler gerade arbeiteten. »Robbing Peter to Pay Paul?«

Die Quilter lachten. »Stimmt schon wieder«, sagte einer von ihnen.

Es war ein Spiel, das wir schon seit drei Monaten spielten – eigentlich seit ich hier arbeitete. Ich war stolz auf meine Fähigkeit, beinahe jedes traditionelle Quiltmuster erkennen zu können. Gelernt hatte ich das von der berüchtigten Tante Garnet – aufgeschnappt bei den vielen Besuchen, die wir in meiner Kindheit bei ihr in Arkansas gemacht hatten.

Ich schritt den Korridor entlang, vorbei an den zahlreichen Arbeitsräumen, und blieb kurz stehen, um einen Blick in den Holzshop zu werfen. Ich sog die süßliche, piniengeschwängerte Luft ein, lächelte den Schaukelpferden zu, die, in den Grundfarben angemalt, in mehreren Reihen dastanden, wo sie auf ihre zukünftigen Besitzer warteten, und winkte Ray zu, der als Einziger so früh schon anwesend war. Er war ein breitschultriger Mann mit rotem Walrossschnurrbart, ein talentierter Holzschnitzer von so genannten Lockvögeln und eines der genialsten Mitglieder der Ko-Op. Er winkte zurück und schenkte mir ein buschiges Lächeln.

Ich öffnete die Tür zu meinem kleinen Büro und erwischte den Gesuchten dabei, wie er begeistert auf meine Tastatur einschlug. Sein letztes Unterfangen, ein Seminar an der Universität über das Schreiben von Romanen, hatte schon früher zu Auseinandersetzungen zwischen uns beiden geführt.

»Eric«, sagte ich, »sämtliche Quilts müssen heute noch aufgehängt werden. Du weißt doch, dass die Voreröffnung Freitagabend stattfindet. Kannst du das hier nicht in deiner Freizeit schreiben?«

Er blickte zu mir auf, mit seinen schläfrigen braunen Augen und den dichten Wimpern, die zugegebenermaßen sexy waren. »Wie findest du das? ›Dacks Zunge schob sich in ihr Ohr wie eine Zahnarztsonde. Cassandra schmolz in hilflosem Verlangen wie frische Butter von der Milchfarm ihres Vaters dahin. Dann drückte er sein pulsierendes Schwert der Männlichkeit gegen ihre …‹«

»Das ist ja grauenvoll«, stöhnte ich. »Ich kann nicht glauben, dass du so was tatsächlich vor einer fremden Klasse laut vorgelesen hast.«

»Es muss gut sein«, entgegnete er mit seinem Zweihundertwattgrinsen. »Drei Frauen wollten nach dem Kurs mit mir Kaffeetrinken gehen. Ich glaube, ich habe meine Berufung gefunden.«

»Du bist abscheulich«, meinte ich und musste unwillkürlich lachen. »Du machst diesen Kurs nur, um Frauen aufzureißen.«

»Nö.« Er grinste und zwinkerte mir zu. »Im Ernst, da steckt ’ne Menge Geld drin. Frauen kaufen solche Bücher wie Süßigkeiten. Es ist eine Goldmine.« Er fing wieder an zu tippen. »Sybillia findet, ich hätte echtes Potenzial. Sie unterstützt mich.«

»Wer?«

»Meine Lehrerin.«

»Ihr Name klingt wie eine Geschlechtskrankheit. Auf jeden Fall wartet da draußen eine Menge Arbeit auf dich. Du kannst dich ja später wieder deinen pulsierenden Schwertern widmen.«

»Ein Schwert, Benni. Er hat bloß eins. Ist wohl schon etwas länger her bei dir, was?« Er verscheuchte mich, als ob ich ein lästiger Blutsauger wäre. »Nur noch eine Seite.«

Ich ging durch das Zimmer zur Steckdose. »Du speicherst das jetzt, oder ich ziehe Dack und Cassandra den Stecker raus.«

»Eine Minute noch.«

»Jetzt.« Ich packte den Stecker.

»Schon gut, schon gut.« Mit einer raschen Handbewegung haute er auf die Speicherntaste. »Wenn du netter zu mir wärst, hätte ich in Betracht gezogen, dir das Buch zu widmen. Aber jetzt …« Er seufzte übertrieben.

»Ich werde versuchen, mit dieser Enttäuschung zu leben. Jetzt brauche ich dich, um die Quilts aufzuhängen. Constance wird uns umbringen oder viel mehr mich, wenn Freitagabend nicht alles perfekt ist.«

Er schob die Diskette in den schwarzen Plastikordner auf meinem Tisch. »Meine hat den roten Aufkleber«, bemerkte er. »Bitte lies sie nicht ohne meine Erlaubnis.«

»Raus.« Ich deutete in Richtung Museum. »An die Arbeit.«

»Sklaventreiberin.«

»Verkommenes Subjekt.«

Seine dunklen Augenbrauen zogen sich fragend zusammen.

»Und du willst Schriftsteller werden«, höhnte ich. »Besorg dir mal ein Wörterbuch.«

Er warf den Kopf zurück und marschierte in einem – wie ich annahm – künstlerischen Wutanfall durch die Tür und knallte sie hinter sich zu.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und überlegte, was ich als Nächstes in Angriff nehmen wollte. Da ich wusste, dass Dove bei ihrem nächsten Anruf nachhaken würde, versuchte ich, meine Kusine Rita ausfindig zu machen. Nach einem erfolglosen Anruf bei ihr zu Hause und anschließend im Trigger’s Saloon, bei dem ihr Boss mir mitteilte, dass er sie seit vorletzter Nacht nicht mehr gesehen hätte, beließ ich es dabei und gab mich dem Gefühl hin, wenigstens einen Versuch unternommen zu haben. Sie würde schon wieder vorbeikommen, wahrscheinlich wenn sie Geld brauchte.

Meine Bürotür wurde aufgestoßen.

»Hilf mir«, verlangte Marla Chenier. Sie knallte mir einen großen Styroporbecher mit Kaffee und eine weiße Papiertüte auf den Tisch und sackte anschließend in den schwarz bespannten Chromstuhl, der mir gegenüberstand.

Ich nahm mir den Becher. »Wie denn?«

»Ich besteche dich gerade«, erklärte sie. »Ich bin verzweifelt und habe ein dringendes Bedürfnis.« Sie schüttelte ihre schwarze Lockenmähne, wobei sie feine Wassertröpfchen auf meine Kladde verspritzte, und überschlug anschließend ihre langen Beine, die in hohen Stiefeln steckten. Mit ihrer Größe von über ein Meter achtzig und ihren festen, glatten Rundungen, bei denen die meisten Männer wie Schulbuben ins Stottern gerieten, wirkte sie überhaupt nicht verzweifelt.

»Bedürfnis ist ein relativer Begriff«, warf ich ein, nahm den Deckel vom Becher und nippte an dem Kaffee. »Was sind denn in Wirklichkeit unsere Grundbedürfnisse? Wasser, Luft, Nahrung …«

»Sex.« Sie gab ein langes, kehliges Lachen von sich, das vermutlich ihre Trinkgelder im Trigger’s verdoppelte.

»Was ist heute bloß los mit allen? Jeder denkt nur an das eine. Und außerdem ist es wissenschaftlich betrachtet gar kein Bedürfnis. Es ist ein Begehren.«

»Wer hat dir denn diesen Bären aufgebunden?«

Ich warf einen Blick in die Tüte und zog einen großen Marmeladendoughnut heraus. »Ich würde zwar lieber Geld annehmen, aber das hier tut’s auch«, bemerkte ich und biss ab. »Erzähl mir von deinen Bedürfnissen. Ich meine von deinen künstlerischen.«

»Na ja, wenn du mir schon keinen brauchbaren Mann besorgen kannst, werde ich mich eben mit dem zweitbesten zufrieden geben: etwas Zeit an der Drehscheibe.« Sie fuhr sich mit ihren langen Fingern und den rauen Nägeln durch die nassen Haare. »Seit meiner Lungenentzündung letzten Monat hänge ich mit meinen Töpfen hinterher.«

»Lass mich mal in die Liste gucken.« Ich nahm mir mein abgegriffenes Notizbuch zur Hand, in dem ein zerkauter Bleistift steckte, und blätterte darin herum. »Eine der Drehscheiben ist kaputt, und wir haben kein Geld für die Reparatur.« Ich zeigte ihr die ausgefüllten Seiten. »Tut mir leid, aber für die nächsten fünf Tage ist sie bereits ausgebucht.«

»Was soll ich denn jetzt machen?« Sie zog einen Flunsch, während sie sich eine Haarsträhne um den Finger wickelte. »Meine Autoversicherung ist fällig, und meine Mutter muss tausend Dollar an ihren Arzt bezahlen, sonst wird er sie nicht mehr behandeln.« Sie stöhnte und schüttelte erneut ihre Haare. »Und ’ne Menge Leute haben für Weihnachten Töpfe bei mir bestellt. Ich will nicht in den Ruf kommen, unzuverlässig zu sein. Meine Töpferei ist momentan das einzig Gute in meinem Leben.«

Ich kaute auf dem Bleistift herum und studierte die beschriebenen Seiten. Ich wünschte, sie hätte mir früher Bescheid gesagt, dass sie mehr Zeit benötigte, doch als eine meiner ersten Lektionen in diesem Job hatte ich gelernt, dass die meisten kreativen Menschen selten sehr begabte Planer waren.

»Du kannst die Drehscheibe nach Feierabend benutzen«, schlug ich vor und traf eine rasche Entscheidung, die ich hoffentlich nicht bereuen würde. »Aber nur, wenn du jemand findest, der mit dir zusammen hier bleibt. Ich will nicht, dass du alleine hier bist. Es ist zwar gegen die Regeln, aber wir haben auch nicht damit gerechnet, dass eine der Drehscheiben so lange kaputt sein würde.«

Ihr Gesicht hellte sich auf. »Klasse! Warum leistest du mir nicht einfach Gesellschaft? Wir könnten uns das Maul über die anderen Mitglieder der Ko-Op zerreißen. Ich könnte dir Sachen erzählen …«

»Klingt verführerisch, aber ich habe schon was vor. Ich muss um halb acht bei einer Autorenlesung in Elvias Buchhandlung sein.«

»Jemand, den ich kenne?«

»Nur wenn du Vogelliebhaberin sein solltest. Elvia hat einen Typen eingeladen, der irgendwas über Geier oder Kondore oder sonst einen Vogel geschrieben hat. Laut Elvia ist er auf seinem Gebiet sehr angesehen, aber sie hat Angst davor, dass niemand kommen wird.«

»Und warum gehst du da hin? Stehst du auf Vögel?«

Ich grinste, zog ein paar Karteikarten aus meiner obersten Schublade und wedelte damit herum. »Ich bin ihr Gehilfe, eine Art Claqueur.«

»So wie in Las Vegas?« Sie kicherte. »Was hast du denn da?«

»Meine ganz spontanen Fragen.«

»Du bist eine bessere Freundin als ich, Benni.« Kopfschüttelnd erhob sie sich. »Ich höre mich mal um. Vielleicht finde ich ja einen, der heute Abend mit mir hier bleiben will.«

»Das wäre mir nicht so recht«, warf ich ein, während ich sie zur Tür begleitete. »Ich verletze die Regeln, wenn ich dich nach Feierabend noch reinlasse, daher sollten wir es nicht an die große Glocke hängen. Kannst du nicht jemand von außerhalb der Ko-Op fragen?«

»Ich gucke mal, was Rita so macht«, sagte sie. »Ich glaube, sie hat heute Abend frei.«

»Das erinnert mich an etwas. Wo steckt meine liebe Kusine denn eigentlich? Ihre Großmutter ist in der Stadt und möchte sie gern sehen.«

Marla langte in ihre große Leinentasche, fand ein Gummiband und schnürte sich die Haare zu einem dicken Pferdeschwanz zusammen. »Du kennst doch Rita, mal hier, mal da. Unsere Schichten haben sich seit einer Woche nicht mehr überschnitten. Sie ist seit ein paar Tagen nicht mehr zu Hause gewesen, daher vermute ich, dass sie einen Cowboy gefunden hat und eine Weile bei ihm eingezogen ist.«

»Das hatte ich befürchtet.«

»Mach dir keine Sorgen, ich werde sie schon finden und ihr sagen, dass sie dich anrufen soll.«

»Danke.« Ich blickte ihr tief in die Augen. »Ich verstehe nicht, wie du mit ihr zusammenleben kannst. Es hat mich schier wahnsinnig gemacht.«

Marla deutete mit ihrem langen Zeigefinger auf mich. »Du musst leben und leben lassen, Benni. Du warst viel zu lange eine verheiratete, alte Frau. Du hast vergessen, wie es ist, beim Anblick eines Mannes in engen Jeans weiche Knie zu bekommen.«

Kopfschüttelnd gab ich meiner Tür einen Stoß, als jemand von der anderen Seite gleichzeitig daran zog. Ich fiel in ein paar braune, starke Arme.

»Oh, Liebling«, schnurrte eine tiefe, gedehnte Stimme. »Ich wusste immer, dass du mal auf mich reinfallen würdest.« Ich lächelte in zwei amüsierte braune Augen hinauf, die vor Müdigkeit dunkle Ränder hatten. Obwohl er fünf Jahre älter, sechs Zentimeter größer und zwanzig Pfund schwerer war als Jack, erinnerte mich mein Schwager doch so sehr an ihn, dass mein Herzschlag sich beschleunigte.

»Hey, Marla.« Er fuhr sich mit einer schwieligen Hand durch sein kastanienbraunes Haar, in dem es bereits erste graue Strähnen gab. »Siehst gut aus.«

Ihr Gesichtsausdruck wurde kühl, als sie sich an ihm vorbeischob. »Du riechst wie ’ne Kuhherde.«

»Das ist der Geruch des Geldes, Liebling.«

Sie zog die Augenbrauen zusammen und wandte sich an mich. »Danke, dass du mich heute Abend hier reinlässt. Ich schulde dir was.«

»Finde Rita, und wir sind quitt«, erwiderte ich und bat Wade in mein Büro herein. Er zog sich die nasse Jacke aus, fläzte sich in meinen Sessel und legte seine dreckigen Stiefel auf meinen Schreibtisch. Ich schlug ihm seitlich auf die Jeans. »Das ist hoffentlich nur Dreck an deinen Stiefeln«, bemerkte ich und setzte mich ihm gegenüber.

»Schnupper mal dran«, erwiderte er augenzwinkernd. »Ich bin da nicht so sicher.«

»Was ist los mit dir und Marla?«

Er überschlug die Beine und zuckte mit den Schultern. »Gar nichts. Ich verarsche sie nur ab und zu im Trigger’s.« Er lachte und verschränkte die Arme hinterm Kopf. »Mach dir mal keine Gedanken darüber.«

»Wie kannst du da noch hingehen?«, fragte ich.

»Ich gehe seit zwanzig Jahren ins Trigger’s. Jack und ich hatten zusammen viel Spaß dort.«

Ich starrte zu Boden.

»Ich bin ihm doch noch nachgefahren!«, sagte Wade verbittert. »Ich kann doch nichts dafür, dass er schon wieder weg war, bevor ich eingetroffen bin. Er hätte nie in den Jeep steigen dürfen, nachdem er dort so viel getrunken hatte.«

»Ich weiß«, seufzte ich. »Du hast dich mit Jack ein Dutzend Mal pro Woche gestritten. Er war ein großer Junge. Niemand hat ihn gezwungen, in die Stadt zu fahren.«

Ich sprach die Worte aus, die er erwartete, doch ein Teil von mir gab ihm die Schuld dafür, dass Jack überhaupt ins Trigger’s gefahren war, genau wie alle anderen, die Jack nicht aufgehalten hatten. Doch am meisten gab ich wohl Jack selbst die Schuld, dass er mich nicht angerufen hatte, um ihn von der Ranch meines Vaters abzuholen.

Er räusperte sich und sah sich um. »Hast du mal ’ne Tasse?«

»Das ist eine eklige Angewohnheit.« Ich nahm einen letzten Schluck Kaffee und goss den Rest in meinen Farn, bevor ich ihm den leeren Becher reichte. »Hast du je ein Foto von jemand gesehen, der Mundkrebs hatte?«

Er spuckte einen braunen Schwall Tabaksaft in den Becher und zupfte an seinem üppig wuchernden Schnurrbart. »Ich liebe dich, Benni, aber ich glaube, ich hab schon ’ne Ehefrau.«

»Na schön.« Ich hob die Hände. »Ich mach mir doch bloß Sorgen um dich. Wie geht’s den anderen?«

»Uns geht’s allen gut«, erwiderte er. »Deswegen bin ich vorbeigekommen. Ich hab dir diese Babyquilts hier mitgebracht, die Ma für deine Veranstaltung gemacht hat. Und sie schickt dir Omas alten Quilt. ›Ringe‹ oder so ähnlich.«

»Der ›Trauringquilt‹«, sagte ich. »Wie schön! Eine perfekte Ergänzung für die Ausstellung. Sag ihr, dass ich gut darauf aufpassen werde. Kommt sie denn auch zu dem Festival?«

Er nahm sich meinen Messingbrieföffner, fing an, ihn hochzuwerfen und am Griff wieder aufzufangen. »Wer weiß? Seit Jack … na ja, du weißt doch, ist sie ziemlich niedergeschlagen. Aber Sandra und die Kinder kommen wohl.«

»Sag Mom, dass ich vorbeischaue, wenn das Festival hier vorbei ist, und ihr das Geld für die Babyquilts mitbringe. Die werden sich im Handumdrehen wahrscheinlich schon am ersten Tag verkaufen, da bin ich mir ganz sicher. Mir scheint, dass überall, wo ich hinsehe, eine schwangere Frau herumwatschelt.«

Er warf erneut den Brieföffner in die Luft, verfehlte ihn diesmal jedoch, sodass er klappernd auf den Schreibtisch fiel.

Ich schnappte ihn mir. »Du bist ja noch schlimmer als eins deiner Kinder.«

»Das sagt Sandra auch immer«, meinte er grinsend. Er spuckte noch einmal in den Becher und warf ihn anschließend in meinen Mülleimer.

Ich verzog das Gesicht und war froh, dass ich ihn am Tag zuvor mit einer Plastiktüte ausgekleidet hatte.

»Wie kommt sie denn mit dem Computer zurecht?«, fragte ich.

»Sehr gut«, antwortete er viel zu schnell.

»Hat sie wieder Probleme mit dem Gewicht der Kälber? Ich könnte ihr dabei helfen, wenn ich nächste Woche rauskomme.«

Er ignorierte mein Angebot, zog ein kleines Taschenmesser heraus und begann, sich die Nägel zu säubern.

Ich richtete den Brieföffner auf ihn. »Es könnte nicht schaden, wenn du endlich lernen würdest, wie man damit umgeht, weißt du?«

»Was mich betrifft, so langt es mir, das ganze Zeug in Dads alten Aktenordnern einzutragen. Dieser Computerkram war rein Jacks Angelegenheit.« Er wischte die Klinge an seiner Jeans ab.

»Computer werden uns alle überleben, ob es dir gefällt oder nicht. Jack hat bewiesen, dass du damit Geld gespart hast.«

»Ungefähr genug, um sein Collegedarlehen zu tilgen«, konterte er. Tiefe Falten des Unmuts bildeten sich um seinen Mund herum. Er nahm die Beine vom Tisch und zog sich die feuchte Jeans wieder über die Stiefel.

Ich hielt den Mund, da ich das Thema nicht aufgreifen wollte, dass Jack und Wade sich seit dem Tode ihres Vaters vor zwanzig Jahren immer nur gestritten hatten. Ärger und Frustration wegen Wades Weigerung, die notwendigen Veränderungen auf der Ranch in Angriff zu nehmen, und seine Sturheit gegen den Versuch, neue Methoden anzuwenden, waren auch der Grund dafür gewesen, dass Jack in jener Nacht in die Stadt gefahren war.

Er stand einen Moment lang da und starrte mich an; dann wurde sein Gesichtsausdruck sanfter. »Ma wollte, dass ich nach dir sehe, um ihr zu erzählen, wie es dir geht. Was soll ich ihr sagen?«, fragte er mit unterdrückter Stimme. Wie bei allen Männern aus der Harper-Familie ging sein Temperament so schnell mit ihm durch wie bei einem Teenager und legte sich genauso schnell wieder.

Ich stand auf und legte ihm einen Arm um seine etwas dicklichen Hüften. »Wie wirke ich denn auf dich?«

Er zupfte an meinem Zopf und lächelte. »Du siehst sehr gut aus, Blondie.« Bei Jacks altem Kosenamen zog sich mir der Hals zusammen.

»Ruh dich etwas aus, Wade.«

»Es geht mir gut«, sagte er. »Ich wünschte, du würdest uns öfters draußen besuchen. Ma und Sandra vermissen dich wirklich.«

Ich studierte eingehend den gefliesten Boden. »Es fällt mir schwer, Wade.«

»Das weiß ich doch.« Seine Hand beschrieb einen kleinen Kreis auf meinem Rücken, wobei seine raue Haut in dem fusseligen Flanell vom Hemd seines Bruders hängen blieb. »Es tut mir leid, dass ich davon anfange, aber ich habe Ma versprochen, dass ich dich fragen würde.«

»Sag ihr, dass ich nächste Woche zu Besuch komme.«

»Ganz bestimmt? Soll ich das hier für dich wegwerfen?« Er deutete auf den Mülleimer.

»Ein echter Western-Gentleman«, neckte ich. »Lass mal. Pass lieber gut auf dich auf.«

»Sowieso«, sagte er und zog sich die Jacke an.

Nachdem er gegangen war, saß ich lange an meinem Schreibtisch und starrte auf die Tastatur meines Computers. Ich hatte eine Menge zu erledigen – Quiltbeschreibungen zu tippen und zu rahmen, Beihilfeanträge auszufüllen, Elvias Kondorfragen durchzulesen –, aber Wades Besuch hatte mich aufgewühlt und nervös gemacht.

Ich nahm mir die Karteikarten mit den Fragen zum Kondor und mischte sie gereizt. Ich hatte mir noch nie gut Dinge merken können, daher warf ich sie wieder hin und beschloss, es darauf ankommen zu lassen und einfach zu improvisieren. Jetzt brauchte ich eine körperliche Betätigung, etwas, wobei ich nicht groß nachdenken musste. Eric benötigte sicher Hilfe und schien auch immer mehr zu erledigen, sobald ich mit ihm zusammenarbeitete, daher begab ich mich zum Hauptsaal des Museums.

Als ich ihn betrat, diskutierten Eric und Marla gerade heftig miteinander. Er starrte zu Boden, während sie ihm mit dem Zeigefinger auf die Schulter tippte.

»Mehr kriegst du nicht«, sagte sie mit wütender Stimme. »Und halt dich da raus.«

»Was ist denn hier los?«, fragte ich. Aufgeschreckt durch meine Stimme warf sie ihren Kopf herum.

»Gar nichts«, erwiderte sie mit einer ungeduldigen Handbewegung. Eric blickte weiterhin mit einem nervösen Grinsen zu Boden. Sie warf ihm noch einen gereizten Blick zu, schob sich durch die schwere spanische Tür und knallte sie hinter sich zu.

»Was hast du getan?«, fragte ich, während er sich einen abgewetzten Werkzeuggürtel aus Leder um die schmale Hüfte schnallte.

»Reichst du mir die Schachtel Nägel?«, entgegnete er und kletterte auf die Aluminiumleiter. Ich klatschte ihm die Schachtel in die ausgestreckte Hand.

»Du hast sie doch nicht etwa um Geld für eins deiner komischen Projekte angehauen, oder? Ich habe dir gesagt, ich will nicht, dass du die Mitglieder der Ko-Op um Geld bittest.« Erics Projekte, um »ganz schnell reich« zu werden, und das Geld, das er für diesbezügliche »Investitionen« schon aus verschiedenen Mitgliedern herausgeleiert hatte, waren ein weiterer Streitpunkt zwischen uns.

»Es ist gar nichts. Zerbrich dir nicht den Kopf darüber.« Er zog einen Hammer aus seinem Gürtel und begann, einen Nagel in die Wand zu schlagen.

»Marla wird doch nicht so sauer wegen gar nichts. Was hast du angestellt?«

Er stieg von der Leiter herunter, ging zum Radio hinüber und schaltete es ein. Ein Rock-and-Roll-Schrei explodierte aus den knarrenden Lautsprechern.

»Eric«, sagte ich in meinem strengsten Ton.

Er ignorierte mich und drehte am Lautstärkeregler.

»Sieh zu, dass du heute fertig wirst«, fauchte ich, als mir klar wurde, dass er mir nichts verraten würde. Vielleicht würde ich Marla fragen, wenn ich sie das nächste Mal traf und sie wieder bessere Laune hatte. Andererseits ging es mich vielleicht auch überhaupt nichts an.

Als ich in mein Büro zurückging, nagte ich an meiner Unterlippe. Manchmal schienen sowohl das Jonglieren mit den verschiedenen Persönlichkeiten in der Ko-Op als auch die täglichen Probleme, finanziell über Wasser zu bleiben, den Aufwand nicht wert zu sein. Als ich mich für den Job beworben hatte, war es mir gelungen, Constance davon zu überzeugen, dass es wohl kaum schwieriger sein konnte, sich um einen Haufen Künstler zu kümmern, als nach einer Rinderherde zu sehen, etwas, das ich mit verbundenen Augen tun konnte. In den vergangenen drei Monaten hatte ich jedoch gelernt, dass Rinder, selbst an ihren schlimmsten Tagen, nicht nur berechenbarer, sondern auch kooperativer waren.

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich ganz auf mich allein gestellt, und irgendwie schien es mir wichtig zu sein, Erfolg zu haben, obwohl ich gar nicht sicher war, was das eigentlich bedeutete. Ich hatte zwar zu keinem Menschen je etwas davon gesagt, doch es hatte Zeiten gegeben, in denen ich überlegt hatte, auf die Harper-Ranch zurückzukehren; immerhin waren es fünfzehn Jahre meines Lebens gewesen. Mir fehlten der Rhythmus der Tiere und die Rituale des Lebens, das durch ihre Bedürfnisse und die Launen des Wetters bestimmt wurde. Obwohl ich jeden Abend müde aus dem Museum kam, war es doch nicht die bleierne, zufrieden stellende Müdigkeit, die mir in den Gliedern steckte, wenn ich stundenlang nach den Kälbern gesehen oder einen Zaun repariert hatte.

Doch ich wurde auch das Gefühl nicht los, es sei falsch, zurückzukehren. Im Grunde gehörte ich ja nicht mehr zur Familie, und obwohl Daddy es geliebt hätte, wäre es mir wie ein Rückschritt erschienen, mit ihm und Dove auf der Ramsey-Ranch zu leben.

Schmeiß dir eine Mitleidsparty, und du wirst der einzige Gast sein, hätte Dove gesagt und Recht damit gehabt. Ich war relativ jung, gesund und hatte einen interessanten, wenn auch unterbezahlten Job. Was konnte ein Mensch denn heutzutage sonst noch erwarten? Mit diesem Gedanken im Hinterkopf klemmte ich mich für den Rest des Tages hinter den Papierkram, arrangierte für den Fall, dass es regnete, die Benutzung der San-Celina-Highschool-Turnhalle und versuchte, den einen Handwerker, der mich mal ausreden ließ, davon zu überzeugen, unseren Brennofen und die Drehscheibe zu reparieren, um es uns anschließend in Rechnung zu stellen. In dem Moment, als er hörte, wir seien eine Künstlerkooperative, ließ er eine freche Bemerkung los, die irgendwo zwischen »Ja, ja« und einem abfälligen Grunzen lag, bevor er wieder auflegte.

Um halb sieben rief meine beste Freundin Elvia an.

»Du kommst doch, oder?«, wollte sie wissen.

»Das kann ich mir doch nicht entgehen lassen«, erwiderte ich. »Ist der Vogelmensch schon da?«

»Keine Klugscheißereien heute Abend, Benni. Er nimmt seine Arbeit sehr ernst.«

Elvia führte Blind Harry’s Buchhandlung mit der dazugehörigen Kaffeestube für deren abwesenden Besitzer, einen düsteren Schotten, dem drei Casinos in Reno gehörten. Er hatte beides vor fünf Jahren als Abschreibungsprojekt erworben und erwartete, dass es dabei blieb. Er unterschätzte Elvia gewaltig. Im ersten Jahr hatte sie Kapital aus ihm herausgeleiert und damit das Inventar des Buchladens zum umfangreichsten im gesamten County erweitert. Im zweiten Jahr hatte sie den Lagerraum im Kellergeschoss in eine Kaffeestube mit runden Eichentischen, an denen jeweils sechs Personen Platz hatten, umgewandelt und die Wände mit gebrauchten Büchern vollgestellt, die von den Kunden regelmäßig ausgeborgt und aufgefüllt wurden. Da sie den besten Espresso und Käsekuchen der Stadt servierte, wurde die Stube zum beliebtesten Treffpunkt sowohl für Studenten als auch für eine wachsende Anzahl von Literaturliebhabern, die von L. A. und San Francisco hierhergezogen waren.

»Ich werde mich bemühen«, versprach ich. »Gibt es denn auch was zu essen? Ich hatte heute bloß einen Marmeladen-Doughnut und verhungere bald.«

»Keine Sorge«, meinte sie.

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