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Der Monstrumologe und der Fluch des Wendigo

Titelbild

Zur Herausgabe gesammelt,
geordnet und bearbeitet von
Rick Yancey

Übersetzung aus dem Amerikanischen
von Axel Franken

Mit Illustrationen von
Jürgen Speh

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Sandy
mein Licht in der Dunkelheit

Danksagungen

Diese zweite Reihe der Tagebücher Will Henrys zur Veröffentlichung fertig zu machen erwies sich als beängstigendere Aufgabe als die erste. Überall in den Folianten wimmelt es von geschichtlichen Bezugnahmen, die alle auf ihre Genauigkeit hin kontrolliert werden mussten. Für ihre gründliche und sorgfältige Überprüfung der Sachverhalte des Manuskripts bin ich Jonathan DiGiovanni und Lektorin Bara McNeill zu Dank verpflichtet.

Für ihre großzügige Hilfe dabei, die im Buch gesprochenen Sprachen auf Herz und Nieren zu überprüfen, gilt mein Dank Dr. Sylvie Blum-Reid, Dr. Hana Filip und Linda Kittendorf.

Wie beim ersten Band Der Monstrumologe verschaffte mir Dr. Jeffrey Wilt Einsicht in die Funktionsweise der menschlichen Anatomie. Seine unerschöpfliche Geduld und gute Laune angesichts der kaum verständlichen Fragen eines Laien waren wirklich von unschätzbarem Wert.

Mein Agent, Brian DeFiore, dessen Begeisterung für dieses Projekt grenzenlos zu sein scheint, war ein früher Leser des Manuskripts. Den ganzen redaktionellen Prozess hindurch lieferte er Vorschläge für weitere Untersuchungen und sorgte für Führung, wenn gewisse Nachforschungswege sich plötzlich als Sackgassen herausstellten. Ich habe Glück, ihn als Agent zu haben, und bin stolz, ihn einen Freund zu nennen.

Nicht genug danken kann ich meiner Familie für ihre erstaunliche Geduld, ihr Verständnis und ihre Unterstützung, während ich an diesem Buch arbeitete. Meine Söhne waren immer meine größten Fans. Danke, Jungs.

Mit Abstand am meisten bin ich meiner Frau schuldig, Sandy, der dieses Buch gewidmet ist. Ohne ihre Liebe und glühende Loyalität, ihre unermüdliche Hingabe und kompromisslose Ehrlichkeit wäre ich wirklich verloren. Sie ist meine beste Freundin.

SCHRECKLICHER
INDIANERMORD

WINNIPEG, 14. Dez. – Soeben vom Berens River hier eingetroffen ist Indianerbeauftragter Short, im Gepäck Einzelheiten über einen schrecklichen Mord, der sich acht Meilen westlich des Berens-Reservats ereignet hat. Eine Indianerin, die an Typhus litt, fiel ins Delirium. Ihr Mann glaubte, sie wäre zur »Wendigo« geworden, und entschied, dass sie getötet werden musste, um sie davon abzuhalten, andere Mitglieder ihrer Gruppe zu fressen. Er drehte ihr den Kopf herum, bis das Genick brach. Der Indianer wurde verhaftet und des Mordes angeklagt.

– The New York Times,

15. Dezember 1897

DEN HÄUPTLING AUF EIGENEN BEFEHL HIN ERSCHOSSEN

WINNIPEG, Manitoba, 27. Okt. – R. G. Chamberlain von der Dominion-Polizei, Ottawa, und B. J. Bannalatyne, Indianerbeauftragter in Lacseul, trafen heute mit drei Indianern in ihrem Gewahrsam ein. Zweien der Indianer wird zur Last gelegt, letzten Winter am Katzensee, etwa dreihundertfünfzig Meilen nordöstlich von Dinordwic, ihren Häuptling erschossen zu haben. Die Geschichte, die die beiden Gefangenen erzählen, lautet im Wesentlichen wie folgt:

Der Häuptling der Katzensee-Indianer namens Ah-Wah-Sa-Keh-Mig wurde zum »Wendigo«, oder geisteskrank, und befahl den Gefangenen, ihn zu erschießen. Ein Stammesrat wurde einberufen und die Angelegenheit zwei Tage lang diskutiert, woraufhin man zu dem Schluss kam, dass die Befehle des Häuptlings befolgt werden müssten. Der »Wendigo« legte sich in seinem Wigwam nieder und zeigte mit der Hand auf die Stelle, wo sie hinschießen sollten.

Nachdem er tot war, wurde Holz auf seine Leiche gehäuft und das Feuer zwei Tage lang in Gang gehalten, wodurch, gemäß dem Glauben der Indianer, der böse Geist des Häuptlings vollständig zerstört wurde. Die Angelegenheit wurde Mr. Bannalatyne zur Kenntnis gebracht, aber da die Katzensee-Indianer keine Vertragsindianer sind, wurde ein Sondergesetz erlassen, um den Fall untersuchen zu können.

Wachtmeister Chamberlain begab sich nach Lacseul, wo Mr. Bannalatyne und zwei Führer sich ihm anschlossen, und sie legten die Siebenhundert-Meilen-Strecke in zwanzig Tagen zurück. Die Festnahme der beiden Indianer wurde vorgenommen, und sie trafen heute hier zur Verhandlung ein.

PROLOG

September 2009
»Ausschnitte«

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Die Vorleserin war eine pensionierte Middleschool-Englischlehrerin, deren Mutter seit 2001 in der Einrichtung lebte. Während der folgenden fünf Jahre machte die Vorleserin jede Woche die halbstündige Fahrt von Alachua nach Gainesville, um ihre Mutter zu besuchen. Bei mildem Wetter saßen sie auf demselben mit Kopfsteinen gepflasterten Hof, der sich zwischen die beiden Hauptwohngebäude des Seniorenheims schmiegte, wo sie jetzt mit mir saß. Ein Brunnen gluckerte in der Mitte des Hofs, auf drei Seiten umgeben von Tischen im Bistrostil, die wieder und wieder lackiert worden waren, um die korrodierenden Auswirkungen von Floridas tropischem Klima aufzuhalten. Selbst jetzt, im späten September, war die Luft voller Feuchtigkeit, und die Temperatur schwankte um die 30 Grad Celsius – und das im Schatten.

Ihre Mutter war 2006 entschlafen, aber die Vorleserin kam trotzdem jede Woche als Freiwillige wieder, um denjenigen Heimbewohnern vorzulesen, die entweder keine Familie hatten oder deren Familie sie selten, falls überhaupt, besuchte. Der Direktor der Einrichtung hatte mir ihren Namen und ihre Telefonnummer gegeben. Nein, hatte er mir gesagt, seines Wissens hatte der Mann, der sich William James Henry nannte, keinem anderen Bewohner nahegestanden. Der einzige Besuch, den er gehabt hatte, war die ehrenamtliche Helferin, die mir gegenübersaß und schlückchenweise Eistee aus einem hohen Glas trank, in dem kein Eis mehr war. Vielleicht könnte sie mir helfen, hatte der Direktor gemeint.

»Ich kann Ihnen nicht helfen«, sagte die Vorleserin mir jetzt.

»Er hat nie etwas erzählt?«, fragte ich.

»Nur seinen Namen und sein Geburtsjahr.«

»1876.«

Sie nickte. »Ich zog ihn immer damit auf. Ich sagte: ›Aber William, das kann nicht das Jahr sein, in dem Sie geboren wurden.‹ Er nickte dann immer – und dann sagte er es noch einmal.«

»Was pflegte er zu tun, wenn Sie ihm vorlasen?«

»Ins Leere zu starren. Manchmal schlief er auch ein.«

»Hatten Sie jemals den Eindruck, dass er tatsächlich zuhörte?«

»Darum ging es nicht«, sagte sie mir.

»Worum ging es dann?«

»Gesellschaft. Er hatte keine. Außer jeden Dienstag um zwei, wenn ich da war.«

Sie nippte an ihrem Tee. Der Brunnen gluckerte. Das Wasser in seinem Becken tropfte über einen Rand und spritzte auf die Steine. Der Brunnen hatte sich auf einer Seite mehrere Zoll in die weiche, sandige Erde gesenkt. Auf der anderen Seite des Hofs saßen zwei Heimbewohner, ein Mann und eine Frau, an einem anderen Tisch und hielten Händchen, während sie das Spiel des Lichts im kaskadenartig herabstürzenden Wasser beobachteten – oder zu beobachten schienen. Sie nickte in ihre Richtung.

»Na ja, eine Zeit lang leistete sie ihm Gesellschaft.«

»Sie? Wer ist sie?«

»Ihr Name ist Lillian. Sie war Williams Freundin.«

»Seine Freundin?«

»Nicht nur seine. Seit ich hierherkomme, hat sie ungefähr zwölf Freunde gehabt.« Die Vorleserin lachte leise. »Sie hat Alzheimer, das arme Ding, geht von Mann zu Mann, klebt ein paar Wochen wie Leim an ihnen, und dann verliert sie das Interesse und ›gabelt‹ jemand anders auf. Das Personal nennt sie ›die Herzensbrecherin‹. Manche Heimbewohner trifft es sehr hart, wenn sie weiterzieht.«

»War das bei William so?«

Sie schüttelte den Kopf. »Schwer zu sagen. William war …« Sie suchte nach dem richtigen Wort. »Na ja, bisweilen dachte ich, er sei vielleicht autistisch. Dass es gar keine Demenz war, sondern etwas, woran er schon sein ganzes Leben gelitten hatte.«

»Er war nicht autistisch.«

Sie wandte den Blick von Lillian und ihrem Gefährten ab, um mich prüfend anzusehen, wobei sie eine Braue wölbte. »Ach?«

»Nach seinem Tod fand man einige alte Notizbücher, die unter seinem Bett versteckt waren. Eine Art Tagebuch oder Memoiren, die er geschrieben haben muss, bevor er hierherkam.«

»Tatsächlich? Dann wissen Sie mehr über ihn als ich.«

»Ich weiß, was er über sich selbst geschrieben hat, aber ich weiß nichts über ihn«, sagte ich vorsichtig. »Ich habe bisher nur die ersten drei Bücher gelesen, und was darin steht, ist … nun ja, ziemlich weit hergeholt.« Ihr Blick machte mich verlegen. Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her und sah über den Hof zu Lillian. »Ob sie sich wohl an ihn erinnert?«, grübelte ich laut.

»Das bezweifle ich.«

»Ich denke, ich sollte dennoch fragen«, meinte ich ohne viel Enthusiasmus.

»Sie pflegten stundenlang zusammenzusitzen«, sagte die Vorleserin. »Nicht im Gespräch; sie hielten einfach nur Händchen und starrten ins Leere. Auf eine gewisse Weise war es süß, solange man nicht über das Unvermeidliche nachdachte.«

»Das Unvermeidliche?« Ich nahm an, dass sie vom Tod sprach.

»Der Nächste, der ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Derjenige, bei dem sie jetzt gerade sitzt? Er heißt Kenneth, und sie ist seit etwa einem Monat mit ihm zusammen. Ich gebe der Sache noch eine Woche, und dann wird der arme Kenneth wieder alleine sein.«

»Wie hat Will es aufgenommen – als sie ihn fallen ließ?«

Die Vorleserin zuckte die Schultern. »Mir ist nicht aufgefallen, dass es ihn in irgendeiner Weise berührt hätte.«

Ich beobachtete Lillian und ihren Kavalier noch ungefähr eine Minute weiter.

»Heißt nicht, dass es das nicht tat«, sagte ich.

»Nein«, sagte sie. »Heißt es nicht.«

An diesem selben Nachmittag traf ich mich mit Will Henrys behandelndem Arzt, dem Mann, der ihn am Abend des 14. Juni 2007 für tot erklärt hatte. Er hatte William seit seiner Ankunft in der Einrichtung behandelt.

»Wissen Sie«, sagte er augenzwinkernd, »er behauptete, 1876 geboren zu sein.«

»Ich habe davon gehört«, sagte ich. »Was denken Sie, wie alt er wirklich war?«

»Schwer zu sagen. Mitte bis Ende neunzig. In ausgezeichneter Verfassung allerdings, für jemanden seines Alters.«

»Bis auf die Demenz.«

»Tja, Demenz ist unausbleiblich, wenn man lang genug lebt.«

»Was war die Todesursache?«

»Altersschwäche.«

»Herzinfarkt? Schlaganfall?«

»Eins von beiden höchstwahrscheinlich. Schwer zu sagen ohne Autopsie. Aber seine letzte Untersuchung hat er mit Glanz und Gloria bestanden.«

»Ist Ihnen irgendwann einmal … Gab es irgendwelche Anzeichen für … vielleicht etwas Merkwürdiges daran … Können Sie mir sagen, ob Sie ihm einmal eine Blutprobe entnommen haben?«

»Selbstverständlich. Das war Teil der Untersuchung.«

»Und haben Sie jemals etwas … Ungewöhnliches gefunden?«

Der Doktor legte spöttisch den Kopf schräg, und ich hatte den Eindruck, dass er ein Lächeln unterdrückte.

»Wie zum Beispiel?«

Ich räusperte mich. Laut ausgesprochen schien der Gedanke noch lächerlicher. »In den Tagebüchern spricht Will Henry davon, äh, infiziert worden zu sein von irgendeinem Parasiten, als er ungefähr elf oder zwölf war. Ein Wirbelloser wie ein Bandwurm, nur viel kleiner, der den Leuten irgendwie ein unnatürlich langes Leben verleiht.«

Der Doktor hatte nickend zugehört. Einen Moment lang deutete ich dieses Nicken irrtümlich als Zustimmung, ein Zeichen dafür, dass er von solch einer symbiotischen Kreatur gehört hatte. Und, wenn dieser Teil der fantastischen Lebensgeschichte Will Henrys wahr war, was dann sonst möglicherweise noch? Konnte es sein, dass es eine Disziplin wie Monstrumologie gab, praktiziert im späten 19. Jahrhundert von Männern so wie seinem Vormund, dem brillanten und rätselhaften Pellinore Warthrop? War es möglich, dass ich in meinem Besitz nicht ein Werk der Fiktion, sondern den Bericht über ein wahrhaft außerordentliches Leben hatte, welches mehr als ein Jahrhundert umspannte? Die zentrale Frage, das, was mich mitten in der Nacht wach werden ließ, zitternd und in kaltem Schweiß gebadet, die Vorstellung, die mich verfolgte, während ich versuchte, wieder einzuschlafen … Konnten Monster real sein?

Meine Hoffnung – falls das, was ich empfand, so genannt werden konnte – war von kurzer Dauer. Das Nicken des Doktors sollte kein Wiedererkennen zu verstehen geben; es war seine Art, höflich zu sein.

»Wäre das nicht fabelhaft?«, fragte er rhetorisch. »Aber nein, sein Blutbild war völlig normal. Ein bisschen viel schlechtes Cholesterin. Ansonsten …« Er zuckte mit den Achseln.

»Was ist mit einer CT oder einer MRT?«

»Was soll damit sein?«

»Haben Sie jemals eine bei ihm durchgeführt?«

»Dieser Staat finanziert keine unnötigen Behandlungsweisen in einem Fall wie dem von Mr. Henry. Meine Aufgabe war es, ihm seine letzten Tage so beschwerdefrei wie möglich zu gestalten, und genau das habe ich getan. Dürfte ich Sie etwas fragen? Worauf wollen Sie mit dem Ganzen hinaus?«

»Sie meinen, weshalb es von Bedeutung ist?«

»Ja. Weshalb?«

»Ich bin mir nicht sicher. Ich nehme an, zum Teil ist es das Geheimnisvolle. Wer war dieser Kerl? Wo kam er her und wie ist er in diesem Graben gelandet? Und wieso hat er dieses Tagebuch oder diesen Roman oder was immer es ist geschrieben? Ich denke jedoch, der Hauptgrund hat etwas mit einem Versprechen zu tun, das ich gegeben habe.«

»Will Henry gegeben?«

Ich zögerte. »Ich spreche vom Direktor. Er hat mir die Tagebücher gegeben und mich gebeten, sie zu lesen, um zu sehen, ob es darin möglicherweise Hinweise gibt, die uns helfen könnten, seine Verwandten zu finden. Irgendwo muss es jemanden geben, der ihn kannte, bevor er hierherkam. Jeder hat irgendjemanden.«

Der Doktor lächelte. Er hatte es kapiert. »Und im Moment sind Sie der einzige Jemand, den er hat.«

Ich legte die Aufzeichnungen meiner Interviews mit der Vorleserin und dem Doktor in den ständig umfangreicher werdenden Ordner, den ich über Will Henry führte, und dann legte ich den Ordner in eine Schublade mit noch einem Versprechen an mich selbst, nämlich dass die Sache nicht zur Besessenheit werden würde; ich würde daran arbeiten, so, wie mein Terminkalender es mir erlaubte. Ich hatte einen Abgabetermin für ein Buch, familiäre Verpflichtungen, eigene Sorgen. Die alten Bücher mit ihren rissigen Ledereinbänden und vergilbten Seiten blieben unberührt in einem Stapel neben meinem Schreibtisch. Ich brachte die ersten drei unter dem Titel Der Monstrumologe im folgenden Jahr heraus in der Hoffnung, dass irgendein Leser irgendwo vielleicht etwas Bekanntes darin entdecken mochte.

Es war eine vage Hoffnung. Aus rechtlichen Gründen müssten die Notizbücher als Roman präsentiert werden. Selbst wenn jemandem der Name William James Henry etwas sagte, würde es als Zufall ausgelegt werden, aber etwas in seiner Erzählung löste vielleicht eine Erinnerung aus; möglicherweise hatte er seine Kinder oder Enkelkinder mit der Geschichte der bizarren und grauenerregenden Kreaturen namens Anthropophagi erschauern lassen. Er war offensichtlich ein gebildeter Mann gewesen. Vielleicht hatte er an irgendeinem Punkt in der fernen Vergangenheit sogar etwas veröffentlicht, möglicherweise nicht unter seinem eigenen Namen – falls, heißt das, William James Henry sein Name war. Nachdem er in dem Graben gefunden worden war, hatte die Polizei seine Fingerabdrücke überprüft. Die Person, die von sich behauptete, William James Henry zu sein, war nie festgenommen worden, hatte nie Militärdienst geleistet und hatte nie eine Anstellung gehabt, bei der von Gesetz wegen die Registrierung der Fingerabdrücke erforderlich war.

Ich dachte, wenn diese ersten drei Notizbücher ein Werk der Fiktion waren – und angesichts des Inhalts mussten sie das wohl sein –, dann hatte sich der Autor in seinem dementen Zustand möglicherweise irgendwann so mit seinem Protagonisten identifiziert, dass er zu Will Henry wurde. Verrückten Schriftstellern sind schon merkwürdigere Dinge widerfahren.

Den ganzen Sommer über war ich im Internet unterwegs, tätigte Anrufe, befragte jeden, der mir einfiel, der jenen einen speziellen Informationsbrocken haben könnte, jenen vordem unentdeckten Schlüssel, der die Wahrheit aus dem widerspenstigen Gefängnis der Vergangenheit befreien würde.

Im späten September, während ich an meinem Schreibtisch saß und an einem weiteren schweren Fall von Schreibblockade litt, wanderte mein Auge zu den Tagebüchern. Impulsiv zog ich den vierten Band heraus und schlug eine wahllose Seite auf. Zu meiner Verwunderung rutschte ein Zeitungsausschnitt auf den Schreibtisch.* Mein Herz raste vor Aufregung, ich durchblätterte den gesamten Band, fand andere Papierschnipsel, die zwischen den Seiten steckten, als hätte das Notizbuch einem doppelten Zweck gedient, als Will Henrys Tagebuch und Sammelalbum.

Im Lauf der nächsten drei Tage fand ich noch mehr Denkwürdigkeiten zwischen den Seiten der übrigen Notizbücher stecken. Ich fing einen neuen Ordner an, den ich mit der Aufschrift »Ausschnitte« versah, geordnet nach ihren Fundstellen in den Notizbüchern (mit anderen Worten, nach Bandnummer und Seitenzahl), mit Vermerken, die Möglichkeiten für weitere Nachforschungen umrissen. Während ich mich für die Authentizität von einigen davon verbürgen kann (die New-York-Times-Artikel beispielsweise), sind andere, wie die Visitenkarte Abram von Helrungs, noch auf Herz und Nieren zu prüfen. Ich kann nicht mit hundertprozentiger Gewissheit sagen, dass es sich bei ihnen nicht um Fälschungen oder Bestandteile irgendeiner äußerst schrägen kreativen Übung seitens des Autors der Tagebücher handelt.

R.Y.

Gainesville, Florida

September 2009

»Logik gebiert bisweilen Monster.«

– Henri Poincaré