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Der Mond der Meuterer

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Buch Eins
  6. Kapitel Eins
  7. Kapitel Zwei
  8. Kapitel Drei
  9. Kapitel Vier
  10. Kapitel Fünf
  11. Kapitel Sechs
  1. Buch Zwei
  2. Kapitel Sieben
  3. Kapitel Acht
  4. Kapitel Neun
  5. Kapitel Zehn
  6. Kapitel Elf
  7. Kapitel Zwölf
  8. Kapitel Dreizehn
  9. Kapitel Vierzehn
  1. Buch Drei
  2. Kapitel Fünfzehn
  3. Kapitel Sechzehn
  4. Kapitel Siebzehn
  5. Kapitel Achtzehn
  6. Kapitel Neunzehn
  1. Buch Vier
  2. Kapitel Zwanzig
  3. Kapitel Einundzwanzig
  4. Kapitel Zweiundzwanzig
  5. Kapitel Dreiundzwanzig
  6. Kapitel Vierundzwanzig

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Kapitel Eins

Auf dem riesigen Kommandodeck herrschte Ruhe, es lag im gleichen friedlichen Halbdunkel wie sonst auch, still war es hier, von den leisen Hintergrundgeräuschen der Aufzeichnungsgeräte einmal abgesehen. Die Panzerstahlschotten verschwanden hinter der Projektion eines sternübersäten Alls und eines blauweißen Planeten, auf dem zweifelsohne Leben existierte. Es war so friedlich, wie es sein sollte, genauso wie es immer gewesen war – friedlich, wohl geordnet, und so weit vom Chaos geschieden wie nur möglich.

Doch das Gesicht von Flottenkapitän Druaga, der neben seinem Kommandosessel stand, war zu einer grimmigen Grimasse verzerrt, während über Druagas Neuralzugang unablässig Daten in sein Gehirn eingespeist wurden. Er spürte das flackernde Blitzen der Energiewaffen wie glühende Eisen auf der Haut, der Maschinenraum reagierte nicht mehr – was nicht überraschend war –, und Druaga hatte die Bio-Erhaltungssysteme Eins und Drei verloren. Die Hangar-Decks gehörten jetzt niemandem mehr; Druaga hatte sie abgeriegelt, damit die Meuterer sie nicht erreichen konnten, doch die Schlächter im Dienste von Anu hatten die Transitschächte mit Fesselfeldern blockiert, die an schwere Geschütze gekoppelt waren. Der Kommandant hatte noch die Feuerleitsysteme des Schiffes selbst unter Kontrolle und ebenso einen Großteil der externen Systeme, doch die Kommunikationszentrale war vorrangiges Ziel der Meuterer gewesen. Schon die erste Explosion hatte diese zerstört, und selbst ein Schiff der Utu-Klasse verfügte nur über ein einziges HyperCom. Nun konnte Druaga weder Fahrt aufnehmen noch irgendjemandem berichten, was geschehen war, und seine Loyalisten standen kurz davor, in diesem Gefecht endgültig zu unterliegen.

Druaga zwang sich, die Kiefermuskeln zu entspannen, um nicht mit den Zähnen zu knirschen. In den siebentausend Jahren, die vergangen waren, seit das Vierte Imperium ausgehend von der letzten Welt des Dritten Imperiums, die überlebt hatte, im Schneckentempo das All wiedererobert hatte, hatte es an Bord eines Großkampfschiffes der Raumflotte niemals eine Meuterei gegeben. Bestenfalls würde er, Druaga, nun als der Kommandant in die Geschichte eingehen, dessen Mannschaft gegen ihn den Aufstand gewagt hatte, den er dann schonungslos hatte niederschlagen lassen. Schlimmstenfalls würde Druaga gar nicht in die Geschichte eingehen.

Der Lagebericht endete, und Druaga schüttelte seufzend den Kopf.

Zahlenmäßig waren die Meuterer deutlich unterlegen, doch sie hatten das unschätzbare Überraschungsmoment auf ihrer Seite, und Anu hatte sorgsam geplant. Druaga stieß ein verächtliches Schnauben aus: Zweifelsohne wären dessen Lehrer von der Akademie stolz darauf gewesen, welche Taktik er ersonnen hatte. Doch wenigstens – dem Schöpfer sei Dank dafür! – war er nur der Leitende Ingenieur, kein Brückenoffizier. Es gab Überrangcodes, von denen er nichts wusste.

»Dahak«, sagte Druaga.

»Jawohl, Kommandant?« Die ruhige, freundliche Stimme kam von überall und nirgends gleichermaßen, erfüllte das ganze Kommandodeck.

»Wie viel Zeit bleibt noch, bis die Meuterer Kommando-Eins erreichen?«

»Drei Standard-Stunden, Kommandant, plus oder minus fünfzehn Prozent.«

»Man kann sie nicht aufhalten?«

»Negativ, Kommandant. Sie haben alle Zugänge zu Kommando-Eins in ihrer Gewalt, und sie drängen die loyalen Truppen bei nahezu allen Kontakten zurück.«

Natürlich ist das so!, dachte Druaga verbittert. Sie verfügten über Kampfpanzerungen und schwere Waffen; beim weitaus größten Teil seiner Loyalisten war das nicht der Fall.

Erneut schaute Druaga sich auf dem ansonsten unbemannten Kommandodeck um. Der Geschützstand war nicht besetzt, ebenso wenig die Ortung, der Maschinenraum, die Taktik und die Astrogation … Als die Alarmsirenen zu schrillen begonnen hatten, war es einzig ihm, dem Kommandanten, gelungen, seinen Posten zu erreichen, bevor die Meuterer sämtlichen Transitschächten die Energieversorgung gekappt hatten. Nur ihm allein. Und um seinen Posten zu erreichen, hatte er zwei Mitglieder seines eigenen Stabes töten müssen, die zur Gegenseite gewechselt hatten, als diese sich auf ihn gestürzt hatten wie gedungene Mörder.

»Also gut, Dahak«, erklärte er der allgegenwärtigen Stimme grimmig, »wenn wir nur noch Bio-Zwo und die Waffensysteme einsetzen können, dann müssen wir eben die verwenden! Nimm Bio-Eins und Bio-Drei aus dem Kreislauf!«

»Befehl ausgeführt«, bestätigte die Stimme sofort. »Aber die Meuterer werden nicht mehr als eine Stunde benötigen, um sie von Hand wieder zu aktivieren.«

»Das mag sein. Aber das ist Zeit genug. Geh auf Alarmstufe Rot-Zwo – Intern!«

Eine kurze Pause trat ein, und Druaga verkniff sich ein bitteres Lächeln.

»Sie tragen keinen Schutzanzug, Kommandant«, stellte die Stimme völlig emotionslos fest. »Wenn Sie auf Alarmstufe Rot-Zwo gehen, werden Sie sterben.«

»Ich weiß.« Druaga wünschte, er wäre tatsächlich so ruhig, wie seine Stimme das vermuten ließ; doch er wusste, dass die Biometriedaten der Dahak seine vermeintliche Ruhe schon längst Lügen gestraft hatten. Und doch war das die einzige Chance, die er – oder eher: das Imperium – in dieser Situation besaß.

»Du gibst einen zehnminütigen Vorwarnungs-Countdown an«, fuhr er fort und setzte sich in den Kommandosessel. »Das sollte allen genügend Zeit lassen, die Rettungskapseln zu erreichen. Sobald erst einmal alle evakuiert sind, setzt du unsere externen Waffen ein. Du wirst sofort die Dekon einleiten, aber du wirst nur loyalen Truppen gestatten, wieder an Bord zu gehen, bis du gegenteilige Befehle von … deinem neuen Kommandanten empfängst. Solange loyale Offiziere das Schiff noch nicht wieder übernommen haben, werden sämtliche Meuterer, die sich dem Schiff auf weniger als fünftausend Kilometer nähern, abgeschossen.«

»Verstanden.« Druaga hätte schwören können, dass die Stimme jetzt noch sanfter klang. »Allerdings fordern die Kernprogramme des Zentralen Kommandocomputers für diesen Befehl eine Verifizierung an.«

»Alpha-Acht-Sigma-Neun-Neun-Sieben-Delta-Vier-Alpha«, erwiderte Druaga sofort nüchtern.

»Authentifizierungscode bestätigt und akzeptiert«, erwiderte die körperlose Stimme. »Bitte geben Sie den Zeitpunkt der gewünschten Ausführung an!«

»Augenblicklich«, sagte Druaga und fragte sich, ob er wohl so schnell sprach, um zu verhindern, dass er doch noch die Nerven verlor.

»Bestätigt. Möchten Sie den Zehner-Countdown hören, Kommandant?«

»Nein, Dahak«, antwortete Druaga sehr leise.

»Verstanden«, erwiderte die Stimme, und Druaga schloss die Augen.

Es war eine wahrhaft drakonische Lösung … wenn man es überhaupt als ›Lösung‹ bezeichnen konnte. Rot-Zwo, Intern, war das vorletzte Mittel, sich gegen Eindringlinge zu verteidigen. Dabei wurde jeder Lüftungsschacht geöffnet – was nur auf den ausdrücklichen, verifizierten Befehl des Kommandanten des betreffenden Schiffes geschehen konnte –, und dann wurde der gesamte Innenraum des riesenhaften Schiffes mit Chemikalien und radioaktivem Material geflutet. Es gehörte zum Grundkonzept eines Rot-Zwo-Alarms, dass keine einzige Sektion des Schiffes dabei verschont blieb … auch nicht die Brücke. Das Schiff wäre danach nicht mehr betretbar, hätte sich in eine echte Todesfalle verwandelt, und nur der Zentrale Kommandocomputer, dem gegenüber ausschließlich der jeweilige Kommandant weisungsbefugt war, konnte die Dekontamination anordnen.

Für den derzeit gegebenen Fall war dieses System in keiner Weise gedacht, aber es sollte trotzdem funktionieren. Meuterer und Loyalisten gleichermaßen wären gezwungen zu fliehen, und keine Rettungskapsel, egal, wie sie auch konstruiert worden sein mochte, würde in der Lage sein, den Waffensystemen der Dahak zu widerstehen. Natürlich würde Druaga das Endergebnis nicht mehr miterleben, doch er würde auf diese Weise dafür sorgen, dass dieses Schiff weiterhin in der Hand des Imperiums bliebe.

Und wenn Rot-Zwo scheitern sollte, blieb ja immer noch Rot-Eins.

»Dahak«, sagte er dann plötzlich, ohne die Augen zu öffnen.

»Jawohl, Kommandant?«

»Eine Anordnung der Kategorie Eins«, fuhr Druaga förmlich fort.

»Aufzeichnung beginnt«, bestätigte die körperlose Stimme.

»Nachdem ich, Leitender Flottenkapitän Druaga, Kommandant des Imperialen Flottenschiffs Dahak, Kennung Eins-Sieben-Sieben-Zwo-Neun-Eins«, sagte Druaga, jetzt noch förmlicher, »mich in hinreichendem Maße davon vergewissert habe, dass sich an Bord meines Schiffes eine Bedrohung der Klasse Eins für das Imperium befindet, verfüge ich nun gemäß Flottendienstvorschrift Sieben-Eins, Absatz Eins-Neun-Drei, Unterabschnitt Sieben-Eins, eine Anordnung der Kategorie Eins an den Zentralen Kommandocomputer der Dahak. Authentifizierungscode Alpha-Delta-Acht-Sigma-Neun-Neun-Sieben-Delta-Vier-Omega.«

»Authentifizierungscode bestätigt und akzeptiert«, ließ sich die Stimme kühl vernehmen. »Bereit zur Entgegennahme von Anordnungen der Kategorie Eins. Bitte spezifizieren!«

»Wichtigstes Ziel dieser Einheit ist nun die Eindämmung des Aufruhrs eines Teiles der Besatzungsmitglieder, in Übereinstimmung mit bisher erteilten Anweisungen«, erklärte Druaga knapp. »Wenn die bisher spezifizierten Maßnahmen nicht ausreichen, den loyalen Besatzungsmitgliedern wieder die Kontrolle über dieses Schiff zu verschaffen, dann sind besagte aufrührerische Elemente mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auszuschalten, einschließlich notwendigenfalls dem Umstellen auf Alarmstufe Rot-Eins-Intern, und der vollständigen Zerstörung dieses Schiffes. Diese Anweisungen unterliegen der Prioritätsstufe Alpha.«

»Bestätigt«, entgegnete die Stimme, und Druaga ließ den Kopf gegen die gepolsterte Rückenlehne seines Sessels sinken. Es war geschafft. Selbst wenn es Anu irgendwie gelingen sollte, Kommando-Eins zu erreichen, würde er nicht in der Lage sein, den Befehl zu widerrufen, den die Dahak gerade bestätigt hatte.

Der Kommandant entspannte sich. Wenigstens, dachte er, soll es ja relativ schmerzlos sein.

»… eun Minuten«, meldete die Computerstimme, und Flottenkapitän (M) Anu, Leitender Ingenieur des Schlachtschiffes Dahak, stieß einen Fluch aus. Dieser verdammte Druaga! Anu hatte nicht damit gerechnet, dass es dem Kommandanten gelingen könnte, die Brücke zu erreichen, und damit hatte er nun schon gar nicht gerechnet! Druaga hatte immer so fantasielos gewirkt – ein pflichtbewusster, gehorsamer Automat.

»Was machen wir jetzt, Anu?«

Selbst durch den Visor ihrer Panzerung konnte er die Angst in Kapitän Inannas Blick erkennen, und er konnte es ihr auch nicht verübeln.

»Rückzug zu Hangar Einundneunzig«, krächzte er unwirsch.

»Aber das ist …«

»Ich weiß, ich weiß! Wir werden sie eben selber nutzen müssen! Und jetzt sorgen Sie dafür, dass sich unsere Leute in Bewegung setzen, Kapitän!«

»Jawohl, Sir!«, bestätigte Kapitän Inanna, und Anu sprang in den Haupt-Transitschacht. Die Wände des Schachtes rasten an ihm vorbei, obwohl sein Körper keinerlei Bewegung verspürte, und Anu verzog zornig den Mund. Sein erster Versuch war gescheitert, doch er kannte auch noch den einen oder anderen Trick! Tricks, die nicht einmal Druaga kannte – der Zerstörer sollte den holen!

Winzige, kupferfarbene Fische jagten von der Dahak fort in alle Richtungen. Rettungskapseln voller loyaler Besatzungsmitglieder verteilten sich über die vereiste Oberfläche des fremden Planeten, suchten Zuflucht, und zwischen ihnen jagten andere, größere Schatten umher. Im Vergleich zum Schlachtschiff selbst waren auch sie nur Staubkörnchen, und doch betrugen ihre Massen tausende und abertausende von Tonnen; gemeinsam stürzten sie auf den Planeten zu und überholten dabei die kleineren Rettungskapseln.

Anu hatte nicht die Absicht, in diesem Raumabschnitt zu bleiben, damit Druaga – vorausgesetzt, er lebte noch – in Erfahrung bringen können würde, dass Anu und seine Anhänger das Schiff nicht mit Hilfe von Rettungskapseln verlassen hatten, um dann die Waffen der Dahak dafür einzusetzen, die Unterlicht-Parasiten zu erledigen – mit der Leichtigkeit und Sorglosigkeit, mit der ein Kind nach Fliegen schlägt.

Der Leitende Ingenieur saß im Kommandosessel des Parasiten Osir und schaute zu, wie der riesenhafte Rumpf des getarnten Mutterschiffes in der Ferne verschwand; sein Gesicht war zu einem boshaften Grinsen verzogen. Er brauchte dieses Schiff, um sein Schicksal zu erfüllen, doch noch hatte er es nicht verloren. Sobald die Programme, die er in den Computern des Maschinenraums versteckt hatte, ihre Arbeit aufnahmen, würde schon bald jede einzelne Energiewache an Bord der Dahak in Trümmern liegen. Die Notversorgung sollte den Zentralen Kommandocomputer noch eine Zeit lang laufen lassen; doch wenn schließlich auch die Notversorgung versiegte, dann würde auch der Zentrale Kommandocomputer sterben.

Und dann gehörte die Dahak ihm.

»Eintritt in die Atmosphäre, Sir«, meldete Kapitän Inanna, die im Sessel des Ersten Offiziers Platz genommen hatte.

Kapitel Zwei

»Papa-Mike Control, hier ist Papa-Mike One-X-Ray, empfangen Sie mich?«

Das Radar von Lieutenant Commander Colin MacIntyre gab ein leises ›Ping‹ von sich, als der Copernicus-Massetreiber einige weitere Tonnen Mondgestein in Richtung der Fangschiffe des Habitats Eden-Drei schleuderte, und Colin schaute zu, wie das Signal langsam auf dem Schirm verblasste; er genoss seinen Solo-Flug, während er darauf wartete, dass die Sekundär-Leitstelle von Tereshkova antwortete.

»One-X-Ray, Papa-Mike Control«, bestätigte eine sonore Stimme.

»Papa-Mike Control, One-X-Ray hat die Zündung zum Eintritt in den Orbit abgeschlossen. Von hier aus sieht’s gut aus. Over.«

»Bestätigt, One-X-Ray. Wollen Sie erst ein paar Umkreisungen, um sich einzugewöhnen, bevor Sie das Manöver einleiten?«

»Negativ, Control. Es geht doch schließlich darum, dass ich das hier allein durchziehe, oder?«

»Bestätigt, One-X-Ray.«

»Dann legen wir los! Ich habe hier alle Systeme auf Grün, Pasha – wird das bestätigt?«

»Eindeutig bestätigt, One-X-Ray. Und wir sehen auch, dass Sie sich unserem Funkhorizont nähern, Colin. Kontaktabbruch in zwanzig Sekunden. Sie sind freigegeben für die Übung.«

»Papa-Mike Control, One-X-Ray hat verstanden. Wir sehen uns bald, Jungs!«

»Roger, One-X-Ray. Die nächste Runde zahlst ja sowieso du.«

»Das wüsst ich aber!«, lachte MacIntyre, doch was Papa-Mike Control auch zu erwidern versuchen mochte, wurde nicht mehr empfangen, als One-X-Ray den Mond-Horizont hinter sich brachte und so von jeglicher Funkverbindung abgeschnitten war.

Mit besonderer Sorgfalt ging MacIntyre seine letzte Checkliste durch. Es hatte sich für die Planer dieser Mission als bemerkenswert schwierig herausgestellt, eine Umlaufbahn für ihn zu berechnen, auf der er nicht dem planmäßigen Schiffsverkehr auf der erdzugewandten Seite des Mondes in die Quere kam und von der aus er gleichzeitig ein bisher völlig unerforschtes Gebiet der Rückseite würde untersuchen können. Doch auf der erdabgewandten Seite befanden sich nur einige Oberservatorien und Gruppenantennen zur Erforschung des Tiefenraums, und bei der Kurswahl, die es ihm ermöglichte, bisher unberührtes Territorium zu erreichen und zugleich den engen Orbit einzuhalten, den die Vermessungsinstrumente benötigten, würde er, MacIntyre, dann wohl eine Zeit lang vom gesamten Rest der Menschheit abgeschnitten sein, und das war selbst in diesen modernen Zeiten eine neuartige Erfahrung – sogar für Astronauten.

Nachdem MacIntyre die Liste vollständig abgearbeitet hatte, aktivierte er die Instrumente, dann lehnte er sich zurück und summte leise vor sich hin, trommelte mit den Fingerspitzen auf die Armlehne seines Beschleunigungssessels, um im Takt zu bleiben, während seine Bordcomputer die einzelnen Programme der Mission durchgingen. Es war immer möglich, irgendwo auf einen Glitch zu stoßen; aber wenn das jetzt tatsächlich passieren sollte, dann würde er nur wenig dagegen unternehmen können. Er war Pilot, bestens vertraut mit den elektronischen Eingeweiden seines Ein-Mann-Vermessungsfahrzeugs Beagle-3, aber er hatte nur eine sehr grobe Vorstellung davon, wie diese spezielle Geräteeinheit funktionierte.

Die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts in den siebzig Jahren, die seit Armstrong vergangen waren, hatte so rapide zugenommen, dass jeder Nicht-Spezialist außerhalb seines eigenen Fachgebiets hoffnungslos abgehängt wurde, und das Geowissenschaftlerteam von Shepherd Center hatte einige wirklich wunderliche Wege eingeschlagen, um ihre aktuelle Generation an esoterischen Späh- und Schnüffelgerätschaften hervorzubringen. ›Gravitonenresonanz‹ war ein Wort, das einfach umwerfend klang … und MacIntyre hatte sich schon oft gefragt, was genau man sich darunter eigentlich vorzustellen hatte. Aber es interessierte ihn dann doch nicht genug, als dass er bereit gewesen wäre, weitere sechs bis acht Jahre zu studieren und noch einen Abschluss zu erwerben, um dann endlich zu verstehen, wie dieses ›planetare Proktoskop‹, wie ein unbekannter Witzbold es irgendwann getauft hatte, genau funktionierte, statt nur zu wissen, wie man es zu bedienen hatte.

Steuerdüsen brachten seine Beagle auf die exakt korrekte Höhe, und MacIntyre warf einen Blick auf seine Displays – da verstand er wenigstens, was das alles zu bedeuten hatte. Und das war auch gut so, schließlich war er als Erster Vermessungspilot für die Prometheus-Mission eingeteilt und …

Er hörte auf zu summen, brach die Melodie mitten im Ton ab und hob die Augenbrauen. Das war ja nun doch sonderbar! Eine Fehlfunktion?

Er drückte einige Tasten, und jetzt wurde aus den hochgezogenen Augenbrauen ein ernstes Stirnrunzeln. Den Diagnoseprogrammen zufolge arbeiteten alle Systeme einwandfrei, aber was man auch sonst über den Mond alles sagen können mochte, hohl war er jedenfalls nicht.

MacIntyre zupfte sich an der auffallend großen Nase und schaute zu, wie immer weitere schlichtweg absurde Daten auf den Displays erschienen. Neben ihm spuckte der Drucker eine graphische Darstellung der unbereinigten Daten aus, und das brachte MacIntyre dazu, sich umso kräftiger an der Nase zu zupfen. Diesen schwachsinnig gewordenen Instrumenten zufolge musste jemand dort unten wirklich beachtlich emsig gewesen sein: Es sah aus, als befänden sich dort, unter einer achtzig Kilometer dicken Schicht aus massivem Mondgestein ein gewaltiges, wirklich riesenhaftes Labyrinth aus Tunneln, Verbindungsgängen und wer weiß was noch allem!

MacIntyre gestattete sich selbst, eine leise Verwünschung auszustoßen. Die eigentliche Mission sollte in weniger als einem Jahr starten, und eines ihrer wichtigsten Vermessungsinstrumente – und dann auch noch eines, das hauptsächlich von der NASA entwickelt worden war! – hatte plötzlich beschlossen, völlig verrückt zu spielen! Aber bei den Atmosphärentests über Nevada und Sibirien hatte das Ding doch wunderbar funktioniert, also bitte was zum Teufel geschah denn hier gerade?!

Er zupfte sich immer noch an der Nase, als der Annäherungswarnanzeiger ihn plötzlich zusammenzucken ließ. Hölle und Verdammnis! Er war hier draußen, auf der Rückseite des Mondes, ganz allein, also was zu Teufel war das denn jetzt schon wieder?!

›Das‹ war ein Radarecho in weniger als einhundert Kilometern Entfernung hinter seinem Heck, und es näherte sich schnell. Wie hatte es etwas derart Großem gelingen können, so nah an ihn heranzukommen, ohne von seinem Radar erfasst worden zu sein? Seinen Instrumenten zufolge war das Ding mindestens so groß wie eine der Zündstufen der alten Saturn V!

Colin MacIntyre blieb der Mund vor Staunen offen stehen, als der Fremdflieger plötzlich in einem sauberen rechten Winkel abschwenkte. Anscheinend waren für dieses Ding sämtliche Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt – was für ein Ding auch immer das war! Aber was immer sonst noch so etwas tun konnte: Es änderte auch eindeutig den Kurs, um sich dem Orbit von Colins Schiff anzupassen. Noch während er zuschaute, bremste der Fremde ab, um sich auch noch Colins Geschwindigkeit anzupassen.

Colin MacIntyres nüchterne Art war einer der Gründe dafür gewesen, dass er für die erste interstellare Besatzung ausgewählt worden war, die sich aus US-Amerikanern und Russen zusammensetzte, doch seine Nackenhaare stellten sich auf, als sein Schiff plötzlich erzitterte. Es fühlte sich an, als hätte irgendetwas den Rumpf seiner Beagle berührt – irgendetwas, das massig genug war, um ein Raumschiff von einhundert Tonnen Gewicht, das auch für den Atmosphärenflug geeignet war und eine flexible Geometrie besaß, erzittern zu lassen.

Das riss ihn aus seinem momentanen Schockzustand. Was auch immer das sein mochte, niemand hatte ihm gesagt, dass er damit würde rechnen müssen, und das bedeutete, dass es weder der NASA noch den Russen gehörte! Seine Finger flogen regelrecht über das Steuerpult, ließen die Korrekturtriebwerke aufflammen, und die Beagle erbebte. Sie erbebte, aber sie rührte sich nicht, und nun trat MacIntyre kalter Schweiß auf die Stirn, als sein Schiff weiter auf der vorgegebenen Umlaufbahn blieb, die Flughöhe nicht im Mindesten änderte. Das konnte unmöglich passieren – doch andererseits: Nichts voll alledem hier konnte passieren, oder?

Er verwarf diesen Gedanken und drückte weitere Tasten. Etwas, worüber er reichlich verfügte, war Reaktionsmasse - Beagles waren auch auf längere Einsätze ausgelegt, und er hatte an der Gagarin-Plattform der Russkies aufgetankt, bevor er zu seinem Trans-Lunar-Flug aufgebrochen war –, und nun erzitterte das Schiff noch heftiger, als er das Haupttriebwerk zündete.

Diese Zündung mit voller Leistung hätte ihn in den Sessel pressen und das Schiff einen regelrechten Satz nach vorn machen sollen, doch der Hauptantrieb hatte keine größere Wirkung als seine Steuerdüsen, und nun sackte Colin in seinem Sitz zusammen. Seine Kiefer begannen zu mahlen, als die Beagle sich schließlich tatsächlich in Bewegung setzte – aber nicht von diesem Fremden fort, sondern geradewegs auf ihn zu! Was auch immer dieses Ding auf seinem Radar sein mochte, Colin bildete es sich auf jeden Fall nicht ein!

Seine Gedanken überstürzten sich. Die einzige Erklärung für das, was hier gerade geschah, wäre, dass dieser Echoimpuls ihn mit einer Art … Traktorstrahl eingefangen hatte, und das hätte mehr als nur einen Quantensprung auf dem Gebiet der angewandten Physik, wie diese auf der Erde bekannt war, bedeutet. Er ließ sich nicht dazu herab, Worte wie ›unmöglich‹ oder ›unglaublich‹ hervorzustoßen, denn es war ja nur zu offensichtlich, dass es eben sehr wohl möglich war. Dank einer unvorstellbaren Laune des Schicksals war genau in dem Augenblick ›Irgendjemand‹ die Menschheit besuchen gekommen, als die sich darauf vorbereitete, selbst in die Tiefen des Alls vorzustoßen.

Doch wer auch immer dieser ›Irgendjemand‹ sein mochte: MacIntyre konnte einfach nicht glauben, dass er ausgerechnet in dem Moment auftauchte, da er, Colin MacIntyre, sich auf der Rückseite des Mondes befand, ausgerechnet dort, wo gerade jegliche Möglichkeiten der Kommunikation unterbrochen waren. Sie mussten auf ihn gewartet haben, oder auf jemanden wie ihn, also mussten sie die Erde bereits seit geraumer Zeit beobachtet haben. Doch wenn dem so war, dann hätten sie auch reichlich Zeit gehabt, ihre eigene Anwesenheit kundzutun – und sämtliche Kommunikationssysteme der Erde zu überwachen. Also war davon auszugehen, dass sie zwar wussten, wie man mit ihm in Kontakt hätte treten können, sie aber bewusst darauf verzichtet hatten, und das wiederum ließ eine ganze Menge an Vermutungen zu, und nicht eine davon klang sonderlich angenehm. Der springende Punkt jedoch war, dass sie offensichtlich beabsichtigten, ihn aufzulesen, komplett mit seiner Beagle und allem, was noch dazugehörte, wobei sie irgendwelche eigenen Ziele verfolgten; und Colin MacIntyre hatte nicht die Absicht, sich auflesen zu lassen, wenn er das irgendwie verhindern konnte.

Die ausgiebigen Einsatzbesprechungen zur Prometheus-Mission, in denen es um potentielle Erstkontakte gegangen war, schossen ihm durch den Kopf, vor allem der ausdrückliche Befehl, auf jegliche Form feindseliger Handlungen zu verzichten; doch es war etwas völlig anderes, ob man sich selbst als ›entbehrlich‹ einstufte, wenn es darum ging, eine Form der Kommunikation mit irgendwelchen Außerirdischen zu finden, die zu besuchen man sich ohnehin vorgenommen hatte, oder ob genau diese Außerirdischen plötzlich ins System hereingeschneit kamen und anfingen, einen wie einen Fisch an der Angel einzuholen!

Colins Miene versteinerte, und er ließ die Plastikabdeckung des Bedienfeldes aufschnappen. Einige hatten beunruhigt die Hände gerungen, als es darum gegangen war, ob ein ›friedliches‹ interstellares Sondenschiff mit Waffen hatte ausgestattet werden sollen; doch das Militär, aus dessen Reihen ein Großteil der Piloten stammten, hatte in dieser Hinsicht das letzte Wort gehabt, und nun dankte MacIntyre lautlos dafür, dass dies hier ein Trainingsflug mit voller Ausrüstung war, als sich nun seine Waffensysteme aktivierten. Er gab die Zielkoordinaten aus seinem Radar ein und streckte bereits die Finger nach dem Feuerknopf aus, da hielt er plötzlich inne. Sie hatten nicht versucht, Funkkontakt mit ihm aufzunehmen, aber das Gleiche galt eben auch für ihn selbst.

»Unbekanntes Raumschiff, hier spricht NASA Papa-Mike One-X-Ray«, sagte er laut und deutlich in sein Mikrophon. »Geben Sie mein Schiff frei und ziehen Sie sich zurück!«

Er erhielt keine Antwort, und nun bedachte er das Signal auf seinem Display mit einem finsteren Blick.

»Geben Sie mein Schiff frei, oder ich werde das Feuer eröffnen!«

Immer noch keine Antwort. Er presste die Lippen zusammen. Also gut! Wenn diese Dreckskerle nicht einmal reden wollten …

Drei kleine, leistungsstarke Raketen jagten von der Beagle davon. Es waren keine Nukleargeschosse, doch jedes einzelne war mit einem Dreihundert-Kilogramm-Gefechtskopf ausgestattet, und sie hatten ihr Ziel optimal erfasst. MacIntyre verfolgte ihren Kurs auf dem Radarschirm.

Und es geschah absolut nichts.

Commander MacIntyre sackte in seinem Beschleunigungssessel noch tiefer in sich zusammen. Diese Geschosse waren nicht durch wie auch immer geartete elektronische Gegenmaßnahmen abgelenkt worden, und sie waren auch nicht kurz vor dem Ziel explodiert. Sie waren einfach nur … verschwunden, und was das bedeutete, das war … verstörend. Zutiefst verstörend.

Colin deaktivierte seinen Antrieb. Es war ja völlig sinnlos, hier Treibstoff zu verschwenden, und er und seine Häscher würden sowieso bald den Funkhorizont von Heinlein Base überqueren.

Er versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, ob irgendeine der anderen Beagles gerade unterwegs war. Angesichts seines eigenen Scheiterns würden vermutlich auch sie sich als nicht allzu erfolgreich diesem Wer-Auch-Immer gegenüber erweisen, doch sonst war nichts, was sich hier in der Nähe befand, überhaupt bewaffnet. MacIntyre war sich fast sicher, dass Vlad Chernikov sich in Tereshkova befand; in letzter Zeit allerdings waren die Flugpläne für alle Mitglieder des Prometheus-Teams so hektisch geworden, dass es fast unmöglich war, sie alle noch im Kopf zu behalten.

Seine Beagle bewegte sich weiter auf das fremde Schiff zu und schwenkte herum, sodass die beiden Schiffe sich Kopf an Kopf aufeinander zubewegten. So lässig wie möglich lehnte sich MacIntyre zurück und schaute durch das Kanzeldach hinaus. Er sollte das fremde Schiff eigentlich bald sehen können, ungefähr … jetzt.

Ja, da war es. Und es war irgendwie auch sehr enttäuschend. Er wusste nicht genau, was er eigentlich erwartet hatte, ganz gewiss aber keinen abgeflachten, nichts sagenden Zylinder, der an beiden Enden abgerundet war. Sie waren jetzt noch kaum einen Kilometer voneinander entfernt, aber abgesehen davon, dass dieses Ding ganz offensichtlich künstlichen Ursprungs war, erwies sich der Anblick doch als geradezu enttäuschend undramatisch. Es waren keine Antriebe zu erkennen, keine Luken, keine Geschützpforten, keine Funkantennen … nichts, außer glattem, gleißend spiegelndem Metall. Zumindest vermutete er, dass es Metall war.

Er warf einen Blick auf sein Chronometer. Jetzt sollte jeden Moment wieder die Funkverbindung stehen, und er verzog die Lippen zu einem humorlosen Lächeln, als er sich vorstellte, wie Heinlein Base wohl reagieren würde, wenn die beiden Schiffe über den Radar-Horizont kämen. Das sollte doch …

Sie hielten an. Einfach so, ohne dass er das Gefühl des Abbremsens gehabt hätte, ohne dass der Zylinder eine Düse gezündet hätte, ohne … irgendetwas.

Ungläubig starrte Colin das fremde Schiff an. Aber eigentlich war ›ungläubig‹ das falsche Wort. Er hatte vielmehr das Bedürfnis, ungläubig sein zu müssen. Vor allem, als er bemerkte, dass sie relativ zur Mondoberfläche stillstanden, weder davon fortdrifteten, noch weiter hinabtrudelten. Die Tatsache, dass dieses fremde Schiff etwas Derartiges zu bewirken im Stande war, empfand MacIntyre als viel entsetzlicher als alles andere, was bisher geschehen war – durch die völlige, banale Vertrautheit seines Cockpits wurde dieses Entsetzen nur noch gesteigert –, und er umklammerte die Armlehnen seines Sessels und kämpfte gegen diese völlig irrationale Überzeugung an, er müsse doch jetzt fallen!

Doch dann setzten sie sich wieder in Bewegung, schossen denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, und das mit einer Geschwindigkeit, die jeglicher Vorstellungskraft spottete, und wieder spürte MacIntyre nicht die geringste Beschleunigungskraft. Erneut veränderte sich seine Höhe relativ zu diesem Zylinder; jetzt lag er hinter ihm, die abgerundete Spitze kaum einhundert Meter von seinen Triebwerken entfernt, und er schaute zu, wie die Mondoberfläche unter ihm verschwamm.

Ruckartig sanken seine Beagle und sein Häscher tiefer, jagten geradewegs auf einen der kleineren Krater zu, und in seinen Stiefeln verkrampfte MacIntyre die Zehen, während seine Hände wie von allein versuchten, die Armlehnen seines Sessels abzureißen. Nachdem er gesehen hatte, welche Dinge dieser Zylinder alles zu bewirken vermochte, erklärte ihm sein Verstand, dass sie nicht abstürzen würden; seine Instinkte aber sagten ihm etwas völlig anderes. Stur kämpfte er gegen die aufsteigende Panik an, weigerte sich schlichtweg, ihr zu erliegen, und doch keuchte er erleichtert auf, als der Boden dieses Kraters sich plötzlich öffnete.

Der Zylinder bremste auf eine Geschwindigkeit von wenigen hundert Kilometern in der Stunde ab, und MacIntyre spürte, wie tröstliche Katatonie ihn lockte, doch irgendetwas brachte ihn dazu, dieser Versuchung ebenso zu widerstehen wie zuvor der Panik. Wer auch immer ihn hier gefangen genommen hatte: Niemand sollte ihn hier zusammengerollt und sabbernd vorfinden, wenn sie schließlich irgendwann einmal anhielten, bei Gott!

Ein gewaltiger Tunnel verschluckte sie, mit einem Durchmesser von gut zweihundert Metern, beleuchtet von gleißenden Start- und Landefeuern. Steinerne Wände glitzerten merkwürdig, als sei das Gestein glasartig glatt geschmolzen; doch auch das gab sich sehr schnell wieder. Sie glitten durch eine Mehrfach-Luke, die groß genug war, um zwei Transportern Platz zu bieten, und plötzlich wirkten die Tunnelwände metallisch. Es war ein bronzeartiges Metall, das im Lichtschein glitzerte, und es erstreckte sich so weit vor ihm, dass selbst dieser gewaltige Tunnel mit seinen riesenhaften Ausmaßen in der Ferne zu einem winzigen Lichtpunkt zusammenschmolz. Sie verloren immer weiter an Fahrt, weitere Luken schossen an ihnen vorbei. Dutzende von Luken, die meisten davon so riesenhaft wie die, durch die sie in diesen unmöglichen metallischen Schlund überhaupt erst hineingelangt waren. Colin schwindelte angesichts der Größe dieser Anlage, doch sein Verstand war noch klar genug, um sich in Gedanken bei den Konstrukteuren des Proktoskops zu entschuldigen.

Eine der gewaltigen Luken öffnete sich, blitzschnell wie eine zustoßende Schlange. Wer auch immer ihren Kurs hier bestimmte, ließ sie jetzt aus dem Haupttunnel herausschwenken, brachte sie dann dazu, geradewegs durch die inzwischen offen stehende Luke zu schweben und ließ seine Beagle dann ohne jeglichen Ruck auf dem Boden aufsetzen – der ebenfalls aus dieser bronzefarbenen Legierung bestand.

Nun befanden sie sich in einer nur matt beleuchteten Höhle, die einen Durchmesser von mindestens einem Kilometer aufwies; der Boden war übersät mit säuberlich geparkten Gegenstücken zu dem Zylinder, der ihn eingefangen hatte. Mit offenem Mund starrte er aus seiner Kanzel und wünschte sich, auf der Liste der Ausrüstungsgegenstände einer Beagle stünden auch Handfeuerwaffen. Nach dem Misserfolg mit den Geschossen ging er davon aus, dass eine Handfeuerwaffe wohl nicht sehr viel bewirken würde. Aber er hätte es doch als sehr beruhigend empfunden, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, es wenigstens zu versuchen.

Colin leckte sich die Lippen. Wenn man auch sonst daraus nichts hätte ableiten können, so schloss doch das gewaltige Ausmaß dieser Anlage hier aus, dass die Fremden das Sonnensystem erst kürzlich entdeckt hatten; doch wie war es ihnen gelungen, all das hier zu bauen, ohne dass es irgendjemandem aufgefallen war?

Und dann erwachte endlich sein Funkgerät zum Leben.

»Guten Abend, Commander MacIntyre«, sagte eine tiefe, sanfte Stimme höflich. »Ich bedauere die doch recht unorthodoxe Art und Weise Ihrer Ankunft hier, aber mir blieb keine andere Wahl. Und ich muss mit Bedauern hinzufügen, dass es sich für Sie ebenso verhält.«

»W … wer sind Sie?«, verlangte MacIntyre ein wenig heiser zu wissen, dann stockte er und räusperte sich. »Was wollen Sie von mir?«, fragte er nun mit deutlich festerer Stimme.

»Ich fürchte, diese Fragen zu beantworten, wird ein wenig komplizierter werden«, erwiderte die Stimme gelassen, »aber nennen Sie mich ›Dahak‹, Commander.«

Kapitel Drei

MacIntyre holte tief Luft. Wenigstens sprachen ›Die‹ – wer auch immer ›Die‹ sein mochten – endlich mit ihm. Und dann auch noch auf Englisch. Was ihn dazu brachte, wenigstens in gewissem Maße seiner Empörung Ausdruck zu verleihen.

»Ihre Entschuldigung wäre deutlich glaubwürdiger, wenn Sie sich die Mühe gemacht hätten, Kontakt zu mir aufzunehmen, bevor Sie mich entführt haben«, meinte er kühl.

»Dessen bin ich mir bewusst«, erwiderte sein Häscher, »aber das war nicht möglich.«

»Ach ja? Seitdem scheinen Sie Ihre diesbezüglichen Probleme ja prächtig in den Griff bekommen zu haben.« Es tröstete MacIntyre festzustellen, dass er immer noch in der Lage war, gehässig zu klingen.

»Ihre Kommunikationsmittel sind recht primitiv, Commander.« Es klang fast, als wolle sein Gesprächspartner sich entschuldigen. »Mein Mutterschiff war nicht darauf ausgelegt, dazu ein Interface aufzubauen.«

»Bei Ihnen klappt das doch ganz prima! Warum haben Sie nicht zu mir gesprochen?«

»Das war nicht möglich. Die Tarnvorrichtungen des Mutterschiffes haben sowohl Sie als auch das Schiff selbst in ein Energiefeld gehüllt, das für Funkwellen undurchlässig ist. Mit Hilfe meiner eigenen Kommunikationssysteme war ich in der Lage, zum Mutterschiff Kontakt zu halten, aber an Bord befinden sich keine Geräte, mit denen es möglich gewesen wäre, meine Worte zu Ihnen zu übertragen. Ich entschuldige mich noch einmal für jegliche Unannehmlichkeit, die Ihnen entstanden sein mag.«

MacIntyre verkniff sich ein Kichern angesichts dieser netten, eintausendprozentigen Untertreibung, die das Wort ›Unannehmlichkeit‹ darstellte, und als er bemerkte, dass man seiner Stimme bereits anzuhören vermochte, wie nahe er der Hysterie war, half ihm das dabei, wieder ernst zu werden. Mit zitternden Händen fuhr er sich durch die Haare und fühlte sich, als hätte er einen oder zwei Schläge zu viel gegen den Schädel bekommen.

»Also gut … Dahak. Jetzt, wo Sie mich schon hier haben – was haben Sie jetzt mit mir vor?«

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihr Fahrzeug verlassen und auf das Kommandodeck kämen, Commander.«

»Einfach so?«

»Wie meinen Sie bitte?«

»Erwarten Sie wirklich, dass ich mein Schiff verlasse und mich einfach so ergebe?«

»Bitte entschuldigen Sie! Es ist schon eine Zeit lang her, dass ich mit einem Menschen kommuniziert habe, deswegen habe ich mich vielleicht ein wenig ungeschickt angestellt. Sie sind kein Gefangener, Commander. Oder vielleicht doch. Ich werde Sie wie einen Ehrengast behandeln, aber die Ehrlichkeit zwingt mich zuzugeben, dass ich Ihnen nicht gestatten kann, wieder abzureisen. Allerdings vergewissere ich Ihnen im Namen der Ehre der Flotte, dass Ihnen kein Leid zugefügt werden wird.«

So verrückt das alles klingen mochte, verstörenderweise verspürte MacIntyre den Drang, diesen Worten Glauben zu schenken. Als Botschafter dieser Außerirdischen hätte dieser Dahak lügen und ihm die Freiheit versprechen können, doch er hatte es nicht getan. Die Entschiedenheit dieses ›dass ich Ihnen nicht gestatten kann, wieder abzureisen‹, war mehr als nur ein wenig erdrückend, die Offenheit allerdings, mit der diese Worte ausgesprochen worden waren, garantierte doch geradezu Ehrlichkeit, oder nicht? Oder wollte er selbst, Colin MacIntyre, das einfach nur so verstehen? Doch selbst wenn dieser Dahak ein pathologischer Lügner wäre, blieb ihm, dem unfreiwillig in diese Situation Geratenen, hier kaum eine andere Möglichkeit.

Wenn er sich ein wenig einschränkte, würden die Verbrauchsartikel, die er mit sich führte, für drei Wochen ausreichen; also könnte er sich so lange in seiner Beagle verkriechen – vorausgesetzt, dieser Dahak ließe das überhaupt zu. Aber was dann? Eine Flucht war ganz offensichtlich unmöglich, also lautete die einzige Frage, die sich ihm stellte, nur wann er herauskam, nicht ob.

Außerdem verspürte Colin eine unbändige Abneigung dagegen, sich anmerken zu lassen, wie verängstigt er war.

»Also gut«, sagte er schließlich. »Ich komme raus.«

»Vielen Dank, Commander. Sie werden feststellen, dass hier eine für Sie angenehme Atmosphäre herrscht, aber selbstverständlich steht es Ihnen frei, Ihren Raumanzug zu versiegeln, wenn Sie das wünschen.«

»Oh, vielen Dank.« Ganz automatisch troff MacIntyres Antwort nur so vor Sarkasmus, doch auch in dieser Hinsicht war es ja nur eine Frage der Zeit, bis er ohnehin der Atmosphäre ausgeliefert war, die diese Stimme ihm zu liefern bereit war, und er seufzte. »Dann wäre ich jetzt wohl so weit.«

»Also gut. In diesem Moment nähert sich Ihrem Schiff ein Fahrzeug. Zu Ihrer Linken sollten Sie es jetzt sehen können.«

MacIntyre reckte den Hals und nahm tatsächlich eine Bewegung wahr: Ein Objekt, in etwa so groß wie ein kompaktes Auto und geformt wie ein an beiden Seiten abgeflachtes Geschoss, näherte sich mit beträchtlicher Geschwindigkeit; dabei schwebte es etwa einen halben Meter über dem Boden. Unter der Vorderkante der Steuerbordtragfläche seiner Beagle kam es zum Stehen, genau der Einstiegsluke gegenüber, und eine Schiebetür öffnete sich. Gedämpftes Licht strömte aus der Öffnung, hell und einladend in dieser düsteren Metallhöhle.

»Ich sehe es«, sagte er und war erfreut festzustellen, dass seine Stimme sich schon fast wieder normal anhörte.

»Ausgezeichnet. Wenn Sie dann bitte so freundlich wären einzusteigen?«

»Bin schon auf dem Weg«, erwiderte er und löste seine Haltegurte.

Er stand auf, und wieder stellte er etwas äußerst Bemerkenswertes fest. MacIntyre hatte genügend Zeit auf Luna verbracht, vor allem in diesen drei Jahren, in denen er sich auf die Prometheus-Mission vorbereitet hatte, um sich an die dort herrschende verminderte Schwerkraft zu gewöhnen – und das war auch der Grund, warum er sich jetzt beinahe auf die Nase gelegt hätte.

Er riss die Augen auf. Er konnte nicht absolut sicher sein, aber es fühlte sich ziemlich genau an wie ein g, die Standardschwerkraft – und das bedeutete, dass diese Gestalten hier die Schwerkraft nach Belieben manipulieren konnten!

Naja, warum auch nicht? Es war glasklar zu erkennen, dass diese … Leute? … seiner vertrauten Technik des einundzwanzigsten Jahrhunderts weit, weit voraus waren, oder etwa nicht?

Dahaks Versicherungen zum Trotz spannte er all seine Muskeln an, als er die Luke öffnete, doch die Luft, die ihm entgegenwehte, hatte zumindest keine sofortige tödliche Wirkung auf ihn. Tatsächlich roch sie sogar besser als das Innere der Beagle. Diese Luft war frisch, fast ein wenig kühl, und trug einen Hauch des würzigen Duftes von Immergrün heran; ein wenig ließ Colins innere Anspannung nach, als er tief einatmete. Es war deutlich schwerer, vor Außerirdischen Angst zu haben, die so etwas atmeten – natürlich vorausgesetzt, dass sie diese Luft nicht extra für ihn zusammengemischt hatten.

Die Luke befand sich viereinhalb Meter über dem Boden, und MacIntyre stellte fest, dass er sich fast wünschte, seine Gastgeber hätten sich nicht an der natürlichen Schwerkraft zu schaffen gemacht, als er sich an den Haltegriffen des Notausstiegs hinunterhangelte und dann vorsichtig auf das geduldig wartende Fahrzeug zuging.

Es wirkte völlig harmlos. Im Inneren befanden sich zwei durchaus bequem wirkende Sessel, die offensichtlich für jemanden gedacht waren, der in etwa eine ähnliche Größe und auch eine ähnliche Körperform besaß wie ein Mensch; Instrumente waren nicht zu entdecken. Am interessantesten jedoch war, dass die obere Hälfte des Fahrzeugs transparent war – von innen betrachtet. Von außen sah es ganz genauso aus wie der bronzefarbene Boden unter Colins Füßen.

Er zuckte mit den Achseln und stieg ein; dabei stellte er fest, dass das lautlos vor ihm schwebende Fahrzeug unter seinem Gewicht nicht einmal erzitterte. Er entschied sich für den rechten der beiden Sitze, dann zwang er sich, völlig reglos sitzen zu bleiben, als er bemerkte, dass die Sitzfläche sich unter ihm bewegte. Eine Moment später hatte diese sich perfekt an die Konturen seines Körpers angepasst, und dann schloss sich die Luke auch schon.

»Sind Sie bereit, Commander?« Die Stimme seines Gastgebers erklang aus keiner erkennbaren Quelle, und MacIntyre nickte.

»Geben Sie Gas!«, meinte er nur, und das Fahrzeug setzte sich in Bewegung.

Wenigstens spürte er die Bewegung diesmal. Von der Beschleunigung von mindestens zwei g wurde er tief in den Sitz gepresst. Kein Wunder, dass dieses Ding wie ein Geschoss geformt war! Das kleine Fahrzeug jagte durch das Höhlensystem, geradewegs auf eine nackte Wand zu, und unwillkürlich zuckte MacIntyre zusammen. Doch einen Sekundenbruchteil vor dem erwarteten Aufprall öffnete sich eine weitere Luke, und sie schossen in einen anderen Tunnel hinein – auch dieser ganz offensichtlich künstlich angelegt, man erkannte es an seiner gleichmäßigen runden Form –, doch dieser war kaum zwei- oder dreimal breiter als das Fahrzeug, in dem Colin saß.

Er zog in Erwägung, weiterhin mit Dahak zu sprechen, doch eigentlich wollte er damit nur seine eigenen Nerven beruhigen, und er hatte ganz gewiss nicht vor, einfach nur vor sich hin zu plappern, um seine Nervosität zu verbergen. Also blieb er schweigend sitzen, schaute zu, wie die Wände an ihm vorbeijagten, und versuchte dabei, die Geschwindigkeit abzuschätzen.

Das war völlig unmöglich. Die Wände waren nicht alle gleich geformt und eintönig, doch die Geschwindigkeit seines Gefährts ließ sie völlig verwischen, noch bevor die Beschleunigung nachließ und in das vertraute Gefühl des freien Falls überging; MacIntyre spürte, wie ein Erstaunen, das schon fast an Ehrfurcht grenzte, ihm auch den letzten Anflug von Panik von der Seele nahm. Dieser Stützpunkt hier ließ die größte Anlage der Menschheit, die er jemals gesehen hatte, winzig erscheinen – wie in Gottes Namen hatten ein paar Außerirdische es nur geschafft, ein derart gewaltiges Bauprojekt durchzuführen, ohne dass irgendjemand etwas davon erfahren hatte?

Kurz spürte Colin wieder die Beschleunigungskräfte und dabei seitlich gerichtete Massenträgheit, als das Fahrzeug einen geschwungenen Knotenpunkt passierte und dann in einen weiteren Tunnel hineinjagte. Dieser Tunnel schien sich bis in die Ewigkeit fortzusetzen, wie der Tunnel, der seine Beagle verschluckt hatte, und das Fahrzeug fuhr genau in dessen Mitte einfach immer weiter geradeaus. MacIntyre wartete darauf, dass sie irgendwann ihr Ziel erreichten, doch es dauerte noch sehr, sehr lange, bis das halsbrecherisch schnelle Fahrzeug abzubremsen begann.

Die ersten Anzeichen dafür erhielt Colin durch die Bewegung der Innenausstattung des Fahrzeugs. Das gesamte Cockpit drehte sich einfach um sich selbst, bis MacIntyre in die Richtung blickten konnte, aus der sie gerade gekommen waren, und dann spürte er auch schon, wie ihn der Schwung des Bremsmanövers erfasste. Es dauerte und dauerte, und die verschwimmenden Wände jenseits der transparenten Kuppel des Fahrzeugs wurden immer langsamer. Dann konnte Colin schon wieder Details erkennen, darunter auch die gähnenden Eingänge zu weiteren Tunneln, und schließlich hatten sie fast bis auf Schrittgeschwindigkeit abgebremst. Sanft schwenkten sie in einen der vom Haupttunnel abzweigenden Seitengänge ein, näherten sich dann einer der Seitenwände und hielten an. Wieder öffnete sich lautlos eine Luke.

»Wenn Sie dann wohl aussteigen würden, Commander?«, forderte ihn die sanfte Stimme auf, und MacIntyre zuckte mit den Schultern, stieg aus und trat auf etwas, das ganz genau so aussah wie ein Flokati. Hinter ihm schloss sich die Luke wieder, und das Fahrzeug zog sich fast lautlos wieder zurück, auf genau demselben Weg, auf dem es hierher gekommen war.

»Bitte folgen Sie dem Führungssystem, Commander!«

Einen Augenblick lang blickte MacIntyre sich nur verdutzt um, dann sah er eine flackernde Kugel, die reglos in der Luft hing. Zweimal tanzte sie dann kurz auf und ab, als wolle sie seine Aufmerksamkeit auf sich lenken, und setzte sich sodann in gemächlichem, angenehmem Tempo in Richtung eines der Seitengänge in Bewegung.

Auf dem Spaziergang, der etwa zehn Minuten dauerte, kam Colin an zahlreichen geschlossenen Türen vorbei; jede einzelne war mit auf sonderbare, fremdartige Weise hübschen, aber völlig unverständlichen, fließenden Schriftzeichen markiert, und die ganze Zeit über blies ihm frische, kühle Luft ins Gesicht, genau wie in der Höhle, in der sein Fahrzeug abgestellt worden war. Im Hintergrund waren Geräusche zu vernehmen, so leise und unaufdringlich, dass es einige Minuten dauerte, bis er sie überhaupt wahrnahm, und sie klangen nicht im Geringsten mechanisch, wie man das vielleicht noch hätte erwarten können. Stattdessen klang es, als wiege sich Laub im Wind oder als zwitscherten in der Ferne Vögel: eine beruhigende, besänftigende Geräuschkulisse, bei der man leicht vergessen konnte, dass alles, was ihn hier umgab, künstlichen Ursprungs war.

Doch dann endete der Korridor abrupt vor einer Luke, die aus der gleichen bronzefarbenen Legierung bestand. Diese Luke war groß wie ein Banktresor, und darauf konnte MacIntyre die erste Verzierung auch enträtseln, seit er diese Anlage betreten hatte: Ein gewaltiges dreiköpfiges Ungeheuer wand sich darauf, die Flügel so geschwungen, als wolle es jeden Augenblick losfliegen. Die drei hochgereckten Köpfe schauten in drei unterschiedliche Richtungen, als wolle das Tier jeden möglichen herannahenden Feind gleichzeitig im Blick behalten; die Vorderpfoten mit ihren blanken Krallen, die fast an die einer Katze erinnerten, hatte das Wesen ausgestreckt, als wolle es den über ihm schwebenden prächtigen Stern gleichzeitig begrüßen und beschützen.

MacIntyre erkannte das Motiv sofort, obwohl der in diesem Flachrelief dargestellte Drache weder für die westliche noch für die östliche Mythenwelt typisch war; nachdenklich rieb er sich das Kinn und sinnierte darüber, was ein Geschöpf aus den Mythologien der Erde auf einer verborgenen Raumstation zu suchen hatte, die Außerirdische unter der Oberfläche des Erdenmondes errichtet hatten. Und doch ließ ihn diese Frage merkwürdig kalt, angesichts des noch viel größeren Erstaunens darüber, wie diese gewaltigen, verblüffend lebensechten Augen ihn anschauten, ja abzuschätzen schienen – mit einer ruhigen, sachlichen Erhabenheit, die sich doch jederzeit in schrecklichen Zorn würde verwandeln können, falls er, Commander Colin MacIntyre, hier eine wie auch immer geartete unausgesprochene Grenze überschritt.

Er wusste nicht, wie lange er diesen Drachen angestarrt hatte und von ihm angestarrt worden war, doch letztendlich erzitterte das Führungssystem, die leuchtende Kugel, erkennbar ungeduldig, und trieb dann näher auf diese Luke zu. MacIntyre schüttelte sich und folgte der Kugel, auf den Lippen ein halbes, schiefes Grinsen, und die Türen des Bronzeportals glitten zur Seite, als er näher trat. Die Türblätter waren mindestens fünfzehn Zentimeter dick, und doch war es nur die erste eines ganzen Dutzends ebenso dicker Luken, die damit eine enge, immens stabile Barriere bildeten, und MacIntyre kam sich klein und zerbrechlich vor, als er der Leuchtkugel in den Gang folgte, der sich lautlos für ihn öffnete. Hinter ihm schlossen sich die Mehrfachluken sofort wieder, ebenso lautlos, und Colin versuchte ganz bewusst das Gefühl abzuschütteln, er sei hier gefangen. Doch dann sah er, worauf er sich hier zubewegte: Mitten in der Bewegung erstarrte er, alle anderen Gedanken waren in diesem einen Augenblick vergessen.

Der kugelförmige Raum war größer als der alte Kommandoraum unter dem Mount Cheyenne, sogar größer als die Leitstelle in Shepherd, und die sachliche Perfektion seiner Form, die geschwungenen, völlig gleichförmigen, gewaltigen Wände, schienen Colin hinunterzudrücken, als wollten sie ihm seine eigene Winzigkeit vor Augen führen. Er stand auf einer Plattform, die aus einer der geschwungenen Seitenwände herausragte – eine transparente Plattform, auf der ein Dutzend bequemer, couchartiger Sessel standen; vor jedem einzelnen befanden sich Objekte, die nur Instrumententafeln sein konnten, obwohl es nur bemerkenswert wenige Displays und Eingabemöglichkeiten gab -; an der gegenüberliegenden Seite des riesenhaften Raumes war ein gewaltiger Bildschirm angebracht. In dessen Mitte war jetzt die blauweiße Kugel der Erde zu sehen, und als er die wunderbare, wolkenumspülte Schönheit des Planeten sah, schnürte es MacIntyre fast die Kehle zu. Es war, als säße er wieder in seinem ersten Shuttle-Cockpit, als sähe er diese azurblaue und silberne Schönheit zum ersten Mal – als hätten die Erlebnisse dieser letzten Stunde, die an seinem Verstand zu zerren schienen, ihn erst wieder neu daran erinnert, wie sehr er mit diesem ganzen Planeten verbunden war und was das alles für ihn bedeutete.

»Bitte nehmen Sie doch Platz, Commander!« Fast behutsam unterbrach die sanfte, freundliche Stimme seine Gedankengänge, und doch schien sie den ganzen, gewaltigen Raum um ihn herum auszufüllen. »Hier.« Die Leuchtkugel hüpfte kurz oberhalb eines Polstersessels auf und ab – dem Sessel, vor dem das größte Pult angebracht war, ganz an der Kante der Plattform, die nicht mit einem Geländer gesichert war –, und vorsichtig ging MacIntyre darauf zu. Er hatte nie an Agoraphobie oder Höhenangst gelitten, doch nach dort unten war es ein weiter, weiter Weg, und die Plattform war so makellos transparent, dass Colin fast das Gefühl hatte, er setze seine Füße auf die Luft selbst, während er zu dem Sessel hinüberging.

Die Kugel des Führungssystems verschwand, als MacIntyre sich in den Sessel sinken ließ, und diesmal blinzelte MacIntyre nicht einmal, als die Sitzfläche sich wieder an seine Körperform anpasste. Dann ergriff die Stimme wieder das Wort.

»Also, Commander: Ich werde jetzt versuchen, Ihnen zu erklären, was hier vor sich geht.«

»Sie können damit anfangen«, unterbrach MacIntyre die Stimme, fest entschlossen hier mehr zu sein als nur ein untätiger Zuhörer, »mir zu erklären, wie es Ihren Leuten gelungen ist, eine derart gewaltige Station auf unserem Mond zu errichten, ohne dass wir etwas davon mitbekommen haben!«

»Wir haben keine Station errichtet, Commander.« Verärgert kniff MacIntyre die Augen zusammen.

»Also, irgendjemand hat hier auf jeden Fall eine Station gebaut«, grollte er.

»Ich fürchte, Sie unterliegen hier einer Täuschung, Commander. Das ist keine Station, die sich ›auf Ihrem Mond‹ befindet. Das hier ist Ihr Mond.«

Einen Augenblick lang war MacIntyre fest davon überzeugt, er habe sich verhört.

»Was haben Sie gesagt?«, fragte er dann.

»Ich sagte, ›das hier ist Ihr Mond‹, Commander. Tatsächlich befinden Sie sich gerade in diesem Augenblick auf der Kommandobrücke eines Raumschiffs.«

»Eines Raumschiffs? So groß wie der Mond?«, brachte MacIntyre zaghaft heraus.

»Korrekt. Ein Schiff mit einem Durchmesser von fast dreitausend Ihrer ›Kilometer‹ – Drei-Zwo-Null-Zwo-Komma-Sieben-Neun-Fünf, um genau zu sein.«

»Aber …« MacIntyres Stimme erstarb vor Entsetzen. Er hatte schon gemerkt, dass diese Anlage riesig war, aber niemand konnte doch so einfach den Mond ersetzen, wie fortgeschritten dessen Technologie auch sein mochte – nicht ohne dass das irgendjemandem auffallen musste!

»Das glaube ich nicht«, sagte er geradeheraus.

»Nichtsdestoweniger ist es wahr.«

»Das ist nicht möglich«, widersprach MacIntyre stur. »Wenn dieses Ding wirklich so groß ist, wie Sie sagen, was bitte ist dann mit dem richtigen Mond passiert?«

»Der wurde zerstört«, erklärte sein körperloser Gesprächspartner ihm mit ruhiger Stimme. »Abzüglich hinreichend viel seines Ursprungsmaterials, das dazu genutzt wurde, die geringfügige Größendifferenz auszugleichen, wurde er dazu gebracht, in die Sonne zu stürzen. Das entspricht der Standard-Vorgehensweise der Flotte, um Vorposten zu tarnen – oder auch jedes Großkampfschiff, das einen längeren Einsatz in einem System bestreiten muss, auf das das Imperium nicht bereits Anspruch erhoben hatte.«

»Sie haben Ihr Schiff als unseren Mond getarnt? Das ist doch völliger Wahnsinn!«

»Ganz im Gegenteil, Commander. Ein Raumschiff der Planetoiden-Klasse ist nicht leicht zu verbergen. Einen bereits existierenden Mond entsprechender Größe zu ersetzen, ist die bei weitem einfachste Möglichkeit, genau das zu bewirken, vor allem wenn, wie es hier der Fall war, dabei die ursprünglichen Oberflächenkonturen sorgfältig rekonstruiert wurden.«

»Das ist doch lächerlich! Irgendjemand auf der Erde hätte doch mitbekommen müssen, dass dort etwas vor sich geht!«

»Nein, Commander, das stimmt nicht. Tatsächlich befand sich Ihre Spezies zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Erde, sodass sie es auch nicht hätte beobachten können.«

»Was?!«

»Die Geschehnisse, die ich gerade eben beschrieben habe, ereigneten sich vor etwa einundfünfzigtausend Ihrer ›Jahre‹«, gab sein Informant mit sanfter Stimme zurück.

Innerlich sackte MacIntyre zusammen. Ich bin verrückt geworden, dachte er erstaunlich ruhig. Das war sicherlich die vernünftigste Erklärung.

»Vielleicht wäre es einfacher, wenn ich von Anfang an erklären würde, als nur gezielte Fragen zu beantworten«, schlug die körperlose Stimme jetzt vor.

»Vielleicht wäre es einfacher, wenn Sie mir diese Erklärung persönlich abgeben würden!«, fauchte MacIntyre jetzt, von all der Verwirrung nun langsam gereizt.

»Aber ich erkläre es doch persönlich.«

»Ich meine von Angesicht zu Angesicht«, krächzte MacIntyre.

»Bedauerlicherweise, Commander, verfüge ich nicht über ein ›Angesicht‹«, sagte die Stimme, und MacIntyre hätte Stein und Bein geschworen, dass Belustigung in dieser Antwort mitgeschwungen hatte. »Schauen Sie, in gewisser Weise sitzen Sie in meinem Inneren.«

»In Ihrem …«, flüsterte MacIntyre nur.

»Ganz genau, Commander. Ich bin Dahak, der Zentrale Kommandocomputer des Schlachtschiffes Dahak.«

»Gaaa«, erwiderte MacIntyre leise.

»Wie bitte?«, fragte Dahak mit ruhiger Stimme nach. »Soll ich fortfahren?«

MacIntyre umklammerte die Armlehnen seines Sessels, schloss die Augen und zählte ganz langsam bis hundert.

»Klar«, sagte er dann schließlich und öffnete langsam wieder die Augen. »Warum denn nicht?«

»Also gut. Bitte schauen Sie auf das Display, Commander!«

Die Darstellung der Erde verschwand, wurde jetzt durch ein anderes Bild ersetzt. Eine Kugel, so hell bronzefarben wie der Zylinder, der seine Beagle eingefangen hatte; doch obwohl es nichts gab, was es ihm ermöglicht hätte, die Größe dieses Objektes abzuschätzen, wusste er, dass es viel, viel größer war.

Das Bild drehte sich und wuchs dabei immer weiter an, Details wurden erkennbar, verwandelten sich schnell in Halbkugeln und Kuppeln. Luken oder dergleichen waren nicht zu sehen, und Colin sah auch nichts, was einem Antriebssystem auch nur im Entferntesten geähnelt hätte. Der Rumpf war völlig gleichförmig, von den sanft geschwungenen, runden Vorsprüngen abgesehen … bis er sich so weit gedreht hatte, dass MacIntyre genau vor sich ein riesenhaftes Ebenbild desselben Drachen hatte, der auch die hierher führende Luke geziert hatte. Es prunkte auf dieser Seite der Kugel wie ein gewaltiges Hoheitszeichen, selbstsicher und stolz, und MacIntyre musste schlucken. Dieses Abbild bedeckte nur einen relativ kleinen Teil des Rumpfes, doch wenn diese Kugel wirklich so groß war, wie er das vermutete, dann war dieser Drache ungefähr so groß wie ganz Montana.

»Das ist die Dahak«, erklärte ihm die körperlose Stimme jetzt. »Kennung Eins-Sieben-Sieben-Zwo-Neun-Eins, ein Planetoid der Utu-Klasse der Raumflotte, vor zweiundfünfzigtausend terranischen Jahren im Anhur-System gebaut vom Vierten Imperium.«

MacIntyre stand vor dem Bildschirm, zu betäubt und zu verzückt, um irgendetwas davon nicht zu glauben. Das Abbild dieses Schiffes füllte den Schirm voll und ganz aus, es war, als könne es jeden Moment herausfallen und ihn zerquetschen, und dann verwandelte es sich auch schon in eine schematische Darstellung dieses gewaltigen Schiffes. Es war zu riesenhaft für MacIntyre, sodass er kaum etwas davon mitbekam, und noch während er die Darstellung wortlos anstarrte, verwandelte auch diese sich wieder, drehte sich und bot ihm dann in der Polarprojektion eine auseinander gezogene Darstellung von einem unvorstellbar großen Deck nach dem anderen dar.

»Die Schiffe der Utu-Klasse waren ebenso für den Fronteinsatz entwickelt worden wie für langfristige Vermessungsaufgaben und den Einsatz als Vorposten; die Stammbesatzung besteht aus zweihundertfünfzigtausend Mann. Die optimale Einsatzdauer liegt bei fünfundzwanzig terranischen Jahren, wobei dabei davon ausgegangen wird, dass die Anzahl der Besatzungsmitglieder in diesem Zeitrahmen um sechzig Prozent steigt. Im Prinzip ist die Einsatzdauer aber unbegrenzt, vorausgesetzt, ein unbegrenztes Anwachsen der Besatzung wird entsprechend unterbunden.

Abgesehen von kleinen zweisitzigen Kampfschiffen, die sowohl auf Angriff als auch auf Verteidigung ausgelegt sind, kann die Dahak Unterlicht-Parasiten-Kriegsraumer von jeweils bis zu achtzigtausend Tonnen Eigengewicht absetzen. Die Schiffsbewaffnung besteht vor allem aus hyperraumtauglichen Geschützgruppen, die durch Direktbeschuss-Energiewaffen unterstützt werden. Die Nutzlast der Waffen reicht von chemischen Sprengköpfen über Fusions- und Antimaterie-Köpfe bis zu Schwerkraft-Gefechtsköpfen. Im Prinzip, Commander, könnte dieses Schiff Ihren ganzen Planeten einfach verdampfen lassen.«

»Oh Gott!«, flüsterte MacIntyre. Er wollte es nicht glauben – oh Gott, wie sehr er das wollte! –, aber es gelang ihm nicht.

»Unterlichtantriebe«, fuhr Dahak nun fort und ignorierte diese Unterbrechung, »basieren auf den Phasenbeziehungen der Gravitonen. Bei Ihrem derzeitigen Stand auf dem Gebiet der Technik fehlt Ihnen noch das Grundlagenwissen, sodass ich es nicht exakt beschreiben kann, aber um sich eine Vorstellung davon machen zu können, dürfen Sie einfach davon ausgehen, es wäre ein reaktionsloser Antrieb, mit dem man maximal zweiundfünfzig Komma vier Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreichen kann. Oberhalb dieser Geschwindigkeit würde ein Schiff dieser Größe die Phasenkohärenz verlieren und zerstört werden.

Anders als bei allen bisherigen Modellen verlässt sich die Utu-Klasse nicht auf mehrdimensionale Antriebe – das, was Ihre Science-Fiction-Autoren immer gerne den ›Hyperraumantrieb‹ genannt haben, Commander –, um Fahrten mit Überlichtgeschwindigkeit zu ermöglichen. Stattdessen verfügt dieses Schiff über einen Enchanach-Antrieb. Sie dürfen sich das so vorstellen: Konvergierende ›schwarze Löcher‹ werden erzeugt, wodurch das Schiff zum normalen Raum phasenverschoben wird, sodass sich eine ganze Reihe verzögerungsloser Transpositionen zwischen Koordinaten im Normalraum ergeben – praktisch in Nullzeit. Mit einem Enchanach-Antrieb liegt die Zeitspanne, die man zwischen den einzelnen Transpositionen im Normalraum verbringt, in der Größenordnung von etwa Null Komma Sieben Fünf Femtosekunden.

Die Höchstgeschwindigkeit, die man mit einem Enchanach-Antrieb erreichen liegt, beträgt etwa C Sechs Fakultät. Auch wenn das langsamer ist als die neuesten Hyperantriebe, haben Enchanach-Schiffe gewisse taktische Vorzüge. Der wichtigste ist, dass sie jederzeit den Überlicht-Zustand erreichen, darin manövrieren und den Überlicht-Zustand auch jederzeit wieder verlassen können, während Schiffe, die mit Hyperantrieb ausgestattet sind, nur an bestimmten, zuvor festzulegenden Koordinaten in den Überlicht-Zustand eintreten oder wieder heraustreten können.

Die Energieerzeugung für Schiffe der Utu-Klasse …«

»Stopp!« Dieses eine Wort MacIntyres ließ die Stimme der Dahak sofort innehalten, und nun rieb Colin sich langsam die Augen und wünschte sich dabei, er könne jetzt einfach zu Hause in seinem Bett aufwachen.

»Hör mal«, begann er dann, »das ist ja alles sehr interessant, öhm … Dahak.« Er kam sich etwas sonderbar vor, so mit einer Maschine zu sprechen, auch wenn es sich dabei um eine Maschine wie diese handelte. »Aber mal davon abgesehen, dass ich jetzt wirklich davon überzeugt bin, dass das hier ein echt heftiges Schiff ist, bringt uns das hier doch kaum weiter! Ich meine, ich bin jetzt wirklich schwer beeindruckt, aber wozu bitte braucht denn irgendjemand so ein Schiff? Dreitausendzweihundert Kilometer im Durchmesser, Parasiten-Kriegsraumer von achtzigtausend Tonnen, zweihunderttausend Mann Besatzung, einen ganzen Planeten einfach verdampfen lassen … meine Fresse, also wirklich! Was ist denn dieses ›Vierte Imperium‹ überhaupt? Wogegen in Gottes Namen muss es eine derartige Feuerkraft aufbieten, und was zum Teufel hat es hier zu suchen?!«

»Ich werde das alles erklären, sobald ich die allgemeine Einweisung beendet habe«, erwiderte Dahak mit ruhiger Stimme. MacIntyre stieß ein verächtliches Schnauben aus, dann bedeutete er der körperlosen Stimme mit einer Handbewegung weiterzusprechen. »Ich danke Ihnen, Commander.

Sie haben vollkommen Recht: Die technischen Details können auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Aber damit Sie verstehen, welchen Schwierigkeiten ich mich hier gegenübersehe – und auch damit Sie begreifen, was der Grund dafür ist, dass das damit auch Ihnen Schwierigkeiten bereitet –, muss ich ein wenig Geschichte abhandeln. Bitte bedenken Sie dabei, dass es sich dabei weitestgehend um Rekonstruktionen und Schlussfolgerungen handelt, die auf nur wenigen handfesten Beweisen basieren!

Kurz gesagt ist das Vierte Imperium ein politisches Bündnis, das seinen Anfang auf dem Planeten Birhat im Bia-System genommen hat, etwa siebentausend Jahre, bevor die Dahak in Ihr Sonnensystem vorgestoßen ist. Zu dieser Zeit bestand das Imperium aus etwa fünfzehnhundert Sternsystemen. Es wird als das ›Vierte Imperium‹ bezeichnet, weil es das dritte derartige interstellare politische System seit Beginn unserer Geschichtsschreibung darstellt. Dass es mindestens ein weiteres, prähistorisches Imperium gegeben hat, von den Historikern unseres Imperiums als das ›Erste Imperium‹ bezeichnet, wurde schlüssig dargelegt, obwohl archäologische Beweise nahe legen, dass es mindestens neun weitere prähistorische Imperien gegeben haben könnte, die alle zwischen diesem Ersten und dem Zweiten Imperium anzusiedeln. Alle wurden sie jedoch teilweise oder vollständig durch die Achuultani zerstört.«

Aus unerfindlichen Gründen lief MacIntyre ein Schauer über den Rücken.

»Und was genau sind diese ›Achuultani‹?«, fragte er und mühte sich nach Kräften, sich diese sonderbaren, undeutlichen Emotionen nicht anmerken zu lassen.

»Die zur Verfügung stehenden Daten sind nicht ausreichend, um diese Frage schlüssig zu beantworten«, erwiderte Dahak. »Vereinzelte Spuren lassen vermuten, dass es sich bei den Achuultani um eine einzige Spezies handelt, möglicherweise extragalaktischen Ursprungs. Schon der Name ist die Transliteration einer Transliteration eines unbestätigten Mythos aus dem Zweiten Imperium. Während einiger real stattgefundener Angriffe konnten weitere Daten gesammelt werden; doch ein Großteil dieser Informationen ging in der allgemeinen Zerstörung, mit der diese Angriffe einhergingen, oder während der nachfolgenden Wiederaufbauarbeiten, verloren. Das, was verblieb, bezieht sich in erster Linie auf angewendete Taktiken oder augenscheinliche Ziele. Basierend auf diesen Daten sind die Historiker des Vierten Imperiums zu dem Schluss gekommen, dass der erste dieser Angriffe vor etwa siebzig Millionen terranischen Jahren stattgefunden hat.

»Siebzig Mil …?!« MacIntyre beendete das Wort nicht. Keine Spezies konnte eine derart unglaubliche Zeitspanne überleben. Andererseits konnte der Mond auch kein Raumschiff von Außerirdischen sein, oder? Mit einem ruckartigen Nicken bedeutete er Dahak fortzufahren.

»Weitere Hinweise lassen sich möglicherweise auf Ihrem eigenen Planeten finden, Commander«, sagte der Computer nun mit ruhiger Stimme. »Das plötzliche Verschwinden der terrestrischen Dinosaurier am Ende des Erdzeitalters, das Sie als ›Mesozoikum‹ bezeichnen, fällt exakt mit dem ersten Angriff der Achuultani zusammen. Viele terranische Wissenschaftler haben Vermutungen geäußert, das könne die Folge eines massiven Meteoreinschlags sein. Meine eigenen Messungen lassen vermuten, dass sie damit auch richtig liegen, und die Achuultani hatten schon immer ein gewisses Faible für Projektilwaffen gewaltigen Ausmaßes.«

»Aber … aber warum?! Warum sollte irgendjemand die Dinosaurier ausrotten wollen?«

»Das Ziel der Achuultani«, entgegnete Dahak nahezu übermäßig betont, »scheint die Auslöschung jeglicher konkurrierender Spezies zu sein, wo auch immer sie sich befinden mag. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass die terrestrischen Dinosaurier, die in erster Linie mit ihren aktuellen Lebensbedingungen zufrieden gewesen zu sein schienen, sich tatsächlich in eine Art Konkurrenzkampf zu ihnen begeben hätten, dürfte dies die Achuultani dennoch nicht davon abgehalten haben, den Planeten anzugreifen, um langfristig das Entstehen eines potentiellen Konkurrenten zu verhindern. Vermutlich wurde ihre Aufmerksamkeit allerdings erst auf die Erde gerichtet, weil sich dort eine Kolonie des Ersten Imperiums befand. Diese Schlussfolgerung basiert auf Daten, die darauf hinweisen, dass sich eine militärische Anlage des Ersten Imperiums auf Ihrem fünften Planeten befunden hat.«

»Dem fünften Planeten?«, wiederholte MacIntyre nur, überwältigt von dem, was er da gerade zu hören bekam. »Also …?«

»Ganz genau, Commander: dem Asteroidengürtel. Es sieht ganz so aus, als hätten sie den fünften Planeten dieses Sonnensystems ein wenig härter getroffen als die Erde, und dieser Planet war sehr viel kleiner und schon von Anfang an geologisch sehr viel weniger stabil.«

»Bist du sicher?«

»Ich hatte genügend Zeit, schlüssige Beobachtungsdaten zu sammeln. Weiterhin wäre ein derartiges Vorgehen ganz im Stile der bereits verbrieften Achuultani-Taktik und die von anderen Daten abgeleitete militärische Verfahrensweise des Ersten Imperiums, zu der anscheinend auch gehörte, systeminterne Abwehrsysteme bevorzugt auf zentral gelegenen Himmelskörpern ohne eigene Fauna oder Flora zu errichten.«

Dahak machte eine Pause, und MacIntyre saß nur schweigend da und versuchte sich dabei diese unermesslichen Zeitspannen vorzustellen. Dann ergriff der Computer wieder das Wort.

»Soll ich fortfahren?«, fragte er, und MacIntyre brachte ein schwaches Nicken zu Stande.

»Vielen Dank. Die Experten des Imperiums vermuten, dass es sich bei dem unregelmäßig erfolgenden Vordringen der Achuultani in diesen Arm der Galaxis um Stichproben handelt, bei denen sie nach potentiellen Konkurrenten suchen – Ihr Militär würde das vermutlich als ›Suchen-und-Vernichten‹-Einsatz bezeichnen, Commander –, und nicht um den Versuch, den Einflussbereich ihres eigenen Reiches zu vergrößern. Die Kultur der Achuultani scheint extrem stabil zu sein, man ist fast geneigt zu sagen, sie sei ›statisch‹; denn seit dem Zweiten Imperium wurden nur sehr wenige technische Neuerungen beobachtet. Der genaue Grund für diese mutmaßliche Stasis und auch dafür, dass die Abstände zwischen den einzelnen Angriffen deutlich differieren, ist bisher nicht bekannt, ebenso wenig der Ort, von dem aus sie erfolgen. Während manche Indizien für einen extragalaktischen Ursprung dieser Spezies sprechen, lässt eine Musteranalyse vermuten, dass die Achuultani derzeit eine Region weit im galaktischen Osten besiedeln. Damit wäre Sol bedauerlicherweise extrem exponiert, denn Ihr Sonnensystem liegt im östlichen Randbereich des Imperiums. Kurz gesagt: Die Achuultani müssen Sol passieren, um das Imperium zu erreichen.

Das war für Ihren Planeten bisher nicht von Belang, da es seit dem ersten Angriff dort nichts gegeben hat, was die Aufmerksamkeit der Achuultani auf dieses Sonnensystem hätte lenken können. Derart geschützt ist Terra jedoch inzwischen nicht mehr. Ihre Zivilisation ist technisch jetzt hinreichend fortgeschritten, dass beständig eine elektronische Signatur und ebenso eine Neutrinosignatur abgestrahlt wird, die den Instrumenten der Achuultani unmöglich entgehen kann.«

»Oh Gott!« MacIntyre erbleichte, als ihm klar wurde, was genau das bedeutete.

»Ganz genau, Commander. Die Position Ihrer Sonne erklärt auch die Anwesenheit der Dahak in diesem System. Aufgabe der Dahak war es ursprünglich, einen Vorposten für das Noarl-System zu stellen, das genau im Mittelpunkt der traditionellen Einfallroute der Achuultani liegt. Bedauerlicherweise – oder, genauer gesagt: aufgrund von Feindeinwirkung – versagte eine der wichtigsten Komponenten des Enchanach-Antriebs in katastrophalem Ausmaß, als die Dahak sich auf dem Weg zu ihrem Bestimmungsort befand, und Leitender Flottenkapitän Druaga sah sich gezwungen, für die erforderlichen Reparaturen hier eine Zwischenstation einzulegen.«

»Aber wenn der Schaden doch reparabel war, warum bist du dann immer noch hier?«

»Weil es in Wirklichkeit gar keinen Schaden gegeben hat.« Die Stimme der Dahak klang so gleichförmig wie immer, doch MacIntyre war sich dank seiner übersteigerten Empfindsamkeit fast sicher, ein gewisses Maß an Zorn darin mitschwingen gehört zu haben. »Das ›technische Versagen‹ hatte der Leitende Ingenieur, Flottenkapitän (des Maschinenleitstands) Anu, selbst hervorgerufen. Das war sein Eröffnungszug in der Meuterei gegen die Regularien der Flotte.«

»Meuterei?«

»Meuterei. Flottenkapitän Anu und eine Minderheit von Sympathisanten aus der Schiffsbesatzung hatten befürchtet, ein neuer Achuultani-Angriff stünde unmittelbar bevor. Als Vorposten, der unmittelbar auf dem Einfallkurs der Angreifer stationiert war, musste man davon ausgehen, dass die Dahak mit größter Wahrscheinlichkeit der Zerstörung anheim fallen werde. Und statt die Vernichtung des Schiffes zu riskieren, hatten die Meuterer sich entschlossen, das Schiff in ihre Gewalt zu bringen, dann zu einem entfernten Stern zu flüchten und dort einen kolonisierbaren Planeten zu suchen.«

»Wäre das denn machbar gewesen?«, fragte MacIntyre fasziniert.

»Das wäre es durchaus. Der Aktionsradius der Dahak ist praktisch unbegrenzt, und sie verfügt über die technischen Möglichkeiten, eine solide Technologie-Basis auf jeder beliebigen bewohnbaren Welt zu schaffen; und die Mannschaft hätte mehr als genügend Genmaterial für eine überlebensfähige Population des Planeten mitgebracht. Weiterhin war diese Simulation einer folgenschweren Fehlfunktion im Maschinenleitstand eine geschickt überlegte Taktik, um zu erreichen, dass niemand die Meuterei entdeckte, bis die Meuterer sich weit genug von den anderen Schiffen entfernt hätten, um nicht mehr befürchten zu müssen, andere Einheiten der Flotte würden sie noch abfangen können. Flottenkapitän Anu wusste, dass Leitender Flottenkapitän Druaga einen Bericht über diese Fehlfunktion übertragen würde. Falls dann keine weiteren Meldungen mehr eingingen, würde die Raumflottenzentrale selbstverständlich davon ausgehen, dass der Schaden groß genug gewesen war, das Schiff zu zerstören.«

»Ich verstehe. Aber aufgrund der von dir gewählten grammatikalischen Konstruktionen nehme ich an, dass diese Meuterei gescheitert ist?«

»Unzutreffend, Commander.«

»Also hatte sie Erfolg?«, fragte MacIntyre nun nach und kratzte sich verwirrt am Kopf.

»Unzutreffend«, wiederholte Dahak.

»Also, es kann doch nur das eine oder das andere sein!«

»Unzutreffend«, sagte Dahak nun ein drittes Mal. »Die Meuterei wurde bisher noch nicht niedergeschlagen.«

MacIntyre seufzte, lehnte sich zurück und verschränkte frustriert die Arme. Diese letzte Aussage der Dahak war einfach lächerlich. Doch MacIntyres an sich recht feste Vorstellung davon, was Worte wie ›lächerlich‹ und dergleichen bedeuteten, begann so langsam ein gewisses, leichtsinniges Maß an Flexibilität zu entwickeln.

»Also gut«, sagte er schließlich. »Ich nehme das jetzt einfach mal so hin. Wie kann eine Meuterei, die vor fünfzigtausend Jahren angefangen hat, bis heute noch nicht beigelegt worden sein?«

»Im Wesentlichen«, hob Dahak an, und MacIntyres Ironie schien der Computer überhaupt nicht wahrzunehmen, »ist das die Folge einer Pattsituation. Leitender Flottenkapitän Druaga hatte den Zentralen Kommandocomputer instruiert, das Innere des Schiffes unbewohnbar zu machen, um auf diese Weise dafür zu sorgen, dass Meuterer wie Loyalisten gleichermaßen das Schiff würden evakuieren müssen. Nur loyalen Offizieren sollte es anschließend gestattet sein, wieder an Bord zu kommen, sobald das gesamte Schiffsinnere erst einmal dekontaminiert war; und dann hätte sich das Schiff wieder fest in der Hand der Flotte befunden.

Was Leitender Flottenkapitän Druaga jedoch nicht wusste, war, dass Flottenkapitän Anu die Computer seines Maschinenleitstands mit eigenen Notinstruktionen ausgestattet hatte, die diese dann vom Netzwerk des Zentralen Kommandocomputers abtrennten. Diese Instruktionen waren eigentlich dafür gedacht gewesen, die schiffsinternen Energiewachen der Dahak zu zerstören, um letztendlich dem Zentralen Kommandocomputer die Energiezufuhr zu kappen und ihn so zu zerstören. Als Leitender Ingenieur, der genauestens darüber Bescheid wusste, wie die ganze Sabotage vorgenommen worden war, hätte es für ihn relativ einfach sein sollen, die notwendigen Reparaturen durchzuführen und dann die Kontrolle über das Schiff zu übernehmen.

Als der Zentrale Kommandocomputer die Befehle des Leitenden Flottenkapitäns Druaga ausführte, verließen sämtliche loyalen Besatzungsmitglieder das Schiff in Rettungskapseln. Flottenkapitän Anu hingegen hatte heimlich mehrere Unterlicht-Parasiten vorbereitet, anscheinend mit dem Ziel, sämtliche nach der Meuterei noch verbliebenen Besatzungsmitglieder auszusetzen, die sich weigerten, seine Befehlsgewalt anzuerkennen. Schließlich nutzten seine eigenen Anhänger diese Transporter und eine kleinere Anzahl bewaffneter Parasiten, als sie die Dahak dann evakuierten – was dazu führte, dass sie eine wenn auch in eingeschränktem Maße funktionstüchtige Technologie-Basis auf die Erde mitbrachten. Die Loyalisten hingegen verfügten nur über die Notausstattung ihrer Rettungskapseln.

Das hätte keinen Unterschied ausgemacht, wenn die Sabotage-Programme von Flottenkapitän Anu ihre Aufgabe nicht fast doch noch erfüllt hätten. Bis der Zentrale Kommandocomputer sie erkannt hatte und deaktivieren konnte, waren dreihundertzehn der dreihundertzwölf Fusionsreaktoren der Dahak bereits zerstört, sodass die Energiedichte im internen Stromnetz unter das erforderliche Minimum fiel. Die Energie reichte aus, um einen Defensiv-Beschießungsplan gemäß den Anweisungen des Leitenden Flottenkapitäns in die Tat umzusetzen; doch es war nicht mehr möglich, gleichzeitig auch noch das Schiffsinnere zu dekontaminieren und die erforderlichen Reparaturen durchzuführen. Folglich war der Zentrale Kommandocomputer nicht in der Lage, die ihm erteilten Anweisungen unverzüglich und vollständig zu befolgen. Es war notwendig, die Schäden zu reparieren, bevor der Zentrale Kommandocomputer die Dekontamination einleiten konnte; diese Reparaturen allerdings liefen praktisch auf ›vollständig Nachbauen‹ hinaus und erforderten daher mehr Energie, als zur Verfügung stand. Tatsächlich war der Leistungspegel so niedrig, dass es sogar unmöglich war, den Energiekern laufen zu lassen. Das wiederum bedeutete, dass die Energienotreserven sehr schnell erschöpft waren, und dass es erforderlich sein würde, längere Zeit damit zu verbringen, zwischen den einzelnen Reparaturschritten ebendiese Reserven immer wieder aufzubauen.

Aufgrund dieser extremen Bedingungen war der Zentrale Kommandocomputer in unregelmäßigen Abständen für einen längeren Zeitraum immer wieder außer Funktion, auch wenn die automatischen Abwehrsysteme weiterhin funktionstüchtig blieben. Den Aufzeichnungen der Scanner zufolge wurden sieben der von den Meuterern übernommenen Parasiten während dieser Reparaturphase zerstört; doch jedes einzelne Handeln gemäß den Verteidigungsprogrammen erschöpfte die Energiereserven weiter, und das wiederum verlängerte die Phasen, in denen der Zentrale Kommandocomputer völlig außer Funktion war, sodass die Reparaturen weiter verlangsamt wurden – schließlich mussten die Pausen, während deren die Energiereserven wieder aufgefüllt wurden, immer weiter verlängert werden, damit anschließend wieder genügend Rechenleistung des Zentralen Kommandocomputers zur Verfügung stand, um den jeweils nächsten Reparaturschritt einzuleiten.

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