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Der Mona Lisa Schwindel

Deborah Dixon

Der Mona Lisa Schwindel

Aus dem Nachlass ediert,
aus dem Amerikanischen übersetzt
und samt einem Nachwort
von Werner Fuld

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Begründet von
Hans Magnus Enzensberger

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ISBN 978-3-8477-5324-7

© für die deutschsprachige Ausgabe: AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin www.die-andere-bibliothek.de

Der Mona Lisa Schwindel von Deborah Dixon ist Dezember 2011 als dreihundertvierundzwanzigster Band der Anderen Bibliothek erschienen.

In gedruckter Form erhältlich im Abonnement www.ab-abo.de oder als limitierte gedruckte Ausgabe unter: https://www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Der-Mona-Lisa-Schwindel::404.html

Herausgabe: Christian Döring

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

Umsetzung und Vertrieb des E-Book erfolgt über:

DIE ANDERE BIBLIOTHEK

Die Geschichte der 1984 von Hans Magnus Enzensberger und dem Verleger und Buchgestalter Franz Greno begründeten Buchreihe DIE ANDERE BIBLIOTHEK ist längst zum Bestandteil unserer deutschsprachigen Lesekultur geworden. Monat für Monat ist seit Januar 1985 ein Band erschienen: »Gepriesen und geliebt, zeitweilig zu wenig verkauft und … mitunter schon totgesagt«. (Frankfurter Allgemeine Zeitung) – an dem Anspruch, intellektuelles und visuelles Vergnügen zu verbinden, hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.

DIE ANDERE BIBLIOTHEK soll die Schönste Buchreihe der Welt (Die Zeit) bleiben.

In der Geschichte der DIE ANDERE BIBLIOTHEK gab es Umzüge, Umstellungen und Personalwechsel. Und seit Januar 2011 wählt Christian Döring monatlich sein Buch aus und gibt es im neuen Verlag DIE ANDERE BIBLIOTHEK unter dem Dach des Aufbau Hauses am Berliner Moritzplatz heraus. Aber in Haltung, Gestaltung und Programm hat sich am Anspruch seit bald drei Jahrzehnten nichts geändert. Denn wir wissen: Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern….

Das Programm DIE ANDERE BIBLIOTHEK folgt inhaltlich seit Anbeginn nur einem Maßstab: Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch und Literatur hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung. Wir folgen dem »Kanon der Kanonlosigkeit«, nur Originalität und Qualität sollen zählen.

– Jeden Monat erscheint ein neuer Band, von den besten Buchkünstlern gestaltet.

– Die Originalausgabe erscheint in einer Auflage von 4.444 Exemplaren – limitiert und nummeriert.

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Vorwort

Diese Geschichte ist wahr. Ich wollte, sie wäre es nicht, und wahrscheinlich würden auch manche Leser es vorziehen, an eine erfundene Romanhandlung zu glauben. So viele zerstörte Illusionen, ein so unerbittlicher Hass und nicht zuletzt diese vergeudeten Millionen – es wäre wirklich besser, es handelte sich nur um einen Roman.

Aber als mir meine Freundin Laura zusammen mit ihren Tagebüchern diese Geschichte als ihr Erbe vermachte, übernahm ich auch die Verpflichtung, sie aufzuschreiben und jetzt, zehn Jahre nach ihrem Tod, der Öffentlichkeit zu übergeben. Die Arbeit hat mehr Zeit beansprucht, als ich ursprünglich dachte. Fast jedes Detail, das mir absurd oder unwahrscheinlich vorkam, habe ich überprüft, anfangs in dem Glauben und dann in der Hoffnung, meine Freundin hätte sich einen gigantischen Witz ausgedacht, aber jede noch so unglaubliche Aufzeichnung in ihren Papieren erwies sich als real. Heute bin ich davon überzeugt, dass Laura nichts erfunden hat.

Befreundet waren wir seit unserer Studienzeit, zwei lebenslustige Kunststudentinnen in New York, die sich mit Museumsführungen etwas Geld verdienten. Ich ahnte damals nicht, dass Laura einen Teil ihres Lebens vor mir verbarg. Auch wenn sich unsere Wege trennten, haben wir uns nie aus den Augen verloren. Die Leser werden entscheiden, ob ich Lauras Vertrauen verdient habe, als sie mir ihre Aufzeichnungen zur Bearbeitung und Veröffentlichung überließ. Für alle Fehler übernehme ich die volle Verantwortung. Die Freiheiten, die ich mir bei der Darstellung erlaubt habe, betreffen nur die Form, nicht jedoch den Inhalt dieser seltsamen Geschichte.

Deborah Dixon

Anmerkung des Herausgebers:

Deborah Dixon verstarb kurz nach Fertigstellung des Manuskripts im Alter von 85 Jahren. Die Veröffentlichung des Buches hat sie nicht mehr erlebt.

Erstes Kapitel

»Marseille liegt zwar nicht mehr am Arsch der Welt, seit es die Bahnlinie gibt, aber die Stadt wird immer voller«, sagte Valfierno statt einer Begrüßung, warf die Morgenzeitung auf einen Stuhl und trat auf den Balkon, um an diesem Maimorgen des Jahres 1909 die Frühjahrssonne zu genießen. »Vom Bahnhof bis zum Hotel habe ich gestern Abend eine halbe Stunde gebraucht. Meine Droschke wäre fast auf der Cannebière stecken geblieben.«

Sein Freund Chaudron wischte den Haarpinsel ab, stellte ihn in ein Terpentinglas und drehte sich von der Staffelei zu seinem Besucher: »Früher hat es von Paris bis hierher eine halbe Woche gedauert. Worüber beschwerst du dich? Dass jetzt hier die Musik spielt? Wenn Paris eine Straße wie die Cannebière hätte, wäre es wenigstens ein kleines Marseille.«

Yves Chaudron war hier geboren und hatte in den knapp vierzig Jahren seines Lebens die Stadt noch nie verlassen. Er hatte den raschen wirtschaftlichen Aufschwung miterlebt und die Verdoppelung der Einwohnerzahl. Die Pariser hielt er für ahnungslose Provinzler. Im Grunde bedauerte er jeden, der aus dem grauen Norden kam. Paris lag nicht am Meer – damit war für ihn eigentlich schon alles gesagt. Chaudron hatte auch nicht die Absicht, Marseille jemals zu verlassen. Er war es gewohnt, dass man zu ihm kam.

Valfierno trat vom Balkon zurück in den geräumigen Salon und schloss – »Du erlaubst?« – die verglaste Tür. »Der Lärm wird auch immer schlimmer, selbst hier.« Chaudron wohnte seit fast zehn Jahren in der Rue Colbert im alten Teil der Stadt, und der Verkehr von den neuen Bahnhöfen in Richtung Hafen hatte erheblich zugenommen. »Und der Gestank, mein Freund! In Paris haben wir jetzt immer mehr Automobile. Du hast keine Ahnung, wie die stinken. Das wird hier bald genauso sein.«

Chaudron sah ihn mit einem breiten Grinsen an: »Du weißt doch, dass ich nichts mehr rieche. Nach zwanzig Jahren Terpentin – was soll mich da noch stören?« Ihm war es egal, wenn es im Salon nach Farben und Lösungsmitteln roch. Er brauchte kein Atelier. Die riesige Wohnung mit den umlaufenden Balkonen und dem Blick über die Altstadt bis zum Hafen befriedigte nicht nur sein Bedürfnis nach Weite und Helligkeit, sondern war auch für seine Arbeit ideal. Er hatte von morgens an, sobald die Sonne über die Bergkämme kroch, das perfekte Licht; er konnte am Mittag die weißen Vorhänge zuziehen, die ihm ein schattenfreies Arbeiten erlaubten, und wenn die Sonne im Westen die prächtigen Ornamente am Giebel der neuen Börse erreicht hatte, wusste er, dass es Zeit war, die Pinsel beiseite zu legen.

Diese Wohnung im obersten Stock mit ihren diversen Zimmern und Nebenräumen war alles in einem: Refugium, Atelier, Büro, Lager und Laboratorium. Den nördlichen, zur St. Martins-Kirche gelegenen Flügel mit den Wirtschaftsräumen betrat er nur selten. Dort herrschte Marie, ein ehemaliges und eher schüchternes Aktmodell aus der École des Beaux Arts und die frühere Favoritin des Dekans Moutte, der solche lockeren Sitten offenbar aus Paris mitgebracht hatte. Selbst Chaudron konnte nicht behaupten, dass Alphonse Moutte ein schlechter Maler wäre, was ihn allerdings nicht daran gehindert hatte, die schöne Marie als halbnackte Sünderin und den Dekan als geilen, geschuppten Teufel auf einer Tafel im frühen Sieneser Stil zu porträtieren. Das heimlich in die Jahresausstellung geschmuggelte Bild hatte für einen heftigen Eklat gesorgt, und der Maler war samt seinem Modell sofort von der Akademie verwiesen worden. Das lag nun über zehn Jahre zurück, blieb aber in Marseille unvergessen. Der Dekan hatte damals das Bild zwar konfisziert, doch das Objekt seiner Entrüstung sämtlichen Freunden und Bekannten gezeigt, die von der feinen Malweise sehr angetan waren, was sie natürlich nicht laut sagten.

So kam es, dass nach und nach die angesehensten Honoratioren der Stadt bei Chaudron ähnliche Bilder in Auftrag gaben – die büßende Maria Magdalena mit halb entblößtem Busen war ein sehr beliebtes Motiv. Den Reedern, Ärzten und Notaren folgten die ansässigen italienischen Direktoren der Import/Export-Firmen und ihnen die Vizedirektoren und Prokuristen. Sie alle wollten in dieser mit den schönen Künsten nicht besonders gesegneten Stadt der Arbeit Bilder im klassischen Stil ihrer Heimat um sich haben. Chaudron zog mit Marie, die inzwischen nicht nur sein Modell, sondern auch seine Lebensgefährtin war, in die großzügige Wohnung und malte im Lauf der Jahre fast die gesamte Sieneser und Florentiner Schule. Er war ein Spezialist. Man könnte auch sagen: Yves Chaudron war der beste Fälscher der italienischen Renaissancemalerei. Und Eduardo Valfierno, der gebürtige Genueser, noch keine dreißig, war seit einigen Jahren sein Agent.

»Hier ist der Kaffee, meine Herren, Wünschen Sie noch etwas?« Marie balancierte das Tablett mit der Kanne, zwei Tassen, Wassergläsern und selbstgebackenen Croissants auf ein marokkanisches Tischchen, nahm wie gewohnt das Schweigen als Antwort und verschwand wieder. Man würde läuten.

Valfiernos Blicke hatten Marie beinahe ausgezogen, und Chaudron amüsierte sich insgeheim, weil sie immer noch mit einer plötzlichen Schamröte ihrer Ohren reagierte – und weil er wusste, dass die kaum verborgene Neugier seines Freundes dem Vergleich mit dem fast fertigen Bild auf der Staffelei galt: Einer »Versuchung des Hl. Antonius« in Gestalt eines nackten Mädchens von teuflischer Schönheit, das deutlich Maries Züge trug. Jeder Kenner hätte geschworen, dass diese Tafel ein Werk von Giovanni Bellini war, so verzaubernd wirkte die junge Frau mit ihrer hohen Stirn, den mandelförmigen Augen und der römischen Nase, und so rätselhaft verführerisch leuchtete ihr Lächeln über das ganze Bild, dass es dem Betrachter das Glück eines neuen Lebens zu versprechen schien. So musste es Dante ergangen sein, als er zum ersten Mal seiner Beatrice begegnete. Ein Meisterwerk, ohne Zweifel, und besonders wertvoll, weil es sich offenbar um das bislang verschollen geglaubte Seitenteil des Altars in der Kirche des Hl. Antonius in Venedig handelte.

Valfierno hatte die Tafel für einen amerikanischen Sammler in Auftrag gegeben, doch der Anlass seines Besuches musste dringender sein, sonst wäre er nicht vier Wochen vor dem vereinbarten Übergabetermin bei seinem Freund aufgetaucht.

»Also«, fragte Chaudron, »was treibt dich aus dem grauen Paris hierher? Unser Frühling wird es wohl kaum sein.«

»Die Engländer bauen das luxuriöseste Passagierschiff aller Zeiten«, begann Valfierno leise. Er wusste, dass er sein Temperament zügeln musste, denn sein Freund lebte in einer anderen, langsameren Welt. Worüber seit März alle Zeitungen berichteten, war ihm bestimmt nicht bekannt.

»Ich habe nicht die Absicht, auf Reisen zu gehen.«

Man musste mit Chaudron sehr vorsichtig umgehen. In Valfiernos Augen war der Maler ohne Zweifel ein Genie, aber ein Genie aus dem 16. Jahrhundert. Manchmal wusste allerdings auch er nicht, ob ihn sein Freund nicht nur mit gespielter Naivität an der Nase herumführte. Wie gesagt, man musste vorsichtig sein.

»Du gewiss nicht. Aber die Amerikaner werden mit diesem schwimmenden Palast reisen. Und besonders die reichen Amerikaner, die Superreichen. Die Reederei hat die Jungfernfahrt für den 11. Dezember 1911 um 11 Uhr von Southampton nach New York angekündigt – dann sind alle mit ihren Einkäufen rechtzeitig zu Weihnachten wieder zu Hause. Aber dieses Datum kann sich nur ein Verrückter ausgedacht haben.«

»Wahrscheinlich ein Zahlenmystiker«, murmelte Chaudron mehr für sich selbst: »Dreimal die doppelte Eins ergibt als Summe die Sechs; das sechste Tierkreiszeichen ist die Jungfrau; deshalb die Jungfernfahrt.«

»Woher weißt du das?«, staunte Valfierno, aber Chaudron antwortete ganz entspannt, während er kleine Schlucke von dem heißen Kaffee nahm: »Zahlensymbolik. War in der Renaissance ein beliebter Sport bei Gelehrten. Bei Künstlern auch. Manche Bilder sind völlig verschlüsselt. Man versteht sie nur, wenn man den Geheimcode kennt. Wie bei einem Safe. Kapiert?«

»Kein Wort.«

Valfierno war wenigstens ehrlich, also erklärte Chaudron: »Sechs Tage dauerte bekanntlich die Schöpfung der Welt. Das Schiff ist an diesem Datum mit der Summe sechs endgültig fertig. Am Tag sechs werden es die Passagiere zum ersten Mal sehen, so wie Moses Gott sah, der sich am Berg Sinai sechs Tage in einer Wolke versteckt hatte. Sechs Siegel werden vor der Offenbarung geöffnet und sechs Posaunen geblasen.«

Valfierno wehrte ab: »Du meinst doch nicht im Ernst, dass Amerikaner so was wissen?«

»Sie glauben an die Bibel«, entgegnete Chaudron. »Mehr als wir. Sie brauchen verlässliche Werte. Das wissen wir doch am besten.« Chaudron musste den Freund gar nicht an Details seiner Geschäfte erinnern. Aber er zögerte: »Ich finde diese Symbolik ziemlich kühn. Oder besser gesagt – überheblich. Ein neues Schiff ist nicht die Erschaffung der Welt. Und ehrlich gesagt – aber das weiß ja sowieso jeder …«

Er biss in das noch warme Croissant.

Valfierno wollte es ihm gleichtun, hielt jedoch im letzten Moment inne und fragte ungeduldig mit dem Gebäck in der Hand:

»Was weiß sowieso jeder?«

»Köstlich. Noch warm mag ich sie am liebsten. Unbezahlbar. Iss doch!«

»Was weiß sowieso jeder???«

»Was in der Offenbarung nach der sechsten Posaune und dem Öffnen des sechsten Siegels folgt.«

»Was denn?«

»Der Untergang natürlich. Die Vernichtung. Etwas sorglos also, diese Symbolik.«

Chaudron nahm einen Schluck Wasser. »Und wie soll das Schiff heißen?«

»Titanic.«

»Auch etwas großspurig. Keine Ahnung von Mythologie.«

»Wieso?«

»Die Titanen wurden von Zeus in den Untergang getrieben. Und was blieb als Einziges übrig?«

»Sag’s mir.«

»Okeanos, der Ozean.«

Valfierno zeigte sich nicht beeindruckt. Er wollte nun endlich sein Croissant genießen und zum Anfang des Gesprächs zurückkehren.

»Du kannst dir denken, wer da an Bord gehen wird.«

»Ich bestimmt nicht.«

»Du nicht, aber alle unsere Kunden. Der gesamte Geldadel Amerikas wird sich die Ehre geben. Die Passage ist schon jetzt so gut wie ausgebucht. Die Herren Millionäre werden in Paris und London europäische Kunst kaufen, und ich werde sie beraten.«

»Wie immer.«

»Eben nicht wie immer. Diesmal werden es nicht drei mittlere Tizian und zwei Bellini sein – hervorragende Arbeit übrigens –, sondern ich werde den Öl- und Stahlbaronen ein Geschäft offerieren, das so einmalig ist wie die Jungfernfahrt auf dieser Titanic.«

»Mein Lieber, jedes Bild ist einmalig. Vor allem meine Tizians und Bellinis.« Chaudron fand die Aufregung seines Freundes etwas übertrieben. »Natürlich ist jede Jungfernfahrt einmalig, aber hinterher war es nur eine Reise auf einem Schiff.«

Valfierno fühlte sich nicht ernstgenommen und redete einfach weiter: »Einmalig heißt nicht, dass das Bild nur einmal vorhanden ist, sondern einmalig heißt in diesem Fall, dass dieses Bild, das ich meine, im Bewusstsein aller Menschen einmalig ist und mit nichts verglichen werden kann.«

Chaudron war irritiert: »Du willst ein Bild verkaufen, das es schon gibt?«

»Ich werde das Bild eines Bildes verkaufen, das schon existiert. Genauer gesagt: Ich will es mehrfach verkaufen. Vier- oder fünfmal. Je nachdem, wie viel Zeit du dafür brauchst.«

»Und welches Bild soll das sein?«

»Leonardos Gioconda. Die Mona Lisa.«

Chaudron musste lauthals lachen; das Gelächter explodierte förmlich in seinem Gesicht und erfasste dann in ruckartigen Schüben seinen ganzen Körper. Fast hätte er den kleinen Tisch mit dem Kaffeetablett umgestoßen, als er sich mit beiden Händen auf die Schenkel klatschte. Er hielt seinen Freund für einen cleveren Geschäftsmann mit bewundernswerter krimineller Phantasie, aber jetzt schien er den Verstand verloren zu haben.

»Die Gioconda – tut mir leid –, die Gioconda hängt im Louvre«, lachte es aus ihm heraus.

Valfierno störte sich nicht daran. Er hatte mit solch einer Reaktion gerechnet. Niemand hätte anders reagiert. Wie ein Verschwörer beugte er sich zu Chaudron hinüber und sagte leise und eindringlich: »Ich weiß, es klingt verrückt. Aber ich habe einen Plan. Du musst mir vertrauen. Meine Pläne waren bisher immer gut. Du wirst früh genug erfahren, wie es funktioniert. Jetzt musst du dich nur auf die Gioconda konzentrieren. Sie hat Leonardo unsterblich gemacht, und sie wird auch dich unsterblich machen. Und uns beide so reich, wie wir es uns immer erträumt haben. Vertrau mir, ich verlasse mich auf dich. Viermal die Gioconda in zwei Jahren – abgemacht?«

Ein leichtes Zögern, ein Blick, dann: »Abgemacht«.

Sie gaben sich die Hand und beide lächelten. Chaudron zog die weißen Vorhänge zu und läutete nach Marie.

Der Tag war reif für Champagner.

Als er noch ein hungriger Kunststudent war, trieb sich Chaudron vor Sonnenuntergang oft auf den Docks herum, weil man dort mit ein bisschen Glück etwas zu essen fand, Bananen aus Afrika, ägyptische Eselswürste, einmal sogar einen halben Kamelschinken. Während er auf das Löschen der Ware wartete, hatte er einmal einen Lademeister gezeichnet, einen Italiener mit Ohrring und Zopf, der den kritzelnden jungen Mann jedoch für einen Versicherungsdetektiv oder etwas Ähnliches hielt. Da er gerade einige marokkanische Teppiche beiseite schaffen wollte, schickte er einen Arbeiter los, der dem vermeintlichen Detektiv die Faust in die Magengrube rammte und ihm den Block aus der Hand riss.

Es dauerte keine drei Minuten, da stand der Lademeister mit dem Block vor dem am Boden um Atem ringenden Studenten und rang selbst nach Luft, weil ihm keine passende Entschuldigung einfiel. Als Italiener hatte er einen angeborenen Respekt vor Malern, aber im Hafen hatte er keinen vermutet und erst recht keinen, der ihn bei der Arbeit zeichnete. Er fühlte sich geehrt und hilflos.

»Das da«, stotterte er schließlich und deutete auf die Zeichnung, »das, Jesusmaria, das ist … verdammt gut!«

Chaudron kniete am Boden, hielt sich den Bauch und sagte nichts. Es war der Beginn einer langen Freundschaft.

Zuerst durfte Chaudron die Geliebte des Lademeisters porträtieren, dann ihn selbst im schwarzen Sonntagsanzug, schließlich sogar die Gattin Elvira. Dafür bot ihm Strinello sozusagen lebenslanges Gastrecht, von dem Chaudron nach der Geburt von Zwillingen immer seltener Gebrauch machte.

Eines Tages überließ ihm Strinello einen Koffer mit alten Büchern, denn außer seinem Freund kannte er niemanden, der lesen konnte. Die Schlösser waren gewaltsam geöffnet worden, und Strinello erklärte achselzuckend, der Koffer sei vielversprechend schwer gewesen und der Inhalt nicht deklariert: »Aber dann waren es nur diese alten Schwarten«, antike Klassiker in Drucken des 16. Jahrhunderts, eine Ausgabe von Petrarcas Werken, außerdem botanische und medizinische Handbücher, alle aus einer toskanischen Klosterbibliothek. Mit den Bänden in Latein und Griechisch konnte Chaudron nichts anfangen. Er riss die unbedruckten Seiten heraus und verwendete sie für Zeichnungen. Einem Brief mit einer Bestandsliste, versteckt in einem Bändchen mit religiösen Unterweisungen, entnahm er, dass ein toskanischer Abt den Koffer an einen Pariser Händler adressiert hatte. Strinello hatte demnach einen Dieb bestohlen.

Nur ein einziges Buch fand sofort Chaudrons Interesse: Il libro dell’ arte von einem Cennino Cennini, in Florenz ohne Jahreszahl gedruckt. Chaudron besaß inzwischen, vor allem dank Elvira, elementare Kenntnisse der italienischen Sprache, so dass er den Text verstand. Es war das umfassendste und gründlichste Lehrbuch der Malkunst, das es überhaupt geben konnte.

Dieses Buch wurde Chaudrons Bibel.

Jede Seite las er mit der Aufmerksamkeit eines Bettlers, der die Speisekarte eines Luxusrestaurants studiert. Ihn fesselte die unverblümte Direktheit, mit der dieser doch sicher berühmte Autor ihn, den namenlosen Studenten, sozusagen persönlich ansprach, ihm die nötigen Handgriffe zeigte, jeden Schritt erklärte und wenn etwas danebenging, auch gleich die rettende Lösung parat hatte: »Und weißt du wie?« Nein, Chaudron wusste es nicht, aber Cennini immer.

Das war ein anderer Unterricht, als er ihn von der École des Beaux Arts kannte. Dort saßen fünfzig Studenten im großen Saal und zeichneten Gipsabgüsse antiker Statuen ab. Miteinander zu sprechen war verboten, der Professor ging schweigend durch die Reihen, und oft zischte ein scharfer Ton durch die Luft, wenn der Lehrer das Blatt eines Schülers zerriss. »Das ist kein Arm, sondern ein Wurm. Sehen Sie genauer hin!« Das waren die einzigen Erklärungen. Wenn ein getadelter Schüler den Mund aufmachte für ein Widerwort, setzte es Schläge mit dem Zeigestock, bevor das Wort ausgesprochen war.

In der höheren Malklasse von Alphonse Moutte saßen nur fünf Studenten und versuchten, mit modernen Ölfarben aus Tuben das Licht zu malen. Moutte hatte in Paris die impressionistische Theorie gelernt, dass wir von allem, was wir sehen, nur das Licht wahrnehmen, das von jedem Gegenstand reflektiert wird und sich ständig verändert. Konturen, Schatten und Farbe sollten also in einem Pinselstrich auf die Leinwand gelangen. Das war sehr kühn, eine Vereinfachung der alten Arbeitsweise, die zuerst die Vorzeichnung verlangte, dann die Verteilung von Hell und Dunkel auf der Untermalung und in den letzten Schritten die Farbkomposition. Mouttes Bilder wurden zwar schneller fertig, das stimmte, und der neue Kran im Hafen konnte auch die Schiffe schneller entladen, aber warum sollte sich die Kunst diesem Tempo des modernen Lebens anpassen?

Bewegung hieß das Zauberwort; alles musste immer in Bewegung sein. Das Jahrhundert tanzte seinem Ende entgegen, und jeder tat so, als müsste man noch so viel wie eben möglich erleben, weil danach nichts mehr käme. Niemand wollte sich noch mit langen Romanen quälen wie dem Grafen von Monte Christo, Chaudrons Lieblingslektüre. Um Erfolg zu haben, musste man kurze Geschichten wie Maupassant schreiben, keine historischen Stoffe, sondern Skizzen aus dem Alltagsleben, in denen nicht mehr Adlige, sondern die Frau des Apothekers von nebenan die Hauptrollen spielten. Was hatte Ingres für Porträts gemalt, dachte sich Chaudron manchmal, das waren noch vornehm blasse Damen in kostbaren Kleidern, sie konnten so tief dekolletiert sein, wie es nur ging, dennoch blieben sie Damen. Jetzt malte Renoir namenlose Mädchen mit rosigen Bauerngesichtern. Keine Positur mehr, kein Hintergrund, nur noch Momentaufnahmen, Bewusstseinsreflexe. Selbst die Seele war in Bewegung geraten und verlor ihre Konturen. »Unsere Empfindungen verändern sich ständig«, hatte Moutte gesagt, »wir sehen ein Bild nicht zweimal mit denselben Augen, auch nicht eine Landschaft, weil das Licht wechselt, und schon gar nicht eine Szene auf der Rennbahn, wo alles in Bewegung ist. Wir sind darüber hinaus, falsche Plastiken zu malen, jetzt malen wir das Leben!« Als ob die Polospieler, die Jockeys oder die Ruderer das Leben wären, jedenfalls nicht das von Chaudron.

Alles war plötzlich flirrend farbig bei diesen Freiluftmalern, sogar die Schatten, als schiene im Leben immer die Sonne. Selbst auf den Tutus der kleinen Balletttänzerinnen mit ihren blutigen Zehen und den schäbigen Nächten strahlte ein Bleiweiß, wie es Chaudron noch nie gesehen hatte. Er wusste nur, wie sie aussahen, wenn sie aus dem Bühneneingang kamen, bleich und erschöpft sich einhängend in den Arm eines wahrscheinlich verheirateten Mannes, der den Abend in der Bar gegenüber verbracht hatte und auch danach roch. »Den Moment der höchsten Leuchtkraft müssen wir einfangen«, hatte Moutte doziert, »Licht und Bewegung, das ist die moderne Zeit.« Die Tradition galt nichts mehr. Moutte hatte ihn ausgelacht, als Chaudron einmal Cenninis Lehrmeinung über das langsame Auftragen der Farbschichten erwähnte: »Das war früher so, Chaudron. Leonardo hat ja auch geschrieben, man dürfe Frauen nur in sittsamer Haltung darstellen, die Beine eng zusammen, die Arme verschränkt und den Kopf zur Seite geneigt – welche Frau sieht denn heute noch so aus? Nein, das ist Vergangenheit, damit befassen wir uns nicht mehr.«

Chaudron konnte und wollte sich damit nicht abfinden. Sein Vater war im Mai 1871 mit dem Säbel in der Hand auf den Barrikaden des Pariser Aufstands gefallen. Er hatte für die Kommunalregierung Frankreichs gekämpft, für ein Mitspracherecht seiner Heimatstadt Marseille, deren wachsende Wirtschaftskraft geschwächt wurde durch immer neue Steuern aus Paris. Demokratische Rechte hatte er verlangt, doch vom tausendfachen Tod der Kommunarden sprach niemand mehr. Das im Krieg gegen Preußen unterlegene Paris wirkte im Innern dominierender als je zuvor, weil es die an Preußen zu leistenden Reparationen aus den Provinzen herauspresste. Ihm schien es, als wäre mit der Geschichte der Pariser Kommune die Geschichte selbst, auch seine eigene, ausgelöscht und überblendet durch konturlose, ineinander verschwimmende Momentaufnahmen fröhlicher Menschen, die ihre nervöse Ziellosigkeit nur schlecht verbargen.

Chaudron war kein fröhlicher Mensch. Er war ehrgeizig und verschlossen. Seine rasch verwitwete Mutter hatte ihn als Baby in die Familie ihrer kinderlosen Schwester gegeben, als sie sich ebenso rasch mit einem zwanzig Jahre älteren Mann erneut vermählte. Über so etwas spricht man nicht. Als Kind hatte er gern in einer Zimmerecke auf dem Fußboden gesessen und gezeichnet, am liebsten Pferde, wilde galoppierende Pferde.

Daran erinnerte er sich, wenn er mit Mouttes Meisterklasse quer durch die Stadt zur Rennbahn im Park Borely pilgerte, um die Jockeys auf ihren nervösen Hengsten zu aquarellieren. »Es geht um die Bewegung und das Spiel«, hörte er immer noch Mouttes Stimme, »der malerische Gehalt einer Szene ist umso größer, je geringer unser inhaltliches Interesse an ihr ist.«

Diesen Satz hatte Moutte wiederholt, als sie weiter unten am Strand die Netzflicker malen sollten; selbstverständlich nicht die Arbeit ihrer schrundigen Hände, sondern das Spiel der Sonne in den Maschen der ausgelegten Netze. Damals begann Chaudron zu lügen. Er malte das Meer weniger grau, nicht so bleiern unbewegt, wie es vor ihm lag, sondern er tupfte kleine Wellen mit hellen Gischtspitzen aufs Papier, je näher, desto heller, so dass der schmutzige Sand im Vordergrund ebenso zu leuchten begann wie die gestreiften Trikots der Netzflicker, die nur für das Spiel des Lichts ihre Rücken bogen. Chaudron schämte sich dieser Bilder, die ihm gute Noten brachten und schwieg.

Auch das Aktmodell Marie aus der Zeichenklasse war eine Schweigerin. Sie stammte aus Avignon, hatte es ihrer Mutter gleichgetan und den schon am Morgen saufenden und am Mittag prügelnden Vater verlassen für einen Rhoneschiffer, der sie nur alle drei Wochen verprügelte, weil er vorher nicht nach Hause kam. Darüber sprach sie nicht, denn es fragte sie niemand. Stundenlang hatte sie früher am Fenster gestanden und auf den Fluss geblickt; stundenlang stand sie nun stumm auf einem Podest im Zeichensaal, hob auf Befehl Mouttes einen Arm oder verlagerte ihre mageren Beine in einen Ausfallschritt. Von ihrer Vergangenheit erfuhr Chaudron erst durch seinen Freund Strinello, der sie nur als Kellnerin in einem Hafenbistro kannte und sich wunderte, als Chaudron ihm eines Tages Marie als »Kollegin« aus der Akademie vorstellte.

Als Moutte einmal von ihr verlangte, mit nach vorn gebeugtem Oberkörper und ausgebreiteten Armen zu posieren, als wäre sie Sarah Bernhardt, die sich zum Schlussapplaus verneigt, fiel sie nach zehn Minuten ganz langsam vornüber und schlug mit dem Gesicht auf dem Parkett auf. Sie hatte das Bewusstsein verloren, erwachte durch den harten Aufprall und sagte, während ihre Ohren rot anliefen, nur ein einziges Wort: »Scheiße«.

Das imponierte Chaudron. Die stumme Marionette Marie war offenbar doch ein menschliches Wesen. Heimlich folgte er ihr: Regelmäßig ging sie nach der Akademie zur Mole, starrte lange aufs Meer und erledigte dann in erstaunlichem Tempo ihre wenigen Einkäufe. Dass sie nachts als Kellnerin arbeitete, entging ihm, denn nachts saß Chaudron in seinem Zimmer und erprobte Cenninis Regeln und Rezepte. Allein dessen Anweisungen für das Grundieren einer Malunterlage umfassten fünf Kapitel.

Eines Tages wartete er vergeblich darauf, dass Marie durch das große Tor die Akademie verließ. Er zählte die Minuten, dann die Viertelstunden. An den Tagen darauf nur noch die Viertelstunden. Als Moutte im Aktkurs einmal zu ihr aus Versehen »bitte« sagte, ahnte er, warum sie über die Zeit ausblieb. Er wartete trotzdem. Geduld hatte er bei Cennini gelernt.

Es war, zwei Monate später, ein Abend im kältesten Februar aller Zeiten, als er Marie an der Mole des neuen Hafens beobachtete und mit Staunen sah, wie sie zuerst die Schuhe auszog und sich dann Stück für Stück ihrer Kleidung entledigte, bis sie im grauen Unterrock dastand, die Schuhe ordentlich auf das kleine Kleiderbündel stellte und eine Sekunde später im ununterscheidbaren Dunkel zwischen Himmel und Wasser verschwunden war. Chaudron rannte bereits, bevor er begriffen hatte, dass sie gesprungen war – nein, nicht gesprungen, sie hatte sich einfach in die Schwärze fallen lassen und schlug nach etlichen Metern auf einem Arbeitsgerüst auf, zum Glück für Chaudron, der nicht schwimmen konnte. Marie hatte beide Beine gebrochen. Er trug sie über der Schulter ins Hospital, hörte hinter sich nur das Kälteklappern ihrer Zähne und rannte dann noch einmal zurück, um ihr Bündel von der Mole zu holen. Er war ein gewissenhafter Mensch. Im Hospital sagte man ihm, sie habe eine Fehlgeburt erlitten. Später sprachen sie nicht über den Vorfall.

Als er nach dem Eklat an der Akademie mit Marie zusammenziehen wollte, inspizierte er den Schrankkoffer, den Strinello ihm geschenkt hatte: die alten Bücher. Was sollte er damit? Sicher bekam man Geld dafür. Dem Pariser Händler, an den der Koffer ursprünglich adressiert gewesen war, schrieb er, dass er zufällig in den Besitz eines havarierten Koffers gelangt sei, dessen Inhalt offenbar nicht gelitten habe und ob daran, siehe beiliegender Inventarliste, noch Interesse bestehe. Postwendend erhielt er eine Antwort, allerdings nicht vom Adressaten, sondern von dessen Nachfolger, einem Herrn Edouard Valfierno, der auf dem Briefbogen als Händler für »Kunst und Antiquitäten, Europa und Übersee« firmierte und seinen baldigen Besuch ankündigte. Er wolle ohnehin in Marseille eine Ladung ägyptischer Töpferwaren in Empfang nehmen. Damals ahnte Chaudron nichts davon, dass es sich um billige Massenware handelte, die sich in Valfiernos Laden in bedeutende Funde aus einer königlichen Grabkammer verwandeln würde.

Als Valfierno die schäbige Hinterhofwohnung gefunden hatte, wurde er von Chaudron sofort in eine Art Abstellraum geführt, wo er eilig und ohne wirkliches Interesse die Bücher besah und im Kopf den künftigen Wert der Pergament- und Schweinslederbände überschlug, wenn man ein adliges Wappen darauf prägen würde. Bevor er ein Wort über die Wertlosigkeit dieses Ramsches und seine Großzügigkeit, das Zeug dennoch zu übernehmen, verlieren konnte, bat ihn Chaudron aus der muffigen Kammer in das Wohn- und Arbeitszimmer, und da stockte ihm der Atem. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen. An den Wänden hingen dicht gedrängt prachtvolle Gemälde alter italienischer Meister.

Valfierno war sprachlos

Bereits im schmalen, dunklen Flur hatte er aus den Augenwinkeln einen Tizian erkannt, aber natürlich einen Öldruck vermutet; jetzt irrten seine Blicke von Gemälde zu Gemälde, und fast alle erschienen ihm eigenartig vertraut und gleichzeitig fremd. Kannte er diesen Giorgione nicht aus dem Louvre? Aber wieso war es dort ein Konzert im Freien und hier ein Picknick mit zwei nackten Frauen? Und daneben die drei Botticellis im kleinen Format, waren sie herausgeschnitten aus dem »Frühling«?

Der Mann ist ein Dieb, schoss es ihm durch den Kopf. Schon die Geschichte mit dem havarierten Koffer war faul. Valfierno trat an das Porträt eines lesenden Mädchens heran, ohne Zweifel ein Sarto, aber hielt es nicht genau die Petrarca-Ausgabe in der Hand, die Chaudron ihm eben gezeigt hatte? Irgendetwas stimmte mit diesen Bildern nicht. Er schwankte ratlos zwischen dem demütigenden Gefühl, in eine Falle geraten zu sein, und der Bewunderung für die Eleganz und die stille Autorität dieser Werke. Solche Schätze hier in Marseille? In einem winzigen Wohnzimmer, das mit zwei Kohlebecken geheizt wurde?

»Entschuldigen Sie die Wärme«, Chaudron hatte den Blick auf die Becken bemerkt, »aber bei unserer Meeresluft trocknen die Farben sehr langsam.« Idiotisch. Das hätte er sich auch selbst denken können, ein Kopist, natürlich, wie sie dutzendweise im Louvre sitzen; brotlose Dilettanten, die auf der Akademie gescheitert waren und nun für Touristen die großen Meister in reisetaugliche Formate verwandelten. Doch die meisten Kopisten, die er kannte, waren erbärmlich schlechte Maler; entweder fehlten ihnen die richtigen Farben oder Kenntnisse der Proportionen, häufig sogar beides, sie blieben immer Dilettanten. Aber dies hier – sein Blick blieb an einem Raffael hängen –, dies waren Kunstwerke von höchster Perfektion. Valfierno ging in die Knie, um das an die Wand gelehnte Doppelporträt genauer zu betrachten. Waren das nicht eigentlich zwei Tafeln? Chaudron öffnete einen Fensterladen, um noch etwas Abendlicht hereinzulassen, und plötzlich leuchtete die bestickte Stola der Maddalena Doni blau wie ein klarer Winterhimmel und über ihrem Haar wurde ein hauchfeiner Schleier sichtbar. Wo war das feiste, kuhäugige Gesicht geblieben, das er von dem Bild kannte? Das Licht zauberte das Antlitz einer schlanken Schönheit mit unverbrauchten Augen auf die Leinwand. Der kühn blickende Ehemann zu ihrer Linken durfte damit durchaus zufrieden sein. Es hatte Valfierno immer gestört, dass dieser Edelmann Agnolo, warum auch immer, ein solches Kalb geheiratet hatte, oder nicht wenigstens dem Maler ein paar Goldstücke mehr versprochen hatte, damit er ihm die Frau nicht gar so abschreckend malte. Das Bild sollte ja schließlich im Schlafzimmer hängen. Doch jetzt waren sogar ihre Wurstfinger geheilt zu zierlichen Händen. Und die liebliche Landschaft im Hintergrund lockte mit einem sehnsüchtigen, sich sanft auflösendem Blau. So reizvoll musste die Gioconda ausgesehen haben, wie Vasari sie beschrieben hatte.

Die Stille im Zimmer wurde inzwischen peinlich. Valfierno wusste, als er sich erhob, dass er etwas sagen musste.

»Sie sind Kopist?«, fragte er schließlich, obwohl ihm klar war, dass er die falsche Frage stellte. Aber Chaudron nahm es dem jungen Mann nicht übel.

»Nein, eigentlich nicht. Das sind keine Kopien. Keines dieser Bilder existiert irgendwo in einer Sammlung. Ich habe sie komponiert, nach Vorbildern natürlich, doch Kopien sind es nicht.«

»Aber dieser Correggio«, Valfierno deutete auf eine schlafende Venus – »Es gibt ihn nicht, jedenfalls nicht so, und außerdem hängt er, wie Sie sicherlich wissen, im Louvre.« Valfierno nickte. »Die Kopfhaltung stimmte nicht, so schläft keine Frau; den Kopf habe ich mir von Bronzino geliehen, und der Hintergrund war viel zu dunkel, jetzt stammt er von Raffael. Sehen Sie genau hin.«

Valfierno sagte nichts. Es dämmerte ihm, weshalb ihm die Bilder gleichzeitig bekannt und fremd erschienen.

»Es sind Pasticcios«, half ihm Chaudron, »ich male, was mir an verschiedenen Bildern gefällt, in ein Bild.«

»Und Sie verkaufen diese – Pasticcios?«

»Ich lebe davon.«

»Hier in Marseille? Ich meine, Sie verkaufen diese Bilder hier?«

»Ausschließlich. Sie sind, wie ich vermute, Monsieur«, Chaudron deutete eine Verbeugung an – »wie ich jedenfalls nach Ihrem Namen schließe, Italiener«, kurze Pause, Valfierno nickte, »und Sie werden vielleicht bemerkt haben, dass es in Marseille sehr viele Landsleute von Ihnen gibt, die ohne Kunst, ich meine die wirkliche Kunst, nicht leben können. Florenz ist weit, ich lebe hier. Ein Correggio oder ein Botticelli wäre für meine Kunden unerschwinglich, also liefere ich ihnen die Essenz ihrer Heimat in solchen Bildern.«

Chaudron hatte noch nie jemandem das Geheimnis seiner Kunst offenbart; er erschrak fast im Nachhinein, doch dann war er stolz auf sich.

Valfierno nickte, überblickte schweigend die Reihen der Gemälde und sagte leise: »Es ist wahr, Sie sind kein Kopist. Ich muss mich entschuldigen, Monsieur, Sie sind ein Künstler.«

Chaudron wechselte verlegen das Thema: »Was die Bücher betrifft…«

»Ich nehme sie.«

»Was die Bücher betrifft: Es fehlen Seiten, meistens die Vorsatzblätter. Ich habe sie gebraucht.«

Valfierno verstand nicht.

Chaudron ging zwei Schritte zur Kommode, holte aus der obersten Schublade ein Blatt und reichte es Valfierno. Es war eine lavierte Federzeichnung, weiß gehöht, auf rötlich getöntem Papier nach Cenninis Rezept, eine Jungfrau mit Kind.

»Eine Studie Raffaels«, sagte Chaudron.

Vor Ehrfurcht balancierte Valfierno das Blatt auf seinen Fingerspitzen.

»Nicht von ihm«, lächelte Chaudron, »sondern für mich. Ich übte damals noch seine Faltenwürfe. Wenn Sie die Bücher nehmen, schenke ich es Ihnen.«

Das muss der Augenblick gewesen sein, in dem Valfierno seine Reiseplanung über den Haufen warf. Er lud Chaudron zum Abendessen ein und blieb zwei Tage länger als geplant in Marseille, zwei Tage ausgefüllt mit intensiven Gesprächen.

Wenn sich die Beiden, wie jetzt an diesem herrlichen Tag im Mai 1909, an jenen Beginn ihrer Beziehung erinnerten, vergaßen sie nie, die Zufälle und Schicksalswege zu erwähnen, die ihre Begegnung erst möglich gemacht hatten. Und selbstverständlich gedachten sie auch des vielen Geldes, das sie schon gemeinsam verdient hatten, seitdem sich Eduardo de Valfierno, aus eigener Kraft geadelt, mit seinem ganzen Engagement dem Werk seines Freundes widmete.

Die Raffael-Zeichnung, die jene einträgliche Freundschaft besiegelt hatte, behielt Valfierno, solange er lebte. Erst Laura, seine Frau und Witwe, hat sie verkauft. Das Blatt gehört heute, auf Empfehlung und mit einer Expertise Sir Anthony Blunts, der Königin von England.

Dies waren die ersten Szenen eines Drehbuchs, an dem Erich Maria Remarque gemeinsam mit Orson Welles im Herbst 1942 in New York gearbeitet hat. Ich habe nur ein paar spätere Erklärungen hinzugefügt. Das Manuskript umfasst knapp sechzig Seiten; die ersten Blätter sind sauber mit der Maschine getippt, wahrscheinlich von Remarques Sekretärin; der größere Rest sind handschriftliche Szenenentwürfe und Vorschläge für Abläufe, teils von Remarque, meist jedoch von Orson Welles. Auf einem Blatt sind sogar schon Besetzungsideen notiert: Welles wollte den Valfierno spielen, Peter Lorre war für die Rolle Chaudrons vorgesehen, und hinter Lauras Namen steht in Remarques Schrift »Marlene Dietrich«, allerdings durchgestrichen – wer wie ich das Drama dieser Beziehung miterlebt hat, weiß warum.

Welles hatte immer ein höllisches Vergnügen an Fälschungen und Mystifikationen. Er hatte ja schon 1938 in einer Radiosendung die Invasion vom Mars so perfekt inszeniert, dass hinterher Frauen bei der Polizei angaben, sie wären von Außerirdischen vergewaltigt worden. Welles hat sich auch sehr für Leonardo da Vinci interessiert, wahrscheinlich, weil er genauso vielseitig war. Er hat sogar Anfang November 1942 zusammen mit Arthur Miller eine Radiosendung (»Ceiling Unlimited«, CBS) über Leonardo gemacht. Wahrscheinlich hat ihm Remarque die Geschichte Valfiernos erzählt, aus erster Hand sozusagen, denn der Schriftsteller war einer der prominenten Gäste auf der Party zu Valfiernos angeblichem fünfzigsten Geburtstag.

Leider ist aus dem Projekt nichts geworden, wie so oft bei Orson Welles, und Remarque schrieb nach dieser Unterbrechung an seinem Roman Arc de Triomphe weiter. Die Drehbuchentwürfe hat er Laura geschenkt mit der etwas melancholischen Widmung »Wir haben keine Zeit für Erinnerungen – nur den Wind unserer Träume«. Vielleicht hat er geahnt, dass sie heimlich in ihn verliebt war, aber dieser Frauenheld hatte wirklich keine Ahnung von Frauen.

Zweites Kapitel

»Lass uns ausgehen und übers Geschäft reden«, hatte Valfierno nach der zweiten Flasche Roederer vorgeschlagen – eine gute Gelegenheit, die beiden Freunde eine Zeitlang allein zu lassen. Ich möchte nämlich auch über Geschäfte sprechen, über nicht ganz legale Geschäfte. Natürlich würde ich lieber von Chaudron und Valfierno weitererzählen, aber bevor ich damit fortfahre, muss ich Anna Gould erwähnen. Wer sie war, kann man unmöglich wissen, wenn man die Geschichte ihres Vermögens nicht kennt, ohne das Boni de Castellane sie nie geheiratet hätte; und ohne Boni wäre Valfiernos Geschichte schon zu Ende, bevor sie wirklich angefangen hat. Im Übrigen müssen Sie nicht befürchten, dass ich Chaudron und Valfierno aus den Augen verliere – wir kehren rechtzeitig zu ihnen zurück.

Mir war vieles unbekannt, was ich in Lauras Aufzeichnungen las. Ich hatte keine Ahnung, wer Anna Gould und Boni de Castellane waren. Beide gehören zu einem Kapitel amerikanischer und zu einem halben Kapitel europäischer Geschichte, an die sich niemand gerne erinnert. Wir sehen uns mit Vergnügen die prachtvollen Kunstwerke in den großen und großzügigen privaten Sammlungen an. Kein Kunstliebhaber wird nach New York kommen, ohne das Guggenheim Museum oder die Pierpont Morgan Library zu besuchen. Aber niemand fragt sich, woher das Geld kam, um solche Schätze in der Spanne eines Lebens anhäufen zu können. Hinter jedem großen Vermögen verbirgt sich ein großes Verbrechen, schreibt Balzac. Aber manchmal genügt auch ein raffinierter Schachzug.

Annas Vater, Jay Gould, war als Finanzhai so berüchtigt und verhasst, dass meine Eltern ihn noch gekannt haben, aber heute weiß man von seinen gigantischen Betrügereien nichts mehr. Selbst mit dem »Schwarzen Freitag« verbindet man nur den Börsenkrach von 1929 und nicht den Unglückstag, für den dieser Ausdruck erfunden wurde, weil durch Goulds Schuld die Börse zusammenbrach und Tausende ins Elend riss. Mit Eisenbahnaktien hatte er schon zwanzig Millionen verdient, da machte er sich an das »Gold-Komplott«. In den Vereinigten Staaten waren 1869 fünfzehn Millionen Dollar in Gold im Umlauf, die Gould für seinen Plan brauchte. Die Regierung hatte fünfundzwanzig Millionen als Staatsschatz in Reserve, und nur, wenn diese Reserve nicht eingesetzt wird, kann Gould mit dem Goldpreis spekulieren.

Er besticht also den Schwiegersohn von Präsident Grant mit wöchentlich 25 000 Dollar, um an Informationen aus erster Hand zu kommen. Zur Sicherheit kauft er sich mit anderthalb Millionen auch noch den Schatzsekretär. Dann lässt er durch Bankiers wie Morgan alles in Umlauf befindliche Gold aufkaufen. Die Folge war, dass der Goldpreis an der Börse hochschnellte. Über Mittelsmänner verkaufte Gould dann heimlich Gold aus seinen Depots, während er gleichzeitig durch Meldungen seiner eigenen Nachrichten-Agentur die Leute animierte, noch weiter in Gold zu investieren. Also kauften alle sein Gold und stießen dafür ihre gesamten anderen Aktienpakete ab. Die Börse fallierte, unzählige Gesellschaften, Firmen und Privatleute waren ruiniert. Es gab Dutzende von Selbstmorden, und Gould war um zwölf Millionen reicher. Das geschah am 24. September 1869, dem Schwarzen Freitag. Seither war Gould der meistgehasste Mann Amerikas.

Aber das große Geld machte er mit der Union Pacific Railway, der ersten Bahn quer durch Amerika, die den Westen für die Wirtschaft erschloss. Nicht die Bahn hat ihn interessiert, sondern die drei Millionen Hektar Land, die der Staat den Investoren als Anreiz längs der Strecke schenkte. Bevor er die Aktienmehrheit kaufte, ließ Gould geologische Gutachten erstellen: Es war nicht etwa wertloses Brachland, sondern es waren die Kohlereviere von Oklahoma, Utah und Wyoming, die er nun als sein Privateigentum betrachtete. Er allein verfügte über den Abbau, den Transport und den Verkauf der Kohle, die vor allem zur Eisen- und Stahlerzeugung gebraucht wurde. Zu Höchstpreisen verkaufte er sie seinen eigenen Gesellschaften, sonst hätte es keine Schienen und Züge gegeben.

Mit fünfundvierzig Jahren besaß Gould mehr als hundert Millionen Dollar. Auf seinen eigenen Schienen reiste er standesgemäß in seinem eigenen Luxuszug, mit Gesellschaftsraum und Panoramablick, Salon, Speisesaal, einer Küche, mehreren Schlafräumen und Zimmern für die Dienstboten. In New York besaß er ein Stadthaus auf der Fifth Avenue und in Irvington ein Herrenhaus am Hudson auf hundert Hektar Land mit der schönsten Orangerie Amerikas.

Als der Farmersohn, der nie eine Schule besucht hatte, im Jahr 1892 starb, vererbte er seinen vier Söhnen und zwei Töchtern zu gleichen Teilen nominell nur siebenundsiebzig Millionen Dollar; der Rest ging an der Steuer vorbei. Leider hinterließ er ihnen auch seinen schlechten Ruf. Sie wurden von der Gesellschaft gemieden, denn praktisch jeden, der dazu gehörte, hatte ihr Vater irgendwann einmal betrogen. Sogar den mächtigen Konkurrenten Vanderbilt hatte er mit der illegalen Ausgabe von Aktien der Erie-Bahn übers Ohr gehauen.

Ich weiß, dass die Vanderbilts, Morgans, Guggenheims oder wie unser Geldadel auch immer heißt, es nicht anders gemacht haben. Vielleicht weniger offensichtlich, aber genauso rücksichtslos. Jeder tat es auf seine Weise. »Gott belohnt die Tüchtigen« hieß es, und daran glaubten sie. Irgendwann hatten diese Selfmademen alles, was es für Geld zu kaufen gab: die größten Häuser, die elegantesten Jachten, die schnellsten Pferde. Nur eines konnten sie nicht kaufen: Unsterblichkeit. Gott belohnte die Tüchtigen nämlich nur zu ihren Lebzeiten – und dann? Was würde dann sein? Jene Generation kaltblütiger Kapitalisten hatte von der Geschichte eine sehr einfache Vorstellung: Sie machten sie. Aber nach ihnen würden andere kommen, und was würde dann aus ihrem eigenen Andenken? Sie würden aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Blieb ihnen wirklich nur der Wettkampf der Mausoleen, das eigene stets prächtiger und erkennbar teurer als das der Konkurrenten? Goulds Grabpalast hatte einhundertzehntausend Dollar gekostet, aber gestorben war er als verbitterter Mann, der wusste, dass seine Leistungen ihn nicht in die Ruhmeshalle bringen würden.

Gegen diese Angst vor dem Vergessenwerden gab es nur ein Heilmittel: die Verbindung mit einem Namen, der älter und bedeutender war als der eigene und dessen Glanz auch die eigene Person im goldenen Schimmer der Geschichte verklärte. Wozu hatte man Töchter? Vanderbilt – war das nicht einer dieser Eisenbahnkönige? Wie belanglos würde das klingen. Aber: Vanderbilt war der Schwiegervater des Herzogs von Marlborough – welche Würde offenbart sich in dieser Genealogie! Ein Mann, der es zu der Ehre bringt, mit dem Herzog in einem Atemzug genannt zu werden, wird von der Geschichte nicht vergessen, sondern ist für immer ein Teil von ihr.

Solche Unsterblichkeit ließ sich kaufen. Consuelo, die Tochter William K. Vanderbilts, heiratete 1895 den Herzog von Marlborough, dessen ruinöses Schloss Blenheim mit seinen zweihundert Dienstboten und einem jährlichen Etat von hunderttausend Dollar dringend einer Unterstützung bedurfte. Das Stadtschloss Sutherland in London hingegen wurde eigens für das Paar gebaut, für etwa zweieinhalb Millionen Dollar. Niemand hat gesagt, dass Unsterblichkeit billig wäre. Alles in allem soll der Titel einer Herzogin den Schwiegervater zehn Millionen gekostet haben, nicht einmal zehn Prozent seines Vermögens. Dreizehn Jahre später entschied die Herzogin, dass es besser sei, den Titel zu behalten als den Mann. Ihre zwölf Millionen schwere Cousine vermählte sich mit einem ungarischen Adligen, dessen Namen allerdings niemand aussprechen konnte, weshalb es in diesem Fall mit der Unsterblichkeit nicht ganz klappte. Bis zum Jahr 1900 hatten fünfhundert Amerikanerinnen ausländische Adelige geheiratet und dadurch etwa zweihundertzwanzig Millionen Dollar nach Europa gebracht. Eine von ihnen war Anna Gould.

Anna heiratete drei Jahre nach dem Tod ihres Vaters, im März 1895, den französischen Grafen Boni de Castellane. Endlich. Sie hatte schon nicht mehr daran geglaubt, dem schlechten Ruf ihres Vaters entkommen zu können. Zu den Fleischmärkten, wie man die großen Bälle der New Yorker Saison respektlos, aber durchaus zutreffend nannte, war sie nie eingeladen worden. Es hätte auch nichts genutzt. Mit ihren zehn Millionen war sie zwar einigermaßen reich, aber das waren hier alle. Nein, Anna war nicht wie ihr Vater klein und unscheinbar, sondern sie war klein, unmöglich gekleidet und so hässlich, dass man in Paris darüber lästerte. Als Boni sie zum ersten Mal sah, trug die Achtzehnjährige ein Kleid aus dunkelgrauem Crêpe de Chine, das höchstens zu einer geschlechtslosen Gouvernante gepasst hätte. Apart, dachte er, der solch eine Kombination von ästhetischen Mängeln und finanziellen Vorzügen noch nie erlebt hatte, sehr apart. Er kannte bisher nur Affären mit gelangweilten Ehefrauen aus seinem Bekanntenkreis. Sie waren fünf Minuten lang dankbar und in der Oper grüßten sie nur andeutungsweise. Diese krude Amerikanerin müsste ihm in jeder Sekunde ihres Lebens dankbar sein und in der Oper – nun ja, die gemeinsame Loge ließe sich kaum vermeiden, aber ein gemeinsamer Parcour durch die abschätzigen Blicke – lieber nicht. Anna war keine Frau zum Vorzeigen, das wusste sie sicher selbst; ihre Vorzüge wirkten im Stillen, auf ihrer Bank. So einfach dürfte sich Boni das Leben mit Anna gedacht haben. Er hatte keine Ahnung, was ihn wirklich erwartete.

Sie galt für reicher, als sie war. Man sprach von Milliarden. Solche inneren Werte glichen vieles aus, was Boni an Äußerlichkeiten bemängeln konnte. Die Marquise d’Anglesey wollte ihn beim Tee aus ihren blauen Sè vres-Tassen warnen: »Dieses Mädchen wird niemals so dumm sein, einen Mann zu akzeptieren, der töricht genug wäre, sie zu heiraten.« Doch Boni besaß nur noch einige tausend Francs. Er machte Anna den Hof, schickte ihr jeden Morgen Blumen, vertraute auf seine galanten Umgangsformen und sein bewährtes blendendes Aussehen, seine strahlend blauen Augen und sein vor Brillantine glänzendes Haar, das, wie sein Freund Proust zu schwärmen pflegte, »so golden war, als hätte es alle Strahlen der Sonne aufgesogen«. Als er sah, dass sein Auftreten bei Anna nicht ohne Wirkung blieb, entzog er ihr seine Gesellschaft und fuhr nach New York, nachdem er diskret in Erfahrung gebracht hatte, wann sie wieder nach Hause zurückkehren würde. Er setzte auf die freudige Überraschung des Wiedersehens und er gewann. Ihren altmodischen schwarzen Samthut übersah er gnädig.

Anna wohnte seit dem Tod des Vaters im Haus ihres älteren Bruders George auf Long Island. Die Besuche in diesem streng puritanischen Haushalt stellten Bonis Bereitschaft zu Kompromissen auf eine harte Probe.

»Wenn Sie Wein zum Dinner möchten«, gab ihm Anna zu verstehen, »dann müssen Sie sich selbst eine Flasche mitbringen. Wir trinken hier Wasser.«

Taktvoll verzichtete Boni auf diesen offenbar gefährlichen Luxus. Schockiert hatte ihn bereits das Deckengemälde der zehn Meter hohen Eingangshalle: Es stellte in lebhaften Farben eine Stierkampfszene dar, ungefähr in der künstlerischen Qualität, die er von den Fächern kannte, welche vor der Arena von San Sebastian verkauft wurden. Ein Pferd wälzte sich mit aufgeschlitztem Bauch im Sand, der Stier wütete dem Todesstoß entgegen. Es war ein Gemälde, das jedem Besucher deutlich machte, wie hier die Gespräche über Bankgeschäfte abliefen. George sprach ausschließlich über Investitionen, Aktiengewinne und Trustbeteiligungen. Boni schien ihm keine erfolgversprechende Investition zu sein. Auch dessen nachdrückliche Erwähnung, dass sein Urgroßvater an der Seite von Lafayette gegen die Engländer für die Unabhängigkeit Amerikas gekämpft hatte, beeindruckte George überhaupt nicht.

Über dem monumentalen, von zwei Gipskaryatiden flankierten Kamin hing ein Porträt der früh verstorbenen Mutter, bei dessen Anblick Boni den Mut des unbekannten Malers zum Realismus bewunderte und Anna glaubwürdig versichern konnte, sie sei ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, was ein irritierendes Lächeln über ihre vorstehenden Schneidezähne zauberte. In der linken Ecke der Eingangshalle stand ein vergoldetes Klavier, das als Meeresungeheuer verkleidet war. Der Schwanz in Form einer Lyra erhob sich zur Decke, die Zähne der Bestie dienten als Tasten. Anna deutete in seltenem Übermut eine Polonaise von Chopin an, die so klang, als hätte sie die Töne eben erfunden.

Serviert wurde im Zwischengeschoss, das man rechts über eine mit Bärenfellen ausgelegte Treppe erreichte. Neger in weißen Leinenuniformen servierten aus goldenen Schüsseln. Die Fenster gingen, wie George es nannte, auf den Park, der aus räudigen Tannen und drei Betonstatuen bestand, die den Hausherrn an seine Europareise erinnern sollten: Die Venus von Milo stand neben dem Apoll von Belvedere und stützte sich mit dem Armstumpf auf eine Büste Napoleons. Zu Ehren seines Gastes hatte George eine Parforcejagd organisiert. Man galoppierte auf schlecht gesattelten Pferden hinter ein paar Hunden, die der Spur eines in Benzin getränkten Lappens folgten. Der Geruch war penetrant. Nach dem Ritt ließ George vor den Nasen der Hunde einen gefangenen Fuchs los, der in seiner Not die Venus von Milo erklomm und sich um deren Hals legte. Die bleiche Göttin glich plötzlich einer stark dekolletierten Hure, die sich ohne Make up, aber mit einem Pelz präsentierte. Boni fand das Arrangement durchaus reizvoll, bis ein Schuss seinen Phantasien ein abruptes Ende setzte.

Am nächsten Morgen erklärte ihm Anna, dass sie im Fall einer Heirat nicht zum Katholizismus übertreten würde. Boni staunte, denn von Heirat war bislang noch nicht die Rede gewesen. Offenbar war sie verliebter, als er geahnt hatte.

»Und warum nicht?«, fragte er.

»Weil ich mich als Katholikin nicht scheiden lassen kann.«

Vielleicht war sie doch nicht so verliebt, wie er glaubte.

»Wir werden niemals geschieden werden«, nutzte Boni die Gunst der Stunde und hörte ein schwaches »Nein«.

Damit hatte Anna seinen Heiratsantrag angenommen. George präsentierte ihnen einen Ehevertrag, der Gütertrennung vorsah, aber als Mann von Ehre konnte Boni nun nicht mehr zurück. Sie wurden im väterlichen Haus an der Fifth Avenue durch den Bischof von New York getraut. Für die klatschsüchtige französische Presse war Boni der Held, der eine Dollarmilliardärin ins Land holte. Als das junge Paar an Bord der »Majestic« in Southampton eintraf, drängten sich die Reporter und dann in Paris die Juweliere.

Auf der Hochzeitsreise wohnten sie in Monte Carlo im Palais des Herzogs und der Herzogin von Rohan. Glücklicherweise dinierten sie nicht gemeinsam, denn während ihres Besuchs erlitten der Herzog und seine Gattin durch einen verdorbenen Fisch eine Magenverstimmung und mussten nachts zur gleichen Zeit auf die Toilette. Sie begegneten sich auf dem dunklen Korridor. Da sie sich seit einigen Jahren nicht mehr ohne Perücken und Gebisse gesehen hatten, erkannten sie sich nicht, erschraken voreinander, hielten sich gegenseitig für Einbrecher und schrien gellend um Hilfe.

Um ihren Teint frisch zu halten, legte sich die Herzogin nachts Tatar aus Kalbfleisch auf die Wangen. Boni überraschte sie eines Morgens, wie sie im Negligé, mit Gummistrümpfen über den Waden und den Resten des Tatars im Gesicht am Flügel die ersten Takte der berühmten Arie »È strano … È strano!« aus der »Traviata« krächzte.

Man kann also nicht sagen, dass er keinen Anschauungsunterricht über die Ehe gehabt hätte. Als Romantiker jedoch träumte er vom Paradies auf Erden, das er nach seinen Plänen und mit Annas Geld verwirklichen würde. Immerhin konnte er sie davon abbringen, ihren Brautschleier als Bettüberwurf weiter zu verwenden. Langsam entwuchs sie der puritanischen Ödnis ihrer Erziehung und lernte, weiße Mousselinkleider mit rosa Gürtel zu tragen. Auf einem Empfang bei seinen Eltern führte Boni seine Eroberung der Pariser Gesellschaft vor. Anna trug ein Kleid von Doucet und eine mit Diamanten besetzte Blätterkrone. Die Reporter schienen allerdings etwas enttäuscht; ein lassoschwingendes Flintenweib wäre ihnen wohl lieber gewesen.

Valfierno verfolgte diese Gesellschaftsberichte im Echo de Paris und im Petit Journal mit größter Anteilnahme und dies nicht nur, weil es sich um einen Kunden handelte. Boni war gelegentlich in dem kleinen Antiquitätenladen aufgetaucht, in dem Valfierno angestellt war, und hatte mal ein Silberservice, mal ein Kästchen mit alten Münzen, in der letzten Zeit vor der Heirat auch einige goldene Ringe verkauft, stets mit der Attitüde, als erweise er dem Abnehmer eine besondere Gnade und stets mit der Bitte um Diskretion. Valfierno wusste also, wie es um Bonis Finanzen stand, und er sah in ihm das Spiegelbild seiner Existenz: arm, ehrgeizig und flexibel genug, um das Schicksal nötigenfalls zu korrigieren.

Was war Boni de Castellane vor seiner Heirat gewesen? Ein junger Schönling mit einem kleinen, alten Adelstitel, der keinen Sous wert war, ein Rumtreiber und Glücksspieler, der sich die Nächte im »Chat Noir« um die Ohren schlug. Und was war er selbst, Eduardo Valfierno? Ein ebenso junger Genueser, der nach einem dummen Unfall die Stadt fluchtartig verlassen musste und in Paris eine miserabel bezahlte Stelle als Verkäufer und Austräger gefunden hatte. Auch er war arm, ehrgeizig und voller Bereitschaft zum Risiko. Bei so viel Übereinstimmung, dachte er, müsste es doch einen Anknüpfungspunkt geben. Er verfiel nicht der Illusion, eine reiche Erbin würde in den Laden kommen und ihn von der Theke weg heiraten. Aber wenn dieser Mensch so viel Glück gehabt hatte, müsste man ihm nur gefällig sein, vielleicht fiele etwas davon für ihn ab.

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