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Der Mörder irrt sich

Brigitte Paul-Hambrink lebt und arbeitet (als Psychologin) in Ostwestfalen. Seit ihrer Kindheit gehören Lesen und Schreiben zu ihren wichtigsten Kraftquellen. Sie liebt Tiere, Spaziergänge im Wald und am Meer, kreatives Gestalten, Gespräche über spirituelle Themen genauso wie über gesellschaftspolitische und philosophische Fragen. Verschiedene Gedichte, Prosatexte und wissenschaftliche Artikel von ihr wurden bereits veröffentlicht.

Prolog

Mit heulenden Sirenen raste der Rettungswagen durch Heeger. Nervös blickte der Arzt auf den Monitor, der die vitalen Funktionen der jungen Frau anzeigte. Blutdruck und Puls bewegten sich in beängstigenden Tiefen. Trotzdem zuckte der Arzt zusammen, als ein schriller Piepton erklang. „Herzversagen!“ schrie er.

Der Sanitäter war bereits aufgesprungen. Während er den Kopf der Patientin überstreckte, begann der Arzt mit der Herzdruckmassage. „Jetzt!“ schrie er.

Der Sanitäter blies seinen Atem in die Lunge der Frau.

Ihre Rippen brachen unter der Wucht, mit der der junge Arzt immer wieder auf ihren Brustkorb drückte, um ihr Herz zum Schlagen zu bringen, während der Sanitäter weiter versuchte, ihr neues Leben einzuhauchen.

„Komm schon! Komm!“ keuchte der Arzt.

Seine Kraft drohte zu erlahmen. Er biss die Zähne zusammen. „Verdammt! Wir sind doch gleich da. Komm endlich zurück!“

Mit aller Kraft drückte er erneut auf ihren Brustkorb. „Eins, zwei, drei … “

Der Sanitäter legte dem Arzt seine Hand auf die Schulter.

In diesem Augenblick bog der Rettungswagen in die Auffahrt vom Krankenhaus ein.

„Sie hätte nur noch ein paar Minuten durchhalten müssen.“ Der Arzt wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Der Blutverlust war einfach zu groß“, sagte der Sanitäter, „da hätte keiner mehr was machen können.“

Der Arzt sah ihn an. „Sie war doch erst 17.“

Kommissar Reuter straffte seine Schultern, dann drückte er entschlossen auf den Schalter an der Wandleiste. Mit leisem Surren öffnete sich die Tür zum Vorraum der Seziersäle.

In Saal 4, hatte man ihm gesagt, würde er seine Leiche finden.

Er räusperte sich, als er eintrat.

„Kommen Sie ruhig näher, Reuter“, rief ihm die Pathologin gut gelaunt entgegen. „Wir sind gerade fertig geworden.“

Der Kommissar näherte sich dem Stahltisch. Ein weißes Leinentuch verhüllte die Leiche der jungen Frau. „Ich brauche nur die Bestätigung, dass sie an den aufgeschnittenen Pulsadern verblutet ist.“

„Ist sie nicht!“

„Wie bitte?“ fragte Kommissar Reuter.

Schwungvoll schlug die Pathologin das Tuch zurück. Reflexartig trat Reuter einen Schritt nach hinten.

„Sehen Sie die Stichwunden? Hier und hier?“

Überdeutlich sah der Kommissar die vier tiefen Einstiche im Unterleib der Toten. „Mein Gott! Wer hat das getan?“

„Immer dieselben Fragen an mich, die doch eigentlich Sie beantworten müssten. Aber trösten Sie sich. In diesem Fall kann ich Ihnen tatsächlich sagen, wer die junge Frau erstochen hat.“

Kommissar Reuter zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

Gemächlich breitete die Pathologin wieder das Tuch über die Leiche. „Durch die Stiche wurden Blase, Gebärmutter und Milz verletzt, so dass es zu starken inneren Blutungen kam. Soll ich Ihnen die Organe zeigen?“

Die Pathologin wandte sich zu dem neben ihr stehenden Rollwagen und griff nach einer der Schalen.

„Nein danke, kein Bedarf! Bitte fahren Sie fort.“

„Anhand der Stoßrichtung, mit der das Messer geführt wurde, …“

„Aha, dass es ein Messer war, steht also schon fest“, unterbrach Reuter die Ärztin.

„Allerdings, und nicht nur das. Also, wenn Sie mich nun bitte zu Ende reden lassen würden. Anhand der Stoßrichtung lässt sich erkennen, dass sich die junge Frau die Verletzungen selbst zugefügt hat. Erst anschließend hat sie sich die Pulsadern aufgeschnitten, wahrscheinlich mit demselben Messer.“

„Also, letztlich doch Selbstmord?“ fragte Reuter.

„Exakt! Die endgültigen Ergebnisse …“

„Kann ich in Ihrem Autopsiebericht nachlesen. Wann?“

Die Pathologin verdrehte die Augen.

„Okay, okay“. Reuter winkte ab. „Ich weiß, sie machen so schnell wie möglich!“

„Moment, da gibt es noch etwas, das Sie wissen sollten.“

„Ja?“ Reuter trat wieder einen Schritt näher.

„Sie hat vor kurzem ein Kind zur Welt gebracht.“

„Sie ist doch selbst noch fast ein Kind.“

„Stimmt, aber eben nur „fast“.“

Eine Woche später wurde die Akte geschlossen.

Obwohl Kommissar Reuter mehrmals mit den Eltern der Toten, ihrem jüngeren Bruder und vielen Menschen in Heeger gesprochen hatte, die sie kannten, gelang es ihm nicht herauszufinden, warum sich die junge Frau auf so grausame Art und Weise umgebracht hatte.

20 Jahre später

Dicke Luft bei den Tierrechtlern

„Also, was steht heute an?“ Gabriel sah in die Runde. „Manni, hast du noch mal mit den „Angels“ gesprochen? Werden sie auftreten?“

„Alles soweit okay, ich habe mit dem Bandleader telefoniert, er muss nur noch klären, ob sie wieder den Bulli ausleihen können zum Transport der Anlage. Aber das dürfte kein Problem sein.“

„Gut! Es haben sich mittlerweile 25 Gruppierungen angemeldet, Infotische, Einzelaktionen, Unterschriftensammlungen und so weiter regelt jede Gruppe eigenverantwortlich. „Veggi-Food“ sorgt wieder für das Essen.“

„Was meint ihr, wie viel Geld wird zusammenkommen?“ fragte Saskia, „die Aktivisten von Arche Noah haben schon zig Anfragen.“

Stimmt“, pflichtete Antonia, Gabriels Freundin, ihr bei. „Bisher konnten einige Bären ausgewildert werden, aber in den Auffangstationen warten noch jede Menge Tiere. Arche Noah braucht unbedingt Geld, um ein größeres Gelände aufkaufen zu können.“

„Grad gestern wurden wieder zwei Tanzbären in Rumänien freigekauft“, sagte Manni. „Aber es stehen noch andere Tiere auf den Listen, zum Beispiel Wildtiere, die in Circussen beschlagnahmt wurden und …“

„Und außerdem gewisse Affen!“ Ricky schlug mit der Faust auf den Tisch. „Nur dass die noch nicht mal irgendwo aufgefangen oder beschlagnahmt worden sind, sondern im Kuhnschen Gruselkabinett zu Tode gequält werden!“

„Bitte nicht schon wieder dieses Thema.“ Saskia verdrehte ihre Augen.

„Bist du nun gegen Tierversuche oder nicht?“ schrie Ricky. Angriffslustig starrte er Saskia an.

„Ricky, du bist unfair“, mischte sich Antonia ein. „Du weißt genau, dass Saskia gegen Tierversuche ist, wie wir alle.“

„Hört jetzt auf. Bitte.“ Gabriel seufzte. „Ricky, lass uns erst mal weiter unsere Tierrechtsfete planen. Über Professor Kuhn reden wir, wenn die Fete gelaufen ist und wir wieder mehr Luft haben.“

Ricky schnaubte verächtlich. „Seit Wochen reden wir nur noch über diese Scheißfete. Als wenn solche Aktionen irgend etwas ändern würden! Jedenfalls nicht für die Affen und Katzen im Versuchslabor der Uni. Ihr wisst genau, dass Kuhn mit seiner Hirnforschung groß rauskommen will und dass er deshalb weiter zig Tiere verstümmeln wird.“

„Auf unserer Fete gibt es doch auch einen Infotisch zu den Tierversuchen an der Uni“, wandte Saskia ein, „und eine große Unterschriftenaktion. Die Tierversuchsgegner aus Reutlingen haben sogar ein klasse Flugi gemacht.“

Ricky sprang auf. „Was du nicht sagst. Ha! Einfach toll! Den Affen, die mit aufgebohrten Schädeln in ihren Primatenstühlen festgeschnallt sind, wird das eine Menge bringen. Ich wette, wenn sie könnten, würden sie euch begeistert Beifall klatschen.“

„Ricky, jetzt reicht es aber wirklich!“ Antonia sah zu dem großen, schlaksigen Mann hoch, den sie inzwischen seit fast fünf Jahren kannte, so lange war sie mit Gabriel, Rickys bestem Freund, zusammen.

„Ich finde auch, Streit ist im Moment das letzte, was wir gebrauchen können“, sagte Gabriel. „Du weißt doch, Ricky, dass die Presse alle gegen uns aufgehetzt hat mit ihren Artikeln über die Drohanrufe bei Professor Kuhn und wegen der Wandschmierereien an seinem Haus.“

„Das kann uns am Arsch vorbeigehen“, mischte sich Manni ein. „Schließlich haben wir nichts damit zu tun!“

„Seid doch nicht so naiv!“ Allmählich geriet auch Antonia außer sich. „Letztlich ist völlig egal, ob wir was damit zu tun haben oder nicht. Die Leute glauben, was ihnen am besten in den Kram passt, und für die sind wir halt exotische Spinner, denen sie alles zutrauen.“

„Woran unser lieber Ricky übrigens nicht ganz unschuldig ist“, warf Saskia ein und spielte damit auf verschiedene Aktionen an, bei denen sich Ricky zum Beispiel vor dem Eingang eines Schnellrestaurants, das für seine brutalen Aufzuchtbedingungen von Rindern und Hühnern bekannt war, angekettet hatte, bekleidet nur mit einer blutverschmierten Metzgerschürze.

Ein anderes Mal hatte er zusammen mit einem inzwischen nicht mehr zur Gruppe gehörenden Mitglied Teile von Tierkadavern in der Fußgängerzone ausgelegt, um seinen fleischfressenden Mitmenschen drastisch vor Augen zu führen, was sie eigentlich auf ihren Tellern haben.

„Verdammt!“ Ricky schlug wieder mit der Faust auf den Tisch.

Erregt sprang Cora auf, Antonias schwarz-weiß-gefleckte Hündin, und bellte.

„Still, Cora, Platz!“ Antonia streichelte die Hündin und sprach beruhigend auf sie ein.

Cora stammte aus Portugal. Antonia und Gabriel hatten sie von einer Tierschutzorganisation übernommen, die sich um Straßenhunde in Südeuropa kümmerte. Wie viele andere Streuner auch, war Cora überfahren worden. Tierschützer hatten sie schwer verletzt gefunden. Obwohl sie sofort operiert worden war, hatte man ihre rechte hintere Pfote nicht retten können. Seitdem meisterte Cora ihr Leben auf drei Beinen, und viele, die sie fröhlich herumtollen sahen, erkannten erst auf den zweiten Blick, dass sie behindert war.

Mit großer Liebe und einem fast noch größeren Beschützerinstinkt hing Cora an Antonia.

„Wir hatten ausgemacht, dass wir uns erst mal auf friedliche Aktionen konzentrieren wollen“, sagte Gabriel. „Und ich erwarte, dass auch du das respektierst, Ricky.“

„Ihr glaubt gar nicht, wie mich das ankotzt.“ Ricky setzte sich wieder. „Ihr könnt euch auf mich verlassen, aber meine Geduld ist nicht grenzenlos. Notfalls starte ich allein mit der Befreiungsaktion.“

Es wird gefährlich für Professor Kuhn

Müde stieg Daniel Kuhn aus seiner dunkelblauen Limousine. Das Garagentor schloss sich leise surrend hinter ihm.

Er öffnete die Verbindungstür zwischen Garage und Keller und ging ins Haus.

„Mama! Papa kommt!“ Übermütig sprang die achtjährige Gwenke ihrem Vater in die Arme.

„Schön, dass du da bist, wir haben mit dem Abendessen auf dich gewartet.“ Rasch küsste Ellen Kuhn ihren Mann, dann verschwand sie wieder in der Küche.

„Gwenke, holst du bitte deinen Bruder?“ rief sie über ihre Schulter zurück.

Gwenke stürmte ins erste Stockwerk hoch, wo ihre Eltern schliefen und auch sie und ihr Bruder ihre Zimmer hatten.

„Was macht Lars?“ fragte Daniel Kuhn und folgte seiner Frau in die Küche.

„Dreimal darfst du raten.“

„Also Computerspiele.“ Liebevoll zwickte er seine Frau, die gerade die Bratensoße andickte, in den Po.

Ellen schrie leise auf. „Lass das, probier lieber mal.“

Sie hielt ihm den Kochlöffel hin.

„Hmm, lecker wie immer“, sagte er.

Aufmerksam sah Ellen ihn an. „Du wirkst müde. Die Sitzung war wohl sehr anstrengend.“

„Ach, eigentlich nicht, nur langatmig, der Dekan redete und redete, ohne auf den Punkt zu kommen. Wir mussten mal wieder erraten, was er eigentlich von uns wollte.“

„O, je, bitte keine Einzelheiten.“

Kuhn lachte. „Habe schon verstanden. Komm, ich nehme dir das Tablett ab.“

„Mama, Lars sagt, er hat keinen Hunger.“ Gwenke stand in der Esszimmertür, ihre Hände in die Seiten gestemmt.

„Schatz, würdest du mal hoch gehen?“ bat Ellen ihren Mann.

Daniel Kuhn nickte. Er stellte das Tablett auf den Esstisch und ging hoch in das Zimmer seines Sohnes.

„Na, Lars?“

„Hey, Paps, guck mal, ich hab schon 500 Punkte gemacht.“ Stolz drehte sich der zehnjährige Lars zu seinem Vater um.

Der trat hinter ihn. „Toll, dann kannst du deinen Computer ja jetzt mal für einen Moment ausschalten und zum Essen runterkommen.“

„Ich hab aber keinen Hunger.“

„Keine Chance, mein Sohn, auch wenn du nichts essen willst, möchte ich, dass du dich zu uns setzt.“

Lars wollte widersprechen, aber ein Blick in das Gesicht seines Vaters sagte ihm, dass er das besser lassen sollte. „Okay.“ Er seufzte laut vernehmlich und erhob sich.

Ellen und Gwenke warteten bereits am gedeckten Tisch.

Kaum hatten sich Daniel Kuhn und Lars zu ihnen gesetzt, da klingelte es an der Tür.

„Oh, nein, wer ist das denn noch?“ stöhnte Ellen.

„Bleib sitzen, ich geh schon.“ Professor Kuhn erhob sich.

Vor der Haustür stand ein kahlköpfiger, fettleibiger Mann. „Tach auch, hier ist Ihr Taxi.“

„Wie bitte? Wir haben kein Taxi bestellt.“

„Ist das nicht Buchenallee 22, bei Professor Daniel Kuhn?“

„Doch.“

„Also, Ihr Taxi wartet.“

„Was ist denn, Schatz?“ Ellen Kuhn kam an die Tür.

„Der Herr hier behauptet, wir hätten ein Taxi bestellt.“

„Aber nein, Sie müssen sich irren“, sagte Ellen Kuhn.

„Meine Herrschaften“, der Fahrer wurde hörbar ungeduldig, „die Zentrale hat mir durchgegeben, dass ich in die Buchenallee 22 fahren und einen Professor Daniel Kuhn abholen soll, der zum Flughafen will.“

„Das ist ein Missverständnis.“ Auch Professor Kuhn wurde nun lauter. „Sie können wieder fahren.“

„Macht 11 Euro fuffzig.“

„Wie bitte?“

„Aus lauter Jux und Dollerei ein Taxi bestellen, - nee, mein Herr, so nicht. Ich habe auch meine Auslagen.“

„Wenn Sie nicht sofort …“

„Daniel, bitte.“ Ellen legte ihrem Mann die Hand auf den Arm.

„Na, das werden wir gleich haben!“ Daniel Kuhn stürmte ins Esszimmer und holte sein Handy aus der Tasche seiner Anzugjacke.

„Für welches Unternehmen fahren Sie?“ fragte er den Mann. Ohne zu antworten, reichte der ihm eine Visitenkarte.

Professor Kuhn wählte die dort angegebene Nummer und trat wieder in den Hausflur.

Als er zurückkam, wirkte er noch wütender als vorher.

„Und?“ fragte der Taxifahrer süffisant.

Daniel ignorierte ihn und sah seine Frau an. „Um 14 Uhr hat jemand bei der Zentrale unter meinem Namen angerufen und für 21 Uhr ein Taxi zum Flughafen bestellt. Um diese Zeit war ich in einer Ausschusssitzung und kann gar nicht telefoniert haben“, fügte er, zu dem Fahrer gewandt, hinzu.

„Das behaupten Sie.“

„Jetzt reicht es mir aber“, schrie Professor Kuhn.

„Wir können das gerne noch länger besprechen, bequemer kann ich mein Geld nicht verdienen. Inzwischen macht es 17 Euro 30.“

„Daniel.“ Ellen Kuhn sah ihren Mann an. „Bitte geh rein und kümmere dich um die Kinder.“

Professor Kuhn zögerte, doch dann nickte er müde. „Ich werde mich über Sie beschweren, Herr …“ Er warf einen Blick auf die Visitenkarte.

„Winter mein Name.“

„Herr Winter, Sie können sich freuen, dass ich Wichtigeres zu tun habe.“ Damit ging Professor Kuhn ins Haus.

Seine Frau bezahlte den Fahrer.

Das Abendessen verlief ziemlich schweigsam.

Die Kinder spürten, dass eine Art Spannung zwischen ihren Eltern in der Luft lag und verdrückten sich bald auf ihre Zimmer.

Professor Kuhn und seine Frau blieben noch am Tisch sitzen und tranken ein Glas Rotwein.

„Daniel, du weißt, wer dir den Taxifahrer auf den Hals geschickt hat.“

Professor Kuhn sah sie an. „Reg dich nicht auf, Liebes, es gibt immer wieder Leute, die Spaß an solchen niveaulosen Scherzen haben. Genauso gut kann einer meiner Studenten dahinter stecken.“

„Ich mache mir Sorgen, Daniel.“

„Das brauchst du nicht. Es ist doch überhaupt nichts passiert.“

„Wenn du dir schon um dich keine Sorgen machst, dann denk bitte wenigstens an unsere Kinder.“

Daniel Kuhn stand auf und zog seine Frau in die Arme. „Schau, wenn wir uns Angst einjagen lassen, haben diese Spinner erreicht, was sie wollen.“

„Du glaubst also doch auch, dass es die Tierrechtler waren.“

Anstatt zu antworten, küsste Daniel Kuhn seine Frau.

Nachdem sie gemeinsam das Geschirr in die Spülmaschine geräumt hatten, ging Ellen mit einem Reiseführer über Brasilien ins Bett, während sich ihr Mann in sein Arbeitszimmer zurückzog. Er wollte noch sein Manuskript für einen wissenschaftlichen Artikel überarbeiten.

Gegen 24 Uhr löschte Ellen Kuhn das Licht. In diesem Augenblick ertönte ein dumpfer Knall, gefolgt von einem lauten, klirrenden Geräusch.

Entsetzt sprang Ellen aus dem Bett und hetzte zu den Kinderzimmern.

Lars und Gwenke kamen ihr bereits entgegen.

„Mama, was war das?“ fragte Gwenke mit bebender Stimme.

„Ihr bleibt hier oben und rührt euch nicht von der Stelle!“

Im Dunkeln rannte Ellen die Treppe hinunter. „Daniel! Daniel!“

Die Tür von Professor Kuhns Arbeitszimmer stand einen Spalt offen. Ellen stieß sie auf. In der Mitte des Raumes sah sie ihren Mann. Er saß regungslos auf dem Teppich.

In dem vom Boden bis zur Decke reichenden Panoramafenster klaffte ein großes, gezacktes Loch, von dem aus sich Sprünge in alle Richtungen über die Glasscheibe ausdehnten. Instinktiv lief Ellen zum Schreibtisch und knipste die Lampe aus.

„Mein Gott, Daniel, ist dir etwas passiert?“

Schemenhaft sah sie ihren Mann in dem milchigen, blassen Licht, das von den Straßenlaternen ins Zimmer fiel. Sie kniete sich neben ihn.

Langsam hob er seinen Kopf und sah sie an. „Nein, nein, es ist alles in Ordnung.“

„Alles in Ordnung?“ Ellens Stimme überschlug sich fast. „Jemand hat die Scheibe zerschlagen, und du sagst, …“ Erst jetzt sah sie, dass ihr Mann etwas in der Hand hielt. „Was ist das?“

Daniel Kuhn erhob sich. Wortlos ging er zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Dann knipste er den Deckenfluter an.

„Daniel, was ist passiert?“ Ellen trat zu ihm.

Noch immer schwieg er. Dann nahm er ihre Hand und legte einen etwa faustgroßen Pflasterstein hinein. „Dieses Ding hier ist haarscharf an meinem Kopf vorbeigeflogen.“

Entgeistert starrte Ellen ihn an. „Der Stein ist durch die Scheibe …?“

Ihr Mann nickte und sah sich aufmerksam im Zimmer um. „Was suchst du?“ fragte sie.

Professor Kuhn zuckte mit den Schultern. „Es ist nur so eine Idee. Da!“

Er bückte sich und hob einen Zettel auf, warf einen kurzen Blick darauf und knüllte ihn zusammen.

Ellen ging zu ihm. „Gib ihn mir.“

„Ellen, bitte.“

Sie öffnete seine Faust, nahm den Zettel heraus und strich ihn sorgfältig glatt. Dann las sie die Botschaft. „Mein Gott! Das darf nicht wahr sein. Daniel, du musst die Polizei rufen.“

„Ellen, ich will nicht schon wieder in der Zeitung stehen.“

„Daniel!“ Ellen zwang ihren Mann, sie anzusehen. „Um deiner Kinder willen verlange ich von dir, dass du jetzt sofort die Polizei rufst.“

Professor Kuhn wand sich. „Wir sollten das nicht weiter ernst nehmen.“

„Nicht ernst nehmen?“ Ellen verlor ihre Beherrschung. „Hier steht: „Wer Tiere zerfledddert, gehört geschreddert!“ Und diese Botschaft hing an einem Pflasterstein, der dich nur deshalb nicht umgebracht hat, weil er rein zufällig knapp an deinem Kopf vorbeigeflogen ist. Und du sagst, wir sollen das nicht ernst nehmen?“

„Ellen, dieser Stein sollte mich mit Sicherheit nicht treffen. Die wollen uns nur einschüchtern. Morgen früh rufst du einen Glaser an, und dann vergessen wir das alles ganz schnell wieder, ja?“

„Daniel, jemand hat versucht, dich umzubringen, und wenn du jetzt nicht sofort die Polizei rufst, nehme ich die Kinder und gehe.“

Charlie redet Tacheles und eine Leiche wird gefunden

Zwei Tage später, an einem sonnigen Mittwochmorgen, beschloss Charlie Penceni, sich einen Scheck von Hugo Hansig zu holen.

Gut gelaunt betrat sie das elegante Bürogebäude. Im 15. Stock befand sich das Büro des Finanzmaklers, dessen Ehefrau sie wochenlang beschattet hatte.

Ihre Annahme, Hugo Hansig würde sich freuen zu hören, dass seine bildschöne, junge Gattin ihre Zeit mit Besuchen in Kosmetik- und Friseursalons sowie mit Shoppingtouren durch Edelboutiquen und Delikatessenläden verbrachte, anstatt sich, wie er vermutet hatte, mit ihrem Luxuskörper in den Betten seiner Geschäftsfreunde oder fitnessgestählter Callboys zu aalen, wurde enttäuscht.

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