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Der Millionär und die Tänzerin

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Katherine Garbera

Der Millionär und die Tänzerin

Was für eine hinreißende Frau! Max Williams ist auf den ersten Blick von der ehemaligen Tänzerin Roxy fasziniert. Doch ist eine leidenschaftliche Nacht Millionen wert? Max weiß, dass sein konservativer Geschäftspartner Harron sofort den Millionendeal platzen lässt, wenn er von Roxys Vergangenheit erfährt. Trotzdem kann er nicht aufhören, um Roxy zu werben. Und als sie ihn erhört, ist er der glücklichste Mann auf Erden. Bis er am nächsten Morgen Harron trifft ...

1. KAPITEL

Roxy O’Malley betrachtete sich kritisch im Spiegel. Wie immer in den letzten Wochen störte sie, was sie dort sah. Sie kniff leicht die Augen zusammen und strich langsam über ihre vollen Brüste, die von einem Sport-BH verhüllt waren. So weit war noch alles gut.

Am liebsten hätte sie hier innegehalten, denn sie wusste, was jetzt kam. Deshalb wünschte sie, die letzten drei Monate hätte es nie gegeben und sie könnte sie aus ihrem Gedächtnis streichen. Denn dann würde auch der Rest ihres Körpers glatt und makellos sein und ihr Leben in Ordnung.

„Hallo, sexy Lady! Genießt du den Anblick?“

Roxy sah zur Seite und erblickte ihren Chef und Freund, Hayden MacKenzie. Sie lächelte leicht gezwungen und bemühte sich um einen fröhlichen Tonfall. „Hallo, Hay! Was gibt’s denn?“

Hayden war groß und sah sehr gut aus mit dem dunklen Haar und den blauen Augen. Immer, wenn Hayden sie ansah, hatte Roxy das Gefühl, er wisse genau, was in ihr vorging.

Schnell ließ sie die Hände sinken und griff nach dem T-Shirt, das sie über das Geländer des Laufbands gehängt hatte. Bevor sie sich nicht etwas übergezogen hatte, konnte sie dem Freund nicht in die Augen sehen. Sie traute sich nicht, ihm den Rücken zuzuwenden, während sie sich das Hemd anzog, denn ihr Rücken hatte auch etwas abbekommen. Alan Technety hatte damals ganze Arbeit geleistet. Weil Roxy sich von ihm getrennt hatte, wollte er sicherstellen, dass kein Mann sie in Zukunft mehr begehren würde.

Außerdem hatte er dafür gesorgt, dass sie nicht mehr tanzen konnte. Ihr linkes Bein war durch einen tiefen Messerstich so stark verletzt worden, dass ein Muskelschaden zurückgeblieben war. Roxy hinkte leicht, was für sie schlimmer war als jede Narbe. Denn nun hatte sie ihre Bewegungen nicht mehr ganz unter Kontrolle, etwas, worauf sie sich früher immer hundertprozentig verlassen konnte. Die völlige Beherrschung ihres Körpers hatte ihr Halt gegeben in ihrem Leben, das im Übrigen nicht besonders geradlinig verlaufen war.

Alan hatte wirklich ganze Arbeit geleistet und offensichtlich erreicht, was er wollte. Roxy hatte nach seinem Angriff nicht nur ihr positives Verhältnis zu ihrem Körper, sondern ebenso ihre Lebensfreude verloren. Auf ihr Gesicht war sie nie besonders stolz gewesen. Das wusste Alan und hatte sich ganz auf ihren schlanken Körper konzentriert, den Roxy mit einer sorgfältigen Diät und viel Training in Form hielt.

„Ich wollte dich um einen Gefallen bitten. Aber du sollst es nur tun, wenn du dich dazu auch wirklich in der Lage fühlst“, sagte Hayden zögernd.

„Kein Problem. Worum geht es denn?“ Roxy ging zu dem kleinen Kühlschrank in dem Fitnessraum für die Angestellten und nahm eine Flasche Wasser heraus. Es war erst fünf Uhr morgens. Normalerweise war sie hier um diese Zeit ganz allein. Was trieb Hayden schon so früh aus dem Bett? Er war jungverheiratet, und jeder im Kasino wusste, dass er und seine Frau Shelby auf ihr Frühstück im Bett immer besonderen Wert legten.

„Ich möchte nicht mehr, dass du weiter an den Spieltischen arbeitest.“

Sie blickte ihn irritiert an. Seit sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, und das war jetzt einen Monat her, hatte sie an den Blackjack-Tischen gearbeitet. Hier die Karten auszugeben, machte ihr keinen besonderen Spaß, aber es war etwas, das sie tun konnte, seit sie nicht mehr in der berühmtesten Tanzrevue von Las Vegas tanzen konnte. Zwar strengte sie das Stehen sehr an, und ohne Schmerztabletten konnte sie den Tag kaum hinter sich bringen, aber einen anderen Job konnte sie im Kasino nicht finden. Hayden hatte ihr zwar angeboten, sich erst einmal zu Hause gründlich auszukurieren, aber sie wollte nicht von seiner Großzügigkeit abhängig sein.

„Was soll ich denn dann tun? Ich kann doch nicht mehr tanzen. Und meine nächste Operation steht erst in sechs Monaten an.“

Hayden legte ihr die Hand auf die Schulter und zwang Roxy, ihn anzusehen. „Darum geht es auch gar nicht. Ich möchte gern, dass du für mich als VIP-Hostess arbeitest. Du sollst dafür sorgen, dass sich meine gut betuchten Gäste in meinem Hotel wohlfühlen und möglichst alles finden, was sie suchen.“

Sie blickte ihn verwirrt an und trat dann ein paar Schritte zurück, vorsichtig, damit ihr Hinken nicht so auffiel. Hayden behandelte sie immer wie seine kleine Schwester, und manchmal wünschte sie sich, einen Bruder wie ihn zu haben.

„Wann soll ich denn anfangen?“ Sie bückte sich, um ihn nicht ansehen zu müssen, nahm ihr Handtuch vom Boden auf und legte es sich um den Nacken.

„Heute Abend.“

„Und um wen soll ich mich kümmern?“

„Um Max Williams. Er ist ein guter Freund von mir, und seine Gesellschaft wird dir sicher gefallen.“

„Das ist wohl nicht entscheidend, Hay. Hier geht es doch um meinen neuen Job, oder?“

Hayden schwieg und zuckte nur kurz mit den Schultern.

Sie sah ihn misstrauisch an. „Du willst mich doch nicht verkuppeln?“

„Nein, natürlich nicht. Das ist eine ganz normale Aufgabe. Aber wenn Max dir sympathisch ist …“

„Du alter Kuppler! Irgendwie gefällt mir das nicht“, sagte sie, musste aber lächeln. Denn tief im Innern war sie auch gerührt von seiner Fürsorge. „Ich bin sicher, ich werde das wirklich nur als Job betrachten.“

„In Ordnung. Ich werde Kathy bitten, dir Informationen über Max zu geben. Kannst du um drei in meinem Büro sein? Ich möchte Max gleich bei seiner Ankunft in Empfang nehmen.“

Sie nickte, und Hayden wandte sich um und ging in Richtung Tür. „Weiß er über mich Bescheid?“

Hayden blieb stehen. „Inwiefern?“

„Dass ich ein leicht bekleidetes Revuegirl war, das von einem Verrückten angegriffen wurde“, stieß sie leise hervor.

Mit wenigen Schritten war Hayden neben ihr und nahm sie in die Arme. Er schwieg. Erst als sie fragend zu ihm aufsah, sagte er mit seiner tiefen, beruhigenden Stimme: „Was heißt Revuegirl? Du warst Toptänzerin in einer berühmten Show. Außerdem rede ich nicht über meine Angestellten.“

Er meinte, was er sagte, und das tat ihr gut. Aber da sie von Männern nie Hilfe erfahren hatte, blieb ihr Misstrauen wach. „Ich weiß. Aber ich weiß auch, dass Max dein Freund ist.“

„Ich rede auch mit meinen Freunden nicht über meine Angestellten.“

„Danke.“

Er verabschiedete sich, und sie ging in den Umkleideraum. Duschen wollte sie hier allerdings nicht. Denn sie konnte das Risiko nicht eingehen, dass eine andere Frau hereinkam und ihre Narben sah. Deshalb fuhr sie immer in ihr kleines Haus am anderen Ende der Stadt und duschte dort. Als sie noch der Star der Revue war, hatte sie natürlich ihre eigene Garderobe mit Bad gehabt.

Diese Zeiten waren endgültig vorbei.

Sie dachte über das nach, was Hayden ihr angeboten hatte. Es war ein guter Job, der ihren Fähigkeiten entgegenkam. Zumindest war sie früher charmant, witzig und unterhaltsam gewesen. Aber traf das heute noch zu?

Max Williams war müde und frustriert. Diese Gespräche zogen sich stets sinnlos in die Länge. Immer wenn er kurz davor war, das Geschäft abzuschließen, hatten seine Geschäftspartner wieder neue Einwände, die erst aus dem Weg geräumt werden mussten, bevor der Vertrag geschlossen werden konnte. Jetzt schienen sie sich daran zu stoßen, dass Max Junggeselle und offenbar mit seinem Job verheiratet war.

Daraufhin hatte sein Assistent Duke ihm geraten, ein paar Tage auszuspannen und ihm die nächsten Verhandlungen zu überlassen. „Du musst mal raus aus Vancouver“, hatte er gesagt. „Wie wär’s mit ein paar Tagen Las Vegas?“

Max hatte sich einverstanden erklärt, obgleich Las Vegas für ihn keinen besonderen Reiz mehr hatte. Denn zwei seiner engsten Freunde hatten kürzlich geheiratet und waren wohl kaum mehr bereit, ihn zu begleiten und wie früher die Nächte durchzumachen. Und allein machte ihm das keinen Spaß.

Es war sowieso seltsam, wie um ihn herum Ehen anscheinend immer bedeutungsvoller wurden. Weil er nicht verheiratet war, verzögerte Harron den Geschäftsabschluss, und weil sie verheiratet waren, hatten seine Freunde nicht mehr so viel Zeit für ihn.

Sein Vater Harrison Williams hatte fünfmal geheiratet und sagte immer, eine Ehe sei ein Wettkampf zwischen Mann und Frau. Und der, der es am schlauesten anfing, gewann. Max jedoch hatte keine Lust, auch noch in seinem Privatleben hart zu kalkulieren und sich kämpferisch auseinanderzusetzen. Deshalb war er engeren Bindungen immer geschickt aus dem Weg gegangen.

Als die große Limousine vor der eleganten Fassade des Hotels Chimera zum Stehen kam, blieb Max sitzen. Er fluchte leise. Worauf hatte er sich nur eingelassen, was wollte er hier? Doch dann zwang er sich zu einem leicht überlegenen Lächeln, der Maske, die er gewöhnlich aufsetzte, wenn er Menschen gegenübertrat. Seine Mutter hatte ihm eingebläut, dass erfolgreiche Menschen immer eine selbstbewusste und heitere Miene zur Schau stellen sollten.

Als der Chauffeur die Tür öffnete, stieg Max lächelnd aus und ging mit federnden Schritten auf den Eingang zu. Sowie er die Tür zu der gekühlten Hotelhalle aufstieß, kam Hayden MacKenzie auf ihn zu. Sie gaben sich die Hand und umarmten sich flüchtig. Max ließ sogleich seine Maske fallen und blickte den Freund unter gerunzelten Brauen an.

Doch Hayden strahlte ihn an. „Wie schön, dass du da bist. Shelby freut sich auch schon, dich zu sehen. Wie ist es, hast du Lust, heute zu uns zum Dinner zu kommen?“

„Danke. Aber ich muss leider passen, denn ich habe bereits eine Verabredung am Pokertisch.“

„Ach, Max, wann wirst du mal für etwas anderes Zeit haben als für Geschäft und Glücksspiel?“

Max grinste kurz. „Wahrscheinlich nicht so bald.“

Hayden legte ihm die Hand auf die Schulter. „Okay, wenn ich dich nicht daran hindern kann. Aber ich möchte dir jemanden vorstellen. Sie ist wirklich wunderbar und wird dir sicher gefallen.“

„Soll ich eine Rose als Erkennungszeichen mitbringen?“

„Nein, sie ist deine Hostess.“

„Warum werde ich dann den Eindruck nicht los, du willst mich verkuppeln?“

„Keine Ahnung. Vielleicht will ich das ja auch. Ich mag euch beide sehr, und ihr seid …“

„Hör auf. Ich bin hier, um zu spielen, und nichts weiter.“

Hayden nickte bedächtig. „Ja, ich weiß. Ich möchte dir trotzdem Roxy O’Malley vorstellen.“

Hayden drehte sich um und wies auf eine hinreißende Blondine, dem Inbegriff einer verführerischen Frau. Sie machte in perfekter Haltung einen Schritt auf sie zu. Der zweite Schritt wirkte jedoch unsicher, und Max sah, dass sie leicht hinkte und dabei kurz die Lippen zusammenpresste.

„Roxy, dies ist Max Williams. Max, das ist Roxy O’Malley.“

Automatisch setzte Max wieder sein Lächeln auf, während er der jungen Frau die Hand reichte. Andrea, seine zweite Stiefmutter, hatte ihm gesagt, dass seinem Lächeln keine Frau widerstehen könne.

„Angenehm“, sagte er mit einer leichten Verbeugung. Ihre Hand war glatt und kalt, und als er Roxy in die Augen sah, bemerkte er ihre Nervosität. Und das, obgleich sie wunderschön war und sich die meisten Männer bei ihrem Anblick bestimmt nichts anderes wünschten, als diesen Körper möglichst bald zu besitzen.

Er behielt ihre Hand länger in der seinen, als angemessen war, und strich ihr mit dem Daumen sanft über die Fingerknöchel, bis Roxy errötete.

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Mr. Williams“, sagte sie leise.

„Bitte, sagen Sie Max zu mir.“

„Okay, Max. Ich bin Roxy.“

„Ich überlasse euch jetzt eurem Schicksal.“ Hayden verschwand.

Sie entzog Max die Hand. „Ihr Gepäck wird in Ihre Suite gebracht. Wollen Sie erst hinaufgehen oder gleich ins Kasino?“

„Ich möchte …“, dich, vervollständigte er lautlos den Satz. Wieso war er von ihr so angezogen? Er verstand sich selbst nicht mehr. Schon lange hatte er kein derartig spontanes Verlangen empfunden. Normalerweise ging er nicht gleich mit einer Frau ins Bett und konnte sich sehr gut kontrollieren. Weshalb war das bei ihr anders?

„Ja?“

„Ich möchte … gleich ins Kasino“, meinte er schließlich. Spielen war seine zweite große Leidenschaft, die erste sein Beruf.

Sie lächelte ihn an. „Gut, dann wollen wir gehen.“

„Was, meinen Sie, ist mein Lieblingsspiel?“

„Poker. Und das wahrscheinlich immer schon.“

Er blickte sie überrascht an. Wie hatte sie das erraten können? Aber er wusste, man sollte Menschen nie nach ihrem Äußeren beurteilen. Wie oft hatte er es selbst erlebt, dass man ihn für einen verwöhnten Playboy hielt, der nie einen einzigen Tag in seinem Leben gearbeitet hatte. Na ja, vielleicht nicht sehr oft, aber es war doch hin und wieder vorgekommen.

Sie lachte, als sie seinen erstaunten Blick sah. „Es war keine Kunst. Ich habe in Ihren Unterlagen gestöbert. Sie haben das letzte Mal fast 50.000 Dollar beim Pokern gewonnen.“

„Was haben Sie denn sonst noch über mich erfahren?“ Max wusste, dass Hayden über die Spieler mit Höchsteinsätzen Buch führte, selbst über die Freunde. Das beunruhigte ihn auch nicht weiter.

Sie legte den Kopf zur Seite, sodass ihr langes Haar über ihre Schulter fiel. Ob es sich so weich und seidig anfühlte, wie es aussah? „Das kann ich Ihnen nicht verraten, Sie würden sonst zu viele Geheimnisse erfahren, auch über mich.“

Er nahm ihre Hand, und Roxy blieb stehen. Verdammt, sie hatte die weichste Haut, die er je berührt hatte. „Geheimnisse? Das glaube ich nicht. Ich würde nur die erfahren, die mich betreffen. Und das sind ja nun mal nicht Ihre Geheimnisse.“

Er flirtete, und das war schon lange nicht mehr vorgekommen. Als sie ihn lächelnd unterhakte und zu dem Saal führte, in dem mit hohen Einsätzen gespielt wurde, fiel die Erschöpfung der letzten Wochen von Max ab. Das Klingeln und Rattern der Spielautomaten war hier kaum noch zu hören.

Roxy blieb in der Tür zu dem eleganten Saal stehen. Als sie Max schließlich in eine ruhige Ecke zog, anstatt ihn gleich an den Pokertisch zu führen, wunderte er sich. Offenbar war der Job der VIP-Hostess neu für sie.

„Möchten Sie meine Geheimnisse wirklich erfahren?“, fragte sie, und ihre Stimme klang dunkel und rau.

Ja, dachte er, sagte aber nichts. Er wusste nicht, warum er so heftig auf sie reagierte. Das sah ihm nicht ähnlich und beunruhigte ihn. Er musste sich unbedingt wieder in den Griff bekommen. Denn er hatte keine Lust, eine neue Affäre anzufangen, er hatte diese flüchtigen Beziehungen gründlich satt. Und er war hergekommen, um zu spielen.

Als er schwieg, errötete sie leicht und trat einen Schritt zur Seite. „Entschuldigen Sie, ich wollte nicht aufdringlich sein. Dahinten ist ein Platz an einem Tisch frei. Ich hole schon mal Ihren Lieblingsdrink.“

Sie wandte sich um, aber er ließ sie nicht gehen, sondern legte seine Hand auf ihre Schulter. Als sie ihn fragend ansah, bemerkte er die Verletzlichkeit in ihrem Blick. „Doch, ich möchte Ihre Geheimnisse kennenlernen“, sagte er nachdrücklich, ging dann an ihr vorbei und setzte sich an den Tisch. Einige der Mitspieler kannte er, aber anstatt sich auf das Spiel und seine Karten zu konzentrieren, musste er immer an Roxys große blaue Augen denken.

Roxy versuchte, sich Haydens Worte ins Gedächtnis zu rufen. Sie sollte freundlich und charmant sein, aber nie vergessen, worin ihre Aufgabe bestand. Der Spieler sollte sich wohlfühlen und den Spieltisch möglichst nicht verlassen.

Max machte es ihr nicht leicht. Immer, wenn sie neben ihn trat, um ihm einen neuen Drink zu bringen oder aber nach seinen Wünschen zu fragen, fing er an zu flirten. Und zum ersten Mal, seit sie im Krankenhaus aufgewacht war, gezeichnet fürs Leben, hatte sie Lust, ein Flirten zu erwidern.

Er spielte beinahe vier Stunden lang und gewann meistens. Als er schließlich Anstalten machte, sich zu erheben, wusste sie nicht, ob sie ihn daran hindern sollte. War es nicht ihre Aufgabe als Hostess, ihn möglichst lange am Tisch zu halten?

„Wollen Sie wirklich aufhören? Sie scheinen doch eine Glückssträhne zu haben.“

„Ich will trotzdem aufhören. Denn ich möchte gern mit meiner Hostess zum Essen gehen und sehen, ob meine Glückssträhne vielleicht noch anhält.“

„Ich weiß nicht, ob das zu meinem Aufgabenbereich gehört“, entgegnete sie. Sie wollte sich nicht auf etwas einlassen, dessen Ausgang mehr als ungewiss war. Wie oft hatte sie gehofft, endlich auf der Sonnenseite des Lebens angekommen zu sein, und immer wieder war sie enttäuscht worden. Sie hatte einfach kein Glück.

„Aber Sie sollen doch dafür sorgen, dass es mit gut geht.“

Sie wollte lachen über die Art und Weise, wie er das sagte, konnte es aber nicht. „Gut, dann gehe ich mit Ihnen essen. Wo wollen Sie denn hin?“

„Darum kümmere ich mich.“ Max nahm sie beim Arm und zog sie aus der Menschenmenge.

Sie wusste, dass sie ihm nicht die Führung überlassen durfte. Dies war ihr Job, das durfte sie nicht vergessen, so verführerisch es auch sein mochte. Sie wollte nicht wieder an den Blackjack-Tisch zurückkehren, und so musste sie alles tun, was dieser neue Job erforderte. „Nein, das werden Sie nicht. Das ist meine Aufgabe.“

„Und Sie nehmen Ihre Aufgaben ernst?“ Er hob fragend eine Augenbraue.

Das war spaßhaft gemeint, aber Roxy war nicht zum Scherzen zumute, nicht, wenn es um ihre Arbeit ging. Wer jemals von der Großmut anderer abhängig gewesen war, hatte schwer um seinen Stolz zu kämpfen. „Selbstverständlich.“

„Ich hatte den Eindruck, Sie sind neu hier.“

„Neu als Hostess. Aber ich arbeite schon fast zehn Jahre hier im Chimera.“

„Was haben Sie denn früher gemacht?“

„Ich war Tänzerin …“ Das klang sehnsüchtig, und Roxy ärgerte sich, dass sie ihre Gefühle nicht besser verbarg. Auf diese Frage hätte sie vorbereitet sein sollen. Aber die meisten Menschen, denen sie hier begegnete, kannten ihre Geschichte oder aber interessierten sich nicht für ihr Schicksal. Max war der erste Fremde, der …

„Warum haben Sie aufgehört?“

Sie zögerte und schloss kurz die Augen. Eine hart erarbeitete Karriere, ein Beruf, den sie liebte, stolz auf ihren Körper und ihr Können, alles war in Minutenschnelle vorbei gewesen. Und zwar nur, weil sie einen Mann und seine Absichten falsch eingeschätzt hatte. Nie wieder.

„Ich habe mich verletzt.“ Die Lüge fiel ihr leicht, und sie hasste sich dafür. Hatte sie sich nicht geschworen, nie so zu werden wie ihre Mutter, für die es auf eine Lüge mehr oder weniger nicht ankam? „Aber das ist Schnee von gestern. Bitte, gedulden Sie sich ein paar Minuten, ich will uns nur eben einen Tisch reservieren lassen.“

Sie wandte sich ab und rief mit dem Handy das VIP-Büro an. Eine halbe Minute später war alles arrangiert, und die beiden machten sich auf den Weg zu dem Fünf-Sterne-Restaurant im vierten Stock.

„Haben Sie hier schon mal gegessen?“, fragte Roxy. Hoffentlich kannte Max das Restaurant noch nicht, sodass sie ihrer Aufgabe als Hostess gerecht werden konnte und er sich ihrer Führung überließ. Sie ging auf den Geschäftsführer zu, der am Eingang die Gäste begrüßte, und spürte nur zu deutlich Max’ Blick im Rücken.

„Ja“, sagte er jetzt. „Ich bin mit dem Restaurantbesitzer gut befreundet.“

Sie lächelte dem Geschäftsführer zu. Sie kannte Henry gut und entspannte sich ein wenig, als er ihr jetzt freundlich zunickte. Dieser Job war irgendwie anders, als sie erwartet hatte. Oder sollte sie lieber sagen, ihr erster Gast Max war anders, als sie erwartet hatte? „Mr. Williams und ich haben einen Tisch bestellt.“

„Sehr wohl, Miss O’Malley. Bitte, folgen Sie mir.“

Max legte die Hand auf Roxys Rücken, während sie zu ihrem Tisch geführt wurden. So sehr Roxy sich auch bemühte, die Wärme seiner großen Handfläche zu ignorieren, es gelang ihr nicht. Im Gegenteil, sämtliche Sinne sprangen sofort auf die Berührung an, und eine derart intensive Erregung machte sich in ihrem Körper breit, wie sie sie schon lange nicht verspürt hatte. Obwohl es ein berauschendes Gefühl war, kam es in dieser Situation höchst unpassend und erschreckte sie sehr.

Erleichtert atmete sie auf, als sie endlich an ihrem Tisch Platz nehmen konnten. Max bat um die Weinkarte, und der Sommelier trat an ihren Tisch.

„Haben Sie irgendwelche besonderen Vorlieben?“ Nachdem der Weinkellner einige Weine vorgeschlagen hatte, sah Max Roxy fragend an.

„Ich kaufe meinen Wein normalerweise in Kartons im Supermarkt“, gestand sie, errötete dann aber, weil ihr klar wurde, wie sich das anhörte. „Ich meine …“

Max lachte leise. „Verwandte von mir besitzen ein Weingut im Napa Valley. Denen darf ich nicht erzählen, dass es in den Staaten immer noch Menschen gibt, die billigen Wein trinken.“

„Tut mir leid.“

„Das braucht Ihnen nicht leidzutun. Haben Sie mal südafrikanischen Wein probiert?“

„Gibt’s den auch in Kartons abgepackt?“

Max lachte und wandte sich dann an den Weinkellner. „Wir nehmen eine Flasche Thelema Chardonnay 1998.“

„Sehr wohl.“ Der Kellner ging.

Max richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Roxy. Ihr war unbehaglich zumute, wenn er sie so ansah, als sei sie nackt. So intensiv war sein Blick, dass sie das Gefühl hatte, sie könne vor ihm nichts verbergen. Er starrte sie an, als versuche er, wie bei einem Puzzle die verschiedenen Teile zusammenzusetzen, die Roxy O’Malley ausmachten. Sie hoffte, es würde ihm nicht gelingen, denn sie wusste kaum selbst, wer sie war – jedenfalls keine Tänzerin mehr mit einem verführerischen Körper. Aber wer war sie dann?

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. „Was ist?“

„Was soll sein?“

„Warum sehen Sie mich so an?“

„Weil Sie eine sehr schöne Frau sind.“

Seine Worte taten ihr weh, aber das konnte er nicht wissen. Früher hätte sie in einer solchen Situation das Haar zurückgeworfen und ihm ein Lächeln geschenkt, dass ihm die Knie weich würden. „Nicht mehr.“

Das hätte sie wohl nicht sagen sollen. „Wie lange bleiben Sie in Las Vegas?“, lenkte sie schnell ab.

„So lange, bis ich Sie davon überzeugt habe, dass Sie schön sind.“

„Aber deshalb sind Sie wohl kaum hierhergekommen.“ Wie alle alleinstehenden Männer wollte er sicher das berühmte Flair von Las Vegas genießen, die unverbindlichen Flirts, das Glücksspiel. Die Flucht aus der Realität und einem anstrengenden Leben.

„Meine Pläne haben sich soeben geändert.“

„Gut, dann brauchen Sie meine Gesellschaft sicher nicht mehr. Ich werde Hayden darüber informieren.“

Wieder nahm er ihre Hand und strich, wie bei der Begrüßung, langsam über ihre Fingerknöchel. „Doch, ich brauche Sie, Roxy.“

Sie versuchte, sich einzureden, dass das nichts mit ihr als Privatperson zu tun hatte, sondern dass er sie in ihrer Rolle als Hostess ansprach. Aber sie konnte sich nichts vormachen.

In seinen Augen stand so etwas wie ein Versprechen, das sie gern auf sich beziehen wollte, etwas schwer Fassbares, Verführerisches, das sie beim besten Willen nicht übersehen konnte.

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