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Der Millionär und die Nanny

Day Leclaire

Der Millionär und die Nanny

PROLOG

„Du hast gar keine andere Wahl, Jack. Wenn du das Sorgerecht für Marie behalten willst, dann musst du heiraten.“

Jack Mason starrte seinen Anwalt düster an. „Ich habe mir geschworen, nie zu heiraten, das weißt du genau, Derek.“

„Ich weiß. Das hast du ja oft genug betont. Bis zum Abwinken, wenn ich das mal so sagen darf.“

„Eben. Deshalb will ich’s auch nicht noch mal wiederholen. Also, was gibt’s sonst noch für Möglichkeiten?“

Bedauernd schüttelte Derek den Kopf. „Ich muss dir leider sagen, dass du keine andere Option hast.“ Nachdenklich stützte er sich auf der Schreibtischplatte auf und betrachtete seinen Freund, der ruhelos auf und ab ging. „Wir kennen uns doch schon so lange, Jack, genauer gesagt, seit dem College. Auch wenn du mir nicht alles über deine Eltern erzählt hast, kann ich mir vorstellen, was da abgelaufen ist. Zumindest seit ich deinen Vater kennengelernt habe. Aber das ändert nichts an den Tatsachen. Das Jugendamt macht sich große Sorgen um deine Nichte, und das zu Recht, wenn man an das Gutachten der Psychologin denkt.“

„Ich weiß. Und ich wünschte, das Ganze wäre zu weit hergeholt.“ Nervös fuhr Jack sich durchs Haar und seufzte tief auf. „Aber leider entspricht ihre Beurteilung den Tatsachen. Auch drei Monate nach dem Flugzeugunglück und dem Tod der Eltern hat Marie sich noch überhaupt nicht damit abgefunden. Im Gegenteil. Ihre Wutanfälle werden immer schlimmer. Und sie weigert sich immer noch zu sprechen.“

„Ja, es ist schwer für dich.“ Derek konnte sich vorstellen, wie sehr Jack litt. „Aber für Marie ist es wichtig, dass sie ein stabiles Zuhause hat und ihre Therapie fortsetzt. Und auch dann kann es lange dauern, bis sie den Verlust der Eltern akzeptieren kann.“

„Ich habe doch die besten Nannys engagiert!“ Jack merkte selbst, dass das vorwurfsvoll klang, so als wollte er sich rechtfertigen. Aber Derek gegenüber war das nicht notwendig, denn der Freund war auf seiner Seite. „Ich muss ein Unternehmen führen, das weißt du so gut wie ich. Marie ist erst fünf. Ich kann nicht rund um die Uhr für sie da sein.“

„Das Amt ist darüber informiert, dass du seit März eine Menge Nannys verschlissen hast, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Man hat das in einem Brief an mich sehr deutlich gemacht und auch, dass man alles andere als glücklich über diese Tatsache ist. Ich finde es auch nicht gut, Jack, wenn ich ehrlich bin. Denn das kann Marie nicht helfen.“ Er schwieg kurz und fuhr dann zögernd fort: „Es gibt noch eine andere Alternative.“

Überrascht hob Jack die Augenbrauen. „So? Was denn?“

„Lass sie gehen. Du hast genug Geld, um ein gutes Zuhause für sie zu finden, Pflegeeltern, die die Zeit haben, sich um sie zu kümmern, und denen Maries Wohlbefinden am Herzen liegt.“

„Das ist unmöglich. Das kann ich nicht, und das will ich auch nicht.“

Doch Derek ließ nicht locker. „Du hast doch nur ein schlechtes Gewissen und fühlst dich irgendwie schuldig. Weil du mit ihnen hättest fliegen sollen. Und weil Marie den Absturz überlebt hat und Joanna und dein Schwager nicht.“

Jack blieb stehen und sah den Freund verzweifelt an. „Ja, ich hätte mit derselben Maschine fliegen sollen. Wenn ich an Bord gewesen wäre, wenn die Arbeit nicht dazwischengekommen wäre …“

„Dann wärst auch du höchstwahrscheinlich tot, und Marie wäre in der gleichen Lage wie jetzt“, sagte Derek mit brutaler Offenheit. „Dass sie nämlich ein Zuhause mit Vater und Mutter braucht, mit Eltern, die sich wirklich um sie kümmern. Die ihr das geben können, wozu du nicht in der Lage bist.“

„Ich werde sie nie im Stich lassen. Ich muss nur die richtige Nanny finden. Zugegeben, das dauert länger, als ich dachte. Aber es muss sie doch irgendwo geben.“

„Du musst heiraten. Du brauchst eine Ehefrau, eine Mutter für Marie. Die zuständige Mitarbeiterin vom Jugendamt ist noch von der alten Schule. Ihr ist vollkommen gleichgültig, wie viel Geld du hast, dass du ein großes Unternehmen führst und dass deine Vorfahren zu den ersten Einwohnern von Charleston hier in South Carolina gehörten. Ihr geht es nur um das Wohlergehen von Marie.“

Jack sah den Freund scharf an. „Ach. Mir etwa nicht?“

Kurz legte Derek ihm den Arm um die Schultern. „Doch, natürlich. Ich weiß, dass du an deiner Nichte hängst. Aber du hast sie doch erst zweimal gesehen, seit deine Schwester sie adoptiert hat, und damals war sie eigentlich noch ein Baby. Ihr seid nicht blutsverwandt. Du bist ein Fremder für das Kind. Und seit die Psychologin ihre Einschätzung abgeben hat, ist Mrs. Locke mehr denn je davon überzeugt, dass du kein geeigneter Vormund bist. Sie hat sogar schon zu verstehen gegeben, dass Marie in einem Heim besser aufgehoben wäre.“

„Was? Nur über meine Leiche!“

„Das kannst du gar nicht verhindern. Die kommen einfach und nehmen Marie mit. Mit Gewalt, wenn nötig.“ Seufzend lehnte Derek sich zurück. „Was ist denn eigentlich geschehen, Jack? Du hattest doch ein Gespräch mit Mrs. Locke führen wollen. Sehr freundlich und diplomatisch, wenn ich mich richtig erinnere.“

Jack machte eine abwehrende Handbewegung. „Diplomatisch? Freundlich? Die Frau ist knallhart, das kann ich dir sagen. Bei der würde sogar ein Chefdiplomat von der UNO nichts ausrichten können.“

„Vielleicht hättest du dir etwas mehr Mühe geben sollen, anstatt sie nach wenigen Worten einfach vor die Tür zu setzen. Bei der Gerichtsverhandlung hat ihre Stimme großes Gewicht. Wie übrigens auch das Gutachten der Psychologin.“

„Willst du etwa damit sagen, dass es keine brillante Entscheidung war, die Frau rauszuwerfen?“ Jack lachte trocken auf. Als der Freund schwieg, wurde er ernst und dachte über das nach, was Derek gesagt hatte. Gab es denn wirklich keinen anderen Ausweg? „Und wenn ich das mache, was du vorgeschlagen hast? Ich meine, wenn ich … heirate?“

„Dann hast du gute Chancen, das Sorgerecht dauerhaft zu erhalten, vorausgesetzt natürlich, dass diese Locke von der Ernsthaftigkeit der Eheschließung überzeugt werden kann. Ich würde dir vorschlagen, eine Frau zu suchen, die Erfahrungen mit gestörten Kindern hat. Eine Lehrerin vielleicht oder eine Sozialarbeiterin. Jemand, der bereit ist, sich ganz auf Marie einzustellen.“

„Und du meinst, dass das so einfach ist? Sie läuft mir schon morgen über den Weg, und ich heirate sie?“ Kopfschüttelnd verschränkte Jack die Arme vor der Brust. „Und wie, meinst du, kann ich diese Wunderfrau finden?“

„Genauso wie du bisher auch die vielen Nannys gefunden hast. Du gibst eine Anzeige auf.“

Jack starrte den Freund ungläubig an. „Ich soll meine zukünftige Frau per Annonce suchen?“

„Nein, natürlich nicht. Du gibst eine Anzeige wegen einer Nanny auf. Und diese Nanny heiratest du dann. Du brauchst mit ihr ja nur so lange zusammenzuleben, bis du das Sorgerecht in der Tasche hast. Dann lässt du dich wieder scheiden. Bei dem Ehevertrag, den ich dir aufsetzen werde, wirst du keinerlei Nachteile in Kauf nehmen müssen.“

Bisher war Jack immer der Meinung gewesen, eine sehr schnelle Auffassungsgabe zu haben. Aber diesmal tappte er ziemlich im Dunkeln. „Wie, um alles in der Welt, soll ich die Frau denn überzeugen, dass sie mich heiraten muss? Soll ich ihr dicke Lügen auftischen? Soll ich sie nach allen Regeln der Kunst verführen? Soll ich ihr vorgaukeln, unsterblich in sie verliebt zu sein?“

Derek hob nur kurz die Schultern. „Wenn du unbedingt willst. Ich persönlich würde für eine sehr viel einfachere Methode plädieren.“

„Und die wäre?“

„Meine Güte, Jack, bist du heute schwer von Begriff. Wie viele Milliarden schimmeln ungenutzt auf deinen Konten herum? Bezahl die Frau doch einfach! Kauf sie dir!“

1. KAPITEL

In selben Moment, als Jack Mason sie sah, wusste er, dass es Schwierigkeiten geben würde.

Später konnte er nicht mehr sagen, warum ihm gerade diese Frau aufgefallen war. Denn auf seine letzte Anzeige hatten sich sehr viele Bewerberinnen gemeldet, ohne zu wissen, dass er eigentlich keine Nanny, sondern eine Ehefrau suchte. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug, an dem wirklich nichts Spektakuläres war, saß ruhig da und las in einem Taschenbuch. Auch das war nichts Besonderes, doch wie sie das tat, hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Denn sie wirkte vollkommen gelassen und auch nicht die Spur nervös. Ihre Gesichtszüge, eher interessant als unbedingt schön, waren absolut entspannt.

Jack betrachtete sie sorgfältig. Seltsam. Trotz der großen Konkurrenz wirkte sie ruhig, ja, geradezu zurückhaltend. Sie hatte sehr dunkles Haar, das sie im Nacken zu einem Knoten zusammengefasst hatte. Außerdem war sie nur dezent geschminkt, hatte lediglich etwas Rouge und Lippenstift aufgetragen. Ein unauffälliger graugrüner Lidschatten unterstrich das Goldbraun ihrer großen Augen, die von schwarzen dichten Wimpern umrahmt wurden. Obgleich sie sehr jung wirkte, schien sie schon allerlei durchgemacht zu haben, denn der kurze Blick, den sie Jack zuwarf, zeugte von Ernsthaftigkeit und Lebenserfahrung.

Hatte er sie deshalb immer wieder ansehen müssen? Aber was speziell erregte sein ungewöhnliches Interesse an ihr? Irgendetwas Geheimnisvolles umgab diese Frau, etwas, das er nicht gleich benennen konnte. Doch instinktiv spürte er, dass sie nicht so ruhig und gefasst war, wie sie sich gab – sondern dass sie geschickt ein leidenschaftliches Temperament verbarg. Auf seine Instinkte konnte er sich verlassen, die hatte er im harten Business zu schulen gewusst.

Wenn sie sich irgendwo anders begegnet wären, hätte er sich ihr gleich genähert und versucht, sie für sich zu gewinnen. Ganz sicher hätte er schnell einen Weg gefunden, um ihr stoisches Verhalten zu erschüttern und in ihr Innerstes vorzudringen, dorthin, wo zweifelsfrei eine unbändige Leidenschaft brodelte. Das war ihm bisher noch immer gelungen. Sehr schnell konnte er herausfinden, was Frauen hinter ihrem kultivierten Äußeren versteckten, und hatte dann nur noch eins im Sinn. Er musste Schicht um Schicht freilegen, was tief in ihnen schlummerte.

Bei dieser Frau dort hinten würde das sicher nicht einfach sein. Sie verbarg ihr Innerstes sehr geschickt und würde ihr Temperament, wenn es einmal entfacht wäre, sicher nur schwer kontrollieren können, wie Jack vermutete. Aber genau das reizte ihn an ihr. Schicht um Schicht dieser schützenden Hülle wollte er abtragen, bis sie nicht nur nackt, sondern auch wie ein offenes Buch vor ihm lag. Seit Jahren hatte ihn keine Frau mehr so interessiert.

Als eine von Jacks möglichen „Ehefrauen“ hustete, schreckte er hoch. Plötzlich wurde ihm wieder bewusst, wo er sich befand und weshalb all diese Frauen sich hier versammelt hatten. Gleichzeitig ärgerte er sich über sich selbst. Wie hatte er sich nur zu all diesen Spekulationen hinreißen lassen können? Hier ging es um etwas ganz anderes, als irgendwelchen Tagträumereien mit einer aufregenden Frau nachzuhängen. Er musste eine Kandidatin finden, die Nanny und Ehefrau zugleich war.

Gerade als er den nächsten Namen auf der Liste aufrufen wollte, wurde die Tür heftig aufgestoßen, und seine Nichte stürmte herein. Das kurze goldbraune Haar stand ihr in dichten Löckchen vom Kopf ab. Es war eindeutig, dass sie heute Morgen noch keine Bürste gesehen hatte. Dafür konnte Jack genau sagen, was Marie zum Frühstück gehabt hatte, da genügte ein kurzer Blick auf das bekleckerte T-Shirt. Über den Knien wies ihre Jeans große Löcher auf, und es sah beinahe so aus, als habe die Kleine selbst mit der Schere dafür gesorgt. Außerdem hatte sie bereits mit ihren Wasserfarben „gemalt“. Zumindest war ihr Gesicht mit schwarzen und roten Strichen und Kringeln verziert.

Marie war schlagartig stehen geblieben und musterte die Frauen wütend, die olivfarbenen Augen zusammengekniffen. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt und stieß einen markerschütternden Schrei aus, der alle zusammenzucken ließ. Jack überlegte kurz, ob er eingreifen solle. Aber dann blieb er ruhig in der Tür zu seinem Büro stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. Mal sehen, wie die zukünftigen Nannys mit dieser Situation fertig wurden.

Einige der Frauen reagierten sofort. Sie sprangen auf und stürzten zur Tür. Jack atmete erleichtert auf. Drei weniger, das war gut. Andere tauschten unsichere Blicke aus. Offenbar wussten sie nicht, was sie mit diesem durchgedrehten Kind anfangen sollten, das plötzlich in ihrer Mitte aufgetaucht war. Schließlich stand eine große, streng aussehende Frau auf und stellte sich vor Marie hin. „Hör sofort auf damit!“, sagte sie streng.

Doch das Kind schrie nur noch durchdringender und stieß der Frau so heftig gegen das Schienbein, dass die aufstöhnte und schnell das Weite suchte. Schon vier weniger! Jack dankte seinem Schicksal. Diese Person hatte Haare auf den Zähnen und wäre als Ehefrau sowieso nicht infrage gekommen. Und als Nanny schon gar nicht. Außerdem hätte ihm Mrs. Locke nie abgenommen, dass es sich hierbei um eine Liebesheirat handelte.

Triumphierend blickte Marie sich in dem Raum um. Immerhin hatte sie bereits vier der Frauen verscheucht. Dann ging sie auf die Verbliebenen zu, blieb vor jeder stehen und zog eine riesige Show ab. Interessant war, dass alle unterschiedlich reagierten. Einige versuchten, ihr gut zuzureden, andere glaubten, mit einer sehr bestimmten Haltung weiterzukommen. Eine war sogar kurz davor, Marie zu schlagen. Wieder andere wollten sie beschwichtigen.

Nur die Frau in Schwarz reagierte überhaupt nicht. Sie tat so, als wäre Marie gar nicht vorhanden, und war weiterhin in ihr Buch vertieft. Offenbar schien sie das Geschrei und das Chaos um sie herum nicht wahrzunehmen. Das war Marie natürlich aufgefallen, und es ärgerte sie. Zumindest presste sie die Lippen aufeinander und baute sich vor der Frau auf, die seelenruhig eine Buchseite umblätterte.

Gespannt betrachtete Jack die Szene.

Marie stemmte die kleinen Fäuste in die Seiten. Die Frau sah nicht einmal hoch, auch nicht, als das kleine Mädchen kreischend mit dem Fuß aufstampfte. Schließlich brach seine Stimme, und nur noch ein Krächzen war zu hören. Dann schwieg es.

Jetzt blickte die Frau hoch und sah das Kind so lange schweigend an, bis es den Kopf senkte.

Das war erstaunlich, vor allen Dingen weil Jack deutlich einen merkwürdigen Ausdruck in den Augen der Frau in Schwarz wahrnahm. War es Furcht? Unsicherheit? Auf alle Fälle schien sie sehr verletzlich zu sein, und das war im Grunde keine gute Voraussetzung, um mit einem Kind wie Marie fertig zu werden. Doch dann änderte sich der Ausdruck, wurde härter, unnachgiebiger, aber auch entschlossener und irgendwie hoffnungsvoll.

Jack starrte sie fasziniert an. Bereits nach wenigen Augenblicken schien sie mit seiner Nichte eine Art Kontakt herzustellen, und das, ohne etwas zu sagen.

Jetzt erst äußerte sie etwas, allerdings so leise, dass Jack ihre Worte nicht verstand. Dann stand sie auf, ging zur Tür, die zum Flur führte, und öffnete sie. „Wer kümmert sich um dieses Kind?“, fragte sie laut und machte einen Schritt nach draußen.

„Ich“, hörte Jack leise jemanden antworten. Das war wahrscheinlich die junge Frau, die Jack vorübergehend als Babysitterin angeheuert hatte und die mit Marie vollkommen überfordert war. Offenbar hatte sie sich im Flur versteckt.

Wortlos schob die Frau in Schwarz Marie aus dem Büro und schloss sofort die Tür hinter ihr. Dann ging sie langsam zu ihrem Stuhl zurück, setzte sich und nahm ihr Buch wieder in die Hand. Einige der Anwesenden klatschten Beifall, den die Frau allerdings kaum wahrzunehmen schien.

Doch so ganz unbeeindruckt hatte Maries Auftritt sie nicht gelassen, das konnte Jack deutlich sehen. Denn die Ader an ihrem schlanken Hals pulsierte schnell. Aber er war sehr beeindruckt, dass sie ihre Gefühle so gut im Griff hatte. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr trat er vor. Es war Zeit weiterzumachen.

„Annalise Stefano“, las er von der Liste ab.

Irgendwie überraschte es ihn nicht, dass die Frau in Schwarz daraufhin das Buch zur Seite legte und aufstand. Der Name passte zu ihr. Mit langen geschmeidigen Schritten, den Kopf hoch erhoben, kam sie auf ihn zu. Eine kleine vorwitzige Locke hatte sich aus der straffen Frisur gelöst und wippte im Rhythmus der Schritte. Jack unterdrückte ein Lächeln, als er sich vorstellte, wie diese Lockenpracht ungebändigt aussah. Wie es über den nackten Rücken fiel vielleicht? Das Haar war ganz sicher eine dieser „Schichten“, die er lösen wollte.

„Ich bin Annalise“, sagte sie und streckte die Hand aus. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“

Er nahm ihre Hand in seine und hatte wieder diese widerstreitenden Empfindungen dabei. So zierlich die Hand auch war, so zart die Knochen, so spürte er doch eine nur mühsam gebändigte Kraft in ihrem Händedruck. Das schien ihrem Wesen zu entsprechen, eine schmale Person von großer innerer Stärke. Nur zögernd ließ er die Hand los, denn er hätte sie viel lieber länger festgehalten und diese geheimnisvolle Frau näher an sich herangezogen. Schon um zu sehen, wie sie reagierte, wie lange sie ihre Selbstbeherrschung aufrechterhalten konnte.

Das war nicht gut. Denn wen auch immer er sich als Nanny und zukünftige Frau aussuchte, würde den Job und den Status als Ehefrau nur sehr kurz innehaben, nämlich nur so lange, wie das Gesetz es erforderte. Sowie Marie ihm dauerhaft zugesprochen war, musste er die Frau wieder loswerden. Also gab es nur eins: Er musste die Hände von ihr lassen.

„Kommen Sie bitte mit, Miss Stefano“, sagte er steif, ließ sie in sein Arbeitszimmer eintreten und schloss die Tür hinter sich. Doch er hatte noch mitbekommen, dass wieder eine Frau aufgestanden und zur Haustür gegangen war. Umso besser. Das war die unmögliche Person, die versucht hatte, Marie zu schlagen.

Er wies auf den Stuhl, der dem Schreibtisch gegenüberstand, und setzte sich selbst in seinen bequemen Ledersessel. „Bitte, nehmen Sie Platz. Ich will nur schnell Ihren Lebenslauf noch einmal durchsehen.“

Schnell überflog er die Zeilen und erinnerte sich wieder. Ja, richtig. Das war doch die Frau, die er eigentlich gar nicht hatte einladen wollen, weil sie so wenig praktische Erfahrung hatte. Zu ihren Gunsten sprach jedoch, dass sie eine Ausbildung als Erzieherin und Grundschullehrerin hatte und blendende Zeugnisse vorweisen konnte.

„Vermutlich hat Ihnen meine Assistentin bereits erklärt, warum ich eine Nanny suche?“

„Ja.“ Sie nickte. „Außerdem habe ich in der Zeitung von diesem tragischen Unglücksfall gelesen. Das ist ein schwerer Verlust für Sie, Mr. Mason, und es tut mir sehr leid.“

Er neigte kurz den Kopf und war froh, dass er keine längeren Erklärungen abgeben musste. Denn in den Zeitungen war sehr ausführlich über den Flugzeugabsturz berichtet worden. „Ich fürchte, Sie hatten bereits das zweifelhafte Vergnügen, meine Nichte Marie kennenzulernen.“

Ein kurzes Lächeln ließ Annalises Gesicht aufleuchten. „Ja. Zumindest bin ich davon ausgegangen, dass das Ihre Nichte war.“

„Dann haben Sie selbst feststellen können, dass Marie eine schwierige Zeit durchmacht. Sie kann sich noch nicht mit dem Verlust ihrer Eltern abfinden. Aber das kann man ihr wohl kaum übel nehmen. Denn schließlich ist es erst drei Monate her, dass sie ihre Eltern und ihr Zuhause in Colorado verloren hat, wo sie sehr glücklich war.“

Annalise lächelte mitfühlend. „Ja, das erklärt sehr gut, warum sie so extrem reagiert.“

Jack lehnte sich zurück und legte die Fingerspitzen aneinander. „Als sie kam, um hier bei mir zu leben, habe ich sofort eine Agentur angerufen, die mir eine Nanny empfehlen sollte. Inzwischen habe ich bereits deren ganze Kartei durchprobiert. Keine hat es bei uns ausgehalten. Das Längste war ein Monat, das Kürzeste eine knappe Stunde. Da habe ich beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und eine Anzeige aufgegeben. Auf die Sie sich dann wohl beworben haben, Miss Stefano.“

„Bitte, sagen Sie Annalise zu mir.“

„Gut, dann also Annalise.“ Er beugte sich vor und blickte auf die Unterlagen, die auf dem Schreibtisch lagen. „Sie haben Ihr Examen gemacht und könnten als Grundschullehrerin arbeiten. Warum haben Sie sich um die Position einer Nanny beworben?“

Offenbar hatte sie diese Frage erwartet, denn sie antwortete ohne Zögern: „Ich möchte weiterstudieren, um auch auf den weiterbildenden Schulen unterrichten zu können. Als Nanny bleibt mir mehr Zeit für das Studium, und ich brauche auch weniger Vorbereitungszeit, als wenn ich als Lehrerin arbeite.“

„Das stimmt.“ Und passte sogar hervorragend in seine Pläne. Als Ehefrau und Mutter hatte sie bestimmt ausreichend Zeit, um nebenbei zu studieren. „Wären Sie denn bereit, sich auf einen Zweijahresvertrag einzulassen? Und eventuell auch, Marie zu Hause zu unterrichten, falls es notwendig ist?“

Annalise faltete die Hände im Schoß und blickte Jack offen an. „Das kommt mir sogar sehr entgegen, denn mein Zusatzstudium wird etwa zwei Jahre dauern. Da das Semester gerade zu Ende ist und Ihre Nichte Ferien von der Vorschule hat, haben wir genügend Zeit, uns kennenzulernen, bevor das Semester wieder anfängt. Wenn Sie möchten, dass ich Marie unterrichte, kann ich in den nächsten Wochen einen Unterrichtsplan aufstellen und Ihnen vorlegen. Da ich vorhabe, meine Vorlesungen und Seminare auf den Abend zu legen, kann ich tagsüber ganz für Marie da sein.“

Obwohl das alles sehr ruhig und überlegt vorgetragen wurde, spürte Jack genau, dass Annalise nervös war. Warum nur? Er schwieg und betrachtete sie aufmerksam. Vielleicht war sie aufgewühlt, weil nicht alles der Wahrheit entsprach, was sie ihm erzählte. Sollte das der Fall sein, würde er schon noch herausbekommen, was gelogen war. Schnell unterdrückte er ein sarkastisches Lächeln. Die Wahrheit – damit war es auch bei ihm nicht weit her. Das ganze Vorstellungsgespräch war eine einzige Farce. Dennoch, irgendwie musste er Vertrauen zu seiner zukünftigen Frau haben und deshalb vermeintliche Lügen aufdecken.

Möglicherweise war sie auch nur nervös, weil sie sich bei Bewerbungsgesprächen unwohl fühlte. Oder vielleicht – bei diesem Gedanken wurde ihm ganz warm, und das Verlangen meldete sich wieder – war er es auch, der sie verwirrte und verlegen machte. Fühlte sie sich genauso zu ihm hingezogen wie er sich zu ihr?

Glücklicherweise unterbrach sie sein langes Schweigen nicht mit nervösem Geplapper, wie es viele Frauen getan hätten. Das allein beeindruckte Jack bereits sehr.

„Ich will offen zu Ihnen sein, Annalise“, fuhr er schließlich fort. „Ich habe Angst, dass Sie Ihre Meinung während des Sommers noch ändern könnten und doch lieber eine Lehrerstelle annehmen. Dann müsste ich wieder ganz von vorn mit der Suche beginnen. Und für Marie wäre das fatal. Denn sie hat in ihrem jungen Leben schon genügend durchmachen müssen und könnte einen erneuten Verlust nur schwer ertragen.“

„Das wird nicht geschehen.“

Instinktiv wusste er, dass das ihre ehrliche Überzeugung war. Aber warum hatte er dann immer noch das Gefühl, dass sie emotional sehr bewegt war, stärker, als es dem Anlass entsprach? Irgendetwas ging in ihr vor, und er wusste nicht, was. Aber vielleicht waren es wirklich nur die Nerven. Vielleicht hasste sie diese Situation und setzte sich ungern seinen Fragen aus.

Wieder blickte er auf die Unterlagen. „Ich sehe gerade, dass Sie auch Kurse belegt haben, die, wie soll ich sagen, den Umgang mit schwierigen Kindern zum Thema hatten.“

„Ja.“ Mit einer schnellen Handbewegung strich sie sich eine Haarsträhne aus der Stirn und sah Jack ernst an. „War Marie schon immer verhaltensauffällig?

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