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Der Millionär aus Miami

Leanne Banks

Der Millionär aus Miami

PROLOG

Es war ein Uhr morgens, und die Medici-Brüder läuteten das neue Jahr mit einer Flasche Scotch und einer Partie Poolbillard ein. Ausnahmsweise einmal sah es so aus, als würde Rafe gegen seinen älteren Bruder Damien gewinnen. Sein jüngerer Bruder Michael konnte ihm den Sieg allerdings noch streitig machen.

„Lasst uns so schnell wie möglich fertig werden“, sagte Damien, zielte und stieß hastig, aber die Kugel verfehlte das Loch.

„Hast du es so eilig, deine Braut wiederzusehen?“, fragte Rafe amüsiert.

„Mittlerweile müsste sie mit dem Duschen fertig sein.“ Ein Lächeln umspielte Damiens Mund, was ausgesprochen selten vorkam. „Zeit, das neue Jahr zu begehen.“

„Ich hätte nie gedacht, dass sich jemals eine Frau zwischen dich und deine Billardsiege stellen würde“, erwiderte Rafe, während er die Kugel in einer Ecktasche versenkte.

„Du bist doch nur eifersüchtig, weil auf dich keine Frau wie Emma wartet“, entgegnete Damien.

Bei diesen Worten empfand Rafe leises Bedauern. Seit seiner desaströsen Beziehung mit Tabitha Livingstone hatte er keine Frau mehr wirklich an sich heranlassen können. Er verpatzte den nächsten Stoß und fluchte leise.

„Da hat er allerdings recht“, kommentierte Michael und versenkte seine Kugel. „Treffer!“, jubelte er zufrieden, traf beim zweiten Mal jedoch nicht.

Nach einem Blick auf die Uhr sah Damien seine Brüder an. Dann stellte er den Queue ab und hob sein Glas. „Auf euch beide und darauf, dass ihr dieses Jahr Frauen findet, die auch nur halbwegs mit Emma mithalten können.“ Nachdem er einen Schluck getrunken hatte, verließ er das Zimmer.

Mit ein paar gelungenen Stößen gewann Rafe die Partie.

„Dieser Sieg geht wohl an dich“, murmelte Michael und seufzte.

„Allerdings.“ Doch ein richtiges Triumphgefühl wollte sich nicht einstellen.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Michael leicht gelangweilt.

„Black Jack“, antwortete Rafe kurz angebunden. „Wir mögen vielleicht Pech in der Liebe haben, aber wenigstens haben wir Glück im Spiel.“

1. KAPITEL

Als Rafe das Foto in der Zeitung auffiel, die auf dem Tisch lag, sah er genauer hin. Diese Frau kannte er doch! Er zog die Zeitung näher an sich heran, bereute seine Neugierde jedoch sofort, als er erkannte, um wen es handelte. Tabitha.

Unvermittelt brach eine ganze Flut von Gefühlen über ihn herein. Wie gut er dieses seidige blonde Haar kannte – auch wenn es jetzt etwas dunkler war. Und dann diese schönen blauen Augen, dieser Körper, der einzig dazu diente, Männer in den Wahnsinn zu treiben! Tabitha wusste ganz genau, wie sie ihre Reize einsetzen musste. Damals hatte sie Rafe sofort um den kleinen Finger gewickelt – nur um ihn anschließend wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen, als sie genug von ihm gehabt hatte.

„Muss ein ganz schön wichtiges Geschäft sein, das dich aus South Beach weggelockt hat.“ Michels indirekte Frage brachte Rafe wieder ins Hier und Jetzt zurück.

„Für den richtigen Kunden nehme ich gerne eine Reise auf mich. Dieser hier hat zwei Luxusjachten gekauft und in Aussicht gestellt, dass einige seiner Freunde neue Kunden werden könnten.“ Außerdem bedeuteten seine neuen Abschlüsse, dass er Livingstone Yachts ein paar Abschlüsse wegschnappen konnte. Rafe bereitete es ein ausgesprochenes Vergnügen, Tabithas Vater eins auszuwischen, aber das behielt er lieber für sich. „Wie läuft es denn bei dir? Sieht so aus, als würde dein Geschäft gedeihen!“ Rafe sah sich anerkennend in der Bar um, die sein Bruder innerhalb weniger Wochen in den gefragtesten Club Atlantas verwandelt hatte, und schüttelte bewundernd den Kopf. „Michael, der Magier.“

Sein Bruder lachte auf. „Du weißt genau, dass ich mir in Wahrheit den Buckel krumm arbeite.“

„Tja, du bist eben ein echter Medici. Obwohl Damien ja bewiesen hat, dass auch wir das Leben genießen können, sobald wir die richtige Frau gefunden haben.“ Sein Blick schweifte wieder zu der Zeitung. Wie hatte er nur jemals so dumm sein können, ernsthaft an eine gemeinsame Zukunft mit Tabitha zu glauben?

„Hey, du hörst mir überhaupt nicht zu, oder?“, fragte Michael plötzlich. „Was guckst du dir da an?“

Rafe kniff die Augen zusammen und betrachtete den kleinen Jungen genauer, der auf dem Foto neben Tabitha stand. Er war vielleicht vier, fünf Jahre alt.

Tabitha, dieses verlogene Luder, hatte ihn damals nach Strich und Faden betrogen. Schließlich hatte er sie sogar dabei erwischt, wie sie versucht hatte, einen seiner Kunden zu verführen.

„Kennst du den Typen im Rollstuhl?“, fragte Michael.

„Wen?“ Erst jetzt entdeckte Rafe den älteren Mann, der ebenfalls auf dem Bild zu sehen war, und überflog den Artikel, in dem es unter anderem um einen Marine-Veteranen ging, der trotz seiner Behinderung ein neues Leben angefangen hatte. Was zur Hölle hatte Tabitha denn mit diesem Mann zu tun? Sie war der Prototyp des verwöhnten Töchterchens aus gutem Hause!

Stirnrunzelnd sah er sich wieder das Foto an. Der kleine Junge hatte braunes lockiges Haar und lugte schüchtern hinter Tabithas Bein hervor … Und die Erkenntnis traf Rafe wie ein Schlag: Der Junge sah aus wie ein waschechter Medici! Er rechnete kurz nach. Keine Frage: Obwohl Tabitha ihn betrogen hatte, war es möglich, dass das hier sein Sohn war!

„Rafe, du benimmst dich verdammt seltsam!“, stellte Michael besorgt fest.

„Ja, äh, ich …“ Kopfschüttelnd deutete er auf den Artikel. „Weißt du, wo dieses Foto aufgenommen worden ist?“

Michael zog eine Augenbraue hoch. „Ja, nicht gerade das beste Viertel der Stadt. Keine Gegend, in der man sich nach Einbruch der Nacht freiwillig herumtreiben würde.“

Rafe warf einen Blick auf seine Uhr. Es war schon elf. Verdammt! Er würde erst morgen herausfinden können, ob er einen Sohn hatte oder nicht.

„Was ist denn los?“, fragte Michael.

„Da bin ich mir noch nicht ganz sicher. Aber morgen früh weiß ich mehr.“

Nicole Livingstone zog den Mantel enger um sich, um sich vor der Januarkälte zu schützen. Obwohl Atlanta im Süden lag, wurde es im Winter manchmal empfindlich kalt. Als sie fast bei ihrem Auto angekommen war, fiel ihr Blick auf einen großen, gut aussehenden Mann, der ihr auf dem Gehweg entgegenkam.

Hätte sie gern geflirtet, wäre er der perfekte Kandidat gewesen: Eine schwarze Lederjacke betonte seine breiten Schultern, mit kraftvollen, entschlossen Schritten ging er direkt auf Nicole zu. Sein dunkles Haar war vom Wind zerzaust, markante Augenbrauen betonten seine dunklen Augen. Nur seine Lippen, die er zu einer Linie zusammenpresste, schmälerten seine Attraktivität ein wenig. Er sah aus, als befände er sich auf einer weniger angenehmen Mission.

Ihre Blicke trafen sich.

„Tabitha“, sagte er kühl und blieb vor ihr stehen. „Tabitha Livingstone.“

Nicole sah zu ihm auf. Woher kannte der Fremde den Namen ihrer Schwester? „Ich bin nicht …“

„Versuch bloß nicht, Spielchen mit mir zu spielen! Dafür kennen wir einander nun wirklich zu gut.“

Nicole rang mühsam nach Atem. Schon oft war sie mit ihrer Schwester verwechselt worden – aber nicht mehr, seit Tabitha gestorben war. Jetzt so unerwartet ihren Namen zu hören tat weh. „Ich heiße Nicole Livingstone und bin Tabithas Zwillingsschwester.“

Sie beobachtete, wie der Fremde die Neuigkeiten verarbeitete und sich erst Unglaube, dann Verwirrung in seinem Blick spiegelte. „Sie hat mir nie erzählt, dass sie eine Zwillingsschwester hat!“

Nicole lachte trocken auf. „Sie hat es gern geheim gehalten, damit sie sich im Notfall damit herausreden kann, dass sie eine böse Zwillingsschwester hat.“

„Aha“, erwiderte er stirnrunzelnd und rieb sich das Kinn. „Und wo kann ich sie finden?“

Nicole biss sich auf die Unterlippe. Erstaunlich, wie schmerzhaft es immer noch war. Sie hatte geglaubt, über den Tod ihrer Schwester hinweg zu sein, doch offenkundig hatte sie sich geirrt. „Sie ist vor drei Jahren gestorben.“

Der Schock stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Das … das wusste ich nicht.“

„Sie hatte eine schwere Infektion, und die Ärzte konnten ihr nicht mehr helfen. Ihr Tod war ein großer Schock für uns alle.“

„Mein Beileid“, sagte er, doch sein Blick verriet eine gewisse Härte. Er streckte die Hand aus.

Als Nicole sie ergriff, staunte sie über die Wärme und Kraft, die von ihm ausging. „Danke. Und Sie sind …?“

„Rafe“, erwiderte er. „Rafael Medici.“

Für den Bruchteil einer Sekunde schien sich alles um sie herum zu drehen. Von einem Augenblick zum nächsten begann Nicoles Herz wie verrückt in ihrer Brust zu hämmern. Wie vom Schlag getroffen, entzog sie ihm ihre Hand.

Sie musste weg hier, und zwar so schnell wie möglich! Nicole atmete tief durch und trat einen Schritt zurück. „Nochmals danke. Auf Wiedersehen.“

Sie versuchte, sich an ihm vorbeizudrängen, doch er hielt sie auf. „In der Zeitung habe ich ein Bild von Ihnen und einem kleinen Jungen gesehen. War das Tabithas Sohn?“

„Er ist mein Sohn.“ Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. „Joel gehört zu mir.“

„Hat Tabitha vor ihrem Tod ein Kind bekommen?“

„Joel gehört zu mir. Ich muss jetzt gehen“, erklärte Nicole entschlossen und ging auf ihren Wagen zu, den sie am Straßenrand geparkt hatte. Während sie die Fahrertür aufschloss, raste ihr Herz immer noch.

Sie hatte sich gerade gesetzt und wollte die Tür zuziehen, da trat Rafe Medici dazwischen. „Mr. Medici“, brachte sie mühsam hervor. Panik stieg in ihr auf.

„Mein Vater ist gestorben, als ich noch klein war. Der Verlust war grauenhaft, und ich möchte nicht, dass meinem Sohn eines Tages etwas Ähnliches widerfährt.“

Sein plötzlich warmer Gesichtsausdruck ging ihr durch und durch. Tabitha hatte ihn als einen brutalen Mann beschrieben, für den nur sein gigantisches Ego zählte. Nervös sah Nicole auf seine Hand, die er auf die Fahrertür gelegt hatte. „Bitte treten Sie zurück! Ich muss jetzt wirklich los“, sagte sie kühl.

Ihr war allzu bewusst, dass er sie aufmerksam musterte. Dann nahm er langsam die Hand von der Tür. Zweifellos ließ er sich nicht so leicht einschüchtern. Aber hatte sie etwas anderes erwartet? Er war einen halben Kopf größer als sie, und mit seinen breiten Schultern und dem muskulösen Oberkörper, dessen Konturen sich deutlich unter seiner Jacke abzeichneten, hätte er Nicole vermutlich problemlos in die Luft stemmen können.

„Dann reden wir eben später“, erklärte er.

Nicole zog die Tür zu und fuhr los.

Später. Sie schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass es kein Später geben würde. Joel war fast vier Jahre alt, und endlich schien sich alles beruhigt zu haben. Nicht einmal auf Tabithas Beerdigung war Rafe Medici erschienen.

Nicole brach der kalte Schweiß aus, ihre Gedanken rasten. Warum hatte sie Joel damals nur mit zur Arbeit genommen? Einer ihrer Klienten hatte eine Sammlung von Dinosauriermodellen, die er unbedingt hatte sehen wollen. Dann waren sie von diesem Reporter überrascht worden, der einen Artikel über Kriegsversehrte geschrieben und ein Foto von ihnen gemacht hatte, das tatsächlich in der Zeitung erschienen war. Was für ein unglücklicher Zufall …

Sollte sie sich Joel einfach schnappen und mit ihm verschwinden? Nein, das konnte sie ihm nicht antun, dazu war er viel zu unsicher. Außerdem hatte er sich gerade erst im Kindergarten eingewöhnt.

Nicole erinnerte sich an Rafe Medicis entschlossenen Gesichtsausdruck. Unwillkürlich umfasste sie das Lenkrad fester, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Sie musste ihre Möglichkeiten abwägen.

Tabitha hätte jetzt einen filmreifen Auftritt vor ihrem Vater hingelegt, um Geld von ihm zu bekommen. Aber Nicole hatte den Kontakt zu ihrem Vater auf das Nötigste reduziert, nach allem, was er getan hatte …

Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Schließlich war sie immer schon die Pragmatische in der Familie gewesen. Irgendetwas würde ihr schon einfallen. Was auch immer geschah, sie würde Joel um jeden Preis schützen.

Sie lügt, dachte Rafe, während er beobachtete, wie Nicole Livingstone davonfuhr. Er spürte dieses leichte Pickeln in seiner linken Hand, das ihn immer befiel, wenn sich Schwierigkeiten anbahnten. Diese Frau bedeutete Ärger. Vielleicht sogar mehr Ärger, als Tabitha ihm eingebracht hatte – falls das überhaupt möglich war.

Tabitha war eine fantastische Schauspielerin gewesen. Er hatte ihr tatsächlich geglaubt, dass sie es genossen hatte, mit ihm zusammen zu sein. Dann hatte er herausgefunden, dass es ihr nur um sein Geld gegangen war. Bis heute konnte er ihre Gier nicht verstehen, immerhin stammte sie aus einer sehr wohlhabenden Familie. Er erinnerte sich daran, wie sie ihn angefleht hatte, ein paar seiner Jachten verkaufen zu dürfen. Und dumm, wie er gewesen war, hatte er auch noch nachgegeben. Insgeheim hatte er sich gefreut, dem mächtigen Conrad Livingstone mithilfe seiner eigenen Tochter eins auszuwischen. Aber das Ganze war nach hinten losgegangen. Tabitha hatte ihn angelogen, um ihre Provision einzustreichen. Anschließend hatte sie versucht, einen seiner Kunden zu verführen, einen spanischen Prinzen – wenigstens dabei hatte sie keinen Erfolg gehabt.

Er kämpfte sich durch den peitschenden Wind zu seinem Mietwagen. Die Wahrheit über Tabitha, Nicole und Joel würde sich leicht herausfinden lassen.

Nachdem Rafe in den Wagen gestiegen war, rief er seinen Bruder an.

„Hey, Rafe, was gibt’s?“, fragte Michael.

„Kannst du mir einen schnell, gründlich und diskret arbeitenden Privatdetektiv empfehlen?“

„Na klar. Hat das irgendwas mit deiner schlechten Laune gestern Nacht zu tun?“

„Möglicherweise.“

„Bedeutet das, dass du noch ein paar Wochen oder Monate bei mir wohnen wirst?“

„Ja, aber nur, wenn es dir recht ist“, erwiderte Rafe.

„Aber sicher! Allerdings werde ich nur selten da sein. Ich habe gerade einen neuen Laden gefunden, den ich günstig aufkaufen kann.“ Er schwieg kurz, dann fuhr er fort: „Würdest du mir verraten, was das alles soll?“

„Mach ich, sobald ich es selbst weiß“, antwortete Rafe grimmig. „Schickst du mir die Nummer von dem Privatdetektiv per SMS?“ Er brauchte Antworten, und er würde sie bekommen.

Gleich nachdem er den ersten Bericht vom Privatdetektiv erhalten hatte, konsultierte Rafe einen Anwalt.

„Kann Nicole Livingstone mir das Sorgerecht vorenthalten?“, fragte er geradeheraus.

Der Anwalt schüttelte den Kopf. „Natürlich kann sie klagen. Aber solange sie nicht beweisen kann, dass Sie als Erziehungsberechtigter ungeeignet sind, wird sie verlieren. Alles, was Sie brauchen, ist ein positiver Vaterschaftstest. Ein entsprechender Gerichtsbeschluss ist kein Problem.“

Voller Bitterkeit dachte Rafe an all die Jahre, die die Livingstones ihm seinen Sohn vorenthalten hatten. „Diese Leute haben mich aufs Übelste betrogen. Ich möchte Joel so schnell wie möglich bei mir haben.“

Beschwichtigend hob der Anwalt die Hand. „Nicht so schnell.“

„Aber Sie sagten doch, dass es kein Problem ist, das Sorgerecht zu bekommen!“

„Das stimmt auch“, erklärte der Mann ruhig. „Aber bei all dem steht vor allem das Wohl Ihres Sohnes im Vordergrund. Wollen Sie ihn wirklich einfach so aus seinem vertrauten Umfeld reißen? Allem Anschein nach war Nicole Livingstone eine sehr gute Mutter, meinen Sie nicht auch?“

„Doch, schon“, räumte Rafe widerwillig ein.

„Rein rechtlich gesehen könnten Sie dafür sorgen, dass er Mrs. Livingstone nie wieder zu Gesicht bekommt. Allerdings müssen Sie auch daran denken, was das Beste für Ihren Sohn ist. Wie würde er sich wohl fühlen, wenn er einfach so der Frau entrissen wird, die wie eine Mutter für ihn ist?“

Bei dem bloßen Gedanken wurde Rafe flau im Magen. Er hatte Ähnliches erlebt. Er war noch ein Kind gewesen, als er seine Eltern und seine Familie verloren hatte. Und es hatte Jahre gedauert, diese tragischen Ereignisse auch nur ansatzweise zu verarbeiten. Obwohl er die Livingstones verachtete, musste er zugeben, dass Nicole Joel eine gute Mutter war.

Sie schien anders zu sein als Tabitha, doch noch wusste er zu wenig, um sicher sein zu können. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sie einen so anderen Weg eingeschlagen hatte als seine Exfreundin und ihr Vater – zumal Nicole keine Sekunde lang darüber nachgedacht zu haben schien, Rafe von Joel zu erzählen.

Wieder überkam ihn die vertraute Bitterkeit. Jetzt war sein Moment gekommen, um sich ein für alle Mal an den Livingstones zu rächen. Er könnte ihnen Joel wegnehmen, für immer. Aber so verlockend der Gedanke auch war, es wäre egoistisch gewesen. Er hatte jetzt einen Sohn, an den er denken musste. Der bloße Gedanke machte ihn immer noch fassungslos.

Nicole könnte ihm vielleicht nützlich sein … Sicher, sie war nicht sein Typ, dafür war sie nicht extrovertiert genug. Doch irgendetwas an ihr machte ihn neugierig. So gut sie ihre sinnliche Seite auch verbergen mochte, er war sich sicher, dass unter der zurückhaltenden Oberfläche tiefe Leidenschaft schlummerte. Sie brauchte einfach nur den richtigen Mann, um ihr wahres Ich zu entdecken. Unter anderen Umständen hätte Rafe dieser Neugierde nachgegeben, doch hier ging es um etwas viel Wichtigeres: um seinen Sohn.

Nicole half ihrem Neffen nach dem Abendessen und einem ausgiebigen Bad, seinen Schlafanzug anzuziehen, und setzte sich dann neben ihn aufs Bett. „Was soll ich dir heute vorlesen?“, fragte sie.

Als er mit einem hoffnungsvollen Ausdruck auf dem niedlichen Gesicht vier Bücher auf einmal hochhielt, wurde ihr schwer ums Herz. Er mochte nur ihr Neffe sein, aber in ihrem Herzen war er ihr Sohn. Und sie würde für ihn kämpfen.

„Vier?“ Sie lächelte. „Ich dachte eher an zwei.“

„Aber ich mag sie alle“, erwiderte Joel ernst und blickte betreten auf die Bücher in seiner Hand. Sich entscheiden zu müssen schien ihn vollkommen zu überfordern.

Nicole seufzte. „Na gut, aber nur ausnahmsweise.“ Natürlich wusste sie nur zu gut, dass sie am nächsten Abend wieder nachgeben würde. Manchmal hatte sie den Verdacht, dass sie diese friedlichen Abende noch mehr genoss als Joel.

Er kuschelte sich an sie und schlug das erste Buch auf, das von einer kleinen Maus handelte, die eine riesige Erdbeere fressen wollte.

Im Stillen fragte Nicole sich immer wieder, ob sie wohl noch einmal von Rafe Medici hören würde. Nachdem er sich weder am vergangenen noch an diesem Tag gemeldet hatte, hatte sie sich ein wenig entspannt. Wie konnte eine einzige Begegnung mit ihm sie nur so sehr verängstigen, dass sie ernsthaft darüber nachdachte, mit Joel das Land zu verlassen?

Tabitha war gestorben, als Joel erst sechs Monate alt gewesen war, und seitdem betrachtete er Nicole als seine Mutter. Sie war diejenige, die er bei sich haben wollte, wenn er sich das Knie gestoßen hatte oder krank war. Sie war diejenige, nach der er die Arme ausstreckte, wenn er eine Umarmung brauchte.

Schon am Tag seiner Geburt hatte Nicole ein enges Band zwischen sich und ihrem Neffen gespürt. Die Entbindung war kompliziert gewesen, und Tabitha hatte ihre Schwester an ihrer Seite gebraucht. Noch im Krankenhaus war Tabitha an einer Infektion erkrankt. Die folgenden sechs Monate waren für alle Beteiligten ein fürchterliches Wechselbad der Gefühle gewesen. Nicole hatte schnell entschieden, weniger zu arbeiten, um ganz für ihre Schwester und ihren Neffen da sein zu können.

Tabitha hatte schon nach kurzer Zeit die Geduld mit sich und ihrer Krankheit verloren und ihre Medikamente nicht mehr regelmäßig genommen. Abends war sie manchmal ausgegangen und hatte sich auf Partys herumgetrieben, während sich Nicole um Joel gekümmert hatte.

Eines Nachts war sie dann einfach zusammengebrochen und mit Blaulicht zurück ins Krankenhaus gebracht worden. Die Infektion hatte sich in ihrem ganzen Körper ausgebreitet. Eine Woche später war sie gestorben.

Am Boden zerstört und geschockt, hatte Nicole sich zunächst darum gekümmert, entsprechend Tabithas Wünschen das alleinige Sorgerecht für Joel zu beantragen. Zwar hatte ihr Vater ihr angeboten, dass sie mit seinem Enkel bei ihm leben könne, doch sie hatte abgelehnt. Ein so verletzliches Kind wie Joel ihrem unberechenbaren Vater auszuliefern war ihr einfach nicht richtig erschienen.

Während sie Joel fester an sich drückte und begann ihm das zweite Buch vorzulesen, spukte Rafe Medicis Drohung noch immer durch ihre Gedanken. Als Nicole bei der vierten Geschichte angelangt war, spürte sie, wie ihr Neffe sich in ihren Armen entspannte und sein Atem ruhig und gleichmäßig wurde.

Nicole musterte sein schlafendes Gesicht und musste lächeln. Vorsichtig legte sie ihn aufs Bett und beobachtete, wie er sich mit geschlossenen Augen unter die Decke kuschelte. Sanft küsste Nicole ihn auf die Stirn, schaltete die Dinosaurierlampe aus und schlich aus dem Zimmer.

Im Wohnzimmer legte sich Stille um sie. Nach Tabithas Tod hatte es Augenblicke gegeben, in denen Nicole befürchtet hatte, der Aufgabe, Joel allein großzuziehen, nicht gewachsen zu sein. Dann hatte sie begriffen, dass sie keine andere Wahl hatte, dass sie sich einfach durchbeißen musste.

Und seit Joel die ersten Zähne bekommen und die Windpocken durchgestanden hatte, stellte sie ihre Kompetenz nicht mehr so häufig infrage. Joel war ein glückliches und gesundes Kind.

Doch an diesem Abend erinnerte die Stille Nicole schmerzhaft daran, dass sie abgesehen von Joel allein war. Ihre Mutter lebte in Frankreich, ihre Schwester war tot, und ihrem Vater konnte sie nicht über den Weg trauen.

Um sich abzulenken, hörte sie leise Popmusik. Dann schenkte sie sich ein Glas Wasser ein und konzentrierte sich auf die Arbeitsunterlagen, die sie an diesem Wochenende bearbeiten wollte.

Aber die Gedanken an ihre Einsamkeit beschlichen sie immer wieder. Zum Glück gab es wenigstens ihre Cousine Julia, die häufig schimpfte, weil Nicole niemals ausging. Ihr fiel es jedoch einfach zu schwer, Joel abends allein zu lassen. Tabitha mit ihren ewigen Partys hätte dieses Problem wohl nicht gehabt.

Ihre Schwester war ein wahrer Männermagnet gewesen.

Nicoles letzte Beziehung hatte geendet, als sie so häufig bei Tabitha im Krankenhaus gewesen war – eine Verpflichtung, für die ihr Freund kein sonderlich großes Verständnis aufgebracht hatte. Eines Tages werde ich vielleicht den Richtigen finden, dachte Nicole. Einen ganz normalen Mann, der kein aufgeblasenes Ego hat und sich auch für andere Dinge interessiert als für seinen Erfolg. Eines Tages – aber nicht jetzt.

Sie zwang sich, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Eine halbe Stunde später klopfte es plötzlich an der Tür. Wer um Himmels willen kam unangemeldet um halb neun bei ihr vorbei?

Als sie aufstand, hatte sie ein ungutes Gefühl. Langsam ging sie zur Eingangstür. Noch während sie einen Blick durch den Spion warf, schien sich eine eiserne Faust um ihr Herz zu schließen. Denn vor der Tür stand ihr fleischgewordener Albtraum.

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