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Der Milliardär

PROLOG

Der sogenannte Amerikanische Traum in den Vereinigten Staaten ist Realität. Tyron Hunter hat ihn gelebt.

Es gibt aber noch eine andere Realität im reichsten Land der Welt. In Phoenix, Arizona, wurde ein zehnjähriger Junge von einem Wespenschwarm angegriffen. Seiner Mutter fehlten zwanzig Dollar für einen Arztbesuch, und so legte sie den Kleinen lediglich in eine Badewanne mit kaltem Wasser, um seine Schmerzen zu lindern. Eine halbe Stunde später war das Kind tot.

Auch Korruption bis hin zur Spitze der Machtpyramide ist Realität. Durch sie blüht die kriminelle Landschaft in diesem Land. So werden jährlich mehr neue Gefängnisse gebaut als Krankenhäuser.

Tyron Hunter, einer der zehn reichsten Amerikaner, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur die Armut, sondern auch das Verbrechen zu bekämpfen. Er griff dabei auf ungewöhnliche Methoden zurück. Seine Geheimwaffe im Kampf gegen die Kriminalität in den USA war eine ganz besondere Art von Männern – Kopfgeldjäger.

Kapitel 1

Januar 1977

Der Blizzard, der am 28. Januar 1977 in Orkanstärke über den westlichen Teil des Bundesstaates New York fegte, ging in die Annalen als “Blizzard of 77“ ein. Der Interstate 90, von Jamestown nach Buffalo, war komplett gesperrt.

Das war ausgesprochenes Pech für die zwei Männer, die an diesem Abend noch nach Hause wollten. Sie versuchten, über den Highway 60 auszuweichen, aber die Sicht wurde immer schlechter. Weit und breit war alles in Weiß gehüllt, von anderen Fahrzeugen rundum nichts zu sehen.

Einen Schneesturm dieser Größenordnung hatte es vorher noch nie gegeben. Er hatte sich auch nicht in irgendeiner Form angekündigt, auf einmal war er da. Natürlich waren Blizzard Warnungen in den Nachrichten, aber Schneestürme gab es jedes Jahr. Für die Einwohner Buffalos, der Schneehauptstadt Amerikas, war das schon Normalität. Sie waren extreme Temperaturen bis minus 40°C gewohnt.

Nur an diesem Freitag war alles anders gewesen. Innerhalb kürzester Zeit war die Temperatur auf minus 50°C gefallen. Der Erie See war zugefroren. Die einzigen Verkehrsmittel waren Snowmobile.

Besorgt warf Tyron Hunter einen Blick auf die Benzinanzeige. Sie hatten weniger als einen halben Tank Sprit. Bei diesem Wetter wäre es ratsam gewesen, mit vollem Tank plus Reservekanister unterwegs zu sein. Er hatte nicht daran gedacht. Das war mehr als fahrlässig, musste er jetzt erkennen.

Jährlich sterben viele Menschen in einem Blizzard. Durch heftiges Schneetreiben orientierungslos geworden, kommen sie von der Straße ab. Innerhalb weniger Stunden völlig zugeschneit, sind ihre Chancen, rechtzeitig entdeckt zu werden, gleich Null. In Abständen den Motor laufen lassen, war ein bewährter Schutz gegen die eisige Kälte. Wie hypnotisiert hängen die Augen der Insassen dann an der Nadel der Benzinanzeige, die sich langsam und stetig nach links neigt, bis der Motor zu stottern beginnt, um schließlich ganz stehen zu bleiben. Eine bleierne Müdigkeit lässt die Opfer eines Schneesturms danach für immer einschlafen.

„Ich fahre bei der nächsten Möglichkeit vom Highway herunterfahren“, sagte Tyron zu dem drei Jahre jüngeren Jason Lorreto. „Es wird immer schlimmer, ich kann kaum noch etwas erkennen.“

„Kein Wunder, wir fahren in Richtung Erie See, da kommt das weiße Zeug ja her.“

„Ich habe ein Schild mit der Abfahrt nach Stockton gesehen, das müsste nun jeden Moment kommen.“ Tyron steckte den Kopf aus dem Fenster, um besser sehen zu können.

„Achtung, da ist die Abfahrt“, schrie Jason.

Hunter bremste scharf ab und versuchte, den nun schlingernden Wagen auf der Straße zu halten.

„Das war knapp.“ Jason Lorreto stieß die angehaltene Luft aus.

„Wenigstens sind wir vom Highway herunter“, sagte Tyron erleichtert. Die Landstraße, auf der sie sich nun befanden, war unter den Schneewehen begraben. Der rote Challenger hinterließ eine einsame Spur im immer tiefer werdenden Schnee. Stockton eine Meile, das Schild war in dem Schneegestöber kaum zu erkennen. Das kleine Village war noch nicht zu sehen. Mit zehn mph schob sich der Wagen durch die weiße Masse. Wie aus dem Nichts heraus, erschien eine Straßenlaterne, dahinter stand in Leuchtschrift Town-Hall. Über einer Kreuzung hing eine Verkehrsampel, deren gelbes Licht sich heftig im Sturm bewegte.

„Da rechts, ein Hotel.“ Jason öffnete das Fenster. Im Licht der Scheinwerfer lasen sie STOCKTON HOTEL. Davor waren viele Wagen am Straßenrand geparkt. Den Autokennzeichen nach kamen die Leute aus Kanada und Pennsylvania. Drinnen schien es lebhaft zuzugehen. Laute Stimmen drangen bis nach draußen.

„Es scheint, als wären wir nicht die Einzigen, die hier Schutz vor dem Blizzard suchen“, meinte Tyron. „Hoffentlich ist noch ein Zimmer frei.“ Er parkte den Wagen und öffnete den Kofferraum. Als die Männer ausstiegen, merkten sie erst, wie sehr die Temperatur gefallen war.

„Das müssen 40° oder kälter sein“, sagte Jason, als der eisige Wind in sein Gesicht schnitt.

„Ich habe keine Lust es herauszufinden“, entgegnete Tyron, während er die Taschen aus dem Wagen holte.

Der Check-In war nicht besetzt. Als Jason auf die Klingel drückte, kam ein hübsches Mädchen die Treppe herunter.

„Good evening“, lächelte sie. „Ist es sehr schlimm da draußen?“

„Schlimm genug. Haben Sie noch ein Zimmer frei?“

„Yes, Sir, ein Doppel- und ein Einzelzimmer.“

„Sehr gut, wir nehmen das Doppelzimmer.“

„Füllen Sie das bitte aus“, das Mädchen schob Tyron ein Formular hin. „Ihr Zimmer hat die Nummer sieben im ersten Stock. Werden Sie morgen weiterfahren?“

„Wenn der Sturm vorüber, und der Highway wieder offen ist, ja. Ansonsten werden wir wohl noch bleiben müssen. Haben Sie das ganze Jahr hindurch geöffnet?“

„Nur das Restaurant, das Hotel ist von November bis April geschlossen.“

„Was ist von April bis November?“, fragte Jason neugierig.

„Da kommen die Touristen.“

„Touristen, hier?“

Das Mädchen warf ihm einen Blick zu, als könne sie seiner Frage nicht folgen.

„Wir kommen aus Buffalo“, entschuldigte Tyron.

„Dann müssten Sie doch informiert sein.“

„Informiert? Worüber?“

„Über unsere Höhlen, und unterirdischen Seen. Wir haben ganze Landschaften unter der Erde. Die Leute kommen von überall her, sogar aus Kalifornien und Colorado“, sagte das Mädchen stolz.

„Und warum habt ihr jetzt geöffnet?“, fragte Tyron.

„Wegen des Blizzards. Heute Nachmittag, so gegen drei Uhr, trafen die ersten Wagen ein, um vor dem Sturm Schutz zu finden. Danach kamen immer mehr Leute, und so hat sich mein Vater entschlossen, den kompletten Hotelbetrieb aufzunehmen, bis die Straßen wieder frei sind.“

„Auch die Küche?“

„Na klar, bis acht Uhr.“

„Großartig, da haben wir ja noch zwei Stunden Zeit.“

„Ist in dem Zimmer ein Telefon?“

„In jedem Zimmer ist ein Apparat. Wir sind schließlich nicht irgendwo in den Appalachen.“

„Natürlich nicht, war nicht so gemeint.“ Tyron schenkte ihr sein schönstes Lächeln. Er kam immer gut an bei den Frauen. Fünfunddreißig Jahre alt und durchtrainiert waren die neunzig Kilo gut über seine 1,85 Meter große Statur verteilt. Das strohblonde Haar, komplettiert durch grüne Augen, machten ihn zum Blickfang für das weibliche Geschlecht.

Jason Lorreto war genau das Gegenteil. Einen Kopf kleiner, dunkelhaarig mit weichen Gesichtszügen und braunen Rehaugen, die verträumt in die Welt blickten. Tyron Hunter traf die Entscheidungen und führte, Jason folgte.

„Sehen wir Sie später noch?“, fragte Tyron das Mädchen.

„Ja, solange die Gäste Hunger und Durst haben, werde ich wohl arbeiten müssen.“

„Dann freue ich mich auf nachher.“

Diesmal lächelte das Mädchen zurück.

Die zwei Männer gingen die Treppe nach oben. Das Zimmer war groß und freundlich. Vom Fenster aus konnte man sehen, dass der Challenger schon völlig mit Schnee bedeckt war.

„Morgen werden wir schaufeln müssen“, dachte Tyron.

„Ich habe Hunger“, merkte Jason an. „Übrigens, süße Maus die Kleine, gefällt sie dir auch?“

„Ja, ganz nett, aber du bist verheiratet und ich bin auch liiert“, antwortete Tyron auf dem Weg nach unten.

Eine laute Gesprächskulisse empfing sie, als sie die Tür zum Restaurant öffneten. Die Gäste schienen in bester Laune zu sein. Am Ende der langen Bar fanden die zwei Männer noch Platz, wo sie dann auch gleich ihre Bestellung aufgaben. Das Gesprächsthema war natürlich der Blizzard.

Etwa zwanzig Männer und Frauen saßen an der langen Bar. Die Schicksalsgefährten spendierten einander eine Getränkerunde nach der anderen, während draußen der Schneesturm die Häuser unter sich begrub. Eine Menge Dollarscheine wechselten die Besitzer.

Tyron sah dem Treiben amüsiert zu. Ein plötzlicher Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Den Autos nach zu urteilen, kamen die Leute aus der Mittelklasse Amerikas, mit begrenztem Einkommen. Dennoch gaben sie ihr Geld hier relativ leichtfertig aus. Tyron sinnierte vor sich hin: Was wäre, wenn er von jedem Einzelnen hier fünf oder zehn Dollar erhalten würde, um diese dann zu investieren – und das jeden Monat, über Jahre hinweg? Das könnte sich jeder leisten, manch einer sogar bedeutend mehr. Das Geld würde sich nach dem Gesetz der Multiplikation vermehren. Natürlich würde es einige Jahre dauern, Jahrzehnte sogar, aber es würde sich für jeden von ihnen lohnen.

Zu viele Menschen in den Vereinigten Staaten haben keinerlei Ersparnisse. Vielleicht fehlt ihnen der Anreiz zum Sparen. Investitionen hingegen gaben immer Anreiz. Jeder kann sich damit eine finanziell gesicherte Zukunft aufbauen und vieles mehr. Auch Leute mit geringem Einkommen müssten davon überzeugt werden, dass es Möglichkeiten gibt, auch kleinere Summen gewinnbringend anzulegen.

Das Essen kam. Während Tyron aß, rechnete er. Es gab in der Metropolregion von Buffalo circa eine halbe Million Haushalte. Die Hälfte davon kann an eine Investition im herkömmlichen Sinne nicht einmal denken. Jedoch haben auch diese Menschen Wünsche und Träume, ihre Kinder aufs College zu schicken oder eine gesicherte Zukunft für sich selbst aufzubauen.

Den Meisten wäre das sicherlich fünf Dollar im Monat wert. Mit einer Einlage von fünf, zehn oder zwanzig Dollar pro Haushalt und Monat ergäbe das etwa zweieinhalb Millionen Dollar. Bei einer gesetzlich erlaubten Provision von fünf Prozent wäre das ein Einkommen von $ 125.000 ...im Monat, Jahr für Jahr.

Tyron wurde es ganz heiß. Er schob den Teller zur Seite und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Bierglas.

„Was ist los, schmeckt dir das Essen nicht?“, fragte Jason erstaunt.

„Das Essen ist gut, aber mir kam soeben eine irre Idee.“

„Na, lass hören.“

„Du wirst mich für verrückt halten, wenn ich dir das jetzt sage.“

„Das werde ich auch, wenn du es mir nicht sagst.“

„Also gut. Was fällt dir bei den Leuten hier auf?“

Jason wendete den Kopf nach allen Seiten. „Die trinken zu viel.“

„Gut beobachtet“, sagte Tyron spöttisch. „Sie geben dafür relativ viel Geld aus. Jede Runde kostet dem jeweiligen Spender fünfzehn Dollar, und das vielleicht mehrmals an diesem Abend. Der Dicke da hinten hat schon drei Runden spendiert. Mir kamen gerade folgende Gedanken.“ Tyron erläuterte seine Idee.

„Wenn ich nicht den ganzen Abend mit dir zusammen gewesen wäre, würde ich denken, du hättest auch getrunken und zwar reichlich. Du bist verrückter als ich dachte.“ Jason schüttelte den Kopf. „Wie willst du von fremden Menschen Geld bekommen? Vielleicht mit einem alten Hut auf der Main Street?“

„Natürlich nicht, aber denke doch mal nach.“ Tyron sah den Freund eindringlich an. „Was haben wir heute Morgen getan?“

„Wir gaben ein Seminar in der Jamestown High School.“

„Und was erhoffen wir von diesem Seminar?“

„Na ja, dass die Lehrer ihr Geld bei uns anlegen.“

„Richtig, und sie werden dies auch tun. Need und Greed, Bedarf und Habgier, steuern nämlich das Denken der Menschen. Wir werden in unserem Geschäft nie reich werden, denn es gibt zu viel Konkurrenz und nicht genügend Klienten. Was wir brauchen, sind mehr Klienten und weniger Konkurrenz. Denke doch mal über folgendes nach: Hunderttausend, ach, was rede ich, Millionen von Menschen würden nur einen winzigen Teil ihres Einkommens bei uns anlegen …,den Rest überlasse ich deiner Vorstellungskraft.“

Jason winkte dem Bartender. „Einen doppelten Wild Turkey bitte, das brauche ich jetzt.“ Er leerte das Glas Bourbon in einem Zug, schüttelte sich und sah den Freund ernst an. „Du bist der beste Verkäufer, den die Brookside Agentur je hatte. Jedes Jahr landest du unter den Top Ten im ganzen Land, reicht dir das denn nicht?“

„Es geht nicht nur um das Geld, es geht um die Idee. Sie ist einfach genial.“ Die fast fanatische Begeisterung in Tyrons Stimme war nicht zu überhören. „Wir könnten die bescheidenen Wünsche dieser Menschen erfüllen. Ja, wir könnten ihre Träume wahr machen!“

„Ich glaube, ich brauche noch einen Bourbon.“

„Lass den Unsinn, Jason, ich meine es ernst.“

„Das glaube ich dir sogar, und in der Theorie klingt die Sache auch ganz gut, aber wie stellst du dir den praktischen Teil dabei vor?“

„Ganz einfach, wir gehen sammeln.“

„Oh super, wir gehen sammeln. Das ist natürlich eine großartige Idee.“ Jason stieß ein fast hysterisches Lachen aus. „Also doch mit einem alten Hut?“

„Natürlich nicht.“

„Wie dann, etwa von Tür zu Tür?“

„Ja, aber nicht nur. Zuerst sprechen wir in den Kirchen vor und bitten den jeweiligen Geistlichen um eine kurze Redezeit am Ende des Gottesdienstes. Ich würde dann über ein Thema sprechen, das besser bei den Menschen ankäme, als die Predigt des Pastors. Die Zukunft ihrer Kinder würde das Highlight meiner Message sein. Die Leute sollten daran erinnert werden, dass die Sklaverei nicht ausgestorben ist, es gibt sie immer noch. In Buffalo schuften die Männer in Lackawanna bei Bethlehem Steel. Irgendwann werden sie an Lungenkrebs krepieren, nur um Platz für ihre Söhne zu machen, denen dann das gleiche Schicksal widerfahren wird. Keiner von ihnen kommt aus diesem Teufelskreis je heraus. Das ist die bittere Tatsache. Aber es muss nicht so sein, denn es gibt einen anderen Weg.“ Tyron nahm einen Schluck aus seinem Bierglas. „Was glaubst du, wie gebannt die Menschen in der Kirche meinen Worten folgen werden, denn wir haben die Antwort auf ihre Gebete und nicht ihr Pastor. Der fährt nach der Predigt in seinem dreihundert Dollar Anzug mit dem Cadillac nach Hause.“ Tyron schnalzte mit der Zunge. „Yes Sir, das ist der Weg.“

„Jetzt reicht es, Bartender noch einen Bourbon.“ Man konnte Jason ansehen, dass er total überfordert war. „Von welchen Kirchen redest du überhaupt? Ich kann uns jetzt schon bei dem Bischof der Polnisch-Katholischen Kirche mit deiner Idee vorsprechen sehen. Der lässt uns glatt verhaften.“

„Nicht die katholische Kirche – der Ort für unser Vorhaben wird die East Side sein.“

„Bist du wahnsinnig“, protestierte Jason, während seine Augen wieder nach dem Bartender suchten. „Da wohnt die ganze schwarze Bevölkerung von Buffalo. Hast du denn überhaupt eine Vorstellung davon, wie gefährlich es dort für zwei weiße Jungs mit Geld in der Tasche ist? Liest du denn keine Zeitung?“

„Beruhige dich, wenn es sich erst einmal herumspräche, was wir vorhaben, wird nichts passieren. Schließlich würden wir dort ansetzen, wo es am nötigsten wäre, und wo unser Staat bislang versagt hat.“

„Oh Mann!“ Jason blickte in Richtung TV, wo gerade katastrophale Bilder von Buffalo gezeigt wurden. Die Windgeschwindigkeit des Blizzards hatte weiter zugenommen. Bis zu zehn Meter hohe Schneeverwehungen, die bis an die Elektrizitätsleitungen reichten, hatten die Stadt unter sich begraben. Wild verstreut standen tausende havarierter Autos auf den Straßen und behinderten die Räumfahrzeuge. „So wie es aussieht, werden wir wohl das Wochenende hier bleiben müssen.“

„Genügend Zeit, um alles zu besprechen“, fügte Tyron hinzu.

Jasons Gesicht nahm wieder den skeptischen Ausdruck an. „Okay, nehmen wir einmal an, unsere Geldsäcke wären voller fünf, zehn und zwanzig Dollarscheine. Was dann?“

„Ganz einfach, wir teilen die einzelnen Anleger zu je zwanzig Personen in Investmentclubs auf. Das ist die legale Formulierung für Anleger, die als Gruppe investieren möchten. Die Leute machen das aus verschiedenen Gründen. In unserem Fall, weil es vielleicht der einzige Weg wäre, um einen akzeptablen Anlagebetrag zu erhalten. Danach werden wir uns einen Anwalt suchen und die einzelnen Clubs registrieren lassen. Das Geld legen wir dann in konservative Investment Fonds an. Als Mitglied der National Association of Security Dealers wären wir dazu autorisiert.“

„Und was ist mit dem bürokratischen Teil? Jährlich müssten Statements verschickt werden. Wenn die Geldlawine auf uns zurollte, würde ein riesiger Apparat mit hunderten von Mitarbeitern nötig sein, um dies zu bewältigen.“ Jason schien der Verzweiflung nahe.

„Das stimmt nicht ganz“, antwortete Tyron gelassen. „Es wären tausende von Mitarbeitern erforderlich, denn wir würden uns wie ein Virus in ganz Amerika verbreiten. Nur würde dieser Virus den Menschen gut tun.“

„Du bist nicht nur verrückt, Tyron, du leidest auch unter Größenwahn.“

„Ganz und gar nicht, ich erlaube mir nur einen Blick in die Zukunft. Aber lass uns das Thema wechseln und noch ein wenig Spaß haben, heute Abend. Morgen können wir uns weiter unterhalten.“ Tyron bestellte noch zwei Bier, während seine Augen das Mädchen vom Empfang suchten.

Auch am nächsten Tag tobte der Sturm mit unverminderter Stärke weiter. Von Tyrons Challenger, sowie den anderen Fahrzeugen war nichts mehr zu sehen. Aus Toronto waren zusätzliche Schneeräummaschinen nach Buffalo gekommen, um bei den Arbeiten zu helfen. Auch die National Guard wurde eingesetzt. Um 20:00 Uhr erklärte Präsident Jimmy Carter die Stadt schließlich zum Katastrophengebiet. Über dreihundert Menschen hatten in dieser Nacht ihr Leben verloren. Andere, die es nicht mehr nach Hause geschafft hatten, waren in Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen untergebracht worden.

Am Frühstückstisch war der Blizzard wieder das Hauptthema. „Ich komme aus Pittsburgh“, meldete sich ein Gast zu Wort. „Ich habe gerade mit meiner Frau telefoniert. Bei uns hat es auch ganz schön geschneit, aber die Straßen sind wenigstens nicht gesperrt. Doch um zu diesen Straßen zu kommen, muss ich hier ausharren, bis der Interstate 90 freigegeben wird.“

„Was macht ein Mann aus Pittsburgh in Western New York?“, fragte Tyron.

„Ich arbeite bei IBM und war auf dem Weg zu einer Firma in Toronto, um die Leute dort an einem Großrechner von uns einzuweisen. Der verdammte Blizzard hat mich dann überrascht.“

„Uns erging es ähnlich“, erzählte Tyron. „Wir hatten eine Schule in Jamestown besucht. Eigentlich hätten wir in Jamestown bleiben sollen, aber wir dachten, über den Highway 60 könnten wir es noch nach Buffalo schaffen. Beinahe wäre uns dies zum Verhängnis geworden, hätten wir nicht im letzten Moment die Abfahrt Stockton entdeckt.“

„Sie besuchten eine Schule?“, fragte der spendierfreudige Mann vom Vorabend. „Sind Sie Lehrer?“

„Um Gottes Willen, wir sind Wertpapierhändler und Berater für die New York State Teacher Association.“

„Kein Geld mehr für Wertpapiere, habe gestern Abend alles ausgegeben“, der Dicke lachte glucksend.

„Das habe ich gesehen“, dachte Tyron. Zu dem Mann aus Pittsburgh gewandt: „Fahren Sie weiter nach Toronto, wenn die Straßen geräumt sind?“

„Nein, ich kehre um und fahre zurück nach Pittsburgh.“

„Welche Art von Computern stellt IBM her?“

„Hauptsächlich Groß- und Abteilungsrechner für Unternehmen.“

„Das hört sich interessant an.“ Tyron fand diesen jungen Mann sympathisch. „Was ist Ihr Tätigkeit?“

„Ich bin Programmierer.“

„Ich gehe ein wenig an die Luft“, unterbrach Jason.

„Gute Idee, ich komme mit. Übrigens mein Name ist Tyron Hunter.“ Er reichte dem IT-Spezialisten die Hand.

„Ich bin Robert Shannon, war nett, mit Ihnen zu plaudern.“

„Wir sehen uns später, Robert.“ Draußen empfing sie eine beißende Kälte. Die Schneeverwehungen reichten bis unter die Dächer der Häuser. Das Village war unter der weißen Masse begraben. Die Kälte trieb die Männer wieder in das Hotel zurück.

„Gehen wir auf unser Zimmer“, sagte Tyron. „Ich möchte, dass du alles notierst, was ich dir jetzt erkläre. Danach gehen wir noch einmal über das Ganze, Punkt für Punkt. Meine Idee wird dir dann weniger unrealistisch erscheinen als gestern Abend. Also wenn wir zurück sind, nehmen wir uns die East Side von Buffalo vor. Zuerst die Kirchen, es sind ja keine Kirchen im herkömmlichen Sinne. Oft handelt es sich nur um ehemalige Geschäfte oder andere größere Räume, die zu einer Kirche umgestaltet wurden. Daher der Name Storefront Church. Diese religiösen Gemeinden sind klein, meistens zwischen fünfzig und zweihundert Gläubigen. Wir werden ein Gespräch mit dem jeweiligen Geistlichen suchen, mit dem Anliegen, am Ende der Predigt fünfzehn Minuten Redezeit zu erhalten. Ich werde die Leute daran erinnern, dass Gott nur denen hilft, die sich selbst helfen. Warum sollte nicht jedes Kind eine College oder Universität besuchen können? Ich werde ihnen klar machen, dass es finanzielle Instrumente gibt, die auch sie nützen könnten. Unser Erscheinen in den Kirchen wird eine erstklassige Referenz sein und uns eine Vertrauensbasis schaffen. Natürlich werden wir Hilfe benötigen, und nach und nach Mitarbeiter einstellen müssen, aber das ist alles noch Zukunftsmusik.“

„Hoffentlich ist der Wahnsinn nicht ansteckend“, stöhnte Jason.

„Wir dürfen allerdings nie vergessen“, fuhr Tyron ungerührt fort, „dass wir es mit einfachen Gemütern zu tun haben werden. Viele von ihnen sind aus den Südstaaten zugewandert und haben meist keinen High School Abschluss. Da die ganze Thematik sehr erklärungsintensiv ist, müssten wir uns hierzu etwas einfallen lassen. Es ist äußerst wichtig, dass ein jeder versteht, auf was er sich einlässt. Sonst werden wir irgendwann mit der Börsenaufsicht Probleme haben.“ Tyron Hunter glühte förmlich vor Begeisterung. „Glaube mir, wir werden es schaffen und unsere gesetzten Ziele erreichen.“

„Holy cow, Tyron, das Ganze kommt mir vor, wie ein sehr empfindliches Uhrwerk, wo nur ein einziges Körnchen Sand genügt, um es zu zerstören.“

„Der Vergleich ist nicht schlecht, damit hast du den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Wir müssen eben verhindern, dass Sand in unser Uhrwerk hineinkommt.“ Tyron blickte auf seine Uhr. „Wie doch die Zeit vergeht, ich habe schon wieder Hunger. Gehen wir nach unten.“

Shannon winkte ihnen zu, als sie ins Restaurant zurückkehrten. Die Männer dort vertrieben sich die Zeit mit Pokern. Fünf Spieler saßen an einem runden Tisch. Einer der Spieler erhob sich. „Das Spiel werde ich nie lernen, Sie können meinen Platz einnehmen“, bot er Tyron an.

Dieser setzte sich. „Hast du Lust, Jason?“

„Nein, danke. Ich bin an der Bar, wenn du mich suchst.“

„Welche Pokervariante spielen wir?“

„Seven Card Stud, Einsatz einen Dollar. Limit fünf Dollar”, antwortete Shannon.

Bei dieser Variante sind die ersten zwei Karten und die letzte Karte, also die siebte, verdeckt. Alle anderen Karten liegen offen auf dem Tisch.

„Dann wollen wir mal.“ Shannon war der Dealer.

Tyron liebte Poker, obwohl er sonst von Glücksspielen nicht allzu viel hielt. Auch würde er nie mit hohem Einsatz spielen. Nach einer Stunde hatte er fünfzig Dollar verloren und noch kein einziges Spiel gewonnen. Bis jetzt hatte er ausgesprochenes Pech gehabt. Beim nächsten Spiel hielt er zwei Könige in der Hand, auch seine dritte Karte war ein König. Die vierte war eine Zehn. Noch drei Karten. Wenn sich darunter noch ein König befände, hätte er ein verdammt gutes Blatt.

Der Mann aus Pittsburgh hatte zwei Damen auf dem Tisch liegen. Er legte fünf Dollar in den Pot, der inzwischen zu einer ansehnlichen Summe herangewachsen war. Ein zweiter Spieler warf seine Karten hin.

Tyron beäugte sein Blatt. Drei Könige und eine Zehn, er hielt mit.

Mit den nächsten Karten erhielt Shannon seine dritte Dame, die Chancen für ein Full House standen bei ihm gut.

Tyrons, aufgedeckten Karten ließen im Moment höchstens eine Straße vermuten. „Auch für mich stehen die Chancen für ein Full House nicht schlecht“, dachte er.“ Er würde schließlich noch zwei weitere Karten erhalten. Er warf einen fünf Dollarschein in den Pot, zum Mithalten.

Mit einem zuversichtlichen Grinsen verdoppelte Shannon den Einsatz.

Ein weiterer Spieler stieg aus. Nun waren es nur noch Shannon und Tyron.

Die vorletzte Karte für Shannon war eine Zehn.

Tyron erhielt die Herz Sieben. „Das sieht nicht gut aus“, dachte er. Wieder wanderten die grünen Scheine in die Mitte. Die letzte Karte blieb verdeckt. Langsam drehte Tyron sie um. Wow, es war der vierte König.

Shannon schien zuversichtlich und mit seinen Karten äußerst zufrieden zu sein. Tyron wusste aber, dass er gewonnen hatte. Sein Mitspieler konnte nur vier Königinnen oder ein Full House haben, und das war nicht gut genug.

Shannon warf seine Scheine in den Pot, Tyron verdoppelte den Einsatz. Sein Gegenüber schien zu zögern, da Tyrons aufgedeckte Karten keinerlei Hinweis auf ein gutes Blatt gaben.

„Sie bluffen“, sagte Shannon mit einem unsicheren Lächeln.

„Try me“, erwiderte Tyron trocken.

„Also gut, ich erhöhe.”

„Ich verdoppele den Einsatz.”

„Da bin ich mal gespannt.“ Das waren auch die vielen Zuschauer, die inzwischen neugierig um den Tisch herumstanden.

„Ich möchte sehen“, forderte Shannon endlich.

Tyron legte zwei Karten auf den Tisch. „Ich habe zwei Könige und dann – noch diese zwei Könige.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, während der Verlierer auf die vier Könige vor sich starrte.

„Ich dachte, mein Full House wäre gut genug“, seufzte Shannon und reichte Tyron die Hand.

„Dafür werden Sie heute mein Gast sein“, tröstete ihn Tyron.

Kapitel 2

Nach vier Tagen war der Sturm abgeflaut und in östliche Richtung weitergezogen. Die Sonne war endlich herausgekommen, und ihre Strahlen reflektierten sich in den Trillionen von Schneekristallen.

Gierig zog Tyron die frische, klare Luft in seine Lungen ein. „Ist das nicht wunderschön, Jason?“

„Sehr schön, aber vergiss nicht, weiter zu graben.“ Es dauerte eine Stunde, ehe der Challenger soweit vom Schnee befreit war, dass man ihn bewegen konnte. Auch die Einwohner von Stockton waren damit beschäftigt, ihre Häuser und Fahrzeuge frei zu schaufeln. Schneepflüge hatten inzwischen die Highways wieder fahrbar gemacht.

Tyron tauschte mit Robert Shannon Visitenkarten aus.

„Wenn Sie mal im schönen Pennsylvania sind, kommen Sie bei uns vorbei, ich möchte meine Piepen zurückgewinnen“, lautete die Einladung von Shannon.

„Das gleiche gilt für Sie, sollten Sie irgendwann in die Nähe von Buffalo kommen.“

Gegen zwölf Uhr befanden sich Tyron und Jason auf dem Weg nach Hause. Auf dem Interstate 90 war in ihre Richtung nur eine Fahrbahn geräumt. Die Wagen waren gezwungen, hintereinander zu fahren, denn Überholen war nicht möglich. Links und rechts war eine drei Meter hohe Schneewand, sodass man das Gefühl hatte, durch einen Tunnel zu fahren.

In Orchard Park, hielt Tyron vor Jasons Haus. Dieser hatte vor zwei Jahren geheiratet und war erst vor einigen Monaten in dieses Splitt Level eingezogen.

„Willst du noch für ein Bier mit hereinkommen? Pamela würde sich freuen.“

„Nein, danke, Serena wartet auf mich. Wir sehen uns ja am Wochenende. Und vergiss nicht: Kein Wort über unser besprochenes Thema, das bringe ich den Girls am Samstag selbst bei.“

Tyron steuerte den Wagen in Richtung Sky Way, der in dreißig Metern Höhe über Buffalo hinweg führte. Von hier oben hatte man eine grandiose Aussicht über die Stadt. Immer wieder schüttelte er den Kopf, als er die Schneemassen unter sich sah. Es würde Wochen dauern, bis die Aufräumarbeiten beendet wären.

Es waren noch fünfzehn Meilen bis Grand Island. Auf der Grand Island Bridge hielt er an, um die Maut zu bezahlen. Seit zwei Jahren lebte er nun am West River Parkway, direkt am Niagara River. Hier hatte er eine wunderschöne Aussicht auf den breiten Fluss, der ein paar Meilen weiter sechzig Meter in die Tiefe stürzte.

Die Niagara Fälle lockten jährlich Millionen von Besuchern aus aller Welt an. Aber das war nicht der Grund, warum Tyron auf die Insel gezogen war. Lange Zeit vorher hatte er schon den Wunsch gehegt, sich einen 410-Commander zuzulegen, bis im Sommer des letzten Jahres sein Traum endlich in Erfüllung ging. Das Motorboot war ein sechs Jahre alter, zwölf Meter langer Kabinenkreuzer mit zwei 375 PS Inboard Dieselmotoren. An diesem Traum würde er nun fünf Jahre lang bezahlen.

Der kleine Yachthafen war nur drei Minuten zu Fuß von seinem Haus entfernt. Bei der Einweihungsfeier mit mehreren Freunden an Bord waren sie den Niagara River flussaufwärts nach Goat Island gefahren. Auf der kleinen Insel befand sich ein Restaurant, das ein beliebter, kulinarischer Treffpunkt für Bootsbesitzer war. Bis spät in die Nacht hinein lagen hellerleuchtete Yachten an den Anlegestegen rings um die Insel. Ab und zu ließ sich die Wasserpolizei sehen, aber das störte niemanden. Fluss abwärts, vor den Fällen, war zur Sicherheit für havarierende Boote eine Sperrmauer errichtet worden.

Serenas gelber Barracuda stand in der vom Schnee frei geräumten Einfahrt des Bungalows. Sie öffnete die Tür, noch ehe er Zeit hatte zu klingeln.

„Hello Fremder, suchen Sie etwas Bestimmtes hier?“

„Ja, einsame Frauen, darf ich rein kommen?“

„Lass doch den Quatsch“, entgegnete sie und fiel ihm um den Hals. Serena Peterson war zehn Jahre jünger als er. Mit einer Größe von 1,80 Meter, dem langen, blonden Haar und den strahlend blauen Augen war sie ein echter Headturner. Sie hatten sich vor fünf Jahren in einem Karate-Dojo kennen gelernt. Beide waren Träger des Schwarzen Gürtels. Serena war Sportlehrerin an der hiesigen High School.

„Wer hat den Driveway geräumt“?, fragte er neugierig.

„Das war Billy, er fährt mit seinem kleinen Traktor durch die Nachbarschaft, um sich ein wenig Taschengeld zu verdienen. Er spart nämlich für sein eigenes Boot.“

Billy war der fünfzehnjährige Sohn von Terence Snyder, dem Besitzer des Bootshafens. Snyder war alleinerziehender Vater. Seine Frau hatte vor drei Jahren auf dem Skyway einen tödlichen Unfall.

„Na ja, solange es nur Billy ist“, meinte Tyron scherzend, denn es war allgemein bekannt, dass Snyder auf der Suche nach einer neuen Frau war.

„Ach komm schon, das ist doch nicht dein Ernst?“

„Was denkst du?“ Er zog sie auf das Sofa vor dem prasselnden Kaminfeuer.

„Du hast mir gefehlt“, flüsterte sie, ehe er ihren Mund mit einem Kuss verschloss.

„Hast du Hunger?“, fragte sie atemlos, als er sie wieder losließ.

„Nur nach dir.“

„Wie wäre es mit einem Manhattan on the Rocks?“

„So früh? Es ist noch nicht einmal drei Uhr.“

„Blizzard Ausnahmezustand, wir haben fünf Tage nachzuholen.“

„Dann werde ich mich erst einmal umziehen.“

„Dein Kimono liegt auf dem Bett“, rief sie ihm zu.

„Wie war es denn so in Jamestown?“, fragte Serena, als sie mit ihren Drinks vor dem Kamin saßen.

Tyron biss sich auf die Unterlippe und sah sie prüfend an, als ob er die Antwort erst überlegen müsste.

Sie kannte diesen Ausdruck in seinem Gesicht und wusste, dass es nun interessant werden würde.

„Dieser Sturm, wurde uns vom Schicksal gesandt. Durch den Blizzard wird sich unser ganzes Leben verändern.“

Verständnislos sah sie ihn an. „Ist es möglich, dass du verschüttet warst, und dein Gehirn eine Zeit lang Sauerstoffmangel hatte?“

„Ich kann dir im Moment nicht mehr darüber erzählen, aber wir werden am Samstag Jason und Pamela besuchen, dann wirst du alles erfahren.“

„Oh no, das kannst du nicht machen. Weißt du, wie viele Tage es noch bis dahin sind?“

„Genau drei Tage. Leg doch bitte mein Lieblingslied von Bobby Hatfield, Unchained Melody, auf.“

Serena kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass hiermit das Thema für ihn beendet war. Sie hatte die Gardinen geschlossen, das einzige Licht kam von dem flackernden Feuer im Kamin.

Kapitel 3

„Das kann doch nicht dein Ernst sein?“ Ungläubig starrte Serena auf Tyron, als er seine Geschichte beendet hatte.

Jason sah amüsiert zu. Er hatte das alles bereits hinter sich.

„Warum nicht? Willst du dich vielleicht dein ganzes Leben lang mit den verwöhnten Kids in deiner Schule herumärgern? Oder du, Pamela, hast du vor, die nächsten dreißig Jahre weiterhin in dem kleinen Vorzimmer der Anwaltskanzlei zu verbringen? Wir werden etwas Revolutionäres in Gang bringen. Wie heißt es so schön: Gott liebt die Sieger – und die Menschen auch. Umdenken ist ein uraltes Problem. Als die ersten Eisenbahnen die unglaubliche Geschwindigkeit von fünfundvierzig mph erreichten, wurden Stimmen laut, dass dies gesundheitsgefährdende Folgen haben würde. Heute fliegen wir mit Mach sieben um die ganze Welt. Leider halten es die meisten Menschen mit ihrer Fantasie wie ein Kettenhund. Die Länge der Kette bestimmt die Freiheit des Tieres. Lasst doch eurer Fantasie freien Lauf. Die Erde ist doch keine flache Scheibe mehr.“ Tyron machte eine kleine Pause, um seine Worte wirken zu lassen.

„Also, zuerst müssen wir natürlich einen Büroraum anmieten. Jason und ich werden in den Kirchen die ersten Kontakte knüpfen. Danach nehmen wir uns die einzelnen Haushalte vor. Nach einiger Zeit werden andere diese Laufarbeit für uns erledigen. Unsere künftigen Helfer sollten alle von der East Side kommen. So schaffen wir auch noch Arbeitsplätze, was allgemein bestimmt gut ankommen wird. Wir werden sehr viel Arbeit delegieren müssen, also brauchen wir vertrauenswürdige Mitarbeiter. Es sollten hauptsächlich Frauen sein, die nicht berufstätig sind. Es wird eine Menge Geld fließen. Natürlich wissen wir jetzt noch nicht, wie hoch unsere Ausgaben sein werden. Die Unkosten werden steigen, aber ebenso das Kapital, das man uns anvertrauen wird.“ Tyron blickte in die Runde. Die Gesichter der Frauen waren etwas weniger skeptisch als zuvor.

Serena wusste, dass er sich an einer Idee förmlich festbeißen konnte. Er war dann durch nichts mehr aufzuhalten. Dennoch musste sie sich eingestehen, der Gedanke an dieses Unternehmen hatte seinen Reiz, es roch nach Abenteuer.

„Was ist, wenn irgendwann die ganze East Side bearbeitet sein wird, gehen wir dann in Rente?“, wollte die zierliche Pamela wissen.

„Nein, dann fängt die Sache erst an, interessant zu werden. Jede Stadt in New York hat seine East Side und jeder Staat in Amerika hat solche Städte.“

„Okay, ich bin dabei“, sagte Pamela resigniert, was bleibt mir schon anderes übrig.“

„Das muss begossen werden“, kam es von Jason.

Der Sektkorken knallte an die Decke, die Gläser klirrten.

Kapitel 4

„Könnten Sie mir das noch einmal erklären?“, fragte der Reverend der Presbyterian Kirche ein wenig irritiert. Er war ein großer Farbiger im dreiteiligen Anzug, der eher wie ein Anwalt als ein Seelsorger aussah.

„Wahrscheinlich ist der teure Lincoln vor der Tür sein Wagen“, dachte Tyron. „Reverend Stone, ich bin sicher, Sie stimmen mir bei, dass es das Ziel einer Kirche ist, für das seelische, wie auch das leibliche Wohl der Gemeinde Sorge zu tragen. Dazu gehört auch die Zukunft der Jugend“, sagte Tyron eindringlich. „Es genügt nicht, jeden Sonntag ein paar Dollar in den Klingelbeutel hineinzuwerfen. Denn für jeden Dollar, der hineingeht, kann man auch nur einen Dollar wieder herausholen. Aus diesem Grunde wird niemals genug Geld für die Glaubensgemeinde vorhanden sein, nicht einmal für die nötigsten Dinge, in anderen Worten, man tritt auf der Stelle.“

Tyron blickte sich um. „Ihr Gottesdienst findet hier in diesem Raum statt. Wenn ich nicht irre, war das ein ehemaliger Woolworth Store. Ein Gotteshaus sollte doch ein viel ehrwürdigerer Ort sein. Der Bau einer Kirche mit dem Ertrag aus einem steuerbegünstigten Fond wäre durchaus realisierbar. Ihre Glaubensgemeinde würde dadurch wachsen. Mit Ihrer Unterstützung, Reverend Stone, wäre es möglich, dass für jeden einzelnen Dollar, der gespendet wird, fünf, sieben oder gar zehn Dollar zurückkommen. Es bräuchte Zeit, aber einmal angefangen, würde es das Leben eines jeden Mitglieds Ihrer Gemeinde verbessern und ein unumkehrbarer Erfolg werden. Auch die Kirchen müssen sich dem allgemeinen Fortschritt des zwanzigsten Jahrhunderts anpassen.“

Der Reverend hatte Tyron mit wachsendem Interesse zugehört. Er lehnte er sich nachdenklich in seinem Stuhl zurück. Das alles klingt sehr gut, und was Sie über Fortschritt sagten, da bin ich ganz Ihrer Meinung. Nur eines macht mir Sorgen, und bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, aber wie sind diese Investments denn abgesichert?“

„Das ist eine durchaus berechtigte Frage. Jeder Investment-Club wird über einen hiesigen Anwalt registriert werden. Das Geld wird von einem Geldinstitut als Sonderkapital verwaltet und zwar getrennt vom Eigen- oder Fremdkapital des Instituts. Die Einzahlung der eingegangen Gelder bei der Bank erfolgt wöchentlich, sodass sich nie eine größere Summe bei Freedom Investments ansammeln wird.“

„Das gefällt mir soweit, aber woher kommt das Geld für Ihr Unternehmen?“

„Unter dem Securities Act von 1933 ist die Entnahme von Kapital für anfallende Betriebskosten und Provisionen streng reguliert.“

„Wie hoch ist dabei das Risiko für die Anleger?“

„Es kommen nur konservative Investmentfonds in Betracht. Natürlich gibt es keine Garantien, außer man legte sein Geld in einem Sparbuch fest, aber das ist inflationsbedingt immer ein garantierter Verlust. Noch etwas möchte ich hinzufügen, Reverend Stone. Dies ist nicht irgendeine Geschäftsidee, die nur viel Gewinn für ein Unternehmen einbringen soll, es ist vielmehr der Anfang einer Bewegung, die auch Martin Luther King Jr. unterstützt hätte, würde er noch leben.“

„Also gut.“ Reverend Stone erhob sich und reichte den Männern die Hand. „Ich genehmige Ihnen die fünfzehn Minuten, und erwarte Sie dann Sonntagmorgen, um zehn Uhr.“ Der Geistliche begleitete Tyron und Jason zur Tür.

Kapitel 5

Etwa einhundertfünfzig Personen waren an diesem Sonntag zum Gottesdienst erschienen. Reverend Stone hatte Tyrons Rede zuvor schon angekündigt. Dieser begrüßte die Gläubigen, die ihn zum Teil mit Interesse, aber auch mit Misstrauen anblickten.

„Es gibt viele Religionen und Kirchen, aber nur einen Gott“, begann Tyron. „Er steht auf der Seite der Guten und wacht über uns alle, aber das bedeutet nicht, dass er uns von all unseren Pflichten befreit. Nein, denn es gibt Dinge, die wir selbst in die Hand nehmen müssen.“

Zustimmendes Raunen begleitete seine Worte.

„Eine unserer Pflichten ist es, für die Bildung unserer Jugend zu sorgen, damit die Talente in der Gemeinde gefördert werden können. Dies darf nicht nur den Privilegierten vorbehalten sein.“

Die positive Resonanz wurde lauter.

„Leider geht es immer nur um Geld, aber es gibt Möglichkeiten, auch Ihre Kinder auf das College oder zur Universität zu schicken, beziehungsweise die eigene Zukunft finanziell besser abzusichern.“

Tyron konnte das Interesse wachsen und das Misstrauen schwinden sehen. Er schloss mit den Worten: „Leider erlaubt es die Zeit nicht, hier auf Einzelheiten einzugehen. Deshalb werden wir bei jeder Familie individuell vorsprechen. Ich danke Ihnen.“

Nach und nach leerte sich der Raum.

„Wenn ich eine Liste Ihrer Glaubensgemeinschaft mit Telefonnummern bekommen könnte, würde das unsere Arbeit ungemein erleichtern“, sagte Tyron. „Vielleicht könnten Sie noch die Namen ankreuzen, die darüber hinaus für ein Arbeitsverhältnis bei uns in Betracht kämen.“

„Wenn Sie morgen vorbei kommen, werde ich die Liste für Sie erstellt haben und könnte Ihnen vielleicht die eine oder andere hilfreiche Information über einzelne Familien geben.“

„Ich werden da sein, Reverend Stone und freue mich jetzt schon auf unsere Zusammenarbeit.“

„Das war der erste Baustein“, sagte Tyron, als Jason und er auf die verschneite Straße hinaustraten. „Daraus wird ein ganzes Gebäude werden, ich weiß es“, fügte er zuversichtlich hinzu.

„Verdammt, was ist nur los mit dieser Stadt“, beschwerte sich Jason, als er auf dem Weg zum Wagen bis zu den Knien in einem Schneeberg versank. „Die hatten zwei Wochen Zeit, nach dem Blizzard, das Zeug wegzuräumen. Übrigens, mit deiner kleinen Rede hast du direkt in die Herzen getroffen, das war nicht schlecht“, lobte er.

„Der erste Schritt zur Integration in die East Side von Buffalo ist getan“, entgegnete Tyron zufrieden. „Wie wär’s mit Lunch?“

„Lädst du ein?“

„Schon wieder? Also gut.“

Das Four Seasons an der Delaware Avenue war ein beliebter Treffpunkt für Geschäftsleute. Die Männer suchten sich einen Tisch in einer ruhigen Ecke.

„Rufe Pamela mal an, ob sie schon Büroräume gefunden hat. Was den Rechtsanwalt anbelangt, möchte sie diesen bitte in der East Side suchen. Ein farbiger Anwalt könnte für uns da sicher von Vorteil sein.“

„Sie ist fündig geworden“, sagte Jason, als er zurück an den Tisch kam. „Eine Möglichkeit hätten wir an der Jefferson Avenue, die andere an der Genesee Street.“

„Genesse Street hört sich gut an. Nach dem Lunch fahren wir hin.“

Die besagte Straße führte diagonal vom Zentrum bis zur Stadtgrenze. Es war eine Geschäftsstraße mit guten Parkmöglichkeiten. Tyron parkte vor der Nummer 351, einem zweistöckigen Gebäude. Als sie klingelten, öffnete ein älterer Mann die Tür.

Tyron war überrascht, einen Weißen in dieser Gegend anzutreffen, aber dann fiel ihm ein, dass sich an der East Side vor etwa einhundertfünfzig Jahren deutsche Einwanderer niedergelassen hatten. Das gepflegte Viertel mit den kleinen Häusern verdankte seinen Namen damals den Obstbäumen, die überall in den Gärten standen. Im Fruit Belt waren alle Straßen nach einer bestimmten Obstsorte benannt. In den fünfziger Jahren immigrierten viele Farbige aus den finanzschwachen Südstaaten in den Osten der Vereinigten Staaten. Unter anderem ließen sie sich auch in der East Side von Buffalo nieder. Nach und nach verkauften darauf viele Weiße ihre Häuser und flüchteten in die Vororte. Nur wenige der Bewohner waren geblieben. Dementsprechend war aus dem ehemals gepflegten Stadtteil das geworden, was er heute war. Die hübschen Häuser mit den weiß eingezäunten Vorgärten waren völlig heruntergekommen und zum Teil verfallen, die Straßen verwahrlost. Die Obstbäume wurden im Winter als Brennmaterial verwendet. Aus den Rissen in den Gehwegen wucherte Gras und Unkraut. Die vorbeifahrenden Autos wichen geschickt dem Müll aus, der auf den Straßen lag. Es entstanden Streetgangs aus schwarzen Jugendlichen. Von Jahr zu Jahr nahm die Kriminalität hier zu. Angst kursierte in den Straßen und der Verkauf von Drogen hatte Hochkonjunktur. Die Lokalpolitiker waren außer Stande, etwas dagegen zu unternehmen.

Aber all dies schreckte Tyron nicht ab. Er wusste zwar noch nicht wie, aber hier würde sich etwas verändern. Auch das war Teil seiner Vision.

„Meine Sekretärin hatte heute Morgen wegen den Büroräumen angerufen.“

„Ja, sie rief um zehn Uhr an, gleich darauf kam noch ein Interessent, aber ich hatte ihr versprochen, niemandem zuzusagen, ehe Sie vorbeikommen würden, ich halte immer …“

„Schön, dass Sie gewartet haben“, unterbrach Tyron den redseligen Mann. Das Büro war circa 60 m² groß und gefiel ihm. Es war sauber und eine große Fensterfassade machte den Raum hell und freundlich. In der Ecke standen drei ältere Schreibtische aus solidem Holz.

„Was ist mit den Schreibtischen?“, fragte Tyron.

„Die werden morgen abgeholt, es sei denn, Sie möchten sie haben.“

„Wir könnten sie vorerst ganz gut gebrauchen. Was ist mit einem Telefonanschluss?“

„Es sind drei Anschlüsse vorhanden.“

„Was soll das Ganze kosten?“

„Wegen der ausgezeichneten Lage müsste ich schon dreihundert Dollar verlangen, plus sechshundert für die Kaution.“

„Was denkst du, Jason?“

„Ich habe keine Einwände, Partner.“

„Also gut, bereiten Sie den Vertrag vor, wir kommen dann morgen wieder.“

Am darauf folgenden Tag hatte Pamela für Tyron und Jason auch schon einen Termin mit einem Rechtsanwalt vereinbart.

Charles Williams, ein mittelgroßer, eleganter Mann um die fünfzig, machte auf Anhieb einen sympathischen Eindruck auf Tyron. Geboren war Williams in der Karibik. Er war vier Jahre alt, als seine Eltern damals nach Buffalo gekommen waren. Er engagierte sich, das Leben der Menschen in der East Side zu verbessern und kämpfte unentwegt gegen die steigende Dekadenz in diesem Stadtviertel.

„Meine Herren, ich finde Ihr Vorhaben gut und werde es auch unterstützen.“ Williams Miene besagte deutlicher als jedes Wort, wie ernst ihm die Angelegenheit war. „Dafür habe ich mehrere Gründe, aber vorrangig ist, dass ich mit diesem Stadtteil eng verbunden bin. Auch sollten die Medien eingeschaltet werden, um die ganze Geschichte publik zu machen. Ich hätte da eine gute Verbindung mit den Buffalo Evening News.“

„Gute Idee, machen Sie das so.“ Tyron war mit Williams vollauf zufrieden.

„Vor ungefähr drei Jahren“, erinnerte sich der Anwalt, „hatte ich ein Gespräch mit unserem Bürgermeister wegen einer Sanierung der East Side und den hierfür anfallenden Kosten. Die Stadt war damals bereit, Farbe und Baumaterial zur Verfügung zustellen, wenn die Bewohner die Arbeit selbst übernehmen würden. Es fanden sich aber nicht genügend Interessenten, also starb das Projekt, noch bevor es anfing. Die Bewohner der East Side hatten einfach keine Gemeinsamkeiten. Nun, da die Leute durch die Investment Clubs eine gewisse Zusammengehörigkeit hätten, könnte man das Projekt wieder ins Leben zurückrufen. Die Menschen sollen stolz auf ihre Straßen sein.“

„Das wäre dann Sache der Lokalpolitiker“, überlegte Tyron laut. „Könnten Sie ein Treffen arrangieren?“

„Kein Problem, ich werde Ihnen in einigen Tagen den Termin mitteilen.“

Kapitel 6

Juli 1987

Vierter Juli, der Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten von Amerika, der dieses Jahr auf einen Donnerstag fiel, wird gefeiert wie kein anderer Feiertag. Der Patriotismus der amerikanischen Bürger erreicht an diesem Tag stets seinen Höhepunkt.

Den ganzen Tag über trafen gecharterte Busse vor dem Sky Top Hotel in den Pocono Mountains, Pennsylvania, ein. Der Anlass war die Feier des zehnten Jahrestages seit der Gründung von Freedom Investments. Die Greyhounds brachten Mitarbeiter aus mehreren Städten der Bundesstaaten New York, Pennsylvania und Ohio.

Das Unternehmen hatte seit seiner Gründung, in der East Side von Buffalo, gigantisches Wachstum erreicht. Inzwischen kamen Investoren nicht nur aus der unteren Arbeiterklasse, auch Leute der sogenannten oberen Mittelschicht fanden diese Strategie höchst interessant. Das Jahr 1977 war zur Geburtsstunde einer neuen Ära für Geldanlagen geworden. Von nun an konnte jeder an dem Wachstum der amerikanischen Wirtschaft teilhaben.

Für Tyron Hunter gab es einen zusätzlichen Grund zum Feiern. Er landete im Januar dieses Jahres auf der Titelseite des US-Wirtschaftsmagazins, Clever Finance. Bei einem Anlagevolumen von mehr als drei Milliarden Dollar hatte Freedom Investments nun auch die Aufmerksamkeit der Wallstreet. Der Verwaltungsapparat hatte riesige Ausmaße angenommen. Ohne moderner Computer Technologie wäre das Wachstum des Unternehmens längst an seine Grenzen gestoßen.

Tyron Hunter erinnerte sich an einen jungen Mann namens Robert Shannon, mit dem er einst Poker gespielt hatte, als sie vor zehn Jahren vom Blizzard überrascht worden waren. Es war ihm gelungen, den Programmierer von IBM abzuwerben. Shannon war nun Herr über ein modernes Computerzentrum – das Herz von Freedom Investments.

Tyron war sich wohl bewusste, dass noch ein sehr langer Weg zu gehen war. Im Moment dachte er an einen Börsengang an die New York Stock Exchange. Der damalige Grundgedanke, eine Anlagemöglichkeit für Kleinanleger zu schaffen, war zwar immer noch vorhanden, aber längst ging es nicht mehr um Kleinstbeträge und Brief Cash Einsendungen. So folgten nun regelmäßige Überweisungen von den Bankkonten der jeweiligen Investoren. Immer wieder war es die Computer Technologie, die all dies möglich machte.

Freedom Investments hatte sich inzwischen weit über die staatlichen Grenzen New Yorks ausgedehnt. Jason war zum Vize Präsident für den Vertrieb ernannt worden. Serena und Pamela waren in der Public Relation Abteilung tätig.

Als CEO von Freedom Investments, diese Abkürzung bezog sich auf den Vorstandsvorsitzenden, hatte sich das persönliche Leben von Tyron Hunter dementsprechend verändert. Anstelle des ehemaligen Kabinenkreuzers lag nun eine zwanzig Meter Westport Motoryacht im Hafen von Grand Island. In seiner Garage standen ein Jaguar XJS, Serenas Lotus Esprit und ein wertvoller Klassiker, der Lincoln-Continental Mark II, aus dem Jahr 1956. Den Gedanken an ein neues Haus hatte er verworfen. Zu sehr genoss Tyron die Aussicht auf den Niagara River. Fünf Jahre zuvor hatte er Serena geheiratet. Die Hochzeit fand im kleinen Kreis auf Key West, Florida, statt.

In den wunderschönen Pocono Mountains, ließ er nun vor hunderten Mitarbeitern die letzten zehn Jahre Revue passieren. „Ladies and Gentlemen“, beendete Tyron seine Rede. „Mein Dank gebührt einem jeden von Ihnen, denn ohne Sie wäre dieser großartige Erfolg gar nicht möglich gewesen.“ Er wartete den Applaus ab, um fortzufahren: „In einem Jahr wird Freedom Investments an der New York Stock Exchange notiert sein. Unser Ziel für die nächsten zehn Jahre ist die Expansion in den mittleren Westen. Mit unserer neuen Niederlassung in Cincinnati, Ohio, steht uns nun die Tür zu dem Industriegürtel der Vereinigten Staaten weit offen. Ich danke Ihnen.“ Stürmischer Applaus folgte seinen letzten Worten.

„Das war eine großartige Rede“, lobte Serena, als er an seinen Tisch zurückkehrte.

„Es ist auch ein großartiger Tag, wer hätte das vor zehn Jahren gedacht“, sagte Jason.

„Ich! Kannst du dich daran nicht mehr erinnern?“ Tyron blickte seinen Freund grinsend an. „Im Hotel in Stockton sagtest du zu mir, ich zitiere: Du bist nicht nur verrückt, du leidest auch unter absolutem Größenwahn.“

„Das dachten wir damals alle“, verteidigte Pamela Jason, „sogar deine Serena.“

„Das stimmt. Es war wirklich wie die Geschichte mit dem Kettenhund. Ich konnte mir damals die Umsetzung deiner Idee einfach nicht vorstellen.“

„Dennoch habt ihr mich unterstützt und Opfer gebracht, das werde ich euch nie vergessen. Wir haben vieles erreicht und besitzen jetzt schon mehr Geld, als wir jemals ausgeben können, aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Go west, young man, hieß es schon vor hundert Jahren, wenn einer das Glück suchte. Und genau das werden wir tun.“

Kapitel 7

Juli 1999

Freedom Investments war inzwischen in allen Staaten ansässig geworden. Zwei Jahre zuvor hatte das zwanzigjährige Jubiläum auf Paradiese Island in den Bahamas stattgefunden. Tyron Hunter hatte dort in seiner Rede den geplanten Verkauf des Unternehmens an eine amerikanische Großbank angekündigt. In einem Interview mit World News verriet Tyron, dass seine Ziele erreicht seien, und er sich nun anderen Dingen zuwenden möchte. Auf die Frage, was das denn sei, gab er keine Antwort.

Tyron und Serena Hunter lebten inzwischen seit fünf Jahren in Clearwater, Florida. Ihr Haus, in der typischen Florida Flamingofarbe, war nach eigenem Entwurf in U-Form angelegt. Von einem großen Felsen stürzte ein Wasserfall in den riesigen Swimmingpool. Eine hohe Mauer umgab das gesamte Grundstück. Nach dem Zufallsprinzip waren Alarm auslösende Sensoren angebracht. Infrarot Kameras überwachten zusätzlich jeden einzelnen Quadratmeter. Die Besonderheit an dem gewaltigen, gusseisernen Tor war, dass es sich automatisch öffnete, wenn sich ein Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von exakt dreißig mph näherte. Hinter dem Haus befand sich ein See. Am Landesteg lag eine vierunddreißig Meter Sunseeker Motoryacht. Von dort aus führte eine schmale Wasserstraße in den Golf von Mexico. Der Kanal konnte durch ein hydraulisches Tor, das bis auf den Grund hinunterreichte, gesperrt werden.

Jason und Pamela Lorreto hatten ihr Haus auf einem zwei Meilen entfernten Grundstück gebaut.

Die letzten zwanzig Jahre waren nicht ganz spurlos an Tyron Hunter vorbei gegangen. Sein zwar immer noch volles Haar war nun mit grauen Strähnen durchzogen. Der Verkauf von Freedom Investments war ohne Komplikationen über die Bühne gegangen.

Tyron Hunter zählte nun zu den zehn reichsten Amerikanern.

Kapitel 8

An sonnigen Tagen fehlte es nicht, an der Westküste von Central Florida. An diesem herrlichen Sonntagmorgen fuhr die Sunseeker durch den Kanal, dem Golf von Mexico zu. Ihr Ziel war Key West. Tyron Hunter steuerte von der Flybridge aus. Mühelos trieben die zwei dreitausend PS Dieselmotoren die Yacht mit fünfundvierzig Knoten durch das blaue Wasser. Ihre schlanke Form verriet, dass sie neben der üppigen Luxusausstattung an Bord eigentlich eher für hohe Geschwindigkeiten konstruiert worden war.

Jason hatte es sich neben Tyron bequem gemacht. Die Frauen lagen auf dem Hinterdeck in der Sonne. Tyron saß schweigend am Steuerrad. Ernst blickte er auf das Meer vor ihm, in dem sich die Morgensonne widerspiegelte.

„Worüber denkst du nach?“, fragte Jason, der die Körpersprache seines Freundes deuten konnte wie kein Zweiter.

„Seit Tagen überlege ich, was ein Mensch macht, nachdem er alles erreicht hat“, antwortete Tyron zögernd. „Seit dem Verkauf von Freedom Investments haben wir fast die ganze Welt bereist. Wir haben uns hier ein Paradies geschaffen. Unser Geld vermehrt sich sieben mal schneller, als wir es ausgeben können. Viele Dinge haben ihren Reiz verloren. Sogar meine Sunseeker ist zur Normalität geworden. Der Alltag erfüllt meine Bedürfnisse nicht mehr, aber gestern kam mir eine interessante Idee.“

„Doch nicht schon wieder“, seufzte Jason Lorreto und strich mit der Hand über sein spärliches Haar.

Tyron blickte den Freund ernst an. „Das Leben muss doch einen Sinn haben, Jason. Als wir damals anfingen, Freedom Investments aufzubauen, haben wir nicht nur für uns viel bewegt, sondern auch für Millionen anderer Menschen. Letzte Woche telefonierte ich mit Charles Williams, dem Anwalt aus Buffalo. Die East Side sei nicht wieder zu erkennen. Die Stadt lieferte das Material, die Anwohner ihre Arbeitskraft. Das geplante Projekt war tatsächlich umgesetzt worden. Andere Städte waren später dem Beispiel gefolgt. Und wir waren der Auslöser für all das. Nun bin ich siebenundfünfzig Jahre alt. Soll ich etwa die nächsten zwanzig Jahre untätig herum sitzen, und auf das Ende warten wie ein ausgedienter Ackergaul?“ Tyron schüttelte entschieden den Kopf.

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