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Der Milliardär und die Singlemom

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1. KAPITEL

Anna Aronson blies vorsichtig durch den bunten Plastikring. Insgeheim wünschte sie sich, dass die Seifenblasen, die hervorschwebten, all ihre Sorgen und Nöte forttragen würden.

Fröhlich vor sich hin brabbelnd, spielten zwei kleine Jungs zu ihren Füßen im grünen Gras. Die beiden waren so niedlich, dass Anna trotz ihrer inneren Anspannung lächelte.

Sie musste diesen Job einfach bekommen!

Ein Geräusch lenkte sie von den Jungs ab, die gerade versuchten, die Seifenblasen zu fangen. Die Frau, mit der sie eben noch ein Vorstellungsgespräch geführt hatte, kam auf sie zugelaufen. Annas Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt.

„Mr Hollister würde Sie gerne sprechen, Anna. Er erwartet Sie in seinem Büro. Gehen Sie einfach über die Veranda, dann links.“ Sie deutete auf das beeindruckende Haus, das hier mitten in Greenwich, Connecticut, errichtet worden war.

Anna fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und ließ den Plastikstab sinken. „Die Jungs …“

„Ich werde auf sie aufpassen, während Sie mit dem Boss reden. Wissen Sie, die endgültige Entscheidung liegt bei ihm. Aber was mich betrifft, meinen Segen haben Sie.“ Mrs Findley streckte die Hände nach dem Röhrchen mit der Seifenlauge aus.

Widerstrebend reichte Anna ihr das Spielzeug: Rien ne va plus, nichts geht mehr. So jedenfalls fühlte es sich an. Bekam sie den Job nicht, würde sie in diesem Monat weder die Stromrechnung noch die Miete bezahlen können. Dann müsste sie in den sauren Apfel beißen und ihre Mutter um Unterstützung bitten. Obwohl diese ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass Anna und Cody in dem Altenheim, in dem sie lebte, nicht willkommen waren.

Aber so weit musste es ja gar nicht kommen. „Danke, Mrs Findley.“

„Nennen Sie mich ruhig Sarah. Und, Anna, lassen Sie sich von Pierce nicht einschüchtern. Hinter seiner kühlen Fassade versteckt sich ein fairer Chef und guter Mensch.“

Kühle Fassade?

Plötzlich wurde ihr ganz mulmig, sie bekam kein vernünftiges Wort mehr heraus. Stattdessen nickte sie bloß und ging schließlich auf das im Kolonialstil erbaute zweistöckige Haus zu. Als sie nach einer gefühlten Ewigkeit endlich die Treppenstufen erreichte, war sie so außer Puste, als hätte sie gerade einen Dauerlauf gemacht.

Durch die Glastür erspähte Anna ihren vielleicht zukünftigen Chef, der hinter einem massiven Holzschreibtisch saß. Ihr stockte der Atem. Bitte, bitte, bitte lass es gut ausgehen!

Sie klopfte an. Stirnrunzelnd sah er von einem Haufen Papier auf und forderte sie mit einem knappen Nicken auf hereinzukommen. Anna umklammerte den blank polierten Türknopf, strich sich noch schnell übers Kleid und öffnete die Tür.

Wow! Pierce Hollister sah aus wie das Cover-Model eines exklusiven Männermagazins mit seinem dicken dunklen, absichtlich unordentlich gestylten Haar. Obwohl er nur Jeans und ein lässig aufgeknöpftes schwarzes Poloshirt trug, umgab ihn die Aura einer Respekt einflößenden, angesehenen Persönlichkeit.

„H-hallo, Mr Hollister. Ich bin Anna Aronson.“

Ein kritischer Blick aus haselnussbraunen Augen. Anna hoffte nur, dass ihm ihr schlichtes Kleid und die dazu passenden Sandaletten gefielen.

„Warum hat man Sie aus Ihrer letzten Anstellung gefeuert?“

Verwirrt über die schroffe Frage, blickte Anna auf die Gemälde an den Wänden – zweifellos Originale −, während sie vorsichtig die Tür schloss. Höfliches Händeschütteln stand hier also nicht auf der Tagesordnung.

„Ich musste gehen, weil ich nach einer Unterrichtsstunde dem Annäherungsversuch eines Schülervaters ausgewichen bin.“

„Er hat sie angemacht?“

„Ja.“

„Wieso haben Sie sich nicht beim Direktor der Schule beschwert?“

„Das habe ich. Doch der Vater und seine Frau unterstützen die Schule durch großzügige Spenden. Meine Beschwerde wurde ignoriert.“

„Wie lange haben Sie für diese Schule gearbeitet?“

„Das steht alles in meinen Bewerbungsunterlagen.“

„Aber ich will es von Ihnen persönlich hören.“

Wieso fragte er sie nach ihren Referenzen, wenn er sie vor sich liegen und offenbar auch gelesen hatte? „Die Schule hat mich auf Teilzeitbasis als Aushilfslehrerin eingestellt. Sechs Monate später boten sie mir nach der unerwarteten Kündigung einer Kollegin eine volle Stelle an. Insgesamt habe ich dort dreieinhalb Jahre gearbeitet.“

„Trotzdem hat man Sie aufgrund der Anschuldigung eines Vaters einfach so gefeuert. Offenbar war der Mann glaubwürdiger als Sie.“

„Offenbar dachte der Direktor, es sei schwieriger, einen neuen Sponsor für seine Privatschule zu finden als eine neue Grundschullehrerin.“

„Vielleicht hat man ja auch nur einen Vorwand gesucht, Sie loszuwerden, weil Sie nicht gut genug waren.“

Diese Anschuldigung traf Anna so sehr, dass ihr fast die Luft wegblieb. „Die erstklassigen Beurteilungen und Gehaltserhöhungen, die ich in den Jahren davor erhalten habe, dürften das Gegenteil beweisen.“

„Und wenn ich bei der Schule anrufe, um Ihre Geschichte zu überprüfen?“

Ihre Hoffnung sank. Er glaubte ihr also nicht. Noch jemand. Solange ihr niemand Glauben schenkte, würde sie auch keinen Job bekommen. Das hieß, sie konnte die Ganztagsbetreuung für Cody knicken, die notwendig war, um als Vollzeitkraft zu arbeiten. Vielleicht könnte sie etwas Nachhilfe geben und Hausarbeiten korrigieren …

Mach dir doch nichts vor, es wird vorne und hinten nicht reichen.

Anna hatte Mühe, unter Hollisters bohrendem Blick gelassen zu bleiben. „Wenn Sie dort anrufen, werden die Ihnen sagen, dass ich den Sohn des betreffenden Vaters schlechter behandelt habe als die anderen Schüler.“

„Haben Sie mit dem Mann geflirtet?“

Verblüfft zuckte sie zusammen. Diese Frage hatte ihr noch keiner gestellt. „Natürlich nicht! Er ist verheiratet.“

„Viele verheiratete Männer haben Affären.“

„Aber nicht mit mir.“

„Ihren Unterlagen entnehme ich, dass Sie die Vanderbilt-Akademie mit Auszeichnung absolviert haben. Ein renommiertes Ausbildungsinstitut, wie meine Assistentin sagt. Wie kommt’s also, dass Sie keine Anstellung finden?“

War das hier ein Verhör oder ein Bewerbungsgespräch? „Anscheinend haben besonders einflussreiche und wohlhabende Menschen die Fähigkeit, Dinge durchzusetzen, ohne dass diese hinterfragt werden.“

„Sie haben keine Erfahrung als Kindermädchen.“

„Nein, Sir, aber ich kann mühelos zwanzig Kinder hüten, da ich im Sommer häufig die Ferienlager der Schule betreut habe. Als Mutter eines Kleinkinds weiß ich außerdem, wie Kinder reagieren und was sie brauchen.“

Hollister lehnte sich in dem Ledersessel zurück und blickte Anne prüfend an. Sie hielt seinem Blick stand, hoffte – betete –, dass er ihr ihren Ehrgeiz und ihre Entschlossenheit ansah. Eine quälende Stille breitete sich im Zimmer aus. Plötzlich hatte Anna genau das gleiche Gefühl wie damals im Büro des Direktors, kurz vor ihrem Rausschmiss.

„Ich nehme Ihnen Ihre Geschichte nicht ab.“

Seine Worte legten sich zentnerschwer auf ihre Schultern. Resigniert schaute Anna ihn an. Es ärgerte sie, dass sie ihn nicht von ihrer Unschuld überzeugen konnte. Bis zu jenem Vorfall war ihre Glaubwürdigkeit noch nie angezweifelt worden. Sie war immer die Gewissenhafte gewesen, die jeden Job meisterte. Und jetzt glaubte ihr plötzlich niemand mehr.

Wollte sie jemals wieder als Lehrerin arbeiten, musste sie einen Weg finden, um ihren guten Ruf wiederherzustellen. Nebenbei hatte sie außerdem einen kleinen Sohn zu ernähren und einen Haushalt zu führen.

„Ich hätte lieber eine reifere und erfahrene Frau für den Jungen“, fuhr Hollister fort. „Außerdem müssten Sie sich zusätzlich noch um Ihr eigenes Kind kümmern.“

„Cody ist siebzehn Monate alt, also nur sechs Monate älter als Ihr Sohn. Die beiden könnten miteinander spielen und voneinander lernen“, beharrte sie und bereute ihre Worte sofort, als Hollister sie daraufhin noch strenger ansah.

„Ein kreischendes Kind im Haus ist schon schlimm genug. Zwei wären eine Katastrophe. Ich persönlich hätte Sie gar nicht erst zum Gespräch eingeladen. Aber Sarah versicherte mir, dass Sie die besten Qualifikationen mitbringen. Außerdem sind Sie die Einzige, die sofort anfangen könnte.“

Anna schöpfte neue Hoffnung, doch als er aufstand und sich mit den Händen entschlossen auf der Schreibtischfläche abstützte, schwand diese wie die Luft aus einem Ballon. „Ich werde Sie genau im Auge behalten, Anna Aronson. Nur ein Fehler, und Sie und ihr karottenköpfiger Sohn landen sofort auf der Straße. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

Befreit atmete sie auf, Tränen der Erleichterung schossen ihr in die Augen. Sie hatte den Job! „Absolut, Mr Hollister.“

„Wie lange brauchen Sie, um zu packen und wieder zurückzukommen?“

Rasch ging sie im Geist den Zeitplan durch … und die Fahrtkosten. Hatte sie überhaupt genügend Bargeld bei sich, um die Taxifahrt zum Bahnhof bezahlen zu können? Wohl kaum.

„Mit dem Zug dauert es hin und zurück etwa zwei Stunden. Außerdem brauche ich eine Stunde, um zu packen. Zum Dinner könnte ich wieder hier sein.“

„Haben Sie kein Auto?“

„Nein.“ Jedenfalls nicht mehr. Abgesehen davon war es auch gar nicht so kompliziert, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, wenn man die Fahrpläne ungefähr im Kopf hatte.

„Ich brauche Sie hier schon früher. Also werde ich Sie fahren.“

Das hieß, sie würde allein mit ihm in ihrem Apartment sein. „Aber …“

„Kein Aber. Wollen Sie den Job oder nicht?“

„Doch. Hm … eine Frage habe ich.“

„Was denn noch?“, bellte er barsch.

„Mrs Findley konnte mir nicht genau sagen, wie lange Sie mich hier benötigen. Bis Grahams Mutter von ihrem Auslandsjob zurückkehrt, sagte sie. Allerdings hat sie nicht erwähnt, ob es sich dabei um Wochen oder Monate handelt.“

„Das konnte sie Ihnen auch nicht sagen, weil wir es nicht wissen. Der Einsatz von Grahams Mutter ist zeitlich nicht beschränkt. Also werde ich Sie pro Monat bezahlen, unabhängig davon, ob Sie in Ihrem letzten Monat hier einen Tag oder dreißig Tage arbeiten werden. Zusätzlich erhalten Sie eine Abfindung in Höhe eines vollen Monatsgehalts, wenn der Job endet. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, verschwenden Sie bitte nicht länger meine kostbare Zeit.“

„Nein. Nein, Sir. Ich – damit bin ich einverstanden.“ Zwar hatte sie auf einen ordentlichen Zeitvertrag gehofft, aber das hier war immer noch besser als nichts. Nun verstand sie auch, warum das Gehalt so außergewöhnlich hoch war.

„Dann unterschreiben Sie.“ Er schob ihr ein Dokument und einen Stift zu.

„Darf ich mir den Vertrag erst noch durchlesen?“

„Tun Sie das während der Fahrt.“ Hollister kam um den Schreibtisch herum und baute sich vor ihr auf. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück, beeindruckt von seiner Größe und seinem athletischen Körperbau. Aus jeder Pore strahlte er Macht aus.

„Gehen wir. Sarah wird in der Zwischenzeit auf Ihren Sohn aufpassen.“

Besorgt schaute Anna aus dem Fenster. Sie überließ Cody eigentlich nicht gerne der Obhut von Fremden. Zumal es hier mindestens zwei potenzielle Gefahrenquellen für kleine Kinder gab. Das Haus lag an einem Flussufer, und dann war da noch der große Swimmingpool, die pure Verlockung für einen Jungen, der es liebte, im Wasser herumzuplanschen.

Aber hatte sie eine andere Wahl?

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich mich von Cody verabschiede und kurz mit Mrs Findley rede?“

Ihre Frage schien ihn zu irritieren. „Bitte wirklich nur kurz. Ich hole den Wagen, wir treffen uns vor dem Eingang. Unterwegs werden Sie sich übrigens einem Drogentest unterziehen. Sollte dieser positiv ausfallen, sind Sie auf der Stelle gefeuert. Ohne Abfindung.“

„Ja, Sir. Sie müssen sich keine Sorgen machen. Und danke, Mr Hollister. Dafür, dass Sie mir eine Chance geben.“ Sie streckte ihm die Hand hin, die er ignorierte. Unsicher ließ sie den Arm wieder sinken.

„Na ja, hoffen wir mal, dass ich meine Entscheidung, Sie einzustellen, nicht bereuen muss.“

Anna schloss die Tür auf und verglich ihr bescheidenes Apartment insgeheim mit dem luxuriösen Anwesen des Mannes in ihrer Begleitung. Wahrscheinlich würde ihr gesamtes Mobiliar in Hollisters Wohnzimmer passen.

Abgesehen von ein paar Worten in dem Labor, in dem Anna sich dem Drogentest unterzogen hatte, war die Fahrt hierher schweigend verlaufen – und es war ein äußerst unangenehmes Schweigen gewesen. Anna hatte das Gefühl, dass ihr neuer Boss sie nicht mochte. Außerdem fand sie den Arbeitsvertrag, den sie sich unterwegs durchgelesen hatte, wirklich eigenartig. Warum sollte sie sich zum Beispiel zu absolutem Stillschweigen verpflichten? Was geschah im Haus Hollister, das niemand wissen durfte?

Während Hollister ihr folgte, versuchte Anna, ihr dürftiges Mobiliar mit seinen Augen zu sehen – ein Sofa vom Flohmarkt, eine Tischlampe, ein rotes Plastikkörbchen mit Codys Spielsachen sowie ein kleiner Küchentisch mit zwei Stühlen und einem Kinderstuhl. Viel besaßen sie und Cody nicht, aber sie brauchten auch nicht viel. Je weniger Möbel herumstanden, desto mehr Platz blieb Cody zum Spielen.

„Sind Sie erst kürzlich eingezogen?“, fragte ihr neuer Boss.

„Ich wohne seit vier Jahren hier.“

„Renovieren Sie gerade?“

„Nein.“ Viele ihrer Schüler bewohnten mit ihren Familien solche Schuhkartons. Vermutlich konnten sich Menschen wie Hollister einfach nicht vorstellen, wie Leute lebten, die nicht zu den oberen Zehntausend gehörten.

„Sie bevorzugen einen einfachen Einrichtungsstil?“

„Mein Ex hat die meisten Möbel mitgenommen, als er gegangen ist“, erwiderte sie zögerlich. Und auch noch das Auto, ihr Vertrauen und ihren Glauben an die Liebe.

„Wann war das?“

War diese Frage nicht etwas zu indiskret? Aber irgendwie war Hollisters Vorsicht auch verständlich. Schließlich würde Anna in seinem Haus leben und Zugang zu allem haben. Selbst wenn sie nicht Kunst im Nebenfach studiert hätte, bestand kein Zweifel, dass der Wert der Gemälde an seinen Wänden mindestens dreimal so hoch war wie ihr Jahresgehalt als Lehrerin.

Dennoch: Auch sie durfte sich ein gesundes Misstrauen gegenüber diesem wohlhabenden, einflussreichen und seltsamen Mann erlauben. Leider hatte sie die Erfahrung machen müssen, dass Reichtum oft zu Arroganz und zu einer maßlosen Anspruchshaltung führte. Die wiederum förderte bei Männern häufig die Unfähigkeit zutage, ein klares Nein zu akzeptieren.

Zur Sicherheit lehnte Anna die Wohnungstür deshalb nur an, anstatt sie zuzuziehen. „Während ich im Krankenhaus unseren Sohn zur Welt brachte, hat Todd seine Sachen gepackt und ist gegangen. Spielt das eine Rolle?“

„Ja.“

Hollister fixierte sie eindringlich, wirkte plötzlich besonders aufmerksam.

Der Gedanke, dass Todd nicht nur sie, sondern auch ihr gemeinsames Kind verlassen hatte, versetzte Anna noch immer einen Stich. Dass Todd sie hatte loswerden wollen, war eine Sache. Aber sich von seinem eigen Fleisch und Blut abzuwenden … dafür verabscheute sie ihn.

„Er hat Sie nicht vorgewarnt, dass er gehen wird?“

„Nein. Er hat mich vor der Notaufnahme abgesetzt, wollte angeblich einen Parkplatz suchen. Er ist nie wiedergekommen. Ich hatte Angst, dass … Ich hatte keine Ahnung, dass er ausziehen würde. Bis ich mit Cody ins leere Apartment zurückkehrte.“

„Ich nehme an, Ihr Mann wollte die Schwangerschaft nicht?“

Anna erstarrte. „Dazu gehören immer zwei. Als Cody unterwegs war, waren wir beide überrascht. Todd und ich waren frisch verheiratet und wollten uns eigentlich noch Zeit lassen. Aber manchmal passieren die Dinge einfach …“

„Und was hält er davon, dass Sie eine Anstellung annehmen, die Sie zwingt, woanders zu wohnen?“

„Das geht ihn überhaupt nichts an. Er gehört schon lange nicht mehr zu uns.“

„Sind Sie noch verheiratet?“

„Geschieden. Setzen Sie sich doch, Mr Hollister. Ich beeile mich mit dem Packen.“

„Zahlt er Ihnen Unterhalt?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ich weiß ja nicht einmal, wo er sich gerade aufhält. Außerdem ist es mir lieber so. Ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben.“

„Also gibt es auch keinen Sorgerechtsstreit?“

„Das Sorgerecht hat er mir überlassen. Wir haben uns im Rahmen unserer Scheidung darauf geeinigt.“ Todds unverhohlene Erleichterung darüber hatte den letzten Funken Zuneigung für ihn vollends ausgelöscht. „Keine Sorge. Todd wird nicht in Ihrem Haus auftauchen und Probleme machen. Entschuldigen Sie mich jetzt bitte.“

Anna verließ rasch das Zimmer, bevor Hollister noch weitere unangenehme Fragen stellen konnte. Sie hatte keine Lust, über ihre gescheiterte Ehe oder ihren missratenen Exmann zu sprechen. Die „Habe-ich-es-dir-nicht-gesagt“-Belehrungen ihrer Mutter reichten ihr schon.

Anna packte Codys Kleidung und sein Lieblingsplüschtier, einen Affen, in eine Campingtasche. Ihre Leben wäre heute bestimmt viel einfacher, hätte sie auf ihre Eltern gehört. Die hatten Todd als Schmarotzer bezeichnet und ihr den Umgang mit ihm verboten.

Doch Anna war völlig verblendet gewesen, hatte ihn nur durch eine rosarote Brille gesehen. Sein umwerfender Charme, sein außergewöhnliches musikalisches Talent und die großartigen Lebensträume, die er gesponnen hatte, hatten sie verzaubert.

Blind vor Liebe hatte sie seinem Vorschlag, nach dem College-Abschluss gemeinsam durchzubrennen, begeistert zugestimmt. Damals hatten ihre Eltern sie gewarnt, sie allein müsse die Verantwortung für die kopflose Entscheidung übernehmen. Trotzdem hatte Anna den Entschluss, Todd zu heiraten, nicht bereut.

Denn hätte sie den Rat ihrer Eltern beherzigt, hätte sie Cody niemals bekommen. Ihr kleiner Engel entschädigte sie jeden Tag aufs Neue für die Opfer, die sie bringen musste.

Das Wichtigste, was sie aus Todds Verhalten und dem ihrer Eltern gelernt hatte, war, dass man sich am besten nur auf sich selbst verließ. Sie brauchte keinen Mann. Cody war ihre Familie.

Anna schulterte die Campingtasche und nahm eine Packung Windeln, die sie zu den Spielsachen in das Plastikkörbchen legte. Bei Hollister hatte sie nirgends Spielzeug entdecken können. Vermutlich war es im Kinderzimmer, das sie noch nicht gesehen hatte. Wahrscheinlich legte ihr neuer Boss Wert darauf, dass es auch dort blieb.

Hollister deutete auf den Korb. „Soll das alles mit?“

„Ja.“

„Dann bringe ich es zum Wagen und komme wieder, um den Rest zu holen.“

„Aber es sind vier Stockwerke …“

„Ich weiß. Ich erinnere mich.“

Natürlich tat er das. Sie hatten ja schließlich die Treppen nehmen müssen, da der Aufzug ausgefallen war. Wieder einmal. Abgesehen davon war das Wohnhaus ganz passabel. Einiges funktionierte eben nur nicht so, wie es sollte. Aber es war sauber, und Anna hatte es nicht weit bis zu ihrer alten Arbeitsstelle gehabt. Sie kannte ihre Nachbarn und fühlte sich sicher.

„Bis Sie wiederkommen, bin ich hier fertig.“

Nachdem er das Apartment verlassen hatte, fiel alle Anspannung sofort von ihr ab. Den Stapel Rechnungen, der auf der Küchentheke lag, stopfte sie in ihr Portemonnaie. Jetzt hatte sie wieder einen Job, der es ihr ermöglichte, alle Außenstände zu bezahlen. Und mit einem guten Zeugnis von Pierce Hollister würde sie vielleicht sogar direkt im Anschluss eine gute Anstellung bekommen.

Anna packte ihre Kleidung und Kosmetik in ihren alten Koffer. Welches Outfit erwartete Hollister wohl von einer Nanny? Egal. Die Auswahl an bequemen Kleidern und Röcken war hoffentlich okay.

Als Anna gerade den kleinen Abstellraum betrat, klopfte es. Elle steckte den Kopf durch die Tür. „Haben Sie den Job?“

„Ja, habe ich, Elle. Ab heute.“

Das dreizehnjährige Mädchen ließ die schmalen Schultern sinken. „Dann brauchen Sie mich wohl nicht mehr zum Babysitten, was?“

Ja, das war der Haken an Annas neuer Anstellung. Dabei benötigte Elles Familie das Geld so dringend. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dich brauche, wenn ich wieder hier bin. Ist doch nur vorübergehend.“

„Ich werde Sie und Cody ganz schön vermissen.“ Elles Lippen zitterten.

Anna schloss den zierlichen Teenager in die Arme. „Wir werden dich auch vermissen.“

In diesem Moment kam Annas neuer Boss zurück und blieb mit missbilligendem Blick hinter dem Mädchen stehen. „Fertig?“

Anna ließ Elle los. „Fast. Elle, das ist Mr Hollister. Ich werde auf seinen kleinen Sohn Graham aufpassen.“

Hollister öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, schloss ihn aber wieder.

Tapfer schluckte das junge Mädchen die Tränen hinunter. „N-nett, Sie kennenzulernen, Sir.“

Lächelnd strich Anna Elle mit der Hand über das feine Haar. „Elle lebt nebenan. Süße, guck doch einfach mal in meinem Kühlschrank nach, ob da noch etwas Essbares ist. Du kannst es mitnehmen, hier vergammelt es ja bloß.“

Gehorsam schlurfte Elle in Richtung Küche. Fragend hob ­Hollister eine Augenbraue. „Sie füttern die Nachbarn mit durch?“

Wieso klangen seine Bemerkungen immer wie eine Beleidigung? „Sie passt auf Cody auf, wenn ich Nachhilfe gebe. Leider ist sie auf jeden Cent angewiesen.“

„Dann sollte sie sich vielleicht den einen oder anderen Einkaufsbummel verkneifen.“

„Oh, das tut sie. Sogar den Einkauf im Lebensmittelladen“, erwiderte Anna leise.

Jetzt sah Hollister noch finsterer drein.

„Sicher, dass ich das alles mitnehmen darf, Miss Anna?“, fragte Elle schüchtern, als sie mit zwei vollen Tüten zurückkam.

„Absolut, Elle. Hier werden die ganzen Sachen doch bloß schlecht.“

„Haben Sie ein Handy?“ Hollister sah Anna fragend an.

„Nein.“ Noch so ein Opfer, das ihre finanzielle Situation gefordert hatte.

Er zog seine Brieftasche hervor, entnahm eine Visitenkarte und ein paar Geldscheine. Diese faltete er zu Quadraten, die er unter die Visitenkarte schob. Dann schrieb er eine Nummer auf die Rückseite der Karte. „Elle, wirf bitte ein Auge auf das Apartment von Ms Aronson, solange sie nicht hier ist. Wenn etwas ist, kannst du sie unter dieser Nummer erreichen.“

Elle starrte auf das Geld, blickte dann abwechselnd ihn und Anna an. Anna musste sich zusammenreißen, um sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen. Ermutigend nickte sie Elle zu. „Das wäre wirklich super, Elle. Ich versuche, dich auf dem Laufenden zu halten und dir rechtzeitig Bescheid zu geben, wann Cody und ich zurückkommen.“

Hollister deutete auf Codys Kinderstuhl. „Den sollten Sie besser mitnehmen.“

Mit Annas restlichem Gepäck in den Händen verließ er das Apartment. Anna nahm den leichten Kinderstuhl und ging voraus.

Auf dem Gehweg blieb sie stehen. „Das war sehr nett von Ihnen. Ich meine, Elle das Geld und die Adresse zu geben.“

„Ach was.“ Nachdem er ihr Gepäck verstaut hatte, schloss er den Kofferraum und legte den Kinderstuhl auf den Rücksitz.

„Ihr Vater ist schwerbehindert und …“

„Das ist mir egal. Außerdem ist das nicht mein Problem.“

Der kalte, messerscharfe Ton brachte die abweisende Fassade zum Vorschein, von der seine Assistentin gesprochen hatte. „Natürlich nicht.“

Einen Moment lang hatte er menschlich, fast mitfühlend, gewirkt. Doch da hatte sie sich wohl geirrt.

Anna hoffte inständig, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Pierce nahm Anna das Gutmenschentum nicht ab.

Es war ihm lieber gewesen, sie zu fahren, anstatt sie in einen Zug zu setzen. Nicht, um ihr einen Gefallen zu tun, sondern weil er wollte, dass sie schnellstmöglich mit der Arbeit begann. Und weil er mehr über die Frau wissen wollte, der es gelungen war, seine normalerweise so scharfsinnige Assistentin zu täuschen.

Sarah arbeitete bereits seit sieben Jahren für ihn. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters hatte Pierce das Familienunternehmen geerbt und sie mit übernommen. Keiner kannte die Firma so gut wie sie. In all den Jahren hatte er nicht ein einziges Mal an ihrer Kompetenz und ihrem Einschätzungsvermögen gezweifelt. Bis heute.

Sie war natürlich eine viel zu wertvolle Mitarbeiterin, auf die er nicht verzichten konnte – schon gar nicht jetzt, wo er einen Haufen Anträge für ein Stipendium lesen musste, das sein Unternehmen Hollister Inc. jedes Jahr vergab. Irgendwie hegte er den leisen Verdacht, Sarah hätte hingeschmissen, wenn er Aronson nicht eingestellt hätte.

Er betrachtete die sommersprossige Frau auf dem Beifahrersitz mit dem langen lockig-braunen Haar und den ebenfalls beeindruckend langen Beinen aus dem Augenwinkel. Sie war hübsch, auf eine zurückhaltende Art.

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