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Der Milliardär und die Braut

Melanie Milburne

Der Milliardär und die Braut

1. KAPITEL

„Da ist eine Jade Sommerville, die Sie sprechen möchte, Signor Sabbatini“, verkündete Nics Sekretärin Gina, als sie ihm seinen allmorgendlichen Kaffee brachte. „Sie will das Gebäude nicht verlassen, bevor sie nicht ihren Termin bei Ihnen bekommen hat.“

Nic sah nicht einmal von der Grundstücksliste hoch, die über seinen Computerbildschirm flimmerte. „Dann soll sie einen offiziellen Termin vereinbaren wie jeder andere auch“, brummte er und grinste in sich hinein, während er sich vorstellte, wie Jade sich im Empfangsbereich die Beine in den Bauch stand. Typisch für sie, einfach nach Rom zu fliegen und davon auszugehen, dass sich jeder nach ihren Wünschen richtet. Als besäße sie ein angeborenes Recht dazu, immer und überall ihren Willen durchzusetzen.

„Ich fürchte, sie meint es ernst“, wand Gina ein. „Um ehrlich zu sein, glaube ich sogar …“

Die Tür flog auf und knallte krachend gegen die Wand. „Bitte lassen Sie uns allein, Gina“, verlangte Jade mit einem aufgesetzten Lächeln. „Nic und ich haben einige private Dinge zu besprechen.“

Besorgt starrte Gina ihren Vorgesetzten an. „Schon gut, Gina“, sagte dieser bereitwillig. „Es wird ohnehin nicht lange dauern. Halten Sie Anrufer fern, und sorgen Sie dafür, dass wir unter keinen Umständen gestört werden!“

„Si, Signor Sabbatini.“ Betont leise schloss die Sekretärin die Bürotür hinter sich.

Nic lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück und betrachtete die schwarzhaarige Sirene vor sich. Ihre grünen Augen glitzerten vor Wut, und auf ihrer hellen Alabasterhaut zeichneten sich rote Flecken ab.

Ihre zarten Hände hatte sie zu Fäusten geballt, und die runden, sexy Brüste – die Nic schon einige Jahre zuvor heimlich bewundert hatte – bebten bei jedem Atemzug. „Nun, Jade? Was verschlägt dich in diese Gegend?“, fragte er und lächelte träge.

Ihre Katzenaugen wurden noch schmaler. „Du Bastard!“, fuhr sie ihn an. „Ich wette, du hast ihn auf diese Wahnsinnsidee gebracht, oder? Das ist doch genau deine Handschrift!“

Er hob eine Augenbraue. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du sprichst. Wen habe ich wozu gebracht?“

Jade stellte sich direkt vor seinen Tisch und schlug mit einer Hand auf die lederne Schreibunterlage. „Mein Vater streicht mir die Bezüge. Er hat meinen Treuhandfond aufgelöst und rückt keinen Penny mehr raus. Und das ist alles deine Schuld!“

Für einen kurzen Moment gestattete Nic sich das Gefühl von Triumph und Genugtuung. Und er stahl sich einen verbotenen Blick in ihr Dekolleté, als sie sich vorbeugte. So nah war er ihrem erotischen Körper nicht mehr gekommen, seit … seit Jades sechzehntem Geburtstag!

Genüsslich atmete Nic den exotischen Duft ein, der Jade umgab. Eine Mischung aus Jasmin, Orangenblüten und noch etwas Undefinierbarem, die wunderbar zu ihr passte. Dann widmete er sich seelenruhig wieder dem Feuerwerk in ihren Augen. „Man kann mir vieles vorwerfen, aber mit dieser einen Sache habe ich tatsächlich nichts zu tun. Ich habe schon seit Jahren nicht mehr mit deinem Vater gesprochen.“

„Das glaube ich dir nicht“, zischte sie und richtete sich wieder auf.

Dann verschränkte sie die Arme, was Nic einen noch direkteren Blick auf ihre grandiosen Brüste gewährte. Er spürte ein plötzliches Verlangen, das ihn grundsätzlich in Jades Gegenwart erfasste. Dieses Phänomen störte Nic extrem!

Er hatte nichts gegen One-Night-Stands, aber irgendetwas hielt ihn davon ab, Jade dafür ernsthaft in Betracht zu ziehen. Außerdem war ihr liederliches Verhalten hinreichend bekannt. Erst vor Kurzem war ihr skandalöses Privatleben Thema in den Medien gewesen. Angeblich hatte sie sich auf einen verheirateten Mann eingelassen und damit eine junge Familie zerstört.

Nic fragte sich ernsthaft, wie viele Männer wohl schon das Vergnügen hatten, mit ihr zu schlafen. Jade war eine richtige Hexe, die sich nahm, was und wen sie wollte, und die überall im Mittelpunkt stehen musste.

„Nun?“ Sie stemmte beide Hände auf ihre schmalen Hüften. „Willst du gar nichts dazu sagen?“

Mit einem goldenen Stift klopfte er ein paar Mal auf die Schreibunterlage. „Was soll ich denn dazu sagen?“

Wütend pfiff sie durch die Zähne. „Spielst du jetzt absichtlich den Begriffsstutzigen? Du weißt genau, was wir tun müssen. Du wusstest es schon seit Monaten. Und jetzt haben wir nur noch vier Wochen Zeit, um eine Entscheidung zu treffen, sonst ist all das Geld verloren.“

Der Gedanke an den letzten Willen seines Großvaters weckte Nics eigenen Unmut. Monatelang hatte er nach einem Ausweg aus dem Dilemma gesucht, gemeinsam mit einem Heer von Rechtsexperten, war aber zu keinem Ergebnis gekommen. Das Testament war absolut wasserdicht.

Wenn Nic Jade nicht bis zum ersten Mai heiratete, war ein Drittel des Familienvermögens der Sabbatinis für immer verloren. Immerhin blieb ihnen noch ein Monat Zeit, und Nic würde sich von Jade nicht manipulieren lassen, damit alles nach ihrer Nase ging. Wenn er sie wirklich heiraten musste – und momentan sprach alles dafür – dann nur zu seinen eigenen Bedingungen.

„Also“, begann er gedehnt und machte mit seinem Schreibtischsessel eine schwungvolle Vierteldrehung zur Seite. „Du möchtest mich demnach als Ehemann haben, Jade?“

In ihrer Aufgekratztheit wirkte sie auf ihn wie eine Wildkatze. „Aber nur auf dem Papier. Ich will dieses Geld. Es wurde mir hinterlassen, und mir ist egal, ob ich dafür durch einen Reifen oder sonst etwas springen muss! Ich lasse es mir nicht mehr wegnehmen.“

Nic grinste. „Wie ich das sehe, cara, bin ich derjenige, der dir dabei Steine in den Weg legen könnte.“

Mit schnellen Schritten kam sie um den Tisch herum, packte die Rückenlehne seines Stuhls und drehte ihn so, dass sie Nic direkt ansehen musste. Jade stand zwischen seinen geöffneten Schenkeln, und ihr warmer Vanilleduft umfing ihn. Ja, das war es. Jasmin, Orangenblüten und Vanille. Sie stach ihm mit einem perfekt manikürten Finger in die Brust, und Nic war noch nie in seinem Leben so heiß auf eine Frau gewesen.

„Du wirst mich heiraten, Nicoló Sabbatini!“, verlangte sie und betonte dabei jedes einzelne Wort.

Gelassen hielt er ihrem giftgrünen Blick stand. „Sonst was?“

Ihre Augen weiteten sich, und die stark geschminkten, schwarzen Wimpern erreichten beinahe den schmalen geschwungenen Bogen ihrer Brauen. Mit der Zunge fuhr sie sich über die Lippen und brachte damit das einladende Rosa zum Glänzen – was einen neuen Lustschauer durchs Nics Körper schickte.

Nic packte Jades Hand, bevor sie sich ihm entziehen konnte. „Du fängst das alles ganz falsch an, cara“, sagte er und zog sie etwas weiter zwischen seine Schenkel. „Warum wendest du nicht deinen unnachahmlichen Charme an, anstatt dich wie eine gefangene Raubkatze zu gebärden? Wer weiß, wozu du mich so überreden könntest?“

„Lass mich los!“, befahl sie ihm barsch und biss die Zähne aufeinander.

Spöttisch lächelte er. „Das klang aber noch ganz anders, als du sechzehn warst.“

Die roten Flecken auf ihren Wangen färbten sich noch eine Nuance dunkler, was gar nicht zu ihrer schnippischen Antwort passte. „Du hast deine Chance vertan, Italoboy. Der Preis ging stattdessen an deinen besten Freund. Er war zwar nicht der Beste, den ich hatte, aber zumindest der Erste.“

Es fiel Nic mit einem Mal schwer, ruhig weiterzuatmen, so heftig traf ihn eine eiskalte Welle von Frust und Hass. Andererseits wusste er, dass Jade ihn absichtlich provozierte. Das tat sie schon, seit sie sich kannten. Und auch ihre Gewohnheit, sich mit Sex ihren Willen zu erschleichen, war nicht neu.

Aber Nic hatte sich damals wie ein Ehrenmann verhalten und Jades Avancen entschieden abgewehrt. Schließlich waren sie nicht mehr gewesen als die Versuche eines jungen, unreifen Mädchens, Aufmerksamkeit zu bekommen. Und er hatte ihr einen Vortrag über ihr freizügiges Benehmen gehalten, woraufhin sie einfach einen seiner engsten Freunde verführte, nur um am Ende recht zu behalten.

Die Freundschaft zwischen Nic und seinem Kumpel war dahin, ebenso wie Nics Respekt gegenüber Jade. Er hatte dem Mädchen eine echte Chance geben wollen. Doch sie war entschlossen, ihr Leben genauso in den Dreck zu werfen, wie ihre unmoralische Mutter es getan hatte, als Jade noch sehr jung gewesen war.

„Du gibst mir die Schuld, wenn dein Vater dir Bezüge streicht?“, begann Nic. „Meinst du nicht, es könnte auch etwas mit der skandalträchtigen Affäre zwischen dir und Richard McCormack zu tun haben?“

Jade löste ihr Handgelenk aus seiner Umklammerung und rieb es mit übertriebener Sorgfalt. „Das war nichts weiter als eine Zeitungsente. Er wollte etwas von mir, und ich hatte kein Interesse.“

Nic schnaubte nur verächtlich. „Mir scheint es, als wärst du immer interessiert. Du bist doch der klassische Männertraum. Ein wildes Partygirl, das um jeden Preis im Mittelpunkt stehen will.“

„Und das ausgerechnet von dir“, erwiderte sie voller Sarkasmus. „Du hast dich mit mehr Frauen herumgetrieben als jeder andere Mann, den ich kenne.“

Mit einem überheblichen Grinsen legte er den Kopf schief, weil er wusste, dass Jade diese Geste hassen würde. „Ja, das will ich gar nicht abstreiten. Ein typischer Fall von Doppelmoral, aber so ist das eben in dieser Welt. Kein echter Kerl will ein Flittchen zur Frau haben.“

Missbilligend runzelte sie die Stirn. „Soll das heißen, du kehrst deinem Erbe den Rücken zu?“

Gleichgültig hob er die Schultern. „Ist doch schließlich nur Geld.“

„Aber es ist ein Vermögen!“

„Für dich vielleicht, aber ich war schon immer reich.“ Ihm gefiel es, mit ihrem Temperament zu spielen, das sie so mühsam unter Kontrolle zu halten versuchte. „In zwei Jahren kann ich das Doppelte verdienen, wenn ich mich anstrenge.“

Ihre Miene verfinsterte sich. „Aber was ist mit deinen Brüdern? Sind ihre Unternehmensanteile nicht in Gefahr, wenn sich eine unbekannte dritte Partei einschaltet?“

„Falls das geschieht, kann ich es auch nicht ändern. Ich würde es mir nicht wünschen, aber ich kann mein Privatleben auch nicht der wahnwitzigen Fantasie eines alten Mannes opfern.“

Ganz offensichtlich stand Jade kurz vor einem weiteren Wutausbruch. „Es geht hier nicht nur um dich, sondern auch um mich! Ich brauche dieses Geld dringend!“

Zufrieden lehnte Nic sich zurück, streckte die Beine aus und kreuzte die Knöchel. „Dann geh los und suche dir einen vernünftigen Job“, schlug er vor. „Das machen andere Leute auch, die nicht in reiche Verhältnisse hineingeboren wurden. Vielleicht gefällt es dir ja sogar. Auf jeden Fall wäre es eine Abwechslung zu deinem üblichen Alltag, der sich nur um Friseurtermine und Maniküre dreht.“

Ihr Blick hätte töten können. „Ich will keinen Job“, sagte sie schlicht. „Ich will dieses Geld, weil dein Großvater, mein Patenonkel, es mir gegeben hat. Er wollte, dass ich es habe. Bevor er starb, sagte er zu mir, er würde immer für mich da sein.“

„Ich stimme zu, er wollte dir dieses Geld tatsächlich geben. Er hatte schon immer eine Schwäche für dich, weiß der Himmel warum, aber so war es nun einmal. Allerdings wollte er auch mich dazu bringen, in seinem Sinne zu handeln, und dafür gebe ich mich nicht her.“

Mit zusammengepressten Lippen marschierte Jade auf und ab. Nic beobachtete ihre wachsende Unruhe mit Genugtuung. Ohne den großzügigen Unterhalt ihres Vaters war sie finanziell aufgeschmissen. Nic wusste, dass Jade über keinerlei Ersparnisse verfügte. Sie lebte von einem Kredit und erwartete von ihrem Vater, Monat für Monat die Abzahlungen zu leisten.

Jade hatte noch nie in ihrem Leben gearbeitet, sie besaß nicht einmal einen vernünftigen Schulabschluss. Sie war von drei verschiedenen englischen Privatschulen geflogen und verließ die vierte freiwillig eine Woche vor den Abschlussprüfungen. Seitdem brachte sie sich regelmäßig in ernsthafte Schwierigkeiten.

Schließlich blieb Jade vor Nic stehen und setzte ein lammfrommes Gesicht auf. „Bitte, Nic“, jammerte sie. „Bitte tu diese eine Sache für mich! Ich flehe dich an.“

Er atmete zögernd durch. Dieses Frauenzimmer war wirklich eine gefährliche Hexe. Nic spürte förmlich, wie ihre verführerischen Tentakeln ihn unsichtbar umsponnen und seinen eigenen Willen erstickten. Ihm wurde heiß und kalt zugleich.

Ein ganzes Jahr verheiratet sein. Zwölf lange Monate sollten sie als Mann und Frau leben, um sich ein Vermögen zu sichern. Zum Glück hatte die Presse bisher keinen Wind von dieser Klausel bekommen, und so wollte Nic es weiterhin halten. Es wäre eine unerträgliche öffentliche Schande, wenn man herausfände, wie unrühmlich er zum Altar geschleift wurde.

Jade hatte recht. Es handelte sich um sehr viel Geld, und Nic hatte schamlos übertrieben, als er behauptete, in kurzer Zeit selbst so viel verdienen zu können. Zudem machte er sich ernsthaft Sorgen um einen möglichen dritten Anteilseigner im Unternehmen. Seine Brüder hatten sich grundsätzlich extrem fair verhalten und ihn niemals wirklich unter Druck gesetzt. Doch Nic wusste, dass sich Giorgio als Hauptverantwortlicher für die Finanzen der Firma große Sorgen um die wachsende Instabilität des europäischen Marktes machte.

Dies war Nics einmalige Chance, seiner Familie und auch den Medien zu beweisen, dass mehr als nur ein egozentrischer Lebemann in ihm steckte. Er könnte dieses eine Opfer bringen und damit den Familienkonzern absichern. Und nach einem Jahr tat er dann, was er am besten konnte: Er löste sich so schnell es ging von allen emotionalen Verwicklungen. Dann war er frei und konnte wieder unbeschwert die Welt bereisen, um Risiken einzugehen, vor denen andere Menschen zurückscheuten. Und sein Ruf wäre trotzdem rehabilitiert.

Adrenalin schoss durch seine Adern. Eine euphorische Energie, die er zu Recht vor dieser millionenschweren geschäftlichen Abwicklung verspürte.

Er würde sich den testamentarischen Bedingungen seines Großvaters fügen, aber nicht, weil Jade es von ihm verlangte. Niemand sagte ihm jemals, was er zu tun hatte.

Mit Schwung stieß Nic sich vom Tisch ab und stand auf. „Wir müssen ein anderes Mal weiter darüber sprechen“, schloss er. „Ich muss nach Venedig und mir dort eine Villa ansehen, die ganz neu auf den Markt kommt. Deshalb bin ich für ein paar Tage nicht in der Stadt. Aber ich rufe dich an, sobald ich wieder zurück bin.“

Verwundert blinzelte sie ein paar Mal, so als hätte sie nicht mit dieser Antwort gerechnet. Doch sie hatte sich schnell wieder gefasst. „Du lässt mich demnach auf deine Antwort warten?“

Er lachte spöttisch. „Das nennt man Belohnungsaufschub, cara. Hat dir denn noch niemand beigebracht, dass es am Ende ausgesprochen befriedigend sein kann, länger auf etwas zu warten?“

„Das wirst du mir büßen, Nic Sabbatini“, versprach sie bitter. Dann stolzierte sie zu der Ecke, wo sie zuvor ihre Designerhandtasche hatte fallen lassen, und warf sich das gute Stück über die Schulter. Nach einem letzten finsteren Blick auf Nic ging sie mit den Worten: „Darauf kannst du dich verlassen.“

2. KAPITEL

Jade erreichte das Hotel in Venedig um fünf Uhr nachmittags. Von einem Paparazzo hatte sie erfahren, dass Nic dort direkt am Canal Grande eingecheckt hat. Und sie war mit ihrer detektivischen Arbeit recht zufrieden. Eine zuverlässige Quelle hatte ihr verraten, Nic würde sich bis circa acht Uhr abends in einem Meeting befinden und anschließend für eine Massage und Dinner ins Hotel zurückkehren. Allerdings wusste Jade nicht, ob er allein essen würde oder sich eine Begleitung aus dem Heer seiner Bewunderinnen ausgesucht hatte.

Um Nic schwirrten ständig Frauen herum. Und zu ihrer unendlichen Schande musste Jade gestehen, dass sie selbst einst eine von ihnen gewesen war. Sein Korb von damals, als sie sechzehn Jahre alt und unsterblich in ihn verliebt war, setzte ihr noch heute zu. Natürlich war sie selbst schuld, nachdem sie sich ihm so willig an den Hals geworfen hatte. Trotzdem machte sie ihn zum Teil für ihr fürchterliches erstes Mal mitverantwortlich, obwohl sie das noch nie laut ausgesprochen hatte.

Nicht einmal der Mann, an den sie ihre Jungfräulichkeit verlor, ahnte, was für ein Martyrium diese Erfahrung für sie gewesen ist. Jade konnte sich eben gut verstellen. Irreführung war ihr zweiter Vorname.

Oder er wäre es, wenn ich ihn buchstabieren könnte, dachte sie trocken.

Jade strahlte den Concierge am Empfang an und klimperte mit den Wimpern, wie sie es immer tat, wenn sie etwas von einem Mann wollte. Diese Kunst hatte sie über die Jahre regelrecht perfektioniert. „Scusi, signor. Ich möchte mich hier mit meinem Verlobten treffen, Signor Nicoló Sabbatini. Es soll eine große … wie sagt man das am besten auf Italienisch … eine riesengroße Überraschung sein!“

Der Mann schenkte ihr ein vertrauliches Lächeln. „Si, signorina, ich verstehe schon. Eine sorpresa. Aber ich wusste gar nicht, dass Signor Sabbatini verlobt ist. In den Zeitungen stand nichts darüber, da bin ich mir sicher.“

Das wird nicht lange auf sich warten lassen, überlegte Jade mit einem selbstzufriedenen Grinsen. „Si, signor. Es ging alles sehr schnell, und Sie wissen ja auch, wie sehr die Sabbatini-Brüder jede Einmischung durch die Presse missbilligen.“ Sie holte ein Foto von sich und Nic hervor, das auf der Beerdigung seines Großvaters aufgenommen worden war. Es wirkte zwar nicht sonderlich intim, aber zumindest zeigte es, wie Nic ihr direkt vor dem Trauergottesdienst etwas ins Ohr flüsterte.

Lächelnd zeigte Jade dem Concierge das Bild. „Wie Sie sehen, lassen uns die Reporter wirklich zu keinem Zeitpunkt in Ruhe. Deshalb möchten wir diese kostbare Zeit hier auch noch ganz allein genießen, bevor die ganze Welt von unserer bevorstehenden Hochzeit erfährt. Ich weiß Ihre Kooperation wirklich zu schätzen, genau wie mein zukünftiger Mann.“

„Aber natürlich, es ist mir ein Vergnügen, signorina“, antwortete er und reichte ihr ein Formular zum Ausfüllen. „Sind Sie bitte so freundlich und füllen dies hier aus? Wir brauchen Ihren vollständigen Namen und Ihre Adresse für unsere Unterlagen.“

Ein vertrautes Gefühl der Panik befiel Jade, wie üblich in einer Situation wie dieser. Ihr Magen begann zu flattern, und in ihrer Brust wurde es unangenehm eng. Jade holte tief Luft und setzte ein Megawatt-Lächeln auf. „Es tut mir leid, signor, aber ich habe für den Flug meine Kontaktlinsen herausgenommen“, erklärte sie mit scheinbar aufrichtigem Bedauern. „Sie befinden sich jetzt irgendwo in meinem Gepäck vergraben. Ohne sie bin ich praktisch blind, und ich hasse es mehr als alles andere, Brillen zu tragen. Sie sind hässlich, finden Sie nicht auch? Wären Sie so lieb, meine Daten direkt in Ihren Computer einzugeben?“

Der Mann lächelte bereitwillig. „Aber sicher, signorina“, entgegnete er, und seine schlanken Finger bewegten sich mit geübtem Geschick über die Tastatur.

„Das ist ausgesprochen freundlich von Ihnen.“ Sie diktierte ihm ihre Daten und nahm die Schlüsselkarte entgegen.

„Signor Sabbatini bewohnt die Penthousesuite im Obergeschoss. Ich werde Ihr Gepäck sofort hinaufbringen lassen.“

Grazie, signor. Aber ich hätte da noch eine Bitte.“ Vertraulich kam sie ihm näher. „Könnten Sie der Masseurin absagen, die für acht Uhr bestellt wurde? Ich werde mich höchst persönlich um meinen zukünftigen Gatten kümmern. Das wird ihm besser gefallen, si?“

Der Concierge grinste wissend. „Si, signorina. Das wird es ganz sicher!“

Frohen Mutes spazierte Jade zum Fahrstuhl und lächelte ihr Spiegelbild an, während sich die Türen hinter ihr lautlos schlossen. Sie trug ihr hübschestes und auffälligstes Outfit: ein schwarzes, sündhaft kurzes Schwarzes, eng anliegend und tief ausgeschnitten, mit eleganten High Heels und teuren Juwelen.

Nachdem sie die Suite gefunden hatten, bestellte sie eine Flasche Champagner und legte sich einen Schlachtplan zurecht. Jetzt war es wichtig, alle Sinne beisammen zu halten, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Natürlich würde Nic außer sich sein, aber das geschah ihm als Rache für seine Dickköpfigkeit ganz recht.

Kein Wunder, dass er als Milliardär die Ruhe weg hat, überlegte Jade. Aber wie soll ich bitte ohne meinen Treuhandfond über die Runden kommen?

Schließlich konnte sie nicht einfach losmarschieren und sich eine Arbeit suchen, wie er es vorgeschlagen hatte. Wer würde sie denn schon einstellen?

Nachdenklich sah sie durch das riesige Fenster hinunter zu den umhereilenden Touristen. Das Netzwerk der kleinen Kanäle in dieser Stadt sah von oben genauso aus wie auf den Postkarten, die Jade mal gesehen hatte. Selbst das Licht stimmte. Die untergehende Sonne fabrizierte ein Spektrum unterschiedlicher Pastellfarben am Himmel und tauchte die alten Gebäude der Umgebung in zartes Pink, Orange oder Gelb.

Jade wünschte, sie hätte die Zeit, das Panorama zu malen. Ihr kleines provisorisches Atelier in ihrem Londoner Apartment war bis zum Bersten mit ihren Arbeiten vollgestopft. Nicht, dass jemals jemand einen Blick auf die Werke geworfen hätte. Es war ihre ganz private Leidenschaft. Etwas, das niemand als ungebildeten, unkultivierten Schund bezeichnen konnte!

Seufzend ging sie zum Bett hinüber und testete mit den Händen die Festigkeit der Matratze. Ruckartig zog sie die Hände zurück und richtete sich auf, während ihr durch den Kopf ging, mit wie vielen Frauen sich Nic hier wohl schon amüsiert hatte. Schließlich residierte er nicht zum ersten Mal in diesem Hotel …

Wahrscheinlich wusste er es selbst nicht mehr und hatte komplett den Überblick verloren. Und Jade selbst konnte ihre Liebhaber an einer halben Hand abzählen, ganz gleich, wie dreist die Klatschpresse ihre angeblichen Sexeskapaden breittrat. Offen gesagt, fragte Jade sich, warum die ganze Welt wegen dieses Themas Kopf stand. Ihr selbst kam es weniger erstrebenswert vor, überall begrapscht und vollgeschwitzt zu werden. Neckisch und frech zu flirten, war meist kein Problem für sie, vor allem, wenn sie damit ein bestimmtes Ziel verfolgte. Aber mehr?

Der Champagner wurde gebracht, und Jade gab dem jungen Kellner ein Trinkgeld. Dann gönnte sie sich ein Glas, um ihre Nerven zu beruhigen. Die Zeit zog sich quälend langsam dahin, und Jade wollte die Konfrontation mit Nic endlich hinter sich bringen, bevor sie der Mut verließ.

Er hatte sie im Unklaren darüber gelassen, ob er kooperieren würde oder nicht. Aber es war viel zu riskant, die Entscheidung ihm allein zu überlassen. Sie musste ihn überzeugen, sonst würde sie schon bald am Hungertuch nagen. Es machte ihr zwar nichts aus, wenn man sie von Zeit zu Zeit für ein leichtes Mädchen hielt, aber sie würde niemals aus der Not heraus wirklich zu einem werden wollen!

Die Hochzeit mit Nic würde all dies verhindern. Ihre Sorgen wären vom Tisch, und Salvatores Letzter Wille wurde erfüllt. Während des Ehejahres mussten beide Partner absolut treu sein, das war Bedingung. Aber Jade hatte sowieso nicht vor, mit Nic zu schlafen. Schließlich hatte er sie schon einmal verschmäht, und sollte das wieder geschehen, würde sie diese Demütigung ganz sicher nicht verkraften.

Gerade trank sie ihr zweites Glas Champagner, als Nic plötzlich die Suite betrat. Seine haselnussbraunen Augen wurden schmal, als er Jade mit gekreuzten Beinen mitten auf seinem Bett sitzen sah.

„Was, zur Hölle, machst du hier?“, knurrte er missgelaunt.

„Ich feiere unsere Verlobung“,

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