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Der Milliardär und das Kindermädchen

Crystal Green

Der Milliardär und das Kindermädchen

1. KAPITEL

Wenn Melanie Grandy den Internet-Artikeln glauben konnte, die sie über ihren zukünftigen Arbeitgeber gelesen hatte, dann war Zane Foley ein knallharter Unternehmertyp. Der härteste in ganz Texas.

Gleichzeitig war Foley laut besagten Artikeln ein ziemlich geheimnisvoller Mensch, der dafür sorgte, dass nichts aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit drang.

Dafür hatte Melanie mehr Verständnis als jeder andere.

Vom Kopfende eines langen Mahagonitisches aus beobachtete sie den erfolgreichen Geschäftsmann dabei, wie er durch ihre Bewerbungsmappe blätterte. Dabei schritt er gemächlich über das Wohnzimmerparkett seiner Stadtvilla in Dallas.

Ich darf ihn nicht ständig anstarren, ermahnte sich Melanie.

Leicht fiel ihr das allerdings nicht …

Das dunkelbraune Haar ließ er offenbar in einem teuren Salon stylen. Der Schnitt saß perfekt, bloß im Nacken standen ein paar störrische Strähnen hoch. Wahrscheinlich wusste er nichts davon, denn sonst hätte er sie längst geglättet.

Zane Foley war ausgesprochen groß und breitschultrig. Er hatte eine schmale Taille und lange Beine. Melanie wusste nicht, was er in seiner Freizeit für Sport trieb, konnte sich ihn aber gut im Sattel vorstellen.

Eigentlich kannte er ihre Bewerbungsmappe längst: Als Melanie sich vor zwei Tagen bei ihm vorgestellt hatte, hatte er ihren Lebenslauf bereits genauestens unter die Lupe genommen. Warum ging er also jetzt noch mal alles durch? Wollte er sie etwa einschüchtern?

Am anderen Ende des Raumes blieb er stehen und blickte sie an. Die Maisonne fiel durch das Buntglasfenster und zauberte sanfte Farbreflexe auf sein weißes, höchstwahrscheinlich maßgeschneidertes Hemd. Da stand er, mitten zwischen den dunklen Ledermöbeln, die dem Raum ein düsteres Ambiente verliehen.

Melanie fühlte sich ertappt, als Zane Foley ihr direkt ins Gesicht sah und mit seinen haselnussbraunen Augen fixierte. Trotzdem wich sie seinem Blick nicht aus. Sie wollte ihm beweisen, wie standhaft sie war. So standhaft, dass sie allen Herausforderungen gewachsen wäre, wenn er sie als Nanny für seine sechsjährige Tochter Olivia einstellte. Melanie hatte die Kleine beim ersten Vorstellungsgespräch bereits kurz kennengelernt und sofort ins Herz geschlossen.

Sie zwang sich, ruhig und gleichmäßig zu atmen, bis Zane Foley sich wieder ihrer Bewerbungsmappe zuwandte.

„Aha, aus Oklahoma kommen Sie also“, sagte er plötzlich mit tiefer, klangvoller Stimme.

Ein Schauer durchlief Melanie. Es fühlte sich an, als hätte er direkt neben ihr gestanden und ihr die Worte ins Ohr geraunt. Sie bemühte sich, möglichst ruhig zu sprechen, damit er ihr die Erregung nicht anmerkte. „Ja, ich bin sozusagen am Stadtrand von Tulsa aufgewachsen.“

Eigentlich hatten sie auch darüber bei ihrem ersten Termin gesprochen, und wahrscheinlich hatte Foley in den letzten zwei Tagen ihre früheren Arbeitgeber kontaktiert. Zuletzt war sie für eine Geschäftspartnerin von ihm tätig gewesen, mit der er eng zusammenarbeitete, und deren Urteil er sehr vertraute. Wahrscheinlich hatte Melanie überhaupt nur deswegen einen Fuß in die Tür bekommen.

Warum schaute er sich eigentlich gerade ihre ganze Bewerbungsmappe noch einmal an? Wollte er sie damit etwa verunsichern? Hoffte er darauf, dass sie vor lauter Nervosität ihr dunkles Geheimnis verriet?

Weil er zu ihrer Erklärung, wo sie aufgewachsen war, nichts sagte, sprach sie weiter: „Zuerst waren wir bloß zu zweit, meine Mutter und ich. Während ich im Kindergarten war, hat sie die Buchhaltung für einen kleinen Betrieb erledigt. Sobald ich etwas älter war, habe ich mich nach der Schule immer um den Haushalt gekümmert.“

Dabei verschwieg Melanie ihm, dass es sich bei dem „kleinen Betrieb“ um eine schmierige Gaststätte handelte, in der ihre Mutter hauptsächlich als Kellnerin gearbeitet hatte. Zwischendurch hatte Leigh Grandy immer mal wieder einen „guten Freund“ zum „Übernachten“ nach Hause gebracht. Wahrscheinlich war Melanie selbst auch auf diese Art entstanden, aber das wusste sie nicht genau, denn ihren Vater hatte sie nie kennengelernt.

Langsam kam Zane Foley auf den langen Mahagonitisch zu, an dem Melanie saß. Am gegenüberliegenden Ende blieb er stehen und legte ihre Bewerbungsmappe auf die Tischplatte.

Dieser Mann sah aber auch wirklich zu gut aus! Wenn sie ihn genauer betrachtete, wurde ihr ganz flau im Magen. Sie musste sich dazu zwingen, sich wieder auf ihre Bewerbungssituation zu konzentrieren. Und darauf, was es bedeuten würde, wenn er sie einstellte: Dann wäre er nämlich ihr Chef und sie die Nanny, Punkt. Und dass er sie einstellte, war noch gar nicht gesagt.

„An Ihrem Lebenslauf sehe ich, dass Sie schon sehr früh mit Kindern gearbeitet haben. Inwiefern haben denn Ihre Geschwister Ihre Berufswahl beeinflusst?“

„Eigentlich waren das meine Stiefgeschwister.“

„Oh, dann habe ich mich wohl verlesen.“

Melanie lächelte, aber Zane Foleys Miene blieb ernst. Bei ihm schien das normal zu sein.

„Als ich fünfzehn war, heiratete meine Mutter einen Mann, von dem sie behauptete, er sei ihre ‚wahre Liebe‘“, erklärte sie. Kaum zu glauben, dass Leigh Grandy sich schließlich dauerhaft auf eine ihrer Männerbekanntschaften festgelegt hatte … und noch viel erstaunlicher war es, dass diese Ehe bis heute noch nicht geschieden war.

„Der Mann hatte vier Kinder. Die beiden Mädchen waren ein ganzes Stück jünger als ich“, fuhr Melanie fort. „Also habe ich auf sie aufgepasst und nebenbei weiter die Hausarbeit erledigt. Dann gab es noch zwei Söhne, Zwillinge, die waren aber ständig unterwegs und bei irgendwelchen Sportveranstaltungen.“

„Die Mädchen waren jünger, und es gab zwei Söhne?“, wiederholte Zane Foley und zog eine Augenbraue hoch.

Melanie umklammerte die Tischplatte, bis ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Inzwischen hatte sich ihr potenzieller Arbeitgeber ihr gegenüber an das andere Ende in einen Ledersessel gesetzt und die Finger verschränkt. Er wirkte wie ein Staatsanwalt beim Kreuzverhör.

Ich will diesen Job haben, dachte sie. Ich brauche diesen Job. Bitte!

Fast ihre ganzen Ersparnisse hatte sie dafür ausgegeben, um zum Vorstellungsgespräch nach Dallas fliegen zu können.

„Würden Sie mir bitte erklären, woran das liegt?“, hakte er nach. „Warum sprechen Sie von Ihren Stiefgeschwistern in der Vergangenheitsform?“

Melanie zwang sich zu einem Lächeln. „Das war wohl eher ein Versehen“, erklärte sie. „Natürlich haben wir immer noch Kontakt.“ Sofern man ein paar kurze E-Mails als „Kontakt“ bezeichnen konnte … Nur ihre Mutter rief ziemlich häufig bei ihr an – um sich Geld von ihr zu leihen.

Seit der Hochzeit ihrer Mutter hatte Melanie nur noch eine unbedeutende Nebenrolle in der Familie gespielt. Ihr Stiefvater hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm seine eigenen Kinder viel lieber waren. In seinen Augen war Melanie bloß die „uneheliche Tochter seiner Frau“. Alle damit verbundenen negativen Gefühle bekam sie ab, nicht Leigh.

Darüber hatte Melanie sogar einmal mit ihrer Mutter gesprochen – in der Hoffnung, dass Leigh wiederum mit ihrem Mann reden und sich die Situation für alle verbessern würde. Aber da hatte sich Melanie gründlich getäuscht: Ihre Mutter hatte sehr ärgerlich reagiert und ihr vorgeworfen, sie würde ihr bloß alles kaputt machen wollen. Ausgerechnet jetzt, wo sie endlich glücklich war.

Melanie hatte sich damals verraten und verletzt gefühlt. Und ihr war schmerzhaft bewusst geworden, dass Leigh ihre Männerbekanntschaften immer wichtiger sein würden als ihre eigene Tochter. Dabei hatte sie sich immer so angestrengt, ihrer Mutter alles recht zu machen, und dabei gehofft, dass diese Melanie dafür umso mehr lieben würde.

Sie verdrängte die schlimmen Erinnerungen. „Ich habe als Teenager mehrere Kurse zum Thema Kinderbetreuung belegt“, erklärte sie Zane Foley. „Und dann habe ich als Babysitter gearbeitet. Meistens am Wochenende, aber oft auch in der Woche, wenn ich das mit der Schule vereinbaren konnte.“

„Das scheint Ihnen nicht besonders schwergefallen zu sein, wenn ich mir Ihre ausgezeichneten Zeugnisse ansehe.“

„Ich habe mir auch alle Mühe gegeben – weil mir klar war, dass ich nur auf diese Weise etwas in meinem Leben erreichen könnte.“

Bestimmt hatte Zane Foley in den letzten Tagen sämtliche Zeugnisse und Referenzen überprüfen lassen, die sie der Bewerbung beigelegt hatte. Blieb nur zu hoffen, dass er bei seinen Nachforschungen nichts von dem einzigen Job erfahren hatte, der nicht im Lebenslauf erwähnt war. Mit diesem speziellen Job hatte Melanie sich damals das College finanziert … und jetzt wollte sie ihn am liebsten vergessen: Damals hatte sie nämlich in einem drittklassigen Casino in Las Vegas getanzt – als Showgirl.

Ganz langsam atmete sie aus und konzentrierte sich darauf, sich bloß mit keinem Wort zu verraten. „Während meiner Schulzeit habe ich neben dem Babysitten auch noch als Kellnerin gearbeitet. Das mit dem Babysitten hat sich schnell in der Nachbarschaft herumgesprochen, weil die Leute wohl zufrieden mit meiner Arbeit waren. Und so habe ich nach und nach immer mehr Aufträge bekommen.“

„Da waren Sie ja sehr engagiert“, warf Zane Foley ein. Bloß um überhaupt etwas zu sagen, oder weil er wirklich beeindruckt war?

Immerhin waren die Foleys berühmt dafür, dass sie nicht davor zurückschreckten, sich die Finger mit harter, ehrlicher Arbeit schmutzig zu machen. Nur so waren sie überhaupt zu ihrem Vermögen gekommen. Vielleicht wusste Zane Foley es ja gerade deswegen zu schätzen, dass sein Kindermädchen die gleichen Qualitäten hatte?

„Ich habe damals jeden einzelnen Dollar gespart“, fuhr sie fort. „Nur für meine vielen Tanzstunden habe ich Geld ausgegeben, weil ich sie dringend gebraucht habe, als Ausgleich.“

„Ich glaube, wir brauchen alle irgendein Ventil“, sagte er geistesabwesend und schaute wieder in ihre Bewerbungsmappe. „Hm … warum sind Sie eigentlich gleich nach der Highschool nach Las Vegas gegangen?“, fragte er dann.

Jetzt wird’s gefährlich, dachte sie. Ihr Nacken kribbelte. „Ich hatte gehört, dass die Stadt wirtschaftlich besonders gut dasteht, das wollte ich für mich nutzen. Also habe ich dort erst mal als Kellnerin in einem Café gearbeitet. So viel Trinkgeld wie in Las Vegas hatte ich bis dahin noch nie!“

Zane Foley schwieg, als erwartete er, dass sie weitererzählte.

Herausfordernd lächelte sie ihn an. „War das bei Ihnen nicht sogar ähnlich, Mr. Foley? Sind Sie nicht auch wegen der günstigen Wirtschaftslage dorthin gezogen? Sie haben ja einige Projekte in der Stadt durchgeführt.“

Bildete sie es sich nur ein, oder musste er gerade über ihre Bemerkung grinsen? Bevor sie sich seiner Reaktion sicher sein konnte, schaltete er allerdings schon wieder auf „Mr. Wichtig“ und kritzelte ein paar Anmerkungen auf ihre Bewerbungsmappe.

Natürlich hatte sie in Las Vegas nicht nur gekellnert, sondern auch getanzt – und wie! Begonnen hatte alles damit, dass sie eines Abends entdeckt worden war. Sie war mit einigen Mitstudentinnen tanzen gewesen, und dann hatte ihr der Talentscout des Grand Illusion Casino in Las Vegas seine Visitenkarte in die Hand gedrückt.

Auf seinen Vorschlag, doch mal zum Vortanzen vorbeizukommen, war sie zunächst nicht eingegangen. Immerhin verdiente sie als Kellnerin genug zum Leben. Aber dann hatte ihre Mutter sie wieder angeschrieben und um Geld gebeten, und so hatte sie doch Kontakt zu besagtem Talentscout aufgenommen. Das Grand Illusion Casino suchte damals Tänzerinnen für seine kleine, anspruchslose Revue. Dabei handelte es sich um eine etwas schlüpfrige Mischung aus Zaubershow und Musical. Wenigstens waren die Darbietungen nicht völlig geschmacklos: Alle Tänzerinnen durften ihre paillettenbesetzten Oberteile bis zum Schluss anbehalten.

Zunächst hatte Melanie sowieso nicht damit gerechnet, weiter als bis zum Vortanzen zu kommen, aber dann hatte sie alles mit Bravour gemeistert. Die Betreiber des Grand Illusion boten ihr nicht nur ein Engagement bei zufriedenstellender Bezahlung, sondern ließen ihr auch die Möglichkeit offen, sich ein paar Tage in der Woche für Studium und Kellnerjob freizuhalten.

Sobald sie aber ihren Studienabschluss in der Tasche hatte, hängte sie den Revuetanz an den Nagel und nahm ihren ersten Job als Nanny an. Ihre Studienberaterin hatte sie wärmstens einer ihrer Freundinnen empfohlen: Andrea Sandoval baute gerade ein erfolgreiches Unternehmen auf und verdiente damit bereits viel Geld. Als alleinerziehende Mutter brauchte sie allerdings dringend Unterstützung, und die hatte Melanie ihr geboten. Viele Jahre hatte sie für Andrea Sandoval gearbeitet und sich bei ihr außerordentlich wohlgefühlt – bis diese wieder heiratete und beschloss, zu Hause bei ihrem Kind zu bleiben.

Und so hatte Melanie sich mit ihren achtundzwanzig Jahren auf den Weg nach Dallas gemacht, zu Zane Foley: Ihre ehemalige Arbeitgeberin hatte mit ihm eng an einem Bauprojekt in Las Vegas zusammengearbeitet. Sie hatte ihm Melanie empfohlen, als die Nanny seiner Tochter kündigte und er verzweifelt eine neue suchte.

„Andrea Sandoval hat Ihnen ja schon erzählt, dass ich dringend jemanden suche, der sich um meine Tochter kümmert und auch bei ihr wohnt“, erklärte er. „Was ich bisher über Sie gehört habe, klingt ja schon fast zu gut, um wahr zu sein.“

Das Blut schoss Melanie ins Gesicht. Zu gut, um wahr zu sein? Dann hatte er also wirklich Nachforschungen angestellt und mehr über sie herausgefunden? Oder vielleicht doch nicht?

„Na ja, niemand ist perfekt, Mr. Foley“, erwiderte sie und wartete kurz, ob er ihr zustimmte und das Thema damit vielleicht abgehakt wäre. Keine Chance. Daher sprach sie weiter: „Andererseits scheinen Sie und Ihre Familie der Perfektion ziemlich nahe zu kommen.“

Er erwiderte ihren Blick nicht. „Wohl kaum.“

„Nicht? Dann würde ich Ihren PR-Leuten aber empfehlen, dieses Image nicht weiter zu verbreiten“, sagte sie leichthin. „Die Presse sieht die Foleys offenbar als Vorzeige-Unternehmerfamilie.“

„Dann haben Sie also Nachforschungen über mich und meine Familie angestellt“, bemerkte er. Er wirkte angespannt.

Was sollte sie dazu sagen? Es war gar nicht schwer gewesen, zumindest etwas über das erfolgreiche Familienunternehmen herauszufinden: Angefangen hatte alles mit ein paar Bohrinseln, und heute herrschten die Foleys über ein umfangreiches Immobilien- und Medienimperium. Auch für wohltätige Zwecke engagierten sie sich beispielhaft, dazu zogen sie in der Politik einige Strippen, und Zanes Bruder Jason erschien häufiger mal in den Klatschblättern. Kurz: Die Presse liebte die Foleys, obwohl Zane sich in der Öffentlichkeit so rar wie möglich machte.

„Natürlich habe ich ein bisschen recherchiert“, gab sie schließlich zu. „Ich wollte mir nämlich ein Bild davon machen, ob Sie zu mir passen würden. Genauso, wie Sie jetzt prüfen, ob ich zu Ihnen passe.“

Spontan strahlte sie ihn an – aber nicht etwa, um ihn für sich einzunehmen, sondern weil sie gerade an seine Tochter denken musste: Olivia hatte große Rehaugen und eine Nase voller Sommersprossen. Das Mädchen und sie hatten sich zwar erst kurz kennengelernt, aber selbst in der kurzen Zeit hatte Melanie gespürt, dass sie zu ihr gehörte. Irgendetwas an Olivia hatte sie tief berührt … vielleicht die Tatsache, dass das Mädchen sie ein bisschen an sie selbst erinnerte: Sie wirkte ähnlich einsam und verloren, wie Melanie sich als Kind oft gefühlt hatte.

Zane Foley erwiderte ihr Lächeln nicht. Er wich ihrem Blick sogar aus. Ein Sonnenstrahl fiel durch das bleiverglaste Fenster und überzog seine markanten Gesichtszüge mit einem rötlichen Schimmer.

Melanie schluckte.

„Sie sind ein optimistischer Mensch. Das gefällt mir“, bemerkte er. „Meiner Tochter Livie gegenüber können Sie eine gute Portion Optimismus nämlich gut gebrauchen. Ich habe Ihnen ja schon bei unserem ersten Gespräch erzählt, dass sie in den letzten sechs Jahren fünf verschiedene Nannys hatte.“

„Ja, daran erinnere ich mich gut“, erwiderte Melanie. Ihre bisherige Chefin hatte ihr auch schon davon erzählt, dass das Mädchen nach dem Tod ihrer Mutter sehr abweisend auf alle Frauen reagierte, die ihr gegenüber in die Mutterrolle schlüpfen wollten. Daher war Melanie darauf gefasst, dass sie keine leichte Aufgabe vor sich hatte. Trotzdem wollte sie die Herausforderung unbedingt annehmen: Sie wollte für das kleine Mädchen da sein – weil sie sich früher auch so sehr jemanden gewünscht hatte, der für sie da gewesen wäre.

„Meine Tochter ist nicht einfach. Das sage ich Ihnen gleich ganz offen“, sagte Zane Foley.

„Darauf bin ich gefasst“, gab Melanie zurück. „Ich gebe nicht so leicht auf.“

„Das haben mir Ihre Vorgängerinnen anfangs auch alle erzählt. Am Ende meinten dann die meisten, es wäre schön, wenn ich mich meiner Familie ähnlich intensiv widmen würde wie meinem Unternehmen.“ Er beugte sich ein Stück vor und fixierte Melanie. „Nur, damit Sie Bescheid wissen: Ich stelle Sie als Nanny an, nicht als Lebensberaterin.“

Sie zwang sich, seinem bohrenden Blick standzuhalten, und wurde dabei das Gefühl nicht los, dass Zane Foley mit seinem überheblichen Auftreten ein sehr verletzliches Innenleben schützte.

„Ich würde mir nie anmaßen, jemandem ungefragt Ratschläge zu geben, Mr. Foley“, erwiderte sie seelenruhig.

Er lehnte sich wieder zurück, hörte aber nicht auf, sie zu beobachten.

Melanie spürte seinen Blick am ganzen Körper, sie war wie elektrisiert.

„Mir ist unser Familienunternehmen ausgesprochen wichtig“, führte er aus. „Livie ist meine einzige Tochter. Eines Tages will ich ihr alles hinterlassen, was mir gehört. Und ich wünsche mir, dass sie so viel wie möglich davon hat.“

Das klang ganz so, als wüsste er jetzt schon, dass er nie wieder heiraten und auch keine weiteren Kinder bekommen würde. Melanie erschauerte. „Das wird Ihre Tochter bestimmt zu würdigen wissen“, sagte sie.

„Ich will Ihnen nicht verschweigen, dass es mich sehr viel Zeit und Kraft kostet, mich um unsere Finanzen zu kümmern. Einfach dafür zu sorgen, dass nicht alles wieder den Bach runtergeht. Das führt leider dazu, dass ich nicht so viel Zeit mit meiner Tochter in Austin verbringen kann, wie manche Menschen das vielleicht von mir erwarten.“

„Aha“, erwiderte Melanie. „Ich habe schon gelesen, dass es Rivalitäten zwischen Ihrer Familie und den McCords gibt.“ Dass die Familien seit mehreren Generationen in Feindschaft lebten, war kein Geheimnis.

Zane Foley kniff die Lippen fest zusammen. Offenbar gefiel ihm das Thema überhaupt nicht. „Nun ja, ich habe sehr viele Verpflichtungen. Daher brauche ich jemanden für Livie, auf den ich mich hundertprozentig verlassen kann. Ich suche jemanden, der sich haargenau an meine Vorgaben hält und sie so erzieht, wie ich es für richtig halte.“

Melanie schüttelte sich insgeheim. Ganz schön autoritär! Der Mann tat ja gerade so, als wäre seine Tochter eines seiner vielen Geschäftsprojekte, und nicht etwa ein kleines Mädchen mit eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Livie brauchte viel mehr als strenge Vorgaben; das hatte Melanie bei ihrem ersten kurzen Kennenlernen gleich gespürt.

Sie wollte schon etwas Entsprechendes erwidern, konnte sich aber gerade noch rechtzeitig bremsen. „Verstehe“, sagte sie stattdessen, obwohl sie seine Motive kein bisschen nachvollziehen konnte.

Zane Foley sah sie noch ein letztes Mal mit seinen umwerfenden haselnussbraunen Augen an. Melanie bemühte sich, einigermaßen unbewegt zu wirken – auch wenn ihr dabei ganz flau im Magen wurde.

Schließlich stand er auf. Ihre Bewerbungsmappe ließ er einfach auf dem langen Mahagonitisch liegen.

Melanie stockte der Atem. Und jetzt?, fragte sie sich. Habe ich den Job?

Ohne ein weiteres Wort ging er in Richtung Tür. Dann drehte er sich um, sah, dass Melanie noch am Tisch saß, und forderte sie mit einer Geste auf, ihm zu folgen.

Also gut.

Ihre Absätze hallten auf dem Parkettboden wider, während sie hinter Zane Foley den Flur hinunterging.

„Ich erwarte, dass Sie Livie umfangreich unterrichten, auch außerhalb der Schulstunden“, verkündete er mit fester Stimme.

„Das ist überhaupt kein Problem für mich“, sagte sie aufgeregt. Also war er tatsächlich bereit, sie einzustellen! „Mit Miss Sandovals Tochter Toni habe ich mir jeden Tag etwas Neues angeschaut. Das würde ich mit Livie gern genauso machen.“

„Ich habe gelesen, dass Sie viel tanzen. Davon kann Livie wahrscheinlich am stärksten profitieren.“

Melanie stockte der Atem. Doch dann wurde ihr bewusst, dass Zane Foley sich damit wahrscheinlich auf die vielen Kurse bezog, die sie im Lebenslauf erwähnt hatte: vom Jazztanz über Hip-Hop bis hin zu Ballettstunden war alles dabei. „Hatte Livie denn schon mal Tanzunterricht?“, fragte sie.

„Nein, aber sie braucht dringend ein geeignetes Ventil. Das Mädchen steht völlig unter Strom.“

„Ach so.“

„Abgesehen davon hat sie einen festen Zeitplan, an den Sie sich bitte genau halten. Klare Strukturen tun Livie nämlich gut, und Sie selbst können auch davon profitieren.“

Klare Strukturen also. Wenn Melanie sich in seiner perfekt durchgeplanten Stadtvilla umsah, kam ihr langsam der Verdacht, dass Livie in Austin in einer Art goldenem Käfig lebte.

Innerlich kochte sie schon vor Wut, aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Immerhin wollte sie dringend diesen Job haben … und sie brauchte ihn auch.

Zane Foley führte sie in ein kleines Büro, das mit antiken dunklen Holzmöbeln eingerichtet war. Auf einem mit Schnitzereien verzierten Schreibtisch stand ein Laptop. In den Regalen reihten sich in Leder gebundene Bände, die einen leicht muffigen Geruch verströmten.

An der Wand hingen einige große Gemälde. Das größte davon zeigte die ganze Familie Foley: Zanes jüngere Brüder Jason und Travis konnten zu dem Zeitpunkt nicht älter als zehn Jahre gewesen sein. Sie standen neben ihrem Vater, Rex Foley. Der Familienvater lächelte freundlich in den Raum. Seine inzwischen verstorbene Frau Olivia Marie hatte sich bei ihm untergehakt, auch sie lächelte sanft.

Zane Foley stand ein Stück abseits. Der Teenager auf dem Bild wirkte sehr ernst und gleichzeitig überheblich – ähnlich wie der erwachsene Mann, der Melanie eben in das Zimmer geführt hatte.

Als sie sich umdrehte, stieß sie fast mit ihm zusammen. Er stand hinter ihr und betrachtete gerade ein anderes Gemälde: das seiner Tochter Livie.

Das Bild war offenbar ziemlich aktuell. Es zeigte ein süßes kleines Mädchen in einem rosafarbenen Kleid; das wellige dunkle Haar wurde von einem Band aus Spitze zurückgehalten. Sie lächelte schüchtern. Im Arm hielt sie ein Stofflämmchen.

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