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Der Menschenmacher

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Prolog
  6. Erster Teil - GEBURT
  7. Kapitel 1
  1. Zweiter Teil - RISSE UND SPRÜNGE
  2. Kapitel 2
  3. Kapitel 3
  4. Kapitel 4
  5. Kapitel 5
  6. Kapitel 6
  7. Kapitel 7
  8. Kapitel 8
  1. Dritter Teil - EVOLUTION
  2. Kapitel 9
  3. Kapitel 10
  4. Kapitel 11
  1. Vierter Teil - GESCHICHTSSTUNDEN
  2. Kapitel 12
  3. Kapitel 13
  4. Kapitel 14
  5. Kapitel 15
  6. Kapitel 16
  1. Fünfter Teil - DAHEIM IST AUF DER JAGD
  2. Kapitel 17
  3. Kapitel 18
  4. Kapitel 19
  5. Kapitel 20
  6. Kapitel 21
  7. Kapitel 22
  8. Kapitel 23
  9. Kapitel 24
  10. Kapitel 25
  11. Kapitel 26
  12. Kapitel 27
  13. Kapitel 28
  14. Kapitel 29
  15. Kapitel 30
  16. Kapitel 31
  17. Kapitel 32
  1. Epilog

P R O L O G

Gegenwart
Erstes großes Beben

Sie fuhr hoch, als sich eine Hand auf ihr Gesicht legte, die in einem Handschuh steckte, und Mund und Nase bedeckte, sodass sie keine Luft mehr bekam. Sie stieß einen dumpfen Schrei aus. Ihr Körper zuckte so heftig, dass das Bett bebte. Es war ein wilder, instinktiver Reflex, als hätte ein Fremder im Bus ihr die Hand unter den Rock geschoben. Der Geruch nach Leder stieg ihr in die Nase. Ihre Augen rollten in der Dunkelheit wie die eines gestrandeten Fisches. Primitive Gedanken beherrschten ihre Welt.

Was? Wer? … Nein!

Sie war völlig überrumpelt. Einen Moment zuvor hatte sie in tiefem, traumlosem Schlaf gelegen, und nun starrte sie aus verschwommenen Augen in die Dunkelheit, während die Hand ihr Mund und Nase zuhielt und ihr Herz so heftig pochte, als würde es jeden Moment zerreißen.

Sie zitterte. Der Fluchtreflex jagte Adrenalin in ihre Venen. Noch bevor sie zweimal blinzeln konnte, hatte ihre Angst den Dunst in ihrem Hirn weggebrannt wie die Sonne den Nebel über einem See.

Was soll ich tun?

»Wenn ein Typ dir eine Pistole an den Kopf drückt und sagt, du musst ihm sexuell gefügig sein, wie würdest du reagieren?«

Die Frage war vor nicht einmal einer Woche gestellt worden. Sie erinnerte sich noch gut, wie hypothetisch diese Frage ihr erschienen war. Meine Güte, sie hatten darüber gelacht, als eines der Mädchen gesagt hatte: »Ich würde dem Kerl in die Hose greifen und ihm einen von der Palme wedeln«, wobei alle sich verlegen kichernd gefragt hatten, woher sie diese Wendung kannte.

Sie hatten in einem Café gesessen, inmitten von Licht und Menschen. Die Vorstellung, eine solche Bedrohung könne Realität werden, war ihnen (wie sie sich unwillkürlich erinnerte) beinahe lächerlich absurd vorgekommen. Zugegeben, die Angst vor der Wirklichkeit hatte unter der dünnen Oberfläche aus dümmlichen Witzen gelauert, aber darum ging es ja schließlich: der Angst standzuhalten, ihr ins Gesicht zu lachen.

Jetzt ist es nicht mehr so lustig, was? Beruhige dich, krieg dich ein. Du willst überleben? Dann werd jetzt bloß nicht hysterisch.

Dieses innere Zwiegespräch dauerte nicht länger als eine Nanosekunde. Endorphine fluteten in ihre Blutbahn. Dann zog der Mann seine Waffe und drückte ihr den kalten Stahl an die Stirn, presste die Mündung dagegen, bis es wehtat. Alle ermutigenden Gedanken verflogen. Ihre Körpertemperatur schien von einem Moment zum nächsten um dreißig Grad zu fallen. Ihr war eisig kalt, und sie war hellwach.

Bitte lieber Gott bitte ich will nicht sterben ich will nicht sterben ich …

Endlich hatten ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt, und ihr Blick klärte sich. Sie konnte den Mann sehen. Er war direkt über ihr, starrte auf sie hinunter, genau in ihre Augen. Er (wer immer er war) hatte sich einen Strumpf übers Gesicht gezogen, was ihm ein unheimliches, an geschmolzenes Wachs erinnerndes Aussehen verlieh, das sie bisher immer nur in Filmen gesehen hatte.

Aber seine Augen, o Gott, diese Augen …

Sie waren kalt, alt und leer. Sie waren … ja, was? Nicht gefühllos, eher gleichgütig. Unbeteiligt. Es waren die Augen eines Zimmermanns, der auf einen Stapel Bauholz blickt und dann auf die Uhr schaut, wobei er sich fragt, ob er bis nach dem Essen warten soll, bevor er anfängt.

Ein Schatten, eine Bewegung, ein leises schlurfendes Geräusch. Dann erschien ein weiterer Mann, trat neben den ersten, blickte aus dem gleichen wächsernen Strumpfhosengesicht auf sie hinunter. Wieder schrie sie dumpf unter dem Lederhandschuh, was den zweiten Mann zum Grinsen brachte.

Seine Augen waren nicht so unbeteiligt wie die des ersten, zeigten ein wenig Interesse. Allerdings galt dieses Interesse offenbar dem, was er alles mit ihr anstellen konnte und wie sie nackt, weinend und winselnd aussah. Er starrte sie an wie Nahrung, und unter seinem Blick fühlte ihre Blase sich plötzlich zum Platzen voll an.

Lieber Gott, mach, dass die Angst weggeht …

Keine sechs Sekunden waren vergangen, seit sie von der Hand geweckt worden war.

»Du wirst jetzt aufstehen«, sagte der erste Mann, ohne die Waffe von ihrem Kopf zu nehmen. Er starrte ihr unverwandt in die Augen. »Wenn du abzuhauen versuchst, wenn du schreist, wenn du irgendetwas machst, das mir nicht gefällt, tue ich dir weh. Dann tue ich dir so beschissen weh, dass du dich nie mehr davon erholst. Hast du kapiert? Nick, wenn du verstanden hast.«

Sie nickte. Der Ledergeruch war überwältigend in ihrer Nase. Sie musste würgen.

»Gut. Ich nehme jetzt die Hand weg. Und dann wirst du aufstehen. Klar?«

Er zog die Hand weg und trat zurück. Der zweite Mann starrte sie noch einen Augenblick grinsend an – glücklich wie ein Schwein in der Suhle, schoss es ihr absurderweise durch den Kopf. Dann trat auch er zurück.

Sie schwang die zitternden Beine über den Bettrand und erschauerte, als sie den kalten Dielenboden unter den Füßen spürte.

Ob sie mich töten?

Es war ein losgelöster, unerwarteter Gedanke. Er kreiste in ihrem Kopf, gehalten von einer unheimlichen Schwerkraft.

Die beiden Fremden standen da und beobachteten sie geduldig wie Sterne am Firmament.

Möglich, dass sie dich umbringen. Sehr gut möglich. Die meinen es ernst.

Sie bemerkte, wie der zweite Mann ihre Nippel beäugte, die sich unter ihrem T-Shirt abzeichneten. Irrationale Wut stieg in ihr auf. In der elften Klasse hatte sie einen Lehrer gehabt, der mit Vorliebe den Thermostaten im Klassenzimmer heruntergedreht hatte, und dann mussten alle Mädchen mit erwähnenswertem Busen vorne sitzen. Sie war eine der glücklichen Auserwählten gewesen, und Mr. Gold hatte offensichtlich gefallen, was er mit so geilem Blick angestarrt hatte. Es war das erste und einzige Mal gewesen – bis zum heutigen Tag –, dass sie sich schmutzig gefühlt hatte, nur weil ein Mann sie begaffte.

»Ich möchte, dass du langsam aufstehst«, sagte der Fremde Nummer eins. »Wenn du Ärger machst, schneide ich dir eine Brustwarze ab und steck sie dir in den Mund.«

Er schien sich nicht sonderlich für das Ergebnis dieses Multiple-Choice-Horrors zu interessieren. Steh freiwillig auf oder nicht, das ist mir egal. Aber entscheide dich klug, Süße, denn du wirst stehen, ob mit oder ohne Nippel.

Sie stand auf.

»Danke sehr. Und jetzt ab in die Kiste dort.« Er deutete mit seiner Waffe auf das Ding hinter ihm.

Sie starrte darauf. Es war eine rechteckige Kiste aus hellem Holz, vielleicht zwei Meter lang. Das Innere war gepolstert, und es gab einen Deckel mit Scharnieren und einer Schließe.

Es sah aus wie ein Sarg.

Ihre Zähne klapperten. Sie beobachtete sich selbst, wie sie dieses Phänomen beobachtete, und staunte dabei über die Kaskade aus zusammenhanglosen Gedanken, die ihr durch den Kopf rauschten. Sarg bedeutet Tod, und seien wir doch mal ehrlich: Tod ist gar nicht gut! Oder der Favorit der gegenwärtigen Nanosekunde: Vertraue niemals einem Mann mit einem Gesicht wie geschmolzenes Wachs.

»Bitte …«, wimmerte sie und hasste den bettelnden Klang ihrer Stimme, doch die scheußliche Wahrheit dahinter hasste sie noch viel mehr: Sie würde noch lauter und länger betteln, wenn sie nur weiterleben durfte. Sie würde Gott weiß was tun, wenn sie nur …

Patsch. Er schlug mit voller Wucht zu. Sie stolperte, und glühender Schmerz schoss durch ihr Gesicht. Blut spritzte aus ihrer Nase, und vor ihren Augen tanzten weiße Sterne. Der Mann wedelte erneut mit dem Lauf der Waffe.

»Nicht reden. In die Kiste, los. Wenn du in der Kiste bist, nehmen wir dich mit. Ein Wort, ein Laut, bevor ich dich wieder rauslasse, und du wirst winseln vor Schmerz. Klar?«

Sie fing lautlos zu weinen an. Am liebsten wäre sie vor Scham und Wut und Angst gestorben, aber so schnell starb es sich nicht. Diese Männer waren in ihrem Schlafzimmer aufgetaucht, einfach so, mit Strumpfhosenmasken vor den Gesichtern und Pistolen in den Händen, und befahlen ihr, in diesen abscheulichen Sarg zu steigen. Sie hatte keine Zeit, sich an die Situation zu gewöhnen, keine Zeit für irgendetwas, außer darüber nachzudenken, dass sie etwas tun sollte. Aber sie tat gar nichts, sie fror und war voller Angst, und die Männer hatten sie in ihrem Großmutterhöschen überrascht, und nun wollten die beiden, dass sie in einen selbst gezimmerten Sarg kletterte, und irgendetwas sagte ihr, dass das wahrscheinlich nicht die beste Idee war.

Unter diesen Umständen waren Tränen mehr oder weniger unvermeidlich.

Ihr Blick fiel auf den digitalen Wecker auf dem Nachttisch.

Drei Uhr morgens. Ob ich mir das merken soll? Ob es später wichtig ist? Aber wird es ein Später geben?

Der Fremde Nummer eins meldete sich zu Wort und erinnerte sie an das, was wichtig war. »Wenn du nicht in zehn Sekunden in der Kiste liegst, schneide ich dir eine Titte ab und stopf sie dir ins Maul.«

Es war die Ruhe, mit der er diese Worte sagte, die völlige Gelassenheit, die sie schaudern ließ. Als machte es ihm nichts aus, sie bei lebendigem Leib zu grillen – er würde es trotzdem rechtzeitig in die Kirche schaffen. Die Tränen versiegten. Sie ließ den Kopf hängen, und ihre Schultern sanken herab.

»Schon gut«, flüsterte sie kaum hörbar.

Bevor der Deckel sich über ihr schloss, stellte sie die wichtigste Frage.

»Warum?«

Der Fremde Nummer eins hielt den Deckel fest, während er aus seinen kalten, gefühllosen Augen auf das zitternde Bündel in der Kiste starrte. Als er antwortete, blieb seine Stimme so gelassen und kühl wie zuvor.

»Es ist eine Lektion in Geschichte.«

ERSTER TEIL

GEBURT

Die Leute denken in Metaphern über ihr Gewissen. Disney hatte Grillen. Ich habe einen Unschuldsknochen. Beinknochen, Armknochen, Unschuldsknochen, klar? Manche Leute haben ihn, andere nicht. Die meisten von uns brechen ihn sich irgendwann, und dann wird er falsch gerichtet, sodass er an kalten Tagen schmerzt und ganz allgemein mehr ein Ärgernis ist, als dass er irgendetwas nützt.

- David Rhodes

 

K A P I T E L   1   Texas, Dezember 1974

Liebe ist eine Art Musik. Man kann sie singen, man kann sie spielen, man kann dazu tanzen. Sie füllt Räume und Konzertsäle, Herzen und Köpfe, und sie ist überall. Es gibt so viele Musikrichtungen, wie es Menschen gibt.

Manche mögen es orchestral. Schweißtropfen vom Gesicht eines Dirigenten, während die Liebenden sich küssen. Die Bewegungen seiner Hände, beschwörend, wild. Weibliche Saiteninstrumente, süß und dunkel, streiten sich mit den nach Aufmerksamkeit heischenden Schlägen der Perkussion, und aus dem Widerstreit wird Harmonie.

Andere ziehen das intime Gleiten einer mit Stahlsaiten bespannten Gitarre vor. Draußen regnet es. Die Liebenden sind jung, die Wohnung billig, der Rotwein wird aus der Flasche getrunken. Die Zukunft ist endlos, und sie wird geteilt, was denn sonst.

Viele haben in der leidenschaftlichen Hingabe an den guten altmodischen Rock ’n’ Roll die Liebe gefunden.

Liegt alles im Ohr des Hörers.

David Rhodes’ Liebe für seine Mutter war wie ein A-cappella-Sopran, gesungen mit der glockenhellen Süße eines sechsjährigen Knaben. David verehrte Mommy mit Ingrimm, Bewunderung und völliger Hingabe. Sie war zugleich die kürzeste und längste Beziehung seines Lebens. Er hatte seine Mutter nur kurze Zeit, aber diese Zeit veränderte ihn für immer.

So ist die Zeit nun mal. Sie kann sich dehnen wie Toffee oder träge tropfen wie Honig oder bis in alle Ewigkeit an einem Punkt verharren, Amen. Zeit kann weinen, Zeit kann lügen.

Die Zeit, für den Moment, war damals, und Mommy war noch am Leben.

Ich liebe Mommys Haare.

Mommy (sie starb, bevor er alt genug war, um es zu »Mom« abzukürzen) hatte glattes braunes Haar, das ihr bis zur Taille reichte und glänzte, wenn das Licht im richtigen Winkel darauf fiel. Es rahmte das junge Gesicht einer Frau aus dem Mittelwesten ein, eins von den Gesichtern mit makelloser, sonnengebräunter Haut, ganz Pfirsich und Sonnenblumen und heißer Apfelkuchen. Kein Bedarf für Make-up – was gut war, weil Mommy sich nicht viel leisten konnte. Sie hatte große braune Augen, die ein bisschen zu alt aussahen, wenn man den Rest von ihr damit verglich.

Linda (so hieß sie für alle außer für David) hatte ein Lächeln, das auch den düstersten Tag erhellen konnte. Sie rauchte (Rauchen war damals noch nicht schädlich), und sie war jung und unsterblich, und ihre Zähne waren weiß und ebenmäßig, wenn sie lächelte. Sie konnte dieses Lächeln aus dem Nichts herbeizaubern, wie ein weißes Kaninchen aus einem schwarzen Zylinder, egal ob es ihr gut ging oder ob sie hungrig oder müde war. Sie konnte dieses Lächeln selbst dann zeigen, wenn sie sich wegen des Monsters sorgte, des gefürchteten Kein-Geld mit seinen spitzen Fängen.

Davids Vorstellung von Kein-Geld war eher verschwommen und anthropomorph (er war schließlich erst sechs), doch er wusste bereits, dass es etwas Schlimmes war. Er wusste, dass es der Grund dafür war, dass Mommy nachts manchmal weinte. Und Kein-Geld war auch der Grund dafür (wie er sich inzwischen zusammengereimt hatte), dass er kein normales Bett besaß.

Sein Bett bestand aus vier »Hähnchenkisten« – wachsüber­zogene, doppelt verstärkte Pappkartons, in denen der Piggly-Wiggly-Supermarkt seine gefrorenen Hähnchen geliefert bekam. (Er erinnerte sich noch deutlich an jenen Tag, als er zu seinem Entsetzen herausgefunden hatte, dass Hähnchen in Wirklichkeit tote Vögel waren. Er hatte sich die Augen ausgeweint und seither keine Brathähnchen mehr angerührt. Tote Vögel! Igitt. Bäh.) Wie dem auch sei, Mommy hatte die Kisten hinter dem Supermarkt gefunden. Sie hatte sie mit nach Hause genommen, sorgfältig gereinigt, umgedreht und eine Navajo-Decke darüber gelegt. David schlief auf den Kisten. Mommy nannte es rustikal. Er wusste nicht, was rustikal bedeutete, doch es klang irgendwie nach Abenteuer und reizte die Phantasie des Sechsjährigen.

Kein-Geld bedeutete auch, dass Mommy, wenn David sie nach einem Schokoriegel fragte, »Heute nicht, Liebling« antwortete, »vielleicht nächste Woche«. Nur dass nächste Woche nie kam. Was gelindes Bedauern hervorrief, mehr aber auch nicht; es war keine große Sache. Mommy machte das Leben auch so süß und spannend genug.

»Geld kommt an zweiter Stelle, an erster kommt der Verstand.« Sie tippte ihn gegen die Stirn und dann gegen die Brust. »Die besten Dinge passieren hier, und hier. Verkauf sie nicht, weil du sie nicht zurückkaufen kannst.«

Sie hatten zwar kein Bett, aber sie hatten einen alten, ramponierten Plattenspieler. Mommy sagte, der Plattenspieler wäre total out, was David für sich als »magisch« übersetzte.

»Das Herz nimmt Musik in sich auf wie Zuckerbäckerei, Liebling. Und manchmal brauchen wir Zuckerbäckerei mehr als die Luft zum Atmen.«

Es waren Klischees, zugegeben, doch in Davids Erinnerung blieben sie weise, zum einen, weil Mommy diese Worte gesagt hatte, zum größten Teil jedoch, weil sie der Wahrheit entsprachen.

Mommy fütterte ihre Herzen regelmäßig mit Musik (vor allem, wenn sie nicht genug Geld hatte, um ihre Mägen zu füttern). Sie legte ein Album von den Beatles auf, und sie tanzten barfuß miteinander, oder sie legte ein Album von einem Mann namens Bob Dylan auf, und David ruhte in Mommys Armen, während sie die Lieder leise mitsang.

»Der hat aber keine schöne Stimme«, sagte David eines Tages.

»Muss er auch nicht haben, Liebling. Er ist Dylan.«

Er verstand zwar nicht, was sie meinte, aber Dylan konnte Mommy zum Lächeln bringen. Deswegen war Dylan für David ganz okay.

Mommys Lieblingsplatte war ein Album von Dylan. Es hieß The Freewheelin’ Bob Dylan. David dehnte das Freee Wheeelin’ immer. Es gefiel ihm, wie es auf der Zunge rollte. Das Albumcover zeigte ein Foto von Dylan Arm in Arm mit einer Frau auf einer verschneiten Straße. Beide lächelten. Das Bild wurde von einem Kaffeering verunziert. Manchmal fuhr Mommy mit dem Finger diesen Ring nach und lächelte verträumt.

»Warum macht dich das so fröhlich?«, hatte David sie einmal gefragt.

Sie hatte ihn kurz angeschaut, und dann hatte sie ihm ihr strahlendes Lächeln geschenkt. (Später, als Erwachsener, war ihm klar geworden, dass seine Mutter gewusst hatte, welche Ausstrahlung ihr Lächeln besaß, und dass sie es manchmal gezielt eingesetzt hatte, um sich auf diese Weise Vorteile zu verschaffen.) »Weil ich daran denken muss, wie der Fleck auf die Hülle gekommen ist, Baby. Ich war voll und ganz damit beschäftigt, dich zu machen, und ich hatte vergessen, dass mein Kaffeebecher noch auf der Plattenhülle stand.«

David begriff nicht, was sie mit »dich zu machen« meinte, und er fragte auch nie nach – er hatte so eine Ahnung, dass die Frage, ins helle Licht gerückt, eine ähnliche Wirkung hervorrufen könnte wie einen Singvogel einzufangen: Man hatte ihn zwar, aber er sang nie wieder.

Seine Lieblingsmusik war Janis Joplin. (Janis wurde übrigens immer beim Vornamen genannt, Dylan nur beim Nachnamen. David begriff den Grund dafür zwar nicht, akzeptierte aber die Unabänderlichkeit dieser Tatsache.)

Er fuhr total auf Janis ab, wie Mommy es auszudrücken pflegte. Janis war Davids Heldin. Mommy sang ihm Texte von Janis vor, damit er besser einschlafen konnte oder wenn er traurig war oder sich wehgetan hatte oder weinte. Little Piece of My Heart, leise, langsam und wunderschön (wundaschööön, hatte David gesagt, als er vier gewesen war, und dabei Mommys Gesicht mit seinen Fingern berührt).

Er hatte Janis sogar noch lieber als Yellow Submarine oder Jeremiah Was A Bullfrog (das er gerne sang, so laut er konnte, weil es Mommy aus irgendeinem Grund zum Kichern brachte, und abgesehen davon – was war überhaupt ein Bullfrog?).

Manchmal, in den kalten Monaten (wie diesem), legte Mommy Janis auf, und dann wickelten sie sich gemeinsam in Decken und saßen auf dem möbellosen Fußboden und lauschten den Songs. Mommy rauchte dabei und summte und schaukelte ihn, bis er in ihren Armen eingeschlafen war.

Als David älter war, hatte er häufig eine Vision von sich im Damals, schlafend, der Kopf in Mommys Armen nach hinten gefallen, umhüllt vom Gefühl vollkommener Sicherheit. Er sehnte sich nach jenem vergangenen Augenblick – wegen dieser Sicherheit. Alles bei Mommy bedeutete Sicherheit.

Der Boden in der Küche bestand aus gesprungenem Linoleum, im Wohnzimmer aus ramponierten Dielen. Beides hielt zwar die Kälte nicht ab, aber David schlief immer warm. Dafür sorgte Mommy. Manchmal aßen sie zum Frühstück, zu Mittag und zu Abend bloß Lyoner und Käse, aber sie versäumten nie eine Mahlzeit, dafür sorgte Mommy.

Irgendwie hatte er das alles Kein-Geld zu verdanken; deshalb war David nicht allzu böse auf Kein-Geld. Sie hatten Janis, sie hatten die Beatles, sie hatten Dylan, sie hatten zu essen und sie hatten einander. Er lachte viel. Er schlief tief und gut und war nie müde. Es fehlte ihm an nichts.

Inzwischen war wieder Weihnachtszeit, und Mommy hatte diesen Ausdruck im Gesicht. Sie machte sich Sorgen. Wahrscheinlich wieder wegen Kein-Geld. Sie trank ihren Kaffee und rauchte eine Zigarette, während David einen heißen Kakao hinunterstürzte. Es war kalt im Haus; sie konnten sehen, wie ihr Atem kondensierte. Unter dem Tisch summte ein Heizlüfter und wärmte Füße, die in zwei Paar Socken steckten. Mommys Blick schweifte in weite Fernen. Es gefiel David nicht, wenn sie so ruhig war.

»Was ist, Mommy?«

Sie zuckte zusammen. Ihre braunen Augen klärten sich. Der erste Blick, der David traf, war ein bisschen vorwurfsvoll, aber das war wegen dem Erschrecken. Bald wurde ihr Blick wieder weich, und sie setzte das Lächeln auf.

»Nichts, Süßer, gar nichts. Ich wünschte nur, wir hätten ein bisschen mehr Geld für Weihnachten. Ich würde dir gerne ein paar Geschenke kaufen.«

Er suchte nach Worten, um sie zu trösten.

»Vielleicht bringt mir der Weihnachtsmann eins?«

Sie lächelte und stellte ihre Tasse auf den Tisch. Der Tisch war klapprig und wacklig und aus dunklem Pinienholz und zerkratzt bis zum Gehtnichtmehr. Aber das war okay so. Der Tisch trug das Essen, und das war schließlich alles, was er tun sollte.

»Vielleicht, Honey. Hast du Lust, den Schmuck für den Baum zu basteln?«

»Au ja!«

Es war in Wirklichkeit gar kein richtiger Baum. Es war ein Zweig von einem Baum, den ein mitfühlender Nachbar Mommy gegeben hatte. Er war geformt wie ein Strichmännchen ohne Beine, die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt und den Kopf in der Mitte. Er sah aus, als würde er zu einer Umarmung auffordern. Jede Spitze war besetzt mit Büscheln von Tannennadeln. Mommy hatte einen Milchkarton gefunden, hatte ihn mit Steinen gefüllt und den Zweig mit dem unteren Ende hineingesteckt, sodass er aufrecht blieb. Er stand auf dem zerschrammten Boden gleich neben der Wohnungstür.

Mr. Muncie, der Vermieter, hatte den Weihnachtsbaum gesehen und spöttisch das Gesicht verzogen. »Raffinierter weißer Abschaum«, hatte er mit seiner vom Whisky rauen Stimme geschnaubt und dabei mit seinem vom Whisky geröteten Gesicht dreingeschaut wie der Beelzebub für ungezogene Kinder, als Mommy ihm das Geld für die Miete in die Hand gezählt hatte. David hatte ihr angesehen, dass sie böse war. Mr. Muncie war ein A-Loch. David wusste das, weil er es Mommy mal hatte sagen hören. Er war nicht sicher, was ein A-Loch war, doch irgendwie erschien es ihm klüger, nicht danach zu fragen.

»Was wollen wir hören?«, fragte Mommy jetzt.

»Abbey Road!«

»Gute Wahl.«

Sie suchte die Platte und legte sie auf. David hörte das Knistern und Knacken und das leise Pop, als die Nadel die Rille fand. Einen Moment später ertönte Abbey Road aus dem kleinen Lautsprecher. Janis war zwar seine Lieblingssängerin, aber Come Together war sein absolutes Lieblingslied. Feet down below his knees. Diese erhabene Feststellung des Offensichtlichen ließ ihn jedes Mal aufs Neue albern kichern. In seinen Augen war es schlichtweg genial.

»Du schneidest die Zeitungen, Honey, und ich schneide die Eierbecher aus den Eierkartons.«

»Okay, Mommy.«

Linda hatte während der letzten Tage einen kleinen Stapel Zeitungen gesammelt. David griff sich das Papier und eine Schere und setzte sich neben dem Plattenspieler auf den Boden.

»Ist dir kalt?«, fragte Mommy.

»Nein, alles prima.«

Er bot ein Bild der Konzentration, als er mit herausgestreckter Zunge die Zeitung in kurze, schmale Streifen zerschnitt, was ungefähr zehn Minuten in Anspruch nahm. Maxwell’s Silver Hammer endete und Oh, Darling fing bereits an, als er den Packen Papierstreifen nahm und zu seiner Mutter an den Tisch brachte.

»Gute Arbeit, Honey«, sagte Mommy und schenkte ihm ihr Lächeln. Er strahlte. »Und jetzt machen wir kleine Kringel daraus.«

Wollte man die Zeitungsstreifen zu Kringeln formen, musste man einen Stift nehmen und sie fest darumwickeln. Nach dem Abrollen blieben die Kringel. Linda und David verbrachten weitere zehn Minuten damit. Als sie fertig waren, war She’s So Heavy fast zu Ende.

»Jetzt stechen wir die Büroklammern durch ein Ende und hängen sie daran auf«, sagte Linda.

Sie hatte die Eierbecher aus dem Boden eines Eierkartons ausgeschnitten, sodass jeder einzelne zu einer Glocke aus Pappmaché wurde, wenn man ihn umdrehte – insgesamt zwölf, doch sie würden nur sieben davon benutzen. Linda nahm eine Handvoll Büroklammern und machte sich daran, den Draht gerade zu biegen, sodass am Ende kleine Haken blieben.

»Dreh die Platte um, Baby«, murmelte sie, als der letzte Song geendet hatte.

David legte die B-Seite auf und wartete, bis er die ersten Klänge von Here Comes The Sun hörte.

Linda war unterdessen fertig mit dem Biegen der Büroklammern. Nun begann sie, die Enden durch die Glocken aus Eierkarton zu stechen. Wenn eine Glocke fertig war, legte sie diese vor David auf den Tisch, und der Junge befestigte die gekringelten Papierstreifen am Haken im Innern der Glocke. Das Ergebnis war ein handgefertigter Christbaumschmuck, der mit der Glockenöffnung und den Papierstreifen darin nach unten am Baum befestigt wurde.

Als Linda mit dem Durchstechen der Kartons fertig war, half sie ihrem Sohn mit den Streifen. Sie redeten nicht viel, konzentrierten sich stattdessen auf ihre Arbeit. Polythene Pam ging über in She Came Through The Bathroom Window, gefolgt von Golden Slumbers.

Sie wurden fertig, als The End ausklang.

»Gutes Timing, Baby«, sagte Linda. »Und gute Arbeit.«

»Darf ich sie in den Baum hängen?«

»Na klar. Aber leg zuerst eine neue Platte auf, okay? Was sagst du zu Janis?«

David beobachtete, wie Mommy sich eine neue Zigarette anzündete, und für einen Moment schien die Zeit in ihrer kalten Wohnung stehen zu bleiben. In späteren Jahren würde er immer wieder versuchen, sich diese Sekunde zu erklären. Es war eine Kombination verschiedener Dinge, die in einem einzigen Augenblick aufrichtiger, ehrlicher, überwältigender Emotion zusammenkamen. David war nie so recht glücklich mit seinen Bemühungen, diesen Augenblick zu definieren. Letzten Endes gab er sich damit zufrieden, ihn folgendermaßen zu beschreiben:

Ich war überwältigt. Das ist das einzige und beste Wort dafür. Überwältigt von meiner Liebe zu ihr. Sie füllte mein Herz bis zum Überlaufen, und dann ergoss sie sich in meine Seele und noch weiter, ich weiß nicht, wohin. Ich erinnere mich undeutlich und bruchstückhaft, wie ich dachte, dass sie die schönste Frau auf Erden sei, und unglaublich klug, vor allem aber wusste ich mit absoluter und alles überstrahlender Gewissheit, dass meine Mutter mich über alles liebte.

»Leg Dylan auf, Mommy.«

Sie legte den Kopf schief und sah ihn an. »Ich dachte, du magst ihn nicht besonders?«

Er antwortete nicht. Stattdessen legte er Freewheelin’ auf den Plattenteller, senkte den Tonarm und wartete, bis die ersten Klänge von Blowin in the Wind einsetzten. Er spitzte die Ohren, und beinahe, beinahe hätte er es ebenfalls gespürt in jenem Augenblick – die Schönheit von Nur-Bob und seiner unschönen Stimme und seiner Gitarre und Sonst-Nichts. Es hatte etwas radikal Ehrliches.

David drehte sich zu Mommy und lächelte. »Ich hab dich lieb, Mommy. Frohe Weihnachten.«

David hatte ein Lächeln, das bis aufs Haar so gewinnend und überwältigend sein konnte wie das seiner Mutter. Nur wusste er das nicht; deshalb war er verwundert und ein bisschen bestürzt, als er den Schimmer in ihren Augen sah. Linda wusste sehr genau, wie ihre Tränen David bekümmerten, also überdeckte sie ihre Rührung mit einem Zug an ihrer Filterlosen und einem Schluck von ihrem heißen schwarzen Kaffee. Beides ließ ihre Augen wieder trocknen.

»Frohe Weihnachten, David.«

Er hängte den selbstgemachten Weihnachtsschmuck an den falschen Baum und war glücklich.

***

Als er mit dem Schmücken fertig war, hatte Dylan aufgehört zu singen. Linda nahm zwei Gläser vom Ablauf neben dem Spülbecken und einen kleinen Karton Eierlikör aus dem Kühlschrank. Sie hatte eine Decke vor dem Heizlüfter ausgebreitet, und nun setzte sie sich mit untergeschlagenen Beinen darauf.

»Ist jetzt die Zeit für Eierlikör, Mommy?«, fragte David.

Mommy antwortete nicht sogleich. Stattdessen liebkoste sie ihn mit Blicken, und ihr Herz schaukelte sanft. David lächelte sie an, und Linda kam nicht zum ersten Mal der Gedanke, dass ein solches Lächeln das unwiderstehlichste Argument zu leben war, das sie finden konnte. David nutzte jede Faser seines Körpers, um dieses Lächeln zu befeuern. Es war eine Batterie aus reiner Freude.

»Jepp. Dreh das Licht runter, Honey. Wir wollen so tun, als wäre der Heizlüfter unser Lagerfeuer.«

»Oh, ja, klasse«, sagte David.

Linda sah ihm hinterher, als er auf seinen weißen Socken durch den Raum schlurfte, und spürte einmal mehr, wie ihr das Herz aufging. Er war so klein und zerbrechlich und diese Welt so rau … und er war zugleich das wundervollste Wesen ebendieser Welt. Jedes Mal, wenn sie ihn ansah, fühlte sie sich in wenigstens zehn verschiedene emotionale Richtungen gleichzeitig gezogen, erfüllt von Liebe, Kraft, Angst, Wildheit.

Du bist die größte Herausforderung in meinem Leben, dachte sie, während sie beobachtete, wie David sich auf die Zehenspitzen stellte, um an den Schalter heranzukommen. Das ist meine Angst, Honey – ich mag bei allen möglichen Dingen versagen, aber ich kann nicht als deine Mutter versagen und mir hinterher noch in die Augen sehen.

David legte den Schalter um, und im Zimmer wurde es dunkel. Er kam zurück, und auf seinem Gesicht stand jener Ausdruck, der Linda verriet, dass er ein bisschen zu ernsthaft nachdachte für einen Jungen in seinem Alter. Nicht dass er unglücklich gewesen wäre oder introvertiert – es war eher so, wie es mal einer ihrer früheren Kollegen auf der Arbeit ausgedrückt hatte. Der Junge kann gehen und Kaugummi kauen zur gleichen Zeit. David dachte manchmal einfach nur deshalb über die Dinge nach, weil er schlau genug dafür war und die Gelegenheit dazu hatte.

Er wird intelligenter als du, sagte die Stimme der Wahrheit in ihr. Sie war weder zu laut noch zu leise, diese Stimme, weder bil­ligend noch tadelnd. Die Stimme der Wahrheit richtete nicht über Gut oder Böse, richtig oder falsch, sondern schilderte die ungeschönte Realität. Die Fähigkeit zu akzeptieren, was die Stimme ihr sagte, war Lindas größte Stärke.

Diese spezielle Wahrheit (und sie war unbestreitbar, das sah Linda so klar und deutlich wie den bevorstehenden Tag) war eine Ermahnung, die sie mit wildem, brennendem Stolz erfüllte. Es war ein Gefühl, dass sie am liebsten durch die Stadt gerannt wäre und allen entgegengeschrien hätte: Er ist mein Sohn, und er ist etwas Besonderes! Habt ihr gehört? Er ist etwas ganz Besonderes!

Genau das hatte sie einmal getan – in einem Traum. Ihre Rufe und ihr Laufen hatten sie schließlich zu einer gesichtslosen weiblichen Figur aus Luft und Glas geführt. Linda hatte vor ihr gestanden, hatte geblinzelt, hatte nach irgendeinem Merkmal gesucht, um der Gestalt eine unverwechselbare Identität zu geben, hatte aber nichts finden können.

Ich habe einen Sohn, Mutter, hatte sie in ihrem Traum gedacht, an die Gestalt gewandt (weil sie nie ihre eigene Stimme zu ihrer Mutter hatte sprechen hören und keine Vorstellung hatte, wie so eine Stimme klang). Ich habe einen Sohn, und er ist etwas Besonderes, hörst du? Ich selbst mag nichts Besonderes sein, aber er ist es.

Ich weiß nicht, ob es für dich eine gute Nachricht ist, weil du mich geliebt hast, oder eine schlechte, weil du mich gehasst hast, aber es ist die Wahrheit, und ich dachte, du solltest es erfahren.

Die gläserne Gestalt hatte geschwiegen und sich nicht gerührt, bis Linda aufgewacht war.

Doch in den Stolz auf ihren Sohn mischte sich Furcht. Werde ich ihn eines Tages langweilen? Weil ich zu dumm bin und er so klug? Werde ich vielleicht sogar peinlich für ihn sein? Wird meine Herkunft zu deutlich durchschimmern, und werden seine Anrufe und seine Besuche zu Hause seltener und seltener?

Oder jener geheimste, beschämendste Gedanke von allen: Wird er mich bemitleiden?

»Eierlikör, Mommy.«

David kletterte in seinen »Mommy-Raum«, wie Linda ihn bei sich nannte: Hintern am Boden, Hacken angezogen, Steißbein an jenem Ort, dem er entschlüpft war, Hinterkopf an ihren Brüsten und die Rundung seines Rückens an jener Kurve, die Mutter Natur und die Liebe aus der Weichheit ihres Leibes für ihn geschaffen hatten.

Erschauernd spürte sie, wie jenes unglaubliche, unbeschreib­liche Gefühl sie durchströmte, das Zentrum des Universums ihres Kindes zu sein, und sie ließ zu, dass es ihre Ängste davonspülte. Bald schon würde er seinem Mommy-Raum entwachsen sein, in mehr als einer Hinsicht – doch bald war nicht heute. Heute und jetzt wollte er Eierlikör.

Oh. Wow. Mann. Das war echt harter Zen-Stoff, okay, dachte Linda. Dann kicherte sie und klang – selbst in ihren Ohren – wieder wie das Mädchen, das noch immer den größten Teil von ihr ausmachte.

Das war eine weitere der Wahrheiten, die ihre innere Stimme nicht müde wurde zu betonen. In Wirklichkeit bist du noch gar nicht erwachsen.

Es war nie mehr als ein leiser, geflüsterter Gedanke, der sie zögern ließ, und sie musste sich jedes Mal zusammenreißen, um nicht mit einem schuldbewussten Ausdruck um sich zu blicken.

Das siehst du doch selbst, oder? Du hast diesen lebendigen kleinen Kerl, der nur dich als Stütze hat und glaubt, du hättest die ganze Welt erschaffen, eine Welt, die vollkommen sicher ist, und dass du die Antworten auf schlichtweg alles weißt. Dabei bist du selbst noch keine richtige Erwachsene. Du bist bloß ein Waisenkind, das es irgendwie geschafft hat, schwanger und Witwe zugleich zu werden. Ich an deiner Stelle würde mir vor Angst in die Hose scheißen.

Mission erfüllt, dachte sie zur Antwort und kicherte leise.

»Warum kicherst du, Mommy?«, fragte David.

»Nichts. Komm, Honey, ich geb dir einen Schluck Eierlikör.«

Linda hatte den Heizlüfter mitten ins Zimmer gestellt, und er brummte und glomm und wärmte sie beide, während sie aus den Bechern tranken. Linda hatte Davids Sparschwein geplündert, um den Eierlikör zu kaufen; beim Hineinschieben des neuen Schuldscheins war ihr aufgefallen, dass der Schein vom vergangenen Weihnachtsfest noch im Sparschwein lag. Aus irgendeinem Grund hatte sie das zum Lächeln gebracht, anstatt sie traurig zu stimmen. Manche Dinge waren verzeihlich in dem rauen, chaotischen Getümmel, das sich Leben nannte.

Linda war schon seit so langer Zeit entwurzelt, dass sie sich an dieses Gefühl gewöhnt hatte wie an eine zweite Haut. Wenn man keine Familie hatte, gab es auch keine Familientraditionen. Man lernte den Augenblick so zu genießen, wie er war, und zu essen, was einem vorgesetzt wurde. Doch am ersten Weihnachtsfest nach Davids Geburt war ihr ein zaghaft erhebender Gedanke gekommen: Du bist jetzt die Wurzel von jemand anderem.

Er hatte sie beinahe überwältigt. Sie hatte David in den Armen gehalten, hatte ihn sanft gewiegt, während sie aus dem Fenster geschaut und beobachtet hatte, wie der Tag verging und die Nacht heraufzog. Es war kalt gewesen, doch sie hatten nicht gefroren. Sie hatte den Atem ihres Babys kaum wahrnehmbar am Hals gespürt: Er ging im Takt eines unregelmäßigen Metronoms, das nur einem anderen lebenden Wesen gehören konnte. Diesmal war der Gedanke zurückgekehrt, ausgesprochen von ihrer inneren Stimme.

Ich habe einen Stammbaum begründet. In hundert Jahren von heute an können meine Urenkel zurückblicken und mich als den Punkt ausmachen, an dem alles begann.

Linda erinnerte sich, dass sie errötet war angesichts der Kühnheit dieses Gedankens und wie ihre Wangen gebrannt hatten. Doch das Erröten hatte weniger Macht über jene, die schon einmal ein Kind geboren hatten. Und der Gedanke verlor nichts von seiner Kraft; er blieb beharrlich. Sie schaute auf David hinunter, den Mund offen vor Staunen. Es war, als hätte sie in diesem Moment erkannt, dass die Schlüssel zum Paradies, die sie immer begehrt hatte, hier vor ihr lagen, in ihrer Küchenschublade.

Von diesem Augenblick an war dies der alles beherrschende Sinn ihres Lebens geworden, die treibende Kraft ihrer Existenz. Linda würde ihre Familie gründen. Sie und Thomas würden die Wurzeln eines neuen Stammbaums sein, und es würde keine Rolle mehr spielen, dass sie beide Waisenkinder gewesen waren und ungebildet und nicht allzu viel wert. Es würde keine Rolle spielen, dass Thomas losgezogen und in einem Krieg gestorben war, der seinen Tod so gesichtslos machte wie sein Leben. Es zählte nur, dass sie beide mutig genug gewesen waren, einen Versuch zu wagen, und dass aus dem Schmutz ihrer eigenen Existenz ein besseres Leben erwuchs.

Linda war nicht imstande gewesen, das alles in Worte zu fassen, nicht einmal in Gedanken. Sie wusste, dass es mit Würde und Selbstachtung zu tun hatte und mit einer Chance, ein bisschen Stolz aus einem Leben zu gewinnen, das sonst so bedeutungslos geblieben wäre wie ein Stein. Das genügte ihr. Es war mehr als genug. Ein unmöglicher Traum, der Wirklichkeit geworden war.

Eierlikör war die erste Tradition, die Linda für ihre neue Familie erschaffen hatte, und sie ließ sie niemals aus, kein einziges Mal. Nicht einmal, wenn sie dafür Davids Sparschwein plündern musste, und auch dann nicht, wenn sie ihm das Geld niemals zurückzahlen konnte.

Linda zog ihren Sohn fest an sich, während Janis Summertime kreischte. Sie liebkoste seinen Hinterkopf mit den Lippen.

»Du hast gesagt, am Lagerfeuer muss man Geschichten erzählen«, sagte David, wobei er den Hals verrenkte, um sie anzuschauen. »Stimmt’s, Mommy?«

»Nun ja, es ist eine Tradition, Liebling. Und was sagen wir über Traditionen?«

»Sie machen uns ein… einig…«

»Einzigartig, Baby.« Linda lächelte. »Es bedeutet, dass man ohnegleichen ist.«

David runzelte die Stirn. »Ich denke, wir sind auch so ohnegleichen, Mommy.«

Er ist klüger als du, intonierte die innere Stimme. Linda seufzte in behaglicher Resignation.

»Welche Geschichte möchtest du gerne hören, Liebling?«, fragte sie.

David entspannte sich und ließ den Kopf wieder gegen ihre Brust sinken. »Erzähl mir die Geschichte über meinen Daddy.«

Sie schloss die Augen und lächelte. »Das ist auch eine von meinen Lieblingsgeschichten.«

David hatte sie bereits unzählige Male gehört, aber irgendwie wurde er sie niemals müde. Vielleicht, weil die Erinnerungen seiner Mutter alles waren, was er von seinem Vater hatte. Die Erinnerungen und ein kleines Foto von einem achtzehnjährigen Jungen, zu blond und babygesichtig, um als ernsthafter Kandidat für das Prädikat »Mann« zu gelten.

»Dein Daddy und ich, wir haben uns im Waisenhaus kennengelernt, erinnerst du dich?«

»Ja.«

»Wir waren sechzehn, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Ich war seit einem Jahr dort, als dein Daddy auftauchte. Er war ein dünner Hering, so wie du, mit blondem Haar, klein, aber wow – er hatte eine umwerfende Ausstrahlung.«

»Er hatte eine Narbe an der Schulter.«

»Du hast ein gutes Gedächtnis. Ja. Er hatte eine Narbe an der Schulter.« Linda lächelte in der Erinnerung. »Es war 1966, aber dein Daddy hatte mit den Hippies nichts am Hut. Er rieb sich das Haar mit Pomade ein und kämmte es zurück, und er trug ein weißes T-Shirt mit einem Päckchen Lucky Strikes im Ärmel. Das T-Shirt steckte in einer Jeans, und dazu trug er abgewetzte Cowboystiefel, mindestens zwei Nummern zu groß für ihn und total ausgelatscht. Aber sie stammten von deinem Großvater, deswegen wollte dein Daddy keine anderen Schuhe haben.«

»Und das Kreuz. Stimmt’s, Mommy?«

»Stimmt. Ein wunderschönes silbernes Kreuz, das seiner Mommy gehört hatte. Er trug es um den Hals. Am ersten Tag im Waisenhaus versuchten zwei der größeren Jungs, ihm das Kreuz wegzunehmen. Sie schlugen ihn windelweich, aber er wehrte sich aus Leibeskräften, und sie bekamen es nicht. Sie hätten ihn umbringen müssen, um das Kreuz zu bekommen.«

Sie berührte das Kreuz, das die Army ihr geschickt hatte, zusammen mit seinen restlichen Habseligkeiten. Die Stiefel waren verschwunden. Die Hundemarke hatte sie in einer von Wut befeuerten Nacht in den Müll geworfen. Das Kreuz aber hatte sie behalten. Zu manchen Zeiten hätte sie das wenige Geld gut gebrauchen können, das sie beim Pfandleiher dafür bekommen hätte, doch sie würde eher ihren eigenen Körper verkaufen als dieses Kreuz. Das Kreuz, das Foto, die mit einem Kaffeekranz verzierte Plattenhülle von Freewheelin’ und ihr Sohn waren alles, was Linda von ihrem Mann geblieben war. Es waren seine Spuren auf dem Antlitz der Erde.

»Dein Daddy und ich waren so gegensätzlich, wie man nur sein kann, Honey, aber manchmal – meistens sogar – ziehen Gegensätze sich an. Ich war traurig, er war wütend, und wir fanden einander.«

Sie erzählte die Geschichte in einfachen Begriffen. Es war besser, in breiten Pinselstrichen zu malen, wenn man mit einem Sechsjährigen redete. Die Wahrheit war einfach, aber sie schlummerte unter Schichten voller Erinnerungen, die übereinander lagen und sich vermischten wie die Blätter im Herbst, die auf die Erde des Sommers fielen und noch an die Wärme der Sonne erinnerten, während der Boden sich bereit machte, unter einer Decke aus Schnee zu schlafen.

Thomas Rhodes, Davids Vater, war ein halsstarriger Kerl von unnachgiebiger Härte gewesen, doch wenn er Linda berührt hatte, dann immer sanft wie der Wind. Sie hatte ihn niemals weinen sehen, doch er liebte das Lachen, und er konnte sich in aller Ausführlichkeit artikulieren. Er hatte die klarsten blauen Augen, die Linda je gesehen hatte, und was sie betraf, war es Liebe auf den ersten Blick gewesen.

»Daddy hat Elvis gemocht, stimmt’s, Mommy?«

Sie lächelte. Da war sie, eine weitere dieser dünnen Schichten. »Daddy mochte Elvis, Mommy mochte Dylan, und wir liebten einander genug, um unsere Musik zu teilen. Dein Daddy konnte gut mit Worten umgehen, und ihm gefiel Dylans Poesie. Deine Mommy tanzt gerne, und deswegen fand ich Elvis gar nicht schlecht, weißt du? Wir tanzten zu Elvis und küssten uns zu Dylan. Es funktionierte prächtig.«

Noch mehr unausgesprochene Worte. Tanzten zu Elvis und küssten uns zu Dylan – die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit. Thomas hatte ihr den Plattenspieler, auf dem sie jetzt mit ihrem Sohn Musik hörte, zum Geburtstag geschenkt. Mit siebzehn waren sie beide aus dem Waisenhaus abgehauen. Man hatte nicht allzu angestrengt nach ihnen gesucht – schließlich waren beide fast volljährig gewesen, und Jungen wie Thomas wurden fast täglich nach Vietnam verschifft, und deshalb …

Er war mit dem Plattenspieler und einer einzigen Platte aufgetaucht: The Freewheelin’ Bob Dylan.

»Ich konnte dir keinen Kuchen besorgen«, hatte er gesagt. »Aber das hier sollte wohl reichen, stimmt’s?«

Es war eine unglaubliche Untertreibung gewesen. Sie hatte gekreischt wie ein junges Mädchen (das sie damals war), hatte ihn umarmt und geküsst, und er hatte zufrieden gelacht und ihr einen Schmatz auf die Stirn gedrückt. Das war noch so eine Sache, die sie an Thomas geliebt hatte – seine Lippen. Wow. Sie konnten so sanft küssen, konnten stumm »Ich liebe dich« sagen, konnten sie heiß machen, wenn sie nackt war und dabei immer noch »Ich liebe dich« sagen, wenn auch auf eine andere, rauere Art. Seine Lippen konnten ihr eine Gänsehaut einjagen.

Der billige Plattenspieler wurde zu einem Zentrum der Glückseligkeit in ihrem Leben. Die Sommer in Texas waren glühend heiß, und einer der seltenen kalten Winter konnte Schnee und Eis bringen. Sie beide waren so arm, wie nur junge Leute es sein konnten, aber sie hatten die Musik, und sie hatten einander.

In den kalten Monaten liebten sie sich in Pullovern, unter der Decke, begleitet von Dylan. Im Sommer tanzten sie nackt zu Elvis. Sie liebten sich auf den Laken in diesen schwülen Nächten, verschwitzt, noch bevor sie angefangen hatten. Aus irgendeinem Grund waren diese sommerlichen Liebesnächte begleitet von Lachen. Und hinterher schlief Linda regelmäßig ein, während sie dem Gesang der Grillen lauschte.

»Erzähl mir, wie ihr mich gemacht habt, Mommy.«

Sie lächelte und küsste ihn auf den Kopf. Der Heizlüfter summte.

»Es war im Sommer. Es war ein furchtbar heißer Tag. Dein Daddy und ich wären vor Hitze fast gestorben. Wir hatten überlegt, nach Barton Springs zum Schwimmen zu fahren, aber es war einfach zu heiß, verstehst du?«

David verstand sehr gut. An manchen Tagen war es besser, sich nicht zu bewegen.

»Ich zog trotzdem meinen Badeanzug über. Dein Daddy hatte nur drei Dinge an. Das Kreuz um den Hals, eine Unterhose und …«

»… diese verdammten Cowboystiefel!«, krähte David voller Entzücken, wobei er den Satz für sie beendete.

»Genau. Ich sagte ihm, er wäre verrückt und dass seine Füße ohne die Stiefel viel kühler wären. Er erwiderte, es wäre so heiß, dass wir vielleicht sterben müssten, und er wollte in seinen Stiefeln sterben, so wie ein Cowboy.«

»Aber ihr habt Glück gehabt, Mommy, nicht? Es fing an zu regnen.«

»Genau.«

Es hatte nicht einfach angefangen zu regnen. Der Himmel war förmlich explodiert vor Wasser. Gott hatte mächtig Druck auf der Blase gehabt, wie sie als Kinder zu sagen pflegten. Unwetter in Texas eben. Im einen Moment war der Himmel noch wolkenlos, und es war heißer als im Arsch des Teufels, und kaum hatte man zweimal geblinzelt, schüttete es in donnernden Strömen, manchmal so schlimm, dass man keinen Meter weit sehen konnte. Autos hielten am Straßenrand, weil das Wasser so hoch stand, dass man unmöglich fahren konnte.

Linda und Thomas hatten auf der Matratze gelegen. Die Haustür hatte offen gestanden, die Fliegentür war geschlossen gewesen, damit ein bisschen Wind durch die Wohnung gehen konnte. Es war heiß gewesen, schwül und still. Selbst den Grillen schien es zu heiß gewesen zu sein.

Thomas hatte seine enge weiße Unterhose getragen und diese infernalischen Cowboystiefel. Linda hatte ihren grünen Bikini angehabt, den mit den hässlichen Blumen darauf. Sie hatten an die Decke gestarrt, nicht ganz unglücklich, und versucht, sich nicht zu rühren, um die unheilige Hitze irgendwie zu überstehen.

Das war der Moment gewesen, als es gekracht hatte. Ein gewaltiger Donnerschlag, und beide waren zusammengezuckt. Dann war Wind aufgekommen. Alles war ein bisschen dunkler geworden, als die Wolken heranzogen, und Augenblicke später hatte der Regen eingesetzt.

»Gott sei Dank!«, hatte Thomas gejauchzt, war aufgesprungen und zur Tür geschlurft, um einen Blick nach draußen zu werfen.

Linda hatte sich auf den Bauch gedreht, um ihm hinterher zu schauen – und in diesem Moment stockte ihr der Atem. Es war einer jener Augenblicke gewesen, die man nie vergisst, ein Geschenk Gottes vielleicht, der wahrscheinlich gewusst hatte, dass er ihr Thomas schon bald wieder nehmen würde. Vielleicht hatte Gott ihr etwas geben wollen, an das sie sich immer erinnern konnte. Ein Bild, zu einzigartig, um jemand anderem zu gehören.

Was Linda sah, war dies: Thomas, der im Eingang stand. Er lehnte mit dem erhobenen linken Unterarm am Türrahmen. Sein Körper war entspannt, auf eine Weise, die feminin und maskulin zugleich wirkte. Sein rechter Arm hing locker herab, und sein Rücken war noch nass vor Schweiß. Die Cowboystiefel saßen viel zu weit an seinen dünnen, haarigen Unterschenkeln. Seine Brust war nahezu haarlos, und er hatte ein Gesicht wie ein Baby, doch von der Taille an abwärts war er ein Bär. Draußen vor der Fliegentür prasselte der Regen herunter, als wäre das Ende der Welt gekommen. Und dann kam der Wind, den Linda so herbeigesehnt hatte. Sie spürte, wie sich auf ihren Armen eine Gänsehaut bildete.

Und Thomas stand da, gerade mal achtzehn Jahre alt, und sein Anblick hatte ihr den Atem verschlagen. An diesem Tag sah sie zum ersten Mal den Mann, der aus ihm werden würde. Nicht der größte, aber auch nicht der kleinste. Nicht ausgesprochen muskulös, eher drahtig, aber kräftig. Kein attraktives Gesicht, aber nett oder besser: niedlich. Unvollkommen vollkommen, und er gehörte ihr, und er würde aufrichtig sein und ehrlich und sie lieben bis ans Ende seiner Tage.

»Komm her, Dummerchen«, hatte sie gesagt. »Bevor du die Nachbarn erschreckst.«

Er hatte den Kopf nach ihr umgedreht und sie angelächelt. Dann war er zu ihr gekommen, mit schlurfenden Stiefeln, und das Bild des Mannes war verflogen, vertrieben vom Albernen, Lächerlichen. Linda hatte kichern müssen. Thomas war stehen geblieben und hatte in gespielter Empörung die Stirn gerunzelt, während er sich breitbeinig, die Fäuste in die Hüften gestemmt, vor ihr aufgebaut hatte.

»Worüber lachst du jetzt schon wieder?«

Natürlich hatte er genau gewusst, was so lustig war, und aus irgendeinem Grund brachte seine Bemerkung Linda dazu, noch alberner zu kichern. Er schüttelte drohend den Finger.

»Wag es ja nicht, Missy, niemals, unter gar keinen Umständen, über die Stiefel eines Mannes zu lachen. Ist das klar? Weißt du das denn nicht?«

Ein Donnerschlag rollte durch die Straße – Gott als Stichwortgeber, vermutlich –, und Linda verlor völlig die Kontrolle über sich und japste nach Luft, während ihr Ehemann befremdet auf sie hinunterstarrte.

»Aufhören!«, bettelte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Hör auf, sonst mach ich mir in die Hose!«

Er hatte sich grinsend neben ihr auf die Matratze fallen lassen.

»Wir sollten jetzt das Gras rauchen«, hatte er vorgeschlagen. »Der Regen vertreibt den Geruch schnell wieder. Was meinst du?«

Sie hatte gegrinst. »Hört sich gut an. Aber zuerst brauche ich einen Kaffee.«

Sie liebte Kaffee zum Marihuana. Warum, wusste sie nicht.

Thomas hatte den Kaffee gekocht und ihr einen Becher gebracht. Sie trank vorsichtig, während er den Joint drehte. Es war kein besonders guter Shit gewesen (sie konnten sich nichts Besseres leisten), doch es hatte zum Tag gepasst. Es war ein Samstag, und die höllische Hitze war reinigendem Regen und angenehmer Kühle gewichen. Wenn es so stark regnete, entstand eine Atmosphäre der Abgeschiedenheit und Intimität, und so hatten sie beide das Gefühl gehabt, die einzigen Menschen auf der Welt zu sein.

Thomas hatte den Joint angesteckt, tief inhaliert und dann an Linda weitergereicht, und auch sie hatte einen tiefen Zug genommen. Von dem beißenden Rauch hatte sie husten müssen. Thomas zog ihr den Joint aus den Fingern, während sie um Luft rang.

»Vorsichtig, Miss Leichtgewicht«, hatte er sie geneckt.

Linda hatte ihm hustend auf den Arm geboxt. Dann war eine angenehme Leichtigkeit über sie gekommen.

Gras machte sie immer scharf. Sie hatte ihm einen erwartungsvollen, leicht hungrigen Blick zugeworfen, der ihm völlig entgangen war. Sie hatte gewusst, was unter den engen weißen Unterhosen lockte, und sie hatte es gewollt. Sofort. Sie war aufgesprungen und hatte den Bikini mit zwei raschen Bewegungen abgestreift. »Tadaaah!«, hatte sie gerufen und dann wieder ge­kichert. Und Thomas hatte ihr hinterher gegafft, als sie zum Plattenspieler getanzt war, um Freewheelin’ aufzulegen.

Sie hatte sich zu ihm umgewandt, noch nicht ganz Frau in den Augen der Welt, doch mehr als genug Frau für Thomas. In gewisser Hinsicht fast schon zu viel.

»Zieh deine Stiefel aus, Cowboy«, hatte sie gegurrt. »Entweder sie oder ich.«

Er hatte die Stiefel in einer schnellen Bewegung in eine Ecke getreten. Dann hatte er da gesessen, stiefellos, und sie mit einer Mischung aus Lust und Liebe angestarrt, die ihr Herz schneller schlagen ließ, noch während das Marihuana mehr und mehr ihren Verstand benebelte.

»Verdammich«, hatte er heiser geflüstert. »Weißt du eigentlich, wie schön du bist, Linda?«

Von einer Sekunde zur anderen war sie wieder schüchtern gewesen, war von Kopf bis Fuß errötet. Sie hatte die Plattenhülle noch in der Hand gehalten und benutzte sie nun, um ihre Blöße zu bedecken, als sie zum Bett zurückhuschte.

»Nein, setz dich noch nicht«, hatte er gesagt. »Ich möchte dich noch länger angucken.«

»Thomas …«

»Bitte, Honey. Ich möchte dich so in Erinnerung behalten.«

Sie war so unsicher und nervös gewesen wie noch nie im Leben, doch nach einem Blick in seine Augen war alles verflogen. Es waren wieder die Augen eines Mannes, und sie versprachen Sicherheit. Sicherheit bis ans Ende seiner Tage.

Linda hatte das Album fallen lassen und sich hingestellt, wie er es gewollt hatte. Sie war immer noch schüchtern, doch sie hatte keine Angst mehr. Er streckte die Hand aus und streichelte ihre linke Hüfte. Ja, sie erinnerte sich ganz deutlich daran. Manchmal, in den einsamsten Nächten, konnte sie die Berührung beinahe spüren.

»Komm her«, hatte er geflüstert.

Linda konnte sich später nicht erinnern, wie der Kaffeebecher auf dem Album gelandet war. Sie hatten sich bei offener Tür geliebt, nur geschützt durch den Regen. Sie hatte das Marihuana in seinem Atem gerochen, ein schwacher Duft wie von einem exotischen Parfum. Draußen heulte der Wind, während drinnen Dylan von einem Traum gesungen hatte, von einer Zugfahrt nach Westen und von Tagen, die nie wiederkehren würden. Das Einzige, woran Linda sich sonst noch deutlich erinnerte, war die Gemüsesuppe, die sie an jenem Abend gegessen hatten.

Ziemlich genau neun Monate später war David zur Welt gekommen, und drei Monate nach Davids Geburt war Thomas in Vietnam gefallen.

Das alles erzählte sie David natürlich nicht. Stattdessen bekam er die kurze, freundliche Version zu hören: »Der Regen kam, Honey, und hat dich mitgebracht.« Sie küsste ihn auf den Kopf. »So. Und jetzt lass uns schlafen gehen. Morgen gibt’s Geschenke und Pfannkuchen und einen Film.«

David antwortete nicht. Er kuschelte sich noch enger an sie und beobachtete die in der Dunkelheit rot glühenden Metall­fäden des Heizlüfters.

Die Welt war sicher, und er wurde geliebt, und das war alles, was er sich wünschte.

***

Der Weihnachtsmorgen im Internationalen Pfannkuchenhaus war wie immer seinen himmlischen Versprechungen gerecht geworden. Sie waren gleich nach dem Auspacken der Geschenke hingegangen (David hatte eine Pistole und eine Rolle Zündplättchen bekommen, was er mit großen Augen und einem jauchzenden »Wie cool ist das denn!« quittierte) und hatten magenerweiternde Mengen von Waffeln mit unterschiedlich aromatisiertem Sirup und Schlagsahne vertilgt. Es war eine Weihnachtstradition und eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen Kein-Geld ein verbotenes Wort war.

»Mund auf, kauen, schlucken. Achtung, Magen …«

»Hier kommt die Ladung!«, hatte David voller Begeisterung den Satz beendet.

Sie waren zu Fuß gegangen (das Restaurant war nur zehn Minuten von ihrem Zuhause entfernt). Die Temperaturen bewegten sich knapp über dem Gefrierpunkt, doch es ging kein Wind; deshalb war es einigermaßen erträglich. In der Nacht hatte es gefroren, und die Bürgersteige waren glatt, auch wenn das in Central Texas nicht lange so blieb: Dies war das Land der Hitze und der unerträglichen Schwüle. Der Winter kam nur, weil er eine Jahreszeit war, aber er konnte sich selten festsetzen, schon gar nicht hier in Austin.

Hinterher waren sie zum Kino gegangen. Sie wollten sich Blazing Saddles – Der wilde Wilde Westen ansehen, von dem Mommy gesagt hatte, es wäre eine Mischung aus Western und Comedy. David konnte sich nichts darunter vorstellen, war aber fasziniert.

»Wie geht es dir, Baby? Fühlst du dich gut?«

»Ganz toll, Mommy.«

»Waren die Waffeln okay?«

»Super!«

»Bereit für den Film?«

Er wollte gerade antworten und hatte den Mund bereits geöffnet, doch plötzlich, ganz plötzlich hielt Mommys Hand die seine nicht mehr. Er spürte einen Windstoß und hörte ein schreckliches (schreckliches) fleischiges Geräusch zusammen mit einem hohen Quietschen. Es war die Art von Quietschen, wie ein Luftballon sie erzeugt, wenn man die Luft aus dem zusammengepressten Mundstück entweichen lässt. Etwas Nasses landete spritzend auf seiner Wange. Er hörte das Knirschen von berstendem Glas und einen dumpfen Schlag. Dann war nur noch Stille.

Der Augenblick der Stille dehnte sich, bis er sämtliche stillen winterlichen Augenblicke der letzten hundert Jahre umfasste. Die Sonne schien unverändert weiter, doch ihr Licht war sinnlos und vergeudet, weil alles schlief.

Sie waren auf dem Bürgersteig gegangen, in der gleichen Richtung, in die der Verkehr strömte. Mommy ging immer auf der rechten Seite und hielt Davids rechte Hand in ihrer linken, sodass sie näher am Bordstein war als er. David tastete nach Mommys Hand und berührte Metall. Verwirrt drehte er den Kopf und sah, dass er den rechten vorderen Kotflügel eines grünen 72er Cadillac DeVille Coupé berührte. Der Scheinwerfer war gesprungen, der Kotflügel verbeult (aber nicht allzu sehr). Auf der Stoßstange war Blut. Es tropfte auf den Bürgersteig. Die Vorderreifen standen ebenfalls auf dem Gehsteig, und da stand nun auch der Wagen mit rumpelndem, heißem Motor.

David hatte den Augenblick Millionen Male durchlebt. Er hatte ihn analysiert wie jemand, der einen Filmstreifen kontrolliert, Bild für Bild. Irgendwann wurde ihm klar, dass er es irgendwie gewusst hatte, gleich in dem Moment, als der Wagen seine Mutter gerammt hatte. Jeder benommene Augenblick, der danach kam, war ein vergeblicher Versuch, es ungeschehen zu machen, es nicht zu wissen. Sie nicht sterben zu lassen.

David starrte auf seine Hand am Kotflügel. Sie war seine ganze Welt. So sehr, dass er nicht eine Sekunde daran dachte, einen Blick auf den Fahrer zu werfen. Dann heulte der Motor auf, und der Wagen schoss ein Stück zurück. Er stoppte (schaukelte, rumpelte dabei, wie David sich deutlich erinnerte), beschleunigte mit kreischenden Reifen und war verschwunden. David sah ihm hinterher, bis er in der Ferne verschwand, die Hand immer noch in der Luft, genau an der Stelle, wo er den Kotflügel berührt hatte.

Die Stille kehrte zurück, der Moment dehnte sich.

David drehte sich um.

»Mommy?«, fragte er zaghaft.

Das Blut auf dem Bürgersteig, jene purpurne Flüssigkeit, die von der Stoßstange getropft war, fiel ihm ins Auge. Es sah aus wie der nach Kirschen schmeckende süße Sirup, in dem er seine Waffeln vor nicht einmal einer halben Stunde ertränkt hatte. Kirsch war immer sein Lieblingssirup gewesen, doch nach diesem Tag nie wieder.

Dann endlich sah er sie, und der lautlose Moment dauerte noch eine Sekunde länger – wie ein Wassertropfen, der sich anschickt, von einem Hahn zu fallen. Sie lag fast drei Meter weiter, auf dem Rücken. Die Schuhe waren ihr von den Füßen gerissen worden. Ihr rechter Arm lag unter ihr, grotesk verdreht. Ihr linker Arm war am Ellbogen in rechtem Winkel weggebogen. Sie hatte eine Jeans getragen; der Aufprall hatte die Hosenbeine unterhalb der Knie zerfetzt. Ihr Kopf war zur Seite gedreht, sodass die Wange auf dem kalten, nassen Pflaster lag. Ihre Augen waren geöffnet, so viel konnte David sehen. Sie atmete noch, doch es war ein unregelmäßiges, rasselndes Geräusch, das nicht mehr von selbst kam, sondern mühsam und von Willenskraft gesteuert.

Der Moment endete, und die Stille mit ihm.

»Mommy!«, kreischte er.

Er rannte zu ihr, so schnell, dass er das Gleichgewicht verlor, der Länge nach hinschlug und sich die Hände aufschrammte, doch er sprang sofort wieder auf und lief weiter. Er wusste nicht, dass er sie nicht bewegen, nicht einmal berühren sollte, er wusste nur, dass er sie irgendwie in die Arme nehmen musste, sonst wäre alles verloren, alles, alles.

»Mommy!«, kreischte er noch einmal.

Er wand sie in seine Arme (winden war das richtige Wort, das einzig passende Wort – in seinen späteren Jahren, als er Schriftsteller geworden war, hatte er diese Wahrheit längst verinnerlicht, eine Art Naturgesetz – dass es manchmal tatsächlich nur ein einziges Wort für etwas gab, egal was es war). Der grausig verdrehte Arm lag noch immer unter ihrem Rücken, doch jetzt ruhte ihr Kopf in seinem Schoß. Sie weinte. Keine dünnen, schnellen Tränen, sondern fette, langsame, die die Kehle füllten und Rotz in die Nase brachten. Die Tränen vermischten sich mit dem Blut, das schäumend aus ihrem Mund troff, während sie diese furchtbaren, schnaufenden Atemzüge tat. Doch vor allem anderen, klar und deutlich, würde er sich immer an den fehlenden Schneidezahn erinnern. Irgendwie hatte sie bei dem Aufprall einen Schneidezahn verloren. Wo der Zahn hätte sein sollen, war nur noch ein Loch.

»B-b-baby«, schnaufte sie. Es klang, als würde Luft aus einem Reifen entweichen.

Sie sah ganz komisch aus. Ihre Hüften waren zu flach, und eine Seite ihrer Brust war eingesunken. Und überall war Blut, so viel Blut …

»Mommy?«

Es war zu einer Frage geworden, jetzt schon. Irgendetwas in ihm wusste.

»Honey …« Einatmen, ausatmen. »Estutmirsoleid …« Einatmen, schnaufend, rasselnd, ausatmen. »Nicht nicht nicht …« Einatmen, mühsamer jetzt, ausatmen. »Soleidsoleid … ich wollte nicht …«

Einatmen.

Lindas letzter Gedanke: Wer wird sich jetzt um meinen wundervollen Stammbaum kümmern?

Danach: nichts mehr außer dem grauen Winterhimmel in ihren Augen. David sah das Grau kommen, sah, wie sie ging. Spürte, wie er selbst davonflog.

Mommy starb an jenem Tag, würde er später schreiben. Sie starb, und sie nahm die Sechzigerjahre und meine Unschuld mit. Ich habe seit damals nie wieder Dylan gehört. Scheiß auf ihn und seine hoffnungsvolle Poesie. So ist die Welt nicht, Bob. Du solltest dich schämen, dass du versuchst, uns etwas anderes weiszumachen.

Aber das war es nicht, was er damals dachte. Weil das Leben so nicht funktioniert. Im wirklichen Leben finden dich die schlechten Nachrichten (die wirklich schlechten) auf der Toilette, mit heruntergelassenen Hosen, oder mitten in einem Lacher über einen guten Witz. Sie kommen wie ein Vorschlaghammer, und sie hinterlassen Zusammenhanglosigkeit. Wenn sich ein Gedanke formt, ist er ein großer, gestrandeter schwarzer Wal aus Schmerz und Kummer, und solche Gedanken sind wie dazu geschaffen, zu Geistern zu werden, die einen heimsuchen.

Der Gedanke, der in David aufstieg, nahm ihm alle Sicherheit.

Nie wieder werde ich so sehr zu jemand gehören wie zu Mommy gestern Nacht vor dem Heizlüfter.

Als sie schließlich kamen, um ihn von ihr wegzuziehen, wand er sich und kreischte und zappelte und biss einen der Sanitäter in die Hand. Sie gingen trotzdem sanft mit ihm um. Er schrie, tobte und verdrehte die Augen in den Höhlen wie jemand, der den Verstand verloren hatte. Sie ließen ihn toben, ohne böse zu werden, und redeten beruhigend auf ihn ein, während sie seinen Schlägen und Tritten auswichen. Mancher Wahnsinn ist universal. Jeder Mensch weiß tief im Innern, dass es einen Kummer gibt, der zu groß ist, zu überwältigend, um ihn ertragen zu können.

Irgendwann erlahmten seine Kräfte. Er richtete den Blick zum grauen Himmel und schrie wie besessen »Mommy! Mommy! Mommy!«, wieder und immer wieder, mit weißen Augen, bis er heiser war. Er hielt inne, um Luft zu schöpfen, und sein Blick fiel erneut auf ihre leeren Augen. Alle Kraft und aller Zorn wichen aus ihm, und er sank in die Knie.

Mit unendlicher Zärtlichkeit beugte er sich zu ihr hinunter und küsste ihre Stirn mit papiertrockenen Lippen. Dann warf er den letzten, allerletzten Blick seines Lebens auf sie. »Ich hab dich so lieb«, flüsterte er mit berstender Stimme.

Dann legte er den Kopf an ihre Brust, und um ihn her versank alles in gnädiger Dunkelheit.

ZWEITER TEIL

RISSE UND SPRÜNGE

 

Nach einer scheinbaren Ewigkeit, in der sie durch die Gegend gefahren worden war, hatten die beiden Männer sie aus der Kiste steigen lassen und ihr befohlen, sich auszuziehen. Sie war verängstigt und gedemütigt, aber die Männer hatten sie nicht angefasst. Sie hatten ihr befohlen, sich auf einen kalten Tisch aus Metall zu legen, und sie hatte eine Gänsehaut bekommen, die nicht mehr weggegangen war.

Eine weitere Person war zugegen, eine Frau. Sie war ebenfalls nackt, und auch sie lag auf einem Tisch, aber sie rührte sich nicht.

War sie tot?

Nein. Ihr Brustkorb hob und senkte sich.

Eine Tür ging auf, und ein dritter Mann gesellte sich zu den ersten beiden. Er trug eine Strumpfmaske wie die anderen.

Sie sagte sich, dass dies ein gutes Zeichen sei. Wenn die Männer nicht wollten, dass sie ihre Gesichter sah, hatten sie wahrscheinlich nicht vor, sie umzubringen.

Oder?

Sie erschauerte auf dem kalten Metall und biss die Zähne aufeinander, damit sie nicht klapperten.

Mein Gott, sie hatte Angst. Bis heute hatte sie gar nicht gewusst, was Angst war.

Einer der Männer baute irgendetwas auf. Ein Stativ? Ja, es war ein Stativ. Und auf dem Stativ war eine Videokamera. Der Mann richtete die Kamera auf sie.

Warum? Was wollten sie filmen?

Zum ersten Mal sprach der dritte Mann.

»Sind wir so weit?«

»Jawohl, Sir.«

Er nickte. »Fangen wir an.«

 

K A P I T E L    2   Charlie
Irgendwo in Kambodscha
Vier Tage vor dem ersten großen Beben

Lauf, kleiner Engel, dachte Charlie. Du bist draußen. Komm schon, dreh dich um und lauf los. Lauf, irgendwohin, wo die Monster dich nicht finden.

Leichter gesagt als getan, das wusste er selbst. Wohin sollte das kleine Mädchen rennen? Und wichtiger noch, zu wem? Charlie war ziemlich sicher, dass sie ganz allein war auf der Welt. Kein Erwachsener, der für sie da gewesen wäre, weder jetzt noch in der Vergangenheit. Das Mädchen wusste, wie man überlebte; es kannte Schlaf und Angst und Hunger und das bodenlos tiefe Loch. Doch Charlie bezweifelte, dass es so etwas wie Liebe kannte.

Eine warme Brise kam auf, wehte vorüber, verging. Die Welt drehte sich weiter, gleichgültig, lieblos. Oder vielleicht auch zu verdammt beschäftigt damit, Berge wachsen zu lassen und das viele Wasser in den Weltmeeren zu bewegen, als dass sie Zeit gefunden hätte, Notiz zu nehmen von diesem kleinen Mädchen an einem schrecklich falschen Ort.

Charlie aber nahm Notiz. Das war der Grund für sein Hiersein. Sobald Charlie sich sicher fühlte und der Zeitpunkt gekommen war, würde er aus seinem klapprigen Pick-up klettern und in dieses Haus gehen, und dann würde er verdammt noch mal jeden abschlachten, der verantwortlich dafür war, dass das Leben des kleinen Mädchens ein trostloser schwarzer Fleck aus leerem Elend war.

Bei diesem Gedanken erlaubte er sich ein Lächeln. Siehst du? An manchen Tagen zahlt es sich eben doch aus, dass man aufwacht.

Charlie spannte die Füße an, dann die Unterschenkel, die Oberschenkel, Gesäß, Bauch, Brust, Arme. Er dehnte die Finger, ließ Handgelenke und Hals kreisen und nickte schließlich zufrieden. Er war bereit. Wachsam, aber entspannt. Erwartungsvoll, aber nicht tollkühn.

»Bereit zu töten, aber nicht bereit zu sterben«, murmelte er vor sich hin.

Seine Kleidung war mit Sorgfalt ausgewählt. Er trug Bluejeans, die an der Taille eng geschnitten waren (und deshalb seine Waffe besser hielten) und weit an den Beinen (und so die Bewegung nicht behinderten). Dazu billige weiße Tennisschuhe mit flachen, biegsamen Sohlen. Ein blaues Anzughemd, das seine besten Tage hinter sich hatte, hing lose und aufgeknöpft über einem T-Shirt, das nie wieder weiß werden würde. Das Hemd war zu weit, aber die Falten waren hilfreich, wenn es darum ging, Waffen am Körper zu verbergen. Abgesehen davon war es einfach nur albern, seine besten Sachen anzuziehen, wenn man loszog, um andere zu töten.

Das letzte Kleidungsstück war eine schwarze Baseballkappe, auf die in goldenen Lettern das Logo einer kambodschanischen Brauerei aufgestickt war. Charlie hatte die Kappe tief in die Stirn gezogen, weniger um sein Gesicht unsichtbar zu machen, sondern seine Augen. Er hatte früh und auf die harte Tour herausgefunden, dass es schwierig war, jenes letzte Aufblitzen in den Augen zu verbergen, mit dem man verriet, dass man im Begriff stand, jemanden zu töten. Und wenn eine Zielperson schnell war, konnte schon ein winziger Augenblick verdammt viel ausmachen. Zum Beispiel über die Frage entscheiden, ob man lebte oder starb. Charlie hatte eine alte Schussverletzung in der Seite, die ihn beständig daran erinnerte.

Wenn es um das Töten geht, überlass nichts dem Zufall, lautete die wichtigste Maxime, die Charlie in Fleisch und Blut übergegangen war.

»Einen anderen Menschen zu töten …«, hatte Gunnery Sergeant Moore mit seiner unverwechselbaren Drillstimme vor vielen Jahren gebrüllt. »Einen anderen Menschen zu töten wird euch verdammt zu schaffen machen. Aber von einem anderen Menschen getötet zu werden ist verdammt noch mal viel schlimmer!«

Es war vollkommen logisch in Charlies Augen. Er hatte ein Talent für tödliche Transaktionen, so wie andere Leute begabte Mechaniker waren oder gut im Kopfrechnen. Wenn die Entscheidung getroffen werden musste, hatte er nie ein Problem damit. Das war auch der Grund, weshalb er die freundliche Obhut von Gunnery Sergeant Moore bald hinter sich gelassen und sich in die Gesellschaft sehr viel stillerer (und wesentlich gefährlicherer) Special Ops mit ihrem beinharten Pragmatismus begeben hatte.

Der Ausbilder dieser Elitesoldaten – vom Rang her kein Gunnery Sergeant, aber durch und durch beseelt von dem gleichen Sadismus – hatte Charlie und seine Killerkollegen mit krassen Worten begrüßt: »Ihr seid hier, weil es Leute gibt, die ein Talent zum Töten haben, und euch, meine Süßen, hat man als solche Leute identifiziert. Möge Gott euch helfen – allerdings würde ich nicht darauf vertrauen.«

Charlies Blick ging zur Seite, zu der jungen asiatischen Frau, die gleich neben ihm saß. Sie beobachtete das Mädchen ebenfalls. Ihre Ruhe war geradezu übernatürlich.

Sie ist eiskalt. Richtig eiskalt.

Sein Blick kehrte zu dem Mädchen zurück, während er sich fragte, wie es sich entscheiden würde.

Charlie schätzte, dass es zehn oder elf Jahre alt war, aber das war schwer zu sagen bei asiatischen Kindern. Es trug einen schmuddeligen, kurzärmeligen blauen Pullover aus Baumwolle mit dunkelrotem Blumenmuster. Die Blumen waren so verblasst, dass sie beinahe durchsichtig wirkten. Seine Hose war weiß und zerrissen – offensichtlich von einem älteren Kind weitergegeben – und sah aus, als wäre sie am Fluss an einem Stein gescheuert worden in dem Versuch, sie wieder sauber zu bekommen. Charlie musste an kleine Mädchenhosen denken, die tropfend zum Trocknen in der Dunkelheit hingen, während die Mädchen selbst in ihren Bettchen lagen und unruhig schliefen.

Die Füße der Kleinen waren nackt und schmutzig. Charlie wusste, dass sie möglicherweise in ihrem ganzen Leben noch keine Schuhe getragen hatte. Ihr Alltag an diesem traurigen Ort drehte sich um nacktes Überleben, und Schuhe waren dazu nun mal nicht erforderlich. Aus irgendeinem Grund machte ihm das mehr zu schaffen als alles andere. Kinder sollten Schuhe haben, selbst wenn sie keine Mütter mehr hatten.

Aber die Haare. Wenigstens das war ein gutes Zeichen.

Trotz all dem Schmutz und Elend waren die Haare des Mädchens sauber und glatt, schulterlang und wunderschön. Die grelle Sonne ließ das Schwarz schimmern wie einen Spiegel aus Seide. Vielleicht halfen ihre Schwestern ihr dabei, ihr Haar in der Dunkelheit zu waschen und zu bürsten.

– Bilder in seinem Kopf, schnell und flüchtig: Shorts von kleinen Mädchen, immer nass, niemals sauber. Schwarzer Kamm, schwarzes Haar, schwarzes Leben –

Charlie kniff sich heftig ins Ohrläppchen. Es war ein Trick, den er vor langer Zeit gelernt hatte. Eine Methode, um mit zu viel Denken und zu wenig Handeln fertig zu werden. Denken führte ihn selten an schöne Orte, und von diesen Orten kam man dann nicht so leicht wieder weg. Beim Handeln war es zwar nicht anders, aber hinterher, wenn alles wieder ruhig war, konnte man von dort verschwinden. Am wohlsten fühlte Charlie sich in Bewegung, wenn er die Dinge erledigte, die zu erledigen waren.

Und warum auch nicht? Das war sein Metier. Wenn es um das Erledigen von Dingen ging, war Charlie Carter genau der richtige Mann. Charlie war Mr. Action in Person. Ob gut oder böse oder irgendwo dazwischen – er erledigte jeden Job. Und das alte Sprichwort über den Tanz mit dem Teufel traf den Nagel auf den Kopf, wie er im Lauf der Jahre herausgefunden hatte. Der Teufel tanzte verdammt gut. Der Trick bestand darin, nicht aufzuhören.

Charlie konnte die Angst und die Unsicherheit in den Augen des Mädchens erkennen, als sein Blick zwischen dem wolken­losen blauen Himmel und dem schattigen, dunklen Eingang des Kinderbordells hin und her zuckte.

Er nahm sich einen Moment Zeit, um das Gebäude selbst zu begutachten. Es war schwer zu glauben, dass ein derartiger Sündenpfuhl, eine solche Hölle auf Erden so unscheinbar aussehen konnte. Kein Zerberus, kein »Die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren« über der Tür – man musste nichts weiter tun, als den Fuß über die Schwelle dieser Hütte der Verdammten zu setzen und weitergehen. Charlie nahm an, dass es immer so war, was die Verdammnis anging. Die Menschen neigten dazu, sich selbst abwärts zu bewegen, und es gab nicht viel, das sie aufhalten konnte, wenn sie erst den Entschluss gefasst hatten, die Reise anzutreten.

Das Gebäude bestand aus Holz und Wellblech. Das Innere war ein fensterloses Loch aus Dreck und Sperrholzböden. Charlie wusste von der Aufklärung, dass Stehlampen und nackte Glühbirnen an den Decken für die Beleuchtung sorgten. Die zum Schneiden dicke, heiße Luft war erfüllt vom Duft nach Reis und dem kambodschanischen Äquivalent von Dim Sum, das hier Num Pa-oo hieß, sowie anderen, schwächeren Gerüchen: feuchte Erde, trockener Schweiß, Alkohol. Und noch schwächer, kaum wahrnehmbar: ein Hauch von Kanalisation, Latex, Sex.

Die Zimmer waren winzig – sie dienten nur einem einzigen Zweck. Jedes verfügte über ein Bett, im Allgemeinen bestehend aus einer großen, durchgelegenen Matratze und alten Decken oder einem Laken. Manchmal hatte die Matratze einen Rahmen, meistens aber lag sie auf dem Boden. Es gab keine Gleichförmigkeit in diesem Bordell, weil es nicht wichtig war – Sex mit Kindern war eine nüchterne Aktivität, so paradox sich das anhören mochte. Dunkelheit und eine ebene Oberfläche waren alles, was es brauchte. Die sabbernde Geilheit auf das dargebotene Produkt kümmerte sich um alles Weitere.

Das Mädchen hatte sich immer noch nicht gerührt.

Los doch, Kleine! Du kannst es schaffen!

Das Mädchen starrte auf den Eingang, während es die kleinen Hände zu Fäusten ballte und wieder öffnete. Ballte und öffnete. Charlie konnte ihre Sehnsucht sehen, und es schmerzte ihn beinahe körperlich. Er griff nach seiner Waffe hinten im Hosenbund, und es beruhigte ihn ein wenig, den kühlen Griff zu berühren.

Zahlen gingen ihm durch den Kopf. Statistiken. Ein Kind, das mit sieben Jahren an ein Bordell verkauft wurde, konnte mit mehr als zehntausend Männern Sex haben, bis es fünfzehn war. Viele waren mit HIV infiziert, bevor sie in die Pubertät kamen. Jungfrauen brachten die höchsten Preise. Weiter und weiter, eine Litanei des Undenkbaren, Unfassbaren, Grotesken.

Zehn. Ich wette, sie ist zehn.

Wieder drehte das Mädchen den Kopf und sah zum Himmel hinauf, der immer noch blau und wolkenlos war. Sein Blick sagte, dass es nicht hierher gehörte, aber hergehören wollte, mehr als alles auf der Welt. Die Sonne war da und brannte mit milder Hitze, weder gleichgültig noch tröstend. Die Luft war erfüllt vom Summen der Insekten. Überall wimmelte es von Leben. Es feierte sich selbst, und wie es schien, nahm das Mädchen dies alles in sich auf. Es schloss die Augen, und seine Nasenflügel blähten sich, als es einen tiefen Atemzug nahm. Es lächelte nicht, kein einziges Mal, was Charlie noch mehr bekümmerte als seine fehlenden Schuhe. Es hielt den Atem an, als wäre es Gold in seinem Lungen anstatt klarer Luft; dann wandte es sich um. Und indem es seinen Schatz auf seinen kleinen, ewig schmutzigen Füßen mitnahm, verschwand es wieder im Bordell.

»Manche Menschen sind nicht dazu geschaffen, die überwältigende Schönheit des Lebens zu erfahren«, murmelte die junge Asiatin, die gleich neben Charlie saß.

»Schließt diese poetische Aussage uns beide mit ein?«, entgegnete er grinsend.

Sein Witz ging ins Leere – nicht weiter erstaunlich. Der eigenartige Blick, mit dem die junge Frau ihn bedachte, war ihm längst vertraut: gelassen, forschend und – kalt.

Ihr Name war Phuong. Vietnamesisch für »Phönix«. Sie hatten diesen Namen selbst ausgesucht. Vorher war sie immer nur »Mädchen« gerufen worden, bis sie von Charlie und seinen Leuten aus ihrer persönlichen Hölle gerettet worden war. Charlie gefiel der Name. Phönix. Eine passende Wahl, fand er.

Phuong war irgendwo Anfang zwanzig; so genau wusste das niemand, nicht einmal sie selbst. Ihr Körper war schlank und athletisch, ihr Gesicht eher schlicht, und ihre Wangen waren narbig von der Akne ihrer Teenagerjahre. Sie besaß vollkommene, perlmutterne Zähne, die mangels Lächeln zumeist verborgen blieben. Ihr Haar reichte ihr bis zur Taille, wenn sie es einmal offen trug, was nur sehr selten vorkam. Zurzeit hatte sie ihr Haar hochgebunden und festgesteckt in Erwartung des bevorstehenden Gemetzels.

»Vielleicht«, räumte sie schließlich ein. »Aber wir können diese Schönheit wenigstens erfassen. Die da drinnen können es nicht.« Sie zögerte, dachte nach. »Vielleicht eines Tages. Ja, eines Tages vielleicht. Oder auch nicht. Die Zeit wird es zeigen.«

Phuong war fünfzehn oder sechzehn gewesen, als man sie in Saigon aus einem Bordell geholt hatte. Solange sie sich zurückerinnern konnte, war sie in diesem Puff gewesen. Alles, was man einem menschlichen Wesen antun konnte, hatte man ihr angetan.

»Wirklich? Siehst du so das Leben?« Die Frage war Charlie herausgerutscht. Er hatte sie nicht stellen wollen – sie war ihm einfach über die Lippen gekommen, wie eine Menge anderer Bemerkungen auch.

Phuong kniff zornig die Augen zusammen. »Ja. Ich meine, was ich gesagt habe. Und ich sage, was ich meine. Hast du das immer noch nicht begriffen?«

»Sorry. Entschuldige. Du hast recht. Ich weiß es. Einhundert Prozent.«

Die Phrase stammte aus Horton hört ein Hu! Die ersten englischen Bücher, die Phuong lesen gelernt hatte, waren die Geschichten von Dr. Seuss gewesen; mit ihren Reimen und dem ganzen Unsinn und dem herzlichen Unterton hatten sie das Mädchen fasziniert. Nun schleppte sie die Bücher überall mit hin und las sie immer wieder. Manchmal, in der Nacht, flüsterte sie die Dialoge auswendig vor sich hin, bis sie eingeschlummert war. Phuong liebte die Bücher, weil sie in ihren Augen der erste Beweis für eine neue Art von Freiheit gewesen waren, eine Freiheit, die man ihr nicht wieder nehmen konnte. Sie liebte diese Bücher, und gelegentlich zitierte sie daraus, wenn sie sich unterhielt.

Charlie gefiel die Vorstellung, dass Phuong vielleicht doch noch nicht ganz kaputt und verloren war. Es machte ihm Hoffnung für das kleine Mädchen, das sie soeben unschlüssig vor der Tür des Bordells hatten stehen sehen. Vielleicht sogar Hoffnung für ihn selbst. Ein sehr dünnes Vielleicht, aber trotzdem ein Vielleicht.

»Die Zeit für das Töten ist da«, sagte Phuong.

Charlie stieß einen Seufzer aus. Hoffnung für Phuong war relativ.

»Die Erde ist hungrig«, pflichtete er ihr bei.

»Ich gehe von hinten rein und arbeite mich nach vorne. Du treibst die Kinder zu mir.«

»So ist der Plan, Stan.«

»Die Kreaturen sterben, ohne Ausnahme.«

Das war der Name, den Phuong den Pädophilen gegeben hatte. Kreaturen. Für Charlie war es ein Begriff wie jeder andere.

»Du musst das nicht immer wieder sagen, Phuong, weil es sich von selbst versteht.«

Sie bedachte ihn mit ihrem kältesten Blick, geformt aus unaussprechlichem Leid. »Für mich ist es aber wichtig. Und wir müssen sicher sein, was die wichtigen Dinge angeht. Ich meine, was ich sage, und ich sage, was ich meine.«

Er lenkte hastig ein. Keine Klugscheißereien mehr. »Hast ja recht, süßes Mädchen. Einhundert Prozent.«

So hatte er sie von Anfang an genannt. Süßes Mädchen. Der Himmel mochte wissen warum – sie war ein stilles, gefährlich aussehendes kleines Ding gewesen, doch irgendetwas an ihr hatte sein kaltes, kaputtes Herz gerührt, von dem Moment an, als er sie das erste Mal gesehen hatte.

Sie hatte ein Baumwollnachthemd getragen; Charlie erinnerte sich ganz deutlich an diesen traurigen Moment. Das Nachthemd war irgendwann mal weiß gewesen, doch als Charlie es zum ersten Mal gesehen hatte, war es grau gewesen, fadenscheinig und fleckig. Sie war von der Pritsche eines Trucks gesprungen, ohne Schuhe, so wie das kleine Mädchen, das sie vorhin beobachtet hatten, und zweifellos genauso entwurzelt und allein. Sie hatte Charlies Blick erwidert, und dann … etwas war passiert. Hell und golden, schrecklich und voller Hoffnung. Ein Bild war vor seinem geistigen Auge heraufgezogen, das Bild eines kleinen einsamen Mädchens, den Daumen im Mund, das sich an eine schmutzige Decke drückte statt an seine Mutter.

Er hatte einen ganzen Fluss dieser Kinder gesehen, einen endlosen Strom aus Kummer und Schmerz. Sie alle hatten sein Herz gerührt, doch es war eine Berührung aus der Ferne gewesen. Anders bei Phuong. Er hatte sich geschworen – an Ort und Stelle und aus Gründen, die er wahrscheinlich nie in Worte würde fassen können – sie bis ans Ende seiner Tage zu beschützen, koste es, was es wolle.

»Danke, Papa«, antwortete Phuong. Das Eis in ihren Augen schmolz ein wenig. Nicht viel, nur ein klein wenig.

Phuong war der verschlossenste Mensch, dem Charlie je begegnet war. Nur ein einziges Mal hatte er sie weinen sehen, alle Tränen, derer sie fähig war. Es waren stille Tränen gewesen, lautlose Tränen und lautlose Schreie, und er hatte ihr Gesicht an seine Brust gedrückt, hatte sie gehalten und ihr Sicherheit gegeben, während sie ihm das Geschenk ihres Vertrauens machte. Es hatte fast eine Stunde gedauert. Nie hatte Charlie jemandem davon erzählt. Es blieb ihrer beider Geheimnis.

Drei Tage später hatte sie angefangen, ihn »Papa« zu nennen. Es dauerte über ein Jahr, bis er nicht mehr jedes Mal wie ein Irrer grinsen oder die aufwallenden Tränen zurückhalten musste, wenn er dieses Wort hörte. Phuong war seine einzige Schwäche. Mehr noch als David oder Ally, und das sagte eine Menge.

»Mach keine Dummheiten da drin, hörst du? Ich jag dich durch das ganze Jenseits, wenn du mir stirbst.«

»Ja, Papa.«

Wenigstens gab sie ihm diesmal keine dumme Antwort.

Charlie öffnete die Tür und trat hinaus auf die staubige Straße. Er betrachtete sein Spiegelbild in der Scheibe des Wagens und nickte zufrieden. Er sah aus wie ein ganz normaler amerikanischer Perverser mittleren Alters, wie ein ganz gewöhnlicher weißer Vorstadtbewohner. Das erstaunte Charlie bei diesen Kinderfickern am meisten: ihre Normalität. Klar, es gab eine Reihe rattengesichtiger Fagins, die buchstäblich aus Dickens’ Geschichte entsprungen zu sein schienen, aber sie waren eher die Ausnahme als die Regel. Es gab genauso viele ledige Pädophile, wie es verheiratete gab, und nicht wenige hatten selbst Kinder. Sie konnten verabscheuungswürdige Kriminelle sein oder fromme Priester, und die Altersspanne reichte von achtzehn bis achtzig. Selbst ihr Verhalten gegenüber den Kindern unterschied sich drastisch. Manche genossen ihre Macht und waren brutale Hurensöhne, während andere sich beinahe gütig gaben.

Charlie war das alles scheißegal. Anzug oder Talar, Ehemann oder Zuhälter – wer Kinder vögelte, war ein Ungeheuer, und Ungeheuer mussten ausgerottet werden. Er kannte sich aus mit Monstern; er wusste genau, wie sie sich versteckten und unschuldig lächelten und mit der Masse verschmolzen. Das war auch der Grund dafür, dass Charlie sich an eine Unschuldstheorie hielt, wie die spanische Inquisition sie verbreitet hatte: Wenn du ihnen eine Kugel in den Balg jagst, und sie sterben, waren sie Teufel. Überleben sie, waren sie Engel.

Er überprüfte ein letztes Mal, ob das Hemd in seinem Rücken die Waffe ordentlich verdeckte, bevor er sich vom Wagen weg in Richtung Eingang entfernte.

Ein Mann ohne Hemd trat nach draußen, als Charlie sich näherte. Der Mann war barfuß und vielleicht fünfunddreißig Jahre alt, mit kurz geschnittenem dunklem Haar und einer hässlichen Narbe auf der linken Wange. Er war schmal und hager, doch Charlie ließ sich davon nicht täuschen. Dreißig Jahre und älter bedeuteten in diesem Teil Kambodschas – vor allem in dieser Branche –, dass der Typ ein harter Knochen war.

»Sie zurückgekommen«, sagte der Mann zu Charlie. Es war eine Feststellung.

»Ja.«

Der Zuhälter musterte Charlie einen Moment aus verschlagenen Augen, bevor er ein liebenswürdiges Lächeln aufsetzte und eine selbstgedrehte Zigarette hervorzog, die hinter seinem Ohr geklemmt hatte. »Gut, kein Problem«, sagte er, während er in seinen Taschen nach Feuer suchte. »Wir haben genug Baby-Engel. Sie schon gesehen.«

Charlie zückte sein eigenes Feuerzeug und gab dem Mann Feuer. Er rauchte selbst nur wenig, doch es half ihm, wenn sein Gegenüber rauchte. Die Hände waren beschäftigt, und der Betreffende war ein kleines bisschen abgelenkt.

»Wie war noch mal dein Name?«, fragte er den Zuhälter.

»San.«

»San. San der Mann.«

San grinste. »Das gut. San der Mann. Das gefällt San. Gefällt mir.« Er nahm einen tiefen Zug an seiner Zigarette und blies den Rauch aus. »Wird heißer Tag heute.«

Er schien es kein bisschen eilig zu haben, und Charlie spielte das Spiel mit. Er blinzelte zum Himmel hinauf und nickte. »Heißer als die Fotze einer Syphilishure.«

»Was bedeuten?«, fragte San. Charlie erklärte es ihm, und der Zuhälter gackerte fröhlich. »Das gut, Mann! Sehr gut! Wo du gelernt so schlimme Worte?«

»Bei den Marines. Jede Menge Stillstand und nichts zu tun außer Bier saufen und wichsen. Wir hatten Wetten laufen, wer die schlimmsten Sachen sagen konnte.«

Es waren nicht die Marines gewesen, und Bier hatte es ganz sicher nicht gegeben, doch der Rest entsprach einigermaßen der Wahrheit. Der Trick an einer guten, mühelos aufrechtzuerhaltenden Tarnung bestand darin, eine Scheinperson zu erschaffen, die nahe an die Wirklichkeit herankam. Jemand, der man nicht war, der man aber hätte sein können, unter den richtigen Umständen. Die Wahrheit dahinter war eine Kammer auf einem Dachboden und viel, viel Zeit, die Charlie, David und Allison damit verbracht hatten, die endlose Dunkelheit zu überwinden. David hatte den Wettstreit »Der schmutzigste Wichser der Welt« getauft (weil Allison nie mitgemacht hatte). Meistens hatte Charlie gewonnen. Er hatte schon immer Talent zum Fluchen gehabt. Es gab nicht viel, auf das er stolz war, aber darauf war er verdammt stolz.

San gackerte noch ein bisschen, dann schüttelte er den Kopf. »Sie bestimmt oft gewonnen, eh? Ja. Ich glauben.«

Charlie grinste. »Ich hab mich ganz gut geschlagen. Was ist mit dir, San der Mann? Wie lange arbeitest du schon hier?«

Der Zuhälter blies Rauch aus dem Mundwinkel und zuckte die Schultern. »Ich hergekommen mit acht Jahre.« Er grinste. »Früher ich selbst Baby-Engel. Sehr beliebt. Ich viel Geld gemacht.«

»Kein Scheiß.«

»Kein Scheiß.«

Charlie beobachtete, wie San seine Zigarette rauchte. Er starrte in die kalte Leere in den Augen des Kambodschaners. Sie waren so bar jeglicher Wärme wie der Raum zwischen den Sternen. Bloß Löcher in Sans Kopf, bodenlose schwarze Kavernen aus Stille, in denen es niemals Licht oder Lachen oder irgendetwas Gutes geben würde. Es war dieses Schwarz, das von innen nach außen wächst. Unheilbar und nicht aufzuhalten.

Das ist zweifellos tragisch, aber es rettet dich nicht – du hast die Grenze überschritten, San. Es gibt kein Zurück von der anderen Seite.

San zerrieb die aufgerauchte Zigarette zwischen den Fingern, und der Wind wehte Tabak und Papier davon. »Okay, Freund«, sagte er zu Charlie. »Wir suchen Baby-Engel für dich. Jetzt du bereit, eh?«

Charlie war erst drei Tage zuvor im Bordell gewesen, um die Gegebenheiten auszukundschaften. Er hatte den misstrauischen Freier gespielt, der alles zuerst sehen wollte, bevor er sich entschied. San hatte Charlies Geschichte ohne Murren geschluckt. Offenbar war diese Vorsicht bei seinen Kunden ziemlich weit verbreitet.

»Klar, nix Problem«, hatte er gesagt und eifrig genickt, genauso unendlich freundlich wie jetzt auch. »Ich zeigen Ihnen Baby-Engel, zeigen sicheres Etablissement. Sie keine Angst haben müssen. Sie nicht beraubt werden, nicht bestohlen, nix Ärger kriegen mit Polizei.«

»Freut mich, dass wir uns verstehen«, hatte Charlie gesagt.

»Jaaa, Freund. Verstehen. Weißer Mann nicht kambodschanisch, ja? Kann nicht untertauchen, ja?«

»Untertauchen. Genauso ist es. Man kann nicht vorsichtig genug sein«, hatte Charlie schulterzuckend erwidert. »Und ich bin nun mal ein vorsichtiger Bursche.«

Für einen Moment war die Liebenswürdigkeit des Zuhälters einem wissenden Grinsen gewichen. »Aaah, Freund. Sie harter Mann, ich sehen.«

»Hart genug«, hatte Charlie ihm beigepflichtet, wenn auch mit distanzierter Stimme. »Hör zu, ich weiß, was ich will, okay? Es mag richtig sein oder nicht, das interessiert mich nicht. Ich tue es einfach, und ich habe aufgehört, mir deswegen Gedanken zu machen, klar? Ich hab keine Schuldgefühle und keine Angst. Aber ich sehe mir einen Laden immer zuerst an, bevor ich mein Geld hintrage.«

San hatte nichts dazu gesagt.

»Also. Heute kein Geld, okay? Ich bin hier, um mich zu überzeugen, dass du hast, was ich suche, und dass du mich nicht beklaust, abmurkst oder hinterher erpresst. Das ist alles. Wenn dir das nicht passt, kein Problem. Dann verpiss ich mich und such mir einen anderen Laden. Aber wenn mir gefällt, was ich sehe, komme ich wieder. Ich brauche, was ich brauche, und ich bezahle für meinen Spaß.« Und weil irgendwie Charlie gespürt hatte, dass es von ihm erwartet wurde, hatte er die Augen zusammengekniffen und sich zu dem Zuhälter vorgebeugt. »Versteh mich nicht falsch, Kumpel, aber ich will eins klarstellen. Ich bin keine Pussy, die sich beim ersten Anzeichen von Ärger die Hose vollscheißt, okay? Wenn ich kriege, was ich will, ist alles cool. Aber wenn du mich verarschen willst, kriegst du Probleme, und zwar reichlich.«

Nach diesen Worten war die Liebenswürdigkeit zurückgekehrt. Die Menschen waren am entspanntesten, wenn man sich so verhielt, wie man sich ihrer Meinung nach verhalten sollte, selbst wenn dies bedeutete, dass man sie nicht gerade freundlich anfasste. Berechenbarkeit wurde geschätzt, besonders in der Unterwelt. »Sicher, sicher«, hatte San erwidert und eifrig mit dem Kopf genickt. »Folgen Sie mir, sehen Sie selbst. Jede Menge prima Baby-Engel. Sie mögen Mädchen oder Jungs?«

»Beides«, hatte Charlie geantwortet. »Heute will ich Mädchen.«

»Okay, kein Problem. Wie alt?«

»Nicht älter als zehn. Nicht jünger als sieben.«

Sans breites Grinsen hatte nicht bis zu den Augen gereicht. Er hatte Charlie auf die Schulter geklopft. »Freund! Du kommen zu beste Laden. Wir viele Baby-Engel haben, genau wie du suchen. Komm sehen.«

Er war vorausgegangen, und Charlie war ihm aus dem Sonnenlicht in die düsteren Schatten gefolgt. Wie in den meisten Bordellen der Welt war das Innere ein Ort des Zwielichts, wo man sehen konnte, was man tat, während man es tat, und zugleich sein Tun vor sich selbst damit entschuldigen konnte, dass es sich irgendwie nicht echt anfühlte.

Die Mädchen hatten wartend im Flur auf schäbigen Sofas gesessen. Einige waren Teenager gewesen, die meisten viel jünger.

»Sehen?«, hatte San gefragt und im Dämmerlicht gegrinst. »Hier, ich schicken Baby-Engel nach dir.«

Er hatte den Zeigefinger gekrümmt, und die jüngeren Mädchen waren aufgesprungen und hatten sich um Charlie gedrängt, hatten an seinem Hemd und seiner Hose gezerrt und unablässig in Khmer und gebrochenem Englisch auf ihn eingeredet und die grausigsten Versprechungen gemacht. Es war unerträglich gewesen, und beinahe hätte Charlie den Zuhälter gleich an Ort und Stelle umgelegt.

»Mjam-mjam machen zwanzig Dollars. Bumm-bumm dreißig. Du wollen zwei Mädchen, drei Mädchen – nix Problem, Freund.«

Charlie hatte es die Sprache verschlagen. Die Mädchen hatten an seinem Hemd und seiner Hose gefummelt, und er hätte am liebsten nach ihnen geschlagen wie nach lästigen Fliegen. Er hatte geschluckt und sich gezwungen, seine Rolle weiterzuspielen.

»Sehr nett«, hatte er gesagt. »Zeig mir die Zimmer.«

San hatte mit dem Finger geschnippt, und die Mädchen waren in den Schatten verschwunden, um Charlie mit neugierigen Blicken zu beobachten. »Hier lang, Freund«, hatte der Zuhälter gesagt, lächelnd, die Freundlichkeit in Person.

Er war den Flur hinuntergegangen, und Charlie war ihm gefolgt. Sie waren an Zwölf- bis Vierzehnjährigen vorbeigekommen, die auf den zerschlissenen Polstern gesessen und mit niedergeschlagenen Augen auf den unvermeidlichen nächsten Kunden gewartet hatten. Eines der Mädchen hatte den Blick gehoben und Charlie gemustert, und er hatte eisige Verachtung in ihren Augen gesehen. Tausend Dolche.

Gut für dich, hatte er gedacht.

Sie waren an den Knaben vorbeigekommen, den jungen und den älteren. Die Knaben waren ohne Hemden und ohne Schuhe, und ihre Blicke waren offener gewesen als die der Mädchen. Charlie hatte keinen Hass in ihren Blicken entdeckt, gar nichts, nur Angst vor San, ihrem Herrn und Meister.

»Hier Zimmer«, hatte San gesagt und mit einer Hand durch eine offene Tür gewinkt.

Der fensterlose Verschlag, den er Charlie gezeigt hatte, war winzig gewesen. Vielleicht anderthalb Meter mal zweieinhalb Meter. Es gab nur eine schmuddelige Matratze auf dem Fußboden, halb bedeckt mit einer zerwühlten braunen Decke, sonst nichts.

»Verdammtes Miststück!«, hatte San geschimpft.

Er hatte schnarrend in den Gang hinaus gerufen, und Augenblicke später hatte Charlie das Patschen hastig heraneilender kleiner Füße auf den Holzdielen gehört. Ein Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, war in den Verschlag gestürzt. San hatte auf die Decke gezeigt und geschimpft wie ein Rohrspatz. Das Mädchen war zum Bett gegangen und hatte die Decke glatt gezogen, begleitet von unablässigen Entschuldigungen und demütigem Nicken, offensichtlich voller Angst vor San. Charlie hatte die Szene wortlos beobachtet und seine Traurigkeit nur mit Mühe verbergen können. San hatte seine Blicke mit Geilheit verwechselt.

»Sie sicher, nicht wollen Baby-Engel jetzt?«, hatte er mit lockender Stimme gefragt. »Chan sehr gut mjam-mjam.«

Chan hatte ihren Namen und die Worte mjam-mjam gehört und ein bemühtes falsches Lächeln aufgesetzt. Sie hatte zu Charlie aufgeblickt und mit den Wimpern geklimpert in dem unbeholfenen Versuch, zu kokettieren. Charlie wäre am liebsten gestorben. Übelkeit war in ihm aufgestiegen, bis er würgte, und für einen Moment hatte er befürchtet, sich tatsächlich übergeben zu müssen und das arme Mädchen, den Boden und die Wände vollzukotzen.

»Und?«, hatte San gefragt.

Charlie hatte sich ins Ohrläppchen gekniffen, bis rot glühender Schmerz sein Entsetzen und seinen Abscheu vor den Rea­litäten der Gegenwart überdeckt hatte.

»Kein Geld heute«, hatte er gesagt.

San hatte die Schultern gezuckt. Charlie hatte die Zuversicht des Zuhälters bemerkt. Du brauchst das hier früher oder später ja doch, schien dieses Schulterzucken zu sagen. Und du weißt jetzt, dass ich habe, was du willst. Ich sehe dich bald wieder.

Charlie hatte sich bedankt und versprochen, bald wiederzukommen. Der Zuhälter hatte ihn zur Tür gebracht und ihm hinterher geblickt, als er davongegangen war. Kaum war San außer Sichtweite gewesen, hatte Charlie sich vornüber gebeugt und sich erbrochen, bis sein Magen leer war. Er war so stehen geblieben, die Hände auf die Knie gestützt, und hatte mit tränenden Augen auf das Bier und das halb verdaute Num Pa-oo gestarrt. Wie oft schon war er in Schuppen wie diesem gewesen? Hundert Mal? Er würde sich nie daran gewöhnen, und das war gut so. Er hatte sich mit zitterndem Handrücken über den Mund gewischt und war weitergegangen, während er an das kleine Mädchen Chan gedacht hatte und all die Dinge, die es wusste und eigentlich nicht wissen sollte.

Er hatte sogar von ihr geträumt in jener Nacht, nur dass es ein Alptraum gewesen war: Ihr falsches Lächeln in seinem Traum war breiter und breiter geworden, und ihr Mund hatte sich in ein Maul voller Fangzähne verwandelt. Sie hatte Charlie mit einem wilden, jauchzenden Schrei angesprungen und angefangen, ihn bei lebendigem Leib aufzufressen. »Chan gut mjam-mjam«, hatte sie zwischendurch immer wieder gesagt, »MJAM-MJAM-MJAM!« Charlie war aus dem Schlaf hochgefahren, in kalten Schweiß gebadet, und hatte kein Auge mehr zubekommen; also hatte er sich ein Bier geholt und damit in der Dunkelheit gesessen, bis Phuong ihn schließlich fand. Sie hatte beinahe telepathische Fähigkeiten, was Charlies schlaflose Nächte anging.

»Hattest du einen Alptraum, Papa?«, hatte sie gefragt.

Charlie hatte ihr von seinem Traum erzählt, und Phuong hatte schweigend zugehört. »Vielleicht solltest du das Positive an deinem Traum sehen«, hatte sie nach einigem Überlegen gesagt. »Du warst offenbar sehr lecker.«

Er vermochte nicht zu sagen, ob sie scherzte, um ihn zu trösten, oder ob sie es ernst meinte – so etwas war bei Phuong immer schwer einzuschätzen. Trotzdem hatte er aufgelacht, so plötzlich, dass ihm ein Schwall Bier in die Nase geschossen war. Anschließend hatte er geweint. Charlie war manchmal eine richtige Heulsuse; er konnte nichts dagegen tun. Er schämte sich deswegen aber nicht sehr. Es war ein elementarer Teil seines Wesens; deshalb war es ihm nicht allzu peinlich. Die meisten Monstrositäten der Welt zogen ohne unmittelbare Auswirkungen an ihm vorüber – das Reservoir in seinem Herzen war großzügig dimensioniert und füllte sich nur langsam. Doch ob langsam oder nicht – es füllte sich jedes Mal aufs Neue. Und wenn es voll war, kamen die Tränen und machten ihn hilflos, und er stolperte mit ausgestreckten Armen umher wie ein blinder Betrunkener, der sich in einem Wolkenbruch verlaufen hatte.

Phuong hatte seine Hand genommen und ihn zum Bett geführt, hatte ihn mit sanften Händen hingelegt und die Decke über ihn gezogen, während er geweint und getrauert und versucht hatte, von jenem Ort der Trostlosigkeit zurückzukehren. Dann hatte sie ihm übers Haar gestreichelt und ihr Lied gesungen, jene Aneinanderreihung bedeutungsloser Laute, die ihn noch jedes Mal getröstet hatten. Es war ein langsames, helles, in Moll gesungenes Lied mit in die Länge gezogenen Vokalen:

Noo-ah-lay-Alojzy, noo-ah-low …

So oder ähnlich. Das erste Mal hatte Charlie gehört, wie sie es einem der jüngeren Kinder in dem Lager, in das sie nach ihrer Befreiung gebracht worden war, vorgesungen hatte. Das jüngere Mädchen hatte ebenfalls Alpträume gehabt und mit ihren Schreien das halbe Lager geweckt. Charlie war aus seiner Hütte gestürzt, die Waffe in der Hand, und hatte das arme Kind so schrecklich zusammengekrümmt vorgefunden, dass es aussah, als wollte es in sich selbst hineinkriechen. Beide Hände an die Seiten des Kopfes gepresst, schrie das Kind unablässig weiter, während es sich mehr und mehr zusammenrollte, kleiner und kleiner wurde, als versuchte es, sich aufzulösen und zu verschwinden. Charlie hatte wie gebannt zugeschaut.

Phuong war als Erste zu dem Mädchen vorgedrungen. Sie hatte in ihrem Nachthemd vor ihm gekniet und leise gesungen, ohne das Mädchen anzurühren. Sie hatte nur gesungen – das Lied, das Charlie inzwischen so gut kannte. Der volle Mond hatte sich hinter einer Wolkenbank versteckt, und der Wind hatte die Blätter in den Bäumen lispelnd rascheln lassen. Charlie hatte in Unterhosen dagestanden und gegafft. Er war sich dessen bewusst gewesen, hatte aber nichts daran ändern können, denn er war schier überwältigt – nicht so sehr vom Klang des Liedes als von der Bedeutung, die Phuong hineingelegt hatte. Als lägen alle Sorgen und Ängste darin, die sie jemals durchlebt hatte, ihre eigenen und die anderer – Ängste wegen dem, was die Horden gesichtsloser Männer ihr angetan hatten, und sich selbst, und wegen der schrecklichsten Wahrheit von allen: dass nichts von alledem ungeschehen gemacht werden konnte. Dass man nur versuchen konnte, es zu überleben.

Es hatte ziemlich lange gedauert, aber schließlich hatte das kleine Mädchen sich beruhigt und war gleichsam aus dem eigenen Körper wieder hervorgekrochen. Erst da hatte Phuong es berührt, hatte das kleine Gesicht in die eigenen kleinen Hände genommen, bis das Mädchen ihr in die Augen schaute, während Phuong unablässig weitersang, sinnlose Worte, die alles bedeuteten, was gesagt werden musste. Oh, mein Kind, ich spüre deinen Schmerz, ich spüre dein gebrochenes Herz, das trotzdem weiterschlägt, meine kleine Schwester, bleib ganz ruhig, hab keine Angst, ich wache über dich, von heute an, nicht für immer, aber für den Augenblick …

Die Worte, die an Charlie gerichtet waren in jener Nacht, waren andere gewesen. Phuong hatte ihn in einen traumlosen Schlaf gesungen und hatte über ihn gewacht, während er sich mit seiner eigenen Verzweiflung gequält und Dinge angeschrien hatte, die nur er sehen konnte.

Charlie betrachtete all die wartenden Kinder im Zwielicht, während er sich fragte, ob Phuong für eines von ihnen singen würde.

San hat recht behalten, ging es ihm durch den Kopf. Ich bin tatsächlich zurückgekommen. Aber nicht aus dem Grund, den San vermutet. Weit gefehlt.

Gleich wird er mit dem Finger winken und sie zu sich rufen.

Okay, an die Arbeit.

Charlie zog mit der rechten Hand die Waffe, während er mit der linken San im Nacken packte, nach hinten riss und gegen die Wand aus Sperrholz schleuderte.

»Hey, Arschloch!«, rief San mit rauer Stimme.

Charlie schoss ihm ins Knie. Der Knall war trotz Schalldämpfer laut in dem kleinen Verschlag, vor allem wohl deshalb, weil er nicht hierher gehörte. Die Kinder kreischten und stoben auseinander, um sich tiefer in den stinkenden Eingeweiden des Bordells zu verstecken. Sans Augen drohten aus den Höhlen zu quellen, und er hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das Knie. Noch hatte er nicht die Luft gefunden, um zu schreien.

Charlie blickte ungerührt auf den Zuhälter hinab. »Ich habe eine Frage, und du wirst sie mir beantworten, San, der Mann«, sagte er. »Gib ehrliche Antworten, und wir sind schnell fertig. Wenn du schweigst oder lügst, zerschieße ich dir die andere Kniescheibe. Anschließend die Ellbogen, und dann sehen wir mal weiter.«

San kniff die Augen zu, während er sein zerschmettertes Knie hielt und sich auf die Seite wälzte. Sein Mund formte ein großes »O« wie in »Oh Scheiße, tut das weh!«, und dann übergab er sich.

»Und hier ist meine Frage. Ich weiß, wer dein Boss ist, und ich kenne sämtliche Kuriere. Ich brauche nur eine Bestätigung, was das persönliche Umfeld des Polizeichefs angeht. Sind alle dabei? Haben alle ihre Hände mit im Spiel?«

San stöhnte, zitterte. Er war blass geworden, und Schweiß rann ihm übers Gesicht. Charlie zielte mit der Pistole auf das andere Knie. »Nein, nein, nicht! Ich sag alles!«, kreischte San.

»Dann los.«

San biss die Zähne zusammen und wand sich vor Schmerzen. »Es … es sind …«, ächzte er und versuchte, zu Atem zu kommen, die Schmerzen in den Griff zu kriegen. »Es sind alle.«

Charlie runzelte die Stirn. »Alle? Sogar die heiße Sekretärin mit den superkurzen Röcken und den großen, verträumten Augen?«

»Ja. Ja!«, kreischte der Zuhälter. »Sie ist … war Mjam-Mjam-Mädchen von Chief, lange Zeit … sie nimmt Geld für ihn, und Mädchen … alle möglichen Sachen!«

Charlie suchte im Gesicht des Mannes nach einer Lüge. »Das tut mir leid zu hören«, sagte er schließlich. »Danke für deine Aufrichtigkeit. Ich danke dir, San der Mann.« Er hob die Waffe und zielte auf Sans Stirn.

»Warte!«, kreischte der Zuhälter und hob eine zitternde, blutige Hand.

Charlie feuerte. Die Kugel riss Sans Kopf nach hinten, und eine Mischung aus Blut und Hirnmasse spritzte umher. Sans Hand blieb noch einen Moment erhoben, mit ausgestrecktem Zeigefinger, und Charlie musste an Saturday Night Fever denken … oder Hamlet auf der Bühne (Der Lude, wie mich dünkt, gelobt zu viel!). Dann fiel die Hand herab, landete mit einem kraftlosen Patsch auf dem Dielenboden. Die toten Fischaugen verloren ihre bodenlose Schwärze und verwandelten sich in ein Niemandsland. Charlie atmete tief ein und roch alles auf einmal: das Blut, die entleerte Blase und den Darm, die Kotze und das Kordit – durchsetzt von den unerträglichen, allem zu Grunde liegenden, ständig präsenten Ausdünstungen vernichteter Unschuld und allgemeiner Hoffnungslosigkeit. Es war ein übler Gestank, und Charlie musste gegen den Impuls ankämpfen, nach draußen zu rennen, nach frischer Luft zu schnappen und nach geistiger Gesundheit, Waffe in der Hand oder nicht.

Er hörte einen heiseren Schrei. Er schwoll kurz an und endete abrupt, gefolgt von lautem Röcheln. Phuong benutzte ihr Messer – sie zog es vor, die Kreaturen persönlich zu erledigen, Auge in Auge, aus unmittelbarer Nähe, wann immer möglich.

Charlie schüttelte den Kopf, um die Benommenheit zu vertreiben. Komm zu dir, Carter. Deine Arbeit ist noch nicht getan.

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