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Der Memory Code

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

 

Dieses Buch widme ich Margaret O’Neill Marbury,
meiner bewundernswerten Herausgeberin,
die mich davon überzeugte, dass ich diesen Berg
zu erklimmen vermag.

Ferner Lisa Tucker und Douglas Clegg,
zwei wunderbaren Schriftstellerkollegen und Freunden,
die mir auf Schritt und Tritt Rettungsringe zuwarfen.

 

“Ich glaube einfach, dass ein Teil
des menschlichen Selbsts oder der Seele
sich nicht den Gesetzen
von Zeit und Raum unterwirft.”

– C. G. Jung –

DANKSAGUNGEN

Der vorliegende Roman ist der neunte, der veröffentlicht wurde, und derjenige, an dem ich am längsten schrieb. Das Thema beschäftigte mich schon lange vor der Entscheidung, Schriftstellerin zu werden, denn bereits meine Mutter machte mich mit der Vorstellungswelt der Reinkarnation bekannt. Die Arbeit an diesem Buch half mir über ihren Verlust hinweg, und ich bin überzeugt, dass es ihr von all meinen Romanen am besten gefallen hätte.

Bedanken möchte ich mich weiterhin bei zahlreichen Menschen, zuallererst bei Loretta Barrett, Nick Mullendore und Gabriel Davis von “Loretta Barrett Books” für ihren Fleiß und ihre ausgezeichneten Ratschläge. Herzlichen Dank auch dem gesamten Team von MIRA Books – namentlich Donna Hayes, Dianne Moggy, Alex Osusek, Laura Morris, Craig Swinwood, Heather Foy, Loriana Sacilotto, Katherine Orr, Marleah Stout, Stacy Widdrington, Pete McMahon, Gordy Goihl, Ken Foy, Fritz Servatius und Cheryl Stewart, Rebecca Soukis und Sarah Rundle. Ich kann mich wahrhaftig glücklich schätzen, dass all diese großartigen Menschen beim Schreiben des Buches hinter mir standen. Es war eine wunderbare Erfahrung – Danke!

Dank auch an Mayapryia Long, die mir zur rechten Zeit den richtigen Tipp gab. Für Unterstützung, Rat, Information oder auch nur für schöne Gespräche bedanke ich mich bei Mara Nathan, Jenn Risko, Carol Fitzgerald, Judith Curr, Mark Dressler, Barry Eisler, Diane Vogt, Amandas Vater, Suzanne Beecher, David Hewson, Shelly King, Emily Kischell, Stan Pottinger, bei Elizabeths Verlobtem, Simon Lipskar, Katherine Neville, bei dem “Rome-Arch Listserv”, Meryl Moss und allen Kolleginnen und Kollegen von “International Thriller Writers”.

Mein Dank geht ferner an Buchhändler, Bibliothekare und meine Leser.

Wie immer auch ein Dankeschön an meine liebe Familie: an Gigi, Jay, Jordan, meinen Vater und Ellie.

Und Dank schließlich an Doug Scofield – für die Ruhe in stürmischen Zeiten, für den unverwüstlichen Optimismus und für die Musik.

HINWEISE DER AUTORIN

Obwohl das vorliegende Buch Fiktion ist, habe ich mich beim Aufbau der Erzählung so weit wie möglich auf historische Fakten gestützt, dazu auf bis dato existierende Theorien zum Thema Reinkarnation.

Das Leben im alten Rom, Heidentum und frühes Christentum, antiker Reinkarnationsglaube sowie der Kult der Vestalinnen entsprechen geschichtlicher Überlieferung, ebenso die Beschreibung der vestalischen Regeln und Pflichten, sowohl häusliche als auch Tempeldienste. Die Verpflichtung zur Keuschheit war rigoros; brachen Vestalinnen ihr Gelübde, wurden sie mit dem Tode bestraft.

Frei erfunden sind hingegen die Memory Stones. Sie sind ebenso wie der Schatz der verlorenen Erinnerung ausschließlich Produkt meiner Fantasie.

Etliche Schauplätze der Romanhandlung sind authentisch, beispielsweise der “Riftstone Arch”, die Bogenbrücke im Central Park, oder die Kapuzinerkirche Santa Maria della Concezione zu Rom, die sich genau dort befindet, wo sie im Roman angesiedelt ist. In und um Rom wurden etliche Vestalinnengräber entdeckt, allerdings nicht das der Sabina, denn historische Quellen zu einer Vestalin dieses Namens liegen nicht vor.

Leider existiert die “Phoenix Foundation” ebenfalls nicht, und es gibt auch keinen Malachai und keine Dr. Talmage. Zu diesen Charakteren wurde ich inspiriert durch Dr. Ian Stevenson, der mit über 2500 Kindern sogenannte “Past Life Regressions” durchführte – Reinkarnationssprünge in ein voriges Leben.

Josh, Rachel sowie die kleine Natalie aus Rom sind von mir frei erfundene Figuren. In ihren Rückerinnerungen an eine vorige Existenz ähneln sie jedoch bestimmten Personen, die ich entweder durch persönliche Begegnung oder durch die Lektüre ihrer Lebensgeschichten kenne.

Meine eigenen Recherchen auf dem Gebiet der Wiedergeburt sind bei Weitem nicht abgeschlossen, und die Geschichte, die ich in diesem Roman vorlege, stammt aus den Aufzeichnungen und Lehren jener, die über die Jahrtausende Reinkarnation studierten oder daran glaubten.

Weitere Informationen bei www.reincarnationist.org (in englischer Sprache).

1. KAPITEL

Sie kommen doch wieder, sie kehren zurück,
Solange die Erde sich dreht.
Nie hat Er verschwendet je Blatt oder Baum.
Da glaubt ihr, die Seele vergeht?

– Rudyard Kipling –

 

Rom, Italien – sechzehn Monate zuvor

Josh Ryder blickte durch den Sucher der Kamera. Im Brennpunkt befand sich ein Sicherheitsposten, der gerade mit einer jungen Mutter aneinandergeriet. Die Frau hatte so feuerrot gefärbtes Haar, dass es aussah, als stünde sie in Flammen, und die Durchsuchung ihres Kinderwagens nahm offenbar rasch Formen an, die über reine Routine hinausgingen. Joshua schob sich dichter an die Streitenden heran, um einen besseren Winkel für seine nächste Aufnahme zu bekommen.

Bisher hatte er sich lediglich die Zeit vertrieben. Eigentlich wartete er auf die Ankunft einer internationalen Delegation von Blauhelmen, die an diesem Morgen zu einer Audienz beim Papst geladen waren. Ebenso wie vermutlich die Pressekollegen und Touristen, die die heftige Auseinandersetzung entweder von vornherein ignoriert oder inzwischen die Lust daran verloren hatten, beschlich ihn allerdings langsam ein mulmiges Gefühl. Zwar waren solche Kontrollen rund um die Welt an der Tagesordnung, doch konnte man sich gleichwohl des Eindrucks nicht erwehren, als hinge in der Luft eine latente Gefahr für Leib und Leben, als könne man sie förmlich riechen wie Rauch bei einem Feuer.

Von Ferne rief ein klangvoller Glockenton die Gläubigen zum Gebet, sein hallendes Echo ein krasser Gegensatz zum schrillen Gekeife der Frau, die sich weiter mit dem Sicherheitsposten herumstritt. Mit einem Male rammte sie dem Wachmann mit voller Wucht den Kinderwagen gegen die Beine, und genau in dem Moment, als Josh die Szene mit jener Schärfe erfasste, die er als seinen “perfekten Blick” bezeichnete, jene Art Konfliktaufnahme also, um die sich die Zeitungen rissen und die sie mit Vorliebe auf Zelluloid gebannt erhielten, sah er den bläulich-weißen Lichtblitz.

Dann ein heftiger Knall.

Im nächsten Augenblick explodierte die Welt.

Geborgen im schützenden Schatten des Altars besprachen Julius und sein Bruder im Flüsterton noch einmal die abgeänderten Pläne für den letzten Teil der Rettung. Beide hielten die Hand am Dolch, kampfbereit, sollten sie aus dem Dunkel heraus von Soldaten des Kaisers angegriffen werden. Im Jahre des Herrn 391 boten die Tempel den heidnischen Priestern schon lange keine Zuflucht mehr. Ein Übertritt zum Christentum war ihnen nicht etwa freigestellt, sondern von oberster Stelle angeordnet. Widersetzte man sich, beging man ein Vergehen, das mit dem Tod geahndet wurde. Im Namen der Kirche vergossenes Blut war nicht etwa Frevel – es war der Preis des Sieges.

Die beiden Brüder legten sich ihren Schlachtplan zurecht: Drago sollte noch eine Stunde länger im Tempel ausharren und sich anschließend am Grabmal beim Stadttor mit Julius treffen. Die pompöse Bestattung, die noch am Morgen dort stattgefunden hatte, war als Ablenkungsmanöver zwar erfolgreich gewesen, doch waren aufseiten der beiden Brüder bei Weitem nicht alle Sorgen zerstreut. Alles hing davon ab, dass der nun folgende letzte Teil in ihrer Strategie reibungslos klappte.

Den Mantel eng um den Körper gezogen, legte Julius dem Bruder die Hand auf die Schulter, wünschte ihm Glück und Lebewohl und stahl sich sodann aus der Basilika hinaus, dicht an der Wand des Tempels entlang, um nicht gesehen zu werden. Da plötzlich vernahm er das Klappern von Hufen, vermischt mit dem Geratter von Rädern. Reglos und mit angehaltenem Atem drückte sich Julius rücklings an die steinerne Außenmauer. Ohne anzuhalten polterte das Gespann an ihm vorbei.

Gerade hatte er den äußeren Rand des Portals erreicht, da hörte er hinter sich einen zornigen Ausruf, der die Stille zerriss wie eine unvermutete Felslawine: “Zeig mir, wo die Schatzkammer ist!”

Das war die Katastrophe, die Julius und sein Bruder befürchtet hatten. Dragos Gebot aber war unmissverständlich: Auch von einem Angriff auf den Tempel sollte Julius sich nicht aufhalten lassen. Er durfte weder umkehren noch Drago zu Hilfe kommen. Der Schatz, den Julius in Sicherheit bringen sollte, war bedeutender als irgendein Menschenleben oder auch derer fünf oder fünfzig.

Als sich ihm aber ein Schmerzensschrei messerscharf in die Ohren bohrte, verwarf Julius ihren Plan, rannte durchs schattenhafte Dunkel zurück in den Tempel und eilte hinauf zum Altar.

Sein Bruder war nicht dort, wo er sich von ihm verabschiedet hatte.

“Drago?”

Keine Antwort.

“Drago!”

Wo war er?

Julius tastete sich durch einen von glimmenden Fackeln notdürftig beleuchteten Seitengang und dann den nächsten Zwischengang wieder hinauf. Dass er Drago dort fand, lag nicht daran, dass er ihn hörte oder erblickte. Nein, er stolperte förmlich über den Körper des Bruders.

Er zog ihn weiter hinein in den Fackelschein. Dragos Haut hatte bereits eine tödliche Blässe angenommen. Unter seiner zerrissenen Robe klaffte ein sechs Zoll langer horizontaler Schnitt, in der Mitte gekreuzt von einer senkrechten Wunde. Man hatte ihn regelrecht der Länge nach von oben bis unten aufgeschlitzt.

Julius würgte. Ausgeweidete Körper sowohl von Menschen als auch von Tieren hatte er schon des Öfteren gesehen und sie kaum eines weiteren Blickes gewürdigt. Opfergaben, niedergemachte Soldaten oder bestrafte Verbrecher waren das eine. Das hier aber war Drago, Blut von seinem Blute.

“Du solltest doch nicht … zurück…kommen”, röchelte Drago, jede einzelne Silbe mit Mühe hervorwürgend, als steckten sie ihm in der Kehle fest. “Er wollte die Tempelschätze … Ich habe … ihn … zu den … Truhen … geschickt … Ich dachte … Abgestochen hat er … mich trotzdem … Doch … noch ist Zeit … noch können wir … entkommen …!” Als er sich qualvoll hochstemmte, um sich aufzusetzen, quollen ihm bei jeder Bewegung die Eingeweide aus dem aufgeschlitzten Bauch.

Julius hielt ihn fest und drückte ihn wieder zu Boden.

“Wir müssen … sofort … los …” Dragos Röcheln wurde schwächer.

Um die Blutung zu stillen, klemmte Julius die klaffende Öffnung mit den Fingern zusammen, als könne er so die Eingeweide und Nervenstränge und Blutgefäße zwingen, sich an ihren angestammten Körperstellen neu zu verbinden. Allein, es kam nichts weiter dabei heraus, als dass er sich mit der klebrigen, warmen Masse die Hände besudelte.

“Wo sind die Jungfrauen?” Dröhnend hallte die Stimme durchs innere Rund des Tempels, ohne Warnung, gleich dem Ausbruch des Vesuvs. Derbes Gelächter folgte.

Wie viele Soldaten mochten es sein?

“Auf, holen wir uns die Beute!”, ließ eine weitere Stimme sich vernehmen. “Deswegen sind wir doch hier!”

“Noch nicht! Wo stecken sie denn, die jungfräulichen Dirnen? Her mit ihnen!”

“Die Schatzkammer zuerst, du geiler Bock!”

Noch mehr Gelächter.

Demnach war’s nicht bloß einer; offenbar hatte eine ganze Kohorte den Tempel gestürmt, blutrünstig, brüllend, nach Beute gierend. Sollten sie den Tempel getrost plündern und sich austoben – sie kamen zu spät: Es gab keine Heiden mehr zu bekehren, keinen Schatz mehr zu finden, keine Frauen mehr zu schänden. Entweder waren sie tot, oder sie hielten sich versteckt.

“Wir müssen … los …”, flüsterte Drago, erneut mit letzter Kraft bemüht, sich aufzurichten. Er war zurückgeblieben, um allen anderen zu ermöglichen, sich in Sicherheit zu bringen. Warum er? Warum Drago?

“Du kannst nicht! Du bist verwundet …” Julius stockte. Er wusste nicht, wie er dem Bruder sagen sollte, dass ihm die Eingeweide bereits zur Hälfte aus der Bauchhöhle quollen.

“Dann lass … mich hier! Du musst … zu ihr … Rette sie … und den Schatz … Keiner … keiner … außer dir …”

Es ging nicht mehr um die sakralen Gegenstände. Es ging vielmehr um zwei Menschen, die dringend auf Julius angewiesen waren: um die Frau, die er liebte, und um seinen Bruder. Und nun verlangten die Schicksalsmächte von Julius, einen dieser Menschen für den anderen zu opfern.

Ich darf sie nicht sterben lassen. Aber dich dem sicheren Tode zu überantworten, das bringe ich auch nicht über mich.

Ganz gleich, wie seine Entscheidung ausfallen mochte: Wie sollte er mit ihr leben?

“Seht mal, was ich gefunden habe!”, schrie da einer aus der Soldatenmeute.

Rachegebrüll toste durch das majestätische Rund, übertönt von gellendem Kreischen – dem Entsetzensschrei einer Frau.

Gedeckt von einem Pfeiler, robbte Julius ein Stückchen vor und spähte ins Tempelschiff. Den Oberkörper der Frau konnte er nicht erkennen, da ein massiger Unhold auf ihr lag. Verzweifelt trat sie mit ihren bleichen Beinen um sich, während der Schänder sich derart brutal an ihr verging, dass sich unter ihr eine Blutlache bildete. Wer mochte sie sein, die Arme? Hatte sie sich in den alten Tempel geflüchtet in der Hoffnung, dort sicheres Obdach zu finden? Nur um anschließend festzustellen, dass sie geradewegs in die Unterwelt hinabgestiegen war? Konnte er, Julius, ihr beistehen? Die Plünderer überraschen? Nein, es waren ihrer zu viele. Mindestens acht. Inzwischen hatte die Schändung noch mehr Aufmerksamkeit erregt und weitere Soldaten angezogen, die ihre Schatzsuche erst einmal unterbrachen, um sich lüstern an dem scheußlichen Akt zu ergötzen und ihren Kameraden anzufeuern.

Außerdem: Was sollte mit Drago geschehen, falls er von seiner Seite wich?

Allein, die Frage erübrigte sich, denn Julius fühlte, wie Dragos Herzschlag aussetzte.

Sein Bruder starb ihm unter den Händen weg!

Mit den Fäusten hämmerte Julius auf die Brust des Toten ein, immer und immer wieder, verzweifelt bemüht, das Herz des Bruders wieder zum Schlagen zu bringen. Über den Liegenden gebeugt, zwang er ihm die eigene Atemluft in die Lungen, hoffend auf ein Lebenszeichen.

Schließlich, die Lippen noch auf denen des Bruders, die Arme um seinen Hals, ließ er den Tränen freien Lauf, wohl wissend, dass er kostbare Zeit vertat, und dennoch haltlos weinend. Nun brauchte er nicht mehr zu wählen – er konnte zu der Frau eilen, die am Stadttor seiner harrte.

Er musste zu ihr.

Bestrebt, keine Aufmerksamkeit zu erregen, löste er sich von der Leiche des Bruders, schob sich zurück bis zur Tempelwand und begann zu kriechen. Vor sich zwischen den Säulen erspähte er eine Lücke in der Mauer; falls er unentdeckt dorthin gelangte, konnte er möglicherweise entkommen.

Da hörte er plötzlich den Schrei eines Soldaten. “He! Halt!”

Doch Julius kroch unbeirrt weiter. Er würde bis zum letzten Atemzug alles tun, um sie zu retten.

Draußen war die Luft erfüllt von schwarzem Qualm, der ihm brennend in die Lungen drang und beizend in die Augen stach. Was hatte das Lumpenpack wohl diesmal gebrandschatzt? Keine Zeit, es herauszufinden. Nahezu blind rannte er durch den Rauch die beängstigend stille Gasse hinunter. Nach dem Getöse der Schreckensszene im Tempel, die er soeben hinter sich gelassen hatte, erschrak er fast vor dem Geräusch der eigenen Schritte, das ihn mit Sicherheit verriet, falls jemand auf der Lauer lag. Aber das Wagnis musste er eingehen.

Voller Sorge malte er sich schon aus, wie sie in der Krypta fieberhaft auf ihn wartete, im fahlen Licht zusammengekauert, unruhig ob seiner Verspätung und sich mit der Frage quälend, ob womöglich etwas schiefgegangen und er in Gefahr war. Ihre Tapferkeit war stets so standhaft wie die Sterne gewesen; selbst jetzt fiel Julius die Vorstellung schwer, sie könne sich fürchten. Diesmal jedoch handelte es sich um eine völlig neue Lage, ganz anders als all das, dem sie bisher gegenübergestanden hatte. Und alles war einzig seine Schuld, seine Schmach. Sie hatten zu viel füreinander gewagt. Er hätte stärker sein, sich widersetzen müssen.

Nur seinetwegen stand jetzt all das auf dem Spiel, was ihnen lieb und teuer war. Besonders das Leben.

Das holprige, tief ausgefahrene Pflaster brachte ihn aus dem Tritt, sodass er ins Stolpern geriet. Die Muskeln in Waden und Oberschenkeln schrien vor Schmerzen; mit jedem Atemzug brannten die Lungen so heiß, dass er am liebsten laut aufgebrüllt hätte. Im Mund den Geschmack von Straßendreck und Schotter, vermischt mit salzigem Schweiß, welcher ihm feucht übers Gesicht auf die Lippen tropfte, hätte er alles gegeben für einen Schluck Wasser – kalt und süß direkt aus der Quelle, nicht diese ätzend scharfe Pisse. Mit stampfenden Schritten setzte er sich erneut in Bewegung, wobei ihm wieder ein stechender Schmerz durch die Beine fuhr. Trotzdem rannte er weiter.

Plötzlich hallte die Luft wider von heiserem Gebrüll und dumpfem Gepolter, die den Boden erzittern ließen. Die Meute der Verfolger, sie holte auf. Julius blickte nach links, nach rechts. War denn nirgends eine Nische zu sehen, in die er sich drücken konnte? Dann hätte er dafür beten können, dass sie an ihm vorbeirennen, ohne ihn zu entdecken. Als ob das helfen würde! Vom Beten verstand er etwas. Er hatte daran geglaubt, sich auf seine Gebete verlassen. Doch genützt hatten sie ihm nichts.

“Er entkommt uns!”

“Dieser Abschaum!”

“Die feige Sau!”

“Hast dich wohl schon beschissen vor Angst, du Schwein!”

Derbes Gelächter folgte; ein jeder versuchte, den anderen an Schimpfworten und Beleidigungen zu überbieten. Hohl hallte ihr Prusten und Glucksen durch die Nacht, vom heißen Wind getragen, bis plötzlich, mitten durch ihren Hohn und Spott, eine andere Stimme an sein Ohr drang.

“Josh?”

Nein, hör nicht auf sie! Lauf weiter! Alles hängt davon ab, dass du rechtzeitig zu ihr gelangst!

Dichte Nebelschwaden wälzten sich nun heran. Er geriet ins Taumeln, richtete sich aber auf und bog um die Ecke.

Zu beiden Seiten sah er gleichartige Kolonnaden mit Dutzenden von Türen und abgesetzten, bogenförmigen Durchlässen. Er kannte ihn, diesen Ort! Er konnte sich hier verstecken, vor aller Augen, und sie würden vorüberrennen und …

“Josh?”

Die Stimme klang, als dringe sie zu ihm aus weiten, blau-grauen Fernen, aber er weigerte sich, um ihretwillen anzuhalten.

Sie wartete auf ihn … damit er sie rette … sie und ihre Geheimnisse … und Schätze …

“Josh?”

Die Stimme zog ihn hinauf, empor durch die trübe, salzige Trägheit.

“Josh?”

Widerstrebend schlug er die Augen auf und nahm das Zimmer wahr, die Geräte und seinen zerschundenen Körper. Jenseits der Monitore für Herzfrequenz, Blutdruck und Sauerstoff mit ihren blinkenden LED-Ziffern, jenseits von Infusionstropf und EKG-Schreiber, erblickte er eine Frau, die ihn mit sorgenvollem Gesicht betrachtete. Aber es war das falsche Gesicht.

Das war nicht die Frau, zu der er gerannt war.

“Josh? Ach, Gott sei Dank! Wir dachten schon …”

Er durfte hier nicht bleiben. Er musste zurück.

Noch immer fühlte er jenen Schweißgeschmack auf den Lippen, brannten ihm die Lungen. Unter dem rhythmischen Takt der Maschinen hörte er die Verfolger, und dennoch konnte er an nichts anderes denken als daran, dass sie allein war, irgendwo in der sich niedersenkenden Dunkelheit. Ja, sie fürchtete sich, und ja, sie musste ersticken, falls er nicht rechtzeitig zu ihr gelangte. Von einem quälenden Gefühl übermannt, schloss er die Augen. Nicht zu ihr zu kommen hieße, sie schmählich im Stich zu lassen. Und etwas anderes dazu: Die Schätze? Nein. Etwas Bedeutenderes, etwas gleich jenseits seines Bewusstseins … was war es noch …?

“Josh?”

Wie eine Messerklinge schlitzte der Gram ihm die Brust auf, gab sein Herz schutzlos der nackten, brutalen Wirklichkeit preis, dem Begreifen, dass er sie verloren hatte. Das war unmöglich! Das konnte nicht sein. Er erinnerte sich an die Verfolgungsjagd, an seine Flucht und Rettung, als wäre ihm alles persönlich widerfahren. Dabei ging das ja gar nicht. Natürlich nicht!

Er war nicht Julius.

Er war Josh Ryder. Er lebte im 21. Jahrhundert.

Die Szene eben, sie gehörte zu einer Zeit, die sechzehnhundert Jahre zurücklag.

Wieso wurde er dann das Gefühl nicht los, alles verloren zu haben, was ihm je etwas bedeutet hatte?

2. KAPITEL

Rom, Italien – Gegenwart

Dienstag, 6:45 Uhr

Fünf Meter unter der Erdoberfläche beleuchtete eine flackernde Karbidlampe die Südwand des antiken Grabs. Der Anblick setzte Josh Ryder in Erstaunen. Die Blumen in dem Fresko wirkten so frisch, als wären sie erst am Tage zuvor aufgemalt worden. Karmesin- und zinnoberrote, lachs- und orangefarbene, kanarien- und safrangelbe, veilchen- und indigoblaue Blüten vereinigten sich zu einem überwältigenden Gesamtgebinde vor einem pompejiroten Hintergrund. Unter Joshs Füßen schimmerte ein Beckenboden aus blassen Kacheln, ein kunstvolles, labyrinthisches Mosaik aus Silber, Azurblau, Grün, Türkis und Kobaltblau. Hinter sich hörte Josh Professor Rudolfo, der in seinem schwerfälligen, akzentgefärbten Englisch weiter die Bedeutung dieses Grabes aus dem späten vierten Jahrhundert erläuterte. Trotz seiner gut und gerne fünfundsiebzig Jahre wirkte er aufgekratzt und energiegeladen. Seine lebhaften, kohlschwarzen Augen sprühten bei seinem Vortrag über die Ausgrabung vor Begeisterung.

Der Professor hatte sich über den frühen Besucher gewundert, als Josh ihm jedoch seinen Namen nannte, wandte sich Rudolfo an den diensthabenden Wachposten. Jawohl, erklärte er ihm – zumindest glaubte dies Josh bei seinem spärlichen Italienisch herauszuhören –, ja, er habe Mr. Ryder erwartet, wenn auch eigentlich für den Vormittag, ebenso wie einen weiteren Herrn von der Phoenix Foundation.

Josh war vor Tagesanbruch aufgewacht. Seit dem Bombenanschlag vom Vorjahr litt er unter Schlafstörungen, doch dass er vergangene Nacht nicht hatte schlafen können, lag vermutlich entweder am Zeitunterschied – er war gerade am selben Tag aus New York kommend in Rom eingetroffen – oder an dem Gefühl der Spannung, wieder in jener Stadt zu sein, in der sich so viele seiner Erinnerungssprünge abspielten. Zu aufgewühlt, um im Hotel zu bleiben, hatte er nach seiner Kamera gegriffen und war zu einem Spaziergang aufgebrochen, ohne recht zu wissen, wohin. Während des kleinen Ausflugs jedoch geschah etwas Sonderbares.

Ungeachtet der Dunkelheit und der Tatsache, dass er sich in der Stadt kein bisschen auskannte, marschierte er los, als folge er einer auf dem Stadtplan vorgezeichneten Route. Er wusste den Weg, obwohl er nicht die geringste Ahnung hatte, wohin er am Ende führte. Menschenleere, von teuren Geschäften gesäumte Boulevards wichen allmählich engen Gassen und uralten Gebäuden. Die Schatten wurden drohender. Doch er ging weiter.

Sollte er jemandem begegnet sein, so hatte er dies nicht bemerkt. Obwohl ihm war, als wäre er bloß eine halbe Stunde gelaufen, stellte sich hinterher heraus, dass der Marsch über zwei Stunden gedauert hatte. Er hatte zwei Stunden in einem tranceähnlichen Zustand verbracht. Josh hatte mitbekommen, wie die Nacht ihre Färbung änderte – von bläulichgrau zu hellgrau und dann, als die Sonne aufging, zu einem zitronengelb angehauchten Rosa. Er hatte beobachtet, wie sich das üppige Grün der Hügel aus diesem Farbenspiel herausschälte, ungefähr so wie auf einer Fotografie im Entwicklungsbad. Die gesamte Begebenheit war gleichermaßen verwirrend wie erstaunlich, zumal er auf genau jene Ausgrabungsstelle gestoßen war, zu der man ihn und Malachai Samuels für eine am Vormittag angesetzte Besichtigung geladen hatte. Wie, fragte sich Josh, bist du an diesen Ort gelangt? Er konnte es sich nicht erklären. War er rein zufällig hier gelandet?

Oder war es kein Zufall?

Der Professor fragte Josh nicht, was er in dieser Herrgottsfrühe wollte und wie er überhaupt zu der Ausgrabung gefunden hatte. “Ich an Ihrer Stelle hätte auch kein Auge zugetan”, rief er zu seinem Gast hoch. “Kommen Sie, steigen Sie runter. Avanti!”

Heilfroh, dass der Professor annahm, er sei aus lauter Begeisterung um halb sechs in der Früh angerückt, wagte sich Josh die ersten Leitersprossen hinab. Dabei verschloss er sich ganz bewusst jenen Anfällen von Platzangst, an denen er schon zeit seines Lebens litt und die sich seit dem Anschlag verschlimmert hatten.

Die Klänge aus Puccinis “Madame Butterfly”, die schon zuvor seine Aufmerksamkeit erregt und ihn zu ebendieser Hügelkuppe gezogen hatten, wurden allmählich lauter, und während er hinunterkletterte in die nur dämmrig beleuchtete Grabkammer, konzentrierte er sich auf eine herzergreifende Arie.

Der Raum war größer als erwartet, sodass Josh erleichtert aufatmete. Hier konnte man es einigermaßen aushalten.

Rudolfo begrüßte ihn mit Handschlag. Nachdem er die Lautstärke des verstaubten schwarzen CD-Spielers leiser gedreht hatte, begann der Professor mit der Besichtigung.

“Die Krypta ist etwa zwei Meter dreißig breit und zwei sechzig lang, für Sie als Americano circa acht mal sieben Fuß, gut sechs Quadratmeter. Gabriella – Professor Chase – und ich glauben, sie wurde in den letzten Jahren des vierten Jahrhunderts erbaut. Mit Sicherheit sagen können wir das allerdings erst nach einer Radiokarbondatierung. Aufgrund der hier gefundenen Gegenstände gehen wir jedoch von 391 nach Christus aus. In diesem Jahr also, in dem der Kult der Vestalinnen aufgelöst wurde. Verzierungen wie hier sind untypisch für eine Grabkammer dieser Art; möglicherweise war sie ursprünglich für jemand anderen bestimmt und wurde für die Vestalin benutzt, nachdem ihr Treuebruch entdeckt worden war.”

Josh hob die Kamera ans Auge, fragte aber sicherheitshalber den Professor, ob er etwas gegen eine Aufnahme habe. Früher, als er noch für die Presseagentur Associated Press tätig gewesen war, hätte ihn nichts vom Fotografieren abhalten können. Doch vor einem halben Jahr hatte er sich beurlauben lassen. Inzwischen arbeitete er als Video- und Fotograf bei der Phoenix Foundation. Er fotografierte die Kinder, die wegen ihrer Reinkarnationserlebnisse in die Stiftung kamen und dort untersucht wurden; seitdem bat er um Erlaubnis, bevor er den Auslöser drückte. Im Gegenzug erhielt er nicht nur Zugang zur weltweit größten Privatbibliothek mit dem Schwerpunkt Wiedergeburt, sondern zudem die Gelegenheit, mit den Gründern der Stiftung zu arbeiten.

“No, certo, nichts dagegen”, erwiderte Professor Rudolfo. “Aber tun Sie mir einen Gefallen? Stimmen Sie sich mit mir oder Gabriella ab, ehe Sie die Bilder veröffentlichen oder an jemanden weitergeben. Wir möchten die Ausgrabung noch vertraulich behandeln, bis wir endgültig wissen, was wir entdeckt haben. Damit keine falschen Erwartungen geweckt werden und wir dann womöglich erkennen müssen, dass wir mit unserer Einschätzung des Fundes danebenliegen. Vorsicht ist besser als Nachsicht, nicht wahr?”

Josh nickte, während er die Kamera fokussierte und den Auslöser drückte. “Was haben Sie mit dem Treuebruch der Vestalin gemeint?”

“Das war vielleicht der falsche Ausdruck. Ich meinte den Bruch ihres Gelübdes. Verstehen Sie?”

“Gelübde? Was für ein Gelübde? Waren die Vestalinnen etwa Nonnen?”

“Eine Art heidnische Nonnen, . Beim Eintritt in den Orden legten sie ein Keuschheitsgelübde ab. Der Verlust der Jungfräulichkeit wurde mit dem Tode bestraft und die Frevlerin lebendig eingemauert.”

Josh spürte, wie er von einem Gefühl erdrückender Schwermut befallen wurde. Ganz von selbst betätigte er nochmals den Auslöser. “Was? Weil sie sich verliebt hatte?”

“Sie sind ein Romantiker. Rom wird Ihnen gefallen.” Rudolfo lächelte. “Jawohl, weil sie sich verliebt oder der Fleischeslust nachgegeben hatte.”

“Aber warum?”

“Sie müssen wissen, dass die Religion im alten Rom auf einem strengen Kodex basierte, der Wahrhaftigkeit, Ehre und persönliche Verantwortung ebenso verlangte wie Unerschütterlichkeit und Hingabe. Die alten Römer glaubten, dass jedem Wesen eine Seele innewohnt, waren aber gleichzeitig abergläubisch. Sie verehrten Götter und Geister, die jeden Aspekt ihres Lebens beeinflussten. Wurden alle Rituale und Opfer befolgt, waren die Götter zufrieden und halfen den Menschen. Falls nicht, folgte die Strafe auf dem Fuße. Im Gegensatz zu landläufigen, aber irrigen Auffassungen war die antike Religion recht human. Heidnische Priester durften heiraten und Kinder haben und …”

Der schwache, lockende Duft von Jasmin und Sandelholz drang Josh in die Nase. Er musste sich bewusst zusammenreißen, um Rudolfos Vortrag weiter zu folgen. Fast war ihm, als habe er die Wandmalereien und das Labyrinth unter seinen Füßen schon immer gekannt und bis zu diesem Moment nur vergessen. Erneut erschütterten ihn jene Empfindungen, wie er sie seit dem Anschlag stets in seinen wachen Albträumen erlebte: das langsame Abgleiten in die Tiefe, die schwingende Wellenbewegung, das gespannte Prickeln in Armen und Beinen, das Eintauchen in jene Atmosphäre, in der sogar die Luft selbst dicker und schwerer war.

Er rannte durch den Regen, die durchgeweichte Robe schwer auf den Schultern. Der Boden unter seinen Füßen war lehmig. Geschrei drang an seine Ohren. Er stolperte, stürzte, rappelte sich mühsam hoch.

Konzentrier dich!, tönte es in einem anderen Winkel von Joshs Gehirn, der in der Gegenwart verharrte. Konzentrier dich! Durch die Linse fixierte er den Professor, der immer noch redete und seine Worte so heftig mit Gesten untermalte, dass der Lichtstrahl wild durch die Grabkammer zuckte, kreuz und quer, von einer Ecke in die andere. Während Josh ihm mit der Kamera folgte, lockerte sich der starre Griff um seinen Körper. Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

“Alles in Ordnung?”

Er hörte Rudolfos Frage wie durch eine Glastür.

Nein. Es war mitnichten alles in Ordnung.

Sechzehn Monate zuvor hatte er sich im Auftrag der Presseagentur hier in Rom aufgehalten – zur falschen Zeit am falschen Ort, wie sich erweisen sollte. Er dokumentierte gerade einen Disput zwischen einem Sicherheitsposten und einer Frau mit Kinderwagen, als die Bombe hochging. Der Selbstmordattentäter, zwei Unbeteiligte und Andrea Carlucci, der Sicherheitsbeamte, kamen ums Leben; siebzehn weitere Menschen wurden verletzt. Weder war ein Motiv für den Anschlag ersichtlich, noch hatte sich eine Terroristengruppe zu dem Attentat bekannt.

Die Ärzte gestanden ihm später, sie hätten ihm anfangs keine Überlebenschance eingeräumt. Als er schließlich achtundvierzig Stunden nach der Explosion im Krankenhaus zu sich kam, begannen ganz allmählich zusammenhanglose Fragmente an die Oberfläche seines Bewusstseins zu trudeln. Erinnerungsfetzen. Sie handelten jedoch von Menschen, denen er nie begegnet war, an Schauplätzen, die er niemals besucht, und in Epochen, in denen er nie gelebt hatte.

Keiner der Ärzte konnte erklären, was da mit ihm vorging, auch nicht die Psychiater und Psychologen, die er nach seiner Entlassung aufsuchte. Sicher, es gab Anzeichen von Depression – nicht unerwartet nach einem beinahe tödlich verlaufenen Anschlag, wie er ihn erlebt hatte. Selbstverständlich konnten als Folge von posttraumatischem Stress auch Flashbacks auftreten. Allerdings nicht von der Art, wie sie ihn heimsuchten: Bilder, die sich so tief in seine Gedanken einbrannten, dass ihm keine Wahl blieb, als sie wieder und wieder zu sehen. Er zermarterte sich das Hirn nach ihrer Bedeutung, ihrer Ursache. Es war anders als bei Träumen, die mit der Zeit verblassen, bis sie so gut wie vergessen sind. Nein, Josh kämpfte mit endlos ineinander verzahnten Sequenzen, die sich nie veränderten, nie weiterentwickelten, nie preisgaben, was sich unter ihrer grausigen Oberfläche noch verbarg. Es waren blau-schwarz-dunkelrote Trugbilder, die tagsüber auftraten, wenn er wach war. Sie peinigten ihn unbarmherzig, bis seine ohnehin angeschlagene Ehe endgültig zerrüttet war, und sie entfremdeten ihn zudem von vielen Freunden, die den ruhelosen Mann nicht wiedererkannten, zu dem er geworden war. Josh interessierte nur noch die Suche nach einer Erklärung für die Schübe, die er seit dem Bombenanschlag erlebte – sechs davon bisher in aller Ausführlichkeit und Dutzende andere, die er erfolgreich verdrängt und verhindert hatte.

Als bestünden sie aus Feuer, verbrannten, versengten, verkohlten diese Wahnvorstellungen seine Fähigkeit, der Mensch zu sein, der er immer gewesen war. Sie zerstörten auch seine Gabe zu funktionieren oder zumindest einen Anschein von Normalität zu wahren. Nur zu oft wurde er blass, wenn er in den Spiegel sah. Sein Lächeln wollte nicht mehr recht wirken. Die Falten in seinem Gesicht waren gleichsam über Nacht tiefer geworden. Am schlimmsten stand es um die Augen: Sie sahen aus, als stecke außer ihm noch jemand dort drinnen und warte nur darauf, entkommen zu können. Er wurde verfolgt von den Gedanken, die unaufhaltsam über ihn hereinbrachen wie eine riesige, steigende Flut.

Er lebte in ständiger Furcht vor seinem eigenen Denken, das diese bruchstückhaften kaleidoskopischen Bilder heraufbeschwor: Mal von einem verstörten jungen Mann im New York des 19. Jahrhunderts, dann wieder von einem Jüngling im alten Rom, gefangen in erbarmungslosem Ringen, und schließlich von einer Frau, die alles aufgegeben hatte für ihre todbringende Leidenschaft zu diesem jungen Römer. Im Mondlicht schimmernd, bedeckt mit schillernd funkelnden Wassertropfen, die Arme ausgestreckt, rief sie ihn, bot sie ihm dieselbe Zuflucht wie er umgekehrt auch ihr. Den grausamsten Streich spielte Josh die Intensität, mit der sein Körper auf diese Erscheinung reagierte. Die Wollust. Die steinharte Begierde, die seinen Körper zu einem einzigen, quälenden Sehnen werden ließ: Dem Verlangen, ihren Duft zu riechen, ihre Haut zu berühren, in ihren Augen zu versinken, sich ganz in ihr zu versenken. Ihr Gesicht zu betrachten, wenn es zerfloss vor ungehemmter Lust, schamlos und wie von Sinnen, wohl wissend, dass auch er sich bedingungslos ergab. Sie konnten sich nicht beherrschen. Das wäre ihres Frevels unwürdig gewesen.

Nein, hier handelte es sich keineswegs um durch posttraumatischen Stress hervorgerufene Rückblenden oder psychotische Schübe. Diese Erscheinungen erschütterten ihn bis ins Mark; sein Leben geriet aus den Fugen. Sie marterten ihn, übermannten ihn, machten es ihm unmöglich, in jene Welt zurückzukehren, die er vor dem Attentat gekannt hatte, vor dem Krankenhausaufenthalt, vor dem endgültigen Bruch mit seiner Frau.

Nach Ansicht seines letzten Therapeuten konnten die Halluzinationen möglicherweise auch neurologische Ursachen haben. Daher wandte sich Josh an einen namhaften Spezialisten. Er hoffte – so aberwitzig das auch klingen mochte –, der Nervenspezialist würde vielleicht eine durch den Anschlag ausgelöste und bislang unentdeckt gebliebene Hirnverletzung diagnostizieren. Das hätte immerhin die Wachalbträume erklärt, mit denen Josh sich herumplagte. Als die Untersuchungen ohne Befund blieben, war er untröstlich.

Josh gingen die Alternativen aus. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als das Unmögliche und Unvorstellbare zu erforschen. Die Suche zehrte ihn aus, doch aufgeben wollte er nicht. Er musste der Sache auf den Grund gehen, selbst wenn das hieß, sich mit etwas abzufinden, das er weder glauben noch sich vorstellen mochte: Entweder war er verrückt, oder er hatte die Fähigkeit entwickelt, sich in Leben wiederzufinden, die er vor seiner gegenwärtigen Existenz gelebt hatte. Endgültige Gewissheit versprach nur ein Weg: herauszufinden, ob es Reinkarnation wirklich gab, ob Wiedergeburt tatsächlich möglich war.

Diese Frage führte ihn schließlich zur Phoenix Foundation, zu Beryl Talmage und Malachai Samuels. In den vergangenen fünfundzwanzig Jahren hatten die beiden Wissenschaftler über dreitausend Fälle von Rückführungserlebnissen von Kindern unter zwölf Jahren erfasst und ausgewertet.

Josh machte noch eine Aufnahme von der südlichen Ecke des Grabes. Das glatte, kalte Metallgehäuse der Kamera fühlte sich gut an; das Klicken des Auslösers wirkte beruhigend. Seit Neuestem verzichtete er auf seine Digitalausrüstung und benutzte stattdessen wieder die alte Leica seines Vaters. Sie war seine Verbindung zu wirklichen Erinnerungen, zu gesundem Menschenverstand, zu Logik. Wie eine Kamera funktioniert, wusste er: Das Objektiv bündelt Licht und projiziert es auf eine Bildebene. Das Entwickeln des Films war elementare Chemie. Bekannte Elemente reagierten mit einem Papier, das seinerseits wiederum mit anderen bekannten Elementen behandelt war. Das Negativ eines Objektes wurde zu einem neuen Objekt – diesmal zu einem wirklichen: einer Fotografie. Ein Rätsel – es sei denn, man durchschaute den wissenschaftlichen Vorgang. Wissen. Das war alles, was er wollte. Mehr zu wissen, so viel wie möglich zu erfahren über die beiden Männer, die er seit dem Bombenanschlag “channelte”. Verdammt, wie er diesen Ausdruck hasste und seine Verknüpfung mit New-Age-Spinnern und Schamanen verabscheute! Joshs schwarz-weiße Sicht auf die Welt, sein Bedürfnis, die brutale Realität dieser terrorgeplagten Zeit auf Film zu bannen, deckte sich nicht mit jemandem, der als spiritistische Röhre zum Jetzt diente.

“Ist Ihnen nicht gut?”, fragte der Professor. “Sie sehen aus wie ein Gespenst.”

Das war Josh nicht neu. Bei jedem Blick in den Spiegel hatte er sie gesehen, die Geister, die in den Schatten seiner Miene lauerten.

“Ich bin nur überwältigt. Hier ist man der Vergangenheit so nah. Unglaublich.” Es kam ihm leicht über die Lippen, weil es die Wahrheit war, doch gab es noch mehr Erstaunliches. Als Josh Ryder hatte er nie zuvor in dieser fünf Meter unter der Erdoberfläche liegenden Krypta gestanden. Woher wusste er dann, dass sich hinter ihm in der Kammer, in einer dunklen Ecke, die der Professor bisher weder gezeigt noch angestrahlt hatte, Krüge, Lampen und eine mit echtem Gold bemalte Totenbahre befanden?

Angestrengt spähte er in die Dunkelheit.

“Ja, so sind sie, die Americani.” Rudolfo grinste.

“Wie meinen Sie das?”

“Ungezog… no, wie sagt man … ungeduldig!” Er lächelte noch einmal. “Also – was suchen Sie denn nun?”

“Dort hinten ist noch mehr, oder?”

“Ja.”

“Eine Totenbahre?”, fragte Josh, als wolle er seine Anwandlungen auf die Probe stellen: Erinnerung oder geraten? Geraten hätte nahegelegen; man befand sich schließlich in einer Grabkammer.

Rudolfo richtete den Strahl der Karbidlaterne auf den hintersten Winkel. Wie betäubt starrte Josh auf einen hölzernen Diwan, eine mit Blattgold bemalte Bahre, verziert mit geschnitzten Pfauen, mit Malachit und Lapislazuli gespickt.

Irgendetwas stimmte nicht: Er hatte den Leichnam einer Frau auf dieser Bahre erwartet. Eine in ein weißes Gewand gehüllte weibliche Leiche, deren Anblick er regelrecht herbeisehnte, obwohl ihm gleichzeitig davor graute.

“Wo ist sie?” Der elegische, flehende Unterton in seiner Stimme berührte ihn selbst peinlich. Er war erleichtert, dass der Professor seine Frage beantwortete, als hätte er schon damit gerechnet.

“Dort drüben. Schwer zu erkennen bei diesem Licht.” Mit bedächtiger, weit ausholender Bewegung ließ der Professor den Strahl durch die Kammer schwenken, bis der Lichtkegel auf der Nische im hinteren Winkel der Westseite verharrte.

Sie kauerte auf dem Boden.

Schleppend wie eine Beerdigungsprozession bewegte sich Josh auf sie zu. Überwältigt von einer Trauer, die ihm den Atem verschlug, kniete er neben ihr nieder. Er starrte auf das, was von ihr geblieben war. Wie konnte das sein, dass eine Erinnerung an ein Vorleben – falls es das war –, dass etwas, an das er nicht glaubte und von dem er nichts verstand, ihn trauriger stimmte, als er es jemals zuvor in seinem Leben gewesen war?

Dort, um 6:45 Uhr in der Frühe, weit draußen vor den Toren Roms, in einer gerade freigelegten und auf das vierte Jahrhundert nach Christus datierten Krypta, befand sich der Beweis dafür, wie seine Geschichte ausgegangen war. Könnte er sie nun nur von Anfang an erfahren!

3. KAPITEL

“Ich nenne sie Bella. Weil sie für uns so ein wunderschöner Fund ist”, sagte Rudolfo, den Strahl der Karbidlampe auf das uralte Skelett gerichtet. Dem Professor entging keineswegs, wie tief bewegt Josh war. “Seit Gabby und ich sie entdeckt haben, verbringe ich diese Stunde am Morgen jeden Tag allein mit ihr. Ich halte sozusagen Zwiesprache mit ihren Gebeinen.” Er lachte leise in sich hinein.

Josh atmete tief durch, hielt die modrige Luft einen Moment an und ließ sie dann ganz konzentriert entweichen. War dies die Frau, die er sonst nur als aus Bruchstücken bestehendes Wesen kannte? Als Phantom aus einer Vergangenheit, an die er zwar nicht glaubte, die ihn aber nicht losließ?

Unter dem Ansturm der Informationen aus Gegenwart und Vergangenheit schmerzte ihm der Schädel. Josh musste sich konzentrieren: entweder auf das Jetzt oder das Einst. Eine Migräne konnte er sich nicht leisten.

Er schloss die Augen.

Halte dich an die Gegenwart! An den Menschen, der dir als Ich vertraut ist!

Josh. Ryder. Josh. Ryder. Josh Ryder.

Diese Methode hatte ihm Dr. Talmage empfohlen. Sie sollte verhindern, dass er von einer Episode übermannt wurde. Der Schmerz ließ allmählich nach.

“Bellas Geheimnisse machen Sie wohl neugierig, hm?”

Joshs “Ja” war kaum zu hören.

Der Professor guckte ihn an, als wolle er seine seelische Temperatur messen. Dann setzte er seinen Vortrag fort. Er schien seinen Gast für möglicherweise nicht ganz richtig im Kopf zu halten. “Wir gehen davon aus, dass Bella Vestalin war. Geheiligt und verehrt, genossen diese Jungfrauen sowohl Privilegien als auch besonderen Schutz. Das Feuer zu hüten, den Herd sauber zu halten – das waren die Aufgaben der Frau in der Antike. Ist heute nicht viel anders, auch wenn die Frauen sich noch so sehr ins Zeug legen, um uns Männer zu einem Sinneswandel zu veranlassen.” Der Professor lachte. “Im alten Rom erhielt die Flamme, die zum Überleben der Gesellschaft unbedingt erforderlich war, irgendwann eine spirituelle Bedeutung. Schriftlichen Quellen zufolge war es zum Hüten des Staatsherdes erforderlich, die Feuerstelle täglich mit dem heiligen Wasser der Nymphe Egeria zu benetzen und aufzupassen, dass die Flamme nicht erlosch. Das hätte Ungemach über die Stadt gebracht und wäre ein unverzeihlicher Frevel gewesen. Dies war die Hauptaufgabe der vestalischen Jungfrauen, aber …”

Während der Professor weiterdozierte, hatte Josh das Gefühl, als eile er ihm voraus. Als wisse er ganz genau, was als Nächstes kam – nicht etwa in Form konkreter Information, sondern als vage Erinnerungen.

“Vestalinnen wurden bereits im zarten Alter von nur sechs bis zehn Jahren aus den vornehmsten Geschlechtern Roms ausgewählt. Heute können wir uns so etwas nicht mehr vorstellen, doch damals betrachtete eine Familie es als ausgesprochene Ehre. In großer Zahl stellten beflissene Väter und Mütter ihre Töchter dem Pontifex Maximus vor, dem Hohepriester und obersten Wächter des altrömischen Götterkults. Der Pontifex Maximus führte die Oberaufsicht über die vestalischen Jungfrauen, und alle Eltern hofften natürlich, dass ihre Tochter die Auserkorene ist. Nachdem die Novizin ausgesucht war, wurde sie in das Gebäude geleitet, in dem sie die kommenden drei Jahrzehnte verbringen musste: in die große, weiße Marmorvilla direkt hinter dem Tempel der Vesta. In einem streng gehüteten Ritual, dem nur die anderen fünf Vestalinnen beiwohnten, wurde sie unverzüglich gebadet und so frisiert wie eine Braut. Nachdem man ihr ein weißes Gewand angelegt hatte, begann ihre Unterweisung.”

Josh nickte, den Ablauf der Szene nahezu vor dem geistigen Auge, ohne jedoch zu wissen, wieso er ihn sich mit solcher Präzision ausmalen konnte: die bangen jungen Gesichter, die Spannung der Menge, die Festtagsstimmung. Dann durchbrach die Frage des Professors diese Traumszenerie und riss Josh schlagartig in die Gegenwart zurück.

“Scusi – was sagten Sie?”, fragte Josh.

“Ich bat sie gerade, den Medien nichts von dem mitzuteilen, was Sie hier sehen oder hören. Die Presse war bereits gestern den ganzen Tag hier und wollte uns Informationen entlocken, die wir noch für uns behalten möchten. Ein ganzer Pulk von Reportern folgt uns auf Schritt und Tritt, als wären sie ausgehungerte Straßenköter! Insbesondere einer … wie heißt der noch … ach ja: Charlie Billings.”

Josh kannte Charlie. Vor einigen Jahren hatten sie noch zusammengearbeitet. Charlie war ein guter Journalist, und beide hatten sich vorgenommen, Freunde zu bleiben. Falls Charlie sich aber in Rom aufhielt, ließ das nichts Gutes für die Ausgrabung erahnen. Ihm eine Story vorzuenthalten, war ein hartes Stück Arbeit.

“Dieser Billings hat mir und Gabriella so lange zugesetzt, bis sie mit ihm geredet hat. Wie sagt man gleich? Offiziell? Das Interview war kaum gedruckt, da rannten die Massen uns schon die Bude ein. Leute, die heidnische Religionen studieren, einige Akademiker, aber in erster Linie Angehörige von modernen Sekten, die sich die Wiedererweckung antiker Riten und Religionen auf die Fahnen geschrieben haben. Die verhielten sich sehr still und ehrfürchtig, als wäre das hier noch immer eine geheiligte Stätte. Die störten uns nicht weiter. Es waren vielmehr die traditionellen Kirchgänger, die Krawall und Ärger machten. Die stiefelten hier überall herum, protestierten und brüllten ihre blöden Parolen. Das sei alles Teufelszeug, was wir da tun, und wir würden schon unsere Quittung kriegen für unsere Sünden. Die hatten kein Verständnis für meine und Gabbys Arbeit. Dabei sind wir doch Wissenschaftler. Und gestern Abend bekam ich dann noch einen Anruf aus dem Vatikan. Von Kardinal Bironi. Er bot mir eine obszöne Summe an, damit ich das, was wir hier gefunden haben, an ihn verkaufe, statt es zu veröffentlichen. Nach seinem Angebot zu urteilen müssen er oder seine Geldgeber eine Heidenangst davor haben, was wir gefunden haben könnten. So läuft das, wenn das Wort heidnisch in der Heiligen Stadt die Runde macht. Hinter vorgehaltener Hand, versteht sich.”

“Aber wieso? Der Vatikan hält doch sowieso alle Fäden in der Hand.”

“Es gibt zurzeit einen Disput über die Rolle, die die Frau im Vergleich zur Antike in der heutigen Kirche spielt. Bella könnte dieser Kontroverse neue Nahrung geben. Die heutigen Weltreligionen räumen Frauen weniger Mitwirkung ein, als es die antiken Kulte taten.” Der Professor schüttelte den Kopf. “Außerdem”, setzte er leise hinzu, “wirft das noch ein Problem auf: Jeder nicht mit dem Kreuz versehene Fund wird vom Vatikan als potenzielle Bedrohung betrachtet. Besonders dann, wenn diese Gegenstände etwas mit Reinkarnation zu tun haben, wie Gabriella und ihre Vorgesetzten offenbar glauben.”

“Warum ausgerechnet mit Reinkarnation? Weil das zu Schwierigkeiten mit der Absolution führt?”

“Genau. Stellen Sie sich vor, der Mensch glaubt, dass er selber die Verantwortung für die ewige Ruhe trägt und selbst bestimmen kann, ob er in den Himmel kommt. Ohne Gottvater, Sohn und Heiligen Geist. Was wäre dann mit der Macht der Kirche über unsere Seelen? Überlegen Sie mal, was das für Auswirkungen hätte! Könnte man die Wiedergeburt beweisen, wäre eine regelrechte Rebellion die Folge. Der Kirche drohte ein Exodus.”

Josh nickte. In den vergangenen Monaten hatte er ähnliche Äußerungen zu diesem Thema von Dr. Talmage gehört. Er ließ den Blick wieder zu Bella schweifen. Selbst ihre sterblichen Überreste strahlten noch die Intensität einer steifen Meeresbrise aus. Man konnte sich ihrer Kraft nicht entziehen. Er trat noch einen Schritt näher.

“Möchten Sie wissen, wie wir festgestellt haben, dass Bella Vestalin war?”, fragte Rudolfo.

“Das steht doch sowieso fest”, gab Josh zurück – zu hastig, sodass er gleich fürchtete, der Professor könne seinen Ausrutscher bemerkt haben.

Das hatte Rudolfo in der Tat, zumindest seinem neugierigen Blick nach zu urteilen. “Woher wollen Sie denn das wissen?”

Josh musste besser aufpassen. “Oh, ich habe Sie missverstanden. Entschuldigen Sie, Professor. Also: Wodurch wissen Sie, dass Ihre Bella Vestalin war?”

Rudolfo schmunzelte, als habe er Josh nicht geradezu angefleht, die Frage zu stellen. Seine warmen Augen funkelten, und dann stürzte er sich mit Behagen in seine Erklärung. “Wir sind im Besitz von schriftlichen Aufzeichnungen über die vestalischen Jungfrauen. Darin werden bestimmte Einzelheiten beschrieben, die wir auch hier sehen. Obwohl diese Krypta nicht den nackten Kammern aus festgestampftem Lehm entspricht, die meist für die Vollstreckung der Todesstrafe bei Vestalinnen verwendet wurden, wurde diese Frau trotzdem lebendig eingemauert. Das war die Strafe für die Nonnen, die ihr Keuschheitsgelübde brachen. Nicht der Tod durch Verhungern, sondern durch Ersticken. Deswegen die Krüge dort. Einer für Wasser, der andere für Milch …” Er wies auf die rustikalen Tongefäße. “Schon die Bahre an sich ist ein Beweis. Man begräbt ja keinen Toten und stellt gleichzeitig eine Bettstatt bereit. Oder eine Öllampe.”

“Aber wieso kauert sie da drüben in der Ecke? Was meinen Sie? Der Sauerstoffmangel muss sie doch müde gemacht haben. Wäre es da nicht bequemer gewesen, sich hinzulegen?”

“Sehr gut! Das haben wir uns auch schon gefragt. Außerdem ist es sehr verblüffend, dass sakrale Gegenstände mit ihr begraben wurden. Die alten Römer machten es nämlich nicht so wie die alten Ägypter. Sie statteten ihre Toten nicht für ein Leben im Jenseits aus. Außer der Lampe und der Gefäße hatten wir hier eigentlich nichts zu finden gehofft.”

Das Hämmern in Joshs Kopf setzte aufs Neue ein. “Was für Gegenstände haben Sie denn gefunden?”

Der Professor wies auf eine hölzerne Schatulle in den Händen der Mumie. “Das hält sie mittlerweile eintausendsechshundert Jahre fest. Ist das nicht aufregend?”

Josh erkannte es sofort. Nein, das war unmöglich. Wahrscheinlich hatte er das Bild einer ähnlichen Schachtel in einem Museum gesehen. Und was ihn am meisten verwirrte: Obwohl ihm das Kästchen bekannt vorkam, hatte er keine Ahnung, was es damit auf sich hatte. “Haben Sie es schon geöffnet?”

Der Professor nickte. “Auf ein so fein geschnitztes Kleinod stoßen und es dann nicht aufmachen? Ich kenne nicht viele Archäologen, die da widerstehen könnten. Also: Das Kästchen ist erheblich älter als Bella. Gabby und ich denken, man kann es auf vor 2000 vor Christus datieren, vielleicht sogar vor 3000. Und es scheint nicht römischen, sondern indischen Ursprungs zu sein. Wir müssen die Radiokarbonanalyse abwarten.”

“Und drin? Was ist drin?” Josh kribbelten vor Aufregung die Arme wie von tausend Nadelstichen.

“Hundertprozentig sicher können wir erst sein, wenn wir noch einige Tests durchgeführt haben. Wir nehmen aber an, dass es sich um die Memory Stones handelt. Um magische Edelsteine aus dem sagenumwobenen Schatz der verlorenen Erinnerung, über den Trevor Talmage geschrieben hat.”

“Und worauf stützen Sie Ihre Annahme?”

“Auf die eingeschnitzten Worte. Hier … und hier.” Er deutete auf die Borte, die sich rund um den oberen Rand des Kästchens zog. “Wir glauben, es sind dieselben Zeilen wie auf einem altägyptischen Papyrus, der sich zurzeit im Britischen Museum befindet. Dieselben Zeilen, die Trevor Talmage 1884 übersetzt hat. Haben Sie davon gehört?”

Josh nickte. Trevor Talmage war der Gründer des Phoenix Klubs gewesen, des Vorgängers der Phoenix Foundation. Darüber hinaus hatte Josh alles über den Schatz der verlorenen Erinnerung gelesen; sämtliche Originalaufzeichnungen, sämtliche Übersetzungen. Man hatte sie 1999 während einer grundlegenden Renovierung in der Bibliothek hinter einer Reihe Bücher gefunden.

Ihm ward zuteil die Gabe des großen Vogels, der sich erhob aus Feuer, um ihm den Weg zu weisen zu den Steinen, auf dass er singend bete darüber. Und siehe! ihm ward offenbart all seine Vergangenheit.

Während Josh die Inschrift rezitierte, intonierte eine Stimme in seinem Kopf dieselben Worte in einer anderen Sprache, die ihm fremd und altertümlich vorkam.

“Das ist dieselbe Übersetzung, die Wallace Neely benutzte”, bemerkte Rudolfo.

“Wer?” Josh merkte, dass sich bei dem Namen etwas in seinem Unterbewusstsein regte.

“Wallace Neely war Archäologe. Ende des 19. Jahrhunderts arbeitete er hier in Rom. Zahlreiche seiner Ausgrabungen wurden vom Phoenix Klub finanziert. Er fand die Originaltexte, die Talmage zum Zeitpunkt seines Todes übersetzte …”

Während der Professor weiterredete, entsann sich Josh einer Rückblende, die er vor einem halben Jahr erlebt hatte – an seinem ersten Arbeitstag in der Stiftung.

Percy Talmage, Student der Universität Yale, verbrachte die Semesterferien zu Hause. Er befand sich im Speisezimmer und lauschte dort seinem Onkel Davenport, der davon sprach, wie man die archäologischen Investitionen des Klubs in Rom schützen könnte. Davenport erwähnte den Archäologen, den man bis dato finanziert hatte. Er hieß Wallace Neely und war auf der Suche nach dem Schatz der verlorenen Erinnerung.

Und jetzt, hier in dem antiken Grab, neben dem Professor sitzend, merkte Josh, wie noch eine Erinnerung an die Oberfläche trieb – allerdings keine, die zu ihm selbst gehörte: Er erinnerte sich vielmehr anstelle einer anderen Person. Er erinnerte sich für Percy.

Percy war erst acht Jahre alt, als er das erste Mal von den Memory Stones hörte. Sein Vater hatte ihm das antike Manuskript gezeigt, an dessen Übersetzung er seinerzeit arbeitete. Nach Aussage seines Verfassers war der Schatz nicht bloße Legende. Er existierte wirklich. Der Schriftgelehrte hatte ihn gesehen und eine lückenlose Beschreibung jedes einzelnen Amuletts, jedes Kleinods und jeden Steins geliefert.

Die Steine sind von großer Bedeutung”, sagte Trevor damals zu seinem Sohn, “weil Geschichte wichtig ist. Wer die Vergangenheit kennt, der kontrolliert die Zukunft. Falls es die magischen Steine gibt, falls sie den Menschen helfen können, ihr Vorleben wiederzuentdecken, müssen wir alle – du, ich und alle Mitglieder des Phoenix Klubs – dafür sorgen, dass diese Macht zum Nutzen aller Menschen angewandt wird und nicht nur selbstsüchtigen Zwecken dient.”

Was daran so wichtig sein sollte, begriff Percy lange nicht. Viele, viele Jahre nicht.

War es möglich, dass Josh um die halbe Welt gereist war, um dorthin zurückzukommen, wo er begonnen hatte? Wie so vieles konnte auch dies kein Zufall sein. Er brauchte Zeit, um die Verbindungen herzustellen, aber noch war der Zeitpunkt ungünstig: Der Professor dozierte nämlich weiter.

“Neely erwarb um 1880 etliche Grundtücke in dieser Gegend”, erklärte er. “Damals war das gang und gäbe. Man kaufte das Land, auf dem man die Grabung durchzuführen gedachte, um sich gleich das Anrecht auf die Beute zu sichern. Der Phoenix Klub schloss eine Partnerschaft mit Neely und unterstützte ihn finanziell bei der Ausgrabung. Das erklärt möglicherweise, wieso dieselbe Inschrift sowohl in seinem Tagebuch auftaucht als auch in den Aufzeichnungen von Percy Talmage.”

Josh spähte hinab auf die kunstvoll geschnitzte Holzschatulle in den Händen der Mumie. In der Deckelmitte befand sich ein Vogel, der sich aus einem Feuer aufschwang und ein Schwert in den Fängen hielt. Das Bild entsprach nahezu haargenau dem eingeschnitzten Wappen in der Eingangstür zur Phoenix Foundation. In der rundum verlaufenden Borte erkannte Josh die Einkerbungen, auf die der Professor hingewiesen hatte.

“Wissen Sie, welche Sprache das ist?”

“Gabriella hat vor, sich mit Experten für alte Sprachen in Verbindung setzen. Es könnte eine uralte Form von Sanskrit sein.”

“Ich dachte, sie ist selbst Altphilologin?”

“Ist sie. Für Altgriechisch und Latein. Das hier ist aber keins von beiden.”

Irgendetwas kam Josh nicht ganz geheuer vor. “Sie sagten, die Grabkammer sei unversehrt gewesen, als sie darauf stießen.”

“So ist es.”

“Wie soll dann Neely schon hier gewesen sein?”

“Wir glauben nicht, dass er oder sonst jemand an dieser Stelle gegraben hat. Die uns vorliegenden Seiten aus seinem Tagebuch besagen eher, dass er an zwei Ausgrabungsorten hier in der Nähe tätig war. Da fand er allerdings nichts. Dann hat er an einer dritten Stelle angefangen, und was dann passierte, wissen wir nicht. Seine Tagebuchaufzeichnungen brechen schlagartig ab. Mitten in dieser Ausgrabung.”

“Schlagartig?”

“Er kam ums Leben. Über die Umstände ist nur wenig bekannt.”

“Trotzdem sind Sie im Besitz des Tagebuchs?”

“Von ein paar Seiten nur.”

“Wo haben Sie die her?”

“Das müssen Sie Gabby fragen. Die hat sie mir mitgebracht, zusammen mit den Fördermitteln. Der Zuschuss macht es mir möglich, dort weiterzugraben, wo Neely aufgehört hat.”

“Und nun glauben Sie, das gefunden zu haben, wonach er und die Mitglieder des Phoenix Klubs damals gesucht haben.”

Der Professor nickte. “So ungefähr. Einiges zumindest. Allerdings gibt es noch zahlreiche Rätsel.” Er zeigte auf eine leicht verfärbte Stelle an der Wand direkt neben der zusammengekauerten Mumie. “Das da verbarg sich unter einem Wandbehang. Wir wissen nicht, warum. Auch nicht, wieso ein Messer neben Bella lag, denn römische Frauen wurden gewöhnlich nie mit Waffen begraben. Und warum war die Klinge zerbrochen? Was hat sie damit gemacht?”

Rudolfo holte tief Luft und senkte den Blick auf die Tote. “Ach, Bella. Welche Geheimnisse hütest du wohl?” Er ließ sich auf die Knie nieder und beugte sich über die Mumie. “Sprich mit mir, meine Belladonna!”, raunte er in vertraulichem Ton.

Blitzartig wurde Josh von einer Gefühlsaufwallung ergriffen, völlig unvermutet und unbegründet – ein Anfall glühend heißer Eifersucht, wie er sie nie für eine geliebte Person empfunden hatte. Am liebsten wäre er auf den Professor zugestürzt, hätte ihn zurückgerissen und ihm gesagt, dass er ihr nicht so nah kommen durfte, dass ihm das nicht zustand. Vor einer Stunde hatte Josh noch nicht einmal von dieser Toten gewusst. Nun aber übernahmen seine Erinnerungen die Regie: Vor seinem geistigen Auge sah er, wie sich die morschen Knochen mit Gewebe und Muskelfleisch überzogen; Gesicht, Hände, Brüste, Hüften, Schenkel und Füße bildeten sich heraus. Sie erwachte zum Leben. Ihre Lippen färbten sich zartrosa, ihre Augen nahmen ein tiefes Blau an. Die kupferroten Reste des Leinengewandes wurden so weiß, wie sie vor Jahrhunderten gewesen waren. Einzig ihr langes rotes Haar blieb unverändert – in der Mitte gescheitelt und geflochten zu zwei Zöpfen, die ihr über die Schultern reichten.

Zwar war sie inzwischen ein Leichnam, bestehend aus sprödem Gebein, die Haut wie Leder … doch einst … einstmals … da war sie eine Schönheit gewesen. Abermillionen Eindrücke stürzten auf Josh ein, jahrhundertealte Worte, die er nie zuvor vernommen hatte, eines lauter als das andere. Eines aber übertönte dieses Sprachwirrwarr.

Sabina.

Das war ihr Name.

4. KAPITEL

“Ich weiß ja nicht, ob Sie diese Geschichte selbst glauben. Ich tue es jedenfalls”, sagte der Professor, nachdem Josh ihm in aller Kürze geschildert hatte, was ihm in den vergangenen sechzehn Monaten passiert und wieso er so früh am Morgen zur Ausgrabungsstätte gekommen war. “Jedes Mal, wenn Sie Bella anschauten, konnte man erkennen, dass Sie noch etwas anderes vor Augen hatten. Mir war klar, dass das nicht nur bloße Neugier war, sondern mehr.” Er wirkte außerordentlich zufrieden mit sich selbst.

Ja, wenn man die Augen etwas verengte und dann hinschaute, konnte man bei dem diffusen Licht den Eindruck gewinnen, als sei die in der Ecke kauernde Mumie eine lebendige Frau – nicht eine tausendsechshundert Jahre alte Hülle, die man vor Kurzem aus ihrem ewigen Schlaf gerissen hatte.

Ein Luftzug fegte vom Einstiegsloch her durch die Kammer, und aus ihren Zöpfen löste sich eine einsame Locke.

Sie war stets sehr stolz auf ihr Aussehen gewesen, auf ihr gepflegtes Äußeres. Wie hatte sie es gehasst, wenn etwas ihr Haar in Unordnung brachte! Er sah es vor sich, wie sie die Zöpfe entflocht, wie daraus jenes herrliche, nach Jasmin und Sandelholz duftende Seidenzelt wurde, in dessen Schutz sie sich heimlich küssten, unter den Bäumen, nach Einbruch der Dunkelheit. Dann fiel es ihm über die Wangen und Lippen, das Haar; dann ließ er die seidigen Locken durch seine Finger rinnen – gleich einem Faden, der beide zusammenwebte und auf immer unzertrennlich verband.

Viel zu spontan und ohne lange zu überlegen streckte er einfach die Hand aus, um nach der Locke zu greifen und …

“Nicht!”, rief der Professor scharf und riss Josh zurück. “Sie ist zerbrechlich! Dass sie so unversehrt ist, grenzt an ein Wunder. Sie könnte zerfallen, wenn man sie berührt. Verstehen Sie?”

Ihr Haar auf seinen Fingerspitzen zu spüren, war für Josh nahezu unerträglich. Er wandte sich ab und richtete sein Augenmerk auf das antike, rußgeschwärzte Öllämpchen, das auf dem Boden stand, ganz so, als habe sie es mit Bedacht so dicht wie möglich an die Nische gestellt, direkt vor den verfärbten Lehmfleck.

Die Tore in seiner Fantasie öffneten sich einen weiteren Spalt. Unter dem Ansturm der neuen Erkenntnisse begannen Joshs Schläfen erneut zu pochen. Er musste tiefer hinein in die Erinnerung, durfte nicht nur an ihrer Oberfläche dahinsegeln. Aber er konnte nicht gleichzeitig an zwei Orten sein, sondern immer nur an einem – entweder im Jetzt oder im Einst.

Sperr dich nicht! Konzentrier dich auf das, was geschehen ist! Vor langer, langer Zeit, genau hier. Was ist an diesem Ort vorgefallen?

Ohne Rücksicht auf die Warnung des Professors, er könne den Fund womöglich ruinieren, sank Josh auf die Knie und begann mit bloßen Fingern an der Lehmwand zu kratzen. Er musste etwas beweisen. Ihr. Sich selbst. Er wusste nicht, was es war. Er wusste nur, dass etwas, das jenseits dieser Trennwand lag, ihn rechtfertigen würde.

“Was soll das?”, rief Rudolfo entsetzt. “Lassen Sie das!”

Als wäre der Traum Wirklichkeit geworden und die Wirklichkeit stattdessen entflohen, drang Josh der Warnruf nur gedämpft an die Ohren, und auch die Hand, die ihn zurückzuhalten versuchte, spürte er kaum. Der Protest des Mannes spielte keine Rolle. Jetzt nicht mehr.

Die Nischenwand bestand aus fest verdichtetem Lehm, doch nachdem Josh eine erste Vertiefung hineingekratzt hatte, ging der Durchbruch relativ rasch vonstatten. Die nur zehn bis zwölf Zentimeter dicke Mauer, etwas über einen Meter hoch und einen weiteren Meter breit, zerfiel in Klumpen, und dahinter tat sich der Zugang zu einer Art Stollen auf. Josh schrammte sich die linke Handfläche an einem scharfkantigen Stein auf, aber nun, so kurz vor dem Ziel, hielt ihn nichts mehr auf.

Ein Luftschwall blies ihm entgegen. Ein kühler, muffiger Hauch.

Jahrhunderte alt.

Seine Lungen füllten sich mit eintausendsechshundert Jahre alten Molekülen, begleitet vom Aroma von Jasmin und Sandelholz. Ungeachtet der klaustrophobischen Ängste, die mit Klauen nach ihm griffen, und trotz der heillosen Panik, die ihn am Vordringen zu hindern drohte, kroch Josh durch die Öffnung. Heftig nach Atem ringend, plötzlich in Schweiß gebadet, hätte er am liebsten sofort kehrtgemacht. Die Anziehungskraft des Stollens war indes mächtiger als seine Furcht.

Der Tunnel war so schmal, dass Josh nur auf allen vieren vorwärtskam. Auf Händen und Knien kroch er voran, schlagartig in Finsternis gehüllt und von einer so erdrückenden Seelenqual ergriffen, als laste die Luft selbst tonnenschwer auf ihm. Zoll für Zoll schob er sich mühsam vor, erst fünf Meter, dann zehn, dann zwanzig und schließlich fünfundzwanzig. Ein Stück hinter sich hörte er den Professor rufen, doch aufhören kam nicht infrage: Irgendwo vor ihm musste ein Endpunkt liegen, den es zu erreichen galt.

Schwer atmend bog er um eine Windung und hielt wie erstarrt inne. Sterben wäre ihm leichter gefallen als weiterzukriechen. Schon stellte er sich vor, wie ringsum die Wände zerfielen, wie Schutt und Geröll auf ihn herunterpolterten. So wirklichkeitsgetreu manifestierte sich seine Angst, dass er förmlich spürte und schmeckte, wie ihm Staub und Gestein den Mund und die Nase verstopften, wie sie ihn zu ersticken drohten.

Doch vor ihm wartete etwas Bedeutendes. Bedeutender als alles andere auf der Welt.

“Stopp! Stopp!”, brüllte Rudolfo noch immer, inzwischen jedoch wie aus weiter Ferne, die Stimme nur noch ein verzerrt hallendes Echo.

Ach, wie gerne hätte Josh aufgehört! Trotzdem schaffte er noch einmal fünf Meter.

“Und wenn da plötzlich ein Abgrund kommt?”, schallte es schwach von der Grabkammer zu ihm herüber. “Wenn Sie den nicht sehen und abstürzen? Ich kann Sie nicht rausholen!”

Nein, und genau das war eine der Ängste, die Josh nun überfielen. Ein plötzlicher Einsturz, ein Hohlraum, in den er einbrechen konnte, ein tiefer Fall in unterirdische Finsternis.

Dennoch ließ er sich weiterziehen von der im Stollen fühlbaren Energie. Beinahe einem lebendigen Wesen gleich, lockte sie ihn, flehte ihn gleichsam an, tiefer und tiefer hineinzukommen ins schattenhafte Dunkel, um zu erforschen, was dort seiner harrte, was so verteufelt lange gewartet hatte.

“Kommen Sie zurück! Holen Sie sich wenigstens eine Taschenlampe! Das ist doch lebensgefährlich, was Sie da tun …”

Der Professor hatte ganz recht. Josh hatte keine Ahnung, was vor ihm lag, war aber dem Ziel zu nahe, um jetzt noch umkehren zu können. Hätte er es getan – wer weiß, ob er den Mut aufgebracht hätte, sich nochmals in den Stollen zu wagen!

Noch einen halben Meter schob er sich vor. Dann spürte er es. Seine Finger stießen auf etwas Längliches, Festes. Bemüht zu erfühlen, was es wohl sein mochte, betastete er es mit den Fingerspitzen.

Ein Stock? Eine Art Keule?

Die Oberfläche war leicht schartig. Das war kein Holz. Metall auch nicht.

Nein. Er erkannte es – durch Logik ebenso wie durch einen Urinstinkt.

Es war Knochen.

Menschliches Gebein.

5. KAPITEL

New York City – Dienstag, 02:00 Uhr

Vier Monate nach dem unerwarteten Herztod ihrer Tante erfuhr Rachel Palmer, dass eine Frau, die im selben Block wohnte wie sie, vor der Haustür überfallen worden war, als sie in ihrer Handtasche nach ihren Schlüsseln suchte. Sehr zu ihrem Leidwesen konnte Rachel nicht verdrängen, wie unwohl sie sich danach in dem braunen Klinkerreihenhaus fühlte: Beim Öffnen der Haustür andauernd über die Schulter gucken, im Eiltempo die Treppe hinauf, dann rasch den Riegel vorlegen und nachts nie richtig durchschlafen können. Als sie ihrem Onkel Alex gegenüber erwähnte, dass sie mit Umzugsgedanken spielte, schlug er ihr vor, vorübergehend in seinem feudalen Doppelhaus an der Ecke Lexington Avenue und 65. Straße zu wohnen.

Er sagte und zeigte es zwar nie, aber sie wusste, dass er einsam war. Onkel Alex und Tante Nancy waren unzertrennlich gewesen, wie es bei kinderlosen Ehepaaren häufig vorkommt, und wenngleich er erst zweiundsechzig war, spürte Rachel doch, dass es wohl einige Zeit dauern mochte, bis er wieder weibliche Gesellschaft suchen würde.

Ihr Vater hatte seine Frau im Stich gelassen, als Rachel noch ein Kind war. Daraufhin war Alex eingesprungen und für das Mädchen zu weit mehr geworden als nur ein Onkel. Nun war Rachel froh, dass sie ihm Gesellschaft leisten und zudem die Sicherheit genießen konnte, die ihr ein Gebäude mit Pförtner und einem rund um die Uhr einsatzbereiten Alarmsystem vermittelte.

Ohne es recht zu merken, hatte sie sich an diese Wohngemeinschaft gewöhnt und in den vergangenen zwei Tagen, seit Onkel Alex für eine Woche zu einer Geschäftsreise nach London und Mailand aufgebrochen war, nicht richtig einschlafen können. Resigniert saß sie nun bei eingeschaltetem Licht im Bett, neben sich ein Glas Weißwein. Während im Fernsehen ein alter Film lief, las sie auf ihrem Laptop die neuesten Nachrichten.

Grabkammer gehört zu Vestalin
von Charlie Billings
Rom, Italien

Gestern wurde bestätigt, dass es sich bei der jüngsten Ausgrabung vor den Toren der Ewigen Stadt um die Grabstätte für eine der letzten vestalischen Jungfrauen des alten Roms handeln soll.

“Wir sind ziemlich sicher, dass das Grab aus dem späten vierten Jahrhundert stammt, genauer gesagt aus der Zeit zwischen 390 und 392 nach Christus. Die gefundenen Tongefäße und sonstigen Gegenstände unterstützen diese Vermutung. Wir gehen davon aus, dass die hier begrabene Frau eine Vestalin war”, sagte Gabriella Chase, Professorin für Archäologie an der Universität Yale und Expertin für alte Sprachen und antike Religionen. Seit drei Jahren arbeitet sie zusammen mit ihrem Kollegen Professor Aldo Rudolfo von der römischen Universität La Sapienza an Ausgrabungen in der betreffenden Gegend.

“Besonders ungewöhnlich ist die Tatsache”, so Chase weiter, “dass die Tote eine der sechs letzten vestalischen Jungfrauen sein könnte. Nach über tausend Jahren ging der Kult der Vesta im Jahre 391 unter, zeitgleich mit dem Aufstieg des Christentums während der Herrschaft des Kaisers Theodosius I.”

Der Fernsehlärm verstummte; das Licht im Schlafzimmer verdunkelte sich. Rachel versuchte weiterzulesen, im Bett zu bleiben, die Laken unter den Händen und die Kissen im Rücken zu spüren. Tief im Inneren aber flatterte ihr das Herz, begann ihr der Puls zu rasen, war sie wie elektrisiert von der Verheißung auf Erkenntnis. Eine ganze Welt, von der sie nicht das Geringste wusste, offenbarte sich ihr wie ein ungeschliffener Diamant. Sie brauchte nur einzutreten und sie zu erforschen.

Schon wurde sie überwältigt von einer Szenerie, die wie unter unwirklichem Sonnenschein erstrahlte. Wärme hüllte Rachel ein, nahm sie gefangen, liebkoste sie wie eine Sommerbrise, wohlig und erregend zugleich. Die Strahlen drangen nun in ihr Inneres ein; sie fühlte sich leicht, so leicht, dass sie sich in die Lüfte erhob, schneller und immer schneller fliegend, dabei sich aber durchaus bewusst, dass sie alle diese Gefühle wie in extremer Zeitlupe erlebte.

Die Sonne verbrannte ihr die Wangen; der Geruch der Hitze drang ihr in die Nase. Ihr Körper vibrierte, als wäre er ein Instrument, auf dem jemand spielte. Sie hörte Musik, doch diese hatte nichts zu tun mit Tönen oder Tasten, nichts mit Klängen und Melodien. Sie bestand aus Rhythmus allein und Rachel spürte, wie ihr Herzschlag in den gleichen Takt verfiel, wie auch ihr Atem sich diesem Gleichmaß anpasste.

Dann wurde ihr kalt. Fröstelnd durch eine Glastür spähend, durch einen Spalt in den Vorhängen, beobachtete sie heimlich zwei Männer, die sich über einen Schreibtisch beugten.

“Deswegen bin ich nach Rom gekommen”, sagte der eine, den Rachel zwar gut kannte, dessen Name ihr aber nicht einfallen wollte. “Dabei hatte ich die Hoffnung, sie jemals zu finden, längst aufgegeben.”

Plötzlich fiel ihr Blick auf die magischen Steine und deren Farbenpracht. Blaue und grüne Lichtblitze erfüllten Rachel mit einem unbändigen Hochgefühl, gleich einer Droge. Rachel wollte dort stehen und begreifen, wie die Strahlen ineinander verschmolzen, wie dabei Hunderte neuer Farbschattierungen entstanden: ein Regenbogen aus Smaragdgrün, wechselnd über Pfauenblau zu Kobaltblau, schließlich zu einem Meeresgrün, Salbeigrün, Dunkeltürkis bis hin zu Rottönen aus Burgunder und Purpur.

“Ein wahrhaft bedeutender Fund!” Die Stimme des Mannes war hart wie die Kanten von Stein, und Rachel hatte das Gefühl, als hinterließen seine Worte winzige Kratzer auf ihrer Haut. Doch dass sie blutete, kümmerte sie nicht. Sie wollte Teil sein dieser Bewegung, dieser Qual, dieser Spannung. Es übertraf alles, was ihr je zugestoßen war.

Und dann war es vorbei.

Benommen, die Haut glühend heiß, legte Rachel den Kopf in den Nacken und starrte unter die Decke. Wie lange mochte die Episode gedauert haben? Eine halbe Stunde?

Sie griff nach ihrem Weinglas. Nein, es war immer noch kühl.

Minuten bloß?

Nur erschien ihr alles so realistisch! Viel wirklichkeitsgetreuer als irgendein Tagtraum zuvor und nicht nur ein Bild, das ihr im Kopf herumspukte. Wie von einem Sog erfasst, war sie durch Zeit und Raum gereist, für einen Augenblick an einen ganz anderen Ort – nicht nur als Zuschauerin der Szene, sondern als Teil davon.

Sie verließ das Schlafzimmer, tappte die bogenförmig angelegte Treppe hinunter und begab sich in die Küche. Sie brauchte etwas Stärkeres als Wein. Wäre doch ihr Onkel da gewesen! Dann hätte sie ihm das Erlebte schildern können. Diese Dinge faszinierten ihn. Aber sie hatte ja gar nichts erlebt! Vermutlich war sie aus lauter Übermüdung kurz eingenickt und hatte die Villa, die Männer, die Farben nur geträumt.

Sie nippte an dem Cognac, den sie sich eingeschenkt hatte. Das scharfe Getränk trieb ihr die Tränen in die Augen, brannte wie Feuer in der Kehle. Anstatt zurück ins Schlafzimmer, ging sie ins Arbeitszimmer ihres Onkels und setzte sich an seinen Schreibtisch. Dort, umgeben von seinen Büchern, fühlte sie sich geborgen. Und da, in diesem Moment, entdeckte sie etwas – teilweise unter die Schreibunterlage geklemmt, sodass es kaum auffiel: der Zipfel eines Zeitungsartikels.

Sie zog ihn hervor.

Grabkammer vermutlich 1600 Jahre alt.

Fröstelnd las Rachel die Datumszeile. Dieser Bericht war vor zwei Wochen verfasst worden, ebenfalls in Rom und wieder von dem Korrespondenten, dessen Namen Rachel vorhin auf ihrem Laptop gesehen hatte. Nein, dass Alex diesen Artikel aus der Zeitung gerissen hatte, war in keiner Weise ominös. Onkel Alex war Kunstsammler, sein Haus mit Kunstgegenständen gespickt. Gräber gaben nun einmal antike Schätze preis. Jetzt nicht überreagieren! mahnte sich Rachel. Das ist alles reiner Zufall.

Oder?

Was hätte es sonst sein sollen?

6. KAPITEL

Rom, Italien – Dienstag, 07:45 Uhr

Josh verspürte ein scharfes Brennen in der Magengegend, ein so heftiges Zerren, dass es ihn schier betäubte und ihm den Atem raubte. Zum zweiten Mal brach ihm der kalte Schweiß aus allen Poren. Der Schmerz verschlimmerte sich. Josh musste heraus aus dem Stollen, und zwar sofort; vor Panik bekam er fast keine Luft mehr. Wenn er jetzt auch noch hyperventilierte, konnte er glatt ersticken. Der Professor war zu alt und zu langsam, um rechtzeitig zu ihm zu gelangen.

Nur stellte Josh fest, dass er nicht wenden konnte. Der Gang war zu eng. Wie war das möglich? Er war doch bis hierhergekommen, oder?

Rücklings auf die Waden gekauert, streckte er seine Arme aus und befühlte die Stollenwände zu beiden Seiten. Fast sofort stießen seine Finger auf Lehm und Erde. Ohne dass Josh es wahrgenommen hatte, musste der Tunnel sich wohl ständig verjüngt haben.

Auf einmal hellwach und bei vollem Bewusstsein, merkte Josh jetzt erst richtig, wie finster es in dem Gang war. Bei dem Geruch der modrigen Luft wurde ihm übel; unerklärlicherweise war er ganz plötzlich überzeugt, dass er in diesem Stollen sterben musste. Jetzt und auf der Stelle, jeden Moment. In dieser schmalen, engen Röhre, in der man sich nicht umdrehen konnte.

Ein kleines Felsstück löste sich aus der Decke und prallte ihm auf die Schulter. Was, so fragte sich Josh, wenn jetzt ein Steinschlag losbricht? Wenn du in diesem Höllenschlund stecken bleibst? Todesangst schnürte ihm die Brust zusammen; die Atemnot wurde immer schlimmer. Es half kein Hin und Her; er konnte sich weder drehen noch wenden.

Die Panik steigerte sich.

Einige tiefe Atemzüge.

Eine volle Minute Konzentration auf eine simple Tatsache: Er war bis hierher gelangt. Das hieß, dass auch ein Hinauskommen möglich sein musste.

Natürlich! Kriech einfach rückwärts! Dreh dich erst dann um, wenn der Gang wieder breiter wird.

Das dumpfe, krampfhafte Gefühl von Enge löste sich auf, die Angstattacken ließen nach, und Josh registrierte einen ganz anderen Schmerz: Der Stollenboden war mit Geröll übersät. Kiesel und scharfkantige Steine zerschrammten ihm die Hände, drückten sich an den Knien durch Hose und Haut bis auf die Knochen durch. Er hielt sich die Handflächen vors Gesicht, vergaß für einen Moment, dass ja kein Licht in den Tunnel drang, dass er nicht sehen konnte, wie er zugerichtet war. Einzig der überwältigende Blutgeruch war ein Anhalt. Als er sich mühsam das Hemd über den Kopf zerrte, stieß er sich den Schädel an der Stollendecke. Nachdem er das Kleidungsstück mithilfe der Zähne in Fetzen gerissen hatte, wickelte er sich die Streifen um die blutenden Handflächen. Die Knie allerdings konnte er nicht verarzten.

Das Rückwärtskriechen verlief umständlich und langsam. Gerade war er einige Meter weit gekommen, als er die Stimmen vernahm: Der Professor und ein anderer Mann redeten laut und schnell in Italienisch aufeinander ein. Dem Tonfall nach stritten sie sich.

Stetig rückwärtskriechend und die Schmerzen nach Kräften ignorierend, erreichte Josh schließlich die Stelle, an der er wenden konnte. Danach kam er besser voran und bog nur Sekunden später um einen Knick. Vor ihm lag bloß noch ein schnurgerades Stück, an dessen Ende der Zugang zum Stollen sichtbar wurde.

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