Logo weiterlesen.de
Der Maya-Kalender

Über den Autor

Bernd Ingmar Gutberlet hat in Berlin und Budapest Geschichte studiert und als Journalist, Lektor und Projektmanager im Kulturbereich gearbeitet. Seine Bücher Die 50 populärsten Irrtümer der deutschen Geschichte und Die 50 größten Lügen und Legenden der Weltgeschichte wurden Bestseller. Zuletzt erschien Die neuen Weltwunder. In 20 Bauwerken um die Welt. Bernd Ingmar Gutberlet lebt und schreibt in Berlin.

BERND INGMAR GUTBERLET

DER
MAYA-KALENDER

DIE WAHRHEIT
ÜBER DAS GRÖSSTE RÄTSEL
EINER HOCHKULTUR

Mit Zeichnungen von
Krisztina Bradenau

INHALT

  1. Vorwort
  2. 1 DONALD UND DER TAKT DER UNENDLICHKEIT
    Kalendersysteme, Himmelsbeobachtung und Zeitwahrnehmung
  3. Kalenderreformen – mal vorübergehend, mal vergeblich · Unser Weltkalender – einst ein päpstliches Reformwerk · Die multiplen Ursprünge unseres Kalenders · In fünf Kalendern um die Welt · Der Knochen der Erkenntnis · Vom Kerbholz zur Schlaguhr zur Weltzeit
  4. 2 HERNÁN CORTÉS UND DAS SCHWARZE LOCH DER ZEITENWENDE
    Die alten Kulturen Mittelamerikas
  5. 3 HUN NAL YEH ODER DIE FETTEN UND DIE MAGEREN JAHRE
    Aufstieg und Niedergang der alten Maya
  6. 4 BAUER BEN, DIE HEILIGEN KÖNIGE UND DER ZEIGER DER VENUS
    Der Kalender der Maya und ihr Umgang mit der Zeit
  7. Morgengrauen vor der Lehmhütte · Mutige Zwillinge als Wegbereiter der Geschichte · Das Rätsel der 260 Tage · Mit Händen und Füßen rechnen für die Ewigkeit · Königliches Rendezvous mit Sonne und Venus · Kalendermanipulationen zum Machterhalt · Ein Planet bestimmt über Krieg und Frieden · Der Venuskönig von Copán · Rätsel 13.0.0.0.0 – Weltuntergang im Jahr 2012?
  8. 5 AUGUSTUS, ERICH UND MOMOS GRAUE MÄNNER
    Die zweite Karriere des Maya-Kalenders

Meinem Vater gewidmet

Die Zeit, die alles verwandelt,

die alles wachsen lässt und ernährt

und alles verbraucht und faulen lässt.

Guillaume de Lorris, Le Roman de la Rose

Es gibt kaum ein Kennzeichen der Kultur, das in gleichem Maße ihr Wesen charakterisiert wie das Verständnis der Zeit. Darin verkörpert und mit ihm verbindet sich die Weltempfindung der Epoche, das Verhalten der Menschen, ihr Bewusstsein, ihr Lebensrhythmus und ihr Verhältnis zu den Dingen.

Aaron J. Gurjewitsch

Die Sonne scheint bei Tag und Nacht.

Der Himmel weiß, wie sie das macht.

Aus einem deutschen Schlager

Was ist also »Zeit«?

Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es;

will ich einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht.

Augustinus, Bekenntnisse, XI, 14

Vorwort

Spätsommer 2012: In London erlischt die Olympische Flamme und wird weitergetragen zum nächsten Schauplatz der Olympischen Spiele. Medaillenjäger und Medienmogule, Souvenirverkäufer und Taschendiebe der britischen Hauptstadt ziehen Bilanz, und ein Teil der Welt rüstet sich für den bevorstehenden Herbst, während sich ein anderer auf den Sommer freut. Ein Jahr wie viele andere? Nicht ganz, denn gleichzeitig wächst – eifrig geschürt von TV-Interviews mit »Experten«, aufgeregt schnatternden Websites und mitreißenden Katastrophenfilmen aus dem Hause Hollywood – die Aufregung um einen Countdown, der angeblich seit mehr als fünf Jahrtausenden munter auf den Weltuntergang zutickt. Noch vor Weihnachten, genauer gesagt am 21. Dezember 2012, soll Schluss sein mit allem Menschendasein auf dem blauen Planeten. Aber ist dieser Countdown wirklich 5000 Jahre alt oder eine Erfindung des Medienzeitalters mit seiner Jagd nach Sensation und Einschaltquote?

Es geht um den legendären Kalender der Maya. Ihm wird dieser Countdown zugeschrieben, denn seine Jahreszählung beginnt 3114 Jahre vor unserer Zeitrechnung und endet, so heißt es, nach dreizehn aufeinanderfolgenden Zyklen im Jahr 2012 unserer Zeitrechnung. Wegen dieses vermeintlich drohenden Weltuntergangs laufen Jahr für Jahr mehr Köpfe heiß und steigt wieder einmal die weltweite Aufmerksamkeit für jenes mittelamerikanische Volk, dessen stolze Städte vor über eintausend Jahren gleichsam sang- und klanglos untergingen.

Wie aber kommt ein Steinzeitvolk überhaupt dazu, einen derart anspruchsvollen Kalender auszuarbeiten, der noch dazu eine äußerst komplexe Funktionsweise mit verschiedenen ineinandergreifenden Zählungen besitzt? Wieso unternimmt dieses Volk, das weder Metallwerkzeuge kennt, noch das Rad benutzt, astronomische Beobachtungen, die uns noch heute Bewunderung und Respekt ob ihrer erstaunlichen Präzision abverlangen? Was motiviert Regenwald-Indianer lange vor der europäischen Eroberung, in einer Unzahl von Fällen komplizierteste Datierungen in Stein zu meißeln? Und wie vertragen sich damit grässliche Blutopfer auf den Stufen eines Tempels, von dessen Fenstern aus Gelehrte stoischen Blickes in die Nacht die genaue Länge eines Venusjahrs ermitteln? Wie geht eine hoch entwickelte Mathematik zusammen mit dem naiven Glauben an Götter, die man immer wieder aufs Neue besänftigen muss, damit kein Unheil geschieht?

Dabei braucht es nicht einmal jenen geheimnisvollen Kalender, um sich von den alten Maya faszinieren zu lassen. Dafür genügt eine Reise zu den ebenso imposanten wie rätselhaften Ruinen, von denen weitere im Urwald bis heute schlummernd der Entdeckung harren – Ruinen einer jahrtausendealten Hochkultur, die ohne Rad und Zugtiere Städte von einer Größe baute, die im Europa der gleichen Epoche undenkbar waren. Auch den Pflug kannte dieses Volk Mittelamerikas nicht, war aber trotzdem in der Lage, eine aufwendige, leistungsfähige Landwirtschaft zu betreiben und damit ein rapides Bevölkerungswachstum zu ermöglichen. Daneben schlägt die Kunst der Maya noch den modernen Betrachter umgehend in ihren Bann, denn ihre Ausdrucksform ist nicht nur exotisch, die zahllosen fratzenhaften Köpfe sind auch verstörend. Hinzu kommt, dass noch immer aufsehenerregende Entdeckungen gemacht werden und ein Großteil der Rätsel um Geschichte und Kultur der Maya erst in den vergangenen Jahrzehnten gelöst werden konnte – darunter das Geheimnis der hochkomplexen Schrift der Maya.

Wie so vieles, das gleichzeitig vergangen, rätselhaft, magisch und komplex ist, befeuern die Maya die Fantasie und die Lust am Spekulieren, wofür sich gerade ihr Kalender vortrefflich eignet. Wozu also ein so ausgefeiltes Kalendersystem, das den NASA-Wissenschaftlern unserer Zeit zur Ehre gereichen würde? Muss hinter dem unermesslichen Aufwand, den die Maya dafür betrieben, angesichts ihrer großen Observatorien und Heerscharen von hervorragend ausgebildeten Kalenderpriestern und Astronomen, nicht viel mehr gesteckt haben, als Wettervorhersagen anzustellen und göttergefällige Termine für den Aderlass oder den Überfall einer Nachbarstadt zu berechnen? Waren sie vielleicht wirklich im Besitz tieferer Wahrheiten über den Sinn des Lebens oder der Formel, die die Welt im Innersten zusammenhält? Sollte man sich also wappnen für den 21. Dezember 2012 nach dem gregorianischen Kalender, der in der Maya-Zeitrechnung das ominöse Datum 13.0.0.0.0 trägt?

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sind immer wieder Bücher geschrieben und Erklärungen angeboten worden zur Frage, was »wirklich« hinter dem Kalender der alten Maya steckt. Das vorliegende Buch geht einen anderen Weg als die erdrückende Mehrheit dieser Veröffentlichungen esoterischer oder katastrophischer, spekulativer oder fantastischer Couleur. Es nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise, beginnend im Hier und Jetzt, durch Kalendervielfalt und Zeitverständnis in der Menschheitsgeschichte, um auf dieser Grundlage den Kalender und das Zeitverständnis der Maya historisch unter die Lupe zu nehmen. Dabei dient als Leitfrage, ob der Maya-Kalender wirklich einzigartig ist oder lediglich eine zwar sehr besondere, aber erklärbare Spielart der Kalendergeschichte darstellt.

Das entzaubert das Rätsel um den Kalender insofern, als seine Geschichte offengelegt wird, ohne dabei auf Spekulationen und Mutmaßungen angewiesen zu sein. Denn die Forschung unermüdlicher Wissenschaftler vieler Disziplinen, die sich mit den Maya befassen, kann mit genügend Erkenntnissen aufwarten, um den Maya-Kalender, seine Herkunft, seine Funktionsweise und seine Entwicklung nachzuvollziehen. Aber auch jenseits unbegründeter Theorien und der Befrachtung mit eigenem Wunschdenken ist der historische Maya-Kalender eine aufregende, faszinierende Angelegenheit, zumal das Thema Zeit jeden Einzelnen betrifft. Und nichts ist spannender als der wissende Blick.

Dieses Buch wäre nicht denkbar ohne die bewundernswerte Arbeit von Mayanisten auf der ganzen Welt. Und ebenso wenig ohne die Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin, das den Zugang zu der schier unüberschaubaren Forschungsliteratur ermöglichte, von der leider nicht alles in die Literaturhinweise am Ende des Buches aufgenommen werden konnte.

Bernd Ingmar Gutberlet

Berlin, im Juni 2009

DONALD UND DER TAKT
DER UNENDLICHKEIT

Kalendersysteme,
Himmelsbeobachtung und Zeitwahrnehmung

In Die Uhrenreinigung, einem Comic-Kurzstreifen von 1937, kann man dem ewigen Antihelden Donald Duck dabei zusehen, wie er mit seinen Kameraden Micky und Goofy das Uhrwerk einer Turmuhr reinigt. Natürlich gerät der Tölpel dabei zwischen die Zahnräder und durchläuft höchst schmerzhaft die gesamte Maschine, kein Zahnrad, weder Schlaghammerzug noch Pendel auslassend. Als endlich die Uhr ihn freigibt, kämpft Donald mit einem unübersehbaren Tick: Sein Kopf wird den Rhythmus der Turmuhr nicht mehr los, sodass er weiter im Takt hin- und herschwingt; und als Donald sich verzweifelt den Kopf festhält, übernimmt der restliche Entenkörper den unbarmherzigen Uhrenrhythmus. Die berühmteste Ente der Welt als jammervolles Opfer der Zeit.

Man muss Walt Disney und seinen Zeichnern nicht unterstellen, dass dieses Filmchen als Zivilisationskritik an der Diktatur der modernen Zeitrechnung in Form von Uhr und Kalender gedacht war. Aber ganz so, wie Donalds Körper nach der peinigenden Bekanntschaft mit jedem einzelnen Bestandteil der Turmuhr nicht von deren Rhythmus loskommt, haben auch wir die Zeit unwiderruflich verinnerlicht. Sie ist uns allgegenwärtig, und ihre peinlich genaue Strukturierung ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, wenn auch auf andere Weise als bei Donald. Wir leben mit Fahrplänen, Arbeitszeitkonten und Olympiarekorden, mit atomgenau bestimmten Uhrzeiten und einem Kalender, dessen Geltung geradezu universell zu sein scheint.

Ein Buch über den uralten, geheimnisvollen Kalender der Maya mit Donald Duck zu beginnen, mag einigermaßen befremdlich erscheinen. Der Comic-Erpel ist schließlich ein Produkt unserer westlichen Lebensart und der Moderne, mit der die altamerikanische Kultur nichts zu tun hat. Doch ist über die alten Maya immer wieder zu hören, sie seien besessen gewesen von der Zeit. Legendär ist ihre komplizierte Kalenderwirtschaft mit mehreren, miteinander verschränkten Zählungen. Berühmt ihre Manie, in fremdartigen Hieroglyphen Bauwerke exakt zu datieren und wichtige Ereignisse kalendarisch zu verorten. Wie also sah diese viel beschworene Zeitbesessenheit der Maya aus? Glichen sie uns modernen Zeitsklaven? Wurde ihr Alltag wie unserer vom Kalender geprägt? Oder waren sie zeitbesessen auf eine mystische, archaische Weise, die uns schwer begreiflich ist? Und wenn dem so ist – sind sie dann einzigartig, oder lässt sich ihr Umgang mit der Zeit mit anderen frühen Hochkulturen vergleichen, seien es die in Ägypten, in Babylonien oder in China?

Um dem Kalender der Maya und deren besonderem Zeitverständnis auf die Spur zu kommen, empfiehlt sich die Gegenwart als Ausgangspunkt für einen Spaziergang zurück: die Vergangenheit durchquerend, die Kalendersysteme verschiedener Kulturen durchwandernd, bis zu den Grundlagen der Zeitrechnung. Von dort aus, dem Ursprung der Zeitwahrnehmung und den Anfängen menschlicher Zeiteinteilung, folgen wir dann chronologisch der Entwicklung des menschlichen Zeitverständnisses, bis wir wieder bei der gehetzten Existenz des 21. Jahrhunderts angekommen sind. Dieser Ausflug verschafft uns nicht nur einen fundierten Überblick über den Umgang der Menschen mit der Zeit, sondern ermöglicht uns überhaupt erst einen differenzierten Zugang zur heute so exotisch anmutenden Maya-Kultur. Denn um den Maya-Kalender als kulturelle Errungenschaft verstehen und würdigen zu können, müssen wir ihn in die Geschichte von Kalendern und Zeitverständnis einordnen und zu ihren Grundbedingungen, Funktionen und Ausprägungen ins rechte Verhältnis setzen. Unser Kalender mit seiner Zählung von Tagen und Wochen, Jahren und Jahrtausenden lässt beliebige Zeitpunkte mathematisch exakt bestimmen, ob vergangen oder künftig. Dieser Kalender mit 365 Tagen und der gelegentlichen, nach klarer Regelung eingeschobenen Dreingabe eines weiteren Tages in Form des zusätzlichen 29. Februar, mit zwölf Monaten und gut 52 Wochen – er ist weltweiter ziviler Standard, auch wenn neben ihm noch zahlreiche andere Kalendersysteme in Gebrauch sind. Selbst die einigermaßen schiefe Aufteilung in 24 Stunden zu je 60 Minuten hinterfragen wir selten – bis wir zu überlegen beginnen, warum eigentlich der Tag nicht aus zehn oder zwanzig statt der 24 Untereinheiten besteht und wieso Stunde und Minute in jeweils 60 und nicht 100 Einheiten zerlegt werden.

Vor allem die Kleinteilung der Zeit, die noch den Moment in Sekundenbruchteile zerlegt, wenn beispielsweise Sportler um einen neuen Rekord ringen – dann übrigens in Hundertstel und Tausendstel gezählt −, hat zu unserer modernen Wahrnehmung von Zeit beigetragen: Sie ist objektiv, wenn nicht wissenschaftlich, so befinden wir, sie ist unanfechtbar und exakt.

Was das angeborene Bedürfnis nach Zeiteinteilung betrifft, ist die Naturwissenschaft ganz auf unserer Seite: Biologen versorgen uns mit Belegen, dass fast jedes Lebewesen eine Art innere Uhr besitzt, die selbst ohne äußere Impulse einen Rhythmus vorgibt − was wir von unserem Hund schon kennen, der stets zur gleichen Zeit nach Spaziergang oder Fütterung verlangt. Den Sitz der menschlichen Zeitwahrnehmung lokalisieren Hirnforscher sogar an einer bestimmten Stelle im Gehirn. Für uns moderne Menschen in komplexen Lebenszusammenhängen und weltweiter Vernetzung mit Flugplänen, Zeitzonen und normierter Stunde sind Uhr und Kalender nahezu lebensnotwendig, und wir verfügen wie selbstverständlich über sie.

Das Alltagsinstrument Kalender ist ein ständiger Begleiter mit manchmal unerbittlich diktatorischem Charakter, etwa wenn die Urlaubstage unwiderruflich verrinnen. Aber ebenso ist er ein unverzichtbarer Helfer, denn wie sollten wir unser Leben organisieren, wenn nicht eine allgemeine Standardvereinbarung über die Einteilung der Zeit zur Verfügung stünde? Wie wichtige Verabredungen treffen – vom leidigen Zahnarzttermin bis hin zum ungeduldig erwarteten Rendezvous?

Ehrlicherweise müssen wir uns eingestehen, dass uns ein Leben, das Zeitabläufe ignoriert, indem es ihre Messung und Einteilung verweigert, nahezu unmöglich geworden ist. Wer gewohnt ist, tagsüber jederzeit auf die Armbanduhr schauen zu können, wird diese Gewohnheit irritiert vermissen, wenn der Zeitmesser morgens im Badezimmer liegen bleibt. Für die Auszeit eines Urlaubs mag es angehen, die Abfolge von Wochentagen und Daten nicht zu beachten, aber nach einer Weile kehrt das Bedürfnis zurück, die Tage zu strukturieren. Und wem Kalender und Uhr plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehen, der versucht, wenigstens notdürftig Ersatz zu schaffen.

In seinem berühmten Roman Robinson Crusoe aus dem frühen 18. Jahrhundert lässt Daniel Defoe den gestrandeten Helden auf seiner einsamen Insel einige Anstrengung unternehmen, um den inneren Halt und den Anschluss an die plötzlich unerreichbar ferne Zivilisation nicht vollends zu verlieren: »Nach etwa zwölf Tagen fiel mir ein, dass, wenn ich keine Vorkehrungen träfe, ich aus Mangel an Büchern, Feder und Tinte in der Zeitrechnung irre werden müsse und bald sogar den Sonntag nicht mehr von den Wochentagen würde unterscheiden können. Um dies zu verhindern, erfand ich folgendes Auskunftsmittel: Ich schnitt mit meinem Messer auf eine große Tafel, die ich kreuzförmig an einen Pfahl befestigte, den ich da, wo ich gelandet war, in die Erde getrieben hatte, die Worte ein:

Hier bin ich am 30. September 1659 gelandet.

An den Seiten dieses viereckigen Pfahls machte ich täglich mit dem Messer einen Einschnitt, an jedem siebenten Tage einen doppelt so langen als an den übrigen und wiederum am ersten Tage jedes Monats eine doppelt so große Einkerbung, als diejenigen für die Sonntage waren. Auf diese Weise führte ich meinen Kalender, meine Wochen-, Monats- und Jahresrechnung.«

Als der unfreiwillige Einsiedler Crusoe auf seiner Insel dann doch einen anderen Menschen ausfindig macht, tauft er ihn Freitag – nach dem Tag, an dem er ihn aus den Fängen von Kannibalen rettete, mithin nach einem Symbol der Zivilisation, die er so schmerzlich vermisst und die er dem Naturburschen unbedingt angedeihen lassen will.

Ähnlich wissen wir aus vielen Beschreibungen von Gefangenen, dass diese fiktive Erzählung vielfältige Entsprechungen in der Realität hat, denn völlig auf sich zurückgeworfene Menschen suchen oft Halt mittels einer primitiven Zeitrechnung. Ein Beispiel dafür stammt aus der schillernden Lebensgeschichte des russischen KGB-Agenten Jurij Nosenko, der 1964 zum US-Geheimdienst CIA überlaufen wollte, aber zunächst für drei Jahre in strenge Isolationshaft genommen wurde, weil man seinen Angaben nicht traute. In einer permanent erleuchteten Zelle, bei schwachem Tee und fadem Porridge durfte Nosenko nicht einmal das Kleingedruckte auf seiner Zahnpastatube lesen, und auch einen primitiven, heimlich selbst angefertigten Kalender nahm man ihm weg. Er hatte ihn aus Fäden gebastelt, die er aus seiner Kleidung gezogen hatte, aber nicht einmal daran sollte er sich festhalten dürfen.

Unsere moderne Form der Kalenderzählung und Zeitrechnung, ja sogar unsere allgemeine Zeitwahrnehmung betrachten wir zumindest für die gegenwärtige Epoche geradezu als universell. Was das Zeitgefühl betrifft, reicht aber schon der Urlaub auf einer Südseeinsel, der Einspänner in einem Wiener Kaffeehaus oder der Besuch bei Großmutter, um einen entschleunigten Umgang mit der Zeit zu erleben. Unterschiedliche Kulturen gehen verschieden mit Zeit um, auch wenn sie denselben Kalender verwenden, und innerhalb von Kulturen wiederum kann Zeit enorm verschieden wahrgenommen und praktiziert werden. Und dass es nicht nur »unseren« christlichen Kalender gibt, auch wenn er nahezu weltweiter Standard geworden ist, merken wir zumindest gelegentlich: wenn das chinesische Neujahrsfest erst Wochen nach Beginn des christlichen Kalenderjahres gefeiert wird beispielsweise oder wenn eine Marilyn-Monroe-Reliquie die Jahreszahl 5716 trägt, weil es sich um die Urkunde ihres Übertritts zum jüdischen Glauben handelt, oder vor einigen Jahren, als Fernsehsendungen und Zeitungsartikel zum Jahreswechsel 1999/2000 sich bemüßigt sahen, darauf hinzuweisen, dass beileibe nicht überall auf der Welt zu diesem Zeitpunkt der Übergang in ein neues Millennium begangen werde – das streng genommen ohnehin erst im Jahr 2001 begann.

Kalenderreformen – mal vorübergehend, mal vergeblich

So groß – und bisweilen erdrückend – die Präsenz und die weltweite Dominanz unseres westlichen, des nach seinem letzten Reformator benannten gregorianischen Kalenders für uns auch sind, hat es seit seiner Einführung Ende des 16. Jahrhunderts dennoch immer wieder Bestrebungen gegeben, ihn abzuschaffen und durch einen anderen, vorgeblich besseren Kalender zu ersetzen. Zuletzt wurden vor allem rationale Gründe dafür geltend gemacht: Weil weder ein Monat noch das Jahr als Ganzes aus einer geraden Anzahl an Wochen bestehen, ergeben sich in unserer hochgradig ökonomisierten und computerisierten Globalgesellschaft ärgerliche Folgen: Die Monatsanfänge gehen nicht notwendigerweise mit einer gleichzeitig beginnenden Woche zusammen, und der 1. Januar kann auf jeden Wochentag fallen. Wäre das Kalendersystem mathematisch geordneter, könnten Bilanzen und Fahrpläne leichter erstellt werden, außerdem fiele ein bestimmtes Datum alljährlich auf den gleichen Wochentag – und niemand müsste mehr angestrengt überlegen, wie viele Tage ein bestimmter Monat eigentlich hat. Und schließlich darf man für das gern beschworene Ideal einer gleichberechtigten Weltgemeinschaft durchaus die Frage stellen, ob als Universalkalender eine christliche Chronologie nicht längst völlig anachronistisch geworden ist. Müsste die Jahresfolge nicht ab einem weltlicheren Datum gezählt werden als von der Geburt Christi, die noch dazu seinerzeit falsch berechnet wurde? Welches ebenso universell gültige wie weltanschaulich unverfängliche Jahr der Menschheitsgeschichte aber könnte diesen Zweck erfüllen? Der vergleichsweise unbelastete Urknall kommt aus praktischen Gründen nicht infrage: Er liegt einfach zu lange zurück.

Derzeit gibt es keinen internationalen Konsens für eine Reform des Kalenders oder die Einführung eines Weltuniversalkalenders ganz neuer Form, und das Thema ist nur noch eine Spielwiese für akademische Diskussionen, die vorzugsweise im Internet ausgetragen werden. Zuletzt gab es anlässlich des Jahrtausendwechsels Bestrebungen für eine Kalenderreform, die aber ebenso ins Leere liefen wie vorangegangene Versuche der wohl einzigen Weltorganisation, die ein solches Vorhaben schultern könnte: die Vereinten Nationen. Doch auch die UN sind auf die Reformbereitschaft ihrer Mitglieder angewiesen, und nach dem Zweiten Weltkrieg verliefen entsprechende Ansätze im Sande. In den 1920er-Jahren sah es unter der Vorläuferorganisation Völkerbund noch etwas anders aus, ein Ausschuss für eine Weltkalenderreform sammelte immerhin 130 Vorschläge. Doch aus der Umsetzung eines dieser Projekte wurde ebenso wenig etwas wie aus dem Vorhaben der World Calendar Association einer betuchten Weltbürgerin namens Elisabeth Achelis, die sich für einen Weltkalender starkmachte, der auf den französischen Astronom Flammarion zurückging und aus vier gleich langen Quartalen von 91 Tagen (1 Monat zu 31, zwei weitere zu je 30 Tagen) bestehen sollte. Der überzählige 365. Tag sollte als World Day weltweiter Feiertag werden. Die schöne Idee von Weltbürgertum und Völkerverständigung mittels Kalender wurde durch den Zweiten Weltkrieg einstweilen widerlegt und geriet anschließend in Vergessenheit. Die Zweiteilung der Welt machte eine kalendarische Verständigung in größerem Maßstab ohnehin unmöglich, aber auch nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes ist angesichts der politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Unterschiede die Durchsetzung eines Weltkalenders kaum leichter geworden. Trotz aller Schwächen der derzeitigen Jahresrechnung funktioniert unsere komplexe moderne Welt auch in Zeiten der Globalisierung recht reibungslos mit einem Kalender, der zum letzten Mal vor mehr als vier Jahrhunderten reformiert wurde und alles in allem beachtliche fünf Jahrtausende auf dem Buckel hat.

Immerhin hat es seit der Einführung des gregorianischen Kalenders zwei ehrgeizige, wenn auch nur vorübergehend wirksame Kalenderreformen gegeben. Im 20. Jahrhundert war das der Kalender der noch jungen Sowjetunion. Russland hatte erst 1918 den Sprung vom julianischen zum gregorianischen Kalender vollzogen – für Lenin gehörte das erklärtermaßen zu einem »zivilisierten« Land dazu. Schon ein gutes Jahrzehnt später, 1929, sollte der Modernisierung auch ein moderner Kalender zur Seite gestellt werden. Im Zentrum stand, wie nicht anders zu erwarten, die Arbeit, die im Sinne einer gleichmäßigen Produktion und der ehrgeizigen Aufholjagd der Sowjetunion gegenüber dem modernen Westen nicht mehr von einem unproduktiven Wochenende unterbrochen werden sollte. Daneben war beabsichtigt, die Chronologie auf die Revolution abzustellen und mit dem Jahr 1917 neu einsetzen zu lassen, und es sollten die religiösen Feiertage aus dem Kalender restlos getilgt werden. Dieser neue Kalender war trotz des Kalküls der Produktivitätssteigerung vor allem ein Macht- und Propagandainstrument. Ganz und gar sollte die Zeitrechnung eine sowjetische werden, befreit von religiösen und bürgerlichen wie auch vermeintlich kapitalistischen Altlasten – programmatisch wurde das Projekt »roter Kalender« getauft. Statt der religiösen wurden sowjetische Feste eingeführt, und die insgesamt fünf arbeitsfreien Feiertage des Jahres dienten übers Jahr – und im Kalender mit rotem Sternchen versehen – als Füllsel, um einen Jahreszyklus von 360 Tagen (72 »Wochen« zu je vier Arbeitstagen und einem Ruhetag) mit dem Sonnenjahr in Einklang zu bringen. Von diesen staatlich sanktionierten Bummeltagen abgesehen sollten die sozialistischen Fabriken niemals stillstehen, sondern alle Werktätigen mittels rotierender Ruhetage wie in einem Schichtsystem zu ihrer wohlverdienten Erholung kommen. Nach vier Arbeitstagen folgte für die Werktätigen ein planmäßiger Ruhetag, aber eben nicht für alle am selben Tag. Das ganze Land ein Schichtbetrieb, die Bevölkerung aufgeteilt in fünf Arbeits- bzw. Freizeitgruppen, jeweils mit einer eigenen Farbe gekennzeichnet – das musste ähnliche gesellschaftliche Probleme mit sich bringen, wie wir sie aus der Schichtarbeitswelt kennen: Die Freizeitplanung wird beeinträchtigt, weil die Koordination mit Familie oder Freunden ebenso massiv erschwert wird wie die Religionsausübung – für das ideologische Primat des sozialistischen Kollektivs gegenüber der Familie und den Kampf gegen Religion und Kirche durchaus erwünschte Effekte. Das eigentliche Plansoll kräftiger Produktivitätssteigerung durch den Kalender erwies sich jedoch als Wunschdenken, sodass die Sowjetunion schon 1931 die rotierende Woche wieder abschaffte und 1940 schließlich ganz zum alten Kalender zurückkehrte, ohne davon größeres Aufhebens zu machen.

Noch radikaler brach keine 150 Jahre zuvor, wenige Jahre nach der Revolution von 1789, Frankreich mit dem althergebrachten Kalender. Die Französische Revolution gilt bis heute als epochemachend, was schon Zeitgenossen so sahen und was sich im Alltag der Menschen in Form einer neuen Zeitrechnung auch abbilden sollte. Entsprechend ging es bei dieser Reform nicht nur um eine Verbesserung des bestehenden Kalenders, sondern um einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Gegenentwurf, denn die revolutionäre Ära Frankreichs verstand sich in radikaler Abkehr von Ancien Régime und Kirche als Hinwendung zu Fortschritt und Vernunft, manifestiert in der Ersten Französischen Republik. Gleich dreifach vollzog sich diese Abkehr von der herkömmlichen Zeitrechnung: Eine ganz neue Chronologie machte Schluss mit der Jahreszählung ab Christi Geburt und degradierte die Vergangenheit zur Vorgeschichte der Revolution. Das neue Jahr I (in römischen Ziffern) entsprach dem Jahr 1792/93 alter Zeitrechnung, Jahresbeginn war nunmehr der 22. September bzw. der 1. Vendémiaire, Gründungsdatum der Republik. Der altgediente 1. Januar lag folglich mitten im Wintermonat Nivôse.

Aber auch der Kalender selbst erfuhr revolutionäre Behandlung, denn die Monatseinteilung wurde vereinheitlicht: Jeder Monat hatte künftig 30 Tage, und wie bei den alten Ägyptern (und den alten Maya) vorher wurden die überzähligen fünf, in Schaltjahren sechs republikanischen Festtage am Jahresende als sogenannte Sansculottides angehängt. Doch damit nicht genug: Im Zuge der Bestrebungen, wo immer möglich das Dezimalsystem durchzusetzen – der Französischen Revolution verdanken wir ja zudem die metrischen Einheiten –, fielen auch die Wochen dem Umsturz zum Opfer. Stattdessen erhielt jeder Monat, abermals in Anlehnung an Ägypten, drei Dekaden von jeweils zehn Tagen Länge, die ihrerseits ebenso neue Namen bekamen wie die Monate. Auch die Dekade berief sich auf Vernunft, Natur und Praktikabilität: wegen der zehn Finger der menschlichen Hand. Jeder einzelne Tag wurde nach Pflanzen, Tieren oder Ackergeräten benannt, die Monate nach saisonalen Naturerscheinungen oder landwirtschaftlichen Terminen. Innerhalb einer Dekade wurden die Tage nur nummeriert: Primidi, Duodi etc. Der religiösen Ausrichtung des alten Kalenders wollte man die Natur als Grundlage entgegensetzen, wozu vorzüglich passte, dass der Jahresbeginn nicht nur Republiktag war, sondern auch den Herbstanfang markierte. Den Einklang des neuen Kalenders mit der Natur sollte ein Gartenbauprojekt für den Pariser Jardin du Luxembourg dem Volk nahebringen; andere Maßnahmen zur Volkserziehung in Sachen Kalender folgten.

Einen dem gewohnten Sonntag gleichkommenden Ruhetag, den Décadi, gab es künftig nicht mehr alle sieben, sondern nur noch alle zehn Tage. Die biblisch begründete Woche als Symbol des Christentums abzuschaffen war den stramm antiklerikal ausgerichteten französischen Revolutionären ein besonderes Anliegen. Als dritten Einschnitt wollte die Republik Schluss machen mit der alten Stundeneinteilung – auch hier nach dem Dezimalverfahren zu rechnen und jeden Tag künftig in zehn Stunden zu jeweils 100 Minuten zu unterteilen, scheiterte jedoch.

So radikal der neue Kalender mit der alten Zeitrechnung brach, sosehr er zum Symbol und Erziehungsinstrument eines ganz neuen politischen und gesellschaftlichen Systems wurde und nichts weniger tat, als seinen Benutzern tagein, tagaus vom Leben in einer neuen Ära mit weltgeschichtlicher Bedeutung zu künden, so begrenzt war seine Durchsetzungskraft. Zwar ging seine Einführung schnell vonstatten, im Alltag aber haperte es mit der Umsetzung in vielen Bereichen ganz erheblich – der neue Kalender wurde nicht verinnerlicht, die radikale Abkehr vom religiös geprägten Jahreslauf nicht gänzlich mitgetragen. Möglicherweise reichten dafür die insgesamt 13 Jahre seiner Lebensdauer schlichtweg nicht aus. Insbesondere die Dekadenordnung der Monate blieb den Menschen fremd, nicht zuletzt angesichts der unangenehmen Tatsache, dass die Arbeitswoche nunmehr neun statt sechs Tage hatte.

Nach dem Untergang der Ersten Französischen Republik durch Napoleons Machtergreifung 1799 hatte es nach und nach auch mit dem revolutionären Kalender ein Ende: 1802 wurden statt der Dekaden wieder Wochen eingeführt, zum 1. Januar 1806 war der gregorianische Kalender wieder vollständig rehabilitiert, nachdem die Siebentagewoche schon Jahre vorher de facto wieder eingeführt worden war. Das hatte praktische Gründe, denn das revolutionäre Kalendersystem isolierte Frankreich vom Rest der Welt – und das zu einer Zeit, in der internationale Kommunikation und wirtschaftliche Zusammenarbeit bereits weit entwickelt waren. Aber mindestens ebenso sehr ging es Napoleon um Symbolik: Kaum denkbar, dass das Ende der Republik nicht auch das Ende ihres augenfälligsten Alltagsinstruments mit sich gebracht hätte, der noch dazu als Jahresbeginn den Gründungstag der eben abgeschafften Republik zelebrierte. Als Symbol der Revolution gehörte er in den Augen Napoleons aus dem öffentlichen Bewusstsein entfernt, und die einfachste Lösung war die Wiedereinführung des alten, des gregorianischen Kalenders. Trotzdem wird bis heute der Republikanische Kalender, wie sein eigentlicher Name lautete, als zumindest theoretisch großer Wurf gelobt. Die revolutionäre Kalenderidee erlebte sogar noch einmal eine kurze Renaissance während der Pariser Kommune 1871; und als in den 1960er-Jahren das Dreamteam der deutsch-französischen Aussöhnung, der deutsche Bundeskanzler Adenauer und Frankreichs Präsident de Gaulle, einen »Europakalender« auf den Weg bringen wollten, wurde der Revolutionskalender noch einmal ins Gespräch gebracht.

Während heute die Schwächen des Kalenders überwiegend aus ökonomischer Perspektive gesehen werden, was in der Sowjetunion der 1920er-Jahre ja durchaus eine Rolle spielte, vollzogen die Französische und die Russische Revolution vor allem einen grundsätzlichen Bruch mit der Vergangenheit. Sie stürzten die Monarchie, führten ein neues politisches System ein und brachen die Machtstellung der alten Eliten sowie der Kirche. In diesen Umsturz den Kalender einzuschließen ist ebenso konsequent wie effektiv, jedenfalls von der Idee her. Der Symbolgehalt eines neuen Kalenders ist unübersehbar; gleichzeitig der erzieherische Wert enorm: Der Bruch mit einem überkommenen Herrschaftssystem, der Beginn einer neuen Ära sollte jedem Menschen bewusst gemacht werden, indem jeder Tag aufs Neue daran erinnerte. Gleichzeitig dokumentierte der neue Kalender in beiden Staaten programmatisch den Anspruch der Revolution, keine Eintagsfliege zu sein, sondern vor der Geschichte dauerhaft zu bestehen. Das allerdings misslang: In Frankreich konnte er zu keiner Zeit der Republik vollends durchgesetzt werden, in der langlebigeren Sowjetunion wurde er nach wenigen Jahren abgeschafft.

Der Misserfolg der beiden ambitionierten Kalenderreformen in Frankreich und der Sowjetunion mag denn auch den italienischen Diktator Mussolini bewogen haben, bei aller Großspurigkeit keine radikale kalendarische Abkehr zu vollziehen. Er verfügte 1926 per Erlass lediglich, dass die Jahre künftig dell’era fascista – gerechnet ab dem Jahr 1922, in dem der »Marsch auf Rom« stattfand – zu zählen waren, was aber kaum konsequent befolgt wurde. Mit ähnlich begrenzter Durchsetzungskraft wie Italien verfügte das deutsche NS-Regime, in Anlehnung an Karl den Großen künftig »germanische« Monatsnamen zu verwenden, und etikettierte die christliche Chronologie in die Zählung »nach der Zeitwende« um. Auch Nordkorea zählt seit 2003 offiziell zu Ehren des »ewigen Präsidenten« Kim Il-sung anders: In dessen Geburtsjahr 1912 beginnt als Chuch’e 1 die neue Chronologie, benannt nach der herrschenden Ideologie Nordkoreas. Unter der neuen Verpackung kommt aber, ansonsten unbeschädigt, der gregorianische Kalender zum Vorschein. Der Kalender als Machtfaktor und Propagandainstrument in der Geschichte ist ein weites, gleichwohl eher nachlässig beackertes Feld – mit Zeitwahrnehmung und Zeiteinteilung befassen sich vornehmlich Astronomen und Mathematiker, Anthropologen, Ethnologen und Religionswissenschaftler, Soziologen und Philosophen. Wie sehr aber Macht über Zeit in Form von Kalendern, Uhren und Zeitregeln nicht nur in Form von Arbeitszeiten, Fahr- und Stundenplänen, sondern auch durch gesellschaftliche Normen ausgeübt wird, verdeutlichen Herrschaftsumbrüche besonders gut. Plötzlich müssen Menschen den gewohnten, vielleicht geschätzten Umgang mit Zeit aufgeben und sich neuen (Macht-)Umständen und Zeitvorschriften anpassen. Von der Christianisierung Europas bis zur europäischen Eroberung der Welt, immer brachten neue Machthaber ein neues Zeitregime mit. Macht bedeutet auch, über die Zeit anderer bestimmen zu können – und Ohnmacht, einem Zeitkorsett selbst dann folgen zu müssen, wenn es der eigenen Natur oder Absicht zuwiderläuft. Moderne Gesellschaften praktizieren die Beherrschung der Zeit vermeintlich rational, in vormodernen jedoch manifestiert und legitimiert sich Macht oft nachdrücklich mittels der Zeitrechnung, sei es durch die Form der Jahreszählung, sei es durch neue Festtage oder symbolische Handlungen des Herrschers im Kalendertakt.

Wer mit einer Revolution eine Zeitenwende zu vollziehen beansprucht, muss sich also zuallererst an der Chronologie des gregorianischen Kalenders stoßen, denn sie postuliert das Christentum als universellen Maßstab der Zeitrechnung. Die Geburt Christi in Bethlehem wurde allerdings erst Jahrhunderte nach dem Ereignis zum kalendarischen Nullpunkt erklärt. Zunächst blieb es trotz der stetig zunehmenden Bedeutung des Christentums und selbst nach seiner Erhebung zur Staatsreligion bei der gewohnten Jahreszählung nach Regierungsjahren der römischen Kaiser. Dafür erhielt der eben noch heidnische Kalender eine christliche Prägung. Die Chronologie-Revolution aber schlug erst im 6. Jahrhundert der römische Abt Dionysius Exiguus vor. Damals zählte man mit der Ära des Diokletian, das heißt seit dem Regierungsantritt dieses heidnischen römischen Kaisers dalmatischer Herkunft, der die Christen erbarmungslos verfolgt hatte – was für Dionysius ein skandalöser Zustand war. Außerdem sollte sich auch kalendarisch ausdrücken, dass über aller irdischen Macht und Zeit die göttliche steht. Dionysius setzte nach Berechnungen mit dem Jahr 1 ein Datum für die Geburt Christi ein, das dem Jahr 754 nach der legendären Gründung der Stadt Rom entsprach. In Schriften des Mittelalters trat die Zählung »ab der Fleischwerdung des Herrn«, die sogenannte Inkarnationsrechnung, zunehmend neben andere chronologische Einordnungen, die Zählung »vor Christus« wurde jedoch erst im 18. Jahrhundert üblich.

Zu größerer Aufmerksamkeit verhalf 200 Jahre nach Dionysius der englische Gelehrte und Benediktinermönch Beda Venerabilis der neuen Zählweise, außerdem Karl der Große, der in einem nach Inkarnationsrechnung runden Jahr Kaiser wurde, nämlich 800 Jahre nach der Geburt Christi. Die neue Jahreszählung setzte sich aber nur allmählich durch, zumal es regional noch viele andere Zählweisen gab, zumeist die Regierungsjahre lokaler Fürsten, was der konkreten Erinnerung der Menschen ja auch eher entsprach als ein viele Jahrhunderte zurückliegendes Datum, so bedeutsam es auch gewesen sein mochte. Seit ungefähr 1000 n. Chr. begannen Kalenderfachleute, sich mit den Berechnungen zum Geburtsjahr Jesu näher zu beschäftigen, was bis heute fortdauert. Denn Dionysius Exiguus hatte sich um einige Jahre verrechnet, und das exakte Geburtsjahr des Begründers des Christentums ist bis heute heiß umstritten. Kalendarisch korrigiert wurde der Irrtum jedoch nie.

Hier erweist sich besonders deutlich, dass Kalender keine nüchtern-neutralen Zeitrechnungssysteme waren, sondern an Religion gebunden und Ausdruck politischer Herrschaft. Das gilt für unseren Kalender ganz besonders: Viele Jahrhunderte lang war das Abendland christlich dominiert, und die Kirche war bis in die jüngere Vergangenheit eng verwoben mit Politik und Herrschaftsausübung. So wie nach dem Ende des Römischen Reiches Kirche und Frankenreich gemeinsam das Erbe Roms antraten und diesem Erbe den christlichen Stempel aufdrückten, so übernahmen sie den römischen Kalender und richteten ihn christlich aus, und zwar nicht nur mit der christlichen Chronologie, sondern in seiner gesamten Struktur. Daher wollten sich die revolutionären Kalenderreformen des 18. und 20. Jahrhunderts aus ideologischen Gründen nicht damit begnügen, bloß die christliche Chronologie abzuschaffen, sondern sie wollten den Kalender grundlegend verändern. Heute dagegen nehmen wir die christliche Prägung unserer Zeitrechnung kaum noch bewusst wahr, weil unser Lebensalltag ohnehin weitgehend säkularisiert ist.

Unser Weltkalender – einst ein päpstliches Reformwerk

Und doch heißt unser Kalender nach einem römischen Papst, Initiator der letzten maßgeblichen Reform des viel älteren Kalenders Ende des 16. Jahrhunderts: Gregor XIII. Seine Person machte die gregorianische Reform von 1582 schon im Vorfeld zu einem Politikum erster Güte. Im feindseligen Klima zwischen römischer Kirche und protestantischer Welt wenige Jahrzehnte nach der Reformation, die das christliche Abendland zutiefst erschüttert hatte, musste der päpstliche Zugriff auf den Kalender überall dort vehement abgelehnt werden, wo die Autorität des Papsttums generell infrage gestellt war. Die Protestanten wollten einem katholischen Kirchenoberhaupt, das sie als Antichrist verhöhnten, nicht zugestehen, sich mit einem Kalender unsterblich zu machen, zumal sie hinter dem Vorhaben die verhasste Gegenreformation witterten. Das war durchaus berechtigt, denn für den sendungsbewussten Gregor war die Reform bei aller augenfälligen Notwendigkeit und wissenschaftlichen Herangehensweise gleichzeitig ein propagandistisches Unternehmen. Dass die Wissenschaft aufseiten der römischen Kirche stand, nutzte im vergifteten Klima der Kirchenspaltung denn auch nicht viel.

Was aber machte die Reform des Kalenders überhaupt notwendig, und wie kam der Papst dazu, dieses ehrgeizige Unternehmen anzugehen? Der augenfälligste Grund für einen Kalender-Relaunch war ein religiöser, nämlich das christliche Osterfest. Und dass da etwas nicht stimmte, fiel nicht nur den Astronomen auf. Im 3. Jahrhundert hatte man sich darauf geeinigt, dieses höchste Fest der Christenheit immer am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond zu feiern, also an einem beweglichen Datum zwischen dem 22. März und 25. April. Wegen der damals besonders prekären Konkurrenzsituation mit dem Judentum sollte das Fest aber auf keinen Fall mit dem Pessach zusammenfallen. Weil der alte julianische Kalender gegenüber dem astronomischen Jahr 11 Minuten und 12 Sekunden zu lang war, hatten sich seit der letzten Kalenderreform zehn überzählige Tage angesammelt, sodass der kalendarische Frühlingsanfang allmählich immer früher im (Sonnen-)Jahr stattfand. Dadurch rückte auch das christliche Osterfest (und damit auch die daran gekoppelten beweglichen Festtage) allmählich weiter zurück – ein erhebliches Ärgernis für die universell christliche Gesellschaft im damaligen Abendland, denn ein verfrühter Ostertermin konnte nicht gottgefällig sein und war daher beängstigend.

Dieses ungute Gefühl teilten Katholiken und Protestanten gleichermaßen, doch weigerte sich die Reformation, das Papsttum als Kalenderautorität anzuerkennen. Da half es wenig, dass Martin Luther selbst eine einheitliche Reform verlangt hatte – alles Päpstliche war den von Rom abtrünnigen Christen Teufelswerk, zumal wenn es von diesem Papst kam. Und wer die Schwächen des alten Kalenders nicht ignorieren, dem Papst aber ebenso wenig recht geben wollte, der forderte ganz andere Lösungen – beispielsweise Landgraf Wilhelm IV. von Hessen, der sich für die Übernahme des neupersischen Kalenders starkmachte.

Sogar innerhalb der katholischen Kirche gab es erhebliche Widerstände gegen das Vorhaben der Kalenderreform – durfte der Papst eigenmächtig in die Zeit eingreifen, die doch von Gott gegeben war? Viele unterschieden damals nicht zwischen Zeit und ihrer Einteilung durch den Menschen. Luther hingegen forderte noch radikalere Änderungen am Kalender: Er wollte die vielen beweglichen Feiertage der Christenheit – abfällig »Schaukeltermine« genannt und an Mondphasen oder Tagundnachtgleichen orientiert – gleich ganz abschaffen. Ihm schwebte vor, Ostern alljährlich an einem festen Datum zu feiern.

Kritik an den Schwächen des Kalenders gab es schon lange – einer der ersten Wortführer war im 8. Jahrhundert der schon erwähnte angelsächsische Benediktiner und Gelehrte Beda Venerabilis. Mit der über die Jahrhunderte größer werdenden Lücke zwischen astronomischem Sonnenjahr und seiner kalendarischen Abbildung sowie mit dem Aufschwung der Astronomie vor allem in Polen und Deutschland nahm die Kritik im Laufe des Mittelalters stetig zu, nicht nur im Bereich der römischen, sondern auch der orthodoxen Kirche. Die andauernde Debatte erinnert verdächtig an Reformen unserer Zeit: Päpste gaben an Universitäten überall in Europa Gutachten in Auftrag, Konzile berieten verschiedenste Reformvorschläge, für die unter anderem so bekannte Namen wie Nikolaus Kopernikus und Tycho Brahe verantwortlich zeichneten. Mancher Papst hätte sich gern als Kalenderreformator verewigt und starb dann doch vor der Zeit. Aber zur Umsetzung der Vorschläge in Form eines verbesserten Kalenders kam es lange nicht. Als endlich Einigkeit erzielt worden war darüber, wie das Problem anzugehen sei, brach über die Christenheit die Reformation herein und schwächte die päpstliche Autorität in weiten Teilen Europas, auch in Kalenderfragen.

Papst Gregor wollte mit der Kalenderneuordnung die innere Reform und Heilung der katholischen Kirche vorantreiben und gleichzeitig ihren universalen Geltungsanspruch fortschreiben. Dem diente auch seine rege Bautätigkeit in Rom und im Vatikan, aber noch aussagekräftiger sind die Reparaturarbeiten am Kalender, weil die römische Kirche mit dem Zugriff auf die Ordnung der Zeit ihren Alleinvertretungsanspruch kaum besser untermauern konnte. Daher ging Gregor die Sache grundlegend an, um dem Projekt auch wirklich zu nachhaltigem Erfolg zu verhelfen. 1577 wurde eine Kommission berufen, Italiener, Spanier, Deutsche berieten bis 1580, wie dem Problem wirkungsvoll beizukommen sei. Ziel war es, den kalendarischen Frühlingsanfang wieder am 21. März begehen zu können.

Die Reform, die schon seit Jahrhunderten diskutiert worden war, glich die aufgelaufenen überzähligen Tage durch Streichung aus. Die Tage vom 5. Oktober bis zum 14. Oktober 1582 entfielen – auf Donnerstag, den 4. Oktober 1582, folgte nach einer Nacht gewohnter Länge Freitag, der 15. Oktober 1582. Um die regelmäßig anfallende Notwendigkeit solcher kalendarischer Eingriffe von vornherein auszuschließen, modifizierte die gregorianische Reform die Regelung für die Schaltjahre: Zwar blieb man bei der prinzipiellen Vorgabe, alle vier Jahre einen zusätzlichen Tag einzuschieben, legte aber fest, dass die sogenannten Säkularjahre, also volle Jahrhunderte, keine Schaltjahre mehr sein sollten. Eine Ausnahme machten die Säkularjahre, die durch 400 teilbar sind – weshalb das Jahr 2000 einen 29. Februar hatte, der Februar des Jahres 2100 dagegen nur 28 Tage haben wird. Mit dieser mathematisch ausgeklügelten Reform sank die Differenz zwischen dem astronomischen und dem kalendarischen Jahr von gut 11 Minuten auf nur noch 26 Sekunden, ohne dass der Kalender grundlegend verändert werden musste. Seither dauert es 3323 Jahre, bis der Kalender gegenüber dem astronomischen Sonnenjahr wieder um einen vollen Tag in Rückstand gerät, und nicht mehr nur 128 Jahre. Zweifellos eine stattliche Verbesserung.

So überzeugend die Kalenderreform mathematisch auch ist – wir kommen ja bis heute gut damit zurecht −, ihre Umsetzung geriet wegen der Kirchenspaltung zum gottlosen Chaos. Obwohl Gregor XIII. die Reform mittels einer päpstlichen Bulle kirchenrechtlich verordnete und außerdem alle Fürsten Europas bat, im Interesse der Einheit des Christentums dem Beispiel der römischen Kirche zu folgen, übernahmen zum Stichtag 15. Oktober 1582 neuer Zählung nur Spanien, Portugal und Polen die Neuregelung ohne größere Probleme. Frankreich und Lothringen zogen immerhin schon gut zwei Monate später nach, insgesamt aber feierten die Christen Weihnachten in unüblichem Abstand voneinander. Der Rest von Europa folgte erst nach und nach – selbst in Italien blieben viele Regionen zunächst bei der alten Zählweise. Ein heilloses Durcheinander entwickelte sich in den zahlreichen deutschen Kleinstaaten, weil die eine Kalenderzählung möglicherweise schon wenige Kilometer weiter nicht mehr galt. Noch schwieriger wurde es in gemischtkonfessionellen Städten des Reiches wie Ravensburg oder Dinkelsbühl. Im bayrischen Augsburg, damals eine der bevölkerungsstärksten Städte Deutschlands und ohnehin schon mit prekären sozialen Spannungen belastet, kam es gar zu Straßenkämpfen, weil sich der evangelische Rat der reichen Handelsstadt der Reform anschließen wollte – ganz pragmatisch, um der kalendarisch gespaltenen Stadt wirtschaftlichen Schaden zu ersparen: Es sollte bei reibungslosem Handel und einheitlichen Markttagen bleiben. Das nahmen viele Protestanten, die die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ausmachten und von den Kanzeln aus angeheizt wurden, ihren Ratsvertretern übel. Diese wiederum versuchten, ihre Entscheidung als eine rein weltliche darzustellen, aber trotzdem geriet die Stadt an den Rand eines Bürgerkriegs. Ähnliches geschah im gerade unter polnisch-litauische Herrschaft geratenen Riga, wo es gar zum Lynchmord an zwei Ratsmitgliedern kam. Hinzu traten halbherzige Teilreformen oder Rücknahmen bereits verfügter Anpassungen, so in Schweden. Bekanntestes Beispiel für das kalendarische Durcheinander ist der Abschluss des Westfälischen ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Maya-Kalender" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen