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Der Mann mit den schönen Füßen

Über den Autor

Arto Paasilinna (* 20. April 1942 in Kittilä) ist einer der populärsten Schriftsteller Finnlands. Er wird häufig als »Meister des skurrilen Humors« bezeichnet und wurde für seine Bücher mit zahlreichen nationalen und internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet. So bekam er z. B. den Air Inter Prize in Bordeaux 1998 und den Premio Letterario Giuseppe Acerbi im Jahre 1994.

Er lebt heute im südfinnischen Espoo-Westend nahe Helsinki.

Paasilinna pflegt bereits seit vielen Jahren eine regelmäßige Veröffentlichungspolitik, nach der pro Jahr ein Buch erscheint, meist im finnischen Herbst. Sein Verleger: »Der jährliche Paasilinna ist ein Element des finnischen Herbstes, so wie die fallenden Birkenblätter.« Mehr als ein Dutzend Romane erschienen in deutscher Übersetzung, einige auch als Hörbücher. Sein bisher erfolgreichstes Buch ist DAS JAHR DES HASEN. Es wurde ins Französische, Estnische, Japanische, Niederländische, Englische, Deutsche, Tschechische, Albanische, Isländische, Schwedische, Italienische, Spanische, Hebräische, Ungarische, Dänische, Kroatische, Griechische, Lettische, Litauische, Norwegische, Polnische, Slowenische, Russische und Galizische übersetzt.

Arto Paasilinna

Der Mann
mit den
schönen Füßen

Roman

Übersetzung aus dem Finnischen von
Regine Pirschel

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BASTEI ENTERTAINMENT

1

Reeder Aulis Rävänder schätzte sich aus zweierlei Gründen glücklich. Er hatte einen guten Schlepper und eine gute Frau.

Der Schlepper Vulcanus war 1966 in Holland auf einer Rotterdamer Werft gebaut worden, sechs Jahre später hatte ihn ein dänischer Kunde übernommen, ihn generalüberholt und anschließend nach Finnland weiterverkauft. Rävänder hatte ihn 1975 erworben. Bei der letzten Werftliegezeit 1981 hatte er ihn stahlverstärkt, der Schlepper konnte jetzt bis zu vierzig Zentimeter dickes Eis brechen. Power hatte er reichlich: Eine achtzylindrige Dieselmaschine mit zweitausend PS verlieh dem Seil des Schleppers zwanzigtausend Kilo Zugkraft. Das bedeutete in der Praxis, dass man mit der Vulcanus einen ganzen Gebäudekomplex ins Meer ziehen konnte, vorausgesetzt, man befestigte an den Seiten entsprechend starke Griffe, damit das Objekt beim Transport nicht umkippte.

Die Vulcanus war 27 Meter lang, 8,20 Meter breit und hatte 4,20 Meter Tiefgang. Bei der letzten Klassifizierung durch den Lloyd war ihr Rauminhalt mit einhundertvierundsechzig Bruttoregistertonnen beziffert worden. Die Vulcanus war schwarz gestrichen. Man sah ihr schon äußerlich an, dass sie kein Vergnügungsdampfer ohne Tiefgang war. Sie besaß die bedrohliche Kraft eines Riesenwalrosses, war allerdings hundertmal tüchtiger und schneller. Bei voller Fahrt verursachte sie so hohe Wellen, dass kleinere Klippen darunter verschwanden. Sie konnte sich fast auf der Stelle drehen. Würde man versuchen, ein großes Handelsschiff mit zwei Schleppern vom Kaliber der Vulcanus in verschiedene Richtungen zu ziehen, würde es sich nicht von der Stelle bewegen, sondern auseinanderreißen. So war sie, Rävänders Vulcanus holländischer Herkunft. Rävänder liebte sie und seine Arbeit auf dem Meer.

Rävänder liebte nicht nur seinen Schlepper, sondern auch seine Frau. Und Liisa Rävänder war eine wirklich vortreffliche Person. Sie war nicht mehr ganz jung. Geboren vor zweiundvierzig Jahren, war sie aber mindestens ebenso gut in Schuss wie die Vulcanus. Sie entstammte der finnlandschwedischen Familie Majander aus Åggelby, Oulunkylä. Liisa war 1,71 Meter groß und wohlproportioniert. Derzeit wog sie etwa 65–70 Kilo, wie Rävänder schätzte. Durchaus nicht zu viel für eine Frau dieser Größe. Liisa hatte blondes Haar, stramme Waden und einen kräftigen Körperbau. Gut entwickelte Muskeln bedeckten das Skelett. Nirgendwo schimmerten blaue Adern durch die Haut. Das Schlüsselbein stand vielleicht eine Idee zu weit vor. Liisa hatte in ihrer Mittelschichtfamilie eine gute Erziehung und auch einige Bildung genossen. Vor ihrer Eheschließung hatte sie Gelegenheit gehabt, mehrere europäische Länder zu bereisen, was sie nach wie vor zu würdigen wusste. Ihre Sprachkenntnisse gingen über das übliche Maß hinaus, denn außer ihrer schwedischen Muttersprache beherrschte sie Finnisch, Deutsch und Englisch.

Liisas Haupthaar war also blond, und blond war auch der feine Flaum auf ihrer Haut. Sie war sehr reinlich, ihre Haut war makellos und zeigte keine Anzeichen einer Krankheit, ja ihre Epidermis produzierte nicht einmal Kopfschuppen. Im Allgemeinen duftete Liisa nach milder, wohlriechender Creme oder nach Parfüm. Ihre Zähne waren ebenfalls makellos. Ihre Zunge hatte keinen Belag, und ihr Atem war frisch. Die inneren Organe waren gesund, die Därme entwickelten keine Gase und rumorten nicht einmal dann, wenn Liisa vorübergehend Hunger hatte. Liisa hatte regelmäßigen Stuhlgang, litt weder unter Verstopfung noch unter Durchfall. Sie kümmerte sich ohne viel Aufhebens um die Intimhygiene während der Periode und sorgte souverän für die Verhütung. Sie schnarchte nie, nicht einmal, wenn sie müde war und ein wenig getrunken hatte.

Liisa Rävänder hatte eine schöne Singstimme, einen Alt. Ihre Durchschnittsnote auf dem Schulzeugnis war 2,0, in den Hauptfächern sogar 1,7 gewesen. Vom Wesen her war sie offen, wenn auch nicht immer ganz aufrichtig. Bei ihrer Arbeit war sie geschickt, sie kochte gut und hielt die Wohnung vorbildlich sauber. Sie kleidete sich geschmackvoll, und ihr Gang war jeweils der Gelegenheit angepasst. Sie saß niemals breitbeinig auf einem Stuhl, wusch sich zwölfmal am Tag die Hände und bohrte nie mit dem Finger in der Nase oder in den Ohren. Reeder Aulis Rävänder fand, dass sie die beste Ehefrau und Lebensgefährtin war, die man sich denken konnte. Er erinnerte sich gut daran, wie umschwärmt sie als junges Mädchen gewesen war. Er liebte seine Frau und das Familienleben, das sie durch ihre Gegenwart möglich machte, außerordentlich.

Manchmal vermochte Rävänder kaum zu sagen, wen er mehr liebte, die Vulcanus oder seine Frau Liisa. Hätte er auf eine von beiden verzichten müssen, die andere wäre ihm auch nichts mehr wert gewesen. Der Schlepper hatte viel für sich, aber ein Schlepper allein macht keinen Mann glücklich. Seine Frau war großartig, aber ein bloßes Familienleben ohne den Schlepper erschien ihm nicht befriedigend.

Es war eine harmonische Dreieinigkeit: der Schlepper Vulcanus und sein Besitzer Aulis Rävänder nebst Gattin Liisa. Diese drei gehörten auf gewisse Weise zur selben Nahrungskette: Was der Schlepper verdiente, das kassierte Rävänder und brachte es heim zu seiner Frau. Sie war das letzte Glied in der Kette, und sie suchte nie die Begegnung mit dem unteren Ende, also dem Schlepper Vulcanus. Das war auch nicht verwunderlich, denn der Schlepper war ein großes schwarzes Ungetüm, seine Diesel dröhnten ohrenbetäubend. Er und seine Mannschaft rochen nach Meer und Öl, was abstoßend und gefährlich wirkte. Liisa begnügte sich damit, zum mittleren Glied der Kette, ihrem Mann Aulis, Kontakt zu halten. Zwar roch auch er nach Öl und Meer, aber das ließ sich in seinem Beruf wohl nicht vermeiden.

Wenn in der Nahrungskette Quecksilber in die Organismen am oberen Ende gelangt, konzentriert es sich dort und geht gefährliche Verbindungen ein. Ähnliches passierte in der Kette Vulcanus – Aulis Rävänder – Liisa Rävänder, nur handelte es sich hier nicht um gefährliche Umweltgifte, sondern um Geld. Das konzentrierte sich am oberen Ende bei Liisa Rävänder und schlug sich in einem Lebensstandard nieder, den sie, die Finnlandschwedin der Mittelschicht, sehr zu schätzen wusste.

So hatten alle drei die letzten fünfzehn bis zwanzig Jahre glücklich miteinander gelebt.

Jetzt gerade holte Reeder Rävänder mit der Vulcanus einen großen griechischen Stückgutfrachter vor Suomenlinna ab, um ihn in den Hafen zu schleppen. Es war ein zeitiger Frühjahrsmorgen Anfang Mai. Nur ein paar fröstelnde Möwen kreisten über dem grauen Meer. Hinter der Bucht summte und pulsierte die Stadt. Die zweitausend PS der Vulcanus zogen mühelos den griechischen Frachter hinter sich her, von dem verfrorene Gesichter herüberlugten, griechische Seeleute mit schwarzen Strickmützen auf dem Kopf und tropfenden Nasen.

In der schmalen Wasserstraße zwischen Katajanokka und Hylkysaari rief Rävänder in den Lautsprecher:

»Hagman, jetzt bist du dran.«

Hagman, der Kapitän des Schleppers, erklomm die Kommandobrücke und stellte sich ans Steuer. Er war ein hagerer Mann von fast sechzig Jahren, wirkte ein wenig kränklich, aber dennoch zäh. Hagmann hatte seit frühester Jugend die Weltmeere befahren: Er war Messjunge gewesen, Decksmatrose, Bootsmann, zuletzt Steuermann. Er hatte seinerzeit auch das Kapitänspatent erworben, war dann aber an chronischem Asthma erkrankt. Die großen Ozeane konnte er nun nicht mehr durchpflügen, wohl aber einen Hafenschlepper führen, zumal Aulis Rävänder, der Eigner, häufig an Bord mithalf. Sie erreichten soeben den Hafen, sodass Rävänder dem Kapitän das Steuer überließ.

»Leg ihn mit dem Bug voran an die Pier«, sagte er. »Morgen früh müssen wir wieder raus, dann stehen wir gleich in Fahrtrichtung«, fügte er noch hinzu.

Hagman gab entsprechende Anweisungen an den Maschinenraum. Aus dem Bauch des Schleppers drang dumpfes Dröhnen, als er, in Vorbereitung auf das Wendemanöver, das Frachtschiff schneller vorwärtszuziehen begann. Wirklich ein Teufelskerl, dieser Schlepper. Die griechischen Seeleute riefen etwas herüber und applaudierten. Vor dem Bug schäumte es, als sich das große Fahrzeug zu drehen begann.

Wenn der Schlepper Vulcanus wuchtig war, so konnte man dasselbe auch von seinem Besitzer sagen.

Reeder Aulis Rävänder wog in nacktem Zustand hundert Kilo, das entspricht einer zehntel Tonne. In Stiefeln und Arbeitsklamotten, mit vollem Bauch und ein wenig betrunken, betrug sein Gewicht vermutlich hundertzwanzig Kilo. Er sah keine Notwendigkeit, die Speckschicht unter seiner derben Haut etwa durch Sport zu bekämpfen. Auf der Kommandobrücke eines Schleppers braucht man an eisigen Wintertagen nicht nur wärmende Schichten über dem Hemd, sondern auch darunter. Zwanzig Grad minus am Leuchtturm Harmaja bissen nicht weniger als vierzig Grad in den Ödwäldern im nordfinnischen Sodankylä. Auf dem Meer zog es immer, das wusste Rävänder, und deshalb dachte er nicht im Traum daran, zwecks Abmagerung zu joggen. Überhaupt fand er es sinnlos, ohne eigentlichen Anlass durch Parks zu rennen, nur um des Rennens willen. Wenn er mal eine wichtige und brandeilige Sache zu übermitteln hätte und partout kein Auto fände, würde er einen Boten bestellen und sich nicht etwa selbst auf den Weg machen.

In den letzten Jahren war er allerdings gezwungen gewesen, ein wenig auf seine Gesundheit zu achten. Der Blutdruck war nämlich deutlich gestiegen, sodass die Nadel beim Messen bedrohlich ausschlug. Rävänder hatte sich einverstanden erklärt, zu den Mahlzeiten verschiedene Salate zu essen, die angeblich den Druck in den Venen minderten und das Lebensalter verlängerten. Unter Salaten verstand er Bohnen, eingelegte Zwiebeln, Rote Bete in Essig, gebratene Kartoffeln und russische Salzgurken.

Häufig kaufte er sich die Salzgurken, wenn er den Schlepper verließ. Die Markthalle lag unmittelbar am Kai des Packhauses, wo die Vulcanus ihren festen Liegeplatz samt Hafenanschlüsse hatte. Dort bekam sie Süßwasser und Landstrom und Rävänder seine russischen Salzgurken. Überhaupt besuchte er gern die Markthalle, da er die Händler kannte. Seine Großmutter mütterlicherseits hatte hier einst Kuchen verkauft. Die russischen Offiziere waren fleißige Abnehmer gewesen, sie hatten den Kuchen gelobt und bei der Gelegenheit die Schönheit der jungen Verkäuferin gepriesen. Väterlicherseits war Rävänder nördlicher Herkunft. Irgendwann in den Dreißigerjahren hatte sein Vater beim Bau der Eismeerstraße nach Petsamo mitgewirkt, dann, während der Wirtschaftskrise, hatte es ihn in den Süden verschlagen, nach Helsinki und auf die Werft von Suomenlinna. Hier war Aulis’ Mutter irgendwie mit dem Mann ins Gespräch gekommen, und so war Aulis entstanden. Irgendwo im Schutz der verfallenen Festungsmauer, an einem Ort, wo 1918 viele Rote an Hunger gestorben waren. Die Mauern hielten für vieles her, für den Tod wie auch für die Liebe. Heutzutage wurde in ihrem Schutz Bier getrunken.

Rävänder und seine Frau hatten zwei Kinder, eine zwanzigjährige Tochter, die bereits verheiratet war, und eine zweite, jüngere von gerade mal neun Jahren. Der enorme Altersunterschied zwischen den Kindern erklärte sich daraus, dass Liisas Spirale vor zehn Jahren gewissermaßen etwas in die falsche Kehle bekommen hatte – oder man könnte auch sagen, sie hatte sich im Grabe umgedreht. Wie auch immer, Liisa war schwanger geworden und hatte sorgenvoll im Ärzteverzeichnis geblättert, mit dem Gedanken an einen Abbruch. Aulis hatte jedoch betont, dass sie notfalls sogar hundert Kinder ernähren könnten.

»Lass nur kommen, was da kommen will«, hatte er seiner Frau zugeredet. »Ich finde Babys verdammt nett.«

Die Vulcanus geleitete den griechischen Frachter an den Kai von Sompasaari. Die Seile wurden gelöst, der Schlepper schob mit seiner Schnauze, die mit Autoreifen gepolstert war, das große Schiff an die Mauer. Die griechischen Seeleute befestigten eine Flasche Ouzo an einer Schnur, ließen sie über die Reling aufs Deck des Schleppers hinab und riefen ein Dankeschön hinterher.

Rävänder griff sich die Flasche und reichte sie Hagman.

»Nimm, der schmeckt abends nach der Sauna.« Hagman gab ihm den Ouzo zurück und sagte, dass er nicht saunieren könne, da sich im Winter sein Asthma verschlimmert habe. Gut, dann sollte Hagmans Sohn, der als Decksmann auf dem Schlepper arbeitete, die Flasche haben, beschloss Rävänder. Aber der Vater lehnte ab:

»Wenn ich nicht trinke, dann trinkt Rauno auch nicht.«

Rävänder brachte die Flasche nach unten in den Maschinenraum. Dort war sie willkommen, Chefmaschinist Sutinen schraubte den Verschluss auf und kostete.

»Nicht übel«, sagte er mit breitem Grinsen. Die Flasche verschwand im Werkzeugschrank.

Rävänder blieb mit dem Lotsen in Sompasaari. Die Vulcanus dampfte in Richtung Südhafen davon. Der Lotse stieg in sein Auto, schwenkte grüßend die Hand.

Rävänder beobachtete, wie sich sein geliebtes Fahrzeug übers offene Wasser entfernte. Der schwarze Koloss verursachte hohe Wellen, die Häuser am Ufer warfen das Echo noch lange zurück. Reeder Rävänder war zufrieden. Vulcanus hatte er seinen Schlepper getauft, weil der Name so perfekt zu dem Kraftpaket passte. Und konnte es nicht sein, zumindest in der Theorie, dass vor der Klippeninsel Harmaja eines Tages ein Unterwasservulkan ausbrach? Nichts war auf dieser Welt unmöglich, vor ein paar Jahren waren auf Island haufenweise Vulkane ausgebrochen, und Island war ja nicht so weit weg von Helsinki.

Wenn tatsächlich vor Helsinki ein Vulkan ausbrechen würde, dann würde man Rävänder und die Vulcanus brauchen. Suomenlinna und Kaivopuisto müssten evakuiert und die Kanonen des Küstenforts in Sicherheit gebracht werden, damit sie nicht von der Lava verschüttet würden. Ohne die geballten zweitausend PS der Vulcanus würde das niemals klappen, dachte Rävänder stolz.

2

Rävänder fuhr heim nach Kaivopuisto in die Laivanvarustajankatu, die Schiffsreederstraße, zu dem großen gelben Haus, gebaut nach der Jahrhundertwende. Ein schönes Haus! Eine gute Adresse! Rävänder residierte in der fünften, der obersten Etage, wo er eine Wohnung mit fünf Zimmern, Bad und Küche besaß. Obwohl er kein sehr bedeutender Reeder war, wohnte er dennoch zufälligerweise in der Schiffsreederstraße in Helsinki, und nicht in einer kleinen Gasse in Mariehamn, so wie gewisse Reeder-Kollegen von den Åland-Inseln. Rävänder hatte es weit gebracht, er war ein glücklicher Mann mittleren Alters, ein wirklich tüchtiger Kerl.

Nicht immer war sein Leben in so geordneten Bahnen verlaufen. In den Fünfzigerjahren hatte Aulis, genannt Allu, zusammen mit seinen Kumpels die Straßen und Gassen im Stadtzentrum unsicher gemacht, hatte sich herumgetrieben und gerauft, was das Zeug hielt, in spitzen Stiefeln, Lederjacke und mit Pomade im Haar. Dann hatte er zwei Jahre die Handelsschule besucht, hatte herumgesoffen und das Studium abgebrochen. Aber als sein Vater 1961 an Herzinsuffizienz gestorben und ihm bald darauf auch die Mutter gefolgt war, aus Kummer vermutlich, hatte Rävänder sein Lotterleben beendet und sich am Riemen gerissen. Die Eltern hatten ihm zum Glück eine Zweizimmerwohnung im Stadtteil Katajanokka hinterlassen, passenderweise komplett abbezahlt, und als Rävänder sie zunächst vermietet und später verkauft hatte, war er auf den Geschmack des Geldverdienens gekommen.

Zu jener Zeit strömten Leute vom Lande nach Helsinki, auf der Suche nach Arbeit. Sie kamen aus Ostbottnien, Savo, Kainuu und sogar aus Lappland, waren schüchtern und unglücklich, aber sehr fleißig. Die heranrückenden Menschenmassen füllten ganze Personenzüge. Eine wahre Völkerwanderung hatte eingesetzt, man nannte es Landflucht. Und wie Flüchtlinge verhielten sich diese Menschen auch. Sie fürchteten sich vor dem Verkehr und vor der Obrigkeit, nahmen jede Arbeit an, jede Unterkunft. Zahlten horrende Mieten und hockten in ihren Löchern wie stumme Ratten. Hatten sie mal Schnaps getrunken, zückten sie ihre Messer. So waren die Leute vom Lande damals in jenen Jahren. Die zähesten von ihnen sparten Geld, nahmen Kredite auf, wenn sie welche bekamen, und kauften sich eigene Wohnungen. Die Preise stiegen ins Unermessliche. Eine kleine Einzimmerwohnung im Stadtzentrum kostete nach Ablauf von zwei Jahren unter Umständen schon das Doppelte. Während dieser Zeit spekulierte Rävänder mit Wohnungen, machte ungeniert Geschäfte und gewann jedes Mal. Und es gewannen alle, die etwas besaßen, mit dem sie gewinnen konnten.

Helsinki war zu jener Zeit wie Aas, das hilflose Provinzler anzog. Nutznießer waren sowohl Rucksackfirmen und Gründer als auch Menschen vom Schlage Rävänders. Der Strom der Provinzler schien endlos, die Menge der Beute wuchs von Jahr zu Jahr. Als Rävänder etwa fünf Jahre lang mit Wohnungen spekuliert hatte, war er bereits so reich, dass er in der Lage war, die Hälfte einer Bugsier-Reederei zu kaufen, die einem gewissen Kosunen gehörte. Seine eigene Firma gründete er Ende des Jahrzehnts, zur selben Zeit, da Gleichaltrige ihre Zeit damit verbrachten, vor den Botschaften der Großmächte Fahnen zu verbrennen und lautstark Demokratie einzufordern.

Rävänders erster eigener Schlepper war die kleine Elsa gewesen, die er bald gegen die etwas größere Karhu eintauschte, und dann konnte er auch schon die Vulcanus erwerben. Heute besaß Rävänder eine hochpreisige Wohnung im feinen Stadtteil Kaivopuisto, einen vorzüglichen Schlepper am Kai vor dem Packhaus, ein Auto und dazu noch ein Haus auf den Schären vor Helsinki. All das hatten ihm die Leute vom Lande eingebracht. Aus dem finnischen Hinterwald waren Geld und Menschenmassen gekommen, und Rävänder hatte für die Vermehrung des Geldes gesorgt. Wer sollte sich da beklagen, und es beklagte sich ja auch niemand. Rävänder empfand nicht einmal Dankbarkeit gegenüber jenen Massen von Provinzlern, die ihm den Aufstieg zum Schiffsreeder ermöglicht hatten. Seit den Sechzigerjahren war von einem Umbruch in der Gesellschaft geredet worden, die Roten hatten Demonstrationen veranstaltet, Sprechchöre geschmettert und ihre Spruchbänder geschwenkt. Und was hatten sie erreicht? Nicht mal eine läppische Apotheke war verstaatlicht worden. Einige Gesundheitszentren behandelten die Patienten jetzt kostenlos, und den Arbeitslosen wurde Tagegeld gezahlt. Das war schon so ziemlich alles.

Anfang der Siebzigerjahre, als der Strom der Flüchtlinge weiter anhielt, beschloss Rävänder nachzuforschen, woher all diese Menschen eigentlich kamen. Er fuhr mit dem Auto eine Woche lang durch Finnland, besuchte Häme, Savo, Karjala, Kainuu und schließlich auch Lappland. Dort stieg er auf die höchste Erhebung des Pallastunturi, um sich die Landschaft anzusehen. Ödnis, so weit das Auge reichte. Rävänder wunderte sich, dass in dieser Einsamkeit überhaupt Menschen leben konnten. Schon allein die Mücken! Sie füllten in dicken Schwärmen die Luft, dass es einem den Atem benahm. Von der Ausdehnung des Landes und der Einsamkeit der Provinz konnte sich Rävänder auch andernorts überzeugen. Auf der Rückfahrt besuchte er in Loimaa einen Kuhstall. Die Kühe stanken schlimmer als die Trunkenbolde an Helsinkis Ufern. Rävänder wurde Zeuge, wie die Kühe gemolken wurden. Er fand den Anblick abstoßend. Es dauerte Wochen, ehe er wieder imstande war, Sahne zum Kaffee zu nehmen.

Nach dieser Reise verspürte Rävänder keine Lust mehr, aufs Land zu fahren. Ihm war klar, dass kein vernünftiger Mensch irgendwo im Kainuuer Hinterwald ausharrte, wenn er in der Hauptstadt noch irgendwie unterkommen konnte.

Rävänder genügten Helsinki und das Meer. Er war ein Hauptstädter und wollte es auch bleiben.

Rävänder betrat seine Wohnung, hängte die Jacke in die Garderobe und ging in die Küche. Die Räume waren leer, Tochter Piia war in der Schule und Gattin Liisa in der Stadt. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel, auf dem Liisa mitteilte, dass sie zum Mittag zurück sein würde. Im Kühlschrank und im Backofen wäre etwas zu essen, falls er Hunger hätte. Rävänder aß ein belegtes Brot, trank danach ein wenig Mineralwasser und ging anschließend unter die Dusche. Er wusste, dass er zu Hause nicht nach Öl und Meer riechen durfte. Das Heim war nicht der Maschinenraum des Schleppers, so viel stand fest.

Als Rävänder sich Rasierwasser aufs Kinn rieb, kam ihm unwillkürlich der Gedanke, dass in der Flasche wohl ein Geist wohnen musste. Und wenn nicht ein Geist, dann ein lebendiges Wesen. Seit Jahresbeginn hatte es nämlich mehrmals recht seltsame Vorkommnisse gegeben. Die Rasierwasserflasche, die Rävänder stets auf dem rechten oberen Bord des Badezimmerschrankes, ziemlich dicht an der Wand, abstellte, bewegte sich während seiner Abwesenheit. Manchmal war sie nur fünf Zentimeter von ihrem Platz weggerutscht, manchmal hatte sie aber auch größere Strecken zurückgelegt, sogar einen Sprung gemacht bis aufs unterste Bord. Rävänder versuchte sich die Situation vorzustellen, in der die Flasche gesprungen war. Wie sie nachts im dunklen Schrank bis an den Rand des Bords vorrutscht, eine Weile zögert und dann kühn entschlossen nach unten springt. Wie fand sie da an der Kante bloß Halt?

Außerdem war der Verschluss nachlässig zugeschraubt. Jemand hatte sich in den letzten Monaten an seiner Rasierwasserflasche zu schaffen gemacht, dessen war er sich ziemlich sicher.

Aber vielleicht war er ja auch paranoid. Möglicherweise hatte Liisa das Wasser benutzt, nachdem sie sich die Achseln – oder die Beine – rasiert hatte. Es war so typisch für Frauen, die Flasche nur lose zu verschließen. Auf diese Art und Weise verdunstete die teure Flüssigkeit, dachte Rävänder ein wenig ärgerlich. Er würde das seiner Frau einmal sagen müssen. Konnte sie sich nicht mit ihrem eigenen Kosmetikzeugs begnügen? Das stand schließlich meterweise im Bad herum, die Fächer quollen geradezu über von all den Flaschen und Tiegeln.

Als er ins Schlafzimmer ging, um sich umzuziehen, registrierte er fremde Gerüche. Im Allgemeinen roch es im Schlafzimmer nur nach seiner Frau, aber jetzt mischte sich da noch etwas anderes hinein. So ähnlich roch es im stickigen Salon des Herrenfriseurs oder spätnachts in den Ambulanzen der Krankenhäuser. Für Rävänder entstand der Eindruck, als wären Äther und Fußschweiß in einer Flasche miteinander vermischt und daraus dann einige Tropfen in seinem Schlafzimmer versprüht worden. Er öffnete das Fenster und lüftete gründlich.

Vielleicht habe ich einfach nur schwache Nerven. Auf dem Meer schärft sich der Geruchssinn unnötig, belehrte er sich selbst.

Liisa Rävänder, die Gattin des Reeders, saß im Café Ekberg auf dem Boulevard und trank Tee. Sie schlug die Zeit tot. Es war die typische Beschäftigung für eine Hausfrau, die nur ein einziges minderjähriges Kind zu betreuen hat, das außerdem gerade in der Schule ist. Die Zeit totzuschlagen ist keine wirklich blutige Tat, sodass man sie durchaus am helllichten Tag und in einem vornehmen Café verüben kann. Obwohl alle ringsum sehen, was im Gange ist, greift niemand ein, denn die Zeit totzuschlagen ist nicht gesetzeswidrig. Es ist das einzige Tötungsdelikt, von dem Amnesty International kein Aufhebens macht.

Liisa Rävänder sah sich lustlos um. Am Nachbartisch tratschten zwei junge Frauen miteinander. Oder vielmehr unterhielten sie sich über die Grundfragen des Lebens, und in ihrem Falle waren das der morgendliche Transport der Kinder in die Kita, dann ein langer und langweiliger Arbeitstag im Büro und abends das schreckliche Kochen und der Hausputz. Die beiden waren berufstätig und warfen ab und zu verächtliche Blicke in Frau Rävänders Richtung. Sie ahnten, dass eine Frau, die Tee trank und Zitronentorte mümmelte, Hausfrau war und die Zeit totschlug, und sie sorgten dafür, dass die jedes ihrer Worte hörte. So machten es berufstätige Frauen bei Ekberg, wenn sie in unmittelbarer Nähe einer reichen Hausfrau saßen.

Liisa Rävänder war jedoch gegen all das vollkommen immun. Sie war stolz auf ihren Beruf, auf ihr Dasein als Hausfrau. Sie hatte sich ihre Position selbst geschaffen. Niemand hatte ihr dabei geholfen. Es wäre seinerzeit ein Leichtes für sie gewesen, eine Arbeit in irgendeinem tristen Büro anzunehmen. Man hatte sich geradezu um sie gerissen. Aber sie hatte sich nicht irritieren lassen. Sollte sie etwa Frust schieben, arm bleiben und bis ans Ende ihrer Tage schuften? Nein! Liisa hatte einen kühlen Kopf bewahrt und sich nach einem passenden Ehemann umgesehen. Sie stellte hohe Ansprüche, denn sie war ehrgeizig. Wenn sie schon Hausfrau werden wollte, musste das künftige Heim ein entsprechendes Niveau haben, fand sie. Dieses Heim konnte sie sich nicht selbst schaffen, dafür brauchte sie den passenden Ehemann. Unter diesem Gesichtspunkt teilte sie die jungen Burschen ihres Bekanntenkreises in verschiedene Kategorien ein. Gnadenlos sonderte sie alle Nichtsnutze aus – auch wenn die als Männer irgendwie interessant waren – und ebenso die Mittellosen, Schlechtgestellten, Unbeholfenen. Liisa erkundigte sich nach den Berufen der Väter. Manch Arbeitersohn büßte dabei jegliche Chance ein. Aber Liisa war schön und zielbewusst, wollte und konnte sorgfältig wählen. Sie arbeitete an ihrer Zukunft, überließ nichts dem Zufall.

Ein bisschen Glück war allerdings auch erforderlich. Als sie Aulis Rävänder begegnete, konnte sie ihn zunächst überhaupt nicht leiden. Aber eines Tages erzählte er ihr zufällig, dass er beabsichtigte, Reeder zu werden. Er hatte bereits einen tüchtigen Batzen Geld beisammen. Nur noch ein, zwei Jahre, dann würde er sein erstes Schiff kaufen. Es wäre zunächst ein bescheidener kleiner Schlepper, aber irgendwo musste er ja anfangen.

Außerdem konnte Aulis ziemlich gut küssen.

Gleich am nächsten Tag ging Liisa in die Bibliothek und suchte sich Werke über die Seefahrt heraus. Mit glühenden Wangen las sie alles über Reedereien. Sie erkannte bald, dass das Leben als Reedersgattin das Beste wäre, was sie je bekommen könnte. Ein Reeder wie Antti Wihuri zum Beispiel hatte ganz klein angefangen, und jetzt trug er den Titel Seefahrtsrat und war einer der reichsten Männer Finnlands. Liisa Majanders Entschluss stand rasch fest. Wenn es um ihre eigene Zukunft geht, soll eine begabte junge Frau nicht zögern, sonst ist die Chance womöglich vertan. Noch am selben Abend arrangierte Liisa alles so, dass sie sich – nach der üblichen Ziererei – Aulis Rävänder glücklich hingeben konnte. Am darauffolgenden Morgen kaufte er die Ringe, setzte die Verlobungsanzeige in die Zeitung und zu Johannis fand in der deutschen Kirche von Helsinki die Hochzeit statt. Anwesend war die gesamte Sippe der Majanders. Der große Schritt war getan, die Zukunft zeigte sich in rosigem Licht. Ziel der Hochzeitsreise war das Staatshotel von Imatra, wo das Paar für drei Tage die runde Hochzeitssuite gemietet hatte. Ach, das waren Zeiten, seufzte Liisa stets, wenn sie daran zurückdachte.

Inzwischen waren Liisas Altersgefährtinnen, jene, die sich einen Job gesucht und zwanzig Jahre lang wie die Irren geschuftet hatten, verbraucht und verbittert. Ihre Kinder schnüffelten Klebstoff, und ihre Ehemänner waren Alkoholiker oder Trottel. Das hat man davon, wenn man nicht rechtzeitig für seine Zukunft vorsorgt. Wie die Saat, so die Ernte.   

Liisa Rävänder musste sich allerdings fragen, wie gut ihre eigene Karriereplanung letztlich wirklich geglückt war. Sie war jetzt die Gattin eines Reeders, theoretisch betrachtet. Aber war ein gewöhnlicher, schwarzer, verbeulter Schlepper ein richtiges Schiff? Gewiss nicht. Liisa wusste sehr wohl, welche Art von Schiffen die wirklichen Reeder besaßen: prachtvolle weiße Autofähren oder Tanker von dreihundert Metern Länge, und die gleich in mehreren Exemplaren. Aulis besaß nur einen einzigen Schlepper. In dieser Hinsicht hatte er sein Versprechen nicht eingelöst. Er hatte sich sehr bemüht, aber in den letzten Jahren waren nicht mehr die Erfolge gekommen, die Liisa erwartet hatte. Aulis hatte behauptet, dass die Konjunktur in der Branche schwächele, vor allem, weil man beim Frachtverkehr auf neue Ro-Ro-Schiffe umgestiegen sei, die keine Schlepperhilfe mehr benötigten, wenn sie in den Hafen kamen oder hinausfuhren. Die Zeit hatte ihn überholt, das wusste Liisa, denn sie verfolgte die Entwicklung in der Seefahrt ganz genau. Dafür hatte sie ihre Gründe, schließlich hing ihr Lebensstandard davon ab.

Die Wohnung in Kaivopuisto war natürlich fein und teuer. Und es gab auch noch die schöne Villa in den Schären vor Helsinki. Das Vermögen belief sich auf drei, vielleicht vier oder fünf Millionen Mark, wenn man alles zusammenzählte. Lisa hatte ihren Anwalt gefragt, wie hoch ihr Anteil an der Erbmasse gegenwärtig sei, und der war keineswegs gering. Sie hatte seinerzeit dafür gesorgt, dass kein Ehevertrag abgeschlossen wurde. Ein verliebter junger Mann ließ sich da leicht lenken. Wenn sie sich jetzt von Aulis scheiden ließe, bekäme sie die Wohnung und das Sommerhaus und vielleicht auch ein paar Aktien der Firma. Auf die Vulcanus selbst legte sie sowieso keinen Wert. Mochte Aulis seinen stinkenden Kahn, von dem er dauernd redete, behalten.

Fakt war nämlich, dass Liisa nicht mehr viele Jahre mit Rävänder verplempern durfte, wenn sie im Leben vorankommen wollte. Alle Anzeichen sprachen dafür, dass seine Schlepperfirma nie wirklich groß herauskommen würde. Aulis würde weder den Titel Seefahrtsrat noch Bergrat tragen, nicht einmal den des Kommerzienrates, was schließlich das Mindeste war, was Liisa erwartete. Er stank immer noch nach Öl, sein Haar begann sich zu lichten, sein Nachtschlaf war unruhiger als früher. Auf so einen Mann sollte eine Frau, die Ambitionen hat, nicht bis ans Ende ihres Lebens bauen.

Irgendwie tat er ihr auch leid. Er hatte immerhin alles gegeben, zumindest in jüngeren Jahren. Aulis war stets ein guter Mann gewesen. Und sie hatte sich irgendwie an ihn gewöhnt, das war nicht zu leugnen. Die gemeinsamen Jahre waren in vieler Hinsicht glücklich gewesen. Und wenn Aulis wenigstens theoretische Chancen hätte, zu einem echten Großreeder aufzusteigen, würde sie ihn nicht verlassen. Aber jetzt, da die Zukunft eher grau aussah, war von ihr keine weitere Nachsicht zu erwarten. Eigentlich hatte sie sich schon viel zu lange aufgeopfert. Sie war jetzt vierzig. Fünf Jahre noch, und ihr Körper würde schlaff werden. In zehn Jahren kämen die Wechseljahre. Dann wäre sie im selben Zustand wie ein altes Frachtschiff, das ins Trockendock gehievt wird. Sie würde auf der Liste des Lloyd nicht mehr in der A-Klasse geführt, könnte von Glück reden, wenn sie überhaupt weiterfahren dürfte. In fünfzehn Jahren würde man sie gnadenlos verschrotten. Sie musste also jetzt sofort handeln, denn noch war Liisa Rävänder keine ausgemusterte Ware.

Liisa bemerkte, dass sie die Dinge häufig wie ein Schiffsmakler betrachtete. Kein Wunder, denn sie hatte sich mit der Materie beschäftigt, ihr würde niemand etwas vormachen. In gewisser Weise war sie Seefahrtsspezialistin. Das gehörte zu ihrem Beruf als Hausfrau, deren Lebensstandard vom Meer abhing.

Es war nur so schrecklich schwer, Aulis auf das Thema anzusprechen. Er war eigensinnig und halsstarrig. Viele Männer sind so. Aulis könnte unangenehm werden. Vielleicht würde er brutal reagieren, ganz sicher würde er ihr eine scheuern, daran bestand kein Zweifel. Womöglich würde er sie regelrecht verprügeln, gar totschlagen? Nein, das gewiss nicht. Und die eine Tracht Prügel in zwanzig Jahren bedeutete ja nicht viel, wenn es die letzte blieb. Außerdem hatte Liisa ihre Helfer im Hintergrund. Den Anwalt. Und dann Kurt Kim Karlsson, den sie im Winter kennen gelernt hatte. Ein Schwedisch sprechender, gebildeter, eleganter Mann mit guten Manieren. Groß und schlank, die Stimme weich wie ein Frottierhandtuch, der Atem frisch wie Sekt, die Redeweise intelligent verschlungen wie Spritzgebäck. Im Bett unvergleichlich. Sie musste sich eingestehen, dass sie ein wenig verliebt war in diesen Mann, der eine erfolgreiche Importagentur in Helsinki betrieb. Kurt Kim Karlsson, oder KKK, wie er sich nannte, importierte Maschinen und Anlagen für die Wollindustrie. Liisa hatte sich im Frühjahr mit der Technologie der Wollherstellung beschäftigt und fand sie faszinierend. KKK war ein Mann von Welt, das brachte schon seine Arbeit mit sich. Er sprach genau wie Liisa selbst mehrere Sprachen. Rävänder konnte ja nur ein bisschen Englisch, außerdem natürlich Finnisch und den Slang der Hauptstadt. Letzteren sprach er zum Glück inzwischen nicht mehr, dieses Kauderwelsch hatte Liisa ihm gründlich ausgetrieben.

Wie auch immer, mit KKK hätte Liisa die Chance, ein wenig zu reisen, vielleicht bis in den Fernen Osten, und natürlich in die USA und in andere Länder. Mit Rävänder hatte sie nur Reisen zu den lärmenden Werften von Göteborg und Rotterdam unternommen, wo man dauernd den Kopf einziehen musste, wenn die Kräne Stahlstangen durch die Gegend schwenkten. Außerdem hatte sie das ewige Gerede über Bruttoregistertonnen endgültig satt.

Na schön. Jetzt musste sie jedenfalls nach Hause gehen, Aulis würde dort aufs Mittagessen warten. Wenn es ihr nur gelingen könnte, einen heftigen Ehestreit vom Zaun zu brechen, in diesem Rahmen ließe sich leichter über die Scheidung reden. Einen Streit anzuzetteln war allerdings nicht leicht, denn es dauerte ewig, bis Aulis wütend wurde. Aber sie musste den Versuch wagen. Die Jahre verrannen, man durfte sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen.

Liisa Rävänder verließ das Café. Draußen kaufte sie am Blumenkiosk einen Strauß gelber Tulpen.

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