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Der Mann mit den neunhundertneunundneunzig Gesichtern

JÜRGEN ROTH (HG.)

Der Mann mit den neunhundertneunundneunzig Gesichtern

IN GEDENKEN AN MICHAEL RUDOLF

Weisser Stein

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Großer Dank für immense Hilfe an: Pia Büttner, Thomas Hintner, Marit Hofmann, Peter Köhler, Horst Martin, Christof Meueler, Mark Obert, Michael Ringel, Carola Rönneburg, Ina Rudolf, Michael Sailer, Kay Sokolowsky, Dieter Steinmann, Norbert Thomma

Dieses Buch erscheint zum 2. Februar 2008

In memoriam Michael Rudolf

14. Mai 1961 – 2. Februar 2007

Wer war Holger Sudau? Diese sagenhafte Gestalt, die immer wieder in der Fachwelt an den unmöglichsten Stellen zitiert wird oder als unbestechliche Referenzgröße auftaucht? Nun, zunächst einmal ein wüster Säufer, ein Blender und dreister Scharlatan, dessen Leitspruch »Zum Leben zuviel, zum Sterben zuwenig« lautete, der den Staat DDR, eine waschechte, menschenverachtende Diktatur immerhin, vollrohr ignorierte, ein begnadeter Dichter, ein unbeirrbarer Mahner und Welterklärer, riesengroßer Schlauberger und ein unermüdlicher Minderer des Unglücks, der aus Wissenschaft und Kunst kaum wegzudenken wäre, an den sich aber nicht mal Freunde oder direkt Betroffene erinnern, ein Mann mit neunhundertneunundneunzig Gesichtern und doch selbst seinen engsten Vertrauten, seinen Eltern sogar ein gänzlich Unbekannter. Sonst war bisher kaum mehr bekannt. Holger Sudau – ein Phantom?

Michael Rudolf

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INHALT

Michl Rudolf, alter Seebär!

Holger Sudaus Lebenslauf – Michael Rudolf

Micha – Pia Büttner

Zwei Finger für ein Halleluja – Michael Ringel

Ein städtebauliches Desaster für Greiz – Michael Rudolf

In Gedanken an Michael Rudolf – Reminiszenzen aus Greiz – Gotthard Brandler

Aus den Kolonien (3) – Lebenslauf eines Ureinwohners – Michael Rudolf

Aus den Kolonien (4) – Greiz – Michael Rudolf

Aus der Frühgeschichte des Verlags Weisser Stein – Gerhard Henschel

Nachdenken! – Michael Rudolf

Ein unangenehmes Wochenende – Michael Rudolf

Problemfront – Michael Rudolf

Wozu? – Michael Rudolf

Michi – nimm dies! – F. W. Bernstein

Restless Legs – Michael Rudolf

Wie Michael Rudolf einmal vorm falschen Utopia warnte – Jürgen Brömmer

Mit den Augen einer Frau – Bericht von der Triennale in Greiz/Thüringen 1994 – Fanny Müller

Wirklich sehr komisch – Peter Köhler

Reichlich Zumutungen und ab und zu etwas zu lachen – Mit Michael Rudolf auf kurzen Wegen durch die Welt – Dieter Steinmann

Wie Michael Rudolf einmal mein erstes Buch verlegte – Susanne Fischer

Diederichsen und Tomayer – Michael Rudolf

Der Halbkurze – Michael Rudolf

Bierselig – Edo Reents

In Lohn und flüssig Brot – Michael Rudolf

Der moderne Hausmann – Michael Rudolf

Zwei einsame Zeugen – Thomas Gsella

Wie ich vom rechten Glauben abfiel – Michael Rudolf

Der Barbier von Bebra – Wiglaf Droste/Gerhard Henschel

Androgyne Alkoholiker – Michael Rudolf

Mitteilungen über Michl – Jürgen Roth

Unergründliche Gründe – Marit Hofmann

Schwammige Suppe – Michael Rudolf

Der Segen des Wechselstroms – Michael Rudolf

Im Krug zum grünen Kranze (6) – Michael Rudolf

Im Krug zum grünen Kranze (10) – Michael Rudolf

Egner’s Getränkeagentur – Michael Rudolf

Mythos Bratkartoffel – Michael Rudolf

Die Bratkartoffelaffäre – Dieter Grönling

Presseerklärung vom Bischofferoder Bratkartoffelgipfel oder: Tumultartige Szenen und ein Speckseminar – Michael Rudolf

Aberration von der Wahrheit, Irritation der Leser oder: Bratkartoffelgipfelgegendarstellung – Jürgen Roth

Von den Vorzügen gestrickter Pfannenschoner – Michael Rudolf

Späte Bescherung – Michael Rudolf

Im Krug zum grünen Kranze (34) – Michael Rudolf

Wie das mit den Mädels immer schiefging – Michael Rudolf

Das Fest der Rache – Holger Sudau

Unangenehme Erinnerungen – Michael Rudolf

Im Krug zum grünen Kranze (42) – Michael Rudolf

Sieben – Michael Rudolf

Frau Schröter – Michael Rudolf

Mit sozialistischen Grüßen – Michael Rudolf

Vorsätze – Michael Rudolf

Den Freund mitlesen – Frank Schäfer

Gegendarstellung – Thomas Roth

Kolumne mit ein paar Dochs zuviel – Michael Rudolf

Wer? Der? – Mark Obert

Die neue Wehmütigkeit – Michael Rudolf

Profanes Heilsversprechen – Jürgen Lentes

Wasser, Hopfen, Malz – Michael Rudolf

Irrtümlich verschwunden – Alexander Mayer/Bert Sander

Antipop – Michael Rudolf

Franken-Grunge – Martin Büsser

Päpste, Barone und Anwälte – Lissy Schmidt

Mutters Geburtstag – Michael Rudolf

Prahlhansprosa – Michael Rudolf

Apokalyptische Niederschläge, Häuser voller Kartoffeln und geistige Getränke – Michael Rudolf

Das Bruderkriegen – Michael Rudolf

Ein Autor ist ein Kunde ist ein Amazon-Rezensent – Michael Rudolf

Piff und Paff und Rums! – Michael Rudolf

Schreib nein – Christof Meueler

Explodierender Schaum – Michael Rudolf

Goethe-Tours – Michael Rudolf

Wie Michael Rudolf beinahe einmal einen Riesendeal mit dem Orient an den Haken kriegte und damit mindestens den Weltfrieden hätte retten können – Dieter Steinmann

Umwuchteln und Düdelüten im Forst – Michael Rudolf

Darßer Kahlkopfmagie – Oliver Maria Schmitt

Schlitzaugen und Schlitzohren – Michael Rudolf

Gut gegeben (Kunsterlebnis) – Michael Rudolf

Rockkonzert – Jürgen Roth

Gespräche über Robinien. Differenzen betreffend Elstern – Rayk Wieland

Frühlingsfest am Bach – Michael Rudolf

Der Milchbrätling – Michael Rudolf

Schmecken darf es nie – Michael Rudolf

Kein schöner Land – Glashütter auf großer Fahrt – Michael Rudolf

Sudau lebt noch – Michael Tetzlaff

Noise-Geetarh – Michael Rudolf

Das Leben ein Streich – Michael Ringel

Die Weltformel – Peter Köhler

Eisenbahnmeckerei, quo vadis? – Michael Rudolf

Ballonien – Michael Rudolf

Der ausgebildete Kranke – Michael Rudolf

Über die Verlagsweintrinker – Antwort von Michael Rudolf auf eine Anfrage von Aenne Glienke, ob er sich für einen Band über Bier in der Reihe »50 Klassiker« des Gerstenberg Verlags erwärmen könnte

Kräf-tick – Michael Rudolf

Arno Schmidt revisited – Michael Rudolf

Was bedeutet Ihnen Arno Schmidt? – Gerhard Henschel

Pictures of an Exhibitionist – Holger Sudau

Der See – Michael Rudolf

Fluch über die Fichte – Michael Rudolf

Thüringer des Monats – Bier, Gitarren und der Rudolf – Thomas Behlert

Valentin Sailer – Michael Rudolf

Blick über den Fluß – Michael Sailer

Warum nur? – Michael Rudolf

Mach mehr aus deinem Winterleben oder: Protokoll einer Übernachtung im Iglu – Michael Rudolf

Die Gasthausplage – Michael Rudolf

Ein Abend in Aufseß – Jürgen Roth

Kurze Betrachtung zum Verhältnis Verleger – Autor oder: »Ich kotze schon seit Jahren nicht mehr« – Roland Tauber

La recherche de la bière perdue – Michael Rudolf

Bierbeschaffung für Michi – Ralf Sotscheck

Drei irische Biere und das Mädchen auf Pilzen – Michael Ringel

Ärger machen, wo es geht – Michael Rudolf

Bierbilder oder: Wie es wieder mal für etwas sehr Schönes zu spät war – Michael Rudolf und Volker Kriegel – Dieter Steinmann

Als Tellerwäscher beim Militär – Michael Rudolf

Sudau aus Schleiz – Jürgen Roth

OTZ & Reiner Karg – Michael Rudolf

Zeit für einen Pilzkongreß – Michael Rudolf

Ehrliches Tagebuch (1) – Horst Tomayer

Nicht um jeden Preis – Michael Rudolf

Man könnte … – Michael Rudolf

Wahre Schreibtische. Heute: Michael Rudolf – Dieter Grönling

Tomtetypen – Michael Rudolf

Amazon, Bärlauch, CD-Rohling – Mein kleines, nicht ganz vollständiges Michl-ABC – Klaus Leweke

»Der saubere Herr Rudolf« (Eine Filmkritik) – Eugen Egner

Keiner von denen – Rüdiger Grothues

Rucola-statt-Rauke-Rabauken oder: Stoppt den Genußzwang! – Michael Rudolf

Lupenreine Verbrecher – Thomas Behlert

Keine Chance für Doc Sudau – Michael Rudolf

Was erlauben Fußball? – Michael Rudolf

Platte des Monats – Michael Rudolf

Hessen! Schluß! Ende! Aus! – Michael Rudolf

Preußen! Schluß! Aus! Sense! – Michael Rudolf

Polenhasser an Schmierfink – Ein Mailwechsel – Peter Köhler

Das bleibt – Kay Sokolowsky

Sick of Sick – Michael Rudolf

»Na, wie war ich?« – Sudau forever – Marit Hofmann

Spritzenhaus vor dem Aus – Michael Rudolf

HumorCare Deutschland – Michael Rudolf

Die vier Wunder des Herrn R. – Hans Zippert

Ehrliches Tagebuch (2) – Horst Tomayer

Ehrliches Tagebuch (3) – Horst Tomayer

Sudaus Verschwinden – Michael Rudolf

»Morgenbillich« – Auszüge der Hörspielfassung – Michael Rudolf

Mit Inhalt, nicht mit »Content« – Peter Köhler

No-go-Area – Michael Rudolf

MICHL RUDOLF, ALTER SEEBÄR!

So hatten wir zwar nicht gewettet; aber Du hast es so gewollt: im Greizer Wald, wo Du vor vierzig Jahren zusammen mit Deinen Großeltern sämtliche bekannten Pilz- und Reharten der nordöstlichen Hemisphäre in einem Akt spontaner Willkür komplett um- und neubenannt hast, kurz nach dem Rechten zu sehen und dann die Lebensnot- und -mutreißleine zu ziehen.

Michl, alter, guter Stiefel: Jetzt trinkst Du uns im Deutschen Brauer-Bund-Himmel die siedend schönen Bierkessel auf eigene Rechnung leer und weg, und bei solch sauberer Feinarbeit wollen wir Dich auch nicht stören, auch wenn wir’s zu gerne täten. Aber, good old Lump, hinauf zu Dir brüllen und jammern dürfen und müssen wir doch: Keep on rockin’ and drinkin’ in a Binding-free world!

Deine Schwermutmatrosen von stets Deiner
Titanic

Titanic 8/2007

HOLGER SUDAUS LEBENSLAUF

Michael Rudolf

1961      Holger Sudau wird am 14. Mai in Marienberg als einziger Sohn der Unterstufenlehrerin Helga Katharina Forkel und des Psychologen Paul Werner Sudau geboren.

1962      Das hyperaktive Kleinkind demontiert die Steckdosen im Schlafzimmer und macht mehrfach »Bautz« mit dem Stubenwagen.

1963      Nichts Besonderes.

1964      Erste und höchstwahrscheinlich auch letzte Forschungsreise nach Liberec.

1965      Holger fällt vom Kletterpilz des Kindergartens »Anne Frank«.

1966      Holger wird fünf.

1967      Einschulung.

1968      Mehrfacher Klingelrutsch bei Familie Muschko in der Breitscheidstraße. Mehrmonatiger Oelsnitz-Aufenthalt.

1969      Taschengelderhöhung auf 1 Mark pro Woche.

1970      Der Neunjährige verlernt heimlich das Klavierspielen.

1971      Holger stößt sich in Frotschau mit dem Kopf am Ofenverschluß der Jugendherberge.

1972      Holger kippt in Frotschau kopfüber von der Wippe.

1973      Holger wird in Frotschau nur knapp von einem Stein am Hinterkopf verfehlt. Forschungsaufenthalt im Pöllwitzer Wald und Pilgerreise zum Fraureuther Flegelaltar.

1974      Verwandtenbesuch im Dorf Nietzschareuth. Unkomplizierte Mandeloperation.

1975       Holger verliert in der Talsperre Pöhl seine schöne blaue Taucherbrille und muß ein halbes Jahr für Ersatz sparen.

1976      Holger trägt vorübergehend Seitenscheitel.

1977      Mißglückte Studienreise nach Polen.

1978      Mehrere Entdeckungsreisen an die Ostsee.

1979      Abitur. Holger lernt Tina Peißnitz, seine spätere Lebensgefährtin, kennen.

1980      Studium der Kriegskunst.

1981      Beginn des Studienaufenthaltes in Halle.

1982      Ende des Studienaufenthaltes in Halle.

1983      Studienaufenthalt in Reichenbach.

1984      Rede auf dem Prager Parteitag der Radikalen Mitte.

1985      Kongreß Konkretes Forschen. Studienaufenthalte in Ungarn und Dippoldiswalde.

1986      Wochenend-Forschungsferien auf der Burgruine Liebenau.

1987      Sudaus Fahrrad wird im Wald gestohlen. Erster Westberlin-Aufenthalt.

1988      Keine Ausstellungen in Berlin, New York und Krumpa-Lützkendorf. Ingenieur. Zweiter Westberlin-Aufenthalt.

1989      Sudau verfolgt uninteressiert die politischen Wirren und engagiert sich nicht aktiv bei den Demokratiebewegungen.

1990      Sudau verschwindet plötzlich.

»Morgenbillich« – Die Wahrheit über Holger Sudau,

Münster: Oktober Verlag 2003

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1979.

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1982.

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1981.

MICHA

Pia Büttner

Michael. Micha. Die Erinnerungen an ihn blitzen in meinem Gehirn auf wie tausende Irrlichter. Eher verwirrend als erhellend. Es sind schöne Erinnerungen, die meisten sind unklar, hinterlassen aber ein Gefühl der Wärme.

Am 1. September 1975 habe ich Michael kennengelernt. Es war unser erster Schultag an der Greizer Penne, der EOS »Dr. Theodor Neubauer«. Dort sollten wir die nächsten vier Jahre gemeinsam bis zum Abitur in einer Klasse verbringen. Teilweise kannte man sich untereinander. Doch Michael, der genau einen Tag älter war als ich, kannte ich noch nicht.

Er war kein Lauter, aber auch keiner, der sich immer unterordnete. Kritik verpackte er schon damals oft in spöttische Bemerkungen oder formulierte er so, daß bei manchem der Groschen erst später fiel. Und ich habe den Verdacht, daß er dabei häufig diebische Freude empfand.

Ich erinnere mich an eine Episode, die mich damals schon tief beeindruckte. Michael mußte an die Tafel und irgendeinen Sachverhalt darstellen. Worum es ging, weiß ich nicht mehr, aber ich sehe ihn noch dort stehen. Er positionierte sich mitten vor der Tafel, begann mit links zu schreiben, wechselte die Kreide in die rechte Hand und fuhr fort, sein Wissen zu fixieren. Keinen Schritt bewegte er sich nach links oder rechts. Ich dachte: »Einseitig is’ er nicht.«

Mit einem Grinsen setzte er sich wieder, den Moment der ungeteilten, teils auch bewundernden Aufmerksamkeit genießend.

Prägend für ihn war aber auch seine Liebe zur Musik. Da galt er als echter Kenner. Und er wußte so vieles über Frank Zappa, Bob Dylan und all die anderen. Folgerichtig wurde er schon zu einem der ersten Klassenabende, die immer mal wieder von uns im Schuljahr gefeiert wurden, zum Musikverantwortlichen ernannt. Wir saßen dann in irgendwelchen Räumen außerhalb der Schule zusammen, redeten, tanzten oder lauschten einfach der Musik. Und hinterher klappte auch der Zusammenhalt in der Schule häufig besser.

Er war mit vierzehn in vielem ernsthafter als so manche Jungen gleichen Alters, konnte aber genausogut und genauso gern rumblödeln, wenn auch nicht selten auf deutlich höherem Niveau. Irgendwie hatte ich manchmal das Gefühl, daß er uns veralberte und wir es oft genug nicht merkten. Das mag auch mit seiner nicht einfachen Kindheit zu tun gehabt haben. Er lebte bei seinen Großeltern und hatte es wahrlich nicht leicht. Ein behütetes Elternhaus, wie es viele von uns kannten, hat es für ihn nicht gegeben. Schon früh mußte er mit Problemen und emotionalen Verletzungen fertig werden, die er nie nach außen trug. Nur manchmal und meist nach langen Gesprächen klangen diese andeutungsweise an. Doch wenn man nachfragte, wechselte er häufig ganz charmant und grinsend das Thema. Er hat sich, so glaube ich, schon damals eine Fassade zugelegt. Er hat nur wenige wirklich in sein Inneres sehen lassen. Und mit seinen oft spöttischen Bemerkungen hat er sich nicht nur Freunde gemacht. Er polarisierte mit seinem Wesen.

Jahre später, wir fuhren zufällig im gleichen Zug von Leipzig nach Reichenbach/Vogtland, es muß während der Buchmessezeit gewesen sein, erzählte er mir von seinen Begegnungen mit Manfred Böhme. Dieser lebte damals eine Zeitlang in Greiz und scharte Intellektuelle und Jugendliche um sich, die er zu philosophischen Diskussionen und Denkweisen, zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen und zu literarischen Betrachtungen anregte. Michael war einer von ihnen und hat viel aus diesen Zusammenkünften im Humboldt-Klub, die hie und da auch den Anschein konspirativer Treffen gehabt haben müssen, verinnerlicht.

Später erlangte dieser Manfred Böhme, zwischenzeitlich hatte er sich den zweiten Vornamen Ibrahim zugelegt, nationale Bekanntheit, als er 1990 für die SPD als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten der DDR ins Rennen ging, kurz bevor seine Tätigkeit für die Stasi offenbar wurde. Letzteres war für viele ein Schock – daß ausgerechnet derjenige, der zum Denken und Widerspruch animierte, seine »Freunde« schmählich verriet.

Ich erinnere mich, es war irgendwann nachts, wahrscheinlich nach einem Klassenabend, wir standen an einer Weggabelung und redeten und redeten, stundenlang. Über Gott und die Welt, vielleicht auch über Musik, von der ich herzlich wenig Ahnung hatte, über die Michael aber so wunderbar erzählen konnte. Seine Sicht der Dinge deckte sich häufig mit der meinen, und da, wo mir vieles nicht klar war, brachte er mit einer kleinen Bemerkung manchmal Licht ins Dunkel.

Später, ich arbeitete inzwischen in der Bibliothek, haben wir uns oft gesehen. Er war ein sehr aktiver Nutzer, wohnte ja auch gleich um die Ecke. Ich weiß noch, daß er historische und regionalkundliche Literatur, aber auch immer wieder Anthologien bevorzugte. Die regionale Geschichte hat er ja dann auch in einigen Publikationen niedergeschrieben, sei es zur Burg Liebau, im Bildband über die Burgen im Vogtland oder im kleinen, 2002 erschienenen Bildband Greiz. Vor allem in letzterem wird trotz allem seine Verbundenheit mit dieser Stadt deutlich.

Er hatte es nicht immer leicht, und insbesondere ein Artikel, Anfang der Neunziger in der Titanic erschienen, sorgte für einen Aufschrei in der Stadt. Durch die Presse geisterten Artikel, die den »Schmierfink« Rudolf anprangerten, der die Stadt verunglimpfe. Die Titanic hatte bis zu diesem Zeitpunkt kaum jemand in Greiz gekannt, geschweige denn gelesen. Doch wie das häufig so ist, hat sich in Windeseile herumgesprochen, daß da Michael Rudolf einen Artikel veröffentlicht habe, der ja so schlimm und unverschämt sei. An diesem Tag, wir hatten die Zeitschrift in der Bibliothek noch nicht mal, rannten uns die Leute fast die Türen ein. Jeder wollte ihn lesen. Wie es der Zufall so wollte, kam auch Michael just an diesem Tag vorbei und konnte sich seines bekannten Grinsens kaum erwehren. Er hatte, wie in einer satirischen Betrachtung ja normal, das kleinstädtische Leben und die Verschiebung des Wichtigen auf ernährungsrelevante Aktivitäten aufs Korn genommen. Art pour l’art. Art Poulard. Der Umgang mit Satire mußte auch hier erst gelernt werden.

1992 arbeitete er im Landratsamt in der Unteren Denkmalschutzbehörde. Er erfaßte und beschrieb die Objekte der Kreisdenkmalliste Greiz. Auch hierbei waren seine Kenntnisse der regionalen Geschichte wichtig. Noch heute existieren hier zahllose Akten mit dem Vermerk »Bearbeiter: Rudolf«.

Die Gründung seines Verlages Weisser Stein, zusammen mit Gerd König, war für ihn ein Traum. Er hatte mir lange vorher schon mal davon erzählt, auch daß er in einem Berliner Verlag ein Praktikum oder Volontariat machen wollte. Das war das, wo er sich und seine Interessen verwirklichen konnte. Das Verlagsprogramm machte es dann auch deutlich. Er legte wichtige regionalgeschichtliche Literatur wie den Reußischen Robinson oder Die Geschichte der Stadt Greiz wieder auf, nahm aber auch kleine Bändchen beispielsweise von Greser & Lenz oder Gerhard Henschel ins Verlagsprogramm, die nicht dem Mainstream entsprachen und auch nicht vordergründig dem Kommerz geschuldet waren. Auch Ausstellungskataloge des Greizer Satiricums gehörten dazu – Drei Jahrhunderte Satire aus dem Sommerpalais Greiz und der Katalog zur 1. Triennale »Karikatur, Cartoon & Komische Zeichenkunst«.

Im Satiricum, also im Greizer Sommerpalais, war Micha auch immer ein gerngesehener Gast, wenn er auch nicht bei jeder Vernissage oder Veranstaltung dabei war. Bei F. W. Bernstein, Sebastian Krüger oder Rudi Hurzlmeier war er auf jeden Fall da. Immer wieder unterhielten wir uns dabei auch über seine Bücher, die – wie das Bierlexikon – so manchen Rechtsstreit heraufbeschworen oder – wie Die Thüringer pauschal – wieder die Kritiker auf den Plan riefen.

Während der Vernissage von Rudi Hurzlmeier im Sommer 2005 hat er mir zum erstenmal von seinen Depressionen und seiner Krankschreibung wegen des Burnout-Syndroms erzählt. Es war eigentlich das erstemal, daß er schnell und offen über seine Probleme gesprochen hat. Und es hat mich tief erschreckt. Ich hatte ihn stets als stark und sicher empfunden, wenngleich ich immer wußte, daß er sich nach außen anders gibt. Nicht mehr schreiben zu können und seinen eigenen Ansprüchen nicht zu genügen, das war für ihn unglaublich schlimm. Ich hätte ihm so gern geholfen.

Und so war ich richtig froh, als wir uns im Oktober 2006, es war nach der Ausstellungseröffnung »Von Kindern und anderen Riesen« von Manfred Bofinger, noch abends beim Griechen in der Altstadtgalerie trafen. Ina und Eva waren auch dabei, Fritz Weigle war da, Luise, die Tochter von Manfred Bofinger, und Gabriele Bofinger und einige Mitarbeiter des Satiricums. Michael wirkte so fröhlich, er warf sich mit Eva die Gesprächsbälle zu, daß es eine wahre Freude war zuzuhören. Wenn er sich mit ihr über die Simpsons, die für beide zum täglichen Ritual zählten, unterhielt oder über Walter Moers oder überhaupt. Auch von seiner kleinen Brauerei im Keller seines Hauses erzählte er mit leuchtenden Augen. Das war nicht gespielt, soweit kannte ich ihn dann doch. An diesem Abend ging es ihm gut, und ich wollte so gern glauben, daß dies ein dauerhafter Zustand sei.

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Klassenabend, 1976.

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Erweiterte Oberschule (EOS) »Dr. Theodor Neubauer«, 1977.

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Klassentreffen, 1979.

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EOS »Dr. Theodor Neubauer«, 1979.

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Greiz, Lessingschule, bis 1990 Polytechnische Oberschule (POS).

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Gymnasium Greiz, vormals EOS.

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Haus der Großeltern, Rudolf-Breitscheid-Straße 15, Greiz.

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ZWEI FINGER FÜR EIN HALLELUJA

Michael Ringel

Die zweite Beerdigung des Jahres war sogar noch komischer als die erste im März. Irgendwann während des Leichenschmauses war das Niveau da, wo es hingehörte: unterirdisch. Die Hinterbliebenen erzählten sich Kinderwitze aus der Wortspielhölle. Mein Favorit: Findet ein Junge im Zug einen Hut. Im Inneren des Hutes ist ein Name eingestickt: Reinsch. Geht der Junge mit dem Hut durch den Zug und fragt: »Irgend jemand, der hier Reinsch heißt?«

Gibt es im journalistischen Gewerbe eigentlich die Sparte des Beerdigungskritikers? Ich melde mich freiwillig, und da der Tod in letzter Zeit immer näher kommt, bringe ich inzwischen einige Erfahrung mit. Innerlich gewöhne ich mich schon an die Berufsbe-zeichnung und sehe auch die entsprechende Zeile auf meiner Visitenkarte vor mir: »Beisetzungskritiker«. Das klingt doch nach etwas! Auch wenn es ein noch viel zu unterbewerteter Berufszweig ist. Etwa so unterschätzt wie der des Bestatters. Warum kennt man nur so wenige Bestattungsunternehmer? Wahrscheinlich gibt es in diesem Metier höchst luzide Persönlichkeiten. Wie zum Beispiel jene Bestattungsfachkraft, der ich vor der Friedhofskapelle am vergangenen Freitag die Hand gab.

Kurz darauf saß ich in der Kapelle und fixierte das mittlere der drei bunten Kirchenfenster. Reflexartig war ich in das alte Konfirmandensyndrom verfallen: Sitzt du in einer Kirche, dann suche dir einen markanten Punkt, fixiere ihn unentwegt und lasse deine Gedanken schweifen, bis dir etwas Komisches in den Kopf kommt. Dann denke an nichts anderes mehr. Das hilft, wenn es auf der Kanzel zu pathetisch wird oder der Schmerz dich überwältigt oder dich die Wut überkommt wegen der Abwesenden, die zu feige waren, zu erscheinen, um dem ehemals eng Befreundeten die letzte Ehre zu erweisen. Unehrenhafte Leute sind das, die Angst haben, auf Trauernde zu treffen, mit denen sie verfeindet sind. Als ob das im Angesicht des Todes zählen würde.

An genau dem Punkt war das Beiseitedenken sehr nützlich, ausnahmsweise aber berechnete ich einmal nicht die Entfernung zwischen mir und dem Kirchenfenster und wie lange ein Stein bräuchte, um im Fensterkreuz einzuschlagen. Meine Gedanken umkreisten vielmehr den Bestatter, genauer: seine Hand, die ich eben noch gedrückt hatte. An der Rechten, wie ich gleich bemerkte, fehlten ihm der Ring- und der Mittelfinger. War ihm ein Sargdeckel draufgefallen? Oder war er beim Zersägen abgerutscht? Oder wollte er absichtlich ein Teufelshorn haben? Oder hatte er eines Tages, verzweifelt über sein ewiges Ringen mit dem Tod, dem Sensenmann den Stinkefinger gezeigt, der ihm zur Strafe gleich zwei Finger absäbelte? Und bestellt er heute in seiner Stammkneipe zu fortgeschrittener Stunde auch schon mal fünf Bier für die Männer vom Sägewerk und hält dann dem Wirt drei Finger hin? Haben Bestatter überhaupt Humor?

Eine letzte Frage: Hat man keinen Respekt vor den Toten, wenn man bei einer Trauerfeier Komisches denkt? Im Gegenteil! Sonst hätte der Tod ja gewonnen. Humor ist das einzige Mittel, den Tod zu besiegen. Man sollte mal mit einem Bestatter ein Bier trinken gehen. Vielleicht kennt er noch eine andere Methode.

taz, 17. August 2007

EIN STÄDTEBAULICHES DESASTER FÜR GREIZ

Michael Rudolf

Greiz. Wenn erst einmal in einer thüringischen Kleinstadt mit reichlich 30000 Einwohnern der marktwirtschaftliche Groschen gefallen ist, dann gibt es kein Halten mehr. Was derzeit heiße Köpfe bei engagierten Bürgern erzeugt, ist eine geplante fünfspurige Entlastungsbrücke über die Weiße Elster, um die Greizer Innenstadt vom Verkehr der Bundesstraßen 92 und 94 freizuhalten. Die Blechlawine beschert der Stadt nicht erst seit 1990 morgens von sieben bis elf und nachmittags von 14 bis 18 Uhr den Kollaps mit mehr stop als go. Die ungünstige Tallage fördert zudem eine nicht nur den Einwohnern hart zusetzende Dunstglocke.

Das Ganze ist eigentlich hausgemacht, denn die neuen Westautos wollen ausgefahren sein, der öffentliche Nahverkehr erscheint unattraktiv. Daß freilich der Individualverkehr in der Stadt problematisch ist, war bereits zu SED-Zeiten bekannt, Projekte für eine Art Entlastungshochstraße geisterten durch die Bauämter, aber eben nur dort. Mit der Wende und den seit jüngst zur Verfügung stehenden Mitteln aus Bonn wurden vergilbte Pläne wieder ausgerollt.

Angesichts der Bestrebungen in den alten Bundesländern, die Straßen »zurückzubauen«, nehmen sich die Aktivitäten in Greiz eher grotesk aus. Der aus dem Westen importierte Bürgermeister Leonhardt (CDU) drückt bei den Stadtverordneten kräftig auf die Tube, man solle schnell entscheiden, da die Mittel nicht unbegrenzt lang bereitstünden. Da ganz im Sinne von Bundesverkehrsminister Krause alles so schnell wie möglich gehen soll, blieb die generell in solchen Fällen übliche Ausschreibung eines Architektenwettbewerbs unberücksichtigt. Einer öffentlichen und ausführlichen Diskussion zu diesem Thema wurde schlicht das Wort abgeschnitten. Die Modelle und Baupläne wurden zwar in der Stadtinformation ausgestellt, doch sind diese nach Meinung des Greizer Architekten Matthias Hamann falsch in Perspektive und Dimensionierung und vermitteln dem Betrachter eher ein abgemildertes Bild vom eigentlichen Ausmaß des drohenden städtebaulichen Desasters.

Sturheit der regierenden CDU wird offenbar: Einwände von SPD und Bürgerbewegungen wurden in alter Manier abgeschmettert. Wenn Einwände, dann von Fachleuten, heißt es. Die selbsternannten Spezialisten der Stadtverwaltung sehen jedenfalls keine Veranlassung, auf die ökologischen wie denkmalpflegerischen Bedenken einzugehen, und bezeichnen die Kritik als überzogen und nicht gerechtfertigt.

Das Projekt ist so ausgelegt, daß eine vierspurige Betonbrückenkonstruktion über die Weiße Elster in zwei Ausfallstraßen münden soll, in Richtung Plauen und in Richtung Gera. Hierbei ist eine konkrete Trassenführung für die Straße nach Plauen noch gar nicht festgelegt, jedoch kommt ein vierspuri