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Der Mann mit dem Tattoo am Hinterkopf

Ringo P. ist ein Junkie. Das sagt er über sich, obwohl er seit fast 30 Jahren clean ist. Seine Biografie ist nicht ungewöhnlich für einen Mann, der in den blumigen und drogengeschwängerten 1960er und 70er-Jahren im Dunstkreis einer Großstadt aufwuchs. Es war die Zeit, als die Rockszene Sätze prägte, die wie ein Hohn auf das Leben klingen. „Sex and Drugs and Rock`n‘ Roll“ gehörten zum Lebensstil dieser wilden Jahre. Ringo P. brachte die Drogensucht nah an den Abgrund. Offen erzählt er seine Geschichte vom Abdriften in die Szene, dem Weg heraus aus dem Drogensumpf und wie er heute den Versuchungen einer Flucht aus der Realität mit Tabletten oder Rauschgift widersteht.

INHALT

1 Gefühlschaos

2 Familie

3 Jugendjahre

4 Geplatzter Traum

5 Die Macht der Clique

6 Rebellische Jugend

7 Zwei Welten

8 Facetten der Sucht

9 Versuchung

10 Im Würgegriff der Drogen

11 Drogenhölle Frankfurt

12 Unfälle und Eskapaden

13 Kohle machen für den Druck

14 Revolver am Kopf

15 Leben und Tod

16 Begegnungen im Knast

17 Therapien

18 Folgen der Sucht

19 Erste Schritte in ein neues Leben

20 Ein neues Leben

21 Der Glaube beflügelt

22 Tattoo am Hinterkopf

23 Vertreibung und Vergebung

24 Nachwort Pater Klaus Mertes SJ

25 Anhang: Drogen am Hochrhein

VORWORT

Mein ganzes Journalistenleben habe ich mich standhaft geweigert, ein Druckwerk wie dieses zu verfassen. Meine Ehepartnerin drängte mich zwar aber und abermals wieder dazu, doch ich blieb beharrlich. Ehrlich, ich hatte keine Lust neben meinem erfüllenden Beruf, der für mich immer Berufung war, ein Buch zu schreiben, das anschließend neben unzähligen anderen Werken ungelesen in irgendeinem Buchladen vor sich hingammelt, weil es – außer meiner Frau – niemanden interessiert. Wie sie sehen und lesen können, musste ich beinahe siebzig Jahre alt werden, um mich hinzusetzen und ein Buch zu schreiben. Es ist eine Biografie geworden über einen Menschen, dessen Lebensgeschichte fast unglaublich erscheint. Seinen echten Namen haben wir nicht verwendet, um seine Familie zu schützen. Aus diesem Grund haben wir ebenfalls den Namen seiner Frau geändert und weitere Personen in dieser Biografie nicht namentlich genannt. Kennengelernt habe ich ihn, als er mit einem Polizeikommissar vor Jugendlichen im Alter von 13, 14 Jahren in einer Schule seine bewegende Geschichte erzählte. Es galten die Corona-Maßnahmen, also trug er die ganze Zeit einen Mund-Nase-Schutz. Seine Augen sprachen allerdings Bände. Er erzählte traurige, spannende, brutale und berührende Episoden aus seinem Leben, das ihn fast an den Abgrund geführt und das Leben gekostet hätte. Eines Tages fragte er mich am Telefon, ob ich nicht seine Geschichte aufzeichnen möchte. Das war, nachdem ich seine Drogen-Karriere in einer Reportage für den SÜDKURIER aufgeschrieben hatte. Lange musste ich nicht überlegen, ich sagte zu. Warum? Seine Erzählungen haben mich gepackt, mich emotional durcheinandergewirbelt, schließlich bin auch ich ein Kind der Flower-Power-Zeit, der freien Liebe und des Auflehnens gegen die Weltanschauungen der spießigen Lebensart unserer Eltern. Meine Helden waren die Rolling Stones – und sind es bis heute geblieben. Obwohl ihr Drogenkonsum immer wieder Thema in den Medien war, haben mich Hasch, LSD oder andere Rauschgifte nie interessiert. Dafür gibt es viele Erklärungen. Der wichtigste Grund ist dieser: Ich hatte früh eine feste Beziehung, die mir Halt und Orientierung gab und bis heute gibt. In diesem Buch habe ich auch einige Erlebnisse aus meinen Leben geschildert, um die krassen Gegensätze beider Welten herauszustellen. Mir wurde dabei bewusst, wie sehr der Weg, den wir im Leben gehen, von Zeit, Ort und den Umständen, in die wir hineingeboren werden, abhängig ist. Egal ob man es Zufall, Schicksal oder göttliche Fügung nennt.

Um die damalige Zeit gerade für jüngere Leser einzuordnen, habe ich auch aus Zeitungen, Polizeistatistiken, anderen Medien und aus einer Reportage-Serie zum Thema Drogen am Hochrhein, die ich für den SÜDKURIER im Jahr 2020 geschrieben habe, zitiert. Dieses Buch ist also auch eine Zeitreise zurück in die 1960er bis 1990er-Jahre, die für Ringo so dramatisch verliefen.

Ringo wuchs im Dunstkreis einer Großstadt auf, verinnerlichte die Philosophie von Janis Joplin, die ihr „Live Fast, Love Hard, Die Young“ (Übersetzt aus dem Englischen: „Lebe schnell, liebe heftig, stirb jung“) bis zum tödlichen Ende ihres exzessiven Lebens mit 27 Jahren ausgelebt hat. Ich hatte Glück, vielleicht, weil ich auf dem Land aufwuchs und sich mein Leben nur um Fußball, Rockmusik und Mädchen drehte. Ringo erlag den drogengeschwängerten Verführungen der Großstadt. Ein Vierteljahrhundert warf er alle Drogen ein, die es für Geld zu kaufen gab oder mischte sich einen gefährlichen Cocktail aus Tabletten und Heroin. „Ich habe überlebt“, sagt er heute mit Mitte 60.

Die vielen Facetten seines Lebensweges zogen mich an wie ein Magnet. Schon beim Treffen in dieser Schule kurz vor Weihnachten war mir klar, dass eine Reportage nur bruchstückhaft dieses erbarmungslose Leben auf dem dünnen Drahtseil zwischen ausschweifenden Drogen-Exzessen und der ruhelosen Suche nach dem ultimativen Kick auf der einen und dem allgegenwärtigen Tod auf der anderen Seite widerspiegeln kann.

Eine wesentliche Rolle bei Ringos Weg heraus aus dem Drogensumpf spielte sein Glaube. Dieser ist ihm auch heute noch ein großer Halt und das Hauptthema des letzten Teils des Buches.

Die Corona-Vorgaben bremsten uns aus, persönliche Kontakte waren in Zeiten staatlich angeordneter sozialer Distanz praktisch unmöglich. Nun ist das Buch fertig, unser gemeinsames Werk. Ein wenig bin ich stolz darauf, dass Ringo so offen zu mir war und ich seine außergewöhnliche und dramatische Lebensgeschichte aufschreiben durfte.

GEFÜHLSCHAOS

„Eigentlich war ich als Kind nicht der Richtige!“ Ein bewegender Satz, der Ringo P. immer wieder über die Lippen kommt, wenn er an seine Kindheit denkt. Eigentlich hätte er nämlich ein Mädchen werden sollen – das war zumindest der Wunsch seiner Eltern, erzählt er. Dass er das immer noch erwähnt, sagt viel über ihn aus. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, konnte mit sich und dem Gefühlschaos in seinem Kopf und seinem Herzen nichts anfangen. Nun ist er über 60 und immer wieder sagt er diesen einen Satz, wenn er vor Schülern sein Leben schildert. Eine Geschichte, auf die er nicht gerade stolz ist - zu großen Teilen jedenfalls.

Wenn er an seine Mutter denkt, glaubt er inzwischen: „Sie wollte mich zu jemand anders machen, als ich bin. Auf Bildern sehe ich aus wie ein Mädchen. Sie hat mich verbogen und nicht als Jungen angenommen. Bei meinem Vater war das anders, er hat mich so genommen, wie ich bin!“ Die langen Haare wurden erst abgeschnitten, als er in den Kindergarten ging. Plötzlich sollte er der Junge sein, der er bisher nicht sein durfte. Dieser harte Bruch, die völlige Wandlung in seinem Leben war für den Dreijährigen nicht zu verstehen. Sein Zuhause beschreibt er trotz dieser inneren Zerrissenheit als herzlich.

Das Gefühl, nicht richtig zu sein, weil er nicht die gewünschte Tochter, sondern ein nicht gewollter Sohn war, machte ihn aus seiner Sicht zu einem Sonderling: „Mein Innerstes war ganz geknickt, weil ich gespürt habe, dass ich nicht der Richtige war!“ Als er in die Schule kam, begann die zweite Katastrophe: Er war Linkshänder, was in den 1950er und `60er-Jahren ein Makel war, den es auszumerzen galt. So mancher Lehrer wollte Schülern deshalb das Schreiben mit der linken Hand mit fragwürdigen Methoden austreiben. Wie oft habe ich selbst den Satz gehört, wenn jemand in meiner Klasse mit links schrieb: „Nimm die schöne Hand!“ Die „zwangsweise Umschulung“ der Linkshänder war in meiner Wahrnehmung damaliger Standard an den Schulen. Ringo traf es noch schlimmer, er schrieb mit der linken Hand in Spiegelschrift. „Da konnte mit mir ja etwas nicht stimmen“, erzählte er und machte dabei eine kleine Pause, die mich nachdenklich stimmte. Sein Selbstwertgefühl war zu dieser Phase praktisch nicht vorhanden. „Ich fing an zu stottern, weil ich irgendwie nicht reden konnte. Mir wurde das Lernen kaputtgemacht. Alles in mir war verdreht und ich habe ins Bett gemacht.“ Damals habe er sein Selbstbewusstsein verloren, das er bis dahin durchaus hatte. „Als meine Eltern etwas gemerkt haben, war es eigentlich viel zu spät…“ Aufgrund des Stotterns kam der Junge auf eine Sonderschule für Sprach- und Hörgeschädigte. Dort hatte er eine schöne Zeit, schloss Freundschaften.

„Sonderschulen“, so nannte man in jener unsensiblen Zeit Einrichtungen, auf die Kinder mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung geschickt wurden. Immerhin hatten sie einen Anspruch auf Schulbildung, den es erst ab Mitte der 1960er-Jahre gesetzlich verankert gibt. Landläufig wurden alle Kinder, die eine solche „Sonderschule“ besuchten als „Behinderte“ bezeichnet, was noch eine eher harmlose Formulierung war. In dem kleinen Dorf, in dem meine Eltern mit meinem jüngeren Bruder und mir lebten, waren die Ausdrücke für diese Außenseiter der Gesellschaft deutlich derber. Für uns Dörfler waren es „Dubel“ oder „Dorfdeppen“. Davon gab es in jedem Ort mindestens einen, daran erinnere ich mich sehr gut. Grausame Ausdrücke, die wir Kinder den Erwachsenen nachplapperten, die diesen Kindern allerdings überhaupt nicht gerecht wurden. Heute sehe ich diese Menschen selbstverständlich ganz anders. Aus Erfahrung bin ich klug geworden. Menschen mit Behinderung sind ein Teil unserer Gesellschaft. Sie haben es verdient, dass wir uns um sie kümmern. Niemand kann etwas dafür, wie und wo er geboren wird, gesund oder mit einer Behinderung.

Ringo war nun also Sonderschüler in einer Einrichtung für Sprach- und Hörgeschädigte, deshalb fühlte er sich noch mehr als Außenseiter, ausgegrenzt, abgeschirmt von der Welt der „Normalen“.

FAMILIE

Viele Kindheitserlebnisse liegen schemenhaft hinter einem Schleier, der selbst für ihn, der alles erlebte, nur schwer zu durchdringen ist. „Ich war eher ein überbehütetes, letztlich aber verbogenes Kind. Meine Mutter saß auf mir wie eine Henne auf ihrem Küken. Mein Vater war ein herzensguter Mann, Grenzen gab es bei ihm für seine Kinder nicht. Er hat zu meiner Mutter immer gesagt: Lass ihn machen!“ Aus heutiger Sicht fehlten ihm Leitplanken und Regeln, an die er sich hätte halten können. „Ich konnte alles ausprobieren, musste mich nicht reiben.“ Diese Reibung habe ihm gefehlt. Im Unterbewusstsein hatte er sich gewünscht, dass ihm Grenzen gesetzt werden.

*

Wie oft in Haushalten der 1950er und 1960er-Jahre waren die Rollen auch bei Familie P. klar verteilt: Der Mann ging zur Arbeit und brachte die Kohle heim, die Frau war für Kinder und Küche zuständig. Im Haus führte die Mutter das Regiment. Ringo beschreibt sie dennoch als ruhig, leise und zurückhaltend. Alles musste immer perfekt sein, nie lag etwas unordentlich herum. „Wir Kinder konnten es ihr nie recht machen. Wenn sie auf uns sauer war, hat sie mit mir und meinem Bruder nicht mehr gesprochen, war beleidigt und hat sich zurückgezogen“, erzählt Ringo. Der offene Umgang mit Konflikten gehörte in der Familie nicht dazu. Probleme wurden lieber weggeschwiegen oder verharmlost!

Seine Mutter ging nicht gerne aus dem Haus, war eine „Hausmutter“ – das war ihr Reich, hier bestimmte allein sie, wie es zu laufen hatte. Reinlichkeit spielte bei ihr eine beherrschende Rolle. Bevor sie zu einem Arzttermin ging, wurde erst einmal das Haus gründlich geputzt – man konnte ja nie wissen. Zum Arzt zu gehen, war für sie eine Sensation, ein wahres Glanzlicht in ihrem grauen Alltag. Weil sie vorwiegend zu Hause war, kannte sie nicht viel anderes als die kleine, überschaubare Welt ihrer Familie. Ihre Wohnung in einem typischen Wohnblock der 1960er-Jahre und das Treppenhaus waren ihr Universum, Häkeln und Stricken ihre Freizeitbeschäftigung – ebenso gehörte das Beobachten der Nachbarn dazu. Ab und an gab es Besuch von ein paar Bekannten, mehr Abwechslung kam im Leben von Ringos Mutter nicht vor. Scheinbar genügte es ihr. Die emotionale Distanz zu seiner Mutter schwingt mit, wenn er von ihren berechnenden Schachzügen erzählt, mit denen sie immer wieder zum Ziel kam. „Sie war schwer lungenkrank, allgemein ein kränklicher Typ. Damit hat sie aber auch viele Dinge in unserer Familie manipuliert“, sagt Ringo.

Aber sie hatte auch ihre liebevollen Momente im Umgang mit den Kindern, wie folgende Geschichte zeigt: „Wenn wir im Winter vom Spielen nach Hause kamen, wurden wir gleich gebadet und vor den großen Ofen gesetzt, um uns aufzuwärmen.“ Dort schlief der kleine Junge oft ein. Worauf ihn sein Vater ins Bett trug. „Das war schon schön“, erzählt Ringo und lächelt dabei.

*

Zu seinem Vater hatte der Filius der Familie ein freundschaftliches Verhältnis. Mit ihm haben die Geschwister unvergessliche Abenteuer erlebt. Der Vater war mit den beiden Brüdern im Wald oder ging mit ihnen zum Spielen in eine Kiesgrube. In dieser Schottergrube kam es zu einer lustigen Begebenheit. „Dort hat unser Vater mal seine Zähne verloren. Wir mussten sofort aufhören, im Wasser zu graben. Er tauchte unter, hat seine Zähne gesucht und er hat sie wieder gefunden“, erzählt Ringo diese Schmunzelgeschichte aus seiner Kindheit. Solche unbeschwerten Tage gab es immer wieder.

Auf der Seele seines Vaters lagen freilich dunkle Schatten: Krieg, Flucht und Vertreibung. „Das Schlimme bei meinem Vater war, dass er seine Heimat im Zweiten Weltkrieg verloren hatte, darüber kam er zeit seines Lebens nie hinweg.“ Das ist Ringos Überzeugung. Im Riesengebirge aufgewachsen, liebte der ehemalige Soldat die schneereichen Winter, erzählte seinen Kindern von Weihnachten und wie er mit einer Laterne durch den tiefen Schnee in seiner schlesischen Heimat gestapft war. Im Sommer ging es raus an den See zum Schwimmen. „Er hatte eine sehr starke, romantische Erinnerung an seine Heimat“, erzählt Ringos Frau Zoe. Sein Vater fühlte sich entwurzelt, das ist Ringo nach all den Jahren bewusst geworden. Dies erklärt viele Verhaltensmuster seines Vaters. Gespräche mit seinen Eltern über ihre Kriegserlebnisse und die Vertreibung kamen nur gelegentlich zustande. Eine dieser seltenen Momente gab es, als der Vater davon berichtete, dass der Panzer, den er fuhr, von einem Geschoss getroffen wurde. Als er aus dem Fahrzeug sprang, um sein Leben zu retten, erwischte ihn eine Granate, die ihm eine schwere Verletzung zufügte. „Es war eine Episode, aber viel vom Krieg hat er nicht erzählt, das hat er mit sich selbst ausgemacht“, sagt Ringo grüblerisch. Danach folgte wieder das große Schweigen. Geschichten aus der Vergangenheit blieben das ganz persönliche Geheimnis der Eltern - für ihre Kinder für immer verborgen. Lieber wollten sie das Erlebte mit sich selbst ausmachen. Zu einer richtigen Aussprache kam es deshalb nie, weil Ringo früh in die Drogensucht abglitt und seine Familie ihm ab diesem Punkt nichts mehr bedeutete.

*

Wie vertraut das Verhältnis zu seinem Papa lange Zeit war, zeigen unvergessliche Begebenheiten aus unbeschwerten Kindertagen. Gut kann sich Ringo zum Beispiel an die mahnenden Worte der Mutter erinnern, wenn er mit seinem Bruder wieder einmal nur Quatsch machte: „Wartet nur, bis der Vater nach Hause kommt…“ Als der schließlich von der Arbeit kam, beklagte sich die Mutter, dass ihre Kinder nicht auf sie gehört und nur Unsinn im Kopf gehabt hätten. „Als wir schon im Bett lagen, kam unser Vater ins Zimmer. Er klatschte kräftig in beide Hände, hat also nur so getan, als würde er uns schlagen und mit uns schimpfen. Wir Jungs haben nur gelacht. Wenn unsere Mutter den Lärm aus dem Kinderzimmer hörte, kam sie herein und meinte streng zu unserem Vater: So fest brauchst du die Jungs nun auch nicht zu schlagen!“ Das waren Situationen, in denen alle ihren Spaß hatten und herzlich lachen konnten.

Wenn sein Vater als Busfahrer der städtischen Verkehrsbetriebe von der Arbeitsstelle zurückkam, legte er sich erst einmal hin, um sich von seiner anstrengenden Tätigkeit auszuruhen. Wenn er frische Kräfte gesammelt hatte, nahm er sich aber Zeit für seine beiden Söhne. Im Winter ging er mit ihnen oft in den Wald, im Sommer zum Schwimmen, so wie er es aus seiner eigenen Kindheit in Schlesien kannte.

Die Erinnerung an seinen Vater, der vor längerer Zeit verstarb, ist noch immer da. Wenn er davon erzählt, wie er bei seinem Vater im Bus ganz vorne mitfahren durfte leuchten seine Augen: „Dann war ich für die anderen Kinder schon wer, dabei habe ich mich richtig gut gefühlt!“

Eine Modelleisenbahn war das liebste Hobby seines Vaters. Mit viel Hingabe und Liebe zum Detail hatte er sie selbst gebaut. Aus Zigarettenkistchen fertigte er Häuschen, aus Flaschendeckeln bastelte er Lichter, die er mit elektrischem Strom versorgte, damit sie über der kleinen Welt erstrahlten. „Das war richtig schön-“ Ringo erinnert sich gerne an diese „heile Welt“ im Miniaturformat. An Weihnachten wurde die Modelleisenbahn aufgebaut. Mit dieser Bahn konnten der Papa und seine Jungs mit den Zügen auf sechs Gleisen über Gebirge, durch Täler und über Brücken fahren, wohin sie in ihrer Fantasie auch immer wollten. Wenn ein Kurzschluss die Spielzeugbahn lahmlegte, suchte der Vater die ganze Nacht nach dem Fehler. Das ging so lange, bis die Züge erneut zuverlässig ihre Runden drehten. Danach ging er, oft ohne zu schlafen, morgens um 4 Uhr wieder zur Arbeit.

Sein Vater nahm ihn auch mit in die Kirche. „Das war für mich ein besonderer Ort, an dem ich mich wohlgefühlt habe, ein Fluchtpunkt. Es war ein schönes Zusammensein mit meinem Vater in dieser Kirche und wir hatten dabei unseren Spaß. Selbst als ich Drogen nahm und drauf war, ging ich immer wieder in die Kirche oder zu den Franziskanern. Dort bekam ich etwas zu essen. Sucht hat eben auch immer mit etwas Spirituellem zu tun!“, erzählt Ringo.

Der Beruf als Busfahrer brachte es für seinen Papa mit sich, dass er unregelmäßige Arbeitszeiten hatte. Mal gings morgens früh raus, dann wieder spät abends. Er trank zu viel Kaffee und rauchte ständig Zigaretten. Dieses unstete und ungesunde Leben griff seine Gesundheit stark an. 1974 hatte er den ersten Herzinfarkt, danach ging es nicht mehr weiter. Mit 54 Jahren wurde er in den Ruhestand versetzt. „Es war nicht nur der starke Kaffee, das Rauchen und der Stress im Beruf, der sein Herz angegriffen hatte. Es war das ganze Leben, der Krieg.“

Sein Vater hielt selbst in schwierigen Jahren zu ihm, als Ringo längst in den Drogensumpf abgeglitten war. Er beschützte ihn, wenn er beim Gesundheitsamt randvoll mit Drogen vom Stuhl kippte. „Das ist nicht so schlimm, er hat es nur an den Nerven!“, erzählte er allen, die herumstanden und es besser wussten.

Auch als Ringo schon auf der Szene war, konnte er sich auf seinen Vater verlassen. Eines Tages wollte Ringo nicht mehr in seine Wohnung in Frankfurt, weil er panische Angst davor hatte, dort zu sterben. Wieder war sein Vater für ihn da, übernahm die Rolle des Beschützers, um ihm in dieser Lage zu helfen. Nach seinem Herzinfarkt hatte er schließlich Zeit, sich um den Jüngsten in der Familie zu kümmern. „Mein Vater hat sich für das, was ich getan habe nicht so geschämt wie meine Mutter. Er hat immer zu mir gestanden jedenfalls habe ich das so wahrgenommen!“

*

Eine ganz andere Geschichte prägte seine Mutter. Als Kind wurde sie oft von ihrem strengen Vater geschlagen, wenn er wieder einmal getrunken hatte. Sie und ihre acht Geschwister litten unter den unkontrollierten Wutanfällen des alkoholkranken Vaters. Sie hatte deshalb früh gelernt, sich ruhig zu verhalten, damit sie keine Schläge abkriegte.

Als sich seine Eltern kennenlernten, wurden sie von der Familie seiner Mutter verstoßen, weil diese meinte, dass Ringos Vater nicht gut genug für ihre Tochter wäre. Das war die zweite Vertreibung, die Ringos Eltern erlebten. Die erste war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewesen. „Die beiden haben alles verloren, sie haben nur sich gerettet.

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