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Der Mann, der sich Vincent nannte

1

Die Vögel waren verstummt. Er lag am Rande des Weges und horchte in sich hinein. Keine Schmerzen. Mit einer Hand tastete er nach der Wunde. Es fühlte sich feucht an. Nur wenig Blut. Der Himmel über ihm war blau. Das Licht blendete ihn. Er schloss die Augen. Langsam wurde es kühler. In seiner Brust begann es zu klopfen. Ein Ziehen da, wo die Kugel eingedrungen war.

Als er die Augen wieder öffnete, war der Himmel tiefblau. Er drehte sich auf die Seite, stützte sich auf den Ellenbogen und zog die Knie seitlich an. Er drückte seinen Oberkörper hoch. Auf Händen und Knien hielt er kurz inne, bevor er einen Fuß auf den Boden setzte und sich mühsam aufrichtete.

Der Weg zum Gasthaus war nicht weit. Er taumelte in sein Zimmer und fiel auf das Bett. Dort fand ihn der Wirt. Sein Hemd war jetzt an Brust und Bauch mit Blut durchtränkt. Der herbeigeholte Landarzt und sein Freund, Dr. Gachet, beschlossen die Kugel nicht zu entfernen.

Sein Bruder Theo wurde benachrichtigt und kam am nächsten Nachmittag an. In der folgenden Nacht um halb zwei starb Vincent in seinen Armen.

"Ich habe mir gewünscht so zu sterben", hatte er zuletzt gesagt.

"Vielleicht kannst du meine Bilder jetzt besser verkaufen."

2

Mein Bruder ist tot. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Aber geändert hat sich wenig.

Sein Wunsch hat sich allerdings erfüllt. Vincents Bilder werden heute auf den Kunstbörsen der Welt für Summen verschachert, von denen er Jahrhunderte hätte leben können - ohne die bleierne Armut, die sein Leben bestimmte und letztendlich vernichtete. Die ihn täglich zu wählen zwang zwischen Nahrung und Malmaterial. Er entschied sich meistens für letzteres.

Ich weiß, wovon ich spreche. Auch ich hatte zu wählen zwischen einem Leben für die Kunst und einem mit Familie. Als ich zu studieren begann, war mir klar, dass ich die nächsten zehn bis zwanzig Jahre kaum von meiner Arbeit würde leben können. Geschweige denn eine Familie ernähren. Das ist die Wahl, vor die der Kunstmarkt diejenigen stellt, die sich zu einem Leben als Künstler entschließen.

Die Alternative mich von einer Frau aushalten zu lassen, kam für mich nicht in Frage. Ich wusste wie demütigend es ist, finanziell abhängig zu sein. Was es bedeutet mit einem Mann verheiratet zu sein, der von seiner Arbeit nicht leben kann. Ich wusste, dass eine Beziehung, die auf Abhängigkeit beruht, nicht wert ist gelebt zu werden.

Aber was mir erst mit den Jahren klar wurde: Dass dieses Leben von der Hand in den Mund, die tägliche Frage wie es weiter geht, dieses ewige die Haut zu Markte tragen auf der Suche nach einem gnädig gewogenen Abnehmer meiner Ware, dass diese elende Routine des Scheiterns auch die Freude an der Arbeit zunichte macht und nur so lange zu ertragen ist, wie die Hoffnung auf Durchbruch mühsam auf-recht erhalten werden kann.

Ich habe das Gefühl, dass ich unbedingt produzieren muss, bis ich davon seelisch zerstört und physisch leer bin, weil ich ansonsten kein anderes Mittel habe, jemals unsere Ausgaben wieder herein zu holen.

Ich kann nichts dafür, dass meine Bilder sich nicht verkaufen. Aber der Tag wird kommen, wo man sehen wird, dass sie mehr wert sind als das Geld, das wir für die Farbe und meinen insgesamt sehr kümmerlichen Lebensunterhalt aufwenden.

Was das Geld oder die Finanzen angeht, so habe ich keinen anderen Wunsch und keine andere Sorge, als erst einmal keine Schulden zu haben.

Aber, mein lieber Bruder, meine Schulden sind so groß, wenn ich die abbezahlt habe, was ich denke, schaffen zu können, dann wird die Mühe, Bilder zu produzieren, mein ganzes Leben bestimmt haben, und es wird mir so vorkommen, als hätte ich nicht gelebt. (Brief an Theo van Gogh, 25. Oktober 1888) (Alle Zitate aus: Vincent van Gogh, Briefe, Reclam, Stuttgart, 2011)

Mein Bruder hat das gefühlt, dass es irgendwann nicht mehr geht.

Diese Unausweichlichkeit des Leidens und der Verzweiflung. (5./6. September 1889) Und er hat, als alle Hoffnung erloschen war, das getan, was blieb um seinem Leiden ein Ende zu machen.

3

Es ist wirklich wahr, dass eine Menge Maler verrückt werden (3. Mai 1889 aus der Irrenzelle von Arles)

Es war für mich sehr traurig, zu wissen, dass so viele aus unserem Beruf: Troyon, Marchal, Méryon, Jundt, M. Maris, Monticelli und noch eine Menge anderer so geendet sind. (23. Mai 1889 aus dem Irrenhaus von Saint-Rémy)

Mein lieber Bruder, in Deinem lieben Brief meinte ich soviel brüderliche Sorge zu spüren, dass ich mich verpflichtet fühle, mein Schweigen zu brechen. Ich schreibe Dir in vollem Besitz meiner geistigen Kräfte und nicht als ein Verrückter, sondern als der Bruder, den Du kennst. - Hier die Wahrheit. -: eine gewisse Zahl von Leuten von hier hat eine Eingabe beim Bürgermeister (ich glaube, er heißt M. Tradier) gemacht (es gab mehr als 80 Unterschriften) und hat mich als einen bezeichnet, der nicht in Freiheit leben dürfe, oder so etwas Ähnliches. Der Polizeikommissar oder der Bezirkskommissar hat daraufhin die Anordnung erlassen mich wieder einzuweisen.

Also bin ich schon wieder seit Tagen hinter Schloss & Riegel unter Bewachung in der Irrenzelle eingesperrt, ohne dass meine Schuld bewiesen oder auch nur beweisbar wäre. (Arles, 19. März 1889)

Am 23. Dezember des Vorjahres hatte sich Vincent nach einem heftigen Streit mit seinem Mitbewohner und Freund Gauguin das linke Ohr abgeschnitten, es in ein Taschentuch gewickelt und im Bordell einer der Frauen geschenkt. Anschließend ging er nach Hause, wo er zusammenbrach. Wegen des hohen Blutverlustes und Wahnvorstellungen war er für einige Wochen ins Spital eingewiesen worden, ebenso nach einem erneuten Wahnanfall am 7. Februar. Als er wieder entlassen wurde, beschlossen die besorgten Bürger von Arles, dass er eine Gefahr für sie sei. Sie verlangten vom Bürgermeister und Polizeipräfekten, ihn wieder einzuweisen und er musste die folgenden 6 Wochen in Zwangshaft verbringen.

Es versteht sich von selbst, dass ich tief in meinem Herzen viel darauf zu erwidern hätte. Es versteht sich von selbst, dass ich mich nicht aufrege, und mich entschuldigen schiene mir in diesem Fall, mich selbst anzuklagen. Nur um Dich zu informieren, ich verlange zunächst nicht, dass Du mich hier herausholst - denn ich bin überzeugt, dass diese ganzen Beschuldigungen sich in nichts auflösen werden. - Außerdem, sage ich Dir, würdest Du Schwierigkeiten haben, mich hier herauszuholen. Wenn ich nicht meine Empörung zurückhielte, würde man mich sofort für einen gefährlichen Irren halten. Wir wollen hoffen und uns gedulden, übrigens könnten heftige Gefühlserregungen meinen Zustand nur verschlimmern. Wenn Du in einem Monat noch keine direkten Nachrichten von mir hast, dann handle, aber solange ich Dir schreibe, warte noch. Deshalb bitte ich Dich mit diesem Brief, sie gewähren zu lassen, ohne Dich einzumischen. Sei gewarnt, dass dies vielleicht die Sache komplizieren und verschlimmern könnte. (19. März 1889)

4

Das Ohr meines Bruders. Ein Damian Hirst würde es heute in einem Glasgefäß als Konserve ausstellen und dafür Millionen kassieren. Durch Finanzmanipulationen reich gewordene Spekulanten würden sich in dem Versuch überbieten, eine vergleichsweise reale Anlage zu erwerben. So wie sie es mit Hirsts in Formaldehyd schwimmendem Haikadaver getan haben, der sinniger Weise von einem Hedgefond-Manager für 9,3 Millionen Euro seiner Kunstsammlung einverleibt wurde.

Warum hat sich mein Bruder sein Ohr abgeschnitten? Hätte er es statt es einer Prostituierten zu schenken lieber an einen Hedge-Fond-Manager verkauft, wenn er dadurch sich neben seinem Malmaterial auch noch etwas zu essen hätte kaufen können?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zurück gehen in das Kohleminendorf von Wasmes in Belgien.

5

Nach sieben Jahren Tätigkeit als Kunsthändler in der Firma seines Onkels war Vincent im April 1876 die Kündigung nahe gelegt worden. Es war ihm zunehmend schwerer gefallen Bilder an Menschen zu verkaufen, die diese zur Dekoration ihrer Villen benutzten, um den Anschein von Kunstgeschmack zu erwecken.

Vincent besaß nicht die Gewinn bringende Fähigkeit zu heucheln und den Käufern das Gefühl zu geben, dass sie von Kunst etwas verständen.

Auf der Suche nach einem Sinn im Leben hatte er ein Jahr Theologie studiert, bevor ihm klar wurde, dass "ich die ganze Universität, die theologische wenigstens, für einen unbeschreiblichen Schwindel halte, wo lauter Pharisäertum gezüchtet wird." (Brief 326)

Ab August 1878 besuchte er ein Seminar für Laienprediger in Brüssel und wurde danach probeweise als Hilfsprediger ins Bergarbeiterdorf Wasmes im belgischen Steinkohlerevier geschickt.

Hier lernte er Menschen kennen, die täglich unter ständiger Lebensgefahr für einen Hungerlohn ihre geschundenen Leiber in die Minenhölle trugen, im Winter ihren ausgemergelten Kindern beim Erfrieren zusahen, weil die Abraumhalden nicht genug Kohle hergaben um ihre zugigen Holzverschläge zu erwärmen, bei Minenunglücken verschüttet wurden, weil Sicherheitsmaßnahmen die Bergwerkseigner Geld gekostet hätten und schließlich in ihren Dreißigern sich die Staublungen heraus husteten, was ihre Frauen und Kinder zum Hungertod verurteilte.

Vincent versuchte in seinen Predigten ihnen Trost zu geben, verschenkte seine Kleider, kaufte von seinem Lohn Nahrungsmittel im verzweifelten Versuch etwas von dem Leid zu lindern, das ihn überall umgab. Er gab Kranken seine Matratze, nahm sie in seine Hütte auf, pflegte sie bis er selber zusammenbrach und wurde schließlich von seinen Vorgesetzten wegen seines unchristlichen Benehmens seines Amtes enthoben, weil er sich mit den Armen gemein gemacht hatte.

Danach hatte er die Fähigkeit verloren den christlichen Glauben zu predigen.

Aber er hatte eine Liebe entdeckt, die ihn sein Leben lang nicht mehr verlassen würde: Die Liebe zu den Menschen, die mit ihrer Hände Arbeit das schufen, was andere als Ausgangsbasis für ein bequemes, angenehmes, im materiellen Überfluss schwelgendes Leben benutzten.

Diese Menschen mit den abgehärmten, verwitterten Gesichtern, den verdreckten, schwieligen Händen zu malen wurde nun zu seiner Lebensaufgabe: Die Kartoffelesser.

6

Vincent beginnt nach seiner Entlassung aus dem kirchlichen Dienst die Minenarbeiter, ihre Frauen und Kinder zu zeichnen. Er teilt weiter ihr Elend, ihre Verzweiflung und versucht festzuhalten, was niemand sehen will, am wenigsten diejenigen, für deren Wohlleben diese geschundenen Menschen ihr Leben geben.

Unzufrieden mit sich und seiner Fähigkeit, das zu zeigen, was ihn so sehr bedrückt, entschließt er sich Kunst zu studieren und bricht im Oktober 1880 nach Brüssel auf. Sein Bruder Theo unterstützt ihn mit dem, was er von seinem Lohn als Angestellter eines Kunsthändlers erübrigen kann.

Als er begreift, dass er an der Akademie, die Salonmaler im alten Stil ausbildet, nichts für ihn Wichtiges lernen kann, setzt er seine Studien mit Hilfe von Büchern fort.

Den Sommer verbringt er im Pfarrhaus seiner Eltern und lernt dort seine verwitwete Cousine Cornelia, die Tochter des Dechanten Stricker kennen. Als er ihr seine Liebe gesteht, weist sie ihn ab.

Ihr Vater teilt ihm mit, dass sie einen wohlhabenden Mann heiraten werde und dass er niemals in der Lage sein werde eine Frau standesgemäß zu ernähren.

Vier Wochen lebt Vincent ab November 1881 in Den Haag bei seinem Cousin Anton Mauve, der selbst Maler ist und ihn in die Aquarell- und Ölmalerei einführt. Doch als dieser erfährt, dass Vincent mit der Ex-Prostituierten Clasina Hoornig und deren zwei Kindern zusammenlebt, mit denen er das Wenige teilt, das er besitzt, beendet dieser den Unterricht. Auch der Kunsthändler Tersteeg, der ihn sporadisch mit geringen Geldbeträgen unterstützt hat, wendet sich nach erfolglosen Erpressungsversuchen aus moralischen Gründen von ihm ab.

Im Herbst 1883 trennt sich Vincent von Clasina, nachdem sie aus Geldnot wieder angefangen hat sich zu prostituieren.

Vincent kehrt ins Haus seiner Eltern zurück und bleibt dort zwei Jahre, malt die Landschaften seiner Heimat und die Bauern, Torfstecher und Weber, mit denen er sich anfreundet. Hier findet er Menschen, deren mühevolle Arbeit gerade reicht um sie mit Kartoffeln, etwas Kaffee und Speck zu versorgen. Das Ergebnis seiner Studien ist unter anderem das Ölbild "Die Kartoffelesser" von 1885.

Die 39jährige Tochter eines Nachbarn, Margot Bergemann, die mit ihren vier ledigen Schwestern und ihrer verwitweten Mutter lebt, verliebt sich in Vincent. Als dieser um ihre Hand anhält, wird er erneut mit Verachtung von ihren Familienangehörigen zurückgewiesen, denn die Damen, die ihr parasitäres Dasein vom reichen Erbe eines Großvaters bestreiten, fühlen sich von Vincents und Margots Ansinnen zutiefst in ihrer Standesehre gekränkt. Für diese sind sie gerne bereit das Glück ihrer Tochter und Schwester zu opfern. Auch nach einem Selbstmordversuch Margots beharren sie auf ihrem Standesdünkel. Als darauf auch Vincents Eltern von den Dorfbewohnern geächtet werden, zieht Vincent nach Antwerpen und besucht dort drei Monate lang die Kunstakademie, wo er kostenlos die geheizten Räume und die Modelle nutzen kann. Aus Geldmangel verzichtet er weitgehend auf Nahrung und fährt schließlich gesundheitlich geschwächt im März 1886 nach Paris, wo sein Bruder Theo ihn in seine Wohnung aufnimmt.

7

Paris, die damalige Kunsthauptstadt der Welt, wird für Vincent zur Quelle zahlreicher Anregungen. Er lernt dort die Impressionisten Degas, Gauguin, Monet, Pizarro, Renoir, Seurat, Sisley und Toulouse-Lautrec kennen. Seine Farben, die das Leben der Bauern und Arbeiter seiner Heimat in dunklen Erdtönen wiedergaben, werden nun bunter und heller. Auch seine Beschäftigung mit japanischen Holzschnitten beeinflusst seine Malweise. Körperschatten verschwinden weitgehend, Farbflächen, die aus strichförmig aufgetragenen reinen Farben aufgebaut sind, werden häufig von dunklen Linien umrandet. Die Aufteilung des Bildraumes und die Motivwahl nimmt Anleihen bei asiatischen Kompositionen. Deutlich zeigt sich dieser Wandel auch in seinen Selbstportraits, die bis Herbst 1886 noch die holländische Farbpalette und Malweise verwenden, ab Frühjahr 1887 aber deutliche Anklänge an impressionistische Darstellungsweisen erkennen lassen.

Vincent versucht in dieser Zeit die auch untereinander oft zerstrittenen Impressionisten, die vom etablierten Kunstbetrieb angefeindet und geächtet werden, zusammenzuschließen und organisiert zwei Gemeinschaftsausstellungen in Restaurants, die leider erfolglos bleiben.

Als er feststellen muss, dass er vor lauter Organisationsarbeit und theoretischen Diskussionen nicht mehr zum Malen kommt, entschließt er sich die Großstadt zu verlassen und in den Süden nach Arles zu gehen. Er hofft dort die Wärme und die Farben zu finden, die ihm Paris nicht bieten kann.

8

Im Februar 1888 kommt er in Arles an und wird von 60 cm Neuschnee überrascht. Es dauert noch drei Wochen, bis der Frühling einzieht. Erst dann beginnt er zu malen, von den Farben des Südens wie in einen Rausch versetzt. Jeden Tag geht er mit Staffelei und vorbereiteter Leinwand in die Landschaft und versucht die vibrierende Atmosphäre des Lichts einzufangen. Am Abend kehrt er von der glühenden Sonne und dem Kampf mit dem Mistral, dem südlichen, wellenartig auftretenden Sturmwind erschöpft, mit einem fertigen Bild nach Hause zurück.

Er isst wenig und schlecht, konsumiert aber Unmengen Absinth und Tabak, was zusammen mit der fast ununterbrochenen Arbeit in der Sonne seine Nerven zunehmend reizt.

Viele der Einwohner von Arles halten ihn für verrückt, weil sein Leben so wenig ihren Gewohnheiten entspricht. Dennoch freundet er sich mit dem Briefträger Roulin und dessen fünfköpfiger Familie an, die er alle portraitiert.

Durch Roulins Vermittlung kann er schließlich ein leer stehendes gelbes Haus für 15 Francs monatlich mieten. Jetzt gewinnt seine alte Idee eines Ateliers des Südens, in dem befreundete Maler gemeinsam arbeiten neue Gestalt. Nach zahllosen Briefen erklärt sich nur Gauguin bereit nach Arles zu kommen und auch das nur, als Vincents Bruder Theo die Fahrt bezahlt und eine monatliche Unterstützung zugesagt hat.

Am 23. Oktober 1888 trifft Gauguin ein und bald zeigt sich, dass beide Künstler schwer vereinbare Charaktereigenschaften haben. Der ehemalige Bankier Gauguin, der Frau und 5 Kinder verlassen hat, um eine Künstlerkarriere zu beginnen und der es gewöhnt ist, rücksichtslos seinen eigenen Wünschen zu folgen und Vincent, der Idealist, der bereit ist mit jedem sein Hab und Gut zu teilen und auf künstlerische Anregungen und harmonische Gespräche hofft, gleichzeitig aber auch stur auf seiner Meinung beharrt und keinen Deut von dem abweicht, was er für richtig erachtet. Zunehmend werden ihre künstlerischen Differenzen zur Belastung. Gauguin lehnt Vincents Bemühungen, die Natur als Ausgangspunkt zu nehmen, die in ihr wirkenden verborgenen Energien sichtbar zu machen und den Menschen als Teil des kosmischen Lebensrhythmus darzustellen als moralisierenden Irrweg ab. Er verspottet ihn als religiösen Wahnvorstellungen verfallenen Prediger. Seine eigene Kunst sieht er als unabhängig von der Natur, als visionäre dekorative Eigenschöpfung, ausschließlich den Gesetzen der Farbe und Form verpflichtet.

Zwei Monate hält die Gemeinschaft, von zunehmend auftretenden Konflikten belastet, bis Vincent nach einem heftigen Streit sich einen Teil des linken Ohrs abschneidet, worauf Gauguin Theo in Paris benachrichtigt und Vincent bewusstlos und vom Blutverlust geschwächt alleine zurücklässt.

Nach einem weiteren Anfall mit Wahnvorstellungen und Depressionen und seiner sechswöchigen Zwangsinternierung in der Irrenzelle beschließt er sich in die Nervenheilanstalt von St. Rémy zu begeben.

9

St. Rémy, Nervenheilanstalt (8. Mai 1889 bis 16. Mai 1890)

Mein lieber Theo, (…)

Seit ich hier bin, hat mir der verwilderte Garten mit großen Kiefern, unter denen hoher und ungepflegter Rasen wächst, der voller Unkraut ist, zum Arbeiten genügt und ich bin noch nicht hinausgegangen. Die Landschaft um St. Rémy ist jedoch sehr schön, und ich werde wohl nach und nach kleine Ausflüge machen.

Aber da ich hier war, konnte der Arzt natürlich besser wissen, wie es um mich steht, und ich wage zu hoffen, dass er nun beruhigt ist, dass er mich malen lassen darf.

Ich versichere Dir, dass es mir hier gut geht und dass ich vorläufig überhaupt keinen Grund dafür sehe, in ein Heim in Paris oder in der Umgebung zu kommen. Ich habe ein kleines Zimmer mit graugrünen Tapeten, mit zwei meergrünen Vorhängen mit einem ganz blassen Rosenmuster, das durch winzige blutrote Strich belebt wird.

(…) die Angst vor dem Wahnsinn vergeht mir beträchtlich, wenn ich diejenigen von nahem sehe, die davon befallen sind, so wie es mir in der Zukunft auch sehr leicht passieren kann. (…)

Ich glaube, dass die Gesellschaft, in der ich mich befinde, für mich nicht unerfreulicher ist als für Dich der ständige Ärger bei Goupil & Cie. In dieser Hinsicht sind wir uns ziemlich ähnlich. Denn Du kannst ja nur zum Teil nach Deinen Wünschen handeln. Da wir aber nun mal an diese Unannehmlichkeiten gewöhnt sind, ist es uns zur zweiten Natur geworden. (…)

Aber was man auch tut, die Geldfrage steht immer vor einem wie der Feind vor der Truppe, und es ist unmöglich sie zu leugnen oder zu vergessen. (23. Mai 1889)

Ich schreibe Dir diesen Brief nach und nach in Augenblicken, wenn ich es leid bin zu malen - Die Arbeit geht recht gut voran - ich kämpfe mit einem Bild, das ich einige Tage vor meinem Unwohlsein begonnen hatte, ein Schnitter, die Studie ist ganz gelb, schrecklich dick aufgetragen, aber das Motiv ist schön und einfach. Ich sah in diesem Schnitter - eine undeutliche Gestalt, die in der sengenden Hitze schuftet wie ein Teufel, um mit ihrer Arbeit fertig zu werden, ich sehe darin das Bild des Todes insofern, als die Menschheit das Getreide ist, das geschnitten wird. Es ist also, wenn man so will, das Gegenstück zu dem Sämann, den ich früher versucht habe. Aber dieser Tod hat nichts Trauriges, alles geschieht in vollem Licht, mit einer Sonne, die alles mit einem feinen goldenen Licht überflutet. (…)

Mein lieber Bruder - ich schreibe Dir immer zwischen der Arbeit - ich schufte wirklich wie ein Besessener, ich habe eine Arbeitswut wie noch nie. Und ich glaube, das wird dazu beitragen, dass ich gesund werde. (5. - 6. September 1889)

Seine Schaffensperioden werden im Sommer und Winter 1889 von Anfällen unterbrochen, die ihn wochenlang lähmen. Zweimal schluckt er giftige Farben, überlebt aber.

Anfang 1890 schreibt ihm Theo, dass er Vincents Bild Die roten Weingärten von Arles für 400 Franc an die Frau eines befreundeten Malers verkauft hat. Es sollte zu Lebzeiten Vincents das einzige bleiben.

Mit dem Geld finanziert Vincent die Reise nach Paris zu seinem Bruder. Dieser hat in Auvers-sur-Oise in dem Arzt Dr. Gachet einen Bewunderer Vincents gefunden, der bereit ist ihn nach seinem Fortgang aus St. Rémy zu betreuen und sich dafür auch gerne Bilder von ihm malen lässt.

10

Dieses verdammte Leben in den schönen Künsten ist aufreibend, so scheint es. (5. September 1889)

Armut hindert die klugen Köpfe daran hochzukommen (…) (24. September 1880)

Die Sorgen werden sich (…) für mich nicht verringern, aber das Leben aller Maler dieses Schlags ist so davon erfüllt, dass ich gar nicht verlangen möchte, es leichter zu haben, als sie es hatten. (30. April 1885)

Du musst mir meinen Pessimismus hinsichtlich des heutigen Handels schon lassen, denn er beinhaltet keineswegs Mutlosigkeit.

Ich sage mir so: Angenommen ich habe recht, dass ich das merkwürdige Schachern um die Preise für Bilder mehr und mehr als so was wie den Tulpenhandel betrachte. - Angenommen, sage ich, dass, wie der Tulpenhandel Ende des vorigen Jahrhunderts, der Kunsthandel mit anderen Ablegern der Spekulation am Ende dieses Jahrhunderts genauso verschwinden wird, wie er gekommen ist, nämlich ziemlich schnell. (18. Oktober 1885)

Der Handel hier ist flau, die großen Händler verkaufen Millet, Delacroix, Cord, Daubigny, Dupré und einige wenige andere Meister zu exorbitanten Preisen. Sie tun wenig oder gar nichts für junge Künstler. Die zweitrangigen Händler dagegen verkaufen diese, aber zu äußerst niedrigen Preisen. ("Zur Zeit beträgt der Preis 50 Francs.") Wenn ich mehr verlangen würde, würde ich nichts verkaufen, glaube ich. Wie auch immer, ich habe Vertrauen in die Farbe, sogar was den Preis betrifft, das Publikum wird in ferner Zukunft dafür ...

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