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Der Mann, der sein Gedächtnis verlor

 

 

Inhalt

 

 

Das Erwachen    7

Fugue    15

Die Suche    20

Das Klavier    26

Die Wohnung    30

Begegnungen    31

Die Engel    36

Der Fremde    38

Misstrauen    42

Das Tagebuch    44

Der Helfer    48

Der Umzug    51

Verwunderung    54

Die Männer    57

Trennung    58

Verwirrungen    63

Der Lügendetektor    66

Das Dorf    71

Die Tante    74

Dunkelzonen    77

Die Teufel    81

Fluchten    84

Die Toskana    86

Die Rückkehr    89

Dünne Haut    99

Die Freundin    103

Der Dieb    109

Der Öffner    113

Das Salvator-Kolleg    119

Der Freund    122

Der Zocker    125

Zwangsarbeit    136

Das Kirchenasyl    140

Die Klavierlehrerin    143

Bittbriefe    145

Der Vergewaltiger    148

Die Heimkinder    151

Die Wälder    158

Der Lügner    161

Die Flatter    163

Das Wirtshaus    170

Die Schläger    175

Die Hände    178

Die Fürsorge    182

Die Studenten    188

Schuldlosigkeit    194

Die Wache    197

Dorothee    200

Die Nonnen    203

Vertrauen    215

Das Wiedersehen    220

Wanderungen    223

Die Akten    225

Der Verein    231

Die Aufgabe    239

 

Nachwort    243

Dank    251

Literatur    253

Das Erwachen

Der Duft ist ihm zuwider. Er streicht sich über das Kinn. Die Haut ist glatt. Er schnüffelt. Es ist sein eigenes Rasierwasser. Sein Blick gleitet die Knopfleiste hinunter. Weißes Oberhemd, blaue Krawatte, Blazer in gedecktem Blau, dazu Jeans. Das Aftershave irritiert. Warum sitzt er auf dieser Bank? Was macht er in diesem Park? Er steht auf, geht ein paar Schritte, ist unsicher, irgendetwas ist komisch. Aber was? Was ist das für eine Gartenanlage? Wie ist er hierher gekommen? War er eingenickt? Aber, wo war er denn vorhin? Und, wo will er hin?

Weiße Plastikstühle, Plastiktische, Sonnenschirme, da ist ein Cafe. Er geht darauf zu, setzt sich. Es ist frisch, aber die Sonne wärmt. Die Knospen gehen auf, das junge Paar an einem der kleinen Tische trägt die Jacken offen. Es ist Frühling. Er versucht ein Lächeln. Die beiden sehen ihn nicht. Sie reden, lachen, der Junge berührt sie am Unterarm. Er ist erleichtert. Sie beachten ihn nicht. Er setzt sich an den Nebentisch. Warum hätten sie ihn auch beachten sollen?

»Was kann ich Ihnen bringen?«

Die Stimme kam von hinten. Er ist zusammengezuckt. Was soll er der Kellnerin jetzt antworten? Er macht eine Kopfbewegung zum Nachbartisch, blickt auf die beiden großen Tassen, nickt hinüber, sagt: »Das da.«

Zigarettenrauch zieht vorbei. Er versucht einen Zipfel vom Rauchschleier einzuziehen, doch die Wolke ist schon verweht. Sie ist von den beiden jungen Leuten herübergezogen, wohl Studenten. Raucht er selbst auch? Er muss doch wohl wissen, ob er Raucher ist. Ist er? Oder nicht? Wie kann man sich so etwas fragen. Er greift in seine Jackentasche. Keine Zigarettenpackung. Also nicht. Hat er jetzt gerade nur einmal Lust auf so eine Zigarette? Ob er früher einmal geraucht hat?

Die Kellnerin stellt heiße Milch vor ihn auf den Tisch.

»Hatte ich Milch bestellt?«

»Einen Cappuccino!«

Der Milchschaum riecht nach Kaffee. »Cappuccino«. Klingt italienisch. Er probiert. Nicht sehr heiß, tut aber gut. Er kennt den Geschmack, das ist Kaffee. Die Kellnerin wirkt nett, trägt das dunkle Haar zum Zopf gebunden. Könnte ihm gefallen. Warum sieht sie ihn so musternd an?

»Kann ich sonst noch etwas bringen?«

Er zögert, sieht jetzt etwas unsicher wieder zum anderen Tisch hinüber, zeigt auf den Kuchen: »Das da, bitte!« Während die Kellnerin zurück ins Cafe geht, nimmt er wieder diese Witterung auf. Der dünne Qualm zieht seine Aufmerksamkeit weiter hinüber zu dem Paar, macht ein Verlangen. Die Kellnerin kommt mit einem Stück Apfelkuchen zurück. Sie hat sich schon umgedreht.

»Bitte, haben Sie ... ?«

Sie wendet sich ihm wieder zu, er zeigt auf die Schachtel Marlboro, die auf dem Nachbartisch liegt.

»Haben Sie auch .?«

Die Kellnerin bringt ihm eine Schachtel Zigaretten. Er reißt hastig die Packung auf, greift in die Tasche, ertastet ein Feuerzeug. Also doch, er wird Raucher sein. Er zündet die Filterzigarette an, nimmt einen tiefen Zug. Langsam atmet er den Rauch wieder aus. Die Zigarette schmeckt ihm nicht. Aber für einen Moment ist ihm wohlig.

Er will zahlen, legt einen Geldschein auf den Tisch. Aber die Bedienung akzeptiert keine Schweizer Franken.

»Haben Sie es nicht anders?«

Er greift wieder ins Jackett, zieht einen anderen Schein heraus, bräunlich orange, darauf ein klassisches Tor. Was für eine Währung ist das jetzt? D-Mark ist es nicht. Er hält den Schein in der Hand, zeigt ihn zögerlich, will ihn gleich zurückziehen. Aber sie nickt, lächelt.

»Fünfzig Euro? Kein Problem, kann ich rausgeben.«

»Wirklich?«

»Überhaupt kein Problem.«

Sie gibt ihm andere Scheine, rotbraune, auf der Rückseite eine Karte von Europa, und fremde Münzen. Er ist unsicher. Das ist doch Deutschland, hier, oder? Er will nachfragen, beginnt: »Wo bin .?« Er bremst sich, das kann er doch jetzt nicht fragen. Was ist denn nur los mit ihm?

Er fühlt einen Wagenschlüssel in seiner Hosentasche, es sind nur ein paar Schritte zum Parkplatz. Aber welches ist jetzt sein Auto? Er zögert. Sicher der BMW dort. Er zieht den Schlüssel aus der Tasche, steckt ihn ins Schloss. Passt nicht. Er wird nervös, betrachtet den Schlüssel in seiner Handfläche. »BMW«, steht doch drauf. Blau-weiß, das ist doch das Emblem. Bayerische Motorenwerke. Es muss ein anderer Wagen sein. Er läuft den Parkplatz ab. Er wird doch noch sein Auto wiederfinden! Er muss es irgendwo anders abgestellt haben. Die Farbe? Wieso, welche Farbe? Na ja, er wird es ja gleich sehen, das Auto wird ja hier irgendwo stehen. Seine Stirn ist nass. Was ist los mit ihm? Nur nicht nervös werden, das wird sich gleich geben.

Er sollte vielleicht besser mal jemanden anrufen. Eine Telefonzelle, wo ist eine Telefonzelle? Warum gibt es hier keine einzige Telefonzelle? Er ist nervös. Wen ruft er am besten an? Also, zuerst . Warum fällt ihm keiner ein? Was ist denn das jetzt, kennt er niemanden? Irgendwo ist ihm gerade der Faden gerissen. Jeder kennt doch Leute. Freunde. Hat er keine Frau? Und Kinder? Das gibt es doch nicht, dass er das gerade nicht weiß. Das wird ihm gleich wieder einfallen. Es muss doch gleich wiederkommen. Das gibt es doch nicht. Es ist wie so eine Zahlenkombination. Sie ist gerade nicht da. Keine Panik! Einen kleinen Moment nur, dann kommt alles wieder. Er schwitzt. Reiß dich doch zusammen! Also, was jetzt? Ärgerlich, er hat die Schachtel mit den Zigaretten auf dem Tisch liegen gelassen. Sie hatten nach nichts geschmeckt. Aber jetzt muss er eine rauchen.

Da ist ein Kiosk. Es ist doch alles ganz normal um ihn herum? Der Lärm, die vielen Autos, Stadtverkehr eben. Lauter neue Modelle. Was hat er heute nur? Alles ist normal. Der Boden schwankt nicht. Er ist nüchtern. Er geht geradeaus.

Ein Kiosk, er steht vor den vielen Zigaretten, Tabak, eine Riesenauswahl. »Das da, bitte!« Er zeigt auf eine blaue Tabakpackung mit einem Leuchtturm darauf. Er hat sich nach der Farbe entschieden. Das Blau gefällt ihm.

»Brauchen Sie Blättchen?«

»Wozu?«

»Zum Drehen.«

»Ach ja.«

Er zahlt. Komisch, dass er das Geld hier nicht kennt. Oder doch? Auf dem Tresen liegt die Hamburger Morgenpost. Ist es jetzt eigentlich noch vormittags? Oder schon Nachmittag? Nein, es ist Nachmittag. Man spürt es. Was hat er denn den ganzen Vormittag gemacht? Das muss hier Hamburg sein.

Vor dem Kiosk rollt er, die Packung »Schwarzer Krauser« unter den Arm geklemmt, routiniert eine Dosis Tabak ins Papier, leckt es an. Soviel ist jetzt schon mal klar: Er raucht. Er dreht selbst.

Zuerst vergewissert er sich der Worte. Das ist »ein Jahrmarkt«, über den er jetzt irrt, »ein Riesenrad«. Es sind nur wenige Leute auf dem Rummelplatz. Er läuft eine mehrspurige Straße entlang. Die vielen Autokennzeichen, alle beginnen mit »HH«. Gelbe Hinweisschilder: Wandsbek. Barmbek. Kein Zweifel, das bedeutet Hamburg. Aber Hamburg? Lebt er in Hamburg? Seit wann lebt er in Hamburg? Und wo?

Weg von dieser lauten Straße! Unter der Hochbahnbrücke links wird die Straße schmaler, Geschäfte. Nichts, er kennt hier nichts. Er steht vor einem riesigen Rathaus, mit einem Turm und Figuren an der Fassade. An so ein Gebäude muss man sich doch erinnern! Er hat es noch nie gesehen. Er rennt durch eine Fußgängerzone, sieht eine Kirche. Sie ist offen.

Er sitzt in der Kirchenbank. Endlich Ruhe. Also, noch einmal. Er ist . Ja, wer ist er? Also, er . Ihm fällt sein eigener Name nicht ein. Das gibt es doch nicht! Dann plötzlich, ein Karussell von Fragen setzt sich in Bewegung: Wie alt, welcher Beruf, eine Frau, Kinder, Eltern, Freunde – oder vielleicht Feinde? Hat er Feinde? Irgendjemand hat ihm eine Droge verabreicht. Vielleicht in einem Getränk. Aber wer? Wo? Angst kriecht in ihm hoch. Wer macht so etwas? Warum?

Er greift in seine Taschen. Er hat Geld. Und einen Autoschlüssel. Was sind das für Zettel? Herausgerissene Seiten, aus irgendeinem Kalender, englisch. Und, was ist das für eine Schrift? Vielleicht arabisch. Und Briefmarken, italienisch. Kalenderblätter? Nein, es sind Seiten aus einem Planer. Weekly Planner, steht doch drauf. Die Wochentage, rötlich gedruckt. Unter Tuesday, mit dem Kugelschreiber, dünn, eilig notiert: V.a.S. 19.00, Parkallee.

Ist das seine Schrift? Und die Abkürzungen – was bedeuten die? Unter Wednesday: Zwei für Esse. 10 000,- in Höhe 5000,-. Was soll das heißen? Unter Thursday: A.P.S., Wirso 21 000,-. Was ist das? Geldsummen? Was sind das für Termine? Kein Jahr, kein Monat, nur die Wochentage. J.K.M. v. R.S., was, verflixt noch einmal, ist das? Die Summen werden immer höher: Dr. R.: 125 000,-. Was bedeutet das? Und wer ist Dr. R.? Und wer ist er selber? Ist er das, der das aufgeschrieben hat? Was läuft denn hier eigentlich ab?

Unter Friday: 18.30 Flughafen. Welcher Flughafen? Ist das seine Schrift? Will er dort jemanden treffen? Will er wegfliegen? Noch mehr Blätter. Nur Abkürzungen, wie Codes.

Also, ruhig, der Reihe nach: sein Beruf. Er wird doch einen Beruf haben. Ein Mann, der eine Krawatte trägt und ein Rasierwasser benutzt, der hat einen Job. Also, was weiß er über sich? Eine Krawatte sagt nichts aus über einen Mann. – Die Schuhe. Die passen nicht dazu. Turnschuhe. Ein Bankangestellter könnte auch Jeans tragen. Oder eher nicht. Aber was bedeuten diese Geldbeträge?

Er kann nicht auf der Bank geschlafen haben. Wer auf einer Bank schläft, ist nicht rasiert. Ein Hotel? Vielleicht irgendwo in der Nähe? Aber er kennt kein Hotel. Er hat das Gefühl, er wird verrückt. Was heißt verrückt? Er ist doch nicht irre! Also, das ist ganz klar, da ist jetzt nur dieser Aussetzer. Jetzt bloß nicht verrückt machen lassen! Es ist alles ganz einfach: Das hier ist eine Kirche. Sie steht in einer Mönckebergstraße. Das ist Hamburg.

Medikamente? Vielleicht hat er Medikamente genommen. In seiner Tasche sind keine Tablettenpackungen. Vielleicht hat sie ihm jemand verabreicht. Aber wer? Und ist der jetzt vielleicht hinter ihm her? Er zittert. Ist doch alles nur Phantasie. Ruhig, ganz ruhig. Jetzt nicht verzweifeln. Nicht weinen.

Ein Ausweis, ja, der könnte ihm auf die Sprünge helfen, diese blödsinnige Blockade lösen. Aber da ist keiner, kein Führerschein, nur diese Zettel, eine Landkarte, Italien. Briefmarken, ein Vogel darauf, Helvetia, also Schweiz, 130 Rappen. Ein paar Franken in der Jacke. Und dieser leere Briefumschlag? Notizen, so als hätte er beim Telefonieren schnell irgendein Blatt gesucht. »Konto in Zürich auflösen zum 01. 05. 05 persönlich.« Auf der Rückseite: »Dr. R.: 16.30 Uhr pp. Übergabe der Akten. 15 000 Eingang bestätigt, Rest 14. 05. 05 p.p.« Was bedeutet das? Und was bedeutet dies: »Anwalt in Frankfurt bezahlen. 1250,-.« Welcher Anwalt? Und diese Notiz: »10. 04. 05 über C Kontakt. Ankunft HH 20.21 Uhr«. Und dahinter, was ist das? »Silvia Ankunft 22.11 Uhr«. Wer ist Silvia? Wer soll das sein? Er kennt keine Silvia. Was für ein Datum ist eigentlich heute?

Er irrt wieder durch die Fußgängerzone. Der Mann, der sich in den Schaufenstern spiegelt, das ist er. Kein Zweifel. Aber wie alt ist er? Er ist grau, aber nicht alt. Er müsste sich vielleicht einmal die Haare schneiden lassen. Warum sind sie so grau?

»Ich glaube, Sie suchen etwas?«

Die Dame muss ihn beobachtet haben. Sie lächelt, ein bisschen mitleidig. Sie ist elegant gekleidet, der Goldschmuck ist sehr auffällig. Wie alt wird sie sein? Vielleicht wie er? Vielleicht ein Flirt. Wie alt ist er? Sieht er so verwirrt aus, dass ihn schon jemand anspricht?

»Ich suche mich selbst.«

Sie lacht. »Na, dann kommen Sie.« Sie hakt ihn unter, begleitet ihn ein Stück hinauf zum Bahnhof. Dann bringt sie ihn zur Mission.

Er bleibt noch vor den Aushängen stehen. Vermisstenmeldungen. Er würde sich erkennen. Er weiß, wie er aussieht. Vorhin hat er sich in einer Fensterscheibe gespiegelt gesehen. Er war über den grauhaarigen Mann darin erschrocken. Die Dame ist verschwunden. Schade. Eine Frau von der Bahnhofsmission fragt: »Kann ich Ihnen weiterhelfen?«

Später wird Jonathan Overfeld diese Stunden, in denen er nicht mehr wusste, was ein Cappuccino ist, aber intuitiv, dass in der blauen Packung seine Tabakmarke steckte, die Phase des »Das-da« nennen. Der bange Moment dieses Montags, an dem er über den Parkplatz irrte und wusste, dass blau und weiß die Farben von BMW sind, aber nicht, welches sein Auto war. Es war dieser Tag, an dem er spürte, dass Frühling war, aber sein eigenes Alter nicht kannte, an dem er wohl wusste, dass die Autokennzeichen »HH« für Hamburg standen, aber nicht erinnern konnte, wie er nach Hamburg gekommen war und ob er vielleicht in der Stadt lebte. Es war dieser Nachmittag des 12. April, an dem Jonathan Overfeld nicht ahnte, dass es vielleicht gute Gründe dafür gab, dass er ein ganzes Leben vergessen hatte. Er war sich selbst entfallen wie anderen eine PIN oder der Name eines Schauspielers. »Amnesie fühlt sich nicht an«, versucht er diesen Moment später zu erklären, »da ist nichts. Du bist einfach da.«

Fugue

Die Ambulanz kommt. Notaufnahme, Krankenhaus St. Georg. »Herr Doktor, mir muss jemand irgendwas ins Glas getan haben.«

Kein Hirnschlag. Kein epileptischer Anfall. Keine Kopfverletzung. EKG normal. Blutabnahme. Die Laborwerte weisen keinen Befund auf. Keine Spur von Drogen im Blut, keine Medikamente (später werden auch keine im Haar gefunden), kein Alkohol, Leberwerte normal. Ein Fall für die Psychiatrische. Der Krankenwagen bringt ihn zum Klinikum Hamburg Nord, Haus 32, Ochsenzoll. Geschlossene Psychiatrie.

Fugue. Der behandelnde Psychiater hat noch einmal in der Fachliteratur nachgelesen. Der französische Begriff stammt aus dem 19. Jahrhundert. Auslöser solcher »Fluchten« an einen anderen Ort, über hunderte, manchmal tausende Kilometer und immer ins Vergessen ist Ausweglosigkeit, Angst, Panik. Der Psychiater hat so einen Fall in seiner bisherigen Praxis noch nicht gehabt. Eine dissoziative Amnesie in Form einer Fugue ist selten, eher etwas aus Romanen als der ärztlichen Praxis.

Der Hamburger Psychiater nimmt Kontakt zu Hans Markowitsch auf, Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld und einer der führenden Erforscher jener Flucht aus einem Leben, das zur Bedrohung wurde. Er ist an dem Fall interessiert.

Hans Markowitsch ist ein Kollege, Schüler und Freund des kanadischen Psychologen Endel Tulving, ein Pionier der Hirnforschung. Tulving teilte vor vierzig Jahren das Gedächtnis in voneinander getrennten Einheiten auf. Er behandelte damals einen Motorradfahrer, der bei einem Sturz schwere Hirnverletzungen erlitten hatte. Der konnte sich danach an alles Gelernte gut erinnern, aber an kein einziges Erlebnis. Tulving hatte daraus geschlossen, dass das Gehirn über verschiedene, voneinander unabhängige Speicherareale verfügen müsse.

So kann die Hirnforschung heute erklären, warum jemand eine Landkarte lesen, Briefe schreiben, sich scheinbar normal unterhalten kann, Politiker auf Plakaten erkennt, aber nicht weiß, wer er selbst ist: Das Gehirn verfügt über unterschiedliche Gedächtnissysteme. Nicht alle fallen bei einer Amnesie aus.

Da ist das für die Motorik: Fahrradfahren, einmal gelernt, immer gekonnt. Das Schalten des Ganges im Auto an der Ampel, die Schwünge auf dem Snowboard. Dieses prozedurale Gedächtnis schenkt dem Menschen die Alltagsroutine. Würde er bei jedem dieser verinnerlichten Bewegungsabläufe erst überlegen müssen, wie es geht, wäre er nicht nur zu langsam – der Aufschwung am Reck würde misslingen, der Seiltänzer abstürzen. So greifen wir blind die Saiten der Gitarre, in die Tasten auf dem Klavier. Was im Bewussten tausende Mal geübt oder getan wird, sinkt tief ins Unbewusste, ist dort fest verankert und gleichzeitig in Millisekunden abrufbar.

Der Hirnforscher ortet dieses gelernte Geschick in den Basalganglien, unterhalb der Großhirnrinde, tief im Innern des Kopfes, dort, wo auch die Affekte, die Willenskraft, der Antrieb des Menschen lokalisiert werden. Die Fähigkeiten, die dort gespeichert sind, lassen sich anderen oft schwer vermitteln. Niemand kann wirklich in Worten sagen, wie er Balance hält. Diese Automatismen arbeiten rund um die Uhr, und sie halten den Geist für anderes frei, wie das Radiohören oder Telefonieren beim Autofahren, während man gleichzeitig lenkt, kuppelt, bremst und die Gänge schaltet. Machten wir uns die Koordination all der Fähigkeiten bewusst, überhaupt miteinander zu reden, bräuchten wir für jedes Wort so viel Zeit wie die Baumwesen im Herrn der Ringe. Neunzig Prozent unserer Aktivitäten laufen so ständig im Hintergrund ab. Oder rücken auf Abruf in den Vordergrund.

Deshalb kann jemand trotz seiner Amnesie Klavier spielen. Schließlich kann er ja auch auf zwei Beinen laufen, was er ebenfalls einmal im Leben durch häufiges Fallen und wieder Aufstehen gelernt und seitdem nicht vergessen hat.

Daneben gibt es das perzeptuelle Gedächtnis: Ob Golf oder Lamborghini, wir ordnen beides als ein Auto ein, unterscheiden Äpfel von Birnen, und Kaffeeduft im Schlafzimmer signalisiert uns vielleicht einen gedeckten Frühstückstisch. Ob Sommersonne oder Schnee, jeder erkennt die Landschaft wieder. Die Blätter an den Bäumen, die gefühlte Temperatur, wir erkennen auch die Jahreszeit. Jonathan Overfeld wusste, als er von seiner Bank aufstand und durch den Park ging, dass es Frühjahr war.

Das semantische Gedächtnis lagert kontextloses Weltwissen: Paris ist die Hauptstadt von Frankreich. Das wissen wir, aber erinnern uns nicht unbedingt, von wem wir das wann erfahren haben. Jemand, der eine Amnesie hat, könnte mit seinem gelernten Wissen im Fernsehen Millionär werden, aber bei den persönlichen Zwischenfragen von Günther Jauch müsste er passen. Jonathan Overfeld wusste nach seiner Amnesie immer noch, dass ein »HH« auf den Autokennzeichen für Hamburg steht.

Das in der Evolution zuletzt ausgeformte Gedächtnissystem, das sich auch bei Kindern langsam aktiviert und eigentlich erst ab dem dritten Lebensjahr entwickelt ist, setzt ein Bewusstsein von uns selbst voraus. Und es sind viel mehr Gehirnregionen daran beteiligt als beim Erinnern von Fakten oder Bewegungsabfolgen. Es erfordert, sich selbst in einem Raum-Zeit-Kontinuum zu situieren und sich dann auch noch im Klaren darüber zu sein. Kein Wunder, dass diese Reifung so lange braucht. Kein Tier kann sich in dieser Form zurückerinnern. Es ist eine Kunst, die allein dem Menschen vorbehalten ist. Dieser Teil des Gedächtnisses speichert unser Leben, erzeugt Bilder, lebhaft, voller Details, lässt sie chronologisch vor unserem geistigen Auge ablaufen, vor- und zurückspulen. Er erlaubt uns »mentale Zeitreisen«, wie Tulving sie nannte. Aber nicht deshalb ist er der anfälligste Teil des Gehirns. Manchmal führt uns die Reise in unser tiefstes Inneres. Man verirrt sich dorthin, wo Freud nicht nur Urinstinkte und Triebe am Werk sah, sondern auch Traumata. Dann stellt man auch oben an der Oberfläche fest: Da unten spielen Emotionen hinein.

Fugue, auf Deutsch heißt das: »Weglaufen«. Der Mann von der Parkbank erschrickt. Wovor soll er weggelaufen sein? Er – bedroht? Von wem? Was kann so lebensgefährlich gewesen sein, dass er weggerannt ist?

Die psychiatrische Station in Hamburg-Ochsenzoll ist wie ein Gefängnis. Die Tür wird mit einem Schlüssel auf-und wieder abgeschlossen. Die Flure riechen nach Urin. Dort, wo die Stühle um den Tisch gereiht sind, stehen riesige Topfpflanzen. Sie nehmen das Licht. Die Patienten schlurfen über den Gang. Menschen in Zeitlupe. Irgendjemand hat den Spind in seinem Zimmer aufgebrochen. Aber darin war nichts zum Stehlen. Der Mann von der Parkbank bleibt freiwillig hier. Er fühlt sich hier erst einmal sicher. Sicher wovor? Vielleicht können die Ärzte ihm helfen, er muss ja nur wieder auf die Sprünge kommen. Der Arzt ist ihm sehr zugewandt. Er sagt: »Das ist sicher sehr beängstigend für Sie.«

Er wälzt sich die ganze Nacht, die Laken sind nassgeschwitzt. Schwarze Gedanken rauben ihm den Schlaf. Hat er jemanden ermordet? Wurde er überfallen? Ist er in ein Verbrechen verwickelt? Die Phantasien lassen ihm keine Ruhe. Aber er will die Tabletten nicht nehmen, die auf seinem Nachttisch liegen. Jetzt nur nicht ruhigstellen lassen. Er braucht seine Konzentration. Nein, keine Medikamente, sie machen wehrlos. Nein! Nein! Nein! Er wirft sie in den Mülleimer im Zimmer. Aber gegen wen muss er sich wehren? Endlich hell. Frühstück. Kaffee.

»Ihr Gedächtnis wird in einigen Tagen bis einigen Wochen wieder zurückkommen«, versucht ihn der Arzt zu beruhigen. Das ist die allgemeine Lehrmeinung. Doch es kommt nicht zurück. »Die Medikamente würden Ihnen guttun. Warum haben Sie solche Angst vor Tabletten?«

Zwei Polizisten in Uniform betreten die Station. Am Vortag hatten sie seine Fingerabdrücke entnommen. Sie begrüßen ihn freundlich, entspannt. Also Entwarnung. Er ist nicht im Fahndungscomputer. Die Polizistin sagt: »Wenn Sie eine Bank überfallen hätten, dann wüssten wir, wer Sie sind.« Sein Auto haben sie nicht gefunden. Es muss ein älteres Fahrzeug sein. Der Schlüssel ist ohne Impulsgeber für einen elektronischen Türöffner.

Noch ist nichts gefunden, was ihm seinen Namen verrät. Er schreibt deutlich und fehlerfrei. Er setzt eine Unterschrift auf einen Bogen Papier. Aber er kann in seinem Schriftzug keinen Namen erkennen.

Die Suche

In der Lokalzeitung Hamburger Morgenpost wird ein Foto von ihm gedruckt. Darunter steht: »Wer kennt diesen Mann?« Es rufen so viele Journalisten im Klinikum Nord an, dass der Arzt Dieter Moehrs mit seinem Patienten bespricht, die Anfragen in einer Pressekonferenz zu kanalisieren. Reporter kommen, Kamerateams bauen Scheinwerfer auf.

In England war wenige Tage zuvor ein junger Mann aufgefunden worden. Er war aus dem Meer gestiegen, hatte keine Papiere, kein Etikett im Anzug. In der Psychiatrie in der Stadt Kent sagte er kein Wort. Ein moderner Kaspar Hauser. Die Zeitungen hatten gerade darüber berichtet. Weil er ab und zu auf dem Klavier der Station ein paar Tasten anschlug, nannten sie den jungen Schweiger in den Zeitungen den Pianoman. War der Unbekannte auf der psychiatrischen Station in Hamburg-Ochsenzoll auch so ein Piano-Mann?

Der grauhaarige Patient in Hamburg redet – fahrig, nervös, verzweifelt. Sein ganzer Auftritt ist ein Flehen. Das Licht der Scheinwerfer ist sehr hell. Ein knappes Dutzend Journalisten sind da. Sie sollen ihm helfen. Er will doch wissen, wer er ist, woher er kommt. Irgendjemand da draußen unter den Lesern und Zuschauern wird ihn doch kennen! Er wird fotografiert, gefilmt. Viel sagen kann er nicht. Die Journalisten begegnen ihm mit Neugier. Er ist eine kleine Sensation.

Der Aufruf in der Presse hat nicht die Resonanz, die er sich erhofft hat. Niemand scheint ihn zu kennen. Aber ihm geht, nachdem die alle da waren, ein Name durch den Kopf. Er sagt: »Vielleicht habe ich einen Sohn, der so heißt.« Der Name ist Jonathan. Aber warum sollte er einen Sohn haben? Und wer ist dann die Mutter? Hat er eine Frau? Und er selbst muss doch Eltern gehabt haben. Er sagt: »Jeder hat Eltern. Leben sie? Wenn – wo? Sind sie tot?« Wenn die Polizei ihn schon nicht suchte, irgendjemand musste doch nach ihm suchen, eine Frau, Freunde.

Es hat sich jemand telefonisch bei der Polizei gemeldet, ein Mann aus dem Ruhrgebiet. Sein Sohn habe das Bild auf der Internetseite einer Zeitung gesehen. Er habe den Herrn auf dem Foto erkannt, er sei aus Bochum. Sie seien zusammen Hochseeangeln gewesen. Wenn der Angler ein Freund wäre, sagt der Mann von der Bank, dann wäre er jetzt hier.

Hochseeangeln? Ob er jemals geangelt hat? Da müsste er sich doch erinnern. Er versucht sich an der Vorstellung von Anglern auf einem Schiff. Es will kein Bild entstehen. Er hat nie eine Angelrute in der Hand gehalten.

Eine Frau in Berlin hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben, Beschreibung und Alter passen. Der Name des Verschwundenen: Heinz-Jürgen Overfeld, genannt Jonathan. An beiden Händen seien die kleinen Finger verkrüppelt. Die Frau ruft in der Klinik an, aufgeregt, sie will sofort kommen. Jonathan und sie seien lange ein Paar gewesen und seien nun, viele Jahre danach, noch immer enge Freunde. Sie heißt Jutta.

Da ist nichts. Er kann sich noch so anstrengen. Nicht ihr Name, Jutta, nicht die Straße in Berlin-Neukölln, die sie genannt hat, nicht der gemeinsame Hund, von dem sie gesprochen hat. Kein Gesicht will erscheinen, keine Szene. Und auch kein Hund. Seine beiden kleinen Finger sind wirklich ein bisschen krumm. Aber warum? Er müsste sich doch an irgendetwas erinnern. An sie, wenigstens. Wenn sie doch zusammengelebt haben. »Wenn ich sie einmal geliebt habe, kann sie so hässlich nicht sein«, hört er sich zum Arzt sagen. Na bitte, ein bisschen Humor ist noch da. Hat er sie wirklich einmal geliebt? Er ist erleichtert. Sie wird kommen. Jetzt wird sich alles aufklären. Endlich.

Aber sie kommt nicht, nicht am Abend, nicht am nächsten Morgen. Er wartet. Sie ruft wieder beim Arzt an und sagt ab: »Es ist besser für uns beide.«

Was soll das heißen: Es ist besser für beide? Wie soll er das verstehen? Er könnte heulen. Jetzt sitzt er schon eine ganze Woche in diesem Klinikhochhaus. Warum kommt sie denn nicht? Hatte er ihr etwas getan? Er nimmt immer wieder diese Landkarte in die Hand, die in seiner Tasche steckte. Italien, Toskana. Was ist dort, in diesen Dörfern, die mit einem gelben Stift markiert sind? Warum hatte er diese abgegriffene Landkarte in der Tasche? Was wollte er in Italien? Hat das irgendetwas mit den Zahlen in den Kalenderblättern zu tun?

Jonathan kennt den Weg, nennt die Stationen: »St.-Gotthard-Tunnel, Como, Mailand, Piacenca, Parma, Massa, Livorno, San Vincenzo.« Aber da ist nichts, an das er sich erinnert. Keine Straße, keine Landschaft, keine Autofahrt dorthin. Aber die Namen sind doch da. »Das macht mich kirre!« Er weiß nicht, wie es da aussieht. Und er kann nicht sagen, ob er jemals dort gewesen ist.

Sein Gedächtnis funktioniert doch! Er liest den Wirtschaftsteil der Zeitung. Nichts, was es da nicht zu verstehen gäbe. Aber warum interessiert es ihn? Er grübelt über Berufe. War er vielleicht Finanzberater, wegen der Geldsummen im Kalender? Er löst Rechenaufgaben, gewinnt im Schach. Er kann schreiben, flüssig, nur seinen Namen nicht. In Gesprächen kann er sich alles genau merken. Er weiß, was der Arzt gesagt hat, kann aufzählen, was er gefrühstückt hat. Er löst Rechenaufgaben, um sich selbst zu prüfen. Er weiß jetzt ein paar Dinge aus der Krankenakte, die hat er sich gemerkt, aber warum weiß er nichts aus seinem Leben?

Begriffe setzen Impulse. St.-Joseph-Krankenhaus, das Wort auf einem Blatt seiner Krankenakte löst eine Assoziationskette aus: Joseph – Joseph und seine Brüder – Thomas Mann – Tod in Venedig – Visconti – Filmmusik von Mahler – das Adagietto aus der 5. Sinfonie. Erst später, am Klavier, wird Jonathan Overfeld feststellen, dass er das Stück aus dem Kopf spielt.

Sein Zuhause? Menschen haben ein Elternhaus. Jonathan versucht immer wieder, ein Bild davon zu bekommen. Er muss doch einmal Kind gewesen sein! Über allem liegt ein undurchdringlicher Schleier. Marienfiguren zeichnen sich ab, wie Silhouetten nur, viele, an den Wänden der Gekreuzigte, aus den Händen blutend, Kerzen, ein Altar, eine Orgel. Das kann kein Elternhaus sein. Das ist eine Kapelle.

»Die Akten«, sagt er, »diese Akten?« Seit ein paar Tagen sind immer wieder diese Aktenordner in seinem Kopf. Alte, muffige, das Papier ist feucht. Und dann das Telefonat. Am Telefon ist Dr. Reinhard. Ein Anwalt. Aber dann reißt alles ab, das Gespräch, der Faden, sein ganzes Leben. Diese Ordner, er wird sie nicht los, sie waren von Anfang an da, ganz vorn in seinem Kopf, als könnte er in Gedanken in ihnen blättern. In den Stempeln sind Hakenkreuze. Die Akten ziehen, wie etwas Gewaltiges, das sich zu erheben versucht, aus der Tiefe seiner Erinnerung ins Bewusstsein hinauf. Aber das Denken ist wie angekettet. Er kann die Akten nicht öffnen.

Ein Mann ist auf einem Rennrad zur Klinik gekommen. Er ist hager, durchtrainiert. Er stellt sich als Uli vor. Jonathan Overfeld kennt ihn nicht. Er sagt, er sei ein alter Freund aus Berlin. Jonathan müsse ihn doch kennen, Uli, der Koch, Stiefel-Uli, so nannte man ihn damals, als er noch Schaftstiefel trug. Dann erzählt »Stiefel-Uli«, der jetzt Radfahrschuhe trägt, zum Einhaken in die Pedalen, von »Loretta im Garten«. »Im Sommer saßen wir immer da. In dem Gartenlokal stand ein kleines Riesenrad. Es war alt.« Das müsse er doch noch wissen. Und dieses Silvesterfest, wo sie alle am Swimmingpool geschlafen hätten, in diesem Hotel, Uli war dort Koch, Jonathan der Ober.

»Wangerooge«, sagt Uli, »da hast du gekellnert. Die wollten dich doch immer wieder haben, hast alles im Kopf behalten und immer noch einen Scherz drauf. Und immer warst du wie aus dem Ei gepellt. Deine Oldtimer. Blauer Mercedes, 300 D, wolltest du mit nach Marokko fahren. Du hast Whiskey getrunken, keinen Bourbon, keinen Jim Beam, es musste richtig guter Whiskey sein. Und dann in Berlin-Schöneberg. Du hast im Cafe Kleister die Küche gemacht. Gleich hinter der Druckerei, da hast du mit Jutta gewohnt, ihr hattet Kaninchen und Meerschweinchen. Und der Hund, er hieß Haifa, ein Husky. Du warst ein richtiger Finanzfreak, hast auch für Jutta alles erledigt. Ohne dich ist bei ihr nichts gelaufen.«

Jonathan Overfeld sagt: »Das sind so feine Details. Ich brauche grobe.« Er kann nicht viel anfangen mit dem fremden Mann, den der fremde Mann ihm beschreibt.

Jutta. Ihr letztes Signal ist dieser Zettel, er ist an seine Krankenakte geheftet: »Herrn Overfeld nicht die Nummer von Frau Droste geben.« Wer ist nur diese Jutta? Und warum wollte sie ihn nie mehr sehen? Das konnte auch der Fahrrad-Uli nicht erklären. Er hatte zu Jutta schon lange den Kontakt verloren. Auch seinen alten Freund Jonathan hatte er vor zehn Jahren das letzte Mal gesehen. Und jetzt wieder in der Zeitung.

Das Klavier

Die Verlegung von Ochsenzoll in die Berliner Charité ist ein Schritt zurück ins Leben. Ein altes Jugendstilgebäude in Mitte. Es ist mit Efeu bewachsen und hat einen Garten mit alten Bäumen. An die weißen Wände der Innenräume fällt Licht. Es ist nicht weit zum Tiergarten, zum Brandenburger Tor, nur zehn Minuten zu Fuß zum Reichstag, auch nicht so sehr weit zur Philharmonie, nur zwei Kilometer. Jonathan erkennt auf seinen ersten Schritten keines der Gebäude. Und er weiß auch nicht, dass hier einmal eine Mauer gestanden hat, die die Stadt teilte. Es ist eine ihm unbekannte Stadt. Eine, in der er viele Jahre gelebt hat und in der er doch keinen Menschen kennt. Jedes Gesicht ist ein fremdes.

»Guten Tag, Herr Ströbele!« Jemand ruft die Begrüßung vor dem Reichstag zu ihm herüber. Er schaut sich um, denkt zuerst, er sei nicht gemeint. »Hallo«, sagt der Mann noch einmal, winkt kurz mit der Hand, lächelt ihn an. Jonathan ist irritiert. Wer ist das? Woher kennt er ihn? Warum Ströbele? Hat er sich einmal Ströbele genannt? Der Mann geht weiter. Was weiß der über ihn? Einen Moment lang will er ihm folgen. Aber dann ist da diese Angst. Sie ist stärker als der erste Impuls. Er bleibt stehen. Später wird Jonathan häufiger einmal darauf angesprochen werden, dass er eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Bundestagsabgeordneten der Grünen, Christian Ströbele, hat. Es sind wohl die starken Augenbrauen und das dichte, etwas längere graue Haar.

Diese Jutta will ihn nicht sehen. Sie will ihn nie mehr wiedersehen. Oder wenigstens erst einmal nicht. Das hat sie dem Arzt in der Charité so mitgeteilt. Sie ist gekommen, hat ausführlich mit dem Arzt gesprochen und ist wieder gegangen. Aber ein anderer Freund hat sich in der Klinik gemeldet. Er heißt Denis. Er hat einmal Psychologie studiert. Denis hat alles aufgeschrieben, was er über Jonathan Overfeld weiß, in einem sehr langen Brief. Eigentlich ist es ein Brief über Jutta. In jeder Zeile kommt sie vor. Denn Denis sieht sie und Jonathan als eine Einheit, wenn auch eine vertrakte. Der Brief, streng vertraulich, »nicht für alle bestimmt«, ist an den Arzt adressiert. Jonathan soll ihn nicht lesen. Jetzt jedenfalls nicht. Vielleicht später einmal.

Es ist Sonntagmorgen, einer dieser leeren Vormittage nach schlaflos leerer Nacht. Sonnenlicht fällt durch die Fenster des Aufenthaltsraums der Psychiatrischen Station der Berliner Charité. Jonathan hebt den Klavierdeckel, rückt den Schemel heran, setzt die Hände auf die Tasten. Das »Ave Maria« aus dem Präludium C-Dur des ersten Teils des »Wohltemperierten Klaviers« von Johann Sebastian Bach, es ist in den Händen. Er braucht keine Notenblätter. Auch die verkrüppelten kleinen Finger gehorchen den Tönen.

Er bemerkt nicht, dass andere Patienten, angelockt von seinem Klavierspiel, auf den Stühlen hinter ihm Platz nehmen, auch einige der Schwestern. Als sein Publikum applaudiert, in diesem Moment, der einer des Glücks hätte sein können, da plötzlich blickt er in das Entsetzen. Bilder sind da. Die Nordsee, eine große Halle, er sieht sich selbst an der Tastatur eines Flügels, ein Knabe, noch mit langem, blondem Lockenhaar. Kinderchöre singen, einer ist aus Frankreich, einer aus Bayern. Kameras. »Drehscheibe«. So heißt die Sendung. Es ist ein Vorweihnachtskonzert.

An diesem Sonntag in der Charité ist alles da. Nein, es war die ganze Zeit da. Es war ein Gefühl, Abscheu, eine Last. Sie bekommt Konturen. Eine Dame, sehr groß, schlank, in Begleitung zweier Herren. Sie sind so begeistert. Er müsse sofort noch einmal spielen. Ja bitte, jetzt gleich. Sie reden von anderen, die schon auf ihn warten, sie wollen ihn fördern. Sie nehmen ihn in ihrem Auto mit. Da ist eine Villa am Wasser mit Säulen am Eingang.

Aber es sind keine Gäste in dem Haus. Nur ein Flügel auf einem weißen Teppich in einem großen Raum, von dem Treppen nach oben in den ersten Stock führen. Er darf Sekt trinken, ein ganzes Glas, und noch eines. Er ist stolz. Sie klappen den Flügel auf. Er setzt sich. Jetzt wollen sie ihn einführen in das, was zu einem Künstlerleben gehört. Er soll sich ausziehen. Er versteht nicht. Der jüngere der Männer wird böse, er droht ihm den Finger abzuschneiden, wenn er nicht gehorche. Er muss sich ausziehen, auf einen weißen Tisch legen, mit Rädern daran. Der Mann beugt sich über ihn, es ist kalt auf der Haut, er schmiert ihn mit Honig ein und Sahne. Er leckt an seiner Haut. Und auch der andere Mann leckt an seiner Haut. Und die Frau ist jetzt nackt.

Jonathan schlägt das Klavier zu, springt auf, der Hocker fällt um, er rennt über den Stationsflur. Wieder rast das Herz. Er ist schweißnass. Der Arzt gibt ihm eine Spritze. Zur Beruhigung.

Im Kopf können Bilder von Ereignissen entstehen, so sagen Psychologen, die so nie stattgefunden haben. Das Gedächtnis könne Verknüpfungen herstellen, die mit den realen Ereignissen nicht übereinstimmen. Es sei möglich, dass sich jemand, der in seiner Kindheit missbraucht worden sei, lange Zeit nicht mehr daran erinnern könne. Dann habe er vielleicht gegrübelt, was vorgefallen sein könnte, wo und wie. Und auf der Suche nach solchen vermeintlichen Erinnerungen seien ganz lebendige Szenen im Kopf entstanden. Und diese falschen Erinnerungen fühlten sich genauso an wie echte.

Jonathan könnte verzweifeln, wenn andere das, was ihm Erlebnis ist, für Phantasie halten. Kann das denn ein Traum gewesen sein? Das Bild war so deutlich, dieses Haus, auf der einen Seite war Wasser, die Säulen, die vielen Fenster an der Vorderfront, im Eingang ein runder, weißer Teppich und der schwarze Flügel, er glänzte. Es ist doch eine Erinnerung!

Es ist seine erste. Und sie ist in ihren Details so konkret, dass Therapeuten sie eher nicht für ein Produkt der Phantasie halten. Tatsächlich gab es in der Vorweihnachtszeit 1965 eine »Drehscheibe«-Sendung von der Nordsee. Mit Kinderchören darin. Jonathan ist vierzig Jahre danach wieder dorthin gefahren. Die Halle gab es nicht mehr. Sie wurde abgerissen. Es gibt jetzt eine modernere. Er war sich sicher, das Haus mit den Säulen sofort wiederzuerkennen. Er hat gesucht. Er hat es nicht gefunden.

Die Wohnung

Overfeld. Der Name steht auf einer Klingel einer Wohnung in Berlin-Neukölln, Hinterhaus, dritter Stock. Der Schlüssel, den ihm Jutta geschickt hat, passt. Im Wohnungsflur Kartons, durchwühlt. Jonathan steigt drüber hinweg, geht erst zögernd, dann stürzt er voller Entdeckerdrang in das große Zimmer. Und steht da wie gelähmt.

»Wie kann jemand so wohnen?«

Ein schäbiges Sofa mit einer Decke darauf, zwei alte Sessel, alles ist unbehaust. »Wer hängt sich solche Bilder an die Wand?« Es sind die Räume eines Fremden. Das hier soll sein Leben gewesen sein? Die einzige Spur zu ihm selbst ist eine leere Tabakpackung, »Schwarzer Krauser«. Er muss also hier gewesen sein. Er findet kein Fotoalbum, nicht ein einziges Bild, nicht in den Regalen, nicht in einer der Schubladen, die er öffnet. Alle sind leer. Nirgendwo Briefe. Keine Postkarte von irgendwem von irgendwo. Kein Gegenstand, den man persönlich nennen könnte.

Welcher Mensch lebt ohne Papiere, ohne Zeugnisse, ohne ein Foto? Ein altes Keyboard liegt herum, verstaubt. Im Regal ein paar Musikkassetten, Bach, Mozart. Daneben Bücher.

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