Logo weiterlesen.de
Der Mann, der ins KZ einbrach

Über dieses Buch

Als Millionen alles getan hätten, um herauszukommen, schlich sich ein englischer Soldat ins KZ Auschwitz. Denis Avey wollte mit eigenen Augen sehen, was in dem Lager geschah. Jahrzehntelang konnte er nicht darüber sprechen. Jetzt erzählt er mit BBC-Reporter Rob Broomby seine Geschichte. Eine unglaubliche Überlebensgeschichte voller jugendlicher Waghalsigkeit und echtem Mut.

Denis Avey
mit Rob Broomby

Innentitel.eps

Übersetzung aus dem Englischen
von Dietmar Schmidt

BASTEI ENTERTAINMENT

Vorwort

Vor Ihnen liegt ein wichtiges Buch, eine Lebenserinnerung und zugleich eine Mahnung, welche Gefahren einer Gesellschaft drohen, wenn sie zulässt, dass sich Intoleranz und Rassismus ausbreiten. Denis Avey, ein dreiundneunzigjähriger Veteran des Zweiten Weltkriegs, möchte mit diesem Buch daran erinnern, dass Faschismus und Massenmord keineswegs verschwunden sind, sondern jederzeit und überall wieder auftauchen können, auch bei uns in Mitteleuropa, wo man gesellschaftliche und soziale Errungenschaften gerne als selbstverständlich erachtet und leichtfertig der Gefahr preisgibt.

Denis Avey hat Jahrzehnte gebraucht, bis er seine traumatischen Erlebnisse so weit verarbeitet hatte, dass er sie nun erzählen kann. Hinzu kommt, dass er – anders als 1945 – heute auf Menschen trifft, die bereit sind, sich seine Geschichte anzuhören. Es ist die Geschichte eines Mannes, der nicht nur die Schrecken des Krieges, sondern auch die Hölle des Holocaust durchlitten hat. Fünfundsechzig Jahre nach Kriegsende wurde Denis Avey vom britischen Premierminister Gordon Brown empfangen, der sich die bewegende Geschichte dieses alten Mannes anhörte, seinen Mut lobte und ihn mit dem Orden »Im Dienste der Menschlichkeit« ehrte.

Es braucht Mut, um als Zeuge dieser schrecklichen Zeit auszusagen. Bis heute erinnert Denis Avey sich mit Entsetzen an einen blutüberströmten jüdischen Jungen, der strammstehen musste, während er Schläge an den Kopf bekam, und daran, wie die Zwangsarbeiter im Buna-Lager Monowitz bei Auschwitz lebten und starben – ein Lager, in dem besonders jüdische Häftlinge unter der grausamen Behandlung durch die SS-Wachmannschaften zu leiden hatten. Wer zu geschwächt war, um noch arbeiten zu können, wurde ermordet.

Denis Aveys Erlebnisse, was den Umgang der Nazis mit den Juden betrifft, sind verstörend. Dem menschlichen Verstand fällt es schwer, in eine Welt einzutauchen, die von Brutalität beherrscht wird und in der jede noch so kleine Geste der Menschlichkeit – wie die Denis Aveys gegenüber einem holländischen Juden – ein winziges Licht des Trostes in einer Welt düsterer Trostlosigkeit bedeutet hat.

Avey berichtet von den Kämpfen in der Libyschen Wüste und von seiner Kriegsgefangenschaft, ohne sich von den Gräueln einschüchtern zu lassen, und vom Tod seines Freundes Les, der neben ihm »ins Himmelreich gebombt« wurde. »Les war der Bursche mit den funkelnden Augen, den ich aus Liverpool kannte. Ich hatte mit seiner Schwester Marjorie getanzt, hatte mit seiner Familie am Küchentisch gesessen, über ihre Witze gelacht und mit ihnen gegessen.« Doch als er mit dem Blut und den Überresten des »armen alten Les« überschüttet wird, ist sein erster Gedanke: »Gott sei Dank, dass es nicht mich erwischt hat.« Es belastet Denis Avey noch heute, dass er so reagiert hat.

Die Ehrlichkeit dieses Buches unterstreicht seine Bedeutung. Es vertieft unser Wissen und die Einblicke in einen der schlimmsten Auswüchse des SS-Staates. Die Beschreibung von Auschwitz-Monowitz ist sachlich und zutreffend. Indem Denis Avey seine britische Heeresuniform gegen die gestreiften Lumpen eines jüdischen KZ-Häftlings tauschte und sich in den jüdischen Teil des ausgedehnten Zwangsarbeitskomplexes begab, wurde er zum Kronzeugen unsäglichen Schreckens. »Ich musste mit eigenen Augen sehen, was normale Menschen in Schattenwesen verwandelte«, schreibt Avey.

Sein Buch ist ein Tribut an ihn selbst und an all jene, deren Geschichte er unbedingt erzählen wollte – ein Anliegen, das ihm so wichtig war, dass er dafür sein Leben riskiert hat.

Martin Gilbert
8. Februar 2011

Prolog

22. Januar 2010

Als ich in der Downing Street vor den gesicherten Toren aus dem Taxi stieg, wurden mir sofort Mikrofone entgegengereckt. Aber was sollte ich sagen? Es ging ja nicht um meine Kampfeinsätze in der Libyschen Wüste oder um meine Gefangennahme durch die Deutschen. Er ging um die Geschehnisse in Auschwitz.

1945 hatte niemand davon hören wollen; deshalb hatte ich fast sechzig Jahre lang nicht mehr darüber gesprochen. Und meine erste Frau bekam nur die schlimmsten Nachwirkungen meiner Erlebnisse mit. Damals wachte ich häufig auf, mitten in der Nacht, schweißgebadet und in feuchten Laken, immer wieder vom gleichen Albtraum verfolgt. Ich sehe noch heute diesen armen Jungen vor mir, blutüberströmt in Habtachtstellung, während sein Kopf mit Schlägen malträtiert wird. Ich erlebe es jeden Tag aufs Neue, selbst heute noch, fast siebzig Jahre später.

Als ich Audrey kennenlernte, die später meine zweite Frau wurde, wusste sie bereits von meinen inneren Dämonen und dass ich sie Auschwitz zu verdanken hatte. Trotzdem konnte ich jahrzehntelang nicht darüber reden. Heutzutage ist es umgekehrt: Ich rede so oft darüber, dass meine Frau glaubt, ich wäre in der Vergangenheit gefangen. Deshalb rät sie mir ständig, nach vorn zu blicken und mich von den Erinnerungen zu lösen. Aber in meinem Alter ist das nicht so einfach.

Die Tür zum Amtssitz des Premierministers in der Downing Street, in der ich im Fernsehen schon oft führende Politiker des Landes hatte stehen sehen, öffnete sich, und ich trat ein. Im Flur nahm man mir den Mantel ab und führte mich die Treppe hinauf, vorbei an den gerahmten Porträts ehemaliger Premiers, darunter das von Winston Churchill, das ich erstaunlich klein fand für einen politischen Riesen wie ihn. Ich blieb stehen, auf meinen Gehstock gestützt, um wieder zu Atem zu kommen, ehe ich an den Premiers der frühen Nachkriegsjahre und schließlich an Thatcher, Major und Blair vorbei an das obere Ende der Treppe gelangte.

Dort ließ ich mich erst einmal auf einen Stuhl sinken. Schließlich war ich einundneunzig und musste mich von dem Aufstieg erholen. Ehrfürchtig sah ich mich im beeindruckenden Terracotta Room mit seiner hohen Decke und den Kronleuchtern um. Am Morgen hatte Premierminister Brown verkündet, er werde vor dem Chilcot-Untersuchungsausschuss zum Irakkrieg aussagen, sodass ich mich fragte, ob er überhaupt Zeit für mich hatte, zumal auch die Wahlen näherrückten. Doch meine Zweifel verflogen, als der Premierminister ins Zimmer kam, auf mich zutrat und meine Hand nahm.

Er sprach leise, flüsterte beinahe. Obwohl das Zimmer voller Menschen war und die Pressefotografen und Kamerateams uns zusammen aufnehmen wollten, kam mir dieser Augenblick außerordentlich privat vor. »Wir sind sehr, sehr stolz auf Sie«, sagte der Premierminister. »Es ist uns eine Ehre, Sie bei uns zu haben.«

Ich war gerührt.

Seine Frau Sarah stellte sich mir vor. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, also küsste ich ihr die Hand und sagte ihr, sie sähe noch besser aus als im Fernsehen. Das entsprach der Wahrheit, aber ich hätte es trotzdem für mich behalten sollen. Komplimente aus dem Munde eines alten Herrn wirken mitunter plump; andererseits lässt man einem Einundneunzigjährigen solche Unüberlegtheiten eher durchgehen. Doch ich begab mich rasch wieder auf sicheren Boden, indem ich hinzufügte: »Mir hat die Rede gefallen, die Sie neulich gehalten haben.« Mrs. Brown dankte mir mit einem Lächeln.

Dem Premierminister wehte zu der Zeit ein politisch rauer Wind ins Gesicht, und ich sagte ihm, dass es mir nicht gefiele, wie seine Kollegen mit ihm umsprangen. Wenn er jemanden als Rückendeckung bräuchte, wäre ich sein Mann. Der Premierminister lächelte und erwiderte, er werde daran denken. »Ich möchte Ihren Job für kein Geld in der Welt«, fügte ich hinzu. Zwar hatte ich nicht für Gordon Brown gestimmt, aber er war ein anständiger Kerl, und seine Aufrichtigkeit hat mich beeindruckt.

Ich genoss seine ehrliche, ungeteilte Aufmerksamkeit so sehr, dass ich eine Zeitlang das Gefühl hatte, wir beide wären unter uns. Ich habe ein Glasauge – ein Andenken an Auschwitz – und hatte Mühe, den Premierminister mit meinem verbliebenen Auge deutlich zu sehen. Auch Mr. Brown hatte einen Sehfehler; deshalb rückten wir bei unserem Gespräch so nahe zusammen, dass wir einander fast mit der Stirn berührten.

Mr. Brown sprach von »Mut« und »Tapferkeit«, während ich ihm von Auschwitz erzählte, von der IG Farben, von der SS und allen möglichen anderen Dingen. Es sprudelte regelrecht aus mir heraus. Einmal hatte ich Schwierigkeiten, ein Wort zu finden; mir fiel nur das deutsche Wort Häftling ein. »Das geht mir genauso, wenn ich mich an diese Zeit erinnere«, sagte ein KZ-Überlebender, der ebenfalls im Zimmer war.

Trenner

Kurz darauf als einer von siebenundzwanzig »Britischen Helden des Holocaust« geehrt zu werden, war ein bewegendes Erlebnis für mich. Fast alle wurden postum gewürdigt. Nur zwei von uns lebten noch – meine Wenigkeit sowie Sir Nicholas Winton, der mehr als sechshundert tschechoslowakische Kinder gerettet hatte. Ich bekam eine Medaille aus massivem Silber mit der Gravur »Im Dienste der Menschlichkeit«. Auf dem Weg nach draußen sagte ich zu einem Journalisten, dass ich nun als glücklicher Mann sterben könne. Ich hatte fast siebzig Jahre gebraucht, bis ich diese Worte auszusprechen vermochte.

Jetzt, wo ich imstande bin, über diese schreckliche Zeit zu reden, habe ich das Gefühl, als würde sich eine Last von meinen Schultern heben. Ich kann nun klar und deutlich an jenen entscheidenden Moment zurückdenken, den Augenblick des Austauschs.

Trenner

Mitte 1944

Wir mussten uns beeilen. Ich wartete versteckt in dem kleinen Schuppen. Ich konnte nicht sicher sein, ob er wirklich erschien, aber dann kam er. Er war ein holländischer Jude. Ich kannte ihn als »Hans«. Als er sich zu mir hineinduckte, zog ich meine Uniformjacke aus. Hans schloss die Tür vor dem Lärm der höllischen Baustelle und streifte seine verdreckte gestreifte Häftlingskleidung ab. Er warf mir die dünnen Sachen zu, und ich schlüpfte hinein, ohne zu zögern. Dann beobachtete ich, wie er meine britische Felduniform anzog, wobei er immer wieder über die Schulter zur Tür blickte.

Mit dem Tausch unserer Kleidung hatte ich den Schutz der Genfer Konvention aufgegeben. Ich hatte Hans meine Uniform überlassen, meine Rettungsleine, meine größte Chance, lebend aus diesem Albtraum herauszukommen. Von nun an würden die Deutschen mich so behandeln, wie sie Hans behandelt hatten. Wenn sie mich schnappten, würden sie mich ohne viel Federlesens als Schwindler erschießen.

Es war Mitte 1944, als ich aus freiem Entschluss das Konzentrationslager Auschwitz III betrat.

1. Kapitel

Ich habe mich freiwillig zum Militärdienst gemeldet, aber es ging mir nicht darum, für König und Vaterland zu kämpfen, obwohl ich Patriot war. Der Grund war Abenteuerlust. Wie hätte ich auch ahnen können, welche Hölle mir bevorstand? Eine heroische Aufbruchstimmung jedenfalls gab es damals nicht. An einem schönen Augustmorgen des Jahres 1940 verließen wir Liverpool an Bord des Truppentransporters Otranto, ohne zu wissen, wohin die Reise ging.

Ich blickte über den sich verbreiternden Streifen aus braunem Mersey-Wasser auf das Royal Liver Building, ein Wahrzeichen Liverpools, und fragte mich, ob ich die grünen Liver-Vögel auf seinen Kuppeln je wiedersehen würde. Zu der Zeit war Liverpool von Bombenangriffen noch weitgehend verschont geblieben. Einen Monat nach meiner Abreise sollte sich das ändern, aber noch war Liverpool eine Stadt, die beinahe so aussah wie in Friedenszeiten. Ich war einundzwanzig Jahre alt und fühlte mich unzerstörbar, unverwüstlich. Wenn du einen Arm oder ein Bein verlierst, gelobte ich mir, kehrst du nicht nach Hause zurück. Ich war ein junger Soldat mit rotem Haar und einem Temperament, das dazu passte und das mir eine Menge Schwierigkeiten einbringen würde. Aber das konnte ich nicht ändern.

Trenner

Ich war ins Heer eingetreten, weil mir die Luftwaffe zu langsam war: Bei der Royal Air Force dauerte der Papierkram länger. Das war die erste glückliche Entscheidung meiner militärischen Laufbahn. Als ich die Spitfires sah, die über uns durch die Wolken jagten, wünschte ich mir zwar immer noch, Pilot zu sein, aber es hätte mit ziemlicher Sicherheit meinen Tod bedeutet, wäre ich zu dieser Zeit der Royal Air Force beigetreten. Die RAF-Piloten waren die Ritter der Lüfte, doch als die Luftschlacht um England begann, hatten die meisten dieser armen Kerle nicht mehr lange zu leben. Deshalb hatte ich Glück, nicht zu ihnen zu gehören.

Ich meldete mich am 16. Oktober 1939 zum Dienst. Weil ich gut mit dem Gewehr umgehen konnte, steckte man mich – Rifleman Denis George Avey, Dienstnummer 6914761 – in das 2. Bataillon der Rifle Brigade und schickte mich zur Grundausbildung in eine Kaserne in Winchester.

Die Ausbildung war streng. Man achtete nicht auf Regen oder Sonnenschein. Die Rifle Brigade war ein Regiment von Berufssoldaten, und als Kriegsfreiwillige wurden wir besonders hart geschliffen. Wir exerzierten bis zum Umfallen, machten knochenhartes Ausdauertraining und endlose Hindernisläufe, sodass wir jeden Abend erschöpft auf unsere Pritschen sanken. Doch am Ende waren wir ziemlich fitte Jungs. Wir wurden an jeder Waffe ausgebildet, die der British Army zur Verfügung stand, doch ich war mit Schusswaffen aufgewachsen. Mein Vater hatte mir meine erste Schrotflinte gekauft, eine Vier-Zehner, als ich acht Jahre alt war. Sie hatte einen eigens gekürzten Kolben, damit ich sie an die Schulter setzen konnte. Die Waffe hängt noch heute an einer Wand meines Hauses.

Mein Vater hat immer auf strenger Disziplin bestanden, was Waffen anging. Bei uns auf dem Land gab es nur Ja oder Nein, kein Vielleicht. Ich bin in einer Welt unumstößlicher moralischer Grundsätze aufgewachsen, und es wurde von mir erwartet, für das einzustehen, was richtig war. Mein Vater lehrte mich den Respekt vor Mensch und Tier. Vögel wurden für die Speisekammer erlegt, nicht zum Spaß. Ich erlernte das Tontaubenschießen, und es dauerte nicht lange, bis ich die Scheibe selbst in die Luft schleudern, die Flinte hochreißen und die Tontaube vom Himmel putzen konnte, ehe sie zu Boden fiel.

Das Gewehrschießen bei der Army war anders, aber ich hatte schnell den Bogen raus und traf bald auf bis zu 550 Meter Entfernung ins Schwarze.

Einmal, am Ende eines besonders langen Ausbildungstages, gingen wir zum Schießstand von Winchester. Ich drückte den Abzug meines Lee-Enfield .303, spürte den Rückschlag und traf mühelos das Ziel. Die Kameraden, die die Zielscheiben bedienten, waren hinter einem Erdwall in Deckung. Sie zeigten mit einem langen Stab, an dem eine tellergroße weiße Scheibe befestigt war, auf die Treffer. Als einer der Männer seinen Zeigestab zögernd auf das Schwarze richtete, um meinen Treffer anzuzeigen, lud ich das Gewehr durch und schoss ihm die weiße Scheibe vom Stab.

Der Mann war nicht in Gefahr gewesen, aber ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich geprahlt hatte. Der Vorfall trug mir einen Rüffel ein, machte mich aber bei den einfachen Soldaten beliebt. Wegen meines Könnens mit der Waffe machte man mich zum »Star-Man«, und ich erhielt ein Schützenabzeichen, das ich an meiner Uniform zu tragen hatte.

Ziemlich grässlich war die Ausbildung mit dem Bajonett. Bei den Rifles wurden Bajonette von jeher »Schwerter« genannt. Wir wurden darauf gedrillt, einen feindlichen Soldaten aus nächster Nähe zu töten – so nahe, dass man seinen Atem riechen und sehen konnte, ob er sich morgens rasiert hatte. Bei der Ausbildung erhielten wir den Befehl, schreiend und brüllend auf dreißig Meter entfernt stehende Puppen in Menschengestalt loszustürmen. Wir mussten ihnen die Klinge in die Eingeweide stoßen, sie herausziehen, den Gewehrkolben herumschwenken und ihn der Puppe im Vorbeilaufen gegen den Kopf rammen.

Sergeant Bendle beobachtete uns missbilligend. Er war ein untersetzter Mann, klein und zäh. »Lauter, lauter!«, brüllte er, bis sein Gesicht knallrot war, und er gab sich nicht eher zufrieden, bis wir mit der gleichen Lautstärke brüllten wie er.

Das Gebrüll war psychologische Kriegführung und half einem, den Bajonettangriff durchzustehen. Wir mussten ihn immer wieder üben, bis wir ihn beherrschten. Danach wusste ich: Sollte es wirklich mal hart auf hart kommen, würde ich nicht derjenige sein, der sich in Todesqualen am Boden wand.

Das Bajonettfechten Mann gegen Mann war nicht ganz so schlimm, weil es einem wenigstens ein bisschen wie Sport vorkam. Wir bekamen Gewehre mit Federbajonetten, auf deren Spitze eine Schutzkappe saß. Wenn wir einen Stich erhielten, den wir nicht abwehren konnten, sollte das Bajonett sich in den Griff zurückschieben. Die Berufssoldaten aber stießen noch einmal nach und rammten einem das Ding vor den Bauch, was unglaublich wehtat. Anderseits erinnerte es einen daran, was passierte, wenn man nicht auf der Hut war.

Von Winchester wurden wir nach Tidworth auf der Salisbury Plain verlegt. Dort gab es einen Offizier, der bei den Männern besonders beliebt war. Er war ein adretter, gut aussehender Bursche mit dunklem Menjoubart und stets ordentlich gekämmtem Haar.

Wenn ich mich recht erinnere, war er damals Second Lieutenant und ein erstklassiger Offizier, aber die meisten von uns kannten ihn besser als Raffles, den Gentleman-Dieb. Der Film war kurz vor dem Krieg in die Kinos gekommen, und die Poster hingen noch überall. Unser Lieutenant war niemand anders als der zuvorkommende und kultivierte Filmstar David Niven.

Nach einer Übung sammelten wir uns zur Nachbesprechung um ihn, aber in Wirklichkeit wollten wir Klatsch und Tratsch aus der Welt des Glamours hören. Niven machte es nichts aus, mit uns, seinen Fans, zu reden, denn er war bereits vor dem Krieg in Sandhurst ausgebildet worden und passte sich nun wieder an das Leben im Militär an. Er hatte gerade mit Olivia de Havilland gedreht, aber es war eine gewisse Ginger, sein Co-Star in Die Findelmutter, über die er am meisten sprach. Wir alle wussten, wen er meinte. Es wurde gewitzelt und herumgealbert, und einer von den Jungs sagte: »Ich wette, Sie wären überall lieber als hier, Sir, nicht wahr?« Niven überlegte kurz, ehe er antwortete: »Sagen wir mal so … Ich würde lieber Ginger Rogers’ Titten kraulen.«

Trenner

In der vierten Maiwoche 1940 holte uns die Wirklichkeit ein. Einhundert von uns wurden ausgewählt und zum Bahnhof von Tidworth gebracht, ohne dass man uns einen Grund dafür nannte. Wir wussten, dass es in Frankreich schlecht für uns stand. Ich erhielt den Befehl über ungefähr zwanzig Mann und musste die Granatwerfer, die leichten Bren-MGs und die Gewehre verteilen.

Nach einer Stunde fuhr der Zug ein, wobei er Wolken aus Dampf und Rauch ausstieß. Wir stiegen zwischen den Zivilisten ein, und die Fahrt zur Küste begann.

Das britische Expeditionskorps steckte in ernsthaften Schwierigkeiten. Calais wurde belagert, und die Schlinge der Deutschen zog sich zu. Das 1. Bataillon der Rifle Brigade saß dort fest, und unsere Einheit aus dem 2. Bataillon wurde bereitgestellt, um die Jungs herauszuhauen.

Allerdings saßen wir auf der falschen Seite des Ärmelkanals. Aus der Sicherheit Englands starrten wir auf das grelle Küstenlicht. Wir konnten uns die Katastrophe, die sich jenseits des schmalen Wasserstreifens abspielte, nur schwer vorstellen, aber wir hörten die Schüsse der schweren Artillerie – ein gespenstisches, Unheil verkündendes Dröhnen.

Das 1. Bataillon befand sich erst seit zwei oder drei Tagen in Frankreich. Man hatte es eilig hinübergeschafft, damit es unseren Divisionen die Flucht ermöglichte, indem es den Hafen von Calais offen hielt. Es leistete zähen Widerstand und kämpfte, bis ihm die Munition ausging. Eine Handvoll Überlebender wurde von der Royal Navy nach England gebracht; die anderen fielen oder gerieten in Gefangenschaft. Winston Churchill dankte ihnen später und erklärte, ihr Widerstand habe mindestens zwei deutsche Panzerdivisionen gebunden, während die »kleinen Schiffe« in Dünkirchen so viele Soldaten an Bord nahmen, wie sie konnten.

Dort einzugreifen wäre Selbstmord für uns gewesen. Wir wären noch auf dem Wasser zusammengeschossen worden. Zum Glück sahen die hohen Tiere das rechtzeitig ein, und der Plan wurde aufgegeben. Ich sollte erst als Kriegsgefangener auf das europäische Festland gelangen. Falls ich einen Schutzengel besaß, so hatte er gerade wieder eingegriffen. Bereits zum zweiten Mal, nachdem ich mich schon nicht zur RAF gemeldet hatte, war ich dem Tod durch pures Glück von der Schippe gesprungen.

Als Nächstes wurden wir zur Pferderennbahn von Aintree nördlich von Liverpool verlegt. Dort findet normalerweise das Grand National statt, doch jetzt war die Rennbahn ein Meer aus Soldaten, die darauf warteten, dass man sie Gott weiß wohin schickte.

Wir übernachteten im Freien. Obwohl Sommeranfang war, erwachte man mit Gliederschmerzen und einer vom Tau klammen Decke. Aber am Canal Turn zu biwakieren, dem Sprunghindernis mit seiner berühmt-berüchtigten Neunzig-Grad-Biegung, war ein echter Leckerbissen für einen jungen Mann, der mit Pferden aufgewachsen ist. Nach drei Wochen zogen wir in ein großes Haus in der Stadt um und hatten endlich die Nässe hinter uns, wenn schon sonst nichts.

Dort bin ich Eddie Richardson zum ersten Mal begegnet. Er war ein prima Kerl aus einer alten Soldatenfamilie; deshalb nannten wir ihn »Regimental Eddie« oder kurz »Reggie«. Wir lagen auf der gleichen Stube. Reggie konnte sich sehr gut ausdrücken, redete vielleicht sogar ein bisschen hochgestochen im Vergleich zu uns anderen. Monate später sollte er in der Wüste am gleichen Tag, an dem mein Glück mich verließ, in Schwierigkeiten geraten.

Die Ausbildung in Liverpool besaß eine ganz eigene Atmosphäre. Wir übten in abgesperrten Straßenzügen, die zum Abriss vorgesehen waren, den Häuserkampf. Wir erlernten die schwierige Kunst, Molotowcocktails herzustellen und zu werfen, und meisterten die Mills-Granate, eine Handgranate mit einer segmentierten Stahlhülle, die wie eine Mini-Ananas aussah. In den Monaten, die vor mir lagen, sollte ich eine innige Vertrautheit mit der Mills-Granate entwickeln. Das Ding war so simpel, wie es gemein war. Man konnte unterschiedliche Zünder einsetzen, die drei, sieben oder neun Sekunden bis zur Detonation verstreichen ließen, aber man musste sich sehr genau überlegen, welchen Zünder man nahm. Denn wer möchte schon, dass jemand von der anderen Seite Zeit genug bekommt, das Ding zurückzuwerfen? Man zog den Sicherungsstift, lief ein Stück vor und schleuderte die Handgranate mit ausgestrecktem Arm wie beim Kegeln, während man sich auf den Bauch warf. Wenn man sich nicht selbst in die ewigen Jagdgründe sprengte, sollte die Handgranate in einer großen, tiefen Grube landen, wo die Explosion relativ abgeschirmt verlief.

Das alles war kein Problem für mich. Als Sechzehnjähriger hatte ich einen Kricketball neunzig Meter weit werfen können. Für mich war alles immer noch ein Spiel.

Trenner

Als wir an Bord der Otranto von Liverpool ausliefen, war uns bewusst, dass wir Großbritannien in einem traurigen Zustand hinter uns ließen. Im Juni war Frankreich an die Deutschen gefallen, Italien hatte den Alliierten den Krieg erklärt, und über Südengland fanden regelmäßig Kurvenkämpfe zwischen Jägern der deutschen Luftwaffe und der RAF statt. Die Luftschlacht um England hatte begonnen.

Als ich an Bord des Truppentransporters ging, pusteten dessen Zwillingsschornsteine mit ihren dunklen Bändern Rauch in die Luft. Es wimmelte von Männern, die sich eine Koje suchten. Einige trugen Marschgepäck und waren auf Kabinen aus, andere riefen ihre Kameraden herbei und versuchten sich auf dem Schiff zurechtzufinden. Auf den Decks unter uns waren die Fahrzeuge und das schwere Gerät verstaut.

Les Jackson war von Anfang an dabei. Er war damals Corporal, ein Berufssoldat – ein großartiger Kamerad mit einem Funkeln in den Augen und einem verschmitzten Humor. Er war älter als die meisten von uns, über dreißig, aber wir waren von Anfang an gut miteinander ausgekommen, und am Ende sollten wir ebenfalls zusammen sein: Achtzehn Monate später, als wir frontal in eine Wand aus Maschinengewehrfeuer hineinfuhren, saß ich neben ihm.

Les hatte mich seiner Familie in Liverpool vorgestellt, und ich hatte mich in seine Schwester Marjorie verguckt. Sie war ein sehr attraktives Mädchen mit hellem Haar und leichtem Liverpooler Einschlag; ein freundlicher Mensch und eine ausgezeichnete Tänzerin. Ich hatte sie ein paarmal ausgeführt, aber wir waren die Unschuld in Person. Damals konnte man nachts ein Mädchen meilenweit nach Hause begleiten, und am Ende des Weges war ein Kuss auf die Wange das höchste der Gefühle. Trotzdem war zwischen uns etwas Besonderes. Die Familie hatte mir herzliche Gastfreundschaft entgegengebracht, aber nun sollten fünf Jahre vergehen, ehe ich wieder die Schwelle ihres Hauses überschritt, um Les’ Vater auf ein Bier abzuholen, leider zu einem alles andere als freudigen Anlass.

Ich hatte Marjories Foto an die Wand der kleinen, stickigen Kabine geklebt, die ich mit drei Kameraden teilte. Aber Marjorie war nicht die Einzige. Ich hatte immer viele Freundinnen gehabt; deshalb besaß ich eine ansehnliche Sammlung an Fotos.

Ich lag in der obersten Koje, Bill Chipperfield lag unter mir. Er war ein bodenständiger Bursche aus einer armen Familie in Südengland, grundehrlich und stets gut gelaunt. In der Kabine lagen noch zwei andere Soldaten, aber die armen Teufel mussten auf dem Boden pennen. Wir waren eingequetscht wie Sardinen in der Dose, und man konnte sich in der Dunkelheit nicht bewegen, ohne auf jemanden zu treten.

Wir hatten vierundzwanzig Stunden Heimaturlaub erhalten, ehe wir an Bord mussten, und den größten Teil dieser Zeit hatte ich auf dem Hin- und Rückweg verbracht. Meine Familie lebte tief im Süden, im Dorf North Weald in Essex. Wir waren erfolgreiche Bauern, sodass es uns nie an etwas mangelte, und ich hatte eine schöne Kindheit auf dem Lande hinter mir.

Meine Mutter weinte herzzerreißend, als sie mich zum Abschied küsste. Ich hatte mit meiner Schwester Winifred für Fotos posiert. Das Bild, auf dem der Wind in ihrem dunklen, welligen Haar spielt, besitze ich noch heute. Auf dem Foto trägt sie ein Strickkleid und eine Perlenkette. Ich bin in Uniform, die Hosenbeine hochgezogen, die Uniformjacke an den Hüften straff gezogen, das Schiffchen in kesser Schieflage auf dem Kopf. Als ich mich verabschiedete, kam mir gar nicht der Gedanke, dass ich vielleicht nicht mehr heimkehren könnte. Ich war überzeugt, auf mich aufpassen zu können. So ist man in der Jugend. Meine Schwester verbarg in ihrem Innern, was sie empfand. Wir wussten nicht, was der Krieg bringen würde. Warum sich also Sorgen machen?

Nur einer von uns ahnte, was kommen würde, aber er sagte nichts: George Avey, mein Vater. Er hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und wusste, was mir bevorstand: Schmutz, Blut und Entbehrungen. Er schüttelte mir nur die Hand und wünschte mir Glück. Er war ein anständiger, stolzer Mann mit vollem dunklem Haar – ein gläubiger Christ, der hohe Anforderungen stellte und die Kraft hatte, sie durchzusetzen. Er hatte mir nie viel väterliche Wärme entgegengebracht, aber das hatte auch seine Vorteile: Einige Geschehnisse in späterer Zeit sind darauf zurückzuführen, dass ich mit der Vorstellung aufgewachsen bin, Prinzipien müssten in die Tat umgesetzt werden. Vater war von Beruf Ratsschreiber, und dies zu einer Zeit, als eine solche Aufgabe einem Mann noch Respekt und lokal begrenzte Allmacht einbrachte, aber er war im Dorf beliebt, weil er unterschiedslos jedem half, der in der Klemme steckte. Später erfuhr ich, dass er hin und wieder die Steuern ärmerer Mitbürger aus eigener Tasche beglichen hatte.

Es fiel meinem Vater schwer, Zuneigung zu zeigen, und auch Lob war bei uns ein karges Mahl. Als ich als Kind einen begehrten Sportpokal errang, sagte er nur: »Gut gemacht, Junge«, und sprach dann nie wieder darüber. Erst nach dem Krieg wurde mir klar, dass er verdammt große Stücke auf mich gehalten hat. Kurz nachdem ich in See gestochen war, meldete er sich freiwillig zur Army; zu diesem Zweck musste er lügen, was sein Alter betraf. Später erzählte man mir, dass er immer gefragt habe, wo ich stationiert sei. Ich nehme an, er hegte die Hoffnung, sich irgendwie um mich kümmern zu können, wenn er sich zu mir versetzen ließ, aber natürlich trafen wir nie zusammen.

Er geriet auf Kreta in Kriegsgefangenschaft und kam als Zwangsarbeiter nach Deutschland, wo er beim Bau einer Bergbahn eingesetzt wurde, obwohl er an Lungenentzündung litt. Oft schleuderte er Schrauben und Muttern den Hang hinunter – eine Trotzreaktion, um zu beweisen, dass er noch nicht geschlagen war. Er konnte ganz schön widerborstig sein. Das habe ich wohl von ihm geerbt.

An Deck schaute ich zu, wie die Besatzung sich gegen Gefahren wappnete, die unter Wasser auf uns lauern konnten – U-Boote und Minen, die nur darauf warteten, ein Leck in den Schiffsrumpf zu reißen und uns in die Tiefe zu schicken. Der einzige wirksame Schutz gegen Minen war das Ottergerät, ein torpedoförmiges Ding mit scharfen Finnen. Über die Reling gelehnt, beobachtete ich, wie es an der Seite heruntergelassen wurde und in den Wellen verschwand.

Das haiartige Gerät erwachte zum Leben, sobald es im Wasser war; seine Flossen zogen es in die Tiefe und vom Schiff weg. Das schwere Kabel wurde abgerollt, bis der Otter ein gutes Stück vom Schiff entfernt war und parallel zu ihm durchs Wasser glitt. Das Kabel sollte die Minen von ihren Ankern reißen. Kamen sie dann an die Oberfläche, wurden sie mit Maschinengewehren unter Feuer genommen, oder sie glitten am Kabel entlang und trafen den Otter, wo sie in einer weißen Fontäne explodierten, das Schiff aber verschonten, was uns ein gewisser Trost war.

Mich faszinierten solche Erfindungen. Ich hatte oft an Autos und Motorrädern herumgebastelt, und als Schüler wollte ich unbedingt Ingenieur werden. Ich hatte immer schon meinen eigenen Kopf gehabt. Als Junge hatte ich sogar meine eigene Kinderarmee geführt. Wir waren umhermarschiert, echte Gewehre auf den Schultern, die allerdings nicht geladen waren. Auf der Schule wurde ich Schulsprecher, und ich hatte die nötige Kraft, um den Schlägern Grenzen zu setzen, was ich auch tat. Später zog meine Frau Audrey mich damit auf, dass ich dann ja selbst zum Schläger hatte werden müssen. Ich fürchte, es war nur halb im Scherz gemeint. Jedenfalls hatte ich vor nichts und niemandem Angst.

Ich besuchte das Leyton Technical College in Ostlondon und hielt mich dort ganz gut. 1933 – in dem Jahr, als Hitler Reichskanzler wurde – stand ich in der Stadthalle von Leyton auf der Bühne, um für meine schulischen Leistungen einen Preis entgegenzunehmen. Ich war erst vierzehn, aber der Mann, der mir den Preis überreichte, hätte mich tiefer beeindrucken müssen, als es der Fall war: Es handelte sich um den Kriegsveteranen und Dichter Siegfried Sasson. Er war damals Mitte vierzig und hatte dunkles Haar, das er aus der hohen Stirn gekämmt trug. Er beglückwünschte mich kurz und knapp und überreichte mir zwei bordeauxfarbene Bände mit goldener Prägung in Gestalt eines Schwertes und eines Schildes. Ich hatte mir Bücher von Robert Louis Stevenson und Edgar Allan Poe ausgesucht.

Das alles schien mir jetzt, als England hinter dem Schiff im Dunst verschwand, ewig lange her zu sein. Die zivilisierte Welt, die ich gekannt hatte – die Welt mit ihren Gesetzen, Gebräuchen und Vorstellungen von Anstand –, blieb langsam hinter mir zurück.

2. Kapitel

Les Jackson kannte immer die kürzeste Strecke zwischen zwei Punkten. Kaum war die Otranto ausgelaufen, kam er in unsere Kabine und stieg mit langen Schritten vorsichtig über die am Boden Liegenden hinweg, weckte sie aber trotzdem. Er schaute sich die Reihe von Mädchenfotos an, die ich an die Wand geklebt hatte, darunter auch das Foto seiner Schwester Marjorie. Ich rechnete mit einem spöttischen Kommentar, der jedoch ausblieb. Les wusste, dass ich eine Schwäche für Marjorie hatte, doch ihm lag etwas anderes auf dem Herzen.

»Ich habe eine Aufgabe für dich, Avey. Du hast Latrinendienst.«

»Was? Das kann nicht dein Ernst sein.«

»Es wird sich für dich lohnen.«

Eddie Richardson schnappte er sich ebenfalls. Eddie hatte eine Privatschule besucht und hätte sich kaum dazu herabgelassen, das Wort Latrine auszusprechen, geschweige denn, eine zu putzen. Als er herausfand, dass die Waffe der Wahl die Klobürste war, zeigte er sich wenig erfreut; dennoch reinigten wir jeden Tag eine halbe Stunde lang die Toiletten und bekamen dafür jedes Mal ein Festessen: Sandwiches mit Ei und Speck, so viel wir verdrücken konnten. Das war großartig. Vor allem aber waren wir für die gesamte Fahrt von sämtlichen anderen Arbeiten befreit. Les wusste einfach, wo es langging. Er segelte stets hart am Wind.

An diesem Tag, dem 5. August 1940, liefen siebzehn Schiffe aus. Eines musste wegen Maschinenschadens umdrehen. Die anderen dampften unter Geleitschutz durch die Navy auf die Irische See hinaus. Wir wussten noch immer nicht, wohin es ging; diese Information wurde sogar vor uns geheim gehalten. Kaum war das Festland außer Sicht, als das Heulen einer Sirene das monotone Stampfen der Motoren übertönte. U-Boot-Alarm! Auf dem Schiff brach hektische Betriebsamkeit aus. Männer eilten rufend und schreiend umher. Ich drängte mich zu meiner Rettungsbootstation durch. Mit aschfahlen Gesichtern suchten Männer die Wasseroberfläche nach einem Periskoprohr ab oder schlimmer noch, nach einem Torpedo. Von der Brücke der Otranto blitzten Signale, die an die Schiffe des Geleitschutzes gerichtet waren – verwaschene graue Schemen am Horizont. Je mehr Zeit verstrich, ohne dass ein U-Boot gesichtet wurde, desto mehr legten sich Angst und Aufregung. Trotzdem mussten wir stundenlang an Deck stehen. Doch schon bald wurde das Leben an Bord zu einem monotonen Einerlei.

Trenner

Ich wurde aus tiefem Schlaf gerissen, als jemand kräftig an meinem Arm zerrte. In der Kabine wimmelte es von Kameraden, die einen Heidenlärm veranstalteten. Ich wurde aus der Koje gezerrt. »Wach auf, Avey, wir haben einen Job für dich. Zeit, dass du dein Geld verdienst«, sagte jemand.

Ehe ich wusste, wie mir geschah, wurde ich von der Menge Uniformierter mitgerissen. Rings um mich her sangen und grölten die Männer. »Das gibt was!«, rief jemand. »Wartet nur, bis er den Burschen sieht!«

So langsam wurde mir klar, dass man irgendetwas mit mir vorhatte, und mir kam der starke Verdacht, dass es mit einer Art Opferzeremonie zusammenhing. Wir eilten über die schmalen Gänge, an zahllosen Kabinentüren vorüber, bis wir an eine steile Treppe gelangten, die an Deck führte. Die Seeluft wehte mir ins Gesicht, und endlich wurde ich richtig wach. Man führte mich über das Deck, vorbei an Rettungsbooten, die an ihren Seilen hingen, und Reihen riesiger weißer Lüftungsrohre, die an die Sprechtrichter altmodischer Telefonapparate erinnerten. Als wir uns dem Heck näherten, ging es wieder abwärts. Rechts von mir bemerkte ich einen jungen Burschen mit fleckigem Gesicht, der mit den Fäusten lebhaft Boxhiebe in die Luft machte. Allmählich begriff ich, worum es hier ging.

Auf dem Achterdeck sah ich einen Boxring unter freiem Himmel, kunstgerecht mit Seilen abgegrenzt. Ein großer Mast überragte ihn. Dass ich boxte, hatte sich herumgesprochen, und damals hätte ich im Ring oder außerhalb gegen jeden gekämpft, der mir seinen Hut vor die Füße warf. Normalerweise siegte ich, aber normalerweise wusste ich vorher auch, gegen wen ich antrat.

Ich hatte schon die Boxhandschuhe an, als ich ihn sah. Mein erster Gedanke war: Die haben dich reingelegt! Mein Gegner stolzierte in den Ring. Er war nicht allzu groß, vielleicht eins fünfundsiebzig, aber gut gebaut und kräftig. Er war ein Jock, ein Schotte von der Black Watch, einem zähen Hochlandregiment, und es war nicht zu übersehen, dass jeder auf dem Schiff glaubte, ich würde eine Abreibung bekommen.

Mein Gegner war offensichtlich ein Straßenkämpfer, womöglich sogar ein Profiboxer, doch als ich näher trat, konnte ich ihn besser erkennen. Und was ich sah, gab mir neue Hoffnung. Die Augenbrauen meines Gegners waren von Narben durchzogen; er hatte Blumenkohlohren und eine platte Nase. Jeder, der so schlimm verdroschen worden war, konnte kein besonders guter Fighter sein, oder er war nicht allzu schnell. Hier hatte jemand eine Fehleinschätzung getroffen, und ich war es nicht.

Schon als kleiner Junge hatte ich in Boxklubs gekämpft, und ich war schnell auf den Beinen. Während ich meine Beweglichkeit ausnutzte, stapfte mein Gegner durch den Ring. Ein paar Mal hätte er mich fast getroffen, aber ich hatte schnelle Fäuste, eine ziemlich gute Linke und schlug gute Haken. Ich zielte nie auf sein Gesicht, nur auf den Körper. Gegen Mitte der zweiten Runde verpasste ich ihm einen wuchtigen Treffer auf den Solarplexus, und er ging zu Boden und schnappte nach Luft. Es war vorbei.

Nach dem Kampf blieb ich an Deck, um mir die anderen Fights anzuschauen, aber es war kein schöner Anblick. Ein Offizier der Black Watch wurde überredet, sich einem seiner eigenen Männer zum Kampf zu stellen. Der Offizier war unbeliebt und zögerte lange, ob er kämpfen sollte – aus gutem Grund. Als er schließlich in den Ring trat, wurde er nach Strich und Faden vermöbelt, der arme Kerl.

Doch davon abgesehen verliefen die meisten Boxkämpfe an Bord fair und waren eher ein kameradschaftliches Kräftemessen. Ich kämpfte oft gegen Charles Calistan – guter alter Charles. Wir waren zusammen ausgebildet worden und von Anfang an prima miteinander ausgekommen. Charles war ein gut aussehender Bursche mit lockigem schwarzem Haar, ein Anglo-Inder, der Urdu sprach und sich später als wahrer Held erwies. Er hätte das Viktoriakreuz verdient gehabt. Außerdem war er ein talentierter Boxer, und an Bord trainierte ich regelmäßig mit ihm.

Trenner

Nach elf Tagen auf See sahen wir zum ersten Mal Land und gingen vor Freetown in Sierra Leone vor Anker. Für uns stand fest, dass wir das Kap der Guten Hoffnung umrunden und dann nach Norden weiterfahren würden, nach Ägypten. Zwei Tage später dampften wir weiter nach Kapstadt, ohne einen Fuß an Land gesetzt zu haben. Dort blickte ich zum Tafelberg hinauf, den ich aus dem Erdkundeunterricht kannte, und für einen Moment glaubte ich, dass es das Paradies wirklich gab.

Es war schön, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Zum ersten Mal im Leben betrat ich fremdes Land – es sei denn, man zählt das Kricket-Auswärtsspiel in Sheffield mit. Kapstadt war zu dieser Jahreszeit ziemlich kühl, aber ich fand es dennoch beeindruckend. Am Kai wurden wir in Gruppen aufgeteilt. Eddie, ich und zwei andere wurden einem wohlhabend wirkenden weißen Südafrikaner in mittleren Jahren zugeteilt, der einen hellen Anzug trug und ein dunkles Auto fuhr. Er hatte sich freiwillig gemeldet, um den Soldaten ein wenig die Stadt zu zeigen.

Für mich war alles neu und unbekannt. In meinem ganzen Leben hatte ich bisher nur einen einzigen Schwarzen gesehen, einen Burschen, der in Epping einen Marktstand hatte. Er hat mir eine Menge Blödsinn erzählt. Zum Beispiel hat er behauptet, er könne in die Sonne schauen, ohne dass es seinen Augen schadet.

Als erste Kostprobe des Auslands war Kapstadt großartig, und wir ließen es uns richtig gut gehen, nachdem man uns vorher zu viert in eine Kabine gepfercht hatte, die für zwei Mann bestimmt war. Der Bursche in dem hellen Anzug brachte uns zu einem Haus im Kolonialstil mit riesigem Grundstück und legte uns nahe, die Außendusche zu benutzen, die mit dem Schwimmbecken verbunden war. Dieses Angebot ließ in Eddie die Frage aufkommen, wie übel wir eigentlich rochen. Jedenfalls, nachdem wir uns an Deck des Schiffes nur hin und wieder mit Meerwasser abgespritzt hatten, stand ich nun in einem Regen aus Süßwasser und spürte, wie das Salz und der Schweiß vieler Wochen von meiner Haut gespült wurden. Ich konnte mich kaum überwinden, die Duschkabine wieder zu verlassen.

Später an diesem Tag gingen wir auf Einladung unseres Fremdenführers in eines der nobelsten Restaurants, die ich je gesehen habe, mitten im Herzen der Stadt. Über uns strahlte ein an die Decke projizierter Pseudohimmel mitsamt dahinziehenden Wolken. Wir waren hellauf begeistert, und als krönender Abschluss des Tages wurde uns ein anständiges Essen serviert.

Trenner

Nach vier Tagen sagten wir Kapstadt Lebewohl. Der Tafelberg wurde hinter uns zu einer Silhouette im Dunst, und der Geleitzug teilte sich erneut auf. Die Otranto gehörte zu einer Flotte von zehn Schiffen, die das Kap umrundeten und die Ostküste Afrikas entlang nach Norden fuhren. Am 14. September erreichten wir Perim, die Vulkaninsel an der Einfahrt zum Roten Meer. Von dort legten wir den letzten Teil der Reise im Schutz der Dunkelheit zurück, noch immer von vier Kriegsschiffen geschützt. Schon bald gelangten wir in Reichweite italienischer Flugzeuge und Marineeinheiten, deren Stützpunkt Massaua in Eritrea war. Sämtliche Lichter auf der Otranto wurden gelöscht, und die Besatzung musste sich ihren Weg durch das Schiff ertasten. Die Verdunklung war vollständig, aber der Nachthimmel war hell von Sternen, und im phosphoreszierenden Wasser des Golfs von Aden entdeckte ich den bedrohlichen Umriss eines riesigen Mantas.

Meine Kameraden und ich waren Verstärkung, die dringend benötigt wurde. Wir ankerten vor Port Taufiq an der Einfahrt des Suezkanals, umgeben von Kriegsschiffen, Frachtern und rostigen Schleppern, die schwarzen Rauch in die Luft bliesen; neben diesen Schiffsriesen dümpelten winzige arabische Dauen und Fischerboote. Man brachte uns nach Genefa, einem ausgedehnten Zeltlager unweit der Bitterseen. Die Schlacht gegen den Durst hatte begonnen, doch überall im Lager standen riesige Steingutkrüge, groß genug, um einen Sergeanten darin zu ersäufen. Die Krüge waren bis zum Rand mit kühlem Wasser gefüllt. Das war die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht war, dass wir gleich für den Tag nach unserer Ankunft den Befehl erhielten, vierzig Kilometer durch die Wüste zu marschieren und einen kahlen Felsen zu umrunden, den man »Floh« nannte. Irgendein hohes Tier schien der Meinung zu sein, dass wir unbedingt beschäftigt werden müssten.

Während ich in England Strohpuppen mit dem Bajonett aufgespießt hatte, war 2RB, wie wir das 2. Bataillon der Rifle Brigade kurz nannten, in die Wüste entsandt worden.

Noch hatte der italienische Diktator Benito Mussolini Großbritannien nicht den Krieg erklärt, aber lange konnte es nicht mehr dauern. Seit sechs Wochen hielt Mussolini bombastische Ansprachen, und das Bataillon wurde gnadenlos gedrillt. Ich erinnere mich an ein Foto in einer Zeitschrift, auf dem zu sehen war, wie italienische Elitesoldaten über Reihen rasiermesserscharfer Bajonette sprangen, was mich zu dem Gedanken führte, dass man den Tag nicht vor dem Abend loben sollte.

Am Tag nach der Kriegserklärung Italiens an England wurde die 7. britische Panzerdivision, zu der auch 2RB gehörte, an die libysche Grenze verlegt. Die modernste Streitmacht auf Erden waren wir nicht gerade. Einige unserer Panzerwagen waren alte Rolls-Royce Silver Ghosts, die Lawrence von Arabien im Ersten Weltkrieg eingesetzt hatte, doch wir eroberten in rascher Folge einen Grenzposten nach dem anderen.

Mussolini machte seinen ersten richtigen Schachzug, als sich unser Geleitzug für die Fahrt durch das Rote Meer bereitmachte. Der »Duce« hatte vor Augen, was Deutschland in Europa erreicht hatte, und nun wollte auch er ein Stück vom Kuchen. Mussolini hatte ein Auge auf den Nil geworfen, den Suezkanal und die britischen Nachschublinien nach Indien. Er befahl Marschall Graziani – genannt »Schlächter von Libyen« ob der Brutalität, mit der er einen arabischen Aufstand niedergeschlagen hatte –, Ägypten und die Briten anzugreifen. Am 13. September 1940 drangen 85 000 italienische Soldaten aus Libyen nach Ägypten vor und zwangen die wesentlich kleineren britischen Verbände zum Rückzug. Der italienische Vormarsch kam erst bei Sidi Barrani zum Stehen, einer Siedlung an der Küste, gut hundert Kilometer hinter der Grenze. Bald darauf verkündete der Duce in italienischen Propagandasendungen, dass die Straßenbahnen der Stadt bereits wieder führen. Straßenbahnen? Sie wussten dort nicht einmal, wie man das Wort schrieb. Sidi Barrani bestand nur aus einer Handvoll Häusern und einer Ansammlung von Lehmhütten. Dort gab es kaum eine anständige Straße, von einer Straßenbahn ganz zu schweigen.

Die Italiener errichteten eine Kette von ausgeklügelten Befestigungen, die an der Küste begann und sich in südwestlicher Richtung tief in die Wüste zog. Diese Stützpunkte hatten romantisch klingende, volltönende Namen – Tummar, Rabia und Sofafi –, als lägen sie an irgendeiner Gewürzstraße, die durch die Wüste führt.

Die Truppenstärke der Italiener betrug mittlerweile 250 000 Mann. Als wir unser Ziel erreichten, wurden wir alliierten Kräften zugeteilt, die am Boden und in der Luft weit in der Unterzahl waren: Wir waren insgesamt knapp 100 000 Mann.

Trenner

Kairo war unser letzter Zwischenstopp, ehe der Krieg für uns bittere Wirklichkeit wurde. Es war unsere letzte Gelegenheit, noch einmal tief durchzuatmen, ehe die wahren Strapazen begannen, die mich so gut auf die Gefangenschaft vorbereiteten und alles, was danach kam. Charles Calistan, Cecil Plumber und ich begaben uns in Begleitung von zwei anderen Soldaten auf Entdeckungsreise, um die zweifelhaften Freuden der Stadt zu erkunden. Cecil war ein nachdenklicher Bursche mit hoher Stirn und scharfen Augen. Ich kannte ihn als ausgezeichneten Wicket-Keeper aus meiner Kricketmannschaft in Essex. Diese schönen Tage auf der Dorfwiese waren jetzt nur noch eine ferne Erinnerung. Anstelle der Drosseln und Lerchen zogen schwarze Falken über den Himmel einer Stadt, die so exotisch wie geheimnisvoll war und vor alliierten Soldaten aus den Nähten platzte: Neuseeländer und Inder, Australier und Briten.

Ein Pferdewagen überholte uns. Er war rappelvoll mit Jungs in Khaki, alle in bester Laune, die sich in eine ausschweifende Nacht stürzten. Es bereitete mir Schmerzen, als ich die Angst des Pferdes sah, das an die Deichsel gespannt war. Gleich vor uns sprangen die Männer vom Wagen, riefen »Ein dreifach Hoch auf den Kutscher!« und machten sich davon, ohne zu bezahlen.

Wir sahen Kamele, die schier unglaubliche Lasten trugen. Wir sahen Männer, die auf Eseln ritten, wobei ihre Füße über den Boden schleiften, während sie mit Stöcken auf die Tiere einprügelten. Straßenkinder, die nach »Bakschisch! Bakschisch!« riefen, wimmelten um uns her. Kleine Jungen verhökerten Andenken von zweifelhaftem Wert. Andere drängten uns verdächtig aussehende Fruchtsäfte und Feigen zweiter Wahl auf. Eine staubige Straßenbahn ratterte vorüber, wobei Funken von ihren Rädern stoben. In der Luft lag ein gelber Dunst, eine Mischung aus Rauch und Sandpartikeln aus den Weiten der Wüste, verfeinert vom Gestank der offenen Kanalisation.

Wir verließen die lärmende Straße, wo die Pferdewagen mit den Lkw um Raum kämpften, und verzogen uns in den Melody Club, der »Sweet Melody« genannt wurde – da hatte jemand seinen Sinn für Humor bewiesen. Der Eingang war mit zwei muffigen Vorhängen verschlossen, die der Verdunklung dienten, obwohl auf der Straße blaue Laternen brannten und aus allen Fenstern und Türen Licht fiel. Als ich mich durch den ersten Vorhang schob, stolperte ich über einen Sack am Boden, der sich im dämmrigen Licht als australischer Soldat erwies, der im Suff zu meinen Füßen lag.

Wir schoben uns durch den zweiten Vorhang in eine schummrige, verräucherte Bar. Eine Band spielte auf einer kleinen Bühne hinter einer Barriere aus Stacheldraht. Den Stacheldraht brauchten sie wirklich. Sie rackerten sich ab, damit sie in dem Lärm gehört wurden. In der Bar wimmelte es von Soldaten aus der Wüste, die auf Ablenkung aus waren. In der Decke erblickte ich Einschusslöcher, und was alles auf dem Boden lag, wollte ich lieber gar nicht wissen. Meist lastete man ein solches Zerstörungswerk den Australiern an. In der Wüste waren sie erstklassige Kämpfer, aber sobald sie in Kairo waren und Alkohol in die Hände bekamen, gerieten sie außer Rand und Band.

Eine nicht ganz ungefährliche, zerstörerische Aufgekratztheit lag in der Luft. Entspannen konnte man in dieser Bar nun wirklich nicht. Wir hatten gerade unsere Getränke bekommen, als an einem Ecktisch auch schon Geschrei losbrach. Ein Bursche, der mitten in dem Getümmel stand, packte einen Stuhl und warf ihn über seinen Kopf nach hinten, wo er auf einen anderen Tisch mit Feiernden krachte. Einer seiner Kameraden setzte den Stuhlwerfer mit einem rechten Haken außer Gefecht. Vielleicht hatte er einen Streit beenden wollen, oder er wollte eine ausgewachsene Schlägerei vom Zaun brechen. Doch dass er nun am Boden lag, beruhigte die Lage. Er wurde nach draußen getragen, wo man ihn neben den Australier legte, der die Tür versperrte. Der Rest der Gruppe rückte die Stühle gerade und zog sich die Uniformen straff. Das Gemurmel nahm wieder seine ursprüngliche Lautstärke an.

Offiziere besuchten ausnahmslos die Bar des berühmten Shepheard Hotel, wo sich die High Society von Kairo traf. Einfache Soldaten wie wir mussten sich herausputzen, um überhaupt eingelassen zu werden. Die kühle Terrassenbar war eine andere Welt. Ein Mann im Anzug spielte auf einem richtigen Flügel. Korbsessel, zu Sitzgruppen arrangiert, standen auf dem gefliesten Boden. Ägyptische Kellner in langen weißen Galabijas servierten Getränke auf funkelnden Tabletts, die sie mit einer Hand balancierten. So gefiel es uns schon besser. Ich war mittlerweile Corporal; tatsächlich eignete ich mich viel besser zum Anführer als zum Gefolgsmann. Ich hatte mir fest vorgenommen, im Feld zum Offizier befördert zu werden, und das Shepheard entsprach eher dem Leben, das mir vorschwebte.

Später überquerten wir in der Geschäftigkeit des kühlen Abends die Englische Brücke über den Nil, die von vier riesigen Bronzelöwen bewacht wurde. »Seht ihr die?«, fragte einer von uns. »Jedes Mal, wenn eine Jungfrau die Brücke überquert, brüllen die Biester, also passt gut auf.« Wir lachten ein wenig gezwungen. Je näher der Einsatz in der Wüste rückte, desto häufiger sprachen wir über Mädchen. Das Wissen, dass es nicht mehr lange dauerte, bis auf uns geschossen wurde, machte uns zu schaffen. Wenig überraschend kam das Gespräch jedes Mal schnell auf Sex. Wie sich herausstellte, waren die meisten von uns noch unschuldig und auch durchaus bereit, dies zuzugeben. Ich war einundzwanzig, und Sex vor der Ehe gab es damals kaum. Ich weiß, das glaubt einem heutzutage keiner mehr. Jedenfalls, viele von den Jungs saßen im gleichen Boot wie ich. Wir waren zwar alt genug, um zu sterben, aber was den Sex anging, waren wir völlig unerfahren. Wahrscheinlich hatte es auch damit zu tun, dass ich trotz meiner Fitness am Abend eines Ausbildungstages hundemüde auf die Pritsche sank; da denkt man dann nicht unbedingt an Sex. Für einige andere jedoch wurde der Gedanke beinahe zur Besessenheit.

Der Name einer Straße kam den Soldaten oft über die Lippen: Die Berka war das Zentrum für das älteste Gewerbe der Welt. Für Angehörige der Streitkräfte, egal welchen Dienstgrad sie bekleideten, war die Berka verbotenes Terrain, von großen weißen Schildern und schwarzen Kreuzen umstanden, das nicht selten von der Militärpolizei gestürmt wurde. Die Jungs ließen sich davon zwar nicht abhalten, aber mir persönlich ging die ganze Sache irgendwie gegen den Strich. Ich konnte verstehen, dass junge Männer, die in den Kampf zogen, vorher noch in die Berka wollten, aber mich stieß der Gedanke ab; deshalb ging ich niemals mit. Jetzt, am Vorabend meines Aufbruchs in die Wüste, lief bei mir sowieso nichts mehr. Ablenkung konnte den Tod bedeuten, und ich war entschlossen, sämtliche Hindernisse zu überwinden, die sich mir entgegenstellten. Aber wenn ich das schaffen wollte, musste ich mich ganz aufs Überleben konzentrieren.

Trenner

»Sammelt eure Papageien und Äffchen ein, es geht los.« Der Befehl klang seltsam, aber wir wussten, was er bedeutete: Wir brachen auf in die Wüste. Sie nannten es »aufs Blaue fahren«, weil die Wüste ein exotisches, trockenes Meer war – eine Wunderwelt für einen Jungen aus einem grünen, regnerischen Land. Wir gehörten nun zur 7. Panzerdivision, den unverwüstlichen, nomadischen Desert Rats, den Wüstenratten.

Trenner

Der langsame Zug schlich durch Bahnhöfe mit so putzigen Namen wie Zagazig. Dann dampfte er nach Westen, an weißen Sanddünen vorüber, hinter denen das blaue Meer schimmerte, und vorbei an einer Zwischenstation mit einem Namen, der uns damals noch nichts sagte – El Alamein –, sowie einem Bahnhof namens Fuka, was zu einiger Erheiterung Anlass gab.

Wir erreichten Marsa Matruh, wo die britischen Truppen sich verschanzt hatten. In Erwartung eines weiteren italienischen Vorstoßes führten sie eine Art Höhlenmenschendasein. Unsere Aufgabe bestand nun darin, die Italiener zu verwirren, also drangen wir weiter in die Wüste vor. Der ausgefahrene Weg nach Süden verbreiterte sich bald, weil Lastwagenzüge die schwierigeren Stellen umfahren hatten.

Meine Erwartung, dass ich gewellte Sanddünen zu sehen bekam, die vom Wind geformt waren, wich rasch einer Wirklichkeit aus Stein und Fels, die nur hier und da durch Sträucher und Flecken aus staubfarbenem feinem Sand unterbrochen wurde. Man nannte es »Porridge Country«, Land aus Haferbrei. In diesem Land sollten unsere Kämpfe stattfinden.

Ein gewaltiger, steiler Gebirgskamm von enormer strategischer Wichtigkeit beherrschte die Landschaft. Der hundertachtzig Meter hohe Haggag el-Aqaba verläuft parallel zur Küste ostwärts nach Sollum, wo seine Felswände das Mittelmeer überragen und die Haarnadelkurven des Halfaya-Passes seine Durchquerung erlauben. Die britische Garnison hatte dort beim italienischen Vormarsch bereits Kampfberührung gehabt. Wir tauften den Halfaya-Pass in »Höllenfeuer-Pass« um.

Das Bataillon – ich gehörte zur B-Kompanie – sondierte mit nächtlichen Spähtrupps die italienischen Stellungen. Ende Oktober machten wir uns daran, Telegrafenleitungen zu kappen und Straßen zu verminen, um die italienischen Verstärkungen daran zu hindern, den vorgeschobenen Wüstenfestungen zu Hilfe zu kommen.

Ich lernte, die Wüste besser zu verstehen, die ungeheure Weite dieses Landes mit seinem 180-Grad-Himmel und den zermürbenden Temperaturunterschieden: Auf brühheiße Tage folgten klirrend kalte Nächte, während man unter einem prächtigen Sternenhimmel lag. Und erst die Sandstürme! Vor den Sandstürmen der Wüste gab es kein Entkommen. Der wogende Sandwall eines Chamsins stieg hoch in die Luft wie ein sich bewegender Berg, raste heran, verdeckte die Sonne und schliff wie ein Hagel aus glühenden Eisenspänen die Farbe von den Fahrzeugen. Die spitzen Sandkörner stachen einem durch die Kleidung in die Haut. Während eines Sandsturms blieb einem nichts anderes übrig, als Schutz zu suchen. Das wenige Wasser, das sich fand, stammte aus Birs, uralten Brunnen und Zisternen, die zum Teil noch aus der Römerzeit stammten und deren Inhalt bestenfalls brackig war. Einmal entdeckten wir einen aufgedunsenen Eselskadaver in der stinkenden Brühe. Der Anblick stillte unseren Durst fürs Erste, aber nicht lange.

Sobald die Nacht kam, stellten wir unsere Fahrzeuge – hauptsächlich Lastwagen und Bren-Gun-Carrier – zu einem großen viereckigen Lager zusammen. Wachtposten wurden an der Peripherie des Lagers aufgestellt und alle zwei Stunden abgelöst, während wir anderen zu schlafen versuchten. Die kühlen Abende wichen bereits kalten Nächten, doch in der Dunkelheit wurden keine Lagerfeuer entzündet: Die einzige Wärmequelle waren die langen Mäntel – falls man einen besaß.

Den Bren-Gun-Carrier sollte ich in den nächsten Monaten sehr genau kennenlernen. Er war ein offener, wendiger und leichter Schützenpanzerwagen mit Raupenketten und einem starken Ford-V8-Mittelmotor. Im hinteren Teil war Platz für einen, manchmal auch zwei Bren-MG-Schützen, und der Kommandant auf dem Vordersitz neben dem Fahrer bediente eine Boys-Panzerbüchse.

Ich lernte auch die ölige Unterseite dieser Bestie ziemlich gut kennen, weil ich mir in den Nächten eine Grube im Sand aushob, den Carrier darüberfuhr und mich zwischen den schweren Raupenketten hineinwand, damit ich ein wenig vor Granatsplittern, Fliegerbomben und Kugeln geschützt war. Dort breitete ich meinen Schlafsack aus, der im Grunde nicht viel mehr war als eine dicke Decke in einer Plastikhülle. Schließlich vergewisserte ich mich, dass mein Revolver vom Kaliber .38 und die Handgranaten griffbereit waren. Dann legte ich mich hin.

Noch vor dem ersten Licht des Tages weckten uns die Wachen; deshalb begann mein Tag normalerweise damit, dass ich mir an der Ölwanne den Schädel stieß. Das Lager erwachte, was vor allem mit den Geräuschen anspringender Motoren verbunden war, die manchmal mehrere Versuche verlangten. Noch kalt und verschlafen brachen wir das Lager ab und schwärmten in die Wüste aus, in gut hundert Metern Abstand zueinander, um bei einem Morgenangriff niedrig fliegender italienischer Savoia-Bomber kein leichtes Ziel zu bieten. Dann begann das Warten in der Kälte, während wir den Horizont absuchten. Erst wenn der Himmel heller wurde und die Konturen der Wüste sich herausschälten, entspannten wir uns und dachten an das Frühstück.

Trenner

Wenn ich den ersten Tee des Tages kochte, gab ich mir immer so viel Mühe, als hinge mein Leben davon ab. Jedes Mal steckte mir noch die Kälte der Nacht in den Knochen, und ich war hungrig und brauchte den Tee sofort; deshalb bereitete ich ihn mir auf Wüstenart zu: Ich trennte einen alten Benzinkanister in der Mitte durch und füllte ihn mit Sand. Dann schüttete ich Superbenzin hinein und stellte das Kochgeschirr mit Wasser darauf. Zu guter Letzt warf ich aus sicherer Entfernung ein brennendes Streichholz in den Kanister. Begleitet von einem dumpfen Knall, stieg eine Wolke aus schwarzem Rauch in die Luft. Die Druckwelle trug die erste Wärme des neuen Tages heran, und die Hitze brachte das Wasser im Kochgeschirr in null Komma nichts zum Sieden.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Mann, der ins KZ einbrach" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen