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Der Mann, der die Tiere liebte

Über die Autorin

Claudia Sewig, geboren 1972, studierte in Hannover und Hamburg Biologie und arbeitete in Zoos und dem Durrell Wildlife Conservations Trust auf Jersey. Im Anschluss absolvierte sie die Axel-Springer-Journalistenschule mit Stationen u.a. bei der BILD-Zeitung und als Auslandskorrespondentin in New York. Seit 2001 ist Claudia Sewig Redakteurin beim Hamburger Abendblatt und bedient dort schwerpunktmäßig den Themenbereich Natur und Umwelt. Sie besuchte internationale Wissenschaftskongresse und bereiste Naturschutzgebiete in aller Welt. 2008 zeichnete die Deutsche Wildtier Stiftung ihre Artikelserie über Naturschutzgebiete mit dem Sonderpreis des Wilden Raben aus.

INHALT

  1. Vorwort
  2. Kindheit mit Hühnern
  3. Ein Veterinär, der lieber Verhaltensforscher ist
  4. Kleinvieh
  5. Krieg und Pferde
  6. Plötzlich Zoodirektor
  7. Abenteuer Afrika, Abenteuer Fernsehen
  8. Schicksal Serengeti: Von großem Glück und großem Schmerz
  9. Hilfe für die bedrohte Tierwelt
  10. Den Pelzträgern an den Kragen
  11. Ausflüge auf das Bonner Parkett
  12. Als Pensionär zurück zu den Hühnern
  13. Nachwort
  14. Danksagung
  15. Quellen- und Literaturverzeichnis (Auswahl)

VORWORT

In einem Brief aus England hieß er »Grizimek«, in Schreiben aus Australien »Grcymec«, aus Moskau »Grgimeck« und aus Kenia »Griemsbeck«. Schon sein Name war außergewöhnlich, und die Person dahinter nicht weniger facettenreich: Bernhard Grzimek. Veterinär, Zoodirektor, Fernsehmoderator, Naturschützer, Umweltpolitiker. Seine verschiedenen Betätigungsfelder gingen weit über sein Image als Fernsehprofessor der Nation hinaus. Der Mann hinter dem schwierigen Namen war noch viel mehr: Visionär, Oscar-Gewinner, Abenteurer, Scherzartikelfan, Frauenschwarm.

Mit näselnder Stimme und wilden Tieren im Fernsehstudio zog er drei Jahrzehnte lang Millionen Zuschauer in seinen Bann. Seine Sendereihe Ein Platz für Tiere ist für die Kinder der Sechziger- und Siebzigerjahre gleichbedeutend mit der ersten Abendsendung, die sie sehen durften. Auch sonst weckt der Name Erinnerungen: an die abenteuerliche Reise von Bernhard und Michael Grzimek in die Serengeti Ende der Fünfzigerjahre, ihren Kinofilm Serengeti darf nicht sterben, der als erster und bis ins Jahr 2002 einziger deutscher Film überhaupt und bisher einziger deutscher Dokumentarfilm einen Oscar erhielt. An seine zahllosen Bücher, seine spektakulären Aktionen gegen Pelzmäntel und Legebatterien und sein unermüdliches Werben für den Naturschutz.

Doch wie war er privat? Sein Geburtsjahr 1909 teilte er mit anderen Prominenten wie dem Kölner Volksschauspieler Willy Millowitsch, Komiker Heinz Ehrhardt, Königin Juliana der Niederlande, dem schwedischen Grafen Lennart Bernadotte oder dem britischen Ornithologen Sir Peter Markham Scott. Letztere standen mit ihm im Kampf um die Natur in Kontakt. Allesamt gehören sie zu einer Generation, die zwei Weltkriege miterlebte, die Geburtsstunde des Fernsehens und das Aufkommen der Umweltbewegung.

Bernhard Grzimek erkannte die Wichtigkeit des Naturschutzes früh. Früher als viele andere. Er wetterte deswegen gegen die Überbevölkerung, hatte selbst jedoch mehrere Kinder von verschiedenen Frauen. Er verhandelte mit Diktatoren, wenn es der Natur dienlich war. Er schien ein öffentliches Leben zu leben und starb einsam, während einer Zirkusvorstellung. Grzimek war eine kontroverse Persönlichkeit und ein Genie der Selbstvermarktung, der aus seinem Privatleben ein großes Geheimnis machte. Er drohte am Tod seines Sohnes Michael zu zerbrechen und heiratete doch später dessen Witwe, seine Schwiegertochter.

Vielleicht gäbe es ohne ihn den Frankfurter Zoo nicht mehr, dessen Schließung bereits beschlossen war, als Bernhard Grzimek ihn als Direktor übernahm. Vielleicht hätte die Serengeti, Tansanias bekanntester Nationalpark, nicht mehr die heutige Größe und internationale Beachtung, wenn sie Bernhard Grzimek nicht der Weltöffentlichkeit bekannt gemacht und jahrzehntelang für ihren Schutz gekämpft hätte. Sicherlich sähe es um etliche Gebiete und Arten in vielen Ländern dieser Erde, aber auch in Deutschland selbst heute schlechter aus, wenn der damalige Präsident der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) nicht Spenden für deren Schutz geworben und bereitgestellt hätte – immer unter Einbeziehung von Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft und der breiten Öffentlichkeit.

»Seine Bedeutung liegt darin, dass ihm die Fähigkeit gegeben ist, seine reichen Erfahrungen anderen zugänglich zu machen. Durch sie wird Bernhard Grzimek zu einem der wichtigsten Prediger des Naturschutzes«, schrieb Nobelpreisträger Konrad Lorenz 1979 in seinem Vorwort zu Grzimeks Buch Vom Grizzlybär zur Brillenschlange, und er führt aus: »Bernhard Grzimek predigt aber durchaus nicht ausschließlich und engherzig im Interesse von Tieren. Er hat stets das Ganze im Auge, und dieses Ganze ist nicht mehr und nicht weniger als das Ökosystem unseres Planeten, das heißt die Gesamtheit aller Tier- und Pflanzenarten, in der und von der wir leben. Alles, was er schreibt, ist eine Mahnung zur Rettung von uns selbst. Alles, was er schreibt, ist absolute, unbestechliche Wahrheit.«

Bernhard Grzimek, ein Mahner im Namen der Natur, wie es ihn kein zweites Mal gab. Sein Name spricht sich übrigens, so hat er es einst selbst erklärt, wie folgt aus: Das »rz« weich, wie das »J« im französischen Wort »Jardin« (Garten). Davor dann das »G«. Also ungefähr so, als würde der Name »Gschimek« geschrieben – eine Variante, die in den mehr als zwanzig verschiedenen Anreden aus zweiundvierzig Jahren internationaler Geschäftspost allerdings überraschenderweise fehlt.

EIN VETERINÄR, DER LIEBER VERHALTENSFORSCHER IST

»Ich pflege Menschenärzten gern scherzend zu sagen, dass sie gewissermaßen spezialisierte Tierärzte sind. Sie befassen sich mit nur einer Säugetierart, dem Menschen.«

Bernhard Grzimek in Auf den Mensch gekommen

Und nun? Das Abitur ist bestanden, doch damit sind zwei wichtige Fragen noch nicht geklärt: Wie soll Margot Grzimek das Studium ihres dritten Sohnes finanzieren? Und: Was will dieser überhaupt studieren? Dass Bernhard einen Beruf anstrebt, der mit Tieren zu tun hat, weiß er schon lange. Da Neisse jedoch keine Universitätsstadt ist, ist er bisher nicht mit Zoologen in Berührung gekommen. Lehrer im Fach Naturwissenschaften zu werden interessiert ihn nicht. Und der Gedanke an den Posten eines Zoodirektors kommt ihm damals noch nicht einmal in den Sinn. Vielleicht bewundert er seinen ältesten Bruder Notker, der sein Medizinstudium inzwischen fast abgeschlossen hat. Jedenfalls entscheidet er sich schließlich ohne weitere fachliche Beratung für eine verwandte Disziplin: ein Studium der Veterinärmedizin.

Bei der Finanzierung hilft Bernhards Oberstudiendirektor Ludwig Karst, der sich für ihn bei der Studienstiftung des Deutschen Volkes einsetzt. Bernhard Grzimek vermutet später, dass sein Lehrer die Fähigkeiten seines Schützlings stark übertrieben haben muss; jedenfalls wird Bernhard zur Prüfung nach Breslau eingeladen. Indem er das Gespräch von Fragen zur Politik und Wirtschaft auf Tiere und Literatur lenkt, besteht er das Auswahlgespräch, und die Studienstiftung erkennt ihm ein Freistudium zu.

Der Studienort ist schnell gewählt. Da Tiermedizin erst seit wenigen Jahrzehnten als vollwertiges Universitätsstudium gilt, damit nur in wenigen Städten gelehrt wird, und Leipzig am nächsten liegt, entscheidet sich Bernhard für die mit rund 700 000 Einwohnern damals fünftgrößte Stadt Deutschlands. Die Goldenen Zwanziger sind auch am hoch industrialisierten Leipzig nicht vorbeigegangen und bringen der Stadt ihr eigenes Rundfunksymphonieorchester, die erste unterirdische Messehalle der Welt und den Bau des ersten Hochhauses. Von der nahen Weltwirtschaftskrise ist im Frühjahr 1928 noch nichts zu merken.

Bernhard Grzimek bleiben zwischen Abiturprüfung und Einschreibungstermin an der Universität knapp zwei Monate Zeit, um eine Wohnung zu finden und umzuziehen. Von Neisse aus gibt er eine Anzeige in einer Leipziger Tageszeitung auf, denn er braucht nicht nur eine Bleibe für sich – seine Antwerpener Bartzwerge ziehen mit ihm. Für sie sucht er einen Schrebergarten und findet diesen mit einer hübschen kleinen Laube im Stadtteil Mockau, im Nordosten der Stadt. In der Wohnung des Eigentümers, die nicht weit entfernt vom Schrebergarten in der Mockauer Straße 74 liegt, kann Bernhard auch ein Zimmer für sich anmieten. Glücklich untergekommen, schreibt er sich am 30. April 1928 an der Universität ein. Leider hat er nicht bedacht, dass die Veterinärmedizinische Fakultät am anderen Ende der Stadt liegt, und so muss er, nachdem er morgens seine zwei Bruten Zwerghühner gefüttert hat, eine lange Strecke mit der Straßenbahn zur Universität fahren und hat abends den gleichen langen Weg noch einmal vor sich, bevor er dazu kommt, die Beete zu jäten.

Ende der Zwanzigerjahre sind die Studentenzahlen übersichtlich: Nur ein knappes Dutzend angehender Tierärzte hat sich für das erste Semester eingeschrieben, und so finden die Vorlesungen oft an einem Tisch mit dem Professor statt. In den allgemeinen Fächern wie Physik, Chemie, Botanik, Zoologie und Physiologie, die auch die Humanmedizinstudenten in ihren ersten Semestern belegen müssen, treffen die Studiengänge der entsprechenden Fakultäten aufeinander, und so verbringen sie schon einmal die Mittagspause zusammen im Anatomiesaal zwischen den zu präparierenden Leichen. Bernhard Grzimek schätzt diesen Austausch sehr. Allerdings lässt er keine Gelegenheit aus, den Menschenärzten seine Meinung kundzutun. Auch wenn er sie scherzhaft formuliert, ist er doch vom Inhalt überzeugt: »Sie stehen zu uns Veterinärmedizinern im gleichen Verhältnis wie etwa der Zahnarzt zum Arzt.«

Leipzig ist für Bernhard Grzimek auch deshalb als Studienort so geeignet, weil er mittlerweile ständiger Mitarbeiter der Geflügel-Börse geworden ist. Er schreibt regelmäßig Artikel und redigiert die Jugendseite der Zeitschrift. Kein Wunder, dass er schon einmal in den Vorlesungen am Nachmittag einnickt, wenn der Raum für einen Lichtbildvortrag verdunkelt wird. Eine Eigenschaft, die der Kinoliebhaber Bernhard Grzimek in späteren Jahren beibehalten wird: Kaum ist das Licht in einem Filmhaus ausgeschaltet und die Werbung läuft, schläft er regelmäßig so tief ein, dass er manchmal erst zum Ende des Films wieder aufwacht. Oder, wie seine Enkel und sein Mitarbeiter Markus Borner später einmal in Afrika miterleben, genau nach eineinhalb Stunden in der Werbepause – um sich, nach einem Blick auf die Uhr, schrecklich darüber aufzuregen, dass »die hier ja stundenlang Werbung zeigen!«.

Manchmal trifft sich Bernhard Grzimek in Leipzig mit seiner Schwester Fränze, die dort zur Diplom-Bibliothekarin ausgebildet wird – zumindest wenn er Uhrzeit, Tag und Ort der Verabredung auch richtig mitbekommen hat. Denn »Bebbusch«, so beschreibt es Fränze, ist wie in Schultagen oft so in Gedanken versunken, dass er nichts um sich herum mitbekommt. Deshalb lässt Fränze ihren jüngsten Bruder die Verabredungstermine immer mehrmals nacheinander aufsagen. Doch Zweifel blieben ihr auch dann: »Selbst wenn er richtig geantwortet hat, hieß es, damit zu rechnen, dass er nur mechanisch wiederholte und in Wirklichkeit nichts von Ort und Zeit aufgefasst hatte.«

Außerhalb der Universität trifft sich Bernhard Grzimek auch mit anderen Studenten, die sich wie er einer Studentenverbindung angeschlossen haben. Es ist eine katholische nichtschlagende Verbindung, die dem Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) angeschlossen ist. Seinen Kindern erzählt er später, dass einmal eine große Gruppe aus dieser Verbindung mit einem Leiterwagen raus aufs Land gefahren sei, mit Kannen voll Bier, und alle sehr schnell betrunken gewesen seien. Das habe ihm sehr missfallen, und er habe den Rest der Kannen ausgekippt. Schließlich hatte er bei Quickborn bisher freiwillig auf Alkohol verzichtet. Zwar gibt Bernhard Grzimek diese Tugend nur wenige Jahre nach diesem Vorfall auf. Doch damals führt sie zu seinem Austritt aus der Studentenvereinigung – ob freiwillig oder gezwungen, ist nicht überliefert.

Doch er bleibt ohnehin kürzer in Leipzig als gedacht. Zum Ende des ersten Semesters, im Herbst 1928, erhält er einen Brief von seinem Vetter zweiten Grades, Günther Grzimek, aus Berlin. Der Rechtsanwalt, Notar und Mitglied des Preußischen Landtages für die Demokratische Partei Ostpreußens hat ein Bauerngut gekauft und bittet Bernhard, dieses für ihn zu bewirtschaften und eine Hühnerfarm einzurichten, wie sie seit den Zwanzigerjahren modern sind. Das Gut Stäbchen, um das es sich handelt, liegt im Südosten von Berlin, einsam im Wald an einem Nebenarm der Spree, hinter dem Vorort Erkner.

Günther und Bernhard Grzimek, deren Großväter Brüder waren, kennen sich bisher nicht persönlich. Günther ist zweiundzwanzig Jahre älter, ein erfahrener, erfolgreicher Mann mit sechs Kindern und wie alle Grzimeks ein starker Charakter. Die Familie wohnt in Berlin-Charlottenburg direkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, im Haus des berühmten Künstlercafés Café des Westens, auch als Café Größenwahn oder als Romanisches Café bekannt.

Günther Grzimeks Leidenschaft gilt dem Studium der Malerei, und seine Manieristensammlung mit zeitweise dreihundert Bildern ist die einzige Spezialsammlung dieser Art weltweit. Was hat ausgerechnet ihn zum Kauf des Bauerngutes bewogen? Bereits 1925 hatte die Familie »im billigen Berliner Osten eine Bleibe für die Wochenenden und die Ferien gefunden – in Berlin JWD (Janz Weit Draußen), am Ende von Erkner«. So schreibt Günther Grzimek in seinen Memoiren Grzimeks Menschenleben. Erinnerungen eines Urahns, und er führt aus: »Dort, in der Mittelstraße, hatten unsere Tochter Gisela und ich eines Tages vor einem schmalen Gartengrundstück gestanden.« Günther Grzimek erwirbt es und tauscht es kurze Zeit später gegen ein Haus mit Grundstück bei Königsberg. In Erkner wird er dann Stäbchen gesehen und die Chance auf eine gute Geldanlage erkannt haben – zumal er mit Bernhard einen geborenen Hühnerzüchter in der Verwandtschaft wusste.

Doch Günther Grzimek ist noch aus einem weiteren Grund auf Bernhard aufmerksam geworden: Er möchte ihn mit seiner ältesten Tochter Ingeborg verkuppeln, die vier Jahre jünger ist als Bernhard. Bernhard scheint durchaus nicht abgeneigt. Gerne erzählt er später, wie er Inge einmal in Berlin in den Zug nach Köln gesetzt habe, nur um sie dort am Bahnsteig mit einem Rosenstrauß willkommen zu heißen. Für diese charmante Überraschung war er die Strecke extra geflogen, was ihm allerdings nicht gut bekam – ihm wurde beim Fliegen übel, so wie ihm schon als Junge in der Eisenbahn schlecht geworden war. »Ich hatte zum Unglück auch noch frühmorgens in einer kleinen Gastwirtschaft in der Friedrichstraße in Berlin Brötchen mit Appetitsild darauf gegessen. Es war äußerst unangenehm, dieses scharf schmeckende Zeug zum zweiten Mal zu schlucken.«

Dass aus dem romantischen Werben – pikante Fischhappen hin oder her – keine Beziehung entsteht, ist wohl auf die Vorsicht der Familie zurückzuführen. Dieser ist eine Ehe zwischen Cousin und Cousine schließlich wohl doch nicht ganz geheuer.

Die Entscheidung, das Angebot der Bewirtschaftung von Gut Stäbchen anzunehmen, trifft Bernhard Grzimek jedenfalls vorerst aus rein kaufmännischen Gründen: Er kann hier wesentlich mehr Geld als allein durch die Mitarbeit an der Geflügel-Börse verdienen und auch beruflich schneller vorankommen. Das Studium will er jedoch aus Angst vor späteren Minderwertigkeitsgefühlen auf jeden Fall beenden: »Man bildet sich ein, ein Versager zu sein, auch wenn man in anderen Gebieten gut vorankommt.« Daher verlässt er im Oktober 1928 die Universität Leipzig und wird am 5. November für das Wintersemester 1928 / 1929 an der Tierärztlichen Hochschule Berlin für das zweite Semester angenommen.

Das einsam gelegene Gut Stäbchen steht seit mehreren Monaten leer, als Bernhard Grzimek es übernimmt. Das große, zweihundert Jahre alte Wohnhaus liegt auf einem Hügel und bietet einen romantischen Blick auf die umgebenden Wiesen, Felder und den kleinen Flusslauf der Müggelspree. Die Türen des Bauernhauses sind so niedrig, dass sich Bernhard mit seinen 1,93 Metern Körpergröße immer ein wenig bücken muss, um hindurchzugelangen.

Elektrisches Licht gibt es hier draußen noch nicht, und auch eine Telefonleitung muss Bernhard Grzimek erst legen lassen. Um das Gut zu erreichen, nimmt er von Berlin aus die S-Bahn bis zur Endstation Erkner und hat dann noch sieben oder acht Kilometer Fußmarsch vor sich, die zum Teil durch einen Wald führen. Gerade nachts ist ihm das nicht ganz geheuer, und so schafft er sich einen Schimmel an, um mit einem Gespann nach Erkner fahren zu können. Auch eine Pistole legt er sich zu, vorsichtshalber. Und im Nachbardorf kauft er die Hündin Senta für fünf Mark von der Kette weg.

Der Schäferhundmischling läuft ihm bereits am ersten Abend wieder weg. Am nächsten Tag bringt der vormalige Besitzer die Hündin zurück – zusammen mit ihrem Welpen. Nun bleibt Senta da, doch Mutter und Sohn reißen zwei der Antwerpener Bartzwerge. Bernhard Grzimek bringt den Hunden mit einer Tracht Prügel bei, sich den Hühnern (von denen damals bereits eines dreißig Mark kostet) zukünftig nicht mehr zu nähern. Bei der Hundeerziehung und später auch bei anderen Tierarten lässt Bernhard Grzimek eine harte Hand walten: Tiere müssen gehorchen und sich ihres Platzes bewusst sein. Sosehr er sich in seinem Leben für Tiere einsetzen wird – für Menschen, die ihre Tiere verherrlichen und verhätscheln, hat er nichts übrig.

Senta nimmt dennoch eine Sonderstellung ein: Sie ist das erste Tier, dessen Verhalten Bernhard Grzimek näher beobachtet. Indem er ihr Befehle beibringt, die sie nur auf einen kleinen Fingerzeig hin ausführt, beschäftigt er sich mit der Lernfähigkeit eines größeren Säugetiers. Später wird er sogar Elefanten daraufhin untersuchen. Doch Senta ist sein erstes größeres Beobachtungsobjekt, und Bernhard Grzimek geht eine stärkere emotionale Bindung zu ihr ein als zu jedem anderen seiner Tiere nach ihr. Als sie unheilbar erkrankt und eingeschläfert werden muss, bringt er es nicht fertig, ihren Körper in die Tierkörperbeseitigungsanstalt zu bringen, sondern vergräbt sie heimlich im Grunewald. Er schreibt später darüber: »Ich habe allerlei Tiere besessen. Aber einen Hund habe ich mir lange nicht wieder angeschafft. Später ist zwar doch einer ins Haus gekommen. Und wieder später noch einer. Aber das ist eben nur ein Hund, der der Familie gehört. Es ist nicht mein Hund. Das war nur Senta.«

Mit Pferd, Hund und Pistole ausgestattet, macht sich Bernhard Grzimek an den Aufbau der Hühnerfarm. Er schafft 1500 Leghornhühner an – eine leistungsstarke Eierlegerasse – und baut auf den Feldern Spinat, Spargel und Erdbeeren an. Für die Ernte stellt er Arbeiterinnen ein, aus Ostpreußen holt er sich Kutscher auf das Gut, und in der Witwe Zeidler, die im Osten Berlins zwanzig Jahre eine kleine Gastwirtschaft betrieben hat, findet er eine tatkräftige Wirtschafterin. Günther Grzimek kauft ein gebrauchtes Motorboot, mit dem Bernhard die Waren über die Müggelspree, den kleinen und den großen Müggelsee bis nach Berlin schiffen soll. Eine beschwerliche Reise, die Stunden kostet, denn die Müggelspree ist seit Langem nicht mehr schiffbar und die Schraube des Motorbootes stößt häufig auf den unebenen Grund. Bei Sturmwarnung wird sogar der große Müggelsee für Motorbootsverkehr gesperrt. Schon bald organisiert Bernhard Grzimek den Transport der Güter daher lieber auf dem Landweg.

In Berlin muss er sich in der Zentralmarkthalle gegen die anderen Verkäufer behaupten. Frustriert davon, wie stark die Händler bei einem Warenüberangebot die Preise drücken können, zerstampft er dort zwar einmal seinen übrig geblieben Spinat. Doch so leicht lässt er sich nicht unterkriegen: Geschäftstüchtig, wie er schon damals ist, geht er fortan auf die Leute zu, mit denen er ins Geschäft kommen möchte. So marschiert er von Hotel zu Hotel und bekommt damit feste Dauerbestellungen für seine Eier. »Hühnerbaron!«, rufen ihm die Kinder in den Nachbardörfern schon bald hinterher, denn nach dem Motorboot hat Vetter Günther eine äußerst elegante Equipage aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg angeschafft. Die gepolsterte Kutsche mit den dazu passenden, silberbeschlagenen Pferdegeschirren sieht zwar äußerst imposant aus, bleibt aber leider allzu schnell im tiefen Sand der Waldwege stecken und wird so recht bald von Bernhard Grzimek gegen seinen alten Wirtschaftswagen zurückgetauscht.

Der Anfang ist also gemacht, der Farmbetrieb läuft. Doch als Bernhard Grzimek zwei Pferde kaufen möchte und wegen eines Streits um den Verkauf mit dem Händler vor Gericht zieht, kommt heraus, dass er noch nicht volljährig ist und eigentlich keine rechtsgültigen Verträge abschließen darf. Mithilfe seines Cousins und der schriftlichen Zustimmung seiner Mutter und aller Geschwister wird Bernhard Grzimek daraufhin durch einen Gerichtsbeschluss schon mit neunzehn Jahren für volljährig erklärt, und er gewinnt dann auch den Prozess um die Pferde.

Neben seiner Arbeit als Betriebsleiter des Gutes läuft aber auch sein Studium weiter. Um die in der Luisenstraße in Berlin-Mitte gegenüber der Charité gelegene Tierärztliche Hochschule schneller erreichen zu können, legt er sich noch 1928 ein Motorrad zu. Ausgerechnet der Winter 1928 / 1929 wird jedoch der kälteste seit Jahren, und bei minus dreißig Grad friert Bernhard Grzimek auf seinem Kraftrad sehr. Um sich die tägliche Fahrerei zu ersparen, mietet er sich schließlich in einem der alten Häuser ganz in der Nähe der Tierärztlichen Hochschule ein.

Als sich 1929 die Weltwirtschaftskrise ankündigt, ist es für Bernhard Grzimek nicht einfach, sich mit dem Betrieb über Wasser zu halten, doch er bewährt sich leidlich und kann sogar sein Stipendium nach nur einem Semester in Berlin zurückgeben. Auch überredet ihn seine Wirtschafterin, eine Gastwirtschaft im großen Bauernhaus des Gutes Stäbchen zu eröffnen, von dem sie bisher nur drei Zimmer nutzen. Bernhard Grzimek bekommt die erforderliche Genehmigung, und Witwe Zeidler schenkt von da an fleißig ihre Sondermischung Korn aus, mal mit Himbeersaft, mal mit Kaffee. Wenn einer der Gäste übernachten möchte, vermieten die beiden sogar die eigenen Betten und schlafen selbst in der Scheune.

Im Winter kann Bernhard Grzimek an der Universität nachholen, was er im Sommer durch die Arbeit auf dem Hof verpasst hat. Besonders beeindruckt ihn dabei der Veterinäranatom Heinrich Bittner. Obwohl er bereits für einige Jahre zum Austausch in der Türkei war, ist der Professor noch sehr jung. Er gibt seinen Studenten einen Rat mit auf den Weg: Sie sollen seine Vorlesung nicht als Offenbarung oder Evangelium ansehen. Denn: »Er trüge nur die heutigen Erkenntnisse der Wissenschaft vor, die schon morgen durch neue Forschungsergebnisse erweitert, geändert oder sogar als falsch erkannt werden könnten.«

Bernhard Grzimek beherzigt diese Einstellung. So etwa, als er, bereits Zoodirektor in Frankfurt, dem jungen Veterinär und späteren Berliner Zoodirektor Heinz-Georg Klös die von ihm geschriebenen Hühnerbücher mit den Worten in die Hand drückt: »Sie sollen sie lesen. Aber bitte nicht so kritisch. Ich war damals noch sehr jung.«

Gleichzeitig reagiert Bernhard Grzimek aber auch äußerst empfindlich, wenn man ihm veraltete Anschauungen oder gar Fehler in seinen Werken vorhält. So erinnert sich Erhard Kaleta, Leiter des Institutes für Geflügelkrankheiten an der Universität Gießen, dass Bernhard Grzimek in seinem späteren Kampf gegen Legebatterien nichts mehr von seinen früheren Ansichten wissen wollte: »Dabei ist er derjenige gewesen, der Hühner weltweit das erste Mal in Drahtkäfige gesetzt hat! In seiner Hühnerschaffenszeit war die Kokzidose, oder auch Rote Küken-Ruhr, ein Riesenproblem.« Bernhard Grzimek habe erkannt, dass diese Krankheit, die Küken und Jungvögel im Alter von bis zu zehn Wochen befällt, dadurch zustande komme, dass mit dem Kot massenhaft Erreger ausgeschieden und durch das Scharren und Picken des Huhns wieder aufgenommen werden. »Seine Idee war: Wir setzen die Hühner und die Küken ab dem ersten Lebenstag einfach auf ein Drahtgitter. Dann fällt der Kot durch, und der verzinkte Draht hat eventuell auch noch eine desinfizierende Wirkung. Damit konnte er das Kokzidose-Risiko erheblich mindern. Später erst kam die Erfindung von Arzneimitteln, die die Kokzidose heilen konnten und die Käfighaltung überflüssig machten.« Viele Kollegen aus der Geflügelforschung, so Kaleta, hätten Grzimek die Kehrtwende verübelt.

Doch 1929 steht Bernhard Grzimek erst am Anfang seiner akademischen Laufbahn. Am 6. August besteht er den ersten Teil seiner tierärztlichen Vorprüfung in Berlin mit der Note »gut«. Zur gleichen Zeit knüpft er die ersten Kontakte zum Berliner Zoo. Da sein Vetter Günther mit seiner Familie in unmittelbarer Nähe des Tiergartens wohnt, wachsen dessen Kinder mehr oder weniger zwischen den Tieren auf. Besonders der 1918 geborene Sohn Waldemar treibt sich in jeder freien Minute vor den Käfigen herum und modelliert bereits mit elf Jahren erste Tierfiguren aus Plastilin. Die Technik hat er sich unter anderem bei dem bekannten Bildhauer Hugo Lederer abgeguckt. Später wird auch Waldemar Grzimek ein berühmter Bildhauer. Seinen drei Jahre jüngeren Bruder Günther fasziniert eher die gestalterische Seite des Tiergartens; er macht sich später als Landschaftsarchitekt einen Namen und wird deshalb in der Familie der »grüne Grzimek« genannt.

Der Zoologische Garten Berlin ist 1844 als erster deutscher Zoo eröffnet worden. Ende der Zwanzigerjahre verfügt er über eine exquisite Sammlung mit außerordentlich vielen Arten und einer Vielzahl bedrohter Tiere. Vor allem Gorillamann Bobby ist berühmt: Er erreicht als einer der ersten männlichen Gorillas in Gefangenschaft das Erwachsenenalter. Geleitet wird der Zoo bis 1931 von Geheimrat Ludwig Heck, anschließend von dessen Sohn, Lutz Heck. An der Heck’schen Schule, die sich mit dem zweiten Sohn und langjährigen Zoodirektor des Münchener Tierparks Hellabrunn, Heinz Heck, und Lutz Hecks Söhnen über drei Generationen durch die deutsche und amerikanische Zoolandschaft zieht, kommt lange Zeit kein angehender Zoodirektor vorbei.

Der Student Bernhard Grzimek ist stolz darauf, von Geheimrat Ludwig Heck einen ganzen Bogen Freikarten für den Zoo geschenkt zu bekommen. »Mein Großvater hat Studenten immer gefördert«, erinnert sich Lutz Heck, ein Enkel. Auch nach seiner Pensionierung habe Ludwig Heck immer noch im Zoo gewohnt und ein kleines Zimmer in der Verwaltung gehabt, in dem er wissenschaftlich gearbeitet habe. Keine zwanzig Jahre später wird Bernhard Grzimek mit Heinz Heck, dem Münchener Zoodirektor, einen erbitterten Kampf führen, der die Zoowelt in Atem hält. In dessen Verlauf wird es zu Tiervergiftungen, Bestechungen, sogar der Verhaftung von Bernhard Grzimek kommen – der Ausgangspunkt einer lebenslangen Feindschaft.

Zu Studententagen ahnt er davon noch nichts. Ihn beschäftigen andere Entwicklungen. So steigt die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) zur Massenpartei auf, und auch an der Universität bekommen politische Gesinnungen eine immer größere Bedeutung. »Damals waren die Angehörigen der landwirtschaftlichen und veterinärmedizinischen Fakultäten meist stark rechts gesinnt, entweder deutschnational oder zum Teil auch bereits nationalsozialistisch«, schreibt Bernhard Grzimek in Auf den Mensch gekommen über diese Zeit.

Als einmal sämtliche Studenten zu Beginn einer Parasitologie-Vorlesung den Hörsaal verlassen, bleiben nur Bernhard Grzimek und zwei weitere Studenten sitzen – »da ich nicht wusste, worum es sich überhaupt handelte«. Später stellt sich heraus, dass der Professor, »der Sozialdemokrat war, irgendeine politische Äußerung getan hatte. Einer der Studenten, Mitglied einer schlagenden Verbindung, warf mir daraufhin vor, ich sei ›auch ein Kommunist‹.«

Bernhard Grzimek lässt ihn diese Behauptung vor den anderen Studenten wiederholen und schimpft ihn daraufhin öffentlich einen Lügner. »Ich erwartete, dass er mich fordern würde, und hatte schon einen guten Freund eingeschaltet, der einer schlagenden Verbindung angehörte. Aber es geschah nichts.« Auch in abendlichen Gesprächen unter befreundeten Mitstudenten verstrickt sich Bernhard Grzimek gerne in politische Diskussionen. Bei den Treffen in seiner Wohnung sind vorwiegend Nationalisten oder Nationalsozialisten anwesend, jedoch auch Anhänger von linken Parteien, auf deren Seite er sich – »um die anderen zu ärgern« – in der Diskussion schlägt. Bernhard Grzimek erinnert sich: »Die Grzimeks hatten schon immer gern im Streitgespräch die Klingen gekreuzt, aus Freude an der Sache an sich, ziemlich ohne Rücksicht auf den eigenen Standpunkt. Wie harmlos erschien uns das damals alles.«

Am 7. März 1930 besteht Bernhard Grzimek den zweiten Teil der Tierärztlichen Vorprüfung, das Physikum. Nur zwei Monate später, am 17. Mai, heiratet er, gerade einundzwanzig Jahre alt, die 19-jährige Hildegard Prüfer – eines der »empörten Mädchen« aus der Badeanstalt in Neisse. Sie schreibt über das erneute Aufeinandertreffen der beiden: »Er erinnerte sich seiner damaligen Schandtat des Überfalls auf das Mädchenbad noch sehr gut … und grinste in der Erinnerung daran noch so impertinent wie damals. Er war eben einer der Unverbesserlichen, sagte Ja, wenn ich Nein meinte, und versteifte sich auf Nein, wenn ich bejahte.«

Trotz der vorgeblichen Differenzen sagten beide kurz darauf gemeinsam Ja. Wie genau es zum Wiedersehen kam, ist nicht ganz klar. »Meine Eltern haben sich in Neisse kennengelernt, aber noch nicht so richtig angeguckt. Meine Mutter war bereits mit einem Chemiker verlobt, Dr. Gotthard Spiegel aus Wittenberg, fast von der Schulbank weg. Sie hatte angefangen, bei einem Zahnarzt in Wittenberg Sprechstundenhilfe zu lernen, aber hat das nur ein paar Monate gemacht«, erinnert sich Rochus Grzimek. Wie genau sein Vater dann doch wieder ins Spiel gekommen sei, wisse er nicht: »Mein Onkel Ansgar und meine Mutter kannten sich von der Tanzschule, vielleicht daher.«

Hildegards Vater, Studienrat Max Prüfer, hätte lieber den Chemiker an der Seite seiner Tochter gesehen. Als Hildegard stur bleibt und auf Bernhard Grzimek beharrt, gilt es aber noch eine weitere Hürde zu nehmen: Erst soll Hildegards zwei Jahre ältere Schwester Gerda verheiratet werden – doch die »war eher der herbe Typ«, wie Rochus Grzimek sagt, und ein Verehrer für sie ist zu dieser Zeit nicht in Sicht. Sein Vater hätte seine Schwägerin in spe dann auf sein Motorrad eingeladen und unter Vorspielen einer Panne einfach weit draußen auf der Landstraße stehengelassen. »Dann hat er ihr aus einiger Entfernung zugerufen, dass sie sich überlegen solle, ob sie der Heirat zustimme – sonst müsse sie zu Fuß zurückgehen.«

So heiraten Bernhard und Hildegard Grzimek schließlich in Wittenberg – sehr zum Missfallen von Bernhards Mutter, denn Wittenberg ist wie Hildegards Familie protestantisch. Da hilft es auch nicht, dass Bernhard Grzimek einen Klassenkameraden, der inzwischen katholischer Priester ist, nach Wittenberg holt, um sich dort von ihm in einer winzigen katholischen Kirche trauen zu lassen. Margot Grzimek kommt aus Protest nicht zur Hochzeit. In seinen Lebenserinnerungen verliert Bernhard Grzimek über all dies genau zwei Sätze: »Im Frühjahr 1930 habe ich Hildegard Prüfer, die Tochter eines Gymnasialprofessors, geheiratet, die ich schon von Neisse her kannte. Damals waren Studenten-Ehen noch recht üblich.«

Am Anfang der siebenundvierzig erlebnisreichen Ehejahre steht für das junge Paar ein Umzug aus der Universitätsgegend in eine Zweieinhalbzimmerwohnung im Westen von Berlin, in die Sodener Straße 30 in Wilmersdorf. Als Bernhard Grzimek kurz darauf von einer Vorlesung nach Hause kommt, klebt auf dem Grammophon und anderen Einrichtungsgegenständen der Kuckuck des Gerichtsvollziehers. Obwohl er sich selbst nie verschuldet hat, wird ihm seine ahnungslose Gutmütigkeit zum Verhängnis: In seinem ersten Semester in Leipzig hatte er der Frau seines Zimmerwirtes als vorgeblicher Arbeitgeber einen Anmeldeschein für die Krankenkasse unterschrieben. Sie wollte den Arbeitgeberanteil selbst bezahlen, hatte dies aber nie getan. Nach rechtlicher Beratung sieht Bernhard Grzimek von einem Einspruch ab.

Von Gut Stäbchen, dem er offiziell noch bis 1932 als Betriebsleiter vorsteht, holt er in diesen Tagen Hündin Senta in die Berliner Wohnung. Er hatte sie ursprünglich nicht mitgenommen, »weil sie so ein ausgesprochener Landhund war«. Doch Bernhard treu ergeben gewöhnt sie sich schnell in der Stadtwohnung ein und macht den Anfang des bunten Tierreigens, der von nun an das Leben der Familie bestimmen wird. »Eines schönen Tages lieferte man mir zwei Perlhühner, sechs Kanarienvögel und einen quicklebendigen Hahn ab«, schreibt Hildegard Grzimek in Mein Leben für die Tiere / Mit Tieren unter einem Dach. Ihr Mann versichert ihr zwar, er habe das Geflügel nur angeschafft, damit sie nicht so allein sei und etwas Landluft inmitten der Großstadt habe. Als sie sich jedoch über das allzu laute Treiben beschwert, ist er erstaunlich schnell bereit, die Vögel wieder abholen zu lassen. Hildegard vermutet später, dass er nicht ihr zuliebe so schnell nachgegeben, sondern eingesehen hat, dass das Federvieh für seine Studien nicht geeignet ist.

Kurz nach der Hochzeit bekommt Bernhard Grzimek die einmalige Gelegenheit, für mehrere Wochen nach Amerika zu reisen. »Ministerialrat Dr. Jan Gerriets, der Sachbearbeiter für Kleintierzucht im Preußischen Landwirtschaftsministerium, war auf mich aufmerksam geworden«, erinnert er sich. Bernhard Grzimek folgt der Einladung ins Ministerium, wo er und Gerriets sich darüber unterhalten, dass die Vereinigten Staaten von Amerika in der Organisation ihrer Geflügelfarmen weit voraus sind. Am Ende des Gesprächs gibt das Ministerium Bernhard Grzimek fünfhundert Mark, damit dieser sich die nordamerikanischen Farmen ansehen kann. Auch die Geflügel-Börse unterstützt ihn mit einigen Hundert Mark, ebenso Spratt’s Hundekuchenfabrik, die Lichtenberger Niederlassung des britischen Chemikers Spratt, der als einer der Ersten seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Grundlage ernährungswissenschaftlicher Erkenntnisse Tierfutter herstellt.

So geht der Student und frisch gebackene Ehemann im Sommer 1930 an Bord eines altmodischen englischen Dampfers der Cunard-Linie. Reguläre Flüge nach Amerika gibt es damals noch nicht, und so muss Bernhard Grzimek seinen langen Körper in eine kleine billige Kabine direkt über der Schiffsschraube zwängen. Wie schon in Eisenbahnen und Flugzeugen rebelliert auch hier sein Magen, wenn der hohe Seegang Kabine und Magen in die Höhe hebt und gleich darauf in die Tiefe fallen lässt. Bernhard Grzimek wird schlagartig bewusst, dass er zwar seitenweise Shakespeare in Originalsprache zitieren kann, ihm aber der umgangssprachliche Wortschatz fehlt: »Das Erste, was ich in meinem kleinen Wörterbuch nachschlug, war to vomit – sich übergeben – und bucket – Eimer.«

Eine Woche lang muss der angehende Veterinär die Seekrankheit ertragen. Dann stoppen die Maschinen. Mitten in der Nacht hat der Dampfer sein Ziel erreicht: New York City. In der Morgendämmerung geht Bernhard Grzimek mit den anderen Passagieren an Land. Als Tourist ist er unter den Reisenden ein Exot, denn die meisten sind Auswanderer, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten das Glück suchen. Auch eine Handvoll Geschäftsreisende befindet sich unter den Passagieren.

Noch lange Jahre wird Bernhard Grzimek jedem Amerikaner, den er trifft, von seinem ersten Eindruck erzählen: »Das Erste, was ich im Morgenlicht von dem neuen Erdteil sah, war ein großes, langes Schild Wrigley’s Chewing Gum – Wrigleys Kaugummi.« Doch vom Konsumrausch ist in New York in diesen Tagen wenig zu spüren. Die glorreichen Zwanzigerjahre, die Jahre der Lebensfreude mit den Premierenrekorden am Broadway, sind der großen Depression nach dem Börsenkrach gewichen. Im Central Park stehen Wohnzelte als Notunterkünfte. Lange Menschenschlangen winden sich um Häuserblocks, in denen die Wartenden in winzigen Schritten vorrücken, um ihre Sozialhilfe abzuholen. Eine Firma nach der nächsten schließt.

Bernhard Grzimek lässt sich von einem der gelben Taxis zu seiner Unterkunft fahren, dem International Student’s Home im Stadtteil Morningside Heights, einem Heim für ausländische Studenten, das man ihm empfohlen hat. Das heutige International House ist nur sechs Jahre zuvor eröffnet worden – ein gewaltiges, kastenförmiges Gebäude in bester Lage, an einer der damals vornehmsten Straßen New Yorks: dem Riverside Drive.

Bernhard Grzimek gefällt es, ein wenig mit seiner Adresse anzugeben: »Wenn ich auf Befragen sagte, dass ich dort wohnte, machte das immer erheblichen Eindruck. Dass es sich um das Studentenheim handelte, fügte ich nicht hinzu.« Den Preis empfindet Bernhard Grzimek dennoch als recht hoch: »Obwohl man keine eigene Badegelegenheit und Toilette hatte, sondern einen gemeinsamen Wasch- und Duschraum benutzen musste, hatte ich für jede Nacht vier Dollar zu bezahlen, nach dem damaligen Kurswert 16,80 Mark. Dafür konnte ich dazumal in Berlin im Adlon wohnen.«

Nicht, dass Bernhard Grzimek auf diese Idee gekommen wäre: Was seine eigenen Belange wie Unterkünfte, Verpflegung oder Kleidung anging, war er sein Leben lang äußerst sparsam. Ein Paar Schuhe trug er zum Beispiel so weit auf, bis ein Frankfurter Schuhmacher ihm einmal anbot, er würde ihm, wenn er damit noch einmal zur Reparatur käme, ein neues Paar kaufen.

Das New Yorker Nachtleben reizt den 21-Jährigen dennoch. Schon am ersten Abend verlässt er das Studentenwohnheim, das nach ihm noch so illustre Gäste wie den japanischen Automobilmogul Tatsuro Toyoda oder die Choreographielegende Pina Bausch beherbergen wird, um sich im angrenzenden Stadtteil Harlem ein wenig umzusehen. Harlem ist seit 1920 fast vollständig in schwarzer Hand. Unerschrocken, vielleicht auch ein wenig uninformiert, durchstreift Bernhard Grzimek die nächtlichen Straßenzüge. Er besucht eine der zahllosen Burlesque Shows, eine Form des Varietés, die sich gerade mehr und mehr zu einer reinen Stripshow entwickelt und auf den Studenten keinerlei Reiz ausübt: »So neu mir dieser Anblick war, so gewöhnlich und witzlos erschien er mir – keine Musik, kein bisschen Tanz, kein Ansager mit meinetwegen etwas zweideutigen Witzen nach französischer Art.«

So schlendert er weiter und kommt an einer Spielhalle vorbei, die mit Würfel- und Geschicklichkeitsspielen, Schießständen und Ballwurfbuden lockt. Bernhard Grzimek wird von einem der Standbesitzer angesprochen, und als er angibt, kein Geld zu haben, lädt dieser ihn auf eine Runde Bällewerfen ein. Doch als dem Studenten sein Gewinn ausgezahlt werden soll und er dabei unbedacht einen Fünfzig-Dollar-Schein zum Wechseln aus der Hand gibt, ist er die Banknote plötzlich los. Der Budenbesitzer behauptet auf einmal, Bernhard Grzimek habe verloren. Auch ein hinzugezogener Polizist will dem jungen Deutschen erst nicht helfen, doch als dieser sich in seiner Not an ein Empfehlungsschreiben des Preußischen Landwirtschaftsministeriums erinnert, das er bei sich führt, und dieses offizielle Papier vorweist, bekommt er schließlich sein Geld zurück. In New York Tourist zu sein, und noch dazu im nächtlichen Harlem, ist damals noch ein abenteuerliches und nicht selten sogar gefährliches Unterfangen.

Auch sonst macht die Stadt auf den ersten Blick keinen überwältigenden Eindruck auf Bernhard Grzimek. Die Wolkenkratzer, von denen das dreihundertneunzehn Meter hohe Chrysler Building immerhin gerade das höchste Gebäude der Welt ist, und die Freiheitsstatue haben auf den Studenten auf Postkarten imposanter gewirkt. In der Straßenbahn wird er vom Schaffner zurechtgestutzt, weil er am Eingang kein Geldstück einwirft. Sein Fazit: »Man sah damals in den USA eben Ausländer nicht wie bei uns als Reisende, als Gäste aus fremden Ländern, sondern als lästige Einwanderer, die den Einheimischen die Arbeit wegnahmen.«

Auch vom New Yorker Zoo ist er enttäuscht – auch ihn hatte er sich größer und eindrucksvoller vorgestellt. Allein die Masse an Automobilen beeindruckt ihn zutiefst, und so fotografiert er aus Hochhäusern heraus Dutzende Bilder von den nebeneinander geparkten Kraftfahrzeugen, die aus der Höhe »wie Stoffmuster« wirken. Und natürlich vereinnahmt ihn das Naturhistorische Museum. Hier verbringt Bernhard Grzimek viele Stunden und bewundert besonders die von dem berühmten Präparator und Afrikaforscher Carl E. Akeley geschaffenen Dioramen, die lebensnahen, kunstvollen Kombinationen aus exzellent präparierten Tiergruppen, dazugehörigen Pflanzen und gemalten Landschaftshintergründen. So etwas gibt es damals in dieser Qualität in Deutschland noch nicht.

Doch Bernhard Grzimeks eigentlicher Reisegrund sind die Hühner, und so besucht er verschiedene Geflügelzuchtverbände. Deren Vertreter zeigen ihm auf einer Fahrt entlang der Ostküste die großen Hühnerfarmen, und der junge Deutsche staunt: »Die Geräte zum Sortieren der Eier nach dem Gewicht waren mir zum Teil neu, ebenso auch die Verpackung.«

Wenige Jahre später wird Bernhard Grzimek das hier Gesehene in Deutschland als Sachverständiger beim Preußischen Landwirtschaftsministerium zur Anwendung bringen. Andere Beobachtungen stimmen ihn jedoch nachdenklich: »Nur noch Großbetriebe zahlten sich aus. Mir wurde damals klar, was über kurz oder lang auch in Deutschland kommen würde. Denn im Allgemeinen sind wir ja mit einem Abstand von etwa zehn Jahren der amerikanischen Entwicklung gefolgt. Wir ahmen amerikanische Entwicklungen auch dann noch getreulich nach, wenn sie drüben schon längst als Fehlschläge erkannt worden sind.«

Im November 1930 tritt Bernhard Grzimek die Rückreise an, dieses Mal an Bord des Ozeandampfers Aquitania. Das zweihundertsiebzig Meter lange Schiff mit den rund 45 000 Bruttoregistertonnen und den vier Schornsteinen ist eines der größten Passagierschiffe und ein imposanter Anblick. Leider vermag jedoch auch dieses Bernhard Grzimeks Seekrankheit nicht zu verhindern. In den schweren Herbststürmen auf dem Nordatlantik rollend, mit Kellnern, die im Restaurant kannenweise Wasser auf die Tischdecken gießen, damit diese rutschfester werden, wünscht er sich, das Schiff möge sinken – so sehr leidet er unter der Übelkeit.

Schließlich ist die Passage geschafft, und Bernhard Grzimek geht im französischen Cherbourg, dem einzigen Zwischenstopp auf dem Weg nach Southampton, von Bord. Er nimmt die Eisenbahn nach Paris und genießt es für drei Tage, in Cafés zu sitzen und die Menschen zu beobachten. »Ich hatte Frankreich bis dahin noch niemals betreten. Trotzdem kam ich mir wie zuhause vor.« Später wird er das Einsteigen in England auf der Hinreise und den Besuch der französischen Hauptstadt auf der Rückreise in verschiedenen Lebensläufen geschickt als eine »Studienreise nach England, Nordamerika und Frankreich« deklarieren.

Nach seiner Rückkehr muss sich Bernhard Grzimek an der Universität anstrengen, denn er hat durch seine Amerikareise ein komplettes Semester verpasst. Keiner seiner Professoren kommt dabei der Unverfrorenheit auf die Schliche, mit der er jedem von ihnen – mit einigen Wochen Abstand – sein Studienbuch mit den Vorlesungen gleich zweimal vorlegt: zum Abzeichnen des aktuellen und des vorherigen Semesters, in dem er gar nicht da war. Dass er so zwar die äußeren Formalien erfüllt hat, den verpassten Stoff jedoch dennoch lernen muss, hält ihn nicht davon ab, zusätzliche Vorlesungen in Zoologie und Humanmedizin zu hören. So besucht er am Zoologischen Institut in der Invalidenstraße die Vorlesungen des großen Vogelkundlers Erwin Stresemann. Kurzzeitig überlegt Bernhard Grzimek, nach dem Abschluss seines Studiums noch eine Doktorarbeit in Zoologie zu verfassen. Doch als er feststellt, dass er sich dann zusätzlich in Philosophie prüfen lassen müsste, nimmt er von dieser Idee Abstand und verbringt stattdessen mehr Zeit bei den Humanmedizinern. So besucht er die Vorlesungen des bekannten Chirurgen August Bier, der an der Chirurgischen Universitätsklinik der Berliner Charité lehrt und forscht und mit seinen Selbstversuchen als einer der Wegbereiter der modernen Anästhesie gilt. Noch häufiger hört er Vorlesungen des berühmten Leiters der Chirurgischen Universitätsklinik, Ferdinand Sauerbruch. 1931 gelingt diesem als erstem Chirurgen die Beseitigung einer Ausbuchtung der Herzwand nach einem Infarkt, die Behandlung eines sogenannten Herzaneurysmas. Damals eine Sensation.

Später wird Bernhard Grzimek seinen Kindern eine besondere Anekdote aus Sauerbruchs Vorlesungen erzählen: Einmal sollten alle Studenten ihre Beobachtungsgabe bei einem Experiment testen. Dazu habe Sauerbruch einen Finger in ein Glas mit Urin gesteckt, ihn abgeleckt und danach bestimmt, von welchem seiner Mitarbeiter der Urin sei. Dann habe er die Studenten aufgefordert, es ihm nachzumachen – da sich ein guter Wissenschaftler vor nichts ekeln sollte. Erst nachdem alle an der Reihe waren, habe der Professor aufgeklärt, dass er zwar einen Finger in das Gefäß gesteckt, aber einen anderen abgelutscht hatte …

Scherze wie diese sind genau nach Bernhard Grzimeks Geschmack – zumindest solange sie nicht auf seine Kosten gehen. Was in Kinderjahren mit typischen Jungenstreichen angefangen hat, entwickelt sich über die Jahre zu einer regelrechten Leidenschaft. So macht er in Berlin abends mit Mitstudenten Telefonstreiche, erklärt – ungefragt, im lauten Tonfall, und vor allem absichtlich falsch – ihm unbekannten Mitreisenden in der Straßenbahn die Berliner Sehenswürdigkeiten oder starrt mit Freunden zum Beispiel angestrengt auf ein Hausdach, versehen mit Ausrufen wie: »Ich glaube nicht, dass er sich noch lange halten kann!«, obwohl dort gar nichts zu sehen ist. Zusammen mit seinem Sohn Michael entwickelt Bernhard Grzimek in den Vierziger- und Fünfzigerjahren die nur zwischen ihnen ausgetragene Variante, dem anderen, wenn dieser es am wenigsten erwartet, mit der flachen Hand kräftig auf einen Oberschenkel zu schlagen. Das führt gerade in größeren Gesellschaften das ein oder andere Mal zu leichten Irritationen.

Schließlich verfällt Bernhard Grzimek den Scherzartikeln. Er sammelt die berühmten Furzkissen, Milchkännchen, die ein Muh-Geräusch von sich geben, aber keine Milch, bis hin zu künstlichen Kothaufen und Pfützen aus vermeintlich Erbrochenem und setzt sie bei jeder Gelegenheit ein. »Dazu ging er in Frankfurt regelmäßig zu Sennelaub gegenüber dem Parkhaus an der Hauptwache, die haben diese Artikel verkauft. Die müssen an meinem Vater richtig verdient haben«, erinnert sich Rochus Grzimek.

In früheren Jahren tut es aber auch ausgestopfte Kleidung, die – als menschliche Silhouette auf der einzigen Toilette drapiert – die davor wartenden Gäste irgendwann verzweifeln lässt. Bernhard Grzimek steht dabei stets im Hintergrund und freut sich über die Reaktionen: nicht schenkelklopfend, nicht lauthals lachend, sondern feinsinnig lächelnd. Und ist wenig amüsiert, wenn jemand den Trick durchschaut.

So kindlich sein Gemüt in diesen Dingen ist, so früh drängt es ihn, eine eigene Familie zu gründen. Dass Hildegard in der kurzen Zeit zwischen Heirat und seiner Abreise nach Amerika nicht schwanger geworden ist, veranlasst Bernhard Grzimek bereits, mit ihr nach seiner Rückkehr zum Gynäkologen zu gehen. »Ich brachte meine Frau zu einem alten Professor der Gynäkologie, der erfreulicherweise von mir als ›Kollegen‹ kein Geld nahm. Er stellte einen Gebärmutterknick fest.« Ein eingesetzter Plastikstreifen – so detailliert äußert sich der Veterinär in seinen Lebenserinnerungen darüber – bringt jedoch den erwünschten Erfolg: Am 11. August 1931 kommt der erste gemeinsame Sohn, Rochus Benedikt, zur Welt.

Hildegard Grzimek trainiert die Hündin Senta darauf, mit den Vorderpfoten den Kinderwagen zum Wippen zu bringen, wenn Rochus schreit und sie selbst gerade in der Küche beschäftigt ist. Doch da die wirtschaftliche Lage der jungen Familie nicht besonders rosig ist, Bernhard Grzimek noch studiert und seine Frau bei der Bewirtschaftung von Gut Stäbchen helfen muss, verbringt Rochus die entscheidenden Jahre seiner Kleinkindzeit bei den Großeltern mütterlicherseits in Wittenberg. Dort nimmt er mehr oder weniger die Position des zwei Jahre zuvor verstorbenen jüngsten Sohns seiner Großeltern ein und wird auch nur der »kleine Prüfer« genannt. »Mein Bruder Michael, der drei Jahre nach mir geboren wurde, war zwar auch noch oft in Wittenberg, aber schon mehr bei meinen Eltern, weil mein Vater da ja bereits promoviert war, eine Stellung hatte und somit auch die wirtschaftliche Lage der Familie besser war. Zwei Kinder wurden den Großeltern auch zu viel«, sagt Rochus Grzimek.

Anfang der Dreißigerjahre Jahre gilt Bernhard Grzimeks ungeteilte Aufmerksamkeit trotz des ersten Sohnes jedoch seiner Karriere, und daran wird sich auch später wenig ändern. Am meisten interessiert er sich für die Tierpsychologie, einen Fachbereich, der sich gerade erst zu einer eigenständigen biologischen Disziplin entwickelt. Später wird das Arbeitsgebiet so bekannter Forscher wie Konrad Lorenz, Nikolaas Tinbergen, Otto Koehler und Oskar und Katharina Heinroth als Ethologie oder Vergleichende Verhaltensforschung bezeichnet.

Bernhard Grzimek besucht in dieser Zeit auch Vorlesungen von Humanpsychologen und verfasst neben Artikeln für die Geflügel-Börse und tierärztliche Fachjournale wie das Archiv der Geflügelkunde erste allgemeinverständliche Berichte über tierisches Verhalten. Anfangs ist es für ihn nicht einfach, Texte in Zeitungen und Magazinen zu platzieren. »Es wurde immer schwieriger, Geld zu verdienen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg ständig. Frühmorgens warteten wir beim Frühstück ängstlich, ob etwas Schweres in den Briefkasten fiel. Das war dann wieder mal ein Aufsatz, der von einer Fachzeitschrift zurückgeschickt worden war. Der Festbetrag, den mir eine davon monatlich zahlte, wurde mit viel Entschuldigungen halbiert«, berichtet er in Auf den Mensch gekommen.

So zieht die kleine Familie auch noch einmal kurzfristig um, in eine billigere Wohnung im Osten von Berlin, nach Niederschöneweide. »Später erzählten sie immer von der guten italienischen Eisdiele dort«, erinnert sich Rochus Grzimek. Für ihre Umzugswut seien seine Eltern im Übrigen im Verwandtenkreis bekannt gewesen.

Ein finanzieller Lichtblick tut sich erst auf, als Bernhard Grzimek im Schriftsteller Ehm Welk (Autor des Romans Die Heiden von Kummerow) einen Abnehmer für seine Texte findet. Welk leitet zu der Zeit die Grüne Post, eine 1927 gegründete Wochenzeitung des Ullstein-Verlags, die als erste in Deutschland im Zeitungsformat und auf blassgrünem Papier gedruckt wird. Durch die regelmäßige Berichterstattung in der Grünen Post nimmt die schriftstellerische Arbeit mehr und mehr Raum in Bernhard Grzimeks Leben ein. Warum seine Berufsangabe im Berliner Adressbuch des Jahres 1931 »Chefredakteur« lautet, ist jedoch nicht nachvollziehbar.

Im Herbst 1932 kann Bernhard Grzimek zudem das Staatsexamen ablegen. Nach neun Semestern – acht, wenn man seinen USA-Aufenthalt abzieht – schließt er sich mit vier weiteren Mitstudenten zusammen, wie er in Auf den Mensch gekommen berichtet: »Wir paukten Tag und Nacht und gingen alle vier oder fünf Tage, in der kürzest zulässigen Zeit, in einem weiteren Fach, bei einem anderen Professor in die Prüfung.«

Im Fach Chemie, Bernhard Grzimeks schwacher Stelle, macht es sich bezahlt, dass er keine Vorlesung oder Übung des Professors geschwänzt, sondern sich stets gut sichtbar hingesetzt hat. So bekommt er, obwohl er bereits die erste Frage nicht beantworten kann, ein »sehr gut«. Bernhard Grzimek vermutet später, dass seine auffällige Präsenz im Unterricht den Prüfer dazu verleitet haben muss, in ihm einen »verheißungsvollen Chemiker« zu sehen. Sein alter Professor der Lebensmittelkunde prüft, leicht erkrankt, vom Bett aus, und in Arzneimittelkunde muss Bernhard Grzimek eines aus mehr als vierzig verschiedenen weißen Pulvern richtig bestimmen. Nur bei Pathologieprofessor Johannes Dobberstein fällt er im ersten Anlauf durch, was Bernhard Grzimek später auf ...

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