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Der Mann, der Inseln liebte

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D. H. Lawrence

Der Mann, der Inseln liebte

Aus dem Englischen von Benjamin Lebert

Hoffmann und Campe

Vorwort

von Benjamin Lebert

Ein Mann kehrt der Welt den Rücken zu. Er zieht sich auf eine Insel zurück, die er mit einer von ihm sorgsam ausgewählten Anzahl von Menschen bewohnt. Fünf Jahre später zieht er weiter, auf eine zweite, kleinere Insel, auf der er nur noch wenige Personen duldet. Schließlich zieht er auf eine dritte, noch kleinere Insel, wo er – abgesehen von ein paar Tieren – ganz für sich allein ist und sein will. Bis sich alles Erschauern und Sehnen, das einmal ein Leben gewesen ist, im Getöse der Gezeiten verflüchtigt.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema der Abkehr, die D.H. Lawrence 1927, drei Jahre vor seinem Tod, für seine Erzählung wählt, ist heute – beinahe ein Jahrhundert später – hochaktuell.

Wir leben in einer Zeit, die auf Zugänglichkeit ausgerichtet ist. Die Gesetze von Nähe und Distanz sind auf den Kopf gestellt. Die Mitteilungsmittel überschreiten jede Sekunde aufs Neue das höchste Niveau an Schnelligkeit und alles überschwemmender Verbreitung. Privatsphäre ist ein hart zu erkämpfendes Gut. Gleichzeitig wird das nach außen hin Sichtbarwerden des eigenen Glücks höher wertgeschätzt als das Glück selbst, und im Umkehrschluss ist das Sichtbarwerden des eigenen Unglücks allenthalten gefürchteter als das Unglück selbst. In unserer Zeit ist die Frage nach der Zuflucht eine bedeutende.

Will Wright, der Erfinder zweier revolutionärer Computerspiele (Die Sims und Spore), äußerte im Jahr 2010 in einem Interview: »Man kann nahezu jedes technische Objekt als Erweiterung des menschlichen Körpers sehen. Häuser sind die Erweiterungen der Haut, Autos die Erweiterung der Beine. Das Telefon ist die Erweiterung des Mundes. Mensch und Technik sind schon seit Jahrtausenden derart miteinander verwoben, dass man sie kaum mehr voneinander trennen kann, und zwar in einem immer höheren und schnelleren Maße.«

Ich empfinde diese Aussage als wahr. Und ich habe folgenden Eindruck: Während die Erweiterung des Menschen voranschreitet, zieht sich sein eigentliches Wesen immer mehr zurück. In immer unzugänglichere Tiefen, will sich versteckt halten auf der Insel seines Selbst. Vielleicht trägt ebendies auch zu der Glätte und Kantenlosigkeit bei, die das Gesicht unserer Zeit formen. Überall sind sie anzutreffen, diese tapferen, armen Inselbewohner, für die eine echte Berührung mit der Welt fast schon etwas sonderbar Abstraktes hat.

David Herbert Lawrence wurde 1885 im rußgeschwärzten Eastwood in Nottinghamshire geboren, in der Nähe des Waldes, der einmal der riesige Wald von Sherwood war, aus dessen Tiefen die Legenden von Robin Hood entsprangen. Sein Vater, der in den Kohlengruben arbeitete, war ein schwarzbärtiger, robuster lebensfroher Mann, der manchmal grob wurde, wenn er trank, wofür er sich hinterher schämte. Seine Mutter kam aus einer Familie der unteren Mittelschicht und war Lehrerin. Sie war auf ihre ganz eigene, abergläubische Weise fromm. Sie war belesen, selbstbewusst, stets zu Diskussionen aufgelegt. Sie dichtete ihrer Familie eine vornehme Vergangenheit an und war streng gegen alle Menschen, die anders waren als sie, vor allem gegen ihren Ehemann. Das Paar hatte fünf Kinder. 1901 starb Davids ältester Bruder Ernest, der Lieblingssohn der Mutter, die daraufhin von Melancholie erfasst wurde. Als David Herbert noch im gleichen Jahr an Lungenentzündung erkrankte, entrang sie ihm den Griff des Todes und übertrug ihre übergroße Liebe auf ihn, den jüngsten Sohn. Eine Bindung entstand, die Schönes und Lichtes hervorrief, aber auch unheildrohend und voller Schwere war.

Wenn es so etwas wie einen Lebensort gibt, der im besonderen Maße auf das eigene Wesen einwirkt und sich tief ins Herz hineinsenkt, dann war dieser Ort für Lawrence mit Sicherheit die Haggs. »Die Haggs« – so hieß die Farm der Familie Chambers in Eastwood. Von seinem fünfzehnten Lebensjahr an, bis er über zwanzig war, besuchte David die Farm beinahe jeden Tag, aß mit der Familie, half im Haus aus und arbeitete mit Mr. Chambers und seinen Söhnen auf den Feldern. Er erlebte dort ausgesprochen schöne Momente. Am meisten bedeutete ihm die Nähe zu Jessie Chambers, der Tochter des Hauses. Sie führten lange Gespräche miteinander, lasen zusammen Bücher und tauschten Gedanken darüber aus. Manchmal half ihr Lawrence bei den Schularbeiten. Auf dem Wanderweg zur Farm erwachte seine bedingungslose Liebe zur Natur, die er später auf erstaunliche Weise in sein Schreiben überführte.

Jesse Chambers und D.H. Lawrence verliebten sich ineinander. Es blieb eine unerfüllte Liebe. Davids Mutter, deren Wort allzu großes Gewicht hatte in seinem Leben, konnte das einfache Mädchen nicht neben sich dulden. Wie fast jede unerfüllte Liebe ließ auch diese einen ruhelosen Schmerz zurück, den besonders Jesse Chambers noch Jahre später in sich tragen sollte.

In seinem Roman Söhne und Liebhaber durchlebte Lawrence noch einmal die Erlebnisse seiner Kindheit und des Heranwachsens in Eastwood, durchdrang mit scharfem Blick die Geflechte seiner Familie, den Tod des Bruders, die Einsamkeit des Vaters. Schilderte die Besuche auf der nahe gelegenen Farm, das vergebliche Aufkeimen von Liebe, das Zurückgeworfensein auf den engen Raum namens Alltag – bis hin zum Tod der Mutter, der den jungen Mann in eine Leere entließ, nahe der Nacht, nahe des anbrechenden Morgens.

In einer Szene des Romans beschließt der Vater – nachdem er wieder getrunken hat – grollend und drohend, seine Sachen zu packen und die Familie im Stich zu lassen. Weiter als bis zum Kohlenschuppen aber bringt er das Bündel mit seinen Sachen nicht. Am nächsten Morgen schon schleicht er sich wieder zur Tür hinein.

Hier deutet sich bereits an, dass Lawrence darum wusste, dass die meisten Menschen niemals der Insel ihrer persönlichen Abgeschiedenheit entkommen können.

D.H. Lawrence war ein zarter, blasser, tuberkulosekranker Mann. Aber er war auch zäh und besaß die Fähigkeit, sich ungeachtet der Umstände, die für ihn als Menschen und Künstler meistens widrig waren, über das Leben zu freuen und diese Freude anderen mitzuteilen. Er war sensibel, empfänglich für alles, was Tag und Nacht in ihrem ewigen Widerstreit hervorbringen mochten. Ich stelle mir vor: Wenn ein Junge in seiner Nähe einen Stein auf die stille Fläche eines Sees warf, dann spürte er nicht nur dieses kleine Herz, wie es gegen die Rippen sprang. Er spürte die Beschaffenheit des Steines, wie er durch die weiche Luft segelte und tief in das Wasser eindrang. Er spürte die sich langsam ausweitenden Kreise auf der Oberfläche des Sees.

Lawrence liebte das Leben. Er liebte das Leben, das sich beinahe nie an unsere ängstlich gehüteten Vorstellungen hält und uns bald grob und zupackend, bald mit schmeichlerischem Gesang aus ihnen herauslösen will, deutlich erkennbar anhand des Weges, den dieser Mann für sich wählte: Er arbeitete in einer Fabrik für medizinische Instrumente, er malte und zeichnete. Er lebte mit einer aus dem deutschen Adel stammenden Frau zusammen, die um seinetwillen Ehemann und Kinder verlassen hatte. Er reiste in ferne Gefilde – nach Deutschland, Italien, nach Amerika, Mexiko und Australien. Er wurde während des Ersten Weltkriegs, an dem er aufgrund seiner Lungenschwäche nicht teilnehmen konnte, beäugt und für einen Spion gehalten. Er machte sich allerorts Freunde zu Feinden und Feinde zu Freunden. Er war gern Hausmann, kochte, zimmerte, wusch Wäsche. Er war Wanderer, überquerte zu Fuß die Alpen, studierte Pflanzen. Er schrieb sinnliche, kühne, Anstoß erregende Prosa, die verboten wurde, schrieb Lyrik und Essays. Der Rückzug als Geisteshaltung kam für ihn nicht infrage.

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