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Der Mann aus St. Petersburg

Ken Follett

Der Mann aus
St. Petersburg

Roman

Aus dem Englischen
von Helmut Kossodo

BASTEI ENTERTAINMENT

Viele Freunde haben zur Entstehung dieses Buches beigetragen. Mein besonderer Dank gilt Alan Ernie, Pat Golbitz, M. E. Hirsh, Elaine Koster, Diana Levine, Caren Meyer mit ihren »Maulwürfen«, Sue Rapp, Pamela Robinson und dem Team von Bertram Rota Ltd., Hilary Ross, Christopher Sinclair-Stevenson, Daniel Starer, Colin Tennant und – alphabetisch zuletzt, aber in jeder anderen Beziehung zuerst – Al Zuckerman.

1

ES WAR EIN gemütlicher Sonntagnachmittag, wie Walden ihn liebte. Er stand am offenen Fenster und blickte auf den Park hinaus. Von der breiten Rasenfläche hoben sich einige große Bäume ab: eine schottische Fichte, ein paar mächtige Eichen, mehrere Kastanienbäume und eine Weide mit Zweigen wie Mädchenlocken. Die Sonne stand hoch, und die Bäume warfen dunkle, kühle Schatten. Die Vögel schwiegen, aber man hörte das Summen zufriedener Bienen an den Blumenranken neben dem Fenster. Auch im Haus war es still. Der größte Teil der Dienerschaft hatte an diesem Nachmittag frei. Die einzigen Wochenendgäste waren Waldens Bruder George, Georges Frau Clarissa und ihre Kinder. George war spazierengegangen, Clarissa hatte sich hingelegt, und die Kinder waren außer Sicht. Walden fühlte sich behaglich. Natürlich hatte er zum Kirchgang einen Gehrock getragen, und in einigen Stunden würde er sich seinen Frack zum Abendessen anziehen, aber im Augenblick hatte er es sich bequem gemacht und trug einen Tweedanzug mit einem weichen Hemd. Wenn Lydia heute abend Klavier spielt, dachte er, war es ein vollkommener Tag.

Er wandte sich an seine Frau. »Wirst du nach dem Abendessen spielen?«

Lydia lächelte. »Wenn du willst.«

Walden hörte ein Geräusch und trat wieder ans Fenster. Am anderen Ende der Einfahrt, etwa eine Viertelmeile entfernt, tauchte ein Wagen auf. Walden verspürte eine leichte Gereiztheit, wie jene Andeutung von Schmerz in seinem rechten Bein kurz vor einem Regenguß. Warum sollte mich ein Wagen stören, fragte er sich. Er hatte nichts gegen Autos, er besaß selbst einen Lanchester, den er regelmäßig für Fahrten nach London benutzte. Allerdings mußte er zugeben, daß im Sommer die Kraftwagen hier im Dorf ziemlich lästig waren, wenn sie auf den ungeteerten Straßen hohe Staubwolken aufwirbelten. Er hatte mit dem Gedanken gespielt, ein paar hundert Meter der Straße auf seine Kosten asphaltieren zu lassen, und er hätte es auch wohl getan, aber seit 1909, als Lloyd George den Straßenbau übernommen hatte, war er nicht mehr dafür verantwortlich – und das war, wie er feststellte, der eigentliche Grund seiner Gereiztheit. Es war wieder einmal typisch für die Liberalen, von ihm Geld einzukassieren für etwas, was er ohnehin getan hätte, und es dann zu vernachlässigen. Wahrscheinlich werde ich die Straße schließlich doch selbst pflastern lassen müssen, überlegte er; es ist nur ärgerlich, zweimal dafür bezahlen zu müssen.

Der Wagen bog in den mit Kies bestreuten Vorhof ein und hielt mit lärmendem Motor am Südeingang. Auspuffgase drangen durch das geöffnete Fenster, und Walden hielt den Atem an. Der Fahrer stieg aus. Er trug einen Helm, eine Staubbrille und einen schweren Chauffeurmantel. Nachdem er den Schlag geöffnet hatte, stieg ein untersetzter Mann mit schwarzem Mantel und schwarzem Filzhut aus dem Wagen. Walden erkannte ihn, und sein Gesicht verfinsterte sich. Der friedliche Sommernachmittag war vorbei.

»Es ist Winston Churchill«, sagte er.

»Wie peinlich«, bemerkte Lydia.

Dieser Mann ließ sich einfach nicht abweisen. Am Donnerstag hatte er einen Brief geschickt, der von Walden ignoriert wurde. Am Freitag hatte er in Waldens Haus in London vorgesprochen und war mit dem Bescheid abgewiesen worden, der Earl sei abwesend. Und jetzt war er ausgerechnet am Sonntag die ganze Strecke bis nach Norfolk gefahren. Um wieder abgewiesen zu werden. Bildet er sich ein, daß seine Starrköpfigkeit mich beeindruckt, fragte sich Walden. Er haßte es, unhöflich zu sein, aber Churchill verdiente nichts anderes. Die liberale Regierung, in der Churchill als Minister fungierte, hatte sich vorgenommen, an den Grundfesten der englischen Gesellschaft zu rütteln – Landbesitz mit Steuern zu belegen, das Oberhaus zu unterminieren, Irland den Katholiken zu überlassen, die Royal Navy zu schwächen und den erpresserischen Forderungen der Gewerkschaften und der verdammten Sozialisten nachzugeben. Walden und seine Freunde weigerten sich, solchen Leuten die Hand zu schütteln.

Die Tür öffnete sich, und Pritchard trat ein. Er war ein hochgewachsener Mann mit Cockneyakzent, pomadisiertem schwarzem Haar und einem feierlichen Auftreten, dem man die Unechtheit ansah. Er war als junger Bursche zur See gefahren und hatte sich in Ostafrika von seinem Schiff abgesetzt. Walden, der dort auf Safari ging, hatte ihn zur Überwachung der eingeborenen Träger angeheuert, und seitdem waren sie zusammengeblieben. Jetzt war Pritchard Waldens Haushofmeister, reiste mit ihm von einer Residenz in die andere und betrachtete sich, soweit es einem Diener zustand, als einen Freund.

»Der Erste Lord der Admiralität ist hier, Sir«, sagte Pritchard.

»Ich bin nicht zu Hause«, erwiderte Walden.

Pritchard blickte betreten drein. Er war es nicht gewohnt, Minister des Kabinetts zurückzuweisen. Der Butler meines Vaters hätte es getan, ohne mit der Wimper zu zucken, dachte Walden, aber der alte Thomson genießt seinen wohlverdienten Ruhestand und züchtet Rosen im Garten seines kleinen Hauses im Dorf. Merkwürdigerweise hat Pritchard es nie fertiggebracht, sich diese unantastbare Würde anzueignen.

Pritchard verfiel wieder stärker in seinen Cockneyakzent, ein Zeichen, daß er entweder sehr entspannt oder sehr erregt war. »Mr. Churchill sagt, falls Ihre Lordschaft nicht zu Hause sei, solle ich Ihnen diesen Brief übergeben.« Er hielt ihm ein Tablett mit einem Umschlag hin.

Walden liebte es nicht, überrumpelt zu werden. Er sagte barsch: »Geben Sie ihm den Brief zurück …« Dann hielt er inne, blickte noch einmal auf die Schrift auf dem Umschlag. Die großen, klaren Buchstaben kamen ihm irgendwie bekannt vor.

»Ach, du meine Güte«, sagte Walden.

Er nahm den Umschlag, öffnete ihn, zog ein einmal gefaltetes Blatt dickes weißes Papier heraus. Der Briefkopf trug das rotgedruckte königliche Wappen.

Walden spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Er las:

Buckingham Palast,
2. Mai 1914

Mein lieber Walden,
empfangen Sie bitte den jungen Winston.
George R. I.

»Es ist vom König«, sagte Walden zu Lydia.

Er war so verlegen, daß er errötete. Es gehört schon ein entsetzlicher Formmangel dazu, den König in so etwas hineinzuziehen. Walden fühlte sich wie ein Schuljunge, den man wegen seiner Streitereien gerügt hat. Einen Augenblick war er versucht, dem König zu trotzen. Aber er mußte die Folgen bedenken: Lydia würde nicht mehr von der Königin empfangen werden, man würde die Waldens nicht mehr zu gesellschaftlichen Anlässen einladen, bei denen ein Mitglied der königlichen Familie anwesend wäre, und – das schlimmste – Waldens Tochter Charlotte könnte bei Hof nicht als Debütantin vorgestellt werden. Es wäre das Ende des gesellschaftlichen Lebens der Familie. Dann könnte man ebensogut gleich ins Ausland ziehen. Nein, es kam nicht in Frage, dem König den Gehorsam zu verweigern.

Walden seufzte. Churchill hatte ihn überlistet. Aber es war auch eine Erleichterung, denn jetzt konnte er sich über seinen Rang hinwegsetzen, und niemand konnte ihn dafür tadeln. ›Ein Brief vom König, alter Knabe‹, würde er erklärend sagen, ›da blieb mir nichts andres übrig.‹

»Bitten Sie Mr. Churchill herein«, sagte er zu Pritchard.

Er gab Lydia den Brief. Die Liberalen verstehen wirklich nicht, wozu eine Monarchie eigentlich da ist, stellte er fest. Er brummte: »Der König läßt es diesen Leuten gegenüber an Festigkeit mangeln.«

Lydia sagte: »Das wird ja entsetzlich langweilig.«

Aber Walden wußte, daß es sie gar nicht langweilte, daß sie es wahrscheinlich sogar sehr aufregend fand. Sie hatte das nur gesagt, weil eine englische Gräfin sich so zu äußern pflegt, und da sie keine Engländerin, sondern Russin war, liebte sie es, typisch englische Ausdrücke zu gebrauchen, so wie manche Leute, wenn sie französisch sprechen, oft Worte wie alors und hein? benutzen.

Walden ging zum Fenster. Churchills Wagen stand noch immer mit schepperndem und rauchendem Motor im Vorhof. Der Chauffeur stand daneben, die Hand an der Tür wie an einem Pferd, das man am Weggehen hindert. Einige Diener staunten ihn aus sicherer Distanz an.

Pritchard trat ein: »Mr. Winston Churchill.«

Churchill war vierzig, genau zehn Jahre junger als Walden. Er war klein und schlank und in einer Art gekleidet, die Walden etwas zu elegant fand für einen Gentleman. Sein frühzeitig gelichtetes Haar – nur noch eine Strähne auf der Stirn und zwei Locken an den Schläfen –, seine kurze Nase und das ständige spöttische Zwinkern seiner Augen gaben ihm ein schalkhaftes Aussehen. Es war leicht einzusehen, warum die Karikaturisten ihn stets als schelmischen Cheruben darstellten.

Churchill schüttelte Walden die Hand und begrüßte ihn fröhlich: »Guten Tag, Eure Lordschaft.« Dann verbeugte er sich vor Lydia. »Lady Walden, ich habe die Ehre.« Walden fragte sich: Warum geht mir dieser Kerl derart auf die Nerven?

Lydia bot ihm Tee an, und Walden bat ihn, Platz zu nehmen. Walden war nicht zu Plaudereien aufgelegt; er war ungeduldig und wollte wissen, was all dieser Wirbel zu bedeuten hatte.

Churchill begann: »Zuerst einmal bitte ich Sie, auch im Namen des Königs, um Verzeihung, daß ich mich Ihnen aufgedrängt habe.«

Walden nickte, verzichtete aber auf die Bemerkung, es mache ihm nichts aus.

Churchill fuhr fort: »Ich könnte hinzufügen, daß ich es nicht getan hätte, wenn es nicht sehr dringlich wäre.«

»Dann sagen Sie mir lieber gleich, um was es sich handelt.«

»Wissen Sie, was gegenwärtig auf dem Geldmarkt geschieht?«

»Ja. Der Diskontsatz ist gestiegen.«

»Von eindreiviertel auf etwas unter drei Prozent. Ein enormer Anstieg, und das innerhalb von wenigen Wochen.«

»Ich nehme an, Sie wissen, warum.«

Churchill nickte. »Deutsche Firmen haben in ganz großem Maße Schulden eingetrieben, Bargeld aufgehäuft und Gold gekauft. Noch ein paar Wochen wie diese, und Deutschland wird alle Außenstände aus anderen Ländern einkassiert haben. Es wird seine eigenen Schulden offenstehen lassen – und dann werden seine Goldreserven höher sein als je zuvor.«

»Die Deutschen bereiten sich auf den Krieg vor.«

»Auf diese und andere Art. Sie haben über die normalen Steuern hinaus eine Milliarde eingetrieben, um ihre Armee, die bereits die stärkste in Europa ist, noch mehr aufzurüsten. Sie werden sich erinnern, daß es im Jahre 1909, als Lloyd George die britischen Steuern um fünfzehn Millionen Pfund erhöhte, beinahe zu einer Revolution gekommen ist. Aber eine Milliarde Mark entspricht fünfzig Millionen Pfund. Es ist der höchste Steueraufwand in der Geschichte Europas …«

»Gewiß«, unterbrach ihn Walden. Churchill war im Begriff, theatralisch zu werden, aber Walden wollte sich keine weitschweifigen Reden anhören. »Wir Konservativen machen uns schon seit langem über den deutschen Militarismus Sorgen. Und jetzt, kurz vor zwölf, erzählen Sie mir, daß wir recht haben.«

Churchill ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. »Deutschland wird Frankreich angreifen, das ist so gut wie sicher. Die Frage ist, ob wir Frankreich zu Hilfe kommen werden.«

»Nein«, erwiderte Walden überrascht. »Der Außenminister hat uns versichert, daß wir Frankreich gegenüber keine Verpflichtungen haben …«

»Sir Edward hat es natürlich ehrlich gemeint« sagte Churchill. »Aber er hat sich geirrt. Unser Bündnis läßt es nicht zu, daß wir untätig zusehen, wie Frankreich von Deutschland besiegt wird.«

Walden war entsetzt. Die Liberalen hatten alle – auch ihn – überzeugt, daß sie England aus dem Krieg heraushalten würden, und jetzt behauptete einer ihrer führenden Minister das Gegenteil. Die Doppelzüngigkeit der Politiker konnte ihn zur Raserei bringen. Viel schlimmer noch waren die Folgen eines solchen Krieges. Er dachte an die jungen Leute aus seiner Umgebung, die eingezogen werden würden: die geduldigen Gärtner in seinem Park, die frechen Diener, die sonnengebräunten Bauernjungen, die aufsässigen Gymnasialschüler, die Müßiggänger in den Clubs von St. James …

Viele ernüchternde Gedanken gingen ihm durch den Kopf, ehe er fragte: »Können wir den Krieg gewinnen?«

Churchill machte ein ernstes Gesicht. »Ich glaube nicht.«

Walden starrte ihn an. »Zum Teufel, was haben Sie und Ihre Regierung getan?«

Churchill ging in die Defensive. »Es war unsere Politik, den Krieg zu vermeiden, aber das kann man nicht, indem man sich gleichzeitig bis an die Zähne bewaffnet.«

»Es ist Ihnen also nicht gelungen, den Krieg zu vermeiden.«

»Wir versuchen es noch.«

»Aber Sie glauben nicht, daß es gelingen wird.«

Churchill sah ihn einen Augenblick herausfordernd an, schluckte dann jedoch seinen Stolz hinunter. »So ist es.«

»Und was wird nun geschehen?«

»Falls England und Frankreich gemeinsam nicht in der Lage sind, Deutschland zu besiegen, brauchen wir einen dritten Verbündeten: Rußland. Wenn Deutschland an zwei Fronten kämpfen muß, können wir gewinnen. Die russische Armee ist zwar schlecht ausgerüstet und korrupt, wie alles in diesem Lande – aber das macht nichts, solange sie einen Teil der deutschen Streitkräfte bindet.«

Churchill wußte sehr wohl, daß Lydia Russin war, und es entsprach der für ihn typischen Taktlosigkeit, daß er ihr Land in ihrer Gegenwart verunglimpfte. Walden ließ es indes geschehen, denn was Churchill sagte, interessierte ihn zu sehr. »Rußland ist ja bereits mit Frankreich verbündet«, warf er ein.

»Das genügt nicht«, sagte Churchill. »Rußland ist zum Eingreifen verpflichtet, falls Frankreich das Opfer eines Angriffs sein sollte. Es bleibt Rußland überlassen zu beurteilen, ob Frankreich in einem solchen Fall das Opfer oder der Angreifer wäre. Wenn ein Krieg ausbricht, behaupten immer beide Seiten, das Opfer zu sein. Daher verpflichtet die Allianz Rußland nur dann zum Kampf, wenn es wirklich kämpfen will. Wir müssen Rußland noch einmal ganz fest und unwiderruflich auf unsere Seite bringen.«

»Ich kann mir schlecht vorstellen, daß ausgerechnet ihr Liberalen dem Zaren die Hand reicht.«

»Dann beurteilen Sie uns falsch. Um England zu retten, würden wir uns auch mit dem Teufel einlassen.«

»Euren Anhängern wird das nicht gefallen.«

»Sie werden es gar nicht erfahren.«

Jetzt durchschaute Walden, wohin das alles führte, und er fand die Aussicht aufregend. »Was haben Sie im Sinn? Ein geheimes Abkommen? Oder eine stillschweigende Übereinkunft?«

»Beides.«

Walden blickte Churchill aus schmalen Augen an. Dieser junge Demagoge könnte Köpfchen haben, sagte er sich, und dieses Köpfchen könnte gegen meine Interessen arbeiten. Die Liberalen wollen also eine geheime Abmachung mit dem Zaren treffen, ungeachtet des Hasses, den das englische Volk gegen das brutale Regime in Rußland empfindet – aber warum erzählt er mir das? Sie wollen mich auf irgendeine Weise einspannen, das ist mir klar. Aber zu welchem Zweck? Etwa, um später, wenn alles schiefgelaufen ist, einen Konservativen als Sündenbock zu haben? Falls man mich in eine solche Falle locken will, braucht man einen geschickteren Ränkeschmied als diesen Churchill.

Walden sagte: »Fahren Sie fort.«

»Ich habe vor einiger Zeit Kooperationsgespräche mit den Russen bezüglich der Kriegsmarine in die Wege geleitet – parallel zu unseren militärischen Verhandlungen mit den Franzosen. Eine Weile haben sie sich auf ziemlich niedriger Ebene abgespielt, aber jetzt fangen sie an, ernsthaft zu werden. Ein junger russischer Admiral kommt nach London. Sein Name ist Fürst Alexeij Andreijewitsch Orlow.«

»Alex!« rief Lydia aus.

Churchill blickte sie an. »Ich glaube, er ist mit Ihnen verwandt, Lady Walden.«

»Ja«, sagte Lydia, und aus einem Walden nicht bekannten Grund sah sie verlegen aus. »Er ist der Sohn meiner älteren Schwester, demnach wäre er wohl … mein Vetter?«

»Neffe«, berichtigte Walden.

»Ich wußte gar nicht, daß er Admiral geworden ist«, fuhr Lydia fort. »Er muß kürzlich dazu ernannt worden sein.« Sie war wieder kühl und völlig beherrscht, und Walden glaubte sich ihre momentane Verlegenheit nur eingebildet zu haben. Er freute sich, daß Alex nach London kam, denn er mochte ihn. Lydia sagte: »Er ist noch sehr jung für eine solche Verantwortung.«

»Er ist dreißig«, bemerkte Churchill, und Walden fiel auf, daß Churchill mit seinen vierzig Jahren ebenfalls sehr jung für den Oberbefehl über die gesamte Royal Navy war. Churchills Gesichtsausdruck schien zu sagen: Die Welt gehört begabten jungen Männern wie mir und Orlow.

Aber er braucht mich, sinnierte Walden.

»Außerdem«, fuhr Churchill fort, »ist Orlow ein Neffe des Zaren, durch seinen Vater, den verstorbenen Großfürsten, und – was noch wichtiger ist – er gehört zu den wenigen Leuten neben Rasputin, die der Zar schätzt und denen er vertraut. Wenn einer in der russischen Kriegsmarine den Zaren auf unsere Seite bringen kann, dann Orlow.«

Jetzt stellte Walden die Frage, die ihm schon lange auf der Zunge lag. »Und was habe ich mit alledem zu tun?«

»Ich möchte, daß Sie England in diesen Verhandlungen vertreten – und ich möchte, daß Sie mir Rußland auf einem Tablett servieren.« Dieser Kerl kann seinem Hang zur Melodramatik einfach nicht widerstehen, durchfuhr es Walden. »Sie wollen, daß ich mit Alex über eine englisch-russische Militärallianz verhandle?«

»Ja.«

Walden sah sofort die Herausforderung, die Schwierigkeiten, aber auch die Chance, die in dieser Aufgabe lag. Er verbarg seine Erregung und widerstand der Versuchung, sich zu erheben und auf und ab zu gehen.

Churchill erklärte weiter: »Sie kennen den Zaren persönlich. Sie kennen Rußland und sprechen fließend russisch. Sie sind durch ihre Ehe Orlows Onkel. Sie haben schon einmal den Zaren überredet, mit England und nicht mit Deutschland gemeinsame Sache zu machen, als Sie 1906 intervenierten, um die Ratifizierung des Vertrags von Björkö zu verhindern.« Churchill machte eine Pause. »Trotzdem waren Sie nicht unsere erste Wahl, um Großbritannien bei diesen Verhandlungen zu vertreten. Sie wissen ja, wie die Dinge in Westminster stehen …«

»Ja, ja.« Walden hatte keine Lust, jetzt darüber zu diskutieren. »Aber aus einem mir nicht bekannten Grunde haben Sie sich eines anderen besonnen.«

»Um es kurz zu sagen, Sie waren die Wahl des Zaren. Sie scheinen der einzige Engländer zu sein, dem er traut. Jedenfalls hat er seinem Vetter, Seiner Majestät König George V., ein Telegramm geschickt, in dem er darauf besteht, daß Sie die Verhandlungen mit Orlow führen.«

Walden konnte sich die Bestürzung unter den Radikalen vorstellen, als sie erfuhren, daß sie einen reaktionären alten adligen Tory in ihre geheimsten Pläne einweihen mußten. »Das dürfte Sie aber ganz schön entsetzt haben«, sagte er.

»Durchaus nicht. Unsere außenpolitischen Ansichten unterscheiden sich gar nicht so sehr von den Ihren. Und ich hatte schon immer das Gefühl, daß unsere innenpolitischen Meinungsverschiedenheiten kein Grund sein sollten, die Fähigkeiten Eurer Lordschaft der Regierung Seiner Majestät vorzuenthalten.«

Jetzt schmeichelt er mir auch noch, dachte Walden. Sie scheinen mich wirklich zu brauchen. Dann fragte er: »Wie lange soll die Angelegenheit geheimgehalten werden?«

»Es wird zunächst wie ein Familienbesuch aussehen. Falls Sie einverstanden sind, wird Orlow während der Londoner Saison bei Ihnen wohnen. Sie werden ihn in die Gesellschaft einführen. Gehe ich recht in der Annahme, daß Ihre Tochter in diesem Jahr ihr Debüt machen wird?« Er blickte Lydia an.

»So ist es«, sagte sie.

»Dann werden Sie ja vermutlich viel ausgehen. Orlow ist, wie Sie wissen, Junggeselle, und ein sehr begehrter dazu. Wir werden also im Ausland leicht das Gerücht verbreiten können, er schaue sich nach einer englischen Ehefrau um. Vielleicht findet er sogar eine.«

»Eine gute Idee.« Walden stellte plötzlich fest, daß ihm die Sache gefiel. Unter den konservativen Regierungen Salisbury und Balfour hatte er immer eine halboffizielle Diplomatenstellung eingenommen, sich aber dann in den letzten acht Jahren aus der internationalen Politik zurückgezogen. Jetzt hatte er eine Chance, die alten Beziehungen wiederaufleben zu lassen, und er erinnerte sich, wie aufreibend und faszinierend solche Aufgaben waren: Die Geheimhaltung, die spielerische Technik des Verhandelns, die Bewältigung von Persönlichkeitskonflikten, die mit äußerster Vorsicht geübte Kunst der Überredung, der Einschüchterung oder der Drohung mit Krieg. Die Russen waren keine leichten Verhandlungspartner, wie er selbst erfahren hatte. Sie neigten zu Launen, Starrköpfigkeit und Arroganz. Aber mit Alex würde er bestimmt auskommen. Als Walden Lydia geheiratet hatte, war der damals zehnjährige Alex in seinem Matrosenanzug unter den Hochzeitsgästen gewesen. Später hatte er ein paar Jahre auf der Universität von Oxford verbracht und die Waldens während seiner Ferien besucht. Der Vater des Jungen war tot, und Walden hatte ihm mehr Zeit gewidmet, als er normalerweise für einen jungen Mann aufgebracht hätte.

Die ideale Grundlage für Verhandlungen. Ich glaube, es wird mir gelingen, dachte er.

Churchill sagte: »Darf ich annehmen, daß Sie es tun werden?«

»Selbstverständlich«, erwiderte Walden.

Lydia erhob sich. »Nein, bleiben Sie nur sitzen«, sagte sie, als die Männer mit ihr aufstanden. »Ich überlasse euch euren politischen Gesprächen. Bleiben Sie zum Abendessen, Mr. Churchill?«

»Ich habe leider eine Verabredung in der Stadt.«

»Dann verabschiede ich mich.« Sie schüttelte ihm die Hand.

Lydia verließ das achteckige Zimmer, in dem sie immer ihren Tee einnahmen, durchquerte die große Halle, die kleine Halle und trat in das Blumenzimmer. Zur gleichen Zeit kam einer der Gärtnergehilfen, dessen Namen sie nicht kannte, durch die Gartentür mit einem Armvoll rosa und gelber Tulpen für den Abendessentisch herein. Eine der Besonderheiten, die Lydia an England und speziell an Walden Hall liebte, war der Blumenreichtum. Stets hatte sie morgens und abends frische Schnittblumen, selbst im Winter, wenn sie in den Treibhäusern gezüchtet werden mußten.

Der Gärtner berührte seine Mütze – er brauchte sie nicht abzunehmen, solange man ihn nicht anredete, denn das Blumenzimmer galt als ein Teil des Gartens –, legte die Blumen auf einen Marmortisch und entfernte sich. Lydia setzte sich und atmete die kühle, duftende Luft. Das Zimmer eignete sich gut zur Erholung von einem Schock, und das Gespräch über St. Petersburg war ein Schock für sie gewesen. Sie erinnerte sich an Alexeij Andreijewitsch, wie er als kleiner schüchterner Junge an ihrer Hochzeit teilgenommen hatte, und sie erinnerte sich, daß dieser Tag der unglücklichste in ihrem bisherigen Leben gewesen war.

Plötzlich empfand sie es als unpassend, daß sie das Blumenzimmer zu ihrer Zufluchtsstätte gemacht hatte. Dieses Haus hatte Zimmer für fast jeden Zweck: Verschiedene für das Frühstück, den Lunch, den Tee und das Abendessen, ein Billardzimmer, ein Waffenzimmer, besondere Räume für das Waschen von Kleidern, das Bügeln, das Kochen von Marmelade, das Putzen von Silber, das Aufhängen von Wildbret, das Aufbewahren von Wein, das Ausbürsten von Anzügen … Ihre eigene Suite bestand aus Schlafzimmer, Ankleidezimmer und Wohnzimmer. Aber wenn sie ungestört sein wollte, kam sie immer hierher, setzte sich auf einen harten Stuhl und schaute auf die steinerne Abflußrinne und die schmiedeeisernen Beine des Marmortischs. Ihr Mann hatte, wie sie wußte, auch seine geheime Zufluchtsstätte, denn wenn Stephen sich über etwas ärgerte, ging er stets ins Waffenzimmer und las dort in einem Buch über das Jagdwild.

Alex würde also während der Saison ihr Gast in London sein. Sie würden sich über ihre Heimat unterhalten, über den Schnee und das Ballett und die Bomben, und sein Anblick würde sie an einen anderen jungen Russen erinnern, den Mann, den sie nicht geheiratet hatte.

Es war nun schon neunzehn Jahre her, seit sie ihn zum letztenmal gesehen hatte, aber immer noch brachte die bloße Erwähnung von St. Petersburg ihn in ihr Gedächtnis zurück, und jedesmal fühlte sie ihre Haut unter der Seide des Kleides prickeln. Er war neunzehn Jahre alt gewesen, etwas älter als sie, ein »verhungerter« Student mit langen schwarzen Haaren, dem Gesicht eines Wolfs und den Augen eines Spaniels. Sie hatte seine weiße Haut geliebt, sein dunkles, flaumiges Körperhaar und die ungewöhnlich schönen Hände. Sie errötete, weil der Gedanke an diesen Mann sie noch immer unsäglich erregte. Ich war verdorben, dachte sie, und ich bin noch immer verdorben, denn ich möchte es wieder tun.

Sie erinnerte sich schuldbewußt an ihren Mann. Fast immer, wenn sie an ihn dachte, fühlte sie sich schuldig. Sie hatte ihn nicht geliebt, als sie heirateten, aber jetzt liebte sie ihn. Er war willensstark und warmherzig, und er betete sie an. Seine Zuneigung war beständig, es fehlte ihr ganz und gar jene verzweifelte Leidenschaftlichkeit, die sie einst gekannt hatte. Er ist glücklich, beruhigte sie sich, weil er nie gewußt hat, daß Liebe hungrig und wild sein kann.

Ich sehne mich auch nicht mehr nach dieser Art von Liebe, redete sie sich ein. Ich habe gelernt, ohne sie zu leben, und im Laufe der Jahre ist es mir leichter geworden. Kein Wunder – denn ich bin ja fast vierzig.

Einige ihrer Freundinnen gerieten immer noch in Versuchung. Sie erzählten ihr nichts von ihren Liebesaffären, weil sie annahmen, daß sie sie nicht billige, aber sie klatschten über die Amouren anderer, und Lydia wußte, daß es auf einigen Parties in den Landhäusern nicht selten zu … Seitensprüngen kam. Einmal hatte Lady Girard Lydia mit der herablassenden Miene einer älteren Frau den Rat gegeben: »Meine Liebe, wenn Sie je die Vicomtesse und Charlie Scott zur gleichen Zeit als Hausgäste haben, müssen Sie ihnen Schlafzimmer mit Verbindungstür geben.« Lydia war der Empfehlung nicht gefolgt, und seitdem hatte man die Vicomtesse nicht mehr in Walden Hall gesehen.

Man behauptete, solche Unmoral sei einzig die Schuld des verstorbenen Königs Edward, aber Lydia bezweifelte das. Gewiß, er hatte mit Juden und Sängern Umgang gepflegt, aber das machte ihn noch lange nicht zu einem Wüstling. Er war zweimal in Walden Hall gewesen – einmal als Prinz von Wales und einmal als König Edward VII. – und beide Male hatte er sich untadelig benommen.

Sie fragte sich, ob der neue König je zu ihnen kommen würde. Es war zwar ziemlich anstrengend, einen Monarchen zu Gast zu haben, aber es war auch aufregend, das Haus zu schmücken, die auserlesensten Mahlzeiten zubereiten zu lassen und sich für ein einziges Wochenende zwölf neue Kleider zu kaufen. Falls dieser König kommen sollte, würde er vielleicht den Waldens das so begehrte Entrée gewähren – das Recht, den Buckingham Palast bei großen Anlässen durch das Gartentor zu betreten, anstatt mit zweihundert anderen Wagen auf der Mall warten zu müssen.

Sie dachte an ihre Gäste an diesem Wochenende. George, Stephens jüngerer Bruder, hatte Stephens Charme, aber nichts von dessen Ernsthaftigkeit. Georges Tochter Belinda war achtzehn, im gleichen Alter wie Charlotte. Die beiden Mädchen sollten in dieser Saison ihr Debüt geben. Belindas Mutter war vor einigen Jahren gestorben, und George hatte sich ziemlich rasch wieder verheiratet. Seine zweite Frau, Clarissa, war viel jünger als er und von sehr lebhaftem Temperament. Sie hatte ihm Zwillingssöhne geschenkt. Einer der Zwillinge würde Walden Hall erben, wenn Stephen starb – vorausgesetzt, Lydia bekam in ihren späten Jahren nicht noch einen Sohn. Ich könnte es, sinnierte sie, ich fühle, daß ich es könnte, aber es geschieht einfach nicht.

Es war fast Zeit, sich zum Abendessen umzuziehen. Sie seufzte. Sie fühlte sich so behaglich in ihrem Teekleid und mit dem locker gekämmten blonden Haar, aber jetzt mußte sie sich in ein Korsett zwängen und sich von einer Zofe das Haar zu einer Turmfrisur richten lassen. Man munkelte, daß einige junge Frauen das Tragen von Korsetts völlig aufgegeben hätten. Lydia fand das angängig, solange man eine Figur wie eine Acht hatte, aber eine solche Figur hatte sie nun einmal nicht.

Sie stand auf und ging hinaus. Der Gärtnergehilfe stand an einem Rosenbaum und plauderte mit einer der Zofen. Lydia erkannte das Mädchen: Es war Annie, ein hübsches, üppiges, hohlköpfiges Ding mit einem breiten, einladenden Lächeln. Sie hatte ihre Hände in den Schürzentaschen vergraben, wandte das runde Gesicht der Sonne zu und lachte über etwas, was der Gärtner zu ihr gesagt hatte. Dieses Mädchen braucht bestimmt kein Korsett, dachte Lydia. Annie war beauftragt, auf Charlotte und Belinda aufzupassen, denn die Gouvernante hatte ihren freien Nachmittag. Lydia rief ihr zu: »Annie! Wo sind die jungen Damen?«

Annies Lächeln verschwand, und sie machte einen Knicks. »Ich kann sie nicht finden, gnädige Frau.«

Der Gärtner verzog sich eiligst.

»Dann suchen Sie sie gefälligst«, sagte Lydia, »anstatt hier herumzustehen.«

»Jawohl, gnädige Frau.« Annie rannte hinter das Haus. Lydia seufzte. Dort waren die Mädchen bestimmt nicht, aber sie hatte keine Lust, Annie zurückzurufen und noch einmal zu tadeln.

Sie schlenderte über den Rasen, dachte an vertraute und angenehme Dinge, verdrängte St. Petersburg aus ihren Gedanken. Stephens Vater, der siebte Earl of Walden, hatte die Westseite des Parks mit Rhododendron und Azaleen bepflanzen lassen. Lydia hatte den alten Herrn nicht kennengelernt; er war gestorben, bevor sie Stephen begegnet war, aber nach allem, was sie über ihn gehört hatte, war er ein klassischer Viktorianer gewesen. Seine Büsche standen jetzt in voller Blüte, erstrahlten in einer ziemlich unviktorianischen Farbenpracht. Wir müßten das Haus einmal malen lassen, fiel ihr ein. Das letzte Bild stammt aus einer Zeit, in der der Park noch nicht voll ausgewachsen war.

Sie blickte auf Walden Hall zurück. Das graue Mauerwerk der Südfassade wirkte im Nachmittagssonnenlicht erhaben. In ihrer Mitte befand sich das südliche Tor. Der weiter nach hinten gelegene östliche Flügel enthielt den Salon und die verschiedenen Speisezimmer, daran anschließend begann ein Labyrinth von Küchen, Anrichtezimmern und Waschzimmern, die sich bis zu den Ställen hinzogen. Ihr näher, auf der westlichen Seite, lagen das Morgenzimmer, das achteckige Zimmer, an der Ecke die Bibliothek, dann, jenseits der Ecke, das Billardzimmer, das Waffenzimmer, ihr Blumenzimmer, ein Rauchzimmer und das Büro der Gutsverwaltung. Im ersten Stock gingen die Familienschlafzimmer nach Süden hinaus, die Gästezimmer nach Westen und das Dienstbotenquartier, oberhalb der Küchen, wo man es nicht sah, nach Nordosten. Über dem ersten Stock erhob sich ein seltsames Durcheinander von Türmen, Zinnen und Giebeln. Die ganze Fassade war von Steinornamenten im viktorianischen Rokokostil übersät, mit gemeißelten Blumen, Sparren und Schleifen, mit Schnüren, Drachen, Löwen und Engelchen, Balkonen, Schießscharten, Flaggenmasten, Sonnenuhren und Wasserspeiern. Lydia liebte diesen Ort, und sie war dem Himmel dankbar, daß Stephen – im Gegensatz zu vielen anderen adligen Landbesitzern – sich seinen Unterhalt leisten konnte.

Sie sah Charlotte und Belinda aus den Büschen am anderen Ende der Wiese auftauchen. Annie hatte sie natürlich nicht gefunden. Sie trugen breitkrempige Strohhüte und Sommerkleider, dazu schwarze Kniestrümpfe und schwarze Halbschuhe mit niedrigen Absätzen. Da ihr Debüt in dieser Saison bevorstand, durfte Charlotte gelegentlich im Abendkleid und mit aufgestecktem Haar zum Dinner erscheinen, aber meist behandelte Lydia sie wie ein Kind, das sie ja auch noch war. Die beiden Cousinen waren in ein Gespräch vertieft, und Lydia hätte zu gerne gewußt, worüber sie redeten. Was beschäftigte mich, als ich achtzehn war, fragte sie sich unwillkürlich. Und sofort tauchte der junge Mann mit dem flaumigen Haar und den klugen Händen vor ihr auf. Bestürzt murmelte sie vor sich hin: »Oh, lieber Gott, laß mich mein Geheimnis bewahren.«

»Glaubst du, wir werden uns anders fühlen nach unserem Debüt?« fragte Belinda.

Charlotte hatte schon darüber nachgedacht. »Ich jedenfalls nicht.«

»Aber wir sind dann doch erwachsen.«

»Ich wüßte nicht, wie Parties, Bälle und Picknicks jemanden zu einem erwachsenen Menschen machen könnten.«

»Wir werden Korsetts tragen müssen.«

Charlotte kicherte. »Hast du schon mal eins angehabt?«

»Nein, und du?«

»Ich habe meins vorige Woche anprobiert.«

»Und wie ist es?«

»Scheußlich. Man kann nicht mehr gerade gehen.«

»Wie hast du ausgesehen?«

Charlotte deutete mit den Händen einen enormen Busen an. Die beiden Mädchen krümmten sich vor Lachen. Dann erblickte Charlotte ihre Mutter und machte ein reuiges Gesicht, weil sie Schelte erwartete, aber Mama schien in Gedanken versunken und lächelte nur vage, bevor sie sich abwandte.

»Es wird aber Spaß machen«, sagte Belinda.

»Die Saison? Ach ja?« erwiderte Charlotte zweifelnd. »Aber wozu das alles?«

»Um die richtigen jungen Leute kennenzulernen, natürlich.«

»Um einen Ehemann zu suchen, meinst du wohl.«

Sie kamen an die große Eiche in der Mitte des Rasens, und Belinda setzte sich leicht schmollend auf die kleine Bank. »Du findest das alles furchtbar dumm, nicht wahr?« sagte sie.

Charlotte setzte sich neben sie und blickte über die Grasfläche, die sich wie ein Teppich vor der Südseite von Walden Hall ausbreitete. Die hohen gotischen Fenster glitzerten in der Nachmittagssonne. Von hier aus wirkte das Haus zweckmäßig und durchdacht, obgleich es hinter der Fassade eher einem Irrgarten glich. »Ich finde es nur dumm, daß man uns so lange darauf warten läßt«, sagte sie. »Es ist mir gar nicht so eilig, auf Bälle zu gehen, meine Visitenkarte am Nachmittag bei fremden Leuten zu hinterlassen und junge Männer kennenzulernen – es würde mir nichts ausmachen, es nie zu tun –, aber es ärgert mich, daß man mich immer noch wie ein Kind behandelt. Ich hasse es, mit Marya zu Abend zu essen, die von nichts etwas weiß oder jedenfalls immer so tut. Im Speisezimmer hat man wenigstens Unterhaltung. Papa hat immer etwas Interessantes zu erzählen. Und wenn ich mich mit Marya langweile, schlägt sie mir vor, Karten zu spielen. Aber ich habe das Spielen satt, denn ich habe bisher nichts anderes getan.« Sie seufzte. Es ärgerte sie noch mehr, wenn sie darüber sprach. Sie blickte auf Belindas ruhiges, sommersprossiges Gesicht mit den roten Locken. Charlotte hatte ein ovales Gesicht mit einer geraden Nase und einem starken Kinn, und ihr Haar war dicht und dunkel. Die glückliche, stets zufriedene Belinda, dachte sie. Alles fand sie gut und schön, und nichts konnte sie wirklich intensiv empfinden.

Charlotte berührte Belindas Arm. »Es tut mir leid. Ich hatte nicht die Absicht, mich so aufzuregen.«

»Ist schon gut.« Belinda lächelte verständnisvoll. »Du regst dich immer über Dinge auf, an denen du nichts ändern kannst. Erinnerst du dich, wie du damals unbedingt nach Eton gehen wolltest?«

»Nein!«

»Du weißt es nicht mehr? Du hast einen furchtbaren Wirbel gemacht und gefragt, warum du nicht ebenso wie dein Papa in Eton zur Schule gehen könntest.«

Charlotte konnte sich nicht daran erinnern, mußte aber zugeben, daß diese Haltung zur ihr gepaßt hätte. »Glaubst du wirklich, daß man an all diesen Dingen nichts ändern kann?« fragte sie. »In die Gesellschaft eingeführt zu werden, eine Saison in London zu verbringen, sich zu verloben und dann zu heiraten …«

»Du kannst ja immer noch einen Skandal heraufbeschwören, damit sie dich zwingen, nach Rhodesien auszuwandern.«

»Ich weiß nur nicht, wie man einen Skandal heraufbeschwört.«

Sie schwiegen eine Weile. Manchmal wünschte sich Charlotte, so passiv wie Belinda zu sein. Das Leben wäre einfacher – aber es wäre auch langweilig. »Ich habe Marya gefragt, was ich tun soll, wenn ich einmal verheiratet bin«, fuhr sie fort. »Und weißt du, was sie geantwortet hat?« Sie imitierte den kehligen russischen Akzent ihrer Gouvernante. »Aber, mein Kind, dann hast du überhaupt nichts zu tun.«

»Eine stupide Antwort«, meinte Belinda.

»Wirklich? Was tun denn unsere Mütter?«

»Sie gehören zur guten Gesellschaft. Sie veranstalten Partys, leben in ihren Landhäusern, gehen in die Oper und …«

»Das meine ich ja. Sie tun überhaupt nichts.«

»Sie kriegen Kinder.«

»Das ist auch wieder so etwas. Sie machen ein solches Geheimnis aus dem Kinderkriegen.«

»Aber doch nur, weil es … ordinär ist.«

»Warum? Was ist denn ordinär daran?« Charlotte fühlte wieder den Enthusiasmus in sich aufsteigen. Marya ermahnte sie immer wieder, nicht zu überschwenglich zu sein. Sie atmete tief durch und sagte mit leiser Stimme: »Du und ich, wir müssen auch einmal Kinder kriegen. Findest du nicht, daß man uns ein bißchen erklären sollte, wie man das macht? Aber sie wollen ja nur, daß wir über Mozart und Shakespeare und Leonardo da Vinci Bescheid wissen.« Belinda blickte peinlich berührt, aber sehr interessiert drein. Sie fühlt das gleiche wie ich, dachte Charlotte. Wieviel sie wohl weiß? Charlotte sagte: »Ist dir klar, daß sie in deinem Bauch wachsen?« Belinda nickte, und dann platzte sie heraus: »Aber wie fängt es an?«

»Ach, ich glaube, es passiert einfach, wenn man ungefähr einundzwanzig ist. Das ist der eigentliche Grund, weshalb wir unser Debüt machen müssen! Man will uns in die Gesellschaft einführen, damit wir einen Mann haben, bevor wir Kinder kriegen.« Charlotte zögerte. »Das glaube ich wenigstens«, fügte sie hinzu.

Belinda fragte: »Und wie kommen sie heraus?«

»Das weiß ich nicht. Wie groß sind sie denn?«

Belinda hielt die Hände etwa sechzig Zentimeter auseinander. »Die Zwillinge waren einen Tag nach der Geburt so groß.« Sie dachte noch einmal nach und verkleinerte die Distanz. »Vielleicht eher so.« Charlotte sagte: »Wenn eine Henne ein Ei legt, kommt es … hinten heraus.« Sie vermied Belindas Blick. Ein so intimes Gespräch hatte sie bisher mit niemandem geführt. »Das Ei scheint zwar zu groß dafür, aber es kommt heraus.«

Belinda rückte dichter an sie heran und sagte leise: »Ich habe einmal Daisy kalben gesehen. Das ist die Jersey-Kuh auf unserem Gut. Die Männer wußten nicht, daß ich zusah. Sie nennen es einfach ›kalben‹.«

Charlotte war fasziniert. »Was geschah?«

»Es war scheußlich. Es sah aus, als ob ihr Bauch sich öffnete, und es gab eine Menge Blut und solche Sachen.« Sie erschauderte.

»Das macht mir Angst«, sagte Charlotte. »Ich fürchte, es wird mir passieren, bevor ich alles darüber weiß. Warum erklärt man es uns nicht?«

»Wir sollten über solche Dinge nicht reden.«

»Wir haben das verdammte Recht, darüber zu reden!«

Belinda blickte sie entsetzt an. »Das Fluchen macht es noch schlimmer!«

»Das ist mir egal.« Charlotte war wütend, daß es keine Möglichkeit gab, mehr darüber zu erfahren. Niemanden, den man fragen konnte, kein Buch, das Aufschluß gab … Plötzlich hatte sie eine Idee. »In der Bibliothek ist ein verschlossener Schrank – ich wette, daß wir dort Bücher über dieses Thema finden.«

»Aber wenn er verschlossen ist …?«

»Ich weiß, wo der Schlüssel ist. Ich weiß es seit Jahren.«

»Wir bekommen aber eine Strafe, wenn man uns erwischt.«

»Jetzt ziehen sich alle zum Abendessen um. Das ist unsere Chance.« Charlotte stand auf.

Belinda zögerte. »Es wird Ärger geben.«

»Ist mir egal. Ich werde mir den Schrank jedenfalls näher ansehen, und du kannst mitkommen, wenn du willst.« Charlotte drehte sich um und ging auf das Haus zu. Einen Augenblick später rannte Belinda ihr nach, genau wie Charlotte vorausgesehen hatte.

Sie gingen durch den Säulenhof und betraten die kühle große Halle. Von dort ging es nach links am Morgenzimmer und dem achteckigen Zimmer vorbei, und dann kamen sie in die Bibliothek. Charlotte redete sich ein, sie sei jetzt eine Frau und habe das Recht, »es« zu wissen, aber gleichzeitig fühlte sie sich auch ein wenig wie ein ungezogenes kleines Mädchen.

Die Bibliothek war ihr Lieblingszimmer. Sie befand sich an der Ecke des Hauses und erhielt durch drei große Fenster stets genügend Licht. Die ledernen Polstersessel waren alt, aber überraschend bequem. Im Winter brannte den ganzen Tag über das Kaminfeuer, es gab Spiele, Puzzles und zwei- oder dreitausend Bücher. Einige Bände stammten noch aus der Zeit vor der Errichtung des Hauses, aber viele waren neu, denn Mama las Romane, und Papa war vielseitig interessiert: an Chemie, Landwirtschaft, Reisen, Astronomie und Geschichte. Charlotte liebte es besonders, an Maryas freiem Tag hierherzukommen, denn dann konnte die Gouvernante ihr nicht einen spannenden Roman wegnehmen und durch ein Kinderbuch ersetzen. Manchmal begleitete Papa sie in die Bibliothek. Er saß dann an dem hohen viktorianischen Schreibtisch und las einen Katalog für landwirtschaftliche Maschinen oder den Bilanzbericht einer amerikanischen Eisenbahngesellschaft und mischte sich nie in die Wahl ihrer Lektüre ein.

Jetzt war sie allein hier. Charlotte ging geradewegs auf den Schreibtisch zu, öffnete eine kleine Schublade und nahm einen Schlüssel heraus.

An der Wand neben dem Schreibtisch standen drei Schränke. Einer enthielt Spiele in Schachteln, der zweite Briefpapier und Umschläge mit dem Wappen der Waldens. Der dritte war verschlossen. Charlotte öffnete ihn mit dem Schlüssel.

Sie fand zwanzig bis dreißig Bücher und einen Stapel alter Zeitschriften. Charlotte blätterte eine der Zeitschriften durch. Sie hieß The Pearl. Nicht sehr vielversprechend. Hastig nahm sie zwei Bücher heraus, ohne sich die Titel anzusehen. Dann verschloß sie den Schrank wieder und legte den Schlüssel in die Schublade zurück.

»Da!« sagte sie triumphierend.

»Wo können wir sie uns anschauen?« fragte Belinda flüsternd. »Erinnerst du dich an das Versteck?«

»Ach ja, natürlich!«

»Warum flüstern wir eigentlich?«

Sie kicherten.

Charlotte ging an die Tür. Plötzlich hörte sie eine Stimme in der Halle: »Lady Charlotte … Lady Charlotte …«

»Es ist Annie, sie sucht uns«, sagte Charlotte. »Sie ist nett, aber furchtbar dumm. Komm, wir gehen an der anderen Seite hinaus.« Sie durchquerte die Bibliothek und öffnete die Tür, die ins Billardzimmer führte, von dem aus man wiederum ins Waffenzimmer gelangte. Aber es war jemand im Waffenzimmer. Sie lauschte einen Augenblick.

»Es ist Papa«, flüsterte Belinda ängstlich. »Er war auf der Kaninchenjagd.«

Zum Glück führte eine Fenstertür vom Billardzimmer auf die westliche Terrasse. Charlotte und Belinda schlichen sich hinaus und schlossen die Tür lautlos hinter sich. Die Sonne war tief und rot und warf lange Schatten über die Rasenflächen.

»Und wie kommen wir wieder hinein?« fragte Belinda.

»Über die Dächer. Folge mir!«

Charlotte rannte hinten um das Haus herum, durch den Küchengarten auf die Stallungen zu. Sie stopfte die beiden Bücher unter ihr Kleid und schnürte den Gürtel enger, damit sie nicht herausfielen. Aus einem Winkel des Hofes, der von den Stallungen umgeben war, konnte man leicht auf das Dach über dem Dienstbotenquartier gelangen. Zuerst stellte Charlotte sich auf den Deckel eines Eisenbehälters, der zum Aufbewahren von Holzscheiten diente. Dann kletterte sie auf das Wellblechdach eines Werkzeugschuppens, eines Vorbaus der Waschküche, und von dort stieg sie auf deren Schieferdach. Sie blickte sich um: Belinda folgte ihr.

Jetzt kroch Charlotte bäuchlings über die Schieferplatten, hielt sich mit den Händen und den seitwärts gespreizten Füßen fest, bis sie an eine Wand kam. Vorsichtig kletterte sie auf das Hausdach und balancierte über den First.

Über ihnen erhob sich das Fenster einer Dachkammer, in der zwei Dienstmädchen untergebracht waren. Es reichte bis zum Giebel, wo das Dach nach beiden Seiten abfiel. Charlotte reckte sich und warf einen Blick in das Zimmer. Niemand war da. Sie wuchtete sich bis zum Sims hoch.

Dann beugte sie sich nach links, griff mit dem Arm über den Dachfirst, ließ das Bein folgen, zog sich hinauf und half schließlich Belinda.

Sie blieben eine Weile liegen und schöpften Atem. Charlotte erinnerte sich, daß man ihr einmal erzählt hatte, Walden Hall habe eine Dachoberfläche von sechzehntausend Quadratmetern. Schwer zu glauben bei diesem Wirrwarr von Türmchen und Firsten. Von ihrem Standort aus war es möglich, jeden Teil des Daches über schmale Fußpfade, Leitern und Tunnels zu erreichen, die auch die Arbeiter benutzten, wenn sie im Frühjahr kamen, um die Regenrinnen zu säubern, die Rohre frisch anzustreichen und die zerbrochenen Ziegel zu ersetzen.

Charlotte stand auf. »Komm, der Rest ist ganz einfach«, sagte sie. Es gab eine Leiter zum nächsten Dach, dann einen Plankenpfad und schließlich eine kurze Holztreppe, die zu einer kleinen viereckigen Tür in der Mauer führte. Charlotte entriegelte die Tür und kroch hinein. Jetzt war sie in ihrem Versteck.

Es war ein niedriger, fensterloser Raum mit schräger Decke und einem groben Holzfußboden. Sie nahm an, daß man das Zimmer früher einmal als Lagerraum genutzt habe, aber jetzt schien es völlig vergessen. Eine Tür führte in einen Verschlag neben dem Kinderzimmer, das seit vielen Jahren nicht mehr benutzt worden war. Charlotte hatte dieses Versteck entdeckt, als sie acht oder neun Jahre alt war, und es gelegentlich zu ihrem Lieblingsspiel benutzt – dem Sichverstecken vor Überwachung. Es sah fast gemütlich aus: Kissen auf dem Fußboden, Kerzen in Krügen und eine Schachtel Streichhölzer. Auf einem der Kissen lag ein ramponierter, schlaffer Stoffhund, den Charlotte hier seit acht Jahren verborgen hielt, nachdem die Gouvernante einmal damit gedroht hatte, ihn wegzuwerfen. Ein kleines, wackliges Tischchen, eine angeschlagene Vase voller bunter Bleistifte und eine Schreibmappe aus rotem Leder zählten ebenfalls zu den Schätzen. In Walden Hall wurde alle paar Jahre Inventar aufgenommen, und Charlotte konnte sich noch gut an das Erstaunen der Haushälterin Mrs. Braithwaite erinnern, als sie das merkwürdige Verschwinden so mancher Dinge festgestellt hatte.

Belinda kroch nun auch hinein, und Charlotte zündete die Kerzen an. Sie nahm die beiden Bücher aus ihrem Kleid und schaute sich die Titel an. Das eine hieß »Medizin für das Heim« und das andere »Die Romanze der Wollust«. Das medizinische Buch wirkte recht vielversprechend. Sie setzte sich auf ein Kissen und schlug es auf. Belinda hockte sich neben sie und blickte schuldbewußt drein. Charlotte hatte das Gefühl, das Geheimnis des Lebens zu entdecken.

Sie blätterte das Buch durch. Es war sehr anschaulich und klar, soweit es Rheumatismus, Knochenbrüche und Masern betraf, aber das Kapitel über die Niederkunft fiel äußerst vage und fast unverständlich aus. Es erläuterte einige geheimnisvolle Dinge wie Krämpfe, das Platzen der Fruchtwasserblase, eine Schnur, die man an zwei Stellen binden und dann mit vorher in kochendes Wasser getauchten Scheren durchschneiden müsse. Offensichtlich war dieses Kapitel für Leute geschrieben, die bereits einiges über dieses Thema wußten. Es gab auch die Zeichnung einer nackten Frau. Charlotte bemerkte sie, war aber zu verlegen, um Belinda aufmerksam zu machen, daß die Frau kein Haar auf einer gewissen Stelle hatte, an der Charlotte ein ganzes Büschel besaß. Dann fand sich ein Querschnitt, der das Baby im Bauch einer Frau zeigte, aber keinerlei Hinweis über die Öffnung enthielt, aus der es herauskommen sollte. Belinda sagte: »Wahrscheinlich müssen die Ärzte einen aufschneiden.«

»Und was hat man in den alten Zeiten getan, als es noch keine Ärzte gab?« fragte Charlotte. »Jedenfalls taugt dieses Buch nichts.« Sie schlug das andere an einer beliebigen Stelle auf und las laut den ersten Satz vor. »Sie senkte ihren Körper mit lasziver Langsamkeit auf mich herab, bis mein steifes Glied sie völlig durchdrang, und begann daraufhin mit ihren ach so köstlichen Auf- und Abwärtsbewegungen.« Charlotte runzelte die Stirn und blickte Belinda an.

»Ich frage mich, was das bedeuten soll«, sagte Belinda.

*

Felix Kschessinsky saß reglos in einem Eisenbahnwagen und wartete, daß der Zug den Bahnhof von Dover verließ. Es war kalt im Abteil, und draußen war es noch dunkel, so daß er im Fenster sein Spiegelbild sah: einen hochgewachsenen Mann mit gepflegtem Schnurrbart, schwarzem Mantel und steifem Hut. Ein kleiner Koffer lag im Gepäcknetz über ihm. Er glich einem Reisevertreter für Schweizer Uhren, aber wenn man ihn genauer betrachtete, bemerkte man, daß sein Mantel aus billigem Stoff, der Koffer aus Pappe und das Gesicht nicht das eines Mannes war, der Uhren verkauft.

Felix Kschessinsky dachte an England. Er konnte sich an seine Jugendzeit erinnern, in der er Englands konstitutionelle Monarchie für die ideale Regierungsform gehalten hatte. Die Vorstellung amüsierte ihn, und über das flache, weiße Gesicht, das sich im Fenster spiegelte, huschte die Andeutung eines Lächelns. Schon lange hatte er seine Meinung über die ideale Regierungsform geändert.

Der Zug fuhr ab, und wenige Minuten später sah Felix die Sonne über den Obstgärten und Hopfenfeldern von Kent aufgehen. Es erstaunte ihn immer wieder, wie schön Europa war. Als er es zum erstenmal gesehen hatte, war es ein Schock für ihn gewesen, denn wie jeder andere russische Bauer hatte er sich nicht vorstellen können, daß es eine solche Welt gab. Auch damals hatte er in einem Eisenbahnabteil gesessen. Nach einer langen Fahrt durch die dünn bevölkerten nordwestlichen Provinzen Rußlands mit ihren verkümmerten Bäumen, den elenden, im Schnee begrabenen Dörfern und den sich windenden Sandstraßen war er eines Morgens in Deutschland aufgewacht. Die sauberen grünen Felder, die gepflasterten Straßen, die schmucken Häuser in den Dörfern und die Blumenbeete auf den Bahnsteigen – das alles war ihm wie ein Paradies erschienen. Später, in der Schweiz, hatte er auf der Veranda eines kleinen Hotels gesessen, warm in der Sonne und doch in Blickweite der schneebedeckten Berge, hatte Kaffee getrunken, ein frisches, knuspriges Brötchen gegessen und sich gedacht: Hier müssen die Menschen wirklich glücklich sein.

Jetzt, zur frühen Morgenstunde, als er die zum Leben erwachenden englischen Farmhäuser betrachtete, erinnerte er sich an das Morgengrauen in seinem Heimatdorf: Bleigrauer Himmel voller Wolken, bitterkalter Wind, ein gefrorenes sumpfiges Feld mit Eispfützen und reifüberzogenen Grasbüscheln. Er sah sich in seinem abgetragenen Kittel aus Zeltleinwand, die Füße in Filzschuhen mit Holzsohlen, und seinen Vater, der die armselige Robe eines Landpopen trug und ihm immer wieder erklärte, Gott sei gut. Sein Vater hatte das russische Volk geliebt, weil Gott es liebte. Aber für Felix war es immer klar gewesen, daß Gott dieses Volk hassen mußte, da er es einem so grausamen Schicksal überließ.

Diese Diskussionen waren der Beginn einer langen Reise gewesen, einer Odyssee, die Felix vom Christentum über den Sozialismus bis zum anarchistischen Terror geführt hatte, von der Provinz Tambow über St. Petersburg und Sibirien bis nach Genf. Und in Genf hatte er den Entschluß gefaßt, der ihn jetzt nach England brachte. Er erinnerte sich an die Sitzung. Fast hätte er sie verfehlt.

*

Fast hätte er die Sitzung verfehlt. Er war in Krakau gewesen, um mit den polnischen Juden zu verhandeln, die die Zeitschrift Meuterei über die Grenze nach Rußland schmuggelten. Erst am späten Abend war er nach Genf zurückgekehrt und hatte sich dort direkt in Ulrichs kleine Hinterhofdruckerei begeben. Das Redaktionskomitee hielt gerade eine Sitzung ab. Vier Männer und zwei junge Frauen hatten sich im Hinterzimmer um eine Kerze versammelt und planten die russische Revolution. Das Zimmer roch stark nach Druckerschwärze und Maschinenöl.

Ulrich weihte ihn kurz in den bisherigen Verlauf der Diskussion ein. Er hatte sich mit Josef getroffen, einem Spitzel der Ochrana, der russischen Geheimpolizei. Josef sympathisierte insgeheim mit den Revolutionären und lieferte der Ochrana für ihr Geld falsche Informationen. Manchmal gaben ihm die Anarchisten ein paar zutreffende, aber harmlose Hinweise, und dafür warnte Josef sie, wenn die Ochrana etwas gegen sie plante.

Dieses Mal war Josef mit einer sensationellen Meldung gekommen. »Der Zar wünscht ein Militärbündnis mit England«, erzählte Ulrich Felix aufgeregt. »Er schickt den Fürsten Orlow nach London zu Verhandlungen. Die Ochrana weiß darüber Bescheid, denn sie muß ja den Fürsten auf seiner Europareise bewachen.«

Felix nahm seinen Hut ab und setzte sich. Er fragte sich, ob das wirklich stimmte. Eine der jungen Frauen, eine traurig dreinblickende, unscheinbare Russin, brachte ihm Tee in einem Glas. Felix zog einen halbzerkauten Zuckerwürfel aus der Tasche, schob ihn sich zwischen die Zähne und schlürfte den Tee auf Bauernart durch den Zucker.

»Es geht England vor allem darum«, fuhr Ulrich fort, »einen Krieg gegen Deutschland zu führen und die Russen für sich kämpfen zu lassen.«

Felix nickte.

Die junge Frau sagte: »Und in diesem Krieg werden nicht die Fürsten und Grafen umkommen … sondern die Männer aus dem Volk.«

Sie hat recht, überlegte Felix. Die Bauern würden in diesem Krieg kämpfen müssen. Er hatte den größten Teil seines Lebens unter diesen Menschen verbracht. Sie waren hart, grob und starrköpfig, aber ihre närrische Großzügigkeit und ihre gelegentlichen spontanen Ausbrüche unbändiger Fröhlichkeit gaben einen Hinweis auf das, was sie in einer anständigen Gesellschaftsform einmal bedeuten könnten. Ihre Hauptsorgen waren das Wetter, die Tiere, Krankheit, Geburten und das Überlisten der Gutsbesitzer. Während weniger Jahre ihres Lebens, etwa im Alter von siebzehn bis zwanzig, waren sie kräftig und aufrecht, konnten lächeln, schnell rennen und flirten, aber bald darauf wurden sie gebeugt, grau, langsam und mürrisch. Jetzt also würde Fürst Orlow diese Leute in der Blüte ihrer Jugend aufgreifen und vor den Geschützen aufmarschieren lassen. Man würde sie in Stücke schießen oder zu Krüppeln werden lassen, und das alles aus Gründen der internationalen Diplomatie.

Erfahrungen wie diese hatten Felix zu einem Anarchisten gemacht. »Was müssen wir tun?« fragte Ulrich.

»Wir müssen die Nachricht in flammenden Lettern auf der Titelseite der Meuterei bringen!« sagte die unscheinbare junge Frau.

Man begann, über den Text des Artikels zu diskutieren. Felix hörte schweigend zu. Redaktionelle Probleme interessierten ihn wenig. Er verteilte die Zeitschrift, schrieb hie und da Artikel, wie man Bomben herstellt und war zutiefst unzufrieden mit sich selbst. Er war in Genf viel zu zivilisiert geworden. Er trank Bier statt Wodka, trug Kragen und Krawatte, besuchte symphonische Konzerte. Er hatte eine Stellung in einer Buchhandlung angenommen. Und währenddessen befand sich Rußland in Aufruhr. Die Arbeiter auf den Ölfeldern kämpften gegen die Kosaken, das Parlament war machtlos, eine Million Arbeiter standen im Streik. Zar Nikolaus II. war der unfähigste Herrscher, den eine degenerierte Aristokratie hervorbringen konnte. Das Land glich einem Pulverfaß, das nur auf einen Funken wartete, und Felix wollte dieser Funke sein. Aber es wäre Wahnsinn, jetzt zurückzugehen. Josef Stalin war zurückgekehrt, aber kaum hatte er einen Fuß auf russischen Boden gesetzt, da hatte man ihn nach Sibirien geschickt. Die Geheimpolizei kannte die Exilrevolutionäre besser als die, die zu Hause geblieben waren. Felix fühlte sich eingeengt in seinem steifen Kragen, seinen Lederschuhen und den Umständen, in denen er lebte.

Er blickte sich in der kleinen Gruppe der Anarchisten um. Ulrich, der Drucker, mit weißem Haar und tintenbefleckter Schürze, ein Intellektueller, der ihm Bücher von Proudhon und Kropotkin lieh, aber auch ein Mann der Tat, der ihm einst bei einem Banküberfall geholfen hatte; Olga, die unscheinbare junge Frau, die sich einmal in Felix verliebt zu haben schien, bis sie eines Tages miterlebte, wie er einem Polizisten den Arm brach; Vera, die Dichterin, die mit jedem schlief; Jewno, der Student der Philosophie, der ständig über die Reinigung durch Blut und Feuer phantasierte; Hans, der Uhrmacher, der in die Seelen der Menschen sah, als hätte er sie unter seiner Lupe; und Pjotr, der enteignete Graf, Verfasser brillanter wirtschaftlicher Pamphlete und motivierender revolutionärer Leitartikel. Alles ehrliche, fleißige und kluge Menschen. Felix war sich ihrer Bedeutung bewußt, denn er hatte unter den verzweifelten Menschen in Rußland gelebt, die mit Ungeduld auf die eingeschmuggelten Zeitschriften und Broschüren warteten, sie von Hand zu Hand weiterreichten, bis sie zu Fetzen zerfielen. Und doch war es nicht genug, denn wirtschaftliche Traktate boten keinen Schutz gegen die Kugeln der Polizei, und auch mit den flammendsten Artikeln konnte man keine Paläste in Brand setzen.

Ulrich sagte: »Diese Nachricht verdient weitere Verbreitung, als sie in der Meuterei bekommen kann. Ich will, daß jeder Bauer in Rußland erfährt, daß Orlow ihn in einen überflüssigen, blutigen Krieg führen will.«

Olga wandte ein: »Das erste Problem ist, ob man uns glauben wird.«

Felix meinte: »Das erste Problem ist, ob die Information überhaupt stimmt.«

»Das können wir nachprüfen«, erklärte Ulrich. »Die Kameraden in London können herausfinden, ob Orlow zu der angegebenen Zeit dort ankommt und ob er sich mit den besagten Leuten trifft.«

»Es genügt nicht, die Nachricht zu verbreiten«, fiel Jewno erregt ein. »Wir müssen rigoroser vorgehen!«

»Und wie?« fragte Ulrich, während er den jungen Jewno über seine Drahtbrille hinweg anschaute.

»Wir sollten zum Mord an Orlow aufrufen – er ist ein Verräter, ein Volksverräter, und er muß hingerichtet werden.«

»Würde das die Verhandlungen stoppen?«

»Sehr wahrscheinlich«, antwortete Graf Pjotr. »Vor allem, wenn der Mörder ein Anarchist ist. Erinnert euch: England gewährt den Anarchisten politisches Asyl, und das erbost den Zaren. Wenn nun einer seiner Fürsten in England von einem unserer Kameraden ermordet wird, könnte der Zar so wütend werden, daß er die ganze Verhandlung abbricht.«

Jewno pflichtete ihm bei: »Das wäre eine Sensation! Wir könnten behaupten, Orlow sei wegen Verrats am russischen Volk von einem unserer Leute ermordet worden.«

»Den Bericht würde jede Zeitung der Welt bringen«, rief Ulrich aus. »Bedenkt die Wirkung, die es zu Hause haben würde. Ihr wißt, was die russischen Bauern von der Einberufung halten – für sie ist das ein Todesurteil. Sie halten eine Begräbniszeremonie ab, wenn ein Junge in die Armee eingezogen wird. Wenn sie erfahren, daß der Zar sie in einem großen europäischen Krieg als Kanonenfutter einsetzen will, werden sich die Flüsse von Blut rot färben …«

Er hat recht, sagte sich Felix. Jewno redet zwar immer so, aber dieses Mal hat er recht.

»Ich glaube, du hängst einem Wunschtraum nach, Jewno«, sagte Ulrich, »Orlow ist auf geheimer Mission – und er wird nicht in einem offenen Wagen durch London fahren und der Menge zuwinken. Außerdem kenne ich unsere Londoner Kameraden – sie haben noch nie jemanden ermordet. Ich wüßte nicht, wie sich das verwirklichen ließe.«

»Aber ich«, sagte Felix. Alle blickten ihn an. Die Schatten auf ihren Gesichtern bewegten sich im flackernden Kerzenlicht. »Ich weiß, wie wir es verwirklichen können.« Er erkannte seine eigene Stimme nicht, es war ihm, als habe sich seine Kehle zugeschnürt. »Ich werde nach London gehen. Ich werde Orlow töten.«

Plötzlich war es still im Zimmer, als ob sich das Gerede von Tod und Zerstörung mit einem Male konkretisiert hätte. Sie starrten ihn überrascht an, alle, außer Ulrich, der still vor sich hin lächelte, als habe er die ganze Zeit vorausgesehen, daß es so ausgehen würde.

2

LONDON WAR UNGLAUBLICH reich. Felix hatte extravaganten Reichtum in Rußland und viel Wohlstand auf dem westeuropäischen Kontinent gesehen, aber nichts dergleichen. Hier lief niemand in Lumpen herum. Ja, sogar bei diesem warmen Wetter trug jeder mehrere Schichten dicker Kleidung. Felix sah Fuhrleute, Straßenverkäufer, Straßenfeger, Arbeiter, Lieferjungen – und alle trugen feine, fast fabrikneue Mäntel ohne Löcher oder Flicken. Alle Kinder besaßen Stiefel, jede Frau hatte einen Hut, und was für einen! Meist waren es riesige Modelle, so breit wie die Räder eines Hundewagens und geschmückt mit Bändern und Schleifen, Federn, Blumen und Früchten. Auf den Straßen wimmelte es von Menschen. In den ersten fünf Minuten sah er mehr Autos, als er in seinem ganzen bisherigen Leben gesehen hatte. Es schien ebenso viele Autos wie Pferdewagen zu geben. Ob auf Rädern oder zu Fuß, alles war in Eile.

Auf dem Piccadilly Circus standen alle Fuhrwerke still, und der Grund war der gleiche wie in jeder anderen Stadt: Ein Pferd war gestürzt, der Wagen umgekippt. Zahlreiche Männer bemühten sich, das Tier und den Wagen wieder aufzurichten, während Blumenmädchen und geschminkte Damen ihnen vom Gehsteig aus Ermutigungen und Spaßworte zuriefen.

Weiter im Osten der Stadt verschwand dieser Eindruck großen Wohlstands allmählich. Er kam an einer Kathedrale mit Kuppeldach vorbei, die nach dem Stadtplan, den er sich auf der Victoria Station gekauft hatte, St. Paul hieß. Danach gelangte er in ärmere Viertel. Plötzlich sah er anstelle der prunkvollen Banken und Bürogebäude niedrige kleine Reihenhäuser, die zum Teil recht baufällig waren. Hier gab es weniger Autos und mehr Pferde, und die Pferde waren magerer. Die meisten Läden bestanden aus Straßenständen. Lieferjungen brauchte man hier nicht. Und jetzt fielen ihm auch die vielen barfüßigen Kinder auf – ohne allerdings sein Mitleid zu erregen, denn er fand, daß sie in diesem Klima keine Schuhe brauchten.

Schlimmer wurde es, als er weiter in das East End vordrang: verwahrloste Mietskasernen, dunkle Hinterhöfe, stinkende Hauseingange, in denen verlumpte menschliche Wracks in Abfallkübeln herumstöberten und nach Nahrung suchten. Dann kam Felix in die Whitechapel High Street und sah die ihm wohlbekannten orthodoxen Juden mit ihren langen Bärten, Schläfenlocken und schwarzen Kaftanen, und kleine Läden, in denen geräucherter Fisch und koscheres Fleisch verkauft wurde. Es war wie im russischen Ghetto, nur sahen die Juden hier nicht verängstigt aus.

Er bahnte sich einen Weg zur Jubilee Street Nr. 165, der Adresse, die Ulrich ihm gegeben hatte. Es war ein zweistöckiges Gebäude, das wie eine lutherische Kapelle aussah. Einem Schild an der Fassade entnahm er, daß der Workers Friend Club and Institute für die arbeitenden Menschen aller politischen Meinungen bestimmt sei, aber eine weitere Notiz verriet den eigentlichen Charakter des Hauses, denn sie besagte, daß der Club im Jahre 1906 von Peter Kropotkin gegründet worden sei. Felix fragte sich, ob er hier in London dem legendären Kropotkin begegnen werde.

Er trat ein. Im Vestibül lag ein Stapel Zeitungen: Der Arbeiterfreund, auf jiddisch: Der Arbeterfraint. Bekanntmachungen an den Wänden wiesen auf Englischkurse, eine Sonntagsschule, einen Ausflug nach Epping Forest und einen Vortrag über Hamlet hin. Felix ging in die Halle. Die Architektur bestätigte seinen ersten Eindruck. Dieser Raum mußte einmal das Schiff einer nonkonformistischen Kirche gewesen sein. Jetzt hatte man ihm allerdings eine Bühne am einen Ende und eine Bar am anderen hinzugefügt. Auf der Bühne befanden sich ein paar Männer und Frauen, die anscheinend damit beschäftigt waren, ein Stück zu proben. Vielleicht sind das die Aktivitäten der Anarchisten in England, dachte er. Das würde auch erklären, warum sie ihre Clubs haben durften. Er begab sich an die Bar. Keine Spur eines alkoholischen Getränks, aber auf der Theke sah er Gefillte Fisch, eingelegte Heringe und – o Freude – einen Samowar.

Das Mädchen hinter der Theke blickte ihn an und sagte: »Nun?«

Felix lächelte.

*

Eine Woche später, an dem Tag, an dem Fürst Orlow in London eintreffen sollte, nahm Felix seinen Lunch in einem französischen Restaurant in Soho ein. Er kam frühzeitig an und nahm sich einen Tisch in der Nähe der Tür. Er bestellte Zwiebelsuppe, ein Filetsteak, Ziegenkäse und dazu eine halbe Flasche Rotwein. Er sprach Französisch. Die Kellner waren sehr höflich. Als er mit dem Essen fertig war, herrschte Vollbetrieb, denn es war die Stoßzeit für das Mittagessen. Er wartete, bis drei der Kellner in der Küche waren und die anderen beiden ihm den Rücken zuwandten, dann stand er ruhig auf, ging zur Tür, nahm Hut und Mantel und verschwand, ohne bezahlt zu haben.

Er lächelte, als er die Straße hinunterging. Solche Tricks machten ihm Spaß.

Er hatte rasch gelernt, fast ohne Geld in dieser Stadt zu leben. Zum Frühstück kaufte er sich süßen Tee und eine Scheibe Brot für zwei Pence bei einem Straßenhändler, aber das war die einzige Nahrung, für die er bezahlte. Das Mittagessen stahl er sich an Obst- und Gemüseständen zusammen. Abends ging er in eine Wohltätigkeitsküche, wo er einen Teller Suppe und unbeschränkte Mengen Brot bekam, wofür er sich lediglich eine unverständliche Predigt anhören und dann einen Choral mitsingen mußte. Er hatte fünf Pfund in bar, aber die waren nur für den Notfall.

Er wohnte in den Dunstan Houses in Stepney Green, einer fünfstöckigen Mietskaserne, in der etwa die Hälfte der führenden Anarchisten Londons lebte. Er hatte eine Matratze auf dem Fußboden der Wohnung eines gewissen Rudolf Rocker, eines charismatischen blonden Deutschen, der die Zeitung Der Arbeterfraint herausgab. Auf Felix wirkte Rockers Charisma nicht, aber er schätzte den jungen Mann wegen seines totalen Engagements. Rocker und seine Frau Milly hatten ein offenes Haus für Anarchisten. Den ganzen Tag, oft auch die halbe Nacht hindurch, trafen Besucher und Kuriere ein, fanden Debatten und Komiteesitzungen statt, wurden endlos Zigaretten geraucht und Tee getrunken. Felix zahlte keine Miete, steuerte aber jeden Tag etwas zum Haushalt bei – ein Pfund Wurst, ein Paket Tee, ein paar Orangen –, das war sein Beitrag zur Gemeinschaft. Sie glaubten, er kaufe diese Dinge, aber natürlich hatte er sie gestohlen.

Den anderen Anarchisten erzählte er, er sei hier, um die Bibliothek des Britischen Museums zu besuchen und sein Buch über die natürliche Anarchie der primitiven Gesellschaften zu beenden. Sie glaubten ihm. Sie waren freundlich, emsig und harmlos. Sie glaubten fest an eine Revolution durch Erziehung und Gewerkschaftsgeist, durch Flugschriften, Vorträge und Ausflüge nach Epping Forest. Felix wußte, daß die meisten Anarchisten außerhalb Rußlands so waren. Er haßte sie nicht gerade, aber insgeheim verachtete er sie, denn eigentlich waren sie nur Feiglinge.

Allerdings gab es auch in solchen Gruppen einige zu Gewalttaten aufgelegte Männer. An die würde er sich halten, wenn er sie brauchte.

Inzwischen machte er sich Gedanken, ob Orlow überhaupt kommen würde und wie er es anstellen sollte, ihn umzubringen. Er wußte, daß derartiges Grübeln nutzlos war, und versuchte, sich abzulenken, indem er Englisch lernte. In der kosmopolitischen Schweiz hatte er bereits ein wenig gelernt. Während der langen Reise durch Europa hatte er ein Schulbuch der englischen Sprache für russische Kinder ausgiebig durchstudiert und eine englische Übersetzung seines Lieblingsromans »Die Hauptmannstochter« von Puschkin gelesen, den er im Urtext fast Wort für Wort kannte. Jetzt las er jeden Morgen die Times im Lesezimmer des Clubs in der Jubilee Street, und am Nachmittag wanderte er durch die Straßen, unterhielt sich mit Betrunkenen, Landstreichern und Huren – den Leuten, die er am liebsten mochte, weil sie sich über alle Gesellschaftsregeln hinwegsetzten. Bald vermischten sich die gedruckten Worte in den Büchern mit den Klängen um ihn herum, und er konnte bereits alles sagen, was er brauchte. Nicht mehr lange, und er würde sich auf englisch über Politik unterhalten können.

Nachdem er das Restaurant verlassen hatte, ging er in nördlicher Richtung, überquerte die Oxford Street und kam in das deutsche Viertel westlich der Tottenham Court Road. Unter den Deutschen gab es eine Menge Revolutionäre, aber sie waren meist Kommunisten und keine Anarchisten. Felix bewunderte die Disziplin der Kommunisten, fand jedoch ihr autoritäres Verhalten reichlich verdächtig; er selbst hielt sich wegen seines Temperaments für die Parteiarbeit für ungeeignet.

Er ging durch den Regent’s Park und gelangte in ein kleinbürgerliches Vorstadtviertel. Dort wanderte er durch die mit Bäumen bepflanzten Straßen, blickte in die kleinen Gärten der sauberen Villen, suchte nach einem Fahrrad, das er stehlen konnte. Er hatte in der Schweiz Radfahren gelernt und dabei entdeckt, daß ein Fahrrad das ideale Gefährt war, um jemanden zu beschatten. Es war leicht manövrierbar und unauffällig, und im Straßenverkehr war es rasch genug, um mit einem Auto und einem Pferdewagen Schritt zu halten. Aber leider schienen die Kleinbürger dieses Teils von London ihre Fahrräder unter Verschluß zu halten. Er sah einen Radfahrer und war versucht, ihn vom Sattel zu stoßen, aber gerade in diesem Augenblick näherten sich drei Fußgänger und ein Lieferwagen, und Felix wollte keinen Tumult auslösen. Wenig später sah er einen Jungen, der mit seinem Fahrrad Eßwaren auslieferte, aber es war zu auffällig, hatte vorn einen großen Korb und ein Metallschild mit dem Namen des Krämers. Felix überlegte sich bereits eine andere Strategie, als er endlich sah, was er brauchte.

Ein Mann von etwa dreißig Jahren kam aus einem Garten und schob ein Fahrrad neben sich her.

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