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Der Liebespaar-Mörder

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Vorwort
  7. Prolog
  8. I. Februar 1953 - November 1956
  9. 1
  10. 2
  11. 3
  12. 4
  13. 5
  14. 6
  15. 7
  16. 8
  17. 9
  18. 10
  19. 11
  20. 12
  21. 13
  22. 14
  23. 15
  24. 16
  25. 17
  26. 18
  27. 19
  28. 20
  29. 21
  30. 22
  31. 23
  32. 24
  33. 25
  1. II. Februar - April 1958
  2. 26
  1. III. November - Dezember 1959
  2. 27
  3. 28
  4. 29
  5. 30
  6. 31
  7. 32
  8. 33
  9. 34
  10. 35
  11. 36
  12. 37
  13. 38
  14. 39
  15. 40
  16. 41
  17. 42
  18. 43
  1. IV. Oktober 2003
  2. 44
  1. Epilog
  2. Literatur
  3. Danksagung

Über den Autor

Stephan Harbort, geb. 1964, ist Kriminalhauptkommissar in Düsseldorf und ein anerkannter Serienmordexperte. Zudem arbeitet er unter anderem als Berater von Krimi-Serien und zahlreichen TV-Dokumentationen wie »Profiling« (BBC) und »Medical Detectives« (VOX).

 

Für Margit und Wolfgang Harbort,
meine liebenswerten Eltern.
Ihr habt mir ein Zuhause gegeben,
um das mich die Welt beneidet.

Vorwort

Serienmörder sind einerseits primitive »Sexmons­ter«, die Kinder, Jugendliche und Frauen wahllos attackieren, massakrieren, ihre Gräueltaten ritualisieren. Und die Polizei bekommt sie andererseits nicht zu fassen, weil es kühl kalkulierende und agierende Intelligenzbestien sind. Dieses Zerrbild wurde generiert und wird unterhalten von Urängsten und Unkenntnis. Wenn wenig oder nichts erklärt werden kann, entsteht eine Legende: Mythos Serienkiller. Ein schlichtes Sammelsurium von irra­tionalen und falschen Vorstellungen.

Tatsächlich haben Serientäter viele Gesichter. Sie sind polizeibekannte Kriminelle, vielfach aber auch unbescholtene Bürger: Klempner, Maurer, Schlosser, Hausfrauen, Taxifahrer, Polizeibeamte, Soldaten, Ärzte – Menschen wie du und ich. Jedermänner. Durchschnittstypen.

Und alle leben mitten unter uns, haben häufig Familien, Kinder, Freunde. Doch gelingt es den Tätern immer wieder, sich schlangengleich durch das allzu löchrige Netz der sozialen Selbstkontrolle zu winden. Obwohl sich die Täter in vielen Fällen im Kreise ihrer Lieben durch eigenes Tun verraten oder durch unübersehbare Indizien entlarvt werden, passiert nichts. Das soziale Umfeld der passionierten Menschenjäger bleibt stumm, nichts dringt nach außen. Kein Sterbenswörtchen. »Was nicht sein darf, das nicht sein kann.« Dieses beharrliche Verweigern und Verleugnen hat unzählige Menschenleben gekostet – eine stumme Anklage, eine unsägliche Tragödie.

Doch auch den Kriminalisten sind häufig die Hände gebunden. Sie wollen den Täter fassen, bekommen ihn aber nicht zu packen. Im statistischen Mittel gelingt der Fahndungserfolg erst nach dreieinhalb Jahren. Fünf Opfer sind pro Mordserie in dieser Zeit zu beklagen. Nicht in den USA, Russland oder Südafrika – hier in Deutschland. Wo liegen die Ursachen für dieses nicht zu leugnende Dilemma?

Gerade in diesem Deliktsbereich existieren charakteristische Aufdeckungsbarrieren, die es zu überwinden gilt. Zunächst: Der Tötung eines Menschen geht im Allgemeinen ein Konflikt voraus. In etwa achtzig Prozent der Fälle besteht zwischen Opfer und Täter eine für Kriminalisten nachvollziehbare und die Überführung des Mörders begünstigende Vorbeziehung. Die übliche Ermittlungsstrategie, den Täter im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis oder im beruflichen Umfeld des Opfers zu vermuten, greift, hat sich in Tausenden von Fällen als erfolgreich erwiesen. Beim Mord in Serie hingegen liegen die Dinge anders: In acht von zehn Fällen besteht keine vordeliktische Täter-Opfer-Beziehung. Es muss nach dem »großen Unbekannten« gesucht werden. Ein kriminalistischer Kraftakt – mit ungewissem Ausgang.

Erschwerend kommt hinzu, dass Serientötungen in zwei Drittel der Fälle als solche gar nicht verifiziert werden. Die Hauptgründe sind: Viele Täter verändern bewusst oder intuitiv ihren Modus Operandi (=Tatbegehungsweise), variieren beispielsweise bei der Opferauswahl, der Tötungsart, benutzen unterschiedliche Tatmittel. Auch für erfahrene Todesermittler drängt sich bei derart gravierenden Fallkonstellationen und Tathandlungssequenzen die Hypothese auf, man habe es mit Einzeltaten und verschiedenen Verbrechern zu tun. Wertvolle Ermittlungshinweise bleiben so unberücksichtigt, spezielle Fahndungshilfsmittel ungenutzt. Bis vor Kurzem fehlte es ebenfalls an einem hilfreichen Auswertungsinstrument, um Tötungsdelikte als Bestandteil einer Serie erkennen zu können. Eine bundesweite Datenbank gab es nicht. Ein weiteres Manko: Mindestens jeder fünfte in Serie verübte Mord wird erst gar nicht als Tötungsdelikt erkannt. Die tatsächliche Todesursache wird übersehen, die auf ein Verbrechen hindeutenden Indizien verkannt. Die heimtückischen Patiententötungen in Krankenhäusern sind so gestrickt, genauso wie der Serienmord an älteren Menschen in Altenheimen.

Das folgende Kriminaldrama steht insbesondere für die Irrungen und Wirrungen bei der Fahndung nach einem multiplen Mörder, die facettenreichen und erheblichen Probleme und Irritationen, denen die Kriminalpolizei begegnen muss. Niemand schien vor dem »Untier«, dem »Unheimlichen«, dem »modernen Peter Kürten« sicher zu sein. Nicht nur die Bürger der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt reagierten verstört, die »Düsseldorfer Morde« schockierten Mitte der fünfziger Jahre eine ganze Nation und wurden zum Thema weltweiter Berichterstattung.

Nach wendungsreichen und spektakulären Ermittlungen gelang es der Kripo schließlich, einen Verdächtigen zu präsentieren. Und Ende des Jahres 1959 konnte dieser Mann endlich angeklagt werden. Der sechswöchige Prozess entwickelte sich zu einem echten Gerichtsthriller, über dessen Inhalt und Ausgang auch heute noch kontrovers diskutiert wird. Lüge und Wahrheit, Fiktion und Realität bildeten ein kaum zu durchdringendes Geflecht. Am Ende stand ein umstrittenes Urteil.

Die Düsseldorfer »Liebespaar-Morde« sind bis heute einzigartig geblieben – und mysteriös. Eine vergleichbare Mordserie hat sich in Deutschland bisher nicht ereignet. Der Täter kreierte überdies eine bis dahin vollkommen unbekannte Deliktsgattung: den todbringenden Angriff auf junge Menschen, die sich unter dem vermeintlichen Schutz der Einsamkeit in ihren Autos liebten. Das macht diese kaltblütigen Verbrechen besonders brutal und ruchlos. Auch deshalb erscheint es geboten, diese verhängnisvollen Ereignisse zu dokumentieren und näher zu beleuchten. Und vor alledem: Welcher Mensch war zu so etwas fähig?

Stephan Harbort
Düsseldorf, im Oktober 2004

»Was dem Außenstehenden wie blinde Vernichtungswut erscheint,
wie die Tollheit des Hundes, der sich in die Beute verbeißt,
ist in Wahrheit ein Zustand absoluter Gegenwart.
In höchster Erregung kennt der Geist nur noch das Jetzt,
keine Vergangenheit und keine Zukunft, keine Erinnerung und
keine Erwartung.
Überwach registriert er alles, was um ihn geschieht, jede Bewegung,
jeden Fluchtversuch, jeden Gegenangriff.
In der Aktion ist der Berserker weder benommen
noch blind oder taub.
Das Gegenteil ist der Fall. Der Täter ist extrem konzentriert,
seine Sinne sind geschärft, die Fasern zum Zerreißen gespannt.
Hand und Auge werden eins, verschmelzen in derselben Bewegung.
Wenn die Barrieren fallen, erfaßt und zerstört das Ich
die gesamte Welt.
Nichts hält den Mörder auf, triumphierend läßt er sich
selbst hinter sich.
Das alte Ich verlöscht, die Tat befreit von jahrelanger Angst
und bohrendem Haß.«

Wolfgang Sofsky, Zeiten des Schreckens

»Unter einem dünnen Lack von Zivilisation
steckt in jedem Menschen eine Rotte von Mördern.«

Siegmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur

 

         

Die geschilderten Ereignisse sind authentisch. Als Quellen für die Rekonstruktion und Dokumentation dienten die Urteilsschrift des Schwurgerichts Düsseldorf (Aktenzeichen II 189/57 S 2 Ks 1/59), Tatortbefundberichte, Obduktionsprotokolle, forensische Gutachten, Prozessaufzeichnungen, glaubwürdige Presse­berichte und Gedächtnisprotokolle persönlich geführter Interviews. Ich habe alle Ereignisorte aufgesucht, um mir vor Ort ein Bild zu machen. Die in wörtlicher Rede oder als Dialog wiedergegebenen Sequenzen wurden den genannten Quellen entnommen oder sinngemäß dargestellt. In seltenen Fällen habe ich mir literarische Freiheiten gestattet – ohne dabei den Wahrheitsgehalt im Kern zu verfälschen. Die Namen einiger Personen sind zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte geändert worden.

Prolog

Was hab ich denn schon vom Leben gehabt! Malocht hab ich, mich abgemüht. Und der Lohn? Den haben die anderen kassiert. Diese Bonzen. Kapitalisten. Schmarotzer! Mir kann keiner das Wasser reichen – die schon gar nicht. Verrecken sollen sie, an ihrem Geld ersticken! Was MIR zusteht? Eine Traumvilla, ein Palast, ein Hollywood-Haus mit Schwimmbad, Park, Rennstall, Rolls-Royce und Mercedes. Mindestens. Und was ist? In den Knast haben sie mich gesteckt. Muss mich jetzt jeden Tag abstrampeln, muss mich rumkommandieren lassen. Man hat mir doch keine Chance gelassen! Bin immer nur getreten worden. Und niemand hat mir geholfen. NIEMAND! Was ich daraus gelernt hab? Mit ehrlichen Mitteln wird man niemals reich. Das Badezimmer ganz aus Marmor, die Wasserhähne vergoldet. JA! Wenn ich einen von denen in die Finger krieg, dann knall ich ihn ab! Ich hasse euch! Und die Weiber, sind nur scharf auf die Kohle. Verdammt! Sitzen in ihren Nobelkarossen und glotzen blöd. Und unsereins leidet wie ein Hund. Das wird jetzt anders. Ich komm raus. Jetzt bin ich dran. ICH! Ihr werdet mich kennenlernen. Ihr werdet mich fürchten. Ich werde euer Albtraum!

I. Februar 1953 – November 1956

1

Mittwoch, 7. Februar 1953, 22.51 Uhr.

Der Mann hielt sich die linke Hand vor den Mund, ihm war übel. Das nur noch schwache Licht seiner Taschenlampe fiel auf den weißbräunlichen Boden. Die Pistole steckte jetzt in seiner rechten Manteltasche. Er konnte den Anblick nicht mehr ertragen. Mit allem hatte er gerechnet – nur damit nicht. Erst jetzt war ihm voll bewusst geworden, was da wenige Augenblicke zuvor tatsächlich passiert war. Ohne dass er danach verlangt hätte, flammte die Erinnerung auf. Entsetzlich. »Komm doch endlich!«, schrie er angewidert. »Hast du denn immer noch nicht genug!«

Keine Antwort.

Ungeduldig drehte er sich um. Er sah, wie die Buglampe eines Schlepperkahns einen schwachen Lichtschein auf das schiefergraue Wasser des Rheins warf. Sonst war es stockdunkel, bitter­kalt, es schneite. Er fröstelte. Die dicken, nassen Flocken dämpften wie ein Kissen das monotone Plätschern des Lastkahns, der flussaufwärts tuckerte. Für einige Augenblicke hatte er sich von dieser friedfertigen Szenerie einfangen lassen. Doch dann packte ihn wieder das Grauen. Er starrte auf den dunklen Wagen, an dem nur die Außenlampen brannten. Aus dem Radio tönte immer noch Tanzmusik. Die Insassen des Wagens konnte er nur schemenhaft erkennen, aber in Gedanken war er ganz nah bei ihnen, sah all das Blut. Jetzt wollte er nur noch weg. Und dann lief er einfach los.

Er stürmte auf das freie Feld zu, von wo sie erst vor wenigen Minuten gekommen waren. Nach etwa 200 Metern hörte er hinter sich den keuchenden Atem seines Freundes, dessen schneidende, hohe Stimme: »Bleib stehen, du Jammerlappen. Verdammt, bleib stehen!« Sekunden später wurde er eingeholt. Sein Kumpel sprach nicht zu ihm, er befahl: »Gib mir deine Knarre, mach schon!« Er gehorchte.

Jetzt stand sein Freund direkt vor ihm, in jeder Hand eine Pistole. »Willst dir wohl nicht die Finger schmutzig machen, willst mich die Dreckarbeit alleine machen lassen«, zischte der verächtlich. »Das könnte dir so passen. Aber so haben wir nicht gewettet. Mitgehangen, mitgefangen. Wenn du aus der Sache

lebend rauskommen willst, gehst du jetzt schön zurück und knallst den Burschen ab. Hast du mich verstanden!«

Er antwortete nicht, schüttelte nur unmerklich den Kopf.

»Die nimmst du jetzt.« Sein Kumpane hielt ihm eine Pistole hin, flüsterte: »Mit der hab ich schon geschossen. Die kann ich sowieso nicht mehr benutzen, die kommt in die Fahndung der Bullen. Wir müssen doch nicht beide Knarren versauen.«

»Scheiße, ich kann das nicht.«

»Stell dich nicht so an«, bekam er als Antwort, »ich hab schon ein paar Leute kaltgemacht, das geht ganz leicht. Wenn man erst einen gekillt hat, spielt es keine Rolle mehr, ob man einen, zehn oder hundert umbringt.«

Er sträubte sich. Hühner klauen, wildern, einbrechen, dazu war er bereit gewesen. Jederzeit. Aber ein Menschenleben auslöschen? Jemanden töten? Seine Antwort war unmissverständlich: »Du spinnst doch!«

»Wie du willst. Dann muss ich dich eben umlegen. Mitwisser gibt’s bei mir nicht. Entweder du bist für mich oder gegen mich. Also, was ist?«

Der Lauf einer Pistole war nun direkt auf seinen Kopf gerichtet. Panik ergriff ihn, denn ihm war alles zuzutrauen. »Das kannst du doch nicht machen! DAS KANNST DU DOCH NICHT MACHEN!«

»Bete, du Jammerlappen, bist doch so fromm. Vielleicht hilft’s dir beim Abgang. Aber mach hin!«

Er sank auf die Knie, begann zu zittern. Den Schnee, der langsam durch seine Hosenbeine sickerte, spürte er nicht. Er starrte nur gebannt auf den Lauf der Pistole, die jeden Moment losgehen konnte. Er spürte, wie ein Gefühl von ihm Besitz ergriff, von dem er bisher nur gehört hatte – Todesangst. »Ich schwör’s dir«, flehte er, »ich verpfeif dich nicht. Bestimmt nicht. Aber nicht das. Ich kann den Jungen nicht umbringen. Ich schaff’s nicht.«

Sein Peiniger schwieg, schien zu überlegen. »Steh auf«, knurrte er schließlich. »Also los, du Hund, schwöre. Sprich mir nach: Ich schwöre beim Leben meiner Eltern …«

»… beim Leben meiner Eltern …«

»… und meiner Frau …«

»… und bei allem, was mir heilig ist …«

»… und bei allem, was mir heilig ist …«

»… dass ich nie und zu niemandem darüber sprechen werde, was ich eben gesehen habe.«

Als er dem Mann, den er einmal für seinen Freund gehalten hatte, nun in die Augen sah, wurde ihm kalt ums Herz – ein hasserfüllter, erbarmungsloser Blick schien ihn förmlich zu durchbohren. Eingeschüchtert senkte er den Kopf. Er hatte nicht den Mut, die Kraft, all dem etwas entgegenzusetzen.

»Du hast doch wohl nicht im Ernst geglaubt, dass du so billig davonkommst, du Waschlappen. Hast mich im Stich gelassen. Du würdest mich doch bei der erstbesten Gelegenheit ans Messer liefern. Jetzt wird abgerechnet!«

Plötzlich bemerkte er das kalte, feuchte, kreisförmige Ende des Pistolenlaufs an seiner linken Schläfe. Er wollte aufspringen, sich wehren, sich auf seinen Widersacher stürzen, um das nac­kte Leben kämpfen. Doch er harrte aus. Wie betäubt. Regungslos. Dann hörte er noch, wie der Abzugshahn langsam nach hinten gezogen wurde.

2

Etwa zur selben Zeit, es war jetzt 23.10 Uhr, kauerte Ernst Littek immer noch auf dem Beifahrersitz eines schwarzen Opel-»Kapitän«, polizeiliches Kennzeichen R 233-499. Der Wagen stand einsam unter einer Baumgruppe am Rande der Rotterdamer Straße, einer stillen Allee, die am rechten Rheinufer aus dem Stadtteil Stockum in den Norden Düsseldorfs führte. Das Gesicht des 18-Jährigen war blutverschmiert, er hatte mehrere Kopfverletzungen erlitten. Es waren mittlerweile einige Minuten vergangen, in denen nichts weiter passiert war, und er hatte auch keine verdächtigen Geräusche mehr gehört. Sie mussten jetzt weit genug weg sein.

Littek hob vorsichtig den Kopf, blinzelte nach links. Zunächst sah er das viele Blut, das über das Armaturenbrett des Autos gespritzt war, dann den zusammengesackten, leblosen Körper seines Bekannten. Er hatte mit ansehen müssen, wie ihm eine Kugel in den Kopf geschossen worden war. Ohne Vorwarnung. Einfach so. Als der junge Mann versehentlich mit dem Arm an die Leiche stieß und der Kopf des Toten zur Seite sac­kte, brach er in hysterisches Schluchzen aus. Erst jetzt wurde ihm bewusst, was sich da ereignet, worauf er sich da eingelassen hatte. Und er musste damit rechnen, dass man ihm unangenehme Fragen stellen, dass man ihn gar ins Zuchthaus stecken würde. Littek packte die nackte Angst, er stürzte aus dem Wagen und rannte weg.

Nach ca. 800 Metern erreichte er das nächste Gehöft und trommelte mit beiden Fäusten gegen die Tür. Als geöffnet wurde, stammelte Littek nur bruchstückhaft und zusammenhanglos: »Überfall …«, »Wagen …«, »Geschossen …«. Er stand unter Schock. Der Bauer stellte keine Fragen, sondern alarmierte sofort die Polizei. Eine Streifenwagenbesatzung erschien eine Viertelstunde später und brachte den Verletzten ins nächste Krankenhaus.

Unterdessen war die Rufbereitschaft des 1. Kriminalkommissariats verständigt worden, zuständig unter anderem für »Todes­ermittlungsverfahren«. Eiligst wurde im Düsseldorfer Polizeipräsidium eine Mordkommission aufgestellt. Während eine Handvoll Ermittler wenig später den Tatort großräumig absperrte und nach Spuren suchte, wurde Littek noch in der Nacht ausführlich vernommen. Die Kriminalisten hofften auf möglichst authentische Angaben, und sie wollten vermeiden, dass der einzige Tatzeuge sich eventuell mit Dritten absprechen konnte. Denn schon zu diesem Zeitpunkt grübelten die Ermittler an dem ungewöhnlichen Umstand, dass nur eines der Opfer getötet worden war. Also konnte das vermeintliche Opfer auch einer der Täter sein – oder den Ermordeten in einen Hinterhalt gelockt haben. Diese Möglichkeiten mussten in Betracht gezogen werden, auch wenn es hierfür noch keine konkreten Anhaltspunkte gab.

Der Tote konnte schnell identifiziert werden. Es war Dr. Wilhelm Stürmann, wohnhaft gewesen in der niederrheinischen Kleinstadt Velbert. Der 42-jährige Jurist hatte als Rechtsschutz-Sekretär für den Deutschen Gewerkschaftsbund gearbeitet. Littek hatte Dr. Stürmann nach eigenen Angaben »erst einige Tage« vor der Tat in einer Kneipe in Neuss kennengelernt. Der inzwischen sichergestellte Wagen war von jenem Mann, der ehemals als Staatsanwalt selbst Verbrecher gejagt hatte, bei einer Verleihfirma in Velbert gemietet worden. Warum Dr. Stürmann nicht seinen eigenen Wagen benutzt hatte, blieb zunächst fraglich.

Littek, noch im blutbesudelten blauen Hemd, versicherte in seiner Vernehmung, dass er den Toten nur als »Dr. Martin« gekannt habe, Kosename »Teddy«. Mit weicher und leiser Stimme erklärte der noch recht jugendlich wirkende Hilfsarbeiter, man sei für den Abend am Graf-Adolf-Platz in Düsseldorf verabredet gewesen und mit dem Wagen des Opfers über die Rotterdamer Straße in Richtung Kaiserswerth gefahren. Am Ende der Rotterdamer Straße habe Dr. Stürmann den Wagen angehalten, dann aber, da man sich dort durch einen bereits parkenden Wagen »gestört fühlte«, gewendet und sei ein Stück in Richtung Düsseldorf zurückgefahren.

Den unmittelbaren Tathergang schilderte er so: »Das Radio lief, wir hörten Musik. Ich sah, wie ein Auto vom Schwimmstadion her an uns vorbeifuhr, 50 Meter weiter wendete und mit abgeblendeten Scheinwerfern stehen blieb. Es müsste ein Volkswagen gewesen sein, hellgrau. Daraufhin kamen über den Promenadenweg zwei Männer näher. Ich habe aber nicht weiter darauf geachtet. Plötzlich stand ein Mann neben der linken vorderen Tür und schrie etwas, was sich wie ›Aufmachen!‹ anhörte. Der Mann trug eine Maske, die Nase und Mund verdeckte. Im selben Augenblick wurde die Tür aufgerissen, dann fiel der Schuss. Einen Moment lang erstarrte Teddy und fiel dann auf meine Beine. Da kam auch schon von rechts der andere Mann und stieg durch die rechte hintere Tür in den Wagen. Auch der hatte eine Pistole. Ich weiß nicht mehr genau, ob er ›Hände hoch!‹ gerufen hat. Ich habe nur sofort geschrien: ›Nicht schießen, nicht schießen!‹ Dann sagte der eine Mann zu mir: ›Bü­cken Sie sich nach vorne, ich schieße nicht.‹ Ich bückte mich nach vorn und bekam in diesem Augenblick Schläge auf den Kopf. Ich war davon benommen, aber nicht bewusstlos, und habe mich nicht mehr bewegt. Der Mann, der Teddy erschossen hatte, brüllte dann den anderen an: ›Los, mach ihn kalt!‹ Ich bin hoch und rief: ›Lasst mich leben! Lasst mich leben, ich verrate nichts!‹ Dann bekam ich drei oder vier Schläge über den Schädel und fiel nach vorn. Dieses Mal wurde ich für kurze Zeit bewusstlos. Nach

ein paar Sekunden war ich wieder da. Ich war überrascht, dass ich noch lebte. Und dann flüsterte mir eine Stimme ins Ohr: ›Stell dich tot!‹ Das habe ich auch gemacht. Ich war wie gelähmt.«

Die Vernehmung musste unterbrochen werden. Littek hatte unverkennbar erhebliche Mühe, sich zu konzentrieren, das Unfassbare in Worte zu kleiden. Ihm versagte die Stimme. Mit starrem Blick saß er gedankenverloren auf einem Holzstuhl, den mit einem dicken Mullverband umwickelten Kopf in beide Hände gestützt. Erst Minuten später hatte er sich wieder gefangen.

»Ich hockte halb auf dem Wagensitz«, fuhr er fort, »halb kniend, spürte ich ein schweres Gewicht auf meinem Rücken. Obwohl ich nichts erkennen konnte, wusste ich, dass es Teddy war, der auf mir lag. Dann wurde die Last plötzlich von meinem Rücken entfernt und Sekunden später griff jemand in meine Taschen. Ich konnte es nicht sehen, aber ich hatte das Gefühl, es war der Mann, der auf Teddy geschossen hatte. Die Hand hörte mit dem Tasten auf, zog meine Brieftasche heraus, und dann las­tete wieder Teddys Körper auf mir. Dann hat sich einer der Männer auf den Fahrersitz gesetzt und versucht, den Wagen anzulassen. Das dauerte aber nur einige Augenblicke. Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass gesagt wurde: ›Komm doch endlich. Hast du denn immer noch nicht genug?‹ Danach war nur noch Stille.«

Während der Zeuge die Tatabläufe detailreich schilderte, wusste er über die Täter nur wenig zu sagen. Littek konnte die »mit melierten Tüchern maskierten« Männer lediglich vage beschreiben: »Beide waren ungefähr 1,70 Meter groß, beide hatten auffallend schmale Schultern.« Zudem sollte der Todesschütze »dunkles, wirres Haar« gehabt haben.

Für die Ermittler der Mordkommission war das Motiv eindeutig: »Habgier«. Die Täter hatten die Brieftaschen der Opfer geraubt und insgesamt 160 Mark erbeutet. Das passte. Rätselhaft blieben jedoch bestimmte Verhaltensweisen, die widersprüchlich erschienen, die Fragen provozierten. Zunächst konnte man sich nicht schlüssig erklären, warum die Mörder sich überhaupt mas­kiert hatten – wenn doch die Tötung der Opfer von vornherein geplant gewesen war. Auf diese Intention deutete jedenfalls die sofortige Schussabgabe hin, zumal ohne Vorwarnung und ohne, dass der Schütze sich hätte bedroht fühlen müssen. Zunächst gab es keine einleuchtende Begründung dafür, warum versucht worden war, den Wagen Dr. Stürmanns zu starten. War das eigentliche Ziel der Tat eventuell gar nicht erreicht worden, nämlich den Opel-»Kapitän« zu rauben, um damit andere Verbrechen begehen zu können? Oder sollte der Wagen nur weggefahren werden, um ihn und die Insassen beiseitezuschaffen? Hatten die Täter sich so lediglich einen Zeitvorsprung verschaffen wollen? Und vor alledem: Warum hatte man Dr. Stürmann kaltblütig erschossen, Ernst Littek, der den Tätern später durchaus gefährlich werden konnte, indes verschont? Das ergab keinen Sinn.

Die Todesursache wurde der Kripo noch am frühen Donnerstagabend mitgeteilt, ein Gerichtsmediziner der Universität Düsseldorf hatte herausgefunden: »Der aus einer Entfernung von höchstens 30 Zentimetern auf das Opfer abgegebene Schuss hat dessen Unterkiefer links durchschlagen, die Zunge verletzt, zwei Halswirbel zertrümmert, das Rückenmark leicht verletzt und wahrscheinlich eine sofortige Lähmung des Getroffenen bewirkt. Durch das Einatmen größerer Mengen Blut in die Lunge starb das Opfer an den Folgen des Schusses etwa fünf bis zehn Minuten, nachdem er getroffen worden war.« Dr. Stürmann war demnach einen grausigen Tod gestorben, an seinem eigenen Blut qualvoll erstickt.

Fahndungsrelevante Hinweise erbrachten erste Ergebnisse der Untersuchungen des Tatortes. Etwa zwei Meter schräg links vor der linken vorderen Wagentür hatte man eine leere Patronenhülse gefunden. Im Wagen waren die Ermittler auch fündig geworden – sie hatten das Projektil sichergestellt, das an der rechten Schläfe des Opfers wieder ausgetreten war. Dieses Geschoss stammte aus einem recht ungewöhnlichen Pistolentyp, einer »Para­bellum 08« (für 1908, das erste Herstellungsjahr), Kaliber 9 Millimeter. Es handelte sich um eine sechsschüssige Mehrladepistole mit einer Gesamtlänge von 22 Zentimetern und einem Gewicht von achthundertfünfzig Gramm, die vornehmlich von der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg verwendet worden war. Mitte der dreißiger Jahre hatte die Wehrmacht diesen Waffentyp ausrangiert und durch modernere Pistolen ersetzt.

Neben diversen Fußspuren, die allesamt vermessen und fotografiert worden waren, hatten die Beamten auf dem Rücksitz des Wagens auch die Aktentasche Dr. Stürmanns gefunden. Merkwürdigerweise war sie von den Tätern erst gar nicht geöffnet worden, obwohl sie weiteres Raubgut hätte beinhalten können. Die Fahnder vermuteten deshalb, dass die Tasche entweder einfach übersehen oder als wenig lukrativ eingestuft worden war. Letzteres erschien am plausibelsten, da die Täter sich die Zeit genommen hatten, um zumindest die Kleidung der Opfer gründlich zu durchsuchen. Auch glaubte man herausgefunden zu haben, warum es den Tätern nicht gelungen war, den Wagen zu starten. Höchstwahrscheinlich hatten sie nicht gewusst oder nicht erkannt, dass der Anlasser sich bei diesem speziellen Modell am Boden befand.

Die ermittelten Fakten mussten jetzt kriminalpsychologisch bewertet und eingeordnet werden. Aus der Tatsache, dass einer der Täter unvermittelt und ohne Not geschossen hatte und beide Männer vom Zeugen Littek als »schmalschultrig« beschrieben worden waren, schloss man, es könne sich um »unerfahrene Täter« handeln, wahrscheinlich »Jugendliche«. Gleichwohl sollte die Auswahl des Tatortes »nicht zufällig« erfolgt sein. Niemand in Reihen der Mordkommission wollte annehmen, dass dieses »merkwürdige Zusammentreffen« zu solch ungewöhnlicher Zeit an derart abgelegener Stelle einfach so passiert sein sollte, zumal Minusgrade geherrscht hatten und dichtes Schneetreiben. Besonders interessiert waren die Fahnder naturgemäß an den Insassen des hellgrauen Volkswagens, der nur 50 Meter vom Wagen Dr. Stürmanns entfernt gestanden hatte, dessen polizeiliches Kennzeichen Ernst Littek jedoch nicht hatte ablesen können. Es konnte nicht ausgeschlossen werden, dass diese Zeugen etwas gesehen oder gehört hatten. Oder waren es gar die Täter gewesen? Oder deren Helfershelfer? Allerdings verfügte man nicht über einen einzigen Erfolg versprechenden Hinweis auf die Identität dieser »wichtigen Zeugen«. Wie so oft war die Kripo also auch in diesem Fall auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen.

Am 9. Februar meldeten die Düsseldorfer Tageszeitungen schlagzeilenträchtig und in fettgedruckten Lettern das Verbrechen: »Raubmord am Rheinstadion«, »Rechtsanwalt in seinem Auto erschossen«, »Mord im parkenden ›Kapitän‹«. Am Ende eines jeden Artikels wurden die Leser aufgefordert, bei der Aufklärung behilflich zu sein: »Wer hat Wahrnehmungen oder Beobachtungen gemacht, die für die Aufklärung der Tat von Interesse sein könnten? – Das 1. Kriminalkommissariat, Telefon 10 25, Nebenstelle 84 11, und jede andere Polizeidienststelle nehmen Angaben und Hinweise entgegen.« Die »blut- und gelddurstigen Mordgesellen« durften nicht ungeschoren davonkommen.

Die Ermittlungen nahmen urplötzlich eine überraschende Wende, als Kripobeamte in der Wohnung Dr. Stürmanns in seinem Kalender des Jahres 1952 immer wieder auf einen Namen stießen, der dort gar nicht hätte vermerkt sein dürfen: »Ernst«. Und dieser Name fand sich auch im Adressbuch des Opfers, mit einer dazugehörigen Neusser Telefonnummer. Als man diese Nummer anwählte, meldete sich eine Frau mit dem Namen »Littek«. Der Rest war Routine. Der Anschluss gehörte den Eltern des bislang einzigen Zeugen. Ernst Littek hatte also bei seiner Vernehmung gelogen, die schon länger andauernde Beziehung zu Dr. Stürmann verschwiegen. Wohlweislich? Um sich nicht verdächtig zu machen?

Wenig glaubhaft erschienen nun auch Litteks Behauptungen, man habe »nur eine Spritztour gemacht« und lediglich im Auto gesessen und »Musik gehört und geredet«. Warum hatten die Männer sich nicht in der Wohnung von Dr. Stürmann getroffen? Was hatte die beiden Männer, die immerhin vierundzwanzig Jahre voneinander trennten und in sozialen Verhältnissen lebten, die unterschiedlicher nicht sein konnten, zusammengeführt – und zusammengehalten? Hatte Littek seinen Bekannten vielleicht zum Tatort gelotst, um ihn dort umbringen zu lassen? Waren ihm die vergleichsweise harmlosen Kopfverletzungen von seinen Komplizen nur beigebracht worden, um keinen Verdacht zu erregen? Sollten die Ermittler auf eine falsche Fährte gelockt werden?

Zu diesen Vermutungen passte die nahezu zeitgleich gewonnene Erkenntnis, dass die rechte hintere Tür des Opel-»Kapitän« sich gar nicht oder nur mühsam öffnen ließ. Das jedenfalls hatten der Mitinhaber und der Monteur der Autoverleihfirma behauptet, als man sie befragt hatte. Genau dieser Umstand war zuvor schon zwei Kriminalbeamten aufgefallen, als sie den Wagen untersucht hatten. Doch war dieser Marginalie bisher keine besondere Bedeutung beigemessen, sie in den ersten turbulenten Stunden nach der Tat als gering eingeschätzt worden. Dieses winzige Detail, so mutmaßten die Ermittler nun aber, konnte Littek zum Verhängnis werden. Denn der hatte behauptet, dass einer der Täter eben durch diese Tür in den Wagen eingedrungen sei, und zwar »ohne Probleme«. Littek verheimlichte den Ermittlern offenbar etwas, und man war mittlerweile davon überzeugt, dass der junge Mann ihnen eine »Räuberpistole« aufgetischt hatte.

Bevor die Ermittler Littek nochmals vernehmen würden, wollten sie mehr über ihn in Erfahrung bringen. Allerdings kam dabei nicht viel heraus. Littek wohnte noch bei seinen Eltern in Neuss-Holzheim, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, galt allgemein als »netter Junge«, der lediglich durch seine nach hinten gekämmten, schulterlangen blonden Haare auffiel. Sein polizeiliches Führungszeugnis war makellos.

Am 13. Februar schellte es frühmorgens in der Königsberger Str. 37 in Neuss. Ernestine Littek fuhr der Schreck in die Glieder: Kripo. Und was die Beamten ihr eröffneten, wollte sie nicht glauben – ihr Ernst stand unter »Mordverdacht«. Littek wurde wenig später ins Düsseldorfer Präsidium gefahren, er sollte dort vernommen werden. Unterdessen suchten die Fahnder im Zimmer des Verdächtigen und der übrigen Wohnung nach Dingen, die beweisen sollten, dass er nicht Opfer, sondern Täter war.

Um 8.32 Uhr wurde Littek im Zimmer 318 des Präsidiums vorgeführt, auf einem knarrenden Holzstuhl saß er nun zwei Kriminalbeamten gegenüber. Während Horst Flossbach, ein älterer und überaus erfahrener Kriminalhauptmeister, die Vernehmung durchführte, beschränkte sich sein wesentlich jüngerer Kollege darauf, das Gesagte in die Schreibmaschine zu tippen.

Nachdem Littek den Tatablauf nochmals ausführlich geschildert hatte, begann Flossbach gezielt Fragen zu stellen.

»Herr Littek, wann genau und wo haben Sie Dr. Stürmann kennengelernt?«

»Das war einige Tage, bevor das passiert ist. An einem Samstagabend, in einer Kneipe in Neuss, nicht weit von meiner Wohnung. Die heißt ›Faßschänke‹.«

Flossbach hatte das erste Vernehmungsprotokoll Litteks vor sich liegen, blätterte darin, las einige Zeilen. Dann hakte er nach: »Und da sind Sie absolut sicher?«

»Natürlich, Herr Kommissar.«

»Und er hat sich dann als Dr. Martin vorgestellt?«

»Ja, genau.« Littek verschränkte die Arme vor der Brust.

»Können Sie mir vielleicht erklären, warum er Ihnen nicht seinen richtigen Namen genannt hat?«

Littek zögerte. Schließlich antwortete er leise: »Nein, kann ich nicht.«

»Herr Littek, dann versuchen Sie mir mal wenigstens das zu erklären: Wir haben in der Wohnung von Dr. Stürmann einen Kalender gefunden. Was glauben Sie denn, welchen Namen wir dort gefunden haben?«

»Woher soll ich das denn wissen!« Littek schlug die Beine übereinander.

»Dr. Stürmann hatte zu einem gewissen Ernst Kontakt. Und in seinem Notizbuch haben wir die dazu passende Telefonnummer gefunden.« Flossbach fixierte jetzt den jungen Mann unablässig, zog die buschigen Augenbrauen zusammen. »Es ist die Nummer Ihrer Eltern. Ist das nicht komisch?«

»Was soll das denn!« Littek begann ungestüm zu gestikulieren. »Ist doch normal. Ich habe ihm meine Nummer gegeben, und er hat sie sich notiert. Wir wollten uns doch noch mal treffen. Ist das jetzt neuerdings verboten?«

Flossbachs Miene verfinsterte sich. Tonlos erwiderte er: »Das Dumme daran ist nur, dass wir diese Eintragungen in einem Kalender vom vergangenen Jahr gefunden haben, also 1952. Da wollen Sie Dr. Stürmann doch noch gar nicht gekannt haben!« Flossbach stand auf. »Herr Littek«, fuhr er energisch fort, »das sieht überhaupt nicht gut aus für Sie. Sie lügen! Sie lügen das Blaue vom Himmel herunter. Raus jetzt mit der Wahrheit!« Flossbach setzte sich wieder.

Littek senkte den Kopf, legte die Hände in den Schoß, sein Körper erschlaffte förmlich. »Was soll ich denn sagen?«, stammelte er hilflos.

»Die Wahrheit, mein Junge, die Wahrheit!«

Littek atmete mehrmals tief durch. »Sie haben gewonnen«, begann er zögerlich, »ich habe gelogen. Den Dr. Stürmann habe ich schon eine ganze Zeit lang getroffen. Ich habe ihn tatsächlich in der ›Faßschänke‹ kennengelernt, das war ungefähr Mitte Juli letzten Jahres. Wir haben uns immer wieder mal verabredet. Er hat mich dann mit seinem Wagen abgeholt. Aber ich habe wirklich geglaubt, dass er Dr. Martin heißt. Mir hat er erzählt, dass er Rechtsanwalt ist und schwere Jungs verteidigt.«

»Warum haben Sie uns das denn nicht gleich gesagt?«

Schweigen.

»Herr Littek! Warum haben Sie uns davon nichts erzählt!«

Littek senkte den Kopf, sagte nichts, er rang mit sich, dann aber platzte es aus ihm heraus: »Was wollen Sie denn noch!«

»Ich will wissen, warum Sie uns immer noch etwas verschweigen.« Flossbach schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Das ergibt doch keinen Sinn. Sie lernen einen Mann kennen, der gut und gerne auch Ihr Vater hätte sein können und erzählen hier wahrheitswidrig, Sie hätten Dr. Stürmann nur kurz gekannt. Und wenn ich Sie dann frage, warum Sie uns diese Beziehung verheimlicht haben, fällt Ihnen dazu nichts mehr ein. Ist doch komisch, oder?«

Wieder keine Antwort.

»Also noch einmal: Was gibt es da zu verschweigen?«

Littek blieb sich treu und starrte nur auf den Boden.

»Herr Littek«, Flossbach erhob die Stimme, »wir treiben hier keine Spielchen. Da ist jemand brutal und kaltblütig ermordet worden, und wir wollen diese Sache aufklären. Und wir werden das Ding aufklären! Und wir haben das Gefühl, dass Sie da mit drinstecken. Haben Sie Dr. Stürmann an dem Abend an den Rhein gelockt? Wieviel hat man Ihnen dafür geboten?«

»Schwachsinn! Alles Schwachsinn!« Littek schlug die Hände vor das Gesicht und begann zu schluchzen. »Lasst mich doch endlich in Ruhe«, stotterte er mit tränenerstickter Stimme.

Flossbach spürte, dass der Widerstand gebrochen, dass er der Wahrheit jetzt sehr nahe war. Er wechselte die Tonart. Mit verbindlich-väterlicher Stimme setzte er nach: »Das hat doch keinen Sinn, so kommen wir nicht weiter. Sie bringen sich noch in Teufels Küche. Also: Warum haben Sie uns nichts davon erzählt?«

Littek ließ sich Zeit, es vergingen einige Sekunden. Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann kam die Antwort: »Herr Kommissar, Sie kennen doch den Schwulenparagraph!«

Flossbach nickte.

Gemeint war Paragraf 175 des Strafgesetzbuches. Dort hieß es damals: »Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich zur Unzucht mißbrauchen läßt, wird mit Gefängnis bestraft.« Demnach waren »alle homosexuellen Handlungen« verboten. Für »schwere Unzucht« drohten gar bis zu »zehn Jahre Zuchthaus«. Und ein solcher Fall lag hier vor, Littek war noch keine einundzwanzig. Also deshalb der Mietwagen, der Tarnname, die konspirativen Treffen. Niemand durfte davon erfahren – die Polizei schon gar nicht.

Flossbach hatte es geahnt. Aber das allein wäre nicht genug gewesen. Er brauchte einen unwiderlegbaren Beweis. Den hatte er jetzt. Nichtsdestotrotz war die Mordtheorie damit nicht vom Tisch. Wieder begann er zu bohren.

»Herr Littek, wir müssen da noch ein paar Dinge klären.«

Der junge Mann schaute ihn unverwandt an. »Was denn noch? Ich habe doch alles gesagt.«

Flossbach blätterte wieder im Vernehmungsprotokoll. »Ich lese hier«, begann er, »dass Sie angegeben haben, Sie wären von zwei Männern überfallen worden.«

»Ja.«

»Und der zweite Mann ist erst in den Wagen eingestiegen, als der andere bereits auf Dr. Stürmann geschossen hatte.« Flossbach blickte herüber, wartete auf eine Antwort.

Littek nickte.

»Können Sie mir noch mal sagen, durch welche Tür der Mann in den Wagen eingestiegen ist?«

Die Antwort kam prompt: »Hinten, von rechts.«

»Um jeden Zweifel auszuschließen: von vorne oder von hinten aus gesehen rechts?«

Littek dachte kurz nach. »Ich saß auf dem Beifahrersitz, und der Typ kam plötzlich durch die hintere rechte Tür. Er war dann genau hinter mir. Es muss die rechte Tür gewesen sein, bestimmt.«

Flossbach rümpfte die Nase, räusperte sich. »Herr Littek, wir hatten uns doch darauf verständigt, dass Sie uns nur noch die Wahrheit sagen wollen.«

»Jawohl, Herr Kommissar.« Littek wirkte jetzt wieder verschüchtert, fahrig. Er fuhr sich mit der rechten Hand mehrmals verlegen durch seine Haare.

»Wie erklären Sie sich dann, dass genau diese Tür sich nur schwer, meistens aber gar nicht öffnen lässt.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Wir haben das überprüft, es stimmt. Und Sie wollen uns weismachen, der Mann ist ohne Probleme da reingekommen. Einfach so?«

Littek machte einen Katzenbuckel, schüttelte den Kopf.

»Mein lieber Junge, es ist jetzt an der Zeit reinen Tisch zu machen!« Flossbach stand auf und baute sich vor Littek auf. »Die Geschichte klingt einfach zu phantastisch: zwei maskierte Männer, zwei Pistolen, aber ein Toter. Ihnen hat man nur eins über den Schädel gegeben. Die hätten Sie doch auch aus dem Weg räumen müssen. Sie haben doch alles gesehen. Raus mit der Sprache! Ich will jetzt Namen hören!«

»Was denn für Namen?« Littek gab sich ahnungslos.

»Mit wem haben Sie das Ding gedreht?«

»Ich? ICH?«

»Genau Sie! Hatten wohl Ärger mit Dr. Stürmann oder war er Ihnen einfach nur lästig geworden? Hatten Sie die Idee, ihn umzubringen? Wollten Sie an sein Geld? Oder haben Sie ihn erpresst? Und er wollte nichts rausrücken? Sie wussten doch, dass Dr. Stürmann vermögend war!«

Keine Reaktion.

»Sie haben den Lockvogel gespielt. Sie haben vorgeschlagen, zur Rotterdamer Straße zu fahren. Sie haben mit ihren Komplizen eine Zeit ausgemacht. Dann ist die Sache aber nicht so gelaufen, wie Sie sich das vorgestellt hatten. Sie wollten auch noch den Wagen haben und später verhökern oder ausschlachten. Aber Ihre feinen Kumpels haben den Wagen einfach nicht ans Laufen gebracht.«

»Moment mal!«, hakte Littek energisch ein »Ich weiß doch, wie man den Wagen startet. Ich hätte es denen doch sagen können. Und wenn ich mit denen unter einer Decke stecken würde, hätte ich das doch wohl auch gemacht. Oder?« Littek schaute seinen Kontrahenten erwartungsvoll an, er hatte sich mit einem Mal aus der verbalen Umklammerung befreit.

Flossbach setzte sich wieder. Der Junge hatte recht. Und Flossbach hatte sein Pulver für dieses Mal verschossen. Einen erneuten Vorstoß konnte er nun nicht mehr wagen, Littek würde sich nicht noch einmal aus der Reserve locken lassen. Die Chance war vertan.

Die Sache mit der Wagentür musste nochmals untersucht werden, man brauchte Gewissheit. Hatte Littek vielleicht doch gelogen, den zweiten Täter nur erfunden? Auch in weiteren Verhören war er von seiner ursprünglichen Aussage partout nicht abgerückt. Ein Gutachten sollte nun klären, was es mit der ominösen Tür auf sich hatte.

Dr. Hans Sawatzki, der Kraftfahrzeugsachverständige, stellte schließlich fest, dass sich in dem Schloss »ein bestimmter Fehler« befand. Die Folge: »Je nach Lage des gebrochenen Teiles wird ein Öffnen der Tür zeitweise verhindert, zu anderen Zeitpunkten aber bei Anwendung eines bestimmten Druckes möglich.« Demnach konnte Ernst Littek durchaus die Wahrheit gesagt haben. Und weil auch bei der Durchsuchung in der Wohnung des Verdächtigen nichts Belastendes gefunden worden war, erkaltete diese anfangs »heiße Spur«.

Hoffnung keimte wieder auf, als sich ein 68-jähriger Rentner bei der Kripo meldete, der am 7. Februar um kurz nach 23 Uhr seinen Hund ausgeführt und dabei in der Nähe des Tatortes »zwei komische Gestalten« beobachtet hatte – allerdings nur für wenige Augenblicke. Die Beschreibung war dementsprechend: »Es waren Männer, beide etwa gleich groß, dunkel gekleidet.« Und dem älteren Herrn war aufgefallen, dass »die es eilig hatten«. Immerhin verfügten die Fahnder der Mordkommission »Rheinstadion« nun über eine Aussage, die Ernst Litteks Tatversion zu stützen schien.

Die weiteren Ermittlungen gestalteten sich jedoch zäh. Vergleichsfälle, an die man hätte anknüpfen können, hatte es in der jüngeren Vergangenheit nicht gegeben. Insgesamt dreiundzwanzig »polizeibekannte« Männer aus Düsseldorf und Umgebung waren überprüft worden. Nur fünf konnten kein wasserdichtes Alibi vorweisen. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass sie es nicht gewesen sein konnten: Entweder waren sie viel zu groß, viel zu dick oder schieden wegen ihrer Schuhgröße als Verdächtige aus.

Auch der Appell an die Bevölkerung, die Insassen des hellgrauen Volkswagens mögen sich bei der Kripo melden, hatte nichts gebracht. Ein 45-jähriger Mann war zwar im Präsidium erschienen und hatte behauptet, »die Mörder gesehen« zu haben, doch besaß der Zeuge keinen hellgrauen Volkswagen, sondern nur ein Fahrrad. Und obendrein war er als dubioser »Hinweisgeber« bereits »mehrfach in Erscheinung getreten«.

Nach einem zweiten Aufruf an die Mitbürger, »kürzlich gefundene Pistolen oder Pistolenteile« der Polizei zu übergeben, hatten tatsächlich drei Waffen den Weg ins Präsidium gefunden: eine »Walther PPK«, eine »Walther P 38« und eine belgische Selbstladepistole »FN-HP M 35«. Die »Walther PPK« schied als mögliche Tatwaffe aus, mit dieser Pistole konnten nur Projektile des Kalibers 7,65 Millimeter verfeuert werden. Und nachdem die übrigen Waffen beim Bundeskriminalamt »beschossen« und mit dem Projektil der »Parabellum 08« verglichen worden waren, stand man wieder mit leeren Händen da.

Nachdem insgesamt zweieinhalb Monate intensiv ermittelt und insgesamt einhundertsechzehn Spuren und Hinweisen hinterhergejagt worden war, musste die Kommission aufgelöst werden. Es gab keine »erfolgversprechenden Ermittlungsansätze« mehr, die einen derart hohen Aufwand hätten rechtfertigen können. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass man den Auftakt zu einer Serie mysteriöser und grausamer Gewaltverbrechen erlebt hatte, die in der deutschen Kriminalgeschichte einzigartig bleiben sollten – bis zum heutigen Tag.

3

Das Brachland am »Theveser Feld« gehörte nicht zu den bevorzugten Wohngegenden im Norden Düsseldorfs. Dort hausten Vertriebene, Obdachlose und Verarmte, die nicht einmal so viel besaßen, um die Miete für eine vernünftige Wohnung bezahlen zu können. Die meisten Menschen lebten in schlichten Hütten, die mit bloßen Händen aus zusammengesuchtem Baumaterial notdürftig errichtet worden waren. So hatten diejenigen, die am Rande der Gesellschaft blieben, wenigstens ein Dach über dem Kopf.

Dennoch konnte es sich durchaus lohnen, dieses unwirtliche Gelände abzusuchen; nicht wegen der alten Eimer, ausrangierten Autoreifen oder wegen des übrigen Gerümpels, das in den Gräben allmählich verrottete. Ein lukratives Geschäft versprachen die Eisenträger, die es dort zu finden gab. Aber die lagen nicht einfach offen herum, man musste nach diesen verborgenen Schätzen suchen.

Helmut Bolland wusste das alles ganz genau. Er war ein »Schürrer«, sammelte Schrott und handelte damit. Aber an diesem sonnigen Spätherbsttag hatte er kein Glück. Alles, was der Mann unter einem wild wuchernden Brombeerstrauch fand, waren Teile einer angerosteten Pistole, fein säuberlich eingepackt in gelbe Folie. Die nahm der 63-Jährige mit nach Hause. Er hoffte, mit der später zusammengesetzten Waffe wenigstens ein paar Mark verdienen zu können.

Bolland fiel zunächst auf, dass die Pistolenteile stark ein­gefettet waren, offenbar hatte ihr letzter Eigentümer sie nicht einfach achtlos in der Brombeerhecke entsorgt, sondern aus irgendeinem Grund dort deponiert. Dann sah Bolland sich die Einzelteile genauer an. Er erkannte, dass es sich um eine alte, ab­gegriffene »Parabellum 08« handelte, die eine Reihe markanter Merkmale und Schäden aufwies: An der linken Griffschale war unterhalb des Sicherungsflügels eine Ecke abgesprungen. Die Deckplatte enthielt auf einer Fläche von vielleicht zwei Quadratzentimetern deutlich sichtbare Eindrücke. Augenscheinlich war hier mit einem harten und spitzen Gegenstand gearbeitet worden. Ähnliche Beschädigungen fanden sich an der rechten Seite des Gabelstückes, außen in Höhe des Auswerfers. Und unterhalb des Handhabengelenkes war eine auffällige Beschädigung der Brünierung nicht zu übersehen. Auch die Herstellungsnummer war noch ablesbar: 8877. Allerdings gelang es Bolland nicht, die Waffe vollständig zusammenzusetzen, es fehlten der Schlagbolzen und die Führungsgabel. Die Pistole war damit unbrauchbar.

Und aus dem erhofften Geschäft wurde auch nichts. Bolland musste sich von seinem Sohn daran erinnern lassen, dass alle gefundenen Schusswaffen bei der Polizei abzugeben waren. Obwohl bereits zehn Monate seit der Ermordung Dr. Stürmanns vergangen waren, galt diese Verfügung noch immer. Und aus diesem Grund wollte Bolland die Waffe auch nicht an einen Bekannten verkaufen, der sich beharrlich um die Pistole bemühte. Der Mann bot erst 10 Mark, dann einen Kasten Bier, schließlich sogar 50 Mark – für eine alte, verrostete, gebrauchsunfähige Waffe. Bolland wunderte sich darüber, aber er gab nicht nach.

Am 19. Oktober erschien Bolland auf dem 12. Polizeirevier und präsentierte den Beamten seinen Fund. Die »Parabellum 08« wurde einen Tag später zum kriminaltechnischen Labor des Landeskriminalamtes geschickt. Sie sollte dort »schußwaffenerkennungsdienstlich behandelt« werden, um herauszufinden, ob diese Waffe bereits bei einem anderen Verbrechen benutzt worden war – eine Routineangelegenheit. Doch der Beamte, der die von Bolland gefundene Pistole »beschießen« sollte, um ein einwandfreies Geschoss zur Identifizierung herzustellen, tat nichts dergleichen. Stattdessen legte er die »08« beiseite und vermerkte lapidar: »Nicht beschießbar, da Führungsgabel an der Pistole fehlt.« Auf den naheliegenden Gedanken, ersatzweise die Führungsgabel einer anderen 08-Pistole zu benutzen, kam er nicht. So wurde das »Asservat 109/53« unverrichteter Dinge ins Polizeipräsidium zurückgeschickt, in einen Karton zu den anderen vom Düsseldorfer Publikum abgelieferten Schusswaffen gelegt und in der Asservatenkammer verwahrt. Die Polizei hatte sich somit selbst ihr einziges Beweismittel entzogen, das sie auf die Spur der Täter hätte führen können. Damit nicht genug, ein weiteres Ärgernis spielte den Mördern Dr. Stürmanns in die Hände: Derjenige, der von diesem Pistolenfund unbedingt hätte erfahren müssen, wurde erst gar nicht unterrichtet – der Leiter der Mordkommission »Rheinstadion«.

4

4 C3H5(ONO2)3 (I) –> 12 CO2 (g) + 10 H2O (g) + 5 N2 (g) + 2 NO

Er war fest davon überzeugt, dass es ihm bald gelingen würde, auch mit dieser Formel zu arbeiten, sie für seine hochfliegenden Pläne zu missbrauchen. Begierig las er weiter: Die große Sprengwirkung beruht auf der Bildung ausschließlich gasförmiger Zersetzungsprodukte beim Zerfall des Nitroglycerins und der damit verbundenen Volumenzunahme. Dabei ist kein weiterer Sauerstoff zur Oxidation der Nitroglycerinbestandteile notwendig, da dieser bereits im Nitroglycerinmolekül enthalten ist. Einige Zeilen später wurde es besonders interessant: Zusammensetzung des Dynamits: 75 % Nitroglycerin, 24,5 % Kieselgur, 0,5 % Natriumcarbonat.

Er plante das perfekte Verbrechen. Unablässig brütete er über Möglichkeiten und Methoden. In der Landes- und Stadtbibliothek Düsseldorf hatte er sich reichlich Literatur besorgt; natürlich unter falschem Namen, niemand sollte ihm auf die Schliche kommen können. Nun lag das ganze Material vor ihm ausgebreitet: Handatlas und Lehrbuch der Anatomie des Menschen – Narkose – Grundlage der Narkose in Theorie und Praxis – Die Schmerzverhütung bei chirurgischen Eingriffen – Genuß und Betäubung durch chemische Mittel.

Bevor er sich intensiv mit einer Substanz befasste, studierte er zunächst die »Wirkungen auf den Menschen«. Geeignet erschienen ihm jedoch nur solche Mittel, die einen Menschen binnen kurzer Zeit wehrlos machten – oder töten konnten. Er versuchte sich bestimmte Passagen einzuprägen: Die giftige Wirkung der Blausäure beruht auf der Wirkung des Cyanidions CN. Dieses kann durch das Einatmen des Gases in den Körper gelangen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, daß Cyanide oral, also über den Mund, aufgenommen werden, und im Magen unter Einfluß der Magensäure das Cyanidion freigesetzt wird. (…) Die Folge ist eine sehr schnelle innere Erstickung auf zellulärer Ebene. Dann stieß er auf einen Hinweis, der ihn elektrisierte, der seine destruktive Phantasie beflügelte: Eine Resorption ist auch über die Haut möglich!! Kontaktgift!!

Ihn faszinierte besonders die Vielfalt, die Variabilität. Naturwissenschaftliche Lehrbücher verstand er als Inspiration und Anleitung zum Verbrechen. Er verbrachte Stunden, Tage, Wochen und Monate damit, sich ungeheuerliche Szenarien auszumalen und zu überlegen, wie sie meisterhaft und vor allem fehlerlos durchzuführen waren, welche Mittel er dazu benötigte. Und immer wieder ertappte er sich dabei, wie ihm einzelne zuvor in einem der Bücher gelesene Sätze in den Sinn kamen und ihn auf eine diffuse Art erregten: Verlust des Sprachvermögens. Aussetzen der Atmung und des Pulses. Blaurot aufgetriebenes Gesicht, mit geöffnetem Mund.

5

1. November 1955, Allerheiligen, 10.35 Uhr.

Als Johanna Mehnert zur Andacht niederkniete, murmelte sie nicht das Vaterunser, sondern ein Stoßgebet für ihren Wilfried. Sie hatte ein ungutes Gefühl, eine dunkle Vorahnung. Ihr Sohn war in der vergangenen Nacht nicht nach Hause gekommen. Kein Lebenszeichen. Nichts. Die mütterlichen Instinkte schlugen Alarm, weil so etwas zum ersten Mal überhaupt passierte.

Auf dem Heimweg drängte sie ihren Mann Heinz zur Eile. Der 56-jährige Bäckermeister versuchte zu beruhigen. »Der Junge wird bestimmt schon zu Hause warten«, tröstete er. »In seinem Alter schlägt man schon mal über die Stränge. Als ich sechs­-undzwanzig war …«

Sie unterbrach ihn abrupt. »Aber Wilfried ist noch nie eine Nacht weggeblieben. Noch nie. Er hätte bestimmt angerufen. Er weiß doch, dass wir uns sonst Sorgen machen. Da muss etwas passiert sein!«

»Was soll denn schon passiert sein? Der Junge weiß sich zu helfen, er ist doch kein Kind mehr.« Mehnert gab sich alle Mühe, aber er klang nicht sonderlich überzeugend.

Und seine Frau wollte sich nicht beschwichtigen lassen. Es war etwas höchst Ungewöhnliches passiert, und alle Gründe und Erklärungen, die ihr dazu einfielen, missfielen ihr. »Vielleicht steht der Wagen jetzt vor der Tür«, versuchte sie sich und ihrem Mann wieder ein wenig Mut zu machen.

Die letzten Meter, ehe sie in die Glockenstraße einbogen, rannten die Eltern beinahe. Doch keine Spur von dem hellblauen Ford M 15, mit dem Wilfried am Abend zuvor noch einmal in die Düsseldorfer Altstadt gefahren war. Und in der Wohnung war er auch nicht. Als nach anderthalb Stunden und unzähligen Telefonaten das Schicksal ihres Sohnes nach wie vor ungewiss war, machte Johanna Mehnert sich auf den Weg. »Ich gehe zur Kripo. Du bleibst hier, falls er sich doch noch meldet«, beschied sie ihren Mann.

Wenig später saß die 53-Jährige einem Beamten in der Kriminalwache des Polizeipräsidiums gegenüber. »Helfen Sie mir! Mein Sohn ist verschwunden! Ich habe das furchtbare Gefühl, dass ein Verbrechen dahintersteckt!« Johanna Mehnert war außer sich.

Doch der Kripomann lächelte. Dass besorgte Mütter oder Väter das vermeintliche Verschwinden ihrer Töchter oder Söhne anzeigten, war nichts Außergewöhnliches. Und dass die Vermissten schon nach kurzer Zeit unversehrt und putzmunter wieder auftauchten, war der Regelfall.

»Immer mit der Ruhe, Frau Mehnert. Wir wollen nicht gleich den Teufel an die Wand malen. Seit wann ist Ihr Sohn denn verschwunden?«

»Seit gestern Abend. Er hat meinen Mann und mich nach dem Theater noch nach Hause gebracht. Dann haben wir ihm unseren Wagen geliehen, er wollte noch in die Altstadt in ein Nachtlokal. Er war mit einem jungen Mädchen zusammen …«

Der Beamte unterbrach sie. »Und wer hat die beiden zuletzt gesehen?«

»Der Wirt vom ›Csikós‹. Das ist so ein Künstlerlokal, wo Wilfried manchmal verkehrt. Er sah die beiden in den Wagen meines Sohnes steigen und davonfahren.«

»Na ist doch klar«, ereiferte sich der Kripobeamte, »sie werden eine Spritztour unternommen haben. Das soll ja schon mal vorkommen, gerade in dem Alter. Meinen Sie nicht auch?«

»Vielleicht. Aber Liesel ist ein anständiges Mädchen. Die beiden wollen bald heiraten.«

»Dann ist es ja noch wahrscheinlicher, dass sie mal ein bisschen allein sein wollten. Sie waren doch auch mal jung.« Der Kommissar grinste. »Warten Sie es ab, Ihr Sohn ist bald wieder da!«

Aber Johanna Mehnert wollte sich nicht einfach so abfertigen lassen, die Sache war zu ernst. »Jetzt hören Sie mir mal zu!«, fuhr sie den Beamten an. »Ich kenne meinen Sohn. Besser als Sie. Und wenn ich Ihnen sage, dass so was überhaupt noch nicht vorgekommen ist, dann kommen Sie mir nicht mit irgendwelchen Geschichten, die mit meinem Wilfried nicht das Geringste zu tun haben …«

Bevor sie sich in Rage reden konnte, wurde sie unterbrochen. »Schon gut! Kommen Sie bitte mit, wir nehmen jetzt eine Anzeige auf.«

Es war der 2. November, als gegen 22.15 Uhr im Hause Mehnert das Telefon schrillte. Heinz Mehnert hob ab und meldete sich mit Namen. Zunächst blieb es still. Dann aber sagte eine merkwürdig verstellte männliche Stimme: »Verdammtes Pack! Recht so! Ihr habt es nicht anders verdient! Es ist gut, dass das Schwein kaputt ist!« Konsterniert legte Mehnert den Hörer wieder auf die Gabel. »Wer war das denn so spät?«, fragte seine Frau. Mehnert überlegte einen Moment. Schließlich antwortete er: »Ach, nichts, vermutlich falsch verbunden.«

Am 9. November wurde im Landes-Kriminalblatt, einem periodisch erscheinenden Fahndungsjournal des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamtes, in der Rubrik »Vermißte, unbekannte Personen und unbekannte Tote« folgende Mitteilung abgedruckt:

»1. Mehnert, Wilfried, Franz Wilhelm, Bäckermeister, 14. 4. 29 Hamborn, zuletzt Düsseldorf, seit dem 1. 11. 55.

BESCHREIBUNG: 1,90 m, schlank, ovale Kopfform, hellblondes dichtes zurückgekämmtes Haar, ovales blasses Gesicht, hohe Stirn, blaue Augen, helle bogenförmige Augenbrauen, geradlinige Nase, schmale Lippen, im Oberkiefer Brücke mit 2 Goldzähnen, große gepflegte Hände, leicht nach vorn gebeugte lässig wirkende Haltung.

BESONDERE KENNZEICHEN: Am Unterleib rechts und mittig zwei größere Operationswunden.

BEKLEIDUNG: Brauner Filzhut, Kamelhaarmantel, unigrauer Anzug, graue Weste mit grün-blauen Karos, gestreiftes Seidentuch (quergestreift gold, braun und grau), schwarze Schuhe, Marke ›Balli‹. Trägt am rechten Mittelfinger goldenen Ring mit kleinen grünen und blauen Steinen, goldene Armbanduhr mit Lederarmband, außerdem ein silbernes Kettchen mit holländischer Münze.

2. Ingensandt, Lieselotte (wird Liesel gerufen), Magdalena Ruth, kaufmännische Angestellte, 25. 10. 33 Menden, zuletzt Brilon (in Düsseldorf zuletzt mit

MEHNERT (1.) gesehen), seit dem 1. 11. 55.

BESCHREIBUNG: 1,68 m, schlank, schmales Gesicht, hellblondes schulterlanges Haar (zum Pferdeschwanz gebunden), blau-grüne Augen, geradlinige Nase (Stupsnase), schmale Lippen, kleiner Mund.

BESONDERE KENNZEICHEN: hat leichte Rückgratverkrümmung. BEKLEIDUNG: weißes Petticoatkleid mit rosafarbenen Rosen, weiße Pumps (spitz zulaufend), schwarzer Wollmantel. Trägt silberfarbenen Armreif linke Hand, goldenes Collier, goldener Fingerring linke Hand (Gravur: ›10. 08. 55 Wilfried‹).

Die Gesuchten wurden letztmals in einem Ford M 15, polizeiliches Kennzeichen BR 781-378, hellblau, Limousine, Baujahr 1955, gesehen.«

Zu dieser Zeit waren bereits sämtliche Wachen und Streifenwagenbesatzungen im Düsseldorfer Stadtgebiet über das Verschwinden informiert. Routinemäßig überprüfte die Kripo nun bundesweit alle Fälle mit »unbekannten Toten«, allerdings ohne Erfolg. Auch im Verwandten- und Bekanntenkreis der Gesuchten herrschte Ratlosigkeit, niemand hatte sie nach dem 31. Oktober gesehen, niemand hatte eine Nachricht erhalten.

Eine Woche nach Beginn der Fahndung begann das 1. Krimi­­nalkommissariat sich für den Fall zu interessieren. Die Todesermittler vermuteten einen »kriminellen Hintergrund«. Wenn Lieselotte Ingensandt und Wilfried Mehnert tatsächlich Opfer eines »Kapitalverbrechens« geworden waren, war Eile geboten. Denn der Täter hatte mittlerweile einen enormen Zeitvorsprung und jedes weitere Zögern konnte zur Folge haben, dass Beweismittel vernichtet wurden. Aber auch ein Unglücksfall oder ein gemeinsamer Selbstmord konnten nicht ausgeschlossen werden. Zunächst mussten die Fahnder also »in alle Richtungen« ermitteln, wurde der neugierig gewordenen Presse mitgeteilt. Unerwähnt blieb indes eine weitere Vermutung der Kripo, Mehnert könnte seine Verlobte nach einem Streit getötet und sich danach mit dem Wagen der Eltern ins Ausland abgesetzt haben. Ein Verbrechen aus Leidenschaft?

Tatsächlich deuteten eine Reihe von Umständen zunächst auf eine »Beziehungstat« hin: das spurlose Verschwinden der Gesuchten und des Wagens, vor allem aber der Lebenswandel von Wilfried Mehnert, der nicht recht zu einem soliden Bäckermeis­ter passen wollte. Schnell hatten die Ermittler nämlich herausgefunden, dass Mehnert sich nach Feierabend zu einem der elegantesten Lebemänner, Partygänger und Schürzenjäger Düsseldorfs mauserte. Er ging allerdings nie allein aus. Fast immer umringten ihn drei Freunde, sämtlich teils wesentlich älter und nicht annähernd so elegant gekleidet wie der gut aussehende, junge Beau, der nur maßgeschneiderte Anzüge trug und einen teuren Wagen fuhr. Aber die drei Männer bildeten genau den Rahmen, den Mehnert brauchte. Sie hörten ihm zu, lachten, wenn er scherzte, widersprachen nicht, stellten keine unangenehmen Fragen. Mehnert bezahlte dafür, hielt seine Freunde aus. Er hatte stets Geld bei sich, ungewöhnlich viel für jemanden aus seinem Berufsstand.

Regelmäßig fuhr das ungleiche Quartett spätabends zuerst dorthin zum Essen, wo es elegant und teuer war. Danach amüsierte man sich in Düsseldorfer Nacht- und Szenelokalen, in denen getanzt wurde und zahlreiche Frauen verkehrten, die auch zum Tanz aufgefordert werden wollten. Mehnert selbst hielt sich zurück. Er saß am liebsten an einem Tisch inmitten seiner Freunde, plauderte ausgelassen, lauschte der Musik – und überlegte, welche Frau er wohl ansprechen könnte.

Erst in den Morgenstunden stand er auf, wenn er ein Mädchen entdeckt hatte, das nach seinem Geschmack war. Mühelos gelang es ihm, die Damen anzusprechen. Nach einer Weile bezahlte er für sich und seine Kumpels die Rechnung, gab ein großzügiges Trinkgeld. Dann hakte er sich bei seiner Bekanntschaft unter und verschwand mit ihr.

Nachdem einige seiner Freundinnen vernommen worden waren, glaubten die Ermittler auch zu wissen, wohin er gefahren war – zur abgelegenen Rotterdamer Straße, einer der beliebtesten »Liebhaberstraßen« Düsseldorfs. Stets hatte er den Wagen auf einem einsamen Parkplatz in der Nähe des Restaurants »Schnellenburg« abgestellt. Die jungen Frauen wussten nur Gutes über ihn zu berichten: »Er war ausgesprochen höflich, liebenswürdig und charmant«, »Gut erzogen, Kavalier alter Schule« oder »Er war jemand, dem man auf Anhieb vertrauen konnte«.

Im Frühjahr 1955, berichteten seine Freunde schließlich, habe »das mit einem Schlag aufgehört«. Mehnert lernte zu dieser Zeit auf einem Schützenfest im sauerländischen Brilon Lieselotte Ingensandt kennen. »Die Natürlichkeit des Mädchens hat ihn bezaubert, es war Liebe auf den ersten Blick«,

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