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Sexy, süß, frech sucht …

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Jess Harkins war zu alt für Verkupplungsversuche. Doch das hatte er in einem Moment der Schwäche vergessen, weshalb jetzt diese Frau neben ihm in seinem Jaguar saß – Suzanne Dougherty, eine Bekannte seines Freundes Gabe und von diesem angekündigt als “witzig und genau dein Typ”.

Sie hatten bei einem sehr teuren Abendessen bei “Anthony’s” angestrengt versucht, eine Unterhaltung in Gang zu halten, und waren jetzt auf dem Weg ins “Flying V” zum Tanzen, weil es unhöflich wäre, sie um neun Uhr an einem Freitagabend nach Hause zu bringen. Wieso hatte er sich überhaupt darauf eingelassen?

Gabe, seit fünf Jahren Vorarbeiter in seiner Baufirma, hätte wissen müssen, dass es keinen Sinn hatte, ihn mit jemandem wie Suzanne zusammenzubringen. Gabe und er besuchten oft gemeinsam Sportveranstaltungen und machten Bergwanderungen. Inzwischen sollte sein Freund eigentlich wissen, was für Frauen ihm gefielen. Doch entweder besaß Gabe keine allzu gute Menschenkenntnis, oder seine Bekannte hatte ihn dazu gedrängt, dieses Blind Date zu arrangieren. Wie dem auch sei, es funktionierte nicht.

Suzanne stellte das Radio an. “Lass uns Musik hören.”

“Gute Idee.” Hauptsache, kein peinliches Schweigen, dachte Jess.

Kaum hatte sie den Knopf gedrückt, fiel ihm ein, auf welchen Sender das Radio eingestellt war und was von montags bis freitags nach den Neun-Uhr-Nachrichten kam.

“Hallo, Leute! Hier ist Crazy Katie vom Sender KRZE in Tucson, Arizona. Heute ist Freitag, der siebzehnte Oktober, und dies ist Sex Talk!”

Suzanne lachte schrill. “Ich habe ganz vergessen, dass es neun Uhr ist.”

“Vielleicht sollten wir lieber Musik hören.”

“Nein, lass es an.” Suzanne hielt seine Hand fest. “Ich mag ihre Sendung. Ich habe sie schon eine Weile nicht mehr gehört.”

Jess hatte die Sendung früher auch gemocht und hatte sie regelmäßig gehört, egal, ob daheim oder wenn er mit seinem Wagen unterwegs war. Katies freche Stimme weckte Erinnerungen, und die Themen, die sie behandelte, interessierten ihn sehr.

Er hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, beim Sender vorbeizufahren und sie um der alten Zeiten willen zu bitten, mit ihm auszugehen. Jetzt, wo er neben dem KRZE-Studio, das in einem kleinen Lehmziegelbau aus den vierziger Jahren untergebracht war, ein Hochhaus baute, lag es sogar auf dem Weg.

Er hatte überlegt, ihr auf dem Heimweg eine Nachricht zu hinterlassen. Würde sie nicht überrascht sein, plötzlich wieder von ihm zu hören? Auch wenn sie vielleicht mit jemandem zusammen war, war es einen Versuch wert.

Aber der Gedanke daran, dass sie seit einigen Wochen sein Projekt attackierte und damit die Demonstranten anfeuerte, mit denen er sich herumärgern musste, hatte ihn von dieser Idee abgebracht. Das Projekt hatte von Beginn an Gegner mobilisiert, doch nachdem das Bauamt das Projekt genehmigt hatte, waren die meisten Proteste verstummt. Nur Katie ließ sich nicht beirren.

Na schön, die Baustelle bedeutete für einige Angestellte des Senders ein Hindernis. Aber das würde sich schon bald erledigt haben, da der Sender umziehen musste. Die Livingston Development Corporation verhandelte mit den Eigentümern des Senders über den Verkauf des Grundstücks.

Das Gebäude von KRZE stand auf einem Grundstück, das schlicht und einfach besser genutzt werden konnte. Die übrigen Grundstücke in der Straße waren für die Errichtung eines mehrstöckigen Einkaufszentrums freigegeben worden. Jess rechnete damit, auch dafür den Bauauftrag zu bekommen. Wie auch immer, sein jetztiges Bauprojekt war das prestigeträchtigste, das er je erhalten hatte. Wenn es fertig war, würde Harkins Construction die angesagte Baufirma in Tucson sein. Und Jess wollte diese Art von Jobsicherheit.

Außerdem machte ihm die Arbeit daran Spaß. Die neuen Gebäude würden das Geschäft in der Innenstadt beleben und der Skyline eine interessante neue Silhouette hinzufügen. Sie würden kein “Schandfleck” sein, wie Katie sie Mittwochabend genannt hatte, oder ein “Zeugnis menschlicher Gier und Ausschweifung”, ihre Bezeichnung von gestern Abend.

Er hätte Katies Sendung schon nach ihrem ersten Angriff nicht mehr hören sollen, doch die Neugier trieb ihn dazu. Es passte ihm gar nicht, vor Suzanne beleidigt zu werden. Aber jetzt konnte er nichts mehr tun. Wenn er darauf bestand, den Sender zu wechseln, würde er sich nur in die Defensive begeben.

“In dieser Sendung dreht sich alles um Sex”, kündigte Katie an. “Und hier ist unser allabendlicher Tipp aus dem Kamasutra. Seid ihr der üblichen, ewig gleichen Stellungen überdrüssig? Dann probiert das, Ladies – setzt euch auf ihn, presst die Beine zusammen und vollführt eine Drehbewegung. Lasst mich wissen, ob es bei euch funktioniert, ja?”

Jess hustete, um seine Bestürzung zu verbergen. Suzanne hatte ihm den ganzen Abend sexuelle Signale gesandt. Dieser Beitrag würde sie nur anspornen.

“Eine interessante Vorstellung”, bemerkte sie prompt. “Hat eine Frau das je mit dir probiert?”

“Nicht direkt.”

“Ich finde, es hört sich nach viel …”

“… Arbeit an”, meinte Jess.

“Nein, das wollte ich nicht sagen. Ich finde …”

“Heute Abend begrüßen wir Dr. Janice Astorbrooke im Studio.” Katies Stimme übertönte, was Suzanne sagen wollte. “Dr. Astorbrooke ist die Autorin von ‘Himmelwärts streben – Sexualsymbolik in der Architektur’.”

Jess fuhr weiter, obwohl die Ampel Gelb zeigte. Als hätte der Kamasutra-Tipp noch nicht genug Ärger verursacht, musste er sich jetzt auch noch eine Diskussion über Hochhäuser als Phallussymbole anhören.

“Kommen wir gleich zum Thema, Dr. Astorbrooke. Auf Ihrem Weg hierher haben Sie sicher bemerkt, was mit unserem netten kleinen Studio passiert. Eine so tiefe Baugrube bedeutet, dass das Fundament für ein sehr hohes Gebäude entsteht. Vierzig Stockwerke hoch, um genau zu sein.”

Dr. Astorbrooke besaß die tiefe Stimme einer starken Raucherin. “Katie, solange wir Männern erlauben, Gebäude zu entwerfen, werden wir immer höhere Häuser sehen. Mit vierzig Stockwerken ist dieses noch bescheiden.”

“Aber wir sind in Tucson, nicht in Manhattan”, gab Katie, Leidenschaft in der Stimme, zu bedenken.

“Mir ist aufgefallen, dass es sehr wenige Hochhäuser gibt. Die Motivation ist jedenfalls dieselbe, egal, wie hoch sie sind.”

Jess wappnete sich innerlich.

“Und welche Motivation soll das sein, Dr. Astorbrooke?”, fragte Katie.

“Kompensation für sexuelle Unzulänglichkeit.”

“Vorsicht!”, schrie Suzanne.

Jess trat auf die Bremse und verfehlte nur knapp den Wagen vor ihm. “Tut mir leid”, sagte er automatisch, in Gedanken jedoch noch ganz bei dem, was er gerade gehört hatte. Sexuelle Unzulänglichkeit? Blödsinn. Er verdiente gutes Geld mit dem Bau des Bürokomplexes und kompensierte überhaupt nichts.

“Faszinierend”, bemerkte Katie. “Es ist also so ähnlich wie die Vorliebe für PS-starke Autos?”

Katie konnte nicht wissen, dass er einen Jaguar fuhr. Trotzdem zuckte er zusammen.

“Genau so, nur noch auffälliger”, bestätigte Dr. Astorbrooke.

Suzanne lachte erneut schrill. “Mir ist gerade etwas klar geworden. Die Frau redet von deinem Hochhaus, stimmt’s?”

“Meine Firma baut es, aber ich habe es nicht entworfen.” Ja, ja, dachte er, gib ruhig dem Architekten die Schuld. “Aber mir gefällt der Entwurf”, zwang er sich hinzuzufügen.

Während Dr. Astorbrooke ihre Theorie detailliert erklärte, registrierte Jess, dass Suzanne auf seine Hose starrte.

Endlich machte Katie eine Werbepause. Noch nie war Jess so froh gewesen, Werbung für Autoreifen zu hören.

“Du hast mehrere Hochhäuser in der Stadt gebaut, nicht wahr?”, fragte Suzanne.

“Darauf sind wir spezialisiert.” Ja, er arbeitete gern an hohen Gebäuden, doch hatte es für ihn keinerlei sexuelle Bedeutung. Er mochte Sex. Und er war wahrhaftig kein schlechter Liebhaber. Sex war eine Sache, Arbeit eine andere. Für ihn hatte das eine nichts mit dem anderen zu tun.

“Und wieso bist du darauf spezialisiert?”

“Ich mag die Herausforderung, die mehrstöckige Gebäude darstellen.” Er hatte nicht vor, von seiner Faszination für Stahlträger oder seine Liebe zu Baukästen als Kind zu erzählen. Das würde bloß falsch interpretiert werden. Wenn er sagen musste, weshalb er gerne an Hochhäusern arbeitete, würde er möglicherweise zugeben, dass er die Macht und das Ansehen bewunderte, das sie repräsentierten. Als Sohn einer Kassiererin und eines Vaters, der ständig auf der Flucht vor dem Gesetz war, waren Macht und Ansehen etwas, das Jess während seiner Kindheit und Jugend nie kennengelernt hatte.

“Was hältst du von dieser Theorie?”

“Gar nichts. Sie ist Unsinn.” Jess hielt an einer roten Ampel.

“Natürlich ist sie Unsinn.” Suzannes Ton war plötzlich anzüglich. “Du bist ganz offensichtlich ein sehr männlicher Typ.”

Verdammt. Was sollte er tun, wenn sie der Ansicht war, er solle seine Männlichkeit beweisen? Er sah sie an, und tatsächlich, sie schien äußerst interessiert zu sein.

Seufzend fuhr er über die Kreuzung und wendete, damit er sie nach Hause fahren konnte. “Suzanne, du bist wirklich eine erstaunliche Person, aber …”

“Das hört sich an wie aus einer dieser Reality-Shows.”

Ertappt. Er hatte diesen Spruch in einer Sendung für männliche Singles aufgeschnappt, die eine Partnerin suchten, und sich für alle Fälle gemerkt. Offenbar funktionierte diese Masche aber nur in solchen Shows. “Na gut, das war ein blöder Spruch.” Er wartete auf eine Lücke im Verkehr und versuchte, sich etwas Besseres einfallen zu lassen.

“Du fährst mich nach Hause, nicht wahr?”

Er seufzte erneut. “Ich glaube nicht, dass wir beide füreinander bestimmt sind.” Das klang genauso lahm. Jess war nicht besonders gut darin, jemandem einen Korb zu geben, denn er verletzte die Gefühle einer Frau nur ungern.

“Du warst entspannt, bis das Thema Sex aufkam.”

Er war nicht entspannt gewesen, sondern hatte nur so getan. Anscheinend hatte Suzanne es ihm abgekauft, und er wollte es nicht noch schlimmer machen, indem er ihr das gestand.

Suzanne warf den Kopf zurück. “Vielleicht ist an der Theorie dieser Dr. Astorbrooke doch etwas dran.”

Er musste diesen Schlag gegen seinen männlichen Stolz einstecken, denn andernfalls hätte er etwas Verletzendes erwidern müssen. Es war nicht Suzannes Schuld, dass es zwischen ihnen nicht gefunkt hatte. “Schon möglich.”

“Dann ist es wohl besser, du fährst mich nach Hause. Für jemanden, der unzulänglich ist, bin ich nicht zu haben.”

Erleichtert fädelte Jess sich in den Verkehr ein. “Tut mir leid, dass es nicht geklappt hat.”

“Du könntest eine Therapie machen.”

“Ja, vielleicht sollte ich das.” Er erwischte ein paar grüne Ampeln und setzte Suzanne im Nu vor ihrer Haustür ab.

Indirekt hatte Katie ihm heute Abend einen Gefallen getan. Bedanken würde er sich dafür jedoch nicht. Sie hatte sich auf ihn eingeschossen, und er wollte, dass das aufhörte.

Für den Kampf gerüstet, fuhr er zum Sender.

Katie Peterson begleitete Janice Astorbrooke während einer Werbepause aus dem Studio. Anschließend kehrte sie zurück, um das Studio für Jared Williams aufzuräumen, dessen Sendung Sport total! um zehn begann. Zufrieden mit sich packte sie ihre Notizen ein.

Die Wände des kleinen Lehmziegelgebäudes, das sie so liebte, mochten zwar tagsüber vibrieren, wenn das schwere Gerät der Baufirma im Einsatz war, aber heute Abend hatte sie ganz schön zurückgeschlagen. Sie fühlte sich wie eine Kriegerin, die ihren Grund und Boden verteidigte. Dies war ihr Haus, auch wenn es ihr nicht gehörte.

Sie hatte verstanden, weshalb ihr vom Kummer geplagter Großvater es nach dem Tod ihrer Großmutter verkauft hatte. Damals war Katie noch zur High School gegangen. Sie hatte Verständnis dafür gehabt, dass ihre Eltern, die in einer Vorortsiedlung lebten, es nicht wollten, obwohl es sehr hart war, im selben Jahr die Großmutter und das Haus zu verlieren. Katie hasste es, keine Kontrolle über wichtige Dinge in ihrem Leben zu haben. Als der Bauantrag gestellt und das Haus bedroht wurde, schwor sie sich, alles zu seiner Rettung Nötige zu tun.

Dr. Astorbrooke war ein echter Gewinn für ihre Kampagne gewesen. Der Zahl der Anrufer während der ersten Hälfte der Sendung nach zu urteilen, hatte das Thema heftige Diskussionen ausgelöst. Und davon lebte Katie. Die Einschaltquoten zu steigern und dabei gleichzeitig Harkins Construction anzugreifen, das war gute Arbeit.

Punkt zehn kam Jared ins Studio geschlendert. Er war ein großer schlaksiger Kerl mit Brille, der seine Frau Ruth und Sportstatistiken liebte, und zwar in dieser Reihenfolge.

Katie stand auf und drehte das Mikrofon zu ihm. “Hast du etwas von meiner Sendung mitbekommen?”

“Und ob.” Jared setzte sich grinsend und griff nach dem Kopfhörer. “Nur damit das klar ist, ich habe kein Bedürfnis, Hochhäuser zu bauen.”

Katie lachte. “Das habe ich auch nicht angenommen. Ruth scheint mir eine sehr zufriedene Frau zu sein.”

“Ja, ihr hat deine Sendung auch gefallen. Sie saß noch am Radio, als ich losfuhr.”

“Richte ihr aus, dass ich ihre Unterstützung zu schätzen weiß. Jeder Hörer zählt.”

“Wird gemacht.” Jared setzte sich die Kopfhörer auf. “Schönes Wochenende.”

“Danke.” Katie winkte ihm zu und ging hinunter in die bescheidene Lobby des Senders.

“Tolle Sendung”, sagte Ava Dinsmore, die Praktikantin vom Pima College. Praktikanten wurden wegen des knappen Budgets gern genommen.

Ava kannte sich mit knappen Budgets aus. An ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag hatte sie beschlossen, ihren schlecht bezahlten Job aufzugeben und zu studieren. Sie mochte Piercings und wechselte gern die Haarfarbe, weshalb sie eher zum Radio passte als zum Fernsehen. Abgesehen davon, dass sie als Mädchen für alles fungierte, nahm sie morgens und abends die Anrufe entgegen.

“Du hattest jede Menge Anrufer”, berichtete sie.

“Ich weiß! War die Reaktion nicht klasse? Wir mussten sogar ein paar Ausdrücke rauspiepen. Es war herrlich.”

“Es gab auch persönliche Anrufe für dich.” Ava nahm mehrere Notizzettel.

Katie machte keine Anstalten, sich die Zettel zu schnappen. Ava liebte dramatische Augenblicke, und dazu gehörte, dass sie die Mitteilungen laut vorlas, statt sie einfach weiterzureichen. Von Anfang an hatte Katie es bewundert, dass Ava trotz ihres Zungenpiercings eine sehr deutliche Aussprache hatte.

“Ganz oben auf der Prioritätenliste: ein Anruf von Edgecomb. Die Eigentümer sind stocksauer wegen der Sendung heute Abend. Sie befürchten, die Verhandlungen mit Livingston Development könnten scheitern.”

“Sehr gut! Dann kann Livingston sein kostbares Hochhaus woanders bauen.”

“Ja, zum Beispiel auf der anderen Seite von uns, sodass der Sender eingequetscht ist. Unser Signal wird jedenfalls nicht mehr zu empfangen sein.”

“Deshalb müssen wir sämtliche Bauarbeiten stoppen! Ich gebe mich noch nicht geschlagen.”

“Edgecomb will aber, dass du aufgibst. Er will, dass du zum ursprünglichen Sendeformat zurückkehrst – Sexspielzeuge, Vorspieltechniken, solche Sachen.”

“Gestern Abend habe ich zwei Sexfilme besprochen und eine Stripteasetänzerin interviewt.”

“Ich weiß.” Avas stachelige Haare bewegten sich nicht, als sie nickte. “Aber zwischendurch attackierst du die Baustelle. Und heute Abend drehte sich die ganze Sendung darum. Edgecomb will, dass du damit aufhörst.”

“Das werden wir noch sehen.” Für den Montagabend hatte Katie einen Gast eingeladen, der über die sexuelle Bedeutung von Eisenwaren wie Bolzen, Schrauben und Muttern sprechen sollte, was ihr die Gelegenheit zu weiteren Attacken gegen den Bau geben würde. Sie freute sich schon auf die Sendung.

“Edgecomb meint, du kannst dich so viel du willst über das Projekt auslassen – in deiner Freizeit.” Avas rot geschminkte Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. “Eins muss ich dir ja zugute halten – ich hätte nie für möglich gehalten, dass es dir gelingt, Sex mit einer Baustelle in Verbindung zu bringen.”

“Für mich liegt das auf der Hand.” Die Verbindung war leicht herzustellen gewesen, da Jess Harkins und Sex für sie untrennbar miteinander verbunden waren. Allerdings würde sie niemals jemandem im Sender verraten, dass sie einen persönlichen Groll gegen den Bauunternehmer hegte, den man mit dem Projekt beauftragt hatte.

“Ich würde zu gern Mäuschen spielen, wenn man dem Bauunternehmer erzählt, dass er in der Sendung heute Abend als Schlappschwanz bezeichnet worden ist.”

“Ich habe ihn nicht Schlappschwanz genannt.” Katie lächelte verstohlen. “Das war Dr. Astorbrookes Theorie, nicht meine.” Sie hoffte inständig, dass Jess von der Sendung erfuhr. Das geschah ihm ganz recht.

“Ja, mir ist aufgefallen, dass du dich geschickt davor gehütet hast.” Avas Grinsen vertiefte sich. “Wirst du nun mit den Angriffen aufhören?”

Niemals, dachte Katie. “Ich werde mit Edgecomb reden.” Sie schaute zur Uhr an der Wand. “Wie lauten die anderen Nachrichten?”

“Eine stammt von Cheryl.” Ava las sie vor: “‘Gib’s ihnen, Katie! Lass uns morgen am üblichen Treffpunkt um sechs Margaritas trinken gehen.’” Ava sah auf. “Sie sagte noch mehr, aber das war es im Wesentlichen.”

“Gut. Danke.”

“Kann ich mitkommen?”

“Klar, warum nicht?” Katie vermutete, dass Ava allmählich ihrer alten Clique entwuchs und sich nach neuen Freunden umschaute. Katie und ihre beste Freundin Cheryl, eine erfolgreiche Anwältin, erschienen Ava wohl interessanter.

“Toll! Danke.”

“Das wird lustig. Sonst noch irgendwelche Nachrichten?”

“Ah, ja. Deine Mutter will wissen, wieso du auf dem netten Harkins-Jungen herumhackst.”

“Oh.” Offenbar hatte Ava sich diese Nachricht bewusst bis zum Schluss aufgespart, weil sie dahinter eine spannende Geschichte vermutete. Sie hatte einen sicheren Instinkt für so etwas.

Cheryl hinterließ vorsichtshalber keine allzu vertraulichen Nachrichten bei Ava, aber Katies Mutter schon. Sie hatte Jess immer gemocht und war außer sich gewesen, als Katie mit ihm Schluss gemacht hatte. Möglicherweise wollte sie sogar, dass die Leute im Sender erfuhren, dass er ein Exfreund war.

Ava musterte Katie neugierig. “Ich nehme an, sie meint den Typen, dem Harkins Construction gehört.”

“Hm, ja.”

“Deine Mom kennt ihn?”

Katie versuchte sich etwas einfallen zu lassen. Sie hatte verhindern wollen, dass jemand vom Sender von ihrer Verbindung zu Jess erfuhr, doch dank ihrer Mutter ahnte Ava etwas. Wenn Katie nichts sagte, würde Ava anfangen zu spekulieren, und das konnte noch schlimmer sein, als wenn sie die Wahrheit wusste.

Sie trat näher an den Schreibtisch und senkte die Stimme. “Hör zu, ich will nicht, dass es jeder weiß.”

“Du kannst dich auf mich verlassen.” Avas dunkle Augen leuchteten.

“Ich meine es ernst. Wenn sich das herumspricht, könnte es ziemlich übel für mich werden.”

“Es wird sich nicht herumsprechen.”

“Gut.” Sie musste darauf hoffen, dass Ava etwas an der Freundschaft und weiteren Einladungen zu Happy Hours mit Cheryl lag. “In meinem letzten Jahr auf der High School bin ich mit Jess Harkins gegangen.”

Ava stutzte. “Echt? Wow! Aber dann habt ihr euch wieder getrennt, oder?”

“Ja.”

“Und jetzt willst du dich rächen?”

“Nein.” Katie redete sich ständig ein, dass es keine Rache war. Es ging eher um Gerechtigkeit und darum, etwas zu schützen, woran ihr Herz hing. “Es ist einer dieser verrückten Zufälle, die einem im Leben passieren.”

“Aber du hast gesagt, er würde seine sexuelle Unzulänglichkeit kompensieren, indem er dieses Hochhaus baut. Das klingt, als hättest du ein persönliches Interesse daran, ihm eins auszuwischen.”

“Nicht ich habe das behauptet, sondern Dr. Astorbrooke …”

“Ich weiß, ich weiß. Aber du hast sie in deine Sendung eingeladen. War er so schlecht im Bett?”

“Ava, darauf werde ich nicht antworten.” Katie war es bewusst, dass sie durch ihren Versuch, Klatsch zu vermeiden, alles nur schlimmer gemacht hatte.

Ava lehnte sich zurück. “Du wirst mir also nicht verraten, weshalb eure Beziehung auseinanderging?”

“Nein. Tut mir leid.”

“Deine Mutter weiß es wohl auch nicht, sonst hätte sie nicht gesagt, er sei ein netter Junge.”

Da war Katie nicht so sicher. Sehr viele Mütter wären überglücklich gewesen über Jesses Verhalten auf dem Abschlussball. Katie war jedoch zutiefst verletzt gewesen.

Sie hatte geglaubt, darüber hinweg zu sein, aber dann war das Harkins-Construction-Schild nebenan aufgetaucht. Die langfristigen Pläne von Livingston Development, den ganzen Straßenzug einschließlich des Hauses ihrer Großmutter abzureißen, waren übel genug. Dass Jess daran beteiligt war, setzte dem Ganzen jedoch die Krone auf. Sie fragte sich, ob er sich überhaupt noch daran erinnerte, dass das Haus ihren Großeltern gehört hatte.

Möglicherweise hatte sie es ihm nicht erzählt. Sie waren viel zu sehr mit Petting in seinem alten Ford beschäftigt gewesen, um sich über ihre Familien zu unterhalten. Katie erinnerte sich daran, dass sie das Gefühl gehabt hatte, ihr Leben endlich wieder im Griff zu haben, nachdem sie den Verlust ihrer Großmutter und des geliebten Hauses hatte verschmerzen müssen. Sie war überzeugt gewesen, dass sie alles schaffen konnte – Discjockey zu werden wie ihr Großvater, in Tucson zu bleiben, wo ihre Freunde waren, und ihre Jungfräulichkeit an Jess in jener Nacht des Abschlussballs zu verlieren.

Doch Jess, ihre erste Liebe, der Junge, von dem sie geglaubt hatte, er sei ebenso verrückt nach ihr wie ihr Großvater nach ihrer Großmutter verrückt gewesen war, hatte es abgelehnt, mit ihr zu schlafen. Erneut hatte sie dieses schreckliche Gefühl, die Kontrolle über etwas zu verlieren, was ihr wichtig war. Nie wieder wollte sie sich so verletzlich vorkommen.

“Ich kann verstehen, weshalb niemand wissen soll, dass er dein Freund war”, sagte Ava. “Keine Sorge. Ich werde dichthalten.”

“Dafür bin ich dir unendlich dankbar.”

“Kein Problem.”

Katie blieb keine andere Wahl, als Ava zu vertrauen. “Ich gehe dann. Wir sehen uns morgen um sechs bei ‘Jose’s’. Du weißt, wo das ist, oder?”

“Natürlich.”

“Vielleicht können wir draußen auf der Terrasse sitzen.”

“Wenn ich zuerst da sein sollte, halte ich uns einen Tisch frei.” Ava klang überglücklich, eingeladen zu sein, also würde sie der Versuchung, zu tratschen, vielleicht widerstehen.

“Das klingt gut.” Katie ging zur Tür, einem antiken handgeschnitzten Stück aus Mexiko. Ihr Großvater hatte sie mit seinem Pick-up aus Nogales mitgebracht, zusammen mit mehreren Innentüren, die ebenfalls mit Schnitzereien verziert waren. Es sollte ein besonderes Geschenk für ihre Großmutter sein. Er machte ständig solche Sachen, um ihr zu zeigen, wie sehr er sie liebte. Und sie war genauso gewesen – sie bereitete ihm sein Lieblingsdessert zu und suchte auf Flohmärkten nach alten LPs, die er sammelte. Die beiden hatten eine ganz besondere Beziehung gehabt.

Bevor Katie die Hand um den Türknopf legen konnte, wurde er mit einem leisen Klicken gedreht. Eine dunkle Vorahnung jagte ihr einen Schauer über den Rücken, als die Tür aufging. Sekunden später blickte Katie in vertraute braune Augen, die vor Wut blitzten, und ihr Herz raste genauso wie damals auf der High School.

Jess Harkins hatte die Sendung heute Abend gehört.

2. KAPITEL

Jess hatte Katie seit dreizehn Jahren nicht persönlich gesehen. Aber an Fotos von ihr war er bei seinen Fahrten durch die Stadt unzählige Male vorbeigekommen. Schon mehrmals hatte er erotische Träume von der Katie auf den Reklametafeln gehabt, und wahrscheinlich war er nicht der einzige Mann, dem es so erging.

Die Katie auf der Reklametafel räkelte sich in einer engen schwarzen Hose und einer schwarzen Bluse mit tiefem Ausschnitt auf einer roten Samtcouch. Ihre blonden Haare umrahmten ein Gesicht, dessen Ausdruck heißen Sex verhieß. Wenn sie ihn auf diese Weise beim Abschlussball angesehen hätte, wäre er nicht in der Lage gewesen, ihr zu widerstehen. Mit achtzehn jedoch hatte auch sie die für diesen Blick nötige Erfahrung noch nicht besessen.

Die Katie aus der Realität trug einen eleganten grauen Hosenanzug und hatte die Haare hochgesteckt.

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