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Der Letzte von uns

Über Adélaïde de Clermont-Tonnerre

Adélaïde de Clermont-Tonnerre, 1976 in Neuilly-sur-Seine geboren, ist Journalistin und Autorin. Ihr Roman »Der Letzte von uns« erhielt 2016 einen der renommiertesten Literaturpreise Frankreichs, den Grand Prix du Roman de l’Académie Française.

Amelie Thoma studierte Romanistik und Kulturwissenschaften in Berlin und war viele Jahre lang Lektorin, ehe sie sich als Übersetzerin selbständig machte. Sie übertrug u. a. Marc Levy und die Goncourt-Preisträgerin Leïla Slimani ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Während der Bombennächte in Dresden bringt die schwer verwundete Luisa ihren Sohn zur Welt. Kurz darauf stirbt sie. Ihr letzter Wunsch ist es, ihn in Sicherheit zu wissen, denn sie ahnt: Er ist der Letzte von ihnen.

Manhattan, fünfundzwanzig Jahre später. Wern ist jung, ambitioniert und unsterblich in Rebecca verliebt, enfant terrible und Tochter einer reichen New Yorker Familie. Die beiden verbindet eine außergewöhnliche Liebe: leidenschaftlich, inspirierend und bedingungslos, so zumindest scheint es. Doch plötzlich bricht Rebecca ohne weitere Erklärungen den Kontakt zu ihm ab. Und Wern muss sich einer schmerzhaften Wahrheit stellen.

»Absolut atemberaubend!« Tatiana de Rosnay, Autorin von »Sarahs Schlüssel«.

»Der Stoff, aus dem eine Saga gemacht ist!« Elle.

Adélaïde de Clermont-Tonnerre

Der Letzte von uns

Roman

Aus dem Französischen
von Amelie Thoma

Für Laurent

Manhattan, 1969

Das Erste, was ich von ihr sah, war ihre schlanke, zarte, vom Riemchen einer blauen Sandale umschlossene Fessel. Bis zu diesem Tag im Mai hatte ich keine besondere Vorliebe für einen bestimmten Teil des weiblichen Körpers gehabt, und wenn, so hätte ich mich spontan für den Po, den Hals oder vielleicht den Mund entschieden, aber sicher nicht für die Füße. Gerade war ich in ein Gespräch mit Marcus, meinem Freund und Geschäftspartner, vertieft gewesen. Wie so häufig, hatte er mir mein Glück bei den Frauen vorgeworfen.

»Als müsstest du sie alle haben«, schimpfte Marcus, der in amourösen Angelegenheiten nicht ganz so erfolgreich war. »Du setzt dich irgendwo hin, siehst dich um, trinkst was, und hopp!, schon scharwenzeln mindestens zwei um dich herum.«

Er riss die Augen auf und machte einen Kussmund, um seine Worte zu illustrieren, gerade in dem Moment, als eine der Kellnerinnen mir schüchtern zulächelte.

»Es ist zum Verzweifeln! Wenn ich sie wäre, hätte ich eher Angst, dir zu nahe zu kommen. Mit deiner riesenhaften Statur, deinen slawischen Zügen und den wässrig blauen Augen …«

»Meine Augen sind nicht wässrig blau! Sie sind hellblau.«

»Sie sind wässrig. Meine sind blau, haben aber ganz und gar nicht dieselbe Wirkung. Bei mir wollen die Frauen vor allem reden, über ihr Leben, ihre sämtlichen Kümmernisse, die Eltern, den ersten Zahn … das alles muss ich mir wochenlang anhören, du dagegen kriegst sie innerhalb von einer Viertelstunde rum.«

»Ich hab dir nie eine weggeschnappt!«

»Viel schlimmer! Du unternimmst nichts, um sie mir wegzuschnappen, und sie werfen sich dir ganz von allein an den Hals.«

»Wenn du mir sagen würdest, welche dir gefallen, dann würde ich sie nicht mal anschauen.«

»Ich will keine Freundin, die mich vergisst, sobald du den Raum betrittst.«

Das Bild, das Marcus von mir zeichnete, war maßlos übertrieben. Ich begnügte mich nicht damit, mich hinzusetzen und zu warten, dass die Frauen sich auf mich stürzten. Ich tat, was nötig war, um sie zu bekommen. Ich hatte ihm meine goldenen Regeln immer wieder erklärt, doch meine unverblümte Herangehensweise erschien ihm »zu simpel«. Er wollte es lieber kompliziert, Direktheit entsprach einfach nicht seinem Naturell. Er zog es vor, seine eigene Schüchternheit mit meiner angeblich unwiderstehlichen Anziehungskraft zu entschuldigen. Dabei bestand sein Talent darin, Männern wie Frauen das Gefühl zu geben, dass sie ihm alles anvertrauen konnten – auch wenn er es nicht zu seinem Vorteil zu nutzen wusste. Und meine Begabung war nun mal, die Mädchen zu verführen.

Ich war gerade vierzehn geworden, als sie begannen, mir Beachtung zu schenken. Es war auf der Hightschool, nach meiner Prügelei mit dem zwei Jahre älteren Billy Melvin, der die Schüler der Hawthorne Highschool terrorisierte. Eines Tages hatte er mich mit wutverzerrtem Gesicht »Knilch« genannt, in Anspielung auf meinen Nachnamen Zilch. Ich war schon fast so groß wie er, das konnte er nicht ertragen. Ich hasse diese Typen, die glauben, sich jede Anmaßung herausnehmen zu können, weil ihnen alles in den Schoß gefallen ist. Die Ehrfurcht, die sie umgibt, und ihre Verachtung gegenüber dem Rest der Menschheit bringen mich zur Weißglut. Ich habe ganz und gar nichts gegen Geld, aber ich habe nur dann Respekt davor, wenn es verdient wurde, nicht wenn Typen wie Billy es geerbt haben.

Ein Blick genügte, um zu begreifen, dass er dumm war. Ich mochte sein arrogantes Benehmen einfach nicht. Ich mochte nicht, wie er sich bewegte, wie er sprach, wie er mit überlegener Miene auf die Leute herabsah. Als er dann auch noch zu mir sagte: »Du bist ein Knilch, den zwei Trottel aus Mitleid aufgenommen haben«, packte mich eine Riesenwut, wie sie mich manchmal überkommt. Marcus sagt, dass ich dann kreidebleich werde und man das Gefühl hat, jemand anders würde von mir Besitz ergreifen. Ich habe Billy also am Arm gepackt und ihn gegen eine der großen Fensterfronten geschleudert, die der ganze Stolz unserer Highschool waren. Ein paar Sekunden lang war er ziemlich bedröppelt, dann hat er sich geschüttelt wie ein Hund, der aus einer Pfütze springt, und sich auf mich gestürzt. Wir haben uns auf dem Boden gewälzt, bis die Hofaufsicht und der Kapitän der Footballmannschaft uns trennten. Billy hinkte fluchend davon, mit blutiger Nase und einem lädierten Ohr. Mein T-Shirt war bis zum Bauch aufgerissen, meine linke, noch immer zur Faust geballte, Hand ramponiert, und am Kinn hatte ich eine Platzwunde, aus der dicke rote Tropfen auf den Beton des Schulhofs fielen.

Wir wurden beide für eine Woche vom Unterricht suspendiert, während der wir gemeinnützige Tätigkeiten verrichten mussten. Ohne ein Wort miteinander zu wechseln, arbeiteten wir ein paar Tage lang vor uns hin – kehrten Blätter zusammen, reparierten einen Gartenzaun, räumten Hunderte Archiv-Kartons um.

Dieser Verweis brachte mir eine gepfefferte Standpauke meiner Mutter Armande ein sowie die halbamtlichen Glückwünsche meines Vaters Andrew. Ihm gefiel die Vorstellung, dass ich einem älteren Jungen eine Abreibung verpasst hatte, auch wenn es deswegen Ärger gab. Als wir wieder in die Schule kamen, organisierte Marcus, der damals schon einen Hang zur Juristerei hatte, obwohl er zu jener Zeit eher Konzertmusiker als Anwalt werden wollte, die Friedensverhandlungen, die schließlich zur Unterzeichnung einer von ihm aufgesetzten feierlichen Vereinbarung führten. Danach wurde der Schulhof entlang einer Diagonalen, die von den Türen der Umkleiden bis zum Eingang der Schulmensa reichte, in zwei Hälften aufgeteilt, die Mädchen- und die Jungstoiletten wurden schraffiert und zu neutralem Terrain erklärt. Der geschichtsbegeisterte Marcus hatte sie »die Schweiz« getauft, was zwischen ihm und mir ein geflügeltes Wort geblieben ist. Noch heute gehen wir »in die Schweiz«, wenn wir mal pinkeln müssen.

Diesem Eklat und meinem relativen Sieg, der darin bestand, dass ich mich von Billy nicht hatte massakrieren lassen, verdankte ich neue Freundschaften und meine erste Freundin: Lou. Sie passte mich eines Tages in der Sporthalle ab, drückte mich an die Wand und küsste mich. Es schmeckte nach Kirschbonbons und fühlte sich, nach dem ersten Schreck über diesen kühnen Vorstoß, ziemlich weich an. Mir war es irgendwie zu nass. Aber Lou war das hübscheste Mädchen von Hawthorne. Sie war zwei Jahre älter als ich – so alt wie Billy – und ziemlich kess, was in klarem Kontrast zu ihren braven Faltenröcken stand. Sie hatte lange braune Haare und Brüste, die allen Jungs der Highschool den Kopf verdrehten. Lou war sozusagen eine Chance, die man nicht ausschlug. Im »Unternehmerklub« der Schule hatte uns der Lehrer eingebläut, dass man »günstige Gelegenheiten erkennen und ergreifen« musste. Obwohl ihre Attacke mich überrumpelt hatte, war ich schnell zu dem Schluss gekommen, dass Lou dem zweiten Schema entsprach: »Günstige Gelegenheit mit geringem Risiko«, einem der Fälle, in dem der potentielle Gewinn am größten ist. Leicht verstört, aber auch stolz, ergriff ich also meine Chance, und so hatte ich, als ich aus der Turnhalle trat, diese Bombe von einem Mädchen im Arm. Vor dem Schulgebäude wickelte sie sich um mich, wie Efeu um einen Baum. Der Geschichtslehrer, ein säuerlicher Alter, der nur Marcus leiden konnte (den Einzigen, der sich für die vorzeitlichen Eroberungen unaussprechlicher Könige in mikroskopischen Landstrichen interessierte), forderte uns auf, uns »anständig zu benehmen«. Ich versuchte mit einer großspurigen Antwort von dem Tumult aus Zweifeln und Hormonen in meinem Innern abzulenken. Lou dagegen warf ihm nur lässig hin: »Ist ja schon gut! Wir leben immerhin in einer Demokratie!«, und knutschte mich weiter ungerührt, woraufhin der Herr Professor tiefrot wurde und schleunigst das Weite suchte.

Lou erhöhte noch das Ansehen, das der Kampf und das Abkommen mit Billy mir eingebracht hatten. Die Jungs der Schule glaubten plötzlich an meine Superkräfte, die Mädchen warfen mir verliebte Blicke zu. Sie kicherten, wenn ich vorbeiging, und vertrauten Marcus an, dass sie für meine blauen Augen und mein süßes Lächeln schwärmten.

Seit damals hatte ich nie Schwierigkeiten, Frauen kennenzulernen, war aber auch nie wirklich bereit, mich zu binden. Eine meiner Freundinnen, eine Psychologiestudentin – ich liebte ihre Gewohnheit, die Brille aufzubehalten, wenn wir miteinander schliefen –, hatte dies damit erklärt, dass ich adoptiert und dadurch mein Urvertrauen zerstört worden war. Ich hätte, so meinte sie, eine tiefsitzende Verlustangst, die mich von einer Beziehung in die nächste trieb. Ich für meinen Teil glaubte vor allem, dass die meisten Frauen zwanghaft auf ernstgemeinte, feste Zweierbeziehungen fixiert waren. Sie wollten, dass die Männer sich verliebten, und beschimpften diejenigen, denen das nicht gelang, als Mistkerle. Zum Glück gab es in den sechziger Jahren trotzdem noch genug Mädchen, die ihre Freiheit auskosten wollten, und davon habe ich gründlich profitiert. Aber dieses goldene Zeitalter endete jäh an dem Tag, als eine junge Frau im Restaurant Gioccardi meine Unbekümmertheit mit ihren blauen Sandalen zertrat.

Marcus und ich aßen im Erdgeschoss der Trattoria in SoHo. Wir kamen beinahe jeden Tag her. Der Besitzer vergötterte Shakespeare, meinen Hund, und stellte ihm immer etwas zu fressen hin. Das war ein unschätzbarer Vorteil, denn die meisten Leute hatten Angst vor ihm. Wenn er sich auf die Hinterbeine stellte, reichte er mir fast bis zu den Schultern und wirkte trotz seines rotblonden Zottelfells ziemlich furchteinflößend. Ich beugte mich gerade über meine Spaghetti mit Pesto, als sie, die meine Haltung gegenüber den Frauen für immer verändern sollte, auf der Treppe erschien. Nach ein paar Stufen blieb sie stehen, so dass ich zunächst nur ihre zierlichen Fesseln bewundern konnte.

Sie sprach mit jemandem hinter sich. Ich brauchte eine Weile, bis ich ihre Stimme aus dem allgemeinen Gewirr der Gespräche und des Besteckgeklappers herausgeschält hatte. Sie wolle unten essen, erklärte sie nachdrücklich. Der Saal oben sei so gut wie leer. Das sei ihr zu öde. Die Stimme eines Mannes, dessen braune Mokassins ich nun sah, protestierte. Oben sei es ruhiger. Der linke Fuß der jungen Frau trat auf die nächsttiefere Stufe und offenbarte ein Stück Wade. Er stieg wieder höher, dann erneut nach unten und setzte seinen Weg endlich fort. Während sie nach und nach zum Vorschein kam, ließ ich meinen Blick über die elegante Linie ihrer Schienbeine gleiten, ihre Knie, den Ansatz der Oberschenkel. Ihre nur leicht gebräunte, geradezu unwirklich perfekte Haut verschwand unter dem schwingenden Saum eines blauen Rocks. Ein Gürtel hob ihre Taille hervor, und ich malte mir aus, wie es sich anfühlte, sie zu umfassen. Die ärmellose Bluse ließ den Blick auf ihre schlanken Arme frei. Weiter oben wurde ein eleganter Hals sichtbar, der zerbrechlich wirkte.

Lachend nahm sie die letzten drei Stufen. Ein Leuchten erfüllte den Raum, als sie ihn betrat. Sie zog einen Mann von etwa vierzig Jahren hinter sich her, der eine beige Hose und einen marineblauen Blazer mit gelbem Einstecktuch trug. Sehr verärgert, bemühte er sich, ihr zu folgen, ohne die Treppen hinunterzufallen.

»Ernie, du bist wirklich todlangweilig!«

Ich musterte sie so unverhohlen, dass sie instinktiv zu mir herübersah und für den Bruchteil einer Sekunde innehielt. Kaum hatte ihr Blick mich gestreift, wusste ich, dass dieses Mädchen mir besser gefiel als alle, die ich jemals kennengelernt oder auch nur begehrt hatte. Mein Herz schlug schneller, und mir wurde heiß. Sie hingegen schien überhaupt nicht beeindruckt zu sein. Dafür sah »Ernie« mich erbost an. Sofort straffte sich mein Körper. Ich war bereit, um sie zu kämpfen. Was hatte er überhaupt hier zu suchen? Er verdiente dieses wundervolle Wesen nicht. Ich schaute ihn provozierend an, doch er wandte nur den Blick ab.

Ein Kellner, der von ihr ebenso fasziniert zu sein schien wie ich, führte sie an einen Tisch.

»Hast du mitbekommen, dass ich dir vor einer Minute und fünfzehn Sekunden eine Frage gestellt habe?«, meldete sich Marcus zu Wort. Er tippte mit dem Zeigefinger auf seine neue Uhr, deren Stoppfunktion er aktiviert hatte.

Ich konnte die Augen nicht von ihr abwenden, während sie sich mit dem Rücken zum Raum hinsetzte. Wie in Trance fragte ich: »Findest du sie nicht auch wundervoll?«

»Sie ist in der Tat sehr schön und sehr begleitet, das dürfte dir nicht entgangen sein …«

»Glaubst du, sie sind ein Paar?«

Der Gedanke, dass meine Göttin mit diesem alten Dandy liiert sein sollte, erschien mir unerträglich.

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung, Wern«, erwiderte Marcus, »aber wenn wir einmal miteinander essen könnten, ohne dass du dir die Halswirbel ausrenkst, um allem hinterherzuglotzen, was einen Rock trägt, wäre das Balsam für mein Ego.«

»Schatz, verzeih, ich bin dir gegenüber nicht aufmerksam genug«, frotzelte ich und legte dabei meine Hand auf seine.

Marcus zog sie mit gekränkter Miene zurück.

»Du weißt genau, dass es nicht darum geht. Aber wir sollten vor unserem Treffen heute Nachmittag wirklich dringend ein paar winzige Details klären.«

Unsere sehr junge Baufirma befand sich gerade in einer heiklen Entwicklungsphase. Wir hatten alles, was wir mit unserem ersten Projekt verdient hatten, zusammen mit einem Maximum an geborgtem Geld in den Bau zweier Mietshäuser in Brooklyn investiert. Nachdem alle Genehmigungen erteilt waren, hatte ein Kommunalbeamter wegen einer obskuren Katastergeschichte einen Baustopp erwirkt. Dabei scherte er sich den Teufel um das Gesetz, er wollte uns nur zwingen, ihn ein weiteres Mal zu schmieren.

Für sechzehn Uhr war nun eine Anhörung anberaumt, in der es galt, unsere Zukunft zu retten, doch ich konnte mich kaum auf unsere Argumente konzentrieren, meine Gedanken wanderten immer wieder zu der schönen Fremden, die nur wenige Tische von uns entfernt saß. Sie hielt sich so gerade, dass ihre Schultern die Stuhllehne nicht berührten. Ihre um sie herumflatternden Hände untermalten jedes ihrer Worte in einer anmutigen Choreographie.

Marcus sah mich irritiert an. Er kannte meine Schwäche für die Frauen, doch er war es gewohnt, dass unsere Firma immer Vorrang hatte.

Jetzt legte die Unbekannte den Kopf in den Nacken und streckte sich ungeniert in einer geschmeidigen, katzenhaften Bewegung. Auf ihren Schultern bildeten sich Grübchen, und ihre langen lockigen Haare schienen ein Eigenleben zu führen. Wie gerne hätte ich meine Hände nach ihnen ausgestreckt und mein Gesicht darin vergraben.

»Gibt es ein Problem, Mr Werner?«, fragte Paolo, der Inhaber des Lokals. Eine Flasche Marsala in der Hand, betrachtete er besorgt meinen randvollen Teller. Er war immer stolz wie eine sizilianische Mamma, wenn er mich riesige Portionen Pasta und Lasagne oder ein enormes Roastbeef verschlingen sah. Nur heute hatte ich meine Spaghetti nicht angerührt.

»Ist die Pasta nicht gut? Nicht genug gesalzen? Verkocht?«, versuchte er den Fehler zu diagnostizieren.

Ich bemerkte ihn gar nicht. Mit einer schnellen, gewundenen Handbewegung hatte die Unbekannte gerade ihre Haare über einer Schulter zusammengefasst und dabei für den Bruchteil einer Sekunde ihren Nacken entblößt. Warum kam sie mir so vertraut vor, obwohl ich mir sicher war, dass ich ihr noch nie zuvor begegnet war? Wie konnte ich sie ansprechen?

Paolo schnappte sich indessen meinen Teller, schnüffelte an ihm und wetterte dann los:

»Giulia! Was hast du mit der Pasta von Mr Zilch angestellt!«

Der ganze Saal drehte sich nach ihm um, auch meine Unbekannte. Ein amüsiertes Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie sah, dass ich sie wie verhext anstarrte. Dann wandte sie sich wieder ab.

Ich wollte alles über sie wissen, alles an ihr kennenlernen, ihren Duft, ihre Stimme, ihre Eltern, ihre Freunde; wo sie wohnte, mit wem; wie ihr Zimmer eingerichtet war, welche Kleider sie trug, wie sich ihre Laken anfühlten, ob sie nackt schlief, ob sie im Schlaf redete. Ich wollte, dass sie mir ihren Kummer und ihre Träume anvertraute, ihre Wünsche und ihre Sehnsüchte.

»Ich habe es ihr schon hundert Mal erklärt!«, empörte sich Paolo. »Sie wird nie lernen, Pesto zu machen! Auf das Handgelenk kommt es an … und auf die Kraft, man muss im Mörser ordentlich stampfen und drehen«, erklärte er und imitierte dabei mit grimmiger Miene die erforderliche Rotationsbewegung. »Giulia, die rührt das Pesto wie eine Vinaigrette mit weichem Handgelenk, anstatt dass sie den Stößel fest und gerade hält!«

Ich malte mir aus, wie ich aufstand, zu ihr ging, den Dummkopf, der sie begleitete, zur Seite schob, sie bei der Hand nahm und entführte, um sie durch und durch zu erkunden.

»Ist er krank? Fühlt er sich nicht gut?«, fragte Paolo, der die Spaghetti inzwischen probiert hatte und offensichtlich nichts daran auszusetzen fand, was wiederum ein triumphierendes Lächeln auf Giulias Gesicht zauberte, die alarmiert aus der Küche herbeigeeilt war.

Marcus versuchte, dem Wirt den Teller wieder abzunehmen.

»Mach dir keine Gedanken, Paolo, die Pasta ist köstlich, und Wern geht es blendend, er ist nur verliebt.«

»Verliebt!«, riefen Paolo und Giulia verblüfft aus.

»Verliebt«, bestätigte Marcus.

»Aber in wen?«

»Die Blonde in Blau-Weiß«, fasste Marcus mit einem Kopfnicken in Richtung der schönen Unbekannten prosaisch zusammen.

Wir zogen das Mittagessen in die Länge, während Paolo sich bemühte, mit ihr ins Gespräch zu kommen und etwas über sie zu erfahren, aber Ernie verscheuchte ihn.

Mittlerweile hatten wir unseren vierten Kaffee bestellt. Shakespeare, daran gewöhnt, dass wir unsere Teller in Windeseile leerputzten, wurde langsam unruhig. Ich wuschelte ihm durchs Fell, und er legte sich winselnd wieder zu meinen Füßen nieder. Zerstreut antwortete ich auf Marcus’ Fragen, der mit seinem silbernen Füllfederhalter in einem ledergebundenen Notizbuch die Argumente auflistete, mit denen wir den Bezirksvorsitzenden überzeugen wollten. Als ich sah, dass Ernie die Rechnung beglich, begann mein Puls zu rasen.

Gleich würde meine Schöne auf Nimmerwiedersehen im Dschungel von Manhattan verschwinden, und ich hatte keine Ahnung, wie ich sie daran hindern sollte.

Sie erhoben sich.

Ich sprang auf und folgte ihnen in der Hoffnung, dass sie mich bemerken, mir noch ein letztes Lächeln schenken würde. Fieberhaft überlegte ich, wie ich sie aufhalten könnte, da verfing sich plötzlich der Riemen ihrer Handtasche in der Türklinke und riss, so dass der halbe Inhalt der Tasche auf dem Boden landete. Sie hockte sich hin, und ich war mit zwei schnellen Schritten neben ihr, um ihr zu helfen. Gebannt sah ich, wie der V-förmige Anhänger ihrer Kette in ihren Ausschnitt rutschte. Die Spitzen des goldenen Schmuckstücks bohrten sich leicht in ihre Haut. Es schien sie nicht zu stören, während mir von dem Anblick ganz schwummrig wurde.

Ich griff nach allem, was mir unter die Finger kam. Filzstifte, ein Tintenradierer, lose, mit seltsamen Mustern bekritzelte Blätter, eine Haarbürste, Carmex-Lippenbalsam, eine Schiebermütze aus Jeansstoff und seltsamerweise ein Korkenzieher, der sie mir, ebenso wie das Durcheinander in ihrer Tasche, menschlicher und noch begehrenswerter erscheinen ließ.

Ernie blieb auf die Straße verbannt. Er war schon hinausgetreten, und der Eingang war zu schmal, als dass er an seiner Begleiterin vorbei wieder hätte hineinkommen können. Ohnehin wären die Nähte seines Anzugs geplatzt, wenn er in die Hocke gegangen wäre.

Von draußen versuchte er, mich loszuwerden: »Danke, wir machen das schon … Nun stehen Sie endlich auf! Ich sage Ihnen doch, dass wir keine Hilfe brauchen.«

Wortlos reichte ich meiner Schönen, was ich aufgesammelt hatte. Sie hob den Kopf, und ich war verzaubert von der Farbe ihrer Augen. Ein tiefes Veilchenblau, gesprenkelt mit Intelligenz und Sensibilität. Als sie ihre Tasche aufhielt, damit ich alles hineinlegen konnte, entglitt mir ein Heft und fiel wieder zu Boden, wo es aufgeschlagen liegen blieb. Seine Seiten zeigten Skizzen von nackten Männern. Mit einem amüsierten Lächeln nahm sie es auf und verbarg es in der Tasche, dann sah sie mir wieder direkt in die Augen.

»Danke, das war sehr freundlich.«

Ihre Stimme, die fester und tiefer klang, als ihre feinen Züge es vermuten ließen, jagte mir Schauer über den Rücken. Die Art, wie sie mich ansah, ebenfalls. Direkt und offen, als versuchte sie mich in wenigen Sekunden zu ergründen. Als sie aufstand, streifte mich ein Hauch ihres Duftes nach Amber und Blumen. Ich bedauerte, dass es mir nicht gelungen war, sie zu berühren, doch Ernie hatte sie schon am Arm gepackt und auf den Bürgersteig gezogen. Ehe ich mir noch etwas ausdenken konnte, um sie zurückzuhalten, stieg sie in die Limousine dieses degenerierten Schnösels. Als sie hinter den getönten Scheiben verschwand, empfand ich körperliche Schmerzen. Bei der Vorstellung, sie nie mehr wiederzusehen, stockte mir der Atem. Ohne nachzudenken, rannte ich los wie ein Verrückter, Shakespeare dicht auf den Fersen. Passanten schrien vor Schreck auf, als mein riesiger Hund über den Bürgersteig galoppierte. Marcus, der in der Zwischenzeit nur kurz »in der Schweiz« gewesen war, sprintete hinter uns her. »Warte! Was ist denn in dich gefahren?« Ich schob Shakespeare und Marcus förmlich in unseren gelben Chrysler und brauste los, während mein Freund mich als »unzurechnungsfähiges Subjekt« und »manischen Psychopathen« titulierte. Verzweifelt suchte ich die Straße nach der Limousine ab. Als Marcus den Ausdruck wilder Entschlossenheit auf meinem Gesicht sah, murmelte er beunruhigt:

»Wern, du kannst einem manchmal Angst machen.«

Sachsen, Deutschland, 1945

Es war eine Nacht im Februar, eine weitere Nacht des Verderbens für die Menschheit. Auf Hunderten von Hektar brannten die Ruinen unter einem beißenden Ascheregen. Dresden hatte sich in ein endloses Flammenmeer verwandelt, das Körper, Hoffnungen und Leben zunichtemachte, eine Inkarnation des Chaos, so weit das Auge reichte. Der Beschuss war so massiv gewesen, dass im Zentrum kein einziges Gebäude mehr stand. Die Detonationen hatten die Häuser weggeblasen wie tote Blätter. Dann waren die Brandbomben gefolgt und hatten eine gierige Feuersbrunst entfacht, die Männer, Frauen und Kinder verschlang. Emporlodernde Flammen erhellten prasselnd die Finsternis, nach und nach waren die vereinzelten Feuer zu einem glühenden Strudel zusammengeflossen, und der Himmel hatte mitten in der Nacht die scharlachrote und goldene Färbung eines herbstlichen Sonnenuntergangs angenommen. Selbst in 22 000 Fuß Höhe spürten die Piloten, die den Tod säten, in ihren Kabinen die Glut dieses Infernos.

Im Lauf der Nacht stiegen Rauch und Asche bis in den Himmel und bedeckten die einst so strahlende Stadt wie ein Leichentuch.

Im trüben Zwielicht des nächsten Tages erhob sich nur noch die barocke Silhouette der Frauenkirche gespenstisch aus den Trümmern. Eine Handvoll Rot-Kreuz-Helfer hatte hier zahllose Verletzte versammelt. Victor Klemp, der Chirurg, der die behelfsmäßige Krankenstation eingerichtet hatte, versuchte das Grauen zu organisieren. Eine Zeitlang hatte er gedacht, Gott bestrafe sein Volk für eine Schuld, die Victor zwar erahnte, der er aber nicht ins Gesicht zu sehen wagte. Doch seit der Tod ihn stündlich hundertfach verhöhnte, glaubte er nicht mehr, dass Gott ein solches Leid gewollt hatte. Er glaubte nicht mehr, dass Gott sich überhaupt noch für diese Welt interessierte, und die Kirche, die sich als einziges Gebäude aus den Trümmern emporreckte, erschien ihm weder wie ein Wunder noch wie ein göttliches Zeichen, sondern wie eine letzte, empörende Provokation.

Victor hatte seit zweiundsiebzig Stunden nicht geschlafen. Sein Kittel, sein Gesicht, sein Hals waren mit dem Blut seiner Niederlagen befleckt. Vor Müdigkeit zitterten ihm die Finger. Er hatte längst jegliche heiklen Operationen aufgegeben, und es überraschte ihn, wie sehr er abgestumpft war. Wenige Sekunden mussten für eine Diagnose genügten: Kämpfen konnte er nur noch für diejenigen, die die beste Überlebenschance hatten. Ihm wurden so viele Schwerverletzte gebracht, und die medizinischen Mittel, die ihm zur Verfügung standen, waren so gering, dass er gezwungen war, mit einem einzigen Blick zu entscheiden, wen er retten konnte. Die meisten musste er aufgeben. Er hatte nichts mehr, um die Schmerzen der Sterbenden zu lindern oder derer, die er operieren musste. Weder Morphin noch Alkohol, noch ein tröstendes Wort. Bei manchen blieb als einzige barmherzige Geste nur der Tod. Er hatte sich an den Hauptmann eines der wenigen vor Ort stationierten Regimenter gewandt und war selbst entsetzt gewesen, als er sich sagen hörte:

»Schießen Sie allen, die ich Ihnen schicke, eine Kugel in den Kopf. Man kann nichts mehr für sie tun.«

Der Hauptmann hatte ihm direkt in die Augen gesehen und mit einer absoluten, verzweifelten Ruhe, die Victor niemals vergessen würde, geantwortet: »Wir haben nicht mehr genug Munition, Doktor, um Mitleid zu üben.«

In Schüben von trostloser Regelmäßigkeit brachten ihm Soldaten und Zivilisten neue Opfer. Für ihn waren sie nur mehr Wunden, Brüche, zerfetzte Organe, zukünftige Amputierte. Bis der Blick auf eine behelfsmäßige Trage in der Flut namen- und gesichtsloser Verletzter ihn innehalten ließ. Es war in der Nacht vor der dritten Angriffswelle. Zwei junge Männer in Uniform brachten die darauf liegende Frau. Schlamm und Staub in ihrem Gesicht konnten die Harmonie ihrer Züge nicht verbergen, und ihr Haar, so verdreckt es auch war, leuchtete in all der Düsternis ebenso wie ihre verstörend hellen, glasklaren blauen Augen. Die über sie gebreitete Decke ließ eine Schulter und ein Stück Arm frei, ein paar Zentimeter nackter Haut, die alle Zartheit der Welt in sich zu bündeln schienen. Weiter unten zeigten die üppigen Brüste und der gewölbte Bauch unter dem dicken, rauen Stoff, dass die Frau schwanger war. Sie war keine fünfundzwanzig Jahre alt und so ruhig, dass der Arzt die Träger fragte:

»Was hat sie?«

Er sah, wie sich Entsetzen auf die Gesichter der beiden Männer malte.

»Sie lag in der Freiberger Straße, zum Teil unter Trümmern begraben … Wir haben sie befreit …«, versuchte der größere zu erklären, doch die Worte erstarben ihm in der Kehle, während er auf den unteren Teil der Decke deutete, wo sich dunkle Flecken bildeten. Ungeduldig fand der Arzt bereits wieder zu seinem gewohnten Pragmatismus zurück und hob mit einer raschen Geste den Stoff an. Unter den Fetzen ihrer Kleider, direkt unterhalb der Knie, waren die Beine der Frau glatt abgetrennt. Trotz der improvisierten Verbände war sie dabei zu verbluten. Und noch dazu stand sie kurz vor der Niederkunft. Ihre Augen suchten Victors Blick. Das Röcheln und die Schreie, die die Kirche erfüllten, schienen zu verstummen, als sie ihn fest ansah und mit erstaunlich deutlicher Stimme sagte: »Ich bin verloren, aber mein Kind ist es nicht. Helfen Sie ihm.«

Das war kein Flehen. Es war ein Befehl. Mitleid hätte den Arzt vielleicht nicht bewogen, sich um sie zu kümmern. Doch die Entschlossenheit, die aus ihren Augen und ihrer Stimme sprach, überzeugte ihn. Unterstützt von den beiden Soldaten, band er die Beinstummel ab. Ohne einen Laut von sich zu geben, verlor die Frau das Bewusstsein. Man verlegte zwei Verletzte aus einer Seitenkapelle und brachte sie dorthin. Mit dem Unterarm wischte Victor über einen Holztisch, um ihn von den darüber verstreuten Glassplittern, Mauerbrocken, schmutzigen Verbänden und Wachsresten zu befreien. Er bettete die Frau darauf, die gerade wieder zu sich kam.

»Wie heißen Sie?«, fragte er.

»Luisa.«

»Luisa. Ich verspreche Ihnen, dass Sie Ihr Kind sehen werden.«

Obwohl das Baby schon weit ins Becken gerutscht war und ungeachtet seiner dürftigen gynäkologischen Kenntnisse, beschloss der Arzt, einen Kaiserschnitt zu wagen. Er wusste, dass dieser Eingriff die Mutter das Leben kosten würde, doch sie wäre auch nicht in der Lage, eine natürliche Geburt durchzustehen.

Die Soldaten, die trotz ihres jungen Alters schon ganz andere Dinge gesehen hatten, wandten den Kopf ab, als er das Skalpell ansetzte. Mehrmals verlor Luisa das Bewusstsein und kam wieder zu sich. Keiner der drei Männer konnte ihren Schmerz ertragen, die kurzen Momente der Ohnmacht waren ihnen eine Erleichterung.

Victor redete ununterbrochen auf sie ein, Worte ohne rechten Sinn, die nur dazu dienten, ihm selber Mut zu machen und Luisa am Leben zu halten. Endlich ertastete er das Kind. Er fühlte seinen winzigen Körper und griff zu. Als er die Nabelschnur durchschnitt, tat das Baby seinen ersten Atemzug, begleitet von einem Schrei, der seine Mutter aus ihrer Ohnmacht weckte.

»Es ist ein Junge, Luisa, ein schöner, kräftiger Junge«, verkündete Victor.

Wieder verlor sie die Besinnung. Der Arzt setzte sich hin, das Neugeborene im Schoß, machte einen ungeschickten Knoten in die Nabelschnur und säuberte es, so gut er konnte. Dann zog er sein Hemd aus, um das Kind darin einzuwickeln. Luisa erwachte, als sie das Gewicht des Babys auf ihrer Brust spürte.

»Lebt es?«

»Es lebt und ist gesund, Luisa.«

Da sie, so ausgestreckt, das Kind nicht sehen konnte und zu schwach war, um sich aufzurichten, fragte sie weiter:

»Hat es alles?«

»Alles. Es ist ein Junge, ein prachtvoller Junge.« Er hob das Baby über das Gesicht seiner Mutter. Es jammerte wie ein Kätzchen, bis man es wieder an Luisas Brust legte. Victor half ihr, die Hand auf das Kind zu legen, damit sie es anfassen konnte. Als sich das Neugeborene unter der Liebkosung regte, sahen sie, wie sich die Augen der Mutter mit Tränen füllten.

Erneut bohrte Luisa ihren Blick in den des Arztes.

»Kümmern Sie sich um ihn, Doktor.« Und ohne ihm Zeit für eine Antwort zu lassen, fügte sie hinzu: »Suchen Sie Martha Engerer, meine Schwägerin. Sie ist hier in Dresden.«

Victors beruhigenden Worten folgte ein weiteres Schweigen, ehe Luisa schwach auf das Baby deutete und sagte:

»Er heißt Werner. Werner Zilch. Ändern Sie seinen Namen nicht, er ist der Letzte von uns.«

Sacht strich sie mit dem Zeigefinger über den Nacken ihres Kindes, während Victor neben ihr hockte und ihre freie Hand hielt. Die Lider der jungen Frau schlossen sich wieder. Dieser Moment des Friedens währte eine Minute, vielleicht zwei, dann stockte Luisas Bewegung, und ihre schmalen Finger erschlafften zwischen Victors Handflächen.

Er hatte das intensive, wenn auch für einen Rationalisten wie ihn unsinnige Gefühl, zu spüren, wie die Seele der Sterbenden durch ihn hindurchging. Der Bruchteil einer Sekunde, eine fühlbare Wellenbewegung, und sie war nicht mehr da.

Der Arzt bettete Luisas Arm neben ihren Körper auf den Tisch. Er betrachtete das Kind, das auf seiner Mutter ruhte, beruhigt von einer Wärme, die bald verschwinden würde, geschmiegt an ein Herz, das aufgehört hatte zu schlagen. Die beiden Soldaten suchten in seinen Augen nach einer Bestätigung. Der Arzt wandte den Blick ab. Er hatte in den letzten Tagen entsetzliche Dinge gesehen, doch nie hatte er sich so verletzlich gefühlt.

Als er den Kopf wieder hob, fiel sein Blick auf das Bild der Jungfrau Maria mit ihrem Kind. Es schien, als habe die von den Bomben verschonte Madonna während der Geburt über sie gewacht. Ein abgehacktes, ungläubiges und verzweifeltes Lachen entfuhr ihm.

Zitternd setzte Victor sich, die Schreie der Verletzten und das Stöhnen der Sterbenden, die er in den letzten Minuten nicht wahrgenommen hatte, drangen mit einem Mal wieder an sein Ohr. Am Fuß des Tisches, auf dem die tote Frau und ihr Kind lagen, wurde sein Körper von unterdrückten Schluchzern geschüttelt, während neben ihm die beiden Soldaten weinten wie kleine Jungen, die sie im Grunde noch waren.

Manhattan, 1969

Da drüben!«, rief Marcus, der die Limousine zuerst entdeckt hatte. Ich zog rechts rüber und schnitt dabei zwei Wagen, die mein Manöver mit einem Hupkonzert quittierten. Kreidebleich legte Marcus seinen Sicherheitsgurt an, während Shakespeare winselnd im Fond herumpurzelte. Ich fuhr dicht hinter dem Rolls Royce, der die Madison Avenue fünfunddreißig Blocks weit Richtung Norden fuhr.

»Das ist nicht gerade unauffällig«, kommentierte Marcus. »Du solltest wenigstens ein Auto zwischen euch lassen.«

»Zu riskant«, brummte ich.

»Mir scheint, wir haben nicht dieselbe Definition von ›riskant‹.«

Es gab kaum Verkehr, und wir kamen schnell voran. Marcus wurde immer angespannter, je länger wir fuhren. Als wir das Rockefeller Center passierten, bei dem sich die ersten Staus bildeten, hielt er es nicht mehr aus.

»Wir haben keine Zeit, Werner, wir müssen in weniger als einer Dreiviertelstunde in Brooklyn sein.«

»Wir haben genügend Zeit«, sagte ich, die Hände ums Lenkrad verkrampft, den Blick starr auf den Rolls geheftet.

Der Fahrer bog in die 51st Street ein, querte die 5th Avenue, dann die Avenue of the Americans und hielt schließlich an. Marcus schwieg, was bei ihm ein Zeichen für äußerste Missbilligung ist. Ein paar Minuten lang geschah nichts. Ich stellte mir vor, wie Ernie meine schöne Unbekannte im Wageninneren küsste, und dieser Gedanke machte mich wahnsinnig. Doch dann öffnete sich die Tür, und sie stieg aus. Mit federnden, energischen Schritten ging sie zu einem grünen Ford und fuhr los. Ich folgte ihr, während Marcus panisch auf seine Uhr sah. Als wir uns immer weiter von Brooklyn entfernten, erklärte er:

»Wenn sie innerhalb der nächsten fünf Minuten nicht irgendwo anhält, dann war’s das, Wern. Wir dürfen auf keinen Fall zu spät kommen, die werden uns vierteilen!«

Ohne ihn zu beachten, folgte ich weiter stoisch dem grünen Ford.

»Wern, es reicht jetzt! Hör auf damit! Ich sehe nicht ein, dass du ein Zehnmillionendollarprojekt wegen einer Frau ruinierst, die du gerade mal fünf Minuten in einem Restaurant gesehen hast.«

»Sie ist die Frau meines Lebens.«

Mir war klar, wie wenig glaubwürdig das aus meinem Mund klingen musste, doch ich war mir noch nie zuvor bei irgendetwas so sicher gewesen.

»Du hast nicht mal mit ihr gesprochen!«

»Sie ist es, Marcus.«

»Ich kann einfach nicht glauben, dass du einen solchen Unsinn redest.«

Der grüne Wagen hielt in zweiter Reihe vor einem Backsteingebäude, sie stieg aus und betrat mit einem flachen, quadratischen Paket unter dem Arm das Haus. Ich stellte den Motor ab.

»Es kommt nicht in Frage, dass wir hier warten! Hörst du mich, Wern? Wenn sie wirklich die Frau deines Lebens ist, dann wird das Schicksal schon dafür sorgen, dass ihr euch noch einmal über den Weg lauft. Du startest jetzt den Wagen und fährst zurück. Sonst kannst du dir einen neuen Partner suchen.«

Es war das erste Mal, dass ich Marcus so erbost erlebte. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander, während ich auf die Tür starrte, hinter der sie verschwunden war. Mein Freund hatte natürlich recht. Wir hatten alles auf dieses Bauvorhaben in Brooklyn gesetzt. Wenn die Arbeiten nicht so schnell wie möglich wieder aufgenommen würden, wären wir ruiniert. Fieberhaft suchte ich nach einer Lösung. Schließlich drehte ich den Zündschlüssel und setzte fünf Meter zurück. »Danke, Wern«, stieß Marcus erleichtert aus, ehe er begriff, dass ich den ersten Gang einlegte und direkt auf den Ford zusteuerte. Der Aufprall war heftiger, als ich erwartet hatte. Er zerbeulte den linken Kotflügel des Fords ebenso wie unsere Stoßstange. Marcus war wie vom Donner gerührt. Schnell sprang ich aus dem Wagen und kritzelte eine Nachricht auf die Rückseiten von zwei Visitenkarten:

Sehr geehrter Herr,

ein Moment der Unachtsamkeit meinerseits hat diesen bedauerlichen Unfall verursacht. Ich bitte Sie, die dadurch an Ihrem Wagen entstandenen Schäden zu entschuldigen. Seien Sie doch bitte so freundlich, mich, sobald Ihnen dies möglich ist, zu kontaktieren, damit wir den Unfall aufnehmen und den Schaden gütlich regeln können.

Ich bitte Sie noch einmal aufrichtig um Entschuldigung,

Werner Zilch

Ich klemmte die Karten hinter den Scheibenwischer des Ford und fuhr dann in halsbrecherischem Tempo Richtung Brooklyn. Marcus sagte die ganze Zeit über kein Wort. Die Stoßstange hielt bis zu unserer Ankunft vor dem Rathaus, wo sie schließlich halb abbrach und mein Parkmanöver mit ohrenbetäubendem Scheppern begleitete.

»Wirklich ein gelungener Auftritt«, bemerkte mein Partner mit zusammengekniffenen Lippen.

Da wir es nicht geschafft hatten, Shakespeare zu Hause abzusetzen, mussten wir ihn allein im Auto lassen, was ihm überhaupt nicht gefiel. Mit etwa zehnminütiger Verspätung eilten wir zu der Anhörung. Marcus sah mal wieder aus wie aus dem Ei gepellt. Ich dagegen hatte Hemd und Jackett vollgeschwitzt und verknittert, meine Haare hatten sich selbständig gemacht und standen wirr in alle Richtungen ab. Marcus bedeutete mir mit beiden Händen, sie nach hinten zu streichen, was ich erfolglos versuchte.

Der Bezirksbürgermeister empfing uns in einem Raum mit protziger Holzvertäfelung. Als er mich sah, hob er fragend eine Augenbraue, sagte jedoch nichts. Er wies auf zwei Stühle an einem Versammlungstisch, weit weg von seinem mit vergoldeten Beschlägen verzierten Sekretär.

»Mein Assistent wird gleich hier sein«, verkündete er.

Sein trüber Blick schien unter seinen Lidern hervorzusickern, wie Licht durch eine halb geöffnete Jalousie.

Genervt von einer Fliege, die wie besessen um den Lampenschirm hinter uns summte, schnappte ich mir das Vieh und zerdrückte es.

»Sie haben gerade meine Hausfliege getötet!«, empörte sich der Funktionär.

Als Marcus erbleichte und eine Entschuldigung zu stammeln begann, unterbrach er ihn.

»Das war nur ein Witz … Lustig, nicht?«

Dann musterte er mich unverhohlen und ohne jegliche Zurückhaltung.

»Wie groß sind Sie?«

»Eins zweiundneunzig.«

»Ihre Füße sind auch nicht gerade klein …«, fuhr er fort. Mein Kompagnon warf mir einen spöttischen Blick zu.

»Passend zu meiner Größe«, bestätigte ich und streckte dabei ein Bein aus, um ihm meinen riesigen Schuh zu zeigen.

Marcus blickte tadelnd zu mir herüber, weil er nicht geputzt war.

»Mit Ihnen legt man sich besser nicht an, was?«, bemerkte er. »Woher stammen Sie? Ihre Züge sind so … germanisch.«

Marcus wirkte verstört, doch ich antwortete ruhig: »Es scheint in der Tat so, als hätte ich deutsche Wurzeln.«

»Es scheint?«

»Meine Eltern haben mich adoptiert, als ich drei Jahre alt war.«

»Und wie alt sind Sie jetzt?«

»Vierundzwanzig.«

»Ach, die Jugend!«, seufzte er. »Ist es nicht etwas ambitioniert, sich in Ihrem Alter schon an ein solches Projekt zu wagen, zwei Gebäude mit insgesamt fünfundachtzig Wohnungen?«

»Sie selbst waren dreiundzwanzig, als Sie das erste Mal gewählt wurden …«, konterte ich, froh, dass Marcus und ich uns auf dieses Treffen vorbereitet hatten.

Der Beamte strich mit der rechten Hand einige Male seine Krawatte glatt, dann sagte er mit einem schlüpfrigen Grinsen: »Ich war damals ein hübscher Kerl, wissen Sie. Und sehr erfolgreich …«

Zum Glück kam in diesem Moment sein Assistent herein. Diesem hatten wir einige Monate zuvor ein ordentliches Sümmchen zugesteckt, damit er seine bürokratischen Schikanen einstellte. Er war klein und blass, hatte eine spitze Nase und offenbar seine Kriechermiene aufgesetzt.

»Sie kommen zu spät, mein Freund«, tadelte ihn der Bezirksbürgermeister.

»Sie wissen doch, dass ich eine andere wichtige Besprechung hatte, die eben erst zu Ende gegangen ist«, erwiderte er unterwürfig.

»Warum haben wir diese reizenden jungen Leute dann so zeitig herbestellt? Sie haben sie warten lassen.«

Die Spitzmaus setzte sich uns gegenüber an den Tisch, und ihr Chef kam mit schlurfenden Schritten dazu. Zuerst versuchte er, uns mit seinem juristischen Fachvokabular zu beeindrucken, doch da hatte er die Rechnung ohne Marcus gemacht, der sich auch mit dem Baugesetz bestens auskannte. Dann bombardierte er uns mit technischem Kauderwelsch, das ich ebenso souverän parierte. Endlich kamen sie zur Sache, pfiffen auf ihre Argumente und verlangten rundheraus einen »Aufschlag«. Wir waren ihnen ausgeliefert, und das wussten sie. Ich hätte ihnen am liebsten gehörig – und nicht nur mit Worten – die Meinung gegeigt, doch an der Art, wie der Bürgermeister auf seinem Ledersessel frohlockte, erkannte ich, dass ich ihm umso größere Freude bereiten würde, je mehr ich ihn beschimpfte. Also riss ich mich zusammen. Da wir kein Geld mehr hatten, mussten wir einen Kompromiss finden. Ich bot ihnen eine der Wohnungen an. Sofort beanspruchte der alte Raffzahn für sich ein Apartment mit Terrasse im obersten Stockwerk. Das war eine der teuersten Einheiten, und die Feilscherei ging von vorne los. Während wir jeden Quadratzentimeter Boden erbittert verteidigten, fragte ich mich, welchen Günstling er wohl in seinem zukünftigen Penthouse einquartieren wollte. Soweit ich wusste, waren die Frau, die er um seiner politischen Karriere willen geehelicht hatte, in dem gemeinsamen Haus in Manhattan bereits fürstlich untergebracht und die beiden Kinder gut verheiratet. Dem Knurren seines Magens nach zu urteilen, hatte der Bezirkschef Hunger. Also hielt ich mich bei jedem Detail auf und behauptete obendrein, wir hätten alle weiteren Termine für diesen Tag abgesagt, um die Sache hier zu klären. Als er seinen Nachmittagsimbiss und sein Abendessen in weite Ferne rücken sah, fühlte er sich mit einem Mal sehr ermattet und gab endlich nach. Dennoch hatte er uns eines der Filetstücke unseres Projektes abgeluchst und besaß dann auch noch die Frechheit, mir zu sagen, ich sei wirklich hart im Verhandeln – »sicher eine Eigenschaft, die Sie von Ihren germanischen Vorfahren geerbt haben« –, woraufhin ich alle Mühe hatte, ihn nicht die Härte meiner Faust spüren zu lassen. Alarmiert brachte Marcus das Gespräch zurück auf die juristische Ebene. Wir konnten keinen Standardvertrag aufsetzen, der seine Mauscheleien offenbart hätte. Der Bezirksbürgermeister erklärte uns daher das weitere Vorgehen. Gleich morgen früh sollten wir die Verträge über den Verkauf der Wohnung zum Notar seines Vertrauens bringen, der dann die Besitzurkunde auf einen Strohmann ausstellen würde. Die Genehmigungen zur Wiederaufnahme der Arbeiten würden noch am selben Nachmittag auf der Baustelle eingehen.

Als wir in der Eingangshalle des Rathauses standen, versuchte Marcus ein aufmunterndes: »Das ist doch noch mal gut ausgegangen«, und weil ich nichts erwiderte, schob er hinterher: »Fressen und gefressen werden, das ist unser aller Schicksal.«

Auf dem Parkplatz befestigte ich die Stoßstange notdürftig mit meinem Gürtel. Im Inneren des Wagens hatte Shakespeare, wütend darüber, dass wir ihn eingesperrt hatten, die Rückbank und einen Teil der Kopfstützen zerfetzt. Binnen drei Stunden war Marcus’ Auto zu einem Wrack geworden.

Doch mein Partner hob nur resigniert die Augen zum Himmel und sagte: »Mit Shakespeare und dir im Team frage ich mich immer wieder, wozu wir eigentlich Abrissunternehmen bezahlen.«

Ich brachte es nicht übers Herz, mit meinem Hund zu schimpfen, wusste ich doch selbst allzu gut, wie es sich anfühlte, im Stich gelassen zu werden.

Dresden, Februar 1945

Victor fuhr fort mit seinem entsetzlichen Schiedsgericht über die nicht mehr besonders Lebendigen und die beinahe Toten. Er überließ es einem der Soldaten, Luisas leblosen Körper zu den anderen Opfern zu bringen. Dem anderen drückte er das Neugeborene in den Arm und beauftragte ihn, eine Amme aufzutun. Der Soldat barg das Kind schützend unter seiner Jacke und fragte jeden, der bei Bewusstsein war, ob er vielleicht irgendwo eine Frau mit einem Baby gesehen habe, die ein weiteres stillen könne. Doch ohne Erfolg. Nach einer Weile begann der Winzling, der bis dahin ruhig gewesen war, zu weinen. Mit seinem kleinen Mündchen suchte er am Hals des erschrockenen Soldaten instinktiv einen Busen, den er nicht fand.

Es wurde gerade hell, als der junge Mann aus der Kirche trat. Überall loderten Flammen. Mitten im Februar war die Hitze unerträglich. Um ihn herum ein Bild der Zerstörung und des Todes: vom Feuer versengte Leichen und Körperteile, Männer, Frauen und Kinder, die dem Inferno nicht hatten entrinnen können.

Schemenhafte Gestalten tauchten hier und da aus den Trümmern auf. Viele suchten ihre Angehörigen. Eine Mutter, um dieses Baby zu stillen? Nein, sie hatten keine gesehen. Sie hatten nicht darauf geachtet. Sie erinnerten sich nicht. Milch? Nein, keinen Tropfen. Man empfahl ihm, in den nächstgelegenen Dörfern außerhalb der Stadt um Hilfe zu bitten. Das Baby weinte noch immer. Ein alter Mann gab dem Soldaten ein Stückchen Zucker, das dieser im letzten Rest Wasser in seiner Feldflasche auflöste. Mit dem Zeigefinger, den er zuvor so gut wie möglich an seinem Wollpullover sauber gerieben hatte, flößte er dem kleinen Werner ein paar Tropfen davon ein. Dieser nuckelte gierig an dem Finger und begann sofort wieder zu schreien, als er ihm entzogen wurde. Das Baby an die Brust gepresst, irrte der Soldat weiter auf seiner Suche nach einem neuen, immer unwahrscheinlicheren Wunder. Bald verstummte das Kind. Dieses Schweigen erschreckte ihn noch viel mehr als zuvor seine Schreie. Verzweifelt setzte er sich auf eine zerbrochene Säule, die bis vor kurzem die Fassade des Justizpalastes geziert hatte. Da er die Vorstellung nicht ertrug, das Baby in seinen Armen sterben zu sehen, beschloss er, es zurückzulassen. Auf einem flachen Stein inmitten der Ruinen legte er das Kind ab, entfernte sich ein paar Schritte und machte sofort wieder kehrt, als er den Säugling wimmern hörte. Wie hatte er nur so etwas tun können?

Einen Moment nachdem er das Baby hochgenommen hatte, ließ ein grauenerregender Lärm ihn herumfahren: Dort, wo eben noch die Frauenkirche gestanden hatte, aus deren Portal er vor einer knappen Stunde getreten war, erhob sich eine immense Staubwolke. Die mächtige steinerne Königin, einzige Überlebende des Chaos, die zwei Jahrhunderte lang über die Stadt gewacht hatte, war in sich zusammengestürzt. In einem einzigen Augenblick sah er die Gesichter des Arztes vor sich, der das Baby zur Welt gebracht hatte, seines Kameraden, der ihm geholfen hatte, Luisa aus den Trümmern zu befreien, der Leute, die er befragt, der Kinder und der Krankenschwestern, die er getroffen hatte. Wie versteinert stand er da, zu erschüttert, um zu weinen oder zu begreifen, welch unerhörtes Glück er hatte, noch am Leben zu sein.

Nachdem er eine ganze Zeitlang herumgeirrt war, sah er aus einer Schuttwüste, die einmal eine belebte Einkaufsstraße gewesen war, zwei Frauen und ein kleines Mädchen auftauchen, alle drei mit grauem Staub bedeckt. Er stürzte so ungestüm auf sie zu, dass sie Angst bekamen. Eine von ihnen hob zitternd ein Messer in die Höhe und rief, er solle sich fernhalten. Da öffnete er seine Jacke, um ihnen das Baby zu zeigen.

»Haben Sie vielleicht Milch?«

Sie schüttelten die Köpfe und kamen näher.

»Das sieht nicht gut aus«, bemerkte die Ältere lakonisch.

»Seine Mutter ist gleich nach der Geburt gestorben. Er hat seitdem nichts getrunken.«

»Ist das Ihr Sohn?«, fragte die andere Frau.

»Nein«, antwortete der Soldat, »er ist nicht mein Sohn, aber ich möchte nicht, dass er stirbt.«

»Wir bräuchten eine Kuh«, meinte das Mädchen.

»Die sind alle schon längst aufgegessen, meine Kleine.«

»Dann eine Mutti?«

»Seine ist gestorben«, wiederholte der Soldat, wobei er sich die Nase an seinem staubigen Ärmel abwischte.

»Ich habe heute Nacht eine Mutti gesehen.«

»Wann? Wo?«

»Im Keller, eine Dame, die ihr Baby in einem Korb dabeihatte.«

»Wo, mein Schatz, ich erinnere mich nicht«, fragte die Mutter der Kleinen.

»Die Dame, die mich hochgehoben hat, als du draußen warst … weißt du, Mutti, damit du mich durch das Loch herausholen konntest.«

»Die mit dem roten Mantel?«

»Ja.«

»Aber sie hatte kein Baby.«

»In ihrem Korb war ein Baby. Ich hab es gesehen, als wir gerannt sind, wegen des Feuers. Sie rannte auch mit ihrem Korb. Es hat überall gedonnert.«

Die junge Frau ging vor ihrer Tochter in die Hocke.

»Erzähl es uns, Allestria. Das ist sehr wichtig.«

»Die Frau ist hingefallen. Ich habe das Baby gesehen … es hat ein Rad gemacht«, erklärte das Mädchen, indem es mit seinem Arm einen Bogen beschrieb. »Ich hab es in der Luft gesehen. Ich hab es fliegen sehen. Dann ist es auf den Boden geplumpst.«

»O mein Schatz«, stieß die Mutter hervor und drückte ihr Kind an sich.

»Ich hab die Frau schreien hören, aber du hast gesagt, ich soll rennen«, fügte die Kleine hinzu.

Die junge Frau drehte sich zu dem Soldaten um.

»Wir waren in einem Keller in der Nähe des Rathauses. Das Gebäude ist eingestürzt. Wir wären beinahe verschüttet worden.«

»Es ist einfach so runtergefallen«, wiederholte das kleine Mädchen mit vor Schreck geweiteten Augen.

Die Frauen erklärten sich bereit, mit dem Soldaten dorthin zurückzugehen, wo sie die Dame in dem roten Mantel das letzte Mal gesehen hatten. Bei den Trümmern des Rathauses angelangt, begannen alle vier, die Vorübergehenden nach ihr zu fragen. Die meisten setzten wie benommen ihren Weg fort, ohne zu reagieren. Andere zuckten nur mit den Schultern. Niemand schien die Frau gesehen zu haben. Endlich gab ihnen ein alter Mann wieder Hoffnung. Er kam vom Fluss, wo seine Frau in der Nacht die junge Mutter davor bewahrt hatte, sich ins Wasser zu stürzen.

»Das junge Ding wollte sich umbringen, aber meine Julia hat sie nicht gelassen. Es hat in den letzten Tagen genug Tote gegeben – genug für alle Ewigkeiten.«

»Wo sind sie?«, unterbrach ihn der Soldat.

»Am Flussufer, in der Nähe des alten Hafens«, erklärte der Herr. Er selbst sei losgezogen, um etwas zu essen zu finden. Wüssten sie vielleicht …

Doch der Soldat war, gefolgt von den Frauen, bereits in Richtung des nahegelegenen Flusses davongeeilt. Hunderte von Überlebenden hatten sich auf der Uferböschung versammelt, um sich ins Wasser flüchten zu können, sollte das Feuer bis hierher vordringen. Für einen Moment verloren die Frauen ihn aus den Augen, dann entdeckten sie ihn wieder. Er näherte sich zwei Damen. Die eine, ältere, musste Julia sein, die andere, jüngere, trug einen Mantel, der unter dem Staub tatsächlich rot war. Flehend hielt er ihr den Säugling hin, doch die Frau wandte sich einfach ab. Er ließ sich nicht entmutigen und redete weiter auf sie ein. Als er sie jedoch mit einer Hand am Ärmel packte, fuhr sie wütend herum.

»Das ist nicht Thomas. Das ist nicht mein Sohn!«

Die Umstehenden versuchten ihr gut zuzureden. Niemand behaupte, dass dies ihr Sohn sei. Alle verstünden ihren Schmerz, doch dieses Kind sei dabei zu sterben, und nur sie könne es retten. Da begann die junge Mutter wie verrückt zu schreien. Sie stieß den Säugling von sich weg und wurde dermaßen hysterisch, dass Julia sie schließlich bei den Schultern packte und energisch schüttelte.

»Du wirst dieses Kind stillen, fertig, aus.«

Endlich gab sie ihren Widerstand auf. Man half ihr, den roten Mantel, die Wolljacke und das bereits mit Milch getränkte Kleid aufzuknöpfen, während Julia ihr den kleinen Werner an die Brust legte. Das Kind war schon so schwach, dass es zunächst überhaupt nicht reagierte. Doch allmählich holte der Duft der Milch es ins Leben zurück. Als es zu trinken begann, schrien die Umstehenden vor Freude auf. Nur die junge Frau starrte mit zusammengepresstem Kiefer leer vor sich hin.

Der Soldat hatte sich inzwischen ein paar Meter entfernt auf den Boden gesetzt. Tränen liefen ihm über die Wangen, während er verfolgte, wie Werner mit jedem Zug mehr zu Kräften kam.

Nach einer Weile senkte die Stillende ihren Blick auf das Kind, das die anderen Frauen ihr an die Brust hielten. In diesem Moment legte der Kleine eine Hand auf ihren Busen und sah sie aus seinen verschwommenen Augen an. Dieser Blick, der keiner war, schien die junge Mutter zu berühren. Endlich weinte auch sie, wenn auch über das Kind, das sie verloren hatte, und barg den Waisenjungen, den das Schicksal ihr anvertraut hatte, in ihren Armen.

Manhattan, 1969

Donna erwartete uns in der Wohnung, die uns gleichzeitig als Büro diente. Die alleinerziehende Mutter arbeitete bei uns, seit sie sich türenschlagend von der Anwaltskanzlei auf der Madison Avenue, bei der sie vorher angestellt gewesen war, verabschiedet hatte. Warum, hatte sie uns nie erklärt. Das Gehalt, das wir ihr zahlen konnten, lag weit unter dem ihres vorigen Arbeitgebers, doch sie hatte es, ohne mit der Wimper zu zucken, akzeptiert, im Tausch gegen eine feste Gewinnbeteiligung – sollte es jemals welchen geben – und unter der Bedingung, dass sie ihre Tochter mit zur Arbeit nehmen durfte, falls die Nanny mal verhindert wäre. Wir vermuteten, dass sie mit einem ihrer früheren Chefs eine Affäre gehabt hatte, doch sie sprach nie über den Vater ihrer Tochter. Wenn jemand sie fragte, antwortete sie: »Es gibt keinen Papa.« Diejenigen, die ihr dann mit den elementaren Grundsätzen der Biologie kamen, durchbohrte sie mit einem ihrer finsteren Blicke, die dem Schlauberger jegliche Lust nahmen, das Thema zu vertiefen. Solange man sie nicht verärgerte, war Donna eine echte Perle. Man konnte sich keine bessere Sekretärin vorstellen, und sie hatte uns vor so manchem Anfängerfehler bewahrt. Sie achtete sehr darauf, eine professionelle Distanz zu uns zu wahren, und redete von sich selbst wie von einer älteren Dame, um nur ja keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Neben ihrer Arbeit für unsere Firma verwaltete sie die Anrufe meiner diversen Freundinnen so diplomatisch und taktvoll, dass mir manche Szene erspart blieb – wenn auch nicht Donnas stumme Vorwürfe. Kaum waren wir von unserer Verhandlung in Brooklyn zurück, fragte ich sie, ob eine junge Frau für mich angerufen habe.

Mit fragend erhobenen Augenbrauen antwortete sie, die einzigen Personen, die versucht hätten, uns zu erreichen, seien: »Mr Ramirez vom Abrissunternehmen, Mr Roover wegen der Lieferung der Metallträger, Mr Hoffman in Sachen Abwasserentsorgung von Gebäude B. Ihr Vater, Marcus, der ein alarmierendes Gespräch mit einem unserer Zulieferer hatte und wissen wollte, ob er Ihnen irgendwie helfen könne.«

Marcus hasste es, wenn sein Vater sich in unsere Angelegenheiten einmischte. Ich für meinen Teil war mir bewusst, wie viel wir ihm verdankten. Die Unterschrift des hochangesehenen Frank Howard auf den Plänen unserer ersten beiden Projekte und sein internationales Renommee hatten einiges möglich gemacht. Frank erkundigte sich regelmäßig nach dem Stand der Bauarbeiten und bot uns immer wieder Unterstützung an, die sein Sohn jedes Mal hartnäckig zurückwies. Marcus verstand nicht, wieso sein Vater sich auf einmal so sehr für ihn interessierte, nachdem er ihn den Großteil seiner Kindheit Gouvernanten überlassen hatte, und versuchte ihm ständig seine Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen. Mein Partner war kein besonders mitteilsamer Typ. Er fand zwar immer ein Gesprächsthema, egal mit wem und ganz gleich in welcher Situation, gebrauchte diese Fähigkeit, Menschen zum Reden zu bringen, aber nur, um sein tiefstes Inneres besser zu schützen. Marcus interessierte sich für andere, um sicher zu sein, dass die anderen sich nicht für ihn interessierten.

»Sie können ihm sagen, dass die Arbeiten heute Nachmittag wiederaufgenommen werden«, knurrte er.

Donnas Miene erhellte sich.

»Das ist eine gute Neuigkeit!«

»Dafür haben wir uns allerdings auch das Fell über die Ohren ziehen lassen wie die letzten Grünschnäbel«, dämpfte ich ihre Begeisterung.

»A

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