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Der Legionär: Action Thriller Roman

Alfred Bekker

Der Legionär: Action Thriller Roman

Folge 1 bis 5 der Cassiopeiapress Serie





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der Legionär

Thriller von Alfred Bekker

© 1993 by Alfred Bekker

Der vorliegende Roman erschien in veränderter Form unter den Titeln DIE BERLIN-VERSCHWÖRUNG und DER AUFTRAG - MORD IN BERLIN

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Es beginnt

1993

"Haben Sie schon mal jemanden getötet?"

Der Mann, der mich das fragte, hatte mir zuvor gesagt, dass er einen Job für mich hätte. Es musste ein ziemlich mieser Job sein. Also genau von der Sorte, die man Leuten wie mir für gewöhnlich anbietet. Aber daran war ich gewöhnt und es wunderte mich schon lange nicht mehr. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass der Job so mies war.

Ich saß in dem preiswerten und etwas heruntergekommenen Cafe vor meinem Frühstück und sah den blassen, grauhaarigen Mann mit der dicken Brille an, als wäre er ein Außerirdischer. Sein Gesicht blieb völlig unbewegt. Er setzte sich zu mir, ohne dass ich ihn dazu aufgefordert hätte. "Was ist?", fragte er kühl. "Hat Sie meine Frage derart aus der Fassung gebracht?"

"Nein."

"Das hätte mich bei einem ehemaligen Fremdenlegionär auch gewundert."

Ich hob die Augenbrauen. "Ach, ja?"

Er musterte mich kritisch. "Sie sehen nicht gut aus. Etwas heruntergekommen, würde ich sagen."

"Was geht Sie das an?"

"Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet."

"Woher wissen Sie, dass ich bei der Legion war? Woher wissen Sie überhaupt, dass ich hier sitze und frühstücke?"

Er lächelte. Es war ein stilles, kaltes Lächeln.

Und dann sah er mich mit einem undeutbaren Blick durch die flaschendicken Gläser an, die er auf der Nase trug.

"Ich weiß es eben", sagte er. "Ich weiß alles über Sie. Ich weiß Ihren Namen. Den, der in Ihrem Pass steht. Und ich weiß auch den, mit dem Sie geboren wurden. Gegenwärtig leben Sie in der Wohnung einer gewissen Tina Jörgensen. Hübsches Mädchen. Die Kleine ist Serviererin, nicht wahr? Fast ein bisschen über Ihrem Niveau."

Ich kniff die Augen zusammen. Der Bissen, den ich gerade im Mund hatte, blieb mir um ein Haar im Hals stecken. Ich entschied, das der Spaß jetzt vorbei war.

"Wer sind Sie?", fragte ich.

"Stellen Sie mir so eine Frage nie wieder", erklärte der Graue schnell. "Es hat einfach keinen Sinn. Ich werde nicht antworten." Ich sah auf seine Lippen. Sie bewegten sich kaum. Er hätte Bauchredner werden sollen!, dachte ich. Talent hätte er jedenfalls gehabt. Ich trank meinen Kaffee aus, nahm die Papierserviette und wischte mir den Mund ab.

"Was wollen Sie?"

Er antwortete mir nicht direkt. Das schien so zu seinen Eigenarten zu hören, soviel hatte ich schon mitgekriegt.

"Ich hatte Sie gefragt, ob Sie schon einmal jemanden getötet haben."

"Sie wissen doch sonst alles von mir. Warum nicht auch das?"

"Sie sollten mir vertrauen."

"Ach, wirklich?"

"Sie haben die Chance, eine Menge Geld zu verdienen oder dazustehen wie ein Idiot", erwiderte er mir. "Die Wahl liegt ganz bei Ihnen.“

Ich atmete tief durch und beschloss, das Spiel erst einmal mitzuspielen. Es war einfach zu interessant, um es nicht zu tun. Wie ein Idiot stand ich nämlich jetzt schon da. Wer sich von einer Serviererin aushalten lässt, ist bestenfalls ein Idiot, vermutlich etwas viel Schlimmeres. Oder die Serviererin ist eine Idiotin. Kommt ganz auf den Standpunkt an. Jedenfalls war ich abgebrannt genug, um die Ohren zu spitzen.

"Okay", sagte ich also. "Ich habe bereits einen Menschen getötet. Zufrieden?"

Sein Gesicht blieb regungslos.

"Ich nehme an, es hat Ihnen nicht allzuviel ausgemacht."

"Es war im Tschad. Gewissermaßen Notwehr."

"Bei der Sache, die ich mit Ihnen vorhabe, geht es gewissermaßen auch um Notwehr."

"Ach..."

"Haben Sie eine Waffe?"

"Brauchen Sie einen Killer? Ich bin keiner."

Er war nicht der erste, der mir so ein Angebot machte. Bis jetzt hatte ich solche Sachen immer abgelehnt. Manchmal fragte ich mich, warum eigentlich. Es gibt Leute, die leben ganz gut davon, obwohl die Billiglohn-Konkurrenz aus dem ehemaligen Ostblock in dieser Branche angeblich schon die Preise verdorben haben soll. Und so mancher, der sich darauf eingelassen hatte, fand sich am Ende selbst als Fischfutter in irgendeinem Kanal wieder. "Ich nehme an, unsere Unterhaltung ist damit zu Ende", meinte ich. "Ich bin kein Killer." Ich grinste. "Nehmen Sie sich einen Profi. Schnell, effektiv und neuerdings auch recht erschwinglich, sofern Sie keine besonderen Ansprüche stellen."

Er schüttelte den Kopf.

"Die Sache von der ich spreche, ist was ganz anderes", behauptete er. Aber das wirkte auf mich wenig überzeugend.

Ich lachte heiser. "Was soll schon anders daran sein? Soviel habe ich begriffen: Am Ende ist jemand tot." Ich schüttelte den Kopf. "Das ist nichts für mich!"

"Aber Sie könnten es!"

"Ich habe das Töten gelernt. Leider so ziemlich das einzige, was ich gut kann." Ich zuckte die Schultern und verzog das Gesicht zu einem sehr dünnen Lächeln. "Im Zivilleben nicht sehr gefragt, würde ich sagen."

"Haben Sie eine Ahnung!"

"Aber Sie wissen Bescheid, ja?"

Er lächelte seltsam. Ganz kurz nur. Es war das erste Mal, dass so etwas wie eine Regung auf seinem Gesicht erschien.

"Für jeden ist es irgendwann das erste Mal, oder irre ich mich?"

Ich fragte kühl zurück: "Halten Sie mich für so verkommen?"

"Ja." Er war sich seiner Sache sehr sicher und schien nicht den geringsten Zweifel daran zu haben, dass ich genau der richtige Mann für ihn war.

"Tut mir leid", sagte ich. "Ich schätze, Sie müssen sich jemand anderen suchen, um die Schweinerei auszuführen, die Sie durchziehen wollen." Seine blassblauen Augen musterten mich kühl. Er dachte nicht im Traum daran, mich von der Angel zu lassen. So einfach nicht.

"Sie sind ziemlich abgebrannt, nicht wahr?", stellte er fest. "Finanziell meine ich."

"Um das Frühstück hier zu bezahlen reicht es gerade noch!", gab ich gallig zurück. Ich fragte mich, woher er soviel über mich wusste. Er war wirklich gut informiert, das musste der Neid ihm lassen. Er griff in die Innentasche seines dunkelblauen Jacketts und nahm einen offenbar vorbereiteten Umschlag hervor. Dann schob er ihn mir über den Tisch.

"Bitte, nehmen Sie es."

"Was ist das?", fragte ich.

"Das sind fünftausend Mark."

Die Sache wurde immer verrückter.

"Wofür?", fragte ich. "Glauben Sie, Sie können sich für fünftausend Mark einen Killer kaufen? Ich glaube, bei Ihnen tickt es nicht richtig!"

"Das bekommen Sie dafür, dass Sie sich etwas durch den Kopf gehen lassen."

"Wäre das erste Mal, dass mich jemand fürs Denken bezahlt!"

"Dann strengen Sie sich mal schön an und stellen Sie sich eine halbe Million vor."

"D-Mark oder Lire?"

"Schweizer Franken."

Ich brauchte eine Sekunde, um das zu verdauen. Dann fragte ich: "Und dafür soll ich einen Mann umbringen?"

"Einen, der es verdient hat."

"Fragt sich nur, ob er das auch so sieht."

"Wer?"

"Der Mann."

Der Graue erhob sich. "Überlegen Sie es sich einfach. Ich werde wieder Kontakt mit Ihnen aufnehmen."

Er wollte gehen.

Ich rief: "Warten Sie!"

Er blieb stehen, kam zwei Schritte zurück. "Was ist noch?"

"Es ist eine wirklich große Sache, nicht wahr?"

"Das wissen Sie selber. Bei dem Preis."

"Warum nehmen Sie keinen Profi?"

"Ich will Sie!"

"Und warum keinen aus der Szene? Einen Erfahrenen. Wenn ich Sie wäre, würde ich das tun. Das Risiko ist doch viel geringer. Ich meine, ich bin sozusagen Anfänger. Ich könnte es verbocken."

"Das glaube ich nicht."

"Eine Antwort auf meine Frage ist das aber trotzdem nicht."

"Gewöhnen Sie sich die Fragerei ab. Hat man Ihnen das bei der Legion nicht beigebracht?"

Damit drehte er sich um und war weg. Ich stand ebenfalls auf und ging zum Fenster. In der Hand hielt ich noch den Umschlag mit den fünftausend Mäusen. Draußen sah ich den Kerl indessen in ein Taxi steigen.

Ich muss mir ins Ohr kneifen, dachte ich. Ich kniff. Aber geträumt hatte ich nicht.

1

Später, in Tinas Wohnung, saß ich eine ganze Weile einfach da und dachte über diesen grauen Mann mit der dicken Brille nach. Aber so sehr ich meine Gehirnzellen auch anstrengte, es war ziemlich aussichtslos, dass ich darauf kam, wer er war. Ein Gangsterboss? Der Abgesandte eines Bosses? Der Abgesandte eines Abgesandten?

Nein, dachte ich. Die Sache war größer. Vorausgesetzt, er hatte es wirklich ernst gemeint, was er da von einer halben Million Franken gesagt hatte. Aber er schien es ernst zu meinen. Ich fühlte unwillkürlich an die Brust, wo ich den verdammten Umschlag mit den fünftausend Mäusen trug. Meine Gedanken bewegten sich im Kreis. Und im Zentrum dieses verfluchten Kreises war die halbe Million. Hier wollte nicht irgendein mittelschwerer Drogenbaron die Konkurrenz beseitigen. Also kam der Graue wahrscheinlich auch aus einem ganz anderen Milieu. Ich hatte es schon von Anfang an vermutet.

Instinktiv, sozusagen. Der Graue hatte etwas sehr Korrektes.

Etwas Beamtenhaftes, sozusagen. Und vielleicht war er das ja auch. Ein Beamter. Ein Geheimdienstler, der jemanden brauchte, der ihm die heißen Kartoffeln aus dem Feuer holte.

Und warum ich? Die Frage hämmerte mindestens zum fünfhundertsten Mal in meinem Schädel. Warum ich und nicht ein ausgekochter Spitzenprofi? Der Graue musste noch Gesichtspunkte in seiner Rechnung haben, die ich nicht kannte.

Ich fühlte wieder den Umschlag.

Die fünftausend Mäuse verpflichten dich zu nichts, dachte ich. Also nimm sie und brauch' sie auf. Nachgedacht hast du ja. Damit ist dein Teil des Jobs erledigt. Dachte ich.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Sache so einfach gewesen wäre, aber natürlich wusste ich, dass dem nicht so war. Es hing ganz davon ab, mit wem ich es da zu tun hatte.

Vielleicht würden sie mir ebenfalls einen Todesengel vorbeischicken, wenn meine Antwort endgültig negativ ausfiel. Das konnte niemand ausschließen. Und die andere Sache waren die fünfhunderttausend Franken. Das war schon was. Damit konnte man neu anfangen. Andererseits musste derjenige, der diesen Job machte, das sicher auch. Aber ich hätte nichts dagegen gehabt. Nichts gegen die halbe Million und nichts gegen das Neu-Anfangen. Wäre mir auch ziemlich egal gewesen wo. Australien oder Südamerika, es hätte alles keine Rolle gespielt.

Später, als Tina nach Hause kam, saß ich noch immer ziemlich gedankenverloren da.

"Was ist denn mit dir los?", fragte Tina.

"Nichts."

"Ach komm schon, irgendetwas ist los. Das sehe ich dir doch an."

Wir waren immerhin schon lange genug zusammen, um uns gegenseitig solche Dinge an den Nasenspitzen ablesen zu können. Tina war Anfang zwanzig und ziemlich hübsch, wie ich fand. Ihre schulterlangen Haare hatte sie immer irgendwie zusammengesteckt, das gab ihr etwas Praktisches, Patentes.

Und genau so war sie auch. Sie wusste immer, was zu tun war.

Ihre Augen waren grün-grau.

Ein Paar Augen, das mir etwas bedeutete.

"So geht das nicht weiter mit dir", meinte sie. "Du hängst den ganzen Tag nur 'rum."

Ich atmete erst einmal tief durch und sagte gar nichts.

Meine Gedanken waren noch immer meilenweit entfernt. Ich überlegte, was ich mit dem Angebot machen sollte, das der graue Mann mir gemacht hatte. Eine halbe Million... Mir ging das einfach nicht aus dem Kopf. Jeder Mensch hat seinen Preis, ich bin überzeugt davon. Und vielleicht war das meiner. Ich dachte an die Abfindung, die ich vom französischen Staat für meine Dienste in der Legion bekommen hatte. Fast verbraucht. Irgendwie hatte ich nie eine besonders glückliche Hand gehabt, was Geld anging. Wie lange es wohl dauern würde, eine halbe Million Franken durchzubringen? Aber das war schon eine Summe, die selbst mich eine Weile über Wasser halten würde. Vermutlich sogar mehr als das.

"Was hältst du von etwas ganz Bürgerlichem?", meinte Tina.

"Häh?", machte ich. Ich schaute sie an, sie schaute zurück.

Ihre grauen Augen musterten mich. "Wovon sprichst du?", fragte ich.

"Von Arbeit. Einem Job. Ich meine damit allerdings nicht diese zwielichtigen Angelegenheiten, die du Geschäfte nennst."

"Lassen wir das Thema", winkte ich ab.

"Lassen wir das Thema", machte sie mich nach. "Das sagst du jedes Mal." Sie verschränkte die Arme unter ihrer Brust.

"Nächsten Monat wird die Miete steigen."

Ich hob die Augenbrauen.

"Davon hast du mir ja noch gar nichts erzählt."

"Na, dann erzähle ich es dir eben jetzt." Sie seufzte. "Ich erzähle es dir deshalb, weil ich finde, dass du langsam auch etwas beitragen könntest. Wir wohnen hier schließlich zusammen. Und soviel verdiene ich auch nicht, dass ich damit Bäume ausreißen könnte."

"Na gut", sagte ich. "Wie viel brauchst du?"

"So war das nicht gemeint."

Es war schon ziemlich lange her, dass sie mich um Geld gefragt hatte. Sie hasste so etwas, das wusste ich. Also war es wirklich dringend.

"Okay", sagte ich. "Tausend?"

"Hör mal..."

"Zweitausend?"

Ich langte in die Jackettinnentasche, holte zwei Scheine aus dem Umschlag und legte sie auf den Tisch. "Es ist in Ordnung", meinte ich dazu. "Das Geld steht dir zu." Sie starrte auf die beiden Tausender, als hätte sie noch nie so einen Schein gesehen. Dann schaute sie mich auf dieselbe Weise an.

"Woher hast du das?", fragte sie.

"Ist doch gleichgültig, oder?"

"Ich will's aber wissen."

"Frage ich dich vielleicht, woher dein Geld kommt?"

"Das ist kein Geheimnis."

"Ich frage dich aber nicht. Also frag' du mich auch nicht!"

Das war vielleicht ein bisschen schroff. Schroffer, als ich beabsichtigt hatte. Aber was hätte ich tun sollen? Ihr sagen, dass es sich um die Anzahlung für einen Mordauftrag handelte? Dann wäre es mit ziemlicher Sicherheit aus zwischen uns gewesen. Dafür hätte sie kein Verständnis gehabt.

Sollte sie also ruhig denken, dass ich irgendeine kleine Gaunerei durchgezogen hatte. Das war besser als die Wahrheit.

Sie nahm schließlich das Geld und steckte es weg. Dann lächelte sie ein wenig verlegen, aber auf ihre ganz besondere, unnachahmliche Weise. Vermutlich war es dieses Lächeln, wofür ich sie liebte. Ich erwiderte es.

2

Drei Tage später traf ich den grauen Mann mit der dicken Brille wieder. Es war morgens, so gegen neun, als er vor der Tür stand. Tina war schon weg. Zum Glück. Sie arbeitete in einem Cafe mit Konditorei und hatte heute Frühschicht. Ich sah wohl ziemlich verschlafen aus, als ich dem Grauen öffnete. Er lächelte flüchtig.

"Ich hatte schon befürchtet, es wären die Zeugen Jehovas", meinte ich flapsig.

Er fand das offenbar nicht sehr witzig.

"Haben Sie sich die Sache überlegt?", fragte er, ohne auf meine Bemerkung einzugehen.

Ich nickte knapp.

"Ja."

"Und?"

"Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich noch nicht genug über die Sache weiß.

"Natürlich nicht." Er machte eine unbestimmte Geste. "Kann ich hereinkommen?"

"Sicher."

Wir gingen den schmalen Flur entlang ins Wohnzimmer. Er setzte sich in einen der viel zu klobigen Sessel.

"Sie werden einen Vorschuss bekommen", erklärte er, so als hätte ich schon zugesagt. Er schien ein guter Menschenkenner zu sein. Jedenfalls wusste er, dass ich angebissen hatte und an seiner Angel hing. Ich hatte seinen Köder gefressen und es hatte wahrscheinlich wenig Sinn, das weiter leugnen zu wollen. Ich beschloss, es zu akzeptieren. Als Tatsache.

"Wie viel?", fragte ich.

"Hunderttausend. Richten Sie sich ein Schweizer Bankkonto ein. Wir überweisen dann."

"Ich will zweihunderttausend."

Der Graue verzog ein wenig den dünnlippigen, blutleer wirkenden Mund.

"Zum Handeln besteht keinerlei Spielraum. Merken Sie sich das." Er hob die Hände. "Ich finde mein Angebot außerdem sehr großzügig."

"Also gut", sagte ich. Eigentlich sollte man bei großzügigen Angeboten ja immer besonders misstrauisch sein. Ich war es leider nicht. Aber wahrscheinlich hätte es auch nichts genutzt, wenn ich es gewesen wäre.

"Wer sagt Ihnen eigentlich, dass ich nicht die hunderttausend nehme und damit verschwinde - ohne dafür etwas zu leisten?"

"Das werden Sie nicht tun. Ich würde es Ihnen jedenfalls nicht empfehlen. Glauben Sie mir, wir würden Sie überall aufstöbern. Sie wären nirgends vor uns sicher. Also vergessen Sie diesen Gedanken besser ganz schnell."

Ich hatte das Gefühl, dass er recht hatte.

"Es war auch nur eine Frage", meinte ich.

Er nickte und schien mir sogar verständnisvoll.

"Ich weiß."

Ich atmete tief durch. "Um wen geht es?"

"Um einen Russen."

"Davon gibt es 150 Millionen. Etwas genauer hätte ich es schon ganz gerne."

"Natürlich." Der Graue beugte sich vor. "Es handelt sich um einen Nuklear-Wissenschaftler. Eine große Nummer der ehemaligen Sowjetunion, die jetzt die Chance sieht, sich eine goldene Nase zu verdienen."

"Ich habe von solchen Dingen gehört. Aber mehr als Gerüchte dringen ja kaum an die Öffentlichkeit."

"Gehen Sie mal auf einen wissenschaftlichen Kongress, sagen wir für Raketentechniker oder Atomphysiker. Da geht es zu wie in einem Kontakthof."

"Und dieser Mann ist so wichtig?"

"Ja."

"In welchem Land will er denn zukünftig Geld sein Geld verdienen?"

"Spielt für Sie keine Rolle. Jedenfalls werden Sie und ich besser schlafen können, wenn er dort nie ankommt."

"Verstehe..."

Es gab sicher genug potentielle Interessenten, die sich aus der Konkursmasse des roten Riesenreichs das eine oder andere Filetstück herauskaufen wollten. Angefangen vom nahen Osten über den Maghreb bis nach Südamerika.

"Was Sie tun werden, wird in unser aller Interesse sein", erklärte der Graue, als müsste er bei mir irgendwelche Skrupel beseitigen. Er selbst schien davon ohnehin nicht geplagt zu werden, so eiskalt, wie er sich mir präsentierte.

"Jetzt begreife ich den hohen Preis, den Sie zahlen", erwiderte ich.

Sein Gesicht blieb unbewegt.

"So?"

"Der, der diesen Job erledigt, wird anschließend von irgendeinem Geheimdienst über den ganzen Globus gejagt."

"Nicht, wenn es keine Verbindung zwischen denen gibt, die an der Sache beteiligt sind. Sie sind ein unbeschriebenes Blatt. Sie haben eine Chance."

Langsam glaubte ich, in Umrissen zu begreifen, was für ein Spiel hier gespielt wurde. Andererseits - mit einer halben Million in der Tasche konnte man eine ganze Weile lang toter Mann spielen und irgendwo untertauchen, bis die Luft rein war.

Doch das war eine Sache, die genau geplant sein wollte.

Er hob ein wenig seine dünnen Augenbrauen und sagte dann: "Ich hatte Sie schon mal gefragt, ob Sie eine Waffe haben."

"Ich habe keine."

"Dann werde ich Ihnen eine besorgen."

"Gut."

Ich hatte mich entschieden, die Sache durchzuziehen. Ich weiß nicht, was gewesen wäre, wenn ich abgelehnt hätte. Ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung...

"Haben Sie ein Foto von dem Kerl?", fragte ich.

"Bekommen Sie alles."

"Wann?"

"Zusammen mit der Waffe."

Der Graue erhob sich.

Ich fragte mich erneut, mit wem ich es eigentlich zu tun hatte, wer hinter dem Mann mit den Flaschengläsern auf der Nase stand. Da kamen viele in Frage. Der israelische Geheimdienst Mossad vielleicht, sofern es ein arabisches Land war, in das es den Russen zog. Aber soweit ich darüber Bescheid wusste, machten der Mossad seine Liquidationen selbst.

Und die CIA?

Es gab sicher eine Reihe interessierter Parteien, die den Transfer eines russischen Atom-Cracks um jeden Preis zu verhindern beabsichtigten. Und wenn ich das Land gewusst hätte, in dessen Dienste dieser Mann treten wollte, dann wäre ich vermutlich um einiges schlauer gewesen.

Aber das wusste auch der Graue und deshalb verriet er mir kein Sterbenswörtchen.

Ich brachte ihn zur Tür.

"Es war nicht besonders geschickt von Ihnen, mich hier, in dieser Wohnung aufzusuchen", tadelte ich ihn.

Er hob die Augenbrauen und sah mich durch seine Flaschenglasbrille an.

"Warum nicht?"

"Ich möchte Tina nicht in die Sache hineinziehen."

"Warum sollte das passieren?"

"Spielen Sie nicht den Dummen. Das wissen Sie so gut wie ich."

"Halten Sie mich für einen Idioten? Dann verstehe ich nicht, weshalb Sie für mich arbeiten wollen!"

"Jedenfalls möchte ich nicht, dass es noch einmal vorkommt", erklärte ich bestimmt.

"Keine Sorge, wir haben uns heute zum letzten Mal gesehen", eröffnete er mir.

"Und wie geht die Sache jetzt weiter?"

"Richten Sie innerhalb der nächsten vierzehn Tage in Zürich ein Konto ein. Ich werde Sie dann anrufen."

"Und die Waffe?"

"Werden Sie bekommen."

Er verließ die Wohnung. Ich lief zum Fenster und wartete darauf, ihn unten auf der Straße irgendwo auftauchen zu sehen. Fast wollte ich schon aufgeben, da sah ich ihn doch noch. Er blickte sich mehrfach um. Ein Taxi kam heran, hielt und er stieg ein. Ich merkte mir die Nummer - sowohl die Autonummer, als auch die Rufnummer des Taxiunternehmens, die übergroß auf den Seitentüren stand.

Ich ging zum Telefon und rief an.

Die Firma hieß Rentdorff. Anschließend die Adresse herauszufinden war kein Problem und so stieg ich wenig später in meinen angerosteten Volvo, um dieser Taxi-Firma einen kleinen Besuch abzustatten.

Ich kam schließlich auf einen schlichten Asphalthof, auf dem ich meinen Wagen abstellte. Eines der Taxis stand mit geöffneter Motorhaube da. Ich sah die untere Hälfte eines Rückens und zwei Beine. Der Rest beugte sich über den Motor und schien ziemlich intensiv beschäftigt zu sein. Ich trat etwas näher.

"Ich suche die Firma Rentdorff", eröffnete ich.

"Gehen Sie ins Haus", knurrte es unter der Motorhaube hervor. Ich zuckte die Achseln und ging an ihm und seinem Taxi vorbei.

Das Haus war ein grauer, schmuckloser Bau, dessen Außenputz an mehreren Stellen Risse hatte. Die Tür stand halb offen.

Ich klopfte an.

"Ja, was ist denn?"

Es war eine energische, befehlsgewohnte Frauenstimme, die mich da anbellte. Der Drachen der Kompanie oder etwas in der der Art.

Mit zwei Schritten war ich in einer Art Büro und stand einer ziemlich drallen Mitvierzigerin gegenüber, die auf einem rollbaren Drehstuhl saß und zu mir herumwirbelte.

"Wer sind Sie?", fragte sie, nahm dann einen Funkspruch entgegen und musterte mich dabei ziemlich kritisch.

Ich wartete, bis sie fertig war.

Schließlich sollte die Nummer, die ich hier abziehen wollte, die größtmögliche Wirkung erzielen.

Ich zog meine Polizeimarke aus der Tasche und hielt sie ihr unter die Nase. Vor ein paar Wochen hatte ich sie beim Trödler gekauft. Es war wohl das Beutestück irgendeines Autonomen.

Jedenfalls war sie echt.

Und immer dann, wenn man irgend etwas wissen wollte, hatte dieses Blechstück die tolle Eigenschaft, den Leuten den Mund zu öffnen.

"Kriminalpolizei", sagte ich also mit der größten Portion Selbstbewusstsein, die ich auf die Schnelle zusammenkratzen konnte und sah dem drallen Drachen dabei direkt in die wässrig-blauen und alles in allem ziemlich kritischen Augen.

Die Mitvierzigerin lehnte sich etwas zurück. Es dauerte fast zwei volle Sekunden, ehe sich in ihrem Gesicht etwas veränderte.

Aber als es dann doch noch geschah, wusste ich, dass ich schon halb gewonnen hatte.

Ich ließ sie ruhig einen zweiten und dritten Blick auf die Marke werfen. "Schauen Sie nur ausführlich hin", meinte ich. "Ich verstehe, dass Sie vorsichtig sind, aber die Marke ist echt!"

Insgeheim betete ich dafür, dass sie mich nicht auch noch nach meinem Dienstausweis mit Passbild fragte. So etwas hätte ich jetzt nämlich nicht aus dem Ärmel schütteln können. Die Skepsis war noch nicht aus ihrem Gesicht gewichen, da entschied ich, dass Angriff jetzt die beste Verteidigung war. "Ich habe ein paar Fragen an Sie. Es geht um einen Mann, den einer Ihrer Wagen vor gut einer Stunde befördert hat."

Sie schien die Pille zu schlucken, die ich ihr untergejubelt hatte.

"Welcher Wagen?", fragte sie.

"Ich habe das Kennzeichen aufgeschrieben."

Ich gab ihr einen Zettel.

"Und was wollen Sie über den Fahrgast wissen?"

"Wo er hingefahren ist."

Sie zögerte.

Mit einer Hand war sie schon an ihrem Funkgerät, vermutlich um den Fahrer zu rufen. Aber dann hielt sie inne.

"Wie sah der Mann aus?"

"Graue Haare und eine sehr dicke Brille. Mitte fünfzig, würde ich sagen."

"Und Sie sind wirklich von der Polizei?"

Vielleicht wäre meine Polizisten-Nummer überzeugender gewesen, wenn ich mich vorher rasiert hätte. Ich spielte den Genervten und machte erst einmal große Geste.

"Glauben Sie, ich habe ewig Zeit? Der Kerl ist längst über alle Berge, ehe Sie begriffen haben, was hier gespielt wird!"

"Ach, ja?"

"Also gut!", grunzte ich und zog meinen letzten Trumpf aus dem Ärmel. Meinen allerletzten. Ich nannte ihr ein Polizeirevier, bei dem sie anrufen sollte. "Fragen Sie nach Borowski", sagte ich ihr. "Das bin nämlich ich."

Sie dachte nach.

Es war ein simpler Trick. Borowski existierte wirklich. Er war Streifenpolizist und hatte vor ein paar Wochen einen Unfall aufgenommen, in den ich verwickelt gewesen war. Ich hatte mir einfach seinen Namen und sein Revier gemerkt. Und wenn der dicke Drachen jetzt tatsächlich auf Nummer Sicher gehen wollte und dort anrief, dann konnte ich mit einiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sie gesagt bekam, Borowski sei nicht zu sprechen, weil er unterwegs sei, was den Drachen wiederum denken lassen würde, dass meine Märchen-Story der Wahrheit entsprach. Aber sie nahm den Hörer nicht ab, sondern rief statt dessen ihren Fahrer. Und eine Minute später wusste ich, dass der graue Mann mit den Flaschengläsern vor dem Hotel Maritim ausgestiegen war.

"Besten Dank", zischte ich dem Drachen zu.

"Was hat er denn verbrochen, der Kerl, dem Sie hinterherjagen?"

"Unterliegt alles dem Datenschutz", gab ich ihr zurück. "Angenommen, Sie wären in einen Mordfall verwickelt, dann wollten Sie doch auch nicht, dass das überall herumerzählt wird, oder?"

"Mord?"

Es war das erste Mal, dass ich so etwas wie Erstaunen in dem aufgeschwemmten Gesicht der Mitvierzigerin sah.



3

Eine Minute später saß ich wieder hinter dem Steuer des Volvo und dachte: Volltreffer! Wenn der Graue sich vor dem Hotel Maritim hatte absetzen lassen, dann wohnte er vielleicht dort. Und das hieß, dass ich eine reelle Chance hatte, mehr über ihn zu erfahren. Ich fuhr also zum Maritim, parkte den Wagen irgendwo in der Umgebung und beobachtete dann eine Weile den Eingang. Leute kamen und gingen. Meistens Herren ohne Begleitung. Geschäftsreisende. Eine Gruppe von Japanern war auch dabei. Das Personal hatte seine liebe Not mit ihnen, weil unter den Japanern niemand zu sein schien, der etwas anderes, als seine Muttersprache so beherrschte, dass es für eine Verständigung ausreichte.

Aber von dem Grauen sah ich keine Spur.

Vielleicht war er auch schon längst wieder unterwegs. Auch war es möglich, dass er hier nur in ein anderes Taxi oder die U-Bahn umgestiegen war, um eventuelle Verfolger abzuschütteln. Ich wagte mich schließlich ins Foyer. An der Rezeption stand ein schwitzender Portier, ziemlich dick und mit dunklem Schnauzbart. Er durfte auf keinen Fall zu heftig Luft holen, wenn er vermeiden wollte, dass ihm die Knöpfe von der viel zu engen Jacke sprangen.

Ich sah mich um. Aus einem Zeitungsständer nahm ich mir ein Hoteljournal, das hier gratis verteilt wurde und einen in drei Sprachen auf die Sehenswürdigkeiten der Umgebung aufmerksam machte. Im Notfall konnte ich so tun, als würde ich darin lesen. Notfall, das war, wenn der graue Mann mir hier plötzlich über den Weg laufen sollte. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie er reagieren würde, aber es war sicher besser, wenn er nichts davon erfuhr, dass ich ihm nachspionierte. Ich wandte mich an den Portier und zog noch einmal meine Polizistennummer ab. Es klappte hervorragend.

"Ich möchte Sie bitten, keinerlei Aufsehen zu erregen",

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