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Der Kuss des stolzen Schotten

1. KAPITEL

Als Lady Jenna Aleyne die drei heruntergekommenen Raufbolde sah, die ihr den Weg versperrten, schlug ihr das Herz bis zum Hals, und sie verfluchte ihr Pech. Kaum dass die Burg hinter ihr außer Sichtweite war, hatte sich ihr Pferd einen Stein eingetreten. Das war schon schlimm genug. Doch drei übel gesinnte Männer – das war ein Fiasko.

Üblicherweise wurde sie von einem Stallknecht begleitet. Am heutigen Vormittag jedoch hatte einer der Burschen aus dem Ort verlauten lassen, dass sich auf dem Marktplatz ein wandernder Kesselflicker rumtreibe, der ihr die neuesten Nachrichten aus Brae­muir übermitteln könnte.

Als Lord Carrick, ihr Treuhänder und Vormund, damals darauf bestand, die Verwaltung ihres Familiensitzes zu übernehmen, war es Jenna, der vierzehnjährigen Waise, nur vernünftig erschienen. Doch während all der Jahre vermisste sie ihre Heimat und sehnte den Tag herbei, an dem sie zu ihren Leuten zurückkehren und ihre Pflichten übernehmen könnte, wie sie es einst ihrem Vater versprochen hatte.

Unmöglich konnte sie sich die Neuigkeiten über Braemuir und seine Bewohner entgehen lassen. Es widerstrebte ihr allerdings heftig, das ihrem Cousin gegenüber anzusprechen, der ihr den Ausgang vermutlich nicht gestattet hätte.

Also war sie ohne Begleitung aus der Burg geschlüpft.

Jenna schenkte den Männern ein Lächeln. „Welchem Clan gehört ihr an?“, fragte sie in ihrem recht eingerosteten Gälisch und wünschte wieder einmal, sie hätte ihre Muttersprache während ihrer Zeit in England häufiger geübt. „Man wird euch auf der Burg willkommen heißen, wenn ihr etwas zu essen braucht.“

„Verfluchte Heidensprache“, murrte der kleinste der drei. „Kann in dieser gottverlassenen Gegend denn keiner ordentlich Englisch sprechen?“ Er sah zu dem Mann, der offenbar ihr Anführer war. „Bist du sicher, dass sie es ist?“ Mit wiegendem Gang trat er auf sie zu. Sein Blick war hart.

Es waren keine Highlander. Vielleicht Seeleute aus England? Ihr Mund fühlte sich plötzlich trocken an. Am liebsten hätte sie sofort Reißaus genommen, doch sie würde keine zwanzig Schritte weit kommen. Besser, sich ihnen zu stellen, als ihnen den Rücken zu kehren. „Ich bin auf dem Weg nach Carrick Castle und schon spät dran“, sagte sie auf Englisch. „Höchstwahrscheinlich hat man schon einen Suchtrupp ausgeschickt, daher will ich euch nicht weiter aufhalten.“

Unbeeindruckt von der unterschwelligen Drohung kreisten sie Jenna ein und stellten sich auf eine Weise um sie auf, dass Jenna sicher war, sie würden sie jeden Moment feige von allen Seiten gleichzeitig angreifen. Nur eine Pistole könnte sie jetzt davon abbringen, doch die ihre steckte in der Satteltasche.

In den Highlands herrschten verzweifelte Zeiten; in der Regel waren Ehre und Gastfreundschaft den Einheimischen heilig, doch Engländer waren hier nicht gern gesehen. Jenna verzog das Gesicht. Vermutlich war dies der Grund für das verhungerte Aussehen und den harten Blick dieser Männer.

Die Pistole war wohl ihre letzte Chance. Mit zitternden Fingern schob sie sich unauffällig die Zügel hinter den Rücken und zerrte gleichzeitig daran, damit ihr Pferd sich bäumte, als ob es unruhig wäre. „Das dumme Tier …“, plapperte sie, „… hat sich einen Stein eingetreten.“

Das Pferd drehte sich seitwärts und warf den Kopf auf. So, noch ein bisschen näher … ein paar Spannen, und sie würde es schaffen. Das Pferd scheute leicht. Tief zog Jenna den Atem ein. Sie musste die Männer ablenken, ihre Blicke fesseln. Aber wie?

Ein tonloses, aber munteres Pfeifen drang ihr in die Ohren. Es kam von der Richtung, wo das Dorf lag. Als sie sich umschaute, wurde ihr ganz übel. Ein vierter Mann, hochgewachsen, langbeinig, seinen kräftigen Spazierstock schwingend, kam er mit lässigen, weit ausholenden Schritten rasch näher. Oh Gott, gehörte er etwa auch zu den Schurken? Ihr Herz begann noch heftiger zu schlagen.

Einer der abscheulichen Burschen vor ihr zog einen Knüppel aus seinem Gürtel. Die anderen beiden taten es ihm gleich. Sie waren nun schon recht nah und wirkten absolut unerbittlich und zielstrebig. Jenna drückte sich rücklings gegen ihr Pferd und schluckte schwer. Der Neuankömmling, ununterbrochen pfeifend, kam direkt auf sie zu. Er ähnelte mitnichten den Straßenräubern, die sie umkreisten. Schlicht gekleidet, das war er. Auch sein energisches, von Bartstoppeln bedecktes Kinn verlieh ihm ein bedrohliches Aussehen. Doch sein Blick und seine ganze Miene waren offen. Jenna klammerte sich an die Hoffnung, die in ihr aufstieg. Als der Mann sie erreichte, sah sie Zorn in seinen zusammengekniffenen Augen blitzen. „Drei gegen einen, Jungs?“, sagte er in grimmigem Ton. Sein Englisch war vom Dialekt der Highlands gefärbt.

Ein Freund, entschied sie, ihrem Instinkt vertrauend. Was nichts daran änderte, dass sie immer noch zwei gegen drei waren. Sie brauchte die Pistole.

„Charlie!“, rief sie, fiel ihm stürmisch um den Hals und drückte ihren Mund auf den seinen, während sie mit der anderen Hand verstohlen nach ihrer Waffe tastete.

Eine Sekunde lang stand der junge Mann wie erstarrt. Sie empfand seine geöffneten Lippen als schockierend intim. Ein Prickeln schoss ihr von den Lippen direkt in die Brüste, als sie seinen heißen Atem an ihrem Mund spürte, mit dem ein Duft nach Holzrauch, Heidekraut und Mann einherging.

Schockierend und … und herrlich gleichzeitig. Unwillkürlich schloss sie die Lider, damit sie die Empfindung besser auskosten konnte. Die Zeit blieb stehen, als seine Lippen mit den ihren verschmolzen und seine große, warme Hand ihr Gesäß umfing und sie an seinen Körper zog. Er fuhr ihr mit der Zunge über die Unterlippe. Der Schock, ihn zu spüren, seine harten Muskeln, als er sich fordernd gegen sie presste, und die samtige Wärme seines Mundes ließen sie aufkeuchen. Sanft forschend ließ er seine Zunge in ihren Mund gleiten und schickte kleine heiße Schauer über ihren Körper, die sich anfühlten wie winzige prickelnde Flämmchen. Köstlich. Furchterregend.

Nur das Gewicht der Pistole, die ihr aus der Hand zu rutschen drohte, brachte sie wieder zu Verstand. Mit einem Ruck zog Jenna sie aus dem Halfter, trat zurück und richtete die Waffe erst auf ihn und dann auf die anderen drei Männer, die sie mit offenem Mund angafften.

Der Neuankömmling schenkte ihr ein atemberaubend sündiges Grinsen und wandte sich den drei Schurken zu. „Ich schätze, die Chancen stehen beinahe gleich“, sagte er.

„Tod und Teufel!“, stieß der kleinste der drei aus.

Also hatte sie richtig gelegen. Der Neuankömmling gehörte nicht zu ihnen. Sie stellte sich an seine Seite, die Pistole im Anschlag.

„Gentlemen“, sagte der Mann, den sie geküsste hatte, mit ruhiger Gewissheit, „ihr werdet die Dame nun ihrer Wege gehen lassen.“ Dabei schwang er seinen Stock in weitem Bogen. „Der erste von euch, der sich uns nähert, wird sich mit zerschmetterten Knien wiederfinden.“

Jenna wedelte mit der Pistole, nur für den Fall, dass sie unbemerkt geblieben wäre. „Und der zweite bekommt eine Kugel ins Herz.“

Der junge Mann sah sie aus dem Augenwinkel an, ließ sich aber nicht ablenken. „Nun gut, ihr feinen Kerle. Wer will der Erste sein?“

Der Anführer warf seinen Kumpanen einen verzweifelten Blick zu. „Sie sind nur zu zweit!“ Doch seine Gefährten standen wie angewurzelt und starrten die Pistole an. Jenna richtete sie auf den Kopf des Anführers. „Du zuerst, denke ich.“

Sofort hob er die Hände in die Höhe. „Nur ein paar Münzen, mehr brauchen wir nicht. Für eine Unterkunft heute Nacht …“

„Macht euch ein Bett im Heidekraut, wie wir alle“, grollte der junge Schotte. „Na, komm schon her, Mann, seit Tagen habe ich niemandem den Kopf zerschlagen.“

Der Kleinere sah seine Freunde an. „Verdammter Dreck. Die hat eine Pistole.“ Er schob den Knüppel zurück in seinen Gurt, und der Mann zu seiner Rechten tat es ihm gleich. Der Anführer jedoch warf ihnen wütende Blicke zu. „Ihr verfluchten, feigen Hunde!“ Und griff an.

Der Schotte stürzte ihm entgegen. Da sie nicht schießen konnte, weil sie sonst vielleicht den Falschen getroffen hätte, schwenkte sie den Lauf der Pistole zwischen den beiden anderen hin und her. In Sekundenschnelle war es vorbei. Den Angreifer erwischte ein harter Schlag auf der Schulter. Er schrie auf vor Schmerz, und sein Arm sank schlaff an seiner Seite herab. Kurz darauf rannten die drei durch das Heidekraut davon, einer entfernten Baumgruppe entgegen. Noch bevor Jenna bis drei zählen konnte, waren sie schon außer Sichtweite.

Erschöpft lehnte sie sich an die Flanke ihrer Stute, die ein leises Wiehern von sich gab.

„Was für Feiglinge“, sagte der junge Mann angewidert. Er nahm Jenna das Schießeisen aus der schlaffen Hand. Einen Moment lang musterte er es, bevor er es sicherte und zurück in das Sattelhalfter schob. „Sie legen es aber auch drauf an, wenn Sie nur mit dieser Waffe hier als Schutz ausreiten“, sagte er trocken, aber ein wenig vorwurfsvoll. „Einen hätten Sie mit Glück erledigen können. Drei nicht.“

Jenna versteifte sich. Dachte er etwa, sie könnte nicht allein auf sich aufpassen?

„Ich habe diese Straße schon unzählige Male benutzt, ohne jemals in Schwierigkeiten gekommen zu sein.“

„Allein?“, fragte er, und sie spürte, wie sie errötete.

„Hin und wieder.“ Sie wusste, dass sie ein wenig zu herausfordernd klang, doch wer war er, ihr Tun derart infrage zu stellen? In Wahrheit war sie so versessen auf Nachrichten von Braemuir gewesen, dass sie gar nicht weiter nachgedacht hatte. Nicht dass ihr je zuvor etwas von Wegelagerern in dieser Gegend zu Ohren gekommen wäre. Nicht so nahe der Burg. „Es wäre alles in Ordnung gewesen, wenn sich mein Pferd keinen Stein eingetreten hätte.“

In seinen grün gesprenkelten, braunen Augen las sie, dass er das nicht glaubte. Aufreizender Mann! Dass er darüber hinaus sogar recht hatte, machte sie nur noch ärgerlicher. Auf sich selbst. Es war ein Glück, dass er ihr zu Hilfe gekommen war. Doch es fuchste sie, das eingestehen zu müssen. „Sir, ich danke Ihnen für Ihren Beistand. Ich habe Sie, glaube ich, noch nie in dieser Gegend gesehen?“

Sein Blick verdüsterte sich. „Niall Gilvry, zu Diensten.“ Er zeigte auf das Pferd. „Welcher Huf ist es?“

„Vorne rechts.“

Er bückte sich und hob das Bein des Tieres an. „Haben Sie ein Werkzeug dabei?“

Sie reichte ihm den kleinen Pickel, den sie stets bei sich trug. „Das arme Tier.“

Mit einer geschickten Bewegung entfernte Gilvry den Stein und stocherte behutsam nach, um zu sehen, ob das alles war. „Sie werden zu Fuß gehen müssen, befürchte ich. Es wird noch eine Weile dauern, bis es heilt.“

Er musste sie wirklich für dumm halten, wenn er glaubte, sie würde das arme, schmerzgeplagte Geschöpf reiten! Aber welchen Sinn hatte es, ihn darauf hinzuweisen? Sie würde ihn vermutlich nie wiedersehen. Und wenn sie an die aufregenden Schauer dachte, die sein Kuss in ihr ausgelöst hatte, war es wohl auch das Beste. „Natürlich werde ich nicht aufsitzen, wenn Sie es nicht für richtig halten.“

Er nahm die Zügel der Stute. „Ich begleite Sie“, erklärte er, ohne auf ihre Einwilligung zu warten. „Nur falls die Burschen es sich anders überlegen und zurückkommen.“

Der Gedanke ließ sie schaudern. Obwohl ihr Begleiter, wenn sie ehrlich war, mit seinen finsteren Zügen – schwarze, strenge Brauen über einer falkenhaften Nase – beinahe ebenso furchterregend war wie jene Raufbolde. Manche Frau mochte solch ein schroffes, unrasiertes Antlitz ansehnlich finden, doch seine hohe Statur zusammen mit der grimmigen Miene ließ ihn mehr als nur ein wenig übermächtig wirken. Nur seine schön geformten Lippen deuteten auf etwas wie Sanftheit hin. Ein kleiner Schauer rann ihr den Rücken hinab, als ihre Lippen in Erinnerung an die Empfindung prickelten, die sein Mund auf dem ihren ausgelöst hatte.

Es war nicht ihr erster Kuss. Gelegentlich hatte sich ihr der ein oder andere verliebte Jüngling im Blindekuh-Spiel aufgedrängt. Ungeschickter Druck von Lippen gegen Zähne. Nicht annähernd so heiß und verboten, wie sein Mund sich angefühlt hatte. Von jenen Küssen hatte keiner ihr glühend heißes Verlangen entfacht oder sie vergessen lassen, was sie tat. Nicht einmal für einen winzigen Augenblick.

Ihn zu küssen, war Wahnsinn gewesen – das erkannte sie jetzt, da sie klar darüber nachdenken konnte. Allein bei der Vorstellung wurde ihr abwechselnd heiß und kalt. Doch in dem Moment war ihr nichts Besseres eingefallen. Vermessen und töricht pflegte ihr Vater solche unbesonnenen Taten zu nennen. Und peinlich dazu.

„Dann also los“, sagte sie forsch. Sie wollte nicht länger herumtrödeln, denn es war nicht gelogen, dass möglicherweise schon nach ihr gesucht wurde. Nun, solange Mrs Preston ihre Abwesenheit noch nicht bemerkt hatte … Zunächst würde sie wohl das Pferd vermissen, das allerdings ständig von allen und jedem ausgeritten wurde.

Leider musste sie sich jetzt eine neue Ausrede einfallen lassen, um zum Markt zu kommen. Während sie Seite an Seite voranschritten, lugte sie aus dem Augenwinkel zu ihrem Retter hin. Hochgewachsen und schlank, wie er war, überragte er sie. Wie ein echter Highland-Gentleman hatte er sein Leben riskiert, um sie zu beschützen. Nach seinen Kleidern zu urteilen, war er arm. Nicht von der Sorte, die sie küssen sollte, ganz gleich, wie gut es ihr gefiel.

Ob der unziemlichen Gedanken stieg ihr spürbar die Röte in die Wangen, und sie schickte ein Stoßgebet in den Himmel, dass ihr Begleiter es nicht bemerkte.

„Wo sind Sie daheim?“, fragte er plötzlich.

Schuldbewusst zuckte sie zusammen. „Auf Carrick Castle. Lord Carrick ist mein Vormund.“

Ein Ausdruck wie Verblüffung huschte über sein Gesicht. Oder eher Schrecken? Jedenfalls war es zu schnell verschwunden, um es sicher zu sagen.

„Stimmt etwas nicht damit?“, fragte sie steif.

„Ich staune nur, dass seine Lordschaft Sie ohne Begleitung ausreiten lässt.“

Bestimmt wäre Lord Carrick selbst erstaunt.

„… und fremde Männer küssen“, fügte er hinzu, und sie meinte, für eine Sekunde ein sündiges Glitzern in seinen Augen aufblitzen zu sehen. Eine Herausforderung? Wieder verschwand der Ausdruck zu schnell, als dass sie ihn hätte deuten können, und seine Züge zeigten wieder die vorherige Strenge.

War er wirklich so abgeneigt von ihrem Kuss? Gewiss hatte sie sich nicht bloß eingebildet, dass sein Atem in jenen kurzen Augenblicken schneller gegangen war. „Es war nur ein Ablenkungsmanöver, um an meine Pistole zu kommen!“ Sie musste ein für alle Mal klarstellen, dass sie kein leichtfertiges Mädchen war.

„Für die Zukunft würde ich von dieser Methode abraten“, sagte er trocken.

Bestimmt, weil sie schlecht küsste. Aber sie hatte auch wirklich keine Erfahrung darin. Hitze durchströmte sie, stieg ihr in die Wangen, und sie wünschte, er würde weggehen und sie mit ihrer Verlegenheit alleinlassen. „Ich bemühe mich, Ihren Rat zu beherzigen.“

Missbilligend sah er sie an.

Zum Kuckuck mit diesem Mann! Für wen hielt er sich, dass er ihre Handlungen zu verurteilen wagte?

Sie warf ihm einen hochmütigen Blick zu. „Davon abgesehen weiß ich nicht, was Sie das überhaupt angeht.“

Aber jemanden sollte es angehen, dachte Niall grimmig. Er konnte immer noch nicht glauben, dass sich die Frau neben ihm – eine Dame, der Kleidung nach, und dazu eine außerordentlich reizvolle – allein auf den Straßen herumtrieb. Naja, Lady Selina, die Gemahlin seines Bruders, war nicht weniger tollkühn gewesen. Doch auch sie hätte damals umkommen können.

Und dieser Kuss. Ihm war immer noch heiß unter seinem Kragen – und anderswo –, seitdem sie ihre Lippen auf die seinen gepresst hatte. Ah, er hatte schon bessere Küsse bekommen, von erfahreneren Damen, doch nie einen süßeren. Und nie einen, der ihm so unmittelbar den Verstand raubte, dass er derart darauf reagiert hätte.

Es war ein Glück, dass er, nachdem sie ihren unschuldigen Körper an ihn gedrückt hatte, überhaupt noch kämpfen konnte. Denn wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sie überhaupt nicht wieder losgelassen. Und nun erfuhr er, dass sie das Mündel des Mannes war, in dessen Dienst er treten wollte. Eine Frau so hoch über ihm, dass sie, wenn sie nur ein wenig Verstand hatte, beschämt sein sollte, sich in seiner Gesellschaft zu zeigen.

Je eher er diesen Kuss aus seiner Erinnerung verbannte, desto besser. Sonst könnte er noch im hohen Bogen aus der Burg fliegen. Diese Anstellung zu bekommen, war ein Glücksfall. In den Highlands bezahlte Arbeit zu finden, war überhaupt pures Glück.

Als entfernter Verwandter von Carrick war sein Gesuch nach einem Posten ohne weitere Fragen akzeptiert worden. Was nicht hieß, dass er sich auf seine Loyalität verlassen könnte, wenn Carrick unzufrieden war.

Er musste nicht noch mit dessen Mündel anbandeln, denn es war schon schlimm genug, dass Ian ihn gebeten hatte, insgeheim Näheres über Carricks ehemaligen Verwalter Tearny herauszufinden, der beinahe Ians Gemahlin umgebracht hätte. Der Mann war von Ians Hand gestorben. Wenn er, Niall, sich also nicht in Acht nahm, musste er schon bald nach Dunross zurückkriechen, mit eingezogenem Schwanz und ohne Chance auf weiteres Vorwärtskommen. Oder Einkommen. Und in allem auf seinen Bruder angewiesen.

Seine Schultern verkrampften sich bei dem Gedanken.

Ja, er hatte sich stets nützlich gemacht. Hatte jede Aufgabe erledigt, wie es ihm als Bruder des Lairds auch oblag. Und die Kinder des Clans in der kleinen Dorfschule zu unterrichten, hatte ihm sogar Freude bereitet. Doch ehrlich gesagt war das keine große Herausforderung. Und wie Mollys Vater ihm nur zu bald zu verstehen gab, als Niall sie bat, mit ihm auszugehen, war ein Mann ohne Einkommen oder Grundbesitz kaum eine gute ­Partie.

Das hatte wirklich seinen Stolz getroffen.

Obwohl er seine Schulbildung nach dem Tod seines Vaters aus Kostengründen abbrechen musste, besaß er ein profundes Bücherwissen. Nun war es an der Zeit, seine Geisteskräfte einzusetzen, für ihn selbst ebenso wie für den Clan. Hier auf Carrick Castle hoffte er, genug zu verdienen, um später nach Edinburgh zu gehen und einen Juristen zu finden, der ihn als Partner aufnahm.

Diese junge Dame hier zu treffen, war kaum ein günstiger Beginn seiner neuen Karriere. Nicht, wenn sie Carrick von diesem Kuss erzählte. Fast wünschte er, dieses Mädchen wäre ihm nie unter die Augen gekommen. Nein, das stimmte nicht. Er mochte sich kaum vorstellen, was ihr passiert wäre, wenn er nicht plötzlich aufgetaucht wäre.

Er sah sie von der Seite an, schaute auf einen schwarzen Hut hinunter, der dem Biberhut des eleganten Mannes nachempfunden war, nur dass ein kurzer Schleier aus schwarzem Tüll die Krempe zusätzlich verzierte. Er konnte kaum glauben, wie winzig sie war. Angesichts des Mutes, mit dem sie den Wegelagerern begegnet war, hatte er sie für größer angesehen, doch tatsächlich reichte sie ihm so eben bis zur Schulter. Wie sie ihn überhaupt hatte auf den Mund küssen können, war ihm rätselhaft. Er musste ihr wohl bei dieser kleinen Torheit behilflich gewesen sein. Wenn er es recht erinnerte, hatte er sie mit einem Arm umfangen, um sie dichter an sich zu ziehen. Instinkt. Natürlicher Reflex.

Immerhin war das Mädchen teuflisch attraktiv, auf eine süße, koboldhafte Art. Ihre Augen hatten die Farbe von Moos, die sich mit ihrer jeweiligen Stimmung in das geheimnisvolle Grün eines Winterwaldes verwandeln konnte. Ein bezauberndes Gesicht mit cremig-weißer Haut, umrahmt von widerspenstigen rotbraunen Locken.

Hübsch würde man sie nicht nennen, doch er fand sie faszinierend. Sie erinnerte ihn an die winzigen Elfen aus den Geschichten, die man ihm in seiner Kindheit erzählt hatte. Allerdings eine hochmütige kleine Elfenkönigin. Eine Frau, die dich in eine Kröte verwandelt, wenn ihr danach ist.

Ohne mit der Wimper zu zucken, hatte sie es mit den Schurken aufgenommen. Außergewöhnlich und besorgniserregend. Es zeugte von einer Waghalsigkeit, die er vollkommen verlernt hatte.

Während sie dahinschritten, bemühte er sich krampfhaft, nicht zu bemerken, wie sich ihr Kostüm an die süßen, weichen Rundungen ihrer schlanken Gestalt schmiegte. Sanfte Rundungen, die sie erst wenige Minuten zuvor gegen seinen Körper gedrückt hatte. An einen Körper, der sehr eigenwillig darauf reagiert hatte.

Erneut erhitzte sich sein Blut. Es drängte ihn danach, seine Hände über diese Kurven gleiten zu lassen, noch einmal den Geschmack dieser vollen Unterlippe zu kosten.

Nein, sie war das Mündel seines Dienstherrn. Eine Dame, die trotz ihres überraschenden Verhaltens mit Respekt behandelt werden musste.

„Und wohin waren Sie unterwegs, Mr Gilvry?“, fragte sie mit ihrer klaren, sanften Stimme.

Ihn überkam das Gefühl, dass ihr die Antwort nicht gefallen würde. „Carrick Castle. Meine Stellung antreten.“

„Sie sind doch nicht Mr McDougalls neuer Sekretär?“, rief sie beinahe klagend.

Also hatte er recht. Es gefiel ihr gar nicht. „Doch, ja.“

„Ich hatte mit einem viel älteren Herrn gerechnet. Viel …“

Viel was? Besser gekleidet? Er hatte für die Reise, die er per Schiff und zu Fuß zurücklegte, bequeme Kleidung gewählt. Die geschniegelten Herren, die sie gewöhnt war, konnte er sich gut vorstellen. „Tut mir leid, wenn ich Sie enttäusche.“

Sie schenkte ihm einen schiefen Blick, den er nicht deuten konnte. Verärgert vielleicht; denn anders als seine Brüder konnte er einer Frau nicht schmeicheln. Er sagte stets, was ihm in den Sinn kam. Missmutig trat er gegen einen Kiesel. Ehrlichkeit war wohl nicht die beste Taktik, wenn es um Frauen ging.

Es herrschte schon eine ganze Weile Schweigen zwischen ihnen. Sie sah ihn mit großen Augen an. Zweifellos wartete sie auf eine witzige oder charmante Äußerung.

Das war nicht seine Art. Schlagfertige Wortgefechte gehörten nicht gerade zu seinen Stärken. Grau ist alle Theorie, spottete sein Bruder Logan immer.

Nur ein Mal hatte er sich an dergleichen versucht, während seiner Schulzeit in Inverness, als er sich unsterblich in die Tochter des Schulleiters verliebt hatte. Sie war empört gewesen, dass ein drittgeborener Sohn sich erdreistete, überhaupt eine Annäherung zu wagen. Nie wieder wollte er etwas so Demütigendes durchmachen.

Daher sein recht kühles Werben um Molly. Er hatte selbst gestaunt, wie erleichtert er war, als ihr Vater ihn höflich abwies.

Die Frau an seiner Seite schaute ihn immer noch gespannt an, also sagte er schließlich: „Ein schöner Tag für einen Ausritt.“

„Lässt man die Banditen außer Acht“, antwortete sie, legte den Kopf schief und gestattete ihm den Blick auf ihr Gesicht und ihr neckendes Lächeln.

„Und die Tatsache, dass Ihr Pferd lahmte.“

„Und den kalten Nordwind“, fügte sie hinzu und lächelte noch breiter.

„Und den Straßenstaub.“

„Tatsächlich also kein guter Tag für einen Ausritt“, endete sie.

Er verbeugte sich leicht. „Dann nehme ich alles zurück.“

Sie gluckste leise, ein süßer Ton, der sein Herz einen Schlag lang aussetzen ließ. Als wollte es innehalten, um ihr zu lauschen. Innerlich konnte er sich nur über seine seltsamen Vorstellungen wundern. Das sah ihm so gar nicht ähnlich.

Sie kamen um eine Kurve, und vor ihnen spiegelte sich die Burg mit ihren Türmen und Mauern in dem See, der zu ihren Füßen lag. Verdammt, er hatte ganz vergessen, wie hoch diese Türme waren. Er hoffte inbrünstig, dass ihn seine Pflichten nicht dort hinaufführten.

„Carrick Castle“, verkündete das Mädchen.

„Ich seh’s.“ Natürlich sah er den Bau, riesig, wie er war. „Ich war früher schon hier.“

Ein weiterer dieser flüchtigen Blicke flog zu ihm hinauf, und er sah, dass ihre dunklen Wimpern goldene Spitzen hatten.

„Nicht seit meiner Ankunft letzten Winter. Daran würde ich mich erinnern.“

Also, was meinte sie denn nun damit? „Es ist mehr als ein Jahr her.“

Sie blieb stehen und schaute ihm ins Gesicht.

Als er in diese klaren, grünen, mit dunklen Wimpern umrandeten Augen blickte, verkrampfte sich sein Herz schmerzlich. So wie er sich als junger Bursche gefühlt hatte, als er erkannte, dass er nie wie seine Brüder sein würde – so schneidig wie Drew oder so verwegen wie Logan. Er dagegen war ein Mensch, der zuerst hinschaute, ehe er sich in die Gefahr stürzte. Der die Chancen abwog, während Logan warnende Worte verächtlich abtat. Und Ian nutzte einfach seine Erfahrungen, wie es ihm gerade passte.

Und was wollte er nun tun? Den Waghalsigen spielen vor dieser entzückenden jungen Frau? Wäre das nicht heuchlerisch?

„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Lord Carrick nichts von dem erzählten, was heute geschah“, sagte sie.

Von dem Kuss. Ein so köstlicher Kuss! Er hätte nichts dagegen, ihn zu wiederholen – wenn sie nicht unter der Obhut seines Dienstherrn stehen würde. „Ich wäre ein Narr, das zu erwähnen, finden Sie nicht?“

Zuerst sah sie ihn verständnislos an, dann errötete sie. Sie grub ihre perfekten weißen Zähne in ihre volle Unterlippe, und er hätte beinahe laut aufgestöhnt, da sein Körper sich anspannte. Eine völlig unannehmbare Reaktion. Rasch setzte er eine gleichgültige Miene auf.

„Ich meinte die Wegelagerer“, erklärte sie.

Jetzt erkannte er die Falle. Sie hatte vor, ihn in ihr Netz aus Lügen zu verstricken. „Ich verstehe“, entgegnete er und fühlte sich unerklärlich enttäuscht.

Sie musste es ihm ansehen, denn hastig fuhr sie fort: „Ich gebe Ihnen recht; ich hätte nicht ohne Begleitung ausreiten dürfen. Natürlich werde ich es nicht noch einmal tun.“

Das erklärte nicht, warum sie es überhaupt getan hatte. Was, zum Teufel, führte sie im Schilde? Hatte sie eine heimliche Beziehung? Einer Frau, die drei Männer mit einer Pistole in Schach halten konnte, würde er das sogar zutrauen. Doch in solche trübe Gewässer wollte er sich nicht begeben. Bedächtig schüttelte er den Kopf.

Sie legte ihm sanft eine Hand auf den Arm. Die Berührung schien sich durch die Wolle seines Frackrockes bis direkt auf seine Haut zu brennen. „Bitte.“

Wieder starrte er in diese grünen Augen und hatte das Gefühl, in deren Tiefen versinken zu können. Sein Blick senkte sich auf ihren Mund. Erwartungsvoll regte sich sein Körper bei der Vorstellung, sie erneut zu küssen.

„Versprechen Sie es, Mr Gilvry.“ Ihre Hand grub sich fester in seinen Arm. „Bitte, es war ein Fehler. Es wird nicht noch einmal passieren.“

Ihre Berührung brannte auf seiner Haut, doch unter ihrem bittenden Blick fühlte er sich schwach. Und dann war da jener Kuss. Den er nicht hätte gestatten dürfen. Den sie durchaus als Drohung nutzen könnte, was sie aber nicht tat. „Na gut“, sagte er rau. „Ich sage nichts, solange auch Sie Ihr Versprechen halten.“ Verflucht, er klang wie ein grantiger großer Bruder. Oder ein Schulmeister. Was er sogar war – doch nicht der ihre, wofür er sehr, sehr dankbar sein sollte.

„Und es ist auch nicht nötig zu erwähnen, dass ich zu dem Ort unterwegs war, als wir uns trafen“

Scharf stieß er den Atem aus. Dann nickte er. Mitgegangen, mitgehangen. „Also gut.“

Strahlend lächelte sie ihn an, sodass ihm der Atem stockte. „Danke, für alles.“ Und schon tänzelte sie davon.

Sie war eine Hexe. Wie sonst sollte man eine Frau nennen, die ihn so einfach um ihren kleinen Finger wickeln konnte? Noch einmal würde sie das nicht mit ihm machen. Seine Zukunft stand auf dem Spiel.

Er folgte ihr in den Burghof und durchquerte einen steinernen Torbogen, von dem die scharfen Zähne eines alten Fallgatters hinabragten, und schaute sich um. Gemessen an Edinburgh oder Inverness war die Burg nicht groß, doch sie hatte seinen Besitzern über die Jahrhunderte gute Dienste geleistet. Ein granitener Wohnturm erhob sich über den Hafen und die umliegenden Häuser. Eine Mauer umschloss diverse Nebengebäude, die während vieler Jahre hinzugefügt worden waren.

Ein Stallbursche nahm Niall die Zügel ab.

„Sei vorsichtig mit ihr, sie lahmt“, warf sie dem Jungen über die Schulter zu, der unterwürfig nickte.

„Ja, Mylady.“ Fragend schaute er zu Niall.

„Niall Gilvry.“

„Sie werden erwartet“, sagte der Junge. „Mr McDougall ist da drin.“ Mit dem Daumen wies er auf ein Gebäude am Ende des Hofes, dann führte er das Pferd in den Stall und überließ Niall seinem Schicksal.

Niall wandte sich Lady Jenna zu, um sich von ihr zu verabschieden, doch sie erklomm schon die Stufen zum Portal, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Sie hatte ihm sein Versprechen abgerungen, und nun existierte er nicht mehr für sie. Gut so. Keine Frau hatte ihn bislang derart verwirrt und um den Finger gewickelt. Warum kam es ihm aber jetzt so vor, als würde ihm etwas fehlen?

Was war er doch für ein verflixter Narr!

Er schickte stumme Flüche gen Himmel und machte sich auf die Suche nach McDougall.

Sie hatten ihm ein Zimmer direkt neben der Amtsstube zugesprochen – im Erdgeschoss des Wohnturms, wofür er von Herzen dankbar war. Zwar gab es kein Fenster, doch die Seitentür zum Burghof und seiner Arbeitsstätte war nah. Sein Gepäck wurde noch mit einem Karren vom Ort hergeschafft. Da er sich folglich nicht mit Auspacken ablenken konnte, war er froh, dass er unmittelbar zu Lord Carrick gerufen wurde. Er eilte die Treppe zum Arbeitszimmer seines neuen Dienstherrn hinauf und klopfte an die alte, eisengefasste Eichentür.

„Herein.“

Mit seinen etwa fünfundfünfzig Jahren war Carrick immer noch in der Blüte seiner Jahre, nur an Kinn und Bauch wölbten sich einige überflüssige Speckröllchen. Er wirkte freundlich und umgänglich, bis man einen Blick in seine grauen Augen warf, die einen so durchdringend anfunkelten, dass man sich wie nackt vorkam.

„Sie ließen mich rufen, Lord Carrick.“

Seine Lordschaft zog die Brauen zusammen. „Ah, Gilvry. Niall, nicht wahr?“

„Ja, Sir.“ Niall blieb ruhig und respektvoll.

„Setzen Sie sich.“ Der Ältere beugte sich zu ihm vor. „Wie ich hörte, trafen Sie unterwegs mein Mündel?“

So viel zu ihrem großen Geheimnis. Er hatte gewusst, dass es nicht klappen würde. „Ja, Sir, in der Tat.“

„Diesem rüpelhaften Pack haben Sie es ordentlich gezeigt. Ich danke Ihnen.“

Woher wusste er das alles? „Auf den Straßen kann es recht gefährlich sein, Sir, doch Lady Jenna schwor, sie würde nicht noch einmal ohne Begleitung ausgehen.“ Warum versuchte er eigentlich, sie zu verteidigen?

Carrick richtete sich auf, seine Augen blitzten interessiert. „Ach tatsächlich? Und wie haben Sie ihr dieses Versprechen entlockt?“

Indem er selbst sein eigenes, offensichtlich vergebliches Versprechen ablegte. Er verzog das Gesicht. „Ich wies sie auf ihr Fehlverhalten hin.“

Verflucht, das klang aufgeblasen, wenn es auch stimmte.

„Und da dachte ich doch, eine ordentliche Tracht Prügel täte ihr gut.“

Nialls Muskeln spannten sich bei der Vorstellung, dass jemand Hand an das Mädchen legte. Mühsam unterdrückte er den Drang, seine Hände zu Fäusten zu ballen.

„Sorgen Sie auf diese Art auch unter Ihren Schülern für Zucht und Ordnung?“, fuhr Carrick fort. „Indem Sie an ihre Vernunft appellieren?“

„Häufig, Mylord. Manchmal gehe ich auch so weit, ihnen Privilegien zu entziehen.“

Carricks Miene erhellte sich. „Eine interessante Idee.“ Er trommelte mit ein paar Fingern auf die Tischplatte und runzelte die Stirn, als ob er eine schwierige Entscheidung treffen müsste.

Niall wartete und versuchte, seine Ungeduld in Schach zu halten.

Endlich verstummte das Trommeln. „Dringende Geschäfte rufen mich nach London.“

Nialls Magen verkrampfte sich. Würde Carrick ihn vielleicht gar nicht brauchen? Schweigend erwartete er den vernichtenden Schlag. Wohin sollte er sich dann wenden? Nach Dunross würde er jedenfalls nicht zurückkehren.

„Ich brauche jemanden, der mich während meiner Abwesenheit vertritt. Sie scheinen mir der richtige Mann dafür zu sein.“

Niall blieb der Mund offen stehen. Das soll wohl ein Scherz sein! „Mylord …“

Carrick hob eine Hand. „Für Lady Jenna. Sie braucht eine feste Hand. Jemanden, der sie gut im Auge behält.“

„Ich glaube nicht …“

„Da meine Gattin zurzeit das Wochenbett meiner Tochter begleitet, gibt es niemanden sonst, der dafür in Frage käme.“

Niall schluckte. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich für die Aufgabe geeignet bin. Lady Jenna ist kein Schulmädchen.“

„Nein, das nicht. Aber da Sie nun mal der nächste und einzige Verwandte sind, der mir derzeit zur Verfügung steht, sind Sie gewiss genauso gut wie jeder andere.“

Die letzten Worte trafen. Genau das hatte auch Ian gesagt, als er ihn zum Lehrer der Dorfschule ernannt hatte.

„Verwandter ist vielleicht schon zu viel gesagt, Mylord.“

„Dann tun Sie es eben, weil Ihr Clanoberhaupt es befiehlt.“

Dagegen gab es nichts mehr zu sagen. „Wie Sie wünschen.“ Das klang etwas mürrisch, doch er hatte das Gefühl, dass Lady Jenna die Sache genauso wenig gefallen würde wie ihm selbst.

Carrick erhob sich und zog die Glocke. Sofort erschien ein Hausdiener. „Lady Jenna soll kommen.“

Der Diener verschwand.

„Zugegeben, es ist nicht ideal“, sagte Carrick und musterte Niall unter düsteren Brauen. „Doch Mrs Preston, ihre Gesellschafterin, ist zu gar nichts nütze. Gilvry, sofern es Ihnen tatsächlich gelang, Lady Jenna überhaupt zu irgendetwas zu bewegen, gehört Ihnen meine ewige Bewunderung. Sie ist eine sehr willensstarke junge Dame, wie Sie noch merken werden.“ Er kniff die Augen zusammen. „Und Sie werden mich nicht enttäuschen, oder Ihr Bruder kann in die Röhre gucken, wenn er seine Fracht das nächste Mal in einem meiner Schiffe unterbringen will.“

Bei der Drohung versteifte Niall sich, doch seine Miene blieb ruhig. Carrick kannte ihn nicht richtig, doch selbst Ian würde bestätigen, dass er, wenn er einmal eine Aufgabe angenommen hatte, sie auch zu Ende brachte. Das war mit ein Grund, warum er so lange Zeit als Lehrer an der Dorfschule ausgeharrt hatte.

Die Tür öffnete sich. „Cousin, Sie ließen mich rufen?“

Lady Jenna. Niall erhob sich und wandte sich ihr zu. Sie wirkte irgendwie zarter als zuvor im Freien. Kam es von den Sonnenstrahlen, die durchs Fenster auf ihr Haar fielen und kleine Flämmchen darauf tanzen ließen, die ihm den Atem raubten? Oder war es das smaragdgrüne Gewand, das sich an ihren Körper schmiegte und ihr Dekolleté umschmeichelte? Oder ein schlichter Fall unerfüllter Begierde? Nein, daran durfte er in seiner neuen Stellung nicht einmal denken. Das würde nun wirklich Carricks Vertrauen verraten.

Als sie ihn sah, weitete sich ihr Blick. Sie schluckte und schaute zu Lord Carrick, der sich halb erhoben hatte und schon wieder saß. „Verzeihung, ich wusste nicht, dass Sie Besuch haben.“

„Lady Jenna – Mädchen“, sagte Carrick herzlich – vielleicht etwas zu herzlich. „Ich weiß, du hattest vorhin das Glück, Mr Gilvry unterwegs zu treffen, sehr viel Glück für dich, wie ich erfuhr. Da ich eine geschäftliche Reise antreten muss, wird er dich währenddessen an meiner Stelle in seine Obhut nehmen. Du wirst dich seinen Beschlüssen fügen, als kämen sie von mir.“

„Was?“ Verwundert sah sie erst Niall an, dann Carrick. „Wie kann das sein?“

Carrick runzelte die Stirn. „Er ist ein Cousin mütterlicherseits. Der einzige Verwandte, der zugegen ist.“

Ihre Miene verschloss sich. Eisig lächelnd hob sie das Kinn. „Wie ich sehe, Mr Gilvry, haben Sie sich schon unentbehrlich gemacht. Meinen Glückwunsch.“

Was wie ein Kompliment klang, war tatsächlich eine Anklage, das wusste er. Sie nahm an, dass er selbstsüchtig sein Versprechen gebrochen hatte, um sich vor Carrick hervorzutun. Was immer er nun sagte, würde alles nur schlimmer machen. Also tat er das einzig mögliche – er verneigte sich, als nähme er ihre Äußerung für bare Münze, und fügte sich dem zweifelhaften Vergnügen zu sehen, dass sie ihn nicht nur hochmütig, sondern auch mit einer guten Portion Abneigung betrachtete.

Mit strahlendem Lächeln wandte sie sich an Carrick. „Ich ahnte nicht, dass Sie zu verreisen planen, Cousin.“

Carrick hob eine Braue, als würde er sich fragen, wieso er sie wohl in seine Pläne einweihen sollte. „Würdest du bitte das Notwenige veranlassen, damit Mr Gilvry mit uns zu Tisch sitzen kann? Mrs Preston ist ja offensichtlich zurzeit unpässlich.“ An Niall gewandt fuhr er fort. „Die Familie speist um fünf. Eine Gelegenheit, uns vor meiner Abreise besser kennenzulernen. Das ist alles, Jenna.“

Ob dieser undankbaren Entlassung richtete sie sich stolz auf, bevor sie knapp knickste. „Wie Sie wünschen, Mylord.“ Doch der Blick, den sie Niall unter gesenkten Lidern hervor zuwarf, war Meilen von den freundlichen Momenten entfernt, die sie zuvor geteilt hatten. Leichtfüßig und mit wehenden Röcken ging sie hinaus. Fast wehmütig spürte Niall dem zarten, irgendwie frischen, würzigen Duft nach, der noch in der Luft hing. Vielschichtig wie sie selbst. Blendende, scharfe Kanten und darunter verborgene, raffinierte Weiblichkeit.

Er hatte keine Lust, sich als ihr Aufpasser aufzuspielen. Er hatte gehofft, hier Dinge zu lernen, die ihm und seiner Familie zukünftig von Nutzen wären. Geschäftsabläufe, vielleicht Gesetzeskunde. Wissen, das ihm den Weg in eine bessere Zukunft ebnete.

„Wie erfuhren Sie von meinem Zusammentreffen mit Lady Jenna?“, fragte er.

„Eins der Mädchen aus dem Ort war auf dem Heimweg. Es sah den Kampf und schlug Alarm. Als die Nachricht mich erreichte, wart ihr schon am Tor.“ Er zeigte auf das Fenster. „Ich sah euch kommen.“

Niall spannte die Schultern. Argwöhnisch beäugte er seinen Vorgesetzten. Hatte das Mädchen noch mehr gesehen? Den Kuss sicher nicht, sonst wäre Carrick nicht so ruhig. Zumindest das würde Niall für sich behalten, um seinetwillen, wie um Lady Jenna zu schützen. „Wie steht es mit der Stellung als Sekretär? Braucht Mr McDougall meine Dienste nicht?“

Denn ursprünglich sollte er McDougall, Carricks Sekretär, unterstützen.

Carrick rieb sich die Hände. „Bestimmt wird Lady Jenna Sie nur selten von Ihren übrigen Pflichten abhalten.“

Dessen war sich Niall nicht so sicher, doch unzweifelhaft saß er in der Falle. Zwei Verpflichtungen für den Preis von einer, wo doch Kinderfrau für ein halsstarriges Mädchen doppelt bezahlt werden sollte. Die Gerüchte logen nicht. Carrick war nicht bekannt dafür, einen Schilling zu zahlen, wenn er etwas für die Hälfte haben konnte. Niall verneigte sich zustimmend, als hätte er überhaupt eine Wahl.

Mit einem Fingerschnippen entließ Carrick ihn. „Wir sehen uns beim Dinner. Das ist alles.“

2. KAPITEL

Jenna zerrte den Kamm durch ihre zerzausten Locken, bis ihr vor Schmerz Tränen in die Augen stiegen. „Er hatte es versprochen. Und er brach sein Wort. Warum?“

„Mylady!“ Mary McDougall, ihre Zofe, versuchte erfolglos, ihr den Kamm zu entwenden. „Ich weiß nicht, von wem Sie reden.“

„Von diesem lügnerischen Schotten, der für deinen Vater arbeiten wird. Obwohl er mir schwor zu schweigen, hat er Lord Carrick von den Wegelagerern erzählt. Um sich lieb Kind zu machen!“ Und nun stand sie in Lord Carricks Augen weiterhin als der Wildfang da, der nach dem Tode ihres Vaters hergekommen war, und nicht als starke Frau, die längst schon bereit war, eigenständig über ihren Besitz zu verfügen.

„Und es ist ihm sogar gelungen! Er wird heute Abend mit uns speisen.“ Und in Carricks Abwesenheit ihr Vormund sein. Wie konnte ihr Cousin ausgerechnet jetzt fortgehen, da er versprochen hatte, mit ihr nach Edinburgh zu reisen?

Ihr kam es vor, als ob er absichtlich zögerte, ihr einen Gemahl zu verschaffen. Dabei hatte er zugegeben, dass es der richtige Schritt sei, und hatte versprochen, dass sie eine Saison mitmachen könne. Ihr Besitz, die Menschen dort, entbehrten schon viel zu lange einer fürsorglichen Hand.

Braemuir. Ihre Heimat. Wie sehr sie sich danach sehnte, es wiederzusehen. Nach dem tröstlichen Gefühl, sich in seinen Mauern geborgen zu wissen. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie es bis ins kleinste Detail vor sich sehen. Die große Treppe mit den ehrenvollen Familienwappen. Ihr Zimmer im hinteren Anbau, das den Park und die Hügel dahinter überblickte. Die Leute in ihren kleinen Katen. Die wandernden Kesselflicker, die Jahr für Jahr kamen und bei der Heuernte halfen. Und sie hatte ihrem Vater versprochen, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun würde, um sich genau wie er darum zu kümmern.

Nur war sie dazu nicht in der Lage. Nicht ohne einen Ehemann. Carrick bestand darauf, solange als Treuhänder zu fungieren, wie sie nicht verheiratet war. Frauen verwalteten ihren eigenen Besitz nicht. Dazu kam leider, dass die Schulden ihres Vaters zu tilgen waren und kein Geld dafür vorhanden war. Die Pacht, die der Besitz über all die langen Jahre eingebracht hatte, reichte dafür nicht aus.

Endlich reichte sie Mary den Kamm und starrte auf ihr Spiegelbild. Gewiss konnte es doch nicht zu schwer sein, einen Gemahl zu finden. Sie war keine Schönheit, das wusste sie, doch es wäre ja kein einseitiger Handel. Im Gegenzug für die Zahlung der Schulden fiel ihrem Bräutigam der Titel des Baron of Aleyne zu, der einer alten Urkunde zufolge sowohl über die weibliche als auch über die männliche Linie vererbt wurde. Nicht zu vergessen der altehrwürdige Familiensitz mit den dazugehörigen Ländereien.

Ein herrliches Haus für eine Familie, für Kinder.

Sie hatte ihrem Vater versprochen, den Familiennamen zu bewahren. Und doch war sie nun seit zwei Jahren volljährig und immer noch unverheiratet. Nicht dass sie es bedauerte, diese zwei Jahre der Pflege ihrer schwer erkrankten Tante, der verwitweten Schwester ihres Vaters, geopfert zu haben. Die Frau war für sie die Mutter gewesen, die sie nie gekannt hatte. Sie hatte sie gelehrt, als Dame des Hauses aufzutreten, anstatt als die freche Göre, für die allein Reiten, Fischen, Jagen und all die Dinge zählten, die ihr Vater sie gelehrt hatte. Während dieser letzten paar Jahre hatte Jenna Mrs Black­stones Haus so gut wie selbstständig geführt, und es ärgerte sie, von Carrick behandelt zu werden wie ein kleines Dummchen.

„Meinen Sie Mr Gilvry?“, fragte Mary und steckte eine lose Strähne fest. „Wirklich ein ansehnlicher junger Mann.“

Auf eine schroffe Art attraktiv – und ein Verräter! Seine Treulosigkeit verletzte sie wirklich. „Er ist nur auf seinen eigenen Vorteil aus.“

„Stimmt das, Mylady? Kennen Sie ihn schon so gut?“

Besser als sie sollte. Das Gefühl seiner samtigen Lippen auf den ihren. Den harten, kraftvollen Körper an ihrer Seite. Ein Schauer durchrann sie, und sie verdrängte ihn rasch.

„Er ist der Erwähnung nicht wert, wenn ich auch sicher bin, dass die Dienstmädchen ihn reizend genug finden werden.“ Meine Güte, klang das gehässig! Es sah ihr gar nicht ähnlich. Tief atmete sie ein. „Das sieht hübsch aus, Mary. Danke.“

Die Zofe lächelte. Sie nahm die Robe vom Fußende des Bettes. „Wenn ich Ihnen das nun überstreifen darf? Beeilen wir uns besser.“

Lord Carrick verabscheute Unpünktlichkeit und regierte die Burg mit eiserner Hand.

Leise raschelnd glitt die Seide über ihren Kopf. Der Silberfaden in der Spitze am Ärmelsaum kratzte leicht auf der Haut. Warum hatte sie Mary eigentlich gebeten, ihr bestes Abendkleid herauszulegen, anstatt eins der schlichteren, die sie normalerweise zum Dinner im engen Kreis der Familie trug? Ganz sicher nicht für den selbstgerechten Mr Du-sollst-nicht-ohne-Begleitung-ausreiten Gilvry. Heute Abend hatte sie eine Mission: ihren Cousin an sein Versprechen erinnern. Er musste sie nach Edinburgh begleiten, denn sie konnte sich nicht erlauben, eine weitere Saison zu verpassen.

Nicht, seit sich vor sechs Monaten Mr Hughes, der Pfarrer auf Braemuir, an sie gewandt hatte. Er hatte sie gebeten, heimzukehren und ihre Pflichten aufzunehmen, sonst werde bald kein Pächter mehr da sein.

Als sie Carrick über Mr Hughes Besorgnis unterrichtete, hatte er ob ihres mangelnden Vertrauens in seine Verwaltung beleidigt reagiert. Die Zeiten änderten sich, erklärte er. Außerdem untersagte er ihr jeden weiteren Kontakt mit dem alten Pfarrer. Als sie dann jedoch drängte, gab er grollend zu, dass es höchste Zeit sei, für sie einen Gemahl zu finden, der ihre Angelegenheiten übernahm. Seitdem waren sechs Monate vergangen, und eine Ehe war immer noch nicht in Sicht.

Sie presste die Lippen zusammen. Sie wollte nicht mehr warten. Vermutlich hielt der Kesselflicker am Marktplatz eine weitere Nachricht von Mr Hughes für sie bereit. Ungelesen, wegen dieser verflixten Wegelagerer.

Wenn Mr Hughes’ Anliegen schon vor einem halben Jahr derart drängte, konnte sie sich ausmalen, wie es jetzt darum stand.

Glättend strich sie über die Ärmel, aber obwohl sie in ihrer Unruhe am liebsten auf- und abgelaufen wäre, verharrte sie still, als Mary ihr die Brosche anlegte, die Jennas Mutter am Hochzeitstag von ihrem Vater bekommen hatte – Perlen und Diamanten und auf der silbernen Fassung eingeprägt der Spruch. „Die Familie über alles.“ Familie – das waren auch die Menschen auf ihrem Land. Menschen, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Der Spruch war ein Versprechen, an das sie seit ihrer Geburt erinnert worden war und das einzuhalten sie bisher gefehlt hatte.

Mary reichte ihr den Schal. „Ist das alles, Mylady?“

Jenna musterte sich im Spiegel. War sie bereit? War sie für die Schlacht mit ihrem Cousin und dem treulosen Mr Gilvry ausreichend gewappnet? Ja, sie war bereit.

Zwei Treppen abwärts und ein langer, zugiger Korridor führten sie bis zum Salon im zweiten Geschoss, der zu den Räumlichkeiten des Burgherrn und seines Gefolges gehörte. Eine so altertümliche Formalität. Vor der mit schweren Nägeln verstärkten Eichentür straffte sie die Schultern, setzte ein Lächeln auf und umgab sich mit der Aura einer Frau, die zu gefallen wünscht. Der wartende Lakai öffnete ihr und trat auf seinen Platz zurück, als existierte er gar nicht.

Ihr Cousin und Mr Gilvry standen am Kamin und waren offensichtlich in ein Gespräch vertieft. Bei ihrem Eintritt wandten sie sich ihr zu. Abermals brachte Gilvrys Erscheinung, seine hohe Statur, sein muskulöser Körper, Jenna völlig durcheinander. Er trug einen gut geschnittenen Abendanzug, und seine drahtige Jugend kam neben ihrem gesetzten Cousin umso mehr zur Geltung.

Niall wirkte ernster als am Vormittag, distanzierter, als hätte er eine Rüstung angelegt, um die Welt von sich abzuschirmen. Frisch rasiert zeigte sein Gesicht nur harte Flächen und scharfe Kanten. Dass es trotz seiner Schroffheit sehr ansehnlich war, trug nicht gerade zu ihrer Beruhigung bei. Zudem waren seine Schultern nachgerade einschüchternd breit.

Verwundert nahm sie seine Weste zur Kenntnis. Anders als es die Mode zurzeit vorgab, war sie zartgrün und bestickt mit zierlichen Heidekrautzweigen. Sehr auffallend.

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