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Der Kuss des stolzen Argentiniers

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1. KAPITEL

Sie durfte nicht an den Mann am Ufer denken! Es war viel wichtiger, dieses alte Boot sicher an seinen Liegeplatz zu bringen. Allerdings wirkte dieser Kerl wie eine Urgewalt auf sie: ein harter, kompromissloser Blick und der umwerfendste Körperbau, den Maxie je gesehen hatte. Groß, durchtrainiert und tief gebräunt mit wilden schwarzen Haaren und blitzenden Augen. Im schwachen Tageslicht funkelte ein goldener Ohrring, und mit seiner tief sitzenden Jeans unterhalb der sich deutlich abzeichnenden Bauchmuskeln hätte der Mann jede normale Frau aus der Fassung gebracht …

Also denk an die kräftige Strömung, die ein ausgewachsenes Nilpferd umreißen könnte, ermahnte Maxie sich konzentriert.

Sie war so weit mit diesem Kahn gekommen und würde jetzt ganz sicher nicht aufgeben.

Wie durch ein Wunder war es ihr gelungen, den Trawler einhändig durch gigantische Wellenberge zu lenken. Sie waren bereits jenseits des Hafens gewesen, als der Skipper sich plötzlich dienstuntauglich gemeldet hatte, nachdem er über die Hälfte einer Flasche schottischen Whiskys konsumiert hatte.

Maxie musste zugeben, dass sie kaum qualifiziert war, ein Boot dieser Größe zu segeln. Zwar war sie einmal Crewmitglied auf einer 28-Meter-Jacht gewesen, aber das half ihr nicht dabei, diese abgewrackte Rostschüssel zu beherrschen. Unter ihren Füßen gaben bereits einzelne Teile des Decks nach.

Erneut warf sie einen Seitenblick auf den Mann, der nur darauf zu warten schien, dass sie scheiterte. Die kräftigen Arme hatte er vor der Brust verschränkt, und er starrte Maxie mit einer Mischung aus Verachtung und Belustigung an.

„Willkommen auf der Isla del Fuego“, raunte sie sich selbst zu. Doch unabhängig von diesem unwürdigen Empfang würde sie ein korrektes Anlegemanöver absolvieren, auch wenn es sie umbrachte!

Ein schwieriges Unterfangen, wie Maxie panisch feststellen musste, als das alte Fischerboot gegen die Kaimauer krachte.

Erleichtert bemerkte sie, wie der angetrunkene Skipper es gerade noch rechtzeitig ans Steuer schaffte, um das Manöver zu unterstützen. Über ihnen am Himmel türmten sich schwarze Wolkengebilde auf, und es sah nicht so aus, als würde sich das Wetter in absehbarer Zeit bessern. Der Sturm nahm sogar noch zu. Aber wenn der Mann im Hafen für die Acostas arbeitete, denen diese ganze Insel gehörte, würde er auf jeden Fall noch ein Extratraining für das Begrüßen der späteren Hochzeitsgäste bekommen!

Oder ich behaupte vor Holly einfach, die Insel wäre ungeeignet für ihre Feier, überlegte Maxie.

Zerknirscht verwarf sie diesen Gedanken wieder. Maxie hatte schon schlimmere Umgebungen gesehen: Halb verfallene schottische Burgen wurden zu wahren Märchenpalästen, und feuchte französische Chateaus entfalteten plötzlich in der warmen Sommersonne all ihren urigen Charme und verzauberten die eingeladenen Hochzeitsgäste. Außerdem vertraute sie Holly. Die Braut war ein smartes Mädel, und im Juni konnte man zudem ganz hervorragend heiraten. Unterm Strich: Wenn Holly auf der Isla del Fuego vermählt werden wollte, würde Maxie das für sie möglich machen, und der unfreundliche Kerl im Hafen musste sich dem wohl oder übel fügen.

Dios! Was hatte der Sturm da bloß angespült? Eine dünne, tropfnasse Kreatur, die … die einen sehr akkuraten und erstaunlich kraftvollen Schwung besaß, wie Diego erstaunt feststellte, als er den Tampen auffing, den sie ihm zuwarf. Trotzdem, wie kam sie dazu, Fernandos Fischerboot zu steuern? Und dann noch viel zu schnell gegen den Anleger zu krachen, weil sie mit dem hohen Seegang nicht umgehen konnte? Sie sollte von Glück reden, dass sie noch am Leben war, obwohl sie bei diesem Wetter unbedingt zur Insel segeln musste.

„Bereit?“, rief sie ihm zu und machte Anstalten, ein zweites Seil zu werfen.

Mit seinem steifen Bein konnte er sich nur halb so schnell wie sonst bewegen. Also stürzte er hastig vorwärts, sobald die Frau sich abwandte, damit sie ihn nicht wie einen betrunkenen alten Mann schwanken sah.

„Kommt!“, warnte sie ihn mit lauter Stimme, die dennoch leicht und fast ein wenig musikalisch klang. Es nahm dem jaulenden Wind seine Stärke.

Diego fing den Tampen auf und machte das Boot fest. Ironie des Schicksals: Da kam eine hübsche junge Frau auf die Insel, und er war nicht in der Verfassung, die Situation für sich auszunutzen.

Allerdings konnte er nicht verstehen, warum seine Schwägerin in spe eine Hochzeitsplanerin engagieren durfte, der es ganz offensichtlich an Erfahrung und Expertise fehlte. War die Hochzeit seines Bruders etwa so unbedeutend? Diego hatte mit einer älteren Fachkraft gerechnet. Mit jemandem, der kultiviert war und ein untrügliches Bewusstsein für Stil und Klasse besaß – aber doch kein Mädchen in Jeans und Kapuzenpullover mit zerzausten, langen Haaren!

„Gut gefangen“, lobte sie beim nächsten Wurf.

Gut gefangen? Frechheit! Früher hatte ihm keine körperliche Anstrengung etwas ausgemacht. Aber dann hatte sich sein Polopferd bei einem heftigen Sturz auf ihn gewälzt und ihm mehrere Knochen gebrochen. Sein Bein hatte genagelt werden und ganze sechs Wochen in Gips bleiben müssen, auch wenn Diego schnell wieder im Sattel gesessen hatte, stand nun nach mehr als einem Jahr immer noch nicht fest, ob er im professionellen Polosport noch eine Zukunft hatte oder nicht.

„Nix passiert!“, rief die junge Frau, während sie sich weit über die Reling beugte, um den möglichen Schaden zu begutachten.

„Das wäre ein teurer Fehler gewesen“, brummte er zurück. „Dieses Mal haben Sie noch Glück gehabt.“

„Glück?“ Sie lachte hell auf.

Sein Interesse war augenblicklich geweckt, erlosch aber sogleich wieder, als ihm sein angeschlagener Zustand bewusst wurde.

Niemand hat behauptet, dass es ein Kinderspiel werden würde, auf einer einsamen Insel die Märchenhochzeit des Jahres zu organisieren, dachte Maxie und wischte sich die Spritzer vom Seewasser aus den Augen. Mit diesem ungewöhnlichen Begrüßungskomitee hatte sie trotzdem nicht gerechnet.

„Passen Sie auf, wo Sie hintreten!“, bellte der Mann am Ufer, während sie über das schmale Deck balancierte.

„Mach ich!“ Wieso hilft er mir nicht, wenn er so besorgt ist? überlegte sie gereizt.

Egal, sie kam auch sehr gut ohne ihn zurecht. Dieser Auftrag war der Traum eines jeden Hochzeitsplaners, und Maxie hatte nicht vor, ihren großen Auftritt mit einem Sturz ins Hafenbecken zu beginnen.

Ein gesellschaftliches Megaereignis: die Vermählung von Ruiz Acosta, einem unglaublich reichen argentinischen Polospieler, und Holly Valiant, die den notorischen Playboy mit ihrer süßen Art gezähmt hatte. Die Welt der Klatschmagazine hielt buchstäblich den Atem an, und Maxie würde diese Chance beruflich auf die nächste Ebene katapultieren. Und da ihr Einkommen gesichert werden musste, durfte Maxie bei dieser Aufgabe nichts in die Quere kommen.

Der Fremde hatte seine Aufmerksamkeit inzwischen dem Skipper zugewandt. Zwar beherrschte Maxie ein paar Brocken Spanisch, doch es reichte nicht aus, um den Schlagabtausch zwischen den Männern verfolgen zu können.

„Will er uns helfen?“, fragte sie den Bootsmann.

„So ähnlich“, murmelte dieser mit einem schiefen Grinsen.

Maxie hoffte inständig, die Familie Acosta würde über bessere Umgangsformen als dieser Kerl verfügen. Schließlich hätte man auch persönlich zu ihrer Begrüßung erscheinen können. Sie sah ihr Gegenüber kurz an. Irgendetwas in seinen Augen warnte sie davor, ihm zu nahe zu kommen.

Glücklicherweise riet Maxies gesunder Menschenverstand ihr dasselbe, auch wenn sie in beziehungstechnischer Hinsicht ansonsten ein echter Versager war. Dieser Fremde war ausgesprochen attraktiv. Aber Maxies ideales Date war viel eher ein zivilisiertes Gespräch in einem zivilisierten Restaurant mit einem zivilisierten Mann – kein wilder Ritt durchs Schicksal mit einem schwarzhaarigen Barbaren, der einen Ohrring trug. Ihr gefiel sein Aussehen zwar so sehr, dass sich sogar ihre Libido regte, trotzdem gehörte das ausschließlich ins Reich der Fantasie.

„Kommen Sie von der Agentur?“, fragte er mit tiefer, rauer Stimme.

„Ganz richtig“, bestätigte Maxie und war schon auf halbem Weg zu ihm. „Würden Sie mir eben eine Hand reichen?“ Unter ihr schwankte das brüchige Deck immer stärker. Könnte sie dem Mann wenigstens ihren Koffer in die Hand drücken, dann hätte sie beide Hände frei für die Führungsseile an der Reling.

„Versuchen Sie, möglichst aufrecht zu gehen“, riet er ihr. „Schauen Sie nach vorn und nicht nach unten!“

Na, vielen Dank auch, dachte sie grimmig und ärgerte sich darüber, dass er sich jetzt wieder auf Spanisch mit dem Skipper unterhielt. „Falls Sie etwas zu sagen haben, können Sie mich auch direkt ansprechen“, wies sie ihn in seiner Sprache zurecht. „Schließlich habe ich das Boot gechartert und die Entscheidung getroffen, hierherzusegeln.“

Seine Augen wurden schmal. „Sie sprechen Spanisch? Na, schön. Ich finde es ziemlich unklug von Ihnen, einen alten Mann zu überreden, bei diesem Sturm überzusetzen.“ Die nächsten Worte richtete er wieder an Fernando. „Du siehst ganz durchgefroren aus, Fernando. Am besten bleibst du erst einmal im Gästehaus, bis der Wind sich gelegt hat. Ich schicke dir Maria mit einer warmen Mahlzeit und ein paar trockenen Sachen rüber.“

„Si, señor Acosta, y muchas gracias.“

Señor Acosta? Maxie hätte beinahe aufgestöhnt. „Dann sind Sie also Diego Acosta?“

„Korrekt“, antwortete er knapp.

Er sah eher aus wie ein Pirat, nicht wie ein international erfolgreicher Polospieler. Trotzdem brauchte sie seine Kooperation, da diese Insel zum Teil auch ihm gehörte. „Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Señor Acosta“, begrüßte sie ihn und machte erleichtert den letzten Schritt ans sichere Ufer.

Ohne ihre ausgestreckte Hand zu beachten, wandte Diego sich ab. „Wirf mir deine Tasche her!“, rief er und winkte Fernando zu.

Diplomatie war ein wesentlicher Teil ihres Jobs, daher straffte Maxie die Schultern und atmete durch, um Ruhe zu bewahren. Sie hatte es bisher schon mit einigen schwierigen Persönlichkeiten zu tun gehabt, nicht zuletzt mit ihrem eigenen Vater, der vor seiner schweren Krankheit oft ein echter Plagegeist gewesen war.

Sie musste subtil vorgehen, wenn sie sich Diego gefügig machen wollte, so viel stand fest. Die Familie Acosta war extrem einflussreich und konnte Maxies geschäftlichen Ruf mit einem Schlag ruinieren.

„Ich bin Maxie Parrish“, fuhr sie fort und stellte sich ihm in den Weg, sodass er sie nicht länger ignorieren konnte. „Hollys Hochzeitsplanerin.“

Der Name ließ ihn aufhorchen.

„Ich habe noch mit ihr gesprochen, bevor ich das Festland verließ, und …“

„Parrish?“, unterbrach er sie und runzelte die Stirn.

„Ja, Maxie Parrish. Von der Firma Dream Weddings. Holly versicherte mir, sie würde anrufen und mich ankündigen.“

„Stimmt, aber dabei hat sie Ihren Namen nicht erwähnt.“

„Gibt es denn ein Problem damit?“, wunderte sich Maxie.

„Überhaupt nicht.“ Er räusperte sich. „Ich hatte nur jemand Älteren erwartet, nehme ich an.“

„Ich kümmere mich gern persönlich um Aufträge dieser Größenordnung“, erwiderte sie ruhig.

Ihre Haltung – teils äußerst feminin und umgänglich, teils stahlhart und entschlossen – faszinierte ihn. Ob er es zugeben mochte oder nicht.

Es irritierte Maxie, dass Diego sie anstarrte, als wären sie sich schon einmal begegnet. Schließlich vergaß sie niemals ein Gesicht. „Ich kann mich nur entschuldigen, falls der Zeitpunkt ungünstig für Sie ist.“ Ihr Blick fiel auf seinen Stock.

Das konnte natürlich eine Erklärung für sein barsches Auftreten sein. Ein Mann wie er hatte sicherlich damit zu kämpfen, von einer Minute zur nächsten seiner körperlichen Kräfte beraubt zu werden. Maxie erinnerte sich, während ihrer Recherche über die Familie von seinem Reitunfall gelesen zu haben. Aber sie hatte weder gewusst, dass er sich immer noch nicht davon erholt hatte, noch dass er ihr Gastgeber auf der Insel sein würde.

„Ich nehme Ihren Koffer“, bot er an.

Doch als er ihn hochnehmen wollte, geschah es: Sein Stock rutschte über einen Stein, und Diego stolperte nach vorn. Schnell streckte Maxie beide Arme aus, um ihn zu stützen, nur hätte sie in diesem Augenblick offenbar nicht schlimmer handeln können. Fluchend stieß er ihre Hand weg und machte sich humpelnd auf den Weg zum Parkplatz. Dabei zog er das eine Bein nach, weshalb ihn Maxie schon bald eingeholt hatte.

„Ich hoffe, das Juniwetter auf dieser Insel ist besser als heute“, bemerkte sie in einem Versuch, die Wogen doch noch zu glätten. „Auf den ersten Blick wirkt das hier nicht wie die optimale Location, aber ich gebe nicht so schnell auf. Holly behauptet, der Sommer sei hier unbeschreiblich schön, weil man …“

Er drehte sich so blitzschnell um, dass Maxie um ein Haar gegen ihn geprallt wäre. „Und was denken Sie persönlich, Miss Parrish?“

So dicht vor seinem Gesicht fiel es ihr schwer, überhaupt einen Gedanken zu fassen, geschweige denn ihn laut auszusprechen. „Ich habe noch nicht genug gesehen, um mir ein Urteil bilden zu können.“ Diego besaß eine gewisse sexuelle Aura, die Maxie noch bei keinem Mann erlebt hatte.

„Soll ich Sie herumführen?“

„Das wäre sehr nett von Ihnen“, entgegnete sie strahlend und bemerkte, wie er vor Schmerzen zusammenzuckte, als er sein Bein aufrichtete. „Ich kann kaum erwarten, alles über diese tolle Insel zu erfahren.“

„Das wird bestimmt eine interessante Tour werden“, versprach er mit rätselhafter Miene.

Sein Blick ging ihr unter die Haut. „Glaube ich auch.“ Mit einer unsicheren Handbewegung strich sie sich die feuchten Haare aus dem Gesicht. „Soll ich meinen Koffer hinten ins Auto stellen?“

Wieder ein Fehler!

„Den nehme ich schon“, presste er hervor und tat so, als würde ihr Gepäck nicht das Geringste wiegen.

„Vielen Dank. Und machen Sie sich bitte keine Gedanken, Señor Acosta. Ich werde Ihnen nicht zur Last fallen. Dies ist für mich kein Urlaubsausflug, sondern eine reine Geschäftsreise.“

„Was sonst?“

Er ist eigentlich entsetzlich arrogant, aber mein Körper scheint ihn zu mögen, dachte Maxie und spürte, wie es in ihrer Brust immer heißer wurde. „Während meines Aufenthalts bräuchte ich nur eine Landkarte und ein robustes Zweirad.“

„Ein Fahrrad? Bei diesen Bergen?“ Sein stoppeliges Kinn ruhte kurz auf seiner Schulter, als er ihr einen ironischen Seitenblick zuwarf.

„Ich rede von einem Motorrad“, erklärte sie geduldig. „Ihr Bruder Ruiz sagte mir, so etwas gibt es hier auf der Insel.“

„Hat er das gesagt?“ Seine Augen wurden schmaler. „Damit will er doch wohl nicht andeuten, ich soll Ihnen meines ausleihen?“

In ihrem Magen zog es verdächtig, als sich Diego vor ihr zu voller Größe aufrichtete. „Zu Hause fahre ich auch Motorrad.“ Zufrieden nahm sie den Anflug von Überraschung auf seinem arroganten Gesicht zur Kenntnis. Doch um die Geschäftsbeziehung nicht gleich zu gefährden, entschied sie, den Mann nicht unnötig herauszufordern. „Natürlich habe ich Verständnis dafür, dass Sie ihre Maschine nicht irgendeiner Fremden leihen möchten.“

„Sie haben mein Motorrad noch nicht zu Gesicht bekommen“, sagte er mit der Überzeugung eines Mannes, dem selten eine Frau wie Maxie über den Weg gelaufen war. „Glauben Sie mir, in einem Jeep sind Sie sicherer.“

Mit zusammengebissenen Zähnen ließ sie sich in den Wagen helfen. Aber hier ging es nicht um ihren Stolz. Sie musste einen Job erledigen, um sicherzustellen, dass weiterhin im Pflegeheim bestmöglich für ihren Vater gesorgt wurde.

„Jetzt warten wir noch kurz auf Fernando“, brummte Diego und warf seinen Gehstock hinter den Fahrersitz.

Hoffentlich dauert das nicht so lange, dachte Maxie. In diesem engen Auto sitze ich ja praktisch auf seinem Schoß! Um sich abzulenken, wühlte sie in ihrer Handtasche, zog eine Visitenkarte hervor und reichte sie Diego. „Sie können sich meine Webseite ansehen. Dort finden Sie eine Menge überzeugender Referenzen von meiner Kundschaft. Ganz sicher werden Sie von meiner Dienstleistung nicht enttäuscht sein.“

„Hoffentlich nicht.“

Seine tiefe Stimme brachte ihr Innerstes zum Vibrieren, und so beschloss Maxie, von jetzt an Gespräche mit ihm lieber zu vermeiden. Die Visitenkarte hatte er achtlos in das Fach seiner Fahrertür fallen lassen, und als Fernando sich endlich zu ihnen gesellte, brauste Diego ohne ein weiteres Wort los.

„Wie lange haben Sie vor zu bleiben, Miss Parrish?“, fragte er nach einiger Zeit.

„Schwer zu sagen …“ Sein harter Blick ließ sie zusammenzucken. „Obwohl ich selbstverständlich so effizient wie irgend möglich arbeiten werde“, versprach sie etwas zu hastig, um noch professionell zu klingen. Wieso brachte dieser Kerl sie so einfach aus dem Konzept? Sie war doch sonst nicht so schreckhaft.

„Und wie gehen Sie für gewöhnlich vor?“

„Nun, ich verbringe einige Tage am gewünschten Veranstaltungsort und prüfe die Gegebenheiten auf Herz und Nieren. Sollte alles machbar sein, konzipiere ich eine direkte Planung und mache konkrete Vorschläge, die mit Fotos und Illustrationen versehen werden.“

„Aber bei einem Wetter wie heute? Wie verführen Sie da die Braut?“

„Der Himmel klart doch schon etwas auf“, stellte Maxie trocken fest. „Außerdem ist die Braut bereits in diese Insel verliebt, Señor Acosta. Glauben Sie mir ruhig, ich werde Ihnen mit meiner Arbeit nicht in die Quere kommen.“

„Mir ist nicht ganz klar, wie wir uns auf einer so kleinen Insel aus dem Weg gehen sollen.“

Nicht zum ersten Mal führte Maxie sein ablehnendes Verhalten auf die fatale Kombination aus Einsamkeit und körperlichen Schmerzen zurück. Und dann mutete man ihm auch noch eine fröhliche Hochzeitsfeier zu. Kein Wunder, dass er die Wände hochging! Trotzdem durfte nicht sie das Ziel seiner Aggression werden.

„Sie sind sehr still“, meinte er.

Gedankenverloren starrte sie auf seine kräftigen, behaarten Unterarme und die schönen Hände, die das Lenkrad festhielten.

„Bereuen Sie Ihre Entscheidung, die Hochzeit hierher zu verlegen, Miss Parrish?“

„Ganz im Gegenteil, in meinem Kopf entstehen bereits die ersten Ideen.“ Worüber sie eigentlich nachdachte, ging ihn schließlich nichts an!

„Ihr Name …“, begann er und fuhr etwas langsamer durch eine Kurve, „… er kommt mir irgendwie bekannt vor. Sind Sie sicher, dass wir uns nicht schon einmal begegnet sind?“

„Es ist ein ziemlich häufiger Name“, entgegnete sie etwas lauter, um Fernandos sonores Schnarchen zu übertönen. „Wir beide kennen uns bestimmt nicht von irgendwoher, das wüsste ich. Außerdem glaube ich kaum, dass wir in denselben Kreisen verkehren.“

„Was meinen Sie damit?“, fragte er und runzelte die Stirn.

„Na ja, ich habe noch nie ein Polospiel besucht, und ich glaube nicht, dass Sie sich ständig auf Hochzeiten herumtreiben.“

„Von Polo sollten Sie aber schon etwas verstehen, denn immerhin richten Sie die Trauung eines Profispielers aus.“

Sein Einwand war nachvollziehbar. „Ich habe viel über diesen Sport gelesen und mir Filme und Dokumentationen darüber angesehen.“

„Kaum vergleichbar mit dem Besuch eines echten Spiels.“

„Das werde ich nachholen, sobald ich kann. Und ich freue mich schon darauf“, fügte sie eifrig hinzu. „Das Spiel sieht sehr spannend aus.“

„Das ist es auch.“

Sie hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, als ihr auffiel, wie er mühsam sein schmerzendes Bein zu entlasten versuchte.

„Wie lange üben Sie ihren Beruf schon aus, Miss Parrish?“

„Bitte nennen Sie mich doch Maxie. Jeder tut das.“

„Dann können wir uns ebenso gut duzen, nachdem wir nun gezwungen sind, hier Zeit miteinander zu verbringen. Wirst du trotzdem meine Frage beantworten?“

„Sowohl Holly als auch Ihr … dein Bruder sind mit meinen Referenzen zufrieden“, verteidigte sie sich.

„Es ist eine simple Frage.“ Mit Schwung bog er in einen kleineren Weg ein, und Maxie wurde unsanft gegen die Beifahrertür gedrückt. „Warum sollte ich deine Webseite lesen, wenn du doch genau neben mir sitzt?“

Na, weil ich meinen Lebenslauf unglaublich beschönigt habe, dachte sie. „Ich beantworte gern alle Fragen, die du hast“, spielte sie auf Zeit.

Dabei gab es eine Menge Dinge, die sie auf keinen Fall erzählen wollte. Zum Beispiel, dass sie erst seit der Erkrankung ihres Dads selbstständig arbeitete, weil sie in einer Festanstellung nicht genügend Geld für seine Pflege verdienen würde. Sie war mit einem festen Ziel ins kalte Wasser gesprungen: Die Würde und die Privatsphäre ihres Vaters mussten um jeden Preis gewahrt bleiben. Und bis jetzt hatte sie das geschafft. Und es würde ihr auch weiterhin gelingen, egal welche Steine Diego Acosta ihr noch in den Weg legen mochte.

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