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Der Kuss des Chefs

1. KAPITEL

„Wie bitte? Sag das noch mal!“

Emily Reynolds hielt den Hörer ein Stück vom Ohr weg und klemmte ihn sich dann unters Kinn. „Der Boss und ich haben uns geküsst.“

„Augenblick mal! Damit wir uns recht verstehen“, sagte A. J., Emilys große Schwester, am anderen Ende der Leitung. „Wir reden doch von Zac Prescott?“

„Natürlich.“

„Von dem Zac Prescott?“, hakte A. J. nach. „Dem die Frauen reihenweise zu Füßen liegen?“

„Genau von dem.“

„Und ausgerechnet meine patente Schwester, die für Überraschungen nichts übrig hat und ihm sein Büro organisiert, gehört jetzt auch zu seinen Fans?“

„Du brauchst gar nicht so darauf herumzureiten. Ich weiß, wie dumm ich mich verhalten habe.“ Emily saß im Bademantel auf dem Sofa und fragte sich, ob sie sich die Ereignisse der letzten Woche nur eingebildet hatte. Aber allein das Prickeln, das sie beim bloßen Gedanken an den Kuss verspürte, sprach Bände.

„Dumm finde ich das gar nicht. Im Gegenteil, du kannst dich glücklich schätzen! War es schön?“

„Wie kommst du nur darauf? Bis jetzt haben wir so gut zusammengearbeitet, und nun das. Genau wie damals …“

„Na los, erzähl schon“, bat A. J. ihre Schwester.

Seufzend rückte Emily das Handtuch zurecht, das sie um ihr frisch gewaschenes Haar geschlungen hatte. „Also, letzte Woche hatte ich frei. Am Donnerstag hat er mich ziemlich angetrunken aus dem Büro angerufen und gebeten, dass ich ihn nach Hause fahre. Das habe ich auch getan. Und als ich ihn dann zur Haustür begleitet habe, sind wir gestolpert … Irgendwie ist es da passiert.“

„Ach, gestolpert seid ihr … Die uralte Ausrede!“

Dass Zac etwas getrunken hatte, entschuldigte keineswegs ihr Verhalten. Hatte sie sich etwa schon lange danach gesehnt? „Danach bin ich sofort nach Hause und hab das Wochenende über nachgedacht …“

„Und?“

„Und dann habe ich gekündigt. Heute Morgen. Per E-Mail.“

„O Emmy! Wieso das denn? Nur wegen eines Kusses?“

„Du weißt schon warum. Noch mal möchte ich mir keine Verfehlung vorwerfen lassen.“

„Dein damaliger Chef hat hemmungslos gelogen, aber Zac Prescott macht so etwas bestimmt nicht.“

Emily seufzte. Damals als Berufsanfängerin hatte sie fest geglaubt, dass es auf Begabung und Engagement ankam, nicht auf blonde Haare und kurze Röcke. Als Angestellte einer Zeitarbeitsfirma hatte sie sich immer seriös gekleidet und ihr Bestes gegeben – in der Hoffnung, irgendwann eine feste Stelle zu bekommen.

Vor vier Jahren war dieser Wunsch in Erfüllung gegangen, als eine der größten Buchhaltungsfirmen in Perth sie eingestellt hatte. Aber schon sechs Monate später, bei der Weihnachtsfeier, war es zum Knall gekommen. Zum ersten Mal hatte sie ein Top und einen Minirock getragen … und prompt hatte einer der Manager sie auf dem Balkon belästigt. Bei dem Gedanken daran schauderte Emily noch immer. Sie war erst zweiundzwanzig gewesen und hatte sich unendlich gedemütigt gefühlt.

Dann war ein Onkel gestorben, den sie nicht einmal gekannt hatte, und hatte ihr zu ihrer Überraschung sein Apartment in Gold Coast an der australischen Ostküste hinterlassen. Also war Emily ans andere Ende des Landes gezogen, um ein neues Leben zu beginnen. Mit dem festen Vorsatz, sich dieses Mal nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen.

Aus diesem Grund hatte sie das Haar stets streng zu einem Knoten gebunden, Hosenanzüge in gedeckten Farben und bequeme flache Schuhe getragen. Der konsequent geschäftsmäßige Look hatte sich auch sofort bewährt, als sie vor zwei Jahren die Stelle als Zac Prescotts Sekretärin bekommen hatte.

„Vielleicht ist es gar nicht so schlimm …“, meinte A. J.

„Doch“, widersprach Emily. „Mit Männern bin ich fertig.“

„Wie bitte? Okay, in der Schulzeit haben sich ein paar Jungs als Nieten erwiesen, der Fiesling von Manager wollte dir sein Fehlverhalten anlasten, und dein Exmann war auch nicht gerade der große Wurf. Und das soll alles gewesen sein?“

Sie lachten beide.

„Jedenfalls bin ich es leid, dass jemand mit meinen Gefühlen spielt“, erklärte Emily. „Vielleicht hat die Unverbindlichkeit zwischen Mann und Frau doch ihre Vorteile?“

„Was sind denn das für Töne? Normalerweise ist das doch mein Part. Du dagegen mit deinen hohen moralischen Maßstäben wolltest doch immer auf den Richtigen warten.“

„Stimmt. Aber du siehst ja, wohin mich das gebracht hat. Oh, es klopft.“

„Komisch, dabei habe ich den Stripper erst für sieben bestellt“, scherzte A. J.

„Sehr witzig. Ich muss jetzt Schluss machen. Dann bis halb neun bei Jupiters.“

„Ja, bis dann, Emmy. Einen schönen sechsundzwanzigsten Geburtstag noch.“

Emily legte auf und rief Richtung Tür: „Ich komme!“ Vermutlich beschwerte sich der Postbote wieder mal, weil sie noch immer keinen Briefkasten angebracht hatte.

Männer sind gar nicht das Problem, dachte sie auf dem Weg zur Tür, ich bin es.

Seit zwei Jahren verwaltete sie Zac Prescotts Terminkalender, machte jede Menge Überstunden und sparte eisern, sodass sie nun in der Lage war, ein eigenes Geschäft zu eröffnen. In der freien Woche hatte sie ihren Chef schonend auf den geplanten Weggang vorbereiten wollen …

Das Klopfen wurde lauter.

„Einen Moment, George!“, rief sie und riss die Tür auf. „Mach doch nicht solchen …“

„Was soll das?“ Auf der Veranda stand Zac Prescott und hielt ein zusammengeknülltes Blatt Papier in der Hand. Und er war ziemlich verärgert.

Vorsichtshalber trat Emily einen Schritt zurück. Bisher hatte sie ihn nur ein einziges Mal wütend erlebt – vor einem halben Jahr, als sein Vater angerufen hatte.

„Ich habe gekündigt“, antwortete Emily ruhig.

Zac kniff die Augen zusammen. „Aber warum denn?“

Emilys Herz begann schneller zu schlagen, denn Zac Prescott sah in der dunkelgrauen Hose und dem weißen Hemd einfach umwerfend aus.

Vor allem faszinierte sie sein ausdrucksstarkes Gesicht mit den graugrünen Augen und dem markanten Kinn.

Emily blinzelte. „Weil ich nun mal gekündigt habe.“

„Das kannst du nicht.“

Da er einen Schritt nach vorn machte, blieb Emily keine Wahl, als ihn hereinzulassen. Als er dann mitten in ihrem Wohnzimmer stand, kam ihr das Apartment plötzlich bedeutend kleiner vor … Sein verführerischer Duft weckte in ihr die süßesten Erinnerungen. Plötzlich konnte sie nur noch an den Kuss denken …

Als er sie eingehend musterte, wie sie ungeschminkt und mit feuchten Haaren vor ihm stand, verschränkte sie unwillkürlich die Arme vor der Brust.

Ich habe ja fast nichts an! schoss es ihr durch den Kopf. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass Zac all ihre Geheimnisse kannte, während sie nicht das Geringste von ihm wusste. Sie zog den Gürtel des Bademantels fester.

Welch ein Unterschied zu Donnerstagabend, als Zac ihre Beschützerinstinkte geweckt hatte …

„Du kannst nicht kündigen“, wiederholte er und runzelte die Stirn.

„Und warum nicht?“

„Weil ich … mit deiner Vertretung nicht klarkomme. Amber oder so …“

„Ebony, aus der Marketingabteilung. Sie ist freundlicherweise für mich eingesprungen.“

„Aber sie bringt das gesamte Ablagesystem durcheinander.“

„Ich verstehe …“ Emily sah, wie er sich den Nacken rieb. Nach zwei Jahren enger Zusammenarbeit wusste sie, dass eine Kopfschmerzattacke drohte.

Sie fühlte mit ihm, ob sie wollte oder nicht.

„Die letzte Woche war die Hölle. Ich brauche dich dringend wieder.“

Was sagte er da? Emily schmolz förmlich dahin. „Du brauchst mich?“, wiederholte sie.

Er nickte kurz. „Aus irgendeinem Grund will mir Victor Prescott seine Firma übergeben.“

„Dein Vater? VP Tech?“

„Genau.“

Wow! Normalerweise sprach Zac nicht über seine Vergangenheit oder seine Familie. Emily war es immer so vorgekommen, als hätte er sein Geschäft – eines der führenden Bauunternehmen der Stadt – quasi über Nacht aus dem Boden gestampft.

Zwar wusste sie, dass sein Vater einen milliardenschweren Softwarekonzern leitete, aber das war auch schon alles. An Büroklatsch beteiligte sie sich grundsätzlich nicht.

„Deswegen warst du …“ Sie verstummte taktvoll.

„… am Donnerstag betrunken. Richtig. Gut dass es niemand mitbekommen hat.“

Sie wusste, dass er im Büro normalerweise nichts trank. Also hatte er sie nur angerufen, weil er sich auf ihre Diskretion verlassen konnte.

„Zac … Zwei Jahre lang war ich für dich eine Sekretärin, wie sie sich ein Chef nur wünschen kann. Ich habe dein Berufs- und Privatleben organisiert, deine Kunden beschwichtigt, kurzfristig Meetings einberufen, Geschäftsreisen gebucht und Termine vereinbart. Ich habe abends und sogar an den Wochenenden Überstunden gemacht …“

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass dich die Arbeit so nervt“, unterbrach er sie.

„Tut sie auch nicht. Ich finde nur, dass es Zeit für eine Veränderung ist.“

„Wenn du mir bei der Sache mit VP Tech hilfst, reicht das nicht als Veränderung?“

„Na ja … Ich habe gekündigt und gehe. Lassen wir es dabei. Okay?“

„Dann möchte ich aber wissen, wer die beste Assistentin abgeworben hat, die ich je hatte. Noch dazu ausgerechnet jetzt, wo ich dich am nötigsten brauche.“

Plötzlich wurde Emily von heißen Fantasien überwältigt, von denen der Kuss noch die harmloseste war. Wie es sich wohl anfühlt, von ihm überall am Körper gestreichelt zu werden, fragte sie sich. Wenn er mich doch auf Donnerstagabend ansprechen würde!

Aber Zac schaute sie nur an und schwieg.

In dem Moment begriff sie, dass er sich nicht erinnerte. Wie hatte sie das nur glauben können …

Während sie das Wochenende immer wieder an den Kuss hatte denken müssen, wusste Zac offenbar von gar nichts. Sicher, wenn er VP Tech übernehmen sollte, hatte er jetzt andere Sorgen …

„Du schweigst?“

„Ich kann ja die neue Sekretärin einarbeiten.“

„Ich will keine neue.“

Als er sich wieder den Nacken rieb, beobachtete Emily fasziniert das Spiel seiner Oberarmmuskeln unter dem Stoff des Hemdes.

„Natürlich bekommst du eine Gehaltserhöhung.“

„Ich verstehe nicht, wieso du mit einem Mal …“ Sie brach ab.

„Eine Softwarefirma leiten sollst, wolltest du doch sagen? Oder möchtest du wissen, was aus meinem Stiefbruder wurde, der bisher als unumstrittener Nachfolger gegolten hat?“ Er lächelte sein unwiderstehliches Lächeln. „Na, hab ich dein Interesse geweckt?“

„Nein“, log sie.

„Sicher nicht? Schade …“

„Du weißt, dass ich nicht neugierig bin.“

„Na klar.“ Nachdenklich betrachtete er sie. „Sieh es als eine Beförderung an. Egal was man dir woanders geboten hat, ich zahle dir das Doppelte.“

„Um Geld geht es mir nicht.“ Um etwas Abstand zu bekommen, trat sie ans Fenster. „Zac, du bist ein Workaholic“, sagte sie über die Schulter hinweg. „An sich ist das ja nichts Schlechtes, nur … muss ich dabei notgedrungen mitmachen. Aber ich habe Ziele, ich möchte Betriebswirtschaft studieren und danach ein Geschäft eröffnen.“

„Und was für eins?“

„Eine Beratungsagentur. Du weißt schon: Zeitmanagement, selbstbewusstes Auftreten, Lebensplanung …“ Da Zac schwieg, fügte sie hinzu: „Mach dir keine falschen Hoffnungen. Ich habe mich angemeldet und auch schon bezahlt. In zwei Wochen höre ich bei dir auf.“

Immer hatte sie großen Wert darauf gelegt, ihrem Chef eine vorbildliche Sekretärin zu sein, mit seriösem Auftreten und über jeden Büroklatsch erhaben. Und vermutlich dachte ihr Chef über sie genau wie die anderen etwa dreißig Angestellten. Für ihn war sie einfach nur eine Frau von durchschnittlicher Größe und Figur, introvertiert und unauffällig … Jedenfalls nicht der Typ, mit dem ein Zac Prescott ausging. Nichts Besonderes eben … Darum hatte er auch den Kuss vom Donnerstag schlichtweg vergessen. Und ebenso würde er sie vergessen …

Obwohl sie sich ein gutes Image gegeben hatte, litt sie nun genau darunter. Und es war auch das erste Mal, dass sie sich seinen Wünschen widersetzte. Während sie seine glatt rasierte Haut betrachtete, entging Emily nicht, dass er die Zähne aufeinanderpresste.

O ja, sie wusste, wie warm und weich sich seine Haut anfühlte. Und deutlich erinnerte sie sich an den Duft: frisch und mit einem Hauch von Orangenblüten …

Sie beeilte sich, das Tischchen abzuräumen, auf dem noch Geschirr stand – während ihr das Herz bis zum Hals schlug.

Zac folgte ihr in die Küche.

„Hör mir bitte zu. Wenn du so wild darauf bist zu gehen, kann ich dich nicht aufhalten. Aber wir haben doch erst Oktober. Bis zum Semesterbeginn sind es noch fast fünf Monate. Warum arbeitest du nicht noch so lange für mich? Dann kannst du mir wenigstens helfen, wenn ich Dads Firma übernehme.“

„Ich will nicht …“ Abrupt drehte Emily sich um.

Und da stand er vor ihr, groß, kräftig und braun gebrannt. Es fehlte nicht viel, und sie hätte sich ihm in die Arme geworfen. Vorsichtshalber trat sie einen Schritt zurück.

Offenbar hatte es Zac bemerkt, denn er hob fragend eine Augenbraue. „Bist du wütend, weil ich dich angerufen habe, obwohl du freihattest?“

Emily sah ihn ungläubig an. „Denkst du wirklich, ich schlage neue berufliche Wege ein, nur weil du mich gebeten hast, dich heimzufahren? Nein, ich habe das schon seit Monaten geplant. Übrigens hättest du dich wenigstens bedanken können.“

„Wenn es so ist … Danke fürs Nachhausebringen“, sagte er etwas steif.

„Gern geschehen.“

Einen Moment länger als nötig schaute er sie an. Dann wandte er sich ab. Nichts geschah, was auch nur im Entferntesten an Donnerstagabend anknüpfte.

Nicht die Spur von Erinnerung, schoss es ihr durch den Kopf.

„Normalerweise trinke ich nichts im Büro“, meinte er unvermittelt.

„Ich weiß.“

„Und ich weiß, dass du es weißt.“

Durch das kleine Küchenfenster schien hell und warm die Sonne. Aber das war nicht der Grund, dass Emily plötzlich heiß wurde. Sie betrachtete Zacs Mund, und plötzlich sah sie im Geiste wieder die Flasche Tequila auf seinem Schreibtisch – und das Funkeln in seinen Augen. All der Reiz des Verbotenen, den diese Begegnung ausgemacht hatte, war mit einem Mal wieder da.

„Ich muss mich anziehen“, stieß sie hervor – eine Ankündigung, die dazu führte, dass Zac sie erneut interessiert betrachtete. Emily spürte, wie ihr Atem unregelmäßig wurde. „Und du solltest jetzt besser gehen.“

„Bitte denk über mein Angebot nach. Die Vorteile liegen doch auf der Hand: Ich habe dich fünf Monate länger, und du bekommst eine deutliche Gehaltserhöhung.“

„Gut, ich denke darüber nach“, versprach sie und begleitete ihn hinaus.

Nein, sie würde nicht länger für ihn arbeiten. Nicht nach einem Kuss wie diesem.

Da sie sich seit ihrer Kindheit ein geordnetes Leben gewünscht hatte, war sie nun wirklich nicht scharf auf neuerliche Gefühlsverwirrungen.

Auf der Veranda blieb Zac nochmals stehen und fragte: „Wie ist eigentlich mein Auto zu mir nach Hause gekommen?“

Emily lächelte. „Wirklich ein toller Wagen …“

„Soll das heißen, du hast meinen Porsche gefahren?“

„Natürlich. Hat Spaß gemacht. Du warst ja zu betrunken.“

„Und dann hast du mich ohne Hilfe ins Haus gebracht?“, hakte er nach.

Emily nickte. Sie hatte ihn gestützt, seine Wärme gespürt und seinen Duft genossen. So hatte sie ihn langsam zur Tür bugsiert. Und dann …

Solche Dinge passierten eben. Er war gestolpert, wobei auch sie fast das Gleichgewicht verloren hatte. Im selben Moment hatten sie sich einander zugewandt – und geküsst. Und geküsst … als gäbe es kein Morgen. Bis Emily sich losgerissen und förmlich die Flucht vor sich selbst ergriffen hatte.

Seltsam, dachte sie, ausgerechnet ein so spontaner Moment hat Klarheit in meine Lebenspläne gebracht.

„Wenn ich mich entschieden habe, melde ich mich“, rief sie ihm zu.

Eine Entscheidung hatte sie bereits getroffen, und zwar nie wieder ihren Chef zu küssen. Am besten gar nicht mehr daran denken und den Vorfall schleunigst und ein für alle Mal vergessen …

Enttäuscht ging Zac die hölzerne Verandatreppe hinunter. Das Apartmenthaus lag auf einem grünen Hügel hoch über der Currumbin’s Duringan Street. Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick auf den Fluss, der in der Morgensonne glitzerte. Eine traumhafte Aussicht, die dazu verlockte, nicht zur Arbeit zu gehen und sich stattdessen an den Strand zu legen …

Emily allerdings war gegen solche Versuchungen gefeit. Von einer Mitarbeiterin wie ihr träumte jeder Chef. Sie war tüchtig und intelligent und stets zur Stelle, wenn sie gebraucht wurde. Oft erkannte sie vor ihm, was er als Nächstes benötigte: wusste, wie er seinen Kaffee trank, und erinnerte ihn daran, etwas zu essen. Pünktlich war sie außerdem …

Und sie küsste traumhaft.

Jetzt musste er sich unbedingt etwas einfallen lassen, damit Emily weiterhin für ihn arbeitete.

Wenn sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlte, blinzelte sie hinter ihren Brillengläsern. Dann schloss sie einen Moment ihre tiefblauen Augen …

Zum ersten Mal war ihm das aufgefallen, als er sie einmal gefragt hatte, wie sie ihr Wochenende verbracht hatte. Seitdem hatte er belustigt jeden Montag die Probe aufs Exempel gemacht. Und als er sie nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluss geneckt hatte, um die Spannung zu lösen, hatte sie ebenfalls geblinzelt.

Und nach dem Kuss.

Zac ging langsamer. Es war ein wunderschöner typisch australischer Frühlingstag, nur gegen seine Kopfschmerzen half er leider nicht.

Wie viele Hinweise sollte er dieser Frau noch geben? Offenbar weigerte sie sich hartnäckig, dem Vorfall vom Donnerstag irgendeine eine Bedeutung beizumessen …

Dabei hatte ihn dieser Kuss in mehr als einer Hinsicht tief berührt …

Einen Moment lang hatte er die Probleme mit VP Tech völlig vergessen. Stattdessen war ihm das Blut wer weiß wohin geschossen, und er hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als Emily in seinem Bett zu lieben …

Sie war nicht nur ein Traum von einer Sekretärin. Durch sie war ihm auch aufgefallen, dass er in letzter Zeit zu viel arbeitete und kaum noch ein Privatleben hatte.

Zum ersten Mal seit Monaten empfand er intensives Begehren – ein heftiges und unausweichliches Gefühl, gegen das er nicht das Geringste tun konnte.

Er blickte zum gegenüberliegenden Ufer. Einige der exklusiven Wohnhäuser dort hatte er in seiner Anfangszeit nach modernen Gesichtspunkten umgebaut. Mit gewissem Stolz betrachtete er die klaren ruhigen Linien, denen er schon damals den Vorzug gegeben hatte. Die ursprünglich einfachen Häuser hatte er gekauft, nach seinen Plänen neu gestaltet und mit Gewinn weiterverkauft.

Auch jetzt als erfolgreicher Bauunternehmer plante und zeichnete er häufig nach wie vor selbst. Inzwischen konnte er es sich allerdings leisten, seine Kunden selbst auszusuchen.

Seine Tage waren straff organisiert. Er liebte seine Arbeit, liebte es, mit schönen Frauen auszugehen … und überhaupt liebte er das Leben. Er hatte inneren Frieden gefunden – nach Jahren voller Anspannung und belastender Gefühle und einer schwierigen Zeit des Umbruchs.

Um so leben zu können, hatte er jahrelang wie ein Besessener gearbeitet. Wenn er seinem Vater etwas verdankte, so war es die Erkenntnis, dass wirklich erstrebenswerte Dinge nicht einfach so vom Himmel fielen.

Und das galt erst recht für die Zuneigung einer Frau …

Er würde Emily überreden, wieder ins Büro zu kommen. Und dann würde er herausfinden, ob seine Erinnerung ihn nicht trog. War es bloßes Wunschdenken, oder hatte sie tatsächlich voller Hingabe seinen Kuss erwidert?

Er drehte sich um und betrachtete die Tür zu ihrem Apartment und das Wohnzimmerfenster mit der geschlossenen Jalousie.

Ausgerechnet an dem Tag, an dem sich alles geändert hatte, war er Emily zum ersten Mal nähergekommen. Seit Monaten sehnte er sich danach, die Geheimnisse zu lüften, die diese Frau umgaben.

Am Donnerstagabend war sie ohne ihre Brille zu ihm ins Büro gekommen, in Jeans und T-Shirt. Sprachlos hatte er sie angestarrt. Warum versteckt sie ihre wunderschönen Proportionen immer unter diesen gerade geschnittenen Anzügen? hatte er sich gefragt.

Jetzt schloss er die Augen und stellte sich vor, wie beim Nachhausebringen ihre vollen Brüste gegen ihn gedrückt worden waren. Unbeschreiblich, wie leidenschaftlich sie ihn geküsst hatte, auch wenn der Moment hätte viel länger dauern können …

Plötzlich sah er auf dem schmalen Fußweg einen großen kräftigen Mann näher kommen. Er trug einen billig glänzenden Anzug und wirkte wie ein Rausschmeißer, unberechenbar und aggressionsbereit. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er Zac und ging grußlos an ihm vorbei.

Bei Zac schrillten sofort alle Alarmglocken, er kannte diesen Typus. In der Baubranche kam es leider vereinzelt noch immer vor, dass unseriöse sogenannte Unternehmer ihre Mitbewerber mit kriminellen Mitteln einzuschüchtern versuchten.

Zu allem Überfluss steuerte der Mann auch noch auf die Verandatreppe zu Emilys Apartment zu.

Schnell verbarg sich Zac und hörte im nächsten Moment, wie die Tür geöffnet wurde. Er spähte nach oben und sah erleichtert, dass Emily das Sicherheitsgitter zugelassen hatte.

„Sind Sie Mrs Catalano?“, erkundigte sich der Mann.

„Miss Reynolds.“

Einen Moment fragte sich Zac, ob Emily schon einmal verheiratet gewesen war. Er wusste ja so wenig über sie – was gewiss nicht an ihm lag. Immer wieder hatte er einfühlsam versucht, mehr über sie zu erfahren.

„Aber Sie sind Jimmy Catalanos Frau, stimmt’s? Die Tochter von Charlene und Pete. Und die jüngere Schwester von Angelina.“

„Worum geht es?“, wollte sie schließlich wissen.

„Jimmy schuldet meinem Boss Geld.“

„Und wer ist Ihr Boss?“

„Hm. Nennen wir ihn … Joe.“

Emily antwortete in demselben festen Tonfall, mit dem sie auch schwierige Kunden beruhigte. „Tut mir leid, Jimmy ist vor einem halben Jahr gestorben.“

Zac stutzte. Diese Frau verbarg mehr vor ihm als nur ihre wunderbare Figur …

„Ja, schon gehört. Mein Beileid“, meinte der Mann höhnisch. „Zum Glück ist Joe ein verständnisvoller Geschäftsmann und hat Sie bisher in Ruhe gelassen. Aber jetzt will er sein Geld.“

„Welches Geld denn überhaupt?“

Zac streckte sich und bekam mit, dass Emily versuchte, die Tür zu schließen. Aber der Mann schlug mit der Faust laut gegen das Sicherheitsgitter.

Außer sich vor Wut, wäre Zac fast nach oben gerannt, aber im letzten Moment hielt er sich zurück und wartete erst einmal ab.

„Sie haben für Jimmy gebürgt, also sind seine Schulden Ihre Schulden. So einfach ist das.“ Allmählich wurde der Eintreiber hörbar ungemütlich. „Ich gebe Ihnen vierzehn Tage, um zu zahlen.“

„Dann sehen wir uns vor Gericht wieder“, erklärte Emily ruhig.

Der Mann lachte hämisch und einschüchternd auf. „Hör mal, Blondie. Wenn du mit einem Mann wie Jimmy verheiratet warst, weißt du doch, wie der Hase läuft: keine Polizei, keine Anwälte.

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