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Der Kühlschrank war leer

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Rainer Wieland, geboren 1965 und aufgewachsen im Murgtal in Baden-Württemberg, machte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zum Werkzeugmacher und die Fachhochschulreife. Nach der Weiterbildung zum Maschinenbautechniker war er viele Jahre in der Ausbildung tätig bevor er 2006 zum Leben und Arbeiten mit der Familie nach China gezogen ist. Rainer Wieland ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Seine größte Leidenschaft ist der Sport, insbesondere das Radfahren, außerdem liebt er die Berge und das Skifahren.

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vorbereitung

Ausreise

Die ersten Schritte

Das verlorene Gesicht

Das Fahrrad

Li Wenbo

BAIS

Deutsche Botschaftsschule Peking

Beijing

Autofahren

Chinesisch Neujahr

Beijing Hikers

Deutsche Botschaft

Fuzhou

Besuche

Olympische Spiele

SGAVE

Arbeiten im Joint Venture

Reisen

Schlusswort

Vorwort

Zwei Tage vor Weihnachten 2005 bekam ich einen Anruf aus Beijing, ob ich als technischer Ausbilder ins Reich der Mitte kommen wolle. Beijing, wo soll das denn sein, in diesem riesigen Land. Nach der Recherche im Reiseführer herrschte Klarheit, die Hauptstadt Chinas war gemeint, im Deutschen besser unter Peking bekannt.

Gedanklich hatten sich meine Frau Angela und ich schon über längere Zeit für einen Aufenthalt im Ausland entschieden. Aber war meine berufliche Qualifikation auch außerhalb Deutschlands gefragt?

Eigentlich fing alles mit einem Gespräch bei meinem damaligen Chef an. Sechs Jahre war ich zu diesem Zeitpunkt als technischer Ausbilder in der Berufsausbildung eines Automobilherstellers in Gaggenau tätig.

Er fragte mich, wie ich mir meine berufliche Zukunft vorstelle und ich antwortete spontan: „ich möchte Jugendliche im Ausland ausbilden.“ Verblüfft schaute er mich an:“ Du sprichst doch gar kein English“, womit er nicht wirklich recht hatte. Es war nur über die Jahre etwas in Vergessenheit geraten. Da in der heutigen Zeit viel über Lebenslanges Lernen geredet wird, habe ihm geantwortet, „das kann ich lernen.“

Natürlich ist so ein Schritt, für längere Zeit ins Ausland zu gehen, etwas, das eine gewisse Akzeptanz der Familie erfordert. Speziell unsere beiden Söhne Max und Jan mussten mit viel Fingerspitzengefühl über den Wunsch ihrer Eltern informiert werden. Irgendwie hatten beide das Gefühl, es handelt sich um eine Fiktion, die nie Realität wird. Da hatten sich beide aber getäuscht.

Auch unsere Eltern waren perplex, so weit weg in die Ferne zu ziehen und dann auch noch für zwei Jahre. Und nach China, da essen sie doch Katze und Hund. Schließlich ist man mit 40 Jahren immer noch das Kind und so allein in der großen Welt, nein, das kann nicht gut gehen. Im Grunde wussten sie, dass wir uns entschieden hatten und nur unglückliche Umstände uns von unserem Vorhaben abhalten hätten können.

Merkwürdigerweise waren unsere guten Freunde sichtlich geschockt. Für sie brach eine Welt zusammen. Mir kam es so vor, als sei etwas ganz Schlimmes passiert, fast so, als hörten wir auf zu existieren. Es dauerte eine ganze Weile, bis unser Entschluss akzeptiert wurde. Durch das Schmieden gemeinsamer Pläne, wer uns wann besuchen kommt, wuchs das Verständnis für unsere Entscheidung.

Noch war es nicht soweit, noch war kein Vertrag unterschrieben, wir freuten uns einfach auf die neue Herausforderung.

Was uns als Familie sehr gut tat, waren die vielen Gespräche. Wir redeten sehr viel und bis tief in die Nacht, wir kauften uns Reiseführer und Landkarten, das Internet gab zu dieser Zeit noch nicht so viele Informationen preis. Die vielleicht spannendste Frage war, wie verständigen wir uns eigentlich mit den Chinesen?

Etwas erschwerend kam für uns hinzu, dass wir bis dato weder mit China noch mit Asien überhaupt keine Berührungspunkte hatten. Auf gut Deutsch: wir hatten gar keine Ahnung auf was wir uns da einließen.

Aber genau dieser Punkt machte es so prickelnd, in eine Kultur eintauchen zu wollen, die uns absolut fremd war. Und es hat sich gelohnt.

Vorbereitung

Der English Unterricht fand in Esslingen statt. Zuvor wurde ich in einem Telefon Interview getestet, auf welchem Level meine Sprachkompetenz lag. Intermediate, fortgeschrittener Anfänger oder so lala. Ich fand es jedenfalls toll, in einer Gruppe von sechs Leidensgenossen zu sitzen und aus dem tiefen Innern, die vor langer Zeit gelernten Wörter hervor zu zaubern. Wir hatten eine nette Muttersprachlerin als Lehrerin und ich taufte sie heimlich: Miss „No Mercy“! Sie hatte wirklich keine Gnade mit uns, wir mussten uns gleich in Englisch vorstellen und da ich etwas spät dran war, platzte ich als letzter in die Gruppe und war als Erster dran. Ich lernte meine Lehrerin zu schätzen und verinnerlichte mir: nur durch aktives Sprechen kann ich Sicherheit gewinnen. Am Anfang wurde auf Grammatik keinen so großen Wert gelegt, was mir natürlich sehr entgegen kam. Scheinbar habe ich in jungen Jahren als Schüler des Goethe-Gymnasiums in diesen Unterrichtsstunden durch Abwesenheit geglänzt.

Jetzt wusste ich, warum ich hier war. Ich wollte meine English Kenntnisse verbessern, um mich in einem fremden Land mit Menschen unterhalten zu können. Der Unterricht machte mir riesigen Spaß. Auch unsere Söhne lernten eine ganz neue Seite an ihrem Vater kennen und manchmal war es mir schon ein bisschen peinlich, wenn ich bei den Hausaufgaben um Hilfe bat. Sehr gut kann ich mich noch an eine Autofahrt erinnern, als mich Max Vokabeln abfragte und ich immer die gleichen nicht wusste.

Meine Frau Angela und die Jungs hatten mit diesen Problemen nicht zu kämpfen, alle drei sind sprachbegabt und ehrgeizig im Lernen. Wir halfen uns gegenseitig, redeten zu Hause manchmal Englisch und so haben wir uns auf unser großes Abenteuer eingeschworen.

Drei Blöcke à drei Tage dauerte der erste Kurs und ich freute mich jeden Tag. Die Gruppe war sehr unterschiedlich besetzt und so lernten wir von uns untereinander. Jeder erzählte von seinem Arbeitsbereich und mir wurde klar, wie wenig ich eigentlich von unserer Firma kannte. Mir wurde bewusst, dass Sprache mit das Wichtigste ist, um mit Menschen in Kontakt zu treten und mehr von ihnen zu erfahren und zu lernen. Beim Abendessen daheim erzählte ich begeistert von meinen Erlebnissen.

Max war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt und besuchte die elfte Klasse des Goethe-Gymnasiums. Für ihn war klar, dass er nicht mit nach China geht. Er würde hierbleiben und sein Abitur in Gaggenau machen. Angela und ich waren zwar nicht erfreut über seine Entscheidung, hielten ihn aber für so vernünftig, mit der Situation umzugehen.

Jan war wesentlich offener und nach kurzem Überlegen bereit, mit nach Beijing zu gehen. Sicherlich war die Entscheidung für ihn nicht leicht, er hatte einen großen Freundeskreis, war im Fußballverein eine Stütze seines Teams, hatte mit drei Freunden eine Band gegründet und fühlte sich sehr wohl in der Umgebung. Trotzdem war er neugierig und interessiert und als vierzehnjähriger Junge auch einfacher zu beeinflussen.

Nachdem wir unser privates Umfeld informiert hatten, dass es für zwei Jahre nach China geht, musste ich in meinem beruflichen Umfeld die Weichen für den Wechsel stellen.

Manche meiner Kollegen hielten mich für verrückt, andere wussten, dass ich Neuem immer aufgeschlossen war und ein Abenteurer bin. Wir bekamen viele Rückmeldungen, dass sie unseren Mut toll finden und sich das nicht vorstellen könnten. Gleichzeitig unterstützen sie mich, wo immer ich Hilfe benötigte. Ich brauchte technische Unterlagen, Werkzeuge und andere Hilfsmittel. Mein Plan war, den Unimog im Maßstab 1:10 mit meinen Azubis zu bauen. Mit diesem Projekt hatte ich gute Erfahrungen gesammelt und wusste jede Kleinigkeit, auch was eventuell Schwierigkeiten mit sich bringen könnte und wie diese zu beheben sind. Für mich war das Projekt mit allen Dokumenten das Wichtigste, um meine Mission erfolgreich umsetzen zu können. Da musste alles perfekt vorbereitet sein.

In Gerwin Kohlbecker, meinem damaligen Chef, hatte ich eine große Stütze. Aktiv begleitete er meine Vorbereitungen, half mir, Kontakte zu knüpfen und die richtigen Leute anzusprechen.

Da kam Bernd Weisschuh ins Spiel. Ich kannte ihn durch ein zentrales Marketing Projekt und wir waren uns auf Anhieb sympathisch. In seiner Funktion als interner Berater für internationale Ausbildungsprojekte in der Zentrale unseres Arbeitgebers war er mein Fachvorgesetzter.

Im Februar 2006 hatte sich eine große Delegation von Chinesischen Berufsschul-Direktoren, Unternehmensvertretern aus China und Mitarbeiter der Pekinger Erziehungsbehörde in Möhringen angemeldet.

Dies sollte für mich der erste Kontakt mit China sein. Dementsprechend war ich aufgeregt.

Der damalige Personalvorstand begrüßte die Delegation und lud zum Mittagessen ein. Mir fiel sofort auf, dass jeder der chinesischen Gäste ein Handy und eine bessere Digitalkamera als ich besaß. Der Umgang mit dem Laptop war eine Selbstverständlichkeit. Von wegen, die Chinesen schreiben noch mit Pinsel und Tusche.

Es folgten das erste zögerliche Händeschütteln und Austausch von Höflichkeiten. Zum Glück hatte ich mir Visitenkarten drucken lassen, beim ersten Geschäftskontakt, eine ernst zu nehmende Hürde. Die Visitenkarte wird mit beiden Händen überreicht, so hatte ich das zuvor gelesen.

Ich lernte Jörg Abramowski und Li Wenbo kennen. Diese beiden sollten mich noch eine ganze Weile begleiten und maßgeblich für mich als Paten fungieren. Zwischen uns dreien stimmte die Chemie auf Anhieb.

Auf der Agenda stand die Berufsausbildung in Deutschland. Gemeinsam besuchten wir die Ausbildungswerkstätten in Sindelfingen und Mannheim und die dazugehörigen Berufsschulen. Die Digitalkamera war ständiger Begleiter. Die deutschen Kollegen gaben sich sehr viel Mühe, um ihre Arbeit ansprechend zu präsentieren. Dazu war die Hilfe einer Dolmetscherin unerlässlich. Manchmal wunderte ich mich etwas über die Länge der einzelnen Übersetzungen. Sprach ein Redner einen einzelnen Satz, wurden nach meinem Dafürhalten 10 Sätze übersetzt. Dauerte es dagegen etwas länger, war es mit zwei knappen Sätzen abgegolten. Das Wichtigste für die Delegation war die Ausstattung. Öfters wurde nachgefragt, was die einzelnen Ausbildungsprojekte kosten und wo sie erworben werden könnten. Es erstaunte sie umso mehr, dass viele dieser Projekte von Auszubildenden hergestellt worden waren.

Was ich schnell lernte, war die Tatsache, dass pünktliches Essen für die Chinesen wichtig ist. Näherte sich der Zeiger der Mittagszeit, neigte sich die Aufmerksamkeit der Teilnehmer und sie wurden ein bisschen unruhig. Es gab verstohlene Blicke auf die Uhr.

Etwas überrascht war ich über die Essgewohnheiten. Beim Buffet gab es keinen Unterschied zwischen Vorspeise, Hauptgericht und Dessert. Alles landete auf einem Teller. Auch die Kombination Rindersteak und Schwarzwälder Kirschtorte schien mir ein bisschen eigenartig. Aber geschmeckt hat es ihnen.

Am Wochenende planten die Organisatoren einen Ausflug nach Friedrichshafen. Wir besuchten das Zeppelin Museum und aßen in einem Restaurant am See zu Mittag. Ich blickte sehnsüchtig auf die nahe liegenden Schweizer Berge, schönstes Wetter und blauer Himmel und ich stand nicht auf den Ski. Es war gleichzeitig eine Prüfung für mich, denn in China werde ich wahrscheinlich auch nicht zum Skifahren kommen. Auf dem Heimweg fragte mich ein Berufsschullehrer, ob ich die maximal erlaubte Geschwindigkeit fahren könnte. Mit 250 km/h donnerten wir über die A 81 und meine Mitfahrer schliefen.

Der Besuch der Landesakademie für Lehrerfortbildung in Esslingen war ein zentraler und wichtiger Punkt während des Besuches. Hier sollten die ausgewählten chinesischen Berufsschullehrer im Sommer ein vierwöchiges Methodentraining erhalten. Besonders groß war das Interesse der Delegation an Zahlen, Daten und Fakten.

Das Ende dieser Delegationsreise nahte und ich hatte ein gutes Gefühl. Zum einen war ich froh, meine zukünftigen Kollegen vorab kennen gelernt zu haben und ich fand die Chinesen sympathisch.

Zu Hause hatte ich viel zu erzählen, meine Familie war gespannt auf meine Erlebnisse.

Da ein Gegenbesuch geplant war, meldete ich mich kurz vorher spontan beim Werksärztlichen Dienst zu einer Impfberatung an. Unwissend und lässig erschien ich zum ausgemachten Zeitpunkt und werde den Augenblick nie mehr vergessen, in dem die Werksärztin, Frau Doktor Ebba C., wild gestikulierend aus ihrem Zimmer gestürmt kam. Ob ich noch bei Trost sei, sie ließe mich nicht fliegen, Impfen ist eine ernste Angelegenheit, waren noch die freundlichsten Worte. Ich brauchte nicht einmal verdutzt schauen, ich war es. Nur mit viel Demut und Schuldeingeständnissen war sie zu beruhigen, dafür spritze sie in jeden Oberarm gleich zweimal. Als netten Rat am Ende meinte sie, eine kleine Flasche Schnaps im Gepäck kann nicht schaden.

Der siebte März 2006 ist mir noch gut in Erinnerung. Ich traf Bernd Weisschuh im Flughafen Frankfurt und sollte zum ersten Mal in meinem Leben in der Business Klasse fliegen. Bis zu diesem Tag war das Flugzeug nicht mein bevorzugtes Transportmittel und dementsprechend unsicher schaute ich mich auch auf dem Flughafen um. Und ich hatte Angst.

An Bord war alles neu und ich genoss den Service und das Platzangebot. Als mein Nachbar die Schuhe aus und die Bordsocken anzog, tat ich es ihm gleich. Wenn er den Sitz verstellt hat, ebenfalls. Heimlich las ich die Bedienungsanleitung für das Entertainment Programm. Es war ein entspannter, ruhiger Flug und dementsprechend erholt und gespannt stieg ich in Peking aus. Die Zöllner bei der Passkontrolle sahen gar nicht so grimmig aus, wie ich mir das vorgestellt hatte. Durch den Lautsprecher säuselten leise chinesische Töne, die ich sehr angenehm empfand. Der ganze Flughafen war schon etwas fremd, aber auch sehr einladend. Und überall die vielen chinesischen Gesichter, die mich genauso neugierig bestaunten wie ich sie.

Wir beide wurden abgeholt und ich konnte es eigentlich immer noch nicht fassen, dass ich in China bin. China war damals nicht gerade im Interesse der Öffentlichkeit und da war ich nun. Wir stiegen in einem Hotel ab, das ich in dieser Form nicht erwartet hätte. Chinesische Fünf Sterne entsprechen einem Viersterne Hotel in Europa. Mir wurde freundlich der Koffer abgenommen und über einen gläsernen Fahrstuhl ging es im Innenhof zu meinem Zimmer. Ich fand das schon luxuriös und übertrieben. Die ersten Tage waren mit viel festlichem Tamtam belegt, die offizielle Vertragsunterzeichnung der Kooperation zwischen meinem Arbeitgeber und der Beijing Automotive Industrial Schule standen bevor. Es wurde mit Schülern geprobt, die Reden wurden abgestimmt und die Räume dekoriert. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Mit zwei Ausbildungsberufen und 48 Schülern sollte begonnen werden und dann dieser Aufwand.

Der Abend der offiziellen Veranstaltung sprengte meine Vorstellungskraft. So eine Inszenierung wäre in Deutschland nicht finanzierbar gewesen. Hier in China gehörte dies zum guten Ton. Die Anzahl der Würdenträger bestätigte die Wichtigkeit der Zeremonie, bei der drei Kamerateams hautnah filmten. Manchmal überkam mich der Gedanke, „was mache ich eigentlich hier. Wieland, du kleines Würstchen aus dem beschaulichen Murgtal.“

Der Abend endete mit einem edlen Essen. Wenig geübt im Umgang mit den Essstäbchen, zog ich amüsierte Blicke auf mich. Dies ist die erste Prüfung für alle Neuankömmlinge. Wie verhält sich der Ausländer beim Essen. Versucht er mit den Stäbchen zu essen oder bestellt er Besteck. Davon rate ich tunlichst ab. Sollten die Gastgeber merken, der Gast ist derart verkrampft und läuft Gefahr, hungrig das Lokal zu verlassen, ordert der Gastgeber Besteck und alles ist gut. Ein Gericht wird mir immer in Erinnerung bleiben: Seegurke. Es schmeckte so, wie es sich anhört, grauenhaft.

Das Trinken von Alkohol gehört bei solch einer Gegebenheit ebenfalls zum guten Ton. Hier geht es nicht um Genuss, sondern um Menge und Verträglichkeit. Vorzugsweise wird mit chinesischem Schnaps (bai jiu) angestoßen und auf ex (gan bei) getrunken. Diese Trinksitten sind für eine fruchtbare Zusammenarbeit elementar. Gewöhnlich dauern geschäftliche Einladungen nicht länger als zwei Stunden. Der Gastgeber steht auf, bedankt sich bei allen Anwesenden und spricht den letzten Tost aus. Blitzschnell leerte sich der Raum.

Den Feierlichkeiten folgten Tage des intensiven Arbeitens. Die BAIS Schule organisierte einen Auswahltag für die in Frage kommenden Lehrer. Ich hatte einen Fragebogen für das Interview entworfen und Li Wenbo half mir als Übersetzter. Am Ende des Tages hatte ich meine Entscheidung getroffen. Nun musste ich meine Vorschläge dem Schuldirektor unterbreiten. Bei drei Kandidaten stimmte er mir zu, bei einem wichen unsere Meinungen voneinander ab. Später erzählte mir Li Wenbo, dass genau der Kandidat gesetzt war und nur pro forma an dem Interview teilnahm.

Schon zu diesem Zeitpunkt lernte ich Li Wenbo sehr schätzen. Er wusste Hintergründe und Begebenheiten, die mir bis zu diesem Zeitpunkt völlig fremd waren. Ich konnte nicht einmal die Gestik und Mimik der Chinesen deuten. Der Gesichtsausdruck sah für mich immer gleich freundlich aus. Es lag ein merkwürdiges Lächeln auf den Lippen.

Ich verbrachte viel Zeit in der neu erbauten Schule, meinem späteren Arbeitsplatz. Ein riesiger Schulkomplex wurde in der neu errichteten Pekinger Wirtschaftszone gebaut und stand bis dato leer. Unsere Auszubildenden sollten im Sommer die ersten sein, die ihr Quartier dort beziehen. Zwei gravierende Unterschiede gibt es dabei zu dem deutschen Ausbildungssystem. Erstens zahlen die Eltern der Auszubildenden Schulgeld. Die Höhe hängt stark von der jeweiligen Region und deren wirtschaftlichen Situation ab. Während der Woche leben die Auszubildenden in der Schule und teilen sich die zur Verfügung gestellten Räume. Zweitens gibt es keinen Ausbildungsvertrag mit dem Unternehmen. Solange die Jugendlichen Berufsschüler sind, sind sie der Erziehungsbehörde unterstellt.

Außer den Räumlichkeiten gab es nichts in der Schule. Ich konnte mir die Zimmer aussuchen, in denen ich später unterrichten sollte. Ein Klassenzimmer wollte ich für die technische Grundausbildung nutzen. Gemeinsam mit einem Lehrer fertigte ich eine Liste an, welches Werkzeug wir benötigen, welche Maschinen wir brauchen, die Anzahl der Werkbänke mit verstellbaren Schraubstöcken und einer Moderations Box. Trotz des Fokus auf handwerkliche Fähigkeiten wollte die Schule einen Computer samt Beamer, da eine Powerpoint Präsentation zu diesem Zeitpunkt state of the art war.

Jede Kleinigkeit kam auf die Liste, mir wurde erklärt, was wir zu diesem Zeitpunkt nicht bestellen, könnten wir erst im nächsten Jahr bestellen. Und Geld spielte keine Rolle.

Die Pekinger Erziehungsbehörde finanzierte Berufsschulprojekte sehr großzügig und investierte in die Ausstattung. Ich zierte mich ein wenig, war ich doch aus Gaggenau das Sparen gewohnt.

Das Wochenende verbrachte ich allein in der großen Stadt. Ich joggte am Fluss entlang, es war immer noch recht frisch und schneite leicht. Sehr viele Menschen hielten sich hier auf. Einige machten Dehnübungen, andere Thai Chi, und ein paar ganz hart gesottene sprangen in das eiskalte Wasser. Überrascht war ich von der Tatsache, dass es keinen einzigen Hund gab. Klar, die landen ja alle im Kochtopf, war mein erster Gedanke. Den Abend verbrachte ich im ersten Brauhaus in Peking. Ich wollte mal wieder etwas Deutsches essen, obwohl mir das chinesische Essen die Woche über gut geschmeckt hatte.

Mein erster Aufenthalt neigte sich dem Ende entgegen. Die Schule lud mich nochmals zum Hot Pot Abendessen ein. Hier werden Fleisch, Gemüse und Kartoffeln in eine heiße Flüssigkeit gegeben, deren Schärfegrad gewählt werden kann. Wir haben an diesem Abend viel gelacht und noch mehr getrunken. Ich fühlte mich wohl und der Schulleiter fragte, wann ich denn wiederkomme. Leider konnte ich keine verbindliche Zusage machen.

Nur ein Wehmutstropfen blieb für mich. Jetzt war ich schon mal in China und hatte die „Große Mauer“ nicht gesehen. Würde es mit meinem Vertrag klappen und konnte ich wiederkommen? Schließlich war in meiner Schulzeit die „Große Mauer“ das einzige, was ich vom Erkunde Unterricht über China in Erinnerung behielt.

Wieder zu Hause, sprudelten die Erlebnisse nur so aus mir heraus. Eine riesige Stadt mit vielen Menschen, der Verkehr war chaotisch, Essen wurde auf der runden, drehbaren Platte serviert und ich verstand kein Wort. Aber auch, dass ich sehr freundlich aufgenommen wurde, dass mir der Umgang trotz Verständnisschwierigkeiten sehr leicht gemacht wurde und dass ich an der Schule etwas bewegen könnte.

Unserem Sohn Jan erzählte ich, dass es eine ganze Straße mit Gitarrenläden gab. Ich köderte ihn mit der Aussage, die sind so billig, dass er jeden Monat eine neue von mir bekommt.

Das Essen war ein wichtiger Punkt für uns. Nicht dass wir heikel wären, aber Jan hatte im letzten Jahr große Probleme mit dem Darm. Aus meiner Sicht und meinen ersten Erfahrungen heraus konnte ich Angela und Jan beruhigen. Es ist sehr leicht bekömmlich, es gibt viel Gemüse und in den Restaurants gibt es Speisekarten mit Bildern, damit wir auch das Richtige bestellen könnten.

Nun konnte ich schon konkreter auf die vielen Fragen antworten, die uns beschäftigten. Im Juni flogen Angela und ich zum „Look and See“ Trip für fünf Tage nach Beijing. Diese Reise wurde von der Firma zur arrangiert, um sich ein besseres Bild von den Gegebenheiten vor Ort zu machen. Wir flogen mit Air France über Paris. Als der Steward unseren Menüwunsch aufnehmen wollte, deutete ich auf die gesamte Palette. Er meinte lächelnd, daraus darf ich mir ein Gericht aussuchen. Wie peinlich.

Ansonsten war der Flug für mich schon aufregend. Würde Angela meine Begeisterung ebenso teilen, würde sie Beijing ebenfalls so interessant und spannend finden?

Einen Punkt hatten wir sehr ausführlich besprochen. Während ich tagsüber arbeite, wird sie zu Hause sein. Wie wird sie mit dieser Situation umgehen, da sie bisher auch im Berufsleben stand? Gibt es in Beijing die Möglichkeit einer Beschäftigung?

Für sie stand von Anfang an fest, dass sie die Sprache des Landes lernen wollte.

Daraus sollten sich Kontakte entwickeln und ein soziales Netzwerk in der neuen Umgebung entstehen lassen. So war jedenfalls ihr Plan.

Bei dieser Reise wurden wir im Kempinski eingebucht. Das hatte schon sehr viel Charme und wir kamen aus dem Staunen nicht heraus. Gegenüber Europa wird in Asien nur das Zimmer bezahlt, nicht die Anzahl der Personen, was die Übernachtung erschwinglicher macht.

Einige Agenturen hatten sich darauf spezialisiert, Expatriates bei ihrem Umzugsvorhaben zu unterstützen. Wir wurden von Maggie empfangen und sie erläuterte uns den Ablauf der nächsten drei Tage. Zuerst standen die Besichtigungen mehrerer Wohnungen auf dem Programm, danach die deutsche Schule, die medizinische Versorgung und einige Einkaufsmöglichkeiten. Überall machten wir Fotos und Notizen, da die Eindrücke uns übermannten. Am ersten Abend saßen wir im hauseigenen Biergarten und Angela war überwältigt und sprachlos. Später gestand sie mir, dass sie nachts nicht schlafen konnte und überlegte, wie sie mir beibringen könnte, nicht nach Beijing zu gehen. Sie war mit der Reizüberflutung überfordert.

Als wir die Deutsche Botschafts-Schule besuchten, machte Angela einen sehr frischen Eindruck auf mich. Sie interessierte sich sehr für die angebotenen Fächer und Arbeitsgemeinschaften und verstand sich gleich prima mit Sandra, einer Verwaltungsangestellten, die uns durch das Gebäude führte.

Die Schule versprühte Wärme und Geborgenheit. Die ausgestellten Exponate der Schüler beeindruckten uns. Die ganze Schule strahlte eine Aura aus und wir wussten, hier wird sich Jan wohlfühlen. Ab diesem Zeitpunkt wirkte meine Frau ganz aufgekratzt. Noch am gleichen Tag meldete sie sich für den Anfängerkurs Chinesisch bei der „Bridge School“ an. Und das, obwohl ich immer noch keine eindeutige Zusage für diesen Job hatte.

An einem Abend lud uns mein designierter neuer Arbeitgeber, die Schule, zum Essen ein. Wir gingen in ein Restaurant zum Peking Ente essen. Ich war etwas erstaunt, am Anfang glichen die Speisen denen, die ich bisher schon kennen gelernt hatte. Es gab Rotwein und Bier, zum Glück keinen Schnaps. Der Schulleiter war sichtlich überrascht, dass Angela auch Rotwein mit ihm trank. Er genoss es, mit ihr anzustoßen. Als endlich die Ente serviert wurde, waren wir schon satt. Die Ente darf nicht jeder zubereiten. Ein speziell ausgebildeter Koch erlernt die Kunst, die Ente mit ca. 180 Schnitten mundgerecht zu zerlegen. Nachgezählt habe ich nie, aber es ist schon eine besondere Zeremonie.

Schon auf dem Rückflug beschlossen wir beide, ein Appartement im Kempinski zu beziehen.

Wieder daheim, waren nun, neben unseren Jungs, auch die Freunde und unsere Eltern interessiert. Sie wollten Bilder sehen und von Angela meine Begeisterung bestätigt bekommen. Niemand konnte sich vorstellen, wie es tatsächlich in Beijing aussieht. So langsam gewöhnten wir uns an die chinesische Aussprache unserer zukünftigen Heimatstadt.

Etwas hatte sich zwischenzeitlich verändert. Unser älterer Sohn Max hat meiner Mutter während unserer Reise zu viel Kopfzerbrechen bereitet, sprich, es war jeden Tag Party angesagt. Sie wollte die zwei Jahre unseres China-Aufenthaltes nicht die Verantwortung für Max übernehmen. Angela und ich beschlossen, dass Max mit uns nach China geht! Selbstverständlich war er von dieser Entscheidung nicht erfreut und sprach mindestens zwei Wochen kein Wort mehr mit mir.

In der Zwischenzeit war mein Vertrag vom Personalvorstand unterschrieben und die Ausreisevorbereitungen konnten beginnen. Waren wir prophylaktisch schon mit dem Impfen beschäftigt, mussten wir jetzt Max nachziehen. Auch eine Untersuchung im Tropeninstitut in Tübingen stand auf dem Programm. Es folgten Termine bei Ernst & Young, einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die die steuerlichen Angelegenheiten für Expats regelt, ebenso bei der Verwaltungsstelle in der Zentrale, um den Vertrag zu unterschreiben und andere Formalitäten zu erledigen. Zum Glück ist Angela Bankkauffrau und kennt sich in solchen Dingen aus, mir war vieles sehr schleierhaft. Die Visa wurden bestellt, Versicherungen, Vereinsmitgliedschaften, Zeitung und der Müll wurden abgemeldet. Etwas nervig für mich waren zusätzliche Arztbesuche, da ich ein Röntgenbild der Lunge und ein Belastungs-EKG benötigte.

Zum Abschluss organisierten wir noch eine kleine Abschiedsfeier. Fast 200 Leute nahmen teil und es war ein sehr rührendes Fest. Selbst Freunde, die wir lange nicht gesehen hatten, schauten vorbei. Klassenkameraden der Jungs hatten Tränen in den Augen, als Jan mit seiner Band seinen letzten Auftritt gab. Wir feierten bis in den frühen Morgen.

Die Vorbereitungszeit war unglaublich spannend. Kein Abend verging, an dem Angela und ich bis spät in die Nacht über alles Mögliche geredet haben. Es war eine sehr intensive Zeit. Die Umstellungen im privaten Umfeld liefen dank Angela glänzend, im geschäftlichen Bereich eher holprig. Ich wollte einen ganzen Satz Zeichnungen des Modells für einen Unimog umwandeln und benötigte dazu einen Computer eines Kollegen. Dieser brauchte seinen Rechner während der Arbeit selbst, da blieb mir nur die Zeit nach dem Feierabend. Und da hatte ich nicht immer Lust dazu.

Ich verschickte Werkzeuge, Hilfsmittel und Normteile per Seefracht, da ich die erste Zeit auf Vertrautes zurückgreifen wollte und mit dem Projekt rechtzeitig starten wollte. Die Zollformalitäten waren nicht einfach, da sich mit China, bis zu diesem Zeitpunkt, niemand richtig auskannte. Die Umzugsfirma kam eine Woche vor der Ausreise mit einem Lastzug und Anhänger bei uns vorgefahren, dabei sollten wir nur eine Luftfrachtkiste beladen. Wir waren die ersten am heutigen Tag, die Mitarbeiter mussten noch andere Kunden anfahren. Professionell und schnell wurden unsere vorbereiteten Gegenstände verpackt. Trotz der kleinen Hindernisse war alles vor unserem Start erledigt und der letzte Abend stand an. Wir feierten nochmals mit unseren besten Freunden. Beim Abschied gab es dann zum ersten Mal bei uns Tränen, jetzt gab es kein Zurück mehr.

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Die bevorzugte Arbeitsweise: am Boden