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Der Krieg der Goblins

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Danksagungen
  8. Aufsagen der Heldentaten von Jig Drachentöter
  9. Kapitel 1
  10. Kapitel 2
  11. Kapitel 3
  12. Kapitel 4
  13. Kapitel 5
  14. Kapitel 6
  15. Kapitel 7
  16. Kapitel 8
  17. Kapitel 9
  18. Kapitel 10
  19. Kapitel 11
  20. Kapitel 12
  21. Kapitel 13
  22. Kapitel 14
  23. Kapitel 15
  24. Kapitel 16
  25. Kapitel 17

Über das Buch

Ein Angriff auf die Goblin-Höhlen … und schon steckt Jig Drachentöter mitten im Krieg. Er gerät in die Gefangenschaft der Menschen und wird in die ehemalige Elbenstadt Avery verschleppt. Dort soll er dabei helfen, die Stadt gegen den Angriff einer Monsterarmee zu befestigen, die von einer blutrünstigen Ork angeführt wird. Doch die Menschen haben nicht mit Jigs Intelligenz gerechnet. Er beschließt zu fliehen … mit der festen Absicht, der Ork-Armee beizutreten.

Über den Autor

Jim C. Hines wurde 1974 geboren. Er hat Psychologie und Anglistik an der Michigan State University studiert. Er schreibt seit den frühen neunziger Jahren, inzwischen als Vollzeit-Autor. Sein Fantasy-Roman »Die Goblins« wurde auf Anhieb in verschiedene Sprachen übersetzt und fand bei den deutschen Lesern eine große Fangemeinde. Jim C. Hines lebt heute mit seiner Familie und vielen Haustieren in Michigan.

Danksagungen

Fragen Sie mal irgendeinen Schriftsteller, was passieren würde, wenn er jemals einem seiner Charaktere im wirklichen Leben begegnen würde. Meistens wäre das Ergebnis … unerfreulich. Als Autoren springen wir nicht besonders nett mit unseren Helden um.

Ich bin ziemlich sicher, wenn sich Jig die Gelegenheit böte, würde er Feuerspinneneier in meinen Socken verstecken, mir einen Echsenfisch unter die Bettdecke legen und anschließend meine Überreste an die Tunnelkatzen verfüttern.

Er hat allerdings auch allen Grund, mich zu hassen. Ich habe ihn nicht durch ein, nicht durch zwei, sondern gleich durch drei verschiedene Abenteuer geschleppt, von einer Hand voll Kurzgeschichten ganz zu schweigen. Jig und ich haben viel gemeinsam durchgemacht, und ich nehme es ihm nicht übel, wenn er mir ein bisschen davon heimzahlen will.

Selbstverständlich wäre ich nicht das einzige Ziel für Jigs Wut. Oh nein! Sobald er mit mir fertig wäre, würde er sich wahrscheinlich meinem Agenten widmen, Steve Mancino. Steve hat dazu beigetragen, diese Bücher auf die Welt zu bringen, sodass es nur zu verständlich ist, wenn Jig ihn gerne aufschlitzen und sich eine Pizza Mancino mit ihm belegen möchte.

Als Nächstes, denke ich, würde Jig sich zu den DAW-Büros in New York aufmachen. Dort würde er Ziele in Hülle und Fülle vorfinden, angefangen bei Sheila Gilbert über Debra Euler bis hin zum Rest der DAW-Familie, die so sehr bei den Goblin-Büchern geholfen haben. Aber in Anbetracht dessen, womit Herausgeber sich Tag für Tag herumschlagen müssen, gehe ich davon aus, dass sie mehr als ausreichend hartgesotten wären, um mit einem Goblin und seiner Feuerspinne fertigzuwerden.

Mel Grant, mein Titelbildkünstler, sollte sich auch in Sicherheit wiegen dürfen. Wie könnte Jig wohl einen Groll gegen jemand hegen, der so fabelhafte Goblins malt?

Also wäre Jig stattdessen hinter meinen Korrekturlesern und Lektoren her, deren Feedback und Vorschläge für alle drei Bücher von unschätzbarem Wert gewesen sind. Zu Teddi Baer, Catherine Shaffer, Bill Rowland, Heather Poppink, Mike Jasper, Nicole Montgomery und Anthony Hays kann ich nur sagen: Es tut mir leid.

Zum Schluss würde sich Jig meine Familie zur Brust nehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich diese Bücher ohne die Liebe, die Ermunterung, die Unterstützung und die Geduld meiner Frau Amy und meiner beiden wunderbaren Kinder hätte schreiben sollen. Hier schließlich würde Jigs Wüten ein Ende finden, denn meine Tochter würde darauf bestehen zu versuchen, Klecks in einem alten Erdnussbutterglas zu fangen, und mein kleiner Sohn würde dem armen Jig die Brille klauen und ihn dann angreifen.

Ich liebe diesen kleinen Goblin, auch wenn er es nie glauben würde. Es war und ist eine wundervolle Erfahrung, diese Liebe mit all meinen Lesern zu teilen. Ich danke Ihnen allen! Ich hoffe, Sie finden Gefallen an diesem dritten Band der Abenteuer des Jig Drachentöter.

Aufsagen der Heldentaten von
Jig Drachentöter

(geschrieben von der Goblin Relka,
Gründerin der ›Kinder Schattensterns‹)

Relka: Am Anfang war ein Winzling namens Jig beim Schmodderdienst.

Goblins: Wir stahlen sein Essen und warfen mit Ratten nach ihm!

Relka: Doch die Vorsehung führte Abenteurer in unsere Bergzuflucht. Und siehe, Jig machte sich auf, um gegen diese sogenannten Helden zu kämpfen.

Goblins: Besser er als wir!

Relka: Es war ein Kampf von großem Chaos und Blutvergießen, und Jig trat dem Menschenprinzen voll in die Eier.

Goblins: Dergestalt sollte das Schicksal aller Ungläubigen sein!

Relka: Obwohl er wieder gefangen wurde, hatte Jig keine Angst.

Goblins: Lang möge sein Lendenschurz unbeschmutzt bleiben!

Relka: Jig führte sie in die Finsternis, wo er Hobgoblins, den Nekromanten und sogar den Drachen Straum mit nichts weiter als einem kaputten Küchenmesser tötete. Goblins: Bejubelt das Wunder von der wackligen Klinge!

Relka: Jig kehrte im Triumph zurück, gesegnet von Tymalous Schattenstern mit der Gabe, zu heilen unsere Wunden, seien sie auch zahlreich und oftmals selbst zugefügt. Doch siehe, manche waren nicht erfreut ob Jigs Triumphe. Die verräterische Goblinanführerin Kralk schickte Jig fort, und niemand wagte ihren Befehl in Frage zu stellen.

Goblins: Denn sie war groß und Furcht erregend und trug viele Waffen!

Relka: Geführt vom Lichte Schattensterns stieg Jig in den Berg hinab. Dort wurde er einer großen Bedrohung gewahr.

Goblins: Blöde Kobolde!

Relka: Jig kehrte mit seinen Gefährten zurück, um seine Mitgoblins in die Schlacht zu führen, aber Kralk weigerte sich zu glauben. Sie kämpfte, und sie fiel.

Goblins: Derart lehrte Jig eine großartige Lektion: Dreh nie einem Hobgoblin den Rücken zu!

Relka: Jig brach auf, die Kobolde zu vernichten, doch immer noch gab es einige, die nicht glaubten. Eine einzelne Küchenarbeiterin versuchte, seinen Ruhm für sich selbst zu stehlen.

Goblins: Und siehe, Jig tat dir ein Messer in die Eingeweide rammen!

Relka: Doch Jig Drachentöter war barmherzig. Nach seiner triumphalen Rückkehr aus der Schlacht und zu viel Klakbier heilte er meine Wunden und flößte diesem meinem Blut das Licht und Leben Schattensterns ein.

Goblins: Gelobt sei Jig Drachentöter, Hohepriester von Tymalous Schattenstern! Lang möge er unsere Wunden heilen und unsere Feinde bekämpfen!

Kapitel 1

Sternenlicht glitzerte in silbernem Mörtel, als Tymalous Herbststern seine Finger über die Mauern seines Tempels wandern ließ. Der schwarze Stein fühlte sich warm an und veränderte sich ständig, um die Gebete und Gaben seiner Anhänger aufzuzeichnen.

Jedes Bild und jede Huldigung, die je zu seinen Ehren erschaffen worden waren, befanden sich hier, bewahrt im Fels. Zu seiner Rechten glänzten die Blutgemälde der Kriegerelben Xantocks im Licht, nach Tausenden von Jahren immer noch feucht. Über ihm formten sich die verschlungenen Schnitzereien des Clans der Unterbergzwerge zu langen, gewundenen Gebeten.

Der Tempel war im Lauf der Jahre beunruhigend groß geworden.

Kleine Glöckchen bimmelten an Herbststerns Ärmel, als er einen Strahlenkranz berührte, den ein kleines Mädchen in den Schlamm gemalt hatte. In dem schwarzen Gestein war das Gemälde so perfekt abgebildet, dass er sogar die winzigen Schleifen und Windungen erkennen konnte, wo sie ihre Fingerspitzen in den Schlamm gedrückt hatte. Unbeholfene Hieroglyphen unter dem Bild lauteten: Sag Oma, dass ich sie vermisse, und schick mir bitte einen kleinen Hund.

Das Bild war zwei Jahrhunderte alt, und das Mädchen war schon vor Langem seiner Oma gefolgt. Herbststerns Stirn legte sich in Falten. Er hatte vergessen, sich um den jungen Hund zu kümmern. Das war ziemlich genau zu der Zeit gewesen, als der Krieg begonnen hatte, also konnte man ihm wahrscheinlich eine Nachlässigkeit oder zwei vergeben, aber es ärgerte ihn dennoch.

Der Tempel erbebte, als hätte jemand den Mond selbst genommen und gegen Herbststerns Dach geschmettert.

Herbststerns Bewegungen waren langsam, fast zerstreut, als er einen schwarzen Schild über seinen Kopf hob. Der zweite Schlag ließ die Decke bröckeln und gab den Blick auf die tiefere Dunkelheit dahinter frei. Mörtel fiel in glitzernden Wolken herab, als sich Risse in den Mauern bildeten. Steine prasselten auf Herbststerns Schild nieder, Jahrhunderte der Verehrung und Anbetung in Schutt verwandelt.

Oben brannte rot der Herbststern und verströmte einen blutigen Schein über die Ruine des Tempels. Als die Heftigkeit des Angriffs nachließ, reichten die Überreste der Mauern nicht mehr höher als bis zu Herbststerns Knien. Er senkte den Schild und fegte mit dem Fuß etwas Schutt auf eine Seite. Er hatte sein Zuhause gern ordentlich.

Das Licht des Herbststerns verschwand, als die drohend aufragende Gestalt eines anderen Gottes die Sicht darauf versperrte. Noc, ein neu ermächtigter Todesgott, bückte sich, um ein herabgefallenes Stück Stein anzufassen. Unter seiner Berührung löste sich der Stein in Rauch auf.

»Angeber«, murmelte Herbststern.

Noc trat über die eingefallene Mauer und zog ein Schwert aus weißem Licht.

»Weißt du«, sagte Herbststern langsam, »mein Tempel hatte eine Tür.«

Die Kriegstrommeln der Goblins wären gar nicht so schlimm, stellte Jig fest, wenn die Trommler sich nur an einen einheitlichen Takt halten würden.

Er zwängte sich zwischen eine Kieferngruppe. Schnee fiel von den Ästen herab. Der größte Teil davon rutschte ihm hinten am Umhang herunter; der Rest landete in seinem linken Ohr.

Jig jaulte auf und stocherte mit einer Klaue in seinem Ohr herum, um den ärgsten Schnee herauszupulen.

»Wir sollten leise sein«, sagte hinter ihm Relka.

Mit viel Mühe hielt sich Jig davon ab, sie niederzustechen. Er wischte sich die Nase am Ärmel ab und versuchte, seine Mitgoblin zu ignorieren.

Relka bürstete ihm Schnee vom Rücken. »Magst du den Umhang nicht, den ich dir geschenkt habe? Warum ziehst du die Kapuze nicht über?« Bevor Jig sie warnen konnte, hatte sie die Kapuze ergriffen. Einen Augenblick darauf war sie am Fluchen und steckte ihre angesengten Finger in den Schnee.

»Weil ich Klecks darin transportiere«, antwortete Jig, dessen Ärger so schnell verraucht war, wie er gekommen war. Er grinste, als er nach hinten griff, um seine zahme Feuerspinne zu streicheln. Klecks war immer noch warm, aber unter Jigs Berührung beruhigte er sich.

»Aber der Umhang gefällt dir doch, oder? Ich habe ihn letzten Monat von einem Abenteurer bekommen.« Nervös saugte Relka an ihrer Unterlippe, wobei sie sie zwischen die gekrümmten Fangzähne ihres Unterkiefers zog. Das tat sie häufig, wenn sie in Jigs Nähe war. Deshalb und wegen der bitteren Kälte waren ihre Lippen fast immer rissig und blutig.

Relka war eine der jüngeren Goblins und rackerte sich normalerweise in der Küche bei Golaka, der Küchenchefin, ab. Ihre Fangzähne waren noch klein für eine Goblin und ihr Gesicht meistens verschwitzt und rußverschmiert von den Kochfeuern. Mithilfe eines alten Tunnelkatzenknochens hatte sie eine Decke über ihren Kleidern festgemacht, um sich zu wärmen.

Jig befingerte das Loch in der Vorderseite seines Umhangs. Altes Blut verlieh den ausgefransten Rändern die Farbe von Rost, wo ein Goblin einen Glückstreffer mit seinem Speer gelandet hatte. Doch immerhin hielt der Umhang warm, selbst mit Loch. Lavendel war zwar nicht direkt Jigs Lieblingsfarbe, und er hätte auch ganz gut ohne die aufgestickten Blumen und Kletterpflanzen auskommen können, die sich um die Säume rankten, aber er wollte sich nicht beklagen. Der Umhang war warm, und was noch besser war, das Material war äußerst schwer entflammbar. Auch wenn es leicht nach Blut roch.

»Du hasst ihn, stimmt’s?« Relka sackte in sich zusammen. Selbst ihre großen, spitzen Ohren hingen herab.

»Er ist nicht übel«, gab Jig widerwillig zu. »Ich find die Taschen gut.«

Relka strahlte. Bevor sie etwas sagen konnte, fragte Jig schnell: »Solltest du mich nicht eigentlich zu Grell bringen, statt so viel Aufhebens um einen Umhang zu machen?«

Relka zwängte sich an ihm vorbei, so dicht, dass ihre Halskette sich in Jigs Ärmel verfing. Sie zerrte daran, um sie zu befreien, erreichte damit aber nur, dass sie Jig in den Arm stach.

»Entschuldigung«, murmelte sie, während ihr Gesicht einen helleren Blauton annahm.

Ihre Halskette sollte ihre Hingabe an Jigs Gott, Tymalous Schattenstern, symbolisieren. Rattenknochen waren so zusammengebunden, dass sie einen plumpen Strahlenkranz bildeten. Stücke eines zerbrochenen Küchenmessers formten einen Blitzstrahl, dessen untere Spitze gegenwärtig in Jigs Unterarm steckte.

Relkas Besessenheit von Jig und Schattenstern hatte ihren Anfang genommen, als sie versucht hatte, Jig von hinten niederzustechen. Stattdessen hatte Jig sie durchbohrt und mit einer üblen Bauchwunde zurückgelassen, während er die übrigen Goblins fortführte, um gegen die Kobolde zu kämpfen. Relka war weggekrochen, um sich zu verstecken, und hatte entsetzliche Angst gehabt, Jig würde zurückkommen und sie endgültig fertigmachen.

Was er vielleicht auch getan hätte, wäre da nicht Tymalous Schattensterns seltsame fixe Idee von Gnade und Vergebung gewesen. Außerdem machte Relka auch wirklich gute Schlangeneieromeletts.

Jig presste die Kiefer zusammen und vergrub die Fangzähne in den Wangen, während er darauf wartete, dass Relka ihre Kette losbekam. Was hatte Grell überhaupt draußen zu suchen? In Zeiten eines Kampfes hielt sich ein Goblinhäuptling traditionell im Hintergrund, wo es sicher war. Erst recht, wenn es sich um Feinde wie diese handelte.

Der Angriff hatte an diesem Morgen begonnen, und nach dem, was Jig von den wenigen Goblins gehört hatte, die ins Lager zurückgehumpelt kamen, war das nicht nur einfach eine Gruppe von Abenteurern.

»Grell?« Er versuchte, so laut zu sprechen, dass die alternde Anführerin ihn hören konnte, und gleichzeitig so leise, dass er keine menschliche Aufmerksamkeit auf sich zog. Was dabei herauskam, konnte am besten als zitterndes Stammeln beschrieben werden.

»Sie hat gesagt, sie würde sich um die Trommler kümmern«, meinte Relka.

Oh. Einen Moment lang hatte Jig Mitleid mit den Goblintrommlern. Wenn sie die Schuld daran trugen, dass Grells Mittagsschläfchen ausgefallen war, dann wäre sie noch schlechter gelaunt als sonst.

Der Bereich unmittelbar vor dem Eingang zu dem Tunnel, der ins Innere des Berges und zur Goblinhöhle führte, war eben und mit kleinen Kiefern bestanden. Wenn man in gerader Linie von der Öffnung wegging, konnte man ungefähr fünfzehn Schritte machen, bevor man einen steilen, mit Steinen übersäten Abhang hinunterstürzte.

Die Trommler hatten vermutlich den linken Pfad genommen, der am Felsrand entlang und hoch zum See führte: Je weiter sie nach oben kletterten, desto mehr Leuten konnten sie mit ihren Trommeln auf die Nerven gehen.

Sie näherten sich dem Fluss, an dessen Ufer die Bäume dichter zusammenstanden. Ihre Äste schienen entschlossen zu sein, Schnee und Nadeln auf Jigs Rücken herabrieseln zu lassen. Festgetrampelter Schnee zeigte an, wo Goblinkrieger vorbeigestürmt waren, auf der Suche nach Menschen zum Bekämpfen.

Lachen blauen Blutes zeigten exakt an, wo sie in den Hinterhalt der Menschen geraten waren. Die Hauptmacht der Menschen befand sich noch weiter unten am Abhang. Sie mussten Späher vorausgeschickt haben – eine raffinierte Idee. Die Späher konnten beobachten, wohin die Goblins gingen, und dann demjenigen Meldung machen, der die Menschen befehligte. Und wenn sich dabei die Chance ergab, ein paar Goblins zu überraschen, umso besser.

Jig machte sich nicht die Mühe, die verletzten Goblins zu suchen. Nirgendwo lagen Leichen, was bedeutete, dass sie wahrscheinlich das übliche Verfahren angewandt hatten und wie verängstigte Ratten geflohen waren. Wäre Jig gescheiter, würde er dasselbe tun.

Aber wohin waren die Menschen verschwunden?

Relka hastete an Jig vorbei, bevor er sie aufhalten konnte. Er duckte sich und wartete darauf, dass sie erschossen oder erstochen wurde.

Nichts davon geschah. Schon kletterte sie entlang des Flussufers hoch und benutzte die Sträucher und kleinen Bäume, um sich über das Felsgestein zu ziehen. Jig hielt die Luft an und kroch ihr hinterher.

»Es hört sich an, als ob sie in der Nähe des Sees wären«, sagte Relka. Sie zog ein langes, fürchterlich scharfes Messer; ein Kochmesser allem Anschein nach. Hoffentlich wusste Golaka nicht, dass Relka es geklaut hatte.

Die Trommeln wurden lauter, als sie dem Fluss zurück zum See folgten. Jig schickte sich an, sein Schwert zu ziehen, überlegte es sich dann aber anders. Angesichts des felsigen, schneebedeckten Geländes würde er letztendlich nur über einen Stein stolpern und sich selbst aufspießen.

Sie kraxelten auf Händen und Knien bis zum höchsten Punkt einer Anhöhe, die an den See grenzte. Als Jig sich hochzog, hörte er das Geräusch einer reißenden Trommelbespannung, gefolgt vom Quieken eines sterbenden Goblins. Er schirmte seine Augen gegen die grelle Sonne ab. Nur die Ränder des Sees waren zugefroren, und das glatte Wasser in der Mitte erschuf eine zweite Sonne, deren Licht genau in Jigs Augen gespiegelt wurde, sodass er doppelt geblendet war. Die Amethystgläser seiner Brille verschafften ihm zwar eine gewisse Erleichterung, doch die Flecken von getauten Schneeflocken darauf machten das wieder zunichte. Er fuhr sich mit dem Ärmel über die Gläser, womit er sie noch mehr verschmutzte.

Ein Stück weiter vorn stand ein Mensch in einer Rüstung aus Stahl und Leder am Seeufer, umringt von gefallenen Goblins. Er trug einen grünen Wappenrock mit dem Bild eines riesigen vierbeinigen Keilers vor einem Turm. Das Tier schien fast so groß wie der Turm selbst zu sein, und in einer Tatze hielt es ein enormes Schwert.

Menschen trugen seltsame Kleidung.

Eine Beule im Helm des Menschen deutete darauf hin, dass seine Gegner wenigstens einen guten Schlag hatten landen können, bevor sie gefallen waren. Von den vier Goblins, die um ihn herum im Schnee verstreut lagen, bewegte sich nur noch eine.

»Oh nein!«, wisperte Jig. Die überlebende Goblin war auf das Eis am Rand des Sees gefallen. Sie rackerte sich ab, um sich auf ihren beiden Spazierstöcken aus gelb gefärbtem Holz aufzurichten. Ein Stock brach durchs Eis. Mit einem Fluch fiel sie wieder hin und musste den Stock loslassen.

»Na los!«, forderte Relka ihn auf. Sie fing an aufzustehen, aber Jig zerrte sie zurück.

»Menschen haben verrückte Regeln, wenn es ums Umbringen von unbewaffneten alten Frauen geht«, sagte Jig. »Wenigstens ist das bei manchen so. Grell wird nichts passieren.«

Dieser Mensch schien zu den ›ehrenwerten‹ zu gehören. Er hielt sein Schwert kampfbereit, unternahm jedoch keinen Versuch, Grell daran zu hindern, ans Ufer zu krabbeln.

»Immerhin hast du dem verdammten Trommeln ein Ende bereitet«, sagte Grell. Sie machte einen weiteren Schritt, und ihr verbleibender Stock rutschte weg.

Der Mensch lachte.

»Ach, das findest du wohl lustig, was?« Grell rollte sich herum und drosch ihren Stock krachend gegen das Bein des Menschen.

Der Stock zerbrach. Der Mensch lachte noch heftiger.

Jig schüttelte den Kopf. »Es ist keine gute Idee, Grell auszulachen.«

Grell stieß das abgesplitterte Ende des Spazierstocks in den Oberschenkel des Menschen, geradewegs durch die untere Ecke seines Wappenrocks.

Der Mensch taumelte zurück. Mit seiner freien Hand griff er nach unten und riss sich Grells Spazierstock aus dem Bein.

»Wir müssen sie retten!« Relka packte Jig an der Hand und zog ihn über den Grat.

Sie würden es nicht schaffen. Ohne einen Stock als Stütze für ihren buckligen Körper, war Grell kaum in der Lage, einen Fuß vor den andern zu setzen. Der Mensch würde sie töten – was bedeutete, dass die Goblins ohne Häuptling wären.

Das letzte Mal war das vor fast genau einem Jahr passiert, als ein Hobgoblin namens Schlitz den damaligen Häuptling, die Goblin Kralk, umgebracht hatte. Die Goblins hatten Jig ausgewählt, ihren Platz einzunehmen.

Jig hatte immer noch Albträume von seiner kurzen Zeit als Häuptling. Die Hälfte des Lagers hatte von ihm erwartet, sämtliche Probleme der Goblins zu lösen. Die andere Hälfte hatte alle Hände voll zu tun gehabt, seine Ermordung und seine Nachfolge zu planen. Jig hatte nicht vor, es noch einmal so weit kommen zu lassen.

Mit einem Ruck zog er sein Schwert aus der Scheide. In den Liedern und Geschichten warfen Krieger manchmal als letzten Ausweg ihre Waffen, um Feinde aus der Entfernung zu töten. Während Relka vorauslief, blieb Jig stehen, holte aus und schleuderte sein Schwert, so fest er konnte.

Entweder war Jig kein Krieger, oder das war nicht die richtige Waffe zum Werfen. Wahrscheinlich beides. Das Schwert trennte um ein Haar Relkas Ohr ab, als es durch die Luft wirbelte. Die Goblin warf sich in den Schnee.

Die Klinge beschrieb einen Bogen nach rechts und prallte harmlos von einem Baum ab, auf halber Strecke zwischen Jig und dem Menschen. Ein bisschen Schnee rieselte von den Ästen.

Alle drehten sich um und schauten auf Jig … der soeben seine einzige Waffe weggeworfen hatte.

Relka war damit beschäftigt, sich durch den Schnee zu wühlen. Beim Versuch, Jigs Schwert auszuweichen, musste sie ihr Messer fallen gelassen haben. Fabelhaft! Mit einem einzigen Wurf hatte Jig es fertiggebracht, sowohl sich selbst als auch seine Begleiterin zu entwaffnen.

Relka winkte ihm zu. »Mach dir keine Sorgen! Schattenstern wird dich zum Sieg führen!«

Er starrte auf den hinkenden Menschen. Jig war unbewaffnet, doch der Mensch führte genug Waffen für drei Goblins mit sich. Gerade nahm er sein Schwert in die linke Hand und zog mit der rechten ein Messer. Mit einem kurzen Ruck seines Handgelenks schnippte er es hoch, fing es an der Klinge auf und warf es.

Das Messer wirbelte so dicht an Jigs Kopf vorbei, dass er es sirren hören konnte. Mit einem lauten ›Klonk‹ bohrte sich die Klinge in einen Baumstamm.

Richtig. Krieger konnten ihre Waffen werfen. Goblins waren besser dran, wenn sie die Beine in die Hand nahmen.

Jig drehte sich um, um wegzurennen. Er sprang über den Grat, rutschte aus und ruderte mit den Armen, um sein Gleichgewicht zu wahren. Es gelang ihm, ganze drei Schritte zu rennen, bevor er über eine Baumwurzel stolperte. Steine schürften seine Knie und Hände auf, und der Aufprall nahm ihm den Atem. Er drückte sich hoch. Schnee verschmierte die Gläser seiner Brille und machte sie praktisch völlig nutzlos. Er schielte über den Brillenrand auf die verschwommene Gestalt des näher kommenden Menschen, der jetzt Schwerter in beiden Händen trug.

Das war einfach unfair! Zwei Schwerter gegen keins? Jig kniff die Augen zusammen. War das etwa …? Natürlich, was sonst! In der Linken hielt der Mensch Jigs eigenes Schwert.

»Für Schattenstern!« Relka schwang ihr Messer und stürmte zu Jigs Verteidigung auf den Menschen los. Das war eine typische Goblintaktik – mit typischem Ergebnis. Der Mensch machte einen Schritt zur Seite; Relka war zu schnell, um die Richtung zu wechseln, versuchte es aber trotzdem, womit sie ihr Leben rettete. Sie strauchelte und verlor zum zweiten Mal ihr Messer, während sie versuchte, sich auf den Beinen zu halten. Der Angriff des Menschen ging ins Leere, und dann lag Relka mit dem Gesicht nach unten im Schnee.

»Du kannst nirgendwohin laufen, Goblin«, sagte der Mensch. Er hatte vier Goblins getrotzt und atmete nicht einmal schwer! »Dreh dich um und stirb wie ein Mann!«

Wenn Jig je einen bescheuerten Vorschlag gehört hatte, dann war es dieser. Er rappelte sich auf und durchwühlte seine Taschen nach Waffen. In den Umhang waren wenigstens zwanzig Taschen eingenäht, genug, dass Jig fast all seine Habseligkeiten mit sich führen konnte.

Unglücklicherweise waren das viel zu viele Taschen, um genau im Kopf zu haben, was in welcher war. Er fand einen alten geräucherten Fledermausflügel, ein Ersatzpaar Socken, ein paar tote Wespen, die er für Klecks aufgehoben hatte … hatte er nicht irgendwo hier drin ein Messer deponiert?

Der Mensch ließ beide Schwerter kreisen. Die Klingen schnitten zischend durch die Luft. Seine Hände bewegten sich so schnell, dass Jig ihnen kaum folgen konnte; die Schwerter waren praktisch unsichtbar und verschwammen zu einem Gespinst aus wirbelndem Stahl. Einen humpelnden Schritt nach dem andern rückte der Mensch vor und brachte diese Klingen dichter und dichter an Jig heran.

Jig griff in seine Kapuze und schnappte sich Klecks. Einen Augenblick lang stand Jig einfach nur da und ließ sich von der Wärme der Feuerspinne die kalten Finger auftauen. Dann warf er sie auf den Menschen.

Klecks traf auf der Brust des Menschen auf und blieb dort kleben, ein unscharfer Fleck aus Schwarz und Rot auf der Mitte des Wappenrocks. Er war knapp über dem Kopf der aufgestickten Bestie gelandet und hing dort wie ein winziger, schwelender Hut.

Leider machte der Wappenrock keinerlei Anstalten, in Flammen aufzugehen. Entweder hatte Klecks weniger Angst als Jig, oder aber der bedauernswerten Feuerspinne war zu kalt, um ausreichend Hitze zu erzeugen.

Na ja, positiv gesehen, brauchte Jig sich keine Sorgen mehr darüber zu machen, dass die anderen Goblins ihn wieder zum Häuptling haben wollten.

Der Schrei des Menschen kam so unerwartet – und war so furchtbar –, dass Jig unwillkürlich auch schrie.

Beide Schwerter fielen zu Boden, als der Mensch die Ränder seines Wappenrocks packte und ihn vom Körper weghielt. Er schüttelte den Wappenrock immer schneller und versuchte, Klecks abzuschütteln. Jig hätte ihm sagen können, dass er sich das schenken konnte. Jedes Bein der Feuerspinne war mit winzigen Haaren besetzt wie eine Klette, was ihr ermöglichte, an fast allem haften zu bleiben.

Der Mensch änderte seine Taktik. Immer noch schreiend, sank er auf die Knie und probierte, sich den Wappenrock über den Kopf zu zerren. Leider vergaß er, zuerst seinen Helm abzunehmen.

Langsam ging Jig zu seinem Schwert und hob es auf. Der Mensch versuchte immer noch, den Wappenrock von seinem Helm herunterzureißen, als Jig ihn erstach.

Jig wischte sein Schwert ab und wartete, bis Klecks abgekühlt war. Offenbar hatte die ganze Schüttelei gereicht, um ihn wach zu machen. Die arme Spinne strengte sich an, um von dem Menschen herunterzuklettern. Der mäandernde Pfad qualmender Spinnenfußspuren auf dem Wappenrock war Beweis für Klecks’ Benommenheit.

Jig besah sich den toten Menschen und versuchte, seine Reaktion zu verstehen. Man konnte glauben, er hätte noch nie zuvor eine Feuerspinne gesehen! Dabei war Klecks nicht einmal das größte Exemplar, dem Jig bisher begegnet war. Er war ja nur ein bisschen größer als seine Hand.

Menschen waren schon verrückt.

Erneutes Schreien ließ Jig zusammenfahren. Einen Menschen mochte er getötet haben, aber es liefen noch jede Menge mehr durch die Gegend, und Jig hatte nicht genug Feuerspinnen, um gegen alle zu kämpfen. Er legte den Kopf schräg und spitzte sein gutes Ohr. Das andere war im Kampf mit einem Goblin eingerissen worden, vor langer Zeit, und ließ sich nur noch zum Teil aufstellen. Trotzdem ließ ihn ein einziges Goblinohr immer noch besser hören als jeden zweiohrigen Menschen.

Es hörte sich so an, als kämen die Menschen näher.

Jig pflückte Klecks von der Leiche und streichelte den noch warmen Brustkorb der Feuerspinne, bevor er sie wieder in seine Kapuze setzte.

»Ich wusste, dass Schattenstern uns den Sieg bringen würde!«, sagte Relka. Blut tropfte von ihrer Wange herab. Sie hatte sich mit dem Fangzahn die Haut aufgerissen, als sie gestürzt war.

»Richtig!«, erwiderte Jig. »Nächstes Mal kann vielleicht Schattenstern den Menschen töten, und ich bleibe im Lager, wo’s warm ist.«

Grell schien unverletzt zu sein, der Lautstärke des Fluchens nach zu urteilen, mit dem sie ihren verbliebenen Spazierstock aus dem Eis riss. Jig hob das Schwert des Menschen auf und gab es ihr als Ersatz. Die Spitze versank tief in der Erde, also ging Jig wieder zurück, um auch noch die Scheide zu holen.

Grell machte einen weiteren Schritt und stützte ihr Gewicht auf das jetzt in der Scheide steckende Schwert. Mit einem beifälligen Grunzen hinkte sie zu dem Menschen hinüber und verpasste ihm einen knallenden Schlag mit ihrem unversehrten Spazierstock.

»Verdammte Menschen!«, brummte sie. »Wissen sie denn nicht, dass der Drache tot ist? Die Schätze sind alle fort!«

»Was hast du so weit weg vom Lager gemacht?«, wollte Relka wissen.

Jig war mehr daran interessiert zu erfahren, wie Grell es so weit geschafft hatte. Grell war die älteste Goblin im Lager, mit der Ausnahme von Golaka, der Küchenchefin. Doch während Golaka mit den Jahren stärker und gemeiner geworden war, war Grell kleiner und runzliger geworden, wie Obst, das zu lange in der Sonne gelegen hat. Manchmal dachte Jig, dass nur schiere Halsstarrigkeit sie noch am Leben erhielt.

Grell begann in Richtung Lager zu gehen, währenddessen sie bei jedem Schritt unablässig grunzte und schnaufte. »Es sind zu viele Menschen, als dass es Abenteurer sein könnten. Abenteurer sind wie Tunnelkatzen: Ein paar mögen vielleicht gemeinsam jagen und leben können, aber wenn man mehr dazutut, fangen alle an, sich gegenseitig anzuzischen und zu kratzen und zu beißen.«

Relka legte den Kopf schief. »Ganz genau wie Tunnelkatzen sind sie aber trotzdem nicht! Wenn man Tunnelkatzen isst, verbringt man die halbe Zeit damit, Haare aus seinem Essen zu klauben. Diese Mühe hat man bei Abenteurern nicht. Außer bei Zwergen.«

Grell stieß mit ihrem Stock nach dem Menschen, den Jig getötet hatte. »Es könnten hundert davon sein. Bei Weitem zu viel, als dass wir gegen sie kämpfen können. Und ein paar Krieger behaupten, dass sie Elben gesehen haben.«

»Deshalb wolltest du also, dass das Trommeln aufhört!« Goblins hatten keine speziellen Signale für die Schlacht. Solange die Trommeln weiterschlugen, kämpften die Goblins auch weiter. Wenn die Trommler wegrannten oder starben, war das das Zeichen für alle anderen, dasselbe zu tun.

Jig stellte das Ohr auf. Im Augenblick hörte er nur eine Trommel, weiter weg auf der anderen Seite des Sees.

»Ich habe Trok geschickt, um den da ruhigzustellen.« Grell blickte finster drein. »Hätte mich wahrscheinlich deutlicher ausdrücken sollen, wie er ihn ruhigstellen soll.«

Jig zuckte bei jedem Schreien und Kreischen zusammen. Er ergriff Grell am Ellbogen, um sie mit sich zu ziehen, doch ein wütendes Starren aus ihren Triefaugen ließ ihn wieder davon Abstand nehmen.

»Vielleicht sind sie auf der Jagd«, mutmaßte Relka. »Nach Essen, meine ich. Seit der Schnee gefallen ist, hat es nicht mehr so viel Nahrung gegeben. Menschen müssen auch essen.«

»Menschen essen keine Goblins«, sagte Jig. Beim Gedanken daran, was sie aßen, verkrampfte sich sein Magen. Getrocknete Früchte und Brei und Brot. Aus dem bisschen, was sie an Fleisch verzehrten, kochten sie vorher jeglichen Geschmack heraus. Ein paar Tage lang nur war Jig Gefangener menschlicher Abenteurer gewesen, aber es hatte nahezu einen Monat gedauert, bis sein Magen sich wieder davon erholt hatte.

Die letzte Trommel verstummte. Mit einem lang gezogenen Schrei tat es ihr der Trommler gleich. Rufe erklangen entlang des Bergs, als die Goblins den Rückzug antraten.

Jig zwängte sich durch eine Kieferngruppe und wartete auf Grell, während er ihr die Äste aus dem Weg hielt. Von hier aus konnte er den Eingang zum Lager sehen. Wie schlimm wäre es, wenn er die Äste zurückschnellen ließe, Grell damit umhauen würde und sich selbst schleunigst in Sicherheit brächte? Klecks wurde bereits unruhig in seiner Kapuze. Der Umhang war zwar relativ feuerfest, aber für Jigs Haarsträhnen galt das nicht.

Weiter vorn beeilte sich ein Trio humpelnder Goblins, ins Lager zu kommen. Ein vierter folgte ihnen auf einem Bein hüpfend. Sein anderes Bein blutete am Oberschenkel und hinterließ eine hellblaue Spur im schmutzigen Schnee.

Der Eingang in den Tunnel war zum Teil durch eine umgestürzte Kiefer blockiert. Einst hatte ein schweres Tor den Weg versperrt, doch das Tor war vor ein paar Monaten verschwunden. Die Hobgoblins hatten es geklaut, um einen größeren Käfig für ihre abgerichteten Tunnelkatzen zu bauen.

Die Kiefer konnte niemanden vom Betreten des Berges abhalten, aber sie verbarg den Eingang vor oberflächlichen Blicken. Die einzigen Nachteile waren die braunen Nadeln, die sich in den Haaren verfingen, und der klebrige Saft, der sich auf den Kleidern festsetzte, mal abgesehen von dem penetranten Geruch. Der Geruch hatte mit der Zeit nachgelassen, aber der Baum schien einen endlosen Vorrat an spröden Nadeln zu besitzen, mit denen er unschuldige Goblins malträtierte.

Zwei weitere Krieger verschwanden im Berg, bevor Jig und seine Begleiterinnen den Baum erreichten. Jig spielte an einem seiner Fangzähne herum und versuchte, sich seine Ungeduld nicht anmerken zu lassen, als Grell sich bückte, um ins Innere zu treten. Ihre Gelenke knackten; jeder ihrer Schritte wurde von einem pfeifenden Keuchen begleitet.

Jig konnte die Menschen rufen hören, während sie näher kamen. Grell hatte Recht: Da draußen waren schrecklich viele Menschen.

Trok rannte an ihnen vorbei und stieß Jig um, als er versuchte, sich ins Lager zu drängen. Er schaffte es nicht. Als er sich an Grell vorbeiquetschen wollte, ließ die Alte ihren Spazierstock fallen und grub ihre Klauen in Troks Ohr. Mit der anderen Hand schüttelte sie das geborgte Schwert, bis es ein Stück weit aus der Scheide herausrutschte. »Relka, kennst du ein gutes Rezept für Goblinohr?«

»Sogar vier!«, antwortete Relka. »Hättest du gern was Würziges?«

»Bei würzigem Essen hocke ich wieder die ganze Nacht auf der Latrine.« Grell gab es auf, das Schwert ziehen zu wollen; stattdessen knüppelte sie mit der noch teilweise in der Scheide steckenden Waffe auf Troks Fuß ein. »Ich könnte ihn natürlich als Teil seiner Strafe zum Latrinendienst verdonnern.«

Trok war ein großer Goblin. Um noch größer zu wirken, trug er mehrere Schichten Fell übereinander, trotz der Tatsache, dass all diese Felle ihn entsetzlich schwitzen ließen. Troks glänzendes Gesicht verzerrte sich zu einer höhnischen Grimasse.

Grell grub ihre Klauen tiefer in sein Ohr, bis es anfing zu bluten. Trok jaulte auf und gab klein bei. Er rieb sich das Ohr, während er darauf wartete, dass Grell unter der Kiefer durchging.

Weder Jig noch Relka wurde dieselbe Höflichkeit zuteil.

Die Obsidianwände des Tunnels dämpften die Kampfgeräusche etwas, während Jig endlich in die Dunkelheit des Berges huschte. Seine Augen gaben sich alle Mühe sich anzupassen. Die wärmere Luft hatte seine Brillengläser bereits mit einem Dunstfilm überzogen. Aber kein Goblin, der die Kindheit überlebt hatte, verließ sich allein auf sein Sehvermögen. Vor sich konnte Jig hören, wie Grell vor sich hinbrummelte und mit den Füßen aufstampfte, um sie aufzuwärmen. Ein rasches Schnuppern überzeugte ihn davon, dass Trok nicht irgendwo in der Nähe wartete, um seinen Ärger an ihm auszulassen.

Das Pochen von Grells Spazierstock und Schwert auf dem Boden verriet Jig, dass sie weiterging. Dem Geräusch nach zu urteilen hinkte sie noch schlimmer als sonst. Die Kälte hatte ihr hart zugesetzt, und im letzten Monat war kaum eine Nacht vergangen, in der sie Jig oder Braf nicht um Heilung gebeten hatte. Jig und Braf waren die zwei einzigen Goblins, die mit Schattensterns Heilzauber ›beschenkt‹ worden waren. Dieses Geschenk bedeutete, dass sie beide viel Zeit damit verbrachten, alles Mögliche zu heilen. Von erfrorenen Zehen über Felsenschlangenbisse bis hin zu dem üblen Fall von Ohrenschimmel, den Trok sich vor ein paar Monaten eingefangen hatte.

Die letzten Schimmer des Sonnenlichts verblassten hinter ihnen und wurden von dem tröstlichen gelbgrünen Schein der Schmodderlaternen ersetzt, die in der Ferne brannten. Jig platschte durch Pfützen halb geschmolzenen Schnees, während er Relka und Grell folgte, die durch den Haupttunnel auf den runden Eingang von Tymalous Schattensterns Tempel zuhielten.

Glasplättchen an der Decke porträtierten den bleichen Gott, wie er auf die Goblins herniederblickte. Wie immer wanderten Jigs Blicke zu Schattensterns Augen. Funkelndes Licht brannte in den Zentren dieser schwarzen Höhlen. Ganz egal wo man stand, diese Augen schienen einen immer zu beobachten.

Einmal hatte Jig Schattensterns Augen mit einer Augenbinde übermalt. Der Gott war nicht erfreut gewesen.

Der Tempel war die erste Höhle, die man zu Gesicht bekam, nachdem man den Berg betreten hatte. Zurückblickend musste Jig einräumen, dass er ihn vermutlich besser etwas abseits errichtet hätte. Schlamm und Schneematsch bedeckten den Boden, wo Goblinkrieger mit den Füßen aufgestampft waren und sich abgebürstet hatten, als sie hier durchgekommen waren. Andere Krieger standen tropfend vor dem kleinen Altar in der Ecke, wo der bedauernswerte Braf alle Hände voll zu tun hatte, sie zu heilen, so schnell er konnte.

Relka berührte ihre Halskette. »Macht Platz für Jig Drachentöter!«

Grell hustete.

»Und Grell!«, fügte Relka eilig hinzu.

Die Ankündigung von Jigs Ankunft hatte nicht die Wirkung, die Relka sich erhofft hatte. Statt sich zu verteilen, um Jig Platz zu machen, teilten sich die Goblins in zwei kleinere Haufen auf, von denen der eine sofort Jig umlagerte, genauso, wie sie es vorher mit Braf gemacht hatten.

»Warum sollte Jig Drachentöter die Heilkräfte Schattensterns Ungläubigen zuteilwerden lassen?«, fragte Relka gebieterisch. Sie legte beide Hände um ihren Knochen-und-Messer-Anhänger. »Wie viele von euch haben das Symbol des – autsch!« Sie steckte den Finger in den Mund. Offenbar waren die Messerklingen an ihrer Halskette immer noch scharf.

»Alle zurück ins Lager!«, blaffte Grell. »Denkt ihr etwa, die Menschen werden Halt machen, wenn sie vor dem Eingang stehen? Na los!«

Langsam zerstreute sich die Menge und schob sich auf die drei Tunnel auf der anderen Seite des Tempels zu, die alle ein Stück weiter vorn zusammenliefen. Zweifellos würde es weitere Verletzungen zu heilen geben, sobald die Goblins diesen Verbindungspunkt erreichten und darum kämpften, wer zuerst weitergehen durfte.

Grell schnappte sich einen Goblin, der sich gerade umdrehte, um loszugehen. Ein blutiger Schnitt zog sich quer über seine Kopfhaut. »Du hast keine Kiefernnadeln in den Haaren. Wie hast du es geschafft, dich zu verletzen, ohne die Tunnel zu verlassen?«

»Fledermaus.«

»Eine Fledermaus hat dir diesen Schnitt beigebracht?«

»Nein.« Er zeigte auf einen anderen Goblin. »Ruk hat versucht, die Fledermaus mit seinem Schwert zu treffen, und …«

»Ich hätte sie auch erwischt!«, unterbrach Ruk ihn. »Aber dann ist sie weggeflogen.«

Grell rieb sich die Stirn. »Ruk, geh den Tunnel hoch und warte am Eingang! Menschen sehen nicht gut im Dunkeln; sie werden desorientiert sein. Bleib dort und bring alles um, was reinkommt! Alles, was kein Goblin ist, heißt das.«

Vorsichtshalber zog sie ihm noch eins mit dem Spazierstock über.

Ruk verließ grinsend den Tempel und erstach schon im Hinausgehen imaginäre Menschen mit seinem Schwert. Jig beobachtete, wie er verschwand. »Glaubst du wirklich, er kann das Vorrücken der Menschen verzögern?«

»Blödsinn!«, erwiderte Grell. »Aber jeder Idiot, der seinen eigenen Partner aufschlitzt, ist ein Idiot, den ich nicht vermissen werde. Wenn er anfängt zu schreien, wissen wir, dass sie im Berg sind.«

Trotz des bevorstehenden Angriffs der Menschen merkte Jig, wie er sich entspannte, als er Grell tiefer in die dunklen Tunnel folgte. Je näher er seinem Zuhause kam, desto stärker überlagerte der Duft von Schmodderrauch und Golakas gebratenen Honigpilzen den Geruch nach Kiefer. Seine Stiefel trappelten auf dem harten Stein. Er ließ eine Hand über die rötlich braune Wand wandern und lächelte, als er die vertrauten Riefen des Obsidians fühlte. Die warme Luft, die tief aus dem Berginnern herangetragen wurde, vertrieb die ärgste Taubheit aus seinen Fingern. Natürlich führte diese Luft auch den schwachen Geruch nach Hobgoblinküche mit sich, aber wenigstens war sie warm.

Eine Gruppe bewaffneter Goblinkrieger drängte sich in der Nähe des Höhleneingangs; sie rissen Witze und prahlten damit, was sie den Menschen alles antun wollten. Es waren dieselben Goblins, die sich, in ihrer Hast ins Lager zu fliehen, an Jig und Grell vorbeigedrängelt hatten. Aber jetzt, da sie hier waren, wusste jeder Einzelne schreiend Geschichten von Triumph und Sieg zu vermelden und versuchte dabei die Übrigen zu übertreffen.

Jig hatte das schon früher erlebt. Das Schlimmste daran war, dass jeder Goblin irgendwann anfing zu glauben, was die anderen erzählten. Bald würden sie wieder aus dem Berg herausstürmen, um sich zu beweisen.

Grell löste das Problem, indem sie die am nächsten stehenden Krieger mit ihrem Spazierstock anstieß. »Ihr drei geht in den Tempel und wartet dort. Überfallt jeden aus dem Hinterhalt, der reinkommt!«

Relka schob sich an Jig vorbei und bahnte einen Weg durch die restlichen Krieger. Sie hob die Stimme, sodass ihre Worte durch die Tunnel echoten. »Der Hohepriester von Tymalous Schattenstern ist zurückgekehrt!«

Aus der Richtung des Hobgoblinlagers rief eine schwache Stimme zurück: »Haltet die Klappe, ihr blöden Rattenfresser!«

»Doofe Hobgoblins!«, murmelte Relka. »Warum sind sie nicht da draußen und kämpfen auch gegen die Menschen?«

»Weil ich Braf zu ihnen geschickt habe, um sie um Hilfe zu bitten, als die Menschen aufkreuzten«, erklärte Grell.

Relka schüttelte den Kopf. »Das versteh ich nicht.«

»Der Dummkopf ist hingegangen und hat ihnen die Wahrheit darüber erzählt, gegen wie viele Menschen und Elben wir kämpfen. Der Hobgoblinhäuptling hat ihm gesagt …« Grell schüttelte den Kopf. »Na ja, ist egal. Braf ist dafür sowieso unter keinen Umständen gelenkig genug.«

Jig zog den Kopf ein und folgte ihnen in die tiefe Kaverne, die die Goblins als ihr Zuhause beanspruchten. Drinnen flitzten Goblins umher wie Ratten mit brennenden Schwänzen. Hinten rechts nahm eine Gruppe Wetten an, wie viele Goblins in den Kämpfen sterben würden. Andere kabbelten sich um die Habe der Toten und der fast Toten. Jigs Aufmerksamkeit richtete sich auf ein mageres Goblinmädchen an der Höhlenwand. Sie bewegte sich mit gesenktem Kopf, während sie vorsichtig die Schmodderschalen auffüllte und diejenigen wieder anzündete, die ausgegangen waren.

Vor ein paar Jahren war das Jigs Aufgabe gewesen. Der ätzende Schmodder rief bei Berührung Blasen auf der Haut hervor, beim Einatmen der Dämpfe drehte sich die ganze Höhle um einen, und wehe dem unachtsamen Goblin, der einen Funken in seinem Schmoddertopf landen ließ! Dennoch, so übel riechend und demütigend der Schmodderdienst auch gewesen war, wenigstens hatte er nicht von einem verlangt, raus in den Schnee und mitten in eine Schlacht rein zu rennen. Oder gegen Oger und Kobolde und Drachen zu kämpfen. Oder zu versuchen, Relka und ihrer Bande von Fanatikern aus dem Weg zu gehen.

Jig fragte sich, ob das Schmoddermädchen wohl bereit wäre zu tauschen.

Mehrere von Relkas Freunden scharten sich bereits um Jig. Wie Relka trugen sie behelfsmäßige Halsketten, um ihre Ergebenheit Tymalous Schattenstern gegenüber zu bekunden. Die meisten von ihnen waren Goblins, die in der Vergangenheit von Jig oder Braf geheilt worden waren. Angesichts dessen, wie das restliche Lager auf ihre endlosen Lobpreisungen Jigs und Schattensterns reagierte, tendierten sie dazu, ziemlich oft Heilung nötig zu haben.

»Jig, komm mit!«, schnauzte Grell ihn an. Mit Jig und Relka im Schlepptau hinkte sie durch die Menge zu einer der wenigen Türen in der Kaverne. Holz dauerhaft an Stein zu befestigen war eine knifflige Angelegenheit, aber Golaka, die Küchenchefin, wusste eine Paste zuzubereiten, mit der die Wände bestrichen wurden. Der Pilz, der auf dieser Paste wuchs, haftete gleich gut an Stein und Holz, wodurch es den Goblins möglich war, ein paar primitive Türen einzusetzen. Die vor der Höhle des Häuptlings war die einzige mit einem Schloss.

Grell packte die Tür mit beiden Händen. Ringsherum zuckten Goblins zusammen, als das Holz quietschend über den Steinboden scharrte. Jig machte Anstalten, ihr zu helfen, doch ein wütender Blick von Grell hielt ihn davon ab.

»Ich kann meine Tür selbst aufmachen, danke!« Schließlich gelang es ihr, die Tür so weit aufzuschieben, dass sie sich durchzwängen konnte.

Das Feuer einer einzelnen Schmoddervertiefung warf einen schwachen grünen Schein auf den vollgestopften Raum hinter der Tür. Eine Hand voll Waffen lag neben einer Matratze aus Fledermaushaut, die mit getrockneten Grashalmen ausgestopft war. Grell ließ sich schnaufend auf dem Bett nieder, ein komplizierter Vorgang, der mit viel Grunzen und häufigem Zurechtrücken ihres Spazierstocks einherging. Endlich lehnte sie sich zurück und zog eine Decke aus Tunnelkatzenfell über ihren Körper.

»Vielleicht sollte Jig Drachentöter die Goblins anführen, während du dich ausruhst?«, schlug Relka vor, während sie die Tür hinter sich zuzog.

Grell schlug die Augen auf. »Und vielleicht möchtest du, dass ich mir einen neuen Platz suche, an dem ich meinen Stock aufbewahren kann.« Sie langte auf die andere Seite der Matratze und griff nach einem Tonkrug. Beim Geruch von schalem Klakbier warf Jigs Nase Falten. »Hol der Drache diesen Wind und Schnee! Bei jedem Unwetter schwellen meine Gelenke an wie Blutegel am Hintern eines Ogers! Und ich glaube, mein Knie hat da draußen am Fluss was abbekommen.«

Jig hockte sich neben das Bett. Er schob die Decke zurück und legte eine Hand auf ihr Knie. Er konnte fühlen, wie das Gelenk mahlte, als Grell das Bein streckte, und die Kniescheibe sprang unter seinen Fingern heraus.

Ganz egal wie oft Jig Grell von diesem oder jenem Gebrechen kurierte, keine Heilung schien von Dauer. Schwanden Schattensterns Kräfte? Aber die anderen Goblins blieben doch geheilt! Na ja, bis auf Relkas Freunde. Aber wenn man ein Kriegerfestessen unterbrach, um Loblieder auf Tymalous Schattenstern zu singen, musste man mit einem tellergroßen Bluterguss im Gesicht rechnen.

Die Wärme von Schattensterns Magie strömte durch Jigs Finger und vertrieb die letzten vom Schnee hervorgerufenen Schmerzen, als Jig Grells Knie heilte.

Ich kann dir helfen, die Verletzung zu kurieren, die sie sich auf dem Eis zugezogen hat, aber es wird nicht von Bestand sein. Tymalous Schattenstern, vergessener Gott des Herbststerns, klang eigenartig. Seine Stimme war leiser als sonst.

Wieso nicht?

Weil sie alt ist, Jig.

Aber wovon kommen ihre Leiden? Jig schaute sich um und runzelte die Stirn, als sein Blick auf das Klakbier fiel. Wird sie von jemand vergiftet?

Nein. Sie ist einfach alt.

Das weiß ich. Jeder wusste, dass Grell alt war. Deshalb war ihre Haut ganz schrumplig, und sie musste nachts viermal zur Latrine rennen. Aber warum ist sie …

Das ist das, was geschieht, wenn Leute alt werden. Ihre Körper fangen an zu versagen. Sterben Goblins denn nie an Altersschwäche?

Jig schüttelte den Kopf.

Oh. Stimmt ja.

Die Sehnen zuckten unter Jigs Hand, und Grell schnappte nach Luft. Sie winkelte das Bein an, und diesmal blieb die Kniescheibe, wo sie war.

»So ist es ein wenig besser«, sagte Grell mit einem Seufzer.

»Lobet Schattenstern!«

Jig sah zu Relka hoch und verkniff sich ein Stöhnen. Sie hatte ihre Decke abgenommen: Ihr Hemd war in der Mitte zerrissen und enthüllte die Narbe, wo Jig sie niedergestochen und später geheilt hatte.

Früher hättest du Hunderte von Anhängern wie Relka und ihre Freunde gehabt, sagte Schattenstern. Na ja, nicht genau wie sie. Aber für sie ist es nur natürlich, zu dir und Braf aufzublicken.

Können sie nicht von Weitem zu uns aufblicken?, fragte Jig.

Schattenstern lachte, ein Geräusch, das Jig immer an das Klingeln kleiner Glocken erinnerte. Sei dankbar, dass ich von dir und den anderen nicht verlange, den Sonnenwendtanz aufzuführen!

Was ist der Sonnenwendtanz?

Erneutes klingendes Lachen. In der ersten Nacht des Herbstes, wenn mein Stern am höchsten am Himmel steht, legen du und die anderen eure jährlichen Opfergaben in einem großen Sonnenwendfeuer nieder. Die Vorstellung dabei ist, dass der Rauch eure Gebete zu den Sternen trägt. Dann tanzt ihr von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, um ein weiteres Jahr des Lebens zu feiern.

Jig war kein großer Tänzer, aber das hörte sich nicht so schlimm an.

Habe ich erwähnt, dass der Hohepriester nackt tanzt?, fügte Schattenstern hinzu.

Kriegsschreie der Goblins erschollen aus den Tunneln. Jig drehte sich um und stellte die Ohren hoch auf. Die Tür dämpfte den Lärm etwas, aber es hörte sich an, als hätten die Menschen den Tempel erreicht. Er hoffte, dass Braf sich vorher hatte davonmachen können.

»Dieser Idiot Ruk!« Grell krabbelte von der Matratze und kramte in ihrem Waffenhaufen. »Er sollte doch schreien, bevor er umgebracht wird.«

Klecks zappelte in Jigs Kapuze herum. Jetzt, wo sie im Inneren des Berges waren, unterdrückte die Kälte die Hitze der Feuerspinne nicht mehr. Jig griff sich Klecks und steckte ihn in eine Tasche seines Umhangs, eine, die er mit Leder ausgekleidet hatte. Dann steckte er den Finger in den Mund. Klecks war noch nicht so heiß, dass Jigs Haut Blasen warf, aber viel fehlte nicht mehr.

»Schattenstern wird uns beschützen«, sagte Relka. »Ich fürchte mich nicht –«

Ein erneuter Schrei unterbrach ihre Worte.

»So wie er diesen armen Narren beschützt hat?«, fragte Grell.

»Wenn diese Goblins wahrhaft geglaubt hätten, hätte Schattenstern sie gerettet.«

»Ich vermisse Veka«, murmelte Jig. Veka war eine Destilleriearbeiterin mit Heldenwahn. Sie war Jig eine Weile lang durch die Gegend gefolgt, genau wie Relka, und hatte davon geträumt, die Geheimnisse der Zauberei zu erlernen, um eine Zauberin und eine Heldin zu werden.

Jig hatte Veka ja für verrückt gehalten, aber wenigstens war sie im Kampf nützlich gewesen. Leider hatte sie die Goblins kurz nach der Schlacht gegen die Kobolde und die Oger verlassen; sie war in die Welt hinausgezogen, um ›meinem Schicksal zu folgen‹.

Jig hatte sich nie damit aufgehalten, seinem Schicksal zu folgen. Im Allgemeinen verfolgte sein Schicksal ihn. Wenn es ihn dann eingeholt hatte, schlug es ihn nieder und verpasste ihm obendrein noch ein paar Tritte.

Dieses Mal klang es ganz danach, als hätte das Schicksal vor, das gesamte Lager zu schikanieren. Die Menschen hatten bereits die Haupthöhle erreicht.

In der Vergangenheit wären die Goblins zu zweit oder zu dritt in die Tunnel gestürmt und von den Menschen umgebracht worden, wie es diesen gerade passte. Mittlerweile hatten sie gelernt zu warten und den Eindringlingen zu erlauben, ins Lager zu stürmen, wo diese dann umzingelt wurden und zahlenmäßig unterlegen waren.

Das Schwirren von Bogensehnen und die spitzen Schreie von Goblins sagten Jig, wie gut diese Taktik funktionierte.

»Wir hätten die Schmodderschalen abdecken sollen!«, flüsterte Jig. Menschen stellten sich im Dunkeln nicht besonders geschickt an; die Feuer zu löschen hätte den Goblins möglicherweise einen spürbaren Vorteil verschafft.

»Komm mit!« Relka ergriff Jigs Arm und zerrte ihn zur Tür. Sie hatte ihr Messer in der Hand. »Die Goblins brauchen ihren Helden!«

»Was soll ich denn tun?« Er presste sein gutes Ohr an die Tür. Das Geräusch klirrender Rüstungen und rasselnder Waffen hatte sich bereits ausgebreitet. Er hörte Geschrei aus dem hinteren Teil der Kaverne, wo sich ohne Zweifel Goblins gegenseitig bekämpften in ihrem Eifer, durch die Abfallspalte zu entkommen, die nach unten zu den tieferen Tunneln führte.

»Was glaubt ihr wohl, was ihr da macht?« Golakas empörtes Keifen auf der gegenüberliegenden Seite der Höhle war so laut, dass Jig von der Tür zurückzuckte. Das laute Scheppern, das gleich darauf ertönte, klang ganz danach, als hätte ein enormer Rührlöffel den Helm eines Soldaten eingebeult.

»Konzentriert eure Anstrengungen auf die da!« Die Stimme eines Menschen. Männlich, mit einer leicht nasalen Tönung. »Bildet eine Reihe und treibt den Rest dieses Ungeziefers zurück!«

»Freie Bahn für die Bogenschützen!« Diese Stimme war weiblich. Wenigstens glaubte Jig das. Bei Menschen war das manchmal schwer zu sagen. Sie hörten sich alle ziemlich gleich an, was wahrscheinlich an ihren winzigen Zähnen und Mündern lag.

Ein Pfeil durchschlug die Tür dicht vor Jigs Nase. Er sprang so schnell zurück, dass er mit dem Hinterkopf an die Wand prallte.

»Jig, mach die Tür auf!«

»Was?« Jig starrte Grell an. Wie viel Klakbier hatte sie getrunken, seit sie zurückgekommen waren?

Grell zog sich die Decke bis zum Kinn hoch und lehnte sich zurück. »Wir treten ihnen jetzt gegenüber und finden heraus, was sie wollen, oder aber wir warten, bis sie auch den letzten Goblin in diesem Lager massakriert haben.«

»Ich hab nichts gegen Warten«, murmelte Jig.

»Mach die Tür auf, oder ich erzähle Golaka, wenn wir das hier lebend überstehen, dass du ihre gebratenen Rattenschwänze klaust!«

»Du bist das also!«, flüsterte Relka.

»Nein!« Jigs Zehen rollten sich in seinen Stiefeln zusammen beim Gedanken an den letzten Goblin, den Golaka beim Stehlen ihrer Leckereien erwischt hatte. Golaka hatte zwei Gewürzsäckchen aus seinen Ohren gemacht. »Ich meine, es waren doch nur ein paar! Klecks mag sie so, und …«

Das bisher lauteste Krachen ließ die Tür erbeben. Golaka musste einen ihrer großen Kessel nach den Angreifern geworfen haben.

Grell bleckte ihre gelben Zähne. »Genug davon! Relka, geh und sag Golaka …«

Jig zog die Tür einen Spalt weit auf. Dann verdrängte der Triumphschrei eines Menschen jeden Gedanken an Golaka aus seinem Kopf.

»Wir haben den Löffel!«

»Oh nein!«, wisperte Jig. Er spähte um den Türrand.

Die meisten Menschen standen in einem Halbkreis vor dem Haupteingang; eine weitere Gruppe kämpfte unweit der Küche gegen Golaka und die anderen Goblins. Zu Füßen der Küchenchefin lag stöhnend ein Kreis von Menschen. Bratspieße, Gabeln und andere Küchenutensilien ragten aus ihren Körpern.

Einer der Menschen lief zurück zum Eingang, wobei er einen überdimensionalen Rührlöffel über dem Kopf schwenkte. Mehrere andere schossen mit Pfeilen, um die Goblins an seiner Verfolgung zu hindern. Einer der Pfeile prallte klirrend von dem Deckel ab, den Golaka in einer Hand hielt; ein anderer traf sie in den Arm. Eine neuerliche Salve trieb sie zurück in die Küche. Menschen mit Speeren verfolgten sie und hielten ihre Waffen vor sich gestreckt, um jeden Gegenangriff zu vereiteln.

»Wo ist euer Häuptling?« Das war die weibliche Stimme; sie kam aus der Nähe des Eingangs. Ein dichter Kreis von Soldaten nahm Jig die Sicht auf sie.

Die Goblins wichen zurück. Zu sehen, wie Golaka zum Rückzug gezwungen worden war, hatte ihnen viel von ihrer Kampfeslust geraubt. Mehrere zeigten auf Jig.

»Der?« Der Mensch klang skeptisch.

»Nein!«, schrie Jig gellend. »Nicht ich – sie!« Er zog die Tür weiter auf und zeigte auf Grell.

Was immer die Frau zu sagen versuchte, es wurde von Schreien aus der Küche übertönt. Speere polterten auf den Boden, als die Menschen herausgetaumelt kamen, überzogen mit dampfendem Echsenfischpudding.

»Vergesst die Küchenchefin!«, rief die Frau. Sie und ungefähr zwanzig Soldaten schoben sich auf Grells Höhle zu.

Jig hastete aus dem Weg, als die ersten Soldaten den Raum betraten. Einer von ihnen lächelte affektiert, während er die Goblins musterte. »Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste, Euer Hoheit: ein Winzling, ein Mädchen und eine alte Frau.«

Als Nächstes kam die Frau herein. Sie war kleiner als die anderen. Ihr Wappenrock war schwarz, ebenso wie das aufgestickte Wappen mit jener sonderbaren Bestie. Jig konnte kaum den Glanz des Fadens sehen. Das gehärtete Leder ihrer Rüstung war ebenfalls schwarz und erinnerte Jig an den Schimmer des Sees weiter unten in den Tunneln.

Ihr Schwert war dünn und scharf und mit einem Stichblatt versehen, das einem Korb ähnelte und ihre ganze Hand verbarg. Selbst der Edelstein, der im Knauf glänzte, war schwarz. Ihre Stiefel, ihr Gürtel, ihre Handschuhe, sogar ihr Haar … es war, als hätte jemand sie über und über mit Nacht begossen.

Ein runder Helm – schwarz selbstverständlich – ließ ihr blasses Gesicht unbedeckt, und irgendetwas an dieser verschwitzten Miene schien vertraut.

Sie warf einen flüchtigen Blick auf Jig und Relka, dann wandte sie sich Grell zu. »Ich soll glauben, dass einer von euch diese Monster anführt?«

»So ist es«, entgegnete Grell. »Und du bist die Chefin von diesem Pöbelhaufen?«

»Mein Bruder und ich, jawohl. Ich bin Genevieve, Tochter von …«

»Interessiert mich nicht.« Grell warf ihre Decke zur Seite. In ihren Händen hielt sie eine kleine, gespannte Armbrust. Bevor irgendjemand reagieren konnte, betätigte sie den Abzug. Der Bolzen flog in den Hals der Frau …

… und fiel auf den Boden. Ein kleiner Tropfen Blut trat aus Genevieves Hals aus, wo die Spitze – kaum – die Haut durchdrungen hatte. Das Blut setzte einen überraschenden Farbakzent auf ihrer bleichen Haut.

Grell schleuderte die Armbrust zu Boden. »Blödes, wertloses Stück Hobgoblinmüll!«

Einer der Soldaten sprang ans Bett und drückte Grell ein Messer an die Kehle. Als Zugabe verpasste ein anderer Jig einen Fußtritt, der ihn von den Beinen riss. Auf der anderen Seite der Höhle wurde Relka dieselbe Behandlung zuteil.

»Immer mit der Ruhe!«, sagte Grell. »Schneidet mir die Kehle durch, und ihr werdet das Gegengift nie finden!«

»Gegengift?« Genevieve betastete ihren Hals und starrte auf den Blutfleck auf ihrem Handschuh.

»Ich bewahre dieses kleine Spielzeug neben meinem Bett auf, um jüngere Goblins zu entmutigen, die glauben, dass sie Häuptling sein sollten«, führte Grell aus.

Die Soldaten traten zur Seite, als Genevieve auf das Bett zuging. Einer schlüpfte aus der Höhle und lief zurück zu den Tunneln.

Genevieve richtete die Spitze ihrer Klinge auf Grells Brust. »Gib es mir, Goblin!«

»Sag deinen Leuten, dass sie sich zurückziehen und uns in Frieden lassen sollen«, erwiderte Grell.

Jig sah auf die Stelle am Boden, wo Grells Armbrustbolzen hingefallen war. Aller Augen waren auf Grell gerichtet; er könnte sich diesen Bolzen schnappen und Genevieve in den Rücken stoßen.

Und was dann? Einen Goblinhäuptling umzubringen führte zu Chaos: Die Hälfte der Goblins gingen aufeinander los, erpicht darauf, die Stelle des Häuptlings einzunehmen, während die andere Hälfte davonlief, um nicht in die Schlägerei hineingezogen zu werden. Aber so waren Menschen nicht. Sie hatten Dinge wie Disziplin und Loyalität, ganz zu schweigen von genügend Waffen, um jeden Goblin zu töten, der noch im Lager war. Ihre Anführerin umzubringen würde sie nicht aufhalten – es würde sie nur wütender machen.

»Das Gegengift«, sagte Genevieve. »Oder ich schneide dir die Ohren ab.«

»Gib es ihr nicht!«, schrie Relka und handelte sich noch einen Tritt ein.

Grell seufzte und zeigte auf eine kleine Schachtel.

Genevieve ergriff sie hastig und wischte Krümel vom Deckel. Im Inneren lag ein Holzröhrchen, das mit einem Wachspfropfen verschlossen war.

Jig hatte Grell noch nie so leicht aufgeben sehen. Genau genommen hatte er Grell überhaupt noch nie aufgeben sehen. Er starrte sie an, aber ihr Gesicht war die reine, schrumplige Unschuld.

Genevieve öffnete das Röhrchen und ließ die trübe Flüssigkeit ihren Hals hinunterlaufen. Sie hustete und wischte sich die Lippen am Handgelenk ab. »Was für ein widerliches Gebräu!«

»Das habe ich auch schon gehört«, stimmte Grell ihr zu. »Ich habe schon dran gedacht, Brombeersaft dazuzugeben, um den Geschmack des Gifts zu überdecken, aber …«

»Den Geschmack wovon?« Genevieve glotzte das leere Röhrchen an.

»Des Giftes. Das war eine Mixtur aus Felsenschlangengift und Echsenfischblut.«

Relka kicherte.

»Du hast gesagt, es sei ein Gegengift für den vergifteten Bolzen!«, sagte Genevieve.

»Vergifteter Bolzen!« Grell verdrehte die Augen. »Glaubst du ernsthaft, ich würde vergiftete Waffen bei diesem Pack riskieren?« Sie legte sich zurück und zog sich die Decke wieder über. »Ruf deine Armee zurück.«

»Ich werde nicht mit Goblins verhandeln!«

Grell zuckte die Schulter. »Wie wär’s dann mit einer Wette? Ich wette, dass das Felsenschlangengift dich lähmen wird, bevor das Echsenfischblut anfängt, Löcher in deinen Magen zu brennen.«

»Ich setze eine Woche Nachtisch, dass das Echsenfischblut zuerst wirkt!«, rief Relka lebhaft.

»Holt meinen Bruder«, befahl Genevieve. »Sagt ihm, dass ich vergiftet worden bin und …«

»Keine Angst!« Der andere menschliche Anführer schob sich bereits in die Höhle, gefolgt von zwei Elbenbogenschützen.

Anders als Genevieve trug dieser Mensch eine Elbenrüstung: dünne Schuppen magisch gehärteten Holzes, von denen jede einzelne poliert worden war, bis sie wie Metall schimmerte. »Was ist los, Genevieve? Haben sich die Goblins als eine Nummer zu groß für dich erwiesen? Du bist in solchen Dingen nicht geübt, Schwester; das habe ich Vater die ganze Zeit gesagt.«

Genevieve klang gelangweilt. »Falls du dich daran erinnerst: Goblinheimtücke hat auch Barius besiegt. Und der hat dich immer mühelos verdroschen. Sag mir, Theodore, wie oft bist du weinend zu Mutter gelaufen, weil Barius dich die Ställe mit bloßen Händen ausmisten ließ, oder …«

»Das reicht!«, brauste Theodore auf. Sein Gesicht war feuerrot, und er sah aus, als hätte er die Goblins völlig vergessen.

Jig hatte kaum zugehört. Er hätte es mittlerweile gelernt haben müssen: Ganz egal, wie düster und verzweifelt die Lage war, es konnte immer noch schlimmer kommen. Und normalerweise passierte das auch.

Kein Wunder, dass sie von Golakas Löffel gewusst hatten! Prinz Barius Wendelson war einer der Abenteurer gewesen, die vor zwei Jahren auf der Suche nach dem Zepter der Schöpfung in den Berg gekommen waren. Er und seine Gefährten hatten alle Mitglieder von Jigs Patrouille getötet und Jig selbst als unwilligen Führer tief in den Berg geschleppt.

»Aye, das reicht wirklich!« Ein stämmiger schwarzhaariger Zwerg betrat die Höhle. »Lass uns diesen Müll aus dem Blut deiner Schwester schaffen, bevor ich zurückgehen und ihren Eltern erzählen muss, wie eine Goblin ihre einzige Tochter fertiggemacht hat.«

Jig drückte sich gegen die Höhlenwand. Ich nehme nicht an, dass deine Magie mich unsichtbar machen kann?, flehte er.

Der Zwerg bedachte die Goblins nur mit einem flüchtigen Blick, als er an ihnen vorbei zu Genevieve ging. Plötzlich wirbelte er mit vor Erschütterung aufgerissenem Mund herum. »Jig?«

Leider nein, sagte Schattenstern.

Jig ließ die Schultern hängen. »Hallo, Darnak.«

Kapitel 2

Wie viele von Herbststerns Gefährten kämpften noch? Blinder Ama war der Erste gewesen, der nach Nocs Verrat gefallen war. Wessen Idee war es überhaupt gewesen, einen blinden Gott in den Kampf stürmen zu lassen? Der alte Narr war geradewegs in Nocs Blitz gerannt.

Und jetzt war Noc wegen Herbststern hier.

»Du bist stärker geworden«, bemerkte Herbststern.

Nocs Taktik war simpel, aber wirkungsvoll. Blitze schlugen wieder und wieder in Tymalous Herbststerns Schild ein, bis er vor Hitze glühte.

Die Glocken an Tymalous Herbststerns Ärmeln begannen zu schmelzen. Geschmolzenes Silber tropfte über seine freie Hand und landete spritzend auf dem Boden. Er zuckte zusammen und hielt sich die Hand an den Mund, um an dem verbrannten Fleisch zu saugen.

»Die beiden haben das Urteil über dich und deine Gefährten gesprochen«, sagte Noc. Seine Stimme war auch tiefer geworden.

»Die zwei Götter des Anfangs können nicht einmal meinen Namen aussprechen«, erwiderte Herbststern. »Sie sind gedankenlos und so in ihr eigenes Ringen vertieft, dass sie uns noch nie bemerkt haben.« Aufgrund der vielen Blitze war es schwer zu erkennen, doch Herbststern glaubte zu sehen, wie Noc mit den Schultern zuckte.

»Die oberen Götter haben das Urteil an ihrer statt verkündet«, räumte Noc ein. »Und jetzt hör auf mich zu unterbrechen! Ganze Zivilisationen haben einst auf der Suche nach Trost und Führung zu dir aufgeblickt, und du hast sie verraten. Zur Strafe …«

»Wir haben versucht, sie zu beschützen!« Herbststern ging in die Knie.

Die Blitze wurden heller. Der Rand von Herbststerns Schild begann zu qualmen; das von Göttern geschmiedete Metall schmolz unter Nocs Angriff. Herbststerns Sehvermögen war aufgrund dieser heftigen Attacke stark beeinträchtigt. Er schloss die Augen und tastete den Boden nach irgendetwas ab, womit er sich beschützen könnte. Seine Waffe war in der letzten Schlacht verloren gegangen, aber bestimmt gab es etwas …

Seine Finger streiften einen der herabgefallenen Steine. Er zog die vertraute Vertiefung des Strahlenkranzes des Kindes nach.

»Zur Strafe werden du und alle, die sich gegen unsere Vorväter gewendet haben, aus der Geschichte ausradiert werden. Zivilisationen werden aufsteigen und Zivilisationen werden untergehen, doch keiner ihrer Angehörigen wird sich deiner Existenz entsinnen. Keiner wird je wieder den Herbststern preisen. Keiner wird deinen Namen flüstern und dich um Trost in seinen letzten Stunden anflehen. Du bist vergessen, Tymalous Herbststern.«

»Und du redest zu viel.« Herbststern warf den Stein, so fest er konnte. Er traf Noc in die Brust und schleuderte ihn aus dem Tempel.

In diesem Augenblick drehte sich Herbststern um und floh wie ein verängstigter Sterblicher.

So fühlte sich also eine Ratte, unmittelbar bevor Golaka sie fürs Mittagessen aufspießte.

Alle starrten Jig an. Die meisten schienen verwirrt. Bis auf die Elben, die gelangweilt wirkten, und Darnak, der angefangen hatte, an seinen Knöcheln zu kauen.

»Entschuldigung«, sagte Darnak und zog die Hand mit einem Ruck aus dem Mund. »Vogelangewohnheit.«

Jig hatte Darnak nicht mehr gesehen, seit er das Zepter der Schöpfung benutzt hatte, um den Zwerg in einen übergroßen, hässlichen Vogel zu verwandeln. Als Vogel hatte Darnak immer noch sprechen können.

Darnak hatte gewusst, dass das Zepter als Golakas Rührlöffel getarnt war, wovon außer Jig keiner im Lager etwas ahnte. Er musste Theodore in seinem Gebrauch unterrichtet haben.

Darnaks Zeit als Vogel schien ihm nicht geschadet zu haben. Seine dunklen Haare und sein Bart waren ein wirres Durcheinander und fielen ihm bis über die Knie. Er stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, um das Gleichgewicht zu halten. Unglücklicherweise hatte er schon wieder begonnen, an seiner anderen Hand zu kauen, was bedeutete, dass er keine Möglichkeit hatte, die übergroße Decke zu schließen, die sein einziges Kleidungsstück war.

Anscheinend hatte Darnak vergessen, Theodore in der Erschaffung von Kleidern zu unterrichten.

»Würde es dir etwas ausmachen …?«, fragte Genevieve.

»Richtig. Tut mir leid.« Darnak zog hastig die Decke um seinen Körper, sodass nur noch seine Zehenspitzen hervorguckten.

Darnak musterte Jig ebenso eingehend wie dieser ihn. Er nahm den Umhang in sich auf, die Brille, sogar Klecks, der aus Jigs Tasche gekrabbelt war, um sich auf seiner Schulter niederzulassen. »Ich sehe, dass du dir eine andere Spinne besorgt hast.«

»Nicht direkt«, antwortete Jig. »Klecks war …«

»Du kennst diese Kreatur, Darnak?«, fragte Theodore. Er hielt Golakas Rührlöffel mit beiden Händen.

Jig warf einen sehnsuchtsvollen Blick zur Tür und fragte sich, wer ihn zuerst töten würde, wenn er versuchte zu fliehen. Wahrscheinlich einer der Elben. Oder vielleicht Grell.

»Jig hat uns vor zwei Jahren durch die Tunnel hinabgeführt. Er hat uns sogar ein- oder zweimal das Leben gerettet.« Darnak rang sich ein Grinsen ab. »Diese überdimensionalen weißen Würmer waren schon ein Späßchen, was?«

Zwerge hatten eindeutig eine andere Auffassung von Spaß als Goblins.

»Das war euer Führer?«, flüsterte Theodore.

Mit dem Gedächtnis war es schon eine merkwürdige Sache. In diesem Moment hatte Jig Barius und Ryslind so deutlich vor Augen, dass sie ebenso gut vor ihm hätten stehen können. Wenn Grells Raum nicht so vollgestopft gewesen wäre jedenfalls.

Es war schon beinahe komisch, wie Theodores Miene genau denselben kalten, verärgerten Ausdruck annahm, wenn er sich bereit machte, einen umzubringen.

Jig nahm seinen Mut zusammen und fragte sich, ob ihm wohl noch Zeit bliebe, vorher etwas von Grells Klakbier zu klauen.

»Jig rannte weg, als wir den Drachenhort erreichten«, fuhr Darnak fort. »Hätte nicht gedacht, dass ich ihn nochmal zu sehen kriege.«

»Typische Goblinfeigheit.« Theodores Aufmerksamkeit schweifte wieder zu Grell. Er versuchte dem Zepter eine schnelle Drehung zu verpassen und schlug dabei versehentlich eine seiner Wachen mit dem Löffel. Der Mann wich so hastig zurück, dass er über seine eigenen Füße stolperte.

Jig glotzte Darnak an; der Zwerg zwinkerte ihm zu und drehte den Kopf weg. Darnak wusste, dass Jig die Prinzen getötet hatte. Warum behauptete er …

»Das ist eine Lüge«, sagte Relka.

Jig wurde kalt um die Brust. Relka stand zu weit weg, als dass er sie hätte niederstechen können, also suchte er nach etwas, um es nach ihr zu werfen.

»Jig ist kein Feigling«, fuhr Relka fort. »Er hat Straum eigenhändig umgebracht, und dann …«

»Ein Goblin hat den Drachen getötet?« Theodore wirkte aufrichtig belustigt. »Und wie genau hat er eine solche Heldentat vollbracht?«

Relka verschränkte die Arme, eine den meisten Goblins, die einen ihrer Vorträge ertragen hatten, vertraute Haltung. »Dem ›Lied von Jig‹ zufolge hat er …«

Jig entdeckte endlich etwas zum Werfen. Grells ›vergifteter‹ Armbrustbolzen prallte von Relkas Stirn ab. Sie blickte erstaunt drein und drehte sich mit schmollenden Lippen zu Jig um.

Genevieve hustete und rieb sich den Hals. »So gerne ich auch den Rest des Nachmittags damit verbringen würde, Goblinliedern zu lauschen – haltet ihr es für möglich, dass wir meinen Körper vielleicht zuerst vom Gift reinigen könnten? Nur falls niemand etwas Besseres zu tun hat, meine ich.«

»Richtig. Gift.« Darnak rieb sich die Hände, was die bedauerliche Auswirkung hatte, dass sich die Decke wieder löste. Er trat in einem unbeholfenen Watschelgang zu Genevieve hin. Offensichtlich steckte er noch in der Anpassphase seines neuerlichen Zwergendaseins.

»Was hast du dir überhaupt dabei gedacht, hier reinzumarschieren, bevor das Gebiet gesichert war? Bist du wirklich so versessen darauf, deinen Bruder zum Einzelkind zu machen?« Darnak quetschte sich zwischen den Soldaten hindurch, bis er so nah bei Genevieve war, dass er ihre Hand berühren konnte.

»Es waren ja nur drei Goblins da.« Genevieves Wangen waren rot. »Schwerlich eine Bedrohung.«

»Das ist genau die Art von Denken, die deine Brüder umgebracht hat«, sagte Darnak. Er grub sich durch seinen Bart und förderte ein silbernes Amulett zu Tage.

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