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Der Krake

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. DANKSAGUNGEN
  6. Zitat
  7. TEIL EINS
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  1. TEIL ZWEI
  2. 10
  3. 11
  4. 12
  5. 13
  6. 14
  7. 15
  8. 16
  9. 17
  10. 18
  11. 19
  12. 20
  13. 21
  14. 22
  15. 23
  16. 24
  17. 25
  18. 26
  19. 27
  20. 28
  21. 29
  22. 30
  23. 31
  24. 32
  25. 33
  26. 34
  27. 35
  28. 36
  29. 37
  30. 38
  31. 39
  1. TEIL DREI
  2. 40
  3. 41
  4. 42
  5. 43
  6. 44
  7. 45
  8. 46
  1. TEIL VIER
  2. 47
  3. 48
  4. 49
  5. 50
  6. 51
  7. 52
  8. 53
  9. 54
  1. TEIL FÜNF
  2. 55
  3. 56
  4. 57
  5. 58
  6. 59
  7. 60
  8. 61
  9. 62
  1. TEIL SECHS
  2. 63
  3. 64
  4. 65
  5. 66
  6. 67
  7. 68
  8. 69
  9. 70
  10. 71
  11. 72
  12. 73
  13. 74
  14. 75
  15. 76
  16. 77
  17. 78
  18. 79
  19. 80
  20. 81
  1. Teil Sieben
  2. 82
  1. Über den Autor

DANKSAGUNGEN

Mein Dank für ihre Hilfe bei diesem Buch geht an Mark Bould, Mic Cheetham, Julie Crisp, Melisande Echanique, Simon Kavanagh, Chloe Healy, Deanna Hoak, Peter Lavery, Jemima Miéville, David Moensch, Sandy Rankin, Max Schaefer, Jesse Soodalter und an meine Lektoren Chris Schluep und Jeremy Trevathan. Danken möchte ich außerdem allen bei DelRey und Macmillan.

Das Natural History Museum and Darwin Centre sind, natürlich, reale Institutionen - in Letzterem befindet sich ein echter Architeuthis -, aber die fragwürdigen Varianten davon, die hier dargestellt werden, sind Produkte meiner Fantasie. Für ihre außerordentliche Gastfreundschaft und ihre Bereitschaft, mir einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren, möchte ich mich bei all denen bedanken, die in den real existierenden Institutionen tätig sind, vor allem jedoch bei Patrick Campbell, Oliver Crimmen, Mandy Holloway, Karen James und John Lambshead.

Das Gedicht im 19. Kapitel, »The Kraken Wakes«, ist von Hugh Cook, und ich danke seiner Familie für die Erlaubnis, es in meinem Buch zu verwenden. Von den zahllosen Autoren, Musikern, Künstlern und Forschern, in deren tiefer Schuld ich stehe, gilt im Hinblick auf dieses Buch mein besonderer Dank Hugh Cook; Burial; Hugh Harman und Rudy Ising; William Hope Hodgson; Pop Will Eat Itself; Tsunemi Kubodera und Kyoichi Mori; Jules Verne; H. G. Wells und Japetus Steenstrup.

»Mein Körper teilt die grünen Wogen,

als ich auftauche - meine Zeit ist gekommen«

Hugh Cook, »The Kraken Wakes«

Das Meer ist voller Heiliger. Weißt du das? Natürlich weißt du das: Du bist ein großer Junge.

Das Meer ist voller Heiliger, und es ist seit Jahren schon voller Heiliger gewesen. Länger als alles andere. Heilige waren sogar schon dort, ehe es Götter gab. Sie haben auf sie gewartet, und jetzt sind sie immer noch da.

Heilige essen Fisch und Schalentiere. Einige fangen Quallen, und andere essen Abfall. Manche Heilige essen alles, was sie finden können. Sie verstecken sich unter Steinen; sie stülpen ihr Inneres nach außen; sie spucken in Spiralen. Es gibt nichts, was Heilige nicht tun.

Bilde mit deinen Händen eine Form. Genau so. Bewege deine Finger. Sieh da, du hast einen Heiligen geschaffen. Und schau mal, da ist noch einer! Jetzt kämpfen sie miteinander! Deiner hat gewonnen.

Es gibt keine großen korkenzieherförmigen Heiligen mehr, aber es gibt welche, die sehen aus wie Säcke oder wie Ringe oder wie Mäntel mit flatternden Ärmeln. Was ist dein Lieblingsheiliger? Ich beschreib dir meinen. Aber warte einen Moment, zuerst einmal - weißt du, was es ist, das sie alle zu Heiligen macht? Sie sind allesamt eine heilige Familie, sie sind Vettern. Voneinander und von … weißt du, von wem sie auch noch Vettern sind?

Richtig. Von Göttern.

Na schön. Wer hat dich erschaffen? Du kennst die Antwort.

Wer hat dich gemacht?

TEIL EINS
MUSEUMSSTÜCKE

1

Ein ganz gewöhnlicher Weltuntergangsprophet mit zwei Reklametafeln auf den Schultern verließ plötzlich mit schnellen Schritten den Platz am Eingang des Museums, auf dem er mehrere Tage lang gestanden hatte. Die vordere Tafel zeigte eine traditionelle Prophezeiung des Weltenendes; auf dem Schild auf seinem Rücken war zu lesen: VERGESST ES.

Im Museum ging ein Mann durch eine große Halle, vorbei an einer Freitreppe und einem riesigen Skelett. Laut hallten seine Schritte auf dem Marmorboden. Steinerne Tiere beobachteten ihn. »Also gut«, sagte er immer wieder.

Sein Name war Billy Harrow. Er betrachtete die großen künstlichen Knochen und nickte. Es sah aus, als würde er sie begrüßen. Es war kurz nach elf Uhr an einem Vormittag im Oktober. Der Raum füllte sich allmählich. Am Eingangsschalter wartete eine Gruppe von Leuten, die einander mit höflicher Befangenheit musterten.

Da waren zwei Männer in den Zwanzigern mit Geek-Chic-Frisuren. Eine Frau und ein junger Mann von kaum zwanzig Jahren neckten einander. Sie wollte ihm offensichtlich mit diesem Besuch eine Freude machen. Auch ein älteres Ehepaar gehörte zu der Gruppe, und ein Vater in den Dreißigern mit seinem kleinen Sohn an der Hand. »Sieh mal, das ist ein Affe«, sagte er soeben. Er deutete auf eingravierte Tiere, die sich um die Säulen des Museums rankten. »Und siehst du diese Echse?«

Der Junge schaute sich verstohlen um. Er blickte auf den Knochenapatosaurus, den Billy anscheinend begrüßt hatte. Oder vielleicht, dachte Billy, sah er auch den Glyptodon dahinter. Alle Kinder hatten im ersten Saal des Naturhistorischen Museums einen Lieblingsbewohner, und der Glyptodon, dieses halbkugelförmige Riesengürteltier, war schon immer Billys Liebling gewesen.

Billy lächelte die Frau am Eintrittskartenverkauf und den Wachmann hinter ihr an. »Sind sie das?«, fragte er. »Okay, Leute. Sollen wir starten?«

Er putzte seine Brille und blinzelte dabei - eine Geste, die ihn, wie eine Ex-Freundin ihm einmal gestanden hatte, ungemein liebenswert erscheinen ließ. Mit seinen knapp dreißig Jahren sah er deutlich jünger aus: Er hatte Sommersprossen und noch nicht genug Bartwuchs, um die Anrede »Bill« zu rechtfertigen. Billy vermutete, dass er mit zunehmendem Alter ähnlich wie Leonardo DiCaprio das Aussehen eines ältlichen Jugendlichen annehmen würde.

Sein schwarzes Haar war auf eine halbherzig modische Art und Weise zerzaust. Bekleidet war er mit einem nicht allzu spießigen Shirt und billigen Jeans. Als er seine Stellung im Darwin Centre angetreten hatte, hatte er sich als für einen solchen Job unerwartet cool aussehend empfunden. Mittlerweile war ihm jedoch klar, dass er damit niemanden verblüffte und dass niemand mehr erwartete, dass Wissenschaftler auch aussahen wie Wissenschaftler.

»Sie alle haben sich also zu einem Rundgang durch das Darwin Centre eingefunden«, sagte er. Er tat so, als glaubte er, dass sie sich über neue Forschungsergebnisse informieren und ausgiebig die Labors und Büros besichtigen wollten, die Archive und die Bibliothek mit ihren Schränken voller unzähliger Schriftstücke. Tatsächlich aber interessierten die Besucher sich nur für ein einziges Exponat in diesem Gebäude.

»Ich bin Billy«, fuhr er fort. »Ich bin ein Kurator. Das bedeutet, dass ich im Wesentlichen mit Katalogisierung und Erhaltung und dergleichen befasst bin. Ich bin schon eine Weile hier. Als ich anfing, wollte ich mich auf Meeresmollusken spezialisieren - weißt du, was eine Molluske ist?«, fragte er den Jungen, der nickte und sich hinter seinem Vater versteckte. »Schnecken, das ist richtig.« Mollusken waren das Thema seiner Magisterarbeit gewesen.

»Na schön, Leute.« Er setzte die Brille auf. »Folgen Sie mir. Dies ist ein Ort, an dem gearbeitet wird, daher seien Sie bitte so leise wie möglich. Außerdem bitte ich Sie, nichts zu berühren. Hier stehen überall Ätzmittel, giftige Substanzen und alle möglichen anderen abscheulichen Stoffe herum.«

Einer der jungen Männer setzte zu einer Frage an. »Wann sehen wir …?«

Billy hob die Hand und fiel dem Besucher ins Wort. »Darf ich bitte …?«, fragte er. »Ich will Ihnen erläutern, was dort drin geschehen wird.«

Billy hatte mittlerweile seinen eigenen Aberglauben entwickelt, zu dem gehörte, dass es als böses Omen anzusehen war, wenn jemand vorzeitig den Namen dessen aussprach, den alle besichtigen wollten.

»Ich werde Ihnen einige unserer Arbeitsplätze zeigen«, sagte er lahm. »Wenn Sie Fragen haben, können Sie die am Ende stellen. Unsere Zeit ist ein wenig knapp. Wir sollten zuerst unseren Rundgang machen.«

Kein Kurator oder Wissenschaftler musste solche Führungen veranstalten. Aber viele taten es. Billy beschwerte sich nicht mehr, wenn er an der Reihe war.

Sie gingen hinaus und durch den Garten zum Darwin Centre, das auf der einen Seite von einem Baugelände flankiert wurde und auf der anderen von dem Ziegelgemäuer des Natural History Museum.

»Bitte nicht fotografieren«, sagte Billy. Ihm war gleichgültig, ob sie diese Bitte befolgten: Er hatte die Pflicht, alle Besucher darauf aufmerksam zu machen. »Dieses Gebäude wurde im Jahr 2002 in Betrieb genommen«, sagte er. »Und wie Sie sehen, expandieren wir weiter. Im Jahr 2008 residieren wir in einem neuen Gebäude. Das Darwin Centre unterhält sieben Etagen mit Nasspräparaten. Das heißt, mit Präparaten in Formalinlösung.«

Wie immer machte sich in den Gängen ein strenger Geruch bemerkbar. »Lieber Himmel«, murmelte jemand.

»Sie sagen es«, meinte Billy. »Diese Abteilung wird Dermestarium genannt.« Durch kleine Fenster waren Stahlbehälter zu sehen, die kleinen Särgen glichen. »Hier säubern wir Skelette und entfernen sämtliche schleimigen Bestandteile. Dabei hilft uns Dermestes maculatus.«

Auf einem Computerbildschirm bei den Behältern war zu beobachten, wie eklig aussehende Fische von Insektenschwärmen aufgefressen wurden. »Igitt«, sagte jemand.

»In dem Behälter befindet sich eine Kamera«, erklärte Billy. »Dornspeckkäfer heißen die Tierchen eigentlich, aber wir nennen sie Knochenkäfer. Sie fressen alles und lassen nur die Knochen übrig.«

Der Junge grinste und zog an der Hand seines Vaters. Die anderen in der Gruppe lächelten verlegen. Fleisch fressende Käfer: Das Leben konnte manchmal wie ein billiger Horrorfilm sein.

Billy fiel einer der jüngeren Männer auf. In seinem unmodernen Anzug vermittelte er einen Eindruck von schäbiger Eleganz, der seltsam wirkte bei jemandem, der so jung war. An seinem Revers trug er eine Anstecknadel in Form eines Sterns mit überlangen Strahlen, von denen zwei in einem Kringel endeten. Der Mann machte sich Notizen und füllte eilig die Seiten seines Schreibblocks.

Billy, Systematiker aus Leidenschaft wie auch aus rein beruflichen Gründen, hatte festgestellt, dass sich nur ganz bestimmte Typen von Menschen für diese Führung begeistern konnten. Da waren zuerst einmal Kinder: vorwiegend Jungen, schüchtern und außer sich vor Aufregung, die eine Menge über das wussten, was sie zu sehen bekamen. Dann waren da ihre Eltern. Dann gab es die linkischen Typen in den Zwanzigern, genauso voll blinden Eifers wie die Kinder, und dazu noch deren Freundinnen und Freunde, die sich sichtlich um Geduld bemühten. Hinzu kamen ein paar Touristen, die sich offensichtlich hierher verirrt hatten.

Und es gab die Besessenen.

Sie waren die Einzigen, die mehr wussten als die Kinder. Manchmal sagten sie nichts; manchmal unterbrachen sie Billys Ausführungen mit zu lauten Fragen, oder sie korrigierten ihn in wissenschaftlichen Details mit ermüdend kleinlicher Besorgnis. In den vergangenen Wochen hatte die Zahl dieser Besucher zugenommen.

»Es ist fast so, als kämen im Spätsommer die Verrückten aus ihren Löchern«, hatte Billy vor ein paar Tagen zu seinem Freund Leon gesagt, als sie in einem Pub an der Themse ein Bier tranken. »Heute kam jemand rein, der ein Sternenflottenkostüm trug. Leider nicht während meiner Schicht.«

»Faschist«, hatte Leon ihn tituliert. »Warum hegst du solche Vorurteile gegenüber Sonderlingen?«

»Ich bitte dich«, sagte Billy. »Wenn es so wäre, würde ich mich doch selbst treffen, oder etwa nicht?«

»Ja, aber du gehst noch als halbwegs normal durch. Du kannst dich tarnen«, entgegnete Leon. »Du kannst dich aus dem Ghetto der Sonderlinge hinausschleichen, dein Abzeichen verstecken und Nahrungsmittel und Kleider und Nachrichten aus der Welt draußen mitbringen.«

»Mmm, wie geschmackvoll.«

»Alles klar?«, sagte Billy, als Kollegen an ihm vorbeigingen. »Hi, Kath«, grüßte er eine Ichthyologin; »Hallo, Brendan«, einen anderen Präparator, der seinen Gruß erwiderte: »Alles klar, Röhrchen?«

»Bitte gehen Sie weiter«, sagte Billy. »Und keine Sorge, wir kommen noch zu den guten Sachen.«

Röhrchen? Billy konnte erkennen, dass ein oder zwei seiner Begleiter sich fragten, ob sie sich verhört hatten.

Der Spitzname ging auf ein Trinkgelage mit Kollegen in Liverpool zurück, während seines ersten Jahres im Darwin Centre. Der Anlass war die alljährliche Konferenz der Gesellschaft professioneller Kuratoren. Nach einem Tag voller Vorträge über Methodik und neue Erkenntnisse der Konservierung, über Museumsthemen und den Sinn und Zweck der Zurschaustellung begann das abendliche Entspannungsprogramm mit höflich gesitteter Konversation darüber, wie man ausgerechnet auf diese Tätigkeit gekommen sei. Nicht lange, und man unterhielt sich an der Bar über Kindheitserlebnisse, woraus sich, mit zunehmendem Alkoholpegel der Beteiligten, das entwickelte, was irgendjemand treffend als »Biografien-Bluff«, bezeichnete. Jeder sollte eine extravagante Tatsache über sich verraten - einer hatte eine lebendige Schnecke verspeist, einer hatte an einem flotten Vierer teilgenommen, einer hatte in seiner Jugend versucht, seine Schule niederzubrennen, und so weiter -, über deren möglichen Wahrheitsgehalt anschließend lautstark diskutiert wurde.

Ohne eine Miene zu verziehen hatte Billy damals behauptet, das Ergebnis der weltweit ersten erfolgreichen In Vitro-Befruchtung zu sein, dass das Labor ihn jedoch wegen unternehmenspolitischer Verwicklungen und einer nicht ganz klaren Einverständniserklärung verleugnet hatte, weshalb sich ein paar Monate nach seiner Geburt jemand anderer offiziell mit diesem Lorbeer schmücken durfte. Über Details befragt, hatte er mit trunkener Lockerheit Ärzte und den Ort des Geschehens genannt und eine eher unbedeutende Komplikation im Verlauf der Prozedur beschrieben. Aber ehe Wetten abgeschlossen wurden und er die Wahrheit sagen konnte, hatte das Gespräch plötzlich eine völlig andere Wendung genommen, und das Spiel war abgebrochen worden. Erst zwei Tage später, wieder zurück in London, fragte ihn ein Laborkollege, ob seine Darstellung der Wahrheit entspräche.

»Aber absolut«, hatte Billy auf eine ausdruckslos scherzhafte Art und Weise gesagt, die genauso »natürlich« wie »natürlich nicht« hätte heißen können. Er war seitdem bei dieser Antwort geblieben. Obgleich er bezweifelte, dass ihm irgendjemand glaubte, blieb der Spitzname »Reagenzröhrchen« in den unterschiedlichsten Varianten an ihm hängen.

Sie kamen an einem weiteren Wächter vorbei: einem massigen, wild aussehenden Mann mit kahl rasiertem Schädel und schwellenden Muskelpaketen. Er war einige Jahre älter als Billy und hieß, soweit Billy hatte mithören können, Dane Und-so-weiter. Billy nickte und versuchte, seinen Blick aufzufangen, wie er es immer tat. Und zu Billys übertriebenem Ärger ignorierte Dane Und-so-weiter wie immer diesen Gruß.

Während sich die Tür schloss, sah Billy jedoch, wie Dane jemand anderen begrüßte. Der Wächter nickte in diesem Moment dem angespannten jungen Mann mit der Anstecknadel am Revers zu, jenem Besessenen, in dessen Augen für den Bruchteil einer Sekunde eine Reaktion aufflackerte. Billy nahm das überrascht wahr, und kurz bevor die Tür sich zwischen ihnen endgültig schloss, sah Billy, wie Dane seinen neugierigen Blick bemerkte.

Danes Bekannter schaute zur Seite. »Fühlen Sie, wie es kühler wird?«, fragte Billy und schüttelte den Kopf. Er trieb sie eilig durch selbst schließende Türen. »Damit die Konservierungsmittel nicht verdunsten. Wir müssen uns vor Feuer in Acht nehmen. Wissen Sie, da drin lagert eine beträchtliche Menge Alkohol, daher …« Er imitierte mit den Händen eine leise Explosion.

Die Besucher blieben stehen. Sie befanden sich in einem Labyrinth von Präparaten, von aufgereihten Spielarten organischen Lebens. Kilometerlange Regale voller Glasbehälter. In jedem schwamm reglos ein Tier. Selbst Geräusche klangen auf einmal eingesperrt, als hätte jemand einen Deckel über alles gestülpt.

Die Präparate drängelten sich unbekümmert zusammen, einige posierten mit ihren farblosen Innereien. Plattfische in vom Alter braunen Behältern. Gläser voll zusammengekrümmter Mäuse wie mundgerechte Portionen eingelegter Silberzwiebeln. Da gab es Mutationen mit überzähligen Gliedmaßen und Föten von geheimnisvoller Gestalt. Sie alle waren genauso akkurat in Regalen aufgereiht wie Bücher. »Sehen Sie?«, sagte Billy.

Eine Tür noch trennte sie von dem, weswegen sie eigentlich gekommen waren. Billy wusste aus vielfacher Erfahrung, wie es ablaufen würde.

Wenn sie den Saal mit dem Becken betraten, jenen Raum im Herzen des Darwin Centre, würde er den Besuchern einen Moment ohne Geplapper gönnen. Die Wände des Saals wurden ebenfalls von Regalen gesäumt. Da gab es Hunderte weiterer Glasbehälter in allen Größen, einige fast brusthoch, andere so unscheinbar wie ein Wasserglas. Sie alle enthielten traurige Tiergesichter. Die Exponate unterstanden einer linnéschen Ordnung, die innerhalb jeder Art einem Merkmalsgefälle gehorchte. Und dann waren da noch Stahlbehälter, Flaschenzüge, die wie Schlingpflanzen herabhingen. Niemand würde darauf achten. Alle würden nur den riesigen Tank in der Mitte des Saals anstarren.

Deswegen waren sie gekommen, wegen dieses rosigen gigantischen Dings. Trotz seiner Bewegungslosigkeit; trotz der Wunden seines zeitlupenhaften Zerfalls, trotz der Schorfflocken, die die Lösung trübten, in der es schwamm; trotz der verschrumpelten und nicht mehr vorhandenen Augen; trotz seiner abstoßenden Farbe; trotz des verdrehten Gewimmels seiner Gliedmaßen, als würde es von einer gigantischen Hand ausgewrungen. Trotz all dem war es dieses Ding, weshalb sie hier waren.

Es hing dort, eine tentakelbewehrte Erscheinung von grotesken Ausmaßen. Architeuthis dux. Der Riesenkalmar.

»Er ist acht Meter zweiundsechzig lang«, würde Billy schließlich erklären. »Nicht der größte, der je beobachtet wurde, aber auch kein Knirps.« Die Besucher würden sich um das gläserne Becken drängen. »Gefunden wurde er im Jahr 2004 vor den Falkland-Inseln.

Er schwimmt in einer salzhaltigen Formalinlösung. Der Behälter stammt vom gleichen Hersteller, der auch Damian Hirst beliefert. Sie wissen schon, das ist der Künstler, der einen Haifisch in Formalin zum Kunstwerk erklärt hat.« Alle Kinder würden dem Kalmar auf den Leib rücken, so dicht sie konnten.

»Seine Augen, wenn vorhanden, hätten einen Durchmesser von dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Zentimetern«, würde Billy sagen. Die Erwachsenen maßen dann mit den Fingern nach, und die Kinder rissen die Augen auf. »Ja, so groß wie Speiseteller.« Er sagte es jedes Mal und dachte dabei jedes Mal an den Hund von Hans Christian Andersen. »Aber es ist sehr schwierig, Augen frisch zu halten, deswegen sind sie nicht mehr da. Wir haben den Kalmar mit dem gleichen Zeug gefüllt, das in dem Becken ist, um zu verhindern, dass er von innen verfault.

Er wurde lebendig gefangen.«

Das würde bei allen wieder einen Seufzer des Erstaunens auslösen. Visionen von einem Gewimmel von Tentakeln, zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, ein Kampf mit der Axt gegen ein Höllenwesen aus der Tiefe. Ein raubtierhafter Fleischkoloss, ausrollende Gliedmaßen, die eine Schiffsreling mit gespenstischem Verständnis ertasten.

So war es gar nicht gewesen. Ein Riesenkalmar an der Wasseroberfläche war ein schwaches, desorientiertes, dem Tod geweihtes Wesen. Voll panischer Angst vor Luft, unter der Last seines eigenen Gewichts zusammengepresst, hatte das Tier wahrscheinlich durch seinen Sipho Luft angesogen und war gelähmt worden, eine sterbende Gallertmasse. Das machte nichts. Aus seinem augenblicklichen Zustand ließ sich kaum ableiten, wie es früher gewesen war.

Der Kalmar würde mit seinen leeren, handspannengroßen Augenhöhlen aus dem Becken herausstarren, und Billy würde die üblichen Fragen beantworten - »Sein Name ist Archie.«

»Nach Architeuthis. Verstanden?«

»Ja, obwohl wir glauben, dass es ein Weibchen ist.«

Als das Tier eingetroffen war, eingewickelt in Eis und schützende Tücher, hatte Billy geholfen, es auszupacken. Er hatte das tote Fleisch massiert und das Gewebe geknetet, um festzustellen, wie weit die Konservierungsflüssigkeit eingedrungen war. Er hatte sich so sehr auf seine Tätigkeit konzentriert, dass er den Kalmar gar nicht richtig wahrgenommen hatte. Erst als die Arbeit getan war und das Geschöpf in seinem Tank ruhte, war Billy bewusst geworden, was er da wirklich vor sich sah. Wenn er sich von dem Tier entfernte oder sich ihm näherte, hatte die Lichtbrechung den Eindruck erzeugt, es rege sich, eine magische, reglose Bewegung.

Es war kein klassisches Typ-Präparat, kein platonischer Stoff, der als Definitionsgrundlage ähnlicher Stoffe diente. Dennoch war der Kalmar vollständig, und er würde niemals zerteilt werden.

Irgendwann würden auch andere Präparate im Saal einen Teil der Aufmerksamkeit der Besucher an sich reißen. Ein bandförmiger Riemenfisch, ein Ameisenigel, Gläser mit Affen. Und dort, am Ende des Saals, stand eine Glasvitrine mit dreizehn kleinen Behältern.

»Weiß jemand, was das ist?«, würde Billy fragen. »Ich zeige es Ihnen.«

Sie stachen hervor durch die sich braun färbende Tinte und die veraltete, kantige Handschrift, mit der sie etikettiert waren. »Sie wurden von einer ganz besonderen Person gesammelt«, würde Billy zu einem der Kinder sagen. »Kannst du dieses Wort lesen? Weiß jemand, was es bedeutet? Die ›Beagle‹?«

Einige Besucher erkannten es. Diejenigen betrachteten staunend die kleine Sammlung, die dort unglaublicherweise in einer schlichten Vitrine ausgestellt war. Kleine Tiere, vor zwei Jahrhunderten zusammengetragen, eingeschläfert, präpariert und katalogisiert während einer Reise in die Südamerikanische See von dem jungen Naturforscher Charles Darwin.

»Das hat er persönlich geschrieben«, würde Billy erklären. »Er war damals noch jung und hatte noch keine seiner bedeutenden Thesen ausgearbeitet, als er diese Exemplare fand. Es waren unter anderem diese Exponate, die ihn überhaupt erst auf die Idee zu seiner grandiosen Theorie gebracht haben. Das sind keine Finken, aber mit diesen Präparaten hat alles begonnen. Übrigens können wir in Kürze wieder den Jahrestag seiner Reise feiern.«

Sehr selten kam es vor, dass jemand versuchte, mit ihm über Darwins Erkenntnisse zu diskutieren, eine Debatte, auf die Billy gut und gern verzichten konnte.

Sogar diese dreizehn gläsernen Grundlagen der Evolutionstheorie und all die in Jahrhunderten zusammengetragenen bräunlichen Krokodile und teilweise grotesken Tiefseelebewesen erweckten neben dem Kalmar nur ein geringes Interesse bei den Besuchern. Billy kannte die Bedeutung der Darwin-Exponate, die den Besuchern zumeist gar nicht bewusst war. Egal. Wenn man diesen Saal betrat, geriet man in den Schwarzschild-Radius von etwas Unheimlichem, und dieser Kopffüßerkadaver war die ihm innewohnende Singularität.

So würde es, wie Billy wusste, ablaufen. Aber als er diesmal die Tür öffnete, blieb er stehen und starrte sekundenlang verständnislos drein. Die Besucher kamen nach ihm herein und drängten sich an ihm vorbei. Sie warteten gespannt und wussten nicht recht, was ihnen hier gezeigt werden sollte.

In der Saalmitte war nichts. Die Präparate in den zahllosen Glasbehältern blickten auf den Ort eines Verbrechens. Der neun Meter lange Glasbehälter mit seinen mehreren Tausend Litern salzhaltigen Formalins, der tote Riesenkalmar, sie waren verschwunden.

2

Sobald Billy Alarm schlug, wurde er von Kollegen umringt. Sie schauten sich ratlos um und wollten wissen, was im Gange sei, und wo, zum Teufel, war der Riesenkalmar?

Sie führten hastig die Besucher aus dem Gebäude. Alles, was Billy im Nachhinein von dem Durcheinander im Gedächtnis blieb, war der kleine Junge, der weinte, weil ihm nicht gezeigt worden war, was er so gerne hatte sehen wollen. Biologen, Wächter, Präparatoren erschienen und starrten mit ratlosen Mienen auf die Riesenlücke im Kalmar-Saal. »Was …?«, fragten sie genauso wie Billy kurz vorher und: »Wo ist …?«

Die Neuigkeit verbreitete sich. Leute rannten umher, als suchten sie etwas, als hätten sie etwas verlegt und hofften, es vielleicht in irgendeinem Schrank zu finden.

»Das kann nicht sein, das kann nicht sein«, sagte eine Biophysikerin namens Josie, und ja, nein, sie konnten nicht verschwunden sein, so viele Meter Tiefseefleisch konnten nicht einfach weg sein. Nirgendwo stand ein verdächtiger Kran. Keinerlei cartoonhafte Löcher in Becken- oder Kalmarform klafften in der Wand. Der Kalmar konnte nicht verschwunden sein, und doch war er nicht da.

Für das hier gab es keinen Aktionsplan. Was bei einem chemischen Unfall zu tun war - dafür gab es Verhaltensregeln. Wenn ein Formalinglas mit Präparat zu Bruch ging, wenn irgendwelche Ergebnisse nicht aufgingen, ja, wenn ein Teilnehmer an einer Führung plötzlich durchdrehte, dann hielt man sich an eine bestimmte Verfahrensweise. Aber dies, dachte Billy. Was zum Teufel sollte das?

Die Polizei traf ein und platzte wie eine trampelnde Bande in das Museum. Das Personal stand abwartend herum und drängte sich zusammen, als fröre es, wie nach einem Tauchgang in benthalem Wasser. Polizeibeamte versuchten, den Angestellten irgendwelche Aussagen zu entlocken.

»Ich fürchte, ich verstehe das Ganze nicht …«, brachte einer von ihnen halbwegs zusammenhängend hervor.

»Er ist weg!«

Der Tatort wurde gesichert und abgesperrt, aber da Billy die Tat entdeckt hatte, durfte er bleiben. Er machte seine Aussage, während er neben dem leeren Podest stand. Als er nichts mehr zu sagen hatte und der Beamte, der ihn befragt hatte, gerade abgelenkt war, entfernte er sich ein Stück weit und schaute der Polizei bei ihrer Arbeit zu. Beamte betrachteten die alten Ex-Tiere, die ihren Blick geduldig erwiderten, musterten den nicht anwesenden riesigen Formalintank, das Nirgendwo, in dem sich etwas, das so groß und verschwunden war wie der Architeuthis, verbergen mochte.

Sie maßen den Saal, als könnten ihnen seine Dimensionen Aufschlüsse über den Verbleib des Exponats liefern. Billy hatte keine bessere Idee. Der Saal wirkte riesig. Die anderen Becken und Behälter erschienen verlassen und weit weg von allem, beinahe, als würden die Präparate sich für ihre Anwesenheit entschuldigen.

Billy starrte auf die Stelle, wo das Architeuthis-Becken eigentlich hätte stehen müssen. Er hatte noch immer einen hohen Adrenalinpegel und hörte den Beamten zu.

»Wo soll man hier einen Hinweis finden, Kumpel …«

»Mist, du weißt, was das heißt, nicht wahr?«

»Lass mich gar nicht erst davon anfangen. Reich mir lieber das Maßband.«

»Ernsthaft, ich sage dir, das ist eine Übergabe, ohne Frage …«

»Worauf warten Sie, Freundchen? He, Mann!« Das galt Billy. Ein Beamter machte ihm halbwegs höflich klar, er solle sich verpissen, also gesellte er sich nach draußen zu den anderen Angestellten. Sie unterhielten sich angeregt und bildeten nach Tätigkeit getrennte Gruppen. Billy verfolgte eine hitzige Debatte unter den Direktoren.

»Worum geht es?«, erkundigte er sich.

»Darum, ob sie das Museum schließen sollen oder nicht«, sagte Josie. Sie knabberte an ihren Fingernägeln.

»Wie bitte?«, fragte Billy. Er nahm seine Brille ab und musterte sie wütend. »Was soll diese verdammte Debatte? Was muss denn noch passieren, bevor der Laden zugemacht wird?«

»Ladys und Gents.« Ein älterer Polizist klatschte in die Hände, um sich Gehör zu verschaffen. Seine Beamten umringten ihn. Sie unterhielten sich murmelnd. »Ich bin Chief Inspector Mulholland. Vielen Dank für Ihre Geduld. Es tut mir leid, dass ich Sie so lange warten ließ.« Die Angestellten schnaubten zustimmend, nahmen eine bequeme Haltung ein und kauten auf den Fingernägeln.

»Ich möchte Sie bitten, über diese Angelegenheit kein Wort zu verlieren, Ladys und Gents«, sagte Mulholland. Eine junge Beamtin betrat den Saal. Ihre Uniform war unordentlich. Sie unterhielt sich freihändig mit jemandem per Telefon und schien sich über etwas zu beschweren, was für Billy nicht ersichtlich war. »Bitte reden Sie mit niemandem über diese Geschichte«, wiederholte Mulholland. Das Gemurmel im Saal erstarb weitgehend.

»Nun«, sagte Mulholland nach einer kurzen Pause. »Wer von Ihnen hat als Erster das Verschwinden des Ausstellungsstücks bemerkt?« Billy hob die Hand. »Sie sind, soweit ich weiß, Mr. Harrow«, stellte Mulholland fest. »Darf ich Sie alle bitten, noch ein wenig Geduld zu haben und zu warten, auch wenn Sie uns bereits alles erzählt haben, was Sie wissen? Meine Beamten werden sich mit jedem von Ihnen unterhalten.«

»Mr. Harrow.« Mulholland kam auf ihn zu, während das Personal gehorchte. »Ich habe Ihre Aussage gelesen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich ein wenig herumführen würden. Könnten wir dabei die gleiche Route nehmen wie bei Ihrem Rundgang?« Billy sah, dass die junge Beamtin sich wieder entfernt hatte.

»Was suchen Sie?«, fragte er. »Meinen Sie, Sie finden es …?«

Mulholland sah ihn geduldig an, als wäre Billy ein wenig schwer von Begriff. »Beweise.«

Beweise. Billy fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. Er stellte sich Spuren auf dem Fußboden vor, wo ein raffinierter Flaschenzug gestanden haben könnte. Oder Tropfen von Konservierungsflüssigkeit, die eine Linie bildeten, so aussagekräftig wie Brotkrümel. Klar.

Mulholland rief ein paar Kollegen zusammen und ließ sich gemeinsam mit ihnen von Billy durch das Gebäude führen. In einer äußerst knapp gehaltenen Parodie auf seine übliche Verfahrensweise lieferte Billy Erläuterungen zu den Exponaten, an denen sie vorbeikamen. Die Beamten pickten das ein oder andere Teil heraus und erkundigten sich, um was es sich jeweils handelte. »Das ist eine Enzym-Lösung«, sagte Billy dann, oder: »Das ist eine Zeittafel.«

»Alles in Ordnung, Mr. Harrow?«, fragte Mulholland unterwegs.

»Nun, das ist schon eine ziemlich große Sache, nicht wahr?«

Aber nicht nur deswegen blickte Billy ständig über seine Schulter. Er glaubte, ein Geräusch zu hören. Ein fernes Klirren und Klimpern wie von einem heruntergefallenen und herumrollenden Becherglas. Es war nicht das erste Mal, dass er etwas Derartiges hörte. Solche völlig unmotivierten Geräusche vernahm er, seit er sein erstes Jahr im Darwin Centre hinter sich gebracht hatte. Mehr als einmal hatte er auf der Suche nach der Ursache die Tür eines gänzlich leeren Raums geöffnet oder ein leises Knirschen von Glas in einem Korridor gehört, in dem sich niemand aufgehalten haben konnte.

Er hatte schon vor einiger Zeit entschieden, dass diese eigentümlichen Laute gerade eben an der Grenze seiner Wahrnehmung nur in seinem Geist existierten. Gewöhnlich traten sie auf, wenn er sehr angespannt war. Er hatte mit Bekannten über dieses Phänomen gesprochen. Einige hatten ihn gewarnt, vorsichtig zu sein, doch viele berichteten von Gänsehaut oder seltsamen Zuckungen, wenn sie unter Druck standen, also machte er sich keine großen Sorgen deswegen.

Im großen Saal suchten die Kriminaltechniker noch immer nach Fingerabdrücken, sie fotografierten den Tatort und maßen Tische aus. Billy verschränkte die Arme und schüttelte den Kopf.

»Das waren diese Mistkerle aus Kalifornien.« Als er zu den Kollegen zurückkehrte, machte er ein paar scherzhafte Bemerkungen zu rivalisierenden Forschungsinstituten. Und darüber, dass womöglich Meinungsverschiedenheiten über Konservierungsverfahren eine dramatische Wende genommen hatten. »Das waren die Kiwis«, sagte Billy. »O'Shea hat der Versuchung am Ende doch nachgegeben.«

Er kehrte nicht sofort in seine Wohnung zurück, denn er hatte sich schon vor einer ganzen Weile mit einem Freund verabredet.

Billy kannte Leon, seit sie als Studenten im selben Institut gearbeitet hatten, wenn auch in unterschiedlichen Abteilungen. Leon arbeitete an seiner Promotion in Literaturwissenschaft, redete jedoch nie darüber. Schon seit einer halben Ewigkeit arbeitete er an einem Buch mit dem Titel Uncanny Blossom. Als Leon es ihm einmal offenbarte, hatte Billy erwidert: »Ich hatte ja keine Ahnung, dass du an dem Wettstreit um den beschissensten Buchtitel teilnimmst.«

»Wenn du nicht ständig in deinem Sumpf der Ignoranz herumwaten würdest, wüsstest du, dass dieser Titel eine Herausforderung für die Franzosen sein soll. Keines der Worte lässt sich in ihre lächerliche Sprache übersetzen.«

Leon wohnte in einem gerade noch erträglichen Randbezirk von Hoxton. Er überzog seine Rolle als Vergil neben Billys Dante-Darstellung, indem er seinen Freund zu Kunst-Happenings mitnahm oder ihm von denen berichtete, an denen Billy nicht teilnehmen konnte, und dabei hoffnungslos übertrieb, was ihren Verlauf betraf. Ihr Spiel sah so aus, dass Billys Anekdotenkonto permanent im Minus und er Leon ständig Geschichten schuldig war. Leon, hager, kahl rasierter Kopf, bekleidet mit einer albernen Jacke, saß in der Kälte vor der Pizzeria und streckte seine langen Beine von sich.

»Wo bist du die ganze Zeit gewesen, Richmal?«, rief er. Er hatte schon vor längerer Zeit beschlossen, dass der blauäugige Billy nach einem anderen unartigen Jungen, nämlich dem William aus Just William, benannt worden war, und ihm völlig unlogischerweise den Vornamen des Autors verliehen.

»Chipping Norton«, sagte Billy und tätschelte Leons Kopf. »Theydon Bois. Was macht das Geistesleben?«

Marge, Leons Partnerin, hob den Kopf für einen Kuss auf die Wange. Das Kruzifix, das sie um den Hals trug, funkelte.

Er hatte sie nur ein paar Mal getroffen. »Ist sie eine von den Gottesfürchtigen?«, hatte Billy seinen Freund gefragt, nachdem er sie kennengelernt hatte.

»Eigentlich nicht. Sie war auf einer Klosterschule. Daher das jesusförmige Sühnezeichen zwischen ihren Titten.«

Sie war, wie die überwiegende Mehrzahl von Leons Freundinnen, attraktiv und ein wenig üppig gebaut, etwas älter als Leon und eindeutig zu alt für den nicht ganz konsequent durchgehaltenen emo-gruftigen Look, den sie pflegte. »Wenn du sie rubenshaft oder drall nennst, tust du es auf eigene Gefahr«, hatte Leon gewarnt.

»Was verstehst du unter drall?«, fragte Billy.

»Und vergiss ›zu alt‹, Pauley Perrette ist um einiges älter.«

»Wer ist das?«

Marge arbeitete halbtags im Southwark Housing Department und produzierte Videokunst. Sie hatte Leon während eines Auftritts kennengelernt, als irgendeine Drone-Band in einer Galerie spielte. Leon hatte Billys Simpsons-Witz abgefangen und ihm erklärt, sie sei einer von jenen Menschen, die sich selbst einen neuen Namen gaben und dass Marge die Kurzform für Marginalia sei.

»Für was? Wie lautet ihr richtiger Name?«

»Billy«, erwiderte Leon, »sei nicht so ein Spielverderber.«

»Wir haben einem ulkigen Taubenschwarm vor einer Bank zugeschaut«, sagte Leon, während Billy sich setzte.

»Wir haben über Bücher diskutiert«, sagte Marge.

»Das ist das beste Gesprächsthema«, stellte Billy fest. »Um was ging es genau?«

»Lenk ihn nicht ab«, sagte Leon, doch Marge antwortete bereits. »Virginia Woolf gegen Edward Lear.«

»Allmächtiger Jesus Christus«, entfuhr es Billy. »Sind das meine einzigen Wahlmöglichkeiten?«

»Ich habe mich für Lear entschieden«, sagte Leon. »Teils aus Treue zum Buchstaben L. Teils weil man, vor die Wahl zwischen Unsinn und leerem Geschwätz gestellt, ungeniert für Unsinn stimmen muss.«

»Du hast offensichtlich das Glossar von Drei Guineen nicht gelesen«, wandte Marge ein. »Du willst Unsinn hören? Die Woolf nennt ›Soldaten‹ ›Eingeweidezerfetzer‹, setzt ›Heroismus‹ mit ›Botulismus‹ gleich und ›Held‹ mit ›Flasche.‹«

»Lear?«, fragte Billy. »Wirklich? Im Land des Fiddly-Faddly ist der Binkerly-Bonkerly zu Hause.« Er nahm die Brille ab und kniff sich in die Nasenspitze. »Na schön, ich will euch etwas verraten. Und zwar Folgendes«, sagte er schließlich und dann, aus welchem Grund auch immer, blieb er stecken. Leon und Marge starrten ihn an.

Billy versuchte es abermals. Er schüttelte den Kopf. Schnalzte mit der Zunge, als hinge etwas in seinem Mund fest. Am Ende musste er die Information geradezu mit Gewalt zwischen seinen Zähnen hervorpressen. »Eines unserer … Unser Riesenkalmar wird vermisst.« Es auszusprechen war, als würde man einen Deckel von etwas Schlimmem anheben.

»Wie bitte?«, sagte Leon.

»Ich glaube, ich verstehe nicht …«, sagte Marge.

»Nein, für mich ergibt es auch keinen Sinn.« Er schilderte es ihnen Schritt für unfassbaren Schritt.

»Weg? Was meinst du mit ›weg‹? Warum habe ich noch nichts davon gehört?«, fragte Leon schließlich.

»Keine Ahnung. Ich hätte angenommen, es wäre … ich meine, die Polizei bat uns, das Ganze geheim zu halten - autsch, sieh mal, was ich getan habe -, aber ich hätte nicht erwartet, dass es tatsächlich funktioniert. Ich hätte eher angenommen, dass es längst auf der ersten Seite des Standard steht.«

»Vielleicht gibt es, wie heißt es doch gleich, eine D-Notice dazu«, sagte Leon. »Du weißt schon, eine Anweisung, mit der die Journalisten zum Schweigen verdonnert werden.«

Billy zuckte mit den Schultern. »Sie werden es niemals schaffen … Die Hälfte meiner Besuchergruppe hat es sicherlich bereits in irgendeinem Blog veröffentlicht.«

»Jemand hat wahrscheinlich längst die Site Riesenkalmarweg.com registrieren lassen«, sagte Marge.

Wieder hob Billy die Schultern. »Schon möglich. Wisst ihr, als ich hierher unterwegs war, dachte ich, vielleicht sollte ich nicht … Beinahe hätte ich es euch nicht erzählt. Das Ganze jagt mir eine Heidenangst ein. Aber das Verrückte ist für mich nicht, dass die Cops nicht wollten, dass wir darüber reden, sondern das ganze ›Völlig Unmöglich‹ an dieser Geschichte.«

Als er an diesem Abend nach Hause zurückkehrte, tobte sich ein furchtbares Gewitter aus, das die Luft mit Elektrizität erfüllte. Wolkenberge färbten den Himmel dunkelbraun. Wie in einem Urinal strömte Regenwasser in breiten Bahnen die Dächer herab.

Als er seine Wohnung in Haringay betrat, klingelte sein Telefon genau in dem Augenblick, als er den Fuß über die Schwelle setzte. Er blickte durch das Fenster auf die regennassen Bäume und Hausdächer. Auf der anderen Straßenseite erzeugte der Wind einen Unratwirbel um ein zerzaust aussehendes Eichhörnchen auf einem Dach. Das Eichhörnchen schüttelte den Kopf und sah ihn an.

»Hallo?«, meldete er sich. »Ja, hier ist Billy Harrow.«

»… murmelmurmel, wurde auch Zeit, dass Sie endlich zu Hause auftauchen. Also kommen Sie her, klar?«, sagte eine Frau am anderen Ende.

»Moment, was?« Das Eichhörnchen starrte ihn immer noch an. Billy zeigte ihm den Mittelfinger und bildete mit dem Mund ein lautloses Verpiss dich. Er wandte sich vom Fenster ab und versuchte, aufmerksam zuzuhören. »Verzeihen Sie, wer ist dort?«, fragte er.

»Können Sie verdammt noch mal nicht zuhören? Sie schwingen lieber das große Wort als zuzuhören, nicht wahr? Polizei, Kumpel. Morgen. Verstanden?«

»Polizei?«, fragte er. »Ich soll ins Museum kommen? Sie wollen …«

»Nein. Ins Revier. Waschen Sie sich die Ohren.« Stille. »Sind Sie noch da?«

»… Hören Sie, mir gefällt nicht, wie Sie …«

»Ja, und mir gefällt nicht, wie Sie dummes Zeug reden, obwohl man Sie gebeten hat, den Mund zu halten.« Sie nannte ihm eine Adresse. Er runzelte die Stirn, während er sie auf einem Werbezettel notierte.

»Wo? Das ist doch in Cricklewood. Weit weg vom Museum. Was soll …? Warum haben sie von dort jemanden zum Museum geschickt …?«

»Wir sind fertig, Kumpel. Kommen Sie einfach hin. Morgen.« Sie legte auf, und er konnte in seinem kalten Zimmer nur noch auf den Telefonhörer starren. Die Fenster knarrten im Wind, als würden sie sich durchbiegen. Billy starrte auf das Telefon. Er ärgerte sich darüber, dass er sich verpflichtet fühlte, den letzten Befehl zu befolgen.

3

Billy hatte Albträume. Er war nicht der Einzige. Er konnte unmöglich wissen, dass die ganze Stadt schweißgebadet in den Betten lag. Hunderte Menschen, die einander nicht kannten und sich nicht über ihre Symptome unterhielten, schliefen unruhig. Es lag nicht am Wetter.

Es bedeutete eine halbe Weltreise, dieses Treffen, zu dem man ihn bestellt hatte und von dem er sich einredete, dass er es am liebsten ignoriert hätte. Er dachte daran, oder, erneut: Er redete sich ein, er dächte daran, seinen Vater anzurufen. Natürlich tat er es nicht. Er wollte Leons Nummer wählen, unterließ aber auch das. Dem, was er gesagt hatte, war nichts hinzuzufügen. Er wollte jemand anderem von dem Verschwinden erzählen, von diesem seltsamen Diebstahl. In Gedanken ging er eine Liste von Personen durch, die er anrufen könnte, doch die Energie, das zu tun, irgendetwas zu erzählen, verflüchtigte sich immer wieder aufs Neue.

Das Eichhörnchen war noch da. Er war sicher, dass es dasselbe Tier war, das ihn über die Regenrinne hinweg beobachtete wie ein Soldat aus seinem Schützenloch. Billy ging nicht zur Arbeit. War sich noch nicht einmal sicher, ob überhaupt jemand an diesem Tag ins Museum käme, und rief nicht an, um das zu überprüfen. Er telefonierte mit niemandem.

Schließlich - spät, als der Himmel sich grau färbte, und in einem Anflug von schlecht gespieltem Ungehorsam später, als es seine unfreundliche Gesprächspartnerin gewünscht hatte - verließ er sein Apartmenthaus am Rand eines Gewerbegebiets in der Nähe von Manor House und ging zur Haltestelle der 253er Buslinie. Er wanderte durch einen Wust von knisternden Imbisskartons, alten Zeitungen und Flugblättern, die zur Buße aufriefen und nach und nach vom Wind von einem vergessenen Stapel heruntergeweht wurden. Im Bus blickte er hinunter auf die niedrigen flachen Dächer von Wartehäuschen, die dem welken Laub einen würdigen Sockel boten.

In Camden nahm er die U-Bahn, ging dann wieder zur Straße hinauf, um in einen anderen Bus umzusteigen. Mehrmals schaute er auf sein Mobiltelefon, erhielt jedoch nur eine einzige Textnachricht von Leon - HAST DU SCHON WIEDER EINEN SCHATZ VERLOREN?

Die letzte Etappe führte Billy durch Gegenden Londons, die er nicht kannte, die ihm jedoch seltsam vertraut vorkamen mit ihren Kleinbetrieben und Imbissrestaurants und Lampenmasten, an denen verfrüht angebrachter oder seit dem letzten Jahr vergessener Weihnachtsschmuck flatterte wie zum Trocknen aufgehängte Wäsche. Er trug einen Kopfhörer und lauschte einer musikalischen Mischung aus M.I.A. und einem jungen aufstrebenden RAP-Künstler. Billy fragte sich, warum er nicht darauf bestanden hatte, dass die Polizei ihn abholte, wenn sie ihre Zentrale in einem derart abgelegenen Viertel unterhielt.

Als er seinen Weg zu Fuß fortsetzte, wurde Billy sogar trotz seiner Kopfhörer von Geräuschen aufgeschreckt. Zum ersten Mal hörte er das Glasklirren außerhalb der Räumlichkeiten des Darwin Centre oder glaubte zumindest, es zu hören. Das Licht an diesem frühen Abend wirkte falsch. Überall herrscht Durcheinander, dachte er. Als wäre die dicke Spindel des Architheutis-Kadavers in irgendetwas hineingesteckt worden, um es an Ort und Stelle zu fixieren. Billy kam sich vor wie ein loser Deckel, der im Wind klapperte.

Das Revier befand sich in der Nähe der Hauptstraße und war größer, als er erwartet hatte. Es war eins dieser ausgesprochen hässlichen Londoner Gebäude aus senffarbenem Klinker, der, anstatt wie seine roten viktorianischen Verwandten in Würde zu verwittern, niemals älter wurde, sondern nur schmutziger.

Billy wartete lange im Besucherraum. Zweimal stand er auf und erkundigte sich nach Mulholland. »Wir werden uns gleich um Sie kümmern, Sir«, sagte der erste Beamte, den er fragte. »Wer zum Teufel soll das sein?«, fragte der zweite. Billy wurde immer ungehaltener, während er in alten Illustrierten blätterte.

»Mr. Harrow? Billy Harrow?«

Der Mann, der auf ihn zukam, war nicht Mulholland. Er war klein und hager und wirkte gepflegt. Er war in den Fünfzigern und trug einen braunen Anzug, der ein wenig aus der Mode war. Die Hände hatte er auf dem Rücken verschränkt. Während er wartete, federte er auf den Füßen mehrmals vor und zurück, als tanzte er.

»Mr. Harrow?«, sagte er mit einer Stimme so dünn wie sein Schnurrbart. Er schüttelte Billy die Hand. »Ich bin Chief Inspector Baron. Meinen Kollegen Mulholland haben Sie schon kennengelernt?«

»Ja, wo ist er?«

»Ja, nein. Er ist nicht hier. Ich übernehme die Ermittlungen, Mr. Harrow. Gewissermaßen.« Er legte den Kopf auf die Seite. »Entschuldigen Sie, dass wir Sie so lange warten ließen, und vielen Dank, dass Sie hergekommen sind.«

»Was meinen Sie damit, dass Sie übernehmen?«, fragte Billy. »Wer immer gestern Abend mit mir telefoniert hat, war nicht gerade … sie war ziemlich unfreundlich, wenn ich ganz ehrlich bin.«

»Da sich unser Verein in Ihren Labors breitgemacht hat«, sagte Baron, »gibt es für Sie im Augenblick nicht viel zu tun, oder? Ich fürchte, bis wir fertig sind, muss Ihre Arbeit ruhen. Betrachten Sie es doch als einen kleinen Urlaub.«

»Mal ernsthaft, um was geht es eigentlich?« Baron geleitete Billy durch einen mit Neonröhren erhellten Korridor. Im weißen Licht erkannte Billy, wie schmutzig seine Brille war. »Warum haben Sie übernommen? Und dann sind Sie hier so weit draußen … Ich meine, nehmen Sie es mir nicht übel …«

»Wie dem auch sei«, sagte Baron. »Ich verspreche Ihnen, dass wir Sie hier nicht länger festhalten als irgend nötig.«

»Ich weiß nicht, was ich für Sie tun kann«, sagte Billy. »Ich habe Ihren Leuten bereits alles erzählt, was ich weiß. Ich meine, das war Mulholland. Hat er Mist gebaut? Sollen Sie alles wieder in Ordnung bringen?«

Baron blieb stehen und sah Billy an. »Es ist wie im Kino, nicht wahr?«, sagte er lächelnd. »Sie sagen, ›aber ich habe Ihren Beamten doch alles erzählt‹, und ich sage, ›nun, jetzt können Sie es mir erzählen‹, und sie trauen mir nicht und wir machen ein kleines Tänzchen und dann, am Ende, nach ein paar weiteren Fragen machen Sie ein entsetztes Gesicht und sagen, ›wie bitte, glauben Sie etwa, ich hätte mit der Sache etwas zu tun?‹ Und so drehen wir uns immer weiter im Kreis.«

Billy war sprachlos. Baron hörte nicht auf zu lächeln.

»Sie können beruhigt sein, Mr. Harrow«, sagte er. »So wird es hier nicht laufen. Mein Ehrenwort.« Er hob die Hand zu einem Pfadfinderschwur.

»Ich hätte niemals angenommen …«, brachte Billy stockend hervor.

»Nachdem wir das geklärt haben«, sagte Baron, »meinen Sie, wir können weitermachen und Sie helfen mir ein wenig? Das wäre prima, Mr. Harrow.« Seine Stimme klang einschmeichelnd. »Das ist wunderbar. Bringen wir es hinter uns.«

Billy war das erste Mal in einem Verhörraum. Er war genauso wie im Fernsehen. Klein, beige gestrichen, fensterlos. Eine Frau und ein weiterer Mann warteten auf der anderen Seite des Tisches. Der Mann war in den Vierzigern, hochgewachsen und von kräftiger Statur. Er trug einen dunklen Straßenanzug. Das verbliebene Haar hinter seiner Stirnglatze war kurz geschnitten. Er knetete seine kräftigen Hände und musterte Billy prüfend.

Das Erste, was Billy bei der Frau auffiel, war ihre Jugend. Sie war höchstens Anfang zwanzig. Er erkannte in ihr die Polizistin, die im Museum kurz in Erscheinung getreten war. Sie trug eine blaue Uniform der Metropolitan Police, allerdings nach seinem Dafürhalten um einiges lässiger, als die Dienstvorschriften es erlaubten. Die Jacke war nicht zugeknöpft und wirkte eilig übergeworfen; die Uniform saß, passte, wackelte und hatte Luft. Die Frau trug mehr Make-up, als er für zulässig gehalten hätte, und ihr blondes Haar war halbwegs modisch frisiert. Sie sah aus wie eine Schülerin, die die Schuluniform-Regeln zwar beachtet, sich jedoch gegen den Geist wehrt, den sie verkörpern. Sie sah ihn nicht einmal an, und er konnte ihr Gesicht nicht genau erkennen.

»Nun denn«, sagte Baron. Der andere Mann nickte. Die junge Polizistin lehnte an der Wand und nestelte an einem Mobiltelefon.

»Tee?«, wollte Baron von Billy wissen und deutete gleichzeitig auf einen Stuhl. »Kaffee? Absinth? Das ist natürlich nur ein Scherz. Ich würde Ihnen ja eine Zigarette anbieten, aber heutzutage … na ja, Sie wissen schon.«

»Nein, ich brauche nichts«, sagte Billy. »Ich würde nur …«

»Natürlich, natürlich. Sehen wir weiter.« Baron setzte sich, holte einen Stapel Zettel aus der Tasche und blätterte sie durch. Die Schusseligkeit wirkte nicht sehr überzeugend. »Erzählen Sie mir von sich, Mr. Harrow. Ich glaube, Sie sind Kurator, nicht wahr?«

»Ja.«

»Was bedeutet das?«

»Ich konserviere, katalogisiere und so weiter.« Billy hantierte an seiner Brille herum, damit er sein Gegenüber nicht ansehen musste. Er versuchte herauszufinden, wohin die Frau blickte. »Ich sitze am Computer, recherchiere und halte alles in Schuss.«

»Machen Sie das schon immer?«

»Im Wesentlichen.«

»Und …« Baron blickte auf einen Zettel. »Wie man mir sagte, waren Sie es, der den Kalmar präpariert hat.«

»Nein. Das waren wir alle. Ich meine … es war eine Gemeinschaftsarbeit.« Der andere Mann nahm neben Baron Platz, sagte nichts und betrachtete seine Hände. Die junge Frau seufzte und drückte auf ihrem Mobiltelefon herum. Offenbar machte sie gerade ein Spiel. Sie schnalzte mit der Zunge.

»Sie waren im Museum, nicht wahr?«, wandte Billy sich an sie. Sie schaute hoch. »Haben Sie mich angerufen? Gestern?« Ihre Amy-Winehouse-Frisur war unverwechselbar. Sie schwieg.

»Sie …«, Baron deutete mit einem Kugelschreiber auf Billy und kramte weiter zwischen seinen Notizen herum, »sind viel zu bescheiden. Sie sind der Kalmar-Spezialist.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.« Billy rutschte auf seinem Platz hin und her. »Wenn so etwas bei uns ankommt, wissen Sie … dann arbeiten wir alle daran. Alle Mann an Deck, meine ich …« Er deutete mit einer ausholenden Geste Größe an.

»Nicht so bescheiden«, sagte Baron. »Sie haben ein besonderes Händchen für sie, nicht wahr?« Baron schaute ihm in die Augen. »Das sagt jeder.«

»Ich weiß nicht.« Billy zuckte die Achseln. »Ich mag Mollusken.«

»Sie sind wirklich ein geradezu liebenswert bescheidener junger Mann«, sagte Baron. »Und Sie machen niemandem etwas vor.«

Kuratoren waren im gesamten Artenspektrum tätig. Aber es war ein offenes Geheimnis, dass speziell Billys Mollusken etwas Besonderes waren. Dabei konnte man wahlweise beide Worte betonen - es waren Billys Mollusken und genauso Billys Mollusken, die über Jahre in ihren Lösungen in einem tadellosen Zustand blieben, die in ihren Schaugläsern besonders dramatische Posen einnahmen und auch auf Dauer in ihnen verharrten. Es ergab eigentlich keinen Sinn, ein Tintenfisch konnte nicht besser oder schlechter konserviert werden als ein Gecko oder eine Hausmaus. Doch die scherzhaften Bemerkungen wollten nicht verstummen, denn es steckte ein Körnchen Wahrheit darin. Dabei war Billy, als er angefangen hatte, ziemlich tollpatschig gewesen. Er hatte sich durch eine ansehnliche Zahl von zertrümmerten Bechergläsern, Reagenzröhrchen und Glaskolben gekämpft und hatte mehr als ein totes Tier formalintriefend vom Laborfußboden aufsammeln müssen, ehe er praktisch über Nacht zum perfekten Konservator mutiert war.

»Was hat das alles mit dieser Angelegenheit zu tun?«, fragte Billy.

»Das kann ich Ihnen gerne erklären«, sagte Baron. »Sehen Sie, Mr. Harrow, wir haben Sie aus zwei Gründen hier rauf oder runter - je nachdem, wie Sie den Stadtplan halten - kommen lassen. Der eine Grund ist, dass Sie die Person sind, die das Fehlen des Riesenkalmars bemerkt hat. Und der andere Grund ist etwas ganz Spezielles. Etwas, das Sie erwähnt haben.

Ich weiß, dass ich es Ihnen erklären muss«, sagte Baron. »So etwas wie das hier habe ich noch nie erlebt. Ich meine, es sind schon Pferde gestohlen worden. Jede Menge Hunde, natürlich. Auch die eine oder andere Katze. Aber …« Er kicherte und schüttelte den Kopf. »Ihre Wachleute müssen sich zurzeit sicher eine ganze Reihe von Fragen gefallen lassen, nicht wahr? Ich nehme an, dass im Augenblick einer dem anderen die Schuld zuschiebt.«

»Sie meinen Dane und seine Truppe?«, sagte Billy. »Ich glaube schon, aber ich weiß es nicht.«

»Dane meinte ich gar nicht. Interessant, dass Sie ihn erwähnen. Ich meine eigentlich, wie es so schön heißt, die anderen Wächter. Aber Dane Parnell und seine Kollegen müssen sich auch ein wenig blöde vorkommen. Doch auf die kommen wir später noch zu sprechen. Erkennen Sie das?«

Baron schob einen Notizzettel über den Tisch. Darauf befand sich die Skizze eines Sterns. Vielleicht sollte es auch eine Sonne mit ihren Strahlen sein. Zwei dieser vermutlichen Strahlen waren am Ende aufgerollt und länger als die anderen.

»Ja«, sagte Billy. »Das habe ich gezeichnet. Das trug dieser Typ während meiner Führung. Ich habe es für den Beamten gezeichnet, der mich gestern verhört hat.«

»Wissen Sie, was das ist, Mr. Harrow?«, fragte Baron. »Darf ich Sie Billy nennen? Kennen Sie das?«

»Woher sollte ich? Aber der Typ, der es trug, war gestern die ganze Zeit in meiner Nähe. Er hätte niemals die Zeit gehabt, sich zu entfernen und irgendetwas zu tun. Ich hätte …«

»Haben Sie das früher schon mal gesehen?« Der andere Mann meldete sich zum ersten Mal zu Wort. Er hatte seine Hände verschränkt, als wollte er sie von irgendetwas abhalten. Sein Akzent wies auf keine bestimmte Klasse oder Region hin - er war so neutral, dass er sicherlich ganz bewusst kultiviert worden war. »Bringt das Ihre Erinnerung ein wenig auf Trab?«

Billy zögerte. »Tut mir leid«, sagte er. »Kann ich einfach … Wer sind Sie?«

Baron schüttelte den Kopf. Von einem winzigen Blinzeln abgesehen, verzog der große Mann keine Miene. Die Frau schaute endlich von ihrem Mobiltelefon hoch und gab ein leises Schnalzen von sich.

»Das ist Patrick Vardy, Mr. Harrow«, sagte Baron. Vardy machte eine Faust. »Vardy ist uns bei unseren Ermittlungen behilflich.«

Kein Dienstrang, dachte Billy. Alle Polizisten, die er bisher kennengelernt hatte, waren Constable So-und-so, DC Dies, Inspector Das. Aber nicht Vardy. Vardy stand auf und ging ein Stück aus dem Lichtkreis heraus und unterstrich damit seine inoffizielle Position.

»Haben Sie das vorher schon einmal gesehen?« Baron tippte auf den Zettel. »Erinnern Sie diese Kringel an irgendetwas?«

»Keine Ahnung«, antwortete Billy. »Ich glaube nicht. Was ist das? Verraten Sie es mir?«

»Sie haben unseren Kollegen in Kensington erzählt, der Mann, der das getragen hat, sei Ihnen, ich zitiere, ›aufgebracht‹ vorgekommen oder so ähnlich«, sagte Baron. »Was ist damit?«

»Ja, ich habe zu Mulholland so etwas gesagt«, meinte Billy. »Ich weiß nicht, ob der Typ ein Spinner oder wer weiß was war«, sagte Billy zu Baron. Er zuckte die Achseln. »Einige Besucher, die zu uns kommen, um sich den Kalmar anzusehen, sind ein wenig …«

»Sind von dieser Sorte in der letzten Zeit mehr bei Ihnen aufgetaucht?«, fragte Baron. »Ich meine diese, äh, Sonderlinge?« Vardy beugte sich vor und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Polizeibeamte nickte. »Gab es Leute, die sich merkwürdig verhalten haben?«

»Kalmar-Freaks?«, sagte Billy. »Das weiß ich nicht. Vielleicht. Da waren ein paar, die kostümiert waren oder zumindest merkwürdige Kleidung trugen.« Die Frau notierte sich etwas. Er beobachtete sie dabei.

»Na schön, dann zu etwas anderem«, sagte Baron. »Ist in letzter Zeit außerhalb des Museums etwas Seltsames passiert? Wurden irgendwelche Flugblätter verteilt, gab es Spruchbänder? Irgendwelche Proteste? Haben Sie irgendwelchen anderen auffälligen Schmuck bei einem anderen Besucher gesehen? Ich weiß, ich frage Sie, als wären Sie eine Elster und scharf auf jeden glitzernden Klunker. Sie wissen ja, wie das ist.«

»Nein, das weiß ich nicht«, erwiderte Billy. »Eigentlich weiß ich gar nichts. Es ist schon vorgekommen, dass sich draußen einige Verrückte versammelt haben. Was diesen Typen betrifft, fragen Sie Dane Parnell.« Er zuckte die Achseln. »Wie ich gestern schon sagte, ich glaube, er hat den Typen erkannt.«

»Natürlich würden wir uns gerne mit Dane Parnell unterhalten. Im Wesentlichen darüber, dass er und der Mann mit der geheimnisvollen Anstecknadel sich kannten und so weiter. Aber das können wir nicht.« Vardy flüsterte wieder mit Baron, und dieser fuhr fort: »Weil Dane Parnell, ein wenig wie das Präparat, auf das er aufpassen sollte, und interessanterweise auch der Mann mit der Anstecknadel, verschwunden sind.«

»Verschwunden?«

Baron nickte. »Aufenthaltsort unbekannt«, sagte er. »Niemand geht ans Telefon. Nicht zu Hause. Warum sollte er verschwinden, könnte man fragen. Wir sind sehr daran interessiert, dass er uns bei den guten alten Ermittlungen hilft.«

»Sie haben mit ihm gesprochen?«, fragte die Polizistin plötzlich. Billy zuckte zusammen und starrte sie an. Sie verlagerte ihr Gewicht auf ein Bein. Sie redete schnell mit Londoner Akzent weiter. »Sie reden sehr viel, nicht wahr? Sie schwatzen über alles Mögliche, über das Sie eigentlich nicht reden sollten.«

»Was …?«, sagte Billy. »Wir haben nicht mehr als zehn Worte miteinander gewechselt, seit er bei uns angestellt ist.«

»Was hat er davor gemacht?«, fragte Baron.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung …«

»Hören Sie mal, wie er quiekt!« Die Frau schien sich köstlich zu amüsieren.

Billy blinzelte. Er wollte gute Miene zum bösen Spiel machen, lächelte, versuchte, sie zu einem Lächeln zu animieren, und hatte keinen Erfolg. »Um ganz ehrlich zu sein«, sagte er, »ich mag diesen Kerl eigentlich nicht. Er ist ständig mies gelaunt. Er macht sich noch nicht mal die Mühe, jemanden zu grüßen oder auch nur ein freundliches Wort zu finden.«

Baron, Vardy und die Frau sahen einander vielsagend an. Sie kommunizierten mit gerunzelter Stirn und gespitzten Lippen und wiederholtem Kopfnicken.

Dann ergriff Baron das Wort. »Nun, falls Ihnen noch etwas einfallen sollte, Mr. Harrow, dann lassen Sie es uns bitte wissen.«

»Ja.« Billy schüttelte unwillkürlich den Kopf. »Ja, das tue ich.« Er hob die Hände als Zeichen, dass er sich geschlagen gab.

»Guter Mann.« Baron erhob sich. Er reichte Billy eine Visitenkarte, schüttelte ihm die Hand, als wäre seine Dankbarkeit aufrichtig gemeint, und deutete zur Tür. »Bleiben Sie in der Nähe. Es könnte sein, dass wir uns noch einmal unterhalten müssen.«

»Ja, das denke ich auch«, sagte die Frau.

»Was meinten Sie, als sie sagten, der Mann mit der Anstecknadel sei verschwunden?«, fragte Billy.

Baron zuckte mit den Schultern. »Alles und jeder verschwindet, nicht wahr? Nicht dass er wirklich ›verschwunden‹ wäre; das würde bedeuten, dass er tatsächlich dort gewesen ist. Ihre Besucher müssen sich eintragen und eine Telefonnummer hinterlassen. Wir haben jeden angerufen, den Sie gestern begleitet haben. Und der Gentleman mit dem Stern am Revers …« Baron tippte auf die Zeichnung. »Ed, er hat am Empfang diesen Namen genannt. Richtig, Ed. Die Telefonnummer, die er nannte, steht nicht im Telefonbuch, und niemand hat abgenommen.«

»Dann schauen Sie mal schnell in Ihre Bücher, Billy«, sagte Vardy, als Billy die Tür öffnete. »Ich bin von Ihnen enttäuscht.« Er tippte auf den Zettel. »Schauen Sie mal nach, was Kooby Derry und Morry Ihnen zeigen können.« Die Aufforderung klang seltsam, aber die Worte kamen ihm irgendwie vertraut vor.

»Moment, was?«, fragte Billy von der Tür. »Was meinen Sie?« Vardy winkte ab.

Während der Fahrt in den Süden Londons versuchte Billy, die Begegnung zu analysieren. Es wollte ihm nicht gelingen. Er hatte nicht unter Arrest gestanden: Er hätte jederzeit gehen können. Billy holte sein Mobiltelefon heraus, um Leon sein Leid zu klagen, aber aus Gründen, die er nicht in Worte fassen konnte, verzichtete er auf den Anruf.

Er kehrte aber auch nicht direkt nach Hause zurück. Getrieben von dem untrüglichen Gefühl, dass er beobachtet wurde, fuhr Billy ins Stadtzentrum. Dort wanderte er von Buchladencafé zu Buchladencafé, wühlte sich durch Stapel von Büchern und trank eindeutig zu viel Tee.

Er besaß kein Mobiltelefon mit Internetzugang und hatte auch keinen Laptop bei sich, darum konnte er seine Vermutung nicht überprüfen, dass ungeachtet seiner eigenen Indiskretion am Vortag das Verschwinden des Kalmars kein Thema in den Nachrichten war. Die Londoner Zeitungen brachten jedenfalls nichts darüber. Er aß nichts, obgleich er lange genug unterwegs war. Es waren Stunden, die er umherirrte, bis die meisten Firmen Feierabend machten, bis es Abend wurde und die Nacht hereinbrach. Im Grunde tat er nichts anderes, als nachzudenken und dabei zunehmend frustrierter zu werden. Er verzichtete auch darauf, im Darwin Centre anzurufen, stattdessen grübelte er nur über eine Erklärung für den Vorfall.

Was ihm immer wieder durch den Kopf ging und während dieser Stunden zunehmend an ihm nagte, waren die Namen, die Vardy genannt hatte. Billy war sich absolut sicher, dass er sie schon mal gehört hatte und dass sie für ihn eine Bedeutung hatten. Er bedauerte, bei Vardy nicht intensiver nachgehakt zu haben, obwohl er nicht einmal wusste, wie sie geschrieben wurden. Billy kritzelte mögliche Buchstabenfolgen auf einen Papierfetzen: kubi derry, morry, moray, kobadara und weitere.

Das wird eine verdammt schwierige Suche, dachte er.

Als er schließlich den Heimweg einschlug, weckte ein Mann auf der Rückbank des Autobusses seine Neugier, auch wenn er nicht sagen konnte, weshalb. Billy versuchte, sich darüber klar zu werden, was die Ursache war. Aber er konnte nichts Genaues erkennen.

Der Mann war kräftig gebaut und breitschultrig. Auf dem Kopf trug er eine Kapuze, und er blickte ständig nach unten. Wann immer Billy sich zu ihm umdrehte, beugte er sich nach vorne und wandte das Gesicht dem Fenster zu. Alles, woran sie vorbeikamen, schien Billys Aufmerksamkeit abzulenken.

Ihm war, als würden ihn alle nachtaktiven Tiere und die Gebäude der Stadt und sämtliche Passanten beobachten. Ich muss dieses Gefühl abschütteln, dachte Billy. Aber die Dinge hätten sich auch nicht so anfühlen dürfen. Er musterte einen Mann und eine Frau, die soeben eingestiegen waren. Er stellte sich vor, dass das Paar geradewegs durch die Sitzbank hinter ihm huschen und nicht mehr zu sehen sein würde.

Ein Taubenschwarm überschattete den Bus. Eigentlich sollten die Vögel längst schlafen. Sie flatterten auf, sobald der Bus anfuhr, und landeten, wenn er stoppte. Er wünschte sich, er hätte einen Spiegel bei sich, sodass er dem Mann auf der Rückbank vielleicht ins Gesicht schauen konnte, ohne sich umdrehen zu müssen.

Sie befanden sich auf dem Oberdeck noch über den grellsten Neonlampen von Zentral-London, in Höhe der Baumwipfel und der Fenster im ersten Stock und der Straßenschilder. Die hellen Zonen waren ihrer ozeanischen Ordnung entrissen und stiegen hinauf in die Dunkelheit, anstatt in sie hineinzusinken. Die Straße, in der Lampen brannten und die zusätzlich von der Beleuchtung der Schaufenster erhellt wurde, war der seichteste und hellste Ort. Der Himmel war der Abgrund, markiert durch Sterne, die wie Biolumineszenz erschienen. Auf dem Oberdeck des Busses befanden sie sich am Rand der Tiefe, in den Ausläufern der dysphotischen Zone, wo leere Büros kurz auftauchten und verschwanden. Billy schaute nach oben und hatte das Gefühl, in einen Tiefseegraben zu blicken. Der Mann hinter ihm schaute ebenfalls hoch.

An der nächsten Haltestelle, die nicht seine war, wartete Billy, bis die Türen sich geschlossen hatten, ehe er von seinem Platz aufsprang, die Stufen hinunterrannte und dabei rief: »Moment, Moment, tut mir leid!«

Der Bus ließ ihn auf dem Bürgersteig zurück und tauchte in die Dunkelheit wie ein Unterseeboot. Billy sah, wie ihn der Mann durch das schmutzige Fenster am Ende der oberen Etage direkt anstarrte.

»Scheiße«, sagte Billy. »Scheiße.«

Er riss seine Hand abwehrend hoch. Die Scheibe bog sich, und der Mann wurde nach hinten geworfen, als der Bus sich entfernte. Billys eigene Brille zitterte auf seinem Gesicht. Er gewahrte hinter dem Fenster und dem Riss, der es plötzlich zerteilte, keine Bewegung. Der Mann, den er gesehen hatte, war Dane Parnell.

4

Billy blieb in dieser seltsamen Nacht lange wach. Er zog die Vorhänge seines Wohnzimmers zu, da er sich einbildete, dass das widerwärtige Eichhörnchen ihn beobachtete, während er auf seinem Laptop herumtippte. Warum sollte Dane ihn verfolgt haben? Und wie? Er versuchte zu denken wie ein Detektiv. Darin war er nicht sehr gut.

Er könnte die Polizei benachrichtigen. Er hatte zwar nicht gesehen, dass Dane irgendein Verbrechen beging, aber dennoch. Er sollte es tun. Er könnte Baron anrufen, wie dieser es verlangt hatte. Aber trotz seines Unbehagens - man konnte es auch Angst nennen - wollte Billy das nicht tun.

Sein gesamter Umgang mit Baron, Vardy und der Frau hatte etwas von einem Spiel an sich gehabt. Es war klar, dass man ihm etwas vormachte, dass ihm Informationen vorenthalten wurden, dass sie ihm keinerlei Bedeutung zumaßen außer der, dass er ihnen indirekt dabei behilflich war, ihre Pläne, wie immer die aussahen, in die Tat umzusetzen. Er wollte nicht in die Angelegenheit verwickelt werden. Oder, und oder, er wollte das Ganze selbst verstehen.

Er schlief nur sehr wenig. Am Morgen fuhr er zum Darwin Centre und gelangte leichter hinein, als er es sich vorgestellt hatte. Die beiden Polizisten am Eingang zeigten kein übertriebenes Interesse, sondern warfen nur einen kurzen Blick auf seinen Ausweis. Sie unterbrachen seine sorgfältig konstruierte Geschichte, weshalb er sein Büro aufsuchen müsse, um irgendwelche wichtigen Angelegenheiten zu regeln, die keinen Aufschub duldeten, und dass er sich auch beeilen würde und so weiter und so weiter. Sie winkten ihn einfach durch.

»Den Ausstellungssaal dürfen Sie aber nicht betreten«, sagte einer von ihnen. Okay, dachte Billy. Egal.

Er suchte nach irgendetwas, aber er hatte keine Ahnung nach was. Er verharrte vor Retorten und Spülbecken, vor Plastikbehältern mit transparent erscheinenden Fischen, deren Fleisch durch Enzyme unsichtbar gemacht worden war und deren Knochen man blau gefärbt hatte. In einem Raum lagerten stapelweise Poster für das Beagle Projekt, in dessen Verlauf jene wichtigen frühen Tage von Darwins Reisen in Form eines schwimmenden Labors rekonstruiert werden sollten, das optisch einer verkitschten Ausgabe der Beagle entsprach.

»Hey, Billy«, begrüßte ihn Sara, eine andere Kuratorin, der man aus welchem Grund auch immer den Zutritt gestattet hatte. »Hast du schon gehört?« Sie schaute sich prüfend um und senkte die Stimme, um irgendwelchen Tratsch weiterzugeben, der so unwichtig und nichtssagend war, dass er ihn sofort vergaß, kaum dass sie ihn ausgesprochen hatte. Die Legendenbildung war wie immer nicht aufzuhalten. Billy nickte, als pflichte er ihr bei, schüttelte den Kopf, als wäre das, worüber auch immer sie sprach, eine schockierende Möglichkeit.

»Hast du gehört?«, fuhr sie fort. »Dane Parnell ist verschwunden.«

Nun, das hatte er gehört. Es verursachte bei Billy ein eisiges Frösteln, wie er es am Abend zuvor verspürt hatte, als er Dane nur wenige Schritte entfernt durch das Busfenster gesehen hatte.

»Ich habe mit einem der Polizisten im Ausstellungssaal gesprochen«, sagte Sara. »Er meinte, sie hätten irgendwas gehört, seit, du weißt schon was, verschwand. Irgendein Klappern.«

»Buuh«, sagte Billy wie ein Gespenst. Sie lächelte. Aber das sind meine Halluzinationen, dachte er. Es war reiner Diebstahl. Es waren seine Fantasievorstellungen, die die Polizisten hörten.

Er meldete sich bei einem Arbeitsplatzrechner an und suchte in zahllosen verschiedenen Schreibweisen nach den Namen, die Vardy ihm genannt hatte. Eine nach der anderen strich er sie auf seinem Notizzettel durch. Schließlich gab er die Buchstabenfolgen »Kubodera« und »Mori« ein. »O Mann«, flüsterte er. Starrte auf den Bildschirm und sank nach hinten. »Natürlich.«

Kein Wunder, dass ihm die Namen bekannt vorgekommen waren. Er schämte sich fast. Kubodera und Mori waren die Forscher, die ein paar Monate zuvor als Erste den Riesenkalmar in freier Wildbahn fotografiert hatten.

Er lud sich ihren Bericht herunter. Und sah sich wieder die Bilder an. »Allererste Beobachtungen eines lebenden Riesenkalmars in freier Wildbahn« lautete der Titel des Aufsatzes, als hätten zehnjährige Schüler die Kontrolle über die Artikel der biologischen Fachzeitung Proceedings of the Royal Society B übernommen. Allererste.

Mehrere seiner Kollegen hatten Ausdrucke dieser Bilder über ihren Schreibtischen aufgehängt. Als die Bilder veröffentlicht wurden, war Billy selbst mit zwei Flaschen Cava im Büro erschienen und hatte vorgeschlagen, dass das Datum zum alljährlichen Feiertag, zum Kalmar-Tag, erklärt werden solle. Denn diese Bilder, so hatte er damals zu Leon gesagt, seien eine Sensation.

Das erste, das sie in den Nachrichten gebracht hatten, war das berühmteste. Zu sehen war in dunklem Wasser in fast einem Kilometer Tiefe ein acht Meter langer Kalmar. Seine Tentakel bildeten eine Blüte und schlangen sich von links und rechts um den Köder am Ende der perspektivisch verkürzten Schnur. Aber es war das zweite Bild, das Billy faszinierte.

Auch hier verlor sich die Schnur in der Tiefe, und auch hier schwamm das Tier im dunklen Wasser. Aber diesmal kam es mit der Mundöffnung auf den Betrachter zu. Der Kalmar bildete einen nahezu perfekten Stern: Auf dem Höhepunkt der Bewegung erfolgte der Biss. Die beiden Fangarme, längere Gliedmaßen, die am Ende zu Paddeln abgeflacht waren, lauerten nach hinten gefaltet in der Dunkelheit.

Als hätte eine Explosion die Tentakel aufgespreizt. Dieses Bild widersprach allen verharmlosenden Theorien, dass Architheutis ein schwerfälliges, auf einen günstigen Zufall lauerndes Raubtier war, dessen Tentakel in für das Tiefenwasser typischer Trägheit herabbaumelten, bis eine potenzielle Beute gegen sie stieß, dass mithin der Kalmar kaum mehr als Jäger, sondern eher als dumme Qualle anzusehen war.

Diese Vorstellung wurde von fanatischen Bewunderern des Mesonychoteuthis, dem Koloss-Kalmar, einem riesigen, gedrungen gebauten Rivalen von Architeuthis, in Ehren gehalten. Ja, dieser Mesonychoteuthis war kürzlich ebenfalls mit historisch ungewöhnlichem Elan vor Kamera- und Videooptiken aufgetaucht. Und er war ein Furcht einflößendes Tier. Sicher, er hatte eine größere Masse, und sein Mantel war länger; zugegeben, seine Tentakel griffen nicht mit Saugnäpfen zu, sondern mit gefährlichen gekrümmten Katzenkrallen. Aber ganz gleich, welche Form er hatte und wie auch immer seine Daten sich von Architeuthis unterschieden, er würde niemals der Riesenkalmar sein. Er war ein nach Anerkennung lechzendes Monster. Daher das blödsinnige Gerede derer, die ihn erforschten und sich bemühten, den sprichwörtlichen Kraken ihrem neuen Favoriten unterzuordnen: »ohnegleichen«, »sogar noch größer«, »um eine ganze Größenordnung gefährlicher.«

Aber man brauchte sich nur die Bilder von Kubodera und Mori anzusehen. Das war wohl kaum der schwache Opportunist, den seine Verächter sich erträumt hatten. Architeuthis wartete nicht mit baumelnden Tentakeln. Architeuthis griff an, schoss aus der Tiefe empor, jagte.

Billy starrte auf den Bildschirm. Zehn Arme, fünf sich kreuzende Linien, zwei länger als die anderen. Das silberne Symbol auf der Anstecknadel, das er gesehen hatte, stellte dieses Raubtier dar. So wie es von der Beute wahrgenommen wurde.

Er ging durch die Flure und hatte einen Stapel Papiere unter dem Arm, damit es aussah, als liefe er gezielt von einem bestimmten Ort zu einem anderen. Er betrat Räume, die er betreten durfte, nickte grüßend Polizisten zu, die Räume bewachten, die ihm versperrt waren. Ungeachtet seiner neuen Erkenntnis hatte er keine Ahnung, was er zu finden hoffte.

Er verließ das Darwin Centre und schlenderte zum Museum. Dort sah er keine Polizisten. Er nahm den Weg, den er als Kind immer gegangen war, vorbei am starr blickenden Ichthyosaurus, an versteinerten Ammoniten, vorbei an dem Raum, der mittlerweile als Café genutzt wurde. Dort endlich, im Herzen der Institution, glaubte er, einen Laut zu hören. Das Geräusch von einem rollenden Glas. Sehr schwach.

Es kam - oder klang so als ob, korrigierte er sich - von einer Tür, die für Besucher gesperrt war und nach unten in den Lagerbereich und in die Seitenflure führte. Er lauschte an der Tür, hinter sich die Polizei. Er hörte nichts. Er tippte seinen Zugangscode und stieg die Treppe hinunter.

Billy wanderte durch fensterlose unterirdische Gänge. Er sagte sich, dass er keinem wirklichen Geräusch folgte. Dass der Hinweis, nach dem er suchte, seiner eigenen Fantasie entsprang. In Ordnung, sagte er sich. Hilf mir. Was suche ich? Was beabsichtigst du - was beabsichtige ich - zu tun?

Wächter und Kuratoren hoben die Hände zum kurzen Gruß, als er an ihnen vorbeiging. Die Räume und Flure waren von Industrieregalen gesäumt, gefüllt mit Pappkartons, die mit dicker Schrift markiert waren; mit leeren Glaskästen oder überzähligen Präparaten; mit Papieren; mit ungenutzten Möbeln. Dort unter den Heizungsrohren, zwischen hohen Ziegelwänden und Stützpfeilern, hörte Billy abermals das Geräusch. Hinter einer Biegung. Er folgte ihm wie einer Brotkrumenspur.

Der Korridor weitete sich, nicht zu einem Raum, sondern zu einem breiten Gang. Er war vollgestopft mit taxidermischen Kostproben, ein viktorianisches Beinhaus. Säugetierköpfe blickten von den Wänden herab wie hundert Faladas; Bisons steif wie alternde Soldaten neben einem Gips-Iguanodon und einem zerfledderten Emu. Und dort war ein Dickicht von präparierten, hoch aufgerichteten Giraffenhälsen, deren Köpfe über ihm ein Dach bildeten.

Ein Klirren, ein Klappern. Unter den Neonröhren warfen die ausgestopften Kadaver harte Schatten. Billy hörte ein weiteres leises Geräusch. Es kam aus dem Dunkel vor der Mauer, aus der Tiefe des Präparatelagers.

Billy verließ den Gang. Er zwängte sich zwischen starren antiken Leibern hindurch, drang tiefer in den kleinen Wald tierischer Überreste ein. Er blickte hoch, als hielte er Ausschau nach Vögeln, und suchte sich einen Weg in Richtung der weiß getünchten Mauern. Er vernahm kein weiteres Geräusch mehr, nur sein eigenes angestrengtes Atmen und das Scharren seiner Kleidung auf trockenen Tierfellen. Er umrundete einen Stapel Flusspferdteile und stieß auf etwas, das für einen Moment keinen Sinn ergab.

Glas, ein alter Glasbehälter, größer als alle, die er bisher gesehen hatte. Ein brusthoher mit einem Deckel versehener Zylinder mit verbreiterter Basis, gefüllt mit urinfarbener Konservierungsflüssigkeit und einem Präparat, das er ratlos anstarrte. Etwas, das für diesen Behälter zu groß und grob hineingestopft worden war. Teilweise enthäutet, mit Augen und Pfoten gegen die Innenwand gepresst und mit faltiger Haut, die wie ein Paar geöffneter Schwingen erschien, doch noch während er das dachte, schüttelte er den Kopf, nein.

Billy erkannte, dass das, was er für einen Pelz gehalten hatte, in Wirklichkeit ein besudeltes Hemd war, was er als abgeschält angesehen hatte, Haarlosigkeit und Aufgedunsenheit war, dass das, oh mein Gott, was ihn in schiefer Haltung mit toten Augen anstarrte und missgestaltet an der Innenwand des Glaszylinders klebte, ein Mensch war.

Billy ging den Polizisten aus dem Weg. Er war es nicht einmal selbst, der sie rief. In jenen ersten entsetzten Momenten, als er sich nach oben geschleppt hatte, unfähig, normal zu atmen, hatte er nicht daran gedacht, sie zu alarmieren. Er war stattdessen zu den beiden Polizeibeamten gerannt, die den Eingang des Darwin Centre bewachten, und hatte gerufen: »Schnell! Schnell!«

Ihre Kollegen folgten dem Ruf in großer Zahl, riegelten einen weiteren Teil des Museums ab und erklärten den Keller zur Sperrzone. Sie nahmen Billys Fingerabdrücke. Besorgten ihm eine heiße Schokolade gegen den Schock.

Niemand verhörte ihn. Sie brachten ihn in einen Konferenzsaal und befahlen ihm, nicht wegzugehen, aber niemand fragte ihn, wie er auf das gestoßen war, was er gefunden hatte. Billy wartete neben einem Overhead-Projektor und einem Fernseher auf einem Rolltisch. Er hörte, wie das Museum geräumt wurde, und lauschte den ärgerlichen Protesten der Besucher.

Er wünschte sich Einsamkeit noch dringender als frische Luft. Er wollte, dass sein Körper endlich aufhörte zu zittern, daher setzte er sich und wartete, wie es ihm befohlen worden war, während seine Brillengläser beschlugen, wenn er trank, wartete, bis die Tür aufging und Baron hereinschaute.

»Mr. Harrow«, sagte Baron und schüttelte den Kopf. »Mister Haaaarrow …

Mr. Harrow, Billy, Billy Harrow. Was haben Sie sich dabei gedacht?«

5

Baron setzte sich neben Billy und sah ihn teilnahmsvoll an.

»War wohl ein ziemlicher Schock«, sagte er.

»Was zur Hölle?«, entfuhr es Billy. »Was zur Hölle, wie haben Sie das … Wie ist das geschehen?«

»Das verleiht dem Begriff ›auf Flaschen abfüllen‹ eine ganz neue Bedeutung, nicht wahr? Tut mir leid, ich entschuldige mich«, sagte Baron. »Leichenhallenhumor. Ein reiner Abwehrmechanismus. Sie hatten einen entsetzlichen Schock, das weiß ich. Glauben Sie mir.«

»Was geht hier vor?«, fragte Billy. Baron sagte nichts. »Ich habe Dane gesehen«, fügte Billy hinzu.

»Tatsächlich?«, fragte Baron langsam. »Wirklich?«

»Ich fuhr nach Hause. Gestern Abend. Mit dem Bus. Er saß drin. Er muss mir gefolgt sein. Es sei denn, er war dort nur … nein. Er war mit Absicht dort. Es dürfte für ihn nicht schwierig gewesen sein, herauszukriegen, wo ich wohne …«

»Alles klar. In Ordnung, hören Sie …«

»Ich habe das Gefühl, ich verliere den Verstand«, sagte Billy. »Schon vorher … Vor dem, was ich im Keller fand. Ich hatte das Gefühl, als würde ich verfolgt. Ich habe nichts gesagt, weil es so dumm klingt, wissen Sie …« Der Wind ließ die Fenster klirren. »Ich sage Ihnen, ich drehe langsam durch … Was ist da unten passiert? Hat Dane das getan?«

»Lassen Sie mich mal für einen Moment nachdenken, Mr. Harrow«, sagte Baron.

»Als ich mit Ihnen gesprochen habe, warum war da ein Psychologieprofessor dabei? Vardy. Das ist er nämlich. Ich habe mich über ihn informiert. Nun kommen Sie schon, Baron, gucken Sie nicht so seltsam. Ich brauchte nur ein wenig im Internet zu suchen. Ich habe sofort erkannt, dass er kein Polizist ist.«

»Tatsächlich? Sie können ihn in Kürze selbst fragen.«

»War er dort, weil … Halten Sie mich für verrückt, Baron?« Erneutes Schweigen. »Denken Sie, ich verliere den Verstand? Weil, mein Gott …« Billy atmete zitternd aus. »Jetzt, in diesem Moment, glaube ich, Sie könnten Recht haben.«

»Nein«, wehrte Baron ab. »Niemand von uns denkt, dass Sie durchdrehen. Eher das Gegenteil.« Er schaute auf seine Uhr.

Diesmal schüttelte Vardy Billy die Hand, als er erschien. Er hatte einen unangenehm festen Händedruck. Er trug einen Aktenkoffer bei sich.

»Haben Sie es sich angesehen?«, fragte Baron.

»Es ist im Großen und Ganzen so, wie man es erwarten durfte«, erwiderte Vardy.

»Was?«, rief Billy. »Was haben Sie erwartet? Mit was genau haben Sie gerechnet?«

»Darüber werden wir reden«, erwiderte Vardy. »Wir werden ganz gewiss darüber reden, Billy. Geduld. Wenn ich richtig informiert bin, haben Sie Dane Parnell gesehen.«

Billy fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Vardy erschien zu groß für den Sessel, in dem er saß. Er zog die Schultern zusammen, als wollte er vermeiden, herauszuquellen. Er und Baron wechselten wieder einen vielsagenden Blick.

»Also gut«, sagte Baron. »Versuchen wir es noch einmal neu. Patrick Vardy, Billy Harrow, Kurator. Billy Harrow, Patrick Vardy, Professor für Psychologie an der Central London University. Wie Sie sicherlich längst wissen.«

»Ja, wie ich gesagt habe«, murmelte Billy. »Mein Google Fu ist stark.«

»Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Mr. Harrow«, sagte Baron. »Ich hatte irgendwie angenommen, dass Sie so unfähig sind wie die meisten Leute. Denen würde es niemals einfallen, sich über uns zu informieren.«

»Wie viel wissen Sie über uns?«, fragte Vardy. »Fangen wir mit mir an.«

»Sie sind Psychologe«, sagte Billy achselzuckend. »Sie arbeiten mit der Polizei zusammen. Daher nehme ich an … Sie sind ein Profiler, nicht wahr? Wie Cracker? Wie in Schweigen der Lämmer?« Vardy lächelte knapp. »Dieser arme Kerl da unten wurde in eine Flasche gestopft«, fuhr Billy fort. »Er ist nicht der Erste, nicht wahr? So ist es doch, oder? Sie suchen jemanden … Sie suchen Dane. Dane ist so etwas wie ein Serienmörder. Sie sind hier, um herauszubekommen, was ihn antreibt. Und, du lieber Gott, er will mich, nicht wahr? Er verfolgt mich. Und das hat etwas zu tun mit …«

Er hielt inne. Wie erklärte all das den Kalmar? Baron schürzte die Lippen.

»Nicht ganz«, sagte Baron. »Das ist nicht ganz richtig.« Er zerhackte die Luft über dem Tisch mit den Händen und ordnete unsichtbare Gedanken. Dann setzte er erneut an:

»Sehen Sie, Mr. Harrow. Folgendes liegt an. Gehen wir mal einen Schritt zurück. Wer würde einen Riesenkalmar stehlen wollen? Lassen wir einstweilen das Wie außer Acht. Das ist nicht so wichtig. Konzentrieren wir uns auf das Warum. Es scheint, als könnten Sie uns helfen, und wir können vielleicht etwas für Sie tun. Ich behaupte nicht, dass Sie in Gefahr sind, aber ich sage, dass …«

»O Gott …«

»Billy Harrow, hören Sie zu. Sie müssen wissen, was im Gange ist. Wir haben darüber gesprochen. Wir erzählen Ihnen die ganze Geschichte. Und das absolut vertraulich. Woran Sie sich diesmal bitte halten werden, danke. Nun, das ist etwas, was wir normalerweise nicht publik machen. Wir glauben, dass es hilfreich für Sie sein könnte, wenn Sie Bescheid wissen, und um ganz offen zu sein, wir glauben, dass es auch uns weiterhilft.«

»Warum ist Dane hinter mir her?«, fragte Billy.

»Wie Sie wissen, war ich nicht von Anfang an in diesen Fall involviert. Es gibt bestimmte Warnzeichen, könnte man sagen, die unter speziellen Umständen aufflackern. Bei gewissen Arten von Verbrechen. Das Verschwinden Ihres Kalmars. Außerdem gibt es an dem, was unten im Keller steht, gewisse Aspekte, die … relevant sind. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass die Öffnung des Glasbehälters nicht groß genug ist, um diesen Gentleman hineinzubugsieren.«

»Wie bitte?«

»Was unser Interesse erst richtig weckte«, sagte Baron, »was bei mir ein Klingeln auslöste - und ich meine das wörtlich, auf meinem Schreibtisch steht nämlich eine Glocke -, war diese Skizze, die Sie für uns angefertigt haben.«

Vardy zog eine Fotokopie des wie berauscht überzeichneten Sterns aus dem Aktenkoffer.

»Ich weiß, was das ist«, sagte Billy. »Kubodera und Mori …«

»Darum«, sagte Baron, »leite ich jetzt eine Spezialeinheit.«

»Was für eine Einheit?«

Vardy schob ein anderes Stück Papier über den Tisch. Es war das gleiche Zeichen, zehn ausgebreitete Arme und zwei längere Glieder. Aber es war nicht das, welches Billy gezeichnet hatte. Die Winkel und die Länge der Arme waren ein wenig unterschiedlich.

»Das wurde vor über einem Monat gezeichnet«, erklärte Baron. »In einem Buchladen wurde nachts eingebrochen, und einige Dinge hat man mitgenommen. Ein Typ, der dieses Abzeichen trug, kam ein paar Tage vorher in den Laden, ohne etwas zu kaufen, und sah sich um. Er war nervös.«

»Wenn es um zwei Kids ginge, die T-Shirts mit der Aufschrift Obey Giants tragen, würden wir uns nicht damit befassen«, sagte Vardy schnell mit seiner tiefen Stimme. »Dies ist kein verdammtes Mem. Obgleich es sich in diese Richtung entwickeln könnte, und das würde, vielen Dank auch, die Dinge erheblich verkomplizieren.« Billy blinzelte. »Sind Sie ein Graffiti-Fan? Es taucht erst seit kurzer Zeit auf, aber das tut es immer häufiger. Bald sieht man es als Aufkleber auf Lampenmasten und Studentenrucksäcken. Wie sich herausgestellt hat, ist dies typisch« - er tippte auf das Papier - »für unsere Zeit.«

»Es passt einfach«, warf Baron ein.

»Aber noch nicht ganz«, sagte Vardy. »Als es jedoch ein zweites Mal aufgetaucht ist, haben wir ein Muster gewittert.«

»Der Mann, bei dem eingebrochen wurde«, sagte Baron. »Sein Laden ist in der Charing Cross Road. Er bietet jede Menge Müll an, aber auch einiges an wertvollem antiquarischem Zeug. Sechs Bücher wurden in dieser Nacht gestohlen. Fünf waren gerade erst eingegangen. Wert etwa zweihundert bis dreihundert Pfund. Sie lagen alle vorne auf der Theke und warteten darauf, einsortiert zu werden. Zuerst dachte er, dass sie alles waren, was verschwunden ist.

Aber er hat abschließbare Schränke, und bei einem war das Türglas zerbrochen und im obersten Fach fehlte etwas.« Baron hielt einen Finger hoch. »Ein Band. Aus einem Stapel alter akademischer Fachzeitschriften. Der Antiquar hat feststellen können, was entnommen wurde.«

Baron blickte nach unten und las mühsam vor. »For-hand-linger … ved de Skandinav - und so weiter«, sagte er. »Der Band von 1875.«

»Verstehen Sie Dänisch, Billy?«, fragte Vardy. »Klingelt da etwas bei Ihnen?«

»Irgendein Gauner wollte, dass es so aussieht, als sei er eingedrungen und habe wahllos etwas gegriffen«, sagte Baron. »Also nimmt er einen Stapel Bücher von der Theke. Aber dann geht er fünf Meter weit in einen Regalgang zu einem ganz bestimmten verschlossenen Bücherschrank, zerschlägt eine ganz bestimmte Glasscheibe und holt ein ganz bestimmtes altes Werk heraus.« Baron schüttelte den Kopf. »Es war diese eine Zeitschrift. Genau darum ging es ihm.«

»Daher haben wir uns bei der Königlich Dänischen Akademie nach dem Inhalt erkundigt.« Vardy ergriff wieder das Wort. »Es ist zu alt, um in Datenbanken verfügbar zu sein.«

»Ehrlich gesagt, haben wir dem damals keine besondere Bedeutung beigemessen«, sagte Baron. »Es hatte keine Priorität. Das Ganze wurde nur an uns weitergereicht, weil uns dieses Symbol mehrmals begegnet ist. Als die Liste aus Kopenhagen kam, stach nichts besonders hervor. Aber dann. Nachdem wir hörten, dass dieses Symbol auch hier aufgetaucht ist, und nach dem, was hier geschehen war, hat uns der Bücherdiebstahl von vor einigen Wochen regelrecht angesprungen.«

»Es geht um die Seiten 182 bis 185«, sagte Vardy.

»Ich versuche es gar nicht erst mit Skandinavisch«, sagte Baron, während er las. »Es ist ein Artikel über blaeksprutter, teilten sie uns mit. Übersetzung: Japetus Steenstrup. ›Mehrere Details über den Riesenkalmar des Atlantiks«

»Ich rekapituliere«, sagte Baron. »Wochen bevor Ihr Kalmar geklaut wurde, stahl jemand eine Originalausgabe dieses Artikels.«

»Sie haben sicher schon von dem Autor gehört«, sagte Vardy. Billys Mund stand weit offen. Allerdings hatte er. Der Riesenkalmar war ein Architeuthis dux, doch seine Art war nach dem Mann benannt worden, der ihn taxonomisch bestimmt hatte: Architeuthis Steenstrup.

Vardy sprach weiter: »Nun, zwei Verbrechen, die durch eine eher brüchige Kette miteinander verbunden sind, deuten noch nicht auf eine Verschwörung hin. Hingegen. Zwei Verbrechen - mit dem Knaben im Keller sind es schon drei -, die durch ein solches Schmuckstück und einen Riesenkalmar miteinander verbunden sind, lassen unser Radar klingeln.«

»Das ist eine Angelegenheit von exakt der Art, die unser Interesse weckt«, sagte Baron.

»›Unser‹?«, fragte Billy schließlich. »Wer ist ›unser‹?«

»Wir«, sagte Baron, »sind das FSRC.«

»Das was?«

Baron faltete die Hände. »Erinnern Sie sich an den Verein, der sich Neue Rosenkreuzer nannte?«, fragte er. »Die dieses Mädchen in Walthamstow entführt haben?« Baron deutete mit dem Daumen auf Vardy. »Er hat sie gefunden. Und er war als, ich glaube, man nennt es Berater, auch während der Ermittlungen zum 7.7. tätig. Solche Dinge meine ich. Es ist ein wichtiger Bereich.«

»Welcher Bereich?«

»Schon gut, schon gut«, sagte Baron. »Sie klingen, als würden Sie gleich zu weinen anfangen.« Vardy reichte Billy ein Blatt Papier. Es war, seltsamerweise, sein Lebenslauf. Er hatte in Psychologie promoviert, aber seine Magisterarbeit hatte er in Theologie geschrieben. Sein erster Abschluss. Billy schob die Brille hoch und überflog die Publikationsliste und die Rubrik, in der seine aktuellen Verpflichtungen aufgeführt waren.

»Sie sind Redakteur beim Journal of Fundamentalism Studies?«, fragte Billy. Das war ein Test.

Baron sagte: »Das FSRC ist das Dezernat für fundamentalistische und sektenbezogene Verbrechen.«

Billy starrte erst ihn, dann Vardy und dann seinen Lebenslauf an. »Sie sind ein Profiler«, sagte er. »Sie sind ein Sekten-Profiler.«

Vardy konnte sogar lächeln.

»Da sind …«, Baron zählte an den Fingern ab, »Aum Shinrikyo, auch die Aum-Sekte genannt … die Heimkehrer-Sekte … die Chris-Hunter-Kirche … die Kratosianer, einige von ihnen sind ziemlich krass … Haben Sie eine Ahnung, wie sehr die sektenbezogene Gewalt in den vergangenen zehn Jahren zugenommen hat? Natürlich wissen Sie es nicht, weil, solange es nicht um Al Kaida und ihre Anhänger geht, nichts davon auch nur eine Chance hat, in den Nachrichten erwähnt zu werden. Aber die sind unsere geringste Sorge. Und ein Grund, weshalb Sie noch nichts von all dem gehört haben, ist, dass wir in unserem Job ziemlich gut sind. Wir sorgen für Sicherheit auf den Straßen.

Deshalb wurden Sie gebeten, den Mund zu halten. Aber Sie haben irgendjemandem etwas erzählt. Was Sie, A, nicht hätten tun sollen, und was, B, nicht unbemerkt geblieben ist. Collingswood wird Sie noch einmal ermahnen, allerdings ein wenig eindringlicher.

Es ist nicht so, dass wir richtig geheim sind«, erklärte Baron. »Dass es uns gibt, wird nicht dementiert - das wäre heutzutage gewiss nicht die beste Strategie. Eher entziehen wir uns dem allgemeinen Interesse. Wenn sich jemand nach uns erkundigt, lautet die Antwort meistens: ›Das FSRC? Warum fragen Sie ausgerechnet nach denen? Blödsinn, ein ziemlich peinlicher Verein …‹« Er lächelte. »Sie verstehen.«

Billy hörte Polizeibeamte draußen auf dem Flur. Telefone klingelten.

»Demnach«, sagte er, »sind Sie Sekten-Spezialisten. Aber was hat das mit dem armen Teufel unten im Keller zu tun? Und vor allem, was hat das mit mir zu tun?«

Vardy rief auf seinem Laptop eine Videodatei auf und schob den Laptop dergestalt zurecht, dass alle drei Männer auf den Bildschirm schauen konnten. Ein Büro, ein aufgeräumter Schreibtisch, Bücher in Wandregalen, ein Drucker und ein PC. Da war Vardy, beinahe direkt der Kamera zugewandt, vor ihm ein anderer Mann mit dem Rücken zum Betrachter. Von ihm sah man nur das zurückgekämmte schüttere schwarze Haar und ein graues Jackett. Die Farbwiedergabe war nicht sehr gut.

»… so«, hörte Billy den Mann mit dem abgewandten Gesicht sagen. »Ich war mal für kurze Zeit bei diesem Verein in Epping, stinknormale Verrückte, glaube ich, Balance, Balance, Balance, nicht allzu interessant, nicht wert, Ihre Zeit zu vergeuden.«

»Was ist damit?«, fragte der Vardy im Video und hielt hoch, was Billy als das Symbol erkannte, das er gezeichnet hatte.

Der nur von hinten sichtbare Mann beugte sich vor. »Oh richtig«, sagte er. Er redete in einem atemlos verschwörerischen Tonfall. »Die Toiths, die Toithis«, sagte er. »Ja, nein, ich weiß nicht«, fuhr er fort. »Die Toithis sind neu, glaube ich. Ich habe noch nicht viel von ihnen gesehen, außer dass sie überall diese Zeichnungen hinterlassen. Ein Zeichen, ein Zeichen. Waren Sie mal in Camden? Ich sah es und dachte, ich schau sie mir mal an, aber sie sind ziemlich seltsam, winken einem freundlich zu, aber dann verschwinden sie wieder in der Versenkung. Und? Sind sie geheim?«

»Sind sie es?«, fragte Video-Vardy.

»Nun, sagen Sie es mir, sagen Sie's. Ich komme nicht an sie heran, und Sie kennen mich ja, daher ist es, Sie wissen schon, ziemlich schmerzlich für mich.«

»Lehre?«

»Da bin ich überfragt. Nachdem, was ich höre«, meinte der Mann und ahmte mit der Hand ein plapperndes Mundwerk nach, »kann ich Ihnen nur sagen, dass sie vom Dunkeln, vom Aufsteigen, vom Greifen reden. Sie lieben das, dieses Greifen, hafay …«

»Was?«

»Hafay, hafay, was ist aus Ihrem Griechisch geworden, Professor? Alpha phi eta, hafe, hapsis, wenn Sie wollen, tätscheltätschel, das sagen sie - das Ganze ist eine haptische Angelegenheit.«

Vardy fror das Bild ein. »Er ist eine Art freiberuflicher wissenschaftlicher Assistent. Ein Fan. Und ein Sammler.«

»Von was?«

»Religionen. Sekten.«

»Wie zum Teufel sammelt man Sekten?«

»Indem man ihnen beitritt.«

Draußen vor dem Fenster fuhr der Wind durch die Äste. Der Raum wirkte eng wie eine Zelle. Billy wandte den Blick vom Licht draußen ab.

Der auf dem Bildschirm sei nicht der Einzige, erklärte Vardy. Es sei eine kleine besessene Truppe. Häresiefanatiker, die von Sekte zu Sekte wanderten und dabei Glaubensbekenntnisse anhäuften, gierig wie weiland Renfield. In der einen Woche waren sie Soldaten des Erlöserwurms, in der nächsten gehörten sie zu Opus Dei oder Bobo Dreds. Leute mit einem ausgeprägten Talent zur Hingabe und plötzlichen Anwandlungen von Ernst, genug, um als Neophyten bereitwillig Aufnahme zu finden. Einige waren zynischerweise nur dabei wegen der Kerbe im Bettpfosten, andere waren für zwei oder drei Tage völlig sicher, dass diese Sekte anders war, bis sie wieder ihrer eigenen Natur folgten und sich selbst mit einem gutmütigen Kichern exkommunizierten.

Vardy erzählte, dass sie sich in Cafés an der Edgware Road zu einer Shisha oder in Pubs in Primrose Hill oder an einem Ort namens Almagan Yard, meist aber in ihren bevorzugten Stammlokalen in den »Trap Streets« trafen, um Heilslehren miteinander zu vergleichen. Sie tauschten spielerisch abweichlerische Mysterien, als wären Religionen Karten in irgendeinem Autoquartett.

»Wie sieht denn deine Apokalypse aus?«

»Nun, das Universum ist ein Blatt am Zeitenbaum, das im Herbst verwelkt, herabfällt und in der Hölle landet.« Anerkennendes Gemurmel. »Oh, das ist nett. Mein neuer Verein sagt, dass Ameisen die Sonne auffressen.«

»Er möchte diesen ›Toithis‹ beitreten, wissen Sie«, sagte Vardy. »Er ist ein Komplettist. Aber er kann sie nicht finden.«

»Was ist eine ›Trap Street‹?« Billy wurde ignoriert.

»Toithis«, sagte Baron. »Verstehen Sie? Setzen Sie sich, Harrow.« Billy war aufgestanden und ging zur Tür. »Toithis«, sagte Baron. »Verstanden? Toi-toi-toi-Toooithis.«

»Mir reicht's«, erwiderte Billy.

»Setzen Sie sich«, sagte Vardy.

»Wir sind die verdammte Kultisten-Schwadron, Harrow«, sagte Baron. »Was meinen Sie, weshalb wir gerufen wurden? Was meinen Sie, wer für das verantwortlich ist, was hier vorgeht?«

»Teuthis«, sagte Vardy lächelnd. »Teuthisten. Verehrer des Riesenkalmars.«

6

»Der Artikel in der gestohlenen Zeitschrift«, sagte Baron. Billy blieb stehen, die Hand auf dem Türknauf. »Darin nennt der alte Japetus zum ersten Mal den Namen Architeuthis. Natürlich kann man jederzeit einen Nachdruck kriegen, aber Erstdrucke sind etwas Besonderes, nicht wahr?«

»Er räumte mit einiger Folklore auf«, erläuterte Vardy. »In dem Artikel nimmt er sich irgendein Märchen zur Brust und erklärt: ›Nein, nein, für das alles gibt es eine rationale Erklärung, Gentlemen.‹ Man könnte sagen, da trifft das Seeungeheuer …« Er machte eine ausholende Geste. »Auf dies. Die moderne Welt.« In der Betonung lag deutlicher Spott. »Von der Fabel zur Naturwissenschaft. Das Ende der alten Ordnung. Richtig?« Er wackelte mit dem Finger. Nein. Baron beobachtete ihn mit einem nachsichtigen Lächeln.

»Der Tod einer Legende?«, fuhr Vardy fort. »Weil er ihm einen Namen gibt? Er sagte, es sei Ar-chi-teu-this. Nicht ›großer‹ Kalmar, Billy. Nicht, ›mächtiger‹, nicht einmal ›riesiger.‹ ›Herrschend.‹« Er blinzelte. »Er herrscht? Passt das etwas zum Geist der Aufklärung? Japetus Steenstrup verschiebt den Kraken in die Taxonomie, ja, aber als was? Als verdammten Demiurg.

Steenstrup war ein Prophet. Wissen Sie, was er am Ende der Vorlesung machte? Oh, er hatte Requisiten. Er war ein Showman wie Billy Graham. Er holte einen Glasbehälter hervor, mit was darin? Einem Schnabel.« Vardy schnippte mit den Fingern. »Von einem Riesenkalmar.«

Das Licht verblasste. Wolken zogen auf, als hätte die Dramatik des Geschehens sie angelockt. Billy starrte Vardy an. Er hatte seine Brille in der Hand, daher erschien Vardy ein wenig verschwommen. Billy konnte sich erinnern, diese Geschichte, oder zumindest eine Kurzform, schon mal gehört zu haben. Sie kreiste als Anekdote durch die Hörsäle. Wo sie konnten, möbelten seine Professoren die Geschichten der Theorien ihrer Vorfahren mit stellvertretender Großspurigkeit auf. Sie erzählten Geschichten von einem Universalgelehrten namens Faraday; lasen Feynmans schmerzhaft traurigen Brief an seine verstorbene Frau; beschrieben Edisons Großtuerei; priesen Curie und Bogdanow als Märtyrer ihrer eigenen utopischen Forschungen. Steenstrup war Mitglied dieser verwegenen Gemeinschaft gewesen.

Vardy redete, als könne er tatsächlich Steenstrups Auftritt sehen. Als hätte er dieses schwarze waffenähnliche Ding, das Steenstrup aus dem Glasbehälter geholt hatte, vor Augen. Diesen Teil eines Meerungeheuers, eher ein fremdartiges Werkzeug als ein Mundorgan. Konserviert, wertvoll, sinnfällig wie der Fingerknochen eines Heiligen. Egal was er behauptet hatte, Steenstrups Flasche war eine Reliquie gewesen.

»Dieser Artikel«, sagte Vardy, »stellt einen Wendepunkt dar. Unter einem speziellen Aspekt ist er es durchaus wert, dass man die Gesetze übertritt, um ihn in seinen Besitz zu bringen. Denn es ist ein heiliger Text. Ein Evangelium.«

Billy schüttelte den Kopf. Er hatte das Gefühl, als klingelten seine Ohren.

»Und das«, stellte Baron hörbar amüsiert fest, »ist, wofür der Professor bezahlt wird.«

»Was unsere Diebe getan haben, ist eine Bibliothek aufzubauen«, sagte Vardy. »Ich gehe mit Ihnen jede Wette ein, dass während der letzten Monate ebenfalls Texte von Verrill und Richie und Murray und anderen gestohlen wurden, Sie wissen schon, klassische teuthische Literatur.«

»Mein Gott«, sagte Billy. »Woher wissen Sie so viel darüber?«

Vardy wischte die Frage - im wahrsten Sinne des Wortes mit der Hand - weg wie ein lästiges Insekt.

»Das ist seine Art«, antwortete Baron. »Von Null auf Guru in achtundvierzig Stunden.«

»Können wir weitermachen?«, fragte Vardy.

»Gerne«, sagte Billy. »Glauben Sie, dass diese Sekte das Buch geklaut, den Kalmar weggeschafft und diesen Mann getötet hat? Und dass sie es jetzt auf mich abgesehen hat?«

»Habe ich das gesagt?«, fragte Vardy. »Ich kann nicht mal mit Sicherheit behaupten, dass diese Kalmaris irgendetwas getan haben. Irgendwie passt das alles nicht zusammen, um ehrlich zu sein.«

Billy reagierte darauf mit einem freudlosen Lachen. »Ach nein, glauben Sie das wirklich?«, fragte er sarkastisch.

Vardy ignorierte ihn und fuhr fort: »Aber es hat auf irgendeine Weise mit ihnen zu tun.«

»Ich bitte Sie«, sagte Billy. »Das ist doch völlig bescheuert.« Beinahe verzweifelt: »Eine Religion um Kalmare?«

Der kleine Raum kam ihm wie eine Falle vor. Baron und Vardy beobachteten ihn. »Beruhigen Sie sich«, sagte Vardy. »Man kann an alles glauben. Letztendlich ist alles verehrungswürdig.«

»Wollen Sie etwa behaupten, das wäre alles nur Zufall?«, fragte Baron.

»Ihr Kalmar ist doch verschwunden, oder?«, fügte Vardy hinzu.

»Und niemand beobachtet Sie«, sagte Baron. »Und niemand hat diesem armen Teufel unten im Keller irgendeinen Schaden zugefügt. Es war ein Selbstmord per Flasche.«

»Und Sie …« Vardy fixierte Billy. »Sie haben nicht das Gefühl, dass mit dieser Welt irgendetwas nicht stimmt. Ach, Sie fühlen es doch, nicht wahr? Ich verstehe. Dann wollen Sie sicher mehr hören.«

Stille. »Wie haben sie es getan?«, fragte Billy.

»Manchmal kann man sich auf der Suche nach dem Wie festfahren«, sagte Baron. »Manchmal geschehen Dinge, die nicht geschehen sollten, und man darf sich davon nicht ablenken lassen. Aber was das Warum? betrifft, damit können wir weiterkommen.«

Vardy schritt zum Fenster. Vor dem hellen Viereck war er nur ein schwarzer Schattenriss. Billy konnte nicht erkennen, ob Vardy ihn ansah oder aus dem Fenster blickte.

»Es geht immer um Weihrauch und Klingeling«, kam es aus Vardys unsichtbarem Mund. »Es ist immer etwas Hochkirchliches. Sie könnten … der Welt entsagen« - er ließ sich diese pompöse Phrase auf der Zunge zergehen - »aber bei Sekten wie diesen geht es immer um Rituale und Symbole. Das ist der Punkt. Nicht viele Sekten haben sich reformiert.« Er verließ seinen Platz vor dem Fenster. »Oder wenn sie es getan haben, hallo ihr armen Arschlöcher in der Freizone, findet gleich ein Tridentinum statt, und die alte Ordnung schlägt zurück. Sie brauchen wirklich ihre Sakramente.« Er schüttelte den Kopf.

Billy ging zwischen Postern, trivialen Kunstwerken und Pinnwand-Botschaften von Kollegen, die er nicht kannte, auf und ab. Vardy sprach weiter.

»Wenn man dieses Tier verehrt … Ich will es mal einfach ausdrücken: Sie, Ihr Darwin Centre …« Billy konnte die Verachtung in seinem Tonfall nicht verstehen. »Sie und Ihre Kollegen, Billy, Sie machen Gott zu einem Ausstellungsobjekt. Würde ein echter Anhänger nicht jederzeit versuchen, ihn zu befreien?

Er liegt dort in seinem Formalinbad, ihr reizbarer Jäger-Gott. Sie können sich gewiss vorstellen, wie sich das in ihren Gebeten ausmachen würde. Wie Gott dort beschrieben würde.«

»Richtig«, sagte Billy. »Richtig, aber wissen Sie was? Ich muss hier unbedingt raus.«

Vardy schien zu zitieren: »›Er gleitet durch die Dunkelheit, entleert in die Tinte seine eigene Tinte.‹ So in etwa dürfte es sich anhören. Sollen wir sagen eine schwarze Wolke in längst geschwärztem Wasser? Hier ist ein Koan für Sie, Billy. Es ist ein physisch greifbarer Gott mit so vielen Tentakeln, wie wir Finger haben, und ist das ein Zufall? Denn«, fügte er in normalem Tonfall hinzu, »genauso funktioniert es, verstehen Sie?«

Baron winkte Billy zur Tür. »Bestimmt haben Sie Verse über seinen Mund«, sagte Vardy hinter ihm. »Der harte Schlund eines Himmelsvogels in den tiefen Schluchten des Meeres.« Er zuckte mit den Schultern. »Etwas in dieser Richtung. Sie sind skeptisch? Au contraire: Es ist ein perfekter Gott, Billy. Es ist der verdammt schickste perfekte echte Gott für die heutige Zeit. Denn er ist in keiner Hinsicht wie wir. Fremdartig. Dieser alte bärtige Bursche war niemals glaubwürdig, oder?«

»Glaubwürdig genug für Sie, Sie verdammter Heuchler«, merkte Baron fröhlich an. Billy folgte ihm in den Korridor.

»Die Teuthisten verehren dieses Ding.« Vardy kam hinterher. »Sie müssen ihn vor der Schändung Ihrer, wie ich stark vermute, liebevollen Zuneigung schützen. Ich wette, Sie haben einen Spitznamen für ihn, nicht wahr?« Er legte den Kopf schief. »Ich wette, sein Spitzname ist ›Archie.‹ Offenbar habe ich Recht. Und jetzt verraten Sie mir eins - welcher wahre Gläubige kann so etwas zulassen?«

Sie wanderten durch die Korridore des Museums, und Billy hatte keine Ahnung, wohin sie gingen. Er fühlte sich völlig losgelöst. Als wäre er gar nicht dort. Die Flure waren verlassen. Die Düsternis des Museums hüllte sie ein.

»Wie machen Sie …? Was tun Sie eigentlich?«, wollte er von Vardy wissen, als der Mann mitten in seinen Ausführungen eine Atempause machte. Wie nennt man so was?, überlegte Billy. Diese rekonstituierende Intelligenz, diese berserkerhafte Memeverknüpfung, dieses Erkennen von ersten Mustern im Nichts, gefolgt von Übereinstimmung, dann Kausalität und schließlich dissidentem Sinn.

Jetzt lächelte Vardy sogar. »Paranoia«, sagte er. »Theologie.«

Sie gelangten zu einem Ausgang, den Billy noch nie benutzt hatte, und die kalte Luft von draußen verschlug ihm den Atem. Der Tag war in vollem Gang: Die Bäume schwankten im Wind, und die Wolken jagten dahin wie in einer geheimen Mission. Billy ließ sich auf die Steintreppe sinken.

»Dieser Mann im Keller …«, sagte er.

»Wir wissen noch nichts über ihn«, antwortete Vardy. »Er störte. Ein Abtrünniger, ein Wächter, ein Opfer, irgendetwas. Im Augenblick rede ich von einem Gesamtkonzept.«

»Das alles sollte nicht Ihr Problem sein«, sagte Baron. Mit den Händen in der Tasche richtete er seine Bemerkungen an eins der in Stein gehauenen Tiere an der Gebäudefront. Die Luft ließ Billys Haar und seine Kleidung flattern. »Sie sollten sich nicht mit all dem befassen müssen. Aber die Sache ist die: Was Parnell im Bus angeht und diese Art von Aufmerksamkeit, die Sie betrifft, muss man annehmen, dass Sie denen, aus welchen Gründen auch immer … aufgefallen sind, Mr. Harrow.«

Er fing Billys Blick auf. Billy zuckte zusammen. Er schaute sich auf dem Gelände um, blickte zum Tor, das auf die Straße führte, betrachtete die schwankenden Grünpflanzen. Abfall wurde von Windböen erfasst, kroch über das Pflaster wie gründelndes Getier.

»Sie sind Teil einer Verschwörung, die ihren Gott eingesperrt hat«, sagte Vardy. »Aber da ist noch mehr. Sie sind der gefragte Kalmar-Spezialist, Mr. Harrow. Sie haben das Interesse von jemandem geweckt. Soweit es diese Leute betrifft, sind Sie eine wichtige Person.«

Er stand zwischen Billy und dem Wind. »Sie haben das Verschwinden des Kalmars bemerkt. Sie haben ihn dorthin gebracht. Sie waren der mit den magischen Molluskenfingern.« Er spielte mit seinen eigenen. »Und jetzt haben Sie auch noch diesen Toten gefunden. Ist es da ein Wunder, dass die sich für Sie interessieren?«

»Sie hatten das Gefühl … dass irgendetwas im Gange ist«, sagte Baron. »Könnte man das so ausdrücken?«

»Was geschieht mit mir?« Billy schaffte es, die Worte gelassen auszusprechen.

»Keine Sorge, Billy Harrow. Das, was Sie fühlen, verdanken Sie Ihrem Scharfblick. Es ist keine Paranoia.« Baron wandte sich um, betrachtete das Londoner Panorama und gewahrte, wohin er auch blickte, einen besonders schwarzen Fleck. Billy folgte seinem Blick. »Irgendetwas stimmt nicht. Und es hat Sie bemerkt. Das ist nicht gerade die günstigste Situation.« Billy befand sich im Fokus dieser Welt wie eine winzige, hilflose Beute.

»Was beabsichtigen Sie zu tun?«, fragte er. »Ich meine, Sie wollen aufklären, wer diesen Mann getötet hat. Richtig? Aber was ist mit mir? Werden Sie den Kalmar suchen?«

»Das ist unsere Absicht, ja«, antwortete Baron. »Sektenbezogene Diebstähle gehören schließlich zu unserem Aufgabenbereich. Jetzt kommt auch noch ein Mord hinzu. Ja. Und Ihre Sicherheit ist uns, sagen wir mal, auch nicht gleichgültig.«

»Was wollen diese Leute? Was hat Dane damit zu tun?«, fragte Billy. »Und Sie sind so etwas wie eine geheime Sekten-Kampftruppe, richtig? Also, warum erzählen Sie mir das alles?«

»Ich weiß, ich weiß, Sie fühlen sich ein wenig ausgesetzt und schutzlos«, sagte Baron. »Sozusagen auf einem Präsentierteller. Es gibt Möglichkeiten, wie wir helfen können. Und Sie können sich für diese Hilfe revanchieren.«

»Ob es Ihnen gefällt oder nicht, Sie stecken bereits tief in dieser Sache drin«, sagte Vardy.

»Wir haben ein Angebot für Sie«, führte Baron aus. »Kommen Sie aus der Kälte wieder herein. Gehen Sie mit uns rüber zum Darwin Centre. Dort liegt ein Vorschlag auf dem Tisch. Außerdem wartet dort jemand, den Sie kennenlernen sollten.«

7

Die Räume kamen zur Ruhe, als würden pedantische genii loci ihre Plätze einnehmen. Billy kam sich vor wie ein Außenseiter. War das, was er hörte, Glas, das klirrend davonrollte? Ein Klappern von Knochen?

Die beiden Uniformträger, die den Ausstellungssaal bewachten, reagierten nicht sonderlich respektvoll auf Barons Erscheinen. »Sie haben es bemerkt, nicht wahr?«, sagte Baron halblaut zu Billy. »Im Augenblick machen sie ihre Witze darüber, was FSRC bedeuten kann. Es fängt immer mit ›Fucking Stupid‹ an.«

Im Saal trafen sie wieder die herablassende junge Frau. Sie schaute Billy vielleicht eine Spur freundlicher an als bei ihrer ersten Begegnung. Ihre Uniform wirkte so lässig wie zuvor. Sie hatte einen aufgeklappten Laptop auf den Tisch gestellt, den der Kalmar nicht mehr besetzte. »Alles klar?«, fragte sie. Der militärische Gruß, mit dem sie Vardy und Baron empfing, war eher eine ironische Geste. Als sie Billy gewahrte, hob sie eine Augenbraue. Sie tippte mit nur einer Hand.

»Ich bin Billy.«

Sie schenkte ihm einen Ach-wirklich?-Blick. »Es gibt eine Spur«, sagte sie zu Baron.

»Billy Harrow, WPC Kath Collingswood«, stellte Baron vor.

Sie schnalzte mit der Zunge oder ihrem Kaugummi und drehte ihren Computer herum, aber nicht so weit, dass Billy etwas auf dem Bildschirm erkennen konnte.

»Ganz schön was los«, murmelte Vardy.

»Bei dem Streik und all dem würde man nicht erwarten, auch noch so einen Mist zu Gesicht zu bekommen«, sagte sie. Vardy ließ den Blick durch den Saal wandern, als ob die toten Tiere ...

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