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Der König der purpurnen Stadt

Über die Autorin

Rebecca Gablé, Jahrgang 1964, studierte Literaturwissenschaft, Sprachgeschichte und Mediävistik in Düsseldorf, wo sie anschließend als Dozentin für mittelalterliche englische Literatur tätig war. Heute arbeitet sie als freie Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann in einer ländlichen Kleinstadt am Niederrhein.

Homepage: www.gable.de

Rebecca Gablé

DER
KÖNIG
DER
PURPURNEN
STADT

Historischer Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Für
meine Eltern

When thou haste waltered and went and wakede alle Pe nyghte, And hase werpede thy wyde howses full of wolle sakkes, The bemys benden at the rofe, siche bakone there hynges, Stuffed are sterlynges vndere stelen bowndes – What scholde worthe of that wele if no waste come? Some rote, some ruste some ratouns fede. Let be thy cramynge of thi kystes for Cristis lufe of heuen, Late the peple and the pore hafe parte of thi siluere, For and thou lengare thus lyfe, leue thou no noþer, Thou schall be hanged in helle for that thou here spareste.

Wenn du dich die ganze Nacht gewälzt hast und gewacht Und dein großes Haus mit Wollsäcken gefüllt, Die Dachbalken biegen sich von den Schinken, die dort hängen, Und voll gestopft mit Silbermünzen sind deine Schatullen, Was soll dann werden aus all dem Reichtum, wenn nichts ausgegeben wird?

Manches wird verrotten, manches verrosten, manches die Ratten füttern.

Lass das Horten in deinen Truhen, um der Liebe Christi willen! Lass das Volk und die Armen teilhaben an deinem Silber; Denn wenn du länger so lebst, glaube mir nur, Wirst du in der Hölle enden, weil du hier nur gespart hast.

aus Wynnere and Wastoure, einem Streitgedicht zwischen einem Geizhals und einem Verschwender, ca. 1350, Verfasser unbekannt

DRAMATIS PERSONAE

Es folgt eine Aufstellung der wichtigsten Figuren, wobei die historischen Personen mit einem * gekennzeichnet sind.

KAUFLEUTE UND LONDONER

Jonah Durham

Rupert Hillock, sein Lehrmeister und Cousin

Elizabeth Hillock, Ruperts Frau

Cecilia Hillock, Jonahs und Ruperts Großmutter und ein Drachen

Crispin, Jonahs Freund

Annot, eine kluge Geschäftsfrau

Cecil, ihr Sohn

Isabel Prescote, eine feine Lady mit einem Doppelleben

Martin Greene, Wächter der Tuchhändlergilde

Adam Burnell, Wächter der Tuchhändlergilde, Jonahs Widersacher

Elia Stephens, Tuchhändler und Taugenichts, Jonahs Freund

Giuseppe Bardi, florentinischer Adliger und Vertreter des Bankhauses Bardi* in der Londoner Lombard Street

John Pulteney*, Kaufherr, Meister der Tuchhändlergilde und Mayor of London

David, sein Sohn, Jonahs Lehrling

William de la Pole*, reichster und berüchtigtster Kaufmann Englands

Giselle, seine Tochter

Reginald Conduit*, Alderman, Mayor of London

Francis Willcox, genannt der Fuchs, König der Diebe

Harry, sein Sohn

KÖNIGE, ADEL UND RITTERSCHAFT

Edward III.*, König von England

Philippa von Hainault*, seine Königin

Edward*, der »Schwarze Prinz«, Isabella*, Joanna*, Lionel*, John*, Edmund*, Mary*, Margaret* und Thomas*, ihre Kinderschar, sowie William*, Blanche* und William*, die das Dutzend voll gemacht hätten, wären sie nicht im ersten Lebensjahr gestorben

William Montagu*, Earl of Salisbury

Henry Grosmont*, Earl of Derby und Lancaster

Robert Ufford*, Earl of Suffolk

Sir Walter Manny*, Admiral der englischen Flotte

John Chandos*, der perfekte Ritter

Joan of Kent*, die schönste Frau Englands

… und natürlich Gervais of Waringham und Geoffrey Dermond, von denen an anderer Stelle ausführlicher erzählt wird

Prolog

Nottingham Castle, Oktober 1330

Das sieht dem Bengel ähnlich«, knurrte Richard de Bury. »Wo bleibt er nur?«

Der alternde Gelehrte zog seinen feinen Wollmantel fester um sich und warf einen nervösen Blick zur schwarzen Burgmauer hinauf, an deren Fuß der kalte Herbstwind besonders schneidend zu pfeifen schien.

»Er wird schon kommen«, sagte William Montagu beschwichtigend. Er ging ein paar Schritte auf und ab, um sich warm zu halten.

»Herrgott, steht doch um Himmels willen still, Montagu, Euer Scheppern weckt ja die Toten auf.«

Montagu unterdrückte ein Seufzen und trat wieder zu ihm. »Ihr meckert wie ein altes Weib, Doktor. Niemand dort oben kann meine Rüstung hören bei dem Wind. Außerdem stehen die Wachen auf der Ostseite.«

»Woher wollt Ihr das wissen?«

»William Elland, der Kastellan, hat es gesagt.«

Bury brummte verächtlich. »Dann lasst uns hoffen, dass er die Wahrheit gesagt hat und kein doppeltes Spiel treibt.«

Montagu schüttelte den Kopf. »Er ist dem König ebenso ergeben wie Ihr und ich.«

»Dann wird er ebenso hängen wie Ihr und ich«, versetzte Bury gallig. »Lieber Gott im Himmel, warum muss ausgerechnet ich diese Torheit begehen? Ich wünschte, du hättest mich heute Nacht an einen anderen Platz gestellt. Dieser Irrsinn kann nicht gelingen; ich habe von Anfang an gesagt, es ist aussichtslos.«

»Umso mehr ehrt es Euch, dass Ihr dennoch gekommen seid, Sir«, raunte eine leise Stimme aus der Dunkelheit. Im nächsten Moment glitt ein Schatten neben sie, eine große, dunkle Gestalt in einem wallenden Mantel. Als er vor ihnen stand, erkannten sie das schwache Schimmern seiner Rüstung.

Die beiden Männer verneigten sich.

»Wann wirst du lernen, pünktlich zu einer Verabredung zu kommen, Edward?«, tadelte Bury. »Pünktlichkeit, mein Junge, ist die Höflichkeit der Könige. Das habe ich dir schon hundertmal gesagt.«

Der Neuankömmling neigte den Kopf zur Seite und lächelte schwach. »Also will ich es von heute an beherzigen. Seid Ihr bereit?«

Montagu nickte stumm.

»So bereit, wie ich je sein werde«, murmelte Bury.

»Dann lasst uns gehen, ehe Ihr Euren Entschluss ändert, Sir. Geht voraus, Montagu. Der Kastellan sagt, Ihr kennt den Weg.«

Montagu wandte sich nach links. Er führte sie am verschlossenen Haupttor der Ringmauer vorbei auf die Westseite der gewaltigen Burg, die der normannische Eroberer William auf den felsigen Hügeln über der Stadt Nottingham erbaut hatte. Unter sich sahen sie im Mondschein ein schwarzes, schimmerndes Band: den Trent.

Die Felsen, die aus der Ferne so massiv und ehern wirkten, waren in Wirklichkeit von Höhlen und tiefen Spalten zerklüftet. Montagu führte seine beiden Begleiter einen schmalen Grat entlang, dann kletterten sie einen kurzen, steilen Hang hinab – kein ungefährliches Unterfangen bei der Finsternis, aber schließlich standen sie alle drei wohlbehalten am Eingang der mittleren von drei nebeneinander liegenden Höhlen mit beinah kreisrunden Öffnungen.

»Hier muss es sein«, raunte Montagu.

Allenthalben schoben sich eilige Wolken vor den fast vollen Mond. Doch Montagu hatte scharfe Augen, die sich längst auf das schwache Licht eingestellt hatten, und er erkannte das krude Löwenbildnis, welches gleich am Höhleneingang in den Fels geritzt war, weil er wusste, dass es da sein musste. »Hier ist das Zeichen, das der Kastellan uns gemacht hat. Nicht gerade ein begnadeter Künstler. Doch dies ist die richtige Höhle.«

Sie betraten die niedrige Felsenkammer, und Bury fischte seinen Feuerstein und Zunder aus dem Beutel und entzündete die Fackel, die er trug. Die unruhige Flamme warf unheimliche Schatten an die rauen Wände, aber kein Getier kreuchte und fleuchte, wie der junge Edward insgeheim befürchtet hatte. In der gegenüberliegenden Wand befand sich eine schmale Öffnung, gerade breit genug, dass ein Mann sich hindurchzwängen konnte. »Der Geheimgang«, bemerkte Bury zufrieden.

Edward zog sein Schwert. Er verharrte noch einen Augenblick, und Bury sah, dass er die freie Linke zur Faust geballt hatte.

»Himmlischer Vater, steh mir bei«, murmelte der junge Mann. »Denn es ist mein Recht

Dann beugte er sich vor und betrat vor seinen beiden Begleitern den niedrigen Gang.

Der Tunnel führte zuerst geradeaus, machte dann eine scharfe Rechtsbiegung und schlängelte sich aufwärts. Er war so schmal, dass sie mit den Schultern an den Wänden entlangstreiften, und Edward und Montagu mussten ein wenig die Köpfe einziehen. Aber sie stießen auf keine Hindernisse. Schließlich gelangten sie an den Fuß einer grob behauenen Steintreppe und machten sich an den Aufstieg. Die ungleichmäßigen, tückischen Stufen zogen sich länger hin, als sie erwartet hatten. Oben angekommen, keuchte Bury ein wenig.

Edward legte ihm einen Moment die Hand auf den Arm. »Seid Ihr wohl, Doktor?«

Der ältere Mann lächelte. »O ja. Mach dir um mich keine Sorgen. Ich bin ein alter Bücherwurm und keine Anstrengungen gewöhnt, aber vorerst werde ich nicht schlappmachen.«

Edward klopfte ihm mit einem leisen Lachen die Schulter. »Das wollte ich hören.«

Montagu hatte unterdessen die niedrige Decke des Treppenabsatzes abgetastet. »Hier ist die Falltür«, verkündete er.

Zusammen mit dem jüngeren Mann stemmte er sich dagegen, und als sie schon fürchteten, die Falltür sei von oben verriegelt und ihr Plan gescheitert, bewegte sie sich plötzlich. Staub rieselte herab in ihre aufwärts gewandten Gesichter. Wenig später standen sie keuchend und schwitzend in einer Wachkammer im Untergeschoss des Burgturms. Die Oberseite der hölzernen Falltür war dreckverkrustet, sodass man sie kaum von dem festgestampften Boden unterscheiden konnte, der außerdem mit einer dicken, alten Strohschicht bedeckt war.

»Kein Wunder, dass niemand von dieser Tür wusste«, bemerkte Bury.

»Niemand außer dem Kastellan«, schränkte Montagu ein.

»Gott segne ihn«, raunte Edward. »Dank seiner Hilfe sind wir unter Mortimers walisischen Wachen einfach hindurchspaziert, und morgen früh werden sie feststellen, dass die Maus den Speck gestohlen hat, ohne dass die Falle zugeschnappt ist.«

»Noch ist es nicht vollbracht«, erwiderte Montagu warnend. »Es sollte mich wundern, wenn Mortimer unbewacht schliefe.«

Edward nickte, aber seine Miene verriet seine Ungeduld. Ohne ein weiteres Wort gingen sie zur Haupthalle hinauf. Der große Raum, wo vor wenigen Stunden noch der Kronrat getagt hatte, lag leer und dunkel da; es war geradezu gespenstisch. Die hallende Stille machte den Eindruck, als sei die Burg vollkommen verlassen. Und das stimmte auch fast. Aus Argwohn gegenüber den Adligen des Rates hatte Roger Mortimer angeordnet, dass sie alle in der Stadt und nicht hier auf der Burg zu logieren hatten. Darum war Mortimer heute Nacht nahezu allein hier.

Edward ging nun voraus. Zügig, aber beinah lautlos stieg er mit seinen Begleitern die nächste Treppe hinauf, die zu den Schlafkammern im Obergeschoss der Burg führte. Auch die beiden anderen hielten jetzt die blanke Klinge in der Rechten.

»Es geht leichter, als ich gedacht hätte«, murmelte Edward.

Er hatte kaum ausgesprochen, als greller Fackelschein sie plötzlich blendete.

»Wer da?«, rief eine tiefe Stimme.

»Im Namen des Königs, lasst Eure Waffen fallen!«, befahl Montagu.

Die walisischen Soldaten zeigten sich wenig beeindruckt. Zu fünft hatten sie in dem kleinen Vorraum vor den Privatgemächern gewacht. Alle sprangen auf und zogen die Klingen. Edward stand reglos und sah zwei Umrisse vor dem zuckenden Fackelschein auf sich zustürzen. Erst im letzten Moment hob er das Schwert und wehrte den vorderen ab, lenkte den Angriff nach rechts, sodass der Soldat zur Seite geschleudert wurde, und streckte den zweiten nieder. Fast sofort stürzte sich ein Angreifer von links auf ihn, er spürte den scharfen Luftzug der Waffe im Gesicht, doch er sprang mühelos zur Seite. Es wurde ein kurzer, aber erbitterter Kampf. Die Bewacher waren zahlenmäßig überlegen, und sie waren schnell und geschickt. Schließlich errangen die drei Eindringlinge jedoch die Oberhand. Montagu hatte sich vor Edward gedrängt, schirmte ihn ab und kämpfte mit Schwert und Dolch. Er tötete drei. Den Letzten überließ er Bury.

Kaum hatten sie die Wachen überwältigt, als die Tür zur Linken aufgerissen wurde. Ein groß gewachsener Mann stand auf der Schwelle, eingehüllt in einen kostbaren, pelzgefütterten Mantel, den er mit einer Hand vor sich zusammenhielt, als trüge er nichts darunter.

»Was geht hier vor?«, rief er erbost. »Wer wagt es, unsere Nachtruhe zu stören?«

Für einen Augenblick herrschte ein unsicheres Schweigen. Dann machte Edward einen Schritt nach vorn. »Niemand von Bedeutung, Sir, nur der König von England.«

Der Mann in der Tür blinzelte verwirrt. »Und was fällt Euch ein, meine Wachen niederzumachen? Was wollt Ihr hier zu dieser Stunde?«

Edward sah ihn einen Moment forschend an und trat dann an ihm vorbei in das Schlafgemach. »Mein Recht.«

Der großzügige Raum war nur spärlich möbliert, doch der Baldachin und die Vorhänge des breiten Bettes waren aus kostbarem, weinrotem Brokat und mit Ranken aus venezianischem Goldfaden bestickt.

»Mutter?«

Die Bettvorhänge raschelten. »Eduard? C’est vous? Mais pourquoi …«

Eine unfreundliche Hand umklammerte Edwards Ellbogen und schleuderte ihn herum. »Was erlaubt Ihr Euch, Edward? Schert Euch zum Teufel! Und wagt es nicht noch einmal, Eurer Mutter und mir nachzustellen!«

Edward befreite seinen Arm mit einem beiläufigen Ruck. »Ihr verkennt die Situation, Sir. Ihr seid am Ende. Ihr ebenso wie meine verehrte Mutter.«

Der Mann starrte ihn einen Augenblick ungläubig an, sah zu den beiden Begleitern und begann zu lachen. »Was soll das darstellen? Eine Revolte? Ein alter Schulmeister, ein verlotterter Bettelritter und ein Knabe?« Er hörte abrupt auf zu lachen. »Besser, du verschwindest auf der Stelle wieder. Dann werde ich vielleicht vergessen, was hier heute passiert ist. Hast du nicht gehört?«

Er streckte plötzlich die Hand aus, doch Edward hatte sein Gelenk gepackt, ehe er die Waffen auf dem niedrigen Schemel erreichen konnte. Der Mantel bedeckte die Blöße des Mannes nicht länger. Edward neigte leicht den Kopf zur Seite, sah kurz auf das runzelige Glied und räusperte sich ironisch. »Ich schlage vor, Ihr kleidet Euch an, ehe wir nach London aufbrechen.«

Der Bettvorhang wurde zurückgeschoben, und die Königinmutter kam zum Vorschein, mit offenen Haaren, aber immerhin vollständig bekleidet. »Eduard!« Ihre Stimme klang schneidend.

»Auch Ihr solltet Euch reisefertig machen, Mutter.«

»Jetzt ist es genug«, grollte ihr Liebhaber. »Was glaubt Ihr eigentlich, wen Ihr hier vor Euch habt? Ihr könnt uns keine Befehle erteilen!« Er unterbrach sich kurz, riss sich von Edwards Griff los und verschränkte die Arme. »Jetzt hör gut zu, du Grünschnabel: Auch wenn du hier wie ein Strauchdieb eingedrungen bist und meine Wachen niedergemetzelt hast, ändert das nichts an den Tatsachen. Deine Mutter ist die Königin, ich bin der Earl of March, Nachfahre von König Artus und dem ruhmreichen Brutus, und wir regieren dieses Land!«

Edward lächelte unverbindlich. »Nicht mehr.« Er nickte Bury und Montagu zu. »Fesselt ihn und bringt ihn hinaus.«

Das ließen sie sich nicht zweimal sagen.

Mortimer sah ungläubig zu, wie Montagu die vorbereiteten Stricke um seine Gelenke wickelte, und warf Edward einen gefährlichen, hasserfüllten Blick zu. »Das hat dein Vater auch schon versucht. Aber es hat ihm nichts genützt. Dieser jammervolle Schwächling konnte mich nicht aufhalten, auch wenn er mich eingesperrt und mir meine Güter gestohlen hat.«

Edward blickte ihm in die Augen und nickte langsam. »Einer seiner unverzeihlichsten Fehler. Dieses Mal, Sir, werdet Ihr hängen.«

Abbildung