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Der König der Komödianten

BASTEI ENTERTAINMENT

Abbildung

Für Kerstin

Für uns und uns’re Vorstellung

Mit untertän’ger Huldigung

Ersuchen wir Genehmigung.

Shakespeare, Hamlet,

3. Aufzug 2. Szene

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sternMucksmäuschenstill lag ich der Länge nach ausgestreckt auf dem Deckenbalken und starrte hinunter zu dem Paar auf dem Küchentisch.

Von oben betrachtet kam mir der Akt nicht so aufregend vor, wie ich es gehofft hatte. Vor allem von Paulina konnte ich kaum etwas erkennen, und das Wenige, das sich mir bot, mutete eher komisch als aufregend an. Das mochte daran liegen, dass Paulina hinter Onkel Vittores Rücken ihre Fingernägel begutachtete und dabei einen recht gelangweilten Eindruck machte. Es schien fast so, als wäre sie in diesem Moment lieber woanders.

Ich wiederum gab mich die ganze Zeit der stillen Hoffnung hin, Onkel Vittore würde vielleicht seine Position ändern, damit ich mehr von Paulinas Körper erkennen konnte. Wie Onkel Vittore aussah, ob von vorn oder von hinten, wusste ich nur zu gut, da ich ihm gelegentlich beim Baden helfen musste, weil seine Gicht in den letzten paar Jahren solche Verrichtungen wie das Besteigen eines Zubers zu einer gefährlichen Angelegenheit machte.

Bei seinen Bemühungen mit Paulina kam er allein zurecht, auch wenn es den Anschein hatte, dass es ihn mehr Kraft kostete, als ihm zu Gebote stand. Sein Ächzen klang wesentlich lauter als beim letzen Mal.

Dass er mit seinem Glied in jenen unaussprechlichen Teil ihres Körpers eingedrungen war, wusste ich, schließlich hatte ich schon beobachtet, wie sich die Tiere paarten. Der Vorgang als solcher war für mich kein Geheimnis, und doch ging es bei Menschen ganz anders vonstatten. Allein die Tatsache, dass mein Onkel auf Paulina lag, fand ich höchst bemerkenswert, vor allem im Hinblick darauf, dass er dabei ihre Brüste direkt vor Augen hatte. Was für eine geniale Einrichtung der Natur, dass Menschen sich von Angesicht zu Angesicht vereinigen konnten!

Paulina streckte die Hand aus und ergriff einen Brotkanten. Zerstreut biss sie hinein und kaute, während ihr Blick müßig über die Decke streifte. Ich hielt die Luft an, doch dann wurde Paulina vom Gackern eines Huhns abgelenkt, das von draußen den Weg in die Küche gefunden hatte und in der Nähe des Kochkamins herumpickte.

Onkel Vittore steigerte unterdessen seine Anstrengungen und bewegte sich schneller. Nach allem, was ich inzwischen wusste, würde es nun nicht mehr lange dauern.

Eines war jedoch sonderbar: Die Laute, die sich Onkel Vittore entrangen, waren mit einem Mal von seltsam fiependen Tönen unterlegt, es klang, als würde eine Gans erwürgt.

Paulina hatte anscheinend den Geschmack am Brot verloren. Sie legte es zurück und pulte mit den Fingern zwischen ihren Zähnen herum.

»Ich liebe deine Leidenschaft.« Ihre Stimme klang eigentümlich monoton, und ich fragte mich, ob sie die Wahrheit sprach. Zweifeln ließ mich, dass sie dabei die Nase rümpfte – Onkel Vittore pflegte schon zum Frühstück reichlich Zwiebeln zu sich zu nehmen.

Ich fühlte mich zu einem stummen Zitat inspiriert. Nam quotiens futuit, totiens ulciscitur ambos: illam affligit odore, ipse perit podagra …1

Mir stockte der Atem, denn in diesem Moment bewegte sich Onkel Vittore ein wenig zur Seite, sodass Paulinas nackte Brüste sichtbar wurden. Vorhin, als sie ihr Gewand geöffnet hatte, hatte ich sie nur kurz sehen können, weil die kahle Kugel, die der Schädel meines Onkels von hier oben aus betrachtet war, sofort die weiblichen Wölbungen verdeckt hatte. Jedenfalls eine davon, für alle beide war er zu klein, denn sie waren, zumindest nach meinem Dafürhalten, gewaltig. Die andere lag unter seiner Schulter verborgen, doch nun, da er sich zur Seite schob, wurde ihr ganzer Oberkörper sichtbar.

Da waren sie! Ehrfürchtig bestaunte ich dieses unfassbare anatomische Wunder und wünschte mir, an Onkel Vittores Stelle zu sein. Wenigstens für einen kleinen Moment, um einmal diese ungeheuren Auswüchse weiblicher Besonderheit aus der Nähe betrachten zu können.

»Bist du schon fertig?«, fragte Paulina.

Mein Onkel antwortete nicht. Er hatte aufgehört, sich zu bewegen. Paulina tätschelte ihm den kahlen Schädel. »Vittore? Das ging aber schnell.«

Das fand ich auch. Das letzte Mal, vor zwei Wochen, hatte ich hinter der Kiste mit den Zwiebeln gehockt und von dieser Warte aus nur die herabbaumelnden Füße von Paulina sowie die bleichen Waden meines Onkels gesehen, doch der Akt war mir bedeutend länger vorgekommen als dieser. Desgleichen alle anderen, denen ich schon zuvor heimlich hatte lauschen können. An diesem Tag befand ich mich dank des Einfalls, auf den Balken zu klettern, in der außergewöhnlichen Situation, zum ersten Mal direkt zuschauen zu können.

»Vittore?«

In dem Moment machte ich den Fehler, mich zu bewegen. Es war nur ein Drehen des Kopfes, um die Fliege zu verscheuchen, die sich schon zwei Mal auf meine Nase gesetzt hatte, während ich hier oben auf der Lauer lag. Doch die kurze Bewegung reichte, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen, sodass ich beide Arme um den Balken schlingen musste, um nicht abzurutschen oder gar hinabzustürzen. Damit verursachte ich ein Geräusch, das sofort Paulinas Blicke nach oben lenkte.

Sie schrie auf, als sei ihr ein Höllengeist erschienen, was möglicherweise tatsächlich ihrem ersten Eindruck entsprach, denn ich hatte mir, bevor ich den Balken erklommen hatte, das Gesicht mit Ruß vom Herd geschwärzt, um mich farblich der von jahrzehntelangen Kochdünsten gebeizten Decke anzugleichen.

»Vittore!«, kreischte Paulina. »Da oben ist jemand!« Gleich darauf hielt sie inne.

»Marco? Bist du das etwa?« Wieder hob sie an zu schreien, doch diesmal vor Zorn. »Marco! Du Lausebengel! Wieso bist du nicht bei der Feldarbeit!« Sie rüttelte meinen Onkel an der Schulter. »Vittore, geh runter von mir! Der Junge liegt da oben auf dem Balken und schaut uns die ganze Zeit zu! Vittore! Bist du taub?«

Sie schüttelte ihn heftiger, was dazu führte, dass er gänzlich von ihr herabrutschte – und mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden schlug.

Abermals schrie Paulina auf, diesmal vor Entsetzen, und während ich einen kurzen Blick auf fassförmige weiße Schenkel und die dunkel behaarte Unaussprechlichkeit dazwischen erhaschte, rappelte sie sich vom Tisch hoch.

»O Gott, Vittore! Vittore! Was ist mit dir?«

Ihre schrillen Schreie und der Schrecken, der sich meiner beim Anblick meines reglos daliegenden Onkels bemächtigte, brachten mich vollends aus dem Gleichgewicht, und ich rutschte ab. Ich schaffte es zwar noch, mich mit beiden Händen an dem Balken festzuklammern und unter halsbrecherischem Schwingen dort hängen zu bleiben, doch ich sah mich außerstande, wieder hinaufzukommen, um den Rückweg bis zur Wand und von dort aus auf den Schrank anzutreten, von dem aus ich zu Beginn meines Beobachtungsmanövers den Balken erklettert hatte. Es gab folglich nur noch den direkten Weg nach unten. Während ich fieberhaft überlegte, ob ich mich wohl, an dem Balken festhaltend, Stück für Stück bis über den Tisch hangeln konnte, um nicht ganz so tief zu fallen, kippten Paulinas Schreie über, als wollte der Teufel ihre Seele holen.

»Vittore! Bist du etwa tot

Meine Hände glitten vom Balken, und einen Lidschlag später landete ich auf den Steinplatten des Küchenbodens. Das hässliche Knacken meines rechten Beins spürte ich mehr, als dass ich es hörte, denn Paulina schrie nun ohne Unterlass. Ich versuchte, aufzustehen und zu meinem Onkel zu gelangen, doch mein Bein knickte unter mir weg. Also benutzte ich nur das andere und hüpfte hinüber zum Tisch, wo Paulina über meinen Onkel gebeugt dastand und wie von Sinnen kreischte.

»Onkel Vittore?«, stieß ich hervor, auf einem Bein stehend wie ein Storch.

Er sah mit offenen Augen zu mir hoch, doch sein Blick war leer.

Von Paulinas Geschrei alarmiert, kam im nächsten Moment der Stallknecht in die Küche gestürzt. Ernesto war schon alt und länger in unseren Diensten, als ich auf der Welt war, und mein hilfloses Entsetzen milderte sich ein wenig bei seinem Erscheinen, denn er schien zu wissen, was zu tun war. Grob schubste er die abrupt verstummende Paulina zur Seite und gab meinem Onkel ein paar Ohrfeigen. »Domine?«, brüllte er. »Domine?«

Gleich darauf hielt er unvermittelt inne und bekreuzigte sich. Sich zu Paulina umwendend, richtete er sich auf. »Eines ist sicher«, sagte er.

»Dass er tot ist?«, fragte sie, starr vor Schreck.

»Nun ja«, meinte Ernesto, als wäre gerade das an dem ganzen Vorfall eher nebensächlich. In seiner pragmatischen Art deutete er auf die offene Hose meines Onkels. »Er starb als glücklicher Mann.«

sternAn die folgenden Tage erinnerte ich mich später nur lückenhaft, denn ich war wie gelähmt vor Trauer. Onkel Vittore war der einzige Mensch, der mir nahestand, und ich hatte, solange ich denken konnte, mit tiefer Liebe an ihm gehangen. Eigentlich war er gar nicht mein Onkel, sondern nur um zwei Ecken mit mir verwandt, doch da meine Mutter bei meiner Geburt verstorben war und ich nach dem Ableben der übrigen Verwandtschaft keine anderen Angehörigen mehr hatte, war er zugleich meine ganze Familie und somit der Mensch, um den sich mein Leben von Beginn an gedreht hatte.

Alles, was ich je an Wissen verinnerlicht hatte, kam von ihm – von einigen geheimen Kleinigkeiten abgesehen, die ich mir aus gewissen anstößigen Zeichnungen angeeignet hatte, welche Ernesto unter seiner Matratze versteckte –, ob es nun um das Einmaleins ging oder darum, wie man einen Pflug durchs Feld zog und ein Huhn köpfte.

Onkel Vittore hatte stets den Standpunkt vertreten, ein ordentlicher und aufrechter Gutsherr müsse alles lernen, was ihm nützte, und so hatte er mich von klein auf unterrichtet, nicht nur bei der Feldarbeit und beim Versorgen des Viehs, sondern auch am Lesepult. Er hatte mich Rechnen und Schreiben gelehrt, desgleichen Griechisch und Latein, hatte mich mit Pythagoras und dem Liber Abacci ebenso vertraut gemacht wie mit Platon, Plinius und einigen anderen Geistesgrößen. In unserer Bibliothek gab es bestimmt an die hundert Bücher, und ich hatte sie alle gelesen. Überdies hatte er mich im Reiten und Fechten unterwiesen, auch wenn das Pferd eine uralte Mähre und das Schwert nur aus Holz war.

»Eines Tages wirst du all diese Fertigkeiten gut gebrauchen können, Marco«, hatte er zuweilen erklärt. Wann genau das sein würde, hatte er freilich nie gesagt, weshalb ich ihn im Laufe des letzten Jahres häufiger gefragt hatte, ob es wohl bald wieder Krieg geben würde. Zum bäuerlichen Leben fehlte mir die innere Überzeugung. Was mit Euklid und Sokrates anzufangen war, erschloss sich mir ebenfalls nicht auf Anhieb, wohl aber der Nutzen von Ross und Waffe: Ich war wild entschlossen, zur Kavallerie zu gehen und dort meinen Mann zu stehen. Nicht erst seit dem Studium der Schriften römischer Herrscher wusste ich, dass kaum etwas dem Edlen besser ansteht, als tapfer zu Felde zu ziehen. Oder vielleicht auch, zur See zu fahren. Die ruhmreiche Schlacht von Lepanto hatte ein paar Jahre vor meiner Geburt stattgefunden, war jedoch immer noch in aller Munde, und ich stellte mir häufig vor, auf dem Geschützdeck einer gewaltigen Kriegsgaleere zu stehen und Kanonen auf die Osmanen abzufeuern.

Über solcherlei Ansinnen war Onkel Vittore stets lächelnd hinweggegangen, doch immerhin hatte er einige Wochen zuvor die vielversprechende Bemerkung gemacht, es sei wohl endlich an der Zeit, mich einmal mit in die Stadt zu nehmen. Mit Die Stadt war die Serenissima2 gemeint. Die prächtigste Metropole des Abendlandes, die Krone europäischer Kultur, kurz: Venedig, der schönste Ort der Welt. Jedenfalls waren das die Worte, die Onkel Vittore zur Beschreibung der Lagunenstadt zu verwenden pflegte. Seitdem war kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht nachgefragt hatte, wann es denn endlich so weit wäre, worauf Onkel Vittore erst in der vergangenen Woche versprochen hatte, dass es zu meinem achtzehnten Geburtstag geschehen solle. Ich brachte kaum genug Geduld auf, die verbleibende Zeit ohne drängende Fragen zu überstehen, und nicht einmal die unverhoffte Möglichkeit, meinen Onkel und Paulina beim Akt zu beobachten, hatte mich von meiner angespannten Vorfreude ablenken können.

Unselige Parzen fügten es, dass Onkel Vittore fünf Tage vor meinem Geburtstag starb und ich deswegen nicht nur um meine Venedigreise gebracht war, sondern auch darum, wie ein aufrechter Mann an seinem Grab zu stehen: Wegen meines gebrochenen Beins musste ich auf einem Karren sitzen, auf dem mich Ernesto zum Friedhof beförderte.

Als wollte der Himmel meine Trauer angemessen unterstreichen, öffnete er während der Bestattung alle Schleusen. Es goss die ganze Zeit über in Strömen, und während Pater Anselmo, der Priester unserer kleinen Gemeinde, am offenen Grab letzte Segensworte sprach, wurde der Regen wasserfallartig. Alle Erschienenen bemühten sich redlich, sich nicht anmerken zu lassen, wie gern sie vor den herabstürzenden Wassermassen geflohen wären. Pater Anselmo redete gegen Ende seiner Ansprache immer schneller, und es drängte sich der Eindruck auf, dass er von seiner vorbereiteten Rede einen großen Teil einfach wegließ, bevor er nach einem hastigen Amen mit klatschnasser Soutane den Rückzug antrat und in der Kirche verschwand. Die übrigen Dörfler nahmen sein Verschwinden zum Anlass, ebenfalls hurtig das Weite zu suchen. Der davonrennende Totengräber rief immerhin über die Schulter zurück, er werde das Grab später zuschaufeln, darüber sollten wir uns keine Gedanken machen.

Der Regen trommelte auf den Sargdeckel, und dieses Geräusch tönte mir noch lange in den Ohren, während Ernesto schimpfend den Gaul antrieb, der alle Mühe hatte, den Karren durch den Matsch in Richtung Gutshaus zu ziehen. Paulina lief derweil voraus, um den Kamin anzuheizen. Ich selbst blieb frierend und pitschnass auf dem Karren hocken, ein stechendes Pochen in meinem geschienten Bein und einen weit schlimmeren Schmerz in meiner Seele.

sternZwei Wochen später war ich wegen des Beinbruchs immer noch zur Untätigkeit verdammt und konnte mich nur mühsam mithilfe von Krücken fortbewegen, weshalb ich die meiste Zeit des Tages im Bett lag, weil das deutlich bequemer und weniger schmerzhaft war, als auf einem Stuhl oder einer Bank zu sitzen oder herumzuhumpeln. Außerdem konnte ich in meiner Kammer nicht so leicht beim Heulen ertappt werden. Ich schämte mich, weil ich in diesen ersten Tagen nach Onkel Vittores Tod so oft weinen musste, und kam mir deswegen vor wie ein kleiner Junge, doch ich konnte nichts dagegen tun.

Weit schlimmer war jedoch, dabei von Paulina erwischt zu werden. Als es zum ersten Mal geschah, saß ich gerade am Küchentisch, hatte eine Zwiebel in der Hand und musste daran denken, wie sehr Onkel Vittore immer auf Zwiebeln als gesunde Speise geschworen hatte. Allein die Erinnerung daran trieb mir die Tränen in die Augen, und ich schluchzte auf. Unverzüglich ließ Paulina den Kochlöffel fahren, eilte vom Herd zu mir, riss mich in eine tröstende Umarmung und erstickte mich fast an dem phänomenalen Gebirge ihres Oberkörpers.

»O weh, mein Kleiner, was für ein schlimmes Leid! Du armer, armer Waisenjunge! Ach ja, ich vermisse ihn auch so sehr, den guten, lieben Mann!« Und schon brach sie ebenfalls in Tränen aus, übergoss mich förmlich mit der salzigen Flut, während sie mich an diese überbordende Fleischfülle presste, von der ich mir noch in der Woche davor gewünscht hatte, ihr näher zu sein. Nun, da ich sie so dicht vor mir hatte, dass es näher gar nicht ging, dachte ich nur daran, wie gern ich allein gewesen wäre, um mein peinliches Schluchzen unbeobachtet fortzusetzen.

Beim zweiten Mal verlief es ähnlich, nur dass zu allem Überfluss wegen Paulinas lautem Geheul auch noch Ernesto und der Feldknecht hinzukamen und fragten, ob sie helfen könnten.

Nach diesem Vorfall blieb ich in meiner Kammer und achtete streng darauf, dass meine Augen immer trocken waren, wenn Paulina hereinkam, um mir Essen oder frische Wäsche zu bringen oder den Nachttopf zum Säubern zu holen. Damit die Langeweile und die traurigen Gedanken nicht unerträglich wurden, hatte ich alles an Lektüre neben dem Bett gestapelt, was Onkel Vittores Bücherborde hergaben. Das meiste hatte ich schon mehrfach gelesen, sodass die Erbauung sich in Grenzen hielt, doch es war immer noch besser, als herumzuliegen und gar nichts zu tun.

Mich mit unzüchtigen Phantasien abzulenken, kam in dieser Situation nicht infrage. Ich wusste, dass es Sünde war, sonst hätte ich es nicht bei jeder Gelegenheit beichten und dafür ungezählte Bußgebete sprechen müssen, und während dieser Zeit der schrecklichen Trauer erschien es mir erst recht sündig, Unaussprechliches zu denken. Nicht einmal im Catull wagte ich zu lesen, und als ich es zwischendurch in einem Anfall besonders schlimmer Langeweile doch tat, konnte ich hinterher vor lauter schlechtem Gewissen nicht einschlafen.

An einem dieser zähen, quälenden Abende lag ich wieder einmal ruhelos im Bett, als ich von draußen Hufschlag und die Räder einer Kutsche hörte. Besuch! Eilig warf ich die Decke von mir und griff nach den Krücken, um zum Fenster zu humpeln. Ein so seltenes Ereignis wie die Ankunft einer fremden Kutsche durfte ich auf keinen Fall versäumen! Rasch rechnete ich zurück, wann es das letzte Mal vorgekommen war, und dass ich es nicht auf Anhieb wusste, war nur der Beweis dafür, wie lange es her war. Zwei Jahre bestimmt, und abgesehen davon, dass der Fremde, der uns damals aufgesucht hatte, ständig gehüstelt hatte, konnte ich mich an nichts Besonderes an ihm erinnern. Erst hinterher erfuhr ich, wer er war: irgendein Notar, der mit Onkel Vittore langweilige Erbschaftsangelegenheiten zu besprechen hatte. Damals hatte ich mich nach einem kurzen Blick auf die staubigen Akten, die er mit sich führte, rasch wieder in den Stall verzogen, wo an jenem Tag ein Schwein ferkelte, was ich mir nicht entgehen lassen wollte.

Ein paar Monate davor war ein beleibter Dominikanerprior erschienen, über den Onkel Vittore mir berichtete, dass er stets auf mildtätige Gaben für sein Kloster aus sei – mithin ebenfalls keine sonderlich aufregende Erscheinung.

Einmal war ein Steuerbeamter gekommen, vor dem Paulina und ich in Windeseile Teppiche und Tafelsilber im Keller versteckten, während Onkel Vittore mit dem Mann im Hof parlierte.

Noch früher, als ich ungefähr sieben oder acht war, hatte uns ein großer Mann in prachtvoller Kleidung besucht, der mir das Haar zerzaust hatte, bevor Onkel Vittore mich zu Bett schickte. Auch von diesem Fremdling war mir wenig in Erinnerung; immerhin wusste ich noch, dass er ein edles Pferd geritten hatte.

Da somit Besucher auf unserem Landgut fast so selten auftauchten wie andernorts neue Könige, wurde ihnen auch ähnlich gehuldigt, zumindest übertragen auf unsere bescheidenen Verhältnisse. Jedes Mal musste Paulina auftischen, was die Küche hergab, und ich wurde in den Keller geschickt, um ein Fässchen vom besten Wein zu holen. Nur der Steuerbeamte hatte keinen bekommen.

Als vor zwei Jahren der Notar da gewesen war, hatte ich sogar ein Gläschen kosten dürfen – aus meiner Sicht keine Erfahrung, die nach Wiederholung schrie. Hinterher hatte ich einen großen Becher süßen Apfelmost trinken müssen, um den trockenen Geschmack nach altem Holz loszuwerden.

Aufgeregt öffnete ich das angelehnte Fenster und blickte hinaus. Unten auf dem gepflasterten Hof vor dem Haus rollte die Kutsche aus, ein rustikales Gefährt, das von zwei nicht minder plumpen Pferden gezogen wurde. Der Schlag öffnete sich, und zwei Männer stiegen aus, die ich im flackernden Licht der Kutschenlaterne sofort erkannte, weil sie zu den wenigen Menschen gehörten, die in den letzten Jahren unser Gut besucht hatten – es waren der Dominikanerprior und der Notar.

Gleich darauf bemerkte ich, dass noch jemand mit ihnen gekommen war: Vom Kutschbock stieg der Priester unserer Gemeinde, Pater Anselmo, und gesellte sich zu den beiden Männern.

»Da wären wir, Messères3«, sagte er.

»Werden wir denn nicht erwartet?«, wollte der Dominikanerprior wissen. »Im Haus scheint alles dunkel zu sein. Die Fahrt war lang, und eine warme Mahlzeit wäre nicht schlecht. Vielleicht auch ein Becher Wein dazu.«

Pater Anselmo wirkte ratlos. »Nun, ich habe der Magd letzten Sonntag nach der Messe Bescheid gesagt, dass Ihr heute Abend herkommt. Aber sie wirkte auf mich … ein wenig indisponiert. Der Tod des guten Vittore hat ihr sehr zugesetzt. Sie hielt große Stücke auf ihn.« Zweifelnd blickte er zum Haus. »Möglicherweise hat sie vergessen, dass heute Besuch erscheint.«

Das hatte Paulina gewiss. In den letzten Tagen vergaß sie ziemlich viel, was nach meinem Dafürhalten daran lag, dass sie ihren Kummer täglich in Schnaps ertränkte. Sie fing nach dem Vespermahl damit an und hörte erst auf, wenn es Zeit fürs Bett war.

»Wir sollten anklopfen«, schlug der Dominikanerprior vor. Er war etwa im selben Alter wie der Notar, nach meiner Schätzung also um die sechzig, doch während der Notar klapperdürr war, wirkte der Prior unter seinem wallenden Ordensgewand so massig wie ein verfetteter Ochse.

»Das sollten wir tun«, stimmte der Notar hüstelnd zu. »Ein warmes Plätzchen zum Schlafen wird rasch gefunden sein.«

»Vielleicht kann die Magd auch einen Rest vom Mittagsmahl aufwärmen«, ergänzte der Prior. »Und uns einen Schoppen Wein reichen.«

»Vorher sollten wir die Unterredung mit Marco führen«, sagte Pater Anselmo. »Damit der Junge weiß, woran er ist. Das wird alles sehr unerwartet für ihn kommen.«

Ich reckte mich und spitzte die Ohren, um kein Wort zu verpassen.

»Eigentlich wollte Vittore den Jungen mit nach Venedig nehmen«, fuhr Pater Anselmo fort. »Er erzählte mir erst vor wenigen Wochen von dieser Absicht.«

Der Notar hüstelte missbilligend. »So gesehen war es vielleicht ein rechter Segen, dass es nicht mehr dazu kam.«

Was? Wieso war es ein Segen? In meiner Aufregung wäre ich um ein Haar hingefallen, da ich nicht darauf achtete, dass ich die ganze Zeit auf nur einem Bein stand. Hastig stützte ich mich am Fensterrahmen ab und versuchte, mich in ein einziges, riesiges Ohr zu verwandeln.

»War da was?« Der Prior spähte zum Haus. »Wollten wir nicht anklopfen und um Obdach und Nahrung bitten?«

»Nicht, dass ich Messèr Zianis Tod begrüßen würde«, fuhr der Notar fort, als hätte der Prior nichts gesagt. »Er musste viel zu früh sterben! Zweiundsechzig ist dafür kein Alter!«

»Siebenundsechzig«, murmelte ich.

»Siebenundsechzig«, sagte Pater Anselmo. »Vittore war siebenundsechzig.«

»Ganz recht«, sagte der Notar, als hätte er nie etwas anderes behauptet. »Und wenn ich davon sprach, dass es ein Segen war, so meinte ich damit natürlich nicht sein Hinscheiden, sondern lediglich die Tatsache, dass eine Reise nach Venedig Unheil über den Jungen bringen könnte. Als ich das letzte Mal mit Messèr Ziani darüber sprach, war er noch derselben Meinung.«

»Das kann ich bestätigen«, warf der Prior ein. »Denn auch bei meinem letzten Gespräch mit ihm vertrat er den Standpunkt, dass der Junge auf dem Land gut aufgehoben ist. Hm, ob wir nicht vielleicht jetzt doch einen kleinen Schoppen …« Hoffnungsvoll blickte er zur Tür, doch wieder sprach der Notar weiter, als hätte es keinen Einwurf gegeben. »Nicht umsonst hat Messèr Ziani sich damals so völlig von der zivilisierten Welt zurückgezogen. Das Wohl seines Schützlings lag ihm am Herzen, deshalb ging er in diese Einöde.«

»Ins Niemandsland«, bekräftigte der Prior.

»Nun, unser Dorf mag sehr klein sein und ein wenig abseits liegen«, sagte Pater Anselmo beleidigt. »Aber unser Leben ist gewiss nicht primitiver als das der Menschen in der Stadt.« Er reckte sich. »In unserer Kirche haben wir ein echtes Fresko! Von einem Maler aus Padua!«

Der Notar seufzte. »Euer Fresko ändert nichts daran, dass Padua einen Tagesritt von Eurem Dorf entfernt ist.«

Das stimmte leider. Man hätte noch hinzufügen können, dass zwischen der Kirche mit dem echten Fresko und unserem Gut eine weitere Stunde strammen Fußmarsches lag. So winzig das Dörfchen war – im Vergleich zu unserem Landgut stellte es ein Zentrum urbaner Betriebsamkeit dar. Hier oben in den Hügeln gab es nichts außer dem alten Herrenhaus, ein paar nicht minder alten Ställen und Schuppen, einige Äcker und Weiden und Haine, und darumherum schier endlose Weiten unberührter Natur. Einöde war eine durchaus treffende Bezeichnung dafür, sogar dann, wenn man, so wie ich, nichts anderes kannte.

Drei Mal in all den Jahren hatte Onkel Vittore mich mit nach Padua genommen, oder genauer, er hatte es tun wollen. Das erste Mal war ich acht Jahre alt gewesen und hatte auf halber Strecke die Masern bekommen, sodass wir wieder umkehren mussten. Das zweite Mal, zwei Jahre später, waren wir Wegelagerern in die Hände gefallen, die Onkel Vittore um seine gesamte mitgeführte Barschaft gebracht und ihn obendrein verprügelt hatten, sodass wir anschließend von Glück sagen konnten, mit dem Leben davongekommen zu sein.

Beim dritten Mal schließlich, im vergangenen Jahr, hatte Onkel Vittore Schmerzen in der Brust bekommen, kaum dass wir das Dorf hinter uns gelassen hatten. Auch diese Reise nach Padua war daher äußerst kurz gewesen.

Danach hatten wir nicht mehr über Padua geredet. Stattdessen hatte ich begonnen, über den Krieg zu sprechen, genauer über die Möglichkeit, in selbigen zu ziehen, falls einer ausbräche, um auf diese Weise ein wenig mehr im Land herumzukommen als bisher, worauf Onkel Vittore mir schließlich die Venedigreise in Aussicht gestellt hatte. Wenn schon, denn schon, hatte er gemeint, und dann hatte er noch eine rätselhafte Bemerkung dazu gemacht, die ich nicht weiter beachtet hatte, die mir aber nun, da die drei Männer dort unten über Venedig sprachen, wieder in den Sinn kam.

»Du bist fast achtzehn und längst ein Mann«, hatte Onkel Vittore gesagt und mich dabei von unten herauf – er war einen Kopf kleiner als ich – auf seine halb lustige, halb melancholische Art angeschaut. »Ich kann dich nicht für alle Zeiten vor Venedig verstecken. Ich dachte, ich könnte und sollte es. Aber ich habe meine Meinung geändert, denn manchmal ist es besser, sein Schicksal zu suchen, statt vor ihm zu fliehen. Die Zeit dafür ist gekommen.«

»Ihm war daran gelegen, den Jungen von der Stadt fernzuhalten«, sagte der Notar zu Pater Anselmo. »Das haben wir für den Fall seines Ablebens notariell beurkundet.«

Er hat seine Meinung geändert!, wollte ich rufen, doch ich besann mich und hielt den Mund, damit mir nichts von der Unterhaltung entging.

»Er hat alle nötigen Verfügungen für eine Überstellung des Mündels in unser Kloster getroffen«, bestätigte der Prior beflissen. »Schon vor Jahren. Er wollte, dass wir uns um alles kümmern.« Er schnüffelte leicht. »Ich finde, es riecht nach Essen. Nach kaltem Schweinebraten vielleicht. Kann das sein?«

Der Notar überging das mit lautem Hüsteln. »Die Vormundschaft sowie die Verwaltung von Geld und Gut bis zur Großjährigkeit obliegen dem Orden nur zur Hälfte«, hob er hervor.

»Was ist mit der anderen Hälfte?«, wollte Pater Anselmo wissen.

»Die untersteht meiner Weisung und Aufsicht«, bemerkte der Notar. »Was in concreto besagt, dass die Finanzverwaltung gemeinschaftlich vorzunehmen ist.«

»Gewiss«, sagte der Prior zerstreut. »Hm, vielleicht rieche ich auch Huhn. Riecht jemand von den Herren ebenfalls Huhn?«

»Und falls dem Jungen etwas zustößt, bevor er großjährig wird?«, warf Pater Anselmo ein. »Wem fällt dann das Vermögen zu?«

»Warum sollte dem Jungen etwas zustoßen?«, erkundigte sich der Prior freundlich.

Ja, warum? Und welches Vermögen war gemeint?

Abermals verlor ich das Gleichgewicht, und diesmal verursachte ich dabei ein Geräusch, das draußen hörbar war, denn der Prior fuhr herum und äugte zum Fenster hoch. »Da war etwas! Ich habe etwas gehört!«

In diesem Moment ertönte im Haus das Knarren einer Tür und dann das Schlurfen von Schritten im Erdgeschoss. Gleich darauf tat sich unten die Pforte auf, und ich hörte Paulinas verschlafene Stimme. »Pater? Du lieber Himmel! Was wollt Ihr denn hier? Und wer … Ojemine! Der Besuch!« Sie brach in Wehklagen aus, was dazu führte, dass Ernesto und der Ackerknecht mit Äxten bewaffnet aus ihrem Quartier neben dem Stall gestürzt kamen.

»Wir sind in ehrbarer Absicht hier!«, rief der Notar aus, die Hände erhoben.

Davon war ich keineswegs überzeugt. Obwohl ich nicht viele Menschen kannte – im Dorf lebten kaum mehr als zehn Dutzend Seelen –, so galt sogar unter diesen wenigen als gesichert, dass man Advokaten nicht trauen könne. Mir schwante, dass Änderungen bevorstanden, die mir nicht behagten.

stern»Der Junge ist viel größer, als ich ihn in Erinnerung habe«, sagte der Prior, als ich am nächsten Morgen auf Krücken die Treppe hinabgehumpelt kam.

»Nun, Ihr sagtet selbst, dass Euer letzter Besuch hier über zwei Jahre zurückliegt«, versetzte Pater Anselmo. »Gerade zwischen dem sechzehnten und dem achtzehnten Lebensjahr pflegen Knaben allgemein stark in die Höhe zu schießen.«

»Nun ja, aber sogar unter diesen Umständen erscheint er mir ungewöhnlich hochgewachsen.« Der Prior lachte. »Ein Bursche, der hoch hinauswill, wie?«

Mir kam bei dieser Erklärung ein unwillkommenes Bild von mir selbst oben auf dem Deckenbalken in den Sinn, das ich nach Kräften verdrängte, während ich mich fragte, was dieser Tag mir wohl noch bringen mochte.

Der Prior, der Notar und Pater Anselmo saßen zu dritt am Küchentisch und sprachen dem Morgenmahl zu, das Paulina ihnen vorgesetzt hatte. Sie selbst stand am Herd und werkelte mit ihren Küchenutensilien herum.

»Es scheint, als müsse er sich auch bereits den Bart schaben«, sagte der Prior mit einem prüfenden Blick auf mein Gesicht.

Ich merkte, wie ich errötete, während ich mit der Hand über den frischen Schnitt an meinem Kinn fuhr. Allzu regelmäßig rasierte ich mich noch nicht, weil ich es lästig und schmerzhaft fand, vor allem, wenn hier und da Pickel im Weg waren.

»Mit achtzehn ist ein junger Mann alt genug, um ausgewachsen zu sein und sich den Bart zu schaben«, sagte Pater Anselmo streitlustig. »Jedenfalls ist es hier bei uns auf dem Lande so. Vielleicht sind ja in Eurem Kloster alle Jünglinge kleinwüchsig und laufen von allein bartlos herum.«

»Nicht doch«, sagte der Prior gut gelaunt. »Auch wir haben so manchen großen Novizen in unseren Reihen. Und vom Bartschaben halte ich selbst viel.« Wie zum Beweis tätschelte er seine feisten Wangen. »Eine gründliche Rasur unterscheidet so manchen kultivierten Mann vom Tier.«

Der Notar warf ihm einen argwöhnischen Blick zu und kratzte kurz seinen Backenbart, bevor er sich hüstelnd wieder über sein Rührei beugte.

Schweigend setzte ich mich zu den Männern an den Tisch, unfähig, meine Sorgen zu verdrängen.

Gleich nach ihrer Ankunft am Vorabend waren der Notar und der Prior in meiner Kammer aufmarschiert, und während ich mich im Bett aufsetzte und so tat, als riebe ich mir den Schlaf aus den Augen, wurde mir das, was ich zuvor schon erlauscht hatte, nochmals in blumigen Worten unterbreitet. Beredt setzten sie mir auseinander, wie gut es mir im Kloster gehen würde, einer einzigartig und kulturell hochstehenden Zucht- und Bildungsstätte im Dienste des Herrn, und was ich für ein Glück hätte, dass mein Onkel alles so vorausschauend für mich geregelt habe. Um nichts müsse ich mich selbst kümmern, alles werde von guten und weisen Menschen in die Hand genommen.

Meine vorsichtigen Versuche, diese Pläne infrage zu stellen, wurden sofort mit freundlichen, aber bestimmten Worten unterbunden. In meinem jugendlichen Alter, so wurde mir erklärt, habe ein Mensch noch kein eigenes Entscheidungsrecht. Das gelte umso mehr für mich, der ich, unbeleckt von allen Einwirkungen der Zivilisation, in der Einöde aufgewachsen und folglich noch viel unerfahrener als andere Burschen meines Alters sei.

Nicht einmal den Zeitpunkt des Aufbruchs durfte ich mitbestimmen. Gleich nach dem Morgenmahl würde es auf die Reise gehen, Paulina hatte bereits in aller Frühe meine Sachen packen müssen.

Der Prior, der mir mittlerweile als Bruder Hieronimo vorgestellt worden war, beobachtete sie wohlwollend bei ihren Verrichtungen an der Kochstelle. »Sagte ich Euch bereits, dass Euer Rührei köstlich ist, Monna Paulina?«

Sie nickte mit roten Wangen, blieb aber stumm, offenbar furchtsam darauf bedacht, keinen Unwillen zu erwecken. Von meinem Horchposten oben an der Treppe hatte ich vorhin mitbekommen, wie der Notar – sein Name war Barbarigo – sie davon unterrichtet hatte, dass künftig das Landgut unter seiner Mitverwaltung stehe und noch entschieden werden müsse, wer vom Gesinde hierbleiben dürfe.

Nach dem Essen verschwanden die Männer der Reihe nach in Richtung Abtritt, während es für mich ans Abschiednehmen ging. Mein Reisesack war bereits in die Kutsche verfrachtet worden, und ich selbst stand auf meine Krücken gestützt in der Küche und rang mit den Tränen. Ich verlor den Kampf schon, bevor Paulina mich weinend in die Arme nahm und mir beteuerte, wie lieb sie mich habe, mindestens so sehr wie einen eigenen Sohn, und wie sehr sie hoffe, dass ich in der Fremde bei den frommen Mönchen glücklich sein möge.

Pater Anselmo kam vom Abtritt zurück. Bedrückt legte er mir die Hand auf die Schulter. »Mein lieber Junge, ich weiß, dass dein Onkel Vittore im Laufe des letzten Jahres seine Pläne geändert hatte, doch blieb ihm nicht mehr die Zeit, seine Anordnungen über deine weitere Erziehung zu widerrufen. Immerhin kann ich zu deiner Beruhigung sagen, dass er diesen beiden Männern vertraut hat, sonst hätte er es ihnen nicht überlassen, sich um dich zu kümmern. Dabei bist du im Grunde bereits ein Mann, stark und mutig genug, dein Leben selbst in die Hand zu nehmen und für dich einzustehen. Zögere nicht, genau das zu tun, wenn dir die Zeit dafür gekommen scheint! Erweise dich als der kluge und tapfere Bursche, zu dem dein guter Onkel dich herangezogen hat!« Pater Anselmo wiegte den Kopf, als glaubte er selbst nicht so recht, was er eben gesagt hatte. »Nun ja, wirkliche Lebenserfahrungen konntest du hier draußen so fernab der Welt nicht sammeln. Eigentlich überhaupt keine. Aber es wird sich schon alles zum Guten fügen, der Herr wird es richten.«

»Und was wird aus mir?«, schluchzte Paulina. »Wo soll ich denn hin, wenn das Gut in fremde Verwaltung kommt? Wer will denn eine alte Magd von bald fünfzig Jahren noch haben?«

»Fünfzig?«, fragte Pater Anselmo. »Ihr scherzt! Ich selbst werde am nächsten Stephanstag einundsechzig und war sicher, dass Ihr mindestens zwanzig Jahre jünger seid!«

Paulina hörte schlagartig mit dem Weinen auf und trocknete sich mit der Schürze die Tränen. »Wirklich?«, fragte sie schüchtern.

»Aber gewiss! Meine Haushälterin – Ihr wisst, sie starb im letzten August, Gott hab ihre Seele gnädig – war just in Eurem Alter, aber sie hätte dem Äußeren nach leicht Eure Mutter sein können.«

Verblüfft blickte ich von Paulina zu Pater Anselmo und wieder zurück. Beide wussten schon seit vielen Jahren ganz genau voneinander, wie alt sie waren. Pater Anselmo führte schließlich das Taufregister, und Paulina war im Dorf geboren und aufgewachsen, genau wie er selbst, dem sie zu seinem sechzigsten Geburtstag im letzten Jahr eigens einen Kuchen gebacken hatte.

»Mit Euren Kochkünsten könntet Ihr überall sofort eine neue Anstellung finden«, betonte Pater Anselmo. Er blickte sehnsüchtig zum Tisch, wo noch die Reste vom Frühstück standen. »Allein, was Ihr innerhalb kürzester Zeit an Köstlichkeiten auf diesen Tisch gezaubert habt …«

Paulina wurde rot und achtete sorgsam darauf, mich nicht anzusehen. »Ach, Pater, Ihr schmeichelt einer alten Frau!«

»Ich finde dich nicht so alt«, platzte ich heraus, erfreut von dem Einfall, der mir eben gekommen war. »Wenn dich jemand von hier fortschickt, nimmt dich vielleicht Pater Anselmo. Als Haushälterin, meine ich. Ich kann bezeugen, dass Onkel Vittore immer mit deinen Diensten zufrieden war.«

Ich sagte das in aller Arglosigkeit. Die doppelte Bedeutung meiner Worte wurde mir erst bewusst, als Paulina noch tiefer errötete und Pater Anselmo einen Hustenanfall erlitt.

Indessen blieb mir keine Zeit, es peinlich zu finden, denn Bruder Hieronimo und Messèr Barbarigo kamen zurück und mahnten zum Aufbruch.

Pater Anselmo erklärte, er werde später zu Fuß zurück ins Dorf gehen, doch er folgte mir zusammen mit Paulina hinaus auf den Hof, wo bereits Ernesto und der Ackerknecht warteten, um Abschied von mir zu nehmen. Diesmal ging es ohne Rührseligkeit vonstatten, denn Ernesto war von wortkargem Wesen. Ein Schlag auf die Schulter von Ernesto, ein Nicken des Knechts, und beide gingen zurück an ihre Arbeit, während Paulina und Pater Anselmo vor dem Haus stehen blieben, um mir nachzuwinken.

Mithilfe des Notars stieg ich in die Kutsche, wo Bruder Hieronimo es sich bereits bequem gemacht hatte. Der Notar gab dem Kutscher das Zeichen zur Abfahrt, und so begann meine Reise in eine ungewisse Zukunft.

sternDas Holpern der Kutsche hinderte Bruder Hieronimo nicht daran, bald nach der Abfahrt in tiefen Schlaf zu sinken. Sein rasselndes Schnarchen war von gelegentlichem Stöhnen unterbrochen, wohl ein Zeichen, dass er lebhaft träumte.

Ich fand, dass das eine gute Gelegenheit sei, dem Notar einige von den Fragen zu stellen, die ich auf dem Herzen hatte. Mir schien, dass er von beiden Männern derjenige war, der eher zu Erklärungen bereit war.

»Messèr Barbarigo, wenn ich es richtig verstanden habe, muss ich nicht für immer im Kloster bleiben, sondern nur für eine gewisse Zeit.«

»Von müssen würde ich hier nicht sprechen, sondern eher von dürfen. Die schützende Gemeinschaft eines Ordens ist immer noch die beste Gewähr für ein behütetes Leben.«

Vorsichtig formulierte ich die Frage um. »Angenommen, ich möchte irgendwann entscheiden, woanders zu leben – wann dürfte ich das denn?«

»Nicht vor dem Erreichen des fünfundzwanzigsten Lebensjahres. So will es die testamentarische Verfügung deines Onkels und überdies das Corpus Iuris Civilis4

Es hörte sich einschüchternd an, obwohl ich dank ordentlicher Lateinkenntnisse durchaus eine Vorstellung hatte, was damit gemeint war. Doch mit Advokaten konnte man bekanntlich nicht diskutieren, weshalb ich es anders versuchte.

»Ich hörte, mir sei ein Erbe zugefallen.«

Hatte der Notar eben noch gelangweilt aus dem offenen Kutschenfenster gesehen, wandte er sich mir nun mit misstrauischer Miene zu. »Von wem hörtest du das?«

»Pater Anselmo erwähnte es«, sagte ich wahrheitsgemäß. Dass ich es heimlich gehört hatte, tat ja nichts zur Sache. »Ich wüsste gern, um wie viel es geht.«

»Warum?«

Ich räusperte mich. »Für den Fall, dass Gott der Herr es einst in Seinem unergründlichen Ratschluss für mich vorsieht, ein Leben außerhalb der Klostermauern zu führen.«

Messèr Barbarigo runzelte die Stirn. »Du bist sehr redegewandt. Woher kommt das?«

»Ich habe viel gelesen.«

Der Notar dachte kurz nach, rang sich dann aber dazu durch, auf meine Frage einzugehen. »Tatsächlich hat dein Onkel dich nicht unvermögend zurückgelassen. Aber wie gesagt, solange du ohnehin kein Bestimmungsrecht hast, muss es dich nicht beschäftigen. Dafür bin ich ja da.«

»Und Bruder Hieronimo«, konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen.

Messèr Barbarigo zeigte Anzeichen von Missfallen, was meine Einschätzung bestätigte, dass diese Aufteilung der Nachlassverantwortlichkeiten ihm nicht behagte, und mir kam wieder die Frage in den Sinn, die Pater Anselmo gestellt hatte. Wer bekam das Geld – wie viel immer es auch war –, falls ich starb? Womöglich dieselben Personen, die dafür verantwortlich waren, dass es mir bis zu meiner Großjährigkeit erhalten bliebe?

Mit einem Mal wurde mir der Kragen eng. Hatte nicht vorhin etwas Tückisches im Blick des Priors gelegen, bevor er eingeschlafen war? Und war der Notar nicht schon von Berufs wegen hinterhältig? Möglicherweise hatten sie es so geplant, dass ich unterwegs versehentlich in eine Felsschlucht stürzte, damit sie gleich nach der Ankunft mein Vermögen brüderlich unter sich teilen konnten. Wie sie wohl den armen Onkel Vittore eingewickelt hatten, ihnen die Verwaltung seines Nachlasses – wie viel immer es auch war – zu überlassen?

In meiner Vorstellung nahm eine dramatische Geschichte Gestalt an, in der ein armer Waisenjunge um ein Haar dunklen Verschwörungen zum Opfer fiel, wäre nicht im letzten Augenblick Rettung erschienen, in Gestalt von … – ja, von wem? Vielleicht von einer den Tiefen des Waldes entstiegenen Quellnymphe, die sich auf den ersten Blick unsterblich in den schönen Jüngling verliebte und ihn mit ihren Zauberkräften beschützte? Und schon wurde ich in meiner Phantasie zu Paris und streifte durch die phrygischen Berge, auf dass mir dort Oinone verfalle. In meiner abgewandelten Version lebten wir allerdings nicht als Hirt und Hirtin in der Wildnis, sondern reisten gemeinsam zur prächtigsten aller Städte – Venedig. Wo wir Karneval feierten und auch sonst ein glückliches Leben führten, ohne die unerfreulichen Verwicklungen der bekannten Mythologie, die unweigerlich zum grässlichen Tod aller Beteiligten führten.

Der Notar riss mich aus meiner Versunkenheit. »Was glotzt du wie ein Schafsbock?«, wollte er wissen. »Bist du krank?«

»Es geht mir ausgezeichnet«, versicherte ich hastig. Mit einem Mal war ich froh, einen Dolch am Gürtel zu tragen, der notfalls zu mehr taugte als ein Stück Braten zu zersäbeln. Und ganz gewiss schadete es auch nicht, dass ich größer war, als der Prior es erwartet (gehofft?) hatte. Ein schöner Jüngling, in den sich Oinone hätte verlieben können, war ich nicht, denn mit diesem Zinken von Nase und der eher grobschlächtigen als feingliedrigen Gestalt war ich mehr Hephaistos als Paris. Dafür spaltete ich jedoch mit der Axt treffsicher jedes Holzscheit und schwang stundenlang die Sichel, ohne müde zu werden. Zumindest an diesem Tag würde ich mich von keinem Erbschleicher in eine Schlucht werfen lassen.

sternSchluchten sah ich zum Glück nirgends. Falls es welche gab, entzogen sie sich meinen Blicken. Die Reise führte durch die liebliche Landschaft des Veneto in östliche Richtung, durch grüne Täler und über sanfte Erhebungen, bis wir schließlich die Ausläufer der bewaldeten Euganeischen Hügel erreichten und deren Windungen folgten. Hin und wieder ging die Fahrt durch einen bewohnten Flecken, ähnlich dem Dorf, in dessen Nähe ich aufgewachsen war, und auch sonst präsentierte sich die Gegend in vergleichbar ereignisloser Ländlichkeit, die ich bereits zur Genüge kannte.

Wie mir der Prior erläuterte, befand sich das Dominikanerkloster, dem er vorstand, rund zwei Stunden Fußmarsch von Padua entfernt, südwestlich der Stadt gelegen, unweit eines Dorfes, in dem es thermische Quellen gab.

Als ich das hörte, dachte ich unwillkürlich an die Quellnymphe Oinone und fragte mich, ob das als Wink des Schicksals zu deuten sei. Ein solcher Ort verhieß Geheimnisse! Vielleicht sogar Begegnungen mit nymphengleichen weiblichen Geschöpfen!

Viele Frauen hatte ich außer Paulina bisher nicht kennengelernt, und von diesen wenigen war mir außerdem jede einzelne seit frühester Kindheit vertraut. In unserem Dorf gab es eine Handvoll junger Mädchen, doch darunter war keines, das auch nur entfernt einer Oinone oder sonstigen mythischen Schönheit glich. Sofern sie bisher überhaupt meine Phantasien beflügelt hatten, dann höchstens in der Weise, dass ich mir wünschte, der Wind möge ihre Röcke hochwehen, damit ich ihre Beine sehen konnte. Oder ihnen möchte etwas herunterfallen, damit sie sich bückten und dabei vielleicht ihr Brusttuch verlören. In Liebe war ich zu keiner entbrannt. Allein die Vorstellung kam mir absurd vor, denn dafür hatte ich sie alle miteinander bei zu vielen Sonntagsmessen oder Gemeindefesten gesehen.

Der Umstand, dass Padua von dem Kloster aus in relativ kurzer Zeit zu erreichen war, erfüllte mich mit zusätzlicher Hoffung. Bestimmt würde sich bald einmal die Gelegenheit ergeben, die Stadt zu besuchen!

Aufregung bemächtigte sich meiner, während ich versuchte, mir eine richtige, große Stadt vorzustellen, mit hohen, wehrhaften Mauern, schmuckvollen Palästen und breiten, gepflasterten Straßen. Dort gab es Läden, in denen man kaufen konnte, was das Herz begehrte, jedenfalls hatte mir das Paulina erzählt, die früher mehrfach in Padua gewesen war, und man konnte in Schenken gehen, wo einem nicht nur Wein, sondern auch warme Mahlzeiten serviert wurden. Es gab eine Universität und einen botanischen Garten, eine gewaltige Basilika und riesige, prachtvoll gestaltete Plätze mit lebensgroßen Statuen aus Stein. Allein der Gedanke an solche ungewohnte Örtlichkeiten machte mich schwindeln, vor allem aber die Überlegung, dass Padua noch weit überstrahlt wurde vom Glanz einer anderen Stadt, der Stadt, der einzigartigen, unvergleichlichen Perle Italiens, der Serenissima …

Der Prior erwachte brummend und stöhnend und verlangte gleich darauf nach einer Rast, da er Hunger habe und seine Mahlzeit nicht unter dem Schütteln der Kutsche zu sich nehmen wolle. Der Notar gab dem Kutscher das Zeichen zum Anhalten, und wir stiegen aus und taten uns an dem von Paulina eingepackten Proviant gütlich. Anschließend schlug sich jeder kurz in die Büsche. Ich hatte ein bisschen Mühe bei den dazu nötigen Verrichtungen, doch schließlich gelang es mir, ohne dass mein Bein allzu sehr dabei wehtat. Zugleich nutzte ich die Gelegenheit, mich ausgiebig um die hölzerne Schiene herum zu kratzen. Dort, wo sie mit Lederbändern um mein Bein geschnallt war, juckte es höllisch, und ich fragte mich, wie ich es aushalten sollte, das Ding noch vier volle Wochen zu tragen.

Unter Einsatz der Krücken humpelte ich zur Kutsche zurück, im Herzen die Gewissheit, dass ich mit zwei gesunden Beinen die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen und mich auf Nimmerwiedersehen empfohlen hätte.

sternAuf dem Weg zur Kutsche drangen Klänge an mein Ohr, die mich innehalten ließen. Lauschend wandte ich den Kopf in die Richtung, aus der die Töne kamen, und nun hörte ich es deutlicher: Es war der Gesang einer Frau! Eine silberhelle, süße Melodie wand sich magischen Bändern gleich zwischen den Bäumen hervor und umschmeichelte mich betörend. Ohne nachzudenken, folgte ich dem zauberhaften Klang, kämpfte mich krückenbewehrt durch stachlige Büsche und hinderliches Unterholz, ohne einen einzigen Gedanken an Bruder Hieronimo und Messèr Barbarigo zu verschwenden, die bei der Kutsche auf mich warteten.

Gleich darauf erreichte ich eine Waldlichtung – und blieb wie vom Donner gerührt stehen. Eine Vision tat sich vor meinen Augen auf: Ich hatte die Quellnymphe gefunden! Ungläubig starrte ich die Erscheinung an, die nur ein Trugbild sein konnte, von den Göttern geschaffen, einen törichten Jungen zu narren.

Ganz in Weiß gekleidet, das lange, dunkle Haar wie flüssige Seide über den grazilen Rücken herabhängend, saß dieses überirdisch schöne Wesen auf einem Felsen an einem dahinmurmelnden Bach, das Gesicht mit geschlossenen Augen den Sonnenstrahlen zugewandt, die ihren Weg durch die Bäume am Saum der Lichtung fanden.

Mit offenem Mund starrte ich sie an. Oinone! Sie war leibhaftig erschienen, aus den Quellen des Baches emporgestiegen, um mit ihrem Gesang die Götter zu erfreuen!

Als Nächstes zerriss eine laute Männerstimme den Zauber, und der Gesang verstummte abrupt. Mit angehaltenem Atem sah ich am gegenüberliegenden Rand der Lichtung einen Mann auftauchen und sich dem feengleichen Wesen auf dem Felsen nähern. Er war groß und breitschultrig, und tatsächlich ähnelte sein Gesicht dem des Paris, den ich auf einer Abbildung in einem von Onkel Vittores Büchern gesehen hatte, mit markanter, von Locken umkränzter Stirn, einer edlen, aber nicht zu großen Nase und kühnem Kinn. Gekleidet war der Mann jedoch eher wie der Kriegsgott Mars, mit funkelndem Harnisch und an der Seite ein Schwert, dessen Spitze fast auf dem Boden schleifte.

»Welch holde Maid an diesem Quell sich labet, gar wundersam mir dieser Anblick scheint!«, rief der Krieger erstaunt.

»Mich sandte Zeus, der große Göttervater, die tapfren Krieger Trojas zu erquicken«, antwortete die holde Maid mit glockenreiner, weit tragender Stimme.

Ich hatte es gewusst! Alles war wahr! Die ganzen Sagen und Mythen, all die uralten Legenden – sie waren Wirklichkeit und hatten die Zeiten überdauert! Homer war dabei gewesen und hatte es selbst erlebt, es mit eigenen Augen gesehen! Kein Mensch konnte sich solche Dinge ausdenken! Hier waren sie, die unvergänglichen Gestalten aus der griechischen Mythologie, und ich, ein gewöhnlicher Sterblicher, erfuhr die Gnade, sie aus einem Gebüsch heraus zu beobachten!

»Bei allen Göttern, ach, wie wohl wird mir, seh ich dein Antlitz in der Sonne strahlen«, erklärte der trojanische Krieger der Nymphe. Seine Stimme klang eigentümlich verwaschen, als sei er verwundet. Wer er wohl war? Hector? Ajax?

»Nun denn, gewähr erquick Leib mir … quick freudig Herz gewähr mir der wohlan …« Er hielt inne; es schien, als hätte er den Faden verloren, und während ich atemlos auf die Fortsetzung wartete, mischte sich die Nymphe ein. »Wohlan, gewähre nun der Liebe mir«, meinte sie ungeduldig. »Erquicke freudig mich an Leib und Herz.«

»Verdammt«, sagte Hector. »Drauf geschissen.« Mit drohender Miene näherte er sich der Nymphe. »Du hast diesem Mistkerl schöne Augen gemacht! Dafür sollte ich dich erwürgen!«

Und schon streckte er die Hände aus, um sein Opfer zu packen. Archaische Triebe, von denen ich nicht geahnt hatte, dass ich sie besaß, setzten mein Denkvermögen außer Kraft. Mit äußerster Wucht schleuderte ich eine meiner beiden Krücken auf den Krieger. Wie ein Speer ohne Spitze flog die Krücke quer über die Lichtung und traf den Angreifer. Ein dumpfer Laut zeigte den Aufprall an, der Krückenspeer erwischte Hector aus reinem Zufall genau dort, wo ein Mann am empfindlichsten ist. Da der Harnisch knapp oberhalb dieser sensiblen Zone endete und Hector kein gepanzertes Suspensorium trug, tat es fraglos richtig weh. Brüllend griff er sich ans Gemächt und brach zusammen. Während er sich auf dem Waldboden wälzte, sprang die Nymphe auf und starrte Hector entgeistert an. »Bernardo?«, rief sie. »Was ist geschehen?«

»Meine Eier«, stieß Hector alias Bernardo wimmernd hervor.

So viel zu griechischen Sagengestalten. Die Nymphe, die in Wahrheit natürlich keine war, sondern ein Mädchen in meinem Alter, hob meine Krücke auf und musterte sie argwöhnisch. »Du meine Güte, wo kam dieses Ding denn auf einmal her?«

Stocksteif stand ich auf einem Bein, hielt die Luft an und stellte mir dabei vor, unsichtbar zu sein – ohne Erfolg.

»Da lauert jemand im Gebüsch!«, rief die junge Frau. Sie ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Ich zuckte zusammen und verlor prompt das Gleichgewicht. In einem Schauer abgerissener Blätter fiel ich aus dem Gebüsch auf die Lichtung. Bevor ich mich aufrappeln konnte, wimmelte es um mich herum nur so von Menschen. Es kam mir vor, als stürzten sie von allen Seiten heran, und entsprechendes Stimmengewirr schallte durch den Wald. Männer und Frauen riefen laut durcheinander.

»Du lieber Himmel, wieso brüllt Bernardo so?«

»Caterina, was ist mit ihm los?«

»Hat ihn ein wildes Tier angefallen?«

»Was ist das für ein Kerl, der da drüben auf dem Boden liegt?«

»Das ist der, der den Speer auf Bernardo geschleudert hat.«

Allgemeine Schreie der Empörung erhoben sich, und ehe ich mich recht versah, drückte sich eine nadelscharfe Schwertspitze gegen meine Gurgel. Ich hörte schlagartig auf zu atmen und lag starr. Über mir dräute ein Mann, der mir auf den ersten Blick den Eindruck vermittelte, dass ich mich doch mitten im Drama einer griechischen Sage befand, denn er sah haargenau so aus, wie ich mir schon immer den Göttervater Zeus vorgestellt hatte: hager, mit gefurchtem Antlitz, doch von kraftvoller Gestalt, der Blick zornfunkelnd, das Haar eine grau gelockte Mähne, die mit dem ebenso grauen Bart zu einem einzigen wüsten Gebilde verwachsen war.

»So stirb denn rasch, du hinterhält’ger Schurke«, donnerte mich der Mann an. »Der tiefste Hades sei dir Heim und Herd!«

»Ich wollte sie bloß retten«, quiekte ich, kaum mehr Kraft in der Stimme als eine sieche Maus.

»Verflixt«, sagte der Alte. »Immer wieder unterläuft mir ein Schurken-Vers, obwohl ich genau weiß, dass sich nur Gurken darauf reimen. Warum nur?«

Er bohrte die Schwertspitze fester in meine Kehle. »Hast du vielleicht eine Erklärung dafür, Schurke?«

»Das hier ist kein Speer, sondern eine Krücke«, meldete sich eine sachliche weibliche Stimme irgendwo schräg hinter Zeus. Flach auf dem Rücken liegend und immer noch das Schwert am Adamsapfel, riskierte ich einen vorsichtigen Blick zur Seite in Richtung der Frauenstimme, doch außer diversen mich umringenden Füßen konnte ich nichts sehen.

»Der Kerl muss ein Krüppel sein«, fuhr die Stimme fort. »Er hat Bernardo mit einer Krücke beworfen.«

Die Schwertspitze wurde von meiner Kehle genommen, und ich ließ ächzend die angehaltene Luft entweichen.

»Tatsächlich, hier liegt die zweite«, sagte ein Mann.

»Sein Bein ist geschient«, stellte die Frau neben ihm fest.

»Na so was! Wirklich, er ist ein Krüppel!« Der zeusähnliche Alte klopfte mit dem Schwert gegen meine Beinschiene. Zu meinem Erstaunen hörte ich den Klang von Holz auf Holz, und als ich an mir hinabschaute, sah ich, dass die vermeintlich lebensgefährliche Waffe ein ähnliches Spielzeug war wie das, mit dem Onkel Vittore mich im Fechten unterwiesen hatte. Verärgert darüber, mich vor einem alten Mann mit einem Holzschwert zu Tode geängstigt zu haben, setzte ich mich auf und blickte in die Runde.

Eine merkwürdige Gesellschaft hatte sich auf der Waldlichtung zusammengefunden. Da war zunächst der graubärtige Alte, der bei näherem Hinsehen weder kraftvoll noch drohend wirkte, sondern einfach nur ein halbwegs rüstiger Mann deutlich jenseits der siebzig war. Außer ihm sah ich noch zwei weitere Männer, einer davon Bernardo, der mit leidender Miene auf dem Felsen hockte, beide Hände zwischen den Beinen, und der andere ein junger Bursche, vielleicht zwei oder drei Jahre älter als ich, dessen engelhaftes Antlitz von hellblondem Lockenhaar umrahmt war. Die Frau in dem grünen Kleid, die neben ihm stand, mochte Mitte zwanzig sein. Sie war eine dralle Erscheinung, die mich mit ihrem bäuerlich hübschen Gesicht und dem brünetten Haar entfernt an Paulina erinnerte, nur dass sie Jahrzehnte jünger war.

Dann war da noch Caterina – ich hatte keinen Moment vergessen, dass irgendwer sie vorhin mit diesem Namen angesprochen hatte –, die Frau, die ich für eine Nymphe gehalten hatte. Während ich sie betrachtete, überlegte ich, ob sie nicht doch eine war, denn nie hatte ich ein schöneres Geschöpf gesehen. Mit ihren liebreizenden Zügen stellte sie Helena, Aphrodite und sämtliche anderen irdischen und göttlichen Frauen in den Schatten, so viel war gewiss. Ich ahnte, dass ich glotzte wie ein krankes Kalb, doch ich konnte nicht dagegen an. Ihre Haut war wie Alabaster, ihre Augen wie Schlehen, und der Mund …

Etwas Rotes schob sich vor meinen Blick und störte meine Sicht auf Caterina. Das Rote entpuppte sich als das wild gelockte Haar eines Mädchens, wahrscheinlich zwölf oder dreizehn Jahre alt, das Gesicht von Sommersprossen übersät. Sie war schmächtig und so klein, dass sie dem Alten kaum bis zum Kinn reichte. Während Caterina in fließende weiße Seide gekleidet war, trug das Mädchen ein Gewand aus schlichtem braunem Kattun; vermutlich war sie eine Dienerin. Jedenfalls schien sie eine praktische Ader zu haben, denn sie war diejenige, die meine Krücke als solche erkannt und den zutreffenden Schluss daraus gezogen hatte.

»Vielleicht möchtest du uns erklären, was das sollte«, sagte sie zu mir, während sie mir die Krücke vor die Füße warf.

Ich räusperte mich, weil mir keine passende Erwiderung einfallen wollte, jedenfalls keine, die nicht lächerlich geklungen hätte.

»Nun?« Sie starrte mich herausfordernd an, während ich überlegte, wo wohl ihre Eltern waren. Anscheinend waren sie nicht hier, es sei denn, der Alte wäre ihr Vater. Nach meinem Dafürhalten aber eher nicht, denn zweifellos war sie ohne ordentliche Erziehung aufgewachsen, weil sie in derart dreistem Ton zu erwachsenen Menschen sprach.

»Offenbar glaubte er, Bernardo wolle mich angreifen«, sagte Caterina. Sie blickte mich an, und ihr Lächeln ließ schlagartig mein Herz stillstehen. Jedenfalls fühlte es sich so an, denn ich merkte deutlich, wie es stolpernd wieder in Gang kam.

»Habt ihr beiden geprobt?«, fragte die dralle Brünette. Ihr Ton ließ erkennen, dass es mit ihrer Laune nicht zum Besten stand.

Caterina zuckte die Achseln. »Sagen wir, ich habe geprobt. Mit Bernardo war es das alte Lied. Er hat seinen Text vergessen.«

»Also hat er getrunken«, sagte das rothaarige Mädchen mit verkniffener Miene. »Hast du ihm Grund dafür gegeben?«

Caterina lachte perlend. »Ah, die kleine Aufpasserin! Anscheinend braucht sie wieder jemanden zum Schelten!«

Die Brünette blickte zum Himmel auf. »Die Sonne steht schon tief. Wir sind spät dran. Wenn wir bis heute Abend in Padua sein wollen, sollten wir uns auf den Weg machen.«

»Franceschina hat recht«, sagte das rothaarige Mädchen. »Lasst uns packen und losfahren.« Mit einem verächtlichen Blick in meine Richtung wandte sie sich ab und ging davon. Der alte Mann rief ihr nach: »Elena, mein Kind, so warte doch!« Es klang eigenartig hilflos, zumindest im Vergleich zu seinem martialischen Auftreten, mit dem er mir vorhin eine Heidenangst eingejagt hatte. Das Mädchen blieb stehen und wartete auf den Alten, und als er sie erreicht hatte, hakte sie ihn unter und verschwand mit ihm gemeinsam zwischen den Bäumen.

Franceschina folgte den beiden, blieb aber nach wenigen Schritten bei Bernardo stehen. »Brauchst du Hilfe?«, fragte sie ihn.

Mürrisch schüttelte er den Kopf, kletterte von dem Felsen und rieb sich den Schritt, während er grollende Blicke in meine Richtung sandte, bevor er, ein wenig breitbeinig, Franceschina hinterherging. Auch Caterina schickte sich zum Gehen an. »Leb wohl, mein edler Retter«, sagte sie lächelnd zu mir, bevor sie sich abwandte und mit graziösen Schritten den Übrigen nacheilte.

Der blond gelockte Mann, der als Einziger noch bei mir stand, bückte sich und half mir auf die Füße. Während er mir die Krücken reichte, meinte er launig: »Alles noch mal gut gegangen, wie?«

Ich starrte Caterina nach und murmelte irgendetwas, das ich selbst nicht verstand.

»Wie bist du eigentlich mit deinem verkrüppelten Bein hierher in den Wald gekommen?«, wollte der Blonde wissen.

»Mit einer Kutsche, sie steht in der Nähe«, sagte ich geistesabwesend, während drüben zwischen den Bäumen der letzte Zipfel weißer Seide verschwand.

»Schaffst du es allein zurück?«, fragte der Mann.

Ich nickte zerstreut, doch als der Mann gehen wollte, fragte ich rasch: »Wer seid Ihr?«

»Ich heiße Cipriano. Und du?«

»Marco. Aber das meinte ich nicht. Ich wollte wissen, wer …« Ich deutete in die Richtung, wo soeben die anderen im Wald verschwunden waren. »Diese Leute, zu denen Ihr gehört – was tun sie?«

Der blonde junge Mann lächelte, was sein Gesicht zu strahlender Schönheit verklärte. »Hat man das nicht gemerkt? Wir spielen Theater.«

»Theater?«, fragte ich verdattert. »Aber wo ist Eure Bühne?«

»Überall.« Vergnügt breitete Cipriano die Arme aus. »Die Welt ist unsere Bühne, und unser Stück ist das Leben, und wenn es sich gerade fügt, geben wir unser Spiel vor anderen zum Besten.« Er verneigte sich schwungvoll, ein Bein in höfischer Manier nach hinten gestellt. »Ab der kommenden Woche beispielsweise in Padua, dort gastieren wir für eine Weile.«

»Ihr meint – Ihr führt da ein Schauspiel auf ?«

Abermals lachte Cipriano. »Sofern nicht das Jüngste Gericht dazwischenkommt oder zu viel Schnaps oder ein Mord aus Eifersucht.« Er zog einen imaginären Hut. »Ich muss weiter. Gott zum Gruße, Marco. Bleib so tapfer und mutig, wie du bist, und lass dich nicht täuschen von falschen Helden, falschen Schwertern und falschen Weibern.« Mit einem Winken drehte er sich um und eilte davon.

sternAuf dem Weg zur Kutsche lief ich Messèr Barbarigo in die Arme. Er hielt einen gefährlich aussehenden Schießprügel umklammert, den er erleichtert sinken ließ, als er meiner ansichtig wurde. »Gott sei Dank, da bist du ja, mein Junge! In den letzten Jahren sollen sich hier zwar weniger Räuber herumtreiben als früher, aber man weiß ja nie. Und eben war mir, als hätte ich Stimmen gehört.«

Es kam mir merkwürdig vor, dass ein Notar eine Waffe trug, doch ich verkniff mir jede Bemerkung dazu, wenngleich der Dolch, den ich mit mir führte, mir auf einmal weit weniger Sicherheit vermittelte als vor meinem Ausflug in die Büsche.

Messèr Barbarigo deutete meine befremdeten Blicke richtig, denn als Nächstes wartete er mit einer Erklärung für die Arkebuse auf. »Sie gehört dem Kutscher«, meinte er. »Ich habe sie nur mitgenommen, um etwaigen Räubern nicht unbewaffnet gegenüberzutreten.«

»Was ist mit dem Kutscher und dem Prior?«, fragte ich. »Wieso sind die nicht mitgekommen?«

»Weil wir uns für die Suche nach dir aufgeteilt haben«, erklärte der Notar. »Der Kutscher hat seine Armbrust mitgenommen, und Bruder Hieronimo das Schwert des Kutschers.«

Die Vorstellung hatte etwas Erheiterndes, obwohl mir sowohl der Notar als auch der Prior unbewaffnet deutlich lieber waren. Aber Hauptsache, nach dieser Expedition wären alle Waffen wieder unter dem Kutschbock verstaut.

»Ihr hättet mich doch auch einfach im Wald zurücklassen können, dann hättet Ihr keine Arbeit mehr mit mir gehabt.«

Messèr Barbarigo verzog das Gesicht. »Damit du von wilden Tieren gefressen wirst? Ich gebe zu, manchen Leuten würde das sicher gut passen, aber mir keinesfalls.«

Daraus schloss ich, dass zumindest der Notar nicht an meinem frühen Dahinscheiden interessiert war, was mich ein wenig aufatmen ließ. Blieb jedoch noch die Frage, welchen Leuten es gut passte, dass mich wilde Tiere fraßen. Der Notar war offenbar nicht gewillt, darüber nähere Auskunft zu erteilen, denn er bahnte uns beiden unter allerlei Geschimpfe einen Weg durch das Gestrüpp, das mir von der anderen Richtung her nicht so undurchdringlich vorgekommen war. Auf Krücken hinkte ich hinter ihm her und wich hin und wieder einem zurückschnellenden Zweig aus.

»Seid Ihr sicher, dass das der richtige Weg ist?«, fragte ich nach einer Weile.

»Schweig, du besserwisserischer Knabe.«

»Na ja, die Sache ist die …« Ich blieb stehen und wartete, bis er sich umdrehte. »Wenn die Kutsche nicht inzwischen weitergefahren ist, müssen wir hier entlang.« Diplomatisch lächelnd zeigte ich nach rechts, worauf der Notar mit verkniffener Miene seine Autorität gegenüber seinem Bedürfnis abwog, zur Kutsche zurückzufinden. Grummelnd schlug er schließlich die von mir gewiesene Richtung ein, wo wir nach kurzer Zeit unser Gespann sowie den Prior und den Kutscher vorfanden. Dem Notar missfiel es sichtlich, dass er sich im Wald verlaufen hatte. Auch um Bruder Hieronimos Laune stand es nicht zum Besten, denn er starrte ergrimmt an uns vorbei. Da die beiden sich auch gegenseitig anschwiegen, fragte ich mich, ob sie vielleicht gestritten hatten, wobei die Meinungsverschiedenheit möglicherweise darin bestand, dass es dem einen gefallen hätte, mich an wilde Tiere zu verfüttern, und dem anderen nicht.

Dann war diese Frage mit einem Mal nebensächlich, denn die Kutsche erreichte nach einem kurzen Stück rumpelnder Fahrt die nächste Wegbiegung, wo mich ein faszinierender Anblick erwartete. Unter den Bäumen sah ich zwei Gespanne stehen. Über und über bemalt, leuchteten die Schaustellerwagen in den schräg einfallenden Strahlen der Abendsonne so bunt wie das Fresko in der Kirche unseres kleinen Dorfes. Doch damit erschöpfte sich die künstlerische Ähnlichkeit auch schon, denn nicht mit Heiligenmotiven waren die Wagen und die darüber gespannten Planen verziert, sondern mit weltlichen Gestalten: eine dralle Bauernmagd, die einen Korb mit Früchten trug, eine edel gewandete Dame, die mit Juwelen geschmückt war, ein herausgeputzter Patrizier mit Wappenkette, ein derber Geselle im Dienstbotengewand, ein alter Mann in würdiger Doktorenrobe … Mir gingen die Augen über, während unsere Kutsche an diesen prachtvollen Schaustücken vorüberrollte.

Bei den Wagen tummelten sich die Leute, die ich vorhin auf der Waldlichtung kennengelernt hatte. Der blonde Cipriano und der Bursche, dessen Männlichkeit auf schmerzhafte Weise Bekanntschaft mit meiner Krücke geschlossen hatte – Bernardo –, waren im Begriff, die Pferde anzuschirren, große, behäbige Gäule, ähnlich unseren Zugpferden auf dem Landgut.

Auf dem Bock des vorderen Wagens saß das rothaarige Mädchen Elena und neben ihr der alte Mann; die beiden waren ins Gespräch vertieft. Die dralle Franceschina warf einen Sack auf die Ladefläche hinter den Sitzen und stieg dann ebenfalls auf.

Gespräch vertieft. Die dralle Franceschina warf einen Sack auf die Ladefläche hinter den Sitzen und stieg dann ebenfalls auf.

Ich reckte den Kopf, bis mir der Nacken schmerzte, doch die noch fehlende sechste Person sah ich nirgends.

Der Prior erwachte aus seinem Schweigen, seine offenbar angeborene Leutseligkeit obsiegte. »Was ist das für ein seltsamer Trupp?«, fragte er niemand Besonderen.

»Das sind Schauspieler«, platzte ich heraus. »Ich traf sie im Wald. Sie wollen nach Padua, um dort ein Stück aufzuführen!«

»Diese Unsitte kommt immer mehr in Mode«, meinte der Notar abfällig. »Allenthalben sieht man herumziehendes Bühnenvolk. Ein Zeichen wuchernder Dekadenz, wenn Ihr mich fragt.«

»Ah, tatsächlich, es sind Theaterleute!« Der Prior beugte sich aus dem Fenster. »Was für ein verrückter Haufen! Einer von ihnen ist verkleidet wie ein griechischer Krieger. Und die Frau dort hinter dem Wagen sieht aus wie eine Nymphe.«

Caterina! Während unsere Kutsche die beiden Gespanne passierte, erspähte ich sie auf der anderen Seite des vorderen Fuhrwerks. Sie saß auf einem Baumstumpf und kämmte ihr herrliches Haar, das Gesicht von entrückter Schönheit, die Augen geschlossen. Mein Herz tat einen Satz, und dann noch einen, und mir blieb die Luft weg, bis die Kutsche abermals eine Wegbiegung erreichte und Caterina meinen Blicken entzogen war. Die restliche Fahrt über störten mich weder Mönch noch Notar. Es gab nur noch mich und meine Träume, und allesamt handelten sie von Caterina.

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sternDas Kloster lag ein wenig außerhalb einer dörflichen Ansiedlung namens Galzignano, umgeben von Hainen und frisch gepflügten Äckern. Ein fauliger Geruch wie nach stinkenden Eiern lag in der Luft, als wir durch diese Gegend im Südosten des Veneto fuhren. Der Prior bemerkte unsere gerümpften Nasen und erklärte nicht ohne Stolz, dass dieser Duft gewissermaßen für den Reichtum des Gebiets stehe. Seinen Ausführungen zufolge handelte es sich um schweflige Dämpfe, abgesondert von den heißen Quellen der Umgebung. Schon die alten Römer hätten in den Thermalquellen und Fangogruben Heilung und Erholung gefunden, wovon nicht nur die Überreste antiker Badeeinrichtungen kündeten, sondern auch diverse Beschreibungen in den Schriften von Plinius und Livius. Auch andere Geistesgrößen hätten diese Quellen besungen, etwa Petrarca, dessen Grabstätte nicht weit von diesem Ort entfernt liege. Die Heilkraft der Thermalbäder werde nach wie vor hoch geschätzt, weshalb viele Menschen aus weitem Umkreis in die Gegend kämen, um Gicht und Gliederreißen zu lindern.

Nicht nur die Dörfer in der Nähe dieser Quellen, sondern auch das Kloster beherbergte oft Reisende, die es zu den wohltuenden Quellen zog. Angesichts dieses Zulaufs, so der Prior, hätte man gern schon längst frühere Pläne verwirklicht, die den Bau eines neuen Refektoriums sowie einer erklecklichen Anzahl weiterer Gastzimmer vorsahen. Allein, es sei nicht so einfach, an dem blühenden Wohlstand, den die Thermalquellen der Gegend bescherten, stärker teilzuhaben – sei es doch seit dem letzten großen Türkenkrieg pekuniär mit dem Kloster bergab gegangen.

Bei dieser scheinbar beiläufig hingeworfenen Bemerkung kamen mir schlagartig wieder all die bohrenden Fragen um Vermögen und Erbschaften in den Sinn, die mich seit unserem Aufbruch plagten, doch ich verdrängte sie einstweilen und stellte mir stattdessen lieber vor, wie ich mit Caterina durch wogende Dämpfe zu einer heißen, in einer Höhle verborgenen Quelle lustwandelte, wo sie mir sodann der Liebe Erquickung zuteilwerden ließ. In meiner Vorstellung ging das so vonstatten, dass ich sie umarmte, möglicherweise sogar kühn ihre Brust berührte – allerdings nur eine, und auch die nur über dem Gewand. Wir hatten uns ja eben erst kennengelernt. Daher tat ich in meinen Vorstellungen neben einer sanften Berührung des schwellenden Busens nichts Unedleres, als Caterina zu küssen, wobei meine Phantasien auch hierzu sehr nebulös blieben, weil ich nicht genau wusste, wie man es machte. Paulina und Onkel Vittore hatten das Küssen vernachlässigt, vermutlich, weil er zu viele Zwiebeln aß.

Gleich darauf erübrigten sich weitere Überlegungen zu heißen Quellen, Küssen und Zwiebeln, denn wir hatten unser Ziel erreicht.

Das klösterliche Anwesen lag hinter einer mannshohen Mauer. Es bestand aus einer Ansammlung niedriger Backsteingebäude rund um eine gedrungene Kapelle, die wie die Häuser schon deutlich bessere Tage gesehen hatte, sowie ein paar Ställen und Scheunen, die ebenfalls einen Hang zur Baufälligkeit aufwiesen. Dafür waren, wie ich als Landkind auf den ersten Blick erkannte, die Gärten in Ordnung, die pickenden Hühner zahlreich und die Schweine, die sich in der Suhle vor einem der Ställe wälzten, wohlgenährt. Hier und da waren Dominikanermönche bei der Gartenarbeit zu sehen, und als die Kutsche durch den Torbogen auf den Hof des Anwesens rollte und anhielt, kamen einige von ihnen näher, einen Ausdruck maßvollen Interesses in den Gesichtern. Als sie ihren Prior aussteigen sahen, machte diese Regung stumpfsinniger Langeweile Platz. Die Rückkehr ihres Hüters riss sie offensichtlich nicht aus ihrem Trott. Auch der Notar vermochte niemanden aus dem alltäglichen Einerlei zu locken, einige der Mönche wandten sich bereits angeödet ab. Als Letzter stieg ich aus der Kutsche, was schon deutlich mehr neugierige Blicke zur Folge hatte. Eine kleine Schar von ihnen trat näher, als Bruder Hieronimo mich auf dem gepflasterten Hof vor dem Haupthaus als Neuzugang der klösterlichen Gemeinschaft vorstellte.

»Das ist unser Schützling Marco«, sagte er zu den Umstehenden, ungefähr ein Dutzend Männer aller Altersklassen, allesamt in dunkler Mönchskutte über hellem Unterkleid. Einem der Mönche befahl er: »Bruder Iseppo, du hilfst Marco bei dem Gepäck und zeigst ihm die Unterkunft.«

Bruder Iseppo war klein und dicklich; sein Haupthaar lichtete sich bereits deutlich, obwohl er nach meiner Schätzung kaum dreißig war. Er lächelte mich zuvorkommend an und schulterte meinen Reisesack. »Wie schön, ein neues Gesicht in unseren Mauern zu sehen«, sagte er, während ich krückenbewehrt neben ihm zu einem der Gebäude hinüberstakste. »Wir hatten lange keinen Novizen mehr.«

Mir lag es auf der Zunge, ihn darauf hinzuweisen, dass ich kein Novize war, sondern nur eine Art Gast, jemand, der gleichsam zufällig hier für eine Weile zu Besuch weilte, doch dann wurde mir mit erschreckender Deutlichkeit klar, dass alle Männer, die ich bisher auf dem Gelände hatte herumwuseln sehen, die Mönchskutte trugen. Mein Blick fiel auf den kahlen Hinterkopf von Bruder Iseppo, und ich begriff, dass dieser Haarverlust nichts mit früher Glatzenbildung zu tun hatte. Dem Drang, schützend in mein eigenes Haar zu fassen, konnte ich nur widerstehen, weil ich die Krücken halten musste. Man würde mir eine Tonsur scheren!

»Gibt es eigentlich nur Mönche hier im Kloster?«, fragte ich, während ich hinter Iseppo her durch einen nach verschimmeltem Mauerwerk riechenden Gang hinkte. »Oder auch … ähm, Laienbrüder?«

»Hier sind nur Mönche. Ab und zu kommt einmal ein Reisender, der die Therme besucht. Aber das ist eher selten, denn unsere Unterbringungsmöglichkeiten sind sehr karg.«

Was Iseppo mit karg meinte, war gleich darauf anhand der Zelle zu erkennen, die er mir zuwies. Sie war kaum größer als das Bett, das ich auf unserem Landgut mein Eigen genannt hatte, und wie es aussah, bewohnte ich sie nicht allein, sondern musste sie mit einem anderen Bewohner teilen, denn an der schmalen Längswand befanden sich zwei Lagerstätten.

»Du wohnst hier mit Bruder Ottone zusammen«, erklärte Iseppo. »Sein Zellengenosse ist neulich gestorben, deshalb ist hier Platz für dich.«

Vermutlich meinte er damit das freie Bett, denn ansonsten konnte von Platz keine Rede sein, obwohl die Möblierung spärlicher nicht hätte sein können. Abgesehen von den mit Strohsäcken bestückten Betten bestand sie aus einem Schemel, einem niedrigen Tisch mit einer Kerze darauf und einem Nachttopf darunter sowie einer uralten Holzkiste. Sonst gab es nichts außer nackten Ziegelwänden, es sei denn, man hätte das Kreuz, das über der Tür hing, als Einrichtungsgegenstand mitgezählt. Unwillkürlich dachte ich an meine geräumige Kammer auf dem Landgut, in der es außer einem großen Bett mit einer ordentlichen Matratze auch ein Lesepult, eine Kommode mit Rasierspiegel, einen Schrank, eine Truhe und sogar einen Lehnstuhl gab. Außerdem hatte es in meinem Zimmer nie so gestunken wie in diesem.

»Nicht alle Zellen hier im Klosterbau sind so schlicht«, sagte Iseppo tröstend. »Meine beispielsweise ist sehr viel gemütlicher. Ich habe sogar Bücher dort. Und bestickte Kissen. Und einen kleinen Knüpfteppich.«

»Das klingt gut«, sagte ich höflich.

»Tatsächlich wäre der zweite Platz in meiner Zelle frei, aber der Prior meinte, es wäre besser, wenn du zu Ottone ziehst. Bruder Ottone ist ein Verehrer von Fra Savonarola, er hält streng auf Askese, um sich gegen weltliche Versuchungen zu feien und der Erleuchtung näherzukommen.«

»Sicher hätte ich es schlechter treffen können«, log ich.

»Gewiss. Sogar an das regelmäßige Geißeln kann man sich mit der Zeit gewöhnen, hat Bruder Jacopo gesagt.«

»Ist Bruder Ottone gewalttätig?«, fragte ich bestürzt.

»Wegen der Geißel? Keine Sorge.« Iseppo kicherte verhalten. »Er schlägt damit bloß sich selbst.«

»Wer ist Bruder Jacopo? Kann der nicht hier mit Bruder Ottone wohnen?«

»Tat er ja. Bis er vor drei Wochen starb.«

Ich schluckte. »Im Bett?«

»Aber ja doch. Schließlich lag er da vorher zwei volle Jahre lang drin, er konnte nicht mehr aufstehen.«

Damit war zugleich erklärt, warum es in der Zelle nach Abtritt stank. Nicht der Nachttopf war voll, wie ich zuerst vermutet hatte, sondern der Strohsack.

Bruder Iseppo deutete meine entsetzten Blicke richtig. »Bestimmt lässt es sich einrichten, dass du einen neuen Strohsack bekommst.«

»Sagtest du nicht gerade etwas von einem freien Platz in deiner Zelle?«

»Oh, du würdest mit mir zusammenwohnen wollen?«, fragte Bruder Iseppo erfreut.

»Warum nicht«, sagte ich.

»Das ist schön! Wenn wir beide es wollen, hat Bruder Hieronimo bestimmt nichts dagegen. Übrigens, ich persönlich halte nichts von Flagellation. Und der zweite Strohsack ist so gut wie unbenutzt, nur wenige Besucher haben darauf geschlafen. Außerdem kann ich dir eines von meinen Kissen borgen! Komm mit, ich zeige dir meine Zelle!«

Während ich ihm zu seiner Unterkunft folgte, fragte ich mich, wie es dazu gekommen war, dass mich die bloße Aussicht auf ein geliehenes Kissen und einen Strohsack, der nicht vollgeschissen war, aufmuntern konnte.

sternIn den Wochen, die der Ankunft im Kloster folgten, wartete ich ständig, dass etwas Aufregendes, Neues geschah, doch die Dinge, die mir dort widerfuhren, waren zwar ungewohnt, aber keineswegs aufregend, es sei denn im Sinne von erschreckend.

So zuckte ich jedes Mal zusammen, wenn die Glocke zum Gebet läutete, zum einen, weil ich eine Stunde Fußmarsch vom nächsten Glockenturm entfernt aufgewachsen war, zum anderen, weil es nach meinem Empfinden andauernd läutete, vor allem immer dann, wenn man gerade nicht damit rechnete. Die Glocke war überdies von sämtlichem Inventar auf dem klösterlichen Gelände das neueste Stück, was sich in einem sehr vollen Klang äußerte, der eher einem Dröhnen ähnelte und dem die angrenzenden brüchigen Baulichkeiten als Schallkörper kaum gewachsen waren – sowie es anfing zu läuten, rieselte der Putz von den Wänden.

In dem maroden Turm des Kapellchens war im Vorjahr ein Balken gebrochen, wodurch die alte Glocke auf den Steinboden gefallen und zerborsten war. Im ganzen Land war Bruder Hieronimo daraufhin herumgereist, um bei seinen Ordensbrüdern Geld für eine neue Glocke zu erbitten. Keine Fahrt in noch so unwegsames Gelände hatte er gescheut, denn nichts war ihm wichtiger als der Erhalt des Klosters, wo er bereits als Jüngling sein Noviziat verbracht hatte.

Als ich diese Geschichte hörte, konnte ich nicht umhin, daran zu denken, in welch unwegsamem Gelände sich unser Landgut befand und welche wertsteigernde Anschaffung ich wohl mit meinem ererbten Vermögen, wie viel immer es auch war, unterstützen würde.

Bevor der Notar mich in der Obhut des Klosters zurückgelassen hatte und allein weitergereist war, hatte er mir in knappem Ton mitgeteilt, er werde sich einmal jährlich persönlich vergewissern, dass ich noch unter den Lebenden weilte, worauf ich tagelang Phantasien ausbrütete, in denen Meuchelmörder mich nächtens in einer kochenden Therme versenkten.

Weit furchterregender war jedoch die Vorstellung, die kommenden Jahre im Kloster festzusitzen.

Vielleicht hätte ich in diesen Wochen eine nicht ganz so heftige Abneigung gegen das Klosterleben entwickelt, wäre ich nicht infolge der Beinschiene überwiegend zu körperlicher Untätigkeit verdammt gewesen. Während die anderen Klosterbewohner tagsüber auf den Äckern und in den Ställen arbeiteten, so wie ich selbst es von klein an gewohnt war, beschränkte sich mein Tätigkeitsfeld weitgehend auf das Scriptorium und die dazugehörige Bibliothek. Dort lernte ich Bruder Ottone kennen, einen ausgemergelten älteren Mönch, der für diesen Bereich des Klosters verantwortlich war und nach dessen Anweisungen ich alte Bestandsverzeichnisse zu erneuern hatte. In der Klosterbücherei gab es recht viele Bücher, darunter etliche handgefertigte Folianten, die noch aus den Zeiten vor dem Aufkommen des Buchdrucks stammten. Dabei handelte es sich jedoch samt und sonders um fromme Traktate und Breviere, deren Inhalt genauso staubig war wie ihr Einband. Kein einziges Werk, das allein der Erbauung diente, fand sich in den Beständen der Klosterbibliothek, nichts von Petrarca oder gar kunstvolle Dichtung wie Die Göttliche Komödie von Dante. Dafür war jede einzelne Abhandlung von Aquin vorhanden, manche sogar mehrfach. Unter den Schriften der römischen Altvorderen fand sich zwar alles Mögliche von Augustinus, doch suchte ich meinen geliebten Ovid vergebens.

Bruder Hieronimo hätte als Prior Anweisung geben können, das einseitige Angebot aufzufrischen, doch er hatte es nicht so mit dem Lesen, wie ich von Iseppo erfuhr. Auch die übrigen Mönche erschienen so gut wie nie im Scriptorium, was bei der Auswahl an Lektüre niemanden verwundern konnte.

Meine Arbeit im Scriptorium war somit in etwa so spannend wie das Gemüseputzen, zu dem ich hin und wieder in die Küche beordert wurde und das ich, ebenso wie das Schreiben, auf einem Schemel sitzend erledigen konnte.

Die wenigen Bücher, die sich in Bruder Iseppos Besitz befanden, waren mir bereits bekannt und rasch ein zweites und drittes Mal gelesen, sodass ich hierin kaum Ablenkung fand. Auch das viele Beten vermochte aus meinem Kopf nicht die gähnende Leere zu vertreiben, die mit der Bewegungsarmut einherging, zu der mein Körper verdammt war.

Davon abgesehen wusste ich nach einer Weile nicht so recht, ob es wirklich eine kluge Entscheidung gewesen war, zu Iseppo in die Zelle zu ziehen. Der skeptische Gesichtsausdruck von Bruder Hieronimo, als Iseppo und ich um Erlaubnis für unser Anliegen nachsuchten, hätte mir zu denken geben sollen. Auf jeden Fall aber das verzückte Lächeln, mit dem Iseppo mir gleich beim ersten Betreten seiner Kammer eines seiner bestickten Seidenkissen reichte und mich aufforderte, doch einmal zu fühlen, wie weich es sei; seine geliebte Mutter habe es eigenhändig für ihn genäht und ihm zur Profess geschenkt.

Überhaupt hatte er es mit dem Fühlen, besonders dem inneren. Er fühlte sich abwechselnd froh oder traurig oder hungrig oder müde, und nie versäumte er, mich darüber eingehend ins Bild zu setzen, wobei er den jeweiligen Gefühlszustand, in dem er sich gerade befand, mit den weitschweifigsten Beschreibungen auszuschmücken pflegte. Dabei sah er mich stets auf erwartungsvolle Weise an, als sei ihm wichtig, wie ich sein momentanes Gefühl bewertete und gewichtete. Auch das Betasten war ihm ein Anliegen. Einmal betastete er meinen Arm und fand, dass er sich sehr hart anfühle. Er strich sich häufig über das Gesicht, um festzustellen, ob es glatt und zart war, und nie vergaß er, mich zu informieren, wie es sich anfühlte. Hin und wieder vergewisserte er sich auch, ob meine Kutte, in die man mich zu meinem Verdruss gleich am ersten Tag gesteckt hatte, genauso weich war wie seine, die er täglich lüftete und gelegentlich sogar auswusch und während des Trocknens mit Lavendelzweigen spickte. Das Geheimnis weicher und duftender Kutten, so seine Verlautbarung dazu, liege in der Verbindung von Luft und Lavendel.

Das Essen aus der Klosterküche war ebenso nahrhaft wie schlicht; es bestand zumeist aus klumpigen Pastagerichten oder derben Gemüseeintöpfen, alles fleischlos, weil noch Fastenzeit war. Als kulinarische Krönung gab es hin und wieder verkochten Fisch, steinharte Eier oder angebrannten Grießbrei. Zu Ostern gab es Lamm in Thymiansoße. Es schmeckte wie das Zeug, das ich als Kind hatte zu mir nehmen müssen, wenn ich erkältet war.

Mit Wehmut dachte ich bei solchen Mahlzeiten an Paulinas Kochkünste zurück. Ob unsere Magd bei Pater Anselmo ein neues Zuhause gefunden hatte und ihn bereits mit ihren Fähigkeiten erfreute? Manchmal sah ich die beiden immer noch wie Philemon und Baucis nebeneinander im Hof des Gutshauses stehen, während ich mit der Kutsche in die Fremde fuhr.

Auf diese Weise war ich also eingebunden in das Klosterleben, in eine immer wiederkehrende Abfolge von täglichem Gebet und leiernd-liturgischem Gesang in der Kapelle, gemeinsamen Mahlzeiten im Refektorium, der Schreibarbeit im Scriptorium, dem Gemüseputzen in der Küche und frühem Zubettgehen. Letzteres ergab sich zwingend daraus, dass auch das Aufstehen grausam früh erfolgte, denn zur Prim mussten alle Mönche mit frisch gewaschenen Gesichtern in der Kapelle zum Morgengebet antreten. Nach dem Vespergebet war man dann entsprechend müde und sehnte sich nach Schlaf.

So verstrichen die ersten Wochen meines neuen Lebens in trüber Ereignislosigkeit. Die einzig wirklich erfreuliche Abwechslung bestand darin, dass ich mir vor dem Einschlafen oft ausmalte, Caterina zu küssen und zu liebkosen. Im Laufe der Zeit nahm ich mir immer größere Freiheiten heraus. Einmal war ich fast so weit, ihre Brüste zu entblößen, ich hatte sie förmlich schon unter meinen geistigen Händen, doch in diesem Moment fragte Iseppo mit freudiger Anteilnahme vom Nachbarbett aus, ob das Kissen sich für mich tatsächlich so weich anfühle, wie es den Anschein erwecke.

Erst in der vierten Woche meines Klosteraufenthalts geschahen einige bemerkenswerte Dinge, und zwar alle an einem Tag.

Ich nahm die Beinschiene ab.

Ich entdeckte meinen leidenschaftlichen Hang zum Schreiben.

Ich belauschte ein aufwühlendes Gespräch.

Ich schnürte mein Bündel und machte mich aus dem Staub.

sternDoch der Reihe nach.

Am ersten Mittwoch nach Ostern war endlich die Zeit gekommen, die Beinschiene loszuwerden. Gleich nach der Frühmesse nahm ich sie ab und ging versuchshalber in der Zelle hin und her. Das rechte Bein kam mir etwas schwächer vor als das linke, aber der Bader, der mir den Knochen gerichtet und die Schiene angelegt hatte, hatte bereits angekündigt, dass es in der ersten Zeit so sein würde, deshalb machte ich mir keine Sorgen.

»Anfangs darfst du nicht herumrennen«, hatte er mir eingeschärft, denn er wusste, dass das eine meiner liebsten Beschäftigungen war. Seine Ermahnung konnte ich leicht beherzigen, denn wohin hätte ich innerhalb der Klostermauern rennen sollen? Ich war ja schon froh, dass ich endlich wieder ohne Krücken gehen konnte.

»Wie fühlst du dich, so ganz ohne Krücken?«, fragte Iseppo teilnahmsvoll.

»Fast wie ein freier Mensch«, erklärte ich.

Mit neu gewonnener Leichtigkeit begab ich mich ins Scriptorium, wo ich Bruder Ottone geschwächt auf dem Schemel vorfand, auf dem sonst immer ich zu sitzen pflegte. Als ich das getrocknete Blut an seinen Händen sah, erschrak ich. »Seid Ihr verletzt?«

»Nein, es geht mir gut«, sagte er, und da er dabei überaus zufrieden dreinschaute, musste ich ihm wohl glauben. Gleich darauf bemerkte ich, wie ungewohnt steif er seinen Rücken hielt, was mir eine Vorstellung davon verschaffte, woher das Blut kam und warum er so guter Dinge war. Dennoch war er zu schwach, um es länger als bis zum Terzläuten im Scriptorium auszuhalten. »Ich gehe für eine Weile beten«, erklärte er schließlich. Bevor er sich zurückzog, trug er mir auf, die Schreibutensilien zu ordnen, Papier zu schneiden und Federn zu spitzen. Anschließend verschwand er mit durchgedrückten Schultern und schmerzverzerrter Miene, und ich war zum ersten Mal, seit ich im Kloster angekommen war, allein.

Weisungsgemäß schnitt ich Schreibfedern, rührte frische Tinte an und falzte und zerteilte Papierbögen. Das Scriptorium verfügte über enorme Papiervorräte. Bruder Ottone hatte erwähnt, dass Bruder Hieronimo von einer seiner Beschaffungsreisen ganze Kisten voll mitgebracht hatte, die dem Kloster von irgendeinem Gönner als Sachspende übereignet worden waren.

Zu Hause hatte ich das Schreiben mit Griffel und Schiefertafel erlernt und auch die mir von Onkel Vittore gestellten schulischen Aufgaben damit erledigt, denn Papier war nicht billig und durfte daher nicht verschwendet werden. Die Bestandslisten der Klosterbibliothek musste ich auf Pergament schreiben, das war haltbarer, aber auch kostspieliger, sodass ich zusehen musste, platzsparend kleinzeilig, dabei aber unbedingt leserlich zu schreiben, ein zuweilen recht mühseliges Unterfangen, weil meine Handschrift eher zu größerem Format tendierte.

Bruder Ottone benötigte dagegen zum Abfassen seiner eigenen religiösen Traktate kein Pergament, sondern schrieb sie auf exakt zugeschnittene Bögen von Papier, von denen er jeden Tag mehrere bekritzelte. Ich hatte die Blätter zu sammeln, zu datieren und zu nummerieren, damit er sie später einmal binden lassen konnte. Auf den Borden stapelten sich ganze Stöße davon, zum Teil aus einer Zeit, die lange vor meiner Geburt lag, was die Vermutung nahelegte, dass dieses später eher wahrscheinlich nie bedeutete. In Anbetracht dessen, dass kein Mensch die Schrift von Bruder Ottone entziffern konnte, war dieser kulturelle Verlust für den Orden sicher zu verschmerzen.

Es tat gut, wieder auf zwei Beinen zu stehen und beidhändig arbeiten zu können, ohne durch Krücken behindert zu sein. Schwungvoll legte ich einen frisch geschnittenen Papierbogen auf das Schreibpult, um Federn und Tinte auszuprobieren. Ich malte ein paar Linien und Kringel, verband sie mittels kühn verschlungener Paraphen meiner Initialen – M. Z. – zu kunstvollen Gebilden, und dann, ohne besondere Absicht, begann ich Worte aufs Papier zu werfen, die sich zu meiner Verblüffung rasch zu Sätzen und Absätzen formten.

Schlaflos verbring ich die Nächte, die endlos langen

Es schmerzt mich jedes Glied

Und im Bett werf ich mich stöhnend umher.

Wär ich von Liebe gequält, so müsst ich das wissen und fühlen

Oder beschlich sie vielleicht listig und heimlich mein Herz? 5

Ich schloss die Augen und dachte kurz nach, bis mir der gesuchte Vers wieder Wort für Wort vor Augen stand:

Welch eine liebliche Brust hielt ich in bebender Hand!

Schlank anschloss sich der züchtige Leib

An den schwellenden Busen

Hüften, wie reizend gewölbt! Welch ein gerundetes Knie! …

Und die Herrliche – nackt schloss ich sie fest an die Brust! 6

Mir fielen noch andere markante Stellen aus den Amores ein, mittels derer sich meine glühende Leidenschaft für Caterina geradezu eruptiv entlud, wenn auch nur schriftlich. Euphorisch setzte ich Satz an Satz – was für ein Hochgenuss, auf Papier zu schreiben, das Kratzen der Feder im Ohr, den sachten Fluss der Tinte vor Augen! Nach einer Weile reichten mir die bekannten Verse nicht mehr, ich fügte rasch selbst ersonnene hinzu und schwelgte in Wortgebilden voller köstlicher Andeutungen.

Mit und ohne Versmaß fabulierte ich über Brüste und Hüften in allen Varianten, erwähnte sogar, kühner werdend, die weibliche Leibesmitte – wenngleich mir mangels anatomischer Kenntnisse hierzu keine passende Lyrik einfallen wollte –, dafür aber den Schenkeln, so bebend weiß, ja, sogar den Füßen, lockend zart gegliedert, vermochte ich eine besondere erotische Konnotation zu verleihen.

Irgendwann riss ich mich aus meinem fieberhaften Schreibrausch, las mit wachsendem Entsetzen das, was ich da aufs Papier geworfen hatte, und konnte mich dennoch nicht gegen die Erregung wehren, die mich beim Anblick meines Elaborats abermals überkommen wollte. Ich schluckte und war drauf und dran, alles in Fetzen zu reißen, doch dann hörte ich die Schritte. Eilig ergriff ich den vollgekritzelten Bogen sowie das verräterische geöffnete Tintenfass mitsamt noch tropfender Feder und huschte in den kleinen Nebenraum, wo die Papiervorräte und alle anderen Schreibutensilien aufbewahrt wurden. Dort ließ ich das beschriebene Blatt in einem der dicken Papierstapel verschwinden und drückte mich mit angehaltenem Atem gegen die Wand, während sich nebenan die Tür zum Scriptorium öffnete.

Derweil die Tür noch knarrte, erdachte ich geschwind eine glaubhafte Ausrede: Ich wollte gerade neues Papier zum Falzen und Zuschneiden holen! Passend dazu schnappte ich mir den Stapel, in dem mein verräterisches Blatt versteckt war. Tintenfass und Federkiel verbarg ich mit der freien Hand hinterm Rücken.

Doch ich kam gar nicht in die Verlegenheit, wegen meines fehlgeleiteten Arbeitseifers flunkern zu müssen, denn nicht Bruder Ottone hatte das Scriptorium betreten, sondern Bruder Hieronimo, und er war nicht allein.

Die Stimme desjenigen, der mit ihm hereingekommen war, kannte ich nicht, aber auch so war ich sicher, dass es keiner der Mönche war, denn der Prior sprach in respektvollem Ton mit ihm. »Hier hätte der Junge eigentlich sein müssen. Er hilft unserem Scriptor bei der Arbeit. Sicher ist er nur kurz zum Abtritt gegangen und kommt gleich zurück.«

»Fügt er sich gut in das Klosterleben ein?«

Ich meinte förmlich zu sehen, wie Bruder Hieronimo anstelle einer Antwort die Achseln zuckte.

»Das Leben in einer streng organisierten Gemeinschaft wie der eines Klosters ist nach einer so ungezwungenen Jugend bestimmt nicht einfach«, fuhr der Fremde fort.

»Wir behandeln ihn sehr gut«, betonte Bruder Hieronimo, wie um einem Vorwurf vorzubeugen. »Die Arbeit ist leicht, und zu essen gibt es reichlich. Wir haben ihn noch nie bestraft, obwohl er es gelegentlich durchaus verdient, weil es ihm an Zucht und Demut gebricht.«

Fast hätte ich das Tintenfass fallen lassen.

»Und Ihr habt keine Sorge, dass er plötzlich … verschwinden könnte?«, wollte der Fremde wissen.

Ich hielt die Luft an. Was meinte er mit verschwinden? In eine Schlucht fallen? Oder in eine tiefe, tödlich heiße Therme?

»Warum sollte er?«, fragte der Prior.

»Nun ja. Kennt Ihr eigentlich die Geschichte seiner Herkunft?«

Ich hielt immer noch den Atem an. Mir war bereits schwindlig davon, doch es war völlig unmöglich, jetzt Luft zu holen.

»Mir ist bekannt, dass seine Eltern sowie auch die übrigen Verwandten starben, als er noch ein Säugling war, und dass Vittore Ziani den Jungen zu sich nahm.«

»Wisst Ihr denn, warum Vittore Ziani das Kind von Venedig aufs Land brachte?«

Venedig! Ich war schon einmal in Venedig gewesen, vielleicht sogar dort geboren!

»Soweit ich weiß, tat er es wegen der damals herrschenden Pest, welche die ganze Familie dahinraffte. Später blieb Messèr Ziani auf dem Land, weil es ihm dort gefiel.«

»Frater, seid Ihr sicher, dass Ihr nicht mehr darüber wisst?«

»Worüber?«

»Was damals wirklich geschah.«

Was denn nur, um Himmels willen? Unseligerweise musste ich atmen, es ging nicht anders, doch da ich dabei kein Geräusch machen durfte, weil man mich sonst gehört hätte, tat ich es auf so lang gezogene, behutsame Weise, dass es beinahe so anstrengend war wie das Luftanhalten. Ich kam mir vor wie ein gestrandeter Fisch.

Der Prior räusperte sich. »Nun, ich weiß nichts, nur was im Testament steht. Mehr ist mir nicht bekannt.«

»Dafür ist allgemein bekannt, dass Euer Kloster ein Fass ohne Boden ist«, sagte der Fremde.

»Was wollt Ihr damit zum Ausdruck bringen?«

»Dass Ihr Geld braucht.«

»Wer braucht das nicht? Ich bin ein verantwortungsbewusster Prior und liebe dieses Kloster! Ich kam schon im Alter von zehn Jahren hierher, seitdem ist es mir Hort und Heim! In demütiger Dienstbarkeit und aus Liebe zu Gott sowie zu meinen Glaubensbrüdern trage ich die Last der Verantwortung seit Jahrzehnten und werde ihrer auch niemals müde sein, bis der Herr mich dereinst ins Himmelreich ruft. Und glaubt mir, es ist eine Sisyphus-Aufgabe! Längst geht es den Klöstern nicht mehr so gut wie noch vor hundert Jahren. Das große Schisma, die scheußlichen Kriege – die Heilige Kirche ächzt unter dem Wandel, und den Ordensgemeinschaften ergeht es nicht anders, vor allem, was die kleinen, abseits gelegenen Klöster betrifft. Der Zustrom reicher Novizen, der in den venezianischen Klöstern niemals abreißt und dort für stetig wachsenden Wohlstand der Brüder sorgt, ist für uns, die wir Gott in den weniger zivilisierten Landstrichen dienen, ein Wunschtraum.« Außer Atem hielt der Prior in seiner leidenschaftlichen Ansprache inne.

Der Fremde ergriff wieder das Wort. »Und da kommt Euch das Noviziat dieses Marco Ziani gerade recht.«

»Er wurde uns als Mündel anvertraut. Wir erhalten nur die Erträge aus dem Vermögen und dazu einen kleinen Obolus, weiter nichts. Das ist gerecht in den Augen des Herrn und nach dem Buchstaben des Gesetzes, denn so wollte es der werte Vittore Ziani. Außerdem soll diese Regelung nur bis zur Großjährigkeit des Jungen gelten. Was sind schon die paar Jahre! Höchstens das Äquivalent einer Orgel. Vielleicht noch ein Anbau für das Dormitorium. Aber gewiss nicht mehr.«

»Anders wäre es nur, wenn der Junge vorzeitig stirbt, nicht wahr?

»Ihr seid schlimmer als dieser vermaledeite Notar«, versetzte Bruder Hieronimo empört. »Immer diese Unterstellungen, nur weil testamentarisch vorgesehen ist, dass unser Kloster im Falle eines frühzeitigen Hinscheidens des Jungen …«

»Ich habe überhaupt nichts unterstellt, sondern nur eine Tatsache erwähnt. Mehrere, um genau zu sein, nämlich erstens, dass Ihr Geld braucht, und zweitens, dass der Tod des Jungen Euer Kloster auf einen Schlag reich machen würde. Ist das nicht so?« Die Frage des Fremden klang irgendwie … aufmunternd?

»So, wie Ihr redet, hört es sich an, als würdet Ihr … ähm, hässliche Pläne wälzen«, sagte der Prior langsam. Es klang irgendwie … zustimmend?

Ich hätte alles darum gegeben, in diesem Moment sein Gesicht sehen zu können! In meiner Vorstellung tropfte ihm der Geifer der Geldgier von den Lippen, und in seinen Augen glomm das unheilige Leuchten unterdrückter Mordlust. Mir war schlecht, und das nicht nur vom allzu vorsichtigen Atmen.

»Ich merke schon, es besteht Bedarf, gewisse Dinge eingehender mit Euch zu disputieren«, sagte der Fremde.

»Das scheint mir auch so«, sagte der Prior.

»Aber vielleicht besser nicht unbedingt hier.«

»In der Tat. Ein anderer Ort wäre geeigneter. Zumal sicher gleich der Junge zurückkommt.«

»Der dieses Gespräch nicht unbedingt hören sollte.« Der Fremde lachte, es klang wie schartiges Eisen, das auf Stein kratzt.

»Wir können einen Spaziergang außerhalb der Klostermauern unternehmen«, schlug der Prior vor.

»Gegen frische Luft habe ich nichts einzuwenden.«

Das Geräusch sich entfernender Schritte wurde abgelöst vom Knarren der Tür, und dann herrschte eine Stille, in der nur das Dröhnen meines Herzschlags zu hören war – und gleich darauf ein keuchender, tiefer Atemzug, mit dem ich meine Lungen füllte. Ich wartete noch eine Weile, bis ich sicher sein konnte, dass der Prior und der Fremde weit genug entfernt waren, dann eilte ich mit eingezogenem Kopf auf direktem Wege ins Dormitorium.

Erst als ich dort angekommen war, bemerkte ich, dass ich den Papierstapel und das Schreibzeug mitgenommen hatte. In der Zelle legte ich alles ab und blieb mit geballten Fäusten mitten im Raum stehen. Am liebsten hätte ich den Riegel vorgeschoben, doch der war nur vom Gang aus zu betätigen.

Mein Atem ging immer noch keuchend, während ich meine nächsten Schritte überlegte. Unbestreitbar war es höchste Zeit für einen Ortswechsel. Keinesfalls würde ich wie ein Lamm auf der Schlachtbank darauf warten, dass man mich meuchlings aus dem Weg räumte, um mich als Orgel wiederauferstehen zu lassen. Bevor der Prior und der unheimliche Fremde das Mordkomplott, das sie gerade in freier Natur wandelnd schmiedeten, verwirklichen konnten, würde ich über alle Berge sein.

Gern hätte ich meinen Dolch angelegt, um mich im Falle eines Angriffs verteidigen zu können, doch den hatte man mir mitsamt den übrigen Habseligkeiten, die ich von zu Hause mitgebracht hatte, bei der Investitur weggenommen und irgendwo eingelagert. Gegeben hatten sie mir dafür das, was ein Mönch brauchte: ein Untergewand, dazu die Kutte mit einem Strick als Gürtel und derbe Sandalen. Für kältere Tage gab es Holzschuhe und dicke wollene Strümpfe sowie als Übergewand ein Wams mit Kapuze. Hin und wieder erhielten wir frisch gewaschenes Unterzeug, meist dann, wenn der Gestank des getragenen bereits betäubende Wirkung entfaltete.

Das also war momentan mein gesamter Besitz, und er gehörte nicht einmal mir, sondern dem Kloster. Was mich aber nicht daran hindern würde, damit zu verschwinden, denn schließlich konnte ich mich nicht nackt in Sicherheit bringen.

Da ich das Kloster bei Tage nicht unbemerkt verlassen konnte, beschloss ich, mich möglichst bald nach Einbruch der Dunkelheit auf den Weg zu machen, darauf bauend, dass ich bis dahin unbeschadet blieb, solange ich die Zelle nicht verließ. Bruder Ottone würde mich nicht vermissen, sicherlich brauchte er noch Stunden, um sich von den Geißelhieben zu erholen. Falls jemand nach mir schickte, würde ich Schmerzen im Bein vorschützen.

Doch niemand versuchte, mich aus der Zelle zu locken; offenbar wurde ich von keiner Menschenseele vermisst. Ich spürte die Hoffnung aufkeimen, dass ich mich vielleicht irrte und niemand mir Böses wollte. Dann jedoch dämmerte es mir, dass auch Mörder in der Regel einen geeigneten Zeitpunkt für ihr Vorhaben abpassten – in diesem Falle ebenfalls die Dunkelheit, wenn alle Zeugen schliefen.

Mit äußerster Konzentration sperrte ich die Ohren auf, um nichts zu überhören, das auf einen sich möglicherweise anschleichenden Attentäter hindeutete. Als wenig später auf dem Gang Schritte zu vernehmen waren, packte ich den Kerzenhalter und baute mich neben der Tür auf, doch es war nur Bruder Iseppo, der sich erschrocken duckte, als er mich mit dem erhobenen Kerzenhalter sah. »Ich habe nicht hingeschaut!«, versicherte er hastig. »Oder wenn doch, dann höchstens einen winzigen Augenblick!«

»Hä? Wovon sprichst du?«

»Als du heute Morgen deine Schiene abgenommen hast«, sagte er mit glühenden Wangen.

»Was soll da gewesen sein?«

»Du … ähm, bist auf und ab gegangen. Nackt.«

»Ach so.« Ich überlegte, ob ich damit sein Schamgefühl verletzt hatte. »Tut mir leid.«

»Nicht doch. Was hast du mit dem Kerzenhalter vor?«

»Oh, nichts Besonderes.« Ich lachte halbherzig. »Es sei denn, du versuchst, mich umzubringen.«

Mit großen Augen blickte er mich an. »Warum sollte ich das tun?«

Achselzuckend stellte ich den Kerzenhalter weg. »Hier gibt es ein paar Leute, denen es gelegen käme, wenn ich ins Gras beiße.«

Offenes Entsetzen zeigte sich in seiner Miene, und er ließ nicht locker, bis ich ihm Wort für Wort alles erzählt hatte.

»Und das ist auch der Grund, warum ich noch heute Nacht fliehen muss«, schloss ich.

»Oh, mein armer, armer Junge! Was wollen sie dir antun! Dir frischem, jungem Blut!« Mit Tränen in den Augen umarmte er mich. »Lass mich mit dir kommen und dein Gefährte und Beschützer in bitterer Not sein!«

Sofort hatte ich eine Vision, in der wir beide im dunklen Wald kampierten, Iseppo neben mir, den Kopf auf ein Lavendelkissen gebettet, mich ein ums andere Mal fragend, ob ich mich auch so elend und verängstigt und durchgefroren fühlte wie er. Entschieden löste ich mich aus der Umarmung.

»Du wärst ein echter Freund, wenn du meine Flucht für eine Weile vertuschst.«

»Wie denn?«

»Indem du morgen früh eine Ausrede erfindest, wenn jemand wissen will, wo ich bin.«

»Ich könnte sagen, du sitzt mit Durchfall auf dem Abtritt!«

»Damit wärst du mir eine große Hilfe!«

»Wo willst du denn hin?«

Ich überlegte kurz. »Nach Hause. Ich habe solche Sehnsucht nach unserem Landgut und dem leckeren Essen, das es dort immer gab!«

Iseppo seufzte. »Das kann ich verstehen. Früher war die Kost hier genießbarer, denn einer der Brüder war ein guter Koch. Doch leider starb er letztes Jahr, und seither sind in der Küche nur Stümper am Werk. Bruder Hieronimo will bald auf Reisen gehen und nach einem besseren Koch für das Kloster Ausschau halten.« Er schluckte und sah mich mit nassen Augen an. »Vielleicht kommst du ja wieder, wenn das Essen hier besser ist.«

»Warum nicht«, behauptete ich großmütig. Meine nächtliche Flucht ging reibungslos vonstatten. Iseppo besorgte mir unaufgefordert eine Laterne und Wegzehrung und erklärte mir, wo er eine Leiter an die Mauer gelehnt hatte, damit ich im Schutz der Dunkelheit unauffällig hinübersteigen konnte.

Meine nächtliche Flucht ging reibungslos vonstatten. Iseppo besorgte mir unaufgefordert eine Laterne und Wegzehrung und erklärte mir, wo er eine Leiter an die Mauer gelehnt hatte, damit ich im Schutz der Dunkelheit unauffällig hinübersteigen konnte.

Als ich mich von ihm verabschiedete, kamen ihm abermals die Tränen. Er sagte, er werde mich schrecklich vermissen und ob ich vielleicht ähnlich fühlte. Als ich irgendetwas murmelte, bestand er darauf, dass ich als Unterpfand seiner tiefen Freundschaft das Kissen mitnahm. Ich klemmte es mir unter den Arm, schulterte mein Bündel und kletterte über die Klostermauer in die Freiheit. Mir war danach, sofort loszurennen, doch ich hatte noch die Worte des Baders im Ohr. Zudem war es stockfinster, sodass es trotz der mitgeführten Laterne galt, auf den Weg zu achten. Die Geräusche der Nacht machten mich schaudern, doch nicht etwa, weil ich mich vor dem Ruf von Käuzen oder dem Knirschen im Unterholz geängstigt hätte, sondern weil ich erfüllt war von dem verwegenen Gefühl, in ein unglaubliches Abenteuer zu ziehen. Eine ganze Welt wartete darauf, dass ich sie entdeckte und erkundete!

Im ersten Licht der heraufziehenden Morgenröte erblickte ich die gewaltigen Stadtmauern von Padua.