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Der Klügere kippt nach

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Gestatten, ich bin der Fabian.
  7. 24/7
  8. Amoklauf
  9. Ampelkrise, die
  10. Ashley
  11. Ausziehen I
  12. Ausziehen II
  13. Behaarung
  14. Benehmen
  15. Benehmen, gutes
  16. Bildung
  17. Biologie
  18. BRAVO
  19. Bruder, großer
  20. Bundesjugendspiele
  21. Date, erstes
  22. Dicke Freundin
  23. Entwicklungssprünge
  24. Essen, schlechtes
  25. Ex, auf
  26. Fortschritt
  27. Frauentausch (TV)
  28. Frauentausch (Privat)
  29. Handwerk, gutes
  30. Heimspiel
  31. Hormone
  32. Internet
  33. iPhone
  34. Klobürste
  35. Legastheniker
  36. Marathon
  37. Mitschüler
  38. Mülltrennung
  39. Musikgeschmack
  40. Open Air
  41. Oper
  42. Opfer!, du
  43. Partnersuche
  44. Restalkohol
  45. Sauna
  46. Schwanz
  47. Sitte und Anstand
  48. Tag, normaler
  49. Talkshow
  50. Ü60
  51. Urlaub
  52. Verkleiden
  53. Volljährigkeit
  54. Vomieren
  55. Wartezimmer
  56. Werbung
  57. Wichsen
  58. YouPorn
  59. Dankeschön

Über den Autor

Fabian Hintzen ist einer der jüngsten Stand-up Comedians in Deutschland. Mit 15 Jahren stand er zum ersten Mal auf der Bühne. Er tritt regelmäßig in Comedy-TV-Formaten auf und war mehrfach im Quatsch Comedy Club, bei Stefan Raabs TV Total und Nightwash zu sehen.

Fabian Hintzen
mit Harald Braun

Der Klügere
kippt nach

Ein Teenager erklärt die Welt

Gestatten, ich bin der Fabian.

Sie haben ja schon davon gehört: Die Jugend von heute. Nur Blödsinn im Kopf, keine Werte, Komasaufen, Porno und Hose in den Socken. Es wird Zeit, dass endlich mal jemand kommt, der mit diesen ganzen Vorurteilen aufräumt. Tja, aber ich werd’s nicht sein.

Ich weiß natürlich nicht, was Sie dazu veranlasst haben könnte, dieses Buch zu kaufen. Vielleicht vegetiert bei Ihnen zu Hause auch so ein Halbwüchsiger wie ich herum, und Sie brauchen einen Übersetzer, damit Sie verstehen, was in Ihrem Jugendlichen vorgeht?

Oder Ihr Impulskauf hängt damit zusammen, dass Sie schon mal von mir gehört oder mich sogar live gesehen haben. Ich möchte Ihnen in beiden Fällen zu Ihrer Entscheidung gratulieren. (Und ich hoffe, dass es genügend von Ihrer Sorte gibt, damit ich mir mit achtzehn einen krassen Porsche kaufen kann, falls ich jemals diese verdammte Führerscheinprüfung bestehen sollte.)

Aber erst mal zu mir: Ich bin siebzehn und ein Comedian. Das heißt, ich steige hin und wieder auf eine Bühne und spreche die Wahrheit in ein Mikrofon, um andere, in der Regel wesentlich ältere Menschen zu bespaßen. (Erwachsenenunterhaltung durch Minderjährige gibt’s ja sonst nur in Thailand.) Das ist mein Job. In der wenigen freien Zeit, die mir daneben noch bleibt, quäle ich mich zum Abi. Natürlich nur unter Protest. Schule ist eine Einrichtung, die von Lehrern erfunden worden ist, damit sie sich keine richtige Arbeit suchen müssen. Aber ich nutze meine Zeit in der Schule natürlich auch, um Erfahrungen zu sammeln, die ich dann wiederum in meinem Programm verwende. Drogen, Schwänzen, Saufen, Klauen – das wären so meine Themen. Leider kann ich die im Detail noch nicht ganz so umfassend bedienen, weil sich meine Lehrer standhaft weigern, mir beim Schreiben dieses Buches mit Insiderwissen zu helfen. So sind sie halt, meine verbeamteten Pädagogen: unbelehrbar.

Aber ich will nicht klagen: Ich komme in ein paar Jahren wieder raus, wohingegen ein Lehrer lebenslang in seinem Zombie-Kerker leben muss. (Man nennt es auch Lehrerzimmer.) Da muss man nachsichtig sein. Außerdem befinde ich mich in allerbester Gesellschaft, was meine Erfahrungen mit dem deutschen Bildungswesen angeht. Wie sagte schon Bertolt Brecht einmal leicht resigniert: »Während meines neunjährigen Eingewecktseins an einem Augsburger Realgymnasium gelang es mir nicht, meine Lehrer wesentlich zu fördern.«

Mir geht es genauso. Ich versuche ihnen jetzt schon seit Jahren klarzumachen, dass ihr Geschwätz mich nicht die Bohne interessiert. Null! Und was ist ihre Reaktion? Sie tun wirklich alles dafür, dass sich meine Schullaufbahn noch um ein, zwei Jahre verlängert. Nicht versetzt … What the fuck … (Oder wie bei MTV im Untertitel stehen würde: »Was zum Kuckuck!«)

Finden Sie das logisch? Ich auch nicht. Aber ich habe keine Wahl. Ich bin diesem akademischen Leergut ausgeliefert. Wenn ich vermeiden will, dass ich von der Polizei zu Hause abgeholt und in den Unterricht begleitet werde, muss ich weiter an diesen Ort der Finsternis. Ich wehre mich dagegen mit subtilen Mitteln. Ich schlafe im Unterricht. Ich rauche auf dem Pausenhof. Und über meinem Platz an der Wand hängt ein Poster mit einem Zitat von Mark Twain: »Ich habe mir nie meine Erziehung durch Schulbildung verderben lassen.« Ich weiß, dass sich meine Lehrer insgeheim tierisch darüber aufregen. Aber sie können nichts machen. Mark Twain ist ja nicht irgend so ein hergelaufener Hip-Hopper aus Marzahn, der mit nur einem Zahn im Mund provozieren will, nein, nein, es ist der heilige Mark Twain. Huh! Wichtig, wichtig. Ich habe noch nie ein Buch von dem alten Socken gelesen, aber wenn er mir hilft, meine Lehrer auf die Palme zu bringen, dann ist er mein Mann.

Ich möchte Sie aber nicht schon auf den ersten Seiten meines Werkes langweilen. Natürlich werde ich nicht ausschließlich über die Schule und meine Lehrer sprechen. Es gibt noch so viel mehr, das mein Leben tagtäglich bereichert: Meine Erziehung beispielsweise und die Leute, denen ich dafür danken möchte: Als Erstes also dem Erfinder der Xbox 360, dann Steve Jobs, Günter Netzer und diesem Programmdirektor von ProSieben, der dafür verantwortlich ist, dass ich Lena Gercke kennenlernen durfte. Also beinahe, irgendwie. Immerhin habe ich alle Folgen von Germany’s Next Topmodel der Staffel 2006 zu Hause und kann jeden Satz und jede Pose von Lena auswendig. Und der Umstand, dass ich an ihrem Geburtstag am 29. Februar in Marburg vor der Klinik immer ein paar Kerzen aufstelle, macht mich noch nicht zu einem Stalker! (Kommt ja eh nur einmal in vier Jahren vor.)

Falls Sie in dieser Aufzählung jetzt meine Eltern vermissen und denken: Och, der Junge ist sicher nur so aufgeregt wie bei der Oscarverleihung! Na ja – da muss ich Sie enttäuschen. Dass ich heute hier sitze und klaren Sinnes ein Buch schreiben kann, statt mit siebzehn noch zu bettnässen und dreimal in der Woche beim Therapeuten auf der Ledercouch darüber zu winseln, dass Jacqueline misch doch nischt liept, empfinde ich als reinen Glücksfall. Mit der Erziehungsarbeit meiner Eltern hat das nichts zu tun: Ich bin gar nicht sicher, ob mich meine Eltern erzogen haben, ich habe eher das Gefühl, ich wurde gehalten. Regelmäßige Fütterungen, ein Dach überm Kopf, kulturelle Grundversorgung mittels öffentlich-rechtlicher Kinderprogramme, das ja. Aber darüber hinaus? Die reine Ödnis: Es gibt Schimpansen, die intellektuell mehr gefördert wurden als ich. Meine Mutter wird zwar immer ganz sauer, wenn ich das behaupte, aber die Argumente habe ich auf meiner Seite. Mein erstes Spielzeug erhielt ich zum Beispiel erst mit fünf Jahren: Es war ein Plastikball, auf den meine Mutter ein Gesicht gemalt hatte. Sie behauptete, es sei eine Puppe und ein Ball, also quasi zwei Geschenke. Es ist nicht schön, wenn Weihnachten und der eigene Geburtstag so nah beieinander liegen.

Das Verhältnis zu meinem Vater ist leider auch nicht viel besser. Ich muss zugeben, dass er mich in den Ferien manchmal mit zu seiner Arbeitsstelle genommen hat. Das war aufregend. Für meinen Rücken war es allerdings nicht so gut, mit acht, neun Jahren schon volle Bierkästen auf einen Lkw zu stapeln. Wenigstens wurde ich so schon früh an den Umgang mit Bier gewöhnt. Ich habe inzwischen eine Technik entwickelt, mit der ich drei Kästen pro Seite auf einmal die Treppe rauftragen kann. Das ist besonders praktisch, wenn eine Klassenfete ansteht, da muss ich im Prinzip nur fünfmal laufen.

Klar, das sind schon so Sachen, bei denen ich sagen muss: Doch, mein Vater hätte auch ein Vorbild sein können. Aber dass er angefangen hat, mir kein Taschengeld zu geben, weil ich angeblich gar nicht sein Sohn sei, fand ich dann doch ein bisschen schwach. Dabei sieht jeder Blinde, dass ich seine schlechte Haut und die vielen Fussel im Bauchnabel geerbt habe! Erst als ich damit drohte, ihn zu ZWEI BEI KALLWASS zu schleifen und dort einen Vaterschaftstest in Auftrag zu geben, hat er mit dem Quatsch aufgehört. Seitdem kriege ich zehn Euro im Monat fix und für jeden Dreier und Zweier in der Schule noch einmal einen Fünfer extra. Das ist okay, Siebzehnjährige können mit zehn Euro auskommen, wenn sie müssen. Und solange ich noch nicht achtzehn bin, sind so ein bisschen Mundraub und Diebstahl in Deutschland völlig harmlos – wenn man Glück hat, trifft man beim Sozialdienst auf ein paar astreine Typen, die man ab sofort für den Marihuana-Nachschub anzapfen kann. Außerdem steht man ja dann auch irgendwie mit Winona Ryder und Lindsay Lohan auf einer Stufe, vielleicht gibt’s für uns sogar eine eigene Facebook-Gruppe. Oder einen gemeinsamen Twitter-Account: »Shoplifting International« oder so.

Falls Sie sich jetzt fragen, was das denn sein soll, dann muss ich Ihnen gleich noch einmal dazu gratulieren, dass Sie dieses Buch erworben haben: Sie sind vermutlich über vierzig und haben keine Ahnung, was Facebook, Twitter oder schülerVZ überhaupt ist. Und über den Unterschied von blocken und bloggen müssen Sie auch erst mal nachdenken, stimmt’s? Okay, bleiben Sie ganz ruhig und lesen Sie los. Ich kann Ihnen helfen. Sie werden froh sein, mich getroffen zu haben. Ich erklär Ihnen jetzt nämlich alles über den Nachwuchs im fortpflanzungsfähigen Alter (also ab der 5. Klasse), was Sie wissen müssen. Mit einfachen Beispielen aus meinem Leben und hilfreichen, teils bebilderten Worterklärungen. In alphabetischer Reihenfolge. Soll mal keiner behaupten, ich würde es Ihnen nicht leicht machen.

Alles wird gut, solange du wild bist. Ach nee. Falsches Buch.

24/7

Internet ist kein Teufelswerk. Aber machen Sie das mal einem dieser Menschen mit üppigen Nasenhaaren klar, die einen Chat für einen französischen Frischkäse halten.

Fabian, kann ich mal eben meine Reisebestätigung checken?«, fragt Tim. Ich gebe ihm mein iPhone. »Fabian, kann ich kurz bei schülerVZ meine zukünftige Freundin gruscheln?«, fragt Ricky. Ich gebe ihm mein iPhone. »Fabian, ich muss bei Farmville noch ein paar Erdbeeren ernten!«, hält mich Matthias über seine aktuelle Problematik auf dem Laufenden. Klar, auch diesmal: Mein iPhone wandert kurz in fremde Hände, denn ich bin schließlich gerade auf dem iPad bei Facebook online, um mich bei WikiLeaks um ein Praktikum bei Julian Assange zu bewerben. Ein ganz normaler, früher Abend im Leben junger Menschen. Wir sitzen im Kreis und nehmen Anteil am Weltgeschehen – was kann daran falsch sein?

Da sollten Sie allerdings mal meine Mutter hören. (Oder ersatzweise jeden unserer Lehrer, der sein Examen noch vor der Reichserziehungskammer abgelegt hat.)

»Könnt ihr nicht mal an die frische Luft gehen, statt den ganzen Tag vor diesen Dingern herumzuhängen?« Diese Dinger – damit meinen die Herrschaften unsere Laptops, Smartphones oder iPads –, Gerätschaften also, die komplexer sind als alles, was sie sich nur vorstellen können, und ohne die unser Leben so kümmerlich und langweilig wäre wie ihr eigenes. (Sie selbst halten sich im Schlafzimmer einen Funkwecker, um das Gefühl zu haben, bei der technischen Revolution nicht den Anschluss zu verpassen.) Vermutlich hassen sie auch deshalb alles, was mit dem Internet und seinen scheinbar unergründlichen Untiefen zu tun hat. Es ist eine hässliche Kombination aus Unverständnis und Eifersucht, die ihnen den Schaum vor den Mund treten lässt. Versteckt allerdings hinter dem pädagogischen Auftrag:

»Ihr müsst doch auch mal an die frische Luft!«

Um was zu tun? Sollen wir Frösche fangen im Dorftümpel oder Wanderlieder in kurzen Hosen singen? Hey Leute, ihr seht doch selbst, wohin euch das geführt hat!

Nein, nein: Ich bin vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr online – und das ist auch gut so! Nur auf diese Weise behalte ich den Überblick über mein Leben, was beileibe kein einfacher Job ist. Ein Blick auf mein weißes iPhone verrät mir in Echtzeit, wer gerade hundert nahezu identische, sinnbefreite Bilder von sich ins Netz gestellt hat, wer seinen schülerVZ-Beziehungsstatus von ›vergeben‹ auf ›offen für alles‹ gesetzt hat und wer der Ansicht war, seine lästigen Verdauungsprobleme auf Facebook kommentieren zu müssen. (Das war übrigens Kilian, dessen Handy glücklicherweise keine integrierte Kamera hat.) Ohne dieses permanente Update meines persönlichen Kommunikationskosmos wäre ich innerhalb von ein paar Tagen ein isolierter Ahnungsloser im Kreise meiner ehemaligen Freunde, ein bedauernswertes Opfer ohne Zugriff auf die Welt. Wer kann das ernsthaft wollen?

Blöde Frage. Die natürlich. Erwachsene. Menschen, die sich vor lauter Langeweile auf RTL2 Sendungen über Penisverletzungen bei der Masturbation mit Staubsaugern anschauen oder freitagabends im Wohnzimmer stolze hunderttausend Felder Sudoku entschlüsseln. Er kritzelt, sie häkelt, und wenn es ganz besonders wild kommt, dann schauen sie beide dabei zu, wie sich der Hund an den Eiern leckt. Wie armselig ist das denn? Und über das Internet, dieses Teufelszeug, wird gemeckert, statt sich wenigstens mal mit ein paar seiner Möglichkeiten auseinanderzusetzen.

Meine Mutter zum Beispiel geht nur dann ins Internet, wenn sie ihre E-Mails checkt. (Immerhin!, mögen Sie jetzt denken, aber die Wahrheit ist: In der Zeit, die es gedauert hat, einen Account für sie einzurichten, den sie eigenständig abrufen kann, hätte sie ihre Mitteilung auch handschriftlich verfassen und zu Fuß zum Otto-Kundenservice schleppen können.)

Sie hat keine Ahnung vom World Wide Web, auch wenn sie sich jetzt hin und wieder darin verfängt. Sie weiß zwar theoretisch, wie man online geht, aber nicht, was sie mit dieser prima Sache anfangen könnte. (Das müssen Sie sich vorstellen, als ob man einem Schimpansen eine Modelleisenbahn zum Geburtstag schenkt – putzig, aber hoffnungslos.) Im Gegensatz zu einem Schimpansen glaubt meine Mutter allerdings fest daran, dass sie im Grunde alles peilt, was um sie herum vorgeht.

»Was machst du da?«, fragt sie, während ich via Twitter die Welt darüber in Kenntnis setze, was ich persönlich zum Beispiel von Peter Maffay halte.

»Tschüss!«, versuche ich ein Gespräch aktiv zu verhindern und bin stolz darauf, dass die Welt nun weiß, dass ich manchen Gesangsartisten gerne die Stimmbänder rausreißen würde.

Ich öffne ein neues Fenster und beginne mit dem Schreiben einer E-Mail. Diskretion ist für meine Mutter ein Fremdwort.

»Da ist ein Schreibfehler.«

»Mama, das ist eine E-Mail. Schreibfehler sind egal

Meine Mutter ist der Meinung, dass man beim Verfassen selbst kürzester Mails auf Rechtschreibung, Zeichensetzung, Ausdrucksweise und die Vermeidung justiziabler Beleidigungen achten sollte. Ich sehe das anders. Die Shift-Taste ist was für Verlierer – sollen die doch »höflich« bleiben und ihre Rechtschreibfehler ausbessern.

»Ich schreibe hier doch keine Doktorarbeit«, argumentiere ich streng logisch und hoffe, dass meine Mutter mich nach dieser Auskunft in Ruhe lässt. Hätte ich aber gleich besser wissen können. Hey, das ist schließlich meine Mutter!

»Es macht doch einen schlechten Eindruck, wenn in deiner elektronischen Post so viele Rechtschreibfehler sind. Was soll man denn von dir denken, Fabian?«

Sie zieht ihre Schultern hoch und setzt ihr klassisches Ich-will-doch-nur-dein-Bestes-Lächeln auf. Ich ächze gequält wie Opas altes Sofa.

»Man soll von mir denken, dass es dem Fabian lieber ist, schnell auf den Punkt zu kommen und keine Zeit auf die beknackten Regeln von Schönschreibfaschisten zu verwenden! Und jetzt raus aus meinem Zimmer.«

Keine Reaktion. Die Erziehungsberechtigten, die ich kenne, haben einfach keinen Stolz.

»Ich gehe erst, wenn du dich bemühst, deine E-Mails richtig zu schreiben. Tu doch wenigstens mal so, als seist du ein richtiger Gymnasiast.«

»Mama, es interessiert keine Sau, ob es Gadrobe heißt oder Garderobe – Fakt ist, dass ich mal wieder was zum Anziehen brauche! Konzentrier dich einfach auf die Kerninformation!«

Doch meine Mutter bleibt hartnäckig. Wie immer. Meine Mutter kann hartnäckiger sein als Krebs. Ihr zweiter Vorname lautet vermutlich »hartnäckig«, ich muss das mal im Ausweis checken. Manchmal wache ich nachts auf und denke: Ach, was ist meine Mutter doch hartnäckig.

»Du änderst das jetzt!«

»Nein.«

»Doch.«

»Nein.«

»Doch.«

»Nein.«

»Doch.«

»Neeeiiieeeen!«

»Dooohoooch!«

Ich unterbreche diese spannende Szene für eine kurze, resignierte Einlassung, die mit dem Thema Internet nur am Rande zu tun hat: Warum müssen Mütter sich immer in alles einmischen? Warum verstehen sie nicht, dass sie sich aus den Angelegenheiten ihrer Kinder auch mal raushalten müssen, wenn sie keine Ahnung haben? Und dann wundern sie sich, wenn es hin und wieder zu Fällen häuslicher Gewalt kommt. Ist doch wahr. Nur weil sie einen in die Welt gesetzt haben und in ihrem Haus leben lassen, heißt das noch lange nicht, dass sie uns davon abhalten dürfen, eine E-Mail mit all unseren Rechtschreib-, Zeichensetzungs- und Ausdrucksfehlern abzuschicken.

»Mensch Mama«, brülle ich sie schließlich an, verzweifelt über so viel Ignoranz vor den Menschenrechten der eigenen Brut, »jetzt chill doch mal ein bisschen. Ich schreibe doch hier keinen Artikel für die Tageszeitung oder die Einkaufsliste für deinen Apotheker – das ist doch bloß eine verdammte Bewerbung!«

Der Gesichtsausdruck meiner Mutter war es wert. Der Schreck saß ihr noch tagelang in den Knochen. Dabei will ich bei WikiLeaks doch nur ein paar schwedische Mädchen kennenlernen.

Amoklauf

Es wird immer ein paar arme Schweine geben, die mit ihrem Leben nicht klarkommen. Aber das heißt nicht, dass wir allesamt potenzielle Amokläufer sind.

Es ist ein Reflex der Hilflosigkeit. Immer, wenn mal wieder ein Wahnsinniger mit einem Schrotgewehr losgezogen ist, um ein paar Lehrer, Mitschüler und am Ende sich selbst um die Ecke zu bringen, schreien anschließend ein paar grau melierte Herren auf und zeigen mit dem Finger auf – das Internet. Die Waffengesetze. Die Kinderbetreuung. Und natürlich auf uns, die Jugend, diesen perspektivlosen Haufen aus Rütli-Schülern und Teenie-Pornographen. Wir sind die Generation Komasaufen, die nicht viel mehr drauf hat, als sich im Kinderzimmer vor der Welt abzuschotten, bis der Kopf irgendwann platzt. Die erste Amtshandlung der grauen Männer ist es dann natürlich, all die feinen Ballerspiele zu verdammen, mit denen wir unsere tief sitzenden Aggressionen gegen Erdkundelehrer und Schulhof-Spacken abbauen.

Ein kurzer Einschub an dieser Stelle: Es gibt Statistiken, die aussagen, dass 80 % aller Amokläufer weltweit zuvor Ballerspiele gespielt haben. Darauf basieren die meisten Argumente für das Verbot der besagten Spiele. Der Ansatz ist ja gar nicht schlecht. Aber: Schätzungen meinerseits besagen, dass 100 % aller Amokläufer vorher zur Schule gingen. Ziehen Sie Ihre Schlüsse!

Ich bleibe dabei: Ballerspiele zu verbieten ist der völlig falsche Ansatz. Ich brauch doch gar nicht mehr mit der Pumpgun durch Mönchengladbach zu ziehen, wenn ich vorher den ganzen Tag eine Runde Counterstrike gespielt habe. Oder Call of Duty. Oder Soldier of Fortune 1. Oder Soldier of Fortune 2. Oder … aber lassen wir das. Das Prinzip dürfte einleuchten. Wenn ich meine kaum nennenswerten Aggressiönchen mit der Schlachtung virtueller Söldner abgebaut habe (und damit gleichzeitig etwas für mein koordinatives Vermögen tue), gehe ich doch anschließend mild wie ein Wadenwickel auf die Straße, weit entfernt von irgendwelchen bösen Gedanken. Ich will dann keinem die Augen ausstechen oder den Hals aufschlitzen, auch wenn ich das vorher im Spiel gemacht habe. Ich kann Spiel und Wirklichkeit ganz wunderbar voneinander trennen, außerdem bin ich doch jetzt viel zu abgekämpft und friedfertig: In diesem Zustand bremse ich sogar als Radfahrer für Katzen, die über die Straße laufen.

Denken Sie doch mal drüber nach: Der Umstand, dass es vor hundertfünfzig Jahren noch keine Ballerspiele gab, hat Jack the Ripper auch nicht davon abgehalten, gleich einen ganzen Haufen junger Frauen um die Ecke zu bringen. Oder nehmen wir Jeffrey Dahmer, der zwischen 1978 und 1991 in den USA siebzehn Männer tötete, verstümmelte und aufaß. Kein einziges Videospiel hatte dieser kranke Typ in seinem Leben gespielt.

Herrschaften, auch wenn Ihnen das nicht gefällt: Da draußen wird es immer ein paar Wahnsinnige geben, die halb Lüdenscheid, Günther Jauch oder dem gemeinen Hauskaninchen den Garaus machen wollen. Einfach so, weil sie kranke Köpfe sind, was weiß denn ich. Aber das ist weder eine Generationenfrage, noch zu verhindern. Das Leben ist kein Kindergeburtstag, die meisten kommen damit klar, ein paar eben nicht. Verhindern werden Sie das nie. Nicht durch Verbote von Videospielen, nicht durch Aufklärung in der Volkshochschule, nicht durch das vorauseilende Misstrauen, das Sie uns kollektiv entgegenschleudern. So. Und jetzt gehe ich mal wieder in den Park, ein paar Tauben schießen.

Hey, war ein Spahaß!

Kleines Glossar:

Arschgeweih

In unserer Generation auch als Schlampenstempel bekannt. Bezeichnet ein Steißtattoo, das sich Töchter von HartzIV-Empfängern an einem verdösten Dienstagnachmittag stechen ließen. Wird von den Frauen, die später doch noch den Hauptschulabschluss nachmachen, stets bereut.

Ampelkrise, die

Ich habe Respekt vor dem Alter. Das erkennt man schon daran, dass ich an einer Fußgängerampel noch niemals einen Rentner beschimpft habe. Verdient hätten sie es allemal.

Die Jugend, die Jugend, die Jugend. Immer wieder ist es die Jugend, die so einen durchschnittlichen Mitbürger im wahlfähigen Alter auf die Palme bringt. Die Anlässe sind so banal wie vielfältig. »Wie siehst du schon wieder aus«, lautet der Evergreen der alltäglichen Morgenbegrüßung beispielsweise, gefolgt von einem »Kämm dich wenigstens mal«, oder: »Diese Hose kannst du aber wirklich nicht mehr anziehen, Fabian!« Und das ist nur der Sermon, den meine Eltern mir zumuten. Halbwegs vernunftbegabte Leute im Grunde, die mir aber offensichtlich jedes Urteilsvermögen absprechen. Ich bin schließlich nicht mit einem großen Knall vom Bett in unsere Küche gebeamt worden, sondern habe mich im Rahmen meiner Möglichkeiten für einen Auftritt in der Öffentlichkeit präpariert. Jetzt sehe ich dann eben aus wie Fabian Hintzen, siebzehn, stilsicher und selbstbewusst. Ich habe mich gekämmt, das Ergebnis entspricht ganz und gar meiner Vorstellung einer gelungenen Frisuridee. Und diese Hose kann ich sehr wohl anziehen, was sich allein daran ablesen lässt, dass ich sie bereits trage. Hallo? Leute – wo ist euer Problem? Traut ihr mir nicht zu, die einfachsten Dinge zu regeln? Ihr verlangt im Ernst, dass ich die interessanten Zusammenhänge zwischen diagonaldominanten und positiv definierten Matrizen im Griff habe – aber schon bei der Auswahl meiner Styles haltet ihr ein wenig Hilfestellung für unerlässlich?

Ein kleiner Ausschnitt nur aus meinem Leben, der jedoch ein amtliches Problem offenbart: Erwachsene trauen uns einfach nichts zu. Mit kleinsten Gesten zeigen sie uns, dass sie keinen Schimmer Hoffnung in die banalsten Fähigkeiten eines Jugendlichen setzen. Und da wundern die sich, dass wir die Briefkästen der Stadtbücherei in die Luft sprengen, die Server der Deutschen Bank hacken oder rachemotiviert gegen den Golf meines Geschichtslehrers pissen, nur um mal ein Erfolgserlebnis zu haben. Woher sonst soll unser Selbstwertgefühl kommen?

Besonders schlimm in dieser Hinsicht sind unsere lieben Rentner. Ich weiß noch nicht so genau, warum sie in der Regel so griesgrämig und übellaunig sind, wenn sie mir begegnen, dazu bin ich wohl noch zu jung. Eins aber verstehe ich: Der gemeine Rentner bezweifelt sogar, dass ich einen Haufen Hundekacke auf einem Stock aufspießen könnte. (So nebenbei – wozu sollte das auch gut sein?)

Egal. Was die ältere Generation wirklich von uns hält, erlebe ich beinahe täglich auf meinem Weg zur Schule. Ich stehe da also ganz harmlos an einer großen Kreuzung, um unsere Hauptverkehrsstraße zu überqueren (oder das, was man in Mönchengladbach dafür hält). Da ich im Verkehrsunterricht brav aufgepasst habe, verhalte ich mich vorbildlich. Das heißt, dass ich nicht bei Rot über die Straße renne oder mit ausgebreiteten Armen die heranrollenden Autos stoppe. Stattdessen drücke ich auf den großen, gelben Schalter, um das Projekt ein wenig zu beschleunigen. Neben mir steht eine ältere Dame mit Stock, unmodischer Brille und weißen Schuhen, bei denen lediglich der dicke Zeh zum Vorschein kommt. (Was übrigens ziemlich daneben aussieht, wenn Sie mich fragen. So, als ob eine kleine Wurst aus dem Schuh gepresst werden soll.) Sie hat genau beobachtet, wie ich den gelben Button betätigt habe. Doch was macht sie? Genau – Omma rückt eins vor und drückt erneut auf denselben Schalter. Hallo? Was kann ich denn dafür, dass die Mönchengladbacher Stadtwerke nicht gleich den Verkehr lahmlegen, nur weil ich angezeigt habe, dass ich die Straße überqueren möchte. Völlig korrekt übrigens. Kann man so einen Button überhaupt falsch bedienen? Wohl kaum. Omma Wurstfuß aber ist fest davon überzeugt, dass genau das passiert sein muss. Dabei habe ich extra sehr langsam draufgedrückt, sodass alle Umstehenden im Umkreis von fünfundzwanzig Metern sehr genau gesehen haben müssen, dass Fabian Hintzen, siebzehn, stilsicher und selbstbewusst, gerade den Ampelschalter betätigt hat. Doch die Alte muss trotzdem nachlegen. Fehlt bloß, dass die runzelige Schnepfe mich auch noch triumphierend anschaut, wenn das grüne Männchen dann endlich aufleuchtet. Ich habe mal gelesen, dass im Durchschnitt jeder Mensch zwei Moleküle des letzten Atems von Gandhi enthält. Das muss stimmen. Wie sonst ist es zu erklären, dass ich so eine Aktion nicht einfach mit einem saftigen »Bist du eigentlich bekloppt, Alte?« kommentiere und Ommas Kreislauf in die Knie zwinge. Dabei wäre das eine durchaus angemessene Reaktion. Doch ich bleibe äußerlich ganz ruhig. Und das, obwohl sie mich als minderbemittelten Tunichtgut geoutet hat, indem sie den Schalter zur Sicherheit noch einmal nach mir betätigt hat. Das macht die doch absichtlich. Sie will mir zeigen, dass sie mich dumm findet. Das weiß ich ganz genau! Sie denkt, ich habe nicht richtig auf den Schalter gedrückt, weil ich ein unfähiger, kleiner Scheißer bin. Warum sollte sie den Schalter sonst zum zweiten Mal betätigen? Oder wartet die verrückte Alte vielleicht auch noch auf einen weiteren Passanten, der sich erbarmt, weil sie denkt, dass aller guten Dinge drei sind? Das würde zumindest ihr gelbes Armband mit den drei schwarzen Punkten erklären. Manchmal wüsste ich wirklich gern, was in deren Köpfen vorgeht.

Ashley

Ich kann nicht viel über Beziehungen sagen, da ich erst eine ernst zu nehmende hatte. Die war aber sehr aufschlussreich. Wer behauptet, dass Jugendlieben kindischer Humbug seien, nun – dem muss ich leider, leider zustimmen.

Nur fürs Protokoll: Natürlich ist der Name Ashley lediglich ein fiktiver und mitnichten der richtige Name meiner Exfreundin. Er gefällt mir ganz gut, und vor allem ermöglicht er mir, dass ich die Intimsphäre meiner Ex respektiere. Ich hoffe, dass Alina das zu schätzen weiß.

Ashley also ist eins siebzig groß, hat riesige hellblaue Puppenaugen, blonde leicht gelockte Haare, einen tollen Körper, ist witzig, süß und temperamentvoll, fünfzehn Jahre alt und – was man mit fünfzehn eben so ist: schwanger. Aber nicht von mir. (Soviel ich weiß.) Ihr derzeitiger Freund Viktor hat ihr angeblich dieses kleine Geschenk vor fünf Monaten gemacht. Vor fünf Monaten haben Ashley und ich uns getrennt. Rein rechnerisch ist das jetzt etwas kompliziert, das gebe ich zu. Entweder läuft da draußen bald mein Ebenbild herum, was ich nicht hoffe, denn ich habe mich schlaugemacht: Alimente muss man auch rückwirkend bezahlen. Oder Ashley hat hinter meinem Rücken Sex mit Leuten gehabt, die nicht Fabian Hintzen heißen. Schätzungsweise mit Viktor, das hoffe ich jedenfalls für die beiden. Andernfalls würde die Geschichte noch ein wenig komplizierter fürs Jugendamt, denn im Prinzip käme dann so ziemlich jeder zwischen dreizehn und achtzehn aus unserer Stadt als Täter infrage. Ashley ist nämlich nicht nur IN der Pubertät, sondern teilt auch eine Eigenschaft mit eben jener: Jeder Junge kommt mal rein.

Fakt ist auch, dass Ashley der Traum vieler Jungs ist. Erst wenn man sie ein wenig näher kennenlernt, wünscht man sich manchmal, dieser Traum würde nicht so verdammt lang dauern. Let’s face it: Ashley hat ganz schöne Macken, die einem das Leben zur Hölle machen können. In unserem Fall beispielsweise hat das schon damit begonnen, dass Ashley meine romantische Seite nie akzeptieren konnte.

Ey! Hallo? Einmal zum Mitschreiben: Ich (!) bin der romantischste Typ, wo gibt auf diesem Planeten! Ich habe ihr sogar einmal Blumen mitgebracht! Ich bin zu diesem Floristenkasper in seinem Blümchenladen spaziert und habe mein sauer verdientes Comedygeld auf die Theke geklatscht, um ein bisschen Kraut to go zu ordern. Zu Hause habe ich den schönsten Blumenpott meiner Mutter abgegriffen, um das Zeug darin artgerecht zu lagern. Bei Sonnenuntergang dann Bescherung für meine Perle mit einem Gläschen Alkopop: Ta-Taaa!

Und was macht sie? Was macht meine romantische Ashley nach der feierlichen Übergabe meiner absolut verehrungswürdigen Liebesbotschaft? Schaut mich kackendreist an und sagt emotionslos wie ein Klumpen Lehm:

»Was soll ich denn mit Efeu?«

Finden Sie das okay? Immerhin habe ich mir Mühe gegeben, sie zu überraschen. Klar, ich hätte mir auch außer der Reihe die Zähne putzen können oder sie zur Begrüßung nicht in ihren Hintern kneifen sollen, das wäre auch mal nett gewesen. Aber ich habe mich eben für die internationale Sprache der Liebe entschieden: Gewächse. Und es war auch nicht einfach, an norddeutschen Zimmerefeu zu gelangen. Selbst in einer Welt der Efeuhasser: Zählt die Geste denn gar nichts mehr? Ich denke eine Weile nach, um jetzt nichts Falsches zu sagen.

»Der braucht achtzehn bis zwanzig Grad Zimmertemperatur.«

»Du begreifst echt gar nichts, oder?« Meine Süße seufzt.

»Jetzt schenk ich dir mal Blumen, und es ist trotzdem nicht in Ordnung.

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