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Der Klang des Muschelhorns

ÜBER DIE AUTORIN

Sarah Lark, geboren 1958, war schon immer fasziniert von den Sehnsuchtsorten dieser Erde. Ihre fesselnden Neuseeland- und Karibikromane wurden allesamt Bestseller und finden auch international ein großes Lesepublikum. Sarah Lark ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin. Unter dem Autorennamen Ricarda Jordan entführt sie ihre Leser auch ins farbenprächtige Mittelalter.

SARAH LARK

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DER KLANG
DES MUSCHELHORNS

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

E rere kau mai te awa nui nei

Mai i te kahui maunga ki Tangaroa.

Ko au te awa

Ko te awa ko au.

The river flows

From the mountains to the sea.

I am the river

The river is me.

Lied der Maori-Stämme am Whanganui

(sehr frei ins Englische übersetzt)

Die Maori glauben, die Seele des Menschen wäre an seinem Geburtsort fest verankert und mit den Flüssen und Bergen seiner Heimat untrennbar verbunden.

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MISSION

Russell − Neuseeland (Nordinsel)

Adelaide − Australien

1863

KAPITEL 1

»Ist es noch weit?«

Mara Jensch war schlecht gelaunt, und sie langweilte sich. Der Weg zum Dorf der Ngati Hine zog sich endlos hin, und obwohl die Landschaft unzweifelhaft schön war und das Wetter gut, hatte Mara genug von Manuka-, Rimo- und Koromiko-Bäumen, von Regenwäldern und Farndschungeln. Sie wollte nach Hause, zurück auf die Südinsel, zurück nach Rata Station.

»Höchstens noch ein paar Meilen«, antwortete Father O’Toole, ein katholischer Priester und Missionar, der gut Maori sprach und bei dieser Expedition als Übersetzer dabei war.

»Quengel nicht!«, mahnte Maras Mutter Ida, lenkte ihre kleine braune Stute neben Maras Schimmel und sah ihre Tochter strafend an. »Du hörst dich an wie ein ungezogenes Kind.«

Mara zog einen Flunsch. Sie wusste, dass sie ihren Eltern auf die Nerven fiel. Ihre Stimmung war schließlich seit Wochen schlecht. Die Reise auf die Nordinsel gefiel ihr überhaupt nicht. Weder konnte sie die Begeisterung ihrer Mutter für weite Strände und warmes Klima teilen noch das Interesse ihres Vaters an der Vermittlung zwischen Maori-Stämmen und englischen Siedlern. Mara sah darin für sich keine Notwendigkeit − ihr Verhältnis zu den Maori war hervorragend. Schließlich liebte sie einen Häuptlingssohn.

Eine Zeit lang verlor sich das Mädchen in Tagträumen, in denen es mit seinem Freund Eru über das endlose Grasland der Canterbury Plains wanderte. Mara hielt seine Hand, lächelte ihm zu … Vor ihrer Abreise hatten sie sogar schon zaghafte Küsse getauscht. Dann jedoch riss ein erschrockener Ausruf Mara aus ihren Fantasien.

»Was war das?« Der Vertreter des Gouverneurs, der Maras Vater für diese Mission angeheuert hatte, horchte furchtsam in den Wald. »Ich meine, ich hätte da etwas gesehen. Ist es möglich, dass sie uns ausspionieren?«

Kennard Johnson, ein kleiner, dicklicher Mann, dem das mehrstündige Reiten schwerzufallen schien, wandte sich nervös an die beiden englischen Soldaten, die er als Leibwächter mit sich führte. Mara und ihr Vater Karl konnten darüber nur lachen. Im Ernstfall hätten sie nicht das Geringste ausrichten können. Wenn der Maori-Stamm, zu dem ihre Gruppe unterwegs war, entschlossen gewesen wäre, Mr. Johnson zu massakrieren, so hätte er mindestens ein Regiment von Rotröcken gebraucht, um ihn daran zu hindern.

Father O’Toole schüttelte den Kopf. »Das muss ein Tier gewesen sein«, beruhigte er den Regierungsbeamten, um ihn mit seinen nächsten Worten erneut zu verunsichern. »Einen Maori-Krieger würden Sie weder sehen noch hören. Wir sind jetzt allerdings recht nah am Dorf. Natürlich werden wir beobachtet …«

Mr. Johnsons Blick wurde nun endgültig furchtsam. Maras Eltern sahen einander vielsagend an. Für Ida und Karl Jensch waren Besuche bei Maori-Stämmen nichts Ungewöhnliches. Wenn die beiden sich vor irgendetwas fürchteten, so höchstens vor einer Kurzschlussreaktion der pakeha, wie die Maori die englischen Siedler in Neuseeland nannten. Maras Eltern hatten da schon einiges erlebt. Gewalt zwischen Maori und pakeha ging nur selten von den Maori aus. Viel häufiger entlud sich die Furcht der Engländer vor den tätowierten »Wilden« in einem unüberlegten Schuss, der dann schlimme Folgen hatte.

»Bleiben Sie vor allem ruhig«, mahnte Karl Jensch jetzt noch einmal die anderen Teilnehmer der Expedition.

Neben den Regierungsvertretern begleiteten sie zwei Farmer, deren Beschwerden gegen die Ngati Hine die ganze Angelegenheit erst ausgelöst hatten. Mara musterte sie mit all dem Groll eines jungen Mädchens, dessen Pläne durchkreuzt worden waren. Ohne diese beiden Dummköpfe wäre sie längst auf dem Weg nach Hause. Ihr Vater hatte zur Schafschur auf Rata Station sein wollen, und die Schiffspassage von Russell ganz oben im Norden der Nordinsel nach Lyttelton Harbour auf der Südinsel war schon gebucht gewesen. Im letzten Moment war dann die Bitte des Gouverneurs an Karl Jensch ergangen, den Konflikt zwischen diesen Farmern und dem Häuptling der Ngati Hine möglichst gütlich beizulegen. Das sollte sich durch den schlichten Vergleich einiger Landkarten machen lassen. Karl hatte die Vermessungen vorgenommen und die Pläne gezeichnet, als Häuptling Paraone Kawiti einige Jahre zuvor Siedlungsland an die Krone verkauft hatte.

»Die Ngati Hine sind uns nicht feindlich gesinnt«, sprach Karl weiter. »Denken Sie daran – man hat uns eingeladen. Der Häuptling ist genau wie wir an einer friedlichen Lösung der Probleme interessiert. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten …«

»Ich fürchte mich nicht!«, fiel ihm einer der Farmer ins Wort. »Im Gegenteil! Die haben Grund, sich zu fürchten, die …«

»›Die‹«, bemerkte Maras Mutter Ida, »haben wahrscheinlich um die fünfzig bewaffnete Männer. Vielleicht haben sie nur Speere und Kriegskeulen, doch sie wissen damit umzugehen. Es wäre also vernünftig, Mr. Simson, sie nicht zu provozieren …«

Mara seufzte. Während des inzwischen fünf Stunden dauernden Rittes hatte sie sich schon drei oder vier ähnliche Unterhaltungen anhören müssen. Am Anfang waren die beiden Farmer sogar noch deutlich aggressiver gewesen. Sie schienen der Meinung zu sein, diese Expedition gelte weniger der Problemlösung als der Disziplinierung der Einheimischen. Jetzt, da die Reiter dem Maori-Dorf näher kamen – und den Farmern vielleicht auch aufging, wie weit sie sich von der nächsten pakeha-Siedlung entfernt hatten –, wurde zumindest einer der Männer ruhiger. Insgesamt war die Atmosphäre jedoch angespannt. Das änderte sich auch nicht, als das marae jetzt in Sicht kam.

Für Mara war das mit bunten Ornamenten geschmückte, von mannsgroßen Götterfiguren bewachte Tor des Dorfes ein gewohnter Anblick. Sah man es jedoch zum ersten Mal, konnte das einschüchtern. Kennard Johnson und seine Männer hatten vorher sicher noch nie ein marae betreten.

»Nicht feindlich gesinnt?«, fragte der Beamte beklommen. »Also für mich sehen die alles andere als freundlich aus …«

Der Vertreter des Gouverneurs wies verstört auf das zugegeben martialisch wirkende Empfangskomitee, dem sich die Reiter jetzt gegenübersahen. Auch Mara war verwundert, und ihre Eltern wirkten alarmiert. In einem Maori-marae hätte man eigentlich spielende Kinder sehen müssen sowie Männer und Frauen, die gelassen ihren Alltagsarbeiten nachgingen. Hier erwartete die Weißen jedoch nur der Häuptling, stolz und bedrohlich aufgebaut vor der Phalanx seiner Krieger. Sein nackter Oberkörper und sein Gesicht waren tätowiert. Der aufwendig gearbeitete rockartige Lendenschurz aus gehärtetem Flachs ließ seine Gestalt noch massiger wirken. Am Gürtel des Häuptlings hingen Kriegskeulen, in der Hand hielt er einen Speer.

»Die Kerle werden doch nicht angreifen?«, fragte einer der beiden englischen Soldaten.

»Ach was«, antwortete Father O’Toole. Der Priester, ein großer, hagerer Mann, der nicht mehr ganz jung war, stieg gelassen vom Pferd. »Die wollen Ihnen nur Angst machen.«

Das gelang dem Häuptling und seiner Truppe gleich noch besser. Als die Weißen näher kamen, hob Paraone Kawiti, ariki der Ngati Hine, seinen Speer. Seine Krieger begannen, rhythmisch aufzustampfen, breitbeinig vor- und zurückzutreten und dabei die Speere zu schwingen. Dazu erhoben sie die Stimmen zu einem düsteren Gesang. Er wurde umso härter und lauter, je schneller sie die Bewegungen ausführten.

Die Männer neben dem Beauftragten des Gouverneurs tasteten nach ihren Waffen. Die beiden Farmer suchten Schutz hinter den Soldaten. Der Missionar blieb gelassen.

Maras Vater lenkte sein Pferd zwischen die Soldaten und die Krieger. »Lassen Sie um Himmels willen die Waffen stecken!«, herrschte er die Engländer an. »Reagieren Sie einfach nicht. Warten Sie ab.«

Ob es an Karls zornigen oder Father O’Tooles begütigenden Worten lag: Die Delegation des Gouverneurs schaffte es, unbeeindruckt zu tun, obwohl nun ein Krieger nach dem anderen vortrat, seinen Speer auf den Boden stampfte, Grimassen schnitt und den »Feinden« Schmähungen entgegenspie.

Mara, die im Gegensatz zu ihren Eltern, den Farmern und den Regierungsvertretern jedes Wort des Kriegstanzes und Gesanges verstand, verdrehte die Augen. Auch dieses Getue der Maori auf der Nordinsel hielt nur auf. Der Stamm der Ngai Tahu, in dessen Nachbarschaft sie aufgewachsen war und zu dem ihr Freund Eru gehörte, verzichtete längst auf solche Demonstrationen der Stärke bei jeder Konfrontation mit den Weißen. Seit Erus Mutter Jane, eine pakeha, den Häuptling geheiratet hatte, begrüßte man sich dort einfach per Handschlag. Das vereinfachte den Umgang mit Besuchern und Geschäftsfreunden. Die meisten pakeha kamen zum marae der Ngai Tahu, um Geschäfte zu machen. Erus Mutter und sein Vater Te Haitara hatten eine erfolgreiche Schafzucht aufgebaut, mit deren Hilfe der Stamm reich geworden war.

»Dem Ritual zufolge sollten wir jetzt … hm … auch etwas singen«, murmelte Father O’Toole, als die Krieger ihren Tanz endlich beendet hatten. »Das gehört sozusagen zur gegenseitigen Vorstellung. Natürlich wissen die Leute hier, dass dies bei den pakeha nicht üblich ist. Sie tun jetzt so kriegerisch, aber eigentlich sind sie recht zivilisiert. Der Häuptling hat den Fahnenmast wieder aufstellen lassen, den Hone Heke damals in Russell gekappt hat … Himmel, ich hab den Mann selbst getauft …«

Diese Rede sollte sicher tröstlich wirken. Sie klang jedoch so, als zeigte sich O’Toole überrascht und nicht wenig beunruhigt über Paraone Kawitis Rückfall in alte Stammesrituale.

Mara überlegte, ob die Prozedur sich durch ein Lied etwas abkürzen ließ. Wenn dieser Vergleich der Karten schnell über die Bühne ging, konnten sie vielleicht noch am Abend nach Russell zurückreiten – und dann am kommenden Morgen ein Schiff zur Südinsel nehmen. Sollte es jetzt allerdings Streit geben und die Männer diskutierten endlos über das weitere Vorgehen, dann kam sie hier nie weg.

Mara schob ihr hüftlanges dunkles Haar zurück, das sie für den Besuch bei den Maori nicht geflochten hatte, sondern offen trug wie eine Einheimische. Dann trat sie wie selbstverständlich vor.

»Ich kann ja etwas singen«, bot sie an und zog ihr Lieblingsinstrument, eine kleine Koauau, aus der Tasche.

Ebenso bestaunt von den pakeha wie von den gerade noch grimmig die Zähne fletschenden Kriegern hob sie die Flöte zur Nase und blies eine Melodie. Dann begann sie zu singen: ein schlichtes, im Gegensatz zu dem martialischen Kriegsgeschrei fast verstörend melodisches Lied, das die Landschaft der Canterbury Plains auf der Südinsel beschrieb. Die endlosen Weiten wogenden Grases, die Flüsse gesäumt von Raupo-Dickicht, die schneebedeckten Berge, zwischen denen sich glasklare, fischreiche Seen verbargen. Das Lied gehörte zu einem powhiri, der förmlichen Begrüßung in einem marae, die mit Gesängen und Tänzen in traditioneller Kleidung verbunden war und dazu diente, Einheimische und Gäste zu einer Einheit zu verbinden. Ein wandernder Stamm stellte sich seinen Gastgebern vor, indem er seine Heimat beschrieb. Mara trug das Lied schlicht und selbstsicher vor. Sie verfügte über eine reine Altstimme, an der sich die Maori-Musiker ihrer Heimat ebenso begeistern konnten wie ihre englische Hauslehrerin.

Auch an diesem Tag blieben ihre Zuhörer nicht unbeeindruckt. Nicht nur, dass der Häuptling und seine Männer ihre Waffen sinken ließen, es regte sich nun auch etwas in den mit Schnitzereien geschmückten Holzhäusern rund um den Versammlungsplatz. Eine alte Frau trat aus dem wharenui, dem Gemeinschaftshaus, gefolgt von einer Gruppe junger Mädchen in Maras Alter. Entschlossen führte sie ihre Schäfchen vor die Krieger und ließ sie ebenfalls ein Lied anstimmen. Die Mädchen sangen von den Schönheiten der Nordinsel, den endlosen weißen Stränden, den tausend Farben des Meeres und den Geistern der heiligen Kauri-Bäume, die über weite grüne Hügel wachten.

Mara lächelte und hoffte, dass die Ngati Hine das jetzt nicht zum Anlass nahmen, das gesamte powhiri durchzuführen. Das konnte Stunden dauern. Tatsächlich beließ es die Frau – offenbar eine Stammesälteste – dann aber doch bei einem Lied. Danach trat sie auf die beiden Frauen in der Gruppe der pakeha zu. Ida, der Älteren, bot sie das Gesicht zum hongi, dem traditionellen Gruß. Misstrauisch beäugt von den Farmern, Johnson und den Soldaten legten die Frauen Nase und Stirn aneinander.

Karl Jensch und Father O’Toole wirkten erleichtert. Auch Mara atmete auf. Endlich ging es voran.

»Ich habe Geschenke mitgebracht«, sagte Ida. »Meine Tochter und ich wollen beim Stamm bleiben, während die Männer die Missverständnisse klären. Natürlich nur, wenn es euch recht ist. Wir wussten nicht, wie ernst es ist mit diesem Streit um das Land.«

Mara übersetzte bereitwillig, und die Frau nickte. Sie bedeutete Ida, sie seien willkommen.

Karl und der Übersetzer sprachen inzwischen mit dem Häuptling. Paraone Kawiti äußerte sich zunächst feindlich, schien dann aber bereit, Karls Anregung zu folgen und gemeinsam zu prüfen, wem die Landstriche, auf die Farmer und Maori gleichermaßen Anspruch erhoben, tatsächlich gehörten.

Die alte Frau, die eben die Mädchen herausgeführt und den vorläufigen Friedensschluss eingeleitet hatte, begab sich eifrig in eines der Häuser. Gleich danach kam sie mit einer Kopie der Vertragsformulare und Karten wieder heraus, die der Stamm beim Verkauf seines Landes erhalten hatte. Alles war ordentlich zusammengelegt, ganz offensichtlich gehütet wie ein Heiligtum.

Mara beobachtete mit mäßigem Interesse, wie Karl die Papiere vorsichtig entfaltete und sein eigenes Material danebenlegte.

»Darf ich fragen, welches die umstrittenen Ländereien sind, Mr. Simson und Mr. Carter?«, wandte er sich dann an die Farmer. »Das würde uns Zeit ersparen. Wir müssen dann nicht das ganze Land umreiten.«

Mara hoffte, dass sich die beiden aufs Kartenlesen verstanden. Leider wies nur einer, Pete Carter, schnell und gezielt auf ein Gebiet, das direkt an der Grenze zum verbleibenden Land der Maori lag.

»Ich hab’s gekauft, weil ich meine Schafe dort grasen lassen wollte. Dann stellte ich fest, dass die Maori-Frauen darauf einen Acker angelegt hatten. Und als ich die Schafe trotzdem hintrieb, standen da plötzlich Kerle mit Speeren und Musketen und verteidigten ›ihr Land‹!«

»Gut«, meinte Karl. »Dann begeben wir uns da gleich einmal hin. Ariki, Sie werden uns doch begleiten, oder? Und was ist mit Ihrem Land, Mr. Simson?«

Der vierschrötige, rotgesichtige Farmer schob sich vor, konnte mit der Karte allerdings wenig anfangen. Dafür wies die alte Maori-Frau mit dem Finger auf eine Stelle auf dem Papier.

»Hier. Land gehören nicht ihm, nicht uns«, erklärte sie in erstaunlich gutem Englisch. »Gehört Götter. Wohnen Geister. Er nicht machen kaputt!«

»Da hören Sie’s!«, höhnte Simson. »Sie sagt selbst, es gehört ihnen nicht. Also …«

»Hier ist es als Maori-Land eingetragen«, sagte Karl streng. »Sehen Sie die kleine Ausbuchtung auf der Karte? Die Stelle muss sie meinen. Wir werden uns das jetzt ebenfalls ansehen. Kommen Sie, ariki, Father O’Toole … Je eher wir aufbrechen, desto schneller ist die Sache geklärt. Und Sie, Mr. Johnson, machen Mr. Simson und Mr. Carter bitte klar, dass sie die Entscheidungen zu akzeptieren haben. Mir schwant nämlich schon, was da auf uns zukommt …«

Karl ging zu seinem Pferd, und Ida und Mara folgten ihm, um die Geschenke für die Maori-Frauen aus ihren Satteltaschen zu nehmen. Es waren nur kleine Dinge − bunte Tücher, etwas billiger Schmuck und ein paar Säckchen mit Saatgut. Praktischere Geschenke wie Decken oder Kochgerät hatten sie auf den Pferden nicht transportieren können. Mara erkannte jedoch mit einem Blick auf die jetzt aus den Häusern strömenden Frauen, dass sie das auch nicht nötig hatten. Der Stamm war offensichtlich begütert, der Häuptling musste die Erlöse aus den Landverkäufen gerecht verteilt haben. Die Frauen und Kinder trugen größtenteils pakeha-Kleidung, besser geeignet für das Klima in Neuseeland als die traditionellen, aus Flachs gewebten Trachten der Maori. Viele trugen kleine Holzkreuze an Lederbändern um den Hals. Sie ersetzten die winzigen Götterfiguren, die die Stämme aus Pounamu-Jade schnitzten. Einige der Frauen strebten vertrauensvoll auf Father O’Toole zu, sprachen mit ihm und ließen sich segnen.

»Wir alle Christen!«, erklärte eine junge Frau der verwunderten Ida und berührte stolz ihr Kreuzchen. »Getauft! Mission Kororareka!«

»Unsere Mission bei Russell besteht seit 1838«, fügte Father O’Toole stolz hinzu. »Sie wurde von französischen Dominikanerpatern und Maristenpadres und -schwestern gegründet.«

»Das sind … Katholiken?«, vergewisserte sich Maras Mutter etwas unsicher.

Sie selbst war in einer strengen Gemeinde der Altlutheraner aufgewachsen. »Papisten« hatte man ihr dort stets eher als Antichristen denn als Mitbrüder und -schwestern in Jesu dargestellt.

Mara hatte sich über die Unterschiede zwischen den christlichen Glaubensrichtungen nie großartig Gedanken gemacht. In der Nähe von Rata Station gab es keine Kirche, ein regelmäßiger Besuch von Gottesdiensten war den Kindern also nicht möglich. Ida betete mit ihren Töchtern, sofern sie zu Hause war. Wenn sie ihren Mann auf seinen Reisen als Landvermesser begleitete, blieben Mara und ihre Schwestern allerdings unter der Aufsicht von Catherine Rata. Idas Freundin und die »zweite Mutter« der Mädchen, betete nicht zum Gott der Christen. Sie war bei einem Maori-Stamm aufgewachsen und brachte den Kindern eher die Götter und Geister der Einheimischen nahe. Zu diesem Glaubensgemisch kam dann noch ein bisschen Anglikanismus. Maras Hauslehrerin, Miss Foggerty, hatte unter anderem mit Inbrunst, aber ohne viel Erfolg, Religionsunterricht erteilt. Die Kinder hatten die strenge, humorlose Frau nicht leiden können. Bevor sie zu ihrem Gott beteten, wandten sie sich lieber mit ein paar Verwünschungen an die Geister. Mara und Eru hätten Miss Foggerty zu gern nach England zurückgezaubert. Geglückt war das nicht. Mara konnte sich an kein Gebet erinnern, das je erhört worden wäre.

Father O’Toole lächelte. »Ich für meinen Teil bin Ire, bei uns sind alle Katholiken. Doch so wichtig finde ich das hier gar nicht. Egal, über welche Glaubensrichtung die Maori zu Gott finden – entscheidend ist, dass es uns gelingt, sie vom Götzendienst abzubringen.«

»Wichtig ist, sie friedlich zu halten«, brummte Karl. Auch er wollte endlich weiter. Es brannte ihm auf der Seele, dass er Cat und seinen Freund und Kompagnon Chris Fenroy mit der Schafschur allein ließ. »Also kommen Sie jetzt, Father, Ihre Schäfchen können Sie hinterher zählen.«

Die Männer machten sich auf den Weg, Ida und Mara schlossen sich der jungen Frau an, die ihnen eben das Kreuz gezeigt hatte. Sie sprach ein paar Worte Englisch und bedeutete Ida, den Frauen bei den Vorbereitungen für ein großes Fest am Abend behilflich zu sein. Aufgeregt miteinander plaudernd brachten sie Süßkartoffeln und Raupo-Knollen auf den Versammlungsplatz, um sie zu schälen und zu zerkleinern. Andere nahmen Vögel und Fische aus, die sie über offenen Feuern zu garen gedachten.

Ida griff selbstverständlich zu Schälmesser und Gemüse. Mara fand, dass ihre Mutter in der Runde der Frauen kaum auffiel. Ida Jensch hatte dunkles glattes Haar, das sie natürlich aufgesteckt trug, doch das wurde inzwischen auch Mode bei vielen Maori-Frauen. Idas Teint war nicht mehr so hell wie früher, die Sonne der Nordinsel hatte ihre Haut gebräunt. Lediglich ihre sehr hellen porzellanblauen Augen hätten sie gleich als Außenseiterin zu erkennen gegeben – und natürlich ihre mangelnden Sprachkenntnisse.

»Verstehe ich das richtig, Mara, die planen hier ein Fest?«, fragte sie ihre Tochter. »Ich meine … das ist natürlich sehr nett. Nur ein wenig befremdlich, oder? Vorhin haben sie uns noch mit einem Kriegs-haka begrüßt. Der Häuptling trat auf, als wollte er sich auf uns stürzen … Und gleich darauf wird ein großes Essen für uns organisiert?«

Mara war das auch schon aufgefallen, und es machte sie nicht gerade glücklich. Ein Fest würde eine Übernachtung bei den Ngati Hine nach sich ziehen.

»Das Fest ist nicht für uns, Mamida«, gab sie jetzt Auskunft. Sie hatte eben ein paar gleichaltrige Mädchen danach gefragt. »Das planen sie schon länger. Kawa, die Frau des Häuptlings, ist ganz aufgeregt deswegen. Sie erwarten heute Abend einen Missionar, oder besser einen Reverend. Te Ua Haumene ist ein Maori aus einem Stamm in der Region Taranaki. Er wurde in einer dortigen Mission erzogen und studierte die Bibel. Dann diente er in anderen Missionen, vielleicht wurde er sogar zum Priester geweiht. Genau wissen die Mädchen das nicht. Jetzt jedenfalls ist er eine Art Prophet. Irgendwelche Götter haben ihm etwas Wichtiges offenbart. Darüber will er heute predigen.«

»Aber es gibt keine neuen Propheten«, wandte Ida streng ein. »Nur Gott und Jesus und den Heiligen Geist. Wenn es neue Offenbarungen gäbe, dann … dann müsste man ja die Bibel umschreiben.«

Mara zuckte die Schultern und seufzte. »Ich fürchte, wir werden es bald hören. Sofern sich Vater und Mr. Johnson und diese Farmer nicht gänzlich mit dem Häuptling zerstreiten. Die Frauen jedenfalls haben uns schon zum Gottesdienst eingeladen, und Father O’Toole wird sicher bleiben wollen. Auch wenn dieser Haumene wohl Anglikaner ist oder war oder was auch immer.«

»O ja, Father O’Toole große Mann, gute Christ!«, mischte sich eine junge Maori-Frau ein, die neben Ida Gemüse putzte. Sie schien sehr stolz auf ihr gebrochenes Englisch. »Uns gelesen Geschichte von Bibel in unsere Sprache. Und jetzt noch besser!« Die Frau war sichtlich erfreut. »Jetzt Te Ua Haumene eigene Prophet Maori. Schreibt eigene Bibel für eigene Volk!«

KAPITEL 2

Die Männer kehrten kaum zwei Stunden nach ihrem Aufbruch zurück. Der Häuptling und die Stammesälteste, die neben den Pferden der pakeha hergelaufen waren, wirkten euphorisch, Kennard Johnson und seine Männer entspannt. Selbst der Farmer Carter schien zufrieden zu sein. Nur Simson schäumte.

»Ich lass das nicht auf sich beruhen, da können Sie sicher sein!«, erklärte er Karl Jensch und Father O’Toole, deren gelangweilten Mienen zufolge zum wiederholten Mal. »Ich wende mich an den Gouverneur, an die Krone. England muss das Recht eines Mannes schützen!«

»In England könnten Sie auch nicht losgehen und die Bäume Ihres Nachbarn umhauen«, beschied ihn Kennard Johnson mit rüden Worten. »Gut, vielleicht würde der sie nicht gleich mit dem Tod bedrohen. Da hat der Häuptling sicher etwas überreagiert …«

»Für den Stamm ist dieser Baum heilig«, warf Karl ein. »Und Sie haben ihn doch auch gesehen. Ein prachtvoller Kauri, bestimmt Hunderte, wenn nicht Tausende Jahre alt!«

»Hunderte, wenn nicht Tausende Dollar wert!«, rief Simson. »Das ist bestes Holz, da lecken sich die Leute in Wellington die Finger nach. Und hier … Dabei sagt die Alte doch selbst, sie wollten das Land gar nicht.«

Er wies auf die Stammesälteste, die gelassen neben dem Häuptling dahinschritt und Simson keines Blickes würdigte. Dabei verstand sie seine Rede sicher zumindest in Teilen.

»Das hat sie so nicht gesagt«, berichtigte Karl. »Sie beansprucht selbstverständlich das Land, und das hat sie damals schon bei der Landnahme deutlich gemacht. Ich habe Ihnen die Karte gezeigt. Allerdings nicht für sich, sondern für ihre Geister, denen der Baum gehört. Das muss man respektieren.«

»Ich denke, die Kerle sind getauft!« Simson ließ nicht locker, auch als die Männer jetzt abstiegen und ihre Pferde anbanden. »Was sagen Sie denn dazu, Reverend?«

Mara schob sich näher heran. Wenn ihr Vater nicht absattelte, bestanden gute Chancen, dass es gleich weiterging. Vielleicht kam sie ja doch noch um diesen Gottesdienst herum. Ihre Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Karl klopfte seinem Pferd den Hals und nahm ihm den Sattel ab.

»Father«, berichtigte O’Toole, der aussah, als hätte er in eine Zitrone gebissen. »Ich bin da, ehrlich gesagt, etwas hin- und hergerissen, Mr. Simson. Mein Glaube gebietet mir, einen Baum wie diesen zu fällen, in der Tradition des heiligen Bonifatius. Es ist gottlos, Pflanzen und Tiere anzubeten. Der Herr sagt, wir sollen keine Götter neben ihm haben. Andererseits ist es ein schöner Baum, ein prachtvolles Beispiel für die Wunder Seiner Schöpfung.«

»Mr. Simson, es kommt gar nicht darauf an, was Father O’Toole dazu sagt«, unterbrach Karl den Sermon des Priesters. »Oder darauf, ob das ein besonderer Baum ist oder eine Südbuche wie tausend andere. Es kommt nur darauf an, ob der Baum auf Ihrem Land steht oder auf dem Land Ihrer Nachbarn. Und in diesem Fall gehört das Land eindeutig den Ngati Hine. Der Baum damit auch, also lassen Sie ihn gefälligst unbehelligt.«

»Und glauben Sie bloß nicht, dass Sie irgendwie damit durchkommen, wenn sie den Kauri trotzdem fällen«, fügte Kennard Johnson hinzu. »Die Krone wird keinen Krieg anfangen, wenn Paraone Kawiti Sie deshalb massakriert. Es gibt Präzedenzfälle. Denken Sie an den Wairau-Konflikt!«

Damals waren etliche Engländer zu Tode gekommen, nachdem ein Mitglied der pakeha-Truppe eine Häuptlingsfrau erschossen hatte. Der Gouverneur hatte die Schuld später für die Kolonisten auf sich genommen und sich bei den Maori entschuldigt, statt seine Leute zu rächen.

Simson ritt schließlich verärgert ab, während der Häuptling nun auch die Männer der Kommission zum Fest und zur Predigt des »Propheten« einlud. Carter blieb. Für ihn war die Entscheidung wohl positiv ausgefallen. Als Karl eine Flasche Whiskey aus seiner Satteltasche zog und zur Feier des Friedensschlusses kreisen ließ, nahm er ein paar kräftige Schluck. Kurz darauf saß er mit den englischen Soldaten an einem Feuer, umschwärmt von ein paar kichernden Maori-Mädchen.

Mara sah ihre Hoffnungen auf einen baldigen Aufbruch weiter schwinden.

»Heißt das, wir bleiben über Nacht?«, wandte sie sich an ihren Vater, den sie auf der Suche nach ihrer Mutter begleitete.

Karl zuckte die Schultern. »Sieht fast so aus, Mara. Father O’Toole ist ganz erpicht darauf, diesen Prediger zu hören, und Mr. Johnson bewegt sich, als täte ihm jetzt schon alles weh. Sehr unwahrscheinlich, dass der sich heute noch mal auf ein Pferd setzt.«

Mara verzog den Mund. »Ich dachte …«

»Ich kann’s nicht ändern, Mara«, unterbrach Karl sie ein bisschen ungeduldig. »Du weißt, mich zieht es auch nach Rata Station – und aus gewichtigeren Gründen als dich, meine Süße. Du willst doch nur nach Hause, um möglichst schnell wieder mit Eru anzubandeln, und das gibt erfahrungsgemäß nur Schwierigkeiten. Jane wird ihren Sohn mit Zähnen und Klauen verteidigen …«

Mara blitzte ihren Vater an. »Ich kann auch ganz schön gemein sein«, erklärte sie.

Karl lachte. »Wenn Eru und du erwachsen seid, Mara, kannst du dich mit seiner Mutter um ihn schlagen. Oder ihr lasst ihn einfach selbst entscheiden. Aber jetzt bist du gerade mal fünfzehn und er erst vierzehn, wenn ich mich richtig erinnere. Da werdet ihr euch Janes Wünschen beugen müssen. Deine Mutter und ich sind da übrigens ganz ihrer Meinung. Grundsätzlich ist dein Eru zwar ein netter Junge, und vielleicht werdet ihr auch irgendwann mal ein Paar. Doch das hat noch ein paar Jahre Zeit. Derzeit seid ihr viel zu jung. Ah, da ist Ida ja.«

Karl gesellte sich zu seiner Frau, um von seinen Erlebnissen mit den Farmern und den Maori zu berichten. Mara verkniff sich ein paar böse Bemerkungen bezüglich seiner Ausführungen zum Thema Eru. Ida und Karl würden ihr doch nicht zuhören. Also lauschte sie widerwillig seiner Erzählung.

»Dieser Simson kann froh sein, dass er seinen Vorstoß überlebt hat«, begann Karl. »Eine Priesterin hat ihn dabei erwischt, gleich als er Anstalten machte, die Axt zu schwingen, um ihren heiligen Kauri-Baum umzulegen. Sie hat einen Riesenradau gemacht, was ein paar Krieger mitbekamen, die ihn dann sofort stoppten. Nicht auszudenken, wenn es ihm gelungen wäre, den Baum zu fällen!«

Ida nickte. »Und der andere?«, fragte sie. »Weshalb gab es Streit mit Mr. Carter?«

Karl lächelte. »In dem Fall lag der Fehler bei den Maori. Du kennst sie ja, für sie gehört das Land demjenigen, der es nutzt. Und da Carter dieses Feld weder bestellt noch beweidet hat, während eine der Frauen gern ihr Kumara-Feld ausgeweitet hätte, hat sie es einfach umgegraben. Sie verstand gar nicht, weshalb er sich deshalb so aufregte, aber er sollte auch nicht ihren Acker zerstören. Jetzt haben wir das geklärt, und alle haben sich geeinigt: In diesem Jahr wird die Frau ihre Kartoffeln noch ernten und Mr. Carter die Hälfte abgeben. Im nächsten Jahr bestellt sie das Land nicht mehr. Im Grunde war das nicht mehr als ein Missverständnis. Dem Farmer ging es auch gar nicht um den halben Morgen Acker. Er hatte nur Angst, der Stamm würde jetzt so weitermachen.«

»Dann ist ja wenigstens in dem Fall alles gut.«

Ida hakte sich bei ihrem Mann ein, und die beiden gingen zu den inzwischen schon fröhlich lodernden Feuern. Mara folgte ihnen. Die Frauen hatten eben mit dem Kochen und Braten begonnen. Aromatische Düfte verbreiteten sich im Dorf, und bei Mara regte sich Hunger. Vor dem Essen war jedoch noch die Predigt zu überstehen.

Als die Dämmerung langsam hereinbrach, meldete ein kleiner Junge, dass sich drei Krieger der Ansiedlung näherten. »Te Ua Haumene! Er kommt!«

Ida runzelte die Stirn. »Was ist der Mann denn jetzt? Krieger oder Priester, Prediger oder Prophet?«

Father O’Toole, der sich neben Ida, Mara und Karl an einem der Feuer niedergelassen hatte, zuckte die Schultern. »Ich weiß es nicht. Ich kenne ihn nicht, wir sind ja eine katholische Mission. Ich habe nur von ihm gehört. Und ich hoffe, er ist wirklich eine Bereicherung für das Christentum in diesem Land. Das heute mit dem Baum, den die Maori anbeten – Sie können das vielleicht nicht verstehen, aber für mich ist das wie … wie eine Ohrfeige, wie ein Zusammenbrechen meines Lebenswerks. Ich kenne diesen Stamm seit Jahrzehnten, ich habe die Kinder unterrichtet, die Leute getauft … Und nun das! Vielleicht sollte ich nach Irland zurückgehen.«

Der Missionar wirkte deprimiert. Karl reichte ihm die Whiskeyflasche.

»So schnell können die sich einfach nicht von ihren Göttern und Geistern verabschieden«, sagte er tröstend. »Vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Haben Sie in Irland nicht auch noch nach tausend Jahren Christentum ihre Lepichans? Oder wie heißen die Zwerge, denen Sie Hütten in Ihren Gärten bauen?«

Über das Gesicht des Geistlichen zog ein leichtes Lächeln. »Leprechauns meinen Sie. Und diese Hütten … Ich hab meine Landsleute im Verdacht, darin die Whiskeyvorräte vor ihren Frauen zu verstecken. Aber gut, wenn Sie es so sehen …«

»Genau so muss man es wahrscheinlich sehen«, meinte Karl. »Also seien Sie den Leuten nicht böse. Ich persönlich finde das Verhalten von diesem Simson viel skandalöser. Der meint im Ernst, er könnte mit dem Stamm machen, was er will und stünde damit unter dem Schutz der englischen Krone.«

O’Toole seufzte. »Ja. Unsere weißen Landsleute sind auch nicht alle die besten Christen. Manchmal … Ach, hören Sie nicht auf mich, mitunter empfinde ich nur noch Überdruss. Die Maori, die sich taufen lassen und dann doch machen, was sie wollen … die unsinnigen Kriege in den letzten Jahren, weil ein dickköpfiger, wahrscheinlich betrunkener Häuptling einen Fahnenmast umschlug und die Behörden das gleich als persönlichen Angriff auf die Krone sehen mussten … Die Landnahmen, gegen die sich die Eingeborenen verständlicherweise wehren … Leute wie dieser Simson … Wenn dann ein Maori-Christ auftaucht und als Lehrer wirken will, nehme ich das mal als ein aufscheinendes Licht in dunkler Nacht. Ich hoffe nur, ich werde nicht wieder enttäuscht.«

Te Ua Haumene war ein stattlicher Mann in mittleren Jahren. Er hatte ein großflächiges Gesicht und war nicht tätowiert. Zwischen Nase und Mund verliefen scharfe Falten. Der »Prophet« trug einen Wangenbart, über seinen etwas schläfrig wirkenden dunklen Augen wölbten sich dichte Brauen. Seine Kleidung entsprach weder der Soutane eines katholischen Priesters noch dem traditionell schwarzen Anzug des anglikanischen Missionars. Er trug die Tracht eines wohlsituierten Maori − ein sehr fein gewebtes Obergewand über einem rockartigen Schurz aus Flachs, darüber bauschte sich ein wertvoller Mantel, eines Häuptlings würdig. Seine Begleiter waren einfacher gewandet. Sie trugen Kriegerkleidung. Der Prediger und seine Männer wären überall als ein ariki mit seiner Leibgarde durchgegangen.

Father O’Toole verfolgte mit steinerner Miene, wie die Frauen des Dorfes Te Ua Haumene genauso begeistert entgegenliefen und devot um seinen Segen baten, wie sie es eben bei ihm selbst getan hatten. Die Männer hielten sich zurück, wenngleich zwei der Dorfältesten und ein Verwandter des Häuptlings den hongi mit dem Prediger tauschten. Paraone selbst tat das nicht – ariki der Nordinselstämme hielten stets Abstand zu ihren Untertanen.

Te Ua Haumene und seine Männer nahmen den ihnen von der Frau des ariki angebotenen Platz am zentralen Feuer gern ein. Sie waren offenbar hungrig nach der Wanderung. Der Prophet kam aus Taranaki, predigte jedoch jeden zweiten oder dritten Tag bei einem anderen Stamm, der ihm und seinen Leuten Unterkunft gewährte. Die Ngati Hine taten das sichtlich gern. Sie ehrten ihre Besucher durch hervorragendes Essen und aufwendige Begrüßungszeremonien. Zwischendurch wies die Frau des Häuptlings auch immer mal wieder auf Father O’Toole, und die anderen Dorfbewohner zeigten Te Ua ihre Kreuze. Dieser schien jedoch nicht den Wunsch zu haben, den Priester kennenzulernen. Er grüßte kaum merklich zu ihm hinüber.

»Vielleicht hat er was gegen Papis… äh … Katholiken«, versuchte Ida, den Geistlichen zu trösten, den das Verhalten des Predigers erkennbar verletzte. »Er wurde doch bei den Anglikanern erzogen.«

Father O’Toole zuckte die Schultern. Karl reichte ihm die Whiskeyflasche, und er nahm sie dankbar an.

Mara wünschte sich, auch einen Schluck nehmen zu dürfen. Sie war inzwischen satt und langweilte sich schon wieder. Diese Reise schien kein Ende zu nehmen.

Als Te Ua Haumene sich endlich erhob, um zu den Menschen zu sprechen, war es bereits dunkel geworden. Der Mond stand leuchtend am Himmel, und sein Licht verband sich mit dem Flackern der Feuer zu einer fast gespenstischen Szenerie. Der Wind wehte dem Propheten das lange Haar aus dem Gesicht.

»Sei willkommen, Wind!«, begann Te Ua Haumene seine Rede. Er sah seine Zuhörer dabei nicht an, sein Blick schien sich im Himmel zu verlieren. »Begrüße deinen Boten!«

Father O’Toole übersetzte simultan für Karl und Ida.

»Boten?«, fragte Letztere.

»Haumene heißt ›Mann des Windes‹«, bemerkte Mara und stand auf, um sich etwas Wasser zu holen. Da alle anderen längst ruhig dasaßen und den Worten Te Ua Haumenes andächtig lauschten, fiel sie damit auf. Ein ungnädiger Blick des Propheten streifte sie.

»Hört durch meinen Mund die Worte Gottes. Der Wind weht uns seinen Geist zu, die gute Botschaft, das neue Evangelium – ich bringe es zu den Gläubigen!«

»Pai Marire!«, skandierten die beiden Männer des Propheten.

»Pai Marire!«, rief Te Ua, und seine Zuhörer wiederholten es im Chor.

»Das heißt ›friedlich‹, nicht?«, fragte Karl seine Tochter und den Priester.

Beide nickten.

»Gut und friedfertig, genau«, übersetzte O’Toole. »So nennen sie ihre religiöse Bewegung. Oder auch Hauhau.«

»Aber ein neues Evangelium?«, zweifelte Ida.

Der Priester machte erneut ein missmutiges Gesicht.

»So seid begrüßt, mein Volk, mein auserwähltes Volk …«

Te Ua Haumene hielt kurz inne, wie um seine Worte wirken zu lassen. O’Toole stöhnte leise auf.

»Ich bin hier, um euch zu versammeln«, fuhr Te Ua fort, »in Seinem Namen. Euch zu rufen, wie ich selbst gerufen wurde durch den größten aller Häuptlinge – durch Te Ariki Makaera, den Befehlshaber der Truppen des Himmels.«

»Hm?«, fragte Karl.

»Er meint den Erzengel Michael«, sagte O’Toole gallig.

»Seht, ich bin einer von euch, ich bin Maori, geboren in Taranaki, aber die pakeha verschleppten mich und meine Mutter nach Kawhia. Ich diente ihnen wie ein Sklave, doch ich zürne ihnen nicht, denn es war Gottes Wille, dass ich ihre Sprache lernte und ihre Schrift. Ich studierte die Bibel, Gottes Wort, und ich ließ mich taufen, weil ich sicher war, der Glaube der pakeha könnte mich in ein besseres Leben leiten. Doch dann erschien mir Te Ariki Makaera und offenbarte mir, ich solle nicht der Geführte sein, sondern der Führer. Wie einst Moses sein Volk aus der Knechtschaft leitete, so bin auch ich erwählt. Ich soll euch künden von Gottes Sohn, Tama-Rura, den die pakeha Jesus nennen, wenngleich mir offenbart wurde, dies sei nur ein anderer Name für den Erzengel Gabriel.«

»Der Mann ist verrückt«, murmelte Ida.

»Der Mann ist gefährlich«, stieß Karl hervor.

»Und sie alle, sie alle warten nur mit dem Speer und dem Schwert in der Hand, ihr auserwähltes Volk in die Freiheit zu geleiten.«

»Pai Marire!«, riefen die Männer, und die Dörfler wiederholten es laut.

»Güte und Friede … Passen dazu Schwerter?«, fragte Ida.

Mara zog resigniert die Augenbrauen hoch – eine Geste, mit der sie Erwachsenen zurzeit gern demonstrierte, was sie von ihnen und ihren Ideen hielt.

»Denn ihr seid nicht frei, mein auserwähltes Volk!«, donnerte der Prediger jetzt in die Menge. »Ihr teilt euer Land mit den pakeha, und oft genug glaubt ihr, sie wären eure Freunde, weil sie euch Geld geben und Sachen, die ihr damit kaufen könnt. Doch wahrlich, ich sage euch: Sie geben es euch nicht umsonst! Sie nehmen euer Land, sie nehmen eure Sprache, sie werden euch auch eure Kinder nehmen!«

Die Frauen reagierten mit Ausrufen des Erschreckens, die Männer zum Teil mit Protest.

»Ihr habt diese Menschen nicht eingeladen, sie sind einfach gekommen, um euer Land zu nehmen …«

Karl wollte noch eingreifen, aber Father O’Toole neben ihm war bereits aufgesprungen.

»Wir brachten euch auch den Gott, den du gerade lästerst!«, schrie er dem Prediger zu.

Te Ua Haumene blitzte ihn an. »Ihr mögt das Kanu gewesen sein, auf dem der wahre Gott nach Aotearoa kam«, spie er dem Missionar entgegen. »Aber manchmal muss man das Kanu verbrennen, wenn man in einem Land wirklich heimisch werden will. Gott wird noch da sein, wenn wir die pakeha längst aus unserem Land vertrieben haben. Wenn sie weggeweht wurden durch den Wind! Pai Marire, hau hau!«

Father O’Toole ließ sich fassungslos zurück auf seinen Platz am Feuer fallen. Er rieb sich die Stirn, während immer mehr der Menschen, die er bekehrt und getauft hatte, den Geist Gottes im Wind beschworen.

Te Ua Haumene brachte jetzt auch Bewegung in die Versammlung. Er ließ seine Anhänger einen Pfahl aufstellen, den er niu nannte und der die gute Botschaft versinnbildlichen sollte, die er den Maori brachte. Um diesen Pfahl herum stampften nun seine Männer, fast in der Manier der Kriegstänzer, und forderten die Zuhörer auf mitzumachen. Te Ua Haumene skandierte dabei seltsame Silben und verkündete weitere Grundsätze seiner neuen Religion. Immer mehr junge Dorfbewohner sprangen auf und gesellten sich zu den Kriegern um den niu.

»Wir sollten hier schleunigst weg«, bemerkte Karl. »Bevor der Prophet beginnt, vor dem Land erst mal dieses Dorf von pakeha zu säubern. Mara, lauf hinüber zu Mr. Johnson und den Rotröcken, ich reiße Mr. Carter aus dem Rausch der Verbrüderung mit seinen Nachbarn. Sieht zwar nicht aus, als bekäme in der Runde noch irgendjemand etwas mit, aber verteidigen werden die Jungs ihn auch nicht, wenn von denen dort jemand verrücktspielt. Ida, du bringst Father O’Toole zu den Pferden. Nicht dass der sich noch mal mit diesem Irren anlegt.«

Mara ließ sich das nicht zweimal sagen, und nicht nur, weil sie den Aufbruch herbeisehnte. Sie hatte sich längst mit der Übernachtung im marae abgefunden, der lange Ritt durch die Nacht lockte sie nicht. Aber die gespenstische Atmosphäre, die düsteren Worte des Propheten und der irre Tanz der Männer um den niu machten ihr Angst. Sie betrachtete die Maori als ihr Volk. Wenn sie Eru heiratete, würde sie Mitglied des Stammes der Ngai Tahu werden. So jedoch hatte sie ihre Landsleute noch nie erlebt. Es schien, als verlören sich all ihre Vernunft und ihre Weisheit im Wehen eines bösen Windes.

Father O’Toole schien das ebenso zu empfinden. Er wirkte wie in Trance, als Ida ihn zwischen den Feuern hindurchführte, zum Glück, ohne behelligt zu werden. Ein paar der Dorfbewohner mochten den Rückzug der pakeha bemerken. Dem etwas abseits sitzenden Häuptling blieb er ganz sicher nicht verborgen. Paraone Kawiti ließ die Weißen jedoch ungehindert ziehen. Er schien nicht allzu begeistert von dem Propheten, der da eben seinen Stamm bezauberte. Vielleicht spürte er die von ihm ausgehende Gefahr, oder er fürchtete einfach den Verlust der eigenen Macht über sein Volk. Er nickte dem Landvermesser fast unmerklich zu, Father O’Toole bedachte er mit einem Blick zwischen Geringschätzung und Bedauern.

»Nun machen Sie schon!«, mahnte Karl den Missionar.

Mara, die dem etwas widerwillig aufbrechenden Carter und den höchst alarmierten Soldaten bereits beim Satteln der Pferde geholfen hatte, hielt Father O’Toole die Zügel seines knochigen Braunen hin. Er schien sich kaum entschließen zu können aufzusteigen. Es wirkte, als fehlte ihm die Kraft dazu.

»Ich will hier weg!«, sagte Mara.

»Ich auch«, flüsterte O’Toole. »Dies ist … dies ist unwiderruflich das Ende. Ich gehe zurück nach Galway. Gott schütze dieses Land.«

KAPITEL 3

»Gott hat euch gerufen, und ihr seid dem Ruf gefolgt!« Die Stimme Reverend William Woodcocks erfüllte die kleine Kirche des St. Peter’s College. Wohlgefällig ließ der Erzdiakon von Adelaide seinen Blick über die acht jungen Männer schweifen, die vor dem Altar aufgereiht standen. Sie sahen gläubig und erwartungsvoll zu ihm auf. »Und nun gehet hin in alle Welt und taufet die Völker im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Lehret sie alles, was ich euch befohlen habe. Und sehet, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!«

»Amen!«, echoten die acht eben ordinierten Missionare ebenso wie ihre Angehörigen und Freunde, die sich zu diesem feierlichen Gottesdienst versammelt hatten.

Die Australian Church Mission Society unterhielt ein Ausbildungsinstitut, das jedes Jahr eine Handvoll eifriger, fest im Glauben stehender junger Männer in die Welt hinaussandte, um die Heiden zu bekehren. Dabei blieb die Mehrheit von ihnen im Land – der riesige Kontinent Australien bot ein reiches Betätigungsfeld. Ab und zu wurde allerdings auch jemand nach Neuseeland, Indien oder Afrika geschickt.

William Woodcock würde gleich die Aufgabe zufallen, den diesjährigen Kandidaten ihre künftigen Wirkungsfelder zuzuweisen. Er hob segnend die Arme, als das letzte Amen verklungen war. Die acht jungen Missionare formierten sich zum feierlichen Auszug aus der Kirche, während die Orgel aufbrauste und der Chor des Colleges einen Choral anstimmte. Die meisten Gottesdienstbesucher fielen in den Gesang ein. Nahezu alle Aspiranten der Missionsschule stammten aus strenggläubigen Familien. Worte und Melodie der gängigen Kirchenlieder waren hier jedem bekannt.

Franz Lange durchschritt die Kirche an dritter Stelle. Wie seine Brüder im Herrn hielt er den Kopf gesenkt. Erst als er in einer der hinteren Bänke deutsche Worte vernahm, blickte er kurz auf und entdeckte seinen Vater. Jacob Lange stand würdevoll zwischen Franz’ jüngeren Halbbrüdern und sang den Choral in seiner Muttersprache mit. Dabei übertönte seine tiefe sonore Stimme mühelos die Stimmen seiner Banknachbarn. Dass er sie mit seinem Gesang in der Fremdsprache irritierte, bemerkte er gar nicht, und es wäre ihm auch egal gewesen. Für Jacob Lange hatte das Evangelium in der Sprache Martin Luthers verkündet zu werden. Fremdsprachen empfand er als lästiges Ärgernis. Zwanzig Jahre nach seiner Auswanderung aus Mecklenburg sprach er noch immer kaum Englisch. Von Franz’ Ordinationsgottesdienst hatte er folglich kaum ein Wort verstanden.

Und überhaupt hatte Franz bis zuletzt nicht zu hoffen gewagt, sein Vater würde bei seiner Ordination dabei sein. Schließlich hatte die Australian Church Mission Society zwar altlutherische Wurzeln, galt inzwischen jedoch als Organisation der Anglikanischen Kirche und legte das Evangelium nicht mehr gar so streng aus, wie Jacob Lange es erwartete. Für Franz hatte es allerdings keine Alternative gegeben: Die deutsche Gemeinde bei Adelaide, der Langes Familie seit seiner Einwanderung zugehörte, unterhielt selbst kein Predigerseminar. Wenn Franz Gottes Ruf also folgen wollte, so blieb ihm nur der Weg über St. Peter.

Beim Anblick seines Vaters und seiner Brüder – und dem Gedanken an Gottes Ruf – empfand Franz einen kleinen Anflug von schlechtem Gewissen. Er hätte es nie jemandem verraten, aber es war nicht nur die Berufung zum Predigeramt, die ihn von der Farm in der deutschen Siedlung Hahndorf fortzog. Tatsächlich hatte Franz einfach genug von der ewig gleichen schweren Arbeit auf den Feldern, nur unterbrochen von Gottesdiensten und Gebetskreisen. Der junge Mann war von klein auf schwächlich gewesen. Er hatte während seiner Kindheit immer wieder an Erkältungen und Kurzatmigkeit gelitten. Weder das Klima in Mecklenburg noch das auf der Südinsel Neuseelands, auf der Jacob Langes Familie zunächst gelebt hatte, war seiner Natur zuträglich gewesen. Die Wärme in Australien bekam Franz besser, doch die erbarmungslose Plackerei, die die Urbarmachung von neuem Land forderte, hatte nicht dazu beigetragen, dass es ihm gesundheitlich besser ging. Jacob Lange hatte von seinem jüngsten Sohn aus erster Ehe vollen Arbeitseinsatz gefordert. Er schickte das bei der Ankunft in Australien zehnjährige Kind zwar in die deutsche Schule, ließ es am Nachmittag jedoch bis zur Erschöpfung schuften.

Schon damit du nicht auf dumme Gedanken kommst! Franz hatte diesen Satz während seiner Jugend unzählige Male gehört. Jedes Mal wurde der Groll auf seine Geschwister, die sich dem väterlichen Einfluss mehr oder weniger eigenständig entzogen hatten, erneut geschürt. Sowohl Franz’ Bruder Anton als auch seine Schwester Elsbeth waren ohne Segen des Vaters fortgelaufen. Die beiden mussten noch irgendwo in Neuseeland sein, aber Jacob Lange hatte keinen Kontakt zu ihnen und zeigte auch kein Interesse daran, sie aufzuspüren. Lediglich mit seiner ältesten Tochter Ida wechselten Lange und seine zweite Frau Anna gelegentlich Briefe, wenn auch nichtssagende. Ida war in Neuseeland mit einem Mitglied der Altlutheraner Gemeinde verheiratet worden und später auf zwielichtige Art verwitwet. Sie war dann gleich eine neue Ehe eingegangen – wie Franz es verstanden hatte, mit einem Mann, den sein Vater nicht billigte.

Franz und die anderen jungen Missionare durchschritten jetzt die Kirchentür und warteten draußen auf ihre Familien. Die Langes waren unter den Ersten, die in den hellen australischen Wintersonnenschein hinaustraten. Franz versuchte sich an einem Lächeln und streckte seinem Vater und seiner Stiefmutter beide Hände entgegen. Anna gesellte sich mit ihren drei Töchtern eben wieder zu ihrem Mann und den beiden Söhnen. In der Kirche saßen männliche und weibliche Gläubige streng voneinander getrennt. Sie zumindest erwiderte den freundlichen Ausdruck ihres Stiefsohnes. Leicht verschämt lächelte sie ihn unter der adretten Haube hervor an.

Da sonst niemand das Wort ergriff, bemühte sich Franz um eine herzliche Begrüßung. »Vater, Stiefmutter! Ihr glaubt nicht, wie sehr euer Kommen mich freut!«

Franz hoffte, sein Vater würde ihn vielleicht in seine Arme ziehen. Jacob Lange blieb jedoch hölzern vor ihm stehen.

»Jetzt im Winter ist ja nicht so viel zu tun auf der Farm«, brummte er.

Anna Lange blickte zu ihrem Mann auf und schüttelte nachsichtig den Kopf. Dann trat sie auf ihren Stiefsohn zu und ergriff seine ausgestreckten Hände.

»Dein Vater ist sehr stolz auf dich!«, behauptete sie.

Auch Anna sprach Deutsch, konnte sich auf Englisch aber immerhin verständigen. Die Schule in Hahndorf unterrichtete die Landessprache, wenngleich es vielen Siedlern nicht wichtig war, wie gut sich ihre Kinder darin ausdrücken konnten. Die meisten von ihnen verließen das Dorf nie.

Franz Lange war der Unterricht dagegen stets wichtig gewesen. Das Beispiel seiner Schwestern stand ihm dabei ständig vor Augen. Denn sosehr er heimlich wütete, weil Ida und Elsbeth ihn schmählich verlassen hatten − der Ehrgeiz der Schwestern, nach der Ankunft in Neuseeland rasch Englisch zu lernen, hatte sich ausgezahlt. Die beiden waren frei. Franz wusste, dass er die Sprache seines neuen Landes möglichst fließend sprechen musste, wollte er der Fronarbeit in Hahndorf irgendwann entkommen. Er studierte deshalb mit Feuereifer Englisch, obwohl ihm der Umgang mit Zahlen sehr viel mehr lag. Franz rechnete blitzschnell und lernte sehr leicht auswendig, während ihm das Schreiben von Aufsätzen weniger gut gelang. So gesehen wäre er sicher ein besserer Buchhalter und Bankangestellter geworden als ein Prediger. Manchmal hatte er sogar von einem Studium der Mathematik geträumt. Daran war jedoch nicht zu denken. Wenn Jacob Lange seinen Sohn überhaupt ziehen ließ, so lediglich im Namen des Herrn.

»Stolz«, bemerkte er jetzt säuerlich und strich über seinen vollen weißen Bart, »empfinde ich auf Söhne, die ihren Platz kennen, die demütig auf ihrer Scholle bleiben und ihre Eltern unterstützen im harten Kampf ums Dasein. Du, Franz, bist eher eine Enttäuschung. Aber gut, ich akzeptiere, dass Gott dich ruft. Die Wege des Herrn sind unergründlich – und wer weiß, vielleicht sühnst du die Sünden deiner Väter, indem du dich hinaus in Feindesland begibst, um die Wilden zu zähmen. Ich will da nicht mit meinem Schöpfer hadern, ich mag es verdienen, nun auch den letzten Sohn zu verlieren …«

»Du hast noch zwei wunderbare Söhne!«, erinnerte ihn Anna.

Die kleine, stets in die dunkle Tracht der Altlutheranerinnen gekleidete Frau, deren dunkelblondes Haar unter der Haube schon schütter wurde, war kaum älter als Franz’ älteste Schwester. Sie hatte nach der Hochzeit in rascher Folge sieben Kindern das Leben geschenkt. Zwei Jungen und drei Mädchen hatten überlebt und waren kräftig und gesund. Fritz und Herbert halfen auf der Farm schon tüchtig mit. Die Mädchen schienen sich zu ebenso häuslichen und braven Frauen zu entwickeln wie Anna.

Jacob Lange nickte. »Ich sage ja, ich hadere nicht mit dem Schöpfer, er hat mich letztlich reich beschenkt. Dennoch … Franz, vergiss die alte Heimat nicht! Gib deine Sprache und deine Vergangenheit nicht auf. Egal, wohin es dich verschlägt, denk immer daran, dass du ein Junge aus Raben Steinfeld bist …«

»Kommst du, Franz?« Marcus Dunn, während der Ausbildung zum Missionar Franz’ Zimmergenosse, unterbrach Jacob Langes Predigt. »Der Erzdiakon hat John und Gerald schon in sein Büro gebeten. Er gibt bekannt, welcher Ruf an wen ergehen wird! Du bist bestimmt der Nächste.«

Franz ergriff die Gelegenheit, sich bei seiner Familie zu entschuldigen. »Ihr könnt aber gern noch bleiben«, lud er sie ein. »Auf dem Campus wird ein Buffet aufgebaut, es gibt zu essen und zu trinken, wir feiern unseren Abschluss …«

Jacob Lange schnaubte. »Ich sehe da nichts zu feiern. Und wir müssen nach Hause, es sind zehn Kühe zu melken. Also geh mit Gott, Franz. Ich hoffe, er leitet dich wirklich auf diesem Weg …«

Franz biss sich auf die Lippen, aber sein Vater hatte sich schon zum Gehen gewandt. Anna zuckte hilflos die Schultern. Sie war ein sanfter, entgegenkommender Mensch. Als Jacob sie zur Frau genommen hatte, hatte sie Franz liebevoll als ihren Sohn angenommen und sein Leben in vielerlei Hinsicht erleichtert. Ihrem Gatten war sie bedingungslos ergeben. Niemals hätte sie ihm widersprochen oder sich ihm gar entgegengestellt. Franz fragte sich, ob er selbst sich eines Tages eine ähnlich geartete Frau wünschte. Wenn er ehrlich sein sollte, hätte er lieber eine, mit der er sich unterhalten konnte, die nicht immer nur demütig Ja sagte, sondern auch einmal Nein. Franz würde gern Fragen stellen – und Geheimnisse teilen.

Jetzt aber hatte er keine Zeit, über solche Dinge nachzudenken. Der heutige Tag tauchte ihn in ein Wechselbad der Gefühle − die kurze Freude über den erfolgreichen Abschluss der Ausbildung, der Stolz, sich künftig Reverend nennen zu dürfen, die erneuten Schuldgefühle gegenüber seinem Vater und die bohrende Furcht vor der Entscheidung über seine Zukunft.

Denn da war noch etwas, das Franz nie jemandem gesagt hatte und das er auch sich selbst ungern eingestand: So leicht er lernte, so beflissen er predigte und so eifrig er Gottes Wort auslegte – der Gedanke, den zu bekehrenden Heiden demnächst Auge in Auge gegenüberzustehen, ließ ihn vor Angst erstarren. Franz hatte noch nie wirklichen Kontakt zu den Aborigines, den Ureinwohnern Australiens, gehabt. Die früheren Besitzer des Landes, auf dem Hahndorf stand, waren längst an entfernte Orte ausgesiedelt worden. Das galt auch für den Stamm, der ursprünglich auf dem Gebiet von Adelaide gelebt hatte. Auf den Straßen der Stadt sah man Schwarze allenfalls noch als Bettler oder betrunken umhertaumelnde Stadtstreicher – unangenehm, aber harmlos. Während Franz’ Ausbildung zum Missionar hatten Gastdozenten aus dem Outback gelegentlich getaufte Exoten mitgebracht. Auch sie waren nicht furchterregend, sondern zahm und still. Sie trugen westliche Kleidung und hielten die Köpfe demütig gesenkt. Doch Franz erinnerte sich noch genau an die Ankunft der Langes in Neuseeland. Sie waren direkt in die Wirren des Wairau-Zwischenfalls mit feindlichen Maori hineingeraten. In der Stadt Nelson hatte die Familie zwar nie einen Maori zu Gesicht bekommen, aber dem ängstlichen Kind hatten die blutrünstigen Geschichten, die in der Stadt herumgingen, gereicht. In Australien hatte Franz dann noch viel schlimmere gehört. Die Aborigines galten als deutlich kriegerischer als die Maori. Jeder Siedler wusste von Massakern an Einwanderern, aufgeriebenen Expeditionen und blutigen Aufständen. Abbildungen von weiß bemalten Wilden, bewaffnet mit Speeren und Bumerangs, machten die Runde – und dazu war das Outback auch noch voller gefährlicher Tiere. Als Franz gemeinsam mit seinem Vater das Land für die Farm urbar gemacht hatte, war er oft nur um Haaresbreite einem Schlangenbiss oder dem Angriff eines wilden Hundes entkommen. Der Gedanke, nun womöglich erneut in jungfräuliches Land geschickt zu werden, um eine Mission aufzubauen, ließ ihn in Panik verfallen.

Beim Warten vor dem Büro des Erzdiakons kämpfte er nun gegen Herzklopfen und Schweißausbrüche. Er schluckte trocken, als William Woodcock ihn endlich hereinrief. Was sollte er tun, wenn es tatsächlich auf eine Expedition in die Wildnis hinauslief? Konnte er jetzt noch fortlaufen? Würde Gott ihn dafür nicht strafen – oder schlimmer noch, strafte Gott ihn gleich durch die Hand des Erzdiakons, indem er ihn an einen weit schlimmeren Ort verbannte als den, vor dem er geflohen war?

Der Erzdiakon fixierte Franz aus seinen hellen, stechenden Augen. Sie schienen direkt in sein Herz zu blicken. »Setzen Sie sich, Reverend Lange. Sie sind ganz blass. Das Wiedersehen mit der Familie? Oder spüren Sie bereits die Bürde Ihres Amtes?«

Franz murmelte etwas Unverständliches. Dann nahm er sich zusammen. »Ich habe das Fasten noch nicht gebrochen«, gab er zu.

Die künftigen Missionare hatten die Nacht vor der Ordination betend und fastend zugebracht, und beim Gottesdienst wäre auch Franz vor Hunger beinahe umgekommen. Dann hatte ihn die Begegnung mit seiner Familie aber gleich den Appetit gekostet, während sich seine Mitbrüder bestimmt schon gierig über die im Campus angebotenen Speisen hergemacht hatten.

Der Erzdiakon nickte. Unauffällig musterte er den schmächtigen jungen Mann. Franz Lange war mittelgroß, sehr dünn und ging immer etwas gebeugt, als duckte er sich unter einer Peitsche. Den feierlichen schwarzen Anzug füllte er kaum aus. William Woodcock überflog kurz die Angaben von Langes Lehrern zu dessen Eignung für den Dienst als Missionar. Zuverlässig, sicher im Glauben, geduldig, außerordentlich bibelfest, leider kein guter Redner, stand dort. Der junge Mann schien auch Schwierigkeiten zu haben, seinem Gegenüber lange in die Augen zu schauen. Woodcock hielt seinen Blick trotzdem fest. Er schaute in ein noch fast kindlich wirkendes rundes Gesicht mit großen blauen Augen. Darin stand offensichtliche Furcht. Woodcock mochte den Jungen nicht quälen. Er sprach ihn nun freundlich an.

»Dann sollte ich Sie nicht zu lange aufhalten. Sie müssen sich schließlich stärken für die Aufgaben, die vor Ihnen liegen. Sagen Sie mir, Reverend Lange … Wenn Sie die Wahl hätten, sich für irgendeine Aufgabe in der Mission zu entscheiden, was würden Sie tun? Welches Land würden Sie wählen, welche Arbeit?«

Franz rieb sich die Schläfen. Bestand wirklich die Möglichkeit, dass der Erzdiakon ihn in die Entscheidung mit einbezog? Ebenso gut konnte dies eine Fangfrage sein. Sein Vater zumindest hätte eine offene Antwort als mangelnde Demut ausgelegt und ihn dann gerade mit einer Aufgabe betraut, die ihm besonders zuwider war.

»Ich … ich werde den Platz einnehmen, auf den Gott mich stellt«, druckste der junge Mann. »Ich …«

Der Erzdiakon winkte ab. »Natürlich werden Sie das. Davon gehe ich aus. Aber es muss doch Aufgaben geben, die Sie mehr oder weniger locken. Die Ihnen vielleicht auch mehr als andere liegen.«

Franz biss sich erneut auf die Lippen. Fieberhaft suchte er nach einer unverfänglichen Antwort. »Ich mag es zu unterrichten«, behauptete er dann. »Ich bringe Kindern gern etwas bei.«

Tatsächlich hatte Franz nie mit anderen Kindern zu tun gehabt als seinen neuen Geschwistern, und die waren ihm oft etwas begriffsstutzig erschienen. Es hatte ihn jedoch nicht gestört, wenn Anna ihn bat, ihnen irgendeine Schulaufgabe zu erklären. Im Gegenteil, in der Zeit, in der er mit ihnen lernte, schickte sein Vater ihn wenigstens nicht auf die Felder. Und was die Mission anging − wenn die Eingeborenen schon ausreichend zivilisiert waren, um ihre Kinder zur Schule zu schicken, konnten sie so gefährlich nicht sein.

Der Erzdiakon nickte und machte eine Notiz in der Akte, die er vor sich hatte. »Also ein geborener Lehrer«, sagte er freundlich. »Gut zu wissen. Leider ist zurzeit von keiner unserer Missionsstationen direkt die Anfrage nach einem Lehrer eingegangen. Andererseits besteht hier sicher Bedarf in jeder größeren Station, deren Arbeit mit den Heiden schon ein wenig fortgeschritten ist. Würde Sie ein Ruf an eine solch größere Station reizen, Bruder Franz? Oder wäre Ihnen das zu langweilig? Ich hätte hier eine Anfrage aus Neuseeland. Einer unserer altgedienten Missionare, Reverend Völkner, bittet um Verstärkung. Kamen Sie nicht überhaupt mit Ihrer Familie aus Neuseeland, Reverend Lange?«

Franz spürte Hoffnung in sich aufkeimen. Er verband mit Neuseeland nicht die besten Erinnerungen. Tatsächlich war die Siedlung, die sein Vater dort mit seiner norddeutschen Heimatgemeinde gegründet hatte, einer Flutkatastrophe zum Opfer gefallen. Die Stadt Nelson hatte ihm jedoch gefallen – und selbst auf dem Land gab es keine Schlangen, Skorpione oder wilden Tiere.

»Ich komme aus Mecklenburg«, stellte er trotzdem richtig. »Raben Steinfeld …«

Der Erzdiakon winkte ab. »Aber Sie haben in Neuseeland gelebt. Würde es Ihnen gefallen, Franz, wenn wir Sie dorthin entsenden würden? Bitte, sprechen Sie frei heraus! Ich kann nicht jedem Wunsch nachgeben, doch wenn es mir möglich ist, lasse ich die Neigungen der jungen Missionare stets in meine Entscheidungen einfließen. Ihre ersten drei Mitbrüder haben es zum Beispiel vorgezogen, gemeinsam eine neue Missionsstation in China aufzubauen. Da könnten wir auch noch einen vierten Mann brauchen. Wenn Sie also lieber …«

»Nein!« Franz’ Widerspruch kam entschieden zu schnell und zu laut. Wenn der Erzdiakon ihn wirklich auf die Probe stellte, befand er sich wahrscheinlich am kommenden Tag schon auf dem Weg nach China. »Ich … ich meine, ich … natürlich folge ich auch dem Ruf aus … aus ferneren Ländern, ich …«

Der Erzdiakon lächelte. »Sie vernehmen ihn jedoch nicht wirklich«, bemerkte er. »Gut, Reverend Lange. Dann entsenden wir Sie hiermit offiziell nach Opotiki. Das liegt auf der Nordinsel Neuseelands, die Mission besteht seit einigen Jahren. Viel Glück, Bruder Franz! Gehen Sie mit Gott!«

Franz fühlte sich schwindlig, als er wieder auf dem sonnigen Campus stand – und unsäglich erleichtert. Er hätte jetzt zu den auf langen Tischen dargebotenen Speisen gehen, endlich seinen Hunger stillen und seine Mitbrüder mit ihrem Ruf nach China aufziehen können, vielleicht auch ihren gutmütigen Spott ertragen, dass es ihn »nur« nach Neuseeland trieb. Tatsächlich ließ er den Campus jedoch hinter sich und betrat erneut die kleine Kirche.

Inbrünstig dankte er Gott.

Kiwi.psd

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Canterbury Plains, Christchurch,

Lyttelton − Neuseeland (Südinsel)

1863

KAPITEL 1

»Wirst sehen, Carol, dieses Mal holen wir uns den Preis! Im letzten Jahr, mit Jeffrey, das war ja nur so ein Rumpaddeln. Joe zeigt mir eine ganz andere Technik! Kommt schließlich aus Oxford, der Mann. Sein Achter hat das Boat Race gewonnen, ihr wisst schon, diese berühmte Regatta auf der Themse …«

Linda unterdrückte ein gelangweiltes Seufzen. Mrs. Butler hatte den Garten gerade mal für einen Augenblick verlassen, um sich um den Tee zu kümmern, und schon war ihr Sohn Oliver erneut bei seinem augenblicklichen Lieblingsthema, der bevorstehenden Ruderregatta auf dem Avon, veranstaltet vom Christchurcher Ruderklub. Linda fiel es schwer, Interesse zu heucheln. Ihre Halbschwester Carol war dagegen unverdrossen bemüht, den immer gleichen Ausführungen ihres Verlobten aufmunternd lächelnd zu lauschen und sie begeistert zu kommentieren.

Linda und Carol freuten sich auf die Regatta, die bunt geschmückten Boote, die Geselligkeit und das Picknick am Ufer des Flusses. Ganz Christchurch und Umgebung würde sich am Avon versammeln, die Bootsrennen waren eine willkommene Abwechslung von der gerade im Frühjahr aufreibenden Arbeit auf den Schaffarmen. Olivers ständiges Gerede über seine Rudertechnik, über Joe Fitzpatrick, seinen fabelhaften neuen Partner im Zweier, und vor allem seine endlose Analyse der eigenen Siegchancen ermüdeten jedoch auch den geduldigsten Zuhörer. Carol konnte sich nur damit trösten, dass ihr Verlobter bei seinem sportlichen Engagement Zielstrebigkeit, Eifer und Ehrgeiz an den Tag legte – Eigenschaften, die er bei der Arbeit auf der elterlichen Schaffarm eher missen ließ. Darüber klagte zumindest Captain Butler, sein Vater − Olivers Mutter fand es durchaus angemessen, wenn ihr Sohn den Gentleman und nicht den Farmer herauskehrte.

»Die Kunst liegt darin, nicht ganz genau gleichzeitig zu rudern«, führte Oliver jetzt weiter aus. »Der Schlagmann zieht etwas früher als der Bugmann. Dadurch vermindert man das Gieren, das davon kommt, dass …«

Während Linda ein Seufzen unterdrückte, nickte Carol eifrig und versuchte, sich weniger auf Olivers Worte als auf seine angenehme, fein modulierte Tenorstimme zu konzentrieren. Sie liebte seine Stimme ebenso wie seine schlanke Gestalt, sein tiefschwarzes lockiges Haar, sein Gesicht mit den aristokratischen Zügen und seine seelenvollen braunen Augen unter den schweren Lidern. Zurzeit blitzten sie vor Eifer, aber Carol mochte es auch, wenn sie sanft umschattet und verträumt wirkten – was sehr viel häufiger vorkam. Linda pflegte Oliver dann respektlos als verschlafen oder blasiert zu bezeichnen.

Carols Verlobter kam vom Aussehen her ganz nach seiner Mutter, einer außergewöhnlichen Schönheit, die den besten Kreisen der englischen Gesellschaft entstammte. Carols und Lindas Eltern fragten sich immer wieder despektierlich, wie es dem raubeinigen Captain Butler jemals hatte gelingen können, die verwöhnte Lady Deborah zur Übersiedlung auf seine neu gegründete Schaffarm in Neuseeland zu überreden. Wahrscheinlich hatte Deborah Butler sich das Leben als »Schafbaronin« in der Einsamkeit der Canterbury Plains mit ihren wenigen verstreut liegenden Farmen einfach ganz anders vorgestellt. Sie mochte beim Thema Landleben eher an Reitjagden, Picknicks und Gartenpartys gedacht haben denn an die Verköstigung von Viehtreibern, die Aufsicht bei der Schafschur und die eher seltenen Besuche weit entfernt lebender Nachbarn.

In Neuseeland lud man selten zum Tee ein, man schenkte meist einfach Kaffee in der Wohnküche aus. Die Gespräche drehten sich weniger um Rosenpflege als um Hundeausbildung und Kreuzungen zwischen Merino- und Romney-Schafen. Über diese Themen diskutierten zurzeit auch Deborahs Mann und Catherine Rata, Lindas Mutter. Catherine – zu Deborahs Entsetzen von allen Cat genannt – hatte sich gleich zu den Scherschuppen aufgemacht, nachdem sie Deborah begrüßt und Carol und Linda in deren Obhut zurückgelassen hatte. Die Einladung zum Tee hatte sie freundlich, aber bestimmt abgelehnt.

»Vielleicht nehme ich später noch einen Schluck, bevor wir abfahren. Aber jetzt muss ich wirklich mit Ihrem Mann reden, Mrs. Butler. Wegen dieses jungen Widders. Und dann müssen wir auch schon wieder los. Georgie nimmt uns mit zurück. Viel Zeit bleibt da nicht.«

Der Flussschiffer Georgie versorgte die Farmen am Waimakariri River mit Warenlieferungen und Post. Er hatte Cat und die beiden jungen Mädchen an diesem Morgen zu den Butlers mitgenommen – die einzige Möglichkeit, die Strecke zwischen Rata Station und Butler Station an einem Tag zu bewältigen. Mit Pferden war man mindestens zwei Tage unterwegs, obwohl der Weg entlang des Flusses inzwischen gut ausgefahren und befestigt war. Er verband Rata Station mit den Farmen der Redwood-Brüder und der Butlers sowie zwei neu gegründeten Siedlungen weiter nördlich. Gewöhnlich machte es Cat nichts aus, ein paar Tage unterwegs zu sein und woanders zu übernachten. Sie nutzte gern die Gelegenheit zu einem Plausch. Zurzeit jedoch war die Schafschur in vollem Gange. Die letzten Muttertiere lammten ab, und auf den Farmen hatten Männer und Frauen alle Hände voll zu tun. Lediglich Deborah Butler, die nie auf den Gedanken gekommen wäre, sich einem Schaf auch nur zu nähern, hatte im Oktober Zeit für eine entspannte Teeparty in ihrem gepflegten Garten.

Linda fragte sich im Stillen, was Captain Butler von diesem Drohnendasein hielt. Der alte Seebär – bevor er sein Geld in die Schafzucht investiert hatte, war er als Kapitän eines Walfängers reich geworden – schien jedoch auch nach zwanzig Jahren Ehe noch blind verliebt in seine wunderschöne Frau zu sein. Alles auf Butler Station zeugte von dieser Vernarrtheit. Das Herrenhaus war nicht schlicht und zweckmäßig gestaltet wie die Häuser auf Rata und Redwood Station, sondern glich eher einem Schloss. Für die Pflege der Gartenanlagen war eigens ein englischer Spezialist angeworben worden, und in den Ställen standen empfindsame Vollblutpferde statt robuster kleiner Kreuzungen. Captain Butler betrachtete seine Frau offenbar als ein ähnliches Luxusgeschöpf wie diese Pferde – doch nicht so seinen Sohn. Ginge es nach seinem Vater, so würde Oliver sich in den Scherschuppen nützlich machen, statt hier mit seiner Verlobten beim Tee zu sitzen und über Ruderregatten zu schwadronieren.

»Nun hör aber auf, die Damen zu langweilen, Oliver!«

Gefolgt von einer jungen Maori in englischer Dienstmädchenuniform, die ihr ein Tablett mit Teekanne und Gebäck hinterhertrug, betrat Deborah Butler den gepflegten Rasen. Sie trug ein elegantes Nachmittagskleid in hellem Blau mit eng anliegendem Oberteil, Bolerojäckchen und Reifrock. Cremefarbene Spitze schmückte Rocksaum, Ausschnitt, Ärmel und Jacke. Deborahs volles dunkles Haar war streng aus dem Gesicht gekämmt und wurde durch ein cremefarbenes Netz gebändigt. Wie immer entsprach ihr Äußeres der vollkommenen Lady. Sowohl Linda als auch Carol fühlten sich in ihren einfachen Röcken und Blusen stets unwohl in Deborahs Gegenwart. Dabei hatte Carol sich an diesem Tag so viel Mühe gegeben, hübsch auszusehen. Ihre weiße Bluse aus gebleichtem Musselin war mit dunkelblauen Kordeln ansprechend aufgehübscht. Ihren dazu passenden Umhang hatte sie abgelegt, in der Sonne war es schon frühlingshaft warm. Carols glänzendes blondes Haar war zu einer komplizierten Frisur aufgesteckt – Linda hatte ihr beim Flechten geholfen und dunkelblaue, zu Bluse und Rock passende Bänder ins Haar gewunden. Das Ergebnis hätte Deborah eigentlich zufriedenstellen können, aber natürlich hatte sich auf der mehrstündigen Bootsfahrt bei frischem Wind schon so manche Strähne gelöst. Die Locken umtanzten Carols hübsches Gesicht. Oliver fand das bezaubernd, während seine Mutter es eher missbilligend betrachtete.

Lindas Aufmachung fand erst recht keine Gnade vor Deborah Butlers gestrengen Augen. Nachdem sie die aufgeregte Carol bei der Wahl von Garderobe und Frisur beraten und unterstützt hatte, war für die eigene Schönheitspflege keine Zeit geblieben. Linda trug eine helle Bluse zu einem grauen Rock und hatte ihr Haar im Nacken einfach zusammengebunden. Dem Wind hatte das noch mehr Angriffsfläche geboten als Carols Flechtfrisur. Auch Lindas Gesicht umspielten blonde Strähnen.

Überhaupt gingen die jungen Mädchen, die beide im Mai achtzehn Jahre alt geworden waren, mühelos als Zwillinge durch. Sie hatten große blaue Augen − Carols waren etwas dunkler und ausdrucksvoller, Lindas eher von hellerem Blau und sanft. Sie standen etwas zu nah beieinander und waren wie auch die vollen Lippen ein Erbe des gemeinsamen Vaters Ottfried Brandman. Die meisten Männer konnten den Blick nicht von Carols und Lindas sinnlichen Lippen wenden. Carols Gesicht war allerdings schmaler, Lindas eher oval. All das bemerkte man aber nur, wenn man genauer hinsah. Auf den ersten Blick überwog der Eindruck großer schwesterlicher Ähnlichkeit.

»Wie geht es mit Ihrer Handarbeit voran, Miss Carol?«, erkundigte sich Deborah Butler höflich, während sie den jungen Damen Tee einschenkte. Dem englischen Brauch entsprechend übernahm sie das persönlich. Das Maori-Mädchen hatte nichts anderes zu tun, als etwas abseits zu stehen und auf weitere Befehle zu warten. »Kommen Sie mit dem Muster zurecht?«

Carol nickte gequält. Ihre künftige Schwiegermutter hatte sie einige Wochen zuvor in die Kunst der Petit-Point-Stickerei eingewiesen. Die Borte, an der sie zurzeit arbeitete, sollte später ihr Hochzeitskleid schmücken. Leider zeigte Carol weder Lust noch Talent für die feine Nadelarbeit, und sosehr sie ihre Hände auch schrubbte − wenn sie den ganzen Tag mit Zügeln und Hundeleinen herumhantiert, in die Wolle der Schafe gefasst und Pferde gestriegelt hatte, befand sich immer noch genug Schmutz in den feinsten Rillen ihrer Finger und unter den Nägeln, um die Borte grau zu färben, statt sie in verschiedenen Cremeschattierungen schimmern zu lassen.

Zum Glück half Linda immer mal wieder aus. Sie war ein wenig häuslicher als ihre Halbschwester und vor allem viel geduldiger − wenn es nicht gerade um endlose Berichte über Bootsrennen ging.

»Ich habe leider sehr wenig Zeit für die Stickerei«, erklärte Carol nun ehrlich. »Ich arbeite ja mit auf der Farm, und abends bin ich müde. Zudem braucht man eigentlich Tageslicht für diese feine Arbeit.«

Deborah Butler verzog das Gesicht. »Das benötigt man zweifellos«, stimmte sie höflich zu. »Wobei ich allerdings nicht verstehe, warum sich eine junge Lady mit Schafen und Hütehunden herumplagen muss. Ich meine … es ist ja nichts dagegen einzuwenden, dass Sie ein wenig reiten, und ein kleiner Hund … Gott, ich hatte ein Kätzchen, als ich ein kleines Mädchen war, das kann ganz niedlich sein. Aber mein Mann sagt, Sie hätten den Hütehundewettbewerb in Christchurch gewonnen.«

Deborah blickte bei dieser Bemerkung erneut missbilligend drein, während Carol strahlend nickte und sich nach ihrem Collie umsah. Die dreifarbige Hündin Fancy, ein reinrassiges Tier aus der Zucht der Wardens von Kiward Station, war ihr ganzer Stolz. Chris Fenroy pflegte zu behaupten, Fancy habe ein Vermögen gekostet, doch sie war jeden Penny wert und sollte in den kommenden Jahren zur Stammmutter einer eigenen Zucht auf Rata Station werden.

»Wenn Sie erst mal hier bei uns leben, werden Sie mehr Muße haben, fraulichen Beschäftigungen nachzugehen«, sprach Deborah Butler weiter, bevor Carol irgendetwas sagen konnte. »Ich werde auf keinen Fall erlauben, dass mein Mann Olivers Gattin bei der Farmarbeit einspannt. Als Mitglied der Familie Butler haben Sie doch eher Repräsentationspflichten. Ich meine … man spricht ja nicht umsonst von Schafbaronen.«

Linda und Carol warfen einander verstohlene Blicke zu und hätten beinahe losgekichert. Die Repräsentationspflichten einer Schafbaronin in den Canterbury Plains beschränkten sich darauf, dass sie ihren Gatten einmal jährlich zur Schafzüchterversammlung nach Christchurch begleitete. Dort passte sie dann darauf auf, dass der sich beim Dinner im White Hart Hotel nicht bis zur Besinnungslosigkeit betrank. Viele Schafbarone konnten auf ein wenig repräsentatives Vorleben als Walfänger und Seehundjäger zurückblicken. Den Damen gefiel es nicht, wenn sie sich bei dem an die Züchterversammlung anschließenden förmlichen Abendessen betrunken darüber austauschten.

»Ich arbeite gern mit den Hunden«, setzte Carol jetzt immerhin zu einer Verteidigung ihrer bisherigen Lebensweise an. Sie kam nicht weit, da eben Cat Rata den Garten betrat.

»Könnte ich jetzt vielleicht eine schnelle Tasse Tee haben, Mrs. Butler?«, fragte sie lächelnd und ließ ihren Blick über die Rasenfläche schweifen.

Man hatte hier fast zwei Hektar des ursprünglichen Graslandes der Plains zu einer Gartenlandschaft umgestaltet, und abgesehen von einer Südbuche, die Deborah Butler als Schattenspender duldete, gab es keine einzige in Neuseeland heimische Pflanze. Mit ungeheurer Energie hatten Deborah und ihre Gärtner sogar die allgegenwärtigen Rata-Büsche ausgemerzt, die nicht nur Cats eigener Farm, sondern auch Cat selbst den Namen gegeben hatten. Cat war ohne Familie aufgewachsen. Ihre leibliche Mutter Suzanne war eine trunksüchtige Prostituierte gewesen, die sich auf einer Walfangstation verkauft hatte und sich an ihren Nachnamen nicht mehr erinnerte. Sie hatte es auch nicht für nötig gehalten, ihrer Tochter einen christlichen Vornamen zu geben. Man rief das Kind einfach Kitten − Katzenjunges.

Cat nahm das längst nicht mehr übel. Sie war der Walfangstation mit dreizehn Jahren entflohen und hatte danach einige Jahre bei einem Maori-Stamm gelebt, wo man sie Poti – Katze – genannt hatte. Die Häuptlingsfrau und Heilkundige Te Ronga, die später während des Wairau-Zwischenfalls umgekommen war, hatte sie als Pflegekind aufgenommen. Cat betrachtete Te Ronga als ihre wahre Mutter.

»Das ist ein sehr schöner Garten«, bemerkte sie jetzt höflich. »Wenn auch etwas … befremdlich. Genau so sieht es in England aus, nicht wahr?«

Deborah bejahte, wobei sie Cat einer ebenso kritischen Betrachtung unterwarf wie Cat zuvor ihren Garten. Wäre sie weniger gut erzogen gewesen, so hätte sie dieselben beschreibenden Worte gewählt: sehr schön, aber befremdlich. Catherine Rata war eine auffallende Erscheinung. Dabei tat sie nichts, um ihr Aussehen hervorzuheben. Im Gegenteil, nach Deborahs Maßstäben war sie äußerst nachlässig gekleidet. Cat trug ein braunes Kattunkleid, schlicht geschnitten und absolut unpassend für einen gesitteten Nachmittagstee. Einen Reifrock hatte sie nicht daruntergezogen. Deborah befürchtete, dass sie möglicherweise gar keinen besaß.

Natürlich war der Reifrock bei der Farmarbeit und gerade heute bei der Bootsfahrt unpraktisch, und Deborah hätte sein Fehlen gerade noch nachsehen können. Cat jedoch verzichtete obendrein auf das Tragen eines Korsetts, und das war nun wirklich unverzeihlich! Ihr Erscheinungsbild trübte es allerdings nicht. Cat war gertenschlank. Ihr zartes ovales Gesicht wurde von ausdrucksstarken nussbraunen Augen beherrscht, die wach und intelligent in die Welt blickten – und zurzeit auch etwas spöttisch. Ihr hüftlanges weizenblondes Haar hatte sie zu einem dicken Zopf im Nacken geflochten, was sie jünger wirken ließ als fast vierzig Jahre. Eine unmögliche Frisur für eine erwachsene Frau, fand Deborah, aber sie hatte Cat auch schon mit offenem Haar erlebt. Mitunter pflegte sie es sich nur durch ein breites, nach Maori-Art gewebtes Stirnband aus dem Gesicht zu halten.

»Ich habe mich bei der Gartengestaltung an unserem Park auf Preston Manor orientiert«, meinte Deborah jetzt geziert. »Wenngleich der natürlich viel größer war. Er bot sogar Platz für Reitwege … und lange Spaziergänge.«

Sie warf ihrem Sohn einen kurzen, gnädigen Blick zu, was diesen gleich aufspringen ließ. Oliver brannte längst darauf, sich mit Carol zu »einem kleinen Spaziergang« zu zweit zu verabschieden – das Maximum an Intimität, das Deborahs strenge Verhaltensregeln einem verliebten jungen Paar zugestanden.

»Miss Carol, darf ich Ihnen die gelben Rosen zeigen?«, erkundigte er sich förmlich. »Meine Mutter ist sehr stolz auf diese Züchtung, sie gedeihen sonst nie in Übersee. Sie sind natürlich auch willkommen, Miss Linda …«

Sehr einladend klang der letzte Satz natürlich nicht. Linda wehrte gutmütig ab.

»Lassen Sie nur, ich interessiere mich nicht für Rosen«, behauptete sie.

Was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Tatsächlich brachte Linda für jede Art von Pflanzen weit mehr Interesse auf als Carol. Sie begleitete sowohl Cat als auch die heilkundigen Frauen des örtlichen Maori-Stammes gern auf der Suche nach Kräutern. Seit sie ein englisches Buch über Heilpflanzen in der Alten Welt besaß, wusste sie um die Wirkung von Rosenöl gegen Entzündungen, Insektenstiche und leichte Herzbeschwerden und pflegte sogar einen eigenen Rosenstrauch im Küchengarten von Rata Station. Linda experimentierte nicht nur mit Rosenöl und Rosenwasser, sondern vor allem mit Hagebuttentee und Hagebuttenbrei gegen Menstruations- und Magenbeschwerden. Die Farbe der Blüten und Deborahs veredelte Züchtungen waren ihr allerdings gleichgültig – und sie gönnte der Schwester die kurze Zweisamkeit mit ihrem Verlobten.

»Bloß nicht zu lange wegbleiben!«, mahnte Cat. »Ich denke, Georgie wird in höchstens einer halben Stunde hier sein, und wir wollen ihn nicht warten lassen.«

Verpassen konnten sie das Kommen des Flussschiffers kaum. Deborahs Garten fiel zum Waimakariri hin anmutig ab, was Lustwandeln am Ufer oder auch ein sommerliches Picknick am Wasser ermöglichte.

»Die beiden Kinder sehen sich wirklich zu selten«, bemerkte Deborah und schenkte Cat Tee ein.

Dabei behielt sie das junge Paar genau im Auge. Oliver bot Carol gerade ritterlich den Arm und schritt mit ihr über die Kieswege durch den Garten. Die beiden entfernten sich rasch, auf Cat wirkte das fast wie eine Flucht. Dennoch würde es ihnen kaum gelingen, Deborahs scharfem Blick zu entkommen. So dicht, dass sie die Verliebten gänzlich verbargen und vielleicht sogar einen heimlichen Kuss deckten, gediehen die englischen Gewächse in Neuseeland eben doch nicht.

»Im Winter ist die Reise von einer Farm zur anderen ja auch recht beschwerlich«, antwortete Cat gelassen. Dabei war sie persönlich der Meinung, ein junger Mann, getragen von den Flügeln der Liebe, könnte durchaus öfter ein paar Stunden Ritt durch Regen und Schlamm auf sich nehmen. Carol selbst hätte sich gern zu Oliver auf den Weg gemacht, das hatten Cat und Chris allerdings unterbunden. Schließlich konnten sie sich sehr gut denken, was Deborah von einem jungen Mädchen halten würde, das sein Pferd allein zwei Tage lang durch die Wildnis lenkte, um mit seinem Verlobten zusammen zu sein. »Aber im Laufe der nächsten Tage böte sich gleich noch eine wunderbare Möglichkeit für das junge Paar, einander wiederzusehen«, meinte Cat im Plauderton. »Ihr Mann verkauft uns einen Zuchtwidder – und sicher wird Oliver sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, das Tier persönlich nach Rata Station zu bringen.«

Deborah Butler hob die Augenbrauen. »Mein Sohn ist kein Viehtreiber«, bemerkte sie.

Cat lächelte. »So schwierig ist das nicht«, erklärte sie dann. »Ich bin sicher, er schafft es.«

Linda unterdrückte ein Kichern.

»Es war übrigens eine Idee seines Vaters«, führte Cat weiter aus und nahm einen Schluck Tee. »Er meinte, Oliver würde entzückt darüber sein, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden.«

»Na, hoffentlich läuft ihm das Schaf dabei nicht weg«, spottete Linda, als Cat die jungen Mädchen wenig später zum Anleger scheuchte.

Sie hatte Carol mit der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen mit ihrem Verlobten über die Trennung hinweggetröstet. Carol stimmte das tatsächlich fröhlicher. Auf der heimischen Farm würde sie weit mehr von ihm haben als unter Deborahs gestrenger Aufsicht. Weder Chris Fenroy, mit dem Cat zusammenlebte, noch Cat selbst zeigten Neigung und Zeit für die Rolle des »Anstandswauwaus«. Sie befürworteten die Verbindung zwischen ihrer Ziehtochter und dem einzigen Sohn und Erben der Butlers in jeder Hinsicht. Carol würde eine große Schafherde als Mitgift in die Ehe bringen und schließlich über eine eigene Schaffarm herrschen. Für Linda – und einen noch aufzufindenden passenden Ehemann – bliebe dieselbe Position auf Rata Station.

»So werden wir Nachbarn und machen weiter alles zusammen!«, hatte Carol gejubelt, als sie ihrer Schwester von der Verlobung mit Oliver Butler erzählt hatte. »Ach, das ist so ein Glück!«

Tatsächlich konnten sich die jungen Frauen kaum vorstellen, jemals getrennt zu werden. Sie waren als Zwillingsschwestern aufgewachsen, obwohl sie tatsächlich nur den leiblichen Vater gemeinsam hatten – ein Geheimnis, von dem die Nachbarn nichts wussten. Natürlich gab es darüber Gerüchte. Selbst der eigentlich aufgeschlossenen Gemeinschaft der Siedler in den Canterbury Plains mussten die Verhältnisse auf Rata Station befremdlich erscheinen. Als Linda und Carol noch jünger gewesen waren, hatten sie die Nachbarn oft brüskiert, indem sie von ihren zwei Mommys und Daddys erzählt hatten – Carols Mutter Ida und Lindas Mutter Cat sowie ihre Partner Karl Jensch und Chris Fenroy zogen die Mädchen gemeinsam groß. Besonders Deborah Butler fiel es schwer, dies zu akzeptieren. Sie empörte sich immer wieder wortreich darüber, dass Ida Linda und Carol monatelang in Cats Obhut allein ließ, während sie mit ihrem Mann Karl die Nordinsel bereiste. Zweifellos wäre sie schockiert, würde sie von Carols und Lindas wahrer Abstammung erfahren. Cat und Chris sowie Ida und Karl waren deshalb übereingekommen, die jungen Mädchen weiterhin als Idas Zwillinge aus ihrer ersten Ehe mit Ottfried Brandman auszugeben – und so wenig wie möglich darüber zu reden, wie Ida damals zur Witwe geworden war …

KAPITEL 2

»Gehen Sie denn demnächst auch an den Start bei der großen Regatta?«, fragte Cat, als Georgie, ein kleiner, kräftiger Mann mit wirrem rotem Haar, sein flaches Flussboot mit kräftigen Stößen in die Mitte des Waimakariri ruderte. Dort würde die Strömung ihnen helfen voranzukommen.

Der Flussschiffer schüttelte den Kopf. »Nee, Miss Cat. Ich paddle schon genug in der Gegend herum, da muss ich das nicht auch noch sonntags machen«, meinte er gelassen.

»Ein paar von den Schiffern am Avon machen trotzdem mit«, bemerkte Carol.

Einige dieser Männer hatten Oliver und seinen Freund Jeffrey im letzten Jahr mühelos auf den fünften oder sechsten Platz verwiesen.

Georgie zuckte die Schultern. »Klar. Da juckt’s manchen in den Fingern, den jungen ›Gentlemen‹ vom Ruderklub zu zeigen, wie man’s macht. Aber ich steh da drüber. Hab auch keine Lust zu üben. So ’n Zweier oder Vierer oder Achter zu fahren ist nämlich gar nicht so einfach. Grad die Zweier … die sind ganz schön vertrackt. Die Kunst ist, dass man nicht gleichzeitig schlägt, sondern …«

»Ach wirklich?«, fragte Linda zuckersüß, während Carol die Augenbrauen hob. »Also, das ist ja interessant! Darüber müssen Sie uns mehr erzählen!«

In flötendem Tonfall wiederholte sie Carols Schmeicheleien gegenüber Oliver, während Georgie sie verwirrt ansah.

»Wir sollten über etwas anderes reden«, brummte Carol. »Und wenn du mich jetzt fragst, Lindie, wie weit ich mit meiner Handarbeit bin, werfe ich dich über Bord!«

Cat überhörte das freundschaftliche Geplänkel der Halbschwestern. Sie saß entspannt auf einer Bank am Bug des Schiffes und ließ das gras- und schilfbewachsene Ufer des Waimakariri an sich vorüberziehen. Die Landschaft am Fluss wirkte unberührt, obwohl es sich inzwischen durchweg um Farmland handelte. Die Siedler in den Canterbury Plains hatten es jedoch längst aufgegeben, in größerem Stil Ackerbau zu betreiben. Zu weit waren die Lieferwege in die Städte, und zu beharrlich behauptete sich das allgegenwärtige Tussockgras gegenüber dem Getreide. Dafür erwiesen sich die Plains als ideal für die Viehzucht. Vor allem Schafe grasten zu Tausenden in den weiten Ebenen und im Sommer weit oben in den Bergen. Die majestätischen schneebedeckten Gipfel der Südalpen ragten im Hintergrund der Plains auf. In der klaren Luft der Südinsel wirkten sie zum Greifen nah, doch tatsächlich nahm der jährliche Auf- und Abtrieb der Schafe stets mehrere Tage in Anspruch.

Cat dachte daran, dass es bald wieder so weit sein würde, und sie freute sich darauf. Seit Jahren pflegte sie Chris und seine Viehtreiber auf dem Treck in die Berge zu begleiten. Sie liebte es, ihr Lager in der Wildnis aufzuschlagen, die Rufe der Nachtvögel zu hören und in die Sterne zu schauen, während das Lagerfeuer langsam herunterbrannte. Die Männer ließen dann die Whiskeyflaschen kreisen und erzählten von ihren Abenteuern, andere kramten Mundharmonika oder Fiedel aus den Satteltaschen und stimmten mehr oder weniger harmonische Weisen an. Cat erinnerte das an die Nächte im Dorf der Ngati Toa, des Maori-Stammes, bei dem sie ihre Jugend verbracht hatte. Sie meinte, den Gesang der Putorinos und Koauaus zu hören und die sanfte Stimme Te Rongas, die von den Göttern ihres Volkes erzählte. Und sie genoss es, sich an Chris zu schmiegen und sich an seiner Seite geborgen, sicher und zu Hause zu fühlen.

Das Boot kam rasch voran, und Cat und die Mädchen winkten, als es am Haus der Redwoods vorbeitrieb. Mit Laura Redwood war Cat seit Jahren befreundet, doch weder von ihr noch von ihrem Mann oder dessen Brüdern war jetzt etwas zu sehen. Cat wollte jedoch höflich sein, falls jemand am Fenster stand, gut möglich, dass Laura im Haus war. Sie hatte gerade ihr viertes Kind bekommen und würde sich deshalb hoffentlich ein wenig schonen. Gewöhnlich arbeitete sie ebenso eifrig auf der Farm mit wie Cat. Obwohl Laura eine gute Köchin war, zog sie den Umgang mit Schafen und Pferden der Hausarbeit vor. Immerhin gestaltete sie ihr Zuhause gemütlicher als Cat. Sie war sehr stolz auf das Haus aus Stein, das ihr Mann Joseph ihr endlich gebaut hatte, nachdem die Redwoods jahrelang in Holzhäusern gelebt hatten. Nun stapelten sich in ihrem Wohnzimmer selbst gewebte und bestickte Kissen, Zierdeckchen und Teppiche – während Cat sich zwischen zu vielen Möbeln eher unwohl fühlte. Sie bevorzugte die karge, zweckmäßige Einrichtung der Maori-Häuser.

Cat richtete sich ein wenig auf, nachdem das Boot Anwesen und Scherschuppen der Redwoods passiert hatte. Hier irgendwo verlief die Grenze zwischen Redwood und Rata Station. Cat spähte zwischen dem Uferbewuchs aus wildem Flachs und Raupo hindurch nach ihren Schafen aus. Tatsächlich machte sie bald ein paar Muttertiere aus, die im Schatten von Cabbage- und Manuka-Bäumen wiederkäuten. Eins der Tiere scheuerte sich an einem der Felsen, die immer wieder unvermittelt im Grasland aufragten. Cat fand, dass sie der Landschaft Charakter gaben, und sie wusste, dass die Maori darin Götter und Geister vermuteten, die über das Land wachten.

»Was machen die Schafe denn hier?«, erkundigte sie sich jetzt bei Linda und Carol. »Habt ihr die ausgetrieben? Eigentlich sollten sie doch nächste Woche mit ins Hochland.«

Carol zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich sind sie Chris entwischt«, mutmaßte sie. »Das frische Gras lockt. Ich kann morgen rausreiten und sie zurückholen. Fancy wird begeistert sein.«

Die Hündin verstand ihren Namen und gab ein kurzes wie zustimmendes Bellen von sich. Die drei Frauen lachten.

»Wo Sie gerade von ›entwischt‹ reden«, mischte sich Georgie ein und kramte in einer der Taschen, in denen er die Post und die Bestellungen der Siedler gut geschützt gegen Wasserspritzer verwahrte. »Ich hab vorhin noch einen Brief für Sie gefunden. War irgendwie aus dem Stapel rausgerutscht, den ich Ihnen schon gegeben hatte.« Er nestelte einen Umschlag heraus und reichte ihn Cat hinüber. »Tut mir leid. Ich hätte sonst noch mal bei Ihnen angehalten und ihn abgegeben.«

Cat winkte ab. »Kann passieren«, meinte sie gelassen. »Oh, schaut mal, Mädels, der ist von Karl und Ida.«

Linda und Carol wandten ihr interessiert die Köpfe zu. Karl und Ida waren seit einigen Monaten unterwegs. Karl führte Vermessungen ganz im Norden der Nordinsel durch, und Ida und ihre jüngere Tochter Margaret begleiteten ihn dabei. Nun wurden sie allerdings bald zurückerwartet. Cat lächelte, als sie die Zeilen überflog.

»Sie sind schon in Lyttelton!«, erklärte sie fröhlich. »Gestern mit dem Schiff angekommen, direkt aus Wellington. Jetzt wollen sie sich dort noch einen Tag erholen – die Überfahrt war wohl ziemlich unruhig. Ida meint, ihr Pferd sei immer noch seekrank. Dann machen sie sich also heute auf den Weg, und in ein paar Tagen sind sie da! Karl will beim Weideauftrieb helfen. Ida meint, er hätte ein schlechtes Gewissen, weil sich die Reise doch noch so weit ins Frühjahr hineingezogen hat. Und sie hätten aufregende Neuigkeiten.«

Carol kicherte. »Vielleicht hat sich Mara ja verlobt«, mutmaßte sie. Verlobungen waren zurzeit ihr Lieblingsthema.

Linda verdrehte die Augen. »Mara hat nur Augen für Eru!«, erklärte sie. »Und dem würd’s das Herz brechen, wenn sie mit einem pakeha …«

»Mädels, Mara ist erst fünfzehn!«, mahnte Cat. »An Verlobung mit wem auch immer ist da nicht zu denken. Und das mit Eru, lasst das bloß nicht Jane hören! Ihr Goldjunge und ein Nachbarsmädchen … wo er doch aufs College soll.«

»Und dann mindestens eine Maori-Prinzessin heiraten, die die halbe Nordinsel mit in die Ehe bringt.« Linda lachte.

»Nein, besser eine Schafbaronesse!«, widersprach Carol. »Lass mich mal nachdenken … Aristokratische Abstammung ist ein ›Muss‹ …«

»Er ist immerhin ein Häuptlingssohn!«, imitierte Linda blasiert Jane Te Rohi to te Ingarihi, die Gattin des örtlichen Maori-Häuptlings Te Haitara.

Jane war Engländerin – der Maori-Name, den ihr liebender Gatte ihr mithilfe des feixenden Chris Fenroy gegeben hatte, bedeutete Englische Rose. Bevor sie sich in Te Haitara verliebt hatte, war sie mit Chris Fenroy verheiratet gewesen. Eine Vernunftehe, die schließlich eine Stammesälteste der Maori zur allseitigen Erleichterung geschieden hatte.

»… und natürlich ist sie Alleinerbin von mindestens zehntausend Schafen«, fuhr Carol mit der Beschreibung von Janes Traumschwiegertochter fort. »Bildschön und hochintelligent zitiert sie zwischen zwei Küssen Adam Smith …«

Linda kicherte. Der englische Wirtschaftsexperte gehörte zu Janes größten Vorbildern. »Am Abend unterhält sie Eru, indem sie Logarithmentafeln auswendig hersagt …«

»Und statt Herzchen mit Pfeilen ritzen sie Formeln zur Gewinnmaximierung in die Baumrinden …«, fabulierte Carol weiter.

»Hört auf, ihr seid schrecklich!«, tadelte Cat.

Georgie grinste. Janes Geschäftstüchtigkeit war allgemein bekannt. Sie hatte den Maori-Stamm ihres Gatten erst durch einen Handel mit traditionellen Heilmitteln und Glücksbringern, dann mit Schafzucht reich gemacht. Allerdings befand sie sich dabei in ständigem Kampf gegen die Mentalität des Maori-Volkes, seine Spiritualität und Gelassenheit. Mitunter stellte ihre kühle und selbstbewusste Art das Verhältnis ihres Mannes zu seinen Untertanen auf eine harte Probe. Janes Sohn Te Eriatara, von ihr Eric und von allen anderen kurz Eru gerufen, galt allerdings als netter Kerl. Er war ein halbes Jahr jünger als Idas Tochter Mara. Es hatte insofern nahegelegen, die Kinder gemeinsam unterrichten zu lassen. Jane hatte dazu Miss Foggerty engagiert, eine Engländerin mittleren Alters, die sich mit aller Strenge der klassischen Bildung sämtlicher Siedler- und Maori-Kinder der Region widmete. Ihre Schüler hassten sie, und die Tatsache, dass sie ihre Bemühungen besonders auf den Häuptlingssohn und die »Schafbaronesse« konzentrierte, hatte Mara und Eru zusammengeschweißt. Die beiden verband von Kindheit an eine enge Freundschaft. Bevor mehr daraus werden konnte, hatten die Jenschs ihre Tochter mit auf die Nordinsel genommen. Sehr zu Janes Beruhigung. Junge Maori experimentierten früh mit der körperlichen Liebe, und sie hatte sicher andere Pläne mit ihrem Sohn als die Verbindung mit einer Nachbarin, deren Erbansprüche überschaubar waren.

Inzwischen trieb das Boot an den Wirtschaftsgebäuden von Rata Station vorbei, und Cat blickte wohlgefällig auf die stabilen Zäune, die geräumigen Scherschuppen und vor allem die Vielzahl von Schafen, die sich davor und dahinter in Pferchen drängten. Die Schur war in vollem Gange. Die Schererkolonne war einige Tage zuvor eingetroffen. Auf den Planwagen stapelten sich schon Hunderte von Vliesen – eines schöner und wertvoller als das andere. Cat, Chris und Karl hatten die Schafzucht vor Jahren mit drei Herden aus Merino-Romney-Kreuzungen sowie französischen Rambouillets begonnen. Sie waren gleich nach den Deans und Redwoods die Ersten gewesen, die Schafe in die Plains brachten, und ihre Farm gehörte nun zu den führenden Höfen der Südinsel. Zu einem großen Teil war das Cats Verdienst. Längst hatte sie den Traum wahrgemacht, den sie gehegt hatte, als sie sich nach Chris’ Scheidung von Jane endlich einen richtigen Namen gab. Catherine Rata von Rata Station war weit über Christchurch, der Stadt an der Mündung des Avon, hinaus bekannt.

Chris Fenroy – ursprünglich der Begründer der Farm – war nicht so berühmt wie seine Lebensgefährtin, machte sich daraus jedoch nichts. Er liebte seine Arbeit, und er liebte Cat. Linda und Carol waren wie eigene Kinder für ihn. Mit dem dritten Teilhaber von Rata Station, Karl Jensch, verband ihn ebenfalls eine harmonische Beziehung. Chris nahm Karl nicht übel, dass er in den letzten Jahren öfter auf Reisen war als auf der Farm. In der Zeit des Aufbaus hatten Karls Einkünfte als Landvermesser sehr zum raschen Fortkommen der Zucht beigetragen, und inzwischen waren kaum weitere Investitionen nötig. Rata Station florierte. Chris war ein glücklicher Mann.

Cat fand, dass man ihm das ansah. Jedenfalls wirkte er erfreut und ließ sofort alles stehen und liegen, als Georgie das Boot jetzt auf den Anlegesteg zuruderte. Lachend und winkend näherte er sich Cat und den beiden jungen Mädchen. Strähnen seines üppigen braunen Haars lösten sich aus dem Lederband, mit dem er es im Nacken zusammenfasste. Seine warmen braungrünen Augen strahlten. Mühelos legte er Cat die Hände um die Taille und hob sie an Land. Gleich darauf half er Linda und Carol und erwehrte sich lachend Fancys Versuchen, zur Begrüßung an ihm hochzuspringen.

»Da seid ihr ja alle wieder!«, freute er sich. »Ich habe euch vermisst!«

»Uns, oder lediglich Fancy?«, neckte ihn Cat.

Chris streichelte die Hündin. »Na ja, sie schafft schon die meiste Arbeit«, gab er zurück. »Doch sonst bevorzuge ich eindeutig Katzen!« Er griff nach der Hand seiner Frau und küsste sie.

»Wie war’s bei den Butlers?«, erkundigte er sich, nachdem alle sich bei Georgie bedankt, den Flussschiffer entlohnt und wieder auf die Reise geschickt hatten. »Bekommen wir den Widder?«

Cat nickte.

»Und was ist mit der Schwiegermommy?«

Chris wandte sich an Carol. Die zog einen Flunsch.

»Ich glaube, ich genüge nicht ganz ihren Ansprüchen«, murmelte sie. »Ich gebe mir nicht genug Mühe bei den fraulichen Betätigungen, und wer weiß, ob ich meinen ›Repräsentationspflichten‹ je wirklich gerecht werde.«

»Eine echte junge Lady wäre ihr zweifellos lieber als eine Schafbaronesse«, fügte Linda hinzu. »Mit Talent zur Gartengestaltung in ›Anlehnung an unseren Park auf Sowieso-Manor‹.«

Linda traf Deborah Butlers Tonfall so genau, dass Chris und Cat lachen mussten, obwohl es eigentlich ihre Aufgabe gewesen wäre, sie für ihren despektierlichen Ton zu rügen.

»Wenn’s das ist, was die Dame wünscht«, bemerkte Cat stattdessen ebenso spöttisch, »so können wir Carol gern ein paar Ableger mitgeben.« Sie spielte mit der Blüte des ersten Rata-Strauchs, der sich gleich am Anleger breitmachte. »Dann erblüht der Garten bald im Stil der weitläufigen Anlagen auf Rata Station.«

»Und das mit der Aristokratie lässt sich auch machen«, witzelte Chris, dessen Familie einem englischen Adelsgeschlecht entstammte. »Ich brauche Carol nur zu adoptieren. Oder soll ich der guten Deborah lieber einen Vortrag darüber halten, was passieren kann, wenn man vor allem einen Namen heiratet?«

Chris’ Ehe mit Jane Beit war nur aufgrund seiner Abstammung arrangiert worden. Glücklich hatte das niemanden gemacht.

»Ich heirate Oliver!«, stellte Carol jetzt energisch richtig. »Nicht seine Mutter und seine Farm und seinen Namen und was weiß ich nicht alles! Oliver liebt mich, und ich liebe ihn. Er würde mich auch heiraten, wenn ich … wenn ich … Ach, was weiß ich …«

»She was a lass of the low country, and he was a lord of high degree«, intonierte Chris fürchterlich falsch.

Cat blieb still. Sie war sich keineswegs sicher, ob Oliver die Dünkelhaftigkeit seiner Mutter nicht doch ein wenig teilte. Es war zweifellos besser, die Butlers nicht in Carols und Lindas Vorgeschichte einzuweihen – wenngleich Oliver sich immerhin unwissentlich für den ehelich geborenen »Zwilling« entschieden hatte.

Oliver Butler begleitete den Widder seines Vaters tatsächlich nach Rata Station, und Carol ritt ihrem Liebsten bis zu den Redwoods entgegen, als sie durch Georgie von seinem Aufbruch erfuhr. Aus der romantischen Zweisamkeit, die sie sich von dem gemeinsamen Heimritt erhofft hatte, wurde jedoch nichts. Oliver kam nicht allein mit dem Widder, Captain Butler hatte allen Ernstes zwei erfahrene Viehtreiber dazu abgestellt, ihn zu begleiten. Und das jetzt, da auf den Farmen wirklich jede Hand gebraucht wurde! Carol argwöhnte, dass dieses Arrangement auf Deborahs Intervention zurückzuführen war, und Oliver tat ihr leid. Sie selbst hätte sich zu Tode geschämt, hätten Chris und Cat ihr nicht zugetraut, eine so einfache Aufgabe allein zu erledigen. Oliver schien sich daraus jedoch nichts zu machen. Er war sogar ganz froh über die Begleitung der Männer. Wäre er allein gewesen, so erklärte er Carol vergnügt, hätte er schließlich gleich wieder umkehren müssen. Butler hatte den jungen Widder gegen drei Mutterschafe von Rata Station eingetauscht und wollte die Tiere nun schnell vor dem Weideauftrieb in ihre neue Herde eingliedern.

»So bleibe ich zwei Tage bei euch und reite dann gleich runter nach Christchurch. Abschlusstraining für die Regatta. Joe wird sich freuen und mich sicher noch mal ordentlich rannehmen! Beim Rennen sind wir dann unschlagbar!«

Chris Fenroy runzelte die Stirn, als der junge Mann diese Pläne beim gemeinsamen Abendessen allgemein kundtat.

»Kann dein Vater dich denn so lange auf der Farm entbehren?«, fragte er verwundert. »Die Schererkolonnen sind in zwei Tagen bei euch oben. Braucht er da nicht jeden Mann?«

Oliver zuckte die Schultern. »Ach, Daddy sieht das sportlich«, behauptete er. »Ist ja eine Ehre, wenn wir für Butler Station Gold holen! Und wenn ich jetzt in England auf dem College wäre, könnte ich auch nicht helfen.«

Deborah Butler hätte ihren Sohn gern in Oxford oder Cambridge gesehen. Soweit Chris und Cat wussten, war dies der einzige ihrer Wünsche, dem ihr Mann nicht nachgegeben hatte. Oliver sollte in den Plains bleiben und die Leitung der Schaffarm von der Pike auf lernen. Dazu brauchte er keine höhere Bildung.

Es mochte Teil eines Kompromisses zwischen den Eheleuten sein, dass Butler seinen Sohn bereitwillig für das Rudertraining freistellte.

In den nächsten beiden Tagen machte Oliver sich auf Rata Station nützlich – schon deshalb, weil Carol gar nicht daran dachte, die Zeit mit ihm beim Teetrinken oder gemeinsamen Spaziergängen zu verplaudern. Sie erbat seine Begleitung bei der Kontrolle von Zäunen und beim Ein- und Austreiben von Schafen − Betätigungen, während derer sie nicht unter Aufsicht standen. Carol kam endlich zu ihren romantischen Ritten über Land. Sie hielt Olivers Hand, während die Pferde über die weite Ebene schritten, und fühlte sich fast schwindlig, wenn der Wind das kniehoch stehende Tussockgras in wellenförmige Bewegung versetzte. Es war, als ritte man über einen wogenden zartgrünen Ozean, aus dem nur manchmal bizarre Felsformationen wie Inseln aufragten.

Und natürlich fand sich zwischendurch Zeit, die Pferde grasen zu lassen und eine Decke im Schatten eines ausladenden Manuka-Baumes auszubreiten. Carol war keine große Köchin, ihr fehlte auch die Zeit, die ausgefallenen Picknickspezialitäten zuzubereiten, mit denen Deborah Butler ihre Gäste zu verwöhnen pflegte. Etwas kalten Lammbraten und frisches Brot hatte die Küche von Rata Station jedoch hergegeben, und Carol kam sich sehr baroninnenhaft vor, wie sie sagte, als sie obendrein eine Flasche Wein auspackte.

»Cat wird mich umbringen!« Sie kicherte.

Ihre Ziehmutter trank gern Wein, aber es war aufwendig und teuer, ihn aus Christchurch kommen zu lassen. Deshalb gönnte Cat sich das Vergnügen nur selten. Sie würde nicht begeistert sein, wenn nun eine Flasche fehlte.

Oliver wäre es eigentlich egal gewesen, was er aß und trank, solange nur Carol bei ihm war und sich nicht sträubte, wenn er den Arm um sie legte und sie küsste. Abseits der Aufsicht seiner Mutter war sie nicht prüde. Sie erwiderte seine Zärtlichkeiten begeistert und erlaubte ihm sogar, ein paar Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen, ihren Ausschnitt zu küssen. Ihrerseits ließ Carol die Hände unter Olivers Hemd gleiten, streichelte über seine glatte Haut und seinen muskulösen Körper. Schließlich bedeutete sie ihm, das Hemd auszuziehen und betrachtete ihn mit sichtlichem Vergnügen.

»Jetzt weiß ich endlich, warum Männer rudern«, murmelte sie und zeichnete mit dem Finger seine Brustmuskeln und seinen Bizeps nach. »Es macht ganz offensichtlich schön. Du siehst aus wie eine von diesen Marmorstatuen. Du weißt schon, diese griechischen, die im White Hart im Foyer stehen …«

In England war es zurzeit Mode, hochherrschaftliche Häuser mit griechischer oder römischer Kunst der Antike zu schmücken, und der Besitzer des Hotels in Christchurch hatte die Idee aufgegriffen. Seitdem stritt man sich in dem noch ziemlich provinziellen und sehr von der Kirche geprägten Ort darüber, ob die Ausstellung nackter junger Männerkörper als erbaulich oder doch eher als jugendgefährdend zu gelten hatte.

»Michelangelos David …« Oliver lachte und schob Carols Bluse wie zufällig noch ein wenig über die Schulter, um einen Blick auf ihre Brüste werfen zu können. »Meine Mutter hat ihn gesehen, weißt du? Den richtigen, in Florenz. Ach, Europa muss faszinierend sein. Vielleicht hätte ich doch da studieren sollen. Oder wir fahren zusammen hin. Was meinst du, würde dir das gefallen? Natürlich würden wir nur in den besten Hotels absteigen.«

Carol zog die Stirn kraus. »Schafbarone auf Reisen?«, fragte sie. »Es hört sich verlockend an, aber wir wären doch endlos lange unterwegs! So lange kann man eine Farm nicht allein lassen, Oliver. Und nun lass mal die Finger weg.« Sie lächelte. »Schließlich wollen wir uns noch ein paar Überraschungen für die Hochzeitsnacht aufheben, oder?«

Carol und Oliver strahlten, als sie gegen Abend zurück nach Rata Station kamen. Cat musterte Idas Tochter aufmerksam, Linda sah ihre Schwester argwöhnisch an. Zu einem Tadel gab es jedoch keinen Anlass. Carol hatte die Zäune wie beauftragt kontrolliert, und Fancy trieb vergnügt fünf verloren gegangene Schafe vor sich her, die Carol aufgelesen hatte. Was Oliver und die Versuchungen der körperlichen Liebe anging, so vertraute Cat den beiden Mädchen. Sie wussten recht genau, was sich im Bett zwischen Mann und Frau abspielte. Schließlich waren sie in enger Nachbarschaft mit dem örtlichen Maori-Stamm groß geworden, und die meisten ihrer Freundinnen hatten schon einschlägige Erfahrungen mit gleichaltrigen jungen Männern gemacht. Die Maori teilten die Prüderie der Europäer nicht. Sie erlaubten ihren Jugendlichen, sich auszuprobieren, bevor sie sich endgültig für einen Partner entschieden. Einige Jungen hatten auch Linda und Carol schon Avancen gemacht, und ihnen waren im Schutz des Raupo-Dickichts ein paar verstohlene Berührungen erlaubt worden. Zu mehr war es allerdings nicht gekommen. Die Mädchen hörten auf Cat, die ihnen eindringlich davon abriet, zu weit zu gehen.

»Es würde sich bei den pakeha herumsprechen. Glaubt’s mir, da braucht bloß einer vor den Viehtreibern ein bisschen zu prahlen, und schon ist es aus mit eurem guten Ruf.«

Cat hatte da selbst einschlägige Erfahrungen gemacht. Nachdem sie etliche Jahre bei den Maori gelebt hatte, hatten die braven Bürger der Stadt Nelson, in der sie anschließend arbeitete, sich wilde Geschichten zusammengereimt. Schließlich hatte sie aus der Stadt fliehen müssen.

Linda und Carol waren natürlich nicht gefährdet, sondern genossen den Schutz der Familie auf Rata Station. Für Cat schien es jedoch absehbar, dass sie ihre künftigen Ehepartner eher unter den pakeha suchen würden als bei den Ngai Tahu. Keine von ihnen hatte je ernste Anzeichen von Verliebtheit einem jungen Maori gegenüber gezeigt. Es war also besser, die Bräuche der Weißen zu achten.

Carol versagte sich denn auch den Ausritt in die Vollmondnacht, zu dem Oliver sie am Abend noch zu überreden versuchte. Sie schwärmte davon, ihren Gatten im nächsten Jahr auf dem Viehtrieb in die Berge begleiten zu können, wie Cat es bei Chris tat.

»Dann lieben wir uns unter den Sternen«, flüsterte sie, nachdem sie sich im Licht des Mondes doch noch in halbwegs schicklicher Entfernung zu Cats und Chris’ einfachem, nach Maori-Art gebautem Holzhaus geküsst hatten. Wie in Deborah Butlers Garten fiel auch ihr Grundstück zum Fluss ab. Der Waimakariri wand sich im Mondlicht wie flüssiges Silber durch die weite Landschaft der Plains. Die exotische Silhouette eines Cabbage-Baumes zauberte seltsame Schatten auf die Uferböschung. Es war wunderschön, auch wenn es sicher nichts mit England gemein hatte. »Es wird traumhaft werden, Oliver. Viel, viel schöner als … als Florenz …«

Oliver nickte, wenngleich wenig überzeugt. Er wollte Carol und sehnte sich danach, ihren Körper zu erkunden. Im Mond- oder Sonnenlicht, unter den Sternen oder unter dem Baldachin der schweren englischen Betten, mit denen seine Mutter das Herrenhaus von Butler Station ausgestattet hatte. Wenn er ehrlich war, zog er eine bequeme Schlafstatt einem Zelt in den Plains sogar vor. Doch das gestand er Carol besser nicht. Sie würde schon vernünftig werden, wenn sie erst verheiratet waren. Und letztlich liebte sie das Abenteuer. Wenn es ihm und seiner Mutter gelang, seinem Vater die Erlaubnis zu einer Europareise als Hochzeitsgeschenk abzuringen, würde sie sich nicht dagegen sträuben.

Jetzt küsste er sie noch einmal. Er presste sie gegen den Stamm eines Baumes und drängte seinen Körper an ihren. Vielleicht gab sie ja doch nach und ließ ihn immerhin noch einmal ihr Mieder öffnen. Während Oliver nach den Knöpfen tastete, durchbrachen Stimmen und Hufschläge das Dunkel der beginnenden Nacht.

Carol machte sich sofort von ihm los. »Da kommen Pferde!«, rief sie. »Und ich glaube …«

Ohne den Satz zu beenden, lief sie den Uferweg entlang auf die drei Reiter zu, die sich eben näherten.

»Mamida! Kapa!«

Oliver folgte seiner Verlobten langsam. Mamida, das wusste er, war Carols und Lindas Name für ihre Mutter Ida – um sie von ihrer zweiten Mutter Cat, Mamaca, zu unterscheiden. Es war sicher nicht schicklich, das Wiedersehen zu stören, auch wenn Carol sich nach den Maßstäben seiner eigenen strengen Mutter nicht damenhaft verhielt, als sie jetzt jubelnd ihre Mutter in die Arme schloss. Ebenso ungeniert stürzte sie sich in die Umarmung von Karl Jensch, der definitiv nicht ihr leiblicher Vater war. Verwandtschaftliche Beziehungen sah man allgemein zu locker auf Rata Station. Allein wie die Mädchen ihre Eltern anredeten! Mamida, Mamaca und Kapa für Idas zweiten Mann … Das klang einfach zu exotisch – und kindisch. Oliver war schon als Zehnjähriger angehalten worden, Mommy und Daddy fürderhin Vater und Mutter zu nennen.

»Was machst du denn hier allein im Dunkeln?«, erkundigte sich Ida. Sie war eine schlanke Frau, die jetzt, gegen die Abendkühle, in einen unförmigen Reitmantel gehüllt war. »Oh … wohl doch nicht allein!«

Idas Stimme wurde bei Olivers Anblick strenger. Auf Rata Station ging es weitaus freizügiger zu als bei den Butlers, aber Oliver wusste, dass Ida einer sehr strenggläubigen deutschen Familie entstammte. Ihre Tochter allein mit einem Mann an einem vom Mondschein verzauberten Flussufer anzutreffen, musste sie zumindest verdächtig finden.

Oliver verbeugte sich formvollendet. »Mrs. Jensch, Mr. Jensch … Bitte seien Sie versichert, dass ich Ihrer Tochter in keiner Weise zu nahe getreten bin.«

»Nein?«, fragte Karl Jensch lächelnd.

Er war ein großer, sehr schlanker, aber dennoch kräftiger Mann mit lockigem blondem Haar, das er genau wie sein Freund Chris Fenroy länger trug als allgemein üblich. Es schaute ungebändigt unter seinem breitkrempigen Hut hervor und gab ihm ein verwegenes Aussehen.

»Dann muss etwas mit Ihnen nicht stimmen, junger Mann. Ein so hübsches Mädchen wie Carol, dazu das Mondlicht – und Sie sind obendrein seit ein paar Monaten miteinander verlobt, nicht wahr? Also, was haben Sie hier draußen gemacht, ohne ihr zu nahe zu treten? Schäfchen gezählt?«

Oliver wand sich unter Karls spöttischem Blick. Doch dann bekam er Hilfe. Carol drängte sich lachend an ihn.

»Er ist mir natürlich zu nahe getreten, Kapa!«, erklärte sie. »Aber nicht viel zu nahe … es war … gerade richtig.«

Oliver erahnte ihr Lächeln. Ida und Karl erwiderten es.

»Können wir jetzt mal richtig ankommen?« Die helle, singende Stimme kam von oben. Der dritte Reiter, oder besser die Reiterin, war noch nicht abgestiegen. »Also im Sinne von auf den Hof reiten, absteigen, Satteltaschen abnehmen, Pferde in den Stall bringen und ins Haus gehen? Ich sterbe vor Hunger.«

»Mara! Mensch, bist du gewachsen!« Carol begrüßte das Mädchen auf dem Schimmel genauso überschwänglich wie eben ihre Eltern. »Du kennst meine Schwester, stimmt’s, Oliver?«

Oliver schaute zu Margaret Jensch auf – und musste erst einmal Atem holen. Natürlich kannte er die kleine Mara, und sie war immer ein hübsches Ding gewesen. Aber jetzt … Das Foyer des White Hart Hotel beherbergte auch weibliche Götterstatuen. Doch keine von ihnen wurde im Entferntesten der Schönheit des Mädchens gerecht, das da im Mondlicht wie eine Erscheinung auf dem Pferd saß. Einem weißen Pferd obendrein, der Anblick ließ Oliver an Feen denken.

»Ich … ich bin entzückt …«, bemerkte er und konnte den Blick nicht von Maras zartem Gesicht mit den madonnenhaft edlen Zügen, ihrem langen schwarzen Haar und den riesigen Augen unter den dichten dunklen Brauen wenden.

Karl sah Oliver an und verdrehte die Augen. Anscheinend war er daran gewöhnt, wie Männer neuerdings auf seine Tochter reagierten.

»Dann nimm mir doch gleich mal das Pferd ab«, forderte Mara gelassen.

Ida und Karl führten ihre Pferde zu den Ställen, und dann regte sich auch etwas in Chris’ und Cats Haus. Gleich würden die Fenroys und Linda herauskommen, um Ida und ihre Familie zu begrüßen. Mara stieg ab und übergab Oliver ihre Zügel wie einem Stallburschen. Sie war nicht sehr groß, doch sie hielt sich aufrecht und lächelte selbstbewusst. Das Mädchen schien seine Wirkung auf Männer bereits zu kennen … und zu nutzen.

KAPITEL 3

Die Begrüßung der Bewohner und Teilhaber von Rata Station verlief so fröhlich und lärmend, dass es Oliver fast unangenehm war. Seine Mutter hätte über all die Umarmungen und Küsse, das Gelächter und die Neckereien sicher die Nase gerümpft. Ladys und Gentlemen verhielten sich distinguierter. Umso angenehmer empfand er es, dass sich Mara sichtlich zurückhielt. Das Mädchen stand ein wenig abseits. Es wehrte die Umarmungen seiner Schwestern und Zieheltern zwar nicht ab, schien sich aber eher weit weg zu wünschen. Oliver bot Mara an, ihre Satteltasche zu tragen, als schließlich alle ins Haus gingen. Sie lehnte jedoch ab.

»Die kann draußen bleiben, wir schlafen ja im Steinhaus.«

Noch etwas, das Oliver bei den Bewohnern von Rata Station befremdlich fand. Es gab zwei Häuser auf der Farm, wovon eines fast den Vorstellungen Deborah Butlers von einer angemessenen Residenz für einen Schafbaron entsprach. Zumindest bestand es aus Stein, dem ortsüblichen grauen Sandstein. Es war zweistöckig, und der Hügel, auf dem es lag, bot eine schöne Aussicht auf den Fluss, die Hausweiden und den Garten − würde es denn einen nennenswerten geben. Auf Rata Station nahm sich niemand Zeit für Ziergewächse. Es gab nur ein paar Beete für Nutz- und Heilpflanzen. Chris Fenroy hatte das Haus nach der Gründung der Farm für seine Frau Jane bauen lassen und mit ihr darin gewohnt. Als Jane ihn dann verlassen hatte, um bei den Maori zu leben – ein Umstand, der bei Deborah Butler regelrechte Ohnmachtsanfälle verursacht hatte –, waren Chris und Cat in das viel kleinere Holzhaus am Fluss gezogen. Das eigentliche Herrenhaus hatten sie Ida und Karl überlassen, auch Carol und Linda hatten dort ihre Zimmer. Insofern wäre es für Oliver einfach gewesen, sich nachts in die Räume seiner Verlobten zu schleichen, hätte die es denn gewollt. Der junge Mann fühlte einen kurzen Stich des Bedauerns, wandte sich dann aber wieder Mara zu.

»Ich trage dir die Sachen später gern hinüber«, erklärte er.

Inzwischen betraten alle Cats und Chris’ durch Gaslampen erleuchtetes Haus und nahmen auf den wenigen Sesseln, Stühlen und Sofas, die sich darin fanden, Platz. Da die Sitzgelegenheiten nicht für alle reichten, ließ sich Mara ganz selbstverständlich auf einem der bunten, selbst gewebten Teppiche nieder. Carol und Linda halfen Cat, rasch ein Essen für die Rückkehrer zu improvisieren. Oliver nahm Mara gegenüber Platz und konnte das Mädchen jetzt im Licht sehen – was ihren Zauber noch vergrößerte. Mara Jensch glich ihrer Mutter Ida mehr als Carol. Sie war dunkelhaarig und ihr Haaransatz spitz, was ihr Gesicht wie Idas herzförmig wirken ließ. Nur Maras Wangenknochen wirkten klarer ausgeprägt. Hier spiegelte sich die Hagerkeit des Gesichts ihres Vaters. Maras Züge machte das exotisch oder fast elfenhaft ätherisch, wären da nicht die sehr kräftigen, schön geschwungenen Brauen und die sehr langen dunklen Wimpern gewesen. Sie betonten Augen von betörendem Blaugrün – wie das Meer, wenn die Sonne es nicht gleißend beleuchtete, sondern Wolkenschatten darauf warf. Das Mädchen hatte kirschrote, fein geschwungene Lippen, nicht so sinnlich wie Carols und Lindas, doch gerade dadurch so anziehend.

Oliver fühlte sich fast in seiner Anbetung gestört, als Carol sich jetzt ein Kissen nahm und sich zu seinen Füßen niederließ. Sie schmiegte vorsichtig den Kopf gegen seine Knie, was seine Aufmerksamkeit dann doch von Mara abzog. Entschlossen wandte er den Blick von dem zwar bildschönen, für ihn jedoch viel zu jungen Mädchen ab und spielte unauffällig mit Carols blondem Haar. Cat und Chris sowie Ida und Karl schienen das nicht zu bemerken. Zumindest taten sie so. Linda lächelte ob der Kühnheit der Verliebten in sich hinein.

Mara schien Oliver und ihre Schwestern ebenso wenig wahrzunehmen wie den Rest der Familie. Sie hatte zurzeit nur Augen für den Teller mit den Sandwiches, den Linda eben auf den Boden stellte. Das Gebot, eine Lady solle in Gesellschaft nur essen wie ein Spatz, hatte sie offenbar nie gehört. Mara griff ungeniert zu, kaute mit gesundem Appetit und trank dazu drei Gläser kalten Tee. Für die Erwachsenen hatte Cat eine Flasche Wein hervorgeholt, nicht ohne ihre Vorräte zu inspizieren. Nun warf sie Carol einen bösen Blick zu.

»Wir sprechen uns noch, junge Dame!«, raunte sie, schien den stibitzten Wein jedoch umgehend zu vergessen, als Ida verheißungsvoll lächelnd ihre Satteltaschen öffnete.

Ida selbst trank fast nie Alkohol – in ihrer Heimatgemeinde war jegliches Trinken verpönt gewesen –, doch sie kannte Cats Schwäche für einen guten Tropfen. Vergnügt förderte sie zwei Flaschen Wein zutage und nahm ohne Widerspruch ein Glas entgegen, als Karl ihnen einschenkte.

»Lasst uns den hier trinken, im White Hart sagten sie, der sei besonders gut!«, erklärte er. »Eigentlich wollten wir eine Flasche Champagner mitbringen, aber ich fürchte, der hätte das Gerüttel in den Satteltaschen nicht vertragen.« Karl hob sein Glas, sah in die Runde und ließ den Blick verliebt auf Ida ruhen. »Auf Korora Manor!«, sagte er dann.

Ida lächelte zurück. »Auf Korora Manor!«, wiederholte sie.

»Auf was?«, erkundigte sich Cat. »Vielleicht erklärt ihr erst mal, worauf wir da trinken. Hat das mit den Neuigkeiten zu tun, von denen du geschrieben hast, Ida?«

Ida nickte. »Du solltest doch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen!«, rügte sie dann ihren Mann. »Ich dachte … ich dachte, wir reden mal in einer ruhigen Minute darüber. Wir wissen gar nicht, was Cat und Chris darüber denken, und dann …«

Karl zuckte die Schultern. »Ach was, Ida, das ist doch kein Drama. Cat und Chris werden sich für uns freuen, sie …«

»Worüber sollen wir uns freuen?«, fragte Chris und nahm schon mal einen Schluck Wein.

Ida und Karl sahen sich an, als wollten sie sich die Verantwortung für das Preisgeben ihrer Neuigkeiten gegenseitig zuschieben.

Mara seufzte herausfordernd. »Mamida und Kapa haben ein Haus gekauft«, verkündete sie ganz unbekümmert.

»Mara!«, rief Ida vorwurfsvoll.

Mara hob die Hände. »Mamida, wenn wir warten, bis ihr damit rauskommt, komme ich heute nicht mehr ins Bett, und ich schlafe jetzt schon fast ein. Also erzähl endlich von deinem Traumhaus in Whangarei und vom Strand und vom Garten und allem, was dich daran so glücklich macht.« Sie gähnte demonstrativ. »Kapa und Mamida ziehen nämlich weg«, wandte sie sich dann wieder an Cat, Chris und die »Zwillinge«. »Aber ich bleibe hier. Ich gehe nicht auf die Nordinsel. Das ist versprochen, Mamida, ja?«

Ida seufzte. »Ja, wir haben tatsächlich ein Haus gekauft. Aber ob du hierbleiben kannst, Mara, darüber müssen wir erst mal in Ruhe mit Cat und Chris sprechen«, sagte sie streng.

Cat schenkte ihrer Freundin, die sich an diesem Abend ganz offensichtlich mit ihrer Tochter gestraft fühlte, ein verständnisvolles Lächeln. Mara war in einem schwierigen Alter. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sehr ihr Carol und Linda in dieser Zeit auf die Nerven gegangen waren. Aber dieser Konflikt war nun wirklich leicht zu lösen.

»Was sollten wir denn dagegen haben, dass Mara bleibt?«, fragte sie freundlich. »Hier ist doch ihr Zuhause!«

Karl biss sich auf die Lippen. »Ich hoffe, das seht ihr auch noch so, wenn … Also darüber sollten wir nun wirklich mal unter acht Augen reden, Cat und Chris.«

Cat und Chris sahen sich an. Sie konnten sich denken, worum es ging: Wenn dieses Haus in Whangarei tatsächlich Idas Träumen entsprach, dann war es nicht billig. Also würde Karl Geld brauchen, und der Großteil seines Vermögens steckte in der Farm.

Cat straffte sich. »Was auch immer ihr da plant«, sagte sie warmherzig und griff nach Idas Hand, »Mara betrifft es nicht, ebenso wenig Carol und Linda. Die Kinder gehören alle hierher. Und nun erzähl, Ida! Ihr wollt uns wirklich verlassen? Für ein Strandhaus auf der Nordinsel? Die Gegend um Whangarei ist doch die äußerste Nordspitze von Aotearoa, oder?«

Cat verwandte das Wort der Maori für Neuseeland, wie sie stets die ursprünglichen Bezeichnungen für die Flüsse, Berge und Siedlungen des Landes bevorzugte. Sie empfand es als respektlos gegenüber den Maori, dass die Engländer einfach alles umgetauft hatten.

Karl schüttelte den Kopf, offensichtlich froh, ein weniger heikles Thema behandeln zu können. »Nein, da liegt noch ein ganzes Stück zwischen Whangarei und Cape Reinga.« Cape Reinga war der nördlichste Ort Neuseelands und Cat aus den Legenden der Maori wohlbekannt. Der Sage nach nahmen die Seelen der Verstorbenen ihn als Ausgangspunkt für ihre Reise ins Paradies, nach Hawaiki. »Aber in Northland liegt es tatsächlich. An der Ostküste. Unser Haus steht in Russell – du wirst es als Kororareka kennen, Cat.«

Cat nickte. Kororareka gehörte zu den ersten Siedlungen der pakeha in Neuseeland, hatte allerdings lange nicht den besten Ruf besessen. Ursprünglich war der Ort Auffangbecken für Seeleute, Walfänger und entlaufene Sträflinge gewesen und dann auch noch Zentrum von Maori-Aufständen. Inzwischen war Russell – benannt nach Premierminister Lord John Russell – längst befriedet und ein hübsches Städtchen inmitten der atemberaubend schönen Landschaft der Bay of Islands.

»Es ist traumhaft!«, mischte sich jetzt Ida ein, während ihre jüngste Tochter schon wieder gähnte. »Ein Cottage oberhalb einer kleinen Bucht. Mit Ausblick aufs Meer und einen kleinen Sandstrand.« Idas klare porzellanblaue Augen leuchteten. »Der Sonnenuntergang über dem Meer ist … er ist …«

Karl lächelte. »Fast so schön wie in Bahia«, vervollständigte er den Satz seiner Frau.

Sowohl Karl als auch Ida waren mit der Brigg Sankt Pauli nach Neuseeland gekommen, und Ida hatte sich bei einem Zwischenaufenthalt in Brasilien rettungslos in das Klima und den Strand von Bahia verliebt. Karl hatte ihr damals vorgeschlagen, einfach dort zu bleiben, doch als gehorsame Tochter und brave Verlobte ihres ersten Mannes hatte sie das nicht über sich gebracht. In Neuseeland verschlug sie das Schicksal dann in das regenreiche Klima der Südinsel, und Ida träumte stets von Sonne und Stränden, bis Karl sie auf seine beruflich bedingten Reisen zur Nordinsel mitnahm. Das in Northland herrschende subtropische Klima mit warmen Sommern und milden Wintern behagte ihr – und nun war wohl der Entschluss gefallen, dort endgültig sesshaft zu werden.

»Es ist ein Natursteinhaus. Solche Häuser baut man in Irland, heißt es. Der Verkäufer ist auch Ire, ein katholischer Priester. Er gehörte zu den ersten Missionaren in Northland, dann war er in Russell tätig. Jetzt ist er alt, und es zieht ihn nach Hause, sagt er, in die alte Heimat. Er möchte in Galway sterben.«

»Ob er sich an das Wetter da noch richtig erinnert?«, fragte Chris zweifelnd.

Er selbst war in Australien geboren und im Alter von zehn Jahren mit seinen Eltern nach Neuseeland gekommen, wo er eine Zeit lang als Übersetzer für den Gouverneur gearbeitet und oft mit Iren zu tun gehabt hatte. Somit wusste er vom Klima auf deren Insel.

Karl zuckte die Schultern. »Er ist ziemlich verbittert. Die Maori-Mission ist nicht so verlaufen, wie er es gehofft hat. Die pakeha verhalten sich auch nicht gerade wie gute Christen … Jedenfalls will er zurück nach Europa. Er war ganz glücklich, das Haus verkaufen zu können. Und es ist wunderbar gepflegt.«

»Der Garten ist fantastisch!«, übernahm wieder Ida. »Father O’Toole hatte Gemüsebeete, einen Kräutergarten und viele Blumen. Natürlich werde ich einiges umgestalten …«

»Aber es ist zumindest keine harte Arbeit mehr zu leisten«, bemerkte Karl. »Ida muss sich nicht überanstrengen, auch nicht bei der Hausarbeit. Das Cottage ist von der Größe her gerade richtig für uns. Ein Salon, eine große Küche, zwei Schlafzimmer und ein Gästezimmer – also genug Platz, selbst wenn ihr es mal schaffen solltet, alle gemeinsam zu Besuch zu kommen.« Er lächelte einladend, obwohl es äußerst selten vorkam, dass alle Mitglieder einer Farmerfamilie ihren Hof gleichzeitig verließen. »Es gibt sogar einen Schuppen, den man leicht in einen Schafstall und eine Käserei umgestalten kann.«

»Du willst wieder Käse machen?« Cat wandte sich an Ida. »Wir waren doch übereingekommen, dass es sich nicht lohnt.«

Ida hatte ursprünglich auf Rata Station eine Käserei betrieben. Erst als abzusehen war, dass die Zukunft der Schafzucht in den Plains eher auf Wollgewinnung hinauslief, hatten die Frauen sie geschlossen.

Ida lächelte glücklich. »Mir hat die Käserei immer Spaß gemacht«, erklärte sie schlicht. »Mehr als alles andere. Es wird natürlich kein großer Betrieb. Ich dachte so an maximal fünfzehn bis zwanzig Schafe, mit denen ich allein zurechtkomme. Und der Vertrieb wird kein Problem sein, das Haus liegt ja nah der Stadt. Ich kann die dortigen Krämer beliefern oder meinen Käse selbst auf dem Wochenmarkt verkaufen. Das wird schön!«

Oliver runzelte die Stirn, als er Ida strahlen sah. Die Mutter seiner Verlobten als Käseherstellerin und … Marktfrau? Er konnte sich sehr gut vorstellen, was seine eigene Mutter dazu sagen würde.

Cat dagegen freute sich mit ihrer Freundin. Sie wusste, dass Ida sich auf Rata Station überflüssig gefühlt hatte, nachdem die Milchschafe abgeschafft worden waren. Aber ihre Farm lag einfach zu weit außerhalb, um mit der Produktion von Lebensmitteln wirklich Gewinn zu machen. Chris hatte das schmerzlich erfahren müssen, als er in den ersten Jahren versucht hatte, sich mit Getreideanbau über Wasser zu halten. Erst die Schafe machten Rata Station lukrativ.

»Aber ihr kommt doch zu meiner Hochzeit?«, fragte Carol. Ein bisschen überrascht und gekränkt war sie schon, dass ihre Mutter so plötzlich und ohne es vorher mit ihr zu besprechen ans andere Ende des Landes ziehen wollte. Auch wenn sie Idas und Karls Abwesenheit natürlich gewöhnt war.

Ida nickte. »Natürlich!«, erklärte sie. »Die würden wir um nichts in der Welt verpassen wollen! Und wie gesagt, wir haben reichlich Platz. Für dich, für Linda, für Mara sowieso. Seht es mal so, ihr habt von jetzt an ein Zuhause mehr. Ihr seid auf Korora Manor jederzeit willkommen.«

»Na, dann trinken wir doch auf Ida und Karl, ihr neues Haus und ihr neues Geschäft!«, sagte Chris fröhlich und füllte noch einmal die Weingläser.

Mara gähnte erneut. »Habt ihr was dagegen, wenn ich ins Bett gehe?«, fragte sie dann. »Wir sind den ganzen Tag geritten. Ich bin hundemüde.«

»Wir eigentlich auch«, meinte Linda und warf Carol einen auffordernden Blick zu.

Oliver war dazu übergegangen, sich vom sanften Tätscheln ihres Haars zum Hals seiner Verlobten hinunterzuarbeiten. Seine Finger hatten sich in einem von den Erwachsenen unbeobachteten Moment sogar erneut in den Ausschnitt ihrer Bluse gewagt. Die Erregung hatte Carol bereits die Röte ins Gesicht getrieben. Irgendwann mussten Cat oder Chris, Ida oder Karl darauf aufmerksam werden. Mara sah ihre Schwester jetzt schon feixend an. Oliver trieb es zu weit. Linda empfand es als sicherer, die Sache für diesen Abend zu beenden.

Ida und Cat nickten.

»Geht ruhig schon rüber«, meinte Cat. »Dein Bett ist frisch bezogen, Mara. Und euer Zimmer ist natürlich auch bereit, Ida.« Sie lächelte und warf Chris einen zärtlichen Blick zu. »Also nicht, dass Chris das Haus viel benutzt hätte …«

Eigentlich bestand die Vereinbarung zwischen Cat und Chris darin, getrennt zu wohnen und einander nur häufig zu »besuchen«. Chris besaß deshalb Räumlichkeiten im Haupthaus, schlief aber seit Jahren bei Cat.

Oliver stand höflich auf, als die Mädchen sich erhoben. Deutlich bedauernd, allerdings sehr förmlich wünschte er seiner Verlobten und ihren Schwestern eine Gute Nacht.

»Ich dachte, du wolltest meine Sachen noch rüberbringen«, bemerkte Mara.

Sie ließ ihren Blick vielsagend zwischen Oliver und Carol hin und her wandern, ihre Augen blitzten verschwörerisch und alles andere als müde. Mara baute den beiden eine Brücke zu weiterem verstohlenem Zusammensein.

Karl durchschaute sie allerdings sofort und schüttelte den Kopf. »Den jungen Mann wollen wir besser nicht in Versuchung führen«, erklärte er gelassen. »Nichts für ungut, Mr. Butler, aber ich schicke Sie nicht mit drei Mädchen in ein leeres Haus.« Sein spöttisches Lächeln nahm den Worten die Schärfe. »Ich bringe dir die Sachen rüber, Mara«, beschied er seine Tochter.

Alle lachten über Karls Intervention, doch Oliver fühlte sich gemaßregelt. Er brachte seine erneuten Gute-Nacht-Wünsche kaum hörbar vor, hatte er doch im Stillen gehofft, jetzt, nach der Rückkehr der Jenschs, noch ein komfortables Gästezimmer im Haupthaus zugewiesen zu bekommen. Bisher schlief er in einer Art Holzverschlag neben Cats Haus auf einer Maori-Schlafmatte. Der Raum war kaum mehr als eine Abstellkammer und als Gästezimmer eigentlich unannehmbar. Dabei wusste Oliver, dass es ordentlich eingerichtete Räume in Fenroys Haus gab, die sogar halbwegs den Ansprüchen seiner Mutter genügten. Die Butlers pflegten auf dem Weg zur Schafzüchterversammlung in Christchurch auf Rata Station zu übernachten. Oliver ohne elterliche Aufsicht im gleichen Haus mit seiner Verlobten unterzubringen kam jedoch selbst für die liberale Cat nicht infrage. Oliver entschuldigte sich schließlich mit knappen Worten und zog sich in seine unbequeme Unterkunft zurück. Seine Gastgeber bemerkten nichts von seiner Verstimmung, sie wünschten ihm nur beiläufig eine gute Nacht. Cat und Ida hatten viel zu besprechen, Carols Verlobter hätte da nur gestört. Und Chris Fenroy zwinkerte Karl Jensch verschwörerisch zu, als der hinausging.

»Wenn du die Mädchen rübergebracht hast, komm doch noch im Stall vorbei. Nach den Pferden schauen …«

Karl nickte und erwiderte das Zwinkern. Oliver vermerkte auch das mit Befremden. Sein Vater pflegte sich im Laufe eines geselligen Abends mit Freunden und Geschäftspartnern ebenfalls mit den Männern zurückzuziehen, Whiskey und Zigarren anzubieten und die plaudernden Damen sich selbst zu überlassen. Aber dafür gab es doch Herrenzimmer! Chris und Karl schienen sich dagegen im Stall treffen zu wollen, um da womöglich die Flasche kreisen zu lassen wie die Viehtreiber. Vielleicht hatte seine Mutter doch recht: Chris Fenroy mochte von Adel sein und Cat und die anderen waren sicher Schafbarone und
-baroninnen. Die Familie seiner Verlobten wurde diesem Stand aber nur ungenügend gerecht. Es war nur gut, wenn Carol bald unter die Fittiche seiner Mutter kam.

Oliver musste sich sehr darauf konzentrieren, an Carols leidenschaftliche Küsse, die weiche Fülle ihrer Brust unter seinen streichelnden Händen und den zarten, blumigen Geruch ihres Haars zu denken, um seinen Unmut zu überwinden. Und obendrein hatte er gegen das Bild ihrer impertinenten und dennoch unglaublich sinnlichen kleinen Schwester anzukämpfen, das sich immer wieder in seine Gedanken schlich …

KAPITEL 4

Chris Fenroy erwartete Karl Jensch tatsächlich mit einer Whiskeyflasche im Stall – und Karl grinste ihn vielsagend an, während er seinerseits einen guten Tropfen aus der Satteltasche zog.

»Hier, Single Malt, zur Feier des Tages. Im Gegensatz zum Champagner macht dem das Schütteln nichts aus.«

Chris lachte, ließ seine Flasche zu und entkorkte bereitwillig das edle Getränk.

»Kannst du dir das nach dem Hauskauf noch leisten?«, neckte er den Freund.

Karl seufzte. »Über die Finanzierung wollte ich eigentlich mit dir reden«, bemerkte er. »Und mit Cat.«

Chris nickte. »Willst du Rata Station beleihen?«, erkundigte er sich sachlich.

Karl rieb sich die Schläfe. »Nicht wirklich«, meinte er. »Wir dachten eher daran … Chris, es fällt mir ein bisschen schwer, es zu sagen, du weißt, ich liebe Rata Station, wir haben es zusammen aufgebaut. Aber diese Entscheidung, auf die Nordinsel umzuziehen – sie ist endgültig.«

Chris zog die Augenbrauen hoch. »Es ist dir also wirklich ernst? Du willst dich in Zukunft darauf beschränken, für Ida zwanzig Schafe zu melken? Oder willst du weiter als Landvermesser herumreisen? Zu tun hättest du da sicher noch auf Jahre hinaus, doch Ida würde es nicht gefallen, allein in Russell zu sitzen.«

Karl nahm einen tiefen Schluck aus der Whiskeyflasche. Es hatte Tradition, dass die Männer keine Gläser mit in den Stall nahmen. Schließlich lagen die Ursprünge dieser verstohlenen Treffen im Pferdestall in Chris’ panischer Angst vor den beißenden Bemerkungen seiner Frau Jane. Bevor sie ihn verlassen hatte, war er fast jede Nacht vor ihr geflohen.

»Weder noch«, sagte Karl schließlich. »Oder eher beides. Natürlich werde ich Ida zur Hand gehen. Besonders, solange die Käserei noch im Aufbau ist. Danach werde ich gelegentlich unterwegs sein, wenn auch nicht monatelang als Landvermesser. Das habe ich jetzt schon kaum noch gemacht. Meine letzten Jobs waren mehr … hm … Beratertätigkeiten. Auf der Nordinsel brodelt es, Chris. Zwischen den pakeha und den Maori.«

»Ich dachte, Taranaki wäre befriedet«, wunderte sich Chris.

In der Region Taranaki war es zwei Jahre zuvor zu einem regelrechten Krieg zwischen Maori und Engländern gekommen – Auslöser waren Unstimmigkeiten über einen Landverkauf bei Waitara gewesen. Auf beiden Seiten war die Erregung hochgekocht, und nach Meinung vieler besonnener Neuseeländer hatten es die Engländer mit der Entsendung von dreitausendfünfhundert Soldaten aus Australien gegen rund tausendfünfhundert weit schlechter bewaffnete Maori-Krieger erheblich übertrieben. Dennoch hatten sich die Verluste etwa die Waage gehalten, und letztlich waren beide Seiten zu dem Ergebnis gekommen, dass der Krieg für niemanden wirklich zu gewinnen war. Besonders für die pakeha überwogen die wirtschaftlichen Schäden den Nutzen der Streitigkeiten. Es hatte also Kompromisse gegeben, und die Kämpfe waren zum Erliegen gekommen. Für immer?

»Vorerst«, beantwortete Karl Chris’ unausgesprochene Frage. »Tatsächlich gibt es immer wieder Differenzen in Bezug auf Landnahme, Landverkauf und allem, was damit zusammenhängt. Die Regierung konfisziert nach wie vor Ländereien als ›Strafe‹ für die Aufstände in den letzten Jahren. Wobei sich der Eindruck aufdrängt, die Besitzer der besten Ländereien hätten am meisten rebelliert – wenn du verstehst, was ich meine. Und jetzt zieht auch noch so ein Prediger umher und ermuntert die Maori, die pakeha aus dem Land zu werfen. Der Krieg kann jederzeit wieder aufflackern, sosehr die Regierung versucht, das zu vermeiden. Insofern besteht ein ziemlicher Bedarf an Vermittlern – und ich bin dafür gut geeignet, weil ich seit zwanzig Jahren hier lebe und die Verhältnisse auf der Insel ziemlich genau kenne. Dabei werde ich sowohl von Maori als auch von pakeha angefragt. Ich habe bei allen einen guten Ruf – na ja, und ich kann ja auch ein bisschen Maori.«

Karl lachte seinem Freund zu. Schließlich war es hauptsächlich Chris, dem er diese Sprachkenntnisse verdankte. Fenroy beherrschte die Sprache der Maori fließend.

»Ist das nicht gefährlich?«, erkundigte sich dieser. »Wenn du da zwischen die Fronten gerätst?«

Karl schüttelte den Kopf. »Bislang ging es immer sehr zivilisiert zu, obgleich sie natürlich mit den Säbeln rasseln. Wenn sie mich dazuholen, wollen sie sich schließlich einigen. Ich denke, da habe ich als Landvermesser gefährlicher gelebt. Denk mal damals an Cotterell.«

Cotterell, ein Landvermesser, mit dem Chris als Übersetzer zusammengearbeitet hatte, war beim Wairau-Konflikt ums Leben gekommen.

»Und ich bestimme natürlich selbst, wohin ich gehe und wohin nicht«, fuhr Karl fort. »Man weiß ja, welche Häuptlinge zu Kurzschlussreaktionen neigen.« Er lachte. »Und welche pakeha-Beamten. Da sind einige noch weitaus schlimmer.«

Chris nickte wissend, und ein paar Minuten verloren sich die Männer in Erinnerungen an cholerische Militärstrategen, gänzlich unkundige Regierungsbeamte und rauflustige Siedler, die ihnen bei ihrer Arbeit für die Landnahmebehörde untergekommen waren.

Schließlich erzählte Karl von seinen letzten Abenteuern bei den Ngati Hine.

»Wie wird denn so was bezahlt?«, erkundigte sich Chris, als die Rede damit wieder auf Karls neuen Job kam. »Könnt ihr davon leben?«

Karl zuckte die Schultern. »Nicht so gut wie von der Schafzucht«, gab er zu. »Aber zusammen mit Idas Einkünften sollten wir unser Auskommen haben. Wir brauchen ja nicht viel, und du kennst Ida: Sie wird uns von dem ernähren, was Feld und Garten hergeben. Sie schwärmt jetzt schon davon, was sich zu Marmeladen und Chutneys verarbeiten lassen wird, und wünscht sich einen Ofen zum Brotbacken. Dieses Haus macht sie endlich vollkommen glücklich, Chris. Sie wird alles haben, was sie sich je gewünscht hat: ein Zuhause, in dem sie wirken kann wie einst in Raben Steinfeld, eine Gemeinde, in die sie sich einbringen kann – keine Altlutheraner natürlich, aber Russell hat eine hübsche anglikanische Kirche mit einem freundlichen Geistlichen und einem eifrigen Frauenkreis. Mehr Austausch von Kochrezepten denn von Bibelzitaten, wenn du mich fragst. Gute Menschen, keine Frömmler. Ida wird sie lieben. Obendrein das Klima, das Meer, der Strand …«

»Und dich«, vervollständigte Chris. »Hoffentlich macht’s dich genauso glücklich. Dann komm jetzt mal auf die Finanzierung zurück. Was ist mit Rata Station?«

Karl trank einen weiteren Schluck Whiskey. »Wir wollten euch unsere Anteile zum Kauf anbieten«, kam er endlich mit seinem Anliegen heraus. »Wenn sich das machen lässt. Wir wollen euch natürlich nicht in den Ruin treiben, wir …«

Chris gebot seinem Freund mit einer Handbewegung Schweigen. »Karl, wir sind Schafbarone!« Er lachte. »Das Wollgeschäft blüht, die Engländer können gar nicht genug bekommen. Die Einnahmen steigen jedes Jahr, und die meisten Investitionen sind ja getätigt. Hier ist alles in gutem Zustand, von den Scheunen bis zu den Scherschuppen. Viele Rücklagen haben wir natürlich nicht – das weißt du ja selbst.« Bislang hatten Cat, Chris und die Jenschs ihre Einnahmen meist in den weiteren Ausbau der Farm und der Zucht gesteckt. »Aber wir können jederzeit eine Hypothek aufnehmen. Die Banken …« Chris hielt plötzlich inne, runzelte die Stirn und richtete sich auf. »Was war das denn?«, fragte er verdutzt. »Ich meine, ich hätte da eben einen Schatten gesehen. Als ob irgendjemand am Fenster vorbeigelaufen wäre.«

Chris stand besorgt auf, nahm die Stalllaterne vom Haken, die den Männern ein funzliges Licht spendete, und trat vor die Stalltür. Da war allerdings nichts zu erkennen. Chris spähte zum Steinhaus hinüber, wo das Licht schon gelöscht war, und zu Cats Haus, in dem es noch brannte. Ida und Cat redeten sicher noch von Frau zu Frau miteinander.

»Kann es sein, dass du unter Verfolgungswahn leidest?«, neckte Karl Chris, als der sich wieder setzte, doch immer noch misstrauisch lauschte, »oder einfach lange keine Nacht mehr im Stall verbracht hast? Beziehungsweise im Zelt? Draußen huscht immer mal was vorbei, Chris. Ich hab gar nichts gesehen.«

»Du sitzt ja auch mit dem Rücken zum Fenster«, brummte Chris. »Aber um auf die Banken zurückzukommen. Das ist gar kein Problem …«

Mara Jensch hielt den Atem an. Eigentlich verstand sie sich sehr gut darauf, sich lautlos zu bewegen – schließlich hatte sie ihre halbe Kindheit im Maori-Dorf verbracht und Krieger und Jäger gespielt. Geschmeidig und schlank, wie sie war, hatte sie Eru beim Anschleichen stets ausgestochen. Jetzt hatte sie ihren Vater und Chris jedoch nicht mehr im Stall vermutet – wie lange konnte es schon dauern, einen letzten Blick auf die Pferde zu werfen? Mara war der Ansicht gewesen, lange genug gewartet zu haben, bevor sie sich aus ihrem Zimmer geschlichen, auf Zehenspitzen die Treppen hinuntergetastet und die Haustür so leise hinter sich geschlossen hatte, dass nicht mal Fancy, die Hündin, anschlug. Danach hatte sie auf alle weiteren Vorsichtsmaßnahmen verzichtet. Ein Fehler, wie es jetzt aussah.

Zum Glück schien Chris sie nicht erkannt zu haben. Er hielt die Laterne unentschlossen ins Freie, und ihr Vater verließ den Stall überhaupt nicht. Wahrscheinlich hatten die zwei also nur einen Schemen vorbeihuschen sehen. Mara entspannte sich langsam, als Chris wieder in den Stall ging. Schließlich wagte sie sich aus dem Schutz des Rata-Strauchs, hinter dem sie gekauert hatte, hervor. Mit noch geschärfteren Sinnen glitt sie zwischen den Hofgebäuden hindurch, immer gefasst auf weitere unliebsame Überraschungen. Carol zum Beispiel – die schien zwar entschlossen, ihren gut aussehenden Verlobten schmoren zu lassen, aber vielleicht war das nur eine Meisterleistung der Verstellung, und in Wirklichkeit trafen sie sich noch irgendwo im Mondschein.

Mara fand den Mondschein lästig. In einer dunklen Nacht wäre es einfacher gewesen, sich wegzuschleichen. Wobei eigentlich gar keine Notwendigkeit zum Wegschleichen bestand, das Maori-Dorf war am kommenden Morgen auch noch da. Doch Mara war keineswegs so müde, wie sie getan hatte. Im Gegenteil, sie war hellwach, und sie konnte und wollte nicht mehr warten!

Schließlich lagen die Wohn- und Wirtschaftsgebäude von Rata Station hinter ihr. Mara hörte auf, bei jedem Schritt nach Deckung zu suchen. So rasch, wie ihre Röcke es erlaubten, lief sie in Richtung Maori-Dorf. Sie kannte den Weg im Schlaf, war ihn unendlich oft gegangen, und wie erwartet hatte sich hier auch nichts verändert. Mara war fünf Monate mit ihren Eltern unterwegs gewesen. Sie wusste sehr genau, dass sie gewachsen, in gewisser Weise erwachsen geworden war. Aber auf Rata Station war alles wie zuvor, und im Dorf der Ngai Tahu schien es ebenso zu sein. Mara wusste nicht, ob sie das enervierend oder tröstlich finden sollte.

Schließlich sah sie die tiki, die das Tor zum Dorf bewachten – die rot gestrichenen, im Schatten der Nacht bedrohlich wirkenden Götterstatuen, die ihr von Kindheit an vertraut waren. Mara lief zwischen ihnen hindurch und betrat das marae. Es lag wie ausgestorben im Dunkeln, die letzten Feuer waren längst verglüht. Unschlüssig ließ sie den Blick von den Küchen- und Vorratshäusern über das Versammlungs- und Schlafhaus zum abseits gelegenen Haus des Häuptlings wandern. Ein schönes, mit Schnitzereien versehenes Blockhaus, fast so groß wie das wharenui, das Gemeinschaftshaus des Stammes. Te Haitara wohnte damit weit aufwendiger, als es bei den Ngai Tahu eigentlich üblich war.

Im Allgemeinen lebten Maori-Häuptlinge allein in relativ kleinen Häusern. Ihre Frauen besuchten sie nur gelegentlich und oft im Rahmen jahrhundertealter Zeremonien. Mit diesen Bräuchen hatte Jane Fenroy jedoch aufgeräumt, als sie Te Haitara ehelichte. Ein paar Zugeständnisse zu ihrer pakeha-Herkunft hatte man ihr machen müssen. Unter anderem hatte sie darauf bestanden, mit ihrem Gatten unter einem Dach zu wohnen und dort auch ihr Kind aufzuziehen. Niemals hätte sie eingewilligt, im Gemeinschaftshaus mit den anderen Stammesmitgliedern zu nächtigen!

Wo aber würde Mara Eru in dieser Nacht finden? Mit fast fünfzehn Jahren galt er eigentlich als junger Krieger, er sollte bei seinen Freunden und nicht unter den Fittichen seiner Mutter leben. Andererseits beherbergte das Gemeinschaftshaus mindestens zehn junge Mädchen, alle begierig, erste Erfahrungen mit der Liebe zu machen, und zumindest nach Janes Ansicht nur erpicht darauf, »sich einen Häuptlingssohn zu angeln«.

Mara hatte einmal gehört, wie Cat sich über diese Befürchtung lustig gemacht hatte. Jane, so meinte sie, denke immer noch wie eine pakeha, die den Traum vom Märchenprinzen hegte, während ein Häuptlingssohn für Maori-Mädchen gar keine derart erstrebenswerte Partie war. Weder waren die Stammesvorsteher reicher als andere Dorfbewohner, noch war das Amt des Häuptlings zwangsläufig erblich. Te Haitara hatte zahlreiche Neffen und andere Verwandte. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Dorfbewohner gerade seinen Halbblutsohn zu seinem Nachfolger wählen würden, war nicht sehr groß. Und zu allem Überfluss hatte man als Häuptlingsfrau keine besonderen Privilegien. Im Gegenteil, besonders auf der Nordinsel, wo sehr viel strengere Bräuche herrschten als bei den gelassenen und schon stark von den englischen Einwanderern beeinflussten Ngai Tahu, war die Familie des Häuptlings strengen tapu und großen Einschränkungen unterworfen. Doch in diesen Stämmen wurden die Ehen der Aristokratie ohnehin arrangiert, genau wie bei europäischen Adelsfamilien. Wenn sich also Mädchen für Eru interessierten, dann einfach, weil er ein netter junger Mann war, ein guter Jäger und sehr liebevoll … Wobei Mara nicht hoffte, dass er Letzteres andere Mädchen wissen ließ. Sie war äußerst eifersüchtig! Und Erus Mutter war argwöhnisch und stur.

Mara entschied, Eru nicht im Gemeinschaftshaus zu suchen, sondern sich auf das Haus seiner Eltern zu konzentrieren. Das bot auch bessere Deckung als das allgemeine Schlafhaus, das wie die anderen Gebäude direkt an den offenen Dorfplatz grenzte. Te Haitaras Haus lag im Schatten eines kleinen Südbuchenhains und war von einem Zaun aus Raupo-Stangen umgeben – eigentlich überflüssig, da Jane weder einen Nutzgarten pflegte noch Tiere hielt. Mara lehnte sich an einen der Bäume und nestelte eine kleine Flöte aus der Tasche ihres Reitkleids. Entschlossen hob sie die handgroße, hübsch verzierte Koauau zur Nase und blies hinein. Eine kleine, zarte Melodie erklang, nicht unähnlich einem Vogelruf.

Tatsächlich spielte man die Koauau mitunter, um Vögel anzulocken. Außerdem hieß man neugeborene Kinder mit dem Spiel der Flöte willkommen, und man erzählte sich, der Gesang der Koauau wecke verschüttete Erinnerungen. Mara lächelte, als sie daran dachte. Allzu verschüttet sollten Erus Erinnerungen nach fünf Monaten wohl noch nicht sein. Sie selbst jedenfalls erinnerte sich an jede Einzelheit ihres letzten Zusammenseins.

Als sie die Melodie zum dritten Mal blies, rührte sich etwas im Haus. Mara erkannte den Schatten eines stämmigen jungen Mannes. Sie erwartete, dass sein dichtes schwarzes Haar lang und offen über seine Schultern fiel – er war so stolz darauf gewesen, es jetzt endlich zum Kriegerknoten wachsen lassen zu dürfen. Aber entweder hatte er den Knoten vor dem Schlafengehen nicht gelöst, oder es war doch wieder geschnitten worden. Eru hatte sich eine Decke über die Schultern geworfen und trug ansonsten nur einen Lendenschurz aus Raupo-Fasern. Maras Herz schlug schneller, als sie seinen geschmeidigen Gang und seine hochgewachsene Gestalt erkannte.

Sie blies noch einmal ihre Melodie, um ihm den Weg zu weisen – und dann stand er endlich vor ihr. Sie strahlte über ihre gelungene Überraschung, Te Eriatara blickte sie eher ungläubig an.

»Ma… Mara …«, stammelte er. »Marama, das Mondlicht! Träume ich das jetzt?«

Mara lachte. »Immer noch Margaret. Das ist eine Blume, weißt du doch. Auch wenn sie hier nicht wächst. Verrückte Idee, mich nach einer Pflanze zu benennen, die hier nicht wächst. Meine Eltern …«

Eru wehrte ab. »Schimpf nicht auf deine Eltern, verglichen mit meinen sind die harmlos. Was machst du hier, Mara? Mitten in der Nacht? Seit wann seid ihr zurück?«

»Seit eben!«

Mara streckte Eru die Arme entgegen, und er nahm ihre Hände. Die Berührung schien Eru davon zu überzeugen, nicht zu träumen, und sie machte ihm Mut. Vorsichtig, bereit, sie jederzeit loszulassen, zog er Mara an sich und legte seine Stirn an ihre Stirn, seine Nase an ihre Nase. Der hongi, die traditionelle Begrüßung. Mara überließ sich ihr willig. Sie sog seinen Duft in sich auf, eine seltsame Mischung aus dem erdig riechenden Schweiß des jungen Kriegers und den blumigen Seifen, auf deren Gebrauch in ihrem Haushalt seine Mutter Jane bestand. Ein vertrauter Geruch, Mara hatte das Gefühl, nach Hause zu kommen.

Eru dagegen nahm an ihr sehr viel Neues wahr. In ihrem Haar schwebte noch der Duft von Salz und Meer nach der Reise. Ihre Haut roch nach fremden Blumen und Gewürzen – und irgendwie hatte sich ihr Eigengeruch verändert. Aus dem Mädchen, das er hatte ziehen lassen auf der Schwelle zwischen vertrauter Schwester und Geliebter, war endgültig eine Frau geworden. Mara roch verführerisch, und sie war so schön wie eine Göttin im Mondschein. Eru musste an die berühmte Liebesgeschichte denken, in der die Koauau-Flöte dem Mädchen Hinemoa den Weg zu der Insel ihres Liebsten wies. Hinemoa und Tutanetai – auch so ein Paar, das die ganze Welt gegen sich hatte … Er seufzte.

»Ihr seid gerade erst angekommen?«, fragte er, als sie sich voneinader lösten und der Zauber sich ein wenig legte. »Und du bist gleich hergelaufen?« Er lächelte sie an. »Du bist verrückt.«

Mara zuckte die Schultern. »Ich weiß, ich hätte bis morgen warten können. Aber ich wollte dich sehen, nicht gleich das ganze Dorf. Und ich wollte wissen, ob … ob noch alles so ist wie damals. Ob ich … es noch kann …«

Eru nahm Mara an die Hand und führte sie tiefer ins Wäldchen hinein. »Du hast es also nicht mit anderen Jungen geübt?«, fragte er streng. »Mit pakeha-Jungen?«

Mara schüttelte beleidigt den Kopf. »Natürlich nicht. Das hatte ich doch versprochen. Und du hast auch nicht …? Also ich weiß, dass die anderen Mädchen im Stamm nicht küssen. Doch du könntest andere Dinge gemacht haben …«

Eru verneinte entschieden. »Ich hab’s auch versprochen! Und ich halte mein Wort. Ich habe nur von dir geträumt. Im … im Traum habe ich es geübt. Immer wieder …«

Mara lächelte. »Ich auch«, gestand sie. »Also … probieren wir es?«

Sie schaute zu Eru auf und bot ihm die Lippen. Er war größer als sie, was bei ungefähr gleichaltrigen Jungen nicht selbstverständlich war. Aber sowohl Erus Vater als auch seine Mutter waren groß und stämmig. Er selbst würde bald alle Männer der Ngai Tahu überragen, und er war den anderen Jungen stets kräftemäßig überlegen gewesen. Nun beugte er sich hinunter zu Mara, legte die Arme um sie und drückte seine Lippen auf die ihren. Kurze Zeit verharrten sie so, unschlüssig darüber, wer bei diesem pakeha-Brauch wirklich den Anfang machte. Dann öffneten sie die Münder fast gleichzeitig, und gleich darauf verschmolzen sie völlig miteinander, ließen ihre Zungen einander umspielen, den Mund des anderen erforschen – und gleichzeitig wanderten Maras zarte Hände über Erus nackten Rücken, während seine über den Stoff ihres Reitkleids tasteten. Die Knöpfe daran leisteten ihm Widerstand – und Mara trennte sich abrupt von Eru, als er nahe daran war, sie einfach abzureißen.

»Lass mein Kleid ganz!«, tadelte sie ihn, um ihm dann gleich wieder ihr schönstes Lächeln zu zeigen. »Das war gut, oder?«

»Das war …«, er suchte nach Worten, »… das war überirdisch! Viel schöner als in meinen Träumen.«

»Wir können es also beide noch!«, freute sich Mara.

Sie küssten sich immer wieder, wanderten Arm in Arm durchs Wäldchen, fanden schließlich ein Seitentor in der Umzäunung des marae und folgten dem Pfad zum Flussufer. Während des nächsten Kusses badeten sie im Mondlicht.

»Ich werde das nie mit jemand anderem tun als mit dir«, versprach Mara.

Eru nickte. »Ich auch nicht!«, versicherte er ihr. »Also werden wir heiraten müssen.«

Mara lachte. »Das hatten wir doch sowieso vor. Oder hast du es dir anders überlegt?«

Sie warf ihm einen prüfenden Blick zu. Erst jetzt, im gleißenden Mondlicht, konnte sie sich Eru genauer ansehen. Auch er war gewachsen. Sein kindliches Gesicht war kantiger geworden. Eru ähnelte seinem Vater, hatte nur etwas hellere Haut als die Maori.

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