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Der Klang der Versuchung

1. KAPITEL

Nacho Acosta ist wieder zu haben!

Angestrengt starrte Grace auf den Bildschirm und kniff die Augen zusammen, um etwas klarer zu sehen. Der Virus, den sie sich eingefangen hatte, musste wohl ihre Sehfähigkeit beeinträchtigen. Sie las weiter. Romy Winner, unsere Hauptstadtreporterin, informiert uns darüber, wer angesagt ist und wer nicht.

Verflixt nochmal.

Jetzt tanzten auch noch weiße Flecken vor ihren Augen hin und her, und der Monitor flimmerte. Energisch schob Grace ihren Stuhl zurück und stand auf, um ihre steifen Gliedmaßen auszustrecken und einen tiefen Zug der abgestandenen Kellerluft einzuatmen. Dann rieb sie sich die müden Augen.

Schon besser.

Mit dem Computer ist alles in Ordnung, dachte sie. Ich bin nur todmüde.

Es war fast ein Uhr. Kein Wunder, dass ihre Augen allmählich versagten. Immerhin arbeitete sie abends in einem der zwielichtigen Nachtclubs von Cornwall und setzte sich anschließend noch ein paar Stunden in das Büro des Clubs, um die Buchhaltung zu erledigen.

Sie ließ ihren Blick über die zahlreichen Abbildungen schöner Männer gleiten, die das ROCK – Magazin auf seiner Promiseite ins Internet gestellt hatte. Kaum zu glauben, dass sie dem berühmt-berüchtigten Nacho Acosta schon zweimal in Fleisch und Blut gegenübergestanden hatte. Man konnte nicht gerade behaupten, dass sie sich auf demselben Parkett bewegten, aber manchmal spielte das Schicksal eben nach seinen eigenen Regeln.

Unter Nachos Bild war der Text nun deutlicher zu erkennen, und Grace rückte wieder näher.

Nachdem die jüngeren Acostas allesamt erwachsen und flügge sind, glaubt unsere Journalistin kaum, dass Nacho es damit eilig hat, die Londoner Szene in absehbarer Zeit hinter sich zu lassen. Mit zweiunddreißig Jahren ist er der Älteste unserer hinreißenden Polo spielenden Acosta-Brüder. Zum Glück scheint Nacho sich in London prächtig zu amüsieren.

Einerseits fühlte Grace eine gewisse Erregung beim Gedanken an Nacho, andererseits war sie eifersüchtig auf die vielen Frauen, mit denen er sich offenbar amüsierte. Im Grunde war das lächerlich. Schließlich war sie ihm nur kurz begegnet. Und beide Male hatte sie sich im Vergleich zu seiner mühelosen Eleganz unerträglich plump und deplatziert gefühlt. Es stand ihr gar nicht zu, neidisch zu sein, und trotzdem war sie es.

Beim ersten Mal hatten sie sich bei einem Polospiel am Strand von Cornwall getroffen, das von Graces bester Freundin – Nachos Schwester Lucia – organisiert worden war. Er selbst hatte nicht viel mehr getan, als sich aus dem Fenster seines gigantischen Jeeps zu lehnen und Grace von oben bis unten zu mustern. Noch nie in ihrem Leben hatte ein Mann sie auf diese Art angesehen, und sie konnte heute noch nachempfinden, wie heiß ihr geworden war. Den Rest des Tages hatte sie Nacho beim Polo spielen von der Seitenlinie aus beobachtet … wie ein verliebter Teenager.

Das zweite Mal waren sie sich bei Lucias Hochzeit begegnet, die auf der argentinischen Ranch der Acosta-Familie stattgefunden hatte. Diese Reise war für Grace eine tolle Abwechslung gewesen, bis sie im Festzelt plötzlich Nachos düsteres Starren bemerkte.

Fast den ganzen Abend war er als Gastgeber ziemlich eingespannt gewesen, und dennoch hatte sie sich von seinem kraftvollen Charisma verfolgt gefühlt, wohin sie auch ging. Und als er es endlich schaffte, ein paar Worte mit ihr zu wechseln, konnte sie ihn nur stumm und fasziniert anstarren. Bis …

Seufzend betrachtete sie einen weiteren Schnappschuss des Mannes, der ihre Welt zum Beben gebracht hatte. Und wieder stand eine vollbusige Schönheit an seiner Seite. Grace musste gestehen, dass die beiden ein hübsches Paar abgaben. Und der Gesichtsausdruck der Fremden sprach eine deutliche Warnung an potentielle Konkurrentinnen aus.

„Du kannst ihn haben“, murmelte Grace und riss ihren Blick los. Nacho Acosta mochte ein Traumtyp sein, aber der Hochzeitsabend damals hatte ihr eindrücklich bewiesen, dass sie nicht in einer Liga spielten.

Die Musik des Nachtclubpianisten, der sein Repertoire durchging, holte Grace in die Gegenwart zurück. Sie liebte es, sich mit Musik oder Büchern von Problemen abzulenken. Ihre Eltern hatten früher die Hoffnung gehegt, Grace würde Konzertpianistin werden. Aber nach dem Tod des Vaters waren diese Träume zerplatzt. Es gab kein Geld mehr, um das teure Konservatorium zu bezahlen.

Bis zu dem Zeitpunkt hatte Grace keine Vorstellung davon gehabt, wie viel Kosten sie ihrer Familie verursacht hatte … und was Verlust wirklich bedeutete. Ihren Platz an der Musikhochschule zu verlieren, war schlimm gewesen, aber kein Vergleich zu dem Verlust ihres geliebten Vaters.

Grace hatte sich einen Job suchen müssen und war froh gewesen, gleich in dem Nachtclub anfangen zu können, wo einer der besten zeitgenössischen Jazzmusiker regelmäßig auftrat. Niveauvolle Musik war ihr wichtig – sie hatte Grace nach dem Tod des Vaters viel Trost gespendet.

Am Ende des Artikels war ein Foto von Lucia und ihren Brüdern abgebildet. Lucia strahlte, während jeder einzelne ihrer Brüder einen ernsten oder sogar mürrischen Eindruck machte. Nacho sah geradezu gefährlich aus.

Für Lucia ist es bestimmt nicht immer leicht gewesen, überlegte Grace. Wie hatte sie es als einziges Mädchen bloß geschafft, sich gegen vier Kerle durchzusetzen?

Einmal hatte Lucia gesagt, dass man in ihrer Familie niemals allein war. Kein Wunder, dass sie auch mal hatte ausbrechen wollen und sich einen Job in dem Club gesucht hatte, in dem sie und Grace sich später angefreundet hatten.

Nach dem Tod der Eltern hatte Nacho seine jüngeren Geschwister praktisch allein großgezogen. Und laut Lucia war er dabei oftmals ein richtiger Tyrann gewesen.

Grace erschauerte unwillkürlich, als sie Nachos Gesicht musterte. Jedermann kannte ihn als einen durchsetzungsstarken Mann, der immer bekam, was er wollte.

„Zeit fürs Klavier, Grace?“

Sie drehte sich zu Clark Mayhew um, der seinen Kopf zur Tür hereinsteckte. Er war der Clubpianist, den sie so sehr schätzte.

„Komm schon, Grace!“, drängte er. „Mach den Computer aus und raus hier! Du hast riesiges Talent.“

„Nicht so viel wie du“, gab sie lächelnd zurück.

Clark zuckte die Achseln. „Der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass ich mehr Selbstvertrauen habe.“

„Schön wär’s.“ Mit viel Gelächter ließ sie sich von ihm quer durch den Club bis zum Klavier ziehen. „Ich kann nicht mal ohne Begleitmusik spielen, so wie du das tust. Dabei wünschte ich, ich könnte es.“

„Aber das kannst du. Mach einfach die Augen zu und lass die Melodie durch deine Hände in das Instrument fließen!“

Ihr blieb gar nichts anderes übrig. Sobald sie sich auf die Noten konzentrierte, begannen die Linien zu tanzen, und alles verschwamm vor ihren Augen.

„Schließ die Augen, Grace, und lass dich von der Musik führen!“, ermutigte Clark sie erneut und bekam gar nicht mit, was in ihr vor sich ging. „Na, habe ich es dir nicht gesagt?“, triumphierte er, nachdem sie ein paar Tonfolgen gespielt hatte.

Ihr wurde allmählich bewusst, wie dringend sie die Stunden vor dem Computer reduzieren musste. All dieses Flackern und Flimmern, das ihre Sicht seit Tagen schon einschränkte, wurde zunehmend schlimmer. Normales Arbeiten war kaum noch möglich …

Zwei Jahre später

Seit er den Saal betreten hatte, ließ dieses Mädchen ihn nicht mehr aus den Augen. Es war ein wirklich riesiger Saal, in dem mehrere Tische für jeweils acht Personen zum formellen Dinner eingedeckt worden waren. Eine ganze Armada von Kristallgläsern und Tafelsilber glitzerte unter den venezianischen Kronleuchtern – ein perfekt beleuchteter Hintergrund für das Mädel, das ganz offensichtlich seine Aufmerksamkeit erregen wollte.

Ihre Figur allein reichte, um jedem Mann den Kopf zu verdrehen, und der feurige Ausdruck in ihrem Blick war ein eindeutiges Versprechen … falls Nacho Interesse haben sollte.

Ihm war das gleichgültig. Er war rastlos, weil ihn die ganzen sozialen Verpflichtungen zu Tode langweilten, die seine Sekretärin für ihn in London arrangiert hatte. Heute fand ein sogenanntes Power-Dinner für einflussreiche Größen in der Weinindustrie statt.

Nacho war zwar international in erster Linie als erfolgreicher Polospieler bekannt, aber die Weinberge seiner Familie auszubauen, war ein notwendiges Projekt für ihn gewesen, um das Erbe seiner jüngeren Geschwister zu sichern. Er leitete eine eigene argentinische Ranch von der Größe eines kleinen Staates. Und nur dieses Weinprojekt hatte ihn dazu bringen können, auf das Familienanwesen in Argentinien zurückzukehren …

Im Augenwinkel sah er die elegante Gestalt von Don Fernando Gonzales auf sich zukommen. „Don Fernando.“ Nacho neigte zur Begrüßung den Kopf und bemerkte, dass die fremde Schönheit inzwischen an der Seite des Gastgebers stand.

„Nacho Acosta, ich würde Ihnen gern meine Tochter Annalisa Gonzales vorstellen.“

Beiläufig nahm er die perfekt manikürte Hand von Annalisa in seine. Er hatte gehört, wie tief Don Fernando in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Und es wäre nicht das erste Mal, dass ihm ein bedürftiger Geschäftsmann die eigene Tochter aufdrängte. Jedermann wusste, dass Nacho das immense Vermögen seiner Familie verwaltete. Allerdings übersahen sie dabei, welche Erfahrungen er bereits mit vordergründigen Bettelpraktiken gemacht hatte und dass er gegen Annäherungsversuche dieser Art immun war.

Es war eine willkommene Abwechslung für Nacho, als hinten im Raum ein hellblonder Schopf auftauchte. Angestrengt starrte er dorthin, um festzustellen, ob er der Blondine zuvor schon begegnet war. Sein Instinkt sagte ihm ja, allerdings konnte er sie nicht richtig erkennen …

„Halte ich Sie auf, Señor Acosta?“, fragte Annalisa Gonzales ihn mit einem wissenden Lächeln.

Ihr Vater war verschwunden, vermutlich damit die beiden sich näher kennenlernen konnten. „Verzeihung“, brummte er und sah in das – von Schönheitschirurgen optimierte – Gesicht vor sich.

„Dann sind Sie also genauso ein Schlimmer, wie man sich erzählt?“ Diese rhetorische Bemerkung klang regelrecht hoffnungsvoll.

„Man untertreibt sogar noch“, behauptete er.

Sie wurden von Hundegebell unterbrochen, und Annalisa kicherte. „Wenn hier Hunde bei diesem Essen erlaubt sind, könnte ich ja auch meinen kleinen Chihuahua Monkey holen …“

„Der wäre ein willkommener Leckerbissen für meinen Irischen Wolfshund“, scherzte er trocken. „Wenn Sie mich bitte entschuldigen, Señorita Gonzales, der Kellner hat ein Zeichen gegeben, sich an die Tische zu begeben.“

Grace nahm Platz und war froh, dass sich ihre Tischnachbarin ohne Aufforderung selbst vorstellte. Auf der anderen Seite saß Elias, Graces älterer Mentor und Arbeitgeber, neben ihr. Aber er war schon in Gespräche mit alten Freunden und Kollegen verwickelt, und Grace wollte sich ohnehin beweisen, dass sie ohne Hilfe gut zurechtkam. Diese jährliche Versammlung Weinindustrieller war ihr erster größerer Event seit ihrer Erblindung. Es war außerdem der erste richtige Ausflug mit ihrem Blindenhund Buddy, und Graces Nervosität reichte für sie beide! Hoffentlich überstanden sie den Abend ohne nennenswerte Patzer.

Während sie mit der Lady neben sich plauderte, nutzte Grace die Gelegenheit, sich auf dem Tisch unauffällig zu orientieren. Ein Batallion unterschiedlicher Gläser wartete darauf, umgestoßen zu werden. Und dann musste sie noch das ganze Besteck auseinanderhalten, um es richtig zu benutzen. Behutsam faltete sie ihre Serviette auseinander, ohne ausladende Bewegungen, und hoffte, sie würde später nicht wieder Zucker ins Essen und Salz in den Kaffee schütten.

„Hier ist Pfeffer, falls Sie mögen“, sagte ihre Tischnachbarin, nachdem die Vorsuppe serviert worden war. „Ich streu auf einfach alles Pfeffer“, plauderte sie weiter. „Aber vielleicht möchten Sie erst mal probieren? Wahrscheinlich fehlt auch noch Salz.“

Dankbarkeit erfüllte Grace, als die Frau ihr einen Streuer direkt in die Hand drückte. Kleine, hilfreiche Gesten waren seit der Erblindung unheimlich wichtig für sie geworden. Nur deshalb konnte Grace mutig das Haus verlassen und sogar Veranstaltungen wie diese besuchen. Elias hatte recht behalten. Jeden Morgen musste sie zusammen mit Buddys Führgestell ihr eigenes Selbstvertrauen neu umschnallen. Das war manchmal leichter gesagt als getan. Aber ihr half die Gewissheit, dass es da draußen in der Welt ein paar ganz reizende Menschen gab – Gott sein Dank.

„Sie arbeiten für einen großen Mann in unserer Branche“, bemerkte die ältere Dame neben ihr. Sie zeigte sich tief beeindruckt, dass Elias Grace höchstpersönlich zur Sommelière ausgebildet hatte.

„Er ist wie ein Vater für mich“, gestand Grace, weil sie fand, die Bezeichnung als Arbeitgeber wurde Elias einfach nicht gerecht.

„Haben Sie Ihren Vater verloren?“, erkundigte sich die andere Frau mitfühlend.

„Ja.“ Mehr brachte Grace nicht über die Lippen.

„Ich auch, und da war ich noch sehr jung. Sie haben Glück, jemanden wie Elias an Ihrer Seite zu wissen. Er ist ein freundlicher und ein besonderer Mann, wie man ihn nur selten findet. Und eines Tages werden Sie noch einen besonderen Mann finden und ihn heiraten.“

„Oh, nein!“, rief Grace spontan. „Das wird nicht passieren.“

„Warum denn nicht?“, fragte ihre Gesprächspartnerin, und Buddy bellte leise, weil sich der Ton seines Frauchens verändert hatte.

„Ich will für niemanden eine Belastung sein.“

„Eine Belastung? Wie kommen Sie bloß auf so einen Gedanken?“

Lieber würde Grace allein bleiben, als jemandem zur Last zu fallen. Genauso hatte sie empfunden, als ihre Mutter nach dem Tod des Vaters ein neues Glück fand und einen Mann mit eigenen Kindern heiraten wollte. Diesem Glück hatte Grace nicht im Weg stehen wollen, deshalb verließ sie ihr Zuhause für immer.

Allerdings wollte sie diesen besonderen Abend nicht mit düsteren Gedanken verderben. „Ich muss mir noch vieles aneignen und mich an vieles gewöhnen“, antwortete sie ausweichend. „Daher sollte ich erst mal lernen, allein zurechtzukommen, bevor ich mich ernsthaft verliebe.“ Sie zwang sich sogar zu einem Lachen. „Eventuell warte ich, bis die Liebe mich findet.“ Ihr Lachen verstummte, als sich eine warme Hand über ihre schob.

„Sie sind ein tapferes Mädchen, Grace. Und Sie verdienen das Beste“, versicherte ihre Tischnachbarin. „Geben Sie sich nicht mit weniger zufrieden!“

Nacho wurde immer unruhiger. Nachdem sich Annalisa achselzuckend von ihm verabschiedet hatte, fragte er sich, seit wann ihm ein erotisches Geschenk in hübscher Verpackung völlig gleichgültig geworden war.

Die Vergangenheit hatte ihn vermutlich so hart und zynisch werden lassen. Die meisten Frauen, deren Weg er kreuzte, waren derart oberflächlich und hohl, und alle wollten sie dasselbe: irgendjemanden, der für sie sorgte. Sowohl finanziell als auch emotional. Aber Nachos emotionales Potential war restlos verbraucht, nachdem er seit seiner Jugend für die ganze Familie hatte sorgen müssen.

Seine verheirateten Geschwister erzählten oft davon, wie glücklich sie sich schätzen konnten, ihre Seelenverwandten getroffen zu haben. Manchmal erkundigte er sich lachend bei ihnen, wie seine eigenen Chancen wohl standen, jemanden zu finden. Den Antworten hatte er allerdings keinerlei Beachtung mehr geschenkt. Nacho glaubte nicht an Glück oder Schicksal.

Einzig und allein harte Arbeit brachte Resultate, und er konnte seine Zeit nicht damit vergeuden, nach einer geeigneten Frau für sich zu suchen. Wenn ihn überhaupt eine Dame interessierte, musste sie auf jeden Fall stark und unabhängig sein. Er hatte sich genug für andere aufgeopfert.

Noch einmal suchte er den Saal nach der Blondine ab, doch sie schien spurlos verschwunden zu sein.

Sobald es die Höflichkeit zuließ, verabschiedete er sich vom Gastgeber Don Fernando Gonzales und verließ die Party. Aber auf der Fahrt zum Londoner Penthouse seiner Familie konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass etwas Bedeutsames geschehen war. Aber was das gewesen sein sollte, vermochte er nicht zu sagen.

Die Arbeit in dem gigantischen Weinlager war einfach für Grace, solange sie Buddy als Führhund an ihrer Seite wusste. Der große Golden Retriever brachte sie sicher quer durch ganz London, und die Lagerhallen waren nicht mehr als ein Klacks für ihn. Deshalb horchte sie überrascht auf, als er plötzlich knurrte.

„Was ist los, mein Junge?“ Sie bückte sich, um ihn zu kraulen, und merkte mit einem Mal selbst, dass etwas nicht stimmte. Es war, als würde ein Gewitter in der Luft liegen.

Seit ihrer schweren Krankheit, die schließlich zur vollständigen Erblindung geführt hatte, waren ihre übrigen Sinne extrem geschärft. Aber einmal abgesehen von ihrem hämmernden Herzschlag, hörte sie im Augenblick absolut nichts. „Wir müssen nur noch einen Gang überprüfen“, sagte sie zu ihrem Hund. „Bring mich nach Argentinien, Buddy!“

Das Tier erkannte sein Kommandowort und zog sein Frauchen in die Richtung, in der die argentinischen Weine gelagert waren. Buddy war dazu ausgebildet worden, Worte und Orte zu verknüpfen. Hätte Grace ihm Spanien oder Frankreich genannt, hätte er sie in die entsprechenden Gänge gelenkt. Um ganz sicherzugehen, waren die einzelnen Sektionen zusätzlich in Blindenschrift gekennzeichnet.

Nachdem Grace ihr Augenlicht verloren hatte, war ihre Welt eine andere geworden. Im Anschluss an die schreckliche Diagnose hatten sie schwere Depressionen an Haus und Bett gefesselt. Aber irgendwann hatte Grace erkannt, dass es Zeit zum Handeln war. Sie wollte nicht den Rest ihres Lebens stolpern und über Dinge fallen, sondern musste lernen, mit ihrem Handicap zu leben.

Der berüchtigte Blindenstock hatte schon viel zu lange in der Ecke gestanden, als ihre Therapeutin Grace darauf hingewiesen hatte, dass sie ewig in der Dunkelheit leben würde, wenn sie ihn nicht benutzte.

„Auch wenn ich ihn benutze, lebe ich in der Dunkelheit!“, war Graces wütende Antwort gewesen.

In dieser ersten, schwierigen Zeit hatte sie viel herumgeschrien oder geweint. Aber das hatte ihr auch nicht weitergeholfen. Schlussendlich hatte sie den Stock in die Hand genommen … und damit auch ihr ganzes Leben. Es war der erste Schritt in die Unabhängigkeit gewesen.

Aber als sie die ersten Schritte nach draußen wagte, stellte sie schnell fest, dass ihr alles über Taillenhöhe ungehindert ins Gesicht schlug. Bei einem Spaziergang war sie auf allen vieren zurückgekrochen, weil sie ihrer Umgebung nicht mehr trauen konnte. Anschließend folgte eine ganze Woche Selbstmitleid wegen der Erkenntnis, dass sich die Gegenwart einfach nicht mehr ändern ließ. Erst als Lucia mit einer Mitarbeiterin der Guide Dogs’ Association vor der Tür stand, hatte Grace sich dazu bereiterklärt, etwas Neues auszuprobieren.

Zuerst hatte sie allerdings protestiert und behauptet, sie könne kaum für sich selbst sorgen und erst recht nicht für einen Hund.

„Zum Teufel nochmal!“, hatte ihre Freundin geflucht. „Reiß dich gefälligst zusammen, Grace! Buddy muss gefüttert werden und regelmäßig vor die Tür. Das wirst du ja wohl hinbekommen? Hier geht es nicht immer nur um dich und dein eigenes Wohlbefinden!“

Ganz allmählich hatte Grace geahnt, wie selbstsüchtig ihr Verhalten gewesen war. Und somit war Buddy in ihr Leben getreten.

„Was hast du denn?“, wollte sie jetzt wissen, als der Blindenhund erneut knurrte. Dann entspannte sie sich, weil sie weit entfernt Elias Stimme hören konnte. Sie kannte ihn, weil er den Nachtclub, in dem sie gearbeitet hatte, mit Weinlieferungen versorgte. Und als niemand ihr mehr einen Job geben wollte, hatte er ihr angeboten, sie zur Sommelière auszubilden. „Wahrscheinlich hat Elias Besuch“, überlegte sie laut und streichelte Buddys flauschige Ohren. „Du musst dich schon an fremde Besucher gewöhnen, immerhin arbeiten wir beide hier inzwischen Vollzeit.“

Grace war kaum ins Büro zurückgekehrt, als Elias hereinstürmte. Ihm war seine Aufregung deutlich anzumerken.

„Die neuen Weine, die ich gerade probieren durfte, sind etwas ganz Besonderes!“, verkündete er begeistert.

„Und?“ Sie merkte, dass er ihr noch etwas sagen wollte, und wurde unruhiger, je länger er schwieg.

„Ich kenne das Anbaugebiet seit etlichen Jahren“, erklärte er schließlich. „Und eigentlich hatte ich vor, zusammen mit dir nach Argentinien zu fliegen, Grace.“

Davon hörte sie zum ersten Mal. Argentinien, das war ziemlich weit weg. Unmöglich für sie, dorthin zu reisen … jetzt, wo sie blind war. Argentinien … dort lebten Nacho und seine Familie …

„Nun guck nicht so entsetzt!“, sagte Elias. „Du hast doch selbst bemerkt, wie sehr ich in letzter Zeit abbaue.“

Ihre Gedanken überschlugen sich. Elias war mehr als ein Arbeitgeber und Freund für sie. Und sie litt sehr darunter, dass er im Moment gesundheitlich so angeschlagen war.

„Du musst ohne mich dorthin“, verkündete er jetzt.

„Wie bitte?“ Der Schock hatte ihrer Stimme jegliche Kraft geraubt.

„Gäbe es eine andere Möglichkeit, dann würde ich sie dir vorschlagen, das kannst du mir glauben. Aber mein Arzt hat sich unmissverständlich ausgedrückt. Ich habe absolutes Reiseverbot.“

„Dann kuriere dich, und ich werde dir helfen, wo ich kann“, versprach sie.

„Ich will nicht riskieren, diesen Spitzenwein an einen Konkurrenten zu verlieren. Du musst dahin, Grace! Wen sollte ich sonst fragen? Wem kann ich bedingungslos vertrauen?“

„Aber was ist, wenn ich dich enttäusche?“

„Das wirst du nicht. Ich glaube an dich, Grace, das habe ich immer getan. Du musst nach Argentinien fliegen und dir die Weinberge und die Produktion erklären lassen.“

Ein beklemmendes Gefühl schnürte ihr die Luft ab. „Ich würde dir so gern helfen, aber …“

„Sag jetzt nicht wieder: aber ich bin blind!“, warnte er sie. „Sag das nie wieder, Grace. Sonst ist alles verloren, was du bisher geschafft hast.“

„Ach Elias, du bist von Anfang an für mich da gewesen.“

„Ja, das stimmt“, bestätigte er mit Nachdruck. Sofort als Elias von Graces Schicksal gehört hatte, hatte er ihr seine bedingungslose Hilfe angeboten. „Du weißt selbst, wie dringend wir argentinische Weine im Sortiment brauchen. Meinst du, ich kann mir leisten, Kunden zu vergraulen?“

„Nein, natürlich nicht. Aber muss ich deswegen wirklich nach Argentinien fliegen? Gibt es niemanden sonst, der das übernehmen kann?“

„Nein“, antwortete er schlicht. „Einmal abgesehen davon, dass ich niemandem sonst so vertraue, halte ich diese Reise für äußerst wichtig für dich. So kannst du dir beweisen, wozu du fähig bist. Also wenn du es nicht für dich selbst tun möchtest, dann mach es wenigstens für mich! Ich versuche, dich zu einer Geschäftsfrau auszubilden. Zu einer außergewöhnlichen Weinkennerin. Der Trip ist ja auch keine Riesensache. Du wirst vielleicht einen Monat oder so unterwegs sein.“

„Einen Monat?“ Das war eine lange Zeit, dabei hatte sie gerade einlenken wollen.

„Und du musst sofort los, um die Ernte nicht zu verpassen“, setzte er nach. „Ich brauche eine ausführliche Berichterstattung von dir, Grace.“

Diesen Zug liebte sie besonders an ihrem Mentor. Er schonte sie niemals aufgrund der Tatsache, dass sie ihr Augenlicht verloren hatte. Aber das hier war einfach zu viel verlangt. Es war nicht der nächste Schritt in Richtung Unabhängigkeit, es war ein Sprung von der Klippe ins kalte Wasser!

„Aber du weißt doch, dass ich nicht einfach verreisen kann.“

„Davon weiß ich nichts“, widersprach Elias. „In London findest du dich doch auch zurecht, oder?“

„Nur weil ich Buddy an meiner Seite habe.“

„Eben. Grace, ich kann niemanden sonst mit dieser Aufgabe betrauen. Willst du mir jetzt echt sagen, ich hätte meine Zeit und meine Energie verschwendet, indem ich dich in die Lehre genommen habe?“

„Ganz sicher nicht.

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