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Der Klang der Trommel

Über Louise Erdrich

Louise Erdrich, geb. 1954 in Little Falls, Minnesota, ist die Tochter einer Indianerin und eines Deutsch-Amerikaners. Für ihre Lyrikbände, Kinderbücher und zahlreichen Romane wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Sie ist die Inhaberin von Birchbark Books, einer charmanten unabhängigen Buchhandlung.

Im Aufbau Taschenbuch liegt ihr Roman »Die Rübenkönigin« vor.

Auf Deutsch erschien zuletzt bei Aufbau »Das Haus des Windes«, wofür sie 2012 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde.

Informationen zum Buch

Eine große indianische Familiensaga

Es gibt Trommeln, die heilen, und Trommeln, die töten können. Sie werden eins mit dem Menschen, der sie hütet. Faye Travers hat zwar Indianerblut in den Adern, mit ihrer Herkunft verbindet sie aber nur noch ihre Begeisterung für indianische Antiquitäten. Bis sie auf eine wunderschöne alte Trommel stößt. Die Suche nach ihrem rechtmäßigen Besitzer führt Faye ins Indianerreservat und wird bald zu einer Entdeckungsreise in die Geschichte ihrer eigenen Familie. Der Klang der Trommel erzählt von den großen Fragen des Lebens, von Betrug, Schuld, Liebe und Verzeihung.

»Ein wunderbarer Schmöker, unbedingt empfehlenswert.« Radio Berlin

»Der Klang der Trommel bietet, was wir von großer Literatur erhoffen: Antworten auf die großen Lebensfragen zu erhalten. Das ist Weltliteratur zwischen Faulkner und Proust.« Deutschlandradio Kultur, Lutz Bunk

Louise Erdrich

Der Klang der Trommel

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Renate Orth-Guttmann

1
Revival Road Faye Travers

Als ich den Kinderfriedhof mit seinen schlichten handgeschriebenen Grabtafeln und den Lämmern und Engeln aus verwittertem Stein verlasse, bin ich in Gedanken und halte zu lange an der Stelle, wo die Straße vom Friedhof auf den zweispurigen Highway mündet. Diese Zerstreutheit ist zum Teil eine Alterserscheinung, aber ich glaube, daß mehr dahintersteckt. Neuerdings zögere ich bei der kleinsten Entscheidung, als hätte ich die Wahl zwischen Verzweiflung und höchster Glückseligkeit. Den rechten, den wahren Weg gibt es für mich nicht mehr. Je vertrauter die Straße ist, desto leichter verirre ich mich. Links führt der Highway in Schlangenlinien nach Norden zu unserer berühmten Universitätsstadt, aber ich halte mich rechts und komme so zu dem armen historischen Neuenglanddorf Stiles and Stokes mit seinen großen, biegsamen Ahornbäumen, den alten, strahlenförmig angeordneten Straßen, einem strengen, weißen Glockenturm und einer nüchternen Tankstelle, wo wir auch unsere Lebensmittel kaufen. Kurz danach gabelt sich der Highway. Links führt eine breite, gepflegte Straße hügelauf und verzweigt sich zu immer schmaler werdenden Ausläufern der Revival Road. Genau da, wo es anfängt unübersichtlich zu werden, wohnen wir, meine Mutter und ich.

Von oben dürfte unsere Straße aussehen wie ein aufs Geratewohl hingeworfenes Bindfadenknäuel, ein Wust undurchschaubarer Schlingen und halbfertiger Fragezeichen, aber wer die Geduld aufbringt, genauer hinzusehen, erkennt schließlich eine gewisse Ordnung. Zunächst hat die Straße noch einen anständigen Belag, wenn auch keinen Asphalt wie der Highway. Wenn sich eine Mehrheit der Stadtverwaltung wieder mal dafür ausspricht, mehr in den Erhalt des Straßennetzes zu investieren, wird sie mit feinem Kies beschichtet. Im Lauf eines heißen Sommers drücken sich die Steinchen in den weichen Teer und bilden eine glatte Oberfläche, die Autos schneller fahren läßt. Bis zur Wintermitte ist der Frost unter den Straßenbelag gekrochen und bildet Buckel, die den Verkehr zu einer langsameren Fahrweise zwingen. Mich freut das, denn Kinder benutzen diese Straße, wenn sie zur Bushaltestelle gehen. Sie kommen mit ihren Hunden vorbei und tragen dicke Jacken in satt leuchtenden Farben – knallrosa, knallgelb, knallblau. Vor meinen Augen verändern sie sich, werden zu den jugendlichen Fahrern schneller Wagen, die nur haarscharf die kleineren Kinder verfehlen, Kinder, die dann ihrerseits erwachsen werden und davonfahren.

Wie gesagt – eine gewisse Ordnung ist da, aber immer wieder kompliziert die Unberechenbarkeit der Ereignisse das Muster, läßt an der einen Stelle etwas an die Oberfläche treten, verknotet sich an einer anderen, während die Menschen ihre Unordnung voll ausleben. Meine Mutter Elsie und ich versuchen, das Leben durch Beobachtung festzuhalten, aber wenn man davon ausgeht, daß man ein ganzes Leben braucht, um die Dinge klar zu sehen, und danach vielleicht noch ein weiteres Leben im Jenseits, haben wohl nur die frommen Toten ein wahrhaftiges Bild von unserer Straße. Schließlich verdankt sie ihren Namen dem flachen Feld an ihrem südlichen Ende, auf dem früher einmal im Jahr eine Erweckungsversammlung stattfand. Diese drastischen Bekehrungen führten zur Gründung mehrerer Kirchen, die damals, wie ich meine, in charismatischem Eifer ihrer Zeit weit voraus waren. Nach und nach vereinigten sie sich mit neueren Glaubensgemeinschaften, aber ihre Toten teilten sich weiterhin die Erde mit Universalisten und Quäkern, ja sogar völlig Ungläubigen. Wir Lebenden dagegen sind in einzelnen Szenen gefangen, uns fehlt die Übersicht, zu der es die Toten gebracht haben. Trotzdem versuche ich zumindest Querverbindungen festzuhalten, versuche, mir durch die täglichen Streitigkeiten, Überraschungen und kleinen Begebenheiten hier auf unserer Straße einen Weg zu bahnen.

An einem frostigen Sonntag mitten im Winter waren wir im Haus mit angenehmen kleinen Arbeiten beschäftigt, als jemand an unsere Haustür wummerte. Erschrocken rief Elsie nach mir. Als ich aus der Waschküche im Keller hochgerannt kam, sah ich vor der Scheibe der hinteren Sturmtür einen jungen Mann stehen, ohne Jacke, schlotternd vor Kälte. Er hob die Hand, ich sah, daß ihm ein Finger fehlte, und erkannte den jungen, inzwischen erwachsenen Eyke, der sich schon lange nicht mehr an der Kettensäge seines Vaters vergriff, dafür aber an dessen noch nicht abbezahltem, nagelneuen Auto. Davan Eyke hatte es sich zu einer verbotenen Spritztour geschnappt und auf dem Hang neben unserem Haus die Kontrolle über den Wagen verloren. Das Fahrzeug drohte in eine steile Schlucht zu stürzen, an deren Rand Birken standen. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß das Auto genau zwischen zwei Stämmen steckenblieb. Die weißen Birken hielten den teuren, unbezahlten weißen Wagen fest wie in einem Schraubstock. Er hatte keine Beule. Keinen silbrigen Kratzer. Noch nicht. Davan hoffte nun, ich würde den Wagen an die Kette nehmen, meinen Subaru rückwärts den Hang hochfahren und sein Fahrzeug vorsichtig freischleppen können.

Meine Kette riß, und die Bemühungen anderer, die im Lauf des Nachmittags zu Hilfe kamen, machten alles noch schlimmer. Am Ende der Straße sammelten sich Autos, Laster, Gerät und Menschen. Während sie an Davans Wagen ruckelten, schaukelten, schoben und zerrten, verschiedene Lösungen ausprobierten und verwarfen, während der Glanz des Neuen sich zunehmend verlor, begriff Davan, daß sein Plan gescheitert war, und Verzweiflung packte ihn. Mit leerem Blick sah er, wie ein Abschleppwagen das Auto seines Vaters mit der Winde halb freibekam, es dann knallend auf die Seite fallen ließ und mit einem häßlich kreischenden Geräusch über eine Fuhre Kies nach oben zog, die zur Verbesserung der Bodenhaftung gerade von der Straßenmeisterei abgeladen worden war.

Im Lauf der Jahre hat unsere Stadt, die für ihr weiches, dramatisches Licht berühmt ist, immer wieder Künstler aus den Großstädten der Ostküste angelockt. Meist sind sie kommerziell erfolgreich und können sich jetzt den Luxus eines zurückgezogenen Lebens leisten. Da New Hampshire keine Einkommensteuern erhebt, sondern lieber tausend weniger effektive Möglichkeiten nutzt, Einnahmen zu erzielen, steigt bei wohlhabenden Künstlern der Wohlstand, allerdings auch die Langeweile. Wenn sie Gesellschaft haben wollen, können sie sich nur hier in der Gegend umtun und müssen notgedrungen auf Menschen wie mich zurückgreifen – eine Frau, die mal Drogen genommen und eine Hepatitis überstanden hat, Geschäftsführerin eines Modegeschäfts war, gefeuert wurde, weil sie sich nicht für Mode interessierte, halbgebildete Kunstliebhaberin, Verfasserin von Endlostagebüchern und experimenteller Lyrik war und inzwischen Teilhaberin der Firma für Nachlaßverwertung ist, die meine Mutter vor über fünfzig Jahren gegründet hat.

Einer dieser Künstler wohnt am Ende unserer Straße in einem klotzigen Backsteinhaus mit angebauter, weiß verschindelter Remise (jetzt Atelier). Kurt Krahe – korrekte Schreibweise des Nachnamens mit Umlaut, einem Vampirbiß über dem a – ist ein beeindruckender Mann. Einst hoch gerühmt wegen seiner gewaltigen Steinkompositionen, ist er, wie er es ausdrückt, in einen Zwischenraum gefallen, in den Raum zwischen den Dingen. Seinen Umlaut hat er den amerikanischen Gepflogenheiten geopfert, aber er liebt zusammengesetzte deutsche Wörter. Manchmal denke ich, daß er sie erfindet, aber den Zwischenraum gibt es wirklich. Kurt ist in den Zwischenraum zwischen seinen eigenen Werken geraten und wird kaum mehr beachtet. Seit Jahren hat er kein wichtiges Werk mehr geschaffen. Oft integriert er Schiefer oder Granit aus unserer Gegend in seine Skulpturen, und zur Hilfe bei der Umsetzung seiner Projekte, die Schwerarbeit ist, stellt er hin und wieder junge Männer aus der Gegend ein. Krahes Helfer wohnen in einer Hütte auf seinem Grundstück, im Schutz einer alten Weymouthskiefer, und müssen zu jeder Tages- und Nachtzeit einsatzbereit sein, weil man nie wissen kann, wann ihn endlich die zündende Idee packt, einen Stein in einer ganz bestimmten Art auf einen anderen zu türmen.

Kurts Hände sind überraschend zart und klein, sie erinnern mich, flink und gewandt wie sie sind, an die Pfoten eines stämmigen Waschbären. Die Füße wirken fast mädchenhaft in den ordentlich geschnürten Stiefeln und bilden einen seltsamen Kontrast zu dem ansonsten so kräftig gebauten Körper. Ich bin immer neugierig auf die Steine, die Kurt sich für seine Arbeiten aussucht, schaue mir an, welche er behalten hat, und glaube manchmal zu wissen, was ihm an ihnen so gefällt. »Die Japaner«, sagt er, »haben ein Wort für das Wesen, das in einem Stein offenbar wird.« »Und warum nicht die Deutschen?« frage ich. Er wird sich eins ausdenken, sagt er. Ich liebe diese Fähigkeit an Kurt, das Wesen des Steins zu erkennen. Nur wünschte ich mir manchmal, ich wäre ein Stein. Dann würde er mich so sehen, wie ich bin. Pfirsichfarbener Granit mit zornigen Einschlüssen von Glimmer. Mir ist ein wenig das Gleichgewicht abhanden gekommen. Ich habe den Verdacht, daß er eine andere Frau hat – vielleicht in New York City, wo er öfter hinfährt –, aber er weicht meinen Fragen aus und lacht nur. Indirekt leugnet er es, und ich habe nicht genug Selbstvertrauen, ihn offen danach zu fragen. Trotz meines Argwohns neige ich mich immer weiter ihm zu. Ob ich mich wieder aufrichten kann? Das ist keine ästhetische Frage.

Als Davan Eyke gezwungenermaßen sein Elternhaus verließ, ging er nicht weit, er zog in Krahes Hütte unter den Zweigen der schönen, bergenden Kiefer. Es ist ein ungewöhnlich imposanter Baum, und zusammen mit dem Künstler überlege ich oft, in welchem Jahr er entstanden ist. Wir sind uns darüber einig, daß er sehr klein gewesen sein muß, ein bloßer Schößling, so zart, da er unbeachtet blieb, als die Agenten des englischen Königs begannen, die höchsten und aufrechtesten Bäume in den Wäldern Neuenglands als tabu für die Kolonisten zu kennzeichnen, als ausschließlich für die Werften der Königlichen Marine bestimmt, als Masten, an denen die großen Segel gesetzt werden sollten. Was jetzt eine hohe Kiefer ist, war noch ein Sämling, als man die Axt an die damals schon ausgewachsenen Bäume legte, mit Wipfeln so dicht, daß kein Licht auf die seit Jahrhunderten darunterliegenden bronzefarbenen Nadeln fiel. Diese Kiefer teilt sich auf halber Höhe in drei Stämme und bildet eine gewaltige Krone. In der Gabelung ist ein Rabennest, was ungewöhnlich ist. Im Nordosten unseres Landes meiden Raben den Menschen, denn die Art hat sich die Erinnerung an die Flinten, Netze und Gifte bewahrt, mit denen sie einst ausgerottet wurde.

Als Davan Eyke einzog, behielten ihn die Raben im Auge, so wie sie alles im Auge behalten. Diese hochintelligenten Vögel mit einem ausgeprägten Sinn für Humor erkannten sofort, daß es mit Davan Eyke Ärger geben würde. Deshalb warfen sie ihm kleine Zweige aufs Dach, schissen auf den Fenstersturz, stahlen Kleinigkeiten aus dem Garten und versteckten sie. Bleistifte, Münzen, einmal seine Wagenschlüssel. Und sie lachten. Rabengelächter hat etwas unglaublich Menschliches. Kommt es aus der eigenen Kehle, erkennt man es vielleicht als das, was ein weiteres Lieblingswort von Krahe ausdrückt – Schadenfreude, das Frohlocken über ein Unglück, das unsere Mitmenschen betroffen hat. Kann sein, daß das krächzende Lachen der Raben in unseren Ohren zynisch klingt und uns an die dunklen Tiefen unseres Menschseins erinnert, in Wirklichkeit aber hat es überhaupt nichts Menschliches, und sein Ursprung bleibt uns verschlossen wie das innerste Wesen aller wilden Kreatur. Davan Eyke aber störte es so sehr, daß er sich bei Krahe beklagte, er könne nicht schlafen, weil die Vögel Zweige und Tannenzapfen auf sein Blechdach warfen, von dem diese Wurfgeschosse geräuschvoll zu Boden kullerten.

»Gewöhn dich an sie.« Mehr sagte er nicht, der Künstler.

Das erzählt mir Krahe, als ich ihm die Post bringe, was ich oft tue, wenn er dabei ist, sich in die Schöpfungsqualen eines ehrgeizigen Projekts zu stürzen. Dann kann oder will er sich durch Fahrten zur Post nicht in seiner Konzentration stören lassen. Zuviel steht auf dem Spiel. Dies könnte, auch wenn er das nie zugeben würde, der Tag sein, an dem sein Talent sich schmerzhaft aus der Trübsal erhebt, in der es versunken ist.

»Was mir vorschwebt, ist eine Vorstellung von Ausgewogenheit, wobei das Ganze total chaotisch und in höchstem Maße dysphorisch wirken soll.«

So schwülstig redet er daher, dabei funkeln die Augen unter den buschigen Brauen belustigt.

»Unbeholfen«, sage ich, um ihn etwas zu dämpfen. »Vielleicht sogar häßlich.«

In dieser Selbstgefälligkeit steckt ein gutes Stück des unter vielen Schichten verborgenen geknechteten Bauernjungen aus Kansas – gespielter europäischer Überdruß, aggressives Machogehabe, sehr lutherische Vorurteile, wenn es – unter anderem – um die religiösen Überzeugungen seiner Mitmenschen geht. Er selbst, behauptet er, habe keine. Er gerät prompt in Wut, wenn ich feststelle, daß er trotz allem Lutheraner sei, ein feuerspeiender Fanatiker. Vom Glauben abgefallen vielleicht, aber nach wie vor angetreten, Scheinheiligkeiten zu enttarnen und Thesen an Kirchentüren zu nageln. Hin und wieder kommt auch die hartnäckige Trauer über den Verlust seiner zweiten Frau hoch, die auf einer Straße im Westen sterben mußte, als ihr Wagen über einen großen Stein fuhr. »Hast du gewußt«, fragte mich Krahe, »daß ein Stein sich so in das Fahrwerk klemmen kann, daß das Gaspedal blockiert, wenn du Gas gibst, und der Wagen mit einem Satz nach vorn schießt?« Das war der Grund für den dummen Unfall, der seine Frau das Leben kostete. Ein Schuljungenstreich am Flathead Lake. Steine auf dem Highway. Beim Bremsen, sagt Krahe, wurde der Wagen immer schneller. Wenn man den Fotos glauben darf, war sie keine schöne Frau, aber eine starke Persönlichkeit. Die Tochter Kendra schlägt ihr nach. Seit sie aufs Sarah Lawrence College geht, hat sie sich offenbar geschworen, nur noch Schwarz und Lila zu tragen.

»Es klappt nicht mit ihm«, sagt Krahe jetzt und meint Eyke, der nicht mehr in Hörweite ist. »Ich dürfte keine Einheimischen einstellen.«

Ich sage, daß es mir nicht paßt, wie er von »Einheimischen« redet, schließlich bin ich auch eine, obgleich ich in seinen Augen wohl etwas weltläufiger bin, weil ich ein paar Jahre in London verbracht habe, völlig vereinsamt am Rand von Soho übrigens, wo ich durchs Examen gerasselt bin, und auch weil er spürt, daß ich ein Leben geführt habe, von dem er nichts weiß. Das stimmt natürlich, aber ich spreche nie mit ihm darüber, wer ich wirklich bin. Bei der Arbeit, die ich zusammen mit Mutter ausübe, lernen wir die unterschiedlichsten Orte und Lebensweisen kennen, und auch deshalb mag ich mir nicht das Einheimischenetikett ankleben lassen.

»Wenn du kleinere Steine benutzen würdest, bräuchtest du niemanden einzustellen«, sage ich gespielt beiläufig.

»Der Junge ist ein hirnloser Rabauke«, fährt Krahe fort.

»Das hast du gewußt, als du ihn genommen hast, oder?«

»Ich hätte es ihm wohl anmerken können, aber ich hab eben nicht richtig hingesehen.«

»Er hat noch nie was Richtiges gearbeitet, nur Rasen gemäht, und dabei die Hälfte der Rasenmäher ruiniert. In unserer Straße sind so viele kaputtgegangen, daß niemand ihn mehr holen wollte. Trotzdem – er ist kein schlechter Mensch. Wirklich nicht. Er ist nur …« Ich versuche, das Problem Davan Eyke auszuleuchten, aber da bleibt vieles im dunkeln. »Er könnte viel von dir lernen.« Es ist eine lahme Verteidigungsrede, und mein Liebster kauft sie mir nicht ab.

»Es war eine Notlage. Ich hatte gerade Construction Number Twenty in Arbeit.«

Das ist der Arbeitstitel eines Werkes, das vor vielen Jahren ein bedeutender Hersteller von Frühstücksflocken in Minneapolis in Auftrag gegeben hatte, um es auf seinem Werksgelände aufzustellen. Es ist immer noch nicht fertig. Krahe streift langsam mit den Briefen an seinem Arm entlang und betrachtet stirnrunzelnd die Umschläge, als sei in jedem eine geheime Untat verborgen. Im Gegensatz zu den zierlichen Händen und Füßen ist sein Körper eher stämmig, er trägt mit Vorliebe die dicken karierten Wollhemden aus dem Versandhaus, und seine Bewegungen sind bedächtig, ja schwerfällig. Das schwarze Haar hat noch immer die Bürstenschnittfrisur, die ihm seinerzeit Uncle Sam verordnet hat. Er ist sechsundfünfzig, aber noch voller Saft und Kraft, auch wenn er darüber klagt, daß seine Kräfte nachlassen, und wenn ich ihn sehe, rast mein Herz, als stünde es unter Strom. Liebevoll, fast träumerisch klingt seine Stimme, wenn er erzählt, daß Kendra übers Wochenende nach Hause kommt. Ich würde alles dafür geben, wenn er in diesem sehnsuchtsvollen Ton auch einmal von mir sprechen würde, und ich liebe ihn wohl auch deshalb, weil ich diese Seite seines Wesens kennenlernen möchte. Kendra scheint ihren Vater eher unkompliziert zu sehen. Und er, sage ich mir, sieht Kendra vor allem als Inkarnation seiner toten Frau und nicht als die egozentrische, übellaunige Tochter, die sie ist. Ich mag sie nicht, und das beruht auf Gegenseitigkeit.

Ich sehe zu, wie die beiden Männer mit Stahl und Stein ringen. Davan Eyke ist vergleichsweise schmächtig. Er sieht nicht aus, als könnte er soviel Gewicht heben wie sein Boss. Gemeinsam aber schleppen sie Steine aus dem Wald, schleifen und stemmen Blöcke aus hellem Marmor, die aus den Rutland-Steinbrüchen und von noch weiter her kommen. In Krahes Atelier liegt Kalkstein aus dem deutschen Jura, liegt Gestein, in das Fossilien eingeschlossen sind, besonders Ammoniten, und ein Granit mit leuchtend blauen Einschlüssen. Wäre Davan künstlerisch veranlagt, hätte er hier einen idealen Job, die Chance, einem Meister nahe zu sein und von ihm zu lernen. So aber schwindet Davans Begeisterung so rasch, wie er seinen Groll gegen den Vater auf den neuen Boss überträgt.

Elsie seufzt und verzieht das Gesicht, als ich ihr sage, daß Kendra Krahe ihren Vater besuchen wird und daß er uns zum Abendessen eingeladen hat. Ich lache, weil sie die Augen verdreht. Krahe lädt uns oft zum Essen ein, aber wenn Kendra zu Hause ist, wird meistens nichts daraus. Sie hetzt gegen mich, ich habe den Verdacht, daß sie, als unsere Beziehung enger wurde, mehr als einmal versucht hat, ihren Vater zu einer Trennung zu bewegen. Solange sie zur Highschool ging, litt sie es nicht, daß ich bei ihnen schlief, und seither kommt Kurt zu mir. Um Kendra ist immer eine vibrierende Energie, eine mitreißende Dramatik, sie hat die Gabe, ganz normale Leistungen mit immenser Überzeugungskraft darzustellen. Ihrem Vater ist nicht beizubringen, daß die für ein Chemieprojekt auf Papier geklecksten Tupfen, die sie mit solcher Bravour herumgezeigt hat und die ihr eine Drei plus eingebracht haben, tatsächlich knapp ausreichend waren. Krahe sieht seine Tochter und denkt an ihre tote Mutter, für ihn ist sie ein Ausnahmegeschöpf.

Vielleicht dürfte ich nicht so streng mit ihr sein. Aber was kann ich dafür, wenn die Jugend so enttäuschend ist? Und warum sieht Krahe das nicht? Ich habe mir sehr gewünscht, daß sie einen Freund findet, aber die Klassenunterschiede werden bei uns so eisern geleugnet, daß wir beide in diesem Zusammenhang nicht an Davan Eyke dachten – weder positiv noch negativ. Er lebte unter unser aller Augen vor sich hin, fand sich mißmutig mit seiner Umgebung ab, wehrte sich mit Kieseln gegen seine Quälgeister, die Raben – aber weil er anders als wir kein Intellektueller war, kamen wir einfach nicht auf ihn.

Ein Wort zu seiner Familie, den Eykes, die unsere nächsten Nachbarn sind. Der Vater ist ein kleiner Mechaniker und lebt von Gelegenheitsarbeiten, Davans Mutter fuhr den Truck einer Tankstelle, bis sie die Schulbusstrecke übernahm. Die Eltern gehören zu einer Gemeinde der Assembly of God, vor der heruntergekommenen Kirche steht eins dieser Schilder, auf denen man vor Tankstellen die wechselnden Benzinpreise ablesen kann. Das aus zwei Worten bestehende Motto wechselt wöchentlich. Gott liebt. Gott weiß. Gott sieht. Auf dem Hof der Eykes war viele Jahre lang eine Hündin angebunden, ein bildschöner Schäferhund-Husky-Mix mit einem braunen und einem blauen Auge. Sie kam nie von der kurzen Kette los, mit der sie an einen Baumstamm gebunden war, lebte bei Wind und Wetter in diesem engen Kreis, ertrug das eintönige Leben geduldig und ohne auch nur das leiseste Anzeichen von Bösartigkeit erkennen zu lassen.

Ich bin wahrscheinlich nicht besser als die Eykes. Einmal habe ich den Tierschutz angerufen, aber als sich nichts tat und die Hündin nach wie vor ihre Kette einmal nach rechts und einmal nach links um den Baumstamm wickelte, unternahm ich nichts weiter. Statt die Eykes zur Rede zu stellen – was ich nie über mich gebracht hätte, schließlich holte Mr. Eyke nicht nur den Müll ab, sondern mähte unser Feld, riß Schößlinge heraus, damit die Bäume nicht überhandnahmen, und wohnte so nah, daß man ihn im Notfall rufen konnte –, hielt ich den Mund. Hin und wieder brachte ich der Hündin einen Knochen, wenn ich vorbeikam, und empfand eine gewisse Verachtung für die Eykes, wie man sie für Menschen empfindet, die ein Tier schlecht behandeln. Und das war’s dann schon.

Das ist die eine Unterlassungssünde im Zusammenhang mit den Eykes, die ich bereue, denn später sollten alle Nachbarn für das bezahlen, was dieser Kreatur angetan worden war, die zweite war unsere Kurzsichtigkeit, was Davan und Kendra anging.

Die Hormone spielen ständig verrückt in unserer Straße. Wenn ich spazierengehe, erlebe ich immer wieder, daß das Erwachsenwerden die Nachbarskinder trifft wie ein kleines Erdbeben. Bis auf das Land in der weiten Kurve, das eine Holzverarbeitungsfirma aufgekauft, in zwölf Fünf-Acre-Parzellen unterteilt und erschlossen hat, sind die meisten Häuser in unserer Straße von dunklen Bäumen und wucherndem Unterholz umgeben. Keine zwei Häuser stehen in Rufweite. Trotzdem weiß man Bescheid, wenn man den Eltern zuwinkt, deren gequälte Blicke die Windschutzscheiben zu durchbohren scheinen, wenn man hört, wie neue Mountainbikes und Motorräder die Stille stören, Ghettoblaster von muskelbepackten jungen Schultern dröhnen. Die Familienkutschen, deren Routen einst so vorhersagbar waren, schleudern und wirbeln Staubwolken auf, wenn sie die Hänge hinauf und hinunter jagen. Es ist eine leidvolle Zeit, und man wendet den Blick von der Familie, die es getroffen hat. Die Fundamente sind erschüttert. Die Liebe schwankt und stöhnt. Aus den Straßengräben dampft es, und vernünftige Nachbarn stellen keine Fragen.

So ein Erdbeben traf auch Davan, einen gedrungenen, sommersprossigen Jungen, der plötzlich zu einem hoch aufgeschossenen, rücksichtslosen Rabauken wurde. Sie habe gewußt, daß es soweit war, sagt Elsie, als er anfing, die Rasenmäher zu ruinieren, sie so wütend auf Gras und Steine zu donnern, daß sich die Messer verbogen. Sie ließ ohne ein Wort meinen Rasenmäher reparieren und verzichtete auf Davans Dienste. Das Rasenmähen übernahm ich. Davan ließ das braune Haar schulterlang wachsen, und erste Spuren von Bart zeichneten sich auf seinem Kinn ab wie Schmutzspuren. Die Armbrust seines Vaters an sich drückend und Schrecken verbreitend spazierte Davan hin und wieder die Straße entlang und schoß auf Waldmurmeltiere. Diese Phase verging, und er vergrub sich in einer dumpfen Wut, die mehrere Jahre anhielt und darin gipfelte, daß er den neuen Wagen seines Vaters zuschanden fuhr. Es war das teuerste Stück, das seine Familie je gekauft hatte, und da er bald danach nicht mehr zu Hause wohnte, war klar, daß man ihm nicht verziehen hatte.

Kendra hingegen hatte ihr Erwachsenwerden wunderbar bewältigt. Nach dem Tod der Mutter hatte sie sich, noch in der Mittelstufe der Highschool, ein paar stürmische Jahre geleistet, danach verlegte sie sich darauf, Kleinigkeiten mit viel Aplomb zu meistern. Auch wenn sie, wie gesagt, auf keinem Gebiet besonders begabt und eine bestenfalls mittelmäßige Schülerin war, vermittelte sie den Eindruck, daß sie noch einmal weit kommen würde, und das war auch der Fall, obgleich es allen, die Kendra kannten, ein Rätsel war, wie sie die Aufnahme in ein hochangesehenes College bewerkstelligt hatte. Vielleicht durch ihr Auftreten beim Auswahlgespräch, sagte eine Frau zu meiner Mutter. Eine andere behauptete steif und fest, der Collegecomputer müsse einen Fehler gemacht haben.

Nachts, in der bitteren blauen Winterkälte, betritt Krahe unser Haus durch die Tür zur hinteren Veranda, für die er einen Schlüssel hat. Es ist die einzige Tür, zu der er paßt, und was mich angeht, soll das auch so bleiben, denn sollte ich der Sache müde werden, sollte ich eines Tages klarsichtig oder diszipliniert oder vernünftig genug sein zu entscheiden, daß Krahe nachts nicht mehr kommen soll, habe ich es leicht. Dann ist nur einmal der Lohn für den Schlosser fällig – und fertig. Ein Schlüssel ist schnell weggeworfen, Erklärungen braucht es nicht. Meine Mutter dürfte Krahes nächtliche Visiten bemerkt haben, aber wir sprechen nie darüber. Ihr Zimmer ist im Erdgeschoß, am anderen Ende des Hauses. Wir schotten uns in vieler Hinsicht voneinander ab, und obwohl wir das freiwillig tun, komme ich manchmal kaum gegen den Wunsch und die Sehnsucht an, ihr mein Herz auszuschütten.

Wenn er in mein Zimmer kommt, ist mir immer, als erwachte ich an einem fremden Ufer, als breite sich jählings das Meer vor mir aus. Von Landmassen eingeschlossen, vergißt man den Anblick: Plötzlich watest du hüfthoch in die Brandung hinein. Jede Berührung unserer Münder, unserer Haut ist voller Bedeutung. Jedesmal denke ich, daß ich zum letztenmal mit ihm zusammen bin, mein Körper kann es kaum fassen. Das Schönste am Sex ist für mich das sich allmählich entfaltende Bekenntnis, auf das ich warte, das ich einfordere. Für ein paar Stunden ist er für mich wie ein offenes Buch, nur Süße und Begehren. Undenkbar, daß er lügt. Er bittet mich um dies oder das. Leg deine Lippen hierher. Wir haben das abgetan, was wir am Tage waren, und sind nun ganz nackt. Ich gewinne Sicherheit aus einem Rollentausch, den ich nicht ganz begreife, der sich aber, wie ich vermute, der Tatsache verdankt, daß ich mich unbeeindruckt gebe. Er hält mich für unverletzlich. Ich schütze mich mit allen Tricks, die mir zu Gebote stehen.

Raben sind die Vögel, die mir am meisten fehlen werden, wenn ich gestorben bin. Ich wünschte, die Dunkelheit, in die wir werden blicken müssen, bestünde aus dem schwarzen Licht ihrer behenden Intelligenz. Ich wünschte, wir müßten nicht sterben, sondern könnten zu Raben werden. Ich beobachte diese Vögel so intensiv, daß mir ist, als wüchsen ihre schwarzen Federn aus meiner Haut. Um von einem Baum zum anderen zu fliegen, läßt sich der Rabe wie ein Habicht von der Luft tragen. Genauso mache ich es, wenn ich mich abends dem Schlaf anvertraue. Wenn wir jung sind, glauben wir, daß wir die einzige Art sind, mit der zu beschäftigen sich lohnt, aber je besser ich die Menschen kennenlerne, desto lieber sind mir die Raben. Wenn mich etwas in eine annähernd fromme Stimmung versetzen kann, so ist es die Beobachtung dieser Vögel. In diesem Haus, von dessen Rückseite man auf ein großes Feld und einen Teich sieht, lebe ich in ihrer Sichtweite und auf ihrem Territorium. Krahes Rabenfamilie hat sich vor ein paar Jahren geteilt. Früher waren es acht oder mehr. Jetzt leben drei in der Kiefer und um sie herum und sechs in dem dichten Waldstück hinter unserem Feld. Zwei haben ein Nest gebaut und drei Junge aufgezogen. Das dritte hat Davan Eyke umgebracht.

Man mag sich fragen, wie ein undisziplinierter, sehr unsympathischer, nicht besonders geschickter junger Mann es fertiggebracht hat, einen Raben zu fangen und zu töten. Raben sind extrem vorsichtig. Da sie langjährige Erfahrungen mit vergifteten Ködern haben, machen sie sich nicht sofort über Aas her, sondern lassen erst die opportunistischen Elstern ran und warten belustigt ab, ob sich diese gierigen Kerle in Todesqualen winden. Erst wenn sie sehen, daß die Elstern überlebt haben, jagen die Raben sie weg und machen sich über ihre Mahlzeit her. Ohne die Armbrust seines Vaters hätte Davan den Raben nicht erlegen können. Eines Tages – Krahe war weggefahren – setzte sich Davan auf die Stufen vor seiner Hütte und wartete, bis die Vögel sich wie gewöhnlich versammelt hatten, um ihn zu verhöhnen. Während sie von einem Zweig zum anderen flogen und ihn auslachten, hob er langsam die Armbrust. Beim Anblick einer Flinte wären sie sofort davongeflogen, aber andere Waffen kannten sie nicht, sie wußten nicht, was ein Bogen ist, geschweige denn wie weit er reicht. Einer der Jungvögel wagte sich zu weit nach unten, und Davans Pfeil durchbohrte ihn glatt. Als Krahe auf den Hof fuhr, sah er, wie Davan sich über den Vogel beugte, der erstaunlicherweise nicht tot war, sondern unter Davans fasziniertem Blick auf dem Schaft des Pfeils zappelte, dessen Spitze in der Erde steckte.

Krahe beugte sich vor, brach die Pfeilspitze ab und zog den Schaft behutsam aus dem Vogelkörper. Einen Augenblick blieb der Rabe benommen auf dem Boden liegen, dann rappelte er sich auf. Unter den Augen der Menschen verschwand er im Wald, um dort zu sterben.

Inzwischen kreisten die anderen Vögel über ihren Köpfen, jenseits ihrer Reichweite und ausnahmsweise lautlos.

»Zeig mal den Bogen her«, sagte Krahe beiläufig.

Davan reichte ihm die Waffe, bereit, ihn über ihre wundersamen, todbringenden Eigenschaften aufzuklären.

»Und die Pfeile.«

Davan gab ihm auch die.

»Bin gleich wieder da«, sagte Krahe.

Davan wartete. Krahe ging zu seinem Holzhaufen, legte einen Pfeil auf die Sehne und hob den Bogen. Davan machte einen Schritt zur Seite, sah sich suchend nach Krahes Ziel um, blickte unruhig wieder zu Krahe hin und legte die Hand an die Brust, während der Bildhauer den Pfeil fliegen ließ. Mit einem Satz war Davan im Unterholz verschwunden. Der Pfeil war im Stamm der Kiefer steckengeblieben. Krahe zog ihn heraus, legte die Armbrust auf seinen Hackklotz und spaltete sie mit der Axt sauber in zwei Teile. Die Pfeile legte er sich wie ein Bündel Lauch zurecht und hackte sie in kleine Stücke. Dann ging er ins Haus und rief mich an. »Wenn du den Jungen wie einen Verrückten an deinem Haus vorbeirennen siehst, weißt du Bescheid«, sagte er.

»Du hast auf ihn geschossen?«

»Nicht gezielt.«

»Aber trotzdem … Himmelnochmal!«

Krahe war die Sache peinlich. Er sprach nie wieder darüber.

Davan hatte – dachten wir damals – von seinem Lohn so viel gespart, daß er sich einen kleinen gebrauchten Toyota kaufen konnte, stumpfrot mit einem dunklen Rostfleck an der Tür, wo durch eine Beule der Lack abgeblättert war. Jetzt ließ er den Kies unter den Reifen aufspritzen und jagte schwarze Rauchwolken durch den Auspuff, wenn er in die Stadt fuhr oder von dort zurückkam. Er war wieder zu den Eltern gezogen, hatte bei ihnen sein früheres Zimmer und fütterte nach wie vor die Hündin, ohne sie von ihrem Baum loszubinden.

Mit der Zeit wuchs diesem Baum, einem Ahorn, am Stamm großflächig braunes Moos, die Zweige verdorrten und starben ab, die Hündin brachte ihn langsam um. Vom Kot vergiftet, an den Wurzeln von Urin durchtränkt und vom ständigen Reiben der Kette nahezu erdrosselt, war dieser Ahorn der erste in unserer Straße, dessen Laub sich im Herbst erst gelb färbte und dann in ein ungesundes Orange überging. Eines Tages fiel der Baum um, und die Hündin verschwand, ein meterlanges Stück Kette hinter sich herschleifend, wie der Rabe im Wald, aber nicht, um dort zu sterben. Vielleicht war sie ohnehin schon gestört, oder sie war es seit dem Zeitpunkt, als der Baum gefallen war und die Hündin, sich angstvoll befreiend, einen Schritt aus dem Kreis gestampfter Erde hinausgetan hatte, in dem sie seit ihrer Welpenzeit lebte. Vielleicht meldeten bei diesem Schritt, dieser ersten Berührung der Pfote mit Gras, die Nervenbahnen dem Hundehirn so viel Neues, daß es die Fülle an Informationen nicht verkraften konnte. Die Folgen wurden erst nach einigen Wochen offenbar. Inzwischen hatte sich Davan bei verbotenen, vor ihrem Vater verheimlichten Besuchen erfolgreich vor Kendra in Szene gesetzt und nahm sie zu Partys in der Umgebung mit, wo sie anfangs nur ihren Status als Collegegirl und das Aufsehen genoß, das sie mit ihrer New Yorker Garderobe erregte. Irgendwann aber erwachte in ihr etwas wie Mitleid oder schlechtes Gewissen. Bis dahin war mir an Krahes Tochter außer ihrer Kleidung nichts Besonderes aufgefallen. Ihre Lieblosigkeit, ihre Trägheit, das übersteigerte Selbstbewußtsein – all das ist typisch für Mädchen in ihrem Alter. Dann aber erfaßte sie plötzlich dieser Drang, sich um Davan Eyke zu kümmern, ihn zu retten, und sie gestand ihrem Vater alles. Diese unvermutete Mitmenschlichkeit erschütterte Krahe mehr, als wenn die beiden versucht hätten, ein Kind zu bekommen.

Als ich mit der Post aus dem Wagen steige, sehe ich, daß Krahe sich vor Davan aufgebaut hat, der mit hängenden Schultern, aber verstocktem Gesicht dasteht. Gefangen in ihrem Männerraum nehmen sie keine Notiz von mir. Krahe erklärt Davan Eyke offenbar gerade, daß er dessen Besuche bei seiner Tochter Kendra nicht wünscht, und unterstreicht das wohl mit einem Schimpfwort oder einer Drohung, denn Davan weicht zurück, sieht ihn wachsam an und reißt die Hände hoch wie zu einem Boxhieb, der aber nicht kommt. Statt dessen versetzt Krahe ihm einen wütenden Tritt, der Davan durch seine Mühelosigkeit so überrumpelt, daß er fällt. Unversehens auf der kalten Erde liegend, schüttelt er benommen den Kopf. Als Krahe ein zweites Mal ausholt, trete ich vor, und er hält mitten in der Bewegung inne. Davan steht auf. Die beiden taxieren sich in wütendem Haß, ich sehe die schwarzen Schlieren zwischen ihnen ziehen.

»Du schuldest mir noch was«, sagt Davan und weicht zurück.

»Erst mußt du versprechen, sie nicht mehr zu sehen.« Davan lacht nur, ein rauhes, geborstenes Rabenlachen, das ich noch durch sein Wagenfenster höre, als er den Motor aufheulen läßt und losdonnert.

»Du solltest ihm den Verkehr mit Kendra nicht verbieten«, sage ich zu Krahe.

Meine Kühnheit überrascht uns beide. Erstens bin ich nicht der Mensch, der sich in anderer Leute Angelegenheiten mischt, und diese hier geht mich ganz entschieden nichts an, und zweitens weiß er, daß ich von Kendra nicht viel halte.

»Was kümmert dich das?«, fragt er mehr erstaunt als ablehnend.

»Sie hat ein Recht darauf«, sage ich. »Außerdem wird sie sich trotzdem mit ihm treffen.«

»Wird sie nicht«, sagt Krahe.

Unsere Blicke kreuzen sich kriegerisch. Ich zucke die Schultern. »Du bist der Vater.«

Ich schätze, daß er noch früh genug erfahren wird, wieviel Gewicht seine Bedenken bei Kendra noch haben. Trotzdem begreife ich nicht, warum Krahe den Jungen so sehr verabscheut – es ist, als hätte Davan bei dem Künstler eine Quelle des Bösen zum Sprudeln gebracht. Spielt da unter anderem auch die Angst mit, die wir Ungläubigen vor Menschen haben, die Krahe »total durchgeknallt« nennt? »Holy-Roller-Sektenbubi« – diese wenig schmeichelhafte Bezeichnung für Davan ist ihm eingefallen, als er die Familienkutsche vor der schäbigen Kirche (er nennt sie eine Nissenhütte) stehen sah. Fürchtet er, Davan könnte seine Tochter zu dieser Gemeinde bringen? Immerhin hat seine Sorge auch eine produktive Seite, denn der Frust treibt ihn jetzt zu hektischer Produktivität. Er stellt Twenty fertig. Er arbeitet. Er schläft wenig, ist nur noch selten bei mir.

Als Frau fällt es schwer einzugestehen, daß man sich gut mit seiner Mutter versteht, irgendwie kommt es einem vor wie Verrat, zumindest war das unter Frauen meiner Generation so. Um in den Kreis erwachsener Frauen aufgenommen zu werden, durchlaufen wir eine Phase, in der wir uns damit brüsten, die Gleichgültigkeit unserer Mutter überlebt zu haben, ihre Wut, ihre erdrückende Liebe, die Last ihres Leids, ihre Neigung zum Alkohol oder zur Abstinenz, ihre Herzlichkeit oder Kälte, ihr Lob oder ihre Kritik, ihre sexuellen Verirrungen oder peinliche Korrektheit. Es reicht nicht, daß sie geschwitzt und geschuftet, daß sie die Tochter schreiend und/oder unter Vollnarkose zur Welt gebracht hat. Sich dem Vater nah zu fühlen, ihm zu vergeben, ist in Ordnung, das wissen wir alle, aber die Ansprüche an die Mutter sind so hochgeschraubt, daß sie sich unmöglich erfüllen lassen. Die Mutter hat einfach immer schuld.

Elsie und ich sind über Schuldzuweisungen hinaus, und während sie jetzt vor mir sitzt, hören wir uns auf einer CD Schuberts Klaviersonate in Es-Dur an. Es ist ein vertrautes Stück, ein nachdenkliches Gespräch unter alten Freunden. Ich schreibe wie gewöhnlich Tagebuch, in eine rote Kladde, die ich mir jedes Jahr schicken lasse. Die Firma, die diese Tagebücher herstellt, gibt es schon lange, und dreiunddreißig dieser Bände stehen neben anderen Notizbüchern auf einem Regal in meinem Zimmer. Meine Mutter hat die Augen geschlossen. Ich muß plötzlich denken, daß ihr Gesicht mit den geschlossenen Augen in seiner Wehrlosigkeit etwas von einem neugeborenen Tier hat. Ihre Haut ist ungewöhnlich rein und zart. Seit jeher riecht sie für mich nach Seife, aber jetzt kommt noch ein leichtes Parfüm dazu.

Sie weiß wahrscheinlich, daß er da war. Letzte Nacht kam er von dem manischen High herunter, in dem er raben- oder habichtgleich zwischen einem Monat ohne Inspiration und dem nächsten gehangen hatte. Jetzt, am nächsten Morgen, kommt mir das Haus lebendiger vor, sehr wach und eine beruhigende Männlichkeit ausstrahlend, nachdem Krahe in der vergangenen Nacht mit mir geschlafen hat. Würde ich ganz offen Krahes Geliebte werden, könnte das Gleichgewicht kippen. Außerdem glaube ich, daß ich ihn nur durch meine heimliche, hoffnungslose Liebe und meine gespielte Gleichgültigkeit halten kann. Deshalb bleibt alles, wie es ist. Elsie und ich führen unser ruhiges Leben weiter, wir wissen, was unser Alltagstrott wert ist. Ich habe – anders vielleicht als andere Töchter – keine Angst davor, daß sie immer mehr auf mich angewiesen sein wird, ich wünsche mir nur – ein seltsames, sehr unreifes Verlangen –, daß sie mich mitnimmt, wenn sie in jenen rauhen Berg eingeht, der da Tod heißt, und mich nicht vor einem geschlossenen Fels stehenläßt.

Mit einem dunklen Regenschwall zieht sich der Winter aus unserer Straße zurück. Schnee und Matsch verschwinden, darunter kommt glitschige Erde hervor, die zu einer transparenten Masse gefriert. Eben noch wärmt die matte Sonne die Rinde der jungen Birken, dann läßt ein jäher Temperatursturz die aufsteigenden Säfte gefrieren und spaltet die Stämme. Überall im Wald klaffen sie wie aufgerissene Schlünde. Neue Geräusche sind zu hören. Wenn der Streifenkauz schreit, fahre ich aus dem Schlaf hoch und spüre kribbelnde Erregung im Blut. Ich kann mich nicht dazu aufraffen, die Schlösser auszutauschen. Wortlos, lautlos umkreise ich Krahe und schleife meine Kette mit.

In diesen Wochen gibt es keine Spur von der geflüchteten Hündin, und Elsie und ich können nur vermuten, daß jemand das herrenlose Tier aufgenommen oder ein Farmer es von seiner Veranda aus erschossen hat, weil es dem Wild nachgelaufen ist. Vermutlich schlägt sich die Hündin tatsächlich auf diese Weise durch, zwängt sich durch ein Loch im Zaun des Wildparks, lebt von Zuchtfasanen und Tieren, die im Winter umgekommen sind.

In einer Phase milden Wetters, die drei Tage dauert und von der sich niemand täuschen läßt, taucht sie wieder auf. Die Nachbarn, die in vier Tagen Knochenarbeit fünfzig Morgen Wald gerodet haben, verlieren ihren Cockerspaniel. Der Hund ist nachts in einem Drahtverschlag im Freien untergebracht, und eines Morgens ruft Ann Flaud im Nachthemd vor der Hintertür nach ihm und zieht die Hundeleine zu sich heran. Am Ende der Leine hängt ein halb durchgenagtes leeres Halsband. Sie steht mit dem Halsband in der Hand auf der Verandatreppe und kann es nicht fassen.

Sehr viel mehr findet sich nicht, kaum Beweismaterial, nur ein Blutfleck und die beiden langen, fausthandschuhähnlichen braunen Ohren. Man gibt Coydogs die Schuld, jenen mythischen Geschöpfen, denen man gern alle Schäden anlastet, dann einem Bären, dann Satanisten. Ich weiß, daß es die Hündin ist. Ich habe gesehen, wie sie auf langen, federnden Wolfsbeinen mit weiten Sprüngen unser Feld überquert hat. Sie wirkt nicht verhungert, sondern sehr lebendig mit ihrem glänzenden Fell.

Sie holt sich ein Kälbchen zum Abendessen, zerrt es aus dem qualvoll engen Pferch der einzigen Farm, die aus den neunziger Jahren noch übriggeblieben ist. Sie stiehlt Talg aus Vogelhäusern, frißt Müll, Feldmäuse, Frösche. Ein paar Katzen verschwinden. Mittlerweile fällt der Verdacht automatisch auf sie, täglich wird sie gesichtet, aber nie gefangen. Auf der Farm bricht Panik aus, weil dort Hühner fehlen. Einer meiner robusteren Nachbarn vermißt ein Bärenfell und findet es zu faserigen Streifen zerkaut im Wald. Erst als die Hündin auf den Schulbus wartet, das Maul weit geöffnet, mit dem sanften braunen und dem hungrigen kristallblauen Auge die Türen fixierend, die sich zischend öffnen, schaltet sich die Polizei ein.

In einer großangelegten Aktion schwärmen Ortspolizisten und Freiwillige mit Schrotflinten aus. Ein Polizist, der auf unserer Straße parkt und sich dunkel an einen Autodiebstahl in Concord erinnert, läßt Davan Eykes roten Wagen überprüfen, der gerade vorbeiflitzt. Eyke ist auf dem Weg zu Krahe, wo Kendra, weniger auffällig gewandet als sonst und schwarzen Lack von den Nägeln knabbernd, darauf wartet, Davan zu retten. Sie lassen den Wagen in der Einfahrt stehen, wo man ihn von Krahes Atelier aus sehen kann, und machen einen Waldspaziergang. Als die beiden zurückkommen, widersetzt sich Kendra Krahes ausdrücklichem, unmißverständlichen Verbot und tut, was sie will. Die Wege des menschlichen Herzens sind ebenso unübersichtlich wie unsere Straße. Sie steigt zu Eyke ins Auto.

Der Computer meldet, daß der Wagen heiß ist, gestohlen, und als er eine Stunde später von Krahes Haus den Hang herunterrast, stellt der Polizist seine Sirene an und nimmt die Verfolgung auf. Es kommt zu einem gefährlichen Fangenspiel. Auf unseren schmalen Straßen mit den vielen Haarnadelkurven, jähen Senken und abrupten Steigungen muß zu schnelles Fahren unweigerlich böse enden. Davan Eyke rast über den Highway, vorbei an der Kirche seiner Familie mit dem Wunschdenkmotto der Woche – Gott sorgt –, biegt scharf links in die Jackson Road ein und lenkt den Wagen auf einen schmalen Kiesweg, den meist Reiter benutzen. Er saust den Hang herauf und herunter wie von einer Schleuder abgeschossen, kommt wieder auf die breitere Straße und fährt auf ihr weiter Richtung Windsor, über die längste überdachte Brücke der Welt nach Vermont, wo er an der ersten Ampel mit kreischenden Bremsen bei Rot zwischen zwei Wagen links abbiegt. Als er die Stadt verläßt, schleudert er einen alten Mann, der die Fahrbahn überquert – John Jewett Tatro – hoch in die Luft. Davans Wagen ist weg, noch ehe Tatro ganz die Böschung heruntergerollt ist. Unten bleibt der Alte liegen und stirbt in dem braunen Laub, dem verkrusteten Schnee und umgeben von den ersten kräftigen Trieben der Wachslilie. Sicher sind die Raben schon neugierig. Davans Wagen jagt, jetzt wieder auf Asphalt, mit über 150 Stundenkilometern weiter. Der Polizei bleibt nichts anderes übrig, als über Funk die Kollegen zu alarmieren und ihm so schnell zu folgen, wie sie es ohne Gefahr für Leib und Leben riskieren können.

Noch ein Schwenk nach links, und es scheint, als wollte Davan auf der New-Hampshire-Seite zurück nach Claremont flüchten. Der Streifenpolizist geht vom Gas, als Eyke auf zwei Rädern um eine Kurve biegt und die Brücke über den breiten, ruhigen Connecticut, unseren Grenzfluß, ansteuert. Die Nachmittagstemperatur geht gegen Null, die Fahrbahn ist rutschig. Das Straßenschild, das verschwommen vor Davans Blick auftaucht, warnt vor Glatteis auf der Brücke. Der Wagen gerät mit 190 Stundenkilometern auf eine schwarzgläserne Eisschicht und fliegt in hohem Bogen über das niedrige Geländer. Eine Frau, die auf der Gegenspur war, sagt aus, der rote Wagen sei so schnell gewesen, daß er in der Luft haltmachte und einen Augenblick über dem Fluß schwebte. Sie schwört, sie habe, ehe der Wagen seinen Flug begann, ein Gesicht, weiß wie eine Blüte, am hinteren Fenster gesehen. Das war das letzte, was jemand sah, trotzdem gibt es so etwas wie einen Tatortzeugen. Ein Fischer, der früh dran ist und sein Boot unter der Brücke an Land zieht, bemerkt einen großen Schatten hinter sich, etwas wie eine Wolke oder als sei plötzlich ein Vogel vom Himmel gefallen und habe mit den Flügeln leicht seinen Rücken gestreift.

Minuten nach der Funkmeldung sammeln alle Pickups und Personenwagen auf unserer Straße ihre Fahrgäste und Waffen und wechseln von der Hundejagd zu dem dramatischeren Geschehen auf der Brücke. Das Wrack wird erst Tage später gefunden, vier Taucher in Neoprenanzügen bergen es, aber aufgrund der Zeugenaussage der Frau sucht die Polizei Krahe auf. Weil man fürchtet, auch Kendra sei von der Brücke gestürzt, nimmt man mich zur Befragung meines Freundes mit.

Ich warte auf Krahe, die Hand auf den Stumpf einer alten Kiefer am Rand des Feldes gelegt. Aus dem Unterholz höre ich das kratzige Krah-krah der Raben und denke: Jetzt kommt er gleich mit Kendra aus dem Haus. Aber nein, als ich ihn rufe, kommt er mir allein entgegen. Zum erstenmal in unserem gemeinsamen Leben komme ich mir erstaunlich groß, ja überlegen vor, vielleicht intelligenter, als ich mir eingestehen mag. Es ist ein unerträgliches Gefühl von Allmacht.

Er macht große Augen, als er mein verstörtes Gesicht sieht. »Was ist?«

»Davans Wagen ist von der Brücke gestürzt.« Ich weiß nicht, was ich in diesem Augenblick von Krahe erwarte. Jedenfalls nicht diese sachliche, seltsam verschlossene Nichtreaktion, die fast Erleichterung ist. Daß Kendra nicht auf ihn gehört haben, daß sie in den Wagen gestiegen sein könnte, kommt ihm offenbar nicht in den Sinn. Ich bringe kein weiteres Wort heraus. So mißmutig und verschlossen Davan auch war – für Krahes Tochter empfand er eine scheue Liebe, die er auch auszudrücken wußte. Er war also durchaus eines Gefühls fähig, so wie auch die Angst, die ihn aufs Gas steigen ließ, ein echtes Gefühl war.

Ich sehe Kurt groß an. Mein Herz schließt sich knarrend. Ich wende mich ab, lasse ihn mit der Polizei allein, und verziehe mich in den Wald. Um zu leiden wie der Rabe, denke ich zunächst, aber dann wird mir klar, daß ich tapfer sein, daß ich zu ihm halten, ihm krankhaft treu bleiben, daß ich für ihn da sein werde, wenn er trauert. Es ist eine erdrückende Erkenntnis. Das Gras knistert unter meinen Sohlen, kalter trockener Staub wirbelt bis zu meinen Knöcheln hoch. In der langgestreckten Senke eines Feldes, das in ein dichtes Gehölz übergeht, bleibe ich stehen und hole vorsichtig Luft.

Sobald man urbar gemachtes Land verläßt oder einen Weg oder eine Straße, sobald man etwas verläßt, was von Menschenhand gebaut, gepflügt, gezogen wurde und in den Wald geht, muß man etwas von sich selbst zurücklassen. Es ist dieser jähe Verlust, denke ich, mehr noch als die Mühe, sich durch Unterholz zu quälen, der die Menschen auf ausgetretenen Pfaden bleiben läßt. Im Wald gibt es keinen rechten Weg, hier gilt nur das Gesetz des Wachstums. Man muß sich von der Vorstellung trennen, daß die Dinge eine Ordnung haben. Schau dich um – hier ist alles, wie es ist. Verdreht, gestürzt, an den Wurzeln gespalten. Was am besten gedeiht, tut das auf Kosten dessen, was darunter wächst. Eine weiße Birke n

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