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Der Kindergarten im Fokus (Reihe: Beiträge für die Praxis, Bd. 9)

Inhaltsverzeichnis

1Einleitung

Sonja Beeli-Zimmermann, Evelyne Wannack

2Rahmenkonzept der Studie

Evelyne Wannack, Doris Edelmann

2.1Proximale Einflussbereiche

2.2Distale Einflussbereiche

3Die Studie in Kürze

Evelyne Wannack, Sonja Beeli-Zimmermann

3.1Untersuchungsdesign

3.2Stichprobe

3.3Erhebungen

4Das typische Kindergartenkind aus Sicht der Kindergartenlehrpersonen

Doris Edelmann, Claudia Schletti

4.1Bildungspolitische Hintergründe

4.2Spielen bedeutet Lernen und umgekehrt

4.3Neugier, Begeisterungsfähigkeit, Fantasie und Bewegungsdrang

4.4Guter Kindergartenunterricht aus Sicht der Kindergartenlehrpersonen

4.5Fazit

5Das Lern- und Spielverständnis von Kindergartenlehrpersonen

Flavian Imlig

5.1Professionelle Einstellungen zu Lernen und Spiel

5.2Ansätze des Lern- und Spielverständnisses

5.3Ergebnisse zum Lern- und Spielverständnis von Kindergartenlehrpersonen

5.4Fazit

6Die Nutzung der Auffangzeit für individualisierenden Unterricht

Sonja Beeli-Zimmermann, Sabina Staub

6.1Individualisierender Unterricht

6.2Strukturierung des Morgens

6.3Formen der Individualisierung während der ersten Sequenz

6.4Fazit

7Alltagsintegrierte Sprachbildung im Kindergarten

Hansjakob Schneider

7.1Analyse der Sprachhandlungen

7.2Resultate zu Sprachhandlungsanregung und Fragetypen

7.3Qualität von alltagsintegrierter Sprachbildung

7.4Fazit

8Ausprägung der kognitiven Fähigkeiten bei den Kindern

Larissa Maria Troesch

8.1Aktueller Kenntnisstand zu den Exekutiven Funktionen

8.2Ergebnisse zu den Exekutiven Funktionen

8.3Fazit

9Erziehungs- und Bildungskooperation mit den Eltern aus Sicht der Kindergartenlehrpersonen

Doris Edelmann, Marcel Zurbrügg

9.1Studien und Qualitätsmerkmale

9.2Willkommens- und Begegnungskultur

9.3Elterninformation

9.4Elterngespräche

9.5Elternmitwirkung

9.6Unterstützende und erschwerende Faktoren für die Erziehungs- und Bildungskooperation

9.7Fazit

10Erziehungs- und Bildungskooperation mit den Kindergartenlehrpersonen aus Sicht der Eltern

Caroline Villiger, Larissa Maria Troesch

10.1Aktueller Erkenntnisstand zur Kooperation von Schule und Elternhaus

10.2Formen der elterlichen Beteiligung am Leben im Kindergarten

10.3Zufriedenheit der Eltern mit der Zusammenarbeit mit der Kindergartenlehrperson

10.4Fazit

11Übergänge in den Kindergarten und in die Primarschule aus Sicht der Kindergartenlehrpersonen

Doris Edelmann

11.1Theoretische Rahmung

11.2Erfahrungen mit dem Übergang in den Kindergarten

11.3Erfahrungen mit dem Übergang in die Primarschule

11.4Fazit

12Pädagogischer und empirischer Ausblick

Evelyne Wannack, Sonja Beeli-Zimmermann

13Anhang

13.1Literatur

13.2Tabellenverzeichnis

13.3Abbildungsverzeichnis

1Einleitung

Sonja Beeli-Zimmermann, Evelyne Wannack

In den letzten Jahren fanden im Kanton Zürich sowohl auf bildungspolitischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene wichtige Veränderungen statt, die insbesondere den Kindergarten betreffen:

Das Volksschulgesetz des Kantons Zürich wurde 2006 eingeführt und verpflichtet das alle Kinder zu einem zweijährigen Kindergartenbesuch (Kanton Zürich 2006).

Der Lehrplan für die Kindergartenstufe gibt seit 2008 allen Kindergartenlehrpersonen einen Rahmen für ihren Unterricht vor (Bildungsdirektion des Kantons Zürich 2008). Darin sind unter anderem Basiskompetenzen spezifiziert, die aufzeigen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten Kinder während ihrer Zeit im Kindergarten erwerben sollen, um erfolgreich in die erste Primarklasse überzutreten.

Das Alter des Eintritts in den Kindergarten wurde im Kontext der schweizweiten Harmonisierung der obligatorischen Schule vorverschoben (EDK 2007), sodass Kinder seither mit dem vollendeten vierten Altersjahr (Stichtag 31. Juli) schulpflichtig werden.

Auf gesellschaftlicher Ebene kann gleichzeitig eine vielfältige Differenzierung von Lebens- und Familienmodellen beobachtet werden (Nave-Herz 2012). Unter anderem besuchen immer mehr Kinder schon vor dem Kindergarten familienergänzende Betreuungsangebote (SKBF 2018). Folglich verfügen die Kinder, die in den Kindergarten eintreten, über sehr unterschiedliche Vorerfahrungen, und die sozioemotionale und kognitive Entwicklung der Kinder kann sich innerhalb einer Kindergartengruppe deutlich unterscheiden.

Der vorliegende Band beschäftigt sich mit der Frage, wie sich diese Entwicklungen der letzten Jahre auf den aktuellen Alltag im Kindergarten auswirken. Insbesondere interessiert, wie die Kindergartenlehrpersonen angesichts zunehmender Heterogenität hinsichtlich der Voraussetzungen, die die Kinder mitbringen, ihren Unterricht gestalten, und damit verbunden, wie sich die Kompetenzen der Kinder während ihrer Zeit im Kindergarten entwickeln. Angesichts fehlender empirischer Erkenntnisse, welche für die Beantwortung der vorangehenden Fragen zur pädagogischen Praxis auf der Kindergartenstufe beigezogen werden können, hat die Bildungsdirektion des Kantons Zürich Anfang 2017 eine Studie zur Bestandsaufnahme des aktuellen Geschehens auf der Kindergartenstufe in Auftrag gegeben. Damit verknüpft war die Zielsetzung, zu den folgenden drei Themenbereichen empirische Erkenntnisse zu generieren:

zur Unterrichtsgestaltung in den Kindergärten des Kantons Zürich,

zum Kompetenzerwerb und Lernzuwachs von Kindern,

zum Übergang in den Kindergarten sowie in die nachfolgende Primarschule (Edelmann, Wannack & Schneider 2018a, S. 15).

Der Forschungsauftrag wurde unter der Leitung des Instituts für Forschung, Entwicklung und Evaluation der Pädagogischen Hochschule Bern in Kooperation mit der Professur für Deutsch und Deutsch als Zweitsprache der Pädagogischen Hochschule Zürich durchgeführt (vgl. Edelmann, Wannack & Schneider 2018a). Im Rahmen der Studie wurden zwanzig Kindergärten untersucht, welche in Zusammenarbeit mit der Bildungsdirektion ausgewählt wurden. Ergänzend dazu führte die Bildungsdirektion eine quantitative Befragung aller im Kanton tätigen Kindergartenlehrpersonen durch, welche vom Forschungs- und Beratungsunternehmen INFRAS umgesetzt wurde (vgl. Imlig, Bayard & Mangold 2019). Es wurden unterschiedliche qualitative und quantitative Daten erhoben und mit entsprechenden Verfahren ausgewertet (vgl. Kapitel 3). Diese multimethodische Vorgehensweise ermöglichte es, die vorangehend aufgeführten Erkenntnisinteressen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Die ausführlichen Ergebnisse finden sich im Schlussbericht zur Studie, der seit 2018 vorliegt (Edelmann, Wannack & Schneider 2018a) und die Grundlage für diese Publikation bildet.

Die vorliegende Publikation fokussiert ausgewählte Resultate aus den Teilprojekten, die für unterschiedliche Zielgruppen von Interesse sind. In erster Linie soll sie allen Kindergartenlehrpersonen und weiteren Fachpersonen, die auf der Kindergartenstufe tätig sind, einen Einblick in die vielfältigen Ergebnisse gewähren. Ebenso können weitere Lehrpersonen, insbesondere diejenigen, die im Zyklus 1 tätig sind, im Rahmen der einzelnen Beiträge den beruflichen Alltag der Kindergartenlehrpersonen besser kennenlernen. Die einzelnen Texte dieser Publikation bieten sich insbesondere zum Einsatz in der Aus- und Weiterbildung an. Sie können aber auch anderen Interessierten die Situation auf der Kindergartenstufe näherbringen.

Wie in Abbildung 1.1 erkennbar ist, wird bei der Präsentation der ausgewählten Forschungsergebnisse ein modularer Aufbau verfolgt: Während die Kapitel 1 bis 3 und Kapitel 12, themenübergreifende Informationen beinhalten, die sich auf die gesamte Studie beziehen, sind die anderen Kapitel in sich geschlossen und können jeweils als thematisch fokussierte, alleinstehende Beiträge gelesen werden. Mit dieser Modularität soll unterschiedlichen Zielgruppen ein direkter Zugang zu den Themen, die für sie jeweils von Interesse sind, ermöglicht werden.

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Abbildung 1.1: Aufbau der Publikation im Überblick (eigene Darstellung)

Die modularen Kapitel 4 bis 11 fokussieren die folgenden Themen:

In Kapitel 4 werden ausgewählte Erkenntnisse aus den Interviews mit den Kindergartenlehrpersonen vorgestellt. Doris Edelmann und Claudia Schletti beschreiben, wie sich die Interviewten ein typisches Kindergartenkind vorstellen und dies in der Unterrichtsgestaltung berücksichtigen.

Kapitel 5 bezieht sich auf Daten aus der quantitativen Befragung aller Kindergartenlehrpersonen im Kanton Zürich. Flavian Imlig präsentiert Resultate zu den unterschiedlichen Ausprägungen verschiedener Lernund Spielverständnisse.

In Kapitel 6 werden die Videos von Unterrichtssequenzen analysiert. Sonja Beeli-Zimmermann und Sabina Staub gehen der Frage nach, wie die Kindergartenlehrpersonen die Auffangzeit für individualisierenden Unterricht nutzen.

Auch Kapitel 7 basiert auf ausgewählten Videosequenzen, dabei stehen jedoch die Sprachhandlungen der Kindergartenlehrpersonen im Vordergrund. Hansjakob Schneider beleuchtet die unterschiedlichen Sprachhandlungen, die durch die Lehrpersonen bei den Kindern angeregt werden (können).

In Kapitel 8 geht es um die Fähigkeit der Kinder, ihre eigenen Gedanken, Emotionen und Handlungen zu kontrollieren. Unter dem Stichwort «Exekutive Funktionen» fasst Larissa Maria Trösch zentrale Ergebnisse zusammen, welche mit dem Instrument «Minnesota Executive Function Scale» erhoben wurden.

In Kapitel 9 werden weitere Inhalte aus den Interviews mit den Kindergartenlehrpersonen präsentiert. Doris Edelmann und Marcel Zurbrügg stellen verschiedene Elemente der Erziehungs- und Bildungskooperation mit den Eltern vor und identifizieren hilfreiche und herausfordernde Aspekte in diesem Bereich.

Dasselbe Thema steht im Kapitel 10 im Vordergrund: Auf der Basis von Daten aus der schriftlichen Elternbefragung beschreiben Caroline Villiger und Larissa Maria Trösch, wie Eltern sich zum Geschehen im Kindergarten informieren, sich daran beteiligen und wie sie die Zusammenarbeit mit den Kindergartenlehrpersonen beurteilen.

In Kapitel 11 werden noch einmal Einsichten aus den Interviews mit den Kindergartenlehrpersonen präsentiert. Doris Edelmann beschreibt die Erfahrungen und Einschätzungen der Kindergartenlehrpersonen zu den Übergängen in den Kindergarten und in die daran anschliessende erste Klasse der Primarschule.

Diese Kapitel orientieren sich alle an der gleichen Grundstruktur: Nach einer kurzen Einleitung, welche auf die jeweils spezifischen Fragestellungen eingeht, folgt eine knappe theoretische Fundierung und anschliessend die Präsentation der Ergebnisse. Abgeschlossen wird jedes Kapitel mit einem Fazit. Zusätzlich enthalten alle Kapitel eine «Methodenbox» mit kurzen Ausführungen zu den verwendeten Instrumenten oder Vorgehensweisen. Die vorliegende Studie konnte dank dem Engagement und der Beteiligung einer Vielzahl von Personen realisiert werden. Insbesondere zu erwähnen sind:

Die teilnehmenden Kindergartenlehrpersonen und ihre Mitarbeitenden, die uns mehrmals (bis zu achtmal) den Besuch in ihren Klassenzimmern ermöglicht haben, sodass der Unterricht gefilmt und die geplanten Erhebungen mit den Kindern realisiert werden konnten. Sie waren ausserdem massgeblich an der Organisation der schriftlichen Befragung der Eltern beteiligt und haben uns zudem mündlich und schriftlich ausführlich Auskunft über sich und ihren Alltag gegeben.

Die beteiligten Kinder beziehungsweise deren Eltern, die mit ihrer Einwilligung das Aufzeichnen der Daten ermöglichten und damit eine wichtige ergänzende Perspektive zu den Wahrnehmungen der Kindergartenlehrpersonen darstellen.

Die Mitarbeitenden der Bildungsdirektion des Kantons Zürich, insbesondere Konstantin Bähr, Sybille Bayard, Flavian Imlig und Max Mangold, die das Projekt von Beginn seiner Entwicklung bis zum Abschluss begleitet haben.

Die Mitglieder der von der Bildungsdirektion eingerichteten Begleitgruppe, namentlich Sandra Altermatt, Gabriella Bazzucchi, Brigitte Fleuti, Annette Flury, Marie-Claire Frischknecht, Susanna Häuselmann, Elisabeth Hardegger, Dieter Isler, Brigitte Mühlemann, Andrea Russi, Anita Schaffner Menn, Heidi Simoni, Dorothea Tuggener, Verena Ungricht, Franziska Vogt und Ursina Zindel, welche die Forschungsarbeit zu verschiedenen Zeitpunkten kritisch kommentiert haben.

Alle Mitarbeitenden, die in den einzelnen Teilprojekten tätig waren und sichergestellt haben, dass die an die Studie gestellten Anforderungen erfüllt wurden, allen voran Doris Edelmann, Evelyne Wannack, Hansjakob Schneider, Sonja Beeli-Zimmermann sowie Dilan Aksoy, Vanessa Kilchmann, Manuela Santos, Stefanie Schaller, Claudia Schletti, Sabina Staub, Carla Svaton, István Szurkos, Larissa Maria Trösch, Caroline Villiger und Marcel Zurbrügg.

Allen sei an dieser Stelle nochmals ausdrücklich für ihre wertvolle Mitarbeit gedankt.

2Rahmenkonzept der Studie

Evelyne Wannack, Doris Edelmann

Im ökosystemischen Entwicklungskonzept von Urie Bronfenbrenner (1981) finden Bildungs- und Entwicklungsprozesse in einem dynamischen Wechselspiel zwischen persönlichen Anlagen und sozialer Umwelt statt. Auch Rüesch (1999; 2001) postuliert anhand der empirischen Analyse von Schulforschungsstudien, dass das Zusammenspiel verschiedener Faktoren für die Bildungs- und Entwicklungsprozesse von Kindern verantwortlich ist (vgl. Abbildung 2.1). Im Zentrum des Konzepts steht das Kind mit seinen individuellen kognitiven, motivationalen und volitionalen Voraussetzungen. Damit es seine Potenziale entfalten kann, kommt der Anregungsqualität seiner Umwelt eine hohe Bedeutung zu, sei dies in der Familie oder in Bildungseinrichtungen (z. B. Kluczniok 2017). Von Relevanz für die Kinder sind auch sogenannte Übergänge, die für die individuellen Bildungs- und Entwicklungsprozesse sowohl förderlich als auch hemmend sein können (z.B. König 2017). Übergänge werden als «Lebensereignisse» verstanden, «die Bewältigung auf mehreren Ebenen erfordern, die Prozesse beschleunigen und intensiviertes Lernen anregen, welche sozial und kulturell eingebettet sind, ko-konstruiert werden und als bedeutsame biografische Erfahrung im Wandel der Identitätsentwicklung wahrgenommen werden» (Griebel & Niesel 2013, S. 97). Sowohl der Übergang in den Kindergarten als auch derjenige in die Primarschule stellt an Kinder und Eltern hohe Ansprüche. Kinder sind insbesondere auf eine Unterstützung durch ihre Lehrpersonen angewiesen, die sich dadurch auszeichnet, dass diese den Kindergarten und die Schule den unterschiedlichen Bildungs- und Lernbedürfnissen der Kinder entsprechend gestalten. Mit andern Worten sind es nicht die Kinder, die für den Eintritt in den Kindergarten oder den Übertritt in die Schule bereit sein müssen, sondern die Bildungsstufen müssen bereit sein für die Kinder (OECD 2017a; OECD 2017b).